Gott in Frankreich

Die Sendung Gott in Frankreich ist ein aktuelles Magazin, das über Ereignisse und Probleme innerhalb der Religionen, Weltanschauungen und Philosophien in Frankreich berichtet.



Bourdieu vor 15 Jahren gestorben: „Die Kirche neigt zum „Schönreden“ (Euphemisierung)

26. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 23. Januar 2002 ist der große Soziologe Pierre Bourdieu (geboren am 1.8.1930) in Paris gestorben. Sein sehr umfangreiches Werk ist in vielerlei Hinsicht, zweifelsfrei, von bleibender Bedeutung. Bourdieu hat in frühen Jahren eine „Konversion des Philosophen zum Ethnologen“ (so Stephan Egger) und dann weiter zum Soziologen erlebt. Dabei spielen zwar seine sechs expliziten Beiträge zum Thema Religion im gesamten Werk-Umfang eine nicht so  beträchtliche Rolle. Aber seine religionssoziologischen Arbeiten (auf Deutsch in dem Band „Religion“ des Suhrkamp-Verlages 2011 publiziert) bieten doch viele Inspirationen, um nicht nur deutlich die Arbeitsweise Bourdieus zu erleben, sondern auch die (nicht nur auf Frankreich bezogenen) religionssoziologischen Erkenntnisse weiter zu studieren.

Dabei ist es erneut interessant, die selbstverständliche sachliche Distanz Bourdieus zum Thema Kirche zu beobachten; er spricht über die französischen Bischöfe als „Episkopat“ „im Feld der Macht“ unter dem leicht ironischen Titel „Die Heilige Familie“ sehr ausführlich. Selbstverständlich mit sehr zahlreichem statistischen Material und Interviews. Sie führen empirisch in die katholische Kleriker- bzw. Bischofswelt der Jahre 1932 bis 1952 sowie zwischen 1972 und 1980. Und da wird, wie Bourdieu betont, im ganzen des Kirchlichen vieles verschleiert, „euphemisiert“, wie er das nennt, um nach außen hin den Charakter einer heiligen Bischofs-Familie zu bekunden. Nebenbei: In Frankreich ist die Zahl der Bischöfe sehr viel größer als etwa in Deutschland, wenn man in Frankreich alle „Hilfsbischöfe“ bzw.“Weihbischöfe“ mitzählt, kommt man schnell auf eine Zahl über 100 sich selbst nennende „Ober-Hirten“ bzw. „Episkopoi“, wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt „Aufseher“! Wir haben es der Religionssoziologie und der empirischen Studie Bourdieus zu verdanken, dass der immer wieder behauptete Schleier der Heiligkeit entfernt wird und Bischöfe in ihrem sehr weltlichen und politischen Gebaren sichtbar werden. Der Beitrag „Die Heilige Familie“ (also über die Bischöfe) zerstört die öffentliche kirchliche Propaganda, die Bischöfe würden einen einheitlichen „Corpus“ darstellen. Dieser Eindruck war 1982, als der Beitrag Bourdieus erschien, vielleicht noch gültig; heute erlebt die Öffentlichkeit durchaus etwas (!) vom Streit innerhalb der Bischofskonferenzen und der Kardinäle in Rom. Aber diese Pluralität wird nicht als Zeichen von Lebendigkeit von den Bischöfen selbst bewertet, sondern eher als Fehler, als Mangel an „Einheit“. Große autokratische Organisationen verlangen wegen des Machterhalts immer nach dem Begriff der Einheit. Vielfalt gefährdet die Macht, das wussten schon die Fürsten spätestens seit dem Absolutismus. Aber bischöfliche Einheit ist für Bourdieu empirisch bewiesen eine „Illusion“ (S. 96).

Das Thema Bourdieus ist keineswegs nur für den kleinen Kreis der Spezialisten interessant. Denn Bourdieu zeigt, wie es unter den Bischöfen Frankreichs tatsächlich eine durch „klassenmäßige Unterschiede“ bedingte Pluralität gibt. Die aber in den Klerikerkreisen vertuscht wird. Auf die sehr interessanten Studien zur unterschiedlichen sozialen und kulturellen Herkunft der französischen Bischöfe wollen wir hier nicht eingehen: Bourdieu unterscheidet die sozusagen dem katholischen Bauernstand bzw. Kleinbürgermilieu entstammenden Bischöfe von den eher aus kulturell gebildeten und finanziell arrivierteren Familien kommenden „Oberhirten“.

Interessant sind die Hinweise zur absoluten Bevorzugung der klassischen Hetero-Familie durch die Bischöfe. Sie waren ja kürzlich im Kampf gegen die Homoehe in Frankreich an „vorderster Front“. Ohne die klassische Hetero-Ehe gibt es eben in der Denkwelt des Klerus „keine Reproduktion der Geistlichkeit“, man ist, klerikal gesehen, eben „von der christlichen Familie abhängig“. Bourdieu weist nach, dass die meisten Bischöfe kinderreichen Familien entstammen.

Interessant ist auch der relativ kleine Beitrag über „Das Lachen der Bischöfe“ von 1994: Darin zeigt Bourdieu die übliche klerikale Sprachregelung, „weltliche“ und politische Tatsachen euphemisch zu verschleiern. Statt von Marketing wird von Apostolat gesprochen; statt von Kundschaft in den Gemeinden von Gläubigen. Die Kirche pflegt das Tabu, also die Angst vor expliziten Formulierungen: Statt von Reisebüro zu sprechen, ist von „Wallfahrtsunternehmen“ die Rede. Eine Russland-Reise wird zur „Begegnung mit der Orthodoxie“ umbenannt. Auch hinsichtlich der Rechte der Laienmitarbeiter in der Kirche gilt dies: Mitgliedschaften in öffentlichen Gewerkschaften sind tabu, es wird der „Familiengeist“ vorgeschoben, als Euphemisierung eines realen „Ausbeutungsverhältnisses!, wie Bourdieu sagt (S. 235). So werden die Priester in Frankreich auch nicht als Empfänger von (prosaischem) Gehalt bezeichnet, sondern als Empfänger von „Bezügen“ (S. 237) „Die religiöse Sprache fungiert permanent als ein Werkzeug der Euphemisierung“ (S. 238).

So wird die Wahrheit in gewisser Weise ausgeblendet zugunsten eines Scheins von heiler Welt. Aber dieser Schein verschwindet immer mehr, weil er von den Medien angekratzt wird und auch die katholische Kirche als eine menschliche, d.h. veränderbare Organisation sichtbar wird.

Copyright: Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin.

 

 



Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet. Am Beispiel des Bistums Tulle Frankreich.

15. November 2016 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Perspektiven und Probleme

Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet: Am Beispiel des Bistums Tulle, Département Corrèze, Frankreich. Ein Hinweis von Christian Modehn

Die These dieses Beitrags: Durch ihre offizielle Theologie, die den Klerus in den absoluten (und niemals in der Machtfülle zu korrigierenden) Mittelpunkt der Kirche stellt, sorgen auch heute Päpste, Bischöfe und Priester selbst dafür, dass die Gemeinden immer kleiner werden und alsbald in manchen Regionen Europas verschwinden. Damit verschwindet gewiss auch die Vermittlung des offiziellen katholischen Glaubens. Und damit die Kirche in der bisher bekannten Form. Diese These wird am Beispiel von Tulle deutlicher gemacht. Aber es gibt zahllose andere Bespiele. Dies sind Beobachtungen eher religionssoziologischer und theologischer Natur, die aber zum Verständnis dessen gehören, was Christentum heute in Europa bedeutet.

Der folgende Beitrag zeigt, wie in einem klassischen Kernland des so genannten Abendlandes, in Frankreich, konkret in Tulle und anderen Provinzstädten, der christliche Glaube tatsächlich verschwindet bzw. schon verschwunden ist, soweit man das vom Äußeren, der Kirchenstrukturen, her feststellen kann. Und der Beitrag stellt die Frage: Wer trägt dafür die Verantwortung? Diese Frage stellen Menschen, denen Religion, auch Christentum in ihrer vernünftigen und menschenfreundlichen Gestalt (!), noch wichtig ist. Ausführliche statistische Informationen auf Französisch (sozusagen als Beleg für unseren Beitrag für alle, die den Aussagen nicht trauen) siehe am Ende dieses Textes.  Von einem, so wörtlich, „Niedergang“ des französischen Katholizismus, sprach der bekannte Soziologe Pierre Bourdieu bereits in seinem 1982 veröffentlichten Aufsatz „Die Heilige Familie. Der französische Episkopat im Feld der Macht“ (Suhrkamp,Bourdieu, „Religion“, S. 130) bezogen auf „statistische Beobachtungen“ zum Klerus…

Der Religionsphilosophische Salon interessiert sich auch für die Frage nach der Präsenz der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft von heute. Deswegen auch für den Zustand der katholischen Kirche. Zum Beispiel, in meinem Fall vom Studium und von Publikationen her, besonders für die Kirche in Frankreich. Mein Buch „Religion in Frankreich“, 1994 erschienen, ist immer noch lesenswert.

Allen ist bekannt: Der Klerus bestimmt überall die katholische Kirche. Darüber braucht man keine langen Erklärungen mehr zu machen. Man denke an die so genannten Synoden, die Auswahl der Bischöfe, die Vollmacht der Interpretation der rechten Lehre usw.

Der neueste Trend des Klerikalismus: Nach der Anzahl der Kleriker wird das Leben der Gemeinden bestimmt. Das ist in ganz Europa so. Sind wenige (zölibatär)  lebende Priester da, gibt es eben wenige(r) Gemeinden. Da werden wegen der wenigen Kleriker Pfarreien geschlossen, Gottesdienstangebote reduziert; Gemeinden werden der wenigen Priester wegen zusammengelegt, manchmal sogar Kirchen abgerissen: Über die Abschaffung des Zölibats-Gesetzes wird kaum nachgedacht. Die Angst vor den Vorgesetzten ist ja katholisch „heilig“. Bischöfe fordern nur auf, für Priesterberufungen zu beten, so kürzlich in Berlin geschehen. Seit Jahrzehnten werden allerdings diese Gebete nicht erhört! Will „Gott“ vielleicht (diese) Priester nicht mehr trotz aller Jahre langer Bittgebete?

Den Laien wird nicht die Vollmacht gegeben,aus eigener Verantwortung und in Freiheit, also ohne die üblichen Priester,  die Eucharistie zu feiern. Was soll denn bei so viel Borniertheit noch die theologisch wohl begründete Rede vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen? Darüber wird man im Reformationsgedenken 2017 wieder viel schwadronieren… Aber die interessierten Laien, falls überhaupt noch vorhanden, wurden für wirkliche Mitarbeit als Leiter der Eucharistie nicht ausgebildet. Natürlich muss das Rom genehmigen, macht es aber nicht. Denn auch da herrscht der Klerus absolut. So sterben also Gemeinden aus, der ganze Klerus guckt zu.

Das ist vor allem schlimm, weil dadurch auch sozial-kommunikative Räume verschwinden, vor allem auf dem Land oder in der städtischen Nachbarschaft, etwa in Neubaugebieten. Die Zahl der Katholiken, die in ländlichen Gegenden von Tulle oder Agen oder Guéret überhaupt noch sonntags an der Messe teilnehmen liegt bei ca. 2 Prozent! Und dieser Prozentsatz sinkt nachweisbar ständig, wohin denn bloß? Gegen Null. Hoffentlich findet der letzte Laie den viel besprochenen Lichtschalter. Und schreibt danach Bischöfen und dem Papst ein Telegramm. „Alles ist hier erledigt, alles ist hier vorbei“. Solche Sprüche haben fromme königstreue Katholiken nach der Französischen Revolution gehört, als extremistische Revolutionäre den katholischen Glauben abschaffen wollten.

Wie auch immer: Der Katholische Glaube ist und soll trotzdem ein total Priester-abhängiger-Glaube bleiben. Darf  man das dumme Verbohrtheit nennen, oder klerikale Machtgelüste? Natürlich. Dahinter steckt natürlich die Frage von Herrschaft und Macht. Aber dieser Zusammenhang wird spirituell ignoriert und „verkleistert“.

Das nur zur Einstimmung vorweg. Mit einem Wort: Dem Klerus und den Bischöfen ist es, durch ihre eigenen Taten bewiesen,  ziemlich egal, wenn Gemeinden verschwinden und soziale Kommunikation in den Gemeinden aufhört. Hauptsache: Die wenigen verbliebenen Kleriker bestimmen weiter alles.

Nun beispielhaft für viele andere Kirchenbezirke: Zum Bistum Tulle im hübschen Département Corrèze; die Gegend kennen viele Touristen vielleicht von Aufenthalten rund um die Dordogne. Und die sehr konservative fromme Gattin von Monsieur le Président Chirac, die Bernadette, lebte auch hier. Da hat sich jedenfalls Bischof Francis Bestion im Oktober 2016 hingesetzt und angesichts der aussterbenden Priesterschaft im Bistum errechnet: In 10 Jahren wird das Bistum Tulle mit ca. 250.000 meist katholisch getauften Christen nur noch 10 Priester haben. Die Tageszeitung „La Croix“, Paris,  berichtete darüber. Und diese zehn geistlichen Herren, so wird ausdrücklich betont, werden in „jugendlichen Alter“ sein, das heißt für die üblichen französischen Verhältnisse: Diese 10 Priester werden jünger als 75 Jahre sein, also vielleicht 73 oder 66. Ein Rentnerdasein verdientermaßen wird den alten Priestern nicht zugestanden. Sie lesen die Messe bis zum Umfallen. Was den so genannten Priester-Nachwuchs angeht: Momentan befindet sich ein (sic) junger Mann in der Ausbildung, um eines Tages Priester in Tulle zu werden.

Als Lösung werden nicht etwa Eucharistiefeiern durch gut ausgebildete Laien, Frauen und Männer, erwähnt. Sondern die wenigen Priester sollen in Gemeinschaften zusammenleben, um sich gegenseitig zu stützen und von dem gemeinsamen Leben aus in die vielen Dörfer auszuschwärmen, dort sollen sie wieder die Messe zu feiern. Sie werden ein paar Wochen im Dorf leben und dann zum nächsten „wandern“. Die Kirche spricht oft von Seelsorge, bei diesen alten, durch die Dörfer sausenden/wandernden die Messe lesenden Pfarrern ist Seelsorge wohl nicht möglich. Da werden nur noch Kultdienste von Greisen absolviert. Und wenn diese nicht mehr da sind, also in 15 Jahren, dann sind keine Priester mehr da. Dann gibt es keine Gemeinden, keine Kommunikation, falls man diese dann vonseiten der Leute her noch wünscht.

Was passiert also: Da wird die Religiosität förmlich vom allmächtigen Klerus ausgelöscht, falls man denn davon ausgeht, dass Spiritualität noch mit einer Messfeier etwas zu tun hat. Noch einmal: Der Klerus selbst erzeugt eine gewisse Entchristlichung der Gesellschaft. Noch mal zugespitzt: Die Kirche betreibt die Säkularisierung. Da hört man nur das Bedauern des Bischofs: „Der Mangel an jungen Priestern ist ein Handicap, dieser Mangel lähmt alles“. Also geht man sehenden und wissenden Auges in den Zustand der „Paralyse“, dieses Wort verwendet der Bischof.

Zum gegenwärtigen „Personal-Zustand“: Das Bistum Tulle zählt heute, 2016, noch 30 Priester, etwa 12 sind bereits älter als 80. Mehrere sind um die 75. Zum Vergleich: 2008 hatte das Bistum Tulle noch 87 Priester, davon 57 aktiv Tätige. Der Sterbeprozess ist also rasant. Es gibt auch keine Ordensgemeinschaften mehr im Bistum. Alle Nonnen und Mönche sind ausgestorben oder in Altersheime umgeziogen. Da bettelt der Bischöfe nun um Priester aus dem Ausland. Wer wird da wohl kommen, welcher Charismatiker, welcher Neokatechumenale oder Priester aus Kamerun oder Togo, wie so häufig schon in anderen französischen Bistümern? Dabei lobt man dann – diplomatisch klug – diesen internationalen Austausch, und vergisst: Diese Priester hätten eigentlich in Kamerun oder Togo auch ein bisschen was zu tun…

Welche Energie wird da von einem französischen Bischof verbraucht, anstatt die Laien zu Priestern auszubilden. Und eine gewisse Spiritualität zu retten.

Was da von Tulle berichtet wird, ließe sich leicht mit dem gleichen Inhalt selbstverständlich religionssoziologisch belegt fortsetzen für die Bistümer Verdun, Troyes, Auxerre, Moulins, Cahors, Limoges und so weiter. Da geht die Kirche als Kleruskirche dem Ende entgegen. Nur in Paris wimmelt es förmlich noch von Priestern. Aber da ist es ja auch so schön…

Copyright: Christian Modehn

Qui sont les catholiques de France ? Le Monde, 24.1.2014. Hinweise zum stetigen Schwund der Anzahl der Katholiken, des stetigen Schwundes der Teilnahme an der Sonntagsmesse und zur Altersstruktur der Teilnehmer an der Messe (es sind die „Alten“).

A quoi ressemblent les catholiques français, régulièrement critiques envers la politique du gouvernement actuel ? Portrait en chiffres.

Le Monde.fr | 24.01.2014 à 18h59 • Mis à jour le 24.01.2014 à 19h08 | Par Elvire Camus

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En France, le nombre de personnes se déclarant catholiques diminue de façon continue depuis la fin des années 70 mais reste important. En 1952, ils étaient 81 %, en 1978, 76 % et en 2010, 64 %.

En revanche, la pratique religieuse (mesurée par l’IFOP selon le critère de l’assistance à la messe dominicale), demeure faible et diminue progressivement depuis les années 50. En 1952, 27 % des catholiques se rendaient à la messe, en 2010 il n’étaient plus que 4,5 %. Par ailleurs, parmi les Français se déclarant catholiques, 57 % ne vont pas à la messe. Reste donc 43 % de pratiquants réguliers.

Cette tendance se reflète dans la baisse du nombre de mariages religieux et de baptêmes depuis 1990 : 147 146 mariages religieux ont été célébrés en 1990 contre seulement 74 636 en 2011, selon l’annuaire des statistiques de l’Eglise et la conférence des évêques de France. Le nombre de mariages civils a également fléchi en vingt ans et est passé de 287 000 en 1990 à 251 654 en 2010.

Le nombre de baptêmes est passé de 472 130 à 302 941 entre 1990 et 2010. A noter également que depuis les années 80, un nombre croissant de Français se déclarent sans religion : 21 % en 1987 contre 28 % en 2010.

  • Des catholiques pratiquants plus âgés

Le profil sociologique des catholiques français apparaît proche de celui de l’ensemble de la population française : une majorité de catholiques ont entre 35 et 49 ans (27 %) et 28 % des Français font partie de cette même tranche d’âge.

Pour autant, ce n’est pas le cas en ce qui concerne les catholiques se déclarant pratiquants : 21 % des Français ont 65 ans et plus contre 43 % de pratiquants. De même, alors que 25 % des Français sont retraités, 46 % des catholiques pratiquants le sont. Il apparaît également que les catholiques non pratiquants ont un profil plus proche de celui de la population française que des catholiques pratiquants, en terme de sexe, d’âge et de catégorie socio-professionnelle.

 

 



Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: Nach den Wahlen im Dezember 2015

21. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich

Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: Nach den Wahlen im Dezember 2015

Hinweise von Christian Modehn

Diese Hinweise werden am 21. 12. 2015 geschrieben, also 8 Tage nach der Zweiten, der entscheidenden Runde der Regionalwahlen in Frankreich. Es ist trotz ausführlicher Recherche bis jetzt nicht möglich, auf Untersuchungen („sondages“) zu stoßen, die das Wahlverhalten der Katholiken am 13.12. 2015 untersuchen. Die Sondages, etwa durch IFOP, wurden bislang immer im Verbindung mit katholischen Zeitschriften in Frankreich, wie „La Vie“, „Pèlerin“ oder „La Croix“ unternommen und in diesen Medien auch publiziert. Zum 2. Wahlgang fehlen unseres Wissens bisher diese Untersuchungen zum Wahl-Verhalten der Katholiken. Wir hoffen, diese Situation wird sich sehr bald ändern.

Es ist nicht auszuschließen, dass die genannten katholischen Zeitschriften kein Interesse haben und kein Geld mehr zur Verfügung stellen, um diese repräsentativen Wahlanalysen mit zu finanzieren. Das vermute ich bis jetzt, lasse mich gern eines besseren belehren durch Belege.

Meine Vermutung: Die nach dem 1. Wahlgang vom 6. Dezember 2015 ausführlich dokumentierte Nähe der Katholiken zur rechtsextremen Partei FN ist den katholischen Zeitschriften selbst und den im Hintergrund dieser treu-katholisch-offiziellen Blätter agierenden Bischöfen hoch peinlich.

Was sind die Tatsachen zum 1. Wahlgang am 6.12.2015?

54 % der Katholiken haben sich als Wähler an dieser Wahl beteiligt (hingegen nur 50 % der gesamten „Wählerschaft“). Von den praktizierenden Katholiken haben sogar 90 % gewählt. Als praktizierend gilt in der Religionssoziologie inzwischen eine Person, die wenigstens einmal im Monat (!) am Sonntagsgottesdienst teilnimmt. Vorbei also sind die Zeiten, wo als praktizierend nur jener galt, der wöchentlich an der Liturgie teilnimmt.

Zur Wahl am 6. 12.2015 selbst: 33 % der Katholiken wählen die so genannte gemäßigte Rechte (Les Republicains, UDI oder MoDem), im Landesdurchschnitt sind es nur 27 % für die so genannte gemäßigte Rechte.

32 % der Katholiken hingegen wählten sehr deutlich die rechtsradikale Partei Front National (FN), im Landesdurchschnitt sind es „nur“ 28,40 %!

Innerhalb der Katholiken, die sich als „praktizierend“, also als betend, das Evangelium hörend, die Worte von Papst Franziskus beachtend, bezeichnen, haben 24 % die rechtsradikale Partei FN gewählt, also fast jeder 4 so genannte betende und das Evangelium regelmäßig hörende Katholik wählt rechtsradikal. Das ist erstaunlich. Hängt das mit der Altersttruktur der Kirchgänger zusammen?

Im Falle der extrem hohen Anteile des FN, die im 1. Wahlgang zur Partei Nr 1 avanzierte, spricht man in demokratischen Kreisen von einer „Zerrüttung der französischen Gesellschaft“, die nicht nur sozialpolitisch, sondern wohl auch irgendwie geistig, im Sinne von orientierungslos, gemeint ist. Wenn jeder Vierte betende und fromme Lieder sonntags singende Katholik rechtsextrem wählt, ist dies eine Blamage für die Erfolglosigkeit der Verkündigung, der Predigt, der Belehrung zur unmenschlichen und unchristlichen Ausländerfeindlichkeit. Hinzukommt: Jeder vierte praktizierende Katholik lehnt auch die Regierungspolitik ab. Offenbar haben die katholisch-praktizierenden Frommen FN gewählt, weil sie die Lösung der Probleme der Einwanderung (auch der Flüchtlinge) und des Terrorismus eher bei dem FN erwarten. Jedenfalls sprechen Beobachter von einer Art Dammbruch im französischen Katholizismus. Man glaubt offenbar, dass die neue Führerin des FN, Marine Le Pen, ein bisschen seriöser sei als ihr ewig polterder antisemitischer Vater. Und man freut sich, dass die junge Marion Maréchal Le Pen (die Nichte von Marine L.P.) sich als ultra-brave, ultra-konservative Katholikin darstellt, die gern mal Wallfahrten nach Chartres macht.

Das Verhalten der französischen Bischöfe vor dem und nach dem 1. Wahlgang erstaunt um so mehr: Natürlich erwartet kein Katholik mehr bischöfliche Ermahnungen, welche Partei er denn zu wählen habe. Schon gar nicht in einer Republik, die auf die angeblich strikte Trennung von Kirche und Staat allen Wert legt. Dennoch wäre bei den gravierenden Ereignissen eines „FN-Durchbruchs“ und möglichen Sieges doch ein Wort der Bischöfe angebracht gewesen. Bei den großen Demonstrationen gegen die Homo-Ehe waren etliche katholische Bischöfe Frankreichs sozusagen an vorderster Front aktiv, als Propagandisten, Prediger, Mahner, sogar als Teilnehmer an den Demonstrationen. Die rechte, d.h. im bischöflichen Sinne richtige Sexualität ist den Herren der Kirche wichtiger als die Gefahr von Rechtsaußen. Wichtiger offenbar, als das Wohlergehen der Republik, könnte man beinahe denken. Denn nach dem 1. Wahlgang, also am 6. Dezember 2015, mit den enormen Erfolgen des Front National, fiel den Bischöfen nichts anderes ein, als in allgemeinen Worten für die Brüderlichkeit zu werben. Es gab keine einstimmige explizite Warnung vor dem FN. Natürlich, die meisten Wähler sind wohl nicht dumm, sie brauchen keine Wahlempfehlungen. Aber eine offizielle kritische Klarstellung hätte in dem Falle auch als Zeichen für die ganze Gesellschaft gut getan! Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass die französische Bischofskonferenz theologisch und religions-politisch tief gespalten ist, wobei die Fraktionen sich eigentlich nur zwischen konservativ und sehr konservativ aufteilen. Der Bischof von Fréjus-Toulon, Bischof Dominique Rey, Mitglied der Charismatischen Gemeinschaft „Emmanuel“, hatte es sich erlaubt, die Nichte der FN Führerin, also Marion Maréchal Le Pen, zur Sommerakademie 2015 in seinem Bistum als Referentin einzuladen. Dadurch wurde die FN unter Katholiken in Südfrankreich erneut „als normale Politikerin“ dargestellt. Gegen diese Einladung der FN Politikerin durch einen – bekanntermaßen theologisch reaktionären Bischof – hat sich kein anderer Bischof ausgesprochen. Bischof Rey ist u.a. dafür bekannt, dass er die merkwürdigsten neuen charismatischen oder fundamentalistischen Ordensgemeinschaften, selbst aus Brasilien, in seinem Bistum gern aufnimmt, etwa die „Missionare vom Meister Christus“, die „Bruderschaft des heiligen Josef, des Wächters“, die Salvisten usw…. Diese Priester predigen dann z.B., in Mönchskutten, so wird berichtet, an den Nacktstränden der Cote d Azur…

Aber zurück zur Wahl: Es ist nun ein Tatsache, dass die rechtsextreme Partei FN auch im Innern des Katholizismus „angekommen“ ist. Sie hat nach wie vor mehr als 6 Millionen Wähler. Auch wenn sie jetzt durch die Wahlen im 2. Durchgang eher repräsentativ geschwächt wurde, ihre „Stärke“ im „Volk“ ist nach wie vor eine Tatsache. Es sei denn, die PS und die anderen Parteien haben Erfolg, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren, die Gewalt in den Vorstädten zu besiegen, den Fremdenhass aus den Köpfen zu vertreiben, die Ressentiments auszulöschen, neuen Respekt vor den Fremden zu fördern, bessere und menschenwürdigere Wohnungen in der Banlieue zu schaffen usw. Diese not wendigen (!) Projekte werden in zwei Jahren nicht gelingen. Schließlich führt man hauptsächlich Krieg in Syrien und kümmert sich um die Notstandsgesetze.. Viele Jahrzehnte wurde eine Politik von den bürgerlichen Parteien betrieben, die zur Spaltung der Gesellschaft führte, die Fremdenhass als „geringes Übel“ zu ließ usw. So wird man sich also leider auf die FN als politische „Kraft“ einstellen müssen; es wäre viel gewonnen, wenn wenigstens die praktizierenden Katholiken nicht mehr FN wählen würden. Ein frommer Wunsch ist das.

 

Copyright: Christian Modehn



Edith Piaf zum 100. Geburtstag – Ein Hinweis auf ihre Spiritualität

10. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich, Termine

Edith Piaf – ein Hinweis auf ihre Spiritualität.  Jetzt ist sie kirchlich „rehabilitiert“.
Anlässlich ihres 100. Geburtstages am 19. Dezember 2015 veröffentlichen wir noch einmal unseren Beitrag anläßlich ihres 50. Todestages am 10. Oktober 2013.
Von Christian Modehn

Das Leben der Edith Piaf erscheint zerrissen und widersprüchlich, verloren in der Sucht, voller Begehren und Suche nach Anerkennung und Liebe. In dieser Spannung entstanden ihre Lieder. Singen war sozusagen ihr Lebenselixier. Und – sicher – ihr Gottesdienst!
Und wie sich die römische Kirche wandelt in ihrem Verhältnis zu der bedeutenden und immer noch äußerst populären Künstlerin: Als sie verstorben war, weigerte sich die Kirche, Edith Piaf kirchlich zu bestatten; sie galt als öffentliche Sünderin, wie damals die Papst-Zeitung „Osservatore Romano“ schrieb. Denn sie führte eine „vie tumulteuse“, wie man sagte, also ein tobendes, lärmendes, also ein wenig kirchlich-„seriöses“ Leben. Zudem kam eine kirchliche Bestattung nicht in Frage, weil sie doch als Geschiedene noch einmal geheiratet hatte. Mit dem immer noch ungelösten römischen Problem der „Wiederverheiratet Geschiedenen“ hatte also „la Mome“, wie man sie liebevoll nannte, also die Göre, Edith Piaf, schon zu tun.
Edith Piaf wurde in der katholischen Gemeinde Saint Jean Baptiste im populären Pariser Bezirk Belleville (19. Arrondissement) getauft. Heute besinnt sich die Gemeinde auf ihr prominentes Gemeindemitglied und veranstaltet zu Ehren von Edith Piaf – zusammen mit anderen kulturellen Associations (auch Pfarreien sind in Frankreich rechtlich gesehen „Vereine“!) ein großes Spektakel vor der Kirche, sogar ein Bischof kam 2013, um für Edith Piaf eine Totenmesse, ein Requiem, zu feiern. Und man organisierte eine Art Prozession zum Friedhof „Père Lachaise“. Zu einem Bericht in der Tageszeitung La Croix 2013 klicken Sie hier. Man stelle sich einmal vor, die Kirche hätte sich schon zu Lebzeiten etwas freundlicher zu Edith Piaf verhalten, ihre Lieder geschätzt; Die Kirche hätte entdeckt, wie viel Spiritualität eine so genannte „weltliche Sängerin“ bezeugen und „verbreiten“ kann. So aber zeigte sie sich damals dogmatisch verbissen, stur und borniert….
Unbekannt – zumindest in Deutschland – ist Edith Piafs tiefe Verbundenheit mit einer volkstümlichen Form des katholischen Glaubens, vor allem ihre Verehrung der Jungfrau Maria sowie der hl. Bernadette Soubirous (dem sogen. Seherkind in Lourdes) und der heiligen Theresia von Lisieux. Nach Lourdes und Lisieux unternahm Edith Piaf  (diskret) regelmäßig Wallfahrten. Wer sie verstehen will, sollte auch diese – für aufgeklärte Geister – merkwürdige Form der Spiritualität kennen…Aber sie lebte eine selbstverständlich zu respektierende, individuelle Spiritualität!
Viele weitere Details bietet das Buch von Hugues Vassal, „Dans les pas de Edith Piaf“, im Verlag „Les Trois Orangers“. Vassal hat 7 Jahre als Fotograph in ständiger Verbundenheit mit Edith Piaf gelebt. Er kennt ihre Spiritualität aus unmittelbarem Erleben und berichtet, wie die Sängerin tägliche Gebetszeiten hatte, wie sie oft auf Knien das Abendgebet sprach. Vasal nennt Piaf „sehr gläubig“, aber auch naiv, vielleicht von kindlicher Schlichtheit. Nach dem Tod von Marcel Cerdan, einem ihrer Geliebten, wandte sie sich auch – kurzfristig – esoterischen Geheimlehren zu, in der Hoffnung, auf diese Weise mit dem Verstorbenen wieder in Kontakt zu kommen. So zeigt sich, wie eine traditionell Fromme sich doch aus „auswählend“ anderen Lehren zuwendet. Die heute viel besprochene „Mischreligion“ in EINER Person gab es schon vor etlichen Jahren…
Ihr religiöses Interesse ist sicher fundiert in der eigenen „Heilungserfahrung“, die sie als Kind in Lisieux erlebte: Sie wurde dort von der Blindheit befreit. Ihre Großmutter, eine „Puffmutter“ in der Normandie, hatte sie an nach Lisieux begleitet! Vasal berichtet weiter, dass Edith Piaf auch großes Interesse an den Arbeiten des Jesuiten und Naturforschers Teilhard de Chardin hatte. Als Anthropologe hatte er versucht, die klassischen Kirchenlehren mit den Konzepten der Evolution zu versöhnen (und war dabei auf den erbitterten Widerstand des Papstes gestoßen).
Edith Piaf, so Vasal, fühlte sich vom christlichen Glauben getragen; er war ihre inspirierende Quelle, auch für ihren Umgang mit dem eigenen Tod: Den sie nicht fürchtete, sondern als „Befreiung zum wahren Leben“ im Himmel deutete. Piafs Spiritualität, so Vasal, war eine des Herzens, des Gemüts, nicht der (analysierenden, kritischen) Vernunft.
In ihrem eher freizügigen Lebensstil war Edith Piaf sicher nicht das Urbild einer Heiligen. Dennoch bezieht sich die katholische Kirche Frankreichs heute deutlicher als früher auf sie. Das kirchliche Fernsehprogramm „Jour du Seigneur“ (Antenne 2) hat jetzt einen Film zum Thema „Edith Piaf und die Spiritualität“ realisiert. Die Autorin des Films, Marie – Christine Gambart, erwähnt, wie ihr bei der Recherche Piaf Fans erklärten: Piafs Musik sei für sie wie eine Messe; ein Pfarrer lobte die spirituelle Aura dieser beliebten Sängerin.
Vielleicht wäre es einmal ein Thema: Man sollte einmal ihre Lieder spirituell untersuchen, etwa „Mon Dieu“.
Und das „Heiligtum“ der heiligen Thérèse von Lisieux weist jetzt auf seiner Website auf die Pilgerin Edith Piaf hin.

Copyright: Christian Modehn

Noch ein Literaturhinweis:
Auch Jacqueline CARTIER hat ein Buch zum Thema veröffentlicht, „ Édith et Thérèse“. Editions Anne Carrière, 1999, 652 Seiten.



Menschlichkeit zuerst: Der katholische Bischof Jacques Gaillot wird 80 Jahre alt

31. August 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Gott in Frankreich

Zu Beginn ein Buchtipp: „Die Freiheit wird euch wahr machen“. Eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Bischof Jacques Gaillot. Herausgegeben von Roland Breitenbach, Katharina Haller und Christian Modehn. 2010. Reimund Maier Verlag, Schweinfurt, 223 Seiten mit vielen Beiträgen, die das theologische und politisch-praktische Profil Gaillots deutlich machen. Dies ist die neueste Studie zu Bischof Gaillot in deutscher Sprache.

„Menschlichkeit zuerst“: Jacques Gaillot, katholischer Bischof, wird 80 Jahre

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon muss sich gelegentlich auch mit Bischöfen befassen. Aber nur mit solchen, die außergewöhnlich sind. Bischof Jacques Gaillot (ehemals Evreux, Normandie, jetzt Paris) gehört dazu. Ich habe ihn als Journalist für die ARD in Deutschland bekannt gemacht, zuerst 1985 mit der Radiosendung und dem etwas ironischen Titel: “Ein Bischof auf dem Lande“ (SR), dann immer wieder mit regelmäßigen Berichten in meiner ca. 40 Halbstundensendungen umfassenden Sendereihe „Gott in Frankreich“ für den Saarländischen Rundfunk SR, Red. Norbert Sommer, auch zwei 30 Minutenfilme fürs Erste, 1989 und 2005 (WDR), gehören dazu usw…

Am 11. September 2015 wird Bischof Jacques Gaillot 80 Jahre alt.

An ihn zu erinnern ist geradezu Pflicht, wenn man Interesse hat an der Frage: Gab es und gibt es noch einen katholischen Bischof, der einen katholischen Glauben im Gespräch mit der Moderne und im Respekt vor den heutigen Kulturen gestalten will. Für den Menschen mehr zählen als Dogmen und Kirchentraditionen, der keine Angst hat vor deutlichen und wahrhaftigen Worten; der keine Angst hat, dadurch sich seine klerikale Karriere zu beschädigen. Gaillot ist ein Bischof, der Nein sagt zu kleinrarierter klerikaler Ambition, der Nein sagt zu einer kapitalistischen Welt und deren Religionen, die den Gott Geld als den größten Wert verehrt.

Jacques Gaillot wurde 1995 vom Papst als Bischof von Evreux abgesetzt, aus dem „einfachen“ Grund: Weil er zu progressiv war. Die Liste seiner außergewöhnlichen Aktivitäten ist lang und wurde an anderer Stelle dokumentiert, klicken Sie hier.

Nur so viel: Gaillot wollte im Sinne Jesu von Nazareth eine menschenfreundliche Kirche aufbauen, die über ihre eigenen veralteten Gesetze und Gebote hinweggeht. Er war politisch sehr system-kritisch, empfand z.B. mehr (praktisch gelebte !) Sympathien für Wehrdienstverweigerer als für konservative (oft rassistisch angehauchte) Politiker. Bischof Jacques Gaillot lebt seit Ende der 1990 Jahre im Kloster der Ordensgemeinschaft „Väter vom Heiligen Geist“ (Spiritaner) in Paris; bis vor 5 Jahren noch als weltweit aktiver Bischof von Partenia, mit einer immer noch bestehenden mehrsprachigen Archiv-website. Seit 5 Jahren lebt Jacques Gaillot etwas mehr zurückgezogen, sozusagen als „pensionierter Bischof“ von Partenia, einem Ort in der algerischen Wüste: Diesen Ort hatte Rom für ihn als Bischofssitz ausgesucht. Ein imaginärer Titel. Deutlicher Ausdruck dafür, dass da ein progressiver und in den 1980 Jahren sehr beliebter Bischof in die Wüste geschickt wurde. Bischof Gaillot verstand es wie kein anderer in Europa, den Glauben, auch in der katholischen Variante, mit den Denk- und Lebensformen der europäischen Moderne zu versöhnen, wobei die Moderne ernst genommen wird, als Welt, als Kultur, als Demokratie mancherorts, von der es auch katholisch-christlich zu lernen gilt! Die website des „Wüstenbischofs“ Gaillot  und des „Wüstenbistums“ Partenia (die website wurde vor 5 Jahren geschlossen) ist noch in mehreren Sprachen, auch auf deutsch, erreichbar, klicken Sie hier.

In Deutschland ist jetzt in den Medien von Jacques Gaillot nichts bzw. fast gar nichts mehr zu hören und zu lesen. Kardinal Meisner verfügte einst ein Redeverbot für Bischof Gaillot, seit der Zeit wird er von den Bischöfen Deutschlands und auch Frankreichs wie ein Paria behandelt. Auch in der französischen Bischofskonferenz spielte er und spielt er keine Rolle mehr. Die Macht in Rom hat sich durchgesetzt und einen kreativen Bischof, sozusagen einen Hoffnungsträger, ins Abseits gedrängt. Wie sehr sich die Kirchenführung dabei selbst schadet, scheint ihr gar nicht bewusst zu sein. Oder es ist ihr egal! Seit der Absetzung von Bischof Gaillot haben sich tausende progressiver Katholiken eben ihrerseits „abgesetzt“, also von der Kirche verabschiedet. Zur Zeit sollen noch 4 Prozent aller französischen Katholiken (noch ca. 60 Prozent der Bevölkerung) an den Sonntagsmessen teilnehmen. Tendenz: Sehr stark (altersbedingt) sinkend. Bald ist es vorbei mit dem französischen Katholizismus…

Nur in kleinen progressiven katholischen Kreisen ist Gaillot noch willkommen. Seine wahre spirituelle und politische Heimat sind hingegen Menschenrechtsbewegungen in Franreich.

Wir dokumentieren aus verschiedenen französischen Zeitschriften einige der jüngsten Aktivitäten und Statements Bischof Gaillots aus den letzten 5 Jahren

Bischof Gaillot besucht im August 2015 die von Ausweisung bedrohten Roma in Saint Ouen. „Sie sind Menschen wie wir. Wie kann man eine menschliche Gesellschaft aufbauen, wenn man nicht die Schwächsten respektiert?“

In der Tageszeitung „L Humanité“ (Organ des PCF, auch da kennt Gaillot keine Berührungsängste) äußert er sich im November 2014 kritisch zur Synode der Bischöfe in Rom. Die zölibatären Herren debattierten dort über Familien, Homosexuelle und Geschiedene, die noch einmal heiraten wollen! Gaillot sagte dem Blatt der französischen Kommunisten: “Die katholische Kirche soll Menschen so annehmen und aufnehmen wie sie sind und nicht wie sein sollten. Sie soll nicht von Prinzipien ausgehen. Sie soll wohlwollend die Liebe anerkennen, die unter den Paaren besteht, die außerhalb der alten katholischen Normen leben. Am Rande der Kirche (an der Basis) gibt es bereits ein Klima der Toleranz und des Respektes für jene, die von den kirchlichen Reglementierungen ausgeschlossen sind“. Weiteres lesen Sie hier.

Gegenüber der Tageszeitung „Le Parisien“ sagte er im Januar 2015: „Im Sommer habe ich selbst ein homosexuelles Paar gesegnet und später auch mit einem heterosexuellen Paar eine Trauungszeremonie in einem großen Garten gestaltet, diese Menschen konnten nirgendwo kirchlich heiraten, weil sie geschieden waren. Ich selbst lebe außerhalb der kirchlichen Institution („hors le murs“), darum finde ich es auch sehr gut, auch außerhalb der Kirchengebäude Gottesdienste zu feiern“.

Zur Kirche in Frankreich heute sagte Gaillot:
„Sie ist zu konservativ, da passiert nichts Besonders mehr. Ich habe anlässlich der großen Demonstrationen für die „Ehe für alle“ (also auch für Homosexuelle) demonstriert, die Kirche hat sich absolut dagegen gewendet. Ich meine: Wenn sich die Gesellschaft entwickelt, muss sich auch die Kirche entwickeln. Wenn sie diese Entwicklung nicht mit-vollzieht, wird sie verschwinden. Wenn die Kirche sich nur für sich selbst interessiert, wird sie verschwinden. Die Bischöfe verwenden viel Energie darauf, nur die Strukturen neu zu organisieren. Sie bleiben gegenüber der Moderne misstrauisch. Sie blicken nur in die Vergangenheit und lieben pompöse Zeremonien.

Während ich dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sehr reserviert gegenüber stehe, bewundere ich doch Papst Franziskus. Aber ist ein bisschen isoliert. Dennoch war die Leistung von Benedikt XVI. beachtlich, dass er zurückgetreten ist! Ich wünsche mir, dass die Päpste eine fest begrenzte Regierungszeit haben und das Ende eines Pontifikates nicht vom Willen des einzelnen Papstes abhängt. Der Papst ist kein Monarch. Er ist ein Diener. Man muss die Person des Papstes entsakralisieren“. Papst Franziskus hat er einen Brief geschrieben, auf den dieser sogar geantwortet hat, berichtet Gaillot. Manche Formulierungen/Sprüche  des Papstes erinnern unmittelbar an ältere Äußerungen Gaillots, auch an seine Buchtitel, etwa: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“ (sogar bei Herder erschienen)… Aber an eine Rehabilitierung, für eine Entschuldigung Roms für seine brutale Absetzung als Bischof, glaubt Gaillot nicht. Er will sich darum auch nicht selbst bemühen.

Weitere Berichte in der französischen Presse (auf die wir nur hinweisen, um die vielen Aktivitäten Bischof Gaillots wenigstes anzudeuten) beziehen sich auf seine Teilnahme an der großen Demonstration im Januar 2015 nach der Tötung der Redakteure von „Charlie Hebdo“ (weitere Informationen klicken Sie hier) und der Opfer aus der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem tritt Gaillot für eine gerechte Gesetzgebung für ein Sterben in Würde berichtet: Er fordert, dass – in Ausnahmefällen- schwerkranke Menschen die rechtliche Möglichkeit haben, um Sterbehilfe zu bitten. Es wird auch berichtet, dass Gaillot in der Kirche St. Sulpice in Paris im September 2013 eine Bestattungsfeier für seinen atheistischen Freund Prof. Albert Jacquard gehalten hat. Mit ihm zusammen hat Gaillot Jahre lang für die Rechte der Obdachlosen und Wohnungslosen gekämpft.

Zur christlichen Spiritualität im engeren Sinne wurde er auch befragt: „Seit meinem 76. Lebensjahr nehme ich etwas Abstand von allem. Ich spüre sehr stark die Anwesenheit Gottes in jedem Menschen. Die Messe feiere ich im Haus der Spiritaner-Patres hier. Aber hier in Paris ruft man mich ständig, lädt ich ein, man braucht meine Hilfe“. Menschlichkeit, Solidarität, Teilen des alltäglichen (armen) Lebens der absoluten Mehrheit der Bevölkerung: Das ist für Jacques Gaillot am wichtigsten. Das ist christlich. Spirituell. Religiös.

copyright: christian modehn, Berlin

 

 



Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit. Teil Zwei: Französische Bischofskonferenz gegen eine Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“

5. Februar 2015 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Religionskritik

Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit. Teil Zwei:

Französische Bischofskonferenz gegen eine Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“

Von Christian Modehn.

Am 5.2. 2015: Kurz nach der Veröffentlichung unseres Beitrags „Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit“ gibt es einen weiteren Beweis für die Aktualität des Themas: Die französischen Bischöfe haben ihreMühe, Meinungsfreiheit vollständig zu unterstützen…

Die französische Sektion von „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) hat am 3. Februar 2015 eine Erklärung veröffentlicht. Sie gehört zur Kampagne „Die Meinungsfreiheit kennt keine Grenzen“. Gerade nach der Ermordung etlicher „Charlie-Hebdo“ Journalisten und Künstler am 7. Januar 2015 ist die Erkenntnis wichtig, das Grundprinzip einer Demokratie erneut auszusprechen: „Jeder ist frei, Kritik auszudrücken und zu verbreiten, selbst respektlose Kritik, und zwar gegen jedes System politischen, philosophischen und religiösen Denkens“. So „Reporter ohne Grenzen“.

Christophe Deloire, der Generalsekretär von RFS, betonte im Rahmen einer Pressekonferenz am 3. 2. 2015 im Palais Brogniart in Paris: „Es gibt sehr mächtige Kräfte in der Welt, die wünschen, dass die Kritik an Gedankensystemen, besonders religiösen, verdammt werden“.

Die Initiative von RSF wird u.a. unterstützt von Jean-Louis Bianco, dem Präsidenten des „Observatoriums der Laizität“.

Es gibt im – Unterschied zu Deutschland – in Frankreich kein Gesetz, das sich auf Blasphemie oder Sakrileg bezieht. Die Erklärung von RSF erinnert ausdrücklich daran. „Niemand kann sein Verständnis des Heiligen dem anderen aufdrängen“.

„Reporter ohne Grenzen“ hat die religiösen Führer Frankreichs aufgefordert, die deutliche Erklärung zugunsten umfassender Presse- und Meinungsfreiheit zu unterzeichen. Die Reaktionen vonseiten der Führer religiöser Gemeinschaften in Frankreich sind unterschiedlich: Dalil Boubakeur, Präsident des „Französischen Rat für den muslimischen Kult“ hat den Text unterzeichnet. Ebenso der „Präsident der Protestantischen Föderation“, Francois Clavairoly. „Ich begleite dieses Unternehmen, weil die Freiheit des Gewissens und die Meinungsfreiheit auch Früchte des Protestantismus sind“. Und weiter: „Es gibt bei mir gewisse Reserven, aber die beziehen sich mehr auf die Form der Erklärung als auf die geistige Grundlage. Warum werden nur die Religionen ausdrücklich zur Meinungsfreiheit aufgefordert. Denn die Bedrohungen der Meinungsfreiheit kommen weniger von den Religionen, und da besonders von den Christen, sondern eher von den totalitären Staaten, die die Religion zu ihren eigenen Gunsten instrumentalisieren“.

Die katholische Bischofskonferenz hat diese Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“ zugunsten umfassender Pressefreiheit NICHT unterzeichnet. Die Begründung ist – mit Verlaub gesagt, in unserer Sicht – hoch merkwürdig, sie passt zu einer autoritären, auf sich selbst bezogenen Institution. Die Begründung heißt: Die Bischofskonferenz „kennt nicht den Brauch, einen Text zu unterzeichnen, den sie nicht selbst verfasst hat“! Damit begibt sich jeder Lernbereitschaft von den Gruppen der Zivilgesellschaft! Diese Begründung brachte Olivier Ribadeau Dumas vor, der Generalsekretär der Bischofskonferenz. Diesen Satz darf man wohl als Ausdruck einer extremen Getto-Mentalität bezeichnen. Und der Ton wird noch polemischer: „Was würde wohl „Reporter ohne Grenzen“ tun, wenn die katholische Kirche sie auffordern würde, eine Erklärung über den Umgang mit den religiösen Fakten in der Medien zu unterzeichnen ?“ Offenbar haben die Bischöfe das Gefühl, ständig von „den“ Medien schlecht behandelt zu werden.

Die Präsidentin der „Buddhistischen Union Frankreichs“ , Marie Stella Boussemart, hat persönlich diesen Aufruf unterzeichnet. Auch der Groß-Rabbiner von Frankreich, Haim Korsia, ließ wissen, dass er absolut einverstanden ist im Prinzip mit dem Aufruf der „Reporter Ohne Grenzen“. Aber er wünsche sich eine einmütige Erklärung aller religiösen Führer Frankreichs. Die katholischen Bischöfe aber sagen „nein“, siehe oben.

Um mit den Bischöfen ins Gespräch zu kommen, hat sich Christophe Deloire bemüht, sein Anliegen bei der nächsten Sitzung der Bischofskonferenz am 11. Februar 2015 persönlich dort zu erläutern. Aber es ist keineswegs sicher, dass dieser Dialog mit den Bischöfen zustande kommt, berichtet die katholische Tageszeitung „La Croix“ am 5.2., denn, so sagen die Bischöfe auf ihre Art, diese Bischofsversammlung sei eine informelle Versammlung des Klerus. Mit anderen Worten: Auf diese Weise zeigt sich die Bischofskonferenz als abweisend, dialog-unwillig.

Der Text von Reporter sans Frontières: :

http://fr.rsf.org/france-reporters-sans-frontieres-rsf-03-02-2015,47553.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon-Berlin.

 

 

 

 

 



Kirchenführer in Frankreich und Charlie Hebdo – nach der Demo am 11.1.2015

14. Januar 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Reaktionen der Kirchenführer in Frankreich auf den 7.1. 2015… und warum Charlie Hebdo not-wendig bleibt.

Hinweise von Christian Modehn

Die größte Demonstration in Frankreichs Geschichte fand wohl am 11. Januar 2015 in Paris statt: Mehr als eineinhalb Millionen waren auf der Straße, um für die Meinungsfreiheit und letztlich für die Demokratie zu demonstrieren. Vor allem um zu zeigen: Es gibt gemeinsame Grundüberzeugungen unter den politisch so vielfältig orientierten Franzosen. Ein Ereignis! Ein Glück!

Wo war der Erzbischof von Paris, Kardinal André Vingt-Trois, als in „seiner“ Stadt dieses welthistorische Ereignis stattfand? „Heute ist Paris die Hauptstadt der Welt“ war wohl als Einschätzung zutreffend. Der Kardinal zog es hingegen vor, in Rom, im Vatikan, zu weilen.

An der Demonstration in Paris nahmen zwei, Verzeihung, eher nicht so sehr bedeutende katholische Würdenträger teil, also nicht etwa der Chef der Bischofskonferenz, sondern Bischof Stanislas Lalanne von Pontoise sowie Bischof Pascal Delannoy von Saint-Denis.

Es gab vonseiten der katholischen Kirchenführung, soweit bekannt, auch keinen Aufruf an die Gläubigen, an den Demos am 11. 2015 teilzunehmen. Hingegen hat die Protestantische Förderation Frankreichs durch seinen Präsidenten Francois Clavairoly ausdrücklich die Protestanten zur Teilnahme aufgefordert: „La Fédération protestante de France appelle ses membres à participer dimanche 11 janvier aux manifestations d’hommage aux victimes de l’attentat de Charlie Hebdo. En réponse à l’appel du Président de la République, je veux encourager les membres des Eglises, œuvres et mouvements de la FPF à se joindre à la marche républicaine qui aura lieu dimanche 11 janvier à Paris, mais aussi à toutes les initiatives identiques prévues partout en France. L’élan de fraternité qui nous anime et la volonté de réaffirmer de façon solennelle notre attachement aux valeurs qui fondent la République doivent nous mobiliser“. Zusammenfassende Übersetzung: Die Prot. Föderation ruft seine Mitglieder auf, an den Demonstrationen zu Ehren der Opfer des Attentates von Charlie Hebdo teilzunehmen. Ich ermutige die Mitglieder der Kirche … sich dem republikanischen Marsch anzuschließen. Der Elan der Brüderlichkeit sowie der Wille, wieder auf feierliche Art unsere Bindung an die Werte auszudrücken, die die Republik begründen, müssen uns mobilisieren“. Ermunternde Worte, darf man sagen!

Die katholischen Kirchenführer waren da viel zurückhaltender. Zum Beispiel:

In Bordeaux nahm der dortige Erzbischof Kardinal Jean Pierre Picard an der Demo „Je suis Charlie“ teil. Er betonte dann: „Ein Krieg hat sich entwickelt gegen unsere Gesellschaften, die von den Islamisten als dekadent und ungläubig angeklagt werden. Ich muss gestehen, dass die Zeitung Charlie Hebdo mir nicht so gefallen hat. Jean Pierre Ricard sagte: „Je dois avouer que Charlie Hebdo n’était pas ma tasse de thé ! Je trouvais même dans certaines caricatures une vraie violence. Mais, dans notre pays, les choses se règlent devant les tribunaux en cas de litige. Pas en tuant les gens“

„Ich muss gestehen, dass mir Charlie Hebdo nicht gefallen hat. Ich fand selbst in gewissen Karikaturen eine echte Gewalt! Aber in unserem Land regeln sich diese Dinge vor dem gericht im Streitfall. Und nicht, indem man Leute tötet“.

Und dann fuhr der Kardinal von Bordeaux fort: „Wenn man das Religiöse in Frankreich aus dem öffentlichen Raum vertreiben will, dann ist das die beste Art und Weise, weiter den Islamismus zu fördern. Wir haben ein Interesse daran, den spirituellen Traditionen, die reich an Weisheit und Intelligenz sind, ihren Platz in der Gesellschaft zu geben. Dies ist der beste Schutz gegen den Islamismus“.

Es gibt in rechten politischen Kreisen, auch unter führenden FN Leuten diesen Grundton: „Wir bedauern den blutigen Tod der Journalisten und der jüdischen Opfer und der Polizisten. Aber wir halten von Charlie Hebdo eigentlich gar nichts. Natürlich, die Meinungsfreiheit ist schon ganz OK. Aber die Religionskritik des Blattes war doch zu viel… “ Ähnliche Äußerungen von der marokkanischen Staatsführung waren zu hören…Also, mit anderen Worten: Bitte begrenzt doch diese Pressefreiheit, sagen die Rechten und die FN Leute. Die religiösen Gefühle der katholischen Bischöfe treffen sich mit denen bestimmter islamischer Kreise. Es gibt also einen weiteren Aspekt interreligiöser „Ökumene“.

Wenn Kardinal Picard, Bordeaux, sagt, er fände in einigen Karikaturen von Charlie Hebdo „echte Gewalt“, dann darf man das wohl auch so übersetzen: Dann sind die Journalisten von Charlie Hebdo selbst schuld, wenn sie echte Gewalt propagieren und offenbar zuerst (gegenüber den ;ärdern) ausüben… und dann halt durch die Gegengewalt umkommen. Dieser Kleriker hat kein Verständnis dafür, dass Religionskritik, auch heftige, selbst für fromme Menschen eine klärende, kritische Wirkung haben kann.

Wenn heute, eine Woche nach dem Mord an den Charlie Hebdo Journalisten das Blatt diesmal in millionenfacher Auflage in verschiedenen Sprachen erscheint, ist das ein Zeichen, dass alle diese LeserInnen die Religionskritik und bissige Satire bejahen? Vielleicht. Wir werden sehen, wie hoch die Auflage in drei Monaten ist. Islamische Kreise und andere konservative Kreise sind heute (14.1. 2105) empört, dass Charlie Hebdo im „alten kritisch-bissigen“ Stil weitermacht. Sie wollten das Blatt einfach ignorieren, heißt es, Gott sei Dank, und wohl nicht erneut die Redakteure attackieren. Diese Kreise nehmen nicht wahr, dass die Themen, die das Blatt zeigt,überspitzt zwar, nach wie vor aktuell sind! Das ist doch das Thema, über das eine breite Auseinandersetzung stattfinden sollte: Die Karikaturen von Charlie Hebdo haben ihre „Ursache“ in unserer (nicht nur reliösen) Wirklichkeit! Die Verlogenheit und Scheinheiligkeit vieler religiöser Menschen ist aber eine Tatsache, die der nicht-religiösen Menschen (Atheisten usw.) natürlich auch. Solange diese Situation so ist, ist ein Blatt wie Charlie Hebdo hilfreich und vielleicht not-wendig.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Bischof Jacques Gaillot: Ein „alter“ Freund von Charlie Hebdo

11. Januar 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Der katholische Bischof Jacques Gaillot, der vor 20 Jahren vom Vatikan wegen progressiver theologischer und politischer Auffassungen als Bischof von Evreux abgesetzt wurde und seitdem als Titular Bischof von Partenia in Paris lebt, hat sich schon im Jahr 2007 als Freund der Zeitschrift Charlie Hebdo gezeigt. Wichtig seine Aussage im folgenden Beitrag: Man ist in einem Staat, in dem die Menschenrechte gelten, zuerst BÜRGER und erst an zweiter Stelle Anhänger einer bestimmten Religion.

Siehe am Ende dieses Beitrags auch den Hinweis auf die Aktivitäten Jacques Gaillots in den letzten Jahren.

Der Text von Bischof Jacques Gaillot vom März 2007:

——-Auf der Website PARTENIA von Bischof Jacques Gaillot im März 2007 veröffentlicht——-:

Der Vorsteher der Moschee von Paris, der Verband der islamischen Organisationen in Frankreich und die weltweite islamische Liga haben gegen die satirische Wochenzeitschrift «Charlie Hebdo» Klage eingereicht; diese hatte Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht.

Hat man das Recht, sich an einer Säule des Islams zu vergreifen, die Religion lächerlich zu machen, sich über humorlose Fundamentalisten lustig zu machen? Kann man alle Religionen kritisieren?

Ich habe mich zum Gerichtsgebäude begeben, weil es mir ein Anliegen ist, für die Meinungsfreiheit einzutreten. Der Andrang ist groß, eine ganze Meute von Medienleuten, auch ausländischen, ist vor Ort. Neben mir steht ein junger Mann, der mir erzählt, er sei per Anhalter aus Südfrankreich angereist, er habe diesen Prozess nicht verpassen wollen.

Ich rede mit Moslems, die hier sind, um die Zeitschrift Charlie Hebdo zu unterstützen: «Wir wollen nicht mit den Fundamentalisten in einen Topf geworfen werden. Wir lehnen den Vergleich mit Extremisten ab. Keine Vermischung. Wir verteidigen die Meinungsfreiheit.» Der Prozess zieht sich über zwei Tage hin, die Diskussion wird leidenschaftlich geführt.

Im Land von Voltaire wird die Freiheit hochgehalten. Wie viele Männer und Frauen haben hier für die Meinungsfreiheit gekämpft!

In einer laizistischen Gesellschaft ist man zuerst Bürger und erst in zweiter Linie Anhänger einer bestimmten Religion. Wenn die satirische Zeitung den Prozess gewinnt, was ich hoffe, wird das eine Neubestätigung der Meinungsfreiheit und der Laizität sein.

Quelle: http://www.partenia.org/deutsch/archives_ger/archives_2007/c_0703ger.htm

Das politische Magazin LE POINT hat eine Liste der Aktivitäten Bischof Gaillots in den letzten Jahre veröffentlicht. Klicken Sie bitte hier.

 



Ein Religionsphilosoph als Politiker. Erinnerung an Jean Jaurès

7. November 2014 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich, Philosophische Bücher

jeanjauresEin Religionsphilosoph als Politiker: Erinnerung an Jean Jaurès

Von Christian Modehn

Selbst deutsche Touristen kennen seinen Namen. In vielen Städten Frankreichs ist mindestens eine Straße oder eine Schule nach ihm benannt: Jean Jaurès. Manche Autoren nennen ihn den am meisten geliebten Politiker Frankreichs. Sarkozy, Chirac, Hollande und die anderen wirken dagegen klein und, Verzeihung, (auch intellektuell) recht begrenzt… Ob sich die französischen Sozialisten umfassend an ihn erinnern? Und von ihm lernen? Man hat nicht den Eindruck.

Die SPD erwähnt 2014 in einem Artikel anlässlich seiner Ermordung am 31. Juli 1914 lediglich mit einem Wort, nebenbei, dass Jaurès Philosoph gewesen sei. Aber die Bedeutung dieses Philosophen wird mit keinem Wort verdeutlicht. Man kann Jean Jaurès nur verstehen kann, wenn man ihn als (Religions-) Philosophen deutet.

Zum 100. Todestag dieses bedeutenden, weil religiös-humanistisch gesinnten sozialistischen französischen Politikers des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, wurde weithin vor allem an dessen Leidenschaft für den Frieden erinnert: „Man macht nicht den Krieg, um den Krieg zu vermeiden.“. Jaurès versuchte noch kraft seiner Autorität mit aller Macht der Worte den Ersten Weltkrieg zu verhindern; am 31. Juli 1914 wurde er von einem verwirrten fanatischen Nationalisten ermordet. 1924 wurde sein Sarg ins Pantheon zu Paris aufgenommen.

Uns interessiert der – in Deutschland – bislang wenig beachtete Jaurés, der Philosoph und der „théologien laique“, wie der Spezialist Eric Vinson jetzt schreibt, also der „weltliche Theologe“, der niemals – auch als Sozialist – darauf verzichtete, die göttliche Wirklichkeit zu denken, zu benennen und zu verteidigen. Die göttliche Wirklichkeit war für den Philosophen Jaurès keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit des Lebens. Das ist schon vom Ansatz her eine mutige Leistung, wenn man bedenkt, mit welchem Hass damals linke Politiker, Philosophen und Schriftsteller jegliche göttliche Wirklichkeit bekämpften.

Der Historiker Eric Vinson hat zusammen mit Sophie Viguier-Vinson jetzt das wichtige Buch vorgelegt „Jaurés le prophète: Mystique et politique d un combattant républicain“, erschienen 2014 bei Albin Michel, Paris. Dies ist sicher ein Standardwerk zum Thema und es wird helfen, ein umfassendes Bild dieses Sozialisten zu verbreiten.

1859 in einer katholischen, aber republikanisch gesinnten Familie im Tarn, Südfrankreich, geboren, studierte Jaurès in Paris Philosophie mit den entsprechenden akademischen Abschlüssen, er lehrte dieses Fach zuerst als Gymnasiallehrer in Albi, 1886 folgte die Berufung zum Universitätsprofessor in Toulouse. Aber schon 1885 begann die Zeit seines „militanten Kämpfens“ als Politiker, er wurde schließlich zur Stimme der Sozialisten Frankreichs.

Unbeachtet ist bis heute, dass für Jaurès das politische Handeln unmittelbar aus der philosophischen Konzeption der göttlichen Wirklichkeit entspringt. „Gott ist gleichzeitig immanent und transzendent“, „Gott ist das Ich in allen andern Ich“. Jaurès hat die Überzeugung, dass alles Weltliche, also auch jeglicher Mensch, in der göttlichen Wirklichkeit aufgehoben ist und von Gott nicht getrennt ist. Die Menschen sind absolut wertvoll, weil sie von der göttlichen Wirklichkeit nicht getrennt sind. Aber diese Überzeugung hat Jaurès niemals als Leitlinie gesehen für sein politisches Handeln auch als Gesetzgeber; er hat niemals eine klerikale, kirchenfreundliche und hierarchie-ergebene Gesetzgebung betrieben; seine ethische Haltung war gewiss von seiner religiösen Bindung geprägt, aber sie war sozusagen seine innere Gestaltungskraft (Spiritualität). Jaurès hat die Trennung von Kirchen und Staat entschieden unterstützt (siehe den Hinweis weiter unten).

Seine Philosophie ist nicht an die Dogmen der Kirche gebunden, sie ist ein freies religiöses Konzept, eine Haltung, die unter Intellektuellen Frankreichs damals, im 19. Jahrhundert, üblich war. In seiner Überzeugung, dass die getrennte und verfeindete Menschheit doch eins werden kann in einer universalen Brüderlichkeit, hat sich Jaurès die Kämpfe der Arbeiter unterstützt, er hat die Todesstrafe verurteilt, ist für die Rechte des schuldlos verurteilten Hauptmanns Alfred Dreyfus eingetreten. Dabei hatte sich Jaurès, der freie religiöse Denker, oft gegen die Herren der Kirchen zu wenden, wenn sie etwa die Todesstrafe verteidigten und kirchliche Weisungen im Staat durchsetzen wollten.

Wie oben angedeutet: Jaurès setzte sich für die Trennung der Kirchen vom Staat ein, was dann 1905 gesetzlich geregelt wurde. Der Staat ist weltlich, da haben die Kirchen nicht reinzureden, und die Kirchen sind religiöse Organisationen, die unabhängig von staatlichen Einflüssen existieren. Diese „laicité“, die nichts mit Laizismus zu tun hat, wie man in Deutschland oft behauptet, war die wichtigste Überzeugung des überzeugten Demokraten Jean Jaurès. Ohne diese laicité war Demokratie, war Republik, für ihn nicht denkbar.

Es ist kein Wunder, dass katholische Kreise, bis 1960 eigentlich in breiten Kreisen immer noch gegen die Republik und die laicité, diesen Religions-Philosophen und Politiker Jean Jaurès eher verdrängten und verachteten.

Léon Blum hat später bei Jaurès dessen Reinheit des Gedankens, die Lauterkeit gepriesen, ja auch dies: in gewisser Weise seine „weltliche Heiligkeit“. Auch Vinson nennt Jaurès einen „Archetypen“ einer „weltlichen Heiligkeit“: Integer, gütig, intelligent.

Man hat den Eindruck, die Auseinandersetzung über diesen Politiker, der als Religionsphilosoph lebte, hat erst richtig begonnen. Einen Politiker mit diesem geistigen Format kann im Europa von heute sehr lange suchen. Ob man ihn findet? Vaclav Havel ist schon etliche Jahre tot….

Vgl. auch: Jean Jaurès, Ecrits et discours théologico-politiques, Editions Vent Terral, 440 pages, 35€. Herausgegeben von Jordi Blanc.



Mehr Licht, mehr Aufklärung: Zur aktuellen Diskussion in Frankreich

3. Juni 2014 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Philosophische Bücher

Lumières, Aufklärung, heißt die Antwort: Zur Diskussion über den Wahl-Erfolg des FN (Le Pen) in Frankreich

Von Christian Modehn

„Ich meine, durch die Konzeption einer auf sich selbst bezogenen und in sich verschlossenen Nation und ihres Kultes einer starken Macht, steht die Partei Front National mehr Vichy nahe als den Ideen der Demokratie, die von der Philosophie der Aufklärung begründet sind. Denn Demokratie bedeutet zuerst: Humanistische und universale Prinzipien, die die Partei FN zurückweist. Wenn die Partei FN in Frankreich die Macht ergreifen würde, dann handelte es sich um ein anderes Frankreich!“ So der (heute in Tel Aviv lebende, in Przemysl geborene) Historiker Zeev Sternhell. Er erinnert in seinem neuen Buch „Histoire et Lumières. Changer le Monde par la Raison“ („Geschichte und  Aufklärung. Die Welt verändern durch die Vernunft“), erschienen bei Albin Michel, Paris, 2014, einmal mehr an die Wurzeln rechtsradikalen Denkens in Frankreich.  Sternhell ist ein Spezialist für die Geschichte Frankreich im 20. Jahrhunderts: Er betont, dass sich das Vichy Regime nur deswegen so schnell etablieren konnte und sich dann so erfolgreich durchsetzte, weil der Geist, l ésprit, vieler Franzosen schon längst antisemitisch verdorben war, vor allem auch vieler so genannter Intellektueller. „Sie waren auch vergiftet vom Hass auf die Demokratie“, so Julie Clarini in „Le Monde“ vom 30.Mai 2014. Es gab in Frankreich immer schon einen lang dauernden Kampf gegen die Ideen der Aufklärung und der Philosophie Kants, gegen alles, was das Allgemeine des Menschen, aller Menschen betont, wie die Toleranz usw. Im Katholizismus Frankreichs denke man etwa an die immer noch starke Bewegung der Traditionalisten und die in allen größeren Städten vorhandenen Gemeinden der Piusbrüder. Sternhell meint: Diesen Kampf zugunsten der Aufklärung gelte es jetzt, angesichts der Erfolge des Front National bei den Europawahlen 2014,  neu zu beleben. Es geht um die Demokratie, so gebrechlich sie auch erscheint, so tief reformbedürftig sie auch ist…

Wir haben vor kurzem auf die äußerst einseitigen, eher pro-FN wirkenden Äußerungen des Philosophen Alain Finkielkraut hingewiesen.

Jetzt schlägt der Soziologe, Politologe und Historiker der „französischen Ideen“ Pierre-André Taguieff  in seinem neuesten Buch „ Du diable en politique. Réflexions sur l’antilepénisme ordinaire“  (Über den Tuefel in der Politik. Reflexionen über den  gewöhnlichen Anti – Lepenismus), erschienen 2014 in Paris, bei den CNRS Éditions, eine ungewöhnliche Variante vor, den FN und die Ideen der Familie Le Pen zu „bekämpfen“. Pierre André Taguieff meint, die Verteufelung dieser rechtsextremen Partei in der Öffentlichkeit, in den Medien usw., sollte endlich aufhören zugunsten einer gründlichen Auseinandersetzung. Dass die kritische Auseinandersetzung verstärkt werden muss, ist keine Frage. Aber für Taguieff soll sie die Voraussetzung haben, diese rechtsextreme Partei als eine Partei wie alle anderen, als eine normale Partei, zu verstehen, zu deuten, zu behandeln!  In einem Interview mit der (rechten) Tageszeitung „Le Figaro“ weist Taguieff auf die eher schlichte Erkenntnis hin, dass derjenige, der einen Verteufelnden (also die FN) seinerseits wieder verteufelt, also „die“  Medien, sich auf derselben Ebene wie der Verteufelnde bewegt. Aber haben denn „die“ Le Pen Kritiker die Partei FN immer nur verteufelt, diabolisiert, wie er sagt? Gab es und gibt es nicht gründliche Analysen zu all den Themen, die der FN propagiert, wie Ausländer-„Reduzierung“,  möglichst wenige Muslime in Frankreich, Ausstieg aus dem Euro, gegen die Technokraten, für die gute alte Familie, gegen die Homorechts usw. Wurde da vonseiten der Vernunft wirklich nur ihrerseits wieder „verteufelt“? Was soll überhaupt dieses Wort „verteufeln“ in einer laizistischen Gesellschaft wie in Frankreich, wo selbst die Katholiken kaum noch an den Teufel glauben? Ist es nicht ein gefährliches Spiel, den FN jetzt wie eine Partei neben vielen anderen Parteien betrachten zu wollen? „Völlig ent-diabolisiert, könnte der FN einen großen Teil seiner Attraktivität verlieren“, schreibt hoffend und erwartungsvoll der Politologe. Man stelle sich nur einmal vor, in der Öffentlichkeit würde Antisemitismus nicht mehr als Schande und Verbrechen bewertet, also in gewisser Weise diabolisiert, was wäre da gewonnen? Würden die Antisemiten sich eines besseren besinnen und dann hübsche Humanisten werden?

Uns scheint der Vorschlag des gelehrten Herrn Taguieff doch etwas zu kurz gedacht. Es klingt fast, wie Jean Birnbaum in Le Monde vom 30. Mai 2014 schreibt, als wolle Taguieff „den FN (und die Le Pen Clique) reinwaschen von der schlechten Reputation“.

Wir halten uns lieber an seriösere Studien zu dem durchaus bedrohlichen Phänomen FN und des Le Pen Clan, etwa an das Buch der Historikerin Valérie Igounet, „Le Front National de 1972 a nos jours“. Erschienen bei Seuil, im Juni 2014. Auf dieses Buch werden wir noch zurückkommen. Die Schlussfolgerung der Autorin nach einer Studie von 448 Seiten: „Die Partei Front National ist eine Partei der extremen Rechten, die niemals ihr Wesen verändert hat“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



Die Neue Rechte – ein europäisches Phänomen

28. Mai 2014 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich

Dieser Beitrag von Christian Modehn, Berlin, wurde in der Zeitschrift ORIENTIERUNG (Zürich) im Jahr 1982 publiziert. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen in Frankreich, besonders angesichts der Europa Wahlen 2014 mit dem überraschenden Erfolg der rechtsextremen Partei Front National, haben einige LeserInnen gebeten, diesen Text von 1982 noch einmal zugänglich zu machen. Er zeigt einige Hintergründe zur heutigen Entwicklung in Frankreich – aber nicht nur dort – auf.

Zur Erinnerung:

Der rechtsradikale „Front National“ (FN) hat bei der Europa-Wahl 2014  25 Prozent der Stimmen erhalten und trat damit als „stärkste Partei“ hervor. Marine Le Pen, die Tochter des langjährigen FN Führers Jean-Marie Le Pen, will die Partei zu einer „normalen Partei“ machen. Diese „Normalität“ scheint ihr durchaus gelungen zu sein, auch wenn aktuelle antisemitische Äußerungen ihres Vaters immer wieder für tiefe Irritationen sorgen. Immerhin haben 25 Prozent der Katholiken Frankreichs den FN 2014 gewählt. Die  Warnungen von offizieller kirchlicher Seite vor dem FN (vgl. etwa das Buch „Extreme Droite, Pourquoi les chrétiens ne peuvent pas se taire“, von Etienne Pinte und Jacques Turck, Paris 2012)  haben wenig Wirkungen erzielt. Die zahlreichen Demonstrationen gegen die gesetzliche Freigabe der „Homo-Ehe“ 2013 wurden von vielen Bischöfen direkt auch persönlich unterstützt; unter den Demonstranten waren zahlreiche extrem-konservative Kreise aus dem weiten Umfeld des FN dabei. Diese offensichtliche, demonstrative „Melange“ von Katholisch (bischöflich) und rechtsradikal hat sicher auch ihre Wirkungen gehabt beim Wahlerfolg des FN 2014. Der FN konnte als Partei der „Ordentlichen“, der „Moralischen“, auftreten. Was gibt es für größere Werte in einem konservativen katholischen Milieu, in dem Gehorsam mehr gilt als Freiheit und Selbstbestimmung.

Marine Le Pen betrachtet das Wahljahr 2014 ohnehin als „année strategique“ (siehe dazu die neue umfassende Studie von Valérie Igounet, „Le Front National“, Editions du Seuil, Paris 2014, Seite 438).  2015 wird es Regionalwahlen geben, zwei Jahre später die Präsidentschaftswahlen. Merkwürdig bleibt, dass die Studie von Valérie Igounet nicht die Beziehungen zwischen Putin und Marine Le Pens FN erwähnt…

Der folgende, weiter unten publizierte Beitrag zeigt, wie seit Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahre ein geistiges, „kulturelles“ und religiöses Milieu geschaffen wurde, das den Aufstieg des FN förderte und begünstigte. Die Vordenker der „Neuen Rechte“ in Frankreich hatten klar erkannt: Zuerst kommt die Veränderung des Bewusstseins, des Wissens, der Normen, dann folgt die diesen Normen entsprechende Politik. In meinem Buch „Religion in Frankreich“ (Gütersloh 1993) habe ich auf den Seiten 120 ff. auf die innige geistig-politische Verbindung der katholischen Traditionalisten um den schismatischen  Erzbischof Marcel Lefèbvre und dem FN hingewiesen und darin erinnert, dass z.B. über viele Jahre vor dem Haupteingang der traditionalistischenHauptkirche Saint Nicolas du Chadonnet die Blätter des FN gern verkauft werden. Auch traditionalistische Klöster waren und sind Hochburgen der FN Fans, man denke etwa an die Abtei St. Madelaine in Le Barroux bei Avignon unter dem Abt Gérard Calvet.

Jean-Marie Le Pen hat immer wieder mit den Traditionalisten Messen gefeiert, etwa aus Anlass der Jeanne d Arc Feste. Bei den katholischen Traditionalisten fühlte sich der FN Chef (eigentlich gar nicht so fromm, wie er sagte) wohl, hat doch Monsignore Lefèbvre z.B. ausdrücklich den chilenischen Diktator Pinochet gelobt. „Katholisch und rechtsextrem hat sich in Frankreich schon seit der Revolution von 1789 gut gereimt“ (S 122 in „Religion in Frankreich“). Auf die heutigen Beziehungen der katholischen Traditionalisten und Marine Le Pens Partei FN wird ein eigener Beitrag folgen.

Christian Modehn

Nachtrag am 1. 9. 2014: In dem neuen Buch der Philosophin Barbara Muraca „Gut leben“, Wagenbach Verlag 2014, Seite 64 ff. wird auf jüngere Aktivitäten von Alain de Benoist, einem der Chefdenker der nouvelle droite hingewiesen. De Benoist präsentiert sich jetzt als Öko-Aktivist, der für eine Welt mit weniger Wachstum eintritt. „Es geht ihm darum, rechtspopulistische Inhalte indirekt zu formulieren und zu tarnen, so dass sie nicht als direkte (sehr rechtslastige  CM) Botschaften erkannt werden und keinen unmittelbaren Widerstand hervorrufen“ (S. 64). Erinnert wird etwa an Bioregionalisms und eine heidnische germanische Naturfrömmigkeit (S. 66) ….

Jetzt folgen die Beiträge aus der ORIENTIERUNG 1982:

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Das Spiel mit dem Feuer. Zu einem Buch von Alain Finkielkraut

20. Mai 2014 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Perspektiven und Probleme, Philosophische Bücher

Wenn ein Philosoph mit dem Feuer spielt

Ein Hinweis zu Alain Finkielkraut „L` Identité malheureuse“ (Stock 2013), Paris. 240 Seiten, 19,50€

Von Christian Modehn

Wenn die äußerst rechtslastige, manche Kenner sagen „rechtsextreme Partei“ Front National (FN) unter der Führung von Marine Le Pen bei den Europawahlen 2014 in Frankreich als sehr starke, wenn nicht als stärkste Partei hervorgeht, dann hat das viele Ursachen: die (auch intellektuellen) Schwächen der anderen Parteien, die „ungelösten“ sozialen Differenzen, die Arbeitslosigkeit usw.. Man hört schon förmlich die übliche „Litanei“ der nach der Niederlage etwas betroffen blickenden Politiker der demokratischen Parteien.

Nicht ganz unbeachtet sollte dabei die geistige Stimmung, die kulturelle „Wetterlage“, bleiben, die bekanntlich von geistigen Impulsen, auch von philosophischen Büchern mit –  bestimmt wird. Förderlich, wenn auch im einzelnen naturgemäß nicht exakt nachweisbar, für die Zustimmung zur rechtsextremen Partei FN könnte auch das neue Buch des Philosophen Alain Finkielkraut (geb 1949 in Paris) „L Identité malheureuse“ (Die unglückliche Identität) sein. „Le Monde“ berichtet am 11. 4. 2014, dass bisher 80.000 Exemplare verkauft wurden. Dieses Buch bewegt in Frankreich seit seinem Erscheinen im Herbst 2013 die Gemüter äußerst heftig.

Finkielkraut ist ein extrem viel beschäftiger, damit ein „typisch“ Pariserischer „Intellektueller“. Er ist als Philosophieprofessor an der „Ecole Polytechnique Paris“ vor allem Buchautor … und jetzt wieder einmal Dauergast im Fernsehen. Zudem leitet er eine beachtliche Sendung auf Radio „France Culture“ (sie heißt „Repliques“). Er nennt sich selbst laizistischer und atheistischer Jude, verteidigt den Staat Israel absolut (siehe Le Figaro, 21. 11. 2011), er ist auch regelmäßiger Mitarbeiter bei dem Privatsender „Radio Communauté Juive“ (RCJ). Nun also hat er ein weiteres Buch geschrieben, das genau die Stichworte in den Mittelpunkt stellt, die auch die Getreuen der äußerst rechtslastigen (und explizit „europa-feindlichen“, bei Putin sehr beliebten) Partei FN propagieren: Es ist die Angst um die französische „Identität“. Ihm geht es auch in diesem Buch, das viele zurecht wohl ein Pamphlet nennen, um den Niedergang der alten französische Identität, verursacht durch den Zustrom von Immigranten. Nur ein paar Zitate aus dem Buch: „Europa ist zum Einwanderungskontinent verkommen“. Die Franzosen (welche ? CM) fühlen sich wegen der Einwanderer fremd auf ihrem eigenen Boden“. „Wir sind der Andere des Anderen (also des Immigranten CM), Und hat dieser Andere (also die Franzosen) nicht das Recht zu sein und sein Sein zu bewahren?“ „Der Franzose muss die Auslöschung seines eigenen Gesichts verhindern“.

Bemerkenswert ist hier, dass da jemand schreibt, der, so wörtlich, meint, „bis zum Jahr 1972 sei Frankreich noch eine homogene Nation“ gewesen. Dabei vergisst Finkielkraut, dass 1972 in diesem Frankreich bereits Italiener, Spanier, Polen und Russen usw. lebten, und eben auch Askenazim, zu denen sich Finkielkraut rechnet. Und es lebten auch Franzosen aus Algerien in diesem offenbar so homogenen Frankreich. Die Tendenz von Finkielkraut ist klar: Er will unter allen Umständen auf die angeblichen Gefahren aufmerksam machen, die von den muslimischen Einwanderern aus Afrika verursacht werden.  Er will die „Autochthonen“, also die irgendwie schon lange in Frankreich lebenden Franzosen, retten; er empört sich, dass man heute das Wort Rasse nicht mehr unschuldig verwenden kann, er sieht den Niedergang der (alten) von ihm wie in einer Nostalgie geliebten französischen Kultur der Nähe und Treue verursacht durch … je wen wohl? Durch die Einwanderer aus Afrika in den Vorstädten.

Der französische Philosoph sieht nicht die politischen Fehler, die mit der Ausgrenzung dieser oft in Frankreich geborenen muslimischen Franzosen, begangen wurden. Die (christlichen ?) Herrschaften in Paris wollten besser unter sich bleiben, und haben deswegen die Armen, die „Afrikaner“ und andere Muslims in die hässlichen Vorstädte transportiert. Sie sind eine Last in der Sicht der Herrschaften in Paris.

Aber der für solche Fragen blinde Finkielkraut fürchtet, wie Frankreich zu einer „auberge espagnole“ wird, also zu einem primitivem Schuppen ohne Kultur, was dieses Wort bedeutet. „In dieser Situation wissen die Franzosen (aber welche? CM) nicht mehr , wo sie sind“.

Besonders auffällig ist, dass Alain Finkielkraut sich ohne Skrupel dem Denken und dem Vokabular von Renaud Camus anpasst, „für den Finkliekraut eine vehemente Leidenschaft hat“, wie „Le Monde“ am 23. 10. 2013 schreibt. „Denn dieser Schlossherr und Schriftsteller aus dem Gers wird nicht nur von seinem Freund und Protektor zitiert, er tritt wortwörtlich als dessen Buchredner auf“, heißt es weiter in „Le Monde“. Renaud Camus hat bekanntlich sich klar und deutlich bei Wahlen für die Chefin des Front National ausgesprochen. All das stört offensichtlich Alain Finkielkraut nicht.

Die weltweit geschätzte Historikerin Elisabeth Badinter versucht dieses irritierende Verhalten und Denken ihres Mitbürgers zu verstehen: “Finkielkraut teilt mit einer gewissen Anzahl von Intellektuellen diese Charakteristik: Geboren in jüdischen Familien, eingewandert nach Zentraleuropa; sie widmen dann Frankreich dermaßen eine Liebe, die man sich kaum vorstellen kann, auch einen tiefen Respekt vor den Gesetzen Frankreichs“ (so in Le Monde 1. Nov. 2013).

Die Frage bleibt, bei allem Verständnis für diese psychologischen Hinweise: Wie kann sich ein so „kluger Philosoph“ auf diese Ebene mit einem offensichtlich reaktionären Schriftsteller wie Renaud Camus begeben? Vor allem, dies wäre eine weitere Frage. Welche Bindungen bleiben da noch bei Finkielkraut an einen seiner Lieblingsphilosophen, an  Emmanuel Lévinas. In dem Buch „Die Weisheit der Liebe“ (1984) hatte Finkielkraut z.B. noch geschwärmt, wie „der andere“, auch „der Fremde“,  mich zu meinem wahren Dasein ruft und förmlich „zwingt“. Man lese etwa in der deutschen Ausgabe von 1987 (Hanser Verlag) die Sätze Finkielkrauts: “Die Moral ist eine Konversion im eigentlichen Sinne. Etwas Fremdes – das Antlitz des anderen Menschen – kommt und zwingt mich, meine Gleichgültigkeit aufzugeben. Ich werde durch den anderen … zu einer Verantwortung gerufen“ (S. 154. Im übrigen ist Finkielkraut auch Mitbegründer des Levinas Studienzentrums in Jerusalem!  Wie passt das alles zusammen? Was bleibt von einer geistigen, vor allem radikal ethischen Präsenz von Lévinas in diesem Pamphlet? Vielleicht gar nichts?

Das Pamphlet, viel gelesen, viel besprochen, ist wirksame, wenn auch kulturell nur indirekte Werbung für Madame Le Pen; sie schämt sich vielleicht etwas, öffentlich zuzugeben, nun einen sehr rührigen jüdischen Unterstützer und Maitre à penser zu haben.

Das Buch ist von tiefem Pessimismus geprägt. Finkielkraut sieht Frankreich als ein riesiges Getto, die heutige französische Kultur ist für ihn ein riesiger Friedhof toter Texte… Die Philosophin Elisabeth de Fontenay schreibt auf der website JDD: „Finkielkraut hört nicht den Gesichtspunkt, der sich ihm entgegenstellt. Er hält keinen Dialog mit dem anderen, der sich in ihm selbst befindet und auch außerhalb, im anderen. Er hält nur einen Dialog so, um sich dann ein Stück wegzunehmen, aber nicht um sein eigenes Denken zu verändern“.

Mit (nur) 16 von 28 Stimmen wurde Alain Finkielkraut am 10.4. 2014 zum Mitglied der berühmten „Academie Francaise“ gewählt, man nennt die Mitglieder aufgrund ihres Renommees „Die Unsterblichen“. Hoffentlich bleibt das Buch „Identité Francaise“ nicht unsterblich.

 

Copyright: Christan Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



„Mensch bin ich in der Revolte“: Zur Aktualität von Albert Camus

19. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Termine

Ein Salonabend anläßlich des 100. Geburtstages von Albert Camus am 7. November 2013.
Den Text einer Radiosendung des NDR finden Sie weiter unten.
Einen weiteren Beitrag in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM finden Sie hier.

Albert Camus: Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt, er wird immer noch viel gelesen, als authentischer Zeuge des 20. Jahrhunderts, als wahrhaftiger Autor, als Philosoph, der das Leben liebte – trotz Sinnlosigkeit und Absurdität.“Trotzdem“ wurde sein Grundwort, es deutet auf eine spirituelle Haltung hin, die er, der Ungläubige lebte. Er weigerte sich, die Etikette „Atheist“ für sich zu verwenden, er war ein moderner Grenzgänger zwischen den etablierten Weltanschauungen.
In dem Salon versuchen wir, Neues bei Camus zu entdecken, seine humanistische Spritualität nämlich, die sich vor allem aus seiner Naturverbundenheit ergab. Im Mittelpunkt steht dann die Frage: Was bedeutet es in unserer Situation, wenn Camus den Menschen wesentlich als Rebellen, als Menschen der Revolte versteht (in Abgrenzung zum ideologisch verblendeten, gewaltsamen Revolutionär). Seine Einsicht heißt: „Ich rebelliere. Also sind wir“.
Herzliche Einladung!
Der Salon findet am Freitag, 18. Oktober 2013, in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, statt. Um Anmeldung wird gebeten: An: Christian.modehn@berlin.de Dann werden entsprechende Lesetipps zugesendet.
Wir bitten um einen Beitrag von 5 Euro(Raummiete), Studenten haben freien Eintritt.
Diesmal wird der Philosoph Prof. Lutz von Werder bei uns sein.

……….
Albert Camus: Zu seinem 100. Geburtstag.
Ein Beitrag, der vielfach vergessene Aspekte im Leben und Denken von Albert Camus freilegt.

Das vorliegende Manuskript gehört zu einer Radiosendungvon NDR Kultur am 20. Okt. 2013. Die Form entspricht der für Hörfunkproduktionen üblichen Struktur. Red.:Dr. Claus Röck NDR
Das Manuskript ist ausschließlich zu privatem Gebrauch bestimmt!

„Das Leben ist ein Geheimnis“
Albert Camus – ein frommer Ungläubiger
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Berichterstatter
3. SPR.: Zitator Camus.

1.SPR.:
Das Flanieren in Paris hat einen besonderen Reiz im so genannten „Intellektuellen – Viertel“ rund um Saint Germain des Prés, auf der Rive Gauche, dem linken Ufer der Seine. Dann erinnert man sich, vielleicht im Café „Deux Magots“ verweilend, an die glorreichen Jahre nach der Befreiung von der Naziherrschaft. Da wurde in der „Brasserie Lipp“ oder dem Musikclub „Tabou“ ausgelassen gefeiert und heftig debattiert: Philosophen und Journalisten, Literaten und Künstler wollten sich übertreffen mit ihren Visionen für eine bessere Welt.

2.SPR.:
Im Herbst 1943 hatte sich der Schriftsteller Albert Camus in Paris niedergelassen. Seine Bücher „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphus“ waren gerade erschienen und hatten begeisterte Aufnahme gefunden, auch bei den Intellektuellen. Der Philosoph Jean Paul Sartre und seine Gefährtin Simone de Beauvoir ließen jedoch den jungen Autor spüren, dass er nicht ganz zu ihnen passte. Hatte doch Camus den Makel, keine berühmte Pariser Elitehochschule besucht zu haben. Er galt als „Algerien – Franzose“ und war somit eine Art Emporkömmling aus der fernen Kolonie. Dort wurde er am 7. November 1913 in dem Dorf Mondovi geboren: Die Verhältnisse zu Hause waren äußerst bescheiden. In seinem autobiographischen Roman „Der erste Mensch“ erinnert er sich an die Kindheit:

3. SPR.:
Ich war immer inmitten einer Armut aufgewachsen, die so nackt war wie der Tod.

1.SPR.:
Der junge Camus wurde früh mit der brutalen Sinnlosigkeit des Lebens konfrontiert: Sein Vater, zu Beginn des Ersten Weltkrieges an die französische Front abkommandiert, erliegt schon wenige Wochen später seinen Verletzungen. Der arme Mann aus der Kolonie: Er war nichts als Kanonenfutter. Das Entsetzen darüber klingt selbst in Camus distanzierter Sprache an:

3.SPR.:
Der Vater hatte Frankreich nie vorher gesehen. Er sah es. Und wurde gleich getötet.

2. SPR.:
Die Großmutter kümmert sich um die beiden Kinder, Albert und Lucien; die Mutter, stark behindert, ist kaum in der Lage, korrekt zu sprechen. Zu alledem leidet Albert Camus an der Tuberkulose, mit dieser Krankheit wird er sein ganzes Leben zu kämpfen haben.

1.SPR.:
Aber er will sich den widerwärtigen Bedingungen des Daseins nicht unterwerfen: Er liebt die Welt, und er liebt die Menschen. Schon in einem seiner frühesten Essays mit dem Titel „Sommer in Algier“ schreibt Camus:

3. SPR.:
Wenn es eine Sünde gegen das Leben gibt, so besteht diese Sünde darin, auf ein anderes, jenseitiges Leben zu hoffen und sich der unerbittlichen Größe dieses jetzigen Lebens zu entziehen. Ich behaupte, dass ich am Glück der Engel im Himmel keinen Geschmack finde.

2.SPR.:
Seine philosophischen Interessen helfen ihm, seine eigene, einmalige Lebenshaltung zu entwickeln. Er studiert den Kirchenvater Augustin und gleichzeitig den antiken Philosophen Plotin. In Algier widmet er beiden Denkern seine philosophische Lizenziatsarbeit. Und gleich danach macht er seine ersten Versuche als Schriftsteller. Er sieht seine Berufung als Künstler darin, anderen zu helfen, den Lebenssinn inmitten des Unsinns zu entdecken.

1.SPR.:
Als Journalist in Paris weiß er sich dieser Mission verpflichtet. Die Zeitung Combat stand, wie der Name sagt, ganz im Dienst des Kampfes gegen die deutsche Besetzung. Heftig wurden dabei auch Kollaborateure attackiert, jene Franzosen, die sich unter dem Nazi – freundlichen Regime des Marschall Pétain so recht wohl fühlten.

2. SPR.:
Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten im August 1944 beginnt aber für Albert Camus ein neuer Kampf, diesmal gegen totalitäres Denken, nun auch in Friedenszeiten. In seinem Roman „Die Pest“ lässt Camus den Arzt Dr. Rieux eine ihm selbst so wichtige Überzeugung aussprechen:

3. SPR..
Diese Freude über das Ende der Pest ist immer wieder bedroht, und die Pest und das schlimmste Übel können jederzeit wiederkommen.

1.SPR.:
Camus tritt leidenschaftlich ein für die Rechte der Menschen, zumal der kleinen Leute; blinden Terror und staatliche Gewalt will er bedingungslos bekämpfen, egal, ob sie von Faschisten oder von Kommunisten verübt werden.
Und genau daran zerbricht die Freundschaft mit Sartre und seinem Kreis, zu dem auch die Philosophen Maurice Merleau – Ponty und Francis Jeanson gehörten. Sie sind überzeugt, die gerechte Welt beginne hinter dem eisernen Vorhang. Die sonst so kritischen Köpfe haben viel Verständnis für die Sowjetunion; sie können es ertragen, dass eine systematische Auslöschung der Opposition politisch notwendig erscheint. Straflager seien nichts anderes als ein notwendiges Mittel, um den guten Zweck des Kommunismus zu befördern.

2. SPR.:
Albert Camus ist über so viel Verblendung entsetzt. Und er ist nicht bereit, um der Freundschaft mit einigen Intellektuellen willen auf sein Mitgefühl für die unschuldigen Opfer zu verzichten. Er ist einer der wenigen Intellektuellen in Paris, die sich mit den Arbeiterprotesten in Ost – Berlin oder Budapest solidarisieren. Seine ehemaligen Freunde wissen nun: Camus gehört nicht mehr zu ihrer Clique. Er ist ein sozialistischer Demokrat; ein Rebell, kein Revolutionär. Darum gilt er nun als Ausgestoßener und Verfemter. Um so mehr verehren ihn seine Leser weltweit: Seine Romane „Die Pest“ und „Der Fremde“ werden in mehr als 45 Sprachen millionenfach verbreitet.

1. SPR.:
Aber äußere Erfolge können ihn kaum trösten. Die Stadt Paris erscheint ihm kalt und fremd. Ein Leben inmitten von Steinwüsten wird ihm zur Last. Er zieht sich in kleinere Städte zurück, nach Avignon oder Angers, erst kurz vor seinem Tod findet er seine wirkliche Heimat inmitten der Schönheit der Provence.

2. SPR.:
Das Leben in den anonymen Großstädten kann Camus nur bestehen mit seiner humanistischen Spiritualität. Sie folgt keiner speziellen Tradition; sie ist sein eigenes, sein schöpferisches Werk. Leitend ist die Überzeugung: Niemand sollte sich einreden lassen, das wahre menschliche Leben beginne erst in ferner Zukunft, etwa in der klassenlosen Gesellschaft oder –religiös formuliert – im Himmel. Wer heute leidet, will trotz allem jetzt sinnvoll leben.

3. SPR.:
Der einzelne Mensch erlebt, dass er sinnvoll leben will, das gehört zu seinem Wesen. Gleichzeitig aber erleben wir, wie unsere Versuche, dem Leben Sinn zu geben, auch wieder scheitern und uns in Verderben ziehen können.

1.SPR.:
Diese Doppelbödigkeit des Lebens ist für Camus bestimmend: Es gibt auf dieser Welt nie das vollständig Gute, es gibt nur die Mischung aus Ja und Nein, aus Glück und dem „Absurden“.

2.SPR.:
In dem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ zeigt Camus, wie der Mensch in einer offenbar aussichtslosen Lage doch noch selbst seinen Sinn finden kann: Auch wenn Sisyphus den Stein wieder und wieder auf den Berghang hinaufwälzt und dieser dann am Gipfel sofort wieder hinunterrollt: Sisyphos ist stolz, von so viel Sinnlosigkeit überhaupt zu wissen, also auf sie zu schauen und nicht wie ein Tier an sie gekettet zu sein. Immer bin ich es, der diese Leistung vollbringt. Ich stehe also über dem Mechanismus der Monotonie von Hinauf und Hinunter. Camus schreibt:

3. SPR.:
In diesem Widerstand zeigt sich eine stille Freude. Alles ist gut. Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das Absurde hat nur Sinn in dem Maße, indem man ihm gerade nicht zustimmt .

1.SPR.:
Die Erfahrung von Absurdität und Sinnlosigkeit schließt menschliche Entwicklung und Reifung gerade nicht aus. Denn der Mensch kann immer seine schöpferische Kraft entwickeln und für sein eigenes Leben sinnvolle Horizonte erschließen. Diese Fähigkeit des Geistes befreit aus existentieller Bedrängnis. Camus hat dafür eine Art Formel:

3.SPR.:
Schöpferisch sein, bedeutet zweimal zu leben.

1.SPR.:
Denn es gibt neben dem unmittelbaren, alltäglichen Leben noch das reflektierte, das geistige Leben. Und das ist größer als alle Aussichtslosigkeit oder Gebundensein an schlimme Umstände. Deswegen kommt für Camus auch der Suizid nicht in Betracht. So sehr er selbst mit der Versuchung des Selbstmordes zu kämpfen hatte, etwa als er die Untreue seiner ersten großen Liebe durchmachen musste. Hand an sich zu legen, lehnt er aber grundsätzlich ab: Denn das würde bedeuten, sich dem Absurden zu unterwerfen.

2. SPR.:
Camus, der 1960 bei einem Autounfall aus dem Leben gerissen wurde und dessen Werk unvollständig blieb, hat eine Antwort auf die Frage: Unter welchen Bedingungen sich Menschen der Erfahrung von Sinnlosigkeit widersetzen können Und er verweist auf die ihm eigene Spiritualität: Dieser Begriff war Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts noch auf die enge Kirchenwelt begrenzt, deswegen verwendete ihn Camus auch nicht. Aber seine Äußerungen sind klar: In der tiefen Verbundenheit mit der Natur findet er den Grund seines geistigen Lebens, seine Spiritualität: Er denkt dabei vor allem an die Welt des Mittelmeeres mit ihrer Kraft der Sonne und der unendlichen Weite des See , vor allem aber auch an die Stille der Natur im Abseits der Städte. Er schreibt:

3. SPR.:
Es ist meine schwere Bestimmung, auf heidnischem Boden in einer christlichen Epoche geboren zu sein. In diesem Sinne fühle ich mich den Werten der antiken, griechischen Welt näher als dem Christentum. Griechenland ist für mich nur noch ein langer strahlender Tag und auch eine von Blüten bedeckte Insel, die unablässig auf einem Meer des Lichts dahin treibt. Dieses Licht gilt es festzuhalten.

1.SPR.:
In seinen Romanen und Essays beschreibt Camus, wie im Erleben der Schönheit eine Dimension des Heiligen berührt wird. Für ihn ist dies kein Rückfall in romantische Gefühle, sondern eine moderne Weltsicht, die den Menschen aus der Verkapselung in Individualismus und Egoismus befreien kann. Diese sinnstiftende Gabe der Natur kann nur wahrnehmen, wer sich der Welt geradezu andächtig zuwendet und die Natur nicht dem technischen Zugriff unterwirft. In der Profitgier entstehen nur verwüstete Landschaften. In seinem Buch „Licht und Schatten“ schreibt er – beinahe mystisch bewegt – von einem Besuch in Palma de Mallorca:

3. SPR.:
Wenn ich dort in den Höfen voller grüner Pflanzen und runder grauer Säulen stehen blieb, verschmolz ich mit diesem Geruch des Schweigens. Ich verlor meine Grenzen und war nichts anderes mehr als der Klang meiner Schritte oder jener Vogelschwarm, dessen Schatten ich in der Höhe auf den sonnigen Mauern wahrnahm. Im Schweigen dort fand ich eine neue und doch vertraute Köstlichkeit.

2.SPR.:
Dabei weiß Camus durchaus, dass die Natur doppeldeutig erlebt wird. Die Sonne schenkt zwar Leben; sie kann aber auch mit ihrer unbezähmbaren Kraft vieles vernichten. Nur mit Klugheit und Maß kann sich der Mensch der Natur aussetzen. Dann aber wird er reich beschenkt, gelegentlich sogar in Großstädten, die eigentlich keinen Raum bieten für erhebende Natur – Erfahrungen. In dem von ihm als abweisend und hässlich erlebten Prag wurde Camus eine besondere Erfahrung geschenkt:

3. SPR.:
In einem Barockkloster am Rande der Stadt, ließen die Lieblichkeiten des Augenblicks, der gemächliche, helle Ton der Glocken, die vom Turm auffliegenden Tauben und auch ein Duft von Kräutern ein tränenerfülltes Schweigen in mir entstehen. Es brachte mich der Erlösung auf Haaresbreite nahe.

1.SPR.:
Erlösung erwartet Camus nicht in religiösen Zeremonien der Kirchen. Nur inmitten des Lebens, in einem geschenkten Augenblick der Stille gelingt es, eine Spur der Transzendenz zu sehen. In seinen „Carnets“, den „Tagebuch Notizen“, beschreibt er seine spirituelle Haltung:

3. SPR..
Das Wort Atheismus hat keinen Sinn für mich. Bei mir ist es so: Ich glaube zwar nicht an Gott, ich bin aber auch kein Atheist“.

2.SPR.:
Camus lebt – paradox – in gottloser Frömmigkeit, er kennt die Ahnung des Heiligen, er liebt das Erhabene in der Natur und weiß, dass da jedes Wort nur Fragment ist. Aber er erlebt, wie der Mensch in eine dauerhafte Gegenwart gestellt wird: Die Last der Vergangenheit wird dann ausgeblendet und die Aufgaben der Zukunft werden zurückgestellt. Nur die Gegenwart ist im Naturerleben „da“. Wer dies achtsam erlebt, wird in die Zeitdimension der langen Dauer gehoben, in einen gedehnten, sozusagen stehenden Augenblick. Der fließende Zeitstrom ist überwunden und die Ahnung wird geweckt, was Ewigkeit meinen könnte. Von der Schönheit der Natur unterstützt, wird dabei das Geheimnis allen Lebens berührt. Selbst noch der Mörder Mersault, der Protagonist in dem Roman „Der Fremde“, kann sich in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung durch den Anblick der Natur geborgen, wenn nicht gerettet fühlen.

3. SPR.:
Ich bin mit den Sternen über dem Gesicht wach geworden. Geräusche vom Lande stiegen zu mir herauf. Gerüche von Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich ein wie eine Flut.

1. SPR.:
Aber für Camus ist Spiritualität kein Selbstzweck. Immer geht es ihm darum, Widerstandsreserven zu wecken inmitten des Alltags. Auch der politische Kampf für die Rechte der Unterdrückten kann niemals auf eine geistvolle Lebensphilosophie verzichten. Wie sollte man denn sonst die vielen kleinen, die vielen frustrierenden Schritte hin zu einer Verbesserung der Welt überhaupt leisten können?

2.SPR.:
Wer die neue, die gerechtere Welt aufbauen will, muss immer auch Nein sagen zu den alten Verhältnissen. Diese Dialektik zwischen Ja und Nein ist entscheidend. Und Camus sieht darin eine Art Urkraft des menschlichen Geistes! In seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ hat er diesen Gedanken weiter entfaltet.

3. SPR.:
Der Revoltierende kämpft für eine Unversehrtheit seines Wesens Und die Bewegung der Revolte beruht auf der kategorischen Zurückweisung eines als unerträglich empfundenen Leidens.

1.SPR.:
Der Mensch muss rebellieren, einfach nur, weil er Mensch ist, das gehört zu seinem Wesen! Dabei ist die Rebellion oder die Revolte grundlegend verschieden von der Revolution. Diese lässt sich von brutaler Macht und tötender Gewalt leiten. Die Einheitspartei im Kommunismus wie im Faschismus maßt sich an, Hort der Wahrheit zu sein und deswegen Menschen auslöschen zu dürfen. Auch in der westlichen Welt, mit ihrer Lust am unbegrenzten Konsumieren und Vernichten der natürlichen Ressourcen, sieht Camus nichts als zerstörerischen Nihilismus, es ist die Ideologie: Alles auf dieser Erde ist letztlich wertlos und deswegen zu verbrauchen.

2. SPR.:
Nur der Rebell, also der „Mensch in der Revolte“, kann dem herrschenden Nihilismus Einhalt gebieten: Camus findet Bündnispartner, denn es gilt, eine breite Bewegung der Solidarität aufzubauen, mit kritischenGewerkschaften vor allem. Er sieht, wie sich rebellische Menschen unterstützen, wenn sie ein gemeinsames, humanes Projekt haben. Camus formuliert diese Einsicht in einer weithin bekannten Formel:

3. SPR.:
Ich empöre mich. Also sind wir!

1. SPR.:
Ein denkwürdiges und anspruchsvolles Wort: Das Lebens Motto von Camus! Denn wenn das Leben wesentlich Protest ist gegen Ungerechtigkeit und Rebellion gegen den Nihilismus, dann erlebt man Außergewöhnliches: Der einzelne weitet sich auf die anderen hin, es entstehen Verabredungen, es wächst Gemeinschaft. Camus betont:

3. SPR.:
In der Revolte zeigt sich eine Bejahung des Lebens; diese Zustimmung übersteigt den Einzelnen. Sie zieht ihn aus seiner Einsamkeit und gibt ihm einen Grund zum handeln. Der Revoltierende kämpft für eine Unversehrtheit seines Wesens. In der Revolte übersteigt sich der Mensch.

2.SPR.:
Auch wenn Camus immer wieder betont, nicht an den Gott der Christen und ihrer Kirchen zu glauben, so ist er alles andere als ein militanter Feind der Religionen. Er meint zwar, die Theologen wüssten zu viel von der göttlichen Wirklichkeit und dem Geheimnis des Lebens. Dennoch ist es für ihn wichtig, mit den Christen zu diskutieren. So folgte er gern einer Einladung der Dominikaner Mönche in Paris und er läuterte ihnen seine religionsphilosophische Haltung:

3. SPR.:
Ich möchte festhalten, dass ich mich nicht im Besitz irgendeiner absoluten Wahrheit fühle, aber auch niemals von dem Grundsatz ausgehen werde, die christliche Wahrheit sei eine Illusion. Vielmehr möchte ich Ihnen sagen, dass die Welt heute ein echtes Zwiegespräch nötig hat.

1.SPR.:
Camus ist überzeugt: Die Zeit ist gekommen, dass sich Ungläubige wie Gläubige vereinen in ihrer Rebellion gegen jegliche Verachtung menschlichen Lebens. Seine christlichen Freunde hat er mehrfach aufgefordert, über die eigenen Dogmen hinauszublicken zugunsten elementarer Lebenserfahrungen. In seinem Buch Licht und Schatten schreibt Camus:

3. SPR.:
Die Welt ist schön. Außerhalb dieser schönen Welt gibt es kein Heil und keine Rettung.

2.SPR.:
Aber der Mensch wird sterben, was kann dann über den Tod hinwegtrösten? 1957 notiert Camus :

3. SPR.:
Wenn ich einmal sterbe, dann wird dieser schöne Ort wie Tipasa am Mittelmeer noch weiter seine Fülle und Schönheit verbreiten. Darin finde ich meinen Trost. Wir entscheiden uns für die treue Erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat, die Großzügigkeit des wissenden Menschen. Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe.

1.SPR.:
Wenige Tage vor der Verleihung des Literatur – Nobelpreises im Dezember 1957 in Stockholm formulierte er noch einmal das, was ihn trägt:

3. SPR.:
Wie viele andere Menschen von heute bin ich des Mäkelns und der Bosheit, mit einem Wort, des Nihilismus müde. Was zu verurteilen ist, sollte verurteilt werden! Aber kurz und bündig. Was hingegen noch gelobt zu werden verdient, sollte ausführlich gelobt werden. Schließlich bin ich ja deswegen Künstler. Denn selbst das Werk, das verneint, bejaht doch noch indirekt etwas und ehrt auch so das armselige und herrliche Leben, unser Leben.

Literaturhinweis:
Unter den Werken Albert Camus verdient die neue Übersetzung von „Hochzeit des Lichts“ (übersetzt von Peter Gan und Monique Lang), erschienen im Arche Verlag, Hamburg – Zürich, 2013, besondere Beachtung, zumal im Blick auf das Thema Spiritualität.



Diderot vor 300 Jahren geboren

11. September 2013 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Gott in Frankreich, Philosophenkalender, Termine

Wir erinnnern gern an den vielseitigen Philosophen und Autor Denis Diderot, der am 5. Oktober 1713 in Langres, Champagne, geboren wurde. Wichtig ist vor allem, dass die kleine Stadt ein eigenes Diderot Museum am 22. September 2013 eröffnet. Mehr zu Diderot und dem neuen Museum: klicken Sie bitte hier.



Wie lebt Gott in Frankreich heute?

1. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Wie lebt Gott in Frankreich heute?

Von Christian Modehn

Die empfehlenswerte unabhängige Zeitschrift PUBLIK FORUM  hat am 1. März 2013 auf der website einen Kommentar veröffentlicht, den wir hier gern zum Nachlesen anbieten, klicken Sie bitte hier.

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