Bolsonaro, Brasilien, wird von fundamentalistisch frommen Christen gewählt. …Wenn das „Opium des Volkes“ politisch wirkt.

Ein Hinweis von Christian Modehn zu der Tatsache: Dass fundamentalistische Kirchen die Politik vergiften.

Für die Arbeit des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin ist, wie der Name sagt, auch wichtig: Die Rolle der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft, damals und heute, zu studieren und zu dokumentieren. Und Klartext zu reden. Auch über Religionen, die nicht auf dem Niveau der Menschenrechte agieren!

Und zum Wahlsieg von Jair Messias (sic!) Bolsonaro in Brasilien müssen einige, leider in Deutschland selten ausführlich dokumentierte, Erkenntnisse mitgeteilt und zur Diskussion gestellt werde.

Dabei geht es zentral um die Rolle fundamentalistisch orientierter evangelikaler Kirchen in Brasilien, die Bolsonaro, zwar nicht als die einzigen, aber sicher entscheidend die Herrschaft ermöglicht haben. Klar ist auch, es gibt sicher Minderheiten sozial engagierter und politisch reflektierter Evangelikaler und Pfingstler, etwa auch in den vielen Elendsvierteln. Nicht alle Evangelikaen haben Bolsonaro gewählt, aber eben doch eine absolute Mehrheit, angetrieben von den einflussreichen Führern (genannt Prediger).

1.Religionskritik ist also die entscheidende philosophische Reflexion. Theologie hilft bei der Kritik der Konfessionen nicht weiter. Denn die Theologie ist viel zu befangen und abhängig von den Weisungen der Chefs dieser Kirchen.

2.Bolsonaro wird übereinstimmend, international, in der demokratischen und auf Menschenrechte verpflichteten Presse, als Rassist, als Faschist, als Neofaschist oder als Wegbereiter einer Militärdiktatur in Brasilien bezeichnet. Dies sind Titel, die aus den unsäglichen Hasstiraden, dem Verhalten und dem Parteiprogramm Bolsonaros begründet entnommen werden.

  1. Noch einmal: Die Evangelikalen und Pfingstler in Brasilien haben ganz entscheidend zum Sieg Bolsonaros beigetragen. Schon im ersten Wahlgang haben fast zwei Drittel dieser fundamentalistisch Frommen Bolsonaro gewählt. Man muss sagen: Diese angeblich so Bibel treuen Frommen ermöglichen mit ihrer Bindung an Bolsonaro eine neue Ära rechtsextremer Gewalt und rechtsextremer Bündnisse in Lateinamerika und den USA vor. Religionspsychologen würden wohl von frommer Dummheit ohne Sinn für Demokratie sprechen.

4.Diese evangelikalen Kreise in Brasilien unterstützen Bolsonaro, weil ihr Wertesystem getrimmt ist auf den Schutz des ungeborenen (!) Lebens, auf das rigide Verbot von Abtreibung, auf die klassische Familie, auf die Abwehr des Feminismus, den Hass auf Homosexuelle usw. Diese Christen zeigen deutlich: Die Pflege der Menschenrechte ist nicht ihre Sache. Ob man in evangelikalen Kreisen Deutschland eine öffentliche und deutliche Distanzierung von den Glaubensbrüdern in Brasilien erlebt?

5.Diese theologisch fundamentalistisch denkenden Evangelikalen in Brasilien lieben es, wenn Bolsonaro „Gott über alles stellt“, nachdem er kurz zuvor „Brasilien über alles“ (dem Beispiel von Mister Trump folgend) predigt.

  1. Diese theologisch fundamentalistisch (d.h. unaufgeklärt denkenden Evangelikalen) sind also nicht primär an den Werten der Demokratie und der Menschenrechte interessiert. Sie sind durch die Bibellektüre und die einpeitschenden Predigten ihrer sich ständig bereichernden Chefs, „Prediger“ genannt, so verblendet, dass sie eine rassistische Führergestalt, Bolsonaro, unterstützen.

Die wortwörtliche Bibeldeutung dieser Kreise entspricht genau der wortwörtlichen also fundamentalistischen Bibeldeutung der portugiesischen Kolonialherren vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Die heutigen Evangelikalen und Pfingstler dort sind also die theologische Fortsetzung des Kolonialismus. Was für eine Schande, die diesen Leuten selbst wohl kaum bewusst ist. Mit Bolsonaro wird auch das kolonialistische Verhalten gegenüber den indianischen Völkern fortgesetzt werden, indem zugunsten des Profits der weißen Kapitalisten der Lebensraum dieser armen Menschen rund um den Amazonas eingeschränkt und zerstört wird.

7.Mit anderen Worten: Diese evangelikalen Menschen sind sozusagen aufgrund ihrer Religiosität politisch völlig desorientiert, wenn man die demokratischen Werte als Norm ansetzt. Dabei spielen natürlich für sie auch ökonomische Interessen mit, etwa das Versprechen der in den Kreisen üblichen Theologie des Wohlstands, die Überwindung der Gewalt in den Städten usw.

  1. Sie meinen, der Rassist Bolsonaro und seine Militärs könnte mit massivster Gewalt die bestehende Gewalt in den Städten und auf dem Land ausrotten. Diese Christen meinen auf eine Vernunft geleitete Gesellschaftsanalyse verzichten zu können, um Gewalt zu beenden, also durch Umverteilung des Reichtums, durch humane Ökologie, durch bessere Bildung für alle, würdige Wohnungen für alle usw. Dieses Projekt kann auch in Brasilien nur gelingen, wenn die Reichen sich zur Gerechtigkeit bekehren. Aber daran denken nur wenige dieser fundamentalistisch frommen Massen. Anstelle der Vernunft werden Emotionen, Hass, Neid, dumme Sprüche der Herrschenden hochgeschätzt.

9.Den evangelikalen Kreisen hat es sehr gefallen, dass der getaufte Katholik Bolsonaro offenbar aus taktischen Gründen 2017 nach Israel reiste und sich von Predigern der reaktionären, aber auch in denMedien mächtigen Pfingstkirche „Assemblies of God“ taufen ließ. Der sehr einflussreiche evangelikale Pastor Silas Malafaia sagte über seinen Freund Bolsonaro: „In Brasilien haben wir einen Macho wie ihn nötig, der alle Normen und Werte der christlichen Familie verteidigt“.

10.Die Brasilianer haben sich bereits zu mindestens 30 Prozent diesen evangelikalen und pfingstlerischen Gemeinschaften zugewendet. Brasilien ist längst nicht mehr das „stärkste“ katholische Land der Welt. Das hat Gründe. Vor allem die Zurückweisung einer echten Autonomie der katholischen Basisgemeinden durch den Vatikan, vor allem unter Ratzinger und den polnischen Papst hat für den massenhaften Exodus aus dem Katholizismus gesorgt. Die Befreiungstheologie wurde von allen reaktionären Medien, auch den katholischen, verunglimpft und wie üblich als marxistisch bzw. kommunistisch missverstanden und diffamiert. Dies reaktionären klerikalen Machthaber in Rom und Brasilien haben rigoros verboten, dass ausgebildete Laien, Frauen und Männer, in den Basisgemeinden offiziell als PriesterINNen arbeiten können, also Gemeinde bilden und die Messe feiern. Die katholischen Gemeinden verödeten also. Schuld daran ist eindeutig die katholische Kirchenführung. Und jetzt jammert man in Rom, dass Brasilien nicht mehr katholisch ist…Rom ist also mitschuldig am Sieg des Rassismus, Faschismus usw. in Brasilien jetzt.

11.Die katholische Kirchenführung begeht nun aber seit Jahren den Fehler: sie empfiehlt aus taktischen Gründen sozusagen evangelikale und pfingstlerische Elemente innerhalb der katholischen Kirche, um diese fest und fixierte Kirchen-Institution förmlich zuretten, etwa in der Bewegung der katholischen Charismatiker oder der politisch völlig uninteressierten Neokatechumenalen.

  1. Die katholische Kirchenführung kann ohnehin selbst nicht umfassend glaubwürdig für Demokratie und Menschenrechte eintreten, weil sie selbst in ihrer eigenen Verfassung und Struktur weder Demokratie praktiziert noch die Menschenrechte umfassend für alle Mitglieder respektiert (etwa am Beispiel der umfassenden Gleichberechtigung von Frauen, der Ehe von Homosexuellen). Im übrigen folgen reaktionäre Katholiken der Vorstellung, das ungeborene Leben zu schützen sei absolut wichtiger als den vor Hunger sterbenden Armen beizustehen und für eine gerechte und humane Gesellschaft zu sorgen. Ich bin ja kein Feind des Lebens, wenn ich von einem fundamentalistischen Wahn für den absolutesten Schutz des ungeborenen Lebens spreche…
  2. Die katholische Kirche in Brasilien ist nicht nur unglaubwürdig in ihrer Praxis und Lehre. Sie ist auch mitschuldig, dass so viele fromme Leute in den Wahn eines naiven, unreifen und Menschen unwürdigen fundamentalistischen Bibel-Glaubens abdriften … und nun konsequenterweise eben Bolsonaro wählen.
  3. Ein Problem ist auch, dass die brasilianischen Bischöfe überhaupt nicht mit einer einzigen gemeinsamen und dadurch massiven Stimme vor der Wahl von Bolsonaro gewarnt haben! Im Fall dieser höchsten Not hätten sie die Katholiken sozusagen einmal explizit und mit der ihnen vertrauten Macht auffordern müssen, NICHT Bolsonaro zu wählen. Diese präzisen Wahlempfehlungen sind normalerweise in demokratischen (!) Staaten völlig überflüssig und theologisch höchst problematisch. Aber in Brasilien ging es jetzt darum, wie ein Journalist schreibt, zwischen Schnupfen und der Pest zu wählen. Die Bischöfe haben die Pest mit ihrer angeblich neutralen Haltung nicht verhindert, vielleicht denken einige Bischöfe ohnehin sehr autoritär und Frauen-feindlich und Schwulen-feindlich wie Bolsonaro. Die katholische Kirche Brasiliens wird wohl sich alsbald mit sexuellem Missbrauch durch Priester auseinandersetzen müssen. Vielleicht hilft Bolsonaro dann den Bischöfen, die Fakten möglichst zu verschleiern. Denn auch den katholischen Bischöfen muss er ja dankbar sein, haben sie doch so hübsch neutral und nur in Gemeinplätzen sprechend sich letztlich doch für ihn, den Rechtsextremen und Rassisten, eingesetzt.

Nebenbei: Man stelle sich vor: Anstelle des Neofaschisten Bolsonaro wäre ein kommunistischer Kandidat an die Macht gekommen: Die gesamte katholische Weltkirche hätte einen Sturm der Entrüstung losgedonnert, wie üblich hält die katholische Kirchenführung Faschismus für weniger schlimm als den Kommunismus. Auch Bolsonaro spricht ja so viel vom lieben Gott….

  1. Diese frommen Fundamentalisten werden also erleben, wie die Grundrechte verschwinden, Oppositionelle erschossen, die Indigenas unterdrückt, die Wälder abgeholzt werden etc.
  2. Nur wenn man den Mut hat, innerhalb der weiten christlichen Ökumene auch von katastrophalen fundamentalistischen Wahngebilden zu sprechen, kann ernsthaft eine Wahrhaftigkeit entstehen. Und vielleicht noch in letzter Minute sich die Vernunft durchsetzen.
  3. Wer sich heute noch Christ nennt, muss sich oft schämen über diese verblendeten antidemokratischen Mit“christen“, wie jetzt in Brasilien. Das ganze Phänomen drückt eine unglaubliche intellektuelle und moralische Schwäche des so genannten christlichen Glaubens in dieser zerrissenen modernen Welt aus.

18.Es ist bezeichnend, dass der Meister der Lügen, Mister Trump, einer der ersten „Prominenten“ war, der seinem Schüler Bolsonaro, auch er ein Spezialist für Lügen und ein Profi für alle Unverschämtheiten, gratuliert hat. Auch die konservativen Regierungschefs in Chile, Kolumbien und Argentinien gratulierten dem Faschisten. Es bildet sich ein neuer brauner Block in Südamerika, wie einst, um 1970 bis ca. 1990.

  1. Wie die zahlreichen Mitglieder der afrobrasilianischen Candomblé Kulte gewählt haben, ist noch unbekannt; werden sie der Vernunft gefolgt sein oder den dort üblichen Emotionen? Wie haben die zahlreichen Atheisten gewählt und die dort zahlreichen Anhänger des Spiritismus? Auch das ist noch unbekannt…

Ein Literaturhinweis: Die Journalistin Lamia Oualalou hat in ihrer Studie über Kirchen in Brasilien mit dem Titel „Jésus t’aime !: La déferlante évangélique“ (Editions du Cerf, Paris, 2018) dokumentiert, wie Pastor Josué Valandro aus Rio des Janeiro seine Gläubigen um Geld bittet: „In der Bibel steht es: Gott wird seine Pforten dem öffnen, der spendet“. 500 Jahre nach Luthers The­sen­an­schlag sind es Pfingstler, die den Ablass wieder einführen.

COPYRIGHT: Christian Modehn,Religionsphilosophischer Salon Berlin

Tod. Trauer. Abschied. Für eine Philosophie des Lebens. Ein religionsphilosophischer Salon am Freitag, den 23. November 2018

Ein religionsphilosophischer Salon am Freitag, den 23. November 2018. Diese Veranstaltung ist ausgebucht. Alle Anmeldungen, die bis zum 14. November mitgeteilt wurden, werden selbstverständlich respektiert. C.M.

Wenn ein philosophischer Salon zwischen dem „Volkstrauertag“ und dem „Totensonntag“ bzw. „Ewigkeitssonntag“ stattfindet, können wir eigentlich diese förmlich vorgegeben Themen nicht ignorieren. Zumal auch die Erinnerungen an das Ende des Ersten Weltkriegs niemals verschwinden dürfen.

Für eine eigene, reife und selbstkritische Philosophie steht die je eigene Auseinandersetzung mit dem Tod, auch mit dem eigenen Tod, im Mittelpunkt. Mein Tod ist die einzige absolute Sicherheit, die wir in diesem Dasein haben.

Wir wollen am Freitag, den 23. November 2018, über dieses Thema sprechen. Diesmal ist dabei als Referent der Philosoph und Theologe Prof. Johan Goud aus Den Haag, Niederlande. Darüber werden sich viele TeilnehmerInnen unseres Salons freuen, denn schon vor 2 Jahren war Prof. Goud einmal bei uns zum Thema „Meine Biographie und meine je eigene Theologie“.

Wir treffen uns wieder in der Kunstgalerie Fantom, in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf.

Herzliche Einladung zu diesem sicher intensiven und herausfordernden Gespräch!

Mit der Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Diese Anmeldung ist nötig, weil die Anzahl der Plätze bekanntermaßen begrenzt ist….

Die Teilnahmegebühr: 5 Euro (Studenten gratis).

Welttag der Philosophie am Donnerstag, den 15. November 2018: Einladung einen eigenen philosophischen Text zu schreiben

Seit 2002 wird weltweit der „Tag der Philosophie“ gefeiert bzw. „bedacht“. Die Initiative dazu ging von der UNESCO aus! Es ist immer der 3. Donnerstag im Monat November, in diesem Jahr 2018 ist es der Donnerstag, der 15. November.

Wir bieten etwas später, am Freitag, den 23. November 2018, eine eigene Veranstaltung zum Thema “Tod. Trauer. Abschied” mit dem Philosophen und Theologen Prof. Johan Goud, Den Haag.

Weitere Informationen zum 23. November finden Sie hier.

Aber ich habe noch eine andere Einladung: In diesem Jahr möchte ich Sie, den Leser, die Leserin dieser Zeilen bitten, persönlich zu der Frage Stellung zu nehmen:

“In welcher Hinsicht ist Philosophie (für mich) eine Lebenshilfe / Lebensorientierung?” 

Diese Frage ist zweifelsfrei zentral für die “Relevanz” philosophischen Nachdenkens. Der Text muss ja nicht so lang sein; es reicht, wenn ein persönlich wichtiger Aspekt entwickelt wird. Ab 700 Zeichen bis ca. 2000 Zeichen sollte der Text umfassen, der dann auf dieser Website veröffentlicht wird.

Die Voraussetzung für diese Einladung ist die Überzeugung, dass jeder Mensch immer schon philosophiert und seine eigene Lebensphilosophie – so ansatzweise auch immer – hat.

Diese Frage, dieses Projekt, ist ein gewisses Risiko. Ich bin auf das Echo gespannt. In jedem Fall kann die persönliche Antwort auf die Frage “In welcher Hinsicht ist Philosophie (für mich) eine Lebenshilfe / Lebensorientierung?” die weiteren Debatten beleben und den Austausch fördern. Und das lohnt doch die Mühe, ein paar Zeilen zum Thema anderen mitzuteilen!

 

Die Angst der katholischen Kirche vor ihren Theologen

Von Christian Modehn am 1.11.2018. (In kürzer Form veröffentlicht in PUBLIK FORUM ONLINE am 22.10.2018)

Ein Motto, veröffentlicht am 11.11.2018: Zitate von Pater Klaus Mertes SJ, in “Die Zeit”, 11. Okt. 2018, Seite 58:

“Die penetrante Selbstsicherheit, mit der Vatikanbeamte in seriöse theologische Lehre und Seelsorge eingreifen, ist bildungsfeindlich”.

Und noch ein verstärkendes Zitat von Pater Mertes, im “Tagesspiegel”, 23. Oktober 2018, Seite : “Das Raumschiff Vatikan beherbergt zu viele Menschen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen. Das gibt ihnen ein Gefühl der Unverwundbarkeit”. Und dann in indirekter Rede: Diese Leute im Vatikan würden getrieben von dem zerstörerischen Wahn der Unverwundbarkeit”.

Mein Text vom 1.11.2018:

Sie entscheiden, was katholische Theologie ist und wer sie lehren darf: Vatikanische Behörden ignorieren Erkenntnisse der historisch-kritischen Bibelwissenschaft und verweigern dem Jesuiten und Bibelwissenschaftler Ansgar Wucherpfennig die Fortsetzung seines Amtes als Leiter der Hochschule St. Georgen. Die römischen Behörden erteilen ihm nicht das für katholische Theologen weltweit immer noch erforderliche »Nihil obstat«, die Unbedenklichkeitserklärung. Dabei hatte Wucherpfennig nur den allgemeinen Stand der Forschung ausgesprochen, als er in einem Interview bereits vor zwei Jahren auf die historische Bedingtheit (und damit sachliche Begrenztheit) biblischer Aussagen zur Homosexualität aufmerksam machte. Das zeigt, wie groß die Angst der Kirche vor der historisch-kritischen Arbeit ihrer Theologen ist. Denn diese Methode müsste eigentlich auch auf ethische und dogmatische Lehren angewendet werden. Und dann würde auch etwa über das Entstehen des Erbsündedogmas oder der Trinität ganz anders nachgedacht werden oder über den Anspruch, der Papst sei in Glaubens – und Sittenfragen unfehlbar. Dann müssten also auch Dogmen korrigiert, möglicherweise aufgehoben werden.

Der Vatikan und die meisten Bischöfe haben deswegen enorme Angst, dass sich die historisch – kritische Forschung umfassend durchsetzt. Darum gibt es die Zurückweisung des Bibelwissenschaftlers Wucherpfennig!

Theologen als Wissenschaftler müssen frei forschen dürfen. Wer letztlich in Deutschland die Theologie bestimmt, demonstriert gerade wieder der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Er verhinderte bereits 2016 durch seine Intervention im Ministerium die vorgesehene Berufung des Theologen Joachim Negel an die Universität Bonn. Für Woelki besteht der Auftrag der Theologie nur darin, so wörtlich, »die Glaubenslehre (also die in Rom) wissenschaftlich zu vermitteln«. Dabei müsste Theologie frei und umfassend das plurale Christentum studieren und dann mit der Kirchenführung in ein partnerschaftliches Gespräch eintreten. Laut Katechismus aber sollen Theologen »Helfer« des Lehramtes sein. Die Beamten im Vatikan haben also ihre eigene Theologie, die sie für absolut maßgeblich halten.

Die Hauptfrage ist also: Ist bei dieser Abhängigkeit von der Kirchenleitung katholische Theologie noch freie Wissenschaft? Man stelle sich vor, die Bundesregierung würde bei der Berufung von Politologen das letzte Wort haben! Oder das Landwirtschaftsministerium müsste seine Zustimmung geben für die Berufung von Agrarwissenschaftler und Ökologen.

Die aktuellen Ereignisse sind alles andere als Theologengezänk. Es geht um die Rolle der kritischen Vernunft. Die Forderung ist aus wissenschaftlicher und demokratischer Sicht eindeutig: Das kirchenoffizielle Berufungsverfahren muss um der Freiheit der Theologie willen verschwinden. Aber bis heute gilt das mit Hitler abgeschlossene Reichskonkordat von 1933. Darin wird den Bischöfen alle Leitungskompetenz in der universitären Theologie zugestanden. Wird das Eintreten vieler Theologinnen und Theologen für freie Forschung Erfolg in Rom haben? Wohl kaum.

Man muss also tatsächlich skeptisch bleiben, was die vernünftige Neuordnung des Verhältnisses von Theologie/TheologInnen und Lehramt heute angeht, so sehr auch einzelne Bischöfe in Deutschland jetzt eine verbale Solidarität etwa mit Pater Wucherpfennig andeuten. Würde Kardinal Marx vor die römische, die Ansgar Wucherpfennig strafende Bürokratie im Vatikan zitiert, würde er dann noch entschieden für ihn eintreten? Die eigene gut bezahlte Bischofskarriere geht bekanntlich immer vor allen Entscheidungen zugunsten einer Kirchenreformation!

Zumal: Die übliche Überordnung von Papst und Bischöfen über alle Theologen ist fest verankert im katholischen Rechts – und Lehrsystem, das ja bekanntlich Papst und Bischöfe selbst und zu eigenen Gunsten seit Jahrhunderten geschaffen haben und schaffen. Und diese Strukturen sind weltweit im ganzen Katholizismus und seinen Theologien gewichtiger als das erst in der Zukunft wohl revidierbare Reichskonkordat von 1933 und dem Vatikan für Deutschland. Denn in dem von den Vatikan-Theologen für nahezu unabänderlich gehaltenen »Codex Iuris Canonici« (Kodex des römisch-katholischen Kirchenrecht) heißt es in Kanon 812 deutlich: »Wer an einer Hochschule eine theologische Disziplin vertritt, muss einen Auftrag der zuständigen kirchlichen Autorität haben«. Es ist aber Überzeugung der vatikanischen Glaubenslehrer: Was einmal als Dogma oder wichtige Lehre definiert wurde, darf nicht korrigiert werden. Auch das viel gerühmte Zweite Vatikanische Konzil hat daran nichts geändert! Würde also das »Nihil obstat« als letzte Verfügungsmacht des Lehramtes über allen Theologen vernünftig neu geregelt, also sinnvollerweise um der Wissenschaftlichkeit der Theologie abgeschafft, würde auch das Lehramt der römischen Kirche einer Reformation (nicht bloß Reform!) unterzogen werden müssen. Wäre aber der Macht habende Klerus im Vatikan und anderswo zu diesem Machtverzicht bereit? Wo er doch alles getan hat, zu eigenen Gunsten einige Sätze aus dem Munde Jesu von Nazareth zur Stärkung eigener Macht zu deuten?

Hinzukommt: Dieses bisherige Kontrollsystem der Hierarchie über die Arbeit der Theologen erzeugt eine Ängstlichkeit, einen vorauseilenden Gehorsam unter den TheologInnen. Wer will schon seine gut bezahlte Karriere wegen eines freien Forschens gefährden? Vielleixht sind deswegen katholisch – theologische Publikationen oft so langweilig, voller Wiederhoung, wer kann noch die ins tausende gehenden Studien zählen etwa über die Confessiones des heiligen Augustinus oder die Summa des Thomas von Aquin? Und: Wer will sich schon als schwuler Theologe outen und heiraten, wenn diese normale schwule Lebensform den Herren im Vatikan absolut nicht gefällt? So wird selbst das Menschenrecht auf freie Gestaltung des eigenen Lebens durch die Glaubensbehörden eingeschränkt.

Insofern ist die Debatte um eine freie theologische Wissenschaft von einer gewissen Aussichtslosigkeit.

Der einzige Ausweg wäre meines Erachtens, über den in Deutschland nicht einmal ansatzweise diskutiert wird: Katholische Theologen, die sich als freie Wissenschaftler in einer demokratischen Kultur verstehen, gestalten ihr Fach neu: Sie betreiben eine freie, vom kirchlichen Amt unabhängige »Religionswissenschaft der katholischen Religion« mit allen Themen einer breiten Kulturwissenschaft, um auch der Enge der üblichen theologischen Disziplinen zu entkommen. In den USA und wohl auch in Nijmegen (Holland) gibt es eine solche »Religionswissenschaft katholischer Religion«, und da entstehen zum Beispiel wissenschaftliche Arbeiten von großer Relevanz für Religionen und Gesellschaft. Dann müsste allerdings die Kirchenleitung sehen, wie und wo sie ihre ohnehin wenigen verbliebenen Priesteramtskandidaten ausbildet, vielleicht in den absolut romtreuen konservativen Hochschulen wie Stift Heiligenkreuz im Wienerwald. Dann würde echte Pluralität und damit freie Debatte möglich. Und Menschen, die Katholiken zumal, könnten entscheiden, ob sie den Erkenntnissen einer freien theologischen Forschung folgen oder den Erkenntnissen, die sich aus der Abhängigkeit einiger Theologen von den Leitern der Institution Kirche ergeben.

 

Zum „Fall“ des katholischen Theologen Ansgar Wucherpfennig sowie zum Angriff von Kardinal Woelki auf die Freiheit der Wissenschaft an der Universität in Bonn.

Ein Hinweis von Christian Modehn, Oktober 2018.
1.
Vatikanische und bischöfliche Behörden entscheiden, was katholische Theologie ist und wer sie lehren darf: Diese Herren ignorieren Erkenntnisse der historisch-kritischen Bibelwissenschaft … und verweigern dem Jesuiten und Bibelwissenschaftler Ansgar Wucherpfennig die Fortsetzung seines Amtes als Leiter der Hochschule St. Georgen. Die römischen Behörden erteilen ihm nicht das für katholische Theologen weltweit immer noch erforderliche »Nihil obstat«, die Unbedenklichkeitserklärung. Dabei hatte Wucherpfennig nur den allgemeinen Stand der Forschung ausgesprochen, als er in einem Interview bereits vor zwei Jahren auf die historische Bedingtheit (und damit sachliche Begrenztheit) biblischer Aussagen zur Homosexualität aufmerksam machte. Das zeigt, wie groß die Angst der Kirche vor der historisch-kritischen Arbeit ihrer Theologen ist. Denn diese Methode müsste eigentlich auch auf ethische und dogmatische Lehren angewendet werden. Und dann würde auch etwa über das Entstehen des Erbsündedogmas oder der Trinität ganz anders nachgedacht werden oder über den Anspruch, der Papst sei in Glaubens – und Sittenfragen unfehlbar. Dann müssten also auch Dogmen korrigiert, möglicherweise aufgehoben werden.
2.
Der Vatikan und die meisten Bischöfe haben deswegen enorme Angst, dass sich die historisch – kritische Forschung umfassend durchsetzt. Darum gibt es die Zurückweisung des Bibelwissenschaftlers Wucherpfennig!
Theologen als Wissenschaftler müssen frei forschen dürfen. Wer letztlich in Deutschland die Theologie bestimmt, demonstriert gerade wieder der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Er verhinderte bereits 2016 durch seine Intervention im Ministerium die vorgesehene Berufung des Theologen Joachim Negel an die Universität Bonn. Für Woelki besteht der Auftrag der Theologie nur darin, so wörtlich, »die Glaubenslehre (also die in Rom) wissenschaftlich zu vermitteln«. Dabei müsste Theologie frei und umfassend das plurale Christentum studieren und dann mit der Kirchenführung in ein partnerschaftliches Gespräch eintreten. Laut Katechismus aber sollen Theologen »Helfer« des Lehramtes sein. Die Beamten im Vatikan haben also ihre eigene Theologie, die sie für absolut maßgeblich halten.
3.
Die Hauptfrage ist also: Ist bei dieser Abhängigkeit von der Kirchenleitung katholische Theologie noch freie Wissenschaft? Man stelle sich vor, die Bundesregierung würde bei der Berufung von Politologen das letzte Wort haben! Oder das Landwirtschaftsministerium müsste seine Zustimmung geben für die Berufung von Agrarwissenschaftler und Ökologen.
Die aktuellen Ereignisse sind alles andere als Theologengezänk. Es geht um die Rolle der kritischen Vernunft. Die Forderung ist aus wissenschaftlicher und demokratischer Sicht eindeutig: Das kirchenoffizielle Berufungsverfahren muss um der Freiheit der Theologie willen verschwinden. Aber bis heute gilt das mit Hitler abgeschlossene Reichskonkordat von 1933. Darin wird den Bischöfen alle Leitungskompetenz in der universitären Theologie zugestanden. Wird das Eintreten vieler Theologinnen und Theologen für freie Forschung Erfolg in Rom haben? Wohl kaum.
4.
Man muss also tatsächlich skeptisch bleiben, was die vernünftige Neuordnung des Verhältnisses von Theologie/TheologInnen und Lehramt heute angeht, so sehr auch einzelne Bischöfe in Deutschland jetzt eine verbale Solidarität etwa mit Pater Wucherpfennig andeuten. Würde Kardinal Marx vor die römische, die Ansgar Wucherpfennig strafende Bürokratie im Vatikan zitiert, würde er dann noch entschieden für ihn eintreten? Die eigene gut bezahlte Bischofskarriere geht bekanntlich immer vor allen Entscheidungen zugunsten einer Kirchenreformation!
5.
Zumal: Die übliche Überordnung von Papst und Bischöfen über alle Theologen ist fest verankert im katholischen Rechts – und Lehrsystem, das ja bekanntlich Papst und Bischöfe selbst und zu eigenen Gunsten seit Jahrhunderten geschaffen haben und schaffen. Und diese Strukturen sind weltweit im ganzen Katholizismus und seinen Theologien gewichtiger als das erst in der Zukunft wohl revidierbare Reichskonkordat von 1933 und dem Vatikan für Deutschland. Denn in dem von den Vatikan-Theologen für nahezu unabänderlich gehaltenen »Codex Iuris Canonici« (Kodex des römisch-katholischen Kirchenrecht) heißt es in Kanon 812 deutlich: »Wer an einer Hochschule eine theologische Disziplin vertritt, muss einen Auftrag der zuständigen kirchlichen Autorität haben«. Es ist aber Überzeugung der vatikanischen Glaubenslehrer: Was einmal als Dogma oder wichtige Lehre definiert wurde, darf nicht korrigiert werden. Auch das viel gerühmte Zweite Vatikanische Konzil hat daran nichts geändert! Würde also das »Nihil obstat« als letzte Verfügungsmacht des Lehramtes über allen Theologen vernünftig neu geregelt, also sinnvollerweise um der Wissenschaftlichkeit der Theologie abgeschafft, würde auch das Lehramt der römischen Kirche einer Reformation (nicht bloß Reform!) unterzogen werden müssen. Wäre aber der Macht habende Klerus im Vatikan und anderswo zu diesem Machtverzicht bereit? Wo er doch alles getan hat, zu eigenen Gunsten einige Sätze aus dem Munde Jesu von Nazareth zur Stärkung eigener Macht zu deuten?
6.
Hinzukommt: Dieses bisherige Kontrollsystem der Hierarchie über die Arbeit der Theologen erzeugt eine Ängstlichkeit, einen vorauseilenden Gehorsam unter den TheologInnen. Wer will schon seine gut bezahlte Karriere wegen eines freien Forschens gefährden? Vielleixht sind deswegen katholisch – theologische Publikationen oft so langweilig, voller Wiederhoung, wer kann noch die ins tausende gehenden Studien zählen etwa über die Confessiones des heiligen Augustinus oder die Summa des Thomas von Aquin? Und: Wer will sich schon als schwuler Theologe outen und heiraten, wenn diese normale schwule Lebensform den Herren im Vatikan absolut nicht gefällt? So wird selbst das Menschenrecht auf freie Gestaltung des eigenen Lebens durch die Glaubensbehörden eingeschränkt.
Insofern ist die Debatte um eine freie theologische Wissenschaft von einer gewissen Aussichtslosigkeit.
Der einzige Ausweg wäre meines Erachtens, über den in Deutschland nicht einmal ansatzweise diskutiert wird: Katholische Theologen, die sich als freie Wissenschaftler in einer demokratischen Kultur verstehen, gestalten ihr Fach neu: Sie betreiben eine freie, vom kirchlichen Amt unabhängige »Religionswissenschaft der katholischen Religion« mit allen Themen einer breiten Kulturwissenschaft, um auch der Enge der üblichen theologischen Disziplinen zu entkommen. In den USA und wohl auch in Nijmegen (Holland) gibt es eine solche »Religionswissenschaft katholischer Religion«, und da entstehen zum Beispiel wissenschaftliche Arbeiten von großer Relevanz für Religionen und Gesellschaft. Dann müsste allerdings die Kirchenleitung sehen, wie und wo sie ihre ohnehin wenigen verbliebenen Priesteramtskandidaten ausbildet, vielleicht in den absolut romtreuen konservativen Hochschulen wie Stift Heiligenkreuz im Wienerwald. Dann würde echte Pluralität und damit freie Debatte möglich. Und Menschen, die Katholiken zumal, könnten entscheiden, ob sie den Erkenntnissen einer freien theologischen Forschung folgen oder den Erkenntnissen, die sich aus der Abhängigkeit einiger Theologen von den Leitern der Institution Kirche ergeben.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Schleiermachers 250. Geburtstag: “Religion ist etwas Eigenständiges im Leben des Menschen”

An Friedrich Schleiermacher denken: Vor 250 Jahren geboren (21. November 1768 – 12. Februar 1834)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Auseinandersetzung mit dem Werk des protestantischen Theologen, Philosophen, Platon – Übersetzers und Predigers Friedrich Schleiermacher bleibt inspirierend, wichtig für ein Christentum, das sich nicht fundamentalistisch – dogmatisch einschließt, sondern in neuer Sprache die religiösen Fragen zur Diskussion stellt.

Schleiermacher war ein mutiger Theologe, indem er eher vom Unendlichen (und Universum) sprach als den klassischen Begriff „Gott“ zu verwenden.

Vor allem sein Buch „Über die Religion. Reden an die gebildeten unter ihren Verächtern“ von 1799 ist bis heute viel diskutiert, ebenso wichtig ist wohl auch seine Lehre vom Verstehen, der Hermeneutik: Verstehen gibt es nur als schöpferisches Geschehen der Sinndeutung.

Religionsphilosophisch bedeutsam ist seine zentrale These: Religion ist eine eigene Form der Wahrnehmung im Menschen, Religion ist unabhängig von Wissen und Ethik. Religion ist also etwas Eigenes und Eigenständiges im geistigen Leben des Menschen: Sie ist Anschauung und Gefühl. Diese These ist selbstverständlich keine Absage an kritische wissenschaftliche Forschung, keine Freigabe des Glaubens an oberflächliche „Gefühlsduselei“.

Schleiermacher verkehrte in den damals in Berlin sehr beliebten literarischen Salons etwa von Henriette Herz; er war zunächst Pfarrer an der Charité, später (1810) Professor an der Berliner Universität, dann auch beliebter Prediger an der Dreifaltigkeitskirche.

Ich hatte 2010 eine Ra­dio­sen­dung sozusagen als Hinweis zu einigen Aspekten im Denken Schleiermachers verfasst. Diese Zitate als Einladung, sich weiter mit Schleiermacher zu befassen einige Zitate aus der Ra­dio­sen­dung:

Der protestantische Theologe und Schleiermacher Forscher Prof. Wilhelm Gräb, Berlin betont:

„Religion ist ein Vollzug der Einkehr des Menschen in sich selbst. Wobei eben dann diese Fragen auftreten nach dem Woher und Woraufhin des eigenen Lebens, nach dem Grund, in dem ich selbst unbedingt gründe und von dem ich mich gehalten und getragen wissen kann auch in den Krisen des Lebens, die ich machen muss“.

Der Theologe Dr.Martin Schuck, Speyer: „Das religiöse Bewusstsein lebt bei Schleiermacher davon, dass es einen Sinn und Geschmack für das Unendliche gibt und das bezeichnet er später dann in der Glaubenslehre als eine „schlechthinnige Abhängigkeit“. Der Mensch kann für Schleiermacher ohne diese Dimension des Unendlichen im Grunde nicht leben. Für Schleiermacher ist Abhängigkeit von Gott durchaus etwas Positives. Für ihn wäre es im Gegenteil schlimm, wenn es diese Abhängigkeit von Gott nicht gäbe, weil der Mensch dann auf sich selbst gewiesen wäre und dann würde ihm etwas Entscheidendes fehlen. Das ist, finde ich, für die heutige Zeit ein wunderbarer Satz, der sagt: Mensch, denk immer dran, es gibt eine Dimension, die für dich unverfügbar ist und die du immer mit bedenken musst, in deinem Handeln“.

Prof. Wilhelm Gräb über die besondere Idee, Kirche zu leben „Und so hat sich Schleiermacher Kirche vorgestellt: Im Grunde als einen Ort eines religiös – geselligen Verkehrs, religiös geselligen Miteinander-Umgehens, und in Austausch kommen über das, was einzelne als religiöse Erfahrung meinen gemacht zu haben. Und er sagt, dass das uns religiös Bewegende etwas ist, was uns auch menschlicher sein und werden lässt. Und ihm schwebte eben eine offene Kirche vor, des Dialogs.

Es ist die „liberale“ Theologie, die sich von Schleiermacher nach wie vor inspirieren lässt, betont Dr. Martin Schuck: „Natürlich gibt es ein Profil liberaler Theologie, und dieses Profil besteht darin, dass man den Menschen ernst nimmt mit seinen religiösen Fragen und versucht Dinge, die dem heutigen Menschen vielleicht mit einer traditionellen Sprache nicht mehr klar zu machen sind, auf einer anderen Sprachebenen auszusagen. Man versucht die Inhalte zu retten zugunsten einer erneuerten Darstellung“.

Siehe auch auch auf Youtube die kurzen, einführenden Beiträge über Schleiermacher, die der Berliner Theologe Christian Stäblein realisiert hat: https://www.youtube.com/watch?v=kDt1ifOsG2A

Literaturhinweise:

Friedrich Schleiermacher, Reden über die Religion. Reclam Stuttgart, 6 €.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer praktischen Theologie gelebter Religion. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 206 Seiten, 19,95€

Hermann Fischer, Friedrich Schleiermacher. Becksche Reihe, München 2001, 168 Seite; 12,50

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sexueller Missbrauch, Korruption und ein anderer Katholizismus

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die vielen Beobachter, die sich weltweit kritisch mit dem Zustand der katholischen Kirchenführung heute (Anfang Oktober 2018) befassen, kommen insgesamt zu einem gleich lautenden Urteil: Angesichts der sich immer mehr ausbreitenden Kenntnis der Verbrechen von Priestern und Ordensleuten (inklusive das ebenso gravierende Verschweigen und Vertuschen der Bischöfe und Päpste), kann die römische Kirche in der Form und mit dem traditionellen Inhalt (der Lehre) nicht mehr weiter bestehen, wie sie bisher, etwa 1800 Jahre, gelebt hat: Als hierarchische Kleruskirche, ohne demokratische Kontrolle, mit einem Zölibatgesetz und ohne Frauenpriestertum. So wie diese Kirchenführung bisher „führte“, kann es nicht weitergehen, falls diese Kirche weiter als „Weltkirche“ bestehen will.

Und es wird nicht so weitergehen, weil im Fall der Reformunwilligkeit des Klerus die Gläubigen wegbleiben. So wird es kommen:  Die Laien und einige nachdenkliche Priester werden sich zurückziehen, austreten, vielleicht konvertieren in liberal – theologische protestantische Kirchen; als „Seelenrettung“ hoffentlich auch die individuelle Mystik pflegen.

Die „Kirchenführung“, also die Priester, Bischöfe, Kardinäle und Päpste, müssen auf ihre absolute Macht verzichten, falls die Kirche noch Respekt unter den Menschen, den Gläubigen zumal, verdienen will. Aufgrund eines fundamentalistisch verstandenen Spruches Jesu von Nazareth, glauben diese Herren, „der Fels“ und die „Meister“ der Kirche zu sein, von keinem Gemeindemitglied gewählt, von keiner Synode mit gleich berechtigten Laien bestellt.

All das ist tausende Male gesagt, geschrieben, von manchen förmlich erbettelt worden, von Theologen, die diesen Titel verdienen, von mutigen Ordensleuten, von Journalisten und Gemeindemitgliedern, selbst von ganz wenigen katholischen Bischöfen, die über ihre klerikalen Bindungen hinausgewachsen sind, wie Bischof Jacques Gaillo.

Es geht also um nichts Geringeres als eine Reformation der katholischen Kirche, es geht um wirklich jetzt um eine grundlegende, alles verwandelnde Reformation. Eine neue, eine andere katholische Kirche muss entstehen. Dies ist die Aufgabe. Natürlich können einige klerikale Kreise in ihren Palazzi weiterhin ungerührt Gewohntes, „Ewiges“, propagieren, aber sie erreichen dann ein Niveau wie die traditionalistischen Piusbrüder.

Es ist eine Ironie, dass diese Forderung nach einer radikalen Reformation des römischen Katholizismus genau ein Jahr nach dem großen Reformationsfestival 2017 stattfindet: Da wagte niemand in üblicher ökumenischer Vertrautheit die grundlegende Reformation (nicht Reform, darum geht es gar nicht mehr) des Katholizismus anzusprechen. Nun ist das Thema in der großen Öffentlichkeit.

Die Kommentare in dieser Sache werden kürzer, weil alles gesagt ist. Aber die Kritiker sind de facto mit ihrer Kritik so schwach, man muss sagen, dass sie eigentlich mit ihren Forderungen nichts bewirken können. Die Herren da oben können ja weitermachen wie bisher und dann zum Schluss in ihren Palazzi unter sich jubeln und feiern, dass die Orthodoxie gerettet ist, die alte Lehre, die sie dann noch eine gute Lehre voller wahrer Dogmen nennen.

Es war de facto wohl einfacher, das System des Sowjetkommunismus zu Fall zu bringen als das römische System grundlegend von unten, von der Basis aus, zu umzugestalten. Die Diktatoren in Moskau waren eingebunden in ein dialektisches Verhältnis mit dem Westen. Der hat den Sowjetkommunismus zu Tode gerüstet. Und in der DDR haben sich die Oppositionellen so stark entwickeln können, dass die absolut herrschende Staatspartei SED in den Zusammenbruch kam.

Diese dialektische Spannung gegenüber einer „bedrohlichen“ anderen Seite (wie der Kapitalismus gegenüber dem Sozialismus) gibt in der Krise des Katholizismus nicht. Zumal die Protestanten in ihren klassischen, manchmal liberal -theologischen Kirchen (wie manche Lutheraner etc.) ebenfalls (zahlenmäßig) schwach dastehen gegenüber den Millionen fundamentalistischer Evangelikalen und Pfingstgemeinden. Würden z.B. viele tausend progressive Katholiken in die (wenigen) liberal –theologischen protestantischen Kirchen konvertieren, könnten diese liberal –theologischen Kirchen sogar gestärkt werden und neuen Schwung erhalten…

Nur ein Hinweis noch: Es ist in diesen Debatten über die tiefe Krise des Katholizismus nicht das Stichwort KORRUPTION gefallen. Die Gläubigen in Deutschland haben in gutem Glauben und religiösem Vertrauen über die Kirchensteuer und über ständige Spenden diesen Klerus finanziert. In der Hoffnung, dass dieser Klerus ihnen die religiösen Dienste leistet, die sie als Gläubige wünschen. Dies ist eine Beschreibung der Fakten. Aber: Dieses Vertrauen haben so viele Priester missbraucht, sie haben sich am Geld der Gläubigen erfreut und dann ihre sexuellen Vorlieben einfach ausgelebt, haben Kinder und Jugendliche der den Klerus finanzierenden Gemeindemitglieder missbraucht und damit so viele Menschen, Opfer, seelisch ruiniert. Dieses Verhalten des Klerus ist korrupt. Das Vertrauen ist zerbrochen.

Und das berührt die Frage: Auf welche Weise ist eigentlich das sich jetzt korrupt zeigende Klerussystem mit den Priestern entstanden? Jahrhundertlang war es so:  Sehr viele Kinder wurden als 8 Jährige von ihren kinderreichen Familien im „Kleinen Seminar“ abgegeben, einer Vorbereitungsanstalt fürs Priestertum, oft war dies ein Internat, und dann wurden sie nach dem Abitur weitergeleitet ins Priesterseminar und dann mit 24 Jahren (sic) zum Priester geweiht: Es wäre eine Studie wert, wie die sexuelle Aufklärung in diesen kleinen Seminaren oder später im Priesterseminar aussah! Meiner Meinung wurden sehr viele unaufgeklärte, unreife ältere Knaben zu Priestern geweiht, die dann die ganze Karriere im Klerussystem vor Augen hatten: vom Kaplan zum Pfarrer, dann zum Erzpriester, dann zum Domherrn, dann zum Bischof usw…Sexuelle Energie wurde in die Karriere gesteckt, ins korrekte Verhalten nach außen hin wenigstens. Jeder „Mitbruder“ wusste fast alles über den anderen Mitbruder im Bistum, in der Ordensprovinz usw.: Der eine war eben ein bekannter Homo, der andere auch ein gay, man kannte sich entsprechenden Treffpunkten; der andere war ein Hetero, aber mit fester Freundin und vielleicht einem Kind, für das der Bischof Alimente zahlte. Der andere war ein Trinker, der andere besessen von der Reiselust, der andere faul etc. In diesem klerikalen System der „Mitbrüder“ wagte niemand, Klartext zu sprechen, Wahrheit zu sagen, niemand hatte den Mut, schlimme Vergehen, wie sexuellen Missbrauch, anzuzeigen. Man blieb unter sich, jeder schützte die „Sonderwege“ des anderen.

Dieses System ist korrupt. Es sollte von Soziologen detailliert beschrieben werden.

Dieses System der Priester Rekrutierung besteht bis heute in fast allen Ländern, dieses System ist falsch und pervers: Weil keine Alternativen praktiziert werden: Warum kann man nicht 40- oder 50 jährige Frauen und Männer nach einem Theologiestudium zu Priestern ausbilden, warum müssen es 25 Jährige alte Knaben sein? Diese alternative Modell praktiziert die anglikanische Kirche! Nebenbei: Der Orden, der von einem – so Papst Benedikt XVI. – pädophilen Verbrecher gegründet und mehr als 50 Jahre geleitet wurde, die „Legionäre Christi“, führen trotz aller Skandale über diesen Pater Marcial Maciel immer noch weltweit 20 „kleine Seminare“, jetzt diskret „Apostolische Schulen“ genannt, weiter. Für Buben, wie man so sagt…

Man muss kein Prophet sein: Die Krise, ausgelöst durch den massenhaften sexuellen Missbrauch durch Priester und das Schweigen der verantwortlichen Bischöfe, wird zur größten, zur entscheidenden Überlebensfrage des römischen Katholizismus. Einige Herren der Kirche haben das vielleicht verstanden. Aber sind sie bereit, die persönlichen und vor allem die theologischen Konsequenzen zu ziehen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin