Wenig Licht – viel Schatten Ein Kommentar des Jesuiten Flüchtlingsdienstes Berlin vom 7. September 2015

Wenig Licht – viel Schatten. Ein Kommentar des Jesuiten Flüchtlingsdienstes Berlin vom 7. September 2015

Ein Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin vorweg:

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ist einer der international hoch angesehenen, bewährten und umfassend helfenden Institutionen für Flüchtlinge. Und eine Stimme der Flüchtlinge, die sich an Menschen wendet, die in privilegierten Verhältnissen leben, z. B. in Deutschland.  Der Jesuiten Flüchtlingsdienst hat auch in Berlin eine Filiale, das sollten Berliner immer mehr zur Kenntnis nehmen…Wie schon öfter, geben wir gern eine Pressemitteilung weiter, zur Diskussion … und zur Förderung kritischen Nachdenkens. Denn kritisches Nachdenken einüben: Das ist ein Ziel des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Für den sich die religiöse Frage natürlich nicht nur dort „abspielt“, wo Religion/Konfession/Kirche draufsteht. Meistens ist „das Religiöse“ und auch das Christliche ganz woanders lebendig, man muss es nur suchen…

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Nach der wegweisenden Entscheidung vom Wochenende, Flüchtlingen aus Ungarn die Weiterreise nach Deutschland zu gestatten, sind die jüngsten Beschlüsse der Regierungskoalition enttäuschend: Sie bleiben die Antwort auf viele drängende Fragen vor Ort schuldig. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst begrüßt, dass mehr Geld für die Unterbringung Asylsuchender bewilligt wurde und sie früher Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

Scharf verurteilt er die Rückkehr zum Sachleistungsprinzip und die Erweiterung der sicheren Herkunftsländer. „Vielen konkreten Herausforderungen laufen die Entscheidungen zuwider: Wir brauchen mehr Unterstützung für Ehrenamtliche, die die Arbeit vor Ort leisten, und nicht mehr Bürokratie im Verfahren“, kommentiert Pater Frido Pflüger SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, in Berlin. Grundsätzlich begrüßt er, dass Länder und Kommunen mehr Hilfe vom Bund für die Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden bekommen sollen, auch wenn noch nicht fest steht, wofür genau das Geld verwendet werden soll.

Positiv ist auch, dass der Bund die Länder und Kommunen beim Aufbau von etwa 150.000 winterfesten Plätzen in menschenwürdigen Erstaufnahmeeinrichtungen unterstützen und das Arbeitsverbot für Asylsuchende und Menschen mit Duldung auf drei Monate reduzieren will. „Man fragt sich aber, warum die Menschen nicht sofort arbeiten dürfen“, meint Pflüger. Scharf verurteilt er die Ausweitung der Liste „sicherer“ Herkunftsländer.

Selbst nach offiziellen Statistiken ist die Zahl der Asylsuchenden aus Albanien, Kosovo und anderen Westbalkan-Staaten in den letzten Monaten bereits stark gesunken. Viele Gründe für die Flucht dieser Menschen, etwa drohende Blutrache, werden von den deutschen Behörden und Gerichten nicht ernst genommen – anders als etwa in Frankreich oder der Schweiz. „Die drei Staaten als ‚sicher‘ zu erklären, ist eine reine Symbolpolitik zu Lasten der betroffenen Menschen“, kritisiert Pflüger. Das Geld für 3.000 zusätzliche Stellen bei der Bundespolizei wäre anderswo besser angelegt: Die vielen Hilfsorganisationen und Ehrenamtlichen, die die Arbeit für und mit den Flüchtlingen leisten, hätten damit gefördert werden sollen. „Das hätte ein wichtiger Beitrag des Bundes für die Willkommenskultur vor Ort sein können“, merkt Pflüger an.

Dass Asylsuchende in den Erstaufnahmeeinrichtungen nur Sachleistungen statt Bargeld bekommen sollen, hält der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für sinnlos und verfassungswidrig. „Mit der Wiedereinführung von Sachleistungen geht die Koalition genau den falschen Weg – auf der Grundlage der absurden und lebensfernen Annahme, irgendwer würde seine Heimat wegen eines Taschengelds verlassen“, so Pflüger. Das Bundesverfassungsgericht hat 2012 klargestellt: Zur Menschenwürde gehört auch der Kontakt mit der umgebenden Gesellschaft. „Das geht nicht, wenn man nur Essenspakete und ein Bett bekommt“, meint Stefan Keßler, Politik- und Rechtsreferent beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Auch sind Sachleistungen wesentlich teurer als Bargeldzahlung.

Die Höchstdauer einer Duldung von sechs auf drei Monate zu reduzieren, hält Keßler für Unsinn: „Die Menschen werden noch häufiger zur Ausländerbehörde gehen müssen, um ihre Duldung zu verlängern. Das vergrößert ihre Belastung, aber auch den Verwaltungsaufwand.“

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Der „Jesuit Refugee Service“ (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980

angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als

internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In

Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für

Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge und für Menschen ohne

Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind

Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

 

Wer sich helfend, informierend mit dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten beschäftigen will:

Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, Jesuit Refugee Service (JRS)

Dr. Dorothee Haßkamp, Öffentlichkeitsarbeit

Witzlebenstr. 30a

D-14057 Berlin

Tel.: +49-30-32 60 25 90

Fax: +49-30-32 60 25 92

 

Spendenkonto 6000 401 020

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50. Todestag von Albert Schweitzer: Philosoph, liberaler Theologe, Menschenfreud

Man wird es uns nicht übel nehmen, wenn wir an den großen Albert Schweitzer auch noch einen Tag nach seinem 50. Todestag, also heute am 5.9. 2015, erinnern.

Es ist immer wieder „erhebend“, wenn man so sagen darf, sich mit der Person Albert Schweitzers zu befassen, mit seiner vielseitigen Begabung, seinem Eintreten damals für eine kritische, moderne, liberale Theologie… und sein Weg nach Lambarene (selbst wenn über die Projekte dort in Gabun Kritik geäußert wird). Das Wichtige bleibt: Albert Schweitzer, der wegen seiner liberal-theologischen Haltung nicht viel kirchliches Ansehen genießen konnte, wurde ein Menschenfreund, im umfassenden Sinne. Er ist ein Vorbild, wenn man diesen eher zwiespältigen Begriff hier einmal verwenden darf.

Albert Schweitzer setzte sich als protestantischer Theologe unermüdlich für die Erkenntnis des „einen Notwendigen“ und des wirklich Wichtigen  im Christentum ein. Er wusste, dass das Christentum nur Zukunft hat, wenn es sich auf einige wenige Grundsätze selbst begrenzt und den „Berg“ der kaum noch nach vollziehbaren, existentiell meist nicht relevanten Dogmen auf sich beruhen lässt, d.h. beseite setzt. Davon wollte die sich orthodox gebenden Christentenheit weithin nichts wissen;  davon wollen die allermeisten großen Kirchen bis heite nichts wissen. Glauben heißt für sie befremdliche Dogmen „pauken“ und weniger auf die ureigene, innere Stimme zu hören…Deswegen werden Ketzer immer noch ausfindig gemacht weil sie sich weigern, die alten Dogmen so wie sind nachzusprechen. Man lese in dem Zusammenhang die neuesten Auslassungen von Kardinal Müller, Chef der Glaubenskongregation in Rom.  Welche Wohltat, welche Befreiung, da einem freien Geist, eben Albert Schweitzer zu begegnen!

Im Jahr 1922 hielt er in England einen Vortrag, der sich vor allem an Pfarrer und Missionare richtete; er sagte Worte, die heute noch für die Verteidiger der Dogmen und Moral eine Provokation sind: „Wenn Sie das Evangelium verkündigen, hüten Sie sich, es als die Religion zu predigen, die auf alles eine Antwort hat. Wenn Sie predigen, dann führen Sie die Menschen zu dem Einen, was not tut, nämlich, dass wir uns mit Gott verbunden fühlen. Dadurch leben wir dann auch anders in der Welt, nämlich als Liebende. Das ethische Leben in diesem Sinne ist die höchste und lebendige Geistigkeit des Christen. Das Christentum ist diese ethisch geprägte Mystik“.

In einem Brief von 1962 sagt Albert Schweitzer Worte, die an heutige Aussagen des Dalai Lama (Ethik ist wichtiger als Religion) erinnern. „Da wage ich zu sagen, dass die ethische Religion der Liebe bestehen kann ohne den Glauben an ein ihr entsprechende, die Welt leitende Gottespersönlichkeit“.

Auf das Tun des Guten kommt es an, nicht so sehr auf das Bekennen frommer (dogmatischer) Sprüche. Albert Schweitzer sagte schon 1919: „Alles, was du tun kannst, wird in Anschauung dessen, was getan werden sollte, immer nur ein Tropfen statt eines Stromes sein. Aber es gibt deinem Leben den einzigen Sinn, den es haben haben kann, und machts es wertvoll“ .

Vor seiner Abreise nach Lambarene sagte Schweitzer in einer Predigt im März 1913: Je mehr ich Jesus zu verstehen glaubte, desto stärker empfand ich es, wie in ihm der Glaube und einfaches, natürliches Denken sich durchdrangen. Je mehr ich in die Geschichte des Christentums eindrang, desto mehr wurde mir klar, wie viele Irrungen und Kämpfe darauf zurückgehen, dass man von den ersten Generationen an bis auf den heutigen Tag immer und immer wieder den Glauben und die Frömmigkeit gegen die Vernunft ausspielte und einen Zwiespalt in den Menschen hineintrug, wo Gott die Harmonie gesetzt hat“.

Das religionsphilosophische bzw. neue liberal-theologische Projekt des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ sieht in diesen Äußerungen Albert Schweiters wesentliche Inspirationen und Anregungen, auf dem Weg weiterzudenken.

Drei weitere Zitate von Albert Schweitzer, entnommen meinen Ra­dio­sen­dungen für den Hessischen Rundfunk 1999:

„Die unmittelbare Tatsache im Bewusstsein des Menschen lautet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten vom Leben, das leben will. Diese allgemeine Bejahung des Lebens ist eine geistige Tat, in der der Mensch aufhört dahinzuleben. In der er vielmehr anfängt, sich seinem Leben mit Ehrfurcht hinzugeben und ihm seinen wahren Wert zu geben“.

„Die Ehrfurcht vor dem Leben gebietet uns, den hilfsbedürftigen Völkern in aller Welt Hilfe zu bringen; den Kampf gegen die Krankheiten, von denen diese Völker bedrängt sind, hat man fast überall zu spät begonnen. Letzten Endes ist alles, was wir diesen Völker erweisen, nicht Wohltat, sondern es ist unsere Sühne für das Leid, das unsere Völker von dem Tage über sie gebracht haben, als unsere Schiffe den Weg zu ihren Gestaden fanden. Es muss dahin kommen, dass Weiße und Schwarze sich in ethischem Geist begegnen. Dann erst wird eine echte Verständigung möglich sein. An der Schaffung dieses Geistes zu arbeiten heißt zukunftsreiche Politik treiben“.

Die Erkenntnis, die uns heute Not tut, ist die: Dass wir miteinander der Unmenschlichkeit schuldig sind. Dieses furchtbare gemeinsame Erlebnis muss uns dazu aufrütteln, alles zu wollen und zu erhoffen, was eine Zeit heraufführen kann, in der Kriege nicht mehr sein werden. Dieses Wollen und Hoffen kann nur darauf gehen, dass wir durch einen neuen Geist die höhere Vernünftigkeit erreichen, die uns von dem unseligen Gebrauch der uns zu Gebote stehenden Macht abhält. Nur in dem Maße, als durch den Geist eine Gesinnung des Friedens unter den Völker aufkommt, können die für die Erhaltung des Friedens geschaffenen Institutionen leisten, was von ihnen verlangt und erhofft wird“.

 

 

 

 

 

 

Menschlichkeit zuerst. Der katholische Bischof Jacques Gaillot wird 80. Wird er rehabilitiert?

Aktualisierung am 1.9.2015 um 23.00: Bischof Gaillot trifft am 1.9. 2015 Papst Franziskus. Offenbar hat dieser erkannt, dass die päpstliche Haltung in einigen Fragen der Praxis und Lehre von Jacques Gaillot doch etwas nahe kommt, was sichtbar wird an dem gemeinsamen Slogan „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“.  Klicken Sie hier.

„Le Figaro“, nicht gerade eine Tageszeitung, die in Fragen Gaillots objektiv berichtete, erwähnt in dem kurzen Beitrag vom 2.9.2015: Das Gespräch Papst-Gaillot (unter Anwesenheit eines Freundes Gaillots, des Priesters und Journalisten (!) Daniel Duigou), habe im Haus St. Martha, der Wohnung des Papstes, stattgefunden;  es habe eine dreiviertel Stunde gedauert, es sei geprägt gewesen von dem Ausspruch des Papstes „Wir sind Brüder“. Erstaunlich ist, dass Papst Franziskus Gaillot fragte: „Sie sind Bischof von Partenia?“ Entweder wusste der Papst nicht richtig Bescheid, oder er suchte eine Floskel, um auf Französisch etwas zu sagen. Bemerkenswert ist aber, wenn Le Figaro – offenbar den Äußerungen des Journalisten und Gaillot-Begleiters folgend  – schreibt: „La conversation, qui n’a pas abordé les querelles passées de «l’affaire Gaillot»“: „Im Gespräch wurden die vergangenen Streitpunkte der „Affäre“ Gaillot (von 1982 bis 1995)  nicht angesprochen“. Da fragt sich der Beobachter nur: Was sollte das Ganze, es war offenbar sehr privat; denn, so wird in allen französischen Medien berichtet, ein Fotograph, geschweige denn ein professioneller Fotoapparat, der das Treffen hätte dokumentieren können, stand nicht zu Verfügung! So hat also der Journalist Duigou schnell mit seinem Handy ein Foto geschossen. Bemerkenswert: Jacques Gaillot zeigt sich beim Papst in der üblichen klerikalen Kleidung, mit „Collar“, (manche sprechen von Kalkleiste), wie man sagt. Weiß der Himmel, wer ihm diese Kleidung geliehen hat…Interesant ist, dass Bischof Gaillot nicht darauf verzichtet beim Papst zu berichten, dass er als Bischof selbstverständlich wiederverheiratet Geschiedene „traut“ (kirchenamtlich mit ihnen das Sakrament der Ehe feiert) und eben selbstverständlich – wie schon seit langer Zeit – auch homosexuelle Paare segnet, da schreibt die katholische Tageszeitung La Croix (Paris), in diesen Fragen sicher zuverlässig: „À aucun moment, Mgr Gaillot ne s’est senti « jugé ou bloqué ». L’évêque français a évoqué qu’il lui arrivait de bénir des couples de divorcés et parfois homosexuels. « La bénédiction, c’est Dieu qui est bon pour tout le monde », lui a répondu le pape. Zur Segnung dieser Paare habe also der Papst zu Bischof Gaillot gesagt:“ Die Segnung, das ist Gott, der für jedermann gut ist“… Ist das ein liberaler Ausrutscher des Papstes, eine Art Versprecher? Oder wird diese Haltung sich in der römsichen Synode im Herbst 2015 durchsetzen? Wir hören aber schon die Antwort der Konservativen: „Der Papst kann nicht so gut Französisch, er meinte es nicht so, wie es da steht. Gott kann doch unmöglich gut sein zu Wiederverheiratet Geschiedenen und homosexuell liebenden Menschen/Paaren, homosexuellen Eheleuten“…Diese Kreise sollten ehrlich sagen: Unser katholischer Gott ist grausam. Ein Menschenfeind.

Vielleicht handelt es sich bei der Begegnung mit Gaillot aber auch „nur“ um eine großzügige päpstliche Geste der „Versöhnung mit allen“, hübsch diplomatisch arrangiert?

Es ist bezeichnend, dass gleichzeitig zum Treffen Papst Franziskus/Gaillot von päpstlicher Seite auch wieder Schritte der Versöhnung mit den reaktionären Pius-Brüdern unternommen werden: Der Papst erlaubt nämlich, dass die Beichte eines „normalen“ Katholiken bei einem dieser Pius/Lefèbvre-Brüder/Priester nicht nur gültig, sondern gar erlaubt ist. Diese Sorgen also hat man im Vatikan…Immerhin: Die reaktionären Piusbrüder jubeln vor Dankbarkeit. Sie erfreuen sich wieder ihres Papstes, eben des Papstes Franziskus…

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Am 11. September 2015 wird Bischof Jacques Gaillot 80 Jahre alt, der, unserer und vieler anderer Meinung nach, einzige wahrlich moderne katholische Bischof in Europa. Es lohnt sich auch für philosophisch Interessierte, das Denken und das politische Engagement Gaillots näher zu kennen zu lernen, zumindest um einmal mehr wahrzunehmen, wie die römische Kirche mit sogen. Abweichlern umgeht. Dabei „weicht“ Jacques Gaillot überhaupt nicht „ab“, er meint nur, die so einfachen und so radikalen Weisungen des Jesus von Nazareth seien aktuell. Insofern ist Bischof Gaillot auch ein Beispiel für interne Religionskritik…Lesen Sie den längeren Beitrag und klicken Sie hier.

Die katholische Tageszeitung La Croix berichtet am 2.9.2015 ausführlich über die Begegnung Jacques Gaillots mit dem Papst: http://www.la-croix.com/Religion/Actualite/Le-pape-Francois-et-Mgr-Jacques-Gaillot-une-rencontre-entre-freres-2015-09-02-1351374

Die Tageszeitung Le Monde schreibt am 2.9.2015: http://www.lemonde.fr/religions/article/2015/09/02/le-pape-francois-recoit-en-frere-mgr-gaillot_4743700_1653130.html

 

Beiden Berichten ist nicht zu entnehmen, dass Bischof Gaillot rehabilitiert wurde oder ob es sich eben nur um ein nettes, „brüderliches“ Gespräch handelte. CM

 

 

 

 

 

Menschlichkeit zuerst: Der katholische Bischof Jacques Gaillot wird 80 Jahre alt

Zu Beginn ein Buchtipp: „Die Freiheit wird euch wahr machen“. Eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Bischof Jacques Gaillot. Herausgegeben von Roland Breitenbach, Katharina Haller und Christian Modehn. 2010. Reimund Maier Verlag, Schweinfurt, 223 Seiten mit vielen Beiträgen, die das theologische und politisch-praktische Profil Gaillots deutlich machen. Dies ist die neueste Studie zu Bischof Gaillot in deutscher Sprache.

„Menschlichkeit zuerst“: Jacques Gaillot, katholischer Bischof, wird 80 Jahre

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon muss sich gelegentlich auch mit Bischöfen befassen. Aber nur mit solchen, die außergewöhnlich sind. Bischof Jacques Gaillot (ehemals Evreux, Normandie, jetzt Paris) gehört dazu. Ich habe ihn als Journalist für die ARD in Deutschland bekannt gemacht, zuerst 1985 mit der Ra­dio­sen­dung und dem etwas ironischen Titel: “Ein Bischof auf dem Lande“ (SR), dann immer wieder mit regelmäßigen Berichten in meiner ca. 40 Halbstundensendungen umfassenden Sendereihe „Gott in Frankreich“ für den Saarländischen Rundfunk SR, Red. Norbert Sommer, auch zwei 30 Minutenfilme fürs Erste, 1989 und 2005 (WDR), gehören dazu usw…

Am 11. September 2015 wird Bischof Jacques Gaillot 80 Jahre alt.

An ihn zu erinnern ist geradezu Pflicht, wenn man Interesse hat an der Frage: Gab es und gibt es noch einen katholischen Bischof, der einen katholischen Glauben im Gespräch mit der Moderne und im Respekt vor den heutigen Kulturen gestalten will. Für den Menschen mehr zählen als Dogmen und Kirchentraditionen, der keine Angst hat vor deutlichen und wahrhaftigen Worten; der keine Angst hat, dadurch sich seine klerikale Karriere zu beschädigen. Gaillot ist ein Bischof, der Nein sagt zu kleinrarierter klerikaler Ambition, der Nein sagt zu einer kapitalistischen Welt und deren Religionen, die den Gott Geld als den größten Wert verehrt.

Jacques Gaillot wurde 1995 vom Papst als Bischof von Evreux abgesetzt, aus dem „einfachen“ Grund: Weil er zu progressiv war. Die Liste seiner außergewöhnlichen Aktivitäten ist lang und wurde an anderer Stelle dokumentiert, klicken Sie hier.

Nur so viel: Gaillot wollte im Sinne Jesu von Nazareth eine menschenfreundliche Kirche aufbauen, die über ihre eigenen veralteten Gesetze und Gebote hinweggeht. Er war politisch sehr system-kritisch, empfand z.B. mehr (praktisch gelebte !) Sympathien für Wehrdienstverweigerer als für konservative (oft rassistisch angehauchte) Politiker. Bischof Jacques Gaillot lebt seit Ende der 1990 Jahre im Kloster der Ordensgemeinschaft „Väter vom Heiligen Geist“ (Spiritaner) in Paris; bis vor 5 Jahren noch als weltweit aktiver Bischof von Partenia, mit einer immer noch bestehenden mehrsprachigen Archiv-website. Seit 5 Jahren lebt Jacques Gaillot etwas mehr zurückgezogen, sozusagen als „pensionierter Bischof“ von Partenia, einem Ort in der algerischen Wüste: Diesen Ort hatte Rom für ihn als Bischofssitz ausgesucht. Ein imaginärer Titel. Deutlicher Ausdruck dafür, dass da ein progressiver und in den 1980 Jahren sehr beliebter Bischof in die Wüste geschickt wurde. Bischof Gaillot verstand es wie kein anderer in Europa, den Glauben, auch in der katholischen Variante, mit den Denk- und Lebensformen der europäischen Moderne zu versöhnen, wobei die Moderne ernst genommen wird, als Welt, als Kultur, als Demokratie mancherorts, von der es auch katholisch-christlich zu lernen gilt! Die website des „Wüstenbischofs“ Gaillot  und des „Wüstenbistums“ Partenia (die website wurde vor 5 Jahren geschlossen) ist noch in mehreren Sprachen, auch auf deutsch, erreichbar, klicken Sie hier.

In Deutschland ist jetzt in den Medien von Jacques Gaillot nichts bzw. fast gar nichts mehr zu hören und zu lesen.

Kardinal Meisner verfügte einst ein Redeverbot für Bischof Gaillot, seit der Zeit wird er von den Bischöfen Deutschlands und auch Frankreichs wie ein Paria behandelt. Auch in der französischen Bischofskonferenz spielte er und spielt er keine Rolle mehr. Die Macht in Rom hat sich durchgesetzt und einen kreativen Bischof, sozusagen einen Hoffnungsträger, ins Abseits gedrängt. Wie sehr sich die Kirchenführung dabei selbst schadet, scheint ihr gar nicht bewusst zu sein. Oder es ist ihr egal! Seit der Absetzung von Bischof Gaillot haben sich tausende progressiver Katholiken eben ihrerseits „abgesetzt“, also von der Kirche verabschiedet. Zur Zeit sollen noch 4 Prozent aller französischen Katholiken (noch ca. 60 Prozent der Bevölkerung) an den Sonntagsmessen teilnehmen. Tendenz: Sehr stark (altersbedingt) sinkend. Bald ist es vorbei mit dem französischen Katholizismus…

Nur in kleinen progressiven katholischen Kreisen ist Gaillot noch willkommen. Seine wahre spirituelle und politische Heimat sind hingegen Menschenrechtsbewegungen in Frankreich.

Wir dokumentieren aus verschiedenen französischen Zeitschriften einige der jüngsten Aktivitäten und Statements Bischof Gaillots aus den letzten 5 Jahren

Bischof Gaillot besucht im August 2015 die von Ausweisung bedrohten Roma in Saint Ouen. „Sie sind Menschen wie wir. Wie kann man eine menschliche Gesellschaft aufbauen, wenn man nicht die Schwächsten respektiert?“

In der Tageszeitung „L Humanité“ (Organ des PCF, auch da kennt Gaillot keine Berührungsängste) äußert er sich im November 2014 kritisch zur Synode der Bischöfe in Rom. Die zölibatären Herren debattierten dort über Familien, Homosexuelle und Geschiedene, die noch einmal heiraten wollen! Gaillot sagte dem Blatt der französischen Kommunisten: “Die katholische Kirche soll Menschen so annehmen und aufnehmen wie sie sind und nicht wie sein sollten. Sie soll nicht von Prinzipien ausgehen. Sie soll wohlwollend die Liebe anerkennen, die unter den Paaren besteht, die außerhalb der alten katholischen Normen leben. Am Rande der Kirche (an der Basis) gibt es bereits ein Klima der Toleranz und des Respektes für jene, die von den kirchlichen Reglementierungen ausgeschlossen sind“. Weiteres lesen Sie hier.

Gegenüber der Tageszeitung „Le Parisien“ sagte er im Januar 2015: „Im Sommer habe ich selbst ein homosexuelles Paar gesegnet und später auch mit einem heterosexuellen Paar eine Trauungszeremonie in einem großen Garten gestaltet, diese Menschen konnten nirgendwo kirchlich heiraten, weil sie geschieden waren. Ich selbst lebe außerhalb der kirchlichen Institution („hors le murs“), darum finde ich es auch sehr gut, auch außerhalb der Kirchengebäude Gottesdienste zu feiern“.

Zur Kirche in Frankreich heute sagte Gaillot:
„Sie ist zu konservativ, da passiert nichts Besonders mehr. Ich habe anlässlich der großen Demonstrationen für die „Ehe für alle“ (also auch für Homosexuelle) demonstriert, die Kirche hat sich absolut dagegen gewendet. Ich meine: Wenn sich die Gesellschaft entwickelt, muss sich auch die Kirche entwickeln. Wenn sie diese Entwicklung nicht mit-vollzieht, wird sie verschwinden. Wenn die Kirche sich nur für sich selbst interessiert, wird sie verschwinden. Die Bischöfe verwenden viel Energie darauf, nur die Strukturen neu zu organisieren. Sie bleiben gegenüber der Moderne misstrauisch. Sie blicken nur in die Vergangenheit und lieben pompöse Zeremonien.

Während ich dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sehr reserviert gegenüber stehe, bewundere ich doch Papst Franziskus. Aber er ist ein bisschen isoliert. Dennoch war die Leistung von Benedikt XVI. beachtlich, dass er zurückgetreten ist! Ich wünsche mir, dass die Päpste eine fest begrenzte Regierungszeit haben und das Ende eines Pontifikates nicht vom Willen des einzelnen Papstes abhängt. Der Papst ist kein Monarch. Er ist ein Diener. Man muss die Person des Papstes entsakralisieren“. Papst Franziskus hat er einen Brief geschrieben, auf den dieser sogar geantwortet hat2, berichtet Gaillot. Manche Formulierungen/Sprüche  des Papstes erinnern unmittelbar an ältere Äußerungen Gaillots, auch an seine Buchtitel, etwa: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“ (sogar bei Herder erschienen)… Aber an eine Rehabilitierung, für eine Entschuldigung Roms für seine brutale Absetzung als Bischof, glaubt Gaillot nicht. Er will sich darum auch nicht selbst bemühen.

Weitere Berichte in der französischen Presse (auf die wir nur hinweisen, um die vielen Aktivitäten Bischof Gaillots wenigstes anzudeuten) beziehen sich auf seine Teilnahme an der großen Demonstration im Januar 2015 nach der Tötung der Redakteure von „Charlie Hebdo“ (weitere Informationen klicken Sie hier) und der Opfer aus der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem tritt Gaillot für eine gerechte Gesetzgebung für ein Sterben in Würde berichtet: Er fordert, dass – in Ausnahmefällen- schwerkranke Menschen die rechtliche Möglichkeit haben, um Sterbehilfe zu bitten. Es wird auch berichtet, dass Gaillot in der Kirche St. Sulpice in Paris im September 2013 eine Bestattungsfeier für seinen atheistischen Freund Prof. Albert Jacquard gehalten hat. Mit ihm zusammen hat Gaillot Jahre lang für die Rechte der Obdachlosen und Wohnungslosen gekämpft.

Zur christlichen Spiritualität im engeren Sinne wurde er auch befragt: „Seit meinem 76. Lebensjahr nehme ich etwas Abstand von allem. Ich spüre sehr stark die Anwesenheit Gottes in jedem Menschen. Die Messe feiere ich im Haus der Spiritaner-Patres hier. Aber hier in Paris ruft man mich ständig, man lädt mich ein, man braucht meine Hilfe“. Menschlichkeit, Solidarität, Teilen des alltäglichen (armen) Lebens der absoluten Mehrheit der Bevölkerung: Das ist für Jacques Gaillot am wichtigsten. Das ist christlich. Spirituell. Religiös.

copyright: christian modehn, Berlin

 

 

„Ethik ist wichtiger als Religion“. Zu einer These des Dalai Lama

„Ethik ist wichtiger als Religion“: Hinweise zu einer These des Dalai Lama

Von Christian Modehn

Der Dalai Lama hat in Gespräch mit Franz Alt die These vertreten: „Ethik ist wichtiger als Religion“. Dieser neueste Beitrag des Dalai Lama vom April 2015 wird international verbreitet, der Text steht auch als pdf Datei gratis zum Herunterladen bereit.

In unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 28.8.2015 haben sich –im Gespräch mit 26 TeilnehmerInnen – einige Fragen und Perspektiven ergeben. Aus meiner Sicht der Hinweis:

Es ist außergewöhnlich, dass einer der prominentesten religiösen Führer/Meister, der immer noch als „Seine Heiligkeit“ angesprochen wird, behauptet: „Ethik ist wichtiger als Religion. Ethische Bildung ist wichtiger als religiöse Bildung. Religion ist tendenziell gewalttätig“.

Relativiert der Dalai Lama damit die Religion? Handelt es sich um eine Art Selbst-Herabstufung des Religiösen durch einen religiösen Meister? Diese Überzeugung wäre ja angesichts der vielen Krisen dieser Welt verständlich, wo die Religionen oft keine konstruktive Rolle spielen (Islam) und die Sehnsucht nach einer wirklichen allumfassenden Menschlichkeit enorm ist.

Die Frage bleibt: Ist die Lage der Welt, Krieg, Gewalt, Fundamentalismus, Wahn, Vertreibung usw. so zum Verzweifeln, dass schon gar nicht mehr damit gerechnet werden kann, Religionen könnten dabei behilflich sein? Haben die Religionen kein Potential der Hilfsbereitschaft mehr? Wer sich unbefangen umsieht, wird heute eher des gegenteiligen Eindrucks gewiss: Die Kirchen helfen diakonisch, auch muslimische Organisation sind caritativ tätig. Schwierig bzw. nicht hinzunehmen ist hingegen, wenn aus religiösen Offenbarungsprinzipien weltliche Gesetze abgeleitet werden! Das geschieht noch in vielen islamischen Ländern. Der Dalai Lama plädiert ausdrücklich mehrfach für eine säkulare Ethik, also eine solche, die sich der allgemeinen, der menschlichen Vernunft erschließt, also auch Atheisten und Agnostikern, wie ausdrücklich betont wird. Diese hat Gewissheiten, wenn nicht Evidenzen zu bieten, etwa der Kategorische Imperativ! Aber: Welche konkreten Vorschläge hat de Dalai Lama, um dieser säkularen Ethik als Realität entgegen zu gehen? Er schlägt das Übliche vor: Meditieren, meditieren, meditieren… Aber, eher nebenbei: Der Dalai Lama scheint Ethik und Moral zu verwechseln. Moral ist das gute Leben des einzelnen, Ethik die Reflexion auf die gelebte Moral. Er spricht dauernd nur von Ethik als der Lehre der Moral!

Gibt es auch „böse Ethiken“? Natürlich, aber das wird vom Dalai Lama nicht thematisiert. Die ideologischen Traktate der Nazis oder der Stalinisten gaben sich als so genannte „Ethiken“ aus.

Und nicht alle Religionen sind „unvernünftig“ und tendenziell bzw. faktisch gewalttätig. Mit der Reformation begann das Bemühen, den christlichen Glauben vernünftig zu betrachten, die Bibel vernünftig zu lesen, vielen Hokus Pokus aus dem Christentum zu vertreiben. Dabei haben Philosophen für eine Reinigung des obskuren christlichen Glaubens gesorgt. Es gibt bis heute kleine explizit theologisch-liberale protestantische Kirchen! Und auch die Mystiker, die von dem unsichtbaren Gott, dem göttlichen Geheimnis sprechen. Das sieht der Dalai Lama (in dieser Schrift) nicht.

Er sieht auch nicht, dass Religion selbst sich ALS Ethik versteht, etwa, wenn Jesus von Nazareth im Gleichnis des Barmherzigen Samariters diese gute Tat ALS den wahren Gottesdienst versteht.

Die abstrakte Trennung hier Ethik, da drüben „jenseits“, getrennt die Religion, gilt nicht, sie ist sogar falsch! Ein Beispiel: Heute sind (katholische) Basisgemeinden in ihrem Engagement für die Menschenrechte (auch für die Arm-Gemachten, Elenden) bester Ausdruck dafür: Religion ist selbst Ethik (als Eintreten für Menschenrechte).

Und hat Religion als (reflektiertes) religiöses Gefühl, das sich entwickelt auch in Auseinandersetzung und im Erleben von Kunst, Musik, Literatur, Poesie, nicht nur sehr gutes und manchmal – in seelischen Krisenzeiten etwa – ihr vorrangiges Recht?

So ist diese Broschüre des Dalai Lama mit Franz Alt interessant, inspirierend, durchaus, aber auch inspirierend zur Kritik und der Feststellung von Fehlern. Aber das will der Dalai Lama zweifellos!

Bei aller Kritik jedoch gilt: Die Broschüre des Dalai Lama bleibt wichtig. Sie zeigt den richtigen Weg: In dieser zerrissenen und chaotischer werdenden Welt kommt es zuallererst auf Kräfte an, die das Verbindende der Menschheit fördern willen. Die zuerst an den Menschen als Menschen denken, an sein „Glück“, wie der Dalai Lama sagt, und alle gewagten/neurotischen Konstruktionen und Ideologien, auch religiöse Ideologien, auf die zweite Stelle setzen.

Und diese Kräfte sollten, so bescheiden auch immer, diese säkular – ethische Haltung leben, in kleinen Gruppen oder allein. Die protestieren, wenn Religionen, Ideologien, esoterische Fantastereien wichtiger genommen werden als die allgemeine Vernunft, also die für alle (!) geltenden Menschenrechte, die absolut vorrangig bleiben, auch wenn unbegabte Politiker sie missbrauchen.

Es wird die Frage dringend angesichts dieser Schrift des „Anführers“ der Buddhisten:

Wann wird denn ein Papst – dem Dalai Lama folgend – sagen: Auch für uns Katholiken und für den Vatikan, alle Bistümer und den päpstlichen Hof (Kurie) ist die vernünftige Ethik wichtiger als die katholische Religion und ihre rigiden religiösen/klerikalen Gesetze? Und wir sprechen darüber IN den Gottesdiensten, gestalten „Feiern der Ethik“ am Sonntag anstelle der ewig selben Messen mit ewig denselben Worten etc…

Wann wird denn dies der Ökumenische Weltrat der Kirchen in Genf sagen? Wann die Verantwortlichen der Reformationsfeierlichkeiten 1517 in Wittenberg: Ethik ist wichtiger als eure Religion!

Wann die Putin ergebenen und verblendeten Popen und Patriarchen in Moskau? Gibt es Hoffnungen angesichts einer reaktionären orthodoxen Kirche, die nur als angepasste Staats-Ideologie existiert?

Wann all die vielen Islam-Organisationen: Wann werden sie mit einer Stimme bekennen und in allen Moscheen laut schreiend bei einem Freitagsgebet jeweils in den Landessprachen sagen: Vernünftige (!) Ethik ist wichtiger als Religion und religiöse Traditionen?

Wann werden dies militante Hindus und militante Buddhisten usw. sagen? Und die Anhänger jener Religion, die die eigene Nation bzw. den eigenen Staat und den Kurs der Börse heilig sprechen? Darf man das hoffen? Erwarten dürfen wir es nicht, weil die Macht der religiösen Verblendung auch heute enorm ist, weil Religion das eigene Nachdenken erspart und nicht fördert. Und viele Religion (als Ideologie)  wichtiger finden als pure Menschlichkeit.

ABER: Wir müssen hoffen und daran arbeiten, damit wir nicht völlig verzweifeln: Säkulare Ethik ist wichtiger als unvernünftige Religion, aber nicht jede Religion ist unvernünftig, siehe oben!

Der Dalai Lama hat jedenfalls einen klaren Schritt vollzogen und er hat einen radikalen SCHNITT vollzogen. Merken wir es uns: Ethik ist ab sofort wegen des Überlebens der Menschheit wichtiger als (unvernünftige) Religion.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Navid Kermani: „Ungläubiges Staunen“. Ein Religionsphilos. Salon am 25. September 2015

Der Religionsphilosophische Salon Berlin im September: Am Freitag, 25. September 2015, um 19 Uhr wollen wir uns mit einigen zentralen Erfahrungen und Erkenntnissen von Navid Kermani auseinandersetzen, dargestellt in seinem neuen Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“, Beck-Verlag, München 2015, 303 Seiten. Was ist „schön“ am Christentum in der Sicht eines Muslims? Was vermag ihn zu begeistern, was findet er problematisch im Christentum? Das Buch ist sozusagen ein Spiegel seines eigenen, „inneren“ religiösen Dialogs. Im Zentrum steht jeweils, in jedem Kapitel, ein Gemälde oder ein Foto, die Kermani zu persönlichen Deutungen „verführen“. Interessant ist, dass der Muslim Kermani ausdrücklich den vorbildlichen Jesuitenpater Paolo dall`Oglio erwähnt, der sich in Syrien um den islamisch-christlichen Dialog bemüht; der ein entsprechendes Kloster in der Wüste bei Damaskus gegründet hat… nun aber, im Bürgerkrieg, spurlos verschwunden ist. Und niemand weiß, ob er noch am Leben ist… Das „Vatikan Magazin“ (!) hat einen Beitrag Kermanis über Pater dall Oglio veröffentlicht, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Kermani liefert einen Beitrag zu den Lernschritten, die heute von jedem religiösen und nichtreligiösen Menschen geleistet werden sollten. Durch solche Dialogerfahrungen weitet sich unser Horizont … und unser Dasein im ganzen.

Wir treffen uns wieder in der Galerie Fantom (Hektorstr. 9) . Beitrag für die Raummiete: 5 Euro. StudentInnen haben wie immer freien Eintritt.

Herzliche Einladung, einem ungewöhnlichen und herausragenden Denker  –  durch sein neuestes Buch – zu begegnen, dem Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015.

Anmeldungen erforderlich wegen der begrenten Anzahl der Plätze. Kurz vor der Veranstaltung werden den „angemeldeten Personen“  weitere Infos zum Thema zugesandt per email.

Anmeldungen an: christian.modehn@berlin.de

Zur Einstimmung zwei Besprechungen:

Kölner Stadtanzeiger, klicken Sie hier.

FAZ, klicken Sie hier.

Flüchtlinge, die Philosophen und Theologen sind.

Philosophen und Theologen als Flüchtlinge

Ein Hinweis (und ein Projekt) von Christian Modehn. Der  Beitrag wurde im August 2015 verfasst, er ist nach wie vor interessant angesichts der aktuellen Diskussionen.

Am besten hilft „man“ den Flüchtlingen heute in Deutschland natürlich praktisch. Das heißt menschlich. Das heißt solidarisch. Und politisch, indem man die Politiker daran erinnert, dass die Fluchtursachen für sehr viele Flüchtlinge, die dann in Europa landen, von den europäischen Staaten und ihren Regierungen selbst mit-verursacht sind: Stichwort Kolonialismus, einst und heute; Schädigungen der landeseigenen Ökonomie etwa in Afrika durch multinationale Firmen, die dort nur Armut erzeugen. Verfehlte Politik im Irak, in Syrien und so weiter. Das Elend der Flüchtenden aus diesen Ländern wurde durch eine unfähige (nur aufs Heute schauende, engstirnige und dumme) europäische und amerikanische Politik verursacht. Jetzt ist es zu spät, diese schweren politischen Versäumnisse westlicher Politiker seit den 1990 Jahren noch zu korrigieren.

Nun haben zwei Historiker, Birte Förster und Moritz Hoffmann, Uni Darmstadt bzw. Heidelberg, eine website gestartet, die sich mit den geschichtlichen Dimensionen der Flucht und dem Schicksal der Flüchtlinge einst und bis vor kurzem befasst. Ein wirklich „uferloses“ Thema. Es ist aber dringend geboten, weil wir daran erinnert werden, dass so unglaublich viele Menschen Flüchtlinge waren und noch sind, Heimatlose, Staatenlose, Degradierte…

Die website ist erreichbar: www.gefluechtet.de

Sie bietet auch in Links Hinweise zu praktischen Möglichkeiten der Hilfe.

Uns führt diese Website zu einem weiteren (Forschungs-) Thema unseres Salons: Die Flüchtlinge, die Philosophen waren und sind, ebenso die Theologen, die flüchteten und noch heute fliehen, verdienen mehr intellektuelle Aufmerksamkeit!

Wer nur die Geschichte der Philosophie oberflächlich etwa für das 18. Jahrhundert anschaut: Rousseau war in gewisser Weise Dauerflüchtling, Voltaire war oft auf der Flucht; der „alte Fritz“ bot Zuflucht; an Descartes wäre zu erinnern, er starb (vergiftet ?) in Schweden. Im 20. Jahrhundert: Hanna Arendt und die vielen großen jüdischen Philosophen, Walter Benjamin, Emmanuel Lévinas, Adorno und Horkheimer und die vielen anderen. Bei der dann eines Tages halbwegs umfassenden Dokumentation darf es aber nicht bleiben. Es muss die Frage gestellt werden: In welcher Weise hat die Flucht das Denken der fliehenden Philosophen verwandelt? Wie wurde es erschüttert, vielleicht sogar perspektivenreicher? Und auch anders gefragt: Hätte nicht manchen etablierten Philosophen eine Flucht sogar gut getan, ich denke etwa an Heidegger: Wie hätte sich sein Schwarzwald-Denken und Sein-Sinnieren verwandelt, wenn er etwa mit Hanna Arendt in die USA hätte fliehen müssen? Spannende, selbstverständlich hoch „spekulative“ Fragen.

Und bei den Theologen: Man denke an den großen Paul Tillich, er musste schon 1933 vor den Nazis in die USA fliehen. Man denke an die Befreiungstheologen, die vor der faschistischen Diktatur in Chile nach Costa Rica fliehen mussten, etwa Pablo Richard oder Franz Hinkelammert. Oder heute, da fliehen ja auch, kaum bemerkt, so viele ursprünglich einmal katholische Theologen in protestantische Kirchen. Die Kirche der Remonstranten definiert sich sogar durch ihren „Allgemeinen Sekretär“ selbst als Zufluchtskirche, als freier Raum nach der Flucht in die Freiheit, mit möglichst wenigen Dogmen usw. Viele Katholiken haben bei den Remonstranten und anderen liberalen protestantischen Kirche Zuflucht gefunden, zumal solche, die sich selbstverständlich offen zu ihrer homosexuellen Liebe bekennen. Und in diesen Kirchen kein Versteckspiel betreiben müssen,  wie in der römischen Kirche immer noch üblich.

Das Thema Flucht und Flüchtlinge auch philosophisch und theologisch betrachtet, steht erst am Anfang. Das innere Bewegtsein, philosophisch und theologisch, des Fliehenden, des Vertriebenen, gilt es herauszuarbeiten. Wie sozusagen auch mitten im Leiden (in der Fremde) Neues entsteht. Jedoch die Voraussetzung dafür ist: Die umgebende neue Gesellschaft muss die ankommenden Flüchtlinge unterstützen, begleiten, schätzen, respektieren. Das gelingt nur, wenn die „Gastgeber“ erkennen: Auch wir „Daheimgebliebenen“ sind wie unsere neuen Bewohner SELBER auch Flüchtlinge: Warum können sich die Zuhausegebliebenen nicht eingestehen: Wir fliehen vor der Mühe der Solidarität, wir fliehen vor dem Respekt für den „anderen“. Wir fliehen vor den neuen Herausforderungen, weil wir uns nicht ändern wollen, weil wir so viel Angst haben.

Aber gemeinsam haben wir diese Angst überwunden und sind aus dem alten, engen, ja sagen wir auch spießigen Leben „geflohen“ und neu begonnen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin