Kardinal Gerhard Müller – ein reaktionärer Theologe.

Müller wurde von Papst Franziskus in die Synode, „Synodaler Prozess“, (Oktober 2023) berufen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 12.7.2023.
1.
„Es ist eine Anmaßung, wenn europäische Staaten unter dem Druck der Gender-Ideologie oder der Homo-Lobbys anstelle der menschlichen Vernunft oder der göttlichen Offenbarung definieren wollen, was Ehe ist.“
Wer hat wohl diesen Satz geschrieben? Die polnischen Politiker der reaktionären PIS Partei? Oder der ungarische Präsident Orban? Oder gar Putin vereint mit seinem Patriarchen Kyrill von Moskau? Sie dürfen dreimal raten.
2.
Vielleicht fällt Ihnen die Entscheidung leichter, wenn Sie die anschließende Zeile aus demselben Buchbeitrag lesen: „Den unmündigen Kindern einzureden, sie könnten ihr Geschlecht wählen und damit könnte man Manipulationen an ihren inneren und äußeren Geschlechtsorganen legitimieren, ist ein verabscheuenswertes Verbrechen an ihrer Würde“.
Was vermuten Sie nun? Haben diesen Blödsinn Politiker der AFD geschrieben? Oder rechtsextreme Politiker und Scharfmacher in Frankreich, wie Monsieur Eric Zemmour und Co? Oder gar Herr Erdogan (Türkei) oder einer der führenden „Theologen“ der islamischen Welt etwa Irans? Eine nette internationale Gesellschaft von reaktionär – fundamentalistisch Gleichgesinnten.
3.
Also: Diese Worte, oben Zitate, hat einer der höchsten und wichtigsten katholischen Theologen und Lehrmeister geschrieben. Kardinal Gerhard Ludwig Müller veröffentlichte diese Polemik schon im Jahr 2017 (!), damals war er oberster Chef der katholischen Glaubenslehre in Rom: Sein Freund Joseph Ratzinger hatte Müller als Bischof von Regensburg im Jahr 2012 nach Rom geholt und ihn zum obersten Chef der wichtigen Glaubenskongregation ernannt. Zugleich war Müller (vormals auch Theologieprofessor für Dogmatik an der staatlichen Universität in München) in Rom dann führend in der päpstlichen Bibelkommission tätig und der Internationalen Theologenkommission. Ein in jeder Hinsicht also der strammen römischen Theologie folgender Funktionär. Und der zeigt sein reaktionär theologisch-ideologisches Profil auch manchmal eher versteckt in seinem umfangreichen Buch mit dem Titel „Der Papst“, erschienen im Herder Verlag, dort stehen die Zitate auf Seite 403.
4.
Es kommt noch schlimmer: Wie der polnische Papst Johannes Paul II. hat auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller (geb. 1947) sehr grundsätzliche Vorbehalte gegenüber der westlichen pluralistischen Demokratie: „Eine pluralistische Gesellschaft ist ein Experiment und es bedarf noch des Erfahrungsbeweises, dass sie glücken kann“ (S. 403). Besser (erfolgreicher, für wen?) als ein weltanschaulicher und religiöser Pluralismus ist im Denken des führenden katholischen Theologen Müller offenbar eher die alte, mittelalterliche Staatsreligion, die bekanntlich nur unter Diktatoren, wie Franco in Spanien oder Trujillo in der Dominikanischen Republik herrschte, blutig herrschte, gegen allen Respekt für die Menschenrechte. Also, was sagt der oberste katholische Lehrer Müller: „Eine verordnete Weltanschauung als Klammer, etwa im Laizismus oder Staatsatheismus, die (als Klammer) nichts anderes ist die Aufhebung der Religionsfreiheit, birgt schlimmere Risiken in sich als eine von oben verordnete Staatsreligion“ (S. 404). Wir brauchen also in Europa anstelle des demokratischen Pluralismus wieder eine Staatsreligion!
Von Müllers Deutung des Laizismus, meint er die laicité à la francaise, das ist etwas anderes, die nun ausgerechnet die Religionsfreiheit aufheben soll, wollen wir schweigen. Laicité ermöglicht doch gerade die Vielfalt und Gleichberechtigung der verschiedenen Konfessionen in einem Land…. In arabischen, muslimischen Ländern, aber auch in so genannten orthodoxen Staaten wie Russland, Georgien, Serbien etc. besteht die Staatsreligion faktisch schon wieder. Man kann dort beobachten, wie da die Menschenrechte verachtet werden. Solchen Wahn also propagiert ungeniert und kaum wahrgenommen einer der höchsten Lehrer der katholischen Theologie, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Nicht nur seine Freundin, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis in Regensburg, auch das große reaktionäre katholische Umfeld (bis in die USA) weltweit werden applaudieren.
5.
Warum dieser Hinweis auf einen der maßgeblichen katholisch-reaktionären Theologen und Kardinal Müller, der (geboren am 31.12.1947) immerhin noch am nächsten Konklave teilnehmen wird? Er hat einen internationalen Kreis von Freunden und finanzstarken Unterstützern auf seiner Seite. Wer den Katholizismus heute verstehen will, muss die Macht der Reaktionären und Konservativen kennen.
6.
Papst Franziskus ist der öffentliche Gegner (Feind?) von Kardinal Müller. Die Arbeit von Papst Franziskus hat er aufs schärfste öffentlich kritisiert, während der Corona-Pandemie hat er Verschwörungstheorien verbreitet usw. Aber es ist schon komisch: Papst Franziskus hat diesen öffentlichen Papst-Kritiker zwar als Chef der Glaubensbehörde 2017 abgesetzt, ihn aber dann 2021 zum Mitglied des höchsten kirchlichen Gerichts (der „Apostolischen Signatur) ernannt.
7.
Und nun hat Papst Franziskus persönlich Kardinal Müller auch noch als Mitglied in die große römische Synode (vom 4. bis 29. Oktober 2023) berufen. Es wird das Geheimnis des hin und her jonglieren Papstes Franziskus bleiben, warum er ausgerechnet diesen theologisch sozusagen rechtsaußen angesiedelten Theologen Kardinal Müller in dieses wichtige Gremium berufen hat. Will der Papst demonstrieren, wie liberal und großzügig er ist, dass er selbst einen seiner ärgsten Feinde in eine Synode ruft? Hofft der Papst, dass Müller in der Synode so richtig aufläuft und seine umstrittenen Thesen zur Demokratie, zu Kirchenreform usw. vorträgt und möglicherweise vieles blockiert? Hat der Papst Angst vor den reaktionären Klerikern im Vatikan, die wie Müller gegen ihn agieren, will er sie auf diese Weise besänftigen? Alles das ist bis jetzt Spekulation.
8.
Warum befasst sich der Religionsphilosophische Salon Berlin mit diesem Thema, mit dieser merkwürdigen reaktionären Gestalt Müller? Weil solche Leute nun einmal die katholische Kirche geprägt haben als Chefs oberster päpstlicher Behörden und bis heute prägen mit ihrem großen reaktionären Netzwerk. Nur wenn es wirklich einige Leute gibt, die diesen Katholizismus von außen ohne Vorbehalte und dogmatische „Bremsen“ studieren, wird das wahre Gesicht der Papstkirche deutlich.

Diese Kirche wird immer Papstkirche bleiben, weil alle Führer dieser Kirche – zumindest nach außen bekennen: Gott selbst, höchstpersönlich, hat diese römische Kirche, so wie ist, gegründet und gewollt, also als Kleruskirche mit einem allmächtigen, unfehlbaren Papst und Wahlmonarchen des „Heiligen Stuhls“ an der Spitze. Daran rüttelt niemand in der Hierarchie, auch keine Synode im Oktober 2023 kann das verändern. Darum ist dieser Aufwand interessant, aber im letzten kann er nur ergebnislos bleiben.

Aber gerade die Überwindung der Papstkirche wäre heilsam und hilfreich – auch angesichts der „Austrittszahlen“ in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Hollands, Frankreichs, Spanien usw… Diese Katholiken verlassen doch wegen eines veralteten starren Glaubenssystem diese Kirche!
9.
Parallel zur Berufung des reaktionären Kardinals Müller wurde berichtet, dass der Papst auch einen italienischen Laien, einen „Linksextremen“ wie die katholische Presse schreibt, in die Synode berufen hat: Er ist ein Aktivist der Menschenrechte und „Seenotretter“: Der einst für die linksradikale Partei „Sinistra Italiana“ kandidierte: Der 56jährige Luca Casarini (einst Hausbesetzer) gehört zur Gruppe der vom Papst bestimmten „Sonderdelegierten“ („delegati speciali“) an. Er hat das Recht auf der Synode zu sprechen. Abstimmen und mitentscheiden darf er nicht, das darf hingegen seine Eminenz Gerhard Kardinal Müller. Er ist ja Kleriker, sozusagen deswegen a priori ein wertvollerer Katholik….
10.
Über Kardinal Müller und seine Lobeshymne auf das Papsttum hat der Religionsphilosophische Salon schon einmal berichtet, auch über dessen „Freundschaft“ mit dem peruanischen Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez: Und der musste sich vor der Allmacht des damaligen reaktionären Kardinals von Lima, Juan Luis Cipriani (nach eigener Aussage Mitglied des Opus Dei) in den Dominikanerorden retten…LINK

11.

Kardinal Müllers Position (zu Gender-ideologie, Homoehe etc.) wird selbstverständlich auch vom Nuntius des heiligen Stuhls in Deutschland, Erzbischof Nicola Etcovic, geteilt: In Aachen sagte der Nuntius  im Juni 2023: „Es gibt aber auch eine Ökologie des Menschen, wie Papst Franziskus im Anschluss an Papst Benedikt XVI. sagt, „denn auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. … Ebenso ist die Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen. Auf diese Weise ist es möglich, freudig die besondere Gabe des anderen oder der anderen als Werk Gottes des Schöpfers anzunehmen und sich gegenseitig zu bereichern. Eben deswegen ist die Einstellung dessen nicht gesund, der den Anspruch erhebt, den Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, weil er sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen versteht“ (LS 155).

Siehe auch:

Das katholische LSB+ Komitee kritisiert die Predigt des Kurienbischofs sowie Nuntius Nikola Etrovic bei der Heiligtumsfahrt in Aachen.  Juni 2023.

Autor: Luca Bruni

Das LSB+ Komitee ist ein christlich geprägtes Arbeitsbündnis, bestehend aus verschiedenen LSB+ Gruppen, welches sich geschlossen für die Gleichberechtigung sowie Gleichbehandlung von LSB+ Personen in der römisch-katholischen Kirche einsetzt. Es ist zusätzlich Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft katholischer Organisationen Deutschlands (AGKOD). Nun äußerte es scharfe Kritik an der Predigt des Nuntius und Kurienbischofs Nikola Etrovic auf der Aachener Heiligtumsfahrt. Etrovic reprudizierte homo- sowie transfeindliche lehramtliche Aussagen, beharrte auf Heteronormativität, diskreditierte geschlechtliche Vielfallt sowie mögliche Strukturreformen in der katholischen Kirche. Der Co-Sprecher des Komitees, Markus Gutfleisch äußerte diesbezüglich: „Die Predigt des Bischofs enthält für queere Menschen keine Worte des Glaubens, der Hoff­nung und der Liebe. Das Katholische LSBT+ Komitee ist entsetzt, dass die katholische Kirche er­neut in gefährliche Nähe zu rechtspopulistischen Kräften gerät, die geschlechtliche Vielfalt als An­griff auf die Familie konstruieren anstatt unterschiedliche Lebens- und Beziehungsformen an­zuerkennen. Lehre und Predigten der Kirche missachten trans*, inter* und nichtbinäre Menschen gewaltig.“. Auch Veronika Gräwe, ebenfalls Co-Sprecherin erklärt zudem: „Es ist nicht neu, dass Eterovic die im Synodalen Weg der katholischen Kirche Deutschlands be­schlossenen Reformen kritisiert. Wir hingegen ermutigen die deutschen Bischöfe und das Zentral­komitee der deutschen Katholiken, die Handlungstexte zu „Segensfeiern für Paare, die sich lieben“ und zum „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“ zügig umzusetzen, damit die Kirche wenigstens ein bisschen Hoffnungsort für queere Menschen werden kann.“.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 20. Juli 2023 durch CM

Tödliche Grenzen der EU: Flüchtende verlieren ihr Leben…Und EU-Bürger ihre Seele.

Das Buch „Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft“.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 5.Juli 2023.

1.
Die aktuelle Situation:
Es wird weitere verschärfte Grenzverfahren für Flüchtende an den EU – Außengrenzen geben, das haben die EU AußenministerInnen beschlossen.
Fünfundfünfzig Menschenrechtsorganisationen in Deutschland erklären zu diesem Vorhaben: „ Der Entwurf der Verordnung sieht vor, europäische Vorschriften für Asylverfahren sowie für die Unterbringung und Versorgung von Schutzsuchenden weit unter jedes erträgliche Minimum abzusenken. Im Falle einer Instrumentalisierung würde eine Regelung im Schengener Grenzkodex durch die Schließung von Grenzübergängen es fliehenden Menschen nahezu unmöglich machen, an den Außengrenzen einen Asylantrag zu stellen“ (Pressemitteilung von „Pax Christi“ am 5.7.2023.)
2.
Europäer verraten ihre offiziell verkündeten Werte!
Seit Jahren schon verüben Staaten der EU schwerwiegende Verletzungen der Menschenrechte gegenüber Flüchtenden. Nur einige bekannte Beispiele: Polnische „Grenzschützer“ prügelten im Winter Flüchtlinge an der Grenze zu Belarus wieder in diese Diktatur zurück. Die griechische Küstenwache drängt schutzsuchende Menschen auf ihren überfüllten Booten wieder in Richtung Türkei zurück. Die Lebensverhältnisse in griechischen Flüchtlingslagern (wie Lesbos) sind meist katastrophal. Mit Gewalt drängen Kroaten Flüchtende nach Bosnien zurück. In dem ungarischen Container Lager Röszke an der serbischen Grenze werden Flüchtende in einer Weise versorgt, „die an die Fütterung von Tieren im Zoo erinnert“.
Weitere Beispiele bietet die Studie der Politologen Volker M. Heins und Frank Wolff in ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Hinter Mauern“, erschienen 2023 im Suhrkamp Verlag. Das Zitat zum ungarischen Lager steht auf Seite 72 des Buches. Es hat den treffenden Untertitel „Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft“.
Bis zum 14.6.2023 sind „seit 2014 mindestens 26.924 Flüchtende im Mittelmeer umgekommen“, mindestens heißt in der offiziellen Mitteilung, es werden viel mehr Menschen umgekommen sein… Quelle. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/892249/umfrage/im-mittelmeer-ertrunkenen-fluechtlinge/

3.
Die Verrohung der Seele und des Geistes in Europa.
In ihrem Buch „Hinter Mauern“ machen die Autoren auf einen bislang vernachlässigten Aspekt der Dialektik „Flüchtende und Abweisende der Flüchtenden“ aufmerksam. Sie sprechen von einem bis jetzt eher selten angesprochenen Verderben, das die EU Flüchtlingspolitik für die Menschen innerhalb der EU anrichtet: Es ist seelische, geistige Ignoranz, oft die Verrohung, die bis zur Unterstützung rechtsextremer Parteien führt: Die Wahlsiege rechtsextremer Partei in fast allen Ländern Europas, auch in Deutschland, sind seit Monaten bekannt.
Faktenreich und eindringlich zeigt das Buch „Hinter Mauern“ also, was mit Geist und Seele der Europäer„geschieht“, wenn sie weiterhin hohe Mauern und Stacheldrahtzäune bauen, um Flüchtende abzuwehren. Die Südgrenzen Europas im Mittelmeer „sind zwar zur tödlichsten Grenze der Welt geworden“ (S. 43). Aber man muss immer wieder betonen: Tödlich in einem anderem Sinne sind die immer weiter ausgebauten, immer perfekter mit Milliarden-Euro-Einsatz gestalteten Grenzen auch für Menschen hinter den Grenzen: „Die Gewalt an der europäischen Grenze – etwa im Umgang mit Flüchtenden im Mittelmeer-Raum – greift nach Innen, korrumpiert also die europäische Gesellschaft, indem sie zum einen die Institutionen des Rechtsstaates und der Demokratie beschädigt. Zum anderen fördert sie eine Verrohung der zivilen Alltagsmoral durch die kollektive Gewöhnung an Grausamkeit und Rechtsbrüche“ (S.12). Die Autoren beziehen sich nicht nur auf die immer strengeren Grenz-Regimes in Europa, sondern auch auf die z.T. noch brutaleren Umgangsformen mit Flüchtenden aus Lateinamerika in den USA.
4.
Rassismus
Rassismus als herrschende Ideologie, oft noch versteckt und diplomatisch verhüllt, der weißen Herrschenden ist längst eine Tatsache. Dieser etwa auch in der Stadt-Planung versteinerte Rassismus zeigt sich erneut in der Abdrängung bestimmter Menschen, vor allem Schwarzer, Ausländer, Armer in die so genannten Banlieues in Frankreich, in Vorstädte, die kulturell und sozial und verkehrspolitisch abgekoppelt sind vom „urbanen Leben“ der Stadtzentren von Paris, Lyon, Marseille, Toulouse usw. Und bei jungen Menschen werden entsprechend Wut und Hass erzeugt über diese etablierte und seit Jahren kaum korrigierte Degradierung. „Die Nachfahren der Migranten (Post-Migranten) in Frankreich leben in einem ihnen feindlich gesinnten Staat. Und sie werden ihn wohl so wahrnehmen. In einem rassistischen Staat, der sich immer ich als Grande Nation sieht, damit aber nur die weißen Franzosen meint“ ,so der Autor Behzad Karim Khan in der Süddeutschen Zeitung“, 5. Juli 2023, Seite 9).
5.
Eine „soziale Theodizee“: Ein Thema der politischen Philosophie!
Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist höchst erfreut über eine weitreichende, durchaus neue und durchaus kreative philosophische und ethische Aussage der Autoren Volker M. Heins und Frank Wolff:
„In der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es die so genannte Theodizee: Da wird gefragt, wie Gott es zulassen kann, dass unschuldige Menschen leiden, obwohl Gott durchaus gut ist und die Macht hätte, das Leid zu verhindern. Philosophen nennen dies das Problem der Theodizee“ (S. 99).
Und dann folgt gleich die sehr sinnvolle und richtige Aktualisierung dieses uralten philosophischen Themas: „ABER ES GIBT AUCH EINE SOZIALE THEODIZEE, die danach fragt, warum Gesellschaften, die in ihrem Selbstbild auch human und demokratisch sind, sinnloses Leid zulassen, obwohl sie über die Macht verfügen , solches Leid zu verhindern oder erheblich zu reduzieren“ (S. 99).

6.

Warum verhindern wir EU -Bürger und deren Politiker nicht das Leiden der „anderen“, der Flüchtenden?

Diese Frage kann nicht nur politologisch, nicht nur soziologisch oder nur historisch beantwortet werden. Sie führt in die Psyche der Angst, der Angst vor dem „Fremden“, der Angst vor dem Verlust des hoch-heiligen Eigentums durch die Anwesenheit der Fremden, es ist die Angst vor den „Schwarzen“, den „Farbigen“, die nun das starke Selbstbild des „Weißen“ ins Wanken bringen. Es ist letztlich die Angst, Solidarität zu leben, die Angst davor, als Mensch mit anderen zu teilen.
Es ist leider die gewisse Bedeutungs-Schwäche der humanen Organisationen und humanistischen NGOs, wenn sie kaum wirksam ihre vernünftigen Erkenntnisse der großen Masse der Bevölkerung zu Gehör bringen können – angesichts der Übermacht populistischer, rechter und rechtsextremer Presse. Deren Rederei hat sich förmlich eingebürgert, etwa wenn Flüchtende „Sozialtouristen“ genannt werden – parallel zu den „einheimischen Sozialbetrügern“, ein genauso pauschal – rassistischer Begriff gegenüber Ausgegrenzten und arm Gemachten(S. 127).

Es ist auch die Schwäche der philosophisch Arbeitenden, denen es nicht gelingt, den absoluten Vorrang der universal geltenden Menschenrechte deutlich zu machen und als politische Dynamik zu mobilisieren. Es ist auch die Schwäche der sich christlich nennenden Kirchen in Europa, auch in Deutschland, die die kritische politische Analyse, wie etwa jetzt zur Verschärfung der Grenzregimes und der Asylrechte, kleineren kirchlichen Organisationen überlassen, wie Pax Christi oder Brot für die Welt. Die katholischen Bischöfe, auch als gemeinsame Bischofskonferenz in Deutschland, sprechen lieber über den Zölibat oder den synodalen Prozess als deutlich die demokratischen Politiker zu kritisieren. Diese haben Angst, Wähler zu verlieren, wenn sie eine Politik der universal geltenden Menschenrechte tatsächlich praktizierten. Und die Bischöfe wollen nur Teil des offiziellen Systems bleiben, von dem sie – bis jetzt noch – finanziell sehr profitieren. Kardinal Woelki, Köln, erhält vom Staat ein Monatsgehalt von ca. 13.000 Euro. Man kann fast verstehen, dass er darauf – wie seine lieben Mitbrüder in München, Regensburg, usw. – nicht verzichten will.

7.
Das Selbstbild der EU – eine Lüge?

Die Europäische Union lobt sich gern selbst in höchsten humanistischen Tönen. Und belügt die Menschheit. Der ehemalige französische Außenminister und Europaminister Jean-Yves Le Drian z.B. behauptete: Die EU sei eine „echte humanitäre Macht , mehr noch, das hoffnungsvolle Projekt eines neuen Humanismus“.
Die Autoren des empfehlenswerten Buches „Geschlossene Grenzen“ schreiben realistischer: „ Europa ist hin – und hergerissen zwischen dem Streben nach globaler Attraktivität und der Angst vor globalen Einwanderungsbewegungen, die doch eine Folge seiner Attraktivität sind“ (S. 19f.). Darum stellt sich jetzt Europa – abwehrbereit – gegenüber den Flüchtenden und denen, die bereit sind, Afrika zu verlassen, auch mal als unattraktiv und gefährlich für Flüchtende dar.
Politiker der EU wollen aus ökonomischen Interessen vor allem die schon gut Gebildeten und die Fachleute unter den Flüchtenden nach Europa lassen: Nur sie sind in Europa willkommen, aber: sie fehlen dann in ihren Herkunftsländern. „Aus dieser Spannung zwischen einem offiziellen Sinnbild von Hoffnung und der Vergeblichkeit der Hoffnung (für die meisten Flüchtenden) ergibt sich ein Widerspruch, in dem sich die EU bewegt. (S. 20).
Es sieht so aus, dass die EU an dem traurigen Bild der Hoffnungslosigkeit festhält und die Abschottung weiter durchsetzt, so dass für alle Flüchtenden die Hoffnung auf ein Leben in Europa vergeblich ist. So wird letztlich Europa (oder auch die USA) wie eine Insel gedacht, mit Mauern und Stacheldraht, eine Insel, die aber alles andere ist als ein „Insel der Seligen“.
8.

Alternativen?

Über Alternativen zum bisherigen Flüchtlingsregime wird zwar viel gesprochen, aber bestimmte Alternativen werden nicht wirksam gestaltet: Nämlich: den arm gemachten Menschen im globalen Süden endlich so wirksam zu helfen, dass diese genauso ein menschenwürdiges Leben haben wie die Menschen im globalen, reichen Norden. Das Zulassen von Hunger und Elend im globalen Süden, der Ausschluss der meisten Menschen dort von Bildung und Gesundheit ist nichts anderes als eine Form des Rassismus, nämlich die Haltung: „Es sind ja bloß die Armen, die wissen vielleicht mit Hunger umzugehen, wir helfen nur in größter Not mit Spenden“. Wer die Dörfer der Elenden und die Slums der Ausgeschlossenen im globalen Süden anschaut un erlebt hat, muss an die Bedingungen des Überlebens in KZs denken.
Aber: die EU verhandelt eher mit den Diktatoren dieser Länder des globalen Südens, dass sie doch ihren Landsleuten die Idee der Flucht nach Europa nicht nur ausreden, sondern dass die Diktatoren, von der der EU unterstützt, jegliche Flucht auch verhindern.
Bisher ist die Politik der Abschreckung nicht wirksam, d.h. es fliehen immer mehr Menschen nach Europa. Und so wird das rechtsextreme Denken und die werden die rechtsextremen Parteien in der EU immer stärker. Das gegenwärtige Grenzregime der EU ist vom humanen Gesichtspunkt der Menschenrechte vergiftet, und es hat auch die Mentalitäten vieler BürgerInnen in der EU vergiftet.
Das ist die Erkenntnis des wichtigen Buches „Hinter Mauern“. Werden es die Politiker lesen? Die Schülerinnen, die Teilnehmer an Volkshochschulen, die Basisgruppen der Parteien, die kirchlichen Gemeindekreise, wird es Eingang finden in die Predigten, werden sich Philosophen mit der „sozialen Theodizee“ (siehe Nr. 5) befassen? Man kann es nur hoffen. Wahrscheinlich ist das nicht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Siehe auch den ausführlichen Hinweis von Christian Modehn auf das Buch (2022)  „Grenzenlose Gewalt. Der unerklärte Krieg der EU gegen Flüchtende“  LINK:

Über das Buch „Hinter Mauern“ hat auch das Kulturmagazin TTT der ARD (Das Erste) am 2. Juli 2023 berichtet: LINK:

 

 

 

 

Unruhen in Frankreich: Was sagt die katholische Kirche?

Beten und Appellieren

Frankreichs Katholiken und Muslims in der Krise Frankreichs Juni-Juli 2023

Ein Hinweis von Christian Modehn am 2. 7.2023

1.
Die katholischen Bischöfe Frankreichs haben am 1.Juli 2023 „die Katholiken in unserem Land“ offiziell zum Gebet aufgerufen. Gemäß der uralten Theologie sind sie überzeugt, dass Gott im Himmel das Gebet seiner Gläubigen hört und erhört und als Gott vom Himmel aus dann auch – möglichst – wunschgemäß handelt… Über diese Theologie gäbe es vieles kritisch zu sagen. Bittgebete in höchster Not sind immer Versuche der leidenden Menschheit, sich höchsten, himmlischen Mächten anzuvertrauen. Sozusagen als „Schreie der leidenden Kreaturen“, wie ein berühmter Soziologe, Karl M,.einst treffend sagte…
2.
ABER: Bittgebete, formuliert von einer Bischofskonferenz in einem Frankreich, das zu zerreißen und zu zerbrechen droht, sind doch ein bißchen sehr wenig, könnte man denken.
Könnten Bischöfe in Frankreich noch Vermittler zwischen den Fronten sein? Eher nicht, dafür ist der gute Ruf der Kirche, zumal der Bischöfe, angesichts sehr vielfacher Missbrauchs-Skandale seit Monaten ruiniert. LINK   Aber die Bischöfe könnten immerhin vorschlagen, dass bestimmte kirchliche Orte, Gemeindehäuser, Kirchen als Orte des Dialogs genutzt werden, falls ein Dialog jetzt möglich ist.
3.
In jedem Fall könnten die Bischöfe bekennen: Was die Kirche selbst alles auch versäumt hat in ihrer Vernachlässigung der Menschen in den Banlieues der großen Städte. Nachweislich ist die Tatsache, dass sich Priester und Jugendmitarbeiter etc. lieber in den behüteten Vierteln des schönen Paris oder Lyon oder Toulouse usw. aufhalten, als in den belasteten und ungemütlichen Regionen der Banlieues.
Banlieue bedeutet ja auch so etwas wie Bannmeile, meint Orte der Verbannten, der Armen, der aus den Stadtzentren Vertrieben , aufgrund der Immobilien-Spekulation, also der Gier der Reichen….Banlieues sind belastete Orte, auch wegen der Herkunft der dortigen Bewohneer vor allem aus arabischen, muslimischen Ländern. Sie erleben Ausgrenzung und Rassismus, das ist ein uraltes französisches Thema, tausend mal beschrieben… Aber selten politisch beachtet.
Diese Vernachlässigung der Kirche gegenüber den Menschen in den Banlieues ist eine Tatsache und auch statistisch nachweisbar. Die schwierige Sozialarbeit in den Banlieues überlässt man lieber wenigen mutigen, jetzt überalterten Ordensleuten (Fils de la Charité, Mission de France …etc.). Mit anderen Worten: Man könnte ein Eingeständnis eigenen Versagens erwarten als nur die Aufforderung „Beten!“.

4.
Das Gebet der Bischöfe vom 1. Juli 2023 hat diesen Inhalt:
„Nous te prions, Seigneur, pour le retour au calme et à la paix dans notre pays.
Nous te confions Nahel et nous prions pour ses proches. Que l’Esprit de lumière et de paix les soutienne.
Nous te confions les blessés de ces nuits de violence, ceux et celles aussi dont les lieux de vie ou de travail ont été détruits ou endommagés.
Nous te prions, Seigneur, pour les personnes engagées dans les forces de l’ordre et les services de l’Etat, soumis à de fortes pressions et parfois attaqués.
Inspire-nous, pour qu’avec les croyants d’autres confessions chrétiennes et d’autres religions ainsi qu’avec l’ensemble de nos concitoyens, nous sachions être des artisans de dialogue et de paix.
Nous te supplions encore : qu’au-delà même des explosions actuelles, notre société sache identifier avec lucidité les sources de la violence et trouver les moyens de la dépasser.“ (Quelle: Offizielle website der Conférence des évêques de France).

Eine Übersetzung:

„Wir bitten dich, Herr, für die Rückkehr zur Ruhe und zum Frieden in unserem Land.
Wir vertrauen dir Nahel (den von einem Polizisten getöteten Jugendlichen, CM) an und wir beten für seine Angehörigen. Und dass der Geist des Lichtes und des Friedens sie unterstütze.

Wir vertrauen dir die Verwundeten der Gewaltnächte an, auch diejenigen, deren Wohnungen und Arbeitsstätten zerstört oder beschädigt wurden.
Wir bitten dich Herr, für die in den Ordnungskräften und in den staatlichen Diensten engagierten Personen, die starkem Druck unterworfen sind und manchmal attackiert werden.

Inspiriere uns, dass wir mit den Gläubigen anderer christlicher Konfessionen und anderer Religionen sowie mit der Gesamtheit unserer Mitbürger es verstehen, Schöpfer des Dialogs und des Friedens zu sein.
Wir bitten dann auch noch: Dass, jenseits der aktuellen Explosionen (sic, CM), es unsere Gesellschaft versteht, mit Klarheit die Quellen der Gewalt zu identifizieren und die Möglichkeiten findet, die Gewalt hinter sich zu lassen“ (Übersetzung: Christian Modehn).

BEMERKENSWERT an dem Gebet ist u.a., dass die Bischöfe nicht das Wort Krawall und schon gar nicht den Begriff „Revolte“ verwenden zur Beschriebung der „Krise“. Der Soziologe Sami Zegnani von der Universität Rennes deutet die gegenwaärtige Situation als Revolte. „Es gibt eine Reihe von Problemen, die seit 2005 nicht vorangekommen sind“, betont die führende Soziologin Stéphanie Vermeersch vom Forschungsinstitut CNRS.

Am 30.Juni 2023 haben die Verantwortlichen für „religiöse Kulte in Frankreich“ (CRCF) (also eine inter-rreligiöse Vereinigung aller Religionen) eine Stellungnahme veröffentlicht.
Darin heißt es: „Wir teilen den Schmerz der Familie von Nahel.. wir verstehen (entendons) das Leiden und die Wut, die sich jetzt ausdrücken, wir bedauern die Zerstörungen…Mögen Gläubige heute mehr als jemals zuvor Diener des Friedens sein und des Allgemeinwohls….
(Quelle: https://www.la-croix.com/Religion/Mort-Nahel-Nanterre-responsables-religieux-invitent-lapaisement-2023-06-30-1201273775)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Caspar David Friedrich: Seine Spiritualität und … warum er Kirchen als Ruinen malte.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.7.2023.

Siehe unten, Nr. 14, eine aktuelle Ergänzung, publiziert am 8.3.2024

Siehe auch unsere aktuelle Buchempfehlung vom 5.8.2024: LINK

Caspar David Friedrich: Klosterfriedhof im Schnee
Caspar David Friedrich: Klosterfriedhof im Schnee

Das Thema ist alles andere als abwegig in Zeiten des konfessionellen und religiösen Umbruchs nicht nur in Deutschland. In West – und Süd- Europa verlassen Millionen Christen, vor allem Katholiken, Mitglieder ihre Kirchen. Zurückbleiben nicht mehr genutzte Kirchen-Gebäude, vielleicht Ruinen.
Der Maler Caspar David Friedrich (1774-1840) hat in seinem umfangreichen Werk auch einige bedeutende Gemälde geschaffen, die Kirchen und Klöster als Ruinen zeigen. Diesem Thema gilt es, mit einigen Hinweisen nachzugehen. Bei Caspar David Friedrich gibt es eine gewisse Trauer über den ruinösen Zustand der Kirchen. Heute hingegen werden verlassene Kirchen und verfallene „Gotteshäuser“ kaum noch „betrauert“, sondern als (finanzielle) Last empfunden. Und selbst wenn man sich , wie in Brandenburg, um verfallene Dorfkirchen kümmert und etliche restauriert, weiß die Kirchenleitung nach der umfassenden Sanierung oft nicht, wozu man diese hübsch gewordenen Kirchlein denn nun eigentlich nutzen soll. Denn Kirchen-Gläubige gibt es in (den Dörfern) Brandenburg(s) fast nicht mehr. Und für eine ausschließlich „kulturelle Nutzung“, also „Säkularisierung“, fehlt oft der Mut. Zum Beispiel: Brandenburg: LINK.   Ein hochinteressanter Bild-Band über verfallene Kirchen in Europa: LINK

1.
Caspar David Friedrich wird bald im Mittelpunkt kultureller Aufmerksamkeit stehen. Sein „Gedenktag“ bzw. „Feiertag“ naht: Der 250. Geburtstag. Am 5.9. 1774 wurde Friedrich in Greifswald geboren, angesichts der hohen Beliebtheit des Malers werden wir zweifellos mit einer Fülle von Ausstellungen und Publikationen „bedient“ werden.
Manche Motive seiner Gemälde haben sich so tief bei vielen eingeprägt, dass sie etwa im Erleben verdorrter, erstorbener Eichen im Winter diese nur noch mit der „Brille“ Caspar David Friedrichs sehen und deuten können… Ein tolle Rezeptionsgeschichte…
Schon jetzt, im Vorfeld der „kulturellen Erregung zugunsten von „C.D.F.“, ein Hinweis auf ein Thema, das wesentlich ist in Friedrichs Denken und Schaffen: Die verfallenen Kirchen und Klöster, die Ruinen also, die er oft auch in eine eisigen Winterlandschaft stellt. Die Ruine ist bei Friedrich mehr als ein Zitat der Vergangenheit, mehr als ein Thema der Architekturgeschichte.

2.
Man möchte – religionsphilosophisch – empfehlen, die Ruinen – Gemälde Friedrichs in Ruhe zu betrachten, sie zu studieren. Sie geben zu denken – über den ruinierten Zustand der Kirchen damals wie heute. Wo sind die Auswege? In der Natur-Erfahrung?
Für diese Bildbetrachtungen – zumal für jene, die noch nicht mit Friedrichs Arbeiten vertraut sind – , ist der Band „“Friedrich“ von Norbert Wolf aus dem Taschen-Verlag (96 Seiten) empfehlenswert.

3.
Der Philosoph Prof. em. Manfred Frank (Tübingen) hat sich in einem Aufsatz mit den Bildern Caspar David Friedrichs auseinandergesetzt, die Kirchen und Klöster als Ruinen zeigen. Der Titel: „ Religionslose Kathedralen im `ewigen Winter` der Moderne.“ Manfred Frank ist ein Spezialist der philosophischen Entwicklung der Frühromantik als „Denkraum“ (1789 – 1796). Auch deswegen hat er seinem Aufsatz (bzw. Vortrag in Hamburg 2008) den zusätzlichen Untertitel gegeben „Caspar David Friedrich im frühromantischen Kontext“. Es lohnt sich, etwas ausführlicher den Erkenntnissen Manfred Franks zu folgen.

4.
Caspar David Friedrich hat die Gemälde und den Geist der damals beliebten „Nazarener“ (und Lukas-Brüder) heftig kritisiert „und mit beißendem Spott überzogen“ (S. 113). Friedrich empfindet es unpassend, wie die Nazarener „frömmeln“ mit „ihrer nicht mehr zumutbaren infantilen Scheinheiligkeit“ (S. 117). Mehr noch: Diese Nazarener instrumentalisieren die Religion „zum Einschläfern des gesunden Menschenverstandes“ (S. 118). In seinen „Bekenntnissen“ schreibt Friedrich: „Man lästert die gesunde Vernunft und belügt sich und andere, als glaube man das Unglaublichste, und das nennt man echte Religiosität“ (zit. S.119).

5.
Etliche Gemälde Friedrichs zeigen das, was viele damals schon (wie heute auch) nicht wahrhaben woll(t)en, den ruinierten Zustand des kirchlichen Glaubens. Nebenbei: Es sind ja bei religiösen Themen nicht immer explizit christliche Motive, die Friedrich malt, man denke an die „Hünengräber“ oder an den „Junotempel von Agrigent“. Sind sie nur Zufallsprodukte künstlerischer Vielfalt oder Hinweise auf eine Spiritualität außerhalb des Christentums?
Aber es gilt wohl die Erkenntnis: „An der Religiosität und christlichen Überzeugung Caspar David Friedrichs ist sowenig ein Zweifel angebracht wie an seinem sogenannten Patriotismus“ (S. 114). Und dieser Patriotismus galt den Idealen der Freiheitskriege, in Verehrung für Stein, Görres, Arndt … Friedrich also ein progressiver politischer Denker…

6.
Darauf kommt es an: Friedrich stellt „den Glaubwürdigkeitsverlust der übersinnlichen Welt, eine Entzauberung des Himmels“ dar (S. 122).„Einige von Friedrichs Bildern zeigen Endphasen einer solchen Desillusionierung: Im Packeis gescheiterte Expeditionsschiffe, im Frost ziellos sich verlierende Wege, ruinierte Kirchen in Schnee und Eis inmitten entlaubter Wälder, Mönche beim Begraben ihrer Toten in kaltstarrenden Böden“ (S. 122).

7.

Manfred Frank meint in einer rhetorischen Frage: „Kommt hier nicht eher Trauerarbeit zum Ausdruck“. Trauerarbeit also, die „an dem wunderbar strahlenden, aber grenzenlos leeren Himmel (sky, nicht heaven) fühlbar macht, was sie (diese Kirchen etc.) einer Menschheit einst bedeuteten, die darauf ihre Hoffnung setzte“ (S. 122). Es ist also ein Verlust der Erfahrung des Heiligen festzustellen und künstlerisch auszudrücken.

8.

Kunst und Dichtung können den Verlust des Heiligen wachhalten, betont der Philosoph Manfred Frank. Es diese Überzeugung, die auch Caspar David Friedrich teilt. In der Frühromantik gilt, dass menschliches Selbstsein „einem transzendenten Grunde sich verdankt, der sich nicht in die Immanenz des Bewusstsein auflösen lasse“ (S. 131). „Hölderlin spricht von einem Sein, das wir nicht erkennen, das wir aber als Fundament unseres Selbstwissens in Anspruch nehmen müssen, sofern wir Selbstwissen für eine Tatsache des Bewusstseins halten“ (S 128 f.).
Das heißt: Die Nichterkennbarkeit des Absoluten, die Nicht – Durchschaubarkeit des Absoluten, das Nicht – Umgreifen des Absoluten durch den Menschen… ist also die zentrale Überzeugung der Frühromantik.

9.

Und diese Überzeugung gilt auch für Friedrich: „Der Sache nach ist er ein Künstler, ja auch ein Denker, der Absolutes als ein ebenso Unaufgebbares wie Unerreichbares anzielt“ (S. 132).
Manfred Frank weist darauf hin, dass Friedrich mit Schleiermacher am 12. September 1810 ein Gespräch zu den Thema führte, „vermutlich gerade über diesen Gegenstand: die Darstellung des Undarstellbaren und die absolute Abhängigkeit des Menschen von Gott – wobei zu bemerken ist, dass Schleiermacher auf den in unserem Sprachgebiet zur Bezeichnung des Woher unseres Abhängigkeitsgefühls eingebürgerten Ausdruck (Gott) NICHT besteht…Das Gespräch mit Schleiermacher fand im Umfeld der Arbeiten Friedrich am „Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“ statt, die er Schleiermacher fast vollendet vorstellen konnte“ (S. 133 f.)

10.

Caspar David Friedrich hielt an der Religion fest, auch am Christentum, aber inhaltlich gedacht als eine Utopie, weil „die alte Kirche ruiniert, funktionsuntüchtig, in lebensfeindlichem Eis angesiedelt“ ist (S. 143). Wo wird diese Utopie sichtbar? Sie kann nur geahnt werden in der Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen. Im Gemälde „Abtei im Eichwald“ überrascht die „wunderbar erlöschende Glut eines grenzenlos weit und leer gewordenen Himmels daran, dass es einmal eine Menschheit gab, die auf ihn ihre Hoffnung gesetzt hatten nun, im Zeitalter der allgemein gewordenen Entfremdung des Menschen vom Menschen keinen Ersatz mehr dafür weiß“ (S. 147).
Und Manfred Frank schlägt vor, einige Gedichtzeilen Friedrichs auf das Gemälde „Abtei im Eichwald“ zu beziehen. Es zeigt auch einige Mönche, wie sie zu der Ruine laufen, die tot wirkenden Bäume im Winter vor Augen. Caspar David Friedrich schreibt:

„Ja, ich sehe durch der Bäume Schimmer
Schwache Hoffnung, matten Schimmer
Weh mir, weh: es sind die Trümmer
Längst vergangener Herrlichkeit“
(S.149 in Frank, zit. in Friedrich, „Bekenntnisse“, S. 58, Leipzig 1924)

11.

Auswege für eine Spiritualität der Zukunft sieht Friedrich – das wird in vielen seiner Arbeiten deutlich – in der stillen Betrachtung der Natur in der Landschaft. Sie wird förmlich als „eine noch unverbrauchte Bildgattung für christliche Gedanken tragfähig gemacht“, wie Werner Hoffmann in seinem Ausstellungskatalog zu Caspar David Friedrich in der Kunsthalle Hamburg 1983 schreibt.
Die Hochachtung Friedrichs für die Natur der Landschaft ist unübersehbar. Nur im achtsamen Erleben der Landschaft, der Natur, des Mondes, kann ein neues persönliches lebendiges religiöses Gefühl entstehen. Man betrachte die Gemälde „Gebirgige Flusslandschaft“, „Meer mit aufgehender Sonne“, “Mondaufgang am Meer“, Elbschiff im Frühnebel“, „Ziehende Wolken“, „Mann und Frau in Betrachtung des Mondes“ usw… Die überlieferten christlichen und kirchlichen Symbole sind verschwunden, haben sich überlebt. Wirksam ist für Friedrich nun das subjektive religiöse Erleben des Künstlers in der und mit der Landschaft, der Natur…Er stellt seine eigenen Einsichten in seinen Werken dar – ganz anders als die Nazarener, nämlich unabhängig von jeglicher kirchlicher Verwendung oder Propaganda.

12.

Friedrichs Arbeiten können auch heute ein Impuls für den einzelnen sein, die eigene Spiritualität zu entdecken – in der Natur, im Stillwerden, in der Betrachten, im Rückzug… Und heute ist entscheidend die Trauer über die von Menschen zerstörte, mißhandelte, kommerzialisierte nur noch so genannte Natur.

13.

Wird eine von der Kunst bewegteTrauer zu einer politischen-ökologischen Neuorientierung förmlich in letzter Minute führen? Man kann nur auf einen Übergang von ästhetischer Erfahrung zur politischen Aktion hoffen. Selbstverständlich oder üblich ist dieser Übergang allerdings nicht. Auch die Kirchen haben mit ihrer „absoluten – göttlichen Botschaft“ diesen Übergang zum politischen und ökologischen Handeln wirkungsvoll nicht geleistet. Oder hat sich etwa in der sogenannten christlichen und kirchlichen Welt die Naturmystik und der Natur“schutz“ à la Franz von Assisi politisch – ökologisch durchgesetzt?

14.

Weitere aktuelle Hinweise zur Spiritualität Caspar David Friedrichs und seinen „Kirchen als Ruinen“ (veröffentlicht am 8.3.2024).

Die „Biografie über Caspar David Friedrich“, die Boris von Brauchitsch im Insel Verlag 2024 veröffentlicht, ergänzt und korrigiert unsere Hinweise zu einer gewissen Vorliebe Friedrichs für Kirchengebäude als Ruinen.

Von Brauchitsch zeigt: Caspar David Friedrich hat sich auch als Innenarchitekt bemüht, im Jahr 1818 bei der Gestaltung der Marienkirche in Stralsund konstruktive Vorschläge zu machen. Friedrich wollte unbedingt „formlosen Hausputz“ und „Überladungen“ im Innern der Kirche vermeiden (S. 184). Mit einem einzigen Blick sollten die in die Kirche Eintretenden sogleich das Ganze überschauen. Nur auf die Weise dieses Erlebens seien alle Kirchenbesucher wirklich als gleichwertige Menschen und gleichwertige Christen respektiert. „Alle sollen ebenbürtig sein, die sich in der Kirche versammeln“ (vgl. S. 184). Darin äußert sich der politische, den Freiheitsideen verpflichtete Caspar David Friedrich: „Der Reiche muss wenigstens an diesem Ort fühlen, dass er nicht mehr als der Arme ist. Und er Arme müßte den sichtbaren Trost haben, dass wir vor Gott alle gleich sind“ (S. 184). Nun ja, sehr revolutionär konnte diese Idee dann doch nicht sein, denn der Arme sollte ja nur den sichtbaren „Trost“ (sic) der Gleichheit aller Glaubenden und aller Menschen erleben.
Diese insgesamt konstruktiven Vorschläge Friedrichs wurden natürlich im Rahmen der Abhängigkeit der Kirche vom Staat damals abgelehnt.

Auch dies ist interessant:
Friedrich hatte weiterhin Interesse an der Gestaltung eines „idealen Ortes für die religiöse Andacht“ (S. 186), also für den Kirchenbau. Er dachte etwa an einen ovalen, überschaubaren Kirchenraum, „dem ebenfalls ein ovaler Platz vorgelagert ist“ (ebd.). „Dem Innenraum sollte somit ein gleichwertiger ovaler Außenraum zugeordnet sein, also dem Kulturraum ein Naturraum.“ (ebd.) „Umstehende Baumreihen verwandeln ihnen eine Art künstlicher Lichtung“ (ebd.).
Caspar David Friedrich als Architekt und Innenarchitekt muss also noch entdeckt werden? Wahrscheinlich.

In der wichtigen und empfehlenswerten Studie des ungarischen Literaturwissenschaftlers und philosophischen Autors László Földényi „Caspar David Friedrich“ (Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2024) äußert sich Földényi zu unserem Thema „Kirchen als Ruinen im Werk Friedrichs“. Földényi erinnert etwa an die Darstellung der Greifswalder Jacobikirche als Ruine, er schreibt: „Über die Kritik an der herrschenden Religion bzw. über die Vision einer kommenden Religion hinaus wird in diesen Bildern die Bemühung spürbar, glauben zu wollen. Dieses unbestimmte Begehren erträgt feste Bindungen jedoch nur schwer, keinerlei Kirche vermag es restlos aufzunehmen. Das unendliche Begehren, von dem Friedrichs Malerei grundlegend determiniert ist, stellt aber die Existenz gottes nicht so sehr in Frage wie gerade diese Gotteshäuser: Sie sind ästhetische Krypten, die nicht Glauben, sondern Tod ausstrahlen.“ (S. 123)

Ein kurzer Hinweis auf eine Interpretation des Werkes C.D.Friedrichs durch Johann Hinrich Claussen. Ergänzt am 24.8.2024:

Johann Hinrich Claussen hat als Theologe und Pastor den Titel „Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.“ Er ist auch Autor zahlreicher Bücher. Jetzt erschien von ihm „Eine Geschichte der chrstlichen Kunst.“ Mit dem Ober – Titel „Gottesbilder“. Ch.H.Beck Verlag, 2024.

In dem Buch erwähnt Claussen auch Caspar David Friedrich (S. 229 – 233). Er zeichnet knapp dessen religiöses, theologisches Profil : „Friedrich verstand sich als frommen wie avancierten Protestanten, der eine Umformung des christlichen Glaubens ins Bild setzen wollte. In ihr verbanden sich Kritik und Konstruktion…Er löste sich von alten Glaubensbildern, um dem für ihn Wesentlichen eine neue Gestalt zu geben. In der Landschaftsmalerei konnte er auf zeitgemäße Weise religiöse Empfindungen darstellen und hervorrufen… Das Alte muss untergehen, damit Neues werden kann“ (S. 232 und 233).

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 24. August 2024 durch CM

Die „Trinität“ (Dreifaltigkeit Gottes) als Dogma abschaffen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.6.2023

1.
Für die Frage nach Gott oder dem Göttlichen oder dem Ewigen oder dem „alles tragenden Lebenssinn“ interessieren sich noch viele Menschen.
Als zusätzliches Problem erscheint für die meisten die Frage nach der göttlichen Dreifaltigkeit, der Trinität. Dabei gilt dieses Dogma innerhalb der Kirchenleitungen als etwas „unterscheidend Christliches“, also in den herrschenden, sich „orthodox, rechtgläubig“ nennenden Kirchen, wie bei den Römischen Katholiken, den Orthodoxen, den Lutheranern, den Reformierten (Calvinisten etc.). Der folgende Beitrag zeigt, dass spirituelles Leben im Sinne Jesu von Nazareth selbstverständlich ohne das Trinitäts – Dogma sehr gut möglich ist.

2.
Der internationale geschätzte (Konzils-) Theologe Karl Rahner SJ schrieb 1973 in seinem Lexikonbeitrag „Trinitätstheologie (Herders Theologisches Taschenlexikon, Band 7, S. 353): „ Es muss noch darauf hingewiesen werden, dass die Lehre von der Trinität im konkreten Leben der Christen und in der Predigt, wenn überhaupt, dann nur eine sehr bescheidene Rolle spielt“.
Einen Grund für diese diese treffend beschriebene Tatsache nennt Rahner leider nicht. Die Wahrheit ist: Die Trinitätslehre, das Dogma, ist so „äußerst hochkomplex“, so sehr und so heftig eingebunden in eine metaphysische Sprachwelt des 4. Jahrhunderts n.Chr., dass sie, von wenigen Spezialisten abgesehen, heute niemand mehr versteht. In dem genannten Taschenlexikon – für weite Kreise bestimmt – braucht Rahner immerhin 13 Seiten, um das schwierigste aller theologischen Themen zu erklären. Wer diesen Rahner – Text verstanden hat, also in heute nachvollziehbaren Worten wiedergeben kann, möge sich bei mir melden.

3.
Wie unter Theologen üblich, wird von Rahner nicht erwähnt, wie stark die imperiale kaiserliche Macht damals interessiert war, Jesus von Nazareth als göttlichen Pantokrator auszugeben, und zwar aus dem einfachen Grund: Die Kaiser wollten sich als Nachfolger dieses göttlichen Christus – Pantokrator absolut aufwerten. Solches Ausblenden politisch – ideologischer Zusammenhänge beim Entstehen von Dogmen ist typisch für eine breite Tradition katholischer Theologie in Europa. Deswegen ist sie auch so irrelevant.

4.
Rahner selbst gibt zu, dass die Trinität, so wörtlich, „ein absolutes Geheimnis“ ist, das auch „nach seiner Offenbarung nicht rational durchschaubar ist“ (ebd. S. 342). Die Trinität ist also nicht nur nicht rational durchschaubar, das wäre schon viel verlangt, sie ist als solche nicht einmal als Faktum rational erreichbar. Also ein „absolutes Geheimnis“.
Wer also dem Trinitätsdogma glaubend folgt, verzichtet bewusst auf jegliche Relevanz seines eigenen Geistes, seiner eigenen Vernunft. Diese Haltung, die zu dummem Schweigen führt, kann kein vernünftiger Mensch noch menschlich nennen. Menschen auf rational total bzw. absolut (!) Geheimnisvolles festzulegen, ist einzig Sache der so genannten Sekten, nicht aber der Menschen, die irgendwie den Lebensweg Jesu von Nazareth noch inspirierend finden und die Gottesfrage gerade mit ihrer Vernunft „klären“ wollen.

5.
Nur eine „Kostprobe“ zu trinitarischen Formeln, sehr dicht an dem offiziellen, bis heute in Messen etc. gesprochenen Glaubensbekenntnis:
Es handelt sich demnach bei der Trinität um eine transzendente, himmlische real existierende Idee: Es ist der eine Gott mit einem Wesen und drei Hypotasen („Personen“) im „Himmel“. Gott selbst ist als erste „Person“ der Vater; die zweite Hypotase („Person“) trägt den Namen Christus. Er wurde „vor aller Zeit gezeugt“ (ohne Anwesenheit von Frauen, dann aber irgendwie auch himmlisch „geboren“). Dieser Christus hat zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche. Aber immerhin ist diese Hypotase so wirkungsvoll, dass aus ihm wie auch aus dem Vater der heilige Geist „ausgeht“ (im Sinne eines „Hervorgangs“, sagt die offizielle Deutung, was immer das bedeuten mag, CM). Die orthodoxen Kirchen des Osten behaupten nun, dass der heilige Geist nur aus dem Vater ausgeht! Wegen dieser „verknallten Spekulation“ kam es letztlich auch zum Bruch zwischen West – Kirche und Ost – Kirche … bis heute. Dieser heilige Geist wird in der christlichen Ikonographie als Taube dargestellt, (nebenbei: ob als „Ringeltaube“ ist umstritten, hübsch wäre auch die „Rotschwanz-Fruchttaube“, CM). Wer noch eine Nuance Rahners mag, etwa zur Zahl „drei“ innerhalb der Trinität: „Vater, Sohn und Geist können in Gott `drei` gezählt werden, wobei man sich allerdings dessen bewusst sein muss, dass man das zusammenzählt, was als reiner Unterschied im numerischen Einen der Wesenheit nicht unter einen Begriff einer Menge von Gleichartigem gebracht werden kann und darf“ ( ebd. S 351).

6.
Nun hat die zweite Person der himmlischen Trinität, der Sohn bzw. der Logos, einmal zu einem bestimmten Zeitpunkt die intern göttliche Welt verlassen und hat „Fleisch angenommen“, wie es offiziell heißt, in der Person Jesus von Nazareth, der von ca 1 nach unserer Zeitrechnung bis ca. 35 lebte. Zu dieser Zeit muss als in der himmlischen Trinität die zweite Person (der „Sohn“) gefehlt haben. Es gab also einmal – in diesem Denken – einmal einige nicht – trinitarische „Momente“ innerhalb der himmlischen Trinität: Dies nur als kleine Kostprobe zu den Fragen, die sich spekulativ ergeben… Und die ganze klassische Dreifaltigkeitstheologie fragwürdig erscheinen lassen.

7.
Die Trinitätslehre aus dem 4.Jh. (man hat darüber gerätselt und debattiert und publiziert mindestens bis zum Konzil von Florenz 1439) ist, vornehm ausgedrückt, heute eine überflüssige Alt-Last, weniger vornehm: ein störender Klumpen, ein Ballast, den es nun endlich beiseite zu legen gilt … als Akt der Befreiung.

8.
Die „Trinität“ ist für uns also nicht mehr als ein uraltes, jetzt nur noch für Historiker interessantes Bild, so, wie die religiöse Rede von Engeln im Christentum nichts als ein hübsches, aber letztlich überflüssiges Bild ist. Die außer – christliche Esoterik interessiert sich leidenschaftlich für die Engel, Pater Anselm Grün, der viel – schreibende Benediktiner, auch… Auch der Mythos von der Erbsünde ist nichts als ein Bild, aber kein Dogma mehr, sagen vernünftige Theologinnen heute. Dasselbe gilt für die Rede von der „unbefleckten Jungfrau Maria“.

9.
Dass damit ein Diskussionsfeld eröffnet wird, in dem die Konservativen, die Reaktionären und Traditionalisten alle ihre angeblich scharfen Argumente noch einmal gegen angeblich „böse Irrlehrer“ vorführen, ist klar. Die sich „rechtgläubig“ nennenden Kirchen (also römische Katholiken, Orthodoxe aller Couleur, Lutheraner, Calvinisten …) haben im Laufe ihrer Herrschaftsgeschichte bewiesen, wie sie mit dogmatischen Erneuern und Reformatoren gerade hinsichtlich der „Trinität“ umgehen: Der Theologe Michel Servet (bekannt und geschätzt durch sein Werk „De trinitatis erroribus“, 1531) wurde vom Reformator Calvin am 26. Oktober 1553 öffentlich in Genf (!) verbrannt. Die Theologen Sozzini (etwa Fausto Sozzini 1539-1604) als argumentierende und hoch gebildete Anti-Trinitarier und ihre kleine mutige Gemeinschaft der „Polnischen Brüder“ wurden verfolgt usw. An die Vorbehalte des großen Theologen Erasmus gegen die Trinitäts – Lehre müsste erinnert werden oder auch an die heute noch bestehende freisinnige christliche Kirche der Remonstranten. Ihr offenes Glaubensbekenntnis von 2006 versucht die göttliche Wirklichkeit jenseits trinitarischer Formeln auszusagen, ein einmaliger Vorgang in einer christlichen Kirche heute. LINK.

10.
Seit einigen Jahren haben sogar wenige katholische Theologen den Mut, ihre Zweifel an der offiziellen „Trinitätslehre“ öffentlich zu äußern. Ich denke da vor allem an Professor Edward Schillebeeckx, der lange Jahre als Theologe an der Universität Nijmegen lehrte. In dem Interview-Buch „Edward Schillebeeckx im Gespräch“ (Luzern 1994, Edition Exodus) sagt Schillebeeckx klar und deutlich: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitätstheologie fast ein Agnostiker“ (S. 107). Zuvor hat er in wenigen Sätzen erklärt, was ihn zu dieser Erkenntnis geführt hat: „Im Glaubensbekenntnis geht es nicht um die drei göttlichen Personen…Ich glaube an den heiligen Geist, der für mich allerdings ein großes Problem darstellt. In der Bibel ist der heilige Geist ein Geschenk, nicht eine dritte Person: Er ist die Seinsweise Gottes selbst, der sich den Menschen als Geschenk gibt“ (S. 106).

11.
Damit bietet Schlillebeeckx entscheidende Hinweise: Gott selbst ist, wenn man schon sprachlich sich auf ihn bezieht, nur als Geist denkbar, auch nicht als „Person“ im landläufigen Sinne, schon gar nicht als Materie, als Klotz, als Stein oder was… Sondern als ewiger Geist, und weil Geist, eben auch lebendig- tätig- schöpferisch. Auch Geist kann im populären Verständnis von „Geistern“ etc. falsche Assoziationen wecken… Auch „Geist“ als Beschreibung des Ewigen, Göttlichen, ist also sehr differenziert zu verstehen.

12.
Zunächst folgen wir der Spur, die zu einem neuem Verständnis des „heiligen Geistes“ führt, der nicht als göttliche „Person“ verstanden werden sollte.
Unser Ausgangspunkt ist die menschliche Selbsterfahrung des Geistes: Im menschlichen Geist als Vernunft, als Emotion, zusammengefasst als „Seele“, gestalten wir unser menschliches humanes Leben, mit allen seinen vielfältigen Produktionen des Geistes und der Vernunft, mit seinen ständigen Reflexionen und Entscheidungen, auch zwischen Böse und Gut, um es klassisch moral-philosophisch zu sagen.
Es unser Geist, der seine Lebendigkeit zeigt. Aber was soll dann noch ein heiliger Geist, offenbar ein zusätzlicher Geist in uns? Wann und wo und wie wirkt denn dieser zweite Geist in uns? Etwa nur, wenn es sich um explizit religiöse und spirituelle Fragen handelt?
Aber kann der allgemeine, der menschliche Geist nicht von sich aus auch in der Auseinandersetzung mit Lebensfragen, in der Begegnung mit Kunst usw. Spuren der Transzendenz und des Göttlichen entdecken? Lehrt nicht sogar die katholische Kirche im Ersten Vatikanischen Konzil schon, dass der „natürliche“, also der allgemeine menschliche Geist Gott erkennen kann? Wozu dann noch diese behauptete doppelte Geist – Struktur in der einen geistigen Selbsterfahrung des Menschen? Kann der menschliche Geist nicht von sich auch Erstaunliches, wunderbar Genanntes, erleben?

13.
Die Rede von einem zusätzlichen, zweiten Geist, einem heiligen Geist, im Menschen ist also überflüssig.
Aber was bedeutet dann die literarische Erzählung im Neuen Testament von der Begeisterung der ersten kleinen Gemeinde, die behauptet, zu „Pfingsten“ mit dem heiligen Geist beschenkt worden zu sein? Unsere Antwort: Diese ersten Christen fühlten sich durch ihren eigenen Geist ermutigt, als kleine Gemeinschaft weiter zu leben und ihren Glauben weiter zu gestalten: Diese allgemein menschliche Einsicht, Reflexion und Entscheidung, deuteten sie bei dem damals religiös-kulturell üblichen Enthusiasmus als besondere Gabe Gottes, als besonderen, gegenüber dem eigenen Geist noch zusätzlich gegeben göttlichen, heiligen Geist. Diese Deutung von „Pfingsten“ durch die ersten Christen ist also kulturell bedingte Deutung anzusehen.
Diese ersten Christen hatten wie alle anderen Menschen ihren Geist, ihre Vernunft, ihre Emotionen usw. Und dieser Geist der Menschen ist – theologisch gesehen – der Geist, den der unendliche „Schöpfer“ der Evolution der Welt und der Menschen den Menschen erschaffen hat. Es ist also der von Gott geschaffene Geist (Vernunft) im Menschen, der auch zu religiösen Erkenntnissen führt. Einen zweiten, im Menschen irgendwie und irgendwann wunderbar wirkenden zusätzlichen göttlichen Geist braucht die Menschheit nicht. Denn der menschliche Geist (Vernunft) als Gottes Schöpfung ist heilig.

14.
Mit dieser Skizze wird deutlich: Der so genannte heilige Geist ist eine vom Überschwang bestimmte Konstruktion. Der heilige Geist ist also keine Person einer göttlichen Trinität: Denn Gott selbst ist schöpferischer Geist, der seinen Geist der evolutiven Welt (und den Menschen) mit – teilt…Es gilt also „Gott als den Ewigen als absolute Einheit zu denken“ (vgl. Kurt Flasch, „Christentum und Aufklärung“, Frankfurt/Mn., 2020, S 354)

15.
Es bleibt die Frage, wie denn Jesus von Nazareth als Logos in die „Trinität“ als die „zweite Person“ hineingesetzt werden konnte. Dazu hat der katholische Theologe Prof. em. Hermann Häring (Tübingen) in PUBLIK-FORUM( Heft 10/2023, S. 36 f.) einige Hinweise gegeben unter dem Titel „Die kirchliche Trinitätslehre ist überholt“. Häring schreibt: „Jesus hat sich nie als Teil einer Trinität verstanden, der ihm zugeschriebene Titel Sohn Gottes ist meilenweit entfernt von der zweiten innergöttlichen Person… Unser Bruder Jesus ist zum Träger von Gott gegebener Weisheit geworden. Dazu braucht es keine Dreifaltigkeit“ (S. 36). Im leider ziemlich knappen Beitrag betont Häring treffend: „Man habe in der Kirche diesen Trinitätsglauben aus kindlichem Glaubensgehorsam bewahrt“ (S. 37). Und er schlägt wie auch der Autor dieses Hinweises „eine Generalrevision unserer Glaubenskonstrukte“ vor (ebd.)

16.
Man muss den genannten Spuren folgen und „Jesus von Nazareth“ endlich wieder als Menschen sehen, als „unseren Bruder“, bezeichnen und als solchen auch religiös respektieren. Jesus von Nazareth ist einer von uns Menschen. Er zeigt in seinem Leben, dass er wie die Menschen überhaupt mit kreativem menschlichen Geist, als der Gabe des schöpferischen Gottes, ausgestattet, „beschenkt“, ist. Mit anderen Worten: Jesus von Nazareth zeigt, dass alle Menschen als Geschöpfe Gottes gemeinsam gleichberechtigte Brüder und Schwestern sind, im Bild gesprochen des einen „schöpferischen Vaters“…Es ist also die eine geistvolle Menschheit gemeint, die sich auch in Kirchen sammeln kann, um diese Erinnerung an den einen „Vater“ aller aktuell, auch politisch, aber auch meditativ lebendig zu gestalten.

17.
Aus der „Trinität“ ist also nicht nur der „heilige Geist“ als Person bzw. als Taube befreit. Aus der Trinität ist auch Jesus von Nazareth befreit. Was bleibt? Der eine ewige Gott, den viele als den geistvollen Schöpfer der evolutiven Welt und der Menschen ansehen und verehren, mit religiösen Menschen anderer Religionen…

18.
Aber auch bei diesem Bild, das sinnvoller und geistvoller,„vernünftiger“ und biblischer ist als das Bild „Trinität“, bleiben Fragen: In der Mystik und bei wenigen zeitgenössischen Theologen wird das Bild Trinität oder das Bild des einen schöpferischen Gottes noch einmal weiterentwickelt bzw. überwunden. Denn das Bild des einen schöpferischen Gottes lässt viele Probleme offen: Der schöpferische Gott hat den Menschen als Freiheit geschaffen, aber: Diese von Gott geschaffene Freiheit kann der Mensch auch zum Bösen, Krieg etc. gestalten. Das heißt doch wohl: Dass damit auch Gott als der Schöpfer dieser menschlichen Freiheit ins Böse mit hineingezogen wird.

19.
Gibt es also noch einen größeren Gott als das Bild des schöpferischen Gottes (vielleicht auch klassisch noch als Trinität)?
Meister Eckart (1260-1328) dachte an die „Gottheit“, sozusagen an den „Gott über Gott“. In seiner „deutschen Predigt“ mit dem Titel „Selig die Armen“, bezogen auf Matthäus 5,3 heißt es: “Darum bitte ich Gott, dass er mich Gott-los (wörtlich Gottes quitt) mache. Denn mein wesentliches Sein ist oberhalb von `Gott`, sofern wir Gott als Ursprung der Welt fassen“(vgl. „Meister Eckart. Einheit mit Gott“, hg. von Dietmar Mieth, Düsseldorf 2002, S. 154). Es geht also bei diesem Gott über „Gott“ um eine Idee über allem Sein und über aller Unterschiedenheit…
Auch Paul Tillich dachte Gott jenseits eines Theismus, der sich auf drei göttliche Personen bezieht. Eine authentische religiöse Lebensform ist für Tillich „Der Mut zum Sein“, der seinen Halt findet in dem „Gott über Gott“ (GW XI. S. 138 f). Siehe auch: „Paul Tillich“ von Werner Schüssler und Erdmann Sturm, Darmstadt, 2007, S. 163ff): „Die Idee von dem Gott über Gott, dem letzten Grund allen Seins,  der erschient, wenn der Gott , dem wir Namen geben, versunken ist – , mag mir in der unbewussten Erinnerung an Dionysios (Areeopagita) gekommen sein“ (S. 166). „Gott über Gott“ ist also ursprünglich ein neuplatonischer Gedanke….

20.
Was also ist erreicht in dem hier nur angedeuteten Versuch, das Dogma der Trinität beiseite zu legen und für eine „einfache“ Spiritualität zu plädieren?
Es wurde beispielhaft gezeigt, dass eine moderne Theologie und ihr folgend Kirchen, die den Begriff modern für angemessen und richtig finden, (denk-)möglich sind. Dieser Hinweis will von Begriffen und Lehren befreien, die nur noch wie altes, verstaubtes Mobiliar in den Kirchen herumstehen und nur Historiker noch interessieren dürfen.
Spirituelle Christen können sich also vom Ballast der Traditionen lossagen, befreien, wenn sie denn nicht von Angst vor dem Klerus bestimmt bleiben wollen.
Und wichtig ist, dass Theologie wieder sich eine sehr lebhafte, erneuerungsbereite kritische Forschung zeigt…

21.
Wie sich diese von der alten „Trinität“ befreite Theologie zu den vielfältigen Formen der Unitarier bzw. unitarischen Kirchen verhält, ist eine andere Frage. Sie kann hier nicht beantwortet werden, weil die unitarischen Glaubensformen selbst noch sehr bezogen sind auf die alte, „klassische“ Trinitätstheologie.
Unser Vorschlag geht ja dahin, den Gedanken Gott über „Gott“ im Sinne Meister Eckarts neu zu denken, von diesem „anderen“ Denken wären dann auch die unitarischen Glaubensformen betroffen.

22. Zusammenfassung:

Gott als der Ewige, der letzte Grund unseres Seins, ist Geist.

Jesus von Nazareth ist Vorbild und Inspiration für ein „menschliches Leben“, das diesen Namen verdient.

Der Geist ist heilig, weil er als Gottes Schöpfung im Menschen anwesend ist, als das Belebende, lebendig Machende.

Die Konsequenzen dieser Theologie sind deutlich:

Wir brauchen keine Ideologie der Erbsünde mehr, wir brauchen keine Klerus-Macht, sondern die Gemeinschaft der spirituell Suchenden, einander Ermunternden…

Selbstverständlich wird dann auch die so genannte Erlösungs-Lehre der Kirchen neu gesehen: Der „Logos“, der vom Himmel herabsteigt und „Fleisch annimmt“, (Weihnachten!!), wird durch das Bild ersetzt: Jesus von Nazareth ist ein Vorbild der Menschlichkeit. Ihm in seiner Menschenfreundlichkeit zu folgen, kann erlösend sein. Aber nicht die metaphysische Kraft eines vom Himmel herabgestiegenen Logos (also die 2. Person der Trinität).

Eine gewisse, ganz andere „Trinität“, also dann doch. Aber eine  nachvollziehbare, nicht als total „geheimnisvoll“ behauptete…

Eine andere „Trinität“, die zu denken … und zu leben gibt – auch im Gespräch mit anderen Religionen und Konfessionen, mit den Kulturen und anderen „Darstellungen“ des Geistes…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 17. Juni 2025 durch CM

Andrzej Stasiuk: Der Liebhaber des Ostens Europas und der Orte „wo nichts los ist“.

Ein Hinweis auf den polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk
Von Christian Modehn

1.
Etwa sechzehn Bücher von Andrzej Stasiuk, eines der bekanntesten polnischen Autoren der Gegenwart, liegen auf Deutsch vor. Eine umfassende Würdigung des international beachteten und mit etlichen Ehrungen, Preisen ausgezeichneten Schriftstellers und Verlegers liegt meines Wissens in deutscher Sprache nicht vor. Sie kann hier nicht geleistet werden. Dieser Hinweis will nur eine mögliche Linie der Interpretation aufzeigen, sie bezieht sich vor allem auf die Bücher „Unterwegs nach Babadag“ (2004, auf Deutsch 2005) und „Beskiden-Chronik, Nachrichten aus Polen und der Welt“ (2018, auf Deutsch 2020). Beide Bücher sind bei Suhrkamp erschienen und wurden von Renate Schmidgall aus dem Polnischen übertragen. Stasiuk, 1960 geboren, lebt seit vielen Jahren der Einsamkeit der Beskiden, nahe der slowakischen Grenze.

2.
Wer einige Bücher Stasiuks gelesen hat, fühlt sich manchmal irritiert von der inhaltlichen Kontinuität seiner ausführlichen Reise – Impressionen. Sie sind keine journalistischen Recherchen, sie führen in sehr subjektiver Sicht zumeist in entlegene bzw. – zumal für Westeuropäer – entlegenste und dem Namen nach unbekannte Regionen mit ihren Städtchen und Dörfern Polens, Ungarns, der Slowakei, Rumäniens, der Türkei, der Ukraine, Kasachthans, Albaniens, Moldawiens usw. Tausende von Ortsnamen begegnen dem Leser, Orte, die Stasiuk, auch mit Freunden und Verwandten, besucht hat. In manchen ist er sozusagen als „Vielfahrer“ mit seinem Auto nur kurz durchgefahren, in etlichen hat er sich länger aufgehalten: Vor allem um die Natur dort zu erleben, um Menschen zu beobachten und gelegentlich auch mit ihnen zu sprechen oder um kurze Beschreibungen „prominenter“ Orte zu bieten, wie etwa am Beispiel des rumänischen Dorfe Rasinari, wo der Philosoph Emil Cioran geboren wurde. Dabei erlebt er dort auch das Fortleben der politischen Nostalgie, in der „Sehnsucht nach dem Diktator Ceausescu“ (S. 23), wobei Stasiuk die Differenz erlebt zwischen seiner Freiheit und seinem Wohlstand als Autor und der Armut der in den Dörfern verbliebenen Alten: “Ich spürte, dass meine Freiheit, hierher zu kommen und wieder wegzufahren, hier nichts bedeutete und einen Scheißdreck wert war“ (ebd). An gelegentliche drastische Formulierungen werden sich Stasiuk – LeserInnen gewöhnen wie auch an seine manchmal nicht so deutlich erkennbare politische Meinung (siehe dazu Nr. 6)

3.
Leider wird auch in beiden genannten Büchern kein Datum der jeweiligen Aufenthalte in der ständigen Reiselust genannt. Aber das entspricht vielleicht auch dem literarischen Anspruch Stasiuks, sozusagen die trennenden Grenzen und damit die Daten der osteuropäischen Länder aufzubrechen zugunsten einer ihnen gemeinsamen Naturerfahrung, die sich dort „im Osten“ überall für ihn ereignet. Es geht ihm – als spirituellen Menschen, sicher auch vom Katholizismus geprägt, wie er bekennt – um die Wahrnehmung von „Gottes Schöpfung“ , um das Erstaunen darüber, dass die Welt überhaupt existiert…

4.
„Den Osten“ Europas zu sehen, zu spüren, zu atmen, sich einzuprägen: Dies ist sozusagen die absolute Leidenschaft Stasiuks, so sehr er durchaus auch den Westen Europas etwas schätzt, wobei ihn die großen Städte nicht nur in West-Europa eher stören und belästigen in seiner Suche nach der „Berührung mit dem namenlosen Raum“ (Babadag, S. 11), also der „materiellen Welt der Natur und des Kosmos“, was Stasiuk gerade in der Einsamkeit der genannten östlichen Regionen intensiv erleben möchte und wohl auch erlebt. Sonst würde er nicht Jahre lang die entlegensten Ecken dort, oft mit Mühe und großer Anstrengung, reisend, fahrend, suchend erkunden, manchmal auch mit der Bahn oder mit Bussen oder als Tramper…“Es könnte sein, dass es mir einfach um die menschenleere Landschaft geht, um meine eigene Einsamkeit“ (S. 273).

5.
Dies ist die Provokation für westliche Leser: „Das Herz meines Europa schlägt in Sokolów Podlaski und in Husi. Und kein bißchen in Wien und auch nicht in Budapest… Sokolów und Susi ahmen nichts nach, sie erschöpfen sich in ihrer eigenen Bestimmung“ (S. 265). Beide Namen verweise auf kleine Städtchen. In der Einsamkeit und Öde, in dieser Landschaft sammelt er seine Erinnerungen, um sie später, zu Hause, in der Einsamkeit der polnischen Beskiden, zu vergegenwärtigen, im Geist präsent zu haben. „Ich kann mich an tausend Fragmente der Welt erinnern“(S. 272).

6.
Stasiuk gibt offen zu: Er liebt diese Gegenden und Dörfer im Osten Europas und schon in Asien, „wo nichts los ist“ (S. 276), also die langweiligen Orte, wo die Zeit dröge dahinfließt bzw. stille steht, die Bewohner oft nur rumsitzen, ohne noch auf etwas zu warten. „An diesen Orten (gemeint ist rund um Constanta, Rumänien) gibt es nichts. Es sind einfach Dörfer, in der Steppe entlang der A3 oder abseits verstreut“ (S. 257). Und weil dort nichts los, die Zeit (und damit die Entwicklung, der „Fortschritt“) erstarrt ist, findet Stasiuk diese Reisen dorthin für sich selbst sinnvoll. Er will förmlich das Leiden an der Sinnlosigkeit des Lebens im Aufenthalt an Orten des erstarrten Lebens erträglich finden.

7.

Viel beachtet wurde Stasiuks „Roman“ „Die Welt hinter Dukla„, in Polen 1997 erschienen, auf Deutsch seit 2002 in mehreren Auflagen. Dukla ist eine kleine Stadt im Karpatenvorland, dicht an der slowakischen Grenze und … in der Nähe von Stasiuks Haus. Und dieses Städchen besucht Stasiuk immer wieder, er will das unterschiedliche Licht erleben bei unterschiedlichen Tageszeiten und eigentlich auch den Stillstand des Lebens in der Stadt, das Gewöhnliche sozusagen. „Ein merkwürdiges Städtchen, von dem aus es nirgendwo mehr hingeht. Danach kommt nur noch die Slokwakei… aber unterwegs wiederholt der Teufel wie eine Litanei sein Gute-Nacht und nichts Wichtiges passiert, nur hinfällige Häuser kauern am Straßenrand…“ (S. 67).  „Dukla, die Ouvertüre zum leeren Raum“ (S. 68). Es ist diese Leidenschaft Stasiks fürs Unbedeutende, Verlassene, Aufgegebene, Einsame, die sich auch in dem „Roman“ ausdrückt, eigentlich kein Roman, sondern eher eine Sammlung von Beschreibungen „Duklas“ und Umgebung. Literarisch wertvoll erscheint mir die Passage, die mit „Also Dukla als Memento, als mentales Loch in der Seele“ beginnt (S. 100 f.) „Ich könnte bis zum Dösigwerden auf der Westseite des Marktes sitzen…“ (S. 101).

8.
Das Buch „Beskiden – Chronik“ versammelt kurze Essays, die Stasiuk offenbar vor allem für die liberal-katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny (Krakau) geschrieben hat, weil jegliches Datum fehlt offenbar seit 2007 bis 2017 verfasst. Darin äußert sich Stasiuk deutlich im Sinne des ungarischen Populisten Viktor Orban und er sieht wie der ungarische Populist – angesichts der vielen Flüchtlinge nach Europa „eine große Völkerwanderung“ .Und Stasiuk schreibt sogar: „Viktor Orban hat recht: Das ist keine Emigration, das ist eine neue Völkerwanderung“ (S. 128, Beskiden). Verstörend auch die Worte: „Wir haben ihnen (den Flüchtlingen) den Weg bereitet, indem wir die Welt zu einem gemeinsamen Raum machten“ (S. 129). Und noch einmal S. 130: “Viktor Orban hat recht“ … Das lässt Stasiuk unkommentiert 2020 in Deutschland veröffentlichen.
Er spricht direkt seine polnischen Landsleute an in dem Essay „Auf der Halbinsel“ (gemeint ist Europa), ein Beitrag, verfasst nach der Aufnahme Polens in den „Schengen-Raum“: „Ich denke wir (Polen) sind müde…Wir sind müde, weil die Zukunft uns nicht betrifft. Wir werden in diesem Wettlauf immer zurückbleiben, dazu verurteilt, ewig fremden Spuren zu folgen. Die einzige Chance für uns ist der Zerfall Europas, denn dann hört der Wettlauf auf“ (S. 165, Beskiden). Die PIS-Partei verfolgt jetzt dieses Ziel, den „Zerfall Europas“ als der E.U.

9.
Stasiuk ist für mich ein zwiespältiger Autor, zumal viele seiner Texte von einer gewissen Langatmigkeit und inneren „Ungegliedertheit“ bestimmt sind, offenbar viel zu schnell dahin geschrieben. Die LeserInnen werden erkennen, mit welcher Wahrhaftigkeit er in seinen Reiseberichten hin und her „im Osten“ auch von seinem Alkoholkonsum und der Zigarettensucht spricht. Vielleicht will er die allgemein menschliche existentielle Langeweile geradezu – sozusagen dialektisch – in langweiligen Gegenden und Dörfern heilen.
„Dass ich auf dem Land lebe, hat auch pragmatische Gründe: Man findet hier ideale Arbeitsbedingungen, es gibt diese dörfliche Langeweile, die man mit etwas ausfüllen muss, und das tue ich eben mit dem Schreiben. Der intellektuelle Austausch findet in meinem Kopf statt, beim Lesen“, so in einem Interview mit der Zeitschrift „Literaturen“, Oktober 2000.

10.

Stasiuk hat sich auch in den wenigen in deutscher Sprache publizierten Interview zu Religion und Mystik geäußert:

Die Zeitschrift LITERATUREN:  Was verstehen Sie unter Mystik? (2010):

„Es ist eine postreligiöse Mystik: Im 20. oder 21. Jahrhundert kann man nicht mehr selbstverständlich von der Existenz einer metaphysischen Wirklichkeit ausgehen. Doch gleichzeitig besteht im Menschen zweifellos ein großes Bedürfnis nach Religion. Wenn man keinen verkehrten Weg einschlagen und sich irgendeiner Utopie verschreiben möchte, muss man, um mit diesem Gegensatz umgehen zu können, die Wahrnehmung der materiellen Wirklichkeit, der mit den Sinnen erfahrbaren Welt, deren Existenz man nicht beweisen muss, auf religiöse Weise vertiefen“.

In der Wiener Zeitung:29.7.2016:

„Ich habe diesen Glauben daran, dass es etwas gibt, das größer ist als wir selbst, aus meinem Elternhaus mitgenommen. Da bin ich katholisch geprägt. Zugleich bin ich wirklich sehr, sehr weit entfernt von der katholischen Orthodoxie.Aber ich gebe zu: Ich sehe die Welt in religiösen Kategorien. Das ist ja auch viel interessanter, es macht unsere doch oft enge materielle Existenz spannender. Und dass hinter der Welt, wie sie ist, ein Gott steckt, jetzt nicht unbedingt ein Gott mit einem langen weißen Bart, dieser Gedanke ist mir nahe. Wobei die Intensität dieses Gefühls sehr variiert. Manchmal bin ich fast zur Gänze davon überzeugt, dass es Ihn gibt, und manchmal bin ich zerrissen. Aber das ist jetzt kein Thema, das man so einfach in einem InInterview abhandeln kann“.

Interessante politische Perspektiven, auch zu Russland, spricht Stasiuk in dem Interview von 2009 mit Ireneusz Danko an.    LINK  

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 3. Dezember 2025 durch CM

Diktaturen – sozialistisch/kommunistisch und katholisch/vatikanisch: Hinweis auf einen Systemvergleich.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Dies könnte der Beginn eines Forschungs-Projektes, Juni 2023, sein. Damit ist gesagt: Es bedarf einer gewissen kritischen Begeisterung zu fragen, zu forschen, um den hier vorgestellten Systemvergleich mitzuvollziehen und weiter zu gestalten.

Mit diesem Systemvergleich steht der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ natürlich nicht allein da. Im DRITTEN KAPITEL (Nr. 19) wird gezeigt, dass Philosophen mit katholischem und/oder auch mit marxistisch-kommunistischem Hintergrund diesen Systemvergleich ebenfalls darstellen…Also: Leszek Kolakowski (Polen/England), Reymond Geuss (USA/England)….

ERSTES KAPITEL: Die sanften Modernisierungen und scheinbaren Demokratisierungen in beiden Systemen.

1.
Der System-Vergleich real-sozialistischer (kommunistischer) Herrschaftsformen, d.h. Diktaturen, mit der uneingeschränkten Klerusherrschaft in der Theokratie Vatikan, mit einem unfehlbaren Papst an der Spitze, war etliche Jahre üblich, und dieser Systemvergleich ist als Analyse immer noch treffend: Daran wird im folgenden noch einmal – weiter unten – erinnert.

Beide Herrschaftssysteme stehen einem Struktur – Vergleich zur Verfügung, weil beide aufgrund ihrer Ideologie überzeugt sind, „die“  Wahrheit für die ganze Menschheit zu besitzen. Und weil beide Herrschaftsysteme immer von Führern geleitet werden, die nicht aus demokratischen Wahlen der betroffenen Bevölkerung oder der Masse der Glaubenden zur Herrschaft gelangt sind. Sondern aus Kreisen gewählt wurden und werden, die diese Herrscher selbst im eigenen Interesse berufen haben (Zentralkomitee der Partei bzw. Kardinalskollegium, berufen durch den Papst). Mit diesem Vergleich der Strukturen wird nicht eine Vergleichbarkeit oder gar seelische „Identität“ der realen Personen (Parteichef oder Papst etc.) unterstellt. Es geht um Strukturen, nicht um das je verschiedene persönliche Profil der Herrscher.

Dieser Vergleich der Strukturen hat einen aktuellen Bezug: Er kann etwa die Möglichkeiten und Grenzen von Reformen in beiden Systemen aufzeigen und Hoffnungen auf „Demokratiesierung“ beider Systeme in den sehr begrenzten Rahmen setzen. Für manche LeserInnen aus katholischen Kreisen kann also dieser Beitrag hier zur Ernüchterung führen und die Frage drängend machen: Wie setze ich meine Lebenszeit am besten ein für das Überleben der Menschheit, für die Abwehr der weiteren Klimakatastrophen, für die Überwindung der Ungerechtigkeit der Reichen gegenüber den meisten Menschen im „globalen Süden“ und so weiter. Wahrscheinlich entdeckt „man“ dann im Engagement mit anderen seine eigene Spiritualität oder sucht sich in aller Freiheit seine eigene, seine „einfache“, jesuanische, in jedem Fall nicht-hierarchische  Spiritualität. Also außerhalb des römischen Systems.

2.
Aber schon an dieser Stelle wird auf eine weitere Aktualität des Thema hingewiesen: Denn dieser Systemvergleich (Kommunismus – katholische Kirche) hat seit etlichen Jahren eine neue Dimension erreicht: Bekanntlich gibt es kein kommunistisches Sowjet-Imperium mehr, das üblicherweise mit der vatikanischen Theokratie verglichen werden könnte.

3.
Sondern jetzt steht das Kommunistische China – Imperium mit seiner kapitalistischen (modernen) Ökonomie als Beispiel des Systemvergleichs im Mittelpunkt. Auch wenn der chinesische kommunistische Alleinherrscher Xi immer wieder betont: „Unsere Modernisierung bedeutet nicht Verwestlichung“, so gibt sich China im ganzen de facto (nur) nach außen hin (!) sehr westlich, denn es kann gar nicht auf die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der europäischen-amerikanischen Moderne verzichten. Die Spionage Chinas u.a. in der Forschung des Westens ist bekannt…

4.
Und auch der Vatikan als Theokratie gibt sich unter Papst Franziskus nach außen hin seit einigen Jahren etwas moderner, d.h. demokratischer, man möchte sagen etwas sympathischer, dem Anschein nach: Denn nun heißt das vatikanische Leitwort „Synode“, also gemeinsames Beraten von Klerikern aber auch mit einigen vom Klerus ausgewählten Laien und Nonnen. Die Verlogenheit im Umgang mit dem „Synoden“ Begriff wird schnell deutlich: Diese Synodalen können zwar Mehrheits – Beschlüsse fassen, aber diese haben keine bedeutende Wirkung: Denn allein der Papst entscheidet, ob diese Beschlüsse auch „realisiert“ werden. Wer es noch nicht weißt: Auch Papst Franziskus ist der absolute Herrscher über die Kirche. (Siehe das „Kanonische Rexcht“ von 1984, Kanon 331.

Die Allmacht des Papstes im Umgang mit Synoden: Ein Beispiel: Die „Amazonas-Synode“ (2019) von Bischöfen und wenigen Laien in Rom forderte die Aufhebung des Zölibatsgesetzes für die dortigen Priester: Aber der Papst realisierte danach nicht diesen Mehrheitsbeschluss. Dazu hat der Bischof em. vom Amazonas, Erwin Kräutler, seine treffende Meinung im Juni 2023 veröffentlicht. LINK.

Zur Weltsynode in Rom (Oktober 2023) hat Papst Franziskus nun wie üblich eigenmächig bestimmte Kleriker als Mitglieder berufen,, etwa Kardinal Gerhard Ludwig Müller, einen der reaktionärsten Kirchen-Fürsten heute. Er ist in dieser Synode als Kleriker selbstverständlich stimmberechtigt… Er kann also reaktionäre Positionen unterstützen und mit seinen Freunden durchsetzen…

Auch in Deutschland hgab es eine gewisse Synoden-Begeisterung unter Katholiken: Aber die Engagierten wissen – oft uneingestanden – genau: Alle ihre demokratischen Mehrheits-Entscheidungen müssen vom Papst abgesegnet werden. Globale Reformen, wie in Deutschland gewünscht („Priestertum der Frauen“), sind nur eine Utopie, über die man Jahrzehnte lang reden kann. Offiziell heißt es vom „Synodalen Prozess“ in Deutschland im Jahr 2022: „Über die Umsetzung von Beschlüssen, die eine weltkirchliche Relevanz entfalten, entscheidet der Apostolische Stuhl, also der Papst…Entsprechende Beschlüsse der Synodalversammlung müssen als Votum der Kirche in Deutschland an Rom gerichtet werden.“

5.
Mit anderen Worten: Es gibt eine überraschende begrenzte Parallele zu Xi und seinem Modernisierungsprogramm: Nur nach außen hin gibt man sich in Peking westlich. So, wie die Theokratie Vatikan etwas moderner, etwas demokratisch nach außen hin tut. „Synode hurra“ möchte man sagen, ohne dass nun die Prinzipien der Moderne und der Demokratie von der Theokratie Vatikan respektiert werden. Ein frommer Schein wird von den Theokraten geweckt … und den Engagierten ihre Lebens-Zeit gestohlen…Wie sinnlos und ergebnislos war damals letztendlich die Würzburger Synode (1971-1975)? Wie sinnlos und frustrierend das „Niederländische Pastoralkonzil“ (1966-1970): Alle richtigen Reformvorschläge der Mehrheit dort wurden von den Herren der Theokratie im Vatikan zurückgewiesen… Und die katholische Kirche der Niederlande in den Niedergang geführt.

6.
Es könnte manche fromme Seele erstaunt sein, wenn der Vatikan hier eine Theokratie genannt wird: Aber diese Bezeichnung ist unter Politologen üblich, denn der Vatikan als Herrschaftsform ist allein religiös legitimiert, und zwar durch den einen Satz im Neuen Testament, in dem Jesus von Nazareth dem Fischer Petrus eine Sonderrolle als „Chef“ seiner imaginierten Kirche zuweist (siehe Matthäus-Evangelium 16,18). Unter Historikern und kritischen Bibelwissenschaftlern ist heute eindeutige Überzeugung: Jesus von Nazareth dachte nicht im entferntesten daran, eine Kirche zu gründen, dazu war seine Erwartung eines baldigen Endes des Welt viel zu dominant. Und einen Fischer Petrus (übrigens verheiratet! und sicher Analphabet) als Papst konnte sich der Wanderprediger Jesus nun auch nicht vorstellen.
Aber die Kleriker im Vatikan haben zur Rechtfertigung ihrer Macht die Interpretation dieser Bibelstelle absolut „gepachtet“. Sie sind die einzig gültigen Interpreten.
„Theokratie“ bezogen auf den Vatikan heißt ja nicht, dass Gott selbst unmittelbar vom Himmel aus rein regiert in die Welt. Theokratie bedeutet, dass es eine Gruppe von Klerikern gibt, die den heiligen Text der Bibel so deutet, dass nur sie die einzig gültigen Interpreten ist. Diese Herren Kleriker (es sind immer Männer) stehen also gleichsam auf Gottes Seite und sind, wie der Papst in entscheidenden Glaubens – und Moralfragen sogar unfehlbar. Das heißt nichts anderes: In ihnen und durch sie spricht dann Gott selbst… behaupten diese Leute, die noch von Laien und einfachen Pfarren und Ordensleuten als „Hochwürden“ oder „Heiliger Vater“ verehrt werden…

7.
Aber das vatikanische Imperium als Theokratie wird dann auch im weltweit verbreiteten „Katechismus der katholischen Kirche“ (1993) urbi et orbi gelehrt: „Christus selbst ist der Urheber des Amtes (also des Papst-Amtes) in der Kirche. Christus hat es eingesetzt, ihm Vollmacht und Sendung, Ausrichtung und Zielsetzung gegeben“ (§ 874 im „Katechismus der katholischen Kirche“, S. 259). Es wäre also eine Gotteslästerung, wenn der Papst dieser „Einsetzung des Amtes“ durch Christus persönlich widersprechen würde oder wenn er das Amt in der bestehenden Form grundlegend reformieren oder gar aufgeben würde. Die klerikale Theokratie ist also wie Gott selbst „ewig“, soll man denken.

8.
Um noch einen Moment beim Vergleich China von Xi und dem nun etwas demokratisch erscheinenden Vatikan zu bleiben:
Xi will eine weltpolitische Rolle spielen, als Vermittler auftreten, als Friedensstifter im Krieg Russlands gegen die Ukraine

Der Papst will auch weltpolitisch eine große Rolle spielen, deswegen die diplomatischen Bemühungen von Papst Franziskus etwa um Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Deswegen das starke Drängen des Papstes seit Monaten, mit Patriarch Kyrill von Moskau in gutem Einvernehmen zu sein.

Dabei spielt der Papst seine übliche Doppel-Rolle aus: Einerseits ist er Staatschef des Staates Vatikan-Stadt, andererseits auch spiritueller Führer der katholischen Kirche und ihrer Gläubigen. Der Papst ist spirituell der Inhaber des „Heiligen Stuhls“, ein Titel, bezogen auf einen imaginären Stuhl des heiligen Petrus, den angeblich Jesus von nazareth zum ersten Papst auserwählt hat… und diese Rolle als Inhaber des „Heiligen Stuhls“ ist am wichtigsten. In der Herrschaft über den „Heiligen Stuhl“ bündeln sich die Leitungsaufgaben der katholischen Kirche UND des Staates Vatikanstadt“, wie der italienische Kassationsgerichtshof 1979 die Sachlage klärte.(Siehe dazu: Corrado Augias, „Die Geheimnisses des Vatikan“, München 2011, S. 439). Die Botschafter des Papstes (Nuntien) in fast allen Ländern repräsentieren also den „Heiligen Stuhl“, also die umfassende religiöse wie politische Macht des Papstes….  so wie auch die ausländischen Botschafter  beim „Heiligen Stuhl“ in Rom akkrediert sind … und nicht beim Staat Vatikanstadt. Noch einmal: Der „Heilige Stuhl“ ist Völkerrechtssubjekt! Ein Völkerrechtssubjekt, das eine Theokratie oder anders gesagt eine Wahl-Monarchie ist, diese päpstliche Herrschaftsform kennt keine übliche Gewaltenteilung, keine durch eine Verfassung begrenzte Macht des Monarchen (des Papstes).

Welch ein intellektueller Tiefpunkt, welche Ideologie, wenn ein Theologieprofessor und Kardinal, Gerhard Ludwig Müller, lange Jahre Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre im Vatikan,  in seinem Buch „Der Papst“ (Herder Verlag, 2017)  514 lapidar behauptet:“ Der päpstliche Primat hat grundsätzloich nichts mit einer monarchischen und sonstigen Form von Machtausübung zu tun“.

Der Papst ist also absoluter geistlicher Führer für 1,3 Milliarden KatholiKinnen und  Staatschef des Minimal Staates Vatikanstadt (Größe 0,44 Quadratkilometer, 618 Staatsbürger).

ZWEITES Kapitel: Ein Systemvergleich: Real-Sozialistische /Kommunistische Diktaturen und die päpstliche Theokratie.

9. Zur Vertiefung:
Auf die Notwendigkeit einer Untersuchung einer Strukturanalogie von Religion (in unserem Fall Katholizismus) und sozialistischer Diktatur wird man immer wieder von verschiedener Seite aufmerksam gemacht. „Es gibt eine Strukturanalogie zwischen Religion und einer sozialistischen Diktatur… Wie der Papst beanspruchten auch die sozialistischen Parteiführer eine Generalkompetenz über alle Werte-Entscheidungen“, schreibt der Philosoph Harry Lehmann (Berlin) in der Kultur-Zeitschrift „Lettre International“, Winter 2021, Seite 26.
Auf eine „Strukturanalogie“ von Katholizismus und sozialistischen bzw. kommunistischen Diktaturen wurde schon mehrfach auch von großen katholischen Theologen hingewiesen, wie etwa von Hans Küng: „Die Kirche ist von einer Gemeinschaft der Gläubigen zu einer geistlichen Diktatur geworden“, schrieb Küng 2011 in seinem Buch „Ist die Kirche noch zu retten?“. Und: „Der biblische Jesus Christus hat die Päpste beim Ausbau ihrer Macht gestört und er ist durch ein selbstfabriziertes Kirchenrecht verdrängt worden“. Unter vielen Quellenverweisen nur diese: LINK  . Und noch einmal Küng: „Ohne ein Ende des römischen Hofstaats wird auch einem neuen Papst kein Durchbruch und Aufbruch gelingen“, sagte Küng. Quelle:LINK
Man erinnere sich auch an die heftige Kritik an der Bürokratie im „vatikanischen Hofstaat“ durch den international hoch geschätzten katholischen Theologen Karl Rahner SJ: Es gibt viele Stellungnahmen, Interviews, Zeitungsbeiträge Rahners, die seine Ablehnung des römischen Herrschaftssystems belegen: So nannte er vatikanische Theologen tatsächlich „Bonzen“, im Sinne von ideologisch verblendeten Partei-Bonzen oder Partei-Genossen in sozialistischen Diktaturen. (Quelle: Herbert Vorgrimler, „Karl Rahner verstehen“, Topos Taschenbücher 2002, S. 117.)

10.
Eine kurze Darstellung der Analogie der beiden Systeme:

Die sozialistischen (kommunistischen) Diktaturen (in Zukunft SD abgekürzt) beziehen sich auf eine Gründergestalt (bzw. mit Friedrich Engels auf eine zweite): Karl Marx. Beide dachten nicht im entferntesten an den Stalinismus.
Die katholische Theokratie (KT abgekürzt) bezieht sich auf die Gründergestalt Jesus von Nazareth bzw. „Jesus Christus“ oder nur „Christus“. Aber von der Bibelwissenschaft her ist eindeutig: Jesu hat gar kein Kirche begründen wollen und können…

Das grundlegende Buch in den SD ist „Das Kapital“.
Das grundlegende Buch in der KT ist die Bibel bzw. vor allem das „Neue Testament“. Das „Kapital“ ist keine Anleitung für den Stalinismus, das „Neue Testament ist keine Anleitung für die Hexenverfolgungen oder die Verbrennung von angeblichen Irrlehrern.

Die einzig zugelassene Interpretation des Gründungsbuches beansprucht die KP-Parteiführung bzw. die Führung der Sozialistischen Partei (etwa SED). Ihr Selbstverständnis drückt sich etwa in dem bekannten Kampf-Lied aus „Die Partei, die Partei, die hat immer recht…“ (Es ist raffinierterweise die anonyme „Partei“, nicht ein konkreter Parteiführer, der recht hat…

Die einzig zugelassene Interpretation des Gründungsbuches „Neues Testament“ beansprucht in der KT der Papst bzw. die von ihm eingesetzten Bischöfe und dann in der Hierarchie die von Bischöfen geweihten Kleriker. Ihr Selbstverständnis drückt sich in dem Lied „Fest soll mein Taufbund immer stehen“ aus, besonders in dem Vers „Ich will die Kirche hören, sie soll mich allzeit folgsam sehen und gehorsam ihren Lehren“… „Die Kirche“ hören, nicht einen konkreten Bischof…

Die Partei (d.i. das Zentralkomitee, ZK) beansprucht, „die“ Wahrheit, die einzige wahre Wahrheit , zu „haben“, für alle Bereiche des Lebens. Sie will diese Wahrheit international ausbreiten (Beispiel: im Ostblock durch die KPDSU etc.).

Die Entwicklung des Ideologie in der UdSSR stagnierte: „Alle sowjetischen Führer bis 1984 haben von Ideen gelebt, die aus den 1920er- bis 1950er Jahren stammten. Als wäre die Welt aus Beton“ (so der belarussische Schriftsteller und Oppositionelle Viktor Martinowitschin „Die Zeit“, 29.Juni 2023, S. 43).

Die katholische Kirche lebte seit dem Trienter Konzil im 16. Jahrhundert bis zum 2. Vatikanischen Konzil 1962 ebenfalls in einer erstarrten Ideologie (Theologie) ohne jeglichen Wandel wie in einer Welt aus Beton…

Die Kirche (d.i. der Papst und die von ihm ernannten Bischöfe) beansprucht „die“ Wahrheit, die einzige, für alle Bereiche des Lebens, auch der Politik und der Sexualität, zu „haben“ und allen Menschen mitzuteilen (darum weltweite Mission). Man denke an das Reinreden der Kirchenführer in die Sexualmoral der Katholiken…

Wer „die“ Wahrheit nicht annimmt und nach außen bekennt, möglichst wortwörtlich, wird vom ZK wie auch von der Glaubensbehörde (Heiliges Offizium) kritisiert, ausgegrenzt, verfolgt, vernichtet. Die Ketzerverfolgung in der katholischen Kirche hat natürlich eine viel umfassendere längere Tradition aufgrund des längeren Bestandes dieser Institution Kirche…

„Die Lehre“ wird vom ZK der SD bestimmt und bei Parteitagen manchmal geändert. Die kommunistischen Basis-Dogmen bleiben aber unberührt, etwa die führende Rolle der KP oder SED usw. Damit schützt sich die Parteiführung, wohlwissend, dass ihr totalitärer Anspruch der absoluten Führung von Marx gar nicht gefordert wird.

Die Kirchen-Lehre wird vom Papst und seinen Gremien, auch vom Konzil, das dem Papst untersteht, gelegentlich moderat verändert, etwa: „Landessprache in der Messe“ seit 1965, „Religionsfreiheit ist kein Verbrechen“ oder Möglichkeit der Feuerbestattung für Katholiken.
Die Basis-Dogmen hingegen bleiben aber unberührt, damit sichert sich der Klerus seine alleinige Interpretationsgewalt. Es gilt die totale – auch sprachlich fixierte – Unwandelbarkeit der vielen seit dem 3. Jahrhundert einmal formulierten Dogmen. Das in den katholischen Messen heute immer noch gesprochene „nizänokonstinopolitischen Glaubensbekenntnisse“ ist für heutige Menschen unverständliches Blabla. Wer versteht schon, dass „der Heilige Gest vom Vater ausgeht“…Wenn interessiert, das „der Logos gezeugt, aber nicht geschaffen ist“…Philosophen vielleicht.

Geschlossenheit und Einheitlichkeit wird von der Führung für die Funktionäre vorgeschrieben: Man denke an die Sitzordnung bei den Parteitagen. Parallel dazu: die absolut gleich gestalteten Gewänder und Mitren bei den Bischöfen bei größeren Zusammenkünften auch in Rom. Die Individuen „Bischöfe“ verschwinden unter der totalen Identität der Kostümierung. Das ist wohl so gewollt. Einstimmigkeit ist die Mitte der Diktaturen, Vielfalt die Mitte der Demokratien.

Die Zensur verbotener Bücher: Zensur im Verlagswesen in der SD, der Index verbotener Bücher im Katholizismus. Das „Imprimatur“ wird heute noch gewünscht.

Die Sonderstellung hoher und höchster Funktionäre in der SD, sie wohnen in separaten Siedlungen, haben Zugang zu westlichen (kapitalistischen) Konsumgütern, Leben im Luxus.
Und in der katholischen Kirche: Hohe Gehälter für Bischöfe, etwa in Deutschland, Luxuswohnungen für Kardinäle im Vatikan, Dienstautos usw.

Akzeptanz privater „Seitensprünge“ hoher Funktionäre (nur einzelne Funktionäre werden als Symbole des Kampfes gegen Korruption in Chinas KP verfolgt),
Akzeptanz der privat gehaltenen, verschwiegenen „Seitensprünge“ des Klerus (Heteros im Klerus haben ihre Freundinnen, Homos im Klerus ihre Liebhaber) , aber alles bitte nicht öffentlich machen. Man lese die instruktive Studie „Sodom“ von Frédéric Martel.

Zusammenfassung:

Die Entwicklung der Ideologie in der UdSSR stagnierte: „Alle sowjetischen Führer bis 1984 haben von Ideen gelebt, die aus den 1920er- bis 1950er Jahren stammten. Als wäre die Welt aus Beton“ (so der belarussische Schriftsteller und Oppositionelle Viktor Martinowitsch in „Die Zeit“, 29. Juni 2023, S. 43).

Die katholische Kirche lebte seit dem Trienter Konzil im 16. Jahrhundert bis zum 2. Vatikanischen Konzil 1962 ebenfalls in einer erstarrten Ideologie (Theologie) ohne jeglichen Wandel „wie in einer Welt aus Beton“…

11.
Die Brutalität der Verfolgung von Abweichlern findet in den sozialistischen/kommunistischen Diktaturen (China, Vietnam, Kuba, Nord-Korea) bis heute statt.
Die Brutalität der Verfolgung von Ketzern und Abweichlern im Katholizismus findet jetzt keinen unmittelbaren materiellen, leibhaftigen Ausdruck mehr, diese Brutalität war aber bis ins 19. Jahrhundert üblich. Wie viele Tausend Ketzer wurden verbrannt, wie viele Tausend Irrlehrer verfolgt, wie viel Tausend Hexen verbrannt uns so weiter…
Aber die psychische Brutalität im Umgang mit Abweichlern und „Unbequemen“ im Katholizismus verursacht auch heute seelisches Leiden, Ausgrenzung, privates finanzielles Desaster usw.

12.
Viele sozialistische Regime im Osten Europas sind seit 1989 weithin überwunden worden. Der Zusammenbruch der Sowjetunion war sicher auch ökonomisch bedingt, Stichwort „Hochrüstung“. Aber der Zusammenbruch des Sowjetimperiums war dann doch möglich, weil es eine kleine Gruppe von Abweichlern innerhalb der KPDSU gab, vor alem einen Michael Gorbatschow. Einen solchen Zusammenbruch des Imperiums Papstkirche/Katholizismus ist trotz aller Reformgrüppchen und aller so genannter Synodaler Wege nicht möglich…Solange eben der Papst die Allmacht des Papsttums (Heiliger Stuhl, Unfehlbarkeit, Monarchie etc.) behält und beansprucht. Ein Machtverzicht des Papstes ist nicht in Sicht, trotz allen Schwadronierens von Synodalen Wegen und Synoden. Erst wenn ein Papst gewählt wird, der das papsttum beendet, ist eine Ende dieser Klerus – Diktatur in Sicht.

13.
Warum ist die Theokratische Diktatur des Vatikans, also die klerikale Führung der Katholischen Kirche, nicht zusammengebrochen? Weil so viele religiöse Menschen wider alle Vernunft auch heute noch an Wunder und Wunderbares glauben, weil sie meinen, Gott höchst persönlich will diese Katholische Kirche, inclusive Papsttum, so wie sie ist.

Solange es also ein „göttliches Erschauern und Bewundern der „Hochwürden und Eminenzen und Heiligen Väter gibt, wird sich im Katholizismus nichts grundlegendes, also Vernünftiges, Humanes, ändern. Erst wenn viele Millionen Menschen erkennen: Jede Kirche ist Menschenwerk und damit reformierbar, und die Bibel ist nur ein geistiges, poetisches Produkt frommer Menschen und nicht unmittelbar „Gottes Wort“, wird sich etwas grundlegend zum Guten, Humane, verändern.

In Westeuropa ist der Abschied, der Austritt aus der katholischen Kirche, zahlenmäßig faktisch erwiesen, jetzt immens. In Afrika und manchen Gegenden Asiens sind viele Millionen Menschen (noch) katholisch, bevor sie wahrscheinlich wie in Lateinamerika zu den Evangelikalen und Pfingstgemeinden „konvertieren“…
Vielleicht hängen sie noch am Katholizismus, weil der Vatikan für sie weit weg ist? Und ihre Gemeinden dort oft der einzige soziale und caritative (!) Zusammenhalt sind? Und junge Männer in Indien und auf den Philippinen machen als Kleriker eine schöne und sichere Karriere… Vielleicht später mit einer „Mission“ im reichen Europa? Um die Lücken in den europäischen priesterlosen Gemeinden zu stopfen?

14.
Warum hat der Katholizismus sein „1989“ bisher nicht erlebt? Dies liegt sicher auch an der Lehre, der Spiritualität, den Gottesdiensten, den Wallfahrten usw., so dass viele Katholiken eben trotz und gegen den Vatikan katholisch bleiben, um der Wunder (Lourdes, Fatima!) und der Mystik willen, was auch immer man unter Mystik versteht.
Katholische Religion ist eben immer auch Opium und Folklore (Spanien, Semana Santa) … Außerdem sind gotische Kathedralen schön anzusehen oder barocke Kirchengebäude auch. Es ist sozusagen diese wundervolle, ästhetisch als erhebend erlebte Welt der uralten Frömmigkeit, die letztlich dafür sorgt, dass diese theokratische Diktatur bis heute noch fortbesteht. Natürlich weiß niemand, wie die Taube neben dem Gott Vater mit Bart ins barocke Bild kommt,…“Aber warum soll die Tierwelt, etwa die Taube, nicht auch im Himmel eine Rolle spielen, sagte mir ein junger Mann einmal in einer bayerischen Barockkirche… Vom Symbol der Taube als Heiliger Geist hatte er wie die meisten Besucher dieser kirchlichen Museen genannt Barockkirchen keine Ahnung…

Die Kommunisten hatten ihre Kulte kurzfristig erfunden, wie die Feiern zum 1.Mai, aber sie haben keine innere Resonanz bei den Menschen gefunden. Der russische Historiker Michail Ryklin hat in seinem wertvollen Buch „Kommunismus als Religion“, Frankfurt am Main 2008, darauf sehr anschaulich hingewiesen.

15.
Papst Franziskus denkt gar nicht daran, eine explizit synodale, und das meint immer (!) eine demokratische Kirche zu gestalten. Er verändert mit vielen Worten sozusagen etwas die Farbtöne in der katholischen Bilderwelt, aber ein neues modernes Bild will er nicht entwerfen oder gestatten. Denn dann gäbe es bei einer solchen Reformation, die mehr ist als eine Reform, auch keinen Papst und kein Papsttum mehr. Dann gäbe es aber die Gemeinschaften der gleichberechtigt Glaubenden, dann gäbe es auch keine „Laien“ und auch „Kleriker“ mehr, sondern nur noch spirituell suchende „Brüder und Schwestern“.

16.
Aber diese neue Kirche ist genauso eine ferne, sicher nie erlebbare Utopie wie die klassenlose Gesellschaft im Kommunismus.

17.
Warum also dieser Systemvergleich von zwei Diktaturen?
Weil die eine, die real-sozialistische und kommunistische Diktatur, keine innere, seelische Verheißung bieten konnte, keine transzendierende Illusion. Sie musste ohne Gott auskommen, und das war ein Teil ihrer Katastrophe.
Die katholische Diktatur wurde und wird, wie erwähnt, für viele erträglich durch die von den Dogmen gelieferte Verzauberung der Welt und der Existenz. Aber diese Verzauberung hat auch vielerorts keine Macht mehr, und so ist die Frage offen: Was kommt nach dem Ende auch dieser katholischen antidemokratischen Welt (also der Theokratie)? Wird es eine humane, eine vernünftige, eine elementare christliche Religion der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit geben? Oder wird der Konsumismus und der Neoliberalismus den endgültigen Sieg haben, falls denn die Welt nach all den Öko – und Umweltkatastrophen, den sinnlosen Kriegen und dem Gemetzel mit dem lukrativen Waffenexport etc. noch existiert.

18.
Mit einem Bedauern endet der Blick zurück, mit einem Bedauern darüber, dass sich so viele Menschen gern in der – dialektisch gesehen – behütend-zerstörerischen Macht von Diktaturen irgendwie dann doch einrichteten und gar wohlfühlten und immer noch wohlfühlen. Es ist die unreflektierte Bindung an angeblich allmächtige Autoritäten und der innere Zwang, gehorsam und angepasst zu leben, der diese Diktaturen und die Theokratie am Leben erhält und – wie im Falle des Vatikans – immer wieder mit Geld versorgt, obwohl diese Theokratie allein durch ihren Immobilienbesitz in Rom ein Milliardenvermögen hat. Aber die aufgeklärte, gebildete Jugend Westeuropas denkt anders. Welchem Gott wird sie folgen?

DRITTES KAPITEL als Ergänzung: I.: Der Beitrag des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski.

Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski hat 1977 einen Beitrag veröffentlicht mit dem Titel „Marxistische Wurzeln des Stalinismus“, dieser Text wurde in dem Buch „Leben trotz Geschichte“ (hg. Leonhard Reinisch), München 1977, S. 257-281, publiziert.

19.

Kolakowski, einer der bedeutenden europäischen Philosophen, war zunächst in Polen Marxist und Kommunist. Als Dissident wurde er 1966 aus der Partei ausgeschlossen und dann lehrte er seit 1969 als Philosoph an verschiedenen Universitäten in Kanada, den USA und vor allem in Oxford. Dort ist er (1927 im polnischen Radom geboren) im Jahr 2009 gestorben. …

Zu unserem Thema sind diese Hinweise Kolakowskis von Bedeutung: Die Bindung der Gläubigen an die katholische Kirchenführung, den Klerus, den Papst usw., ist in Westeuropa und Amerika mindestens bis 1968, strukturell verwandt mit der Bindung der Menschen an das totalitäre System des Kommunismus in Osteuropa bzw. der damaligen Sowjetunion.

20.

Kolakowski nennt ein politisches System totalitär, in dem „alle Gruppen und Individuen nur für Ziele handeln, die zugleich Ziele des Staates sind und als solche vom Staat festgelegt werden“ (S. 260).
Übertragen auf die Bindung der „engagierten Katholiken“ an die Kirchenführung heißt das: Auch diese Katholiken haben nur „für Ziele gehandelt, die zugleich Ziele der Kirchenführung sind und als solche von der Kirchenführung festgelegt werden“.
Also konkret gesagt: Die Kirchenführung bestimmt das Familienleben, die Gestaltung der Sexualität, sie schreibt vor, welche Bücher der Katholik ohne Strafe lesen darf, welche Partei er wählen darf, wie der Katholik mit Andersdenkenden umgeht usw..

21.

Weiter führt Leszek Kolakowski zum kommunistischen Totalitarismus aus: „Der Staat und seine organisatorischen Instrumente bilden die einzigen Formen des sozialen Lebens. Jede Art menschlicher Tätigkeit ist erlaubt, nur sofern sie im Dienst der staatlichen Ziele steht.“
Auf die Bindung der katholischen Gläubigen an die Kirchenführung bezogen heißt dies: Die einzige wertvolle und Gott – bzw. der Kirchenführung wohlgefällige Form des Lebens spielt sich für einen Katholiken nur in der Kirche ab, in der Pfarrgemeinde, in den Gemeindegruppen, den katholischen Verein und katholischen Schulen bis hin zu katholischen Friedhöfen… LINK.

22.

Leszek Kolakowski nennt weitere Elemente totaler Herrschaft in der Sowjetunion und in kommunistisch gelenkten Staaten:
Formen der repräsentativen Demokratie gibt es nicht….
Auf die katholische Kirche bezogen: Sie ist stolz darauf, nicht-demokratisch zu sein. Der Vatikan bzw. der „Heilige Stuhl“ ist eine absolute „Wahl-Monarchie“.

Es gibt im Kommunismus keine wirklichen Wahlen. Es gibt keine freie Presse… und die gab es als katholische Kirchenpresse bis vor 20 Jahren gar nicht. Dann gab es Wahlen für den Pfarrgemeinderat, der nur beratende Funktion hat, die letzte Entscheidung trifft der Priester.
Ähnliches gilt für Synoden und synodale Prozesse… Alle Druckwerke hatten ein amtliches „Imprimatur“ …und in den katholischen Presserzeugnissen wachten strenge Priester über die Orthodoxie der Texte und der Autoren. Texte theologischer Dissidenten wurden nicht gedruckt. Man denke an das bischöflich verordnete Ende der kritischen katholischen Wochenzeitung PUBLIK.
Es gab keine Pluralität mit tatsächlicher Vielfalt. Alle Gruppen, ob kommunistisch oder katholisch, wurden von der Führung kontrolliert und in ihrer Entfaltung bestimmt.

23.

Kolakowski weist darauf hin, dass fast niemand die offizielle kommunistische Staatsideologie wirklich aus Überzeugung glaubte. Aber die kommunistische Staatsideologie musste nach außen aufrechterhalten bleiben, damit das ganze System des Staates nicht zusammenbricht. Dissidenten wurden bestraft.

Auf die katholische Kirche übertragen: Nur wenige glaubten das ganze fdogmatische System, das sich in dickleibigen Katechismen darstellte. Nur wenige glaubten etwa, dass sich Jesus von Nazareth den armen Fischer Petrus tatsächlich als den ersten Papst wünschte. Wobei doch fast jeder schon wusste, dass Jesus von Nazareth überhaupt nicht an eine Kirchengründung dachte, war er doch vom nahen Ende dieser Welt überzeugt. Aber bis heute glauben die klerikalen Beamten im Vatikan, dass die Form ihres Papsttums genau dem Willen Gottes und den Weisungen Jesu von Nazareth entspricht. Und sie hämmern diese Ideologie ihrer eigenen Herrschaft den Glaubenden ein. Vergeblich, auf lange Sicht…

24.

Im Katholizismus, seit etwa 1968, konnten sich die Gläubigen in nicht-kirchliche Organisationen flüchten, in feministische Gruppen, in Parteien, die nicht das „C“ als Aushängeschild hatten, in NGOs usw. Dieses Verbundensein mit säkularen Gruppen und Lebensformen schwächte entschieden die totalitäre Herrschaft der Kirchenführung. Bis heute versucht sie, ihre Allmacht zu festigen, im Bereich der Sexualmoral, der Abweisung der Gleichberechtigung von Frauen in den kirchlichen, priesterlichen Ämtern, die Abweisung der Homoehe usw.
Mit anderen Worten:
Die Katholiken konnten ihre menschliche Existenz auf eigene Art ohne kirchliche Vorschriften leben, weil sie sich in der freien, säkularen Gesellschaft entwickeln konnten. Die säkulare Welt, die Aufklärung, die Menschenrechte, haben die Gläubigen in ihrem Menschsein gerettet.

II: Die Hinweise des us-amerikanischen Philosophen Reymond Geuss. Er war Schüler eines katholischen Internats in den USA.

25.

Das neueste Buch von Reymond Geuss „Nicht wie ein Liberaler denken“ (Suhrkamp 2023) ist auch eine Art philosophische Autiobiographie. Auf Seite 16 schreibt Geuss: „Lenin und Lukács haben beide von der Notwendigkeit einer Ideologie für das Proletariat gesprochen. Es war keine ausreichende Voraussetzung, unterdrückt zu sein oder gar zu wissen, dass man unterdrückt war; man musste auch Möglichkeiten haben, das empfundene Elend zu artikulieren, theoretisch zu verarbeiten…Man brauchte so etwas, wie das, was der Katholizismus zur Verfügung stellte“. Entscheidend die Erkenntnis: „Die Schwierigkeit ist natürlich, dass wir gegenüber allen totalisierenden ideologischen Konstruktionen wie dem Kommunismus und dem Katholizismus zu Recht misstrauisch geworden sind“ (S. 17).

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Siehe auch die Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn, WDR, „Die Pyramide des lieben Gottes. Über die Macht und das System in der römischen Kirche“ (Erstsendung am 1.11.2009)   U.a mit O Tönen von Otto-Hermann Pesch, Josef Imbach, Hermann Häring, Friedrich Wilhelm Graf, aber auch Kardinal Joachim Meisner und Kardinal Joseph Ratzinger: Vor allem dessen Empfehlung beachten, dass Theologiestudenten bitte wie Spitzel ihre Professoren beobachten sollten, vgl. O TON 16.     LINK

 

 

 

Aktualisiert am 18. Februar 2024 durch CM