Die 2. unerhörte Fragen: Warum fördert der Katholizismus die Korruption in Lateinamerika?

Die 2. Frage unserer Reihe “Unerhörte Fragen”
Warum fördert der Katholizismus die Korruption in Lateinamerika?
Von Christian Modehn am 9.6.2021.

Was bedeutet „unerhört“?
„Unerhört“ werden außerordentliche Themen genannt.
Als „unerhört“ gilt, wenn ein wahres Wort, ein vernünftiger Vorschlag, von anderen nicht gehört und nicht wahr-genommen wird, also un-erhört bleibt. Unerhörte Fragen müssen entfaltet , beschrieben werden, um ihre provokative Kraft zu bezeugen.

Die 2. unerhörte Frage also:
Warum gibt es keine soziologischen und religionswissenschaftlichen Studien, die das Begründungsverhältnis von katholischer Kirche und Korruption, besonders krass im „katholischen Lateinamerika“, freilegen?

Fast alle lateinamerikanischen Staaten sind bekanntlich von Korruption seit Jahrhunderten zerrüttet, mit den Konsequenzen von permanenter Gewalt und zunehmendem Elend der Massen. Diese Korruption als „Verdorbenheit“ bzw. als Fehlen des Respekts für die für die Menschenrechte hat vielfache Ursachen. Eine entscheidende Ursache ist die Religion, im Falle Lateinamerikas der Katholizismus. Über den Zusammenhang schweigen sich die Katholiken, Theologen und ihre Bischöfe aus, kein Bischof sagt: „Unsere eigene Religion in ihrer Form wie in ihrem Inhalt ist mit-schuldig an der permanenten Korruption“. Nur ein Beispiel: Eine Kirche, die die Frauen von allen führenden Kirchen-Ämtern ausschließt und den Marien-Kult (den Kult der reinen Jungfrau) extrem auch als Wunderglauben fördert, kann niemals ernsthaft als Verteidigung der Frauenrechte und Frauenwürde in Lateinamerika ernstgenommen werden. Diese Kirche fördert den Machismos, den gewalttätigen (Hetero-) Männer-Wahn
Sehr früh hat auf diesen Zusammenhang schon der Philosoph Machiavelli hingewiesen, in seinen „Discorsi“ (1513 – 1519) schreibt er: „Durch das böse Beispiel des päpstlichen Hofes sind in Italien alle Gottesfurcht und Religion verloren gegangen, dies ist die Ursache für zahllose Übelstände und endlose Unordnung“ (zit. in: Herfried Münkler und Grit Straßenberger „Politische Theorie und Ideengechichte“ , München 2016, S. 408.)
Natürlich gilt diese Erkenntnis, auch wenn man selbstverständlich nicht alle sonstigen politischen Erkenntnisse Machiavellis heute treffend findet. Und auch dieses noch: Natürlich gibt es auch in anderen christlichen Kirchen, wie den Evangelikalen in den USA oder im Islam die religiöse Korruption usw.
Hier wurde nur auf die weltweite Religion des Katholizismus speziell in Lateinamerika hingewiesen. Dort gehört Korruption traditionell zur immer weiter gegebenen Un-Kultur. Korruption in Lateinamerika wird nur eingeschränkt werden, wenn die Kirchenlehre reformiert wird und die Verelendung der Massen ein Ende hat.

Über Korruption und Katholizismus siehe auch LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die 1. unerhörte Frage: Warum lädt die Evangelische Kirche in Deutschland nicht Katholiken zur Konversion ein?

Die 1. Frage unserer Reihe “Unerhörte Fragen”

Von Christian Modehn, am 8.6.2021.

Was bedeutet „unerhört“?
„Unerhört“ werden außerordentliche Themen genannt.
Als „unerhört“ gilt, wenn ein wahres Wort, ein vernünftiger Vorschlag, von anderen nicht gehört und nicht wahr-genommen wird, also un-erhört bleibt. Unerhörte Fragen müssen entfaltet , beschrieben werden, um ihre provokative Kraft zu bezeugen.

Die unerhörte Frage also: Warum lädt die Evangelische Kirche in Deutschland die vielen Katholiken, die jetzt aus der katholischen Kirche in Deutschland austreten, nicht ausdrücklich ein, protestantisch zu werden, also zu konvertieren?

1.
Die vielen tausend „Ausgetretenen“ wollten ja nicht nur Steuern sparen. Viele werden spirituell bleiben, vielleicht sogar explizit christlich interessiert. Braucht man dafür nicht Orte des Gesprächs, des gemeinsamen Feierns etc.?
Die Evangelische Kirche in Deutschland sollte also öffentlich und ausdrücklich ehemalige Katholiken in die protestantischen Gemeinden einladen. Dort finden unzufriedene Katholiken sehr vieles, was sie in der römischen Kirche vermissen, etwa das selbstverständliche Pfarramt für Frauen, demokratische Strukturen…
Es könnte diesen katholischen „Neu-Protestanten“ auch der Status eines „Gastes“ oder „Freundes“ der evangelischen Kirche gegeben werden.
Weil die ausgetretenen Katholiken eher zum progressiven Flügel des Katholizismus gehören, sollten sie eher fundamentalistische Gemeinden innerhalb der EKD meiden.
Progressive Protestanten, zumal Lutheraner, hätten überhaupt nichts dagegen, wenn diese katholischen „Neu-Protestanten“ ihre eigenen Traditionen auch einmal pflegen wollen, etwa eine Wallfahrt, eine Andacht, die sich auf Maria, die wirkliche Mutter Jesu von Nazareth bezieht usw. und die traditionellen „Alt-Protestanten“ könnten froh sein, dass ihre Gemeinden nun durch katholische „Neu-Protestanten“ noch lebendiger und vielfältiger werden.

2.

Wird diese unerhörte Frage also gehört werden, die sich übrigens auch für die kleine alt-katholische Kirche stellt? Ich fürchte nein.

Denn die Protestanten wie die Alt-Katholiken werden sagen: Solche offiziellen Einladungen stören den so genannten ökumenischen Frieden mit der katholischen Hierarchie. „Die Ökumene“ wird also als Grund vorgeschoben werden, ein spirituelles Angebot den „ausgetretenen Katholiken“ anzubieten. Ökumenische diplomatische Verabredungen sind also wichtiger als spirituelle Entwicklungen.

Die Protestanten, immer bescheiden und zurückhaltend, sollten aber nicht vergessen: Die offizielle katholische Kirche hält sich nicht an ökumenische Verabredungen: Sie lädt zum Beispiel offiziell Priester der Anglikanischen Kirche ein, die mit ihrer Kirche unzufrieden sind, ohne weiteres römisch -katholische Priester zu werden. Und wie viele verheiratete evangelische Pfarrer in Deutschland wurden schon offiziell katholische Priester, verheiratet natürlich. Mit anderen Worten: Die römisch – katholische Kirche ist im Ernstfall alles andere als zurückhaltend und diplomatisch vorsichtig.

Aber was geschähe, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland Katholiken scharenweise aufnehmen würde? Die katholische Kirche würde sich plötzlich besinnen und in der eigenen Kirche tiefgreifende Reformen durchsetzen. „Schließlich sollen nicht noch mehr Katholiken protestantisch werden“, werden die Bischöfe sagen, dabei alles andere als ökumenisch-tolerant.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Pariser Commune (1871) spaltet noch heute.

Ein Hinweis von Christian Modehn: Wie die katholische Kirche ihrer politisch – konservativen Helden gedenkt und sie „seligspricht“.

1.
Am Samstag – Nachmittag des 29. Mai 2021 zogen etwa 300 fromme Katholiken durch die Straßen im Osten von Paris. Sie nannten ihre Demonstration eine Prozession bzw. Pilgerfahrt. Sie wollten, von einigen Priestern angeführt, ganz offiziell wie zum Gottesdienst in Messgewändern gekleidet, der „Märtyrer der Commune“ gedenken. Vom Erzbistum unterstützt, erwiesen sie auf diese Weise öffentlich den Klerikern die Ehre und Verehrung, die Ende Mai 1871 während der Pariser Commune von den Communarden erschossen wurden. Und ihr öffentliches Gedenken nannten sie „Wallfahrt“, veranstaltetet auf den Straßen, die auch die Märtyrer zu ihrer Erschießung gehen mussten.
Die Teilnehmer an der „Wallfahrt“ hatten sich spirituell darauf vorbereitet, wie sie berichten, ihr theologischer Leiter kam wohl aus der Pfarrei, die sich „Notre Dame des Otages“ im 20. Arrondissement nennt, also „Unsere Liebe Frau der Geiseln“. Diese Gemeinde wurde 1936 errichtet, die Basilika „Sacre Coeur de Montmarte“ stand da schon längst, sie war und ist ein machtvolles Symbol des Protestes gegen die Pariser Commune, deswegen wurde sie errichtet. Genau in der Umgebung von Montmartre begann die Commune…und auf dem Friedhof Père Lachaise im Norden von Paris endete sie.
Die aktuellen Wallfahrer behaupteten, keinerlei politische Interessen zu haben. Alles sei eine fromme Wallfahrt, absichtslos spirituell. Wer die lange Erklärung der Wallfahrer liest, publiziert in der katholischen Tageszeitung La Croix (Paris) vom 3. Juni 2021 spürt, wie sich dort die traditionelle Frömmigkeit äußert: Die Kirche wird dabei „die Zeugin DER Wahrheit“ genannt, die Kirche kann also die Wahrheit über die Commune sagen, und nicht etwa Historiker. Und diese Katholiken wollen „die Liebe Christi in die Straßen tragen“. Das gelang dann doch nicht, weil die Wallfahrer gestört und attackiert wurden. Doch zunächst einige Fakten:

2.
Es waren ca. 10 Kleriker, die in der „Blutigen Woche“, während der definitiven Niederschlagung der Commune, erschossen wurden. Die Communarden hatten zuvor gefordert, dass einer der ihren, der sozialistische Politiker Louis Auguste Blanqui, von der reaktionären Regierung in Versailles festgehalten, nun freigelassen werden sollte. Im Austausch wollten die Communarden ihre Geiseln, die Kleriker, frei lassen, darunter auch den Pariser Erzbischof Darboy. Aber der Machthaber in Versailles, Adolphe Thiers, lehnte ab, gut kalkulierend, dass nun die erzürnten Communarden sich entschließen, ihre Geiseln, die Kleriker, zu erschießen: Weil das geschah, hatte Thiers nun endlich allen Grund, gegen die „Vernichter der Kirche“ vorzugehen. Und zwar mit blutiger Gewalt, mindestens 20.000 Bürger wurden in der „blutigen Woche“ von den Regierungstruppen umgebracht. Da sollte man einen Zahlenvergleich wagen: 20 von den Communarden ermordete Kleriker – Geiseln stehen den etwa 20.000 Communarden und demokratisch gesinnten Bürger in der Commune gegenüber, die von den offiziellen Truppen der Regierung zum Teil bestialisch ermordet wurden, von einer Regierung, die sich konservativ, katholisch und monarchistisch verstand. Und die von der Kirchenführung und dem Klerus völlig unterstützt wurde.

3.
Die frommen „Pilger“ in Paris am 29. Mai 2021 wurden bei ihrer angeblich nur spirituell gemeinten Wallfahrt, völlig überraschend, auf den Straßen mit Flaschen beworfen und mit Schlägen attackiert. Und zwar von Linksextremen, „Antifas“ (Antifaschisten) und Anarchisten, wie die katholischen Veranstalter sagen und die Presse betont, etwa auch die katholische Tageszeitung „La Croix“ oder der konservative „Figaro“. Der Historiker Etienne Fouilloux nannte diese ungewöhnlichen Aggressionen gegen eine katholische Demonstration, die offiziell auch polizeilich angemeldet war, „ein Wiedererstarken des Antiklerikalismus“. Der Pariser Erzbischof Aupetit will wegen dieser Gewalt gegen Katholiken die Gerichte bemühen.

4.
Einige kritische Katholiken wollten angesichts der Gewalt vermitteln, sie publizierten ihre Erkenntnisse zu der so genannten Prozession bzw. der „Pilgerfahrt“ durch die Pariser Straßen. Sie nannten diese offizielle kirchliche Unternehmung „eine spirituelle und politische Verirrung“ („aberration“). Es ist klar, dass auch diese Katholiken jegliche Gewaltanwendung gegen die „Pilger“ ablehnen. Aber diese wenigen kritisch reflektierenden Katholiken wehren sich gegen die Vorstellung: Die ermordeten Katholiken wären die „Guten“ (und Heiligmäßigen), die Communarden hingegen die Atheisten und Mörder. „Die katholischen Geiseln wurden getötet, nicht etwa, wegen ihres christlichen Glaubens. Sondern weil die Communarden meinten, sie gehörten politisch zu den Feinden der Ideale der Commune“. Die Getöteten waren also nicht automatisch Märtyrer, wie die Katholiken der Prozession bzw. der Pilgerfahrt durch Paris am 29.5.2021 meinen. Es waren nur Bürger, die letztlich der demokratischen Commune gegenüber politisch feindlich eingestellt waren, „es gab eine Verteufelung der Commune durch den Klerus damals“.
Wenn sich also heute Katholiken in Frankreich (laut und vernehmlich für die ganze Presse) für die sogenannten „Märtyrer“ von 1871 einsetzen, grenzen sie sich ab von einer objektiveren Einschätzung der Leistungen und der Ideale der Commune. „So wird von den Katholiken auch heute „verschwiegen, dass viele Tausend Communarden von der sich katholisch nennenden Regierung in Versailles umgebracht wurden. Das politische Modell der Commune , radikal demokratisch und egalitär, entspricht in mancher Hinsicht den fundamentalen Begriffen der Soziallehre der Kirche“, schreiben die 15 kritischen Katholiken. Siehe dazu die Tageszeitung La Croix am 2.6.2021.
Diese Erkenntnis bedeutet für die katholischen Kritiker der politisch – spirituellen „Wallfahrt“ andererseits auch keine Idealisierung der Commune…. Zu den Unterzeichnern gehört der Jesuitenpater Maurice Joyeux, der Journalist Paul Piccarreta, der Soziologe Pierre-Louis Choquet…

5.
Nun wird immer häufiger berichtet, dass vor allem ein Priester offiziell „seliggesprochen“ werden soll, der von den Communarden erschossen wurde: Père Henri Planchat (geboren 1823) wurde am 26. Mai 1981 von Mitgliedern der Pariser Commune erschossen. Nun soll er „seliggesprochen“ werden, er also darf dann wie ein Heiliger verehrt und um himmlischen Beistand gebeten werden. So lehrt es nun einmal der Wunder- und Heiligen-Glaube der Kirche.
Planchat hat als Pfarrer im Armen – Viertel rund um die Rue des Charonne den Armen beigestanden, obwohl er, so wird betont, eigentlich einem reichen bürgerlichen Milieu entstammte. Eine Ausnahme damals. Er hat sich über die Communarden nie polemisch geäußert, andere Priester hingegen damals nannten die Communarden „wilde Tiere“. „Er hat also nachweislich niemals voller Hass auf die Commune gesprochen“, betonen die Priester, die jetzt die Seligsprechung des Armen – Paters betreiben. Um 1990 wurde in Rom der „Prozess der Seligsprechung“ unternommen, begonnen hatte er schon 1896. Er soll als Märtyrer verehrt werden, weil bei seiner Anrufung im Himmel jetzt schon „Wunder“ geschehen sind.
Planchat wurde schon im März 1871 von einigen Communarden mit Gewalt bedrängt und dann am 6. April verhaftet, weil er sich als Priester eher ungewöhnlich damals um das Wohl der Armen kümmerte? Oder waren die Hilfsangebote des Pfarrers „zu spirituell“ in der Sicht der Communarden?

6.
Es darf nicht verschwiegen werden, dass am gleichen Tag, am 29.5.2021, eine andere Demonstration durch die Boulevards von Paris zog: 100 verschiedene linke Organisationen hatten zur Demonstration aufgerufen zur Erinnerung an die Pariser Commune. Und 15.000 (!) TeilnehmerInnen waren dabei, behaupten die Veranstalter des „Vereins Freunde der Pariser Commune“. Und sie betonen: Über deren große Demonstration hätten nur die Tageszeitungen L Humanité und Libération berichtet, während die spirituell – politische „Wallfahrt“ der 300 Katholiken von den Medien ausführlich gewürdigt wurde.

7.
Man darf in dem Zusammenhang auch nicht vergessen: Die katholische Kirche hat vorbildliche Helden, Selige und Heilige, wie sie sagt, fast immer in Kreisen der politisch Konservativen, auch der Reaktionären gesucht und gefunden: Es waren eben hierarchie-/kirchentreue Leute, von den Dogmen völlig überzeugt und dem Klerus ergeben. Das wird etwa deutlich, wenn man die riesigen Zahlen der Selig – und Heiliggesprochenen aus dem Spanischen Bürgerkrieg unter dem katholischen General Franco betrachtet. Märtyrer des Spanischen Bürgerkrieges waren in katholischer Sicht, wobei die Zahlen nie so klar sind, 12 Bischöfe, 4184 Priester und Priesterseminaristen, 2365 Ordensmänner und 283 Ordensfrauen, dazu Tausende Laien starben nach den offiziellen Zahlen der katholischen Kirche im Spanischen Bürgerkrieg 1936/1937. 969 der Katholiken, die als Laien und Priester und Ordensleute umgekommen sind, wurden später von den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. seliggesprochen. Sie können als „Märtyrer für den Glauben“ verehrt werden. Tatsache ist, dass auch deren Glauben eng verbunden war mit den rechten politischen Positionen. Sie wurden von der damaligen noch rechtmäßig bestehenden republikanischen Regierung als politische Gegner ermordet.
Republikanische, linke Priester und katholische Laien hingegen wurden später von den Faschisten Francos getötet. Von ihnen spricht kaum jemand.
Schließlich gab es dann noch ein gutes Einvernehmen zwischen der Kirche und dem Franco-Staat: Der Vatikan erkannte bereits im August 1938 – also noch während des Bürgerkrieges – die Putschisten um General Franco als Führer Spaniens an!
Papst Franziskus verfügte, schon gleich nach seiner Wahl zum Papst, dass am 13. Oktober 2013 über 500 weitere „Märtyrer“ des spanischen Bürgerkrieges in Tarragona selig gesprochen wurden. Dieses Ereignis war, was die Zahlen angeht, die größte Seligsprechung in der katholischen Kirche.
Wikipedia schreibt in dem Beitrag über „Seligsprechung spanischer Bürgerkriegsopfer“: „Kritiker bezeichnen die Auswahl der berücksichtigten Bürgerkriegsopfer als willkürlich. Katholische Geistliche, die von den Milizen Francisco Francos wegen ihres Widerstands gegen die Anweisungen der Amtskirche, welche das Vorgehen der Faschisten als „Kreuzzug“ legitimierte, ermordet wurden, seien nicht seliggesprochen worden“.

Linke Katholiken werden eher sehr selten selig oder heiliggesprochen, dies gilt wohl sich für demokratische “Helden” der Pariser Commune…Linke Katholiken wurden und werden sowieso zu Lebzeiten verdächtigt und degradiert, siehe die Befreiungstheologen in Lateinamerika. Erzbischof Oscar Romero von El Salvador ist wohl der einzige linke Kleriker, der, viele Jahre nach seiner Ermordung 1980 durch rechtsextreme, sich katholisch nennende Militärs, nach langen mühsamen Debatten, vom Vatikan selig- und dann heiliggesprochen wurde. Aber: Erzbischof Helder Camara aus Brasilien, ein Linker, vom Volk seit Jahren als Heiliger längst verehrt, ist bis heute nicht heiliggesprochen…
Bei dem reaktionären Gründer des internationalen Geheim-Clubs „Opus Dei“ ging es bekanntlich ganz schnell mit der Heiligsprechung…So wollte es unbedingt Papst Wojtyla.

8.
Nebenbei:
Papst Pius XII. sagte 1939 in einer Radioansprache: „Die von Gott auserwählte spanische Nation (unter Franco) hat den zum materialistischen Atheismus Bekehrten (also den Republikanern) gezeigt, was die Werte der Religion sind“. Meinte der Papst mit den “Werten” das Abschlachten der Linken und Republikaner durch die katholischen Leute von Franco?
Später wurde Staatschef Franco – als Laie – zum „Protokanonikus“ der römischen Basilika Santa Maria Maggiore ernannt. Die Bindungen zwischen Faschismus und Vatikan haben also sehr früh begonnen: „Hauptsache katholisch und klerikal – was sonst ein Politiker tut ist egal“, war offensichtlich nachweisbar das Leitprinzip im Vatikan in Zeiten des größten Feindes, des teuflischen Bolschewismus. Faschismus war dagegen „halb so schlimm“ in vatikanischer Sicht. Siehe den vatikanischen Umgang mit Mussolini und Hitler…
(Quelle El Pais, 2. Juli 2007, Beitrag von Juan G. Bedoya.
Zu den spanischen Märtyrern siehe auch: https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Maertyrer_Spanischer_Buergerkrieg.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Katholische Kirche ist am toten Punkt: Kardinal Marx beurteilt den Zustand der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 5. Juni 2021.

1.
In einem Brief bittet Kardinal Reinhard Marx den Papst, seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising zu akzeptieren.
Dieser Brief und die Erklärungen von Marx zu seinem Rücktritt am 4.6.2021 enthalten wichtige Aspekte vor allem zur immer noch nicht umfassend bearbeiteten „Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, so Kardinal Marx wörtlich.
Auch die Auswirkungen des Rücktritts von Marx auf die anderen Bischöfe in Deutschland bleiben wichtiges Thema: Wie lange wird etwa der von den meisten Kölner Katholiken nicht mehr respektierte Kardinal Woelki sich noch mit aller Macht an sein Amt klammern können? An eine Vertreibung Woelkis aus seinem Bischofspalais in Köln denken die Kölner wohl noch nicht.
2.
Viel wichtiger und ganz zentral und bedenkenswert sind drei Worte in dem Brief von Marx an den Papst: Es handelt sich um den „gewissen toten Punkt“, an dem sich für Kardinal Marx die katholische Kirche jetzt befindet.
3.
Die Katholische Kirche also: An einem “toten Punkt”! Das hat man in der Deutlichkeit noch nicht von einem der prominentesten Kardinäle gehört. Klingt entfernt etwas nach Martin Luther. Was für eine treffende und wahre Analyse der Zustände der römischen Kirche heute. “Am toten Punkt”, das könnte heißen: Diese Kirche ist zwar noch vorhanden, als Organisation, als Macht rituellen Geschehens, als Repräsentation des Klerus mit allem üblichen „Brimborium“ der Mitras und Hirtenstäbe, umwölkt von Weihrauch-Schwaden. Aber, wie gesagt, diese Kirche ist weithin nur noch vorhanden, sie lebt nicht mehr, ist nicht mehr kreativ, ist nicht mehr lebendig. Und lebendig heißt: Mutig auch inhaltlich den christlichen Glauben neu aussagen. D.h: Alten dogmatischen und kirchenrechtlichen “Schrott”,könnte man diese dogmatisch ausgetüftelte System nennen, also entrümpeln, wie etwa das Zölibatsgesetz, den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, die “Ehe für alle” als Sakrament (nicht nur als “Segnung”) gestalten usw. Alte Traditionen mögen zwar alt sein, aber sie sind keineswegs noch “ehrwürdig” für eine aufgeklärte Theologie und für demokratisch fühlende Menschen. Und ist es nicht geradezu lächerlich, wenn Kleriker so viel von Gott wissen und arrogant behaupten: Gott höchst persönlich will diese unsere Kirchengesetze?
4.
Der Duden belehrt uns, genau das von Kardinal Marx zitierte Wort „toter Punkt“ zu verstehen: „Die Wendung der tote Punkt kann zwei Bedeutungen haben:
– Ein Stadium, im dem keine Fortschritte mehr erzielt werden, in dem etwas stagniert: Die Verhandlungen waren auf dem toten Punkt angelangt.
– Ein Zustand stärkster Ermüdung, Erschöpfung: Ein starker Kaffee sollte ihr über den toten Punkt hinweghelfen“.

Die „Stagnation“ ist katholische Realität. Und sie ist von den Päpsten und den Klerikern seit Jahrzehnten und Jahrhunderten als solche gewollt. Natürlich gab es im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils (1962 -1965) kleine Reförmchen und Schönheitsreparturen, aber an den alten Dogmen (wie etwa dem furchtbaren Wahn der Erbsünde) wurde nichts verändert. Die unsäglich altertümliche Sprache der Messe wurde aus dem Lateinischen wortwörtlich in die modernen Sprachen übersetzt: Unverständlich fremd und störend ist diese Übersetzung aus dem Lateinischen bis heute.
Dies sind nur zwei Beispiele von vielen. Stagnation wird von den Hierarchen heute klein geredet mit dem Hinweis auf Reförmchen, etwa dass Laien ihre Meinung sagen dürfen (in „Laiengremien“), aber selbstverständlich nichts entscheiden dürfen (bestenfalls, ob die Sonntags-Messe um 11 Uhr statt um 10 Uhr beginnt). Von demokratischer Kultur keine Spur in dieser Kirche. Und die Päpste und Prälaten sind stolz darauf und sagen das so, dass ihre Kirche nicht demokratisch ist. „Gott will keine demokratische Kirche, wir Bischöfe reden zwar vom allgemeinen (!) Priestertum aller katholischen Gläubigen, aber wir Kleriker halten uns nicht daran”. Das ist die Realität, die jeder Aufmerksame kennt.

In der zweiten Duden-Definition des „toten Punktes“ wird auf eine mögliche Schocktherapie gegen den toten Punkt im Alltag verwiesen: Etwa Koffein bei starker Müdigkeit.
Im Falle der römischen Kirche heißt die „Schocktherapie“ gegen den Null-Punkt: Gebt der Vernunft, dem Geist, dem Verstand, den absoluten Vorzug in allen kirchlichen und theologischen Fragen. So wie die Missbrauchskatastrophe nicht von Klerikern wegen deren theologischer Befangenheit „gelöst“ werden kann, sondern nur von „auswärts“, also von vernünftigen Spezialisten, so kann auch der „tote Punkt“, an dem sich die Kirche theologisch befindet, nicht von der Theologie überwunden werden. Denn Theologie als „kirchliche, d.h. kirchen-amtliche „Wissenschaft“ ist befangen, wenn nicht blind, zumindest immer verängstigt.
Eine grundlegende Reformation einleiten kann allein eine kirchenamtlich unabhängige Vernunft. Sie allein ist imstande, den Wahn mancher Dogmen und Gesetze zu erkennen und deren Abschaffung zu fordern. Dieser Verzicht als Befreiung macht die Glaubens“lehre“ einfach und nachvollziehbar. Und weiter reformierbar und wieder neu aussagbar für spätere Generationen.
5.
Wird es dazu kommen, wird also „der tote Punkt“ überwunden werden? Kardinal Marx als frommer Theologe setzt erwartungsgemäß, so wörtlich, „auf den österlichen Glauben“, also auf eine Art Auferstehung der Kirche von den Toten. Dieser Glaube aber setzt bei der Überwindung des toten Punktes auf eine Aktivität Gottes. Aber Gott kann bekanntlich gemäß altem dogmatischen Denken „handeln“ wann und wie und wo er “wunderbar” will. Reformen geraten aber damit ins Willkürliche, in den Wartestand auf ein Wunder (der erneuten Auferstehung). Vielleicht will aber dieser Gott gar nicht mehr diese Kirche. „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“, fragte schon Nietzsche, vieles spricht heute dafür.
6.
Wer aber noch als Mensch auf seine Vernunft setzen will, hält an der Erkenntnis fest: Tote Punkte können NUR mit dem Mut der Vernunft überwunden werden. Vorausgesetzt: Alle Interessierten handeln vernünftig in ihren Reformen, und vernünftig heißt, philosophisch gesehen, immer auch frei und demokratisch.

Zur Vertiefung zu dem Thema: “Es ist vorbei”: Katholische Kirche in Europa: LINK
Und auch:LINK

Zum neuen Buch von Hubertus Halbfas, Säkulare Frömmigkeit: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Albert Camus – “Ein Atheist aus göttlicher Gnade”

Camus – “Wir müssen helfen, das Leiden der Menschen zu verringern”

Ein Hinweis von Christian Modehn, geschrieben 2010
Dieser Hinweis zu Albert Camus hat, trotz seiner Kürze, ein ungewöhnlich großes Interesse bei den LeserInnen gefunden. Bei dem anhaltenden Interesse habe ich diesen Beitrag über Camus, einer von mehreren im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, “datumsmäßig” nach vorn gerückt, am 3. Juni 2021.

Er glaubte nicht an Gott. Er war aber auch kein „Atheist“.
Bitte beachten Sie auch den ausführlicheren Text, klicken Sie hier.
1.
Vor 50 Jahren, am 4. Januar 1960, ist der Philosoph (und Schriftsteller) ALBERT CAMUS gestorben, er kam bei einem Autounfall ums Leben. Geboren 1913 in Algerien, lebte er zuerst in seiner dortigen Heimat, dann in Paris und in der Provence.
2.
Er wird bis heute hoch geschätzt als Autor, der die persönliche Wahrhaftigkeit über alles stellte. Er lädt seine Leser ein, mit ihm auf die Suche nach einem authentischen menschlichen Leben zu gehen, in dem es keine Tabu Themen geben darf, in dem alles „Wesentliche“ ausgesprochen werden kann.
3.
Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wurde und wird die Frage diskutiert: Wie kam Albert Camus dazu, sich auf die Basis eines radikalen Nichtwissens in Bezug auf metaphysische Fragen zu stellen? Das “Absurde“ war für ihn unbezweifelbar. Ein „Sprung“ in eine religiöse Geborgenheit kam für ihn nicht in Frage. Dennoch oder gerade deswegen entwickelte er eine ausdauernde Kraft menschlicher Solidarität gerade mit den Menschen am Rande, den Armen, den Proletariern. Er nahm an der Résistance teil. Um das Leiden zu verringern, seien größte menschliche Anstrengungen nötig, Gott kann nicht helfen….
4.
Ausdrücklich kritisierte Camus das Verhalten der katholischen Hierarchie unter den Faschisten Franco und Hitler. Dennoch blieb er an einem Dialog zwischen Atheisten und einzelnen Christen interessierrt. Aber Camus wusste: Frieden kann er weder mit dem Gott der Kirche noch in der Gesellschaft (Geschichte) finden. Nach der Veröffentlichung seines Romans „La Chute“ hatte er erklärt, nicht an Gott zu glauben, aber auch nicht dem (institutionalisierten) Atheismus verpflichtet zu sein. Sein Ziel war, der Erde treu zu bleiben, das Leben zu lieben, das Sein zu schätzen. Eine dualistische Trennung der Wirklichkeiten kam für ihn nicht in Frage. “Die Sonne lehrt mich, dass die Geschichte nicht alles ist“. Deswegen konnte er schreiben: „Die Massen sind der Arbeit, des Leidens und des Sterbens müde, es sind Massen ohne Gott. Unser Platz ist an ihrer Seite“ (A. Camus in: „L Homme Revolté“).
5.
Die französischen Arbeiterpriester haben diese Botschaft gut verstanden. Aber sie wurden zu Lebzeiten von Albert Camus kirchenoffiziell diffamiert, ausgegrenzt, verfolgt. Und Theologen, die Verständnis hatten für diesen Philosophen, der aus Gründen der Wahrhaftigkeit nicht glauben konnte, wie der Dominikaner Marie Dominique Chenu, wurden zum Schweigen verurteilt.

In der katholischen Tageszeitung La Croix, Paris, veröffentlicht der Schriftsteller Ariq Rahimi (geboren in Kabul, Afghanistan, lebt seit 1985 im Exil in Paris) am 28. Juli 2011 auf Seite 18 einen Beitrag über den Roman “Der Fremde” von Camus. Atiq Rahimi schreibt: “Das Denken von Camus enthält eine beachtliche religiöse Dimension. Er ist offenbar ein Anhänger Blaise Pascals. Man kann von Camus sagen: Er ist Atheist geworden dank der Gnade Gottes”.

copyright:Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Georg Lukács – was sagt er über die Religionen und seine “Conversion” zum Marxismus?

(Unvollständige) Hinweise von Christian Modehn anlässlich des 50. Todestages von Georg Lukács am 4. Juni 2021.

1.
Vor 50 Jahren, am 4. Juni 1971, ist der Philosoph Georg Lukács in Budapest gestorben, geboren wurde er ebenfalls in Budapest am 13.4.1885. Das sehr umfangreiche Werk des marxistischen Philosophen ist, wie Axel Honneth schreibt (in: Georg Lukács, „Ästhetik, Marxismus, Ontologie“, Suhrkamp, 2021, S. 7, in den folgenden Zitaten hier nur die Seitenangaben) „voller Höhen und Tiefen“, nicht zuletzt wegen seiner Jahre langen engen Bindung an die Kommunistische Partei Ungarns. Zur Zeit seines Aifenthalts in Moskau (dorthin geflohen seit 1933) fiel er 1941 in Ungnade Stalins …und überlebte trotzdem: „Glück in Katastrophenzeit“, sagte er (G.L. Ästhetik, S. 557).
Lukács hat sich seit 1919 bis zu seinem Tod sehr deutlich als Marxist verstanden. Aber deswegen ist Lukács alles andere als ein Denker, der nur für Historiker des angeblich bedeutungslos gewordenen Marxismus wichtig ist. Im Gegenteil, es gibt bleibende und gültige Erkenntnisse des Marxisten Lukács, man denke nur an den Begriff der „Verdinglichung“, dargestellt in dem Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“. Der Soziologe Hartmut Rosa bezieht sich in seinem viel beachteten Buch „Resonanz“ ausführlich auf die Verdinglichung im Sinne von Lukacs.
2.
In der ersten Phase seines äußerst umfangreichen nicht nur philosophischen, sondern auch literaturwissenschaftlichen Publizierens hingegen war er „vormarxistisch“ (A. Honneth, S.8) orientiert. Seine „Konversion zum Kommunismus“ (so Axel Honneth, S. 13) fand Ende 1919 statt. „Lukács wird 1918 scheinbar urplötzlich Kommunist und zumal orthodoxer Marxist“, ergänzt Rüdiger Dannemann, Lukács Spezialist und Mit-Herausgeber des genannten Buches (S. 24f.). Die Gründe für dieses „urplötzliche Konversion“ wird vielleicht eine sehr ausführliche Biographie erklären können. War es die Erschütterung über die Verwüstungen des Ersten Weltkrieges? Die Flucht in eine Doktrin, die die „Erlösung“ der Menschheit politisch durchsetzen kann?
3.
Der theologisch konnotierte Begriff „Konversion“ macht wie schon die von Lukács selbst verwendete Behauptung von der „welterlösenden Rolle des Sozialismus“ (in: G.L., „Ästhetik…“ S .205) neugierig: Wird eigentlich heute – endlich, möchte man fast sagen – auch gründlich das Thema „Georg Lukács und die Religion“ untersucht?
4.
Nun findet im „Aufbau-Haus“ in Berlin am 4. Juni 2021 eine internationale Lukács Konferenz statt – live gestreamt! Unter den zahlreichen Vorträgen (Höhepunkt dürfte wohl der Vortrag von Axel Honneth sein über „Lukács‘ Gratwanderung zwischen philosophischem Argument und parteilichem Engagement“) sucht man das Thema Religion, jedenfalls explizit, vergebens, vielleicht kommt es ja irgendwie am Rande „implizit“ dann doch noch vor. Die Frage nach der Religion im philosophischen Denken ist keineswegs ein persönlicher „Spleen“. Dieses Interesse entspricht nicht nur den Traditionen philosophischen Denkens, sondern im Fall von Georg Lukacs selbst gibt es allein schon in dem genannten Buch einige zum Teil kurze, zum Teil ausführlichere Hinweise zur Bedeutung der Religion in seinem Denken aus allen unterschiedlichen „Denk – Epochen“ von Lukács.
5.
Für mich ist sehr aufschlussreich der kurze Text über „Jüdischen Mystizismus“ von 1911, also noch aus der vormarxistischen Phase. Der kurze Text ist eine Buchbesprechung zu den „Geschichten des Rabbi Nachman“ aus der mystischen Chassidim-Bewegung, in einer Übersetzung Martin Bubers. Interessant ist, welche Kenntnisse der Mystik Lukacs in dem kurzen Text (Seite 108 und 109) zeigt. In einem gewissen kritischen Abstand spricht er nicht von Mystik, sondern von Mystizismus, was auf seine Distanz hinweist. Aber Lukács weiß auch, dass „Mystizismus“ wenig an etablierte Religions-Systeme gebunden ist, er weiß, dass es sozusagen interreligiöse inhaltliche Übereinstimmungen zwischen verschiedenen „Mystizismen“ gibt. Im Jahr 1933, als Marxist und Kommunist, kommt Lukács noch einmal auf „Mystik“ zurück. In seinem inzwischen etwas berühmten Aufsatz „Grand Hotel Abgrund“ behauptet er, dass ein skeptischer Relativismus eine nicht-kommunistische, liberale und sozialdemokratische intellektuelle „Elite“ hinübergleiten lässt in eine „reaktionäre Mystik“, (so wörtlich S. 333). Diese reaktionäre Mystik im Sinne von Lukács hält sich nicht mehr an die „objektive Wirklichkeit“ in seinem Sinne, also an die alles bestimmende Macht der materiellen Gegebenheiten. Diese reaktionäre Mystik gleitet in ihrer Ignoranz ab „in das fingierte Absolute des religiösen Mythos“ (332). Also, man könnte sagen: Wer nicht als Kommunist die Partei ergreift für die Unterdrückten, ergreift Partei für die Unterdrücker und gleitet ab in einen religiösen Glauben, der förmlich nur über allem Materiellen schwebt.
6.
Der christliche Begriff des Märtyrers als „Blutzeugen“ ist Lukács natürlich bekannt. Darum kann er in seiner Hommage für Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1920 (!) diese ja durchaus Lenin-kritische Sozialistin eine „wahre Blutzeugin“ nennen (S. 294). Ist dies eine Art säkularer Heiligsprechung der Blutzeugin Rosa Luxemburg?
7.
Seine Studien über den jungen Hegel hat Lukacs auch in Moskau unter Stalin fortgeführt. Und Axel Honneth schreibt wohl sehr treffend: „Es fällt ein bestürzend erbarmungsloses Licht auf die Widersprüchlichkeiten, in die sich Lukacs inzwischen bei seinem Versuch verstrickt hat, gleichzeitig Partei für den Geist (also Hegel, CM) und Partei für die Partei zu ergreifen“( 21). Vorher, 1922, hatte Lukács schon einen Beitrag „Die Jugendgeschichte Hegels“ verfasst. Der „junge Hegel“ ist sozusagen ein Dauerthema für Lukács. In diesen Arbeiten ist – wie es sich für Hegel gehört – auch von Religion die Rede. Darin sieht er Hegel auf einer Linie mit der bürgerlichen Klasse, die sich damit abgefunden hatte, die feudalen Reste der Gesellschaft zu akzeptieren. Auf die Religion im Sinne Hegels bezogen: Hegel wollte nur noch das bestehende, gegebene „positive“ Christentum durch die Vernunftreligion rechtfertigen. Er wollte als Bürgerlicher aber nicht das Christentum abschaffen zugunsten nur einer Vernunftreligion. (S. 304). Das hätte Lukács treffend gefunden
8.
Sehr religiös klingen einige Formulierungen, wenn Lukács, 1918 also noch sehr kurz vor seiner Konversion zur kommunistischen Partei, von der erlösenden Kraft des Proletariates schwärmt: Das „Wollen“ einer demokratischen Weltordnung durch die Sozialisten (also SPD) „macht das Proletariat zum sozialistischen Erlöser der Menschheit“ (S. 205). Kann man sich, philosophisch gesehen, Erlösung in einer engeren, begrenzteren Definition vorstellen?
9.
In seinem Aufsatz von 1933 „Grand Hotel Abgrund“ fordert er hingegen die Abkehr von der Sozialdemokratie, er fordert den mutigen „Sprung“ angesichts des politischen Abgrundes dieser Welt in die kommunistische Partei. Diesen Sprung nennt er hübsch „salto vitale“ (S. 329). Lukács verwendet tatsächlich den Begiff „Sprung“, (S. 328) um die entscheidende Leistung des zum Kommunismus Entschlossenen zu beschreiben. Dieser Begriff Sprung erinnert mich daran, was Kierkegaard oder der Theologe Karl Barth für die entscheidende Leistung des Glaubenden hielten. Sie müssen gegen alle Vernunft in den Glauben und seine Dogmen springen. Über den Begriff Sprung sehe ich eine intime Nähe der kommunistischen Religion zur dogmatischen Religion der christlichen Kirche. In beiden Religionen muss „gesprungen“ werden. Und der Begriff „salto vitale“, also ein lebendiges, wenn nicht erst gar Leben spendendes salto, erinnert mich von fern an den „Sprung „des Menschen, wenn er sich zur Taufe entschließt, und ursprünglich in das tiefe Taufbecken einst gestoßen wurde.
Für viele Kommunisten, zumal unter Stalin, wurde ihr „salto vitale“ dann doch zu einem salto mortale, für Millionen anderer Menschen ebenso, die dieses sich nur im „Glauben“ zu erschließende kommunistische „salto vitale“ aus Vernunftgründen gar nicht vollziehen konnten und wollten. Sie wurden zu tausenden dann auch in den Lagern Stalins oder der sozialistischen „Bruderländer“ gequält, ausgebeutet als Arbeitstiere und umgebracht
10.
Ausführlich über das Christentum spricht Lukács in der Einleitung seiner Studie „Zur Ontologie des gegenwärtigen Seins“(von 1964) (S. 458 ff.). Darin weist er nicht nur auf das Eingebundensein des Christentums in die antike und mittelalterliche Philosophie hin, er zeigt sich dabei als Kenner der Kirchengeschichte, wenn er etwa sagt: „Paulus, der das Christentum über die engen Schranken einer jüdischen Sekte hinausführt“ (S. 459).
11.
Die Erinnerung an Georg Lukács also bleibt zwiespältig: Für mich stellt sich die Frage: Wie kann man sozusagen bleibende Erkenntnisse (etwa „Verdinglichung“) aus dem Gesamtkorpus seines nun einmal seit 1919 kommunistischen, später aber in jedem Fall sozialistischen Denkens „herausbrechen“? Und eine Debatte über das „Bleibende“ und nach wie vor „Inspirierende“ des Sozialismus ist heute alles andere als obsolet.
12.
Eine Frage bleibt: Wie hat Georg Lukács den Antisemitismus und den Holocaust verstanden und beschrieben, auch den Antisemitismus in den kommunistischen Parteien (Polen, Ungarn, DDR) nach 1945?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der unbekannte Comenius ist der Theologe Comenius

Das neue Buch von Manfred Richter
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Keine Frage: Jan Amos Komensky ist nicht nur ein bedeutender Intellektueller Tschechiens. Er ist unter dem Namen Comenius weltweit bekannt als ein bis heute inspirierender Pädagoge, deswegen gilt er als „Lehrer der Völker“. Comenius lebte von 1592 bis 1670, er wurde von den katholischen Habsburgern in seiner Heimat verfolgt, flüchtete nach Polen und in die Niederlande, in Amsterdam ist er gestorben. Er hat ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, und darunter zahlreiche theologische Studien, die stets mit seiner kirchlichen Praxis verbunden sind. Und darum geht es hier.
2.
Jetzt hat der Berliner Comenius-Spezialist, Pfarrer Dr. Manfred Richter, erneut in einem umfangreichen Buch einige seiner gründlichen Studien zu dem hierzulande eher unbekannten Theologen und Bischof der protestantischen „Brüderunität“ Jan Amos Comenius vorgelegt: Der Untertitel macht von vornherein die ökumenische Energie dieses tschechischen Theologen deutlich: “Ein Bischof fordert: Ökumene radikal“. Warum radikal? Weil Comenius überzeugt ist: Eigentlich könnten die unterschiedlichen, verfeindeten protestantischen Kirchen mit gutem Willen und in friedfertigem Geist zur Versöhnung finden. Dabei werden auch die spirituellen Verbindungen von Comenius mit dem großen böhmischen Reformator Jan Hus deutlich: „Die Gemeinsamkeit liegt in der Bereitschaft, auf Gott selbst sein Vertrauen zu richten, nicht auf die abgeleitete Autorität der Kirche, die freilich ihre gottgewollte Bedeutung behält“ (S. 39).
3.
Zuflucht fand der aus dem katholischen Böhmen vertriebene Comenius auch in Polen. Mit den damals dort dialogfreundlichen Katholiken suchte er das ausdauernde, geduldige Gespräch, etwa im „Religionsgespräch in Thorn“ im Jahr 1645. Dort forderte er als Weg zur Versöhnung mit den Katholiken ein universales Konzil. Darüber hat Manfred Richter ein eigenes Buch verfasst.
Nebenbei: Heute hat das katholisch reaktionäre, antisemitische Medienimperium Radio Maryja in dieser Stadt Thorn (Torun) seine Zentrale, die beste Stütze der PIS Regierung. Ob der Manager, der Redemptoristen-Pater Rydzyk, schon mal den Namen Comenius gehört hat?
4.
Für viele LeserInnen neu dürfte sein, dass auch der Philosoph Leibniz den Theologen und Pädagogen Comenius schätzte, was sich in seinem Abschiedsgedicht zu Ehren von Comenius etwa ausdrückte (S. 359). Auch zum Thema „Leibniz und Comenus“ bietet das empfehlenswerte Buch von Manfred Richter viele Informationen.
5.
Comenius konnte als ökumenischer Vermittler wirken, weil er das Dogma der damals starken und mächtigen Kirchen teilte, das Trinitäts-Dogma, also den Glauben an den dreifaltigen, dreieinigen Gott. An diesem Bekenntnis hielt Comenius unerschütterlich fest in den Auseinandersetzungen mit der kleinen kirchlichen Bewegung der Sozzinianer, benannt nach den italienischen Juristen und Theologen aus der Familie Sozzini: Sie wollten und konnten nicht anerkennen, dass Jesus von Nazareth als Gott und damit als eine zweite Person in der Trinität betrachtet wird. Die Sozzinianer fanden ebenfalls Zuflucht in dem damals toleranten Polen. Comenius begegnete ihnen, den „Anti-Trinitariern“, also. Manfred Richter spricht von „aggressiven Bekehrungsbemühungen“ seitens der Sozzinianer. Und er nimmt als Historiker selbst persönlich Stellung, wenn er die Sozzinianer Christen nennt, aber Christen in Anführungszeichen, so werden diese verfolgten anders denkenden Christen erneut verurteilt. Gut, dass wenigstens die niederländischen Remonstranten die Sozzinianer immer noch schätzen. Woher kommt denn diese Arroganz zu wissen, dass der arme Prophet Jesus von Nazareth zur zweiten Person der Gottheit erklärt werden kann. Geht es nicht auch einfacher? Muss man einen lebendigen Gott immer trinitarisch denken? Sicher nicht, Gott „nur“ als Geist verstanden ist auch immer schon als Geist lebendig.
Manfred Richter schreibt etwa, die Sozzinianer hätten „die komplexe religiöse Logik des Heilsgeschehens (was ist denn das?, CM) nicht nachvollziehen können und eine „plumpe Eindimensionalität vertreten“ (S. 229, Fn. 16). Die Sozzinianer hätten also nicht die (offenbar trinitarische?) Qualität der Texte der Bibel gekannt, behauptet er. Als würde es im Neuen Testament auch nur einen einzigen bescheidenen Hinweis geben auf das Trinitätsdogma! Dieses ist ein Produkt des 4. Jahrhunderts, unter allerhand politischem Druck zustande gekommen, was hier nicht vertieft werden kann.
Über die Sozzinianer hat sich treffend und richtig der Philosophiehistoriker Kurt Flasch geäußert in seinem neuen empfehlenswerten Buch „Christentum und Aufklärung“.
Auch die in dem Buch „Der unbekannte Comenius“ geäußerte Liebe zu dem Kirchenvater Augustin, dem Erfinder der ebenfalls unbiblischen Erbsündenlehre, wirkt befremdlich, dass christliches Leben ohne die Erbsünden-Ideologie möglich ist, kann man anderswo nachlesen, LINK.
Aber Manfred Richter zweifelt offenbar dann doch an seinem Bravour-Urteil gegen die Sozzinianer und deren angeblicher Liebe zur willkürlichen Auswahl der Bibeltexte. Richter schreibt also in seinem Buch etwas später sehr richtig: „Allerdings muss die Frage erlaubt sein, taten es (also die willkürliche Auswahl) die orthodoxen Christen nicht auch, und bis heute? (S. 241.) Wohl wahr!
Nebenbei. Bei einer willkürlichen Auswahl der Bibeltexte wären dann also auch die so genannten orthodox glaubenden Christen Häretiker, also Leute, die auswählen.
Comenius sprach von einer triadischen Struktur der Wirklichkeit, die ein stummes Zeugnis biete für den dann doch auch triadisch gedachten Gott. Also weil Gott triadisch ist, ist die Wirklichkeit triadisch? Ist es nicht umgekehrt: Das Triadische wird von Menschen auf Gott übertragen, wie es später dann Hegel in seiner Logik der Dialektik tat: Weil der menschliche Geist (!) dialektisch, also irgendwie „trinitarisch“ ist, muss auch Gott als der absolute Geist, dialektisch, also „trinitarisch“, verstanden werden… Aber das nur am Rande, von Hegel ist in dem Buch Manfred Richters keine Rede.
6.
Weil das Thema der dogmatisch gefassten Trinität ja durchaus ein ökumenisches Thema sein sollte, das gegenüber den Festlegungen aus dem 4. und 5. Jahrhundert debattiert werden sollte: ein Zitat des großen katholischen (sic) Theologieprofessors und Dominikanermönchs in Nijmegen Edward Schillebeeckx: Er wollte und konnte ehrlicherweise von Gott nicht „zu viel wissen“. Er sah sich verpflichtet, Gott eben Gott sein zu lassen, als ein bleibendes Geheimnis. Darum sagte Schillbeeckx: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitäts-Theologie fast ein Agnostiker. Ich bekenne die Trinität, aber ich übe gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Anstrengungen, die Beziehungen zwischen den drei (göttlichen) Personen rational zu erfassen“. („Edward Schillebeeckx im Gespräch“, Luzern 1994, S. 107).
7.
Ich habe im Oktober 2017 ein Interview mit Manfred Richter über seinen Vorschlag publiziert, eine „Erste gesamtökumenische Enzyklika“ zu verfassen. Das Interview ist nach wie vor interessant, es wird in dem Buch nicht erwähnt, siehe: LINK.

Manfred Richter, „Der unbekannte Comenius. Ein Bischof fordert – Ökumene radikal“. LIT Verlag Berlin 2021, 406 Seiten, 29,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin