Gibt es heute moralische Politiker? Eine Frage, die Kant stellte

Politiker, die sich einen „Völkerbund“ wollen, sollten moralisch handeln. Ein Hinweis von Immanuel Kant zur aktuellen Diskussion über den Zusammenhalt der EU

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nicht nur philosophisch gebildete Menschen wissen: Immanuel Kant hat sich 1794 ausdrücklich mit der Frage befasst: Wie ist Friede, sogar im weitesten Sinne „utopisch“ gedacht (im Sinne einer Zielbestimmung) als „ewiger Friede“ möglich?

Sein Text ist wichtig, weil er einmal mehr zeigt: Wie Reflexionen von Kant auch heute von bleibender Inspiration sind. Wer sagt: „Ach der Kant, der ist doch alt und veraltet“, irrt gewaltig und redet aus Unkenntnis! Oft sind die „Alten“ aus der Aufklärungs-Philosophie des 18. Jahrhunderts in Fragen der Ethik z.B. wichtiger und „weg-weisender“ als Philosophen des 20. Jahrhunderts, die etwa wie Martin Heidegger in keiner Weise Fragen der universalen Menschenrechte „angedacht“ haben. Aber das nur am Rande.

Kant ist in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ klar, deutlich und für seine Zeit schon radikal. Er schlägt zur Friedenssicherung eine Art Völkerbund vor. Voraussetzung für ein dauerhaftes Funktionieren eines „Völkerbundes“ ist: Die Staaten und damit die „nationalen“ Politiker müssen ihre eigene nationale Staatsräson dem gemeinsamen ZIEL unterordnen, d.h. sie müssen den praktischen Willen haben, auf ihre eigene Staatsräson zu verzichten zugunsten des großen Friedensprojekts! Nur dann können Streifragen im Disput geklärt werden, nur so kann Krieg unter den Mitgliedern des „Völkerbundes“ verhindert werden.

Wichtig ist: Kant ist mit guten Begründungen überzeugt: Auch Politiker müssen wie alle anderen aufgeklärten Menschen moralisch handeln. Auch für Politiker gilt das Gesetz, aus Pflicht moralisch zu handeln. Ohne die gelebte Moral der Politiker hat ein „Völkerbund“ keinen Sinn, keine verbindende Kraft. Ohne ein moralisches Bewusstsein und ohne die tatsächlich geleistete Pflichterfüllung gegenüber dem moralischen Bewusstsein (nämlich die eigene Nation relativ zu finden gegenüber dem „Völkerbund – und modern – auch zur EU) kann es keinen Zusammenhalt in einem „Völkerbund“ geben. „Ohne dieses moralische Moment der Pflicht (den Frieden zu wollen) verliert Kants Völkerbund seine moralische Kraft“, so Manfred Geier, „Aufklärung – das europäische Projekt“, Reinbek bei Hamburg 2013, Seite 279.

Angesichts der offensichtlichen Krise der EU, sichtbar in der arroganten Ablehnung etlicher Mitgliedsstaaten, Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak usw. ins eigene Land aufzunehmen, stellt sich die Frage: Wie moralisch sind diese EU-Politiker? Diese Frage muss, Immanuel Kant folgend, erlaubt sein, ohne dabei eine „Schlammschlacht“ zu inszenieren oder gar jemanden an den Pranger zu stellen: Aber die Frage ist virulent: Sind Politiker – damals wie heute – bloß Funktionäre, nur Technokraten, nur „Führergestalten“, die letztlich bloß die alten nationalen Interessen vertreten (oder auf Stimmen für die eigene Partei schielen) und also nur so tun „als ob“ sie ein ernsthaftes Interesse an einem „Völkerbund“ hätten. Die Frage im Sinne Kants heißt: Haben die Politiker überhaupt die Fähigkeit, die BürgerInnen ihres jeweiligen Landes über das traditionelle, vorgegebene Niveau, also die nationale Ideologie, hinauszuführen zu einer größeren friedlichen Vereinigung in einem „Völkerbund“. Wer stellt heute diese Fragen? Wer verlangt eine Art häufigen „Fähigkeitscheck“ von Politikern, die in anderen Berufen, wie etwa bei den Ärzten, inzwischen selbstverständlich sind. Aber ob die Moralität eines Politikers dabei festgestellt werden kann, bleibt offen. Kant jedenfalls hat nur die Hoffnung, dass es moralische Politiker geben kann. Heute stehen wir vor der Aufgaben unmoralische Politiker zu entfernen, also abzuwählen, oder im Falle von Diktaturen, die unmoralischen Politiker ins Abseits zu drängen. Aber so lange angeblich moralische Politiker (des Westens) mit den tatsächlich unmoralischen Politikern (in den Diktaturen) beste Geschäfte machen, ist diese Veränderung in den Diktaturen schwierig. Die westlichen, angeblich moralischen Politiker, könnten hingegen durch ihr Verhalten, durch ihr Nein zu den unmoralischen Diktatoren, vieles verändern dort. Vor allem: Sie würden sich selbst verändern, also wirklich moralisch werden… und die Länder verändern, den Menschenrechten zuführen. Warum tun das die angeblich moralischen Politiker des Westens nicht? Kant würde hart sein und sagen: Sie tun das Richtige nicht, weil sie nicht moralisch sind. Aber allen „Moralisten“ heute sei eingeschärft: Für Kant hat moralisches Handeln nichts mit Kirchentreue zu tun, nichts mit Staats-Ergebenheit, nicht mit absolutem Respekt vor Dogmen usw. Moralisches Handeln ist einzig ein solches, das vor dem „Kategorischen Imperativ“ bestehen kann.

Copyright: Christian Modehn

Wenig Licht – viel Schatten Ein Kommentar des Jesuiten Flüchtlingsdienstes Berlin vom 7. September 2015

Wenig Licht – viel Schatten. Ein Kommentar des Jesuiten Flüchtlingsdienstes Berlin vom 7. September 2015

Ein Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin vorweg:

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ist einer der international hoch angesehenen, bewährten und umfassend helfenden Institutionen für Flüchtlinge. Und eine Stimme der Flüchtlinge, die sich an Menschen wendet, die in privilegierten Verhältnissen leben, z. B. in Deutschland.  Der Jesuiten Flüchtlingsdienst hat auch in Berlin eine Filiale, das sollten Berliner immer mehr zur Kenntnis nehmen…Wie schon öfter, geben wir gern eine Pressemitteilung weiter, zur Diskussion … und zur Förderung kritischen Nachdenkens. Denn kritisches Nachdenken einüben: Das ist ein Ziel des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Für den sich die religiöse Frage natürlich nicht nur dort „abspielt“, wo Religion/Konfession/Kirche draufsteht. Meistens ist „das Religiöse“ und auch das Christliche ganz woanders lebendig, man muss es nur suchen…

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Nach der wegweisenden Entscheidung vom Wochenende, Flüchtlingen aus Ungarn die Weiterreise nach Deutschland zu gestatten, sind die jüngsten Beschlüsse der Regierungskoalition enttäuschend: Sie bleiben die Antwort auf viele drängende Fragen vor Ort schuldig. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst begrüßt, dass mehr Geld für die Unterbringung Asylsuchender bewilligt wurde und sie früher Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

Scharf verurteilt er die Rückkehr zum Sachleistungsprinzip und die Erweiterung der sicheren Herkunftsländer. „Vielen konkreten Herausforderungen laufen die Entscheidungen zuwider: Wir brauchen mehr Unterstützung für Ehrenamtliche, die die Arbeit vor Ort leisten, und nicht mehr Bürokratie im Verfahren“, kommentiert Pater Frido Pflüger SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, in Berlin. Grundsätzlich begrüßt er, dass Länder und Kommunen mehr Hilfe vom Bund für die Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden bekommen sollen, auch wenn noch nicht fest steht, wofür genau das Geld verwendet werden soll.

Positiv ist auch, dass der Bund die Länder und Kommunen beim Aufbau von etwa 150.000 winterfesten Plätzen in menschenwürdigen Erstaufnahmeeinrichtungen unterstützen und das Arbeitsverbot für Asylsuchende und Menschen mit Duldung auf drei Monate reduzieren will. „Man fragt sich aber, warum die Menschen nicht sofort arbeiten dürfen“, meint Pflüger. Scharf verurteilt er die Ausweitung der Liste „sicherer“ Herkunftsländer.

Selbst nach offiziellen Statistiken ist die Zahl der Asylsuchenden aus Albanien, Kosovo und anderen Westbalkan-Staaten in den letzten Monaten bereits stark gesunken. Viele Gründe für die Flucht dieser Menschen, etwa drohende Blutrache, werden von den deutschen Behörden und Gerichten nicht ernst genommen – anders als etwa in Frankreich oder der Schweiz. „Die drei Staaten als ‚sicher‘ zu erklären, ist eine reine Symbolpolitik zu Lasten der betroffenen Menschen“, kritisiert Pflüger. Das Geld für 3.000 zusätzliche Stellen bei der Bundespolizei wäre anderswo besser angelegt: Die vielen Hilfsorganisationen und Ehrenamtlichen, die die Arbeit für und mit den Flüchtlingen leisten, hätten damit gefördert werden sollen. „Das hätte ein wichtiger Beitrag des Bundes für die Willkommenskultur vor Ort sein können“, merkt Pflüger an.

Dass Asylsuchende in den Erstaufnahmeeinrichtungen nur Sachleistungen statt Bargeld bekommen sollen, hält der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für sinnlos und verfassungswidrig. „Mit der Wiedereinführung von Sachleistungen geht die Koalition genau den falschen Weg – auf der Grundlage der absurden und lebensfernen Annahme, irgendwer würde seine Heimat wegen eines Taschengelds verlassen“, so Pflüger. Das Bundesverfassungsgericht hat 2012 klargestellt: Zur Menschenwürde gehört auch der Kontakt mit der umgebenden Gesellschaft. „Das geht nicht, wenn man nur Essenspakete und ein Bett bekommt“, meint Stefan Keßler, Politik- und Rechtsreferent beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Auch sind Sachleistungen wesentlich teurer als Bargeldzahlung.

Die Höchstdauer einer Duldung von sechs auf drei Monate zu reduzieren, hält Keßler für Unsinn: „Die Menschen werden noch häufiger zur Ausländerbehörde gehen müssen, um ihre Duldung zu verlängern. Das vergrößert ihre Belastung, aber auch den Verwaltungsaufwand.“

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Der „Jesuit Refugee Service“ (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980

angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als

internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In

Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für

Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge und für Menschen ohne

Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind

Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

 

Wer sich helfend, informierend mit dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten beschäftigen will:

Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, Jesuit Refugee Service (JRS)

Dr. Dorothee Haßkamp, Öffentlichkeitsarbeit

Witzlebenstr. 30a

D-14057 Berlin

Tel.: +49-30-32 60 25 90

Fax: +49-30-32 60 25 92

 

Spendenkonto 6000 401 020

Pax-Bank BLZ 370 601 93

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BIC: GENO DED1 PAX

dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de

www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de

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Menschlichkeit zuerst: Der katholische Bischof Jacques Gaillot wird 80 Jahre alt

Zu Beginn ein Buchtipp: „Die Freiheit wird euch wahr machen“. Eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Bischof Jacques Gaillot. Herausgegeben von Roland Breitenbach, Katharina Haller und Christian Modehn. 2010. Reimund Maier Verlag, Schweinfurt, 223 Seiten mit vielen Beiträgen, die das theologische und politisch-praktische Profil Gaillots deutlich machen. Dies ist die neueste Studie zu Bischof Gaillot in deutscher Sprache.

„Menschlichkeit zuerst“: Jacques Gaillot, katholischer Bischof, wird 80 Jahre

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon muss sich gelegentlich auch mit Bischöfen befassen. Aber nur mit solchen, die außergewöhnlich sind. Bischof Jacques Gaillot (ehemals Evreux, Normandie, jetzt Paris) gehört dazu. Ich habe ihn als Journalist für die ARD in Deutschland bekannt gemacht, zuerst 1985 mit der Ra­dio­sen­dung und dem etwas ironischen Titel: “Ein Bischof auf dem Lande“ (SR), dann immer wieder mit regelmäßigen Berichten in meiner ca. 40 Halbstundensendungen umfassenden Sendereihe „Gott in Frankreich“ für den Saarländischen Rundfunk SR, Red. Norbert Sommer, auch zwei 30 Minutenfilme fürs Erste, 1989 und 2005 (WDR), gehören dazu usw…

Am 11. September 2015 wird Bischof Jacques Gaillot 80 Jahre alt.

An ihn zu erinnern ist geradezu Pflicht, wenn man Interesse hat an der Frage: Gab es und gibt es noch einen katholischen Bischof, der einen katholischen Glauben im Gespräch mit der Moderne und im Respekt vor den heutigen Kulturen gestalten will. Für den Menschen mehr zählen als Dogmen und Kirchentraditionen, der keine Angst hat vor deutlichen und wahrhaftigen Worten; der keine Angst hat, dadurch sich seine klerikale Karriere zu beschädigen. Gaillot ist ein Bischof, der Nein sagt zu kleinrarierter klerikaler Ambition, der Nein sagt zu einer kapitalistischen Welt und deren Religionen, die den Gott Geld als den größten Wert verehrt.

Jacques Gaillot wurde 1995 vom Papst als Bischof von Evreux abgesetzt, aus dem „einfachen“ Grund: Weil er zu progressiv war. Die Liste seiner außergewöhnlichen Aktivitäten ist lang und wurde an anderer Stelle dokumentiert, klicken Sie hier.

Nur so viel: Gaillot wollte im Sinne Jesu von Nazareth eine menschenfreundliche Kirche aufbauen, die über ihre eigenen veralteten Gesetze und Gebote hinweggeht. Er war politisch sehr system-kritisch, empfand z.B. mehr (praktisch gelebte !) Sympathien für Wehrdienstverweigerer als für konservative (oft rassistisch angehauchte) Politiker. Bischof Jacques Gaillot lebt seit Ende der 1990 Jahre im Kloster der Ordensgemeinschaft „Väter vom Heiligen Geist“ (Spiritaner) in Paris; bis vor 5 Jahren noch als weltweit aktiver Bischof von Partenia, mit einer immer noch bestehenden mehrsprachigen Archiv-website. Seit 5 Jahren lebt Jacques Gaillot etwas mehr zurückgezogen, sozusagen als „pensionierter Bischof“ von Partenia, einem Ort in der algerischen Wüste: Diesen Ort hatte Rom für ihn als Bischofssitz ausgesucht. Ein imaginärer Titel. Deutlicher Ausdruck dafür, dass da ein progressiver und in den 1980 Jahren sehr beliebter Bischof in die Wüste geschickt wurde. Bischof Gaillot verstand es wie kein anderer in Europa, den Glauben, auch in der katholischen Variante, mit den Denk- und Lebensformen der europäischen Moderne zu versöhnen, wobei die Moderne ernst genommen wird, als Welt, als Kultur, als Demokratie mancherorts, von der es auch katholisch-christlich zu lernen gilt! Die website des „Wüstenbischofs“ Gaillot  und des „Wüstenbistums“ Partenia (die website wurde vor 5 Jahren geschlossen) ist noch in mehreren Sprachen, auch auf deutsch, erreichbar, klicken Sie hier.

In Deutschland ist jetzt in den Medien von Jacques Gaillot nichts bzw. fast gar nichts mehr zu hören und zu lesen.

Kardinal Meisner verfügte einst ein Redeverbot für Bischof Gaillot, seit der Zeit wird er von den Bischöfen Deutschlands und auch Frankreichs wie ein Paria behandelt. Auch in der französischen Bischofskonferenz spielte er und spielt er keine Rolle mehr. Die Macht in Rom hat sich durchgesetzt und einen kreativen Bischof, sozusagen einen Hoffnungsträger, ins Abseits gedrängt. Wie sehr sich die Kirchenführung dabei selbst schadet, scheint ihr gar nicht bewusst zu sein. Oder es ist ihr egal! Seit der Absetzung von Bischof Gaillot haben sich tausende progressiver Katholiken eben ihrerseits „abgesetzt“, also von der Kirche verabschiedet. Zur Zeit sollen noch 4 Prozent aller französischen Katholiken (noch ca. 60 Prozent der Bevölkerung) an den Sonntagsmessen teilnehmen. Tendenz: Sehr stark (altersbedingt) sinkend. Bald ist es vorbei mit dem französischen Katholizismus…

Nur in kleinen progressiven katholischen Kreisen ist Gaillot noch willkommen. Seine wahre spirituelle und politische Heimat sind hingegen Menschenrechtsbewegungen in Frankreich.

Wir dokumentieren aus verschiedenen französischen Zeitschriften einige der jüngsten Aktivitäten und Statements Bischof Gaillots aus den letzten 5 Jahren

Bischof Gaillot besucht im August 2015 die von Ausweisung bedrohten Roma in Saint Ouen. „Sie sind Menschen wie wir. Wie kann man eine menschliche Gesellschaft aufbauen, wenn man nicht die Schwächsten respektiert?“

In der Tageszeitung „L Humanité“ (Organ des PCF, auch da kennt Gaillot keine Berührungsängste) äußert er sich im November 2014 kritisch zur Synode der Bischöfe in Rom. Die zölibatären Herren debattierten dort über Familien, Homosexuelle und Geschiedene, die noch einmal heiraten wollen! Gaillot sagte dem Blatt der französischen Kommunisten: “Die katholische Kirche soll Menschen so annehmen und aufnehmen wie sie sind und nicht wie sein sollten. Sie soll nicht von Prinzipien ausgehen. Sie soll wohlwollend die Liebe anerkennen, die unter den Paaren besteht, die außerhalb der alten katholischen Normen leben. Am Rande der Kirche (an der Basis) gibt es bereits ein Klima der Toleranz und des Respektes für jene, die von den kirchlichen Reglementierungen ausgeschlossen sind“. Weiteres lesen Sie hier.

Gegenüber der Tageszeitung „Le Parisien“ sagte er im Januar 2015: „Im Sommer habe ich selbst ein homosexuelles Paar gesegnet und später auch mit einem heterosexuellen Paar eine Trauungszeremonie in einem großen Garten gestaltet, diese Menschen konnten nirgendwo kirchlich heiraten, weil sie geschieden waren. Ich selbst lebe außerhalb der kirchlichen Institution („hors le murs“), darum finde ich es auch sehr gut, auch außerhalb der Kirchengebäude Gottesdienste zu feiern“.

Zur Kirche in Frankreich heute sagte Gaillot:
„Sie ist zu konservativ, da passiert nichts Besonders mehr. Ich habe anlässlich der großen Demonstrationen für die „Ehe für alle“ (also auch für Homosexuelle) demonstriert, die Kirche hat sich absolut dagegen gewendet. Ich meine: Wenn sich die Gesellschaft entwickelt, muss sich auch die Kirche entwickeln. Wenn sie diese Entwicklung nicht mit-vollzieht, wird sie verschwinden. Wenn die Kirche sich nur für sich selbst interessiert, wird sie verschwinden. Die Bischöfe verwenden viel Energie darauf, nur die Strukturen neu zu organisieren. Sie bleiben gegenüber der Moderne misstrauisch. Sie blicken nur in die Vergangenheit und lieben pompöse Zeremonien.

Während ich dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sehr reserviert gegenüber stehe, bewundere ich doch Papst Franziskus. Aber er ist ein bisschen isoliert. Dennoch war die Leistung von Benedikt XVI. beachtlich, dass er zurückgetreten ist! Ich wünsche mir, dass die Päpste eine fest begrenzte Regierungszeit haben und das Ende eines Pontifikates nicht vom Willen des einzelnen Papstes abhängt. Der Papst ist kein Monarch. Er ist ein Diener. Man muss die Person des Papstes entsakralisieren“. Papst Franziskus hat er einen Brief geschrieben, auf den dieser sogar geantwortet hat2, berichtet Gaillot. Manche Formulierungen/Sprüche  des Papstes erinnern unmittelbar an ältere Äußerungen Gaillots, auch an seine Buchtitel, etwa: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“ (sogar bei Herder erschienen)… Aber an eine Rehabilitierung, für eine Entschuldigung Roms für seine brutale Absetzung als Bischof, glaubt Gaillot nicht. Er will sich darum auch nicht selbst bemühen.

Weitere Berichte in der französischen Presse (auf die wir nur hinweisen, um die vielen Aktivitäten Bischof Gaillots wenigstes anzudeuten) beziehen sich auf seine Teilnahme an der großen Demonstration im Januar 2015 nach der Tötung der Redakteure von „Charlie Hebdo“ (weitere Informationen klicken Sie hier) und der Opfer aus der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem tritt Gaillot für eine gerechte Gesetzgebung für ein Sterben in Würde berichtet: Er fordert, dass – in Ausnahmefällen- schwerkranke Menschen die rechtliche Möglichkeit haben, um Sterbehilfe zu bitten. Es wird auch berichtet, dass Gaillot in der Kirche St. Sulpice in Paris im September 2013 eine Bestattungsfeier für seinen atheistischen Freund Prof. Albert Jacquard gehalten hat. Mit ihm zusammen hat Gaillot Jahre lang für die Rechte der Obdachlosen und Wohnungslosen gekämpft.

Zur christlichen Spiritualität im engeren Sinne wurde er auch befragt: „Seit meinem 76. Lebensjahr nehme ich etwas Abstand von allem. Ich spüre sehr stark die Anwesenheit Gottes in jedem Menschen. Die Messe feiere ich im Haus der Spiritaner-Patres hier. Aber hier in Paris ruft man mich ständig, man lädt mich ein, man braucht meine Hilfe“. Menschlichkeit, Solidarität, Teilen des alltäglichen (armen) Lebens der absoluten Mehrheit der Bevölkerung: Das ist für Jacques Gaillot am wichtigsten. Das ist christlich. Spirituell. Religiös.

copyright: christian modehn, Berlin

 

 

„Ethik ist wichtiger als Religion“. Zu einer These des Dalai Lama

„Ethik ist wichtiger als Religion“: Hinweise zu einer These des Dalai Lama

Von Christian Modehn

Der Dalai Lama hat in Gespräch mit Franz Alt die These vertreten: „Ethik ist wichtiger als Religion“. Dieser neueste Beitrag des Dalai Lama vom April 2015 wird international verbreitet, der Text steht auch als pdf Datei gratis zum Herunterladen bereit.

In unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 28.8.2015 haben sich –im Gespräch mit 26 TeilnehmerInnen – einige Fragen und Perspektiven ergeben. Aus meiner Sicht der Hinweis:

Es ist außergewöhnlich, dass einer der prominentesten religiösen Führer/Meister, der immer noch als „Seine Heiligkeit“ angesprochen wird, behauptet: „Ethik ist wichtiger als Religion. Ethische Bildung ist wichtiger als religiöse Bildung. Religion ist tendenziell gewalttätig“.

Relativiert der Dalai Lama damit die Religion? Handelt es sich um eine Art Selbst-Herabstufung des Religiösen durch einen religiösen Meister? Diese Überzeugung wäre ja angesichts der vielen Krisen dieser Welt verständlich, wo die Religionen oft keine konstruktive Rolle spielen (Islam) und die Sehnsucht nach einer wirklichen allumfassenden Menschlichkeit enorm ist.

Die Frage bleibt: Ist die Lage der Welt, Krieg, Gewalt, Fundamentalismus, Wahn, Vertreibung usw. so zum Verzweifeln, dass schon gar nicht mehr damit gerechnet werden kann, Religionen könnten dabei behilflich sein? Haben die Religionen kein Potential der Hilfsbereitschaft mehr? Wer sich unbefangen umsieht, wird heute eher des gegenteiligen Eindrucks gewiss: Die Kirchen helfen diakonisch, auch muslimische Organisation sind caritativ tätig. Schwierig bzw. nicht hinzunehmen ist hingegen, wenn aus religiösen Offenbarungsprinzipien weltliche Gesetze abgeleitet werden! Das geschieht noch in vielen islamischen Ländern. Der Dalai Lama plädiert ausdrücklich mehrfach für eine säkulare Ethik, also eine solche, die sich der allgemeinen, der menschlichen Vernunft erschließt, also auch Atheisten und Agnostikern, wie ausdrücklich betont wird. Diese hat Gewissheiten, wenn nicht Evidenzen zu bieten, etwa der Kategorische Imperativ! Aber: Welche konkreten Vorschläge hat de Dalai Lama, um dieser säkularen Ethik als Realität entgegen zu gehen? Er schlägt das Übliche vor: Meditieren, meditieren, meditieren… Aber, eher nebenbei: Der Dalai Lama scheint Ethik und Moral zu verwechseln. Moral ist das gute Leben des einzelnen, Ethik die Reflexion auf die gelebte Moral. Er spricht dauernd nur von Ethik als der Lehre der Moral!

Gibt es auch „böse Ethiken“? Natürlich, aber das wird vom Dalai Lama nicht thematisiert. Die ideologischen Traktate der Nazis oder der Stalinisten gaben sich als so genannte „Ethiken“ aus.

Und nicht alle Religionen sind „unvernünftig“ und tendenziell bzw. faktisch gewalttätig. Mit der Reformation begann das Bemühen, den christlichen Glauben vernünftig zu betrachten, die Bibel vernünftig zu lesen, vielen Hokus Pokus aus dem Christentum zu vertreiben. Dabei haben Philosophen für eine Reinigung des obskuren christlichen Glaubens gesorgt. Es gibt bis heute kleine explizit theologisch-liberale protestantische Kirchen! Und auch die Mystiker, die von dem unsichtbaren Gott, dem göttlichen Geheimnis sprechen. Das sieht der Dalai Lama (in dieser Schrift) nicht.

Er sieht auch nicht, dass Religion selbst sich ALS Ethik versteht, etwa, wenn Jesus von Nazareth im Gleichnis des Barmherzigen Samariters diese gute Tat ALS den wahren Gottesdienst versteht.

Die abstrakte Trennung hier Ethik, da drüben „jenseits“, getrennt die Religion, gilt nicht, sie ist sogar falsch! Ein Beispiel: Heute sind (katholische) Basisgemeinden in ihrem Engagement für die Menschenrechte (auch für die Arm-Gemachten, Elenden) bester Ausdruck dafür: Religion ist selbst Ethik (als Eintreten für Menschenrechte).

Und hat Religion als (reflektiertes) religiöses Gefühl, das sich entwickelt auch in Auseinandersetzung und im Erleben von Kunst, Musik, Literatur, Poesie, nicht nur sehr gutes und manchmal – in seelischen Krisenzeiten etwa – ihr vorrangiges Recht?

So ist diese Broschüre des Dalai Lama mit Franz Alt interessant, inspirierend, durchaus, aber auch inspirierend zur Kritik und der Feststellung von Fehlern. Aber das will der Dalai Lama zweifellos!

Bei aller Kritik jedoch gilt: Die Broschüre des Dalai Lama bleibt wichtig. Sie zeigt den richtigen Weg: In dieser zerrissenen und chaotischer werdenden Welt kommt es zuallererst auf Kräfte an, die das Verbindende der Menschheit fördern willen. Die zuerst an den Menschen als Menschen denken, an sein „Glück“, wie der Dalai Lama sagt, und alle gewagten/neurotischen Konstruktionen und Ideologien, auch religiöse Ideologien, auf die zweite Stelle setzen.

Und diese Kräfte sollten, so bescheiden auch immer, diese säkular – ethische Haltung leben, in kleinen Gruppen oder allein. Die protestieren, wenn Religionen, Ideologien, esoterische Fantastereien wichtiger genommen werden als die allgemeine Vernunft, also die für alle (!) geltenden Menschenrechte, die absolut vorrangig bleiben, auch wenn unbegabte Politiker sie missbrauchen.

Es wird die Frage dringend angesichts dieser Schrift des „Anführers“ der Buddhisten:

Wann wird denn ein Papst – dem Dalai Lama folgend – sagen: Auch für uns Katholiken und für den Vatikan, alle Bistümer und den päpstlichen Hof (Kurie) ist die vernünftige Ethik wichtiger als die katholische Religion und ihre rigiden religiösen/klerikalen Gesetze? Und wir sprechen darüber IN den Gottesdiensten, gestalten „Feiern der Ethik“ am Sonntag anstelle der ewig selben Messen mit ewig denselben Worten etc…

Wann wird denn dies der Ökumenische Weltrat der Kirchen in Genf sagen? Wann die Verantwortlichen der Reformationsfeierlichkeiten 1517 in Wittenberg: Ethik ist wichtiger als eure Religion!

Wann die Putin ergebenen und verblendeten Popen und Patriarchen in Moskau? Gibt es Hoffnungen angesichts einer reaktionären orthodoxen Kirche, die nur als angepasste Staats-Ideologie existiert?

Wann all die vielen Islam-Organisationen: Wann werden sie mit einer Stimme bekennen und in allen Moscheen laut schreiend bei einem Freitagsgebet jeweils in den Landessprachen sagen: Vernünftige (!) Ethik ist wichtiger als Religion und religiöse Traditionen?

Wann werden dies militante Hindus und militante Buddhisten usw. sagen? Und die Anhänger jener Religion, die die eigene Nation bzw. den eigenen Staat und den Kurs der Börse heilig sprechen? Darf man das hoffen? Erwarten dürfen wir es nicht, weil die Macht der religiösen Verblendung auch heute enorm ist, weil Religion das eigene Nachdenken erspart und nicht fördert. Und viele Religion (als Ideologie)  wichtiger finden als pure Menschlichkeit.

ABER: Wir müssen hoffen und daran arbeiten, damit wir nicht völlig verzweifeln: Säkulare Ethik ist wichtiger als unvernünftige Religion, aber nicht jede Religion ist unvernünftig, siehe oben!

Der Dalai Lama hat jedenfalls einen klaren Schritt vollzogen und er hat einen radikalen SCHNITT vollzogen. Merken wir es uns: Ethik ist ab sofort wegen des Überlebens der Menschheit wichtiger als (unvernünftige) Religion.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Ohne Müntzer gäbe es keinen Luther? Ein Hinweis auf den heute (fast) vergessenen Reformator Thomas Müntzer

Ohne Müntzer gäbe es keinen Luther?

Ein Hinweis auf den heute (fast) vergessenen Reformator

Thomas Müntzer (1489 bis 27.5.1525)

Von Christian Modehn am 14.8.2015

Bei aller aktuellen Gedenkfeier-Begeisterung im Blick auf das „große“ Jahr 2017, also auf den öffentlichen Start der Reformationsbewegung vor 500 Jahren durch Martin Luther, fehlt immer ein Name: Thomas Müntzer. Selbst an Jan Hus wird jetzt zu recht in dem Zusammenhang manchmal (!) erinnert und es wird gefordert, den Reformator aus Böhmen, bei lebendigem Leibe als angeblicher Ketzer verbrannt zu Konstanz 1415, doch bitte etwas ins Gedenken 2017 einzubeziehen. Aber einer fehlt immer: Thomas Müntzer. Er hat am Ende seines kurzen, bewegten Lebens in aller Deutlichkeit gesehen: Die Reformation wird einseitig, wenn man nur eine evangeliums-gemäße, also reformierte Kirche anpeilt, und nicht auch für Gerechtigkeit, für sozialen Ausgleich und möglichst auch Herrschaftsfreiheit in der Welt (!) eintritt.

Offensichtlich sind in der jetzigen Gesellschaft die Vorurteile gegen Müntzer (wieder) auch in den Kirchen so dominant, dass zu einem unbefangenen und selbstverständlich auch kritischen Müntzer-Reformationsgedenken kein Wille zu spüren ist. Die Vereinnahmung Müntzers durch die DDR hat dem radikalen, auch die soziale Gerechtigkeit mit-bedenkenden und für die Armen kämpfenden Reformators („Beteiligung am Bauernkrieg“) sicher nicht gut getan, auch wenn nur so etwa bestimmte großartige Kunstwerke, wie das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen (geschaffen durch Werner Tübke) zustande kamen. In den neuen Bundesländern gibt es immer noch Thomas Müntzer Straßen, in Bad Frankenhausen trägt eine Neubausiedlung seinen Namen, wie lange diese Namensgebungen bleiben, weiß wohl keiner genau… Zutreffend ist sicher die Meinung, Müntzer sei sozusagen der Repräsentant des „linken Flügels der Reformation“, unzutreffend ist die Propaganda Behauptung der DDR, er hätte sich als (früher) „Sozialist“ der ausgebeuteten (Bauern-) Klasse als „Führer“ zur Verfügung gestellt.

Es wäre also jetzt Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen und den originellen Müntzer – bei aller Kritik, die ja auch für Luther gilt – herauszustellen.

Eine evangelische oder gar ökumenische Kirche ist nach ihm nicht (mehr) benannt. Und das Wissen über die vielen Verdienste Müntzers, etwa für die deutsche Liturgie, die er als erster feierte, seine Übersetzungen von Liedern usw., ist praktisch kaum verbreitet.Dabei hat Müntzer in Allstedt 1523 die erste deutschsprachige Messe gefeiert, sie rituell gereinigt und zu einem Erlebnis der verständlichen (!) Gottesbegegnung gemacht.

An dieser Stelle wäre die Verbundenheit Müntzers mit mystischen Traditionen aufzuarbeiten. Sein Insistieren auf die Unmittelbarkeit Gottes in der Seele des glaubenden Menschen, diese Erfahrung aber verlangt nach gesellschaftlichem, politischen  Ausdruck.

Das alles wird nicht gesehen, weil im Reformationsgedenken Luther so sehr im Mittelpunkt steht. Dabei hat der Luther-Spezialist, Prof. Bernhard Lohse, in seinem kompakten Lutherbuch (1982, München, Beck-Verlag) kurz und bündig (Seite 67 bis 69) daran erinnert: „Ist Müntzer im entscheidenden auch nicht von Luther geprägt, so hat doch die Kritik an Luther stärker als andere Faktoren zur Profilierung von Müntzers eigener Theologie beigetragen. Auch das Umgekehrte gilt, dass nämlich Luther an Müntzer exemplarisch zu sehen meinte, wohin das „Schwärmertum“ (also die spirituelle Haltung Müntzers in der Bewertung Luthers, CM) zwangsläufig führt, nämlich zur Verfälschung des Evangeliums, zur Aufhebung der reformatorischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, zu Aufruhr und Verleugnung des Auftrags der Obrigkeit und insofern zur Gefährdung jeglicher weltlicher Ordnung und damit auch des öffentlichen Friedens“… Damit beschreibt Lohse, wie durch Luther sozusagen eine biedere, jegliche Ordnung eher bejahende Theologie sich durchsetzte. Etwas später schreibt Lohse zusammenfassend: „Insofern hat Luthers Konflikt mit Müntzer zu einer Verfestigung und auch Verengung bei Luther geführt“ (S. 68). Das Recht auf Widerstand konnte es für Luther nur gegen den Papst geben, so Lohse auf Seite 197 und dann wörtlich: “Eine Revolution käme nach Luther nur dann in Frage, wenn ein Herrscher wahnsinnig ist. Die Pervertierung staatlicher Macht ist im ganzen außerhalb seines Gesichtskreises“ (S. 197). Eher als Entschuldigung für die brave und biedere und gehorsame Einschätzung des Politischen und deren fürstlichen Führer durch Luther wird immer wieder die großartige Gestalt Friedrichs des Weisen angeführt, dabei wird aber vergessen, dass diese eine mögliche Lichtgestalt keinen Anlass gibt, die Korrumpierung sonstiger vieler Fürsten usw. damals wie heute theologisch zu ignorieren. Es ist interessant, dass der ursprünglich katholische Lutherforscher und Lutherfreund Prof. Otto Hermann Pesch auch die offensichtliche „Staatsnähe“ Luthers durch die positive Erfahrung mit Friedrich dem Weisen begründet sieht. Pesch deutet denn auch die sozialpolitische Radikalität Müntzers in „den schlimmen Erfahrungen begründet“, die dieser mit der Obrigkeit machte, so Pesch in seinem Buch „Hinführung zu Luther“, Mainz 1982, Seite 238, dies ist übrigens die einzige ultrakurze Erwähnung Müntzers durch Pesch in seinem Buch von 358 Seiten!

Und wenn man schon im Bereich des Spekulativen gelandet ist: Wie wäre die Reformation verlaufen, hätte sich Luther wie sein Kollege Thomas Müntzer auch explizit der sozialen Frage auch praktisch geöffnet? Dass das Luthertum (im Unterschied manchmal zu den Calvinisten) eigentlich fast immer zu den staatstragenden und von Staaten (siehe die extremen Kirche-Staat-Beziehungen einst in Schweden, Dänemark usw.) getragenen Kirchen gehörte,  ist allseits bekannt. Der lutherische Bischof und Befreiungstheologe Dr. Ernesto Medardo Gómez Soto in El Salvador ist wohl eine absolute Ausnahme. Es ist wohl bezeichnend, dass Gómez ursprünglich katholisch war, ehe er in Mexiko zum lutherischen Theologen ausgebildet wurde und als Freund des 1980 von katholischen Militärs ermordeten Erzbischof Oscar Romero gilt.

Thomas Müntzer wird heute in der Forschung eindeutig als selbständiger Theologe (nicht etwa bloß als Radikalinski, als „Führer im Bauernkrieg“) wahrgenommen. Das Profil Müntzers ist komplex, nur wenige Hinweise für das weitere Studium: Er hält sich an eine wort-wörtliche Interpretation der Bibel, auch die Weisungen des Alten Testaments versteht er im Wortsinne, als unmittelbare Ansprache und Aufforderung. Dabei wäre zu untersuchen, wie dieses unmittelbare Sich-Verpflichtetfühlen durch einzelne Bibelsprüche auch bei anderen Reformatoren, etwa auch Luther, üblich und fraglos war. Ohne jetzt moderne Begrifflichkeit diesen doch oft noch mittelalterlich denkenden Theologen überzustülpen: Kann man doch deren Bibel-Betroffenheit und dann Bibelinterpretation fundamentalistisch nennen! Um bei Müntzer zu bleiben: Wer etwa seine Fürstenpredigt zu Allstedt liest, wird sich heute wundern, wie diese Predigt voller ständiger Bibelzitate sozusagen gespickt ist, besonders solcher, die auf das Ende der Welt hindeuten, die Opferbereitschaft, den Endkampf, die Berufung der Auserwählten usw. Davon ist ja in der Bibel, AT und NT, so furchtbar oft die Rede. Auch vom Endkampf der Erwählten gegen die „Übeltäter“. In der Bibellektüre fand Müntzer – leider – einen Aufruf zu tötender Gewalt. Und die Überzeugung, dass er der Gerechte und Erwählte ist, der töten darf. Solcher Glaube ist selbstverständlich widerwärtig. Auch die sich christlichen nennenden Fürsten und die Päpste als Landesherren haben oft eine solche gewalttätige Bibelinterpretation respektiert…und praktisch umgesetzt. Also: Nicht Müntzer allein ist der große „Übeltäter“. Die allgemeine biblische Begründung von Gewalt und Mord und Totschlag ist eines der dunkelsten Kapitel der Christentums-Geschichte; der späte Müntzer (im Bauernkrieg) ist nur ein (!) Beispiel für viele andere irregeleitete Bibelinterpreten. Eines ist uns heute klar: In der Bibel, AT wie NT, sind äußerste Verwirrung stiftende Texte enthalten, die niemals ohne einen umfangreichen kritischen Kommentar gelesen werden sollten, wenn sie denn heute überhaupt noch spirituell Beachtung finden sollen. Warum kann eine Kirche solche Texte nicht beiseite legen? Und sich wichtigeren Aufgaben der Lebensdeutung zuwenden? Darüber könnte man doch „2017“ debattieren.

Es wäre also eine wichtige Aufgabe im Reformationsgedenken, den Fundamentalismus und die entsprechende Bibelinterpretation bei Luther und Müntzer und den zeitgenössischen Katholiken usw. zu untersuchen. Damit nicht im populären Verständnis nicht allein bestimmte Leser des Koran als Fundamentalisten allein da stehen. Und die Frage wäre dann zu stellen: Wer hat eigentlich direkt oder indirekt für den Unfrieden gesorgt: Müntzer, am Ende seines kurzen Lebens aufseiten der Bauern? Oder sogar auch – indirekt – Luther in seinem Vertrauen, die „guten Fürsten“ werden schon politisch alles recht machen? Tatsächlich aber konnten sie als protestantische Fürsten Kriege und Gewalt auch nicht verhindern, um es einmal moderat auszusagen. Luthers später so genannte Zwei Reiche Lehre überlässt zu schnell das Weltliche den „Herren“ und deren machtpolitischen(Un)-Vernunft…Luther glaubt an eine Art unverändliche Ordnung der Welt mit einer ziemlich unbeschränkten fürstlichen Gewalt. An dieser Stelle könnte heute der Dialog mit Müntzer neu aufgenommen und auch zu einer Kritik Luthers führen.

Noch einmal: Problematisch bzw. unerträglich bleibt bei Müntzer am Ende seines Lebens die Überzeugung, sozusagen Handlanger Gottes zu sein und um des Evangeliums willen die leidende Menschheit von den gewalttätigen Fürsten eben gewalttätig zu befreien, siehe etwa die letzten Verse der Fürstenpredigt. Aber der zentrale Gedanke Müntzers, dass zur Reformation eben auch eine grundlegende Veränderung der sozialen Verhältnisse gehört, ist nach wie vor gültig … und längst nicht eingelöst.

In jedem Fall ist das Ausblenden der umfassenden Gerechtigkeit, der christlichen Brüderlichkeit im Politischen durch Luther und durch Lutheraner später ein enormes Manko der Religionsgeschichte. Menschenrechte haben sich außerhalb der Kirchen durchgesetzt. Innerhalb der römischen Kirche sind sie bis heute ohne Geltung.

Die Erinnerung an Müntzer heute macht aus ihm selbstverständlich keinen Heiligen! Aber er ist und bleibt einer der ersten, die den reformierten Glauben nur im Zusammenhang sozialer Gerechtigkeit denken und leben wollten. Er ist an der Starrheit Luthers, an dem völligen Mangel an kompetenten Bündnispartnern, an seiner eigenen Fixierung auf seine besondere Erwählung gescheitert. Aber Müntzer hat eine Verbindung von Glauben und Gerechtigkeit gesucht in einer Radikalität, wie niemand vor ihm.

Müntzers Thema, seine Sache, bleibt grundsätzlich aktuell. Sie muss nur aus der fundamentalistischen Bibellektüre befreit werden. Gerechtigkeit ist jedenfalls auch dann eine Grundlinie der christlichen Botschaft! Und das sollte heute in einer Welt zunehmender Ungerechtigkeit diskutiert werden! In Lateinamerika war man da einmal weiter, etwa, als die katholischen Bischöfe in der Bischofsversammlung von Medellin 1968 von der „strukturellen Ungerechtigkeit“ sprachen (später war die Rede auch von struktureller Sünde) und der selbstverständlichen Überwindung dieses himmelschreienden Skandals! Später wurde dieses Projekt durch Leute rund um das Opus Dei, wie Erzbischof Lopez Trujillo, Medellin, zurückgefahren und neutralisiert (als angeblich kommunistisch). Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. hat diesen Kurs fortgesetzt, so dass heute sozialkritisch und katholisch sich in Lateinamerika nicht mehr reimt. Dabei ist der Name Müntzers unter Lateinamerikas Befreiungstheologen nicht unbekannt. Ob ihn auch Camilo Torres kannte?

Ist die Erwartung illusorisch, dass im Rahmen der „Reformationsfeierlichkeiten“ 2017 auch wenigstens ein Tag Thomas Müntzers und seiner Nachfahren (in Lateinamerika) gedacht wird? Wann werden Katholische und Evangelische Akademien Müntzer Tagungen gestalten?

Es gibt in eine sehr anregende Thomas Müntzer Gesellschaft, klicken Sie hier.  Sie veröffentlicht interessante Publikationen!!

Kürzlich erschien noch einmal, überarbeitet,  das Müntzerbuch von Hans Jürgen Goertz, klicken Sie zu weiteren Informationen hier.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

Tomas Halik in Prag: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur „gay pride“

Tomas Halik: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur gay pride.

Von Christian Modehn

Tomas Halik, Pfarrer der „Studentengemeinde“ St. Salvator in Prag, an der Karlsbrücke, folgte wohl noch seinen ursprünglichen theologischen Überzeugungen, als er die Kirche, „seine“ inzwischen weltweit bekannte offene Kirche, für zwei Veranstaltungen anlässlich der Prager „gay pride“ (vom 10. bis 16. August 2015) öffnen wollte. Professor Halik hat ja in einigen seiner Bücher für eine dienende, eine bescheidende Kirche plädiert, für eine Kirche, die die Suchenden und Zweifelnden nicht nur duldet, sondern akzeptiert. Das hatte man ihm geglaubt….Er hatte etwa in seinem Buch „Geduld mit Gott“ (auf Deutsch 2010) sich gegen den „triumphalen Katholizismus“ ausgesprochen, er nennt diese Form machtvollen Katholizismus einen „verheerenden Sprengstoff und miefigen Schimmel“ (Seite 92). Er sprach immer wieder vom „Lob der scheuen Frömmigkeit“, er kritisierte die Selbstsicherheit des dogmatisch engen Glaubens und so weiter und so weiter

Darum lag es für ihn wohl sehr nahe, eben auch homosexuelle Christen in „seiner“ katholischen St. Salvatorkirche willkommen zu heißen. Denn er spürte offenbar, dass diese Menschen, Schwule und Lesben, in der römischen Kirche keinen Respekt und keine Anerkennung finden; sie werden ja laut römischem Katechismus immer noch aufgefordert, nicht erotisch zu lieben und zu leben. Dass der sehr säkulare so oft von Katholiken „atheistisch“ genannte Staat in Tschechien die gays respektiert, die römische Kirche aber nicht, wird nun deutlich:

Es sind viele Menschen sicher entsetzt, dass dieser doch eigentlich oder angeblich so aufgeschlossene Theologe Halik dem Befehl des Prager Kardinals Dominik Duka (aus dem Dominikanerorden)  folgt: Er hat beide Veranstaltungen mit den christlichen gays in St. Salvator untersagt. So berichtet auch die Pariser katholische Tageszeitung „La Croix“ am 2.8.2015. Kardinal Duka sei nicht prinzipiell gegen die Diskussionen, heißt es, an denen auch die in diesen Fragen engagierte us-amerikanische Nonne Jeannine Garmick teilnehmen wollte und sollte. Aber im Zusammenhang der gay pride seien die Diskussionen in der Kirche falsch plaziert, so die Eminenz auf der Prager Burg. Aber: Wann sind solche Diskussionen besser platziert als zu Zeiten der gay pride, fragen sich kluge Leute nicht nur in Prag. Der Prager Kardinal verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Anliegen der gay pride ständen sehr im Widerspruch zu den Zielen der Kirche, so „La Croix“. Also: Emanzipation von Minderheiten steht nicht in Übereinstimmung mit den Zielen der römischen Kirche. Diese Überzeugung hört man aus Rom seit dem 18. Jahrhundert…

Und wie reagiert der doch sonst eher doch etwas mutige und so um die „Suchenden“ besorgte Theologe Tomas Halik? Ich zitiere La Croix: « Nous respectons la décision et nous retournerons à une discussion académique nécessaire et à un dialogue ouvert sur ce sujet plus tard, dans des circonstances plus favorables », s’est incliné le P. Halik, vendredi 31 juillet. In der Übersetzung: „Wir respektieren die Entscheidung (des Kardinals) und wir werden zu einer notwendigen akademischen Diskussion und zu einem offenen Dialog zum Thema später zurückkommen, in Umständen, die günstiger sind (als heute), so hat sich P. Halik „geneigt“, incliné, also ergeben am Freitag, den 31. Juli“.

Zudem hat Halik noch ausführlicher zugegeben, dass er die Ansichten des Prager Kardinals teilt: Die Prager Gay Pride sei eigentlich nicht notwendig, vielleicht sei sie in Russland notwendig, wo Homosexuelle verfolgt würden. „Aber sie, die Gay Pride, hat weniger Sinn in Tschechien, wo es diese Verfolgung nicht gibt“, so Halik nach der katholischen Tageszeitung La Croix. Und um die Gunst des Papstes und des Kardinals zu gewinnen, musste Halik auch noch betonen, dass sich eine Ehe (als Sakrament) selbstverständlich exklusiv (!) nur zwischen Mann und Frau gestalten dürfe. So reden also „offene Theologen“…

Gott sei Dank hat sich die christliche GAY Gruppe LOGOS in Prag von dieser intoleranten Maßnahme des Kardinals und dem so gefälligen Gehorsam eines doch an sich recht klugen Theologen nicht einschüchtern lassen: Sie machen ihre Veranstaltungen eben außerhalb katholischer Räume. Einmal mehr wird deutlich, dass Homosexuelle innerhalb der römischen Kirche und selbst bei halbwegs offenen Theologen gar keine, also NULL !, Chancen haben. Das ist altbekannt, aber immer wieder lehrreich. Die römische Kirche vertreibt weiter auf diese Art und mit dieser verkalkten Theologie Millionen Menschen aus ihrer Kirche. „Soll die römische Kirche doch zum Club der Konservativen werden“, schreibt mir ein Freund aus Prag, „dann ist sie noch weiter auf dem Weg zur (noch) großen Sekte“.

„La Croix“ aus Paris erlaubt sich noch darauf hinzuweisen, dass Hochwürden Msgr. Halik 2014 den mit ca.1, 3 Millionen Euro (sic !) dotierten TEMPLETON Preis erhalten hat. Er hat ihn erhalten, so wörtlich,  für seinen Einsatz für den Dialog, für den Dialog mit den Religionen! Er hat den Preis also für den Dialog erhalten!!  Zudem weist La Croix darauf hin, dass Halik im vergangenen Jahr zum erlesenen Schülerkreis von Joseph Ratzinger, pensionierter Papst Benedikt XVI., ins hübsche Castel Gandolfo gebeten wurde. Dort sprach Halik zum Thema: „Wie kann man von Gott sprechen in der heutigen Welt?“ Nach den jüngsten Ereignissen in Prag wohl so, dass man mit den Schwulen und Lesbe eben NICHT redet, wenn diese ihre gay pride wie überall in demokratischen Ländern im August feiern. Kardinäle und Rom sind halt wichtiger als eine freie, authentische Theologie. Freunde aus Prag schreiben von einer tiefen Enttäuschung über Haliks diplomatisches Taktieren. „Dessen Glaubwürdigkeit ist angekratzt“, heißt es. Ich kann das sehr gut verstehen. Beim absoluten Mangel an Theologen, die auch die Atheisten ernst nehmen, habe ich auch viel Inspirierendes von Halik berichtet. Nun also dies, ein Ereignis, das Halik in den mainstream der gehorsamen, der autoritätshörigen Theologen einreiht. Wie werden die Verlage darauf reagieren? Sicher voller Verständnis! Vielleicht erscheint als nächstes sein Buch „Mein Dialog mit dem Kardinal und den Schwulen“…

Wollen wir hoffen, dass protestantische Kirchen wieder einmal die richtige Freiheit der Christenmenschen leben und die Logos-Gruppe gern willkommen heißen in diesen Tagen der gay pride, die um so mehr Grund hat, stolz (pride) zu sein, gerade auch ohne den Segen Roms gay sein zu können… dank eines Staates, der in diesem Fall die Menschenrechte respektiert.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

 

Kirchenaustritte in Deutschland: Die Kirchen sind daran selbst schuld.

Kirchenaustritte in Deutschland: Die Kirchen selbst sind daran „schuld“

Ein Kommentar von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon beobachtet und kommentiert auch die faktische Entwicklung der Religionen in der Moderne. Darum dieser Beitrag.

So viele Mitglieder wie im Jahr 2014 hat die katholische Kirche in Deutschland noch nie durch Austritte, also durch bürokratisches Sich-Abmelden im Standesamt bzw. Amtsgericht, verloren: Es sind 217.716. Diese Zahl entspricht fast genau der Anzahl der Einwohner von Freiburg im Breisgau oder Oberhausen in NRW. Zum ersten Mal wurde damit die Marke „200.000 Austritte“ überschritten. Seit 1992 bewegen sich die Austrittszahlen zwischen knapp 100.000 und 180.00 pro Jahr (klicken Sie hier). Zur evangelischen Kirche in Deutschland liegen für das Jahr 2014 noch keine exakten Austrittszahlen vor. Unser Kommentar bezieht sich auf die katholische Kirche.

Die Herren der Kirche bedauern selbstverständlich in offiziellen Stellungnahmen diese Austritte. Aber, so mein Eindruck, sie werden noch nicht richtig nervös, sind nicht eigentlich zutiefst verunsichert und verstört. Sie fragen sich nicht: Welche „Schuld“ haben eigentlich die Kirchenführung und ihre amtliche Theologie und Moral an diesem Exodus hinaus aus der Kirche in die spirituelle Privatheit oder in eine andere Kirche und Religion? Die Herren der Kirche könnten ja mit gutem Grund Angst bekommen: Wenn dieser Trend anhält (und er hält seit 1990 ungebrochen an!) und wenn also in jedem Jahr eine mittelgroße Stadt „austritt“, was ist denn dann in 20 Jahren mit der Kirche, zumal, wenn man an die natürlichen Sterbezahlen der immer älter werdenden Gemeindemitglieder und die geringer werdenden Taufzahlen denkt? Dann wird die Kirche in 20 Jahren mindestens 5 bis 6 Millionen Mitglieder weniger zählen. Für religionsphilosophisch Interessierte ist diese Entwicklung natürlich kein Weltuntergang oder gar eine „Gottesfinsternis“, weil ja philosophisch gesehen die Bindung des einzelnen an „seinen Gott“, sein Göttliches oder Transzendentes unabhängig von der Kirchenbindung wichtig und richtig ist. Vielleicht gelingt die persönliche Gottesbeziehung sogar intensiver und authentischer, wenn sie außerhalb einer dogmatisch fixierten und klerikalen Machtinstitution stattfindet. Bedauerlich sind die Kirchenaustritte wahrscheinlich aus sozialen und kommunikativen Gesichtspunkten: Kirchengemeinden könnten immerhin Treffpunkte sein für Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Kulturen usw., also Orte des Dialogs und der Solidarität, des Austauschs über die je eigene Spiritualität usw., Orte, die sonst in dieser geistigen Weite und Toleranz kaum noch bestehen. Andererseits ist eine zahlenmäßig schwach gewordene Kirche und damit sicher auch finanziell schwach gewordene Kirche durchaus theologisch gesehen ein wünschenswertes Ziel, weil nur so Abschied genommen wird, de facto, sozusagen „erzwungen“, von der klerikalen Allmacht, die trotz aller Gremien usw. immer noch Kennzeichen ist des Katholizismus.

Bedauerlich ist angesichts der Überfülle gut ausgestatteter theologischer Fakultäten das Schweigen dieser (von allen ! Steuerzahlern, also auch den „Ausgetretenen“ und Atheisten bezahlten  staatlichen Institutionen) zum Thema: Eine detaillierte (und vor allem nicht der Kirchenführung verpflichtete) seriöse multidisziplinäre Forschung zu den Kirchenaustritten in Deutschland (oder Österreich) gibt es meines Wissens noch nicht. Falls dies der Fall ist, würde mich diese Forschung sehr interessieren, also bitte melden! Diese Forschung kann selbstverständlich nicht soziologisch allein orientiert sein, sondern müsste Psychologie, kritische Theologie, Bildungsforschung usw. einbeziehen.

Sie hätte etwa das Alter der Ausgetretenen, ihr Geschlecht, ihre Bildung, ihre frühere kirchliche Einbindung zu erforschen bis hin zu der spannenden Frage, wie viele studierte (Laien)-Theologen, jetzt in anderen Berufen, etwa aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. In manchen Städten könnte man mit solchen (oft „ausgetretenen“  oder protestantisch gewordenen katholischen Theologen einen ganzen Gemeindesaal füllen. Mit allen diesen „Ausgetretenen“ hat meines Wissens bisher kaum ein kirchlich-katholischer Austausch stattgefunden. Mit anderen Worten: Die „Ausgetretenen“ werden amts-kirchlicherseits als Personen mit ihrer Geschichte nicht wahrgenommen, geschweige denn ernst genommen.

Es wäre weiter im Rahmen dieser Forschung zu untersuchen, ob sich die Ausgetretenen ein weiteres spirituelles Engagement wünschen, ob sie es vielleicht längst leben und wie stark Konversionen in andere christliche Kirchen sind oder andere Religionen. Die häufig zu hörende Behauptung, Ausgetretene seien Atheisten, wäre genau zu diskutieren und wahrscheinlich zu widerlegen usw. Ich kenne aus dem Berliner Umfeld keinen „Ausgetretenen“, der Atheist geworden ist. Im Gegenteil!

Dass die Kirchenführung relativ gelassen damit umgeht, dass sozusagen ganze Großstädte pro Jahr aus der katholischen Kirche austreten, hängt wohl vor allem damit zusammen, dass TROTZDEM das Geld weiterhin bestens in die Kirchenkassen fließt. Die Kirchen und ihre Festangestellten leben materiell von denen, die einst im Wörterbuch des Unmenschen „Karteileichen“ genannt wurden. Nur wachen eben viele dieser „Leichen“ auf, springen aus dem büorkratischen Karteikasten und verlassen die Kirche…Und sind frei!

Die Kirche verliert viele tausend Mitgliedern und sie hat bis jetzt nach wie vor ihren üblichen 500 Millionen Euro Haushalt und kann Pfarrer und Prälaten, aber auch Laientheologen usw. bestens bezahlen. Die ca. 10.000 Euro Monatsgehalt für die Bischöfe zahlt meistens der Staat, also der Steuerzahler. Das alte Kirchensteuer-System läuft also (noch) wie geschmiert.

Interessant ist jedenfalls, dass mit der Zunahme der Kirchenaustritte sehr bezeichnend gleichzeitig und parallel der Rückgang in der Anzahl der Teilnehmer an der Sonntagsmesse ist: 1990 nahmen noch 5,2 Millionen Mitglieder der Kirche an der Sonntagsmesse teil. Im Jahr 2014 waren es genau die Hälfte, nämlich 2,6 Millionen in ganz Deutschland. In Berlin gehen 2014 sonntags 42.000 Katholiken zur Messe (von 332.000 Katholiken in Berlin). Diese Zahl 42.000 dürfte unter der Anzahl der Besucher von Discos und Musikclubs (und Sexclubs) am Wochenende in Berlin liegen, denn ein Drittel der zwei Millionen Berlin Touristen monatlich kommt wegen der genannten Orte in die Hauptstadt…Aber das nur nebenbei.

Dabei ist auch nicht klar, wie viele dieser Teilnehmer an der Sonntags-Messe regelmäßig dabei sind, ob jede Woche oder einmal im Monat. In Frankreich haben sich die Kirchenleute seit langem angewöhnt, einen „praktizierenden“ Katholiken jenen zu nennen, der wenigstens einmal im Monat an der Messe teilnimmt. Inzwischen wird die Anzahl der „Messbesucher“ (ein theologisch furchtbarer Begriff, der selbst in theologisch gebildeten Kreisen verwendet wird)  in Frankreich auf etwa 4 Prozent der Gesamtzahl der ohnehin immer mehr dahinschwindenden Katholikenzahl genannt. Dabei sind in der Statistik die Bistümer mit einem relativ hohem Anteil an „Messbesuchern“ am Sonntag, wie Paris oder Versailles, genauso vertreten wie solche, wo nur noch eine tatsächliche „Handvoll“ Katholiken zur Sonntagsmesse geht, wie etwa in den Bistümern Moulins, Nevers oder Sens-Auxerre. Ich habe in Burgund Dorfkirchen erlebt, wo selbst zu Weihnachten niemand zur Messe erschien…Die uralten Pfarrer hatten sich umsonst auf den Weg in die eiskalten Kirchen gemacht…In diesen Bistümern liegt das Durchschnittsalter des so genannten „aktiven“ Klerus bei 75 Jahren. In zehn Jahren machen dort die letzten das Licht aus, und schuld daran sind die rigiden Gesetze aus Rom, die eben nur einem möglicherweise senilen Pfarrer die Leitung der Messe gestatten, nicht aber einem gut ausgebildeten jungen Laientheologen. „Wird die Kirche zum Grab Gottes ?“, hieß vor 50 Jahren das wichtige Buch des holländischen Augustiners Robert Adolfs; in den genannten Bistümern wird diese Frage von ehrlichen und mutigen Leuten selbstverständlich oft mit Ja beantwortet…. Aber das nur nebenbei.

Über die Bedeutung des Wortes „religiöse Praxis“ (als Teilnahme an der Messe) wäre lang und breit zu debattieren, zumal, wenn man sich ein wenig am historischen Jesus doch noch orientiert. Er hielt ja bekanntlich die Menschlichkeit, das Helfen usw. für absolut vorrangig vor jedem Tempel-Besuch. Aber solche Jesus-Worte werden kirchenamtlich nicht wortwörtlich genommen, hingegen das Wort „Du bist Petrus der Fels….“ wird selbstverständlich von den Herren der Kirche seit jeher wortwörtlich verstanden…Wahrscheinlich sind die wirklich und de facto praktizierenden Christen heute jene, die als Atheisten Flüchtlinge im Mittelmeer retten, Boote kaufen, ihr Leben riskieren bei einer grausamen Politik. Oder die der brutalen, menschenfeindlichen Griechenland Politik der beiden christlichen Politiker Schäuble und Merkel noch wirdersprechen.

Kardinal Reinhard Marx (München) sagte zu den neuesten Austrittszahlen, dieses Faktum „mache schmerzlich bewusst, dass wir (also die Kirchenführer und -mitarbeiter) die Menschen mit unserer Botschaft nicht erreichen“. Er setzt also voraus, dass er die Botschaft hat und dass diese Botschaft unverändlich ad aeternum dieselbe bleibt. Freundlicher Weise sagte er noch, dass „wir“ (also er) „die freie Entscheidung der Austretenden respektieren“.

Aber es geht nicht um freundlichen Respekt. Es geht um Dialog und Lernbereitschaft bei den Bischöfen und Kirchenmitabeitern: Solange die Bischöfe usw. ihre Botschaft als eine vorgegebene ewige und unveränderbare Botschaft betrachten, über die sie allein verfügen und die sie allein aus Gottes Gnaden authentisch interpretieren dürfen, solange werden tausende eben aus den Kirchen austreten. Soll man das bedauern? Denn diese Katholiken ertragen nicht mehr dieses autoritäre Gehabe; sie spüren den nicht mehr heilbaren Bruch zwischen dieser Kirchenwelt und ihrer Lebenswelt. Sie wollen sich selbst mit allem Recht als Mensch treu bleiben, deswegen verlassen sie eine Organisation, die sie als vorgestrig erleben, mit der sie sich, bei dieser Lehre, nicht mehr wiederfinden. Den Kirchenaustritt vollziehen die getauften Gläubigen ja nicht nur, um Kirchensteuern zu sparen, wie oft behauptet wird. Das tun sie, weil sie die Botschaft, diese festgelegte Lehre und Moral zumal in dieser alten Sprache nicht mehr berührt. Weil sie die immer selben Formen der Messe in der alten Sprache (das Lateinische wurde ja nur eins zu eins ins Deutsche übersetzt, etwa:  „Der Herr sei mit euch“, „… dass du eingehst unter mein Dach“ beim Empfang der Kommunion usw., wer spricht im Alltag noch so ???) einfach nicht mehr mit vollziehen können und nicht mehr als die Sprache ihrer Spiritualität akzeptieren wollen. Der Abstand zwischen Alltagssprache und so genannter Sakralsprache (was ist das eigentlich?) ist unüberwindbar groß geworden. Die Bischöfe könnten im Gespräch lernen, dass die Ausgetretenen möglicherweise spirituell sehr interessiert sind, Orientierung in Lebensfragen suchen, ja sogar eine Gemeinde in bunter toleranter Vielfalt wünschen, aber beim besten Willen diese in 45 Minuten sich abspulende so genannte Feier, Messe, nicht mehr ertragen. Und auch keine moralische Belehrung wünschen, weil sie etwa Homosexualität längst als eine ganz normale Variante der Sexualität sehen und die ausgetüftelten Debatten um die Zulassung zur Eucharistie bei Wiederverheiratet-Geschiedenen geradezu lächerlich, geradezu absurd und überflüssig finden. Wer interessiert sich wirklich noch brennend für diese Fragen? Abgesehen vielleicht von den weltweit anreisenden, d.h. anfliegenden Bischöfen zur Weltbischofssynode im Herbst 2015. Wer möchte nicht eher mit der gleichen Intensität über den Sinn des Lebens, das Ertragen großer Verelendung in der Welt, die Kriege, das Morden, die Vielfalt der Religionen, die Armut im eigenen Land, die Flüchtlinge, die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, die Suche nach einer eigenen Poesie, Gebet genannt, usw. sprechen, also Fragen, die dringend sind und uns mit allen anderen Menschen verbinden!

Was soll angesichts dieser zerrissenen Welt bitte noch das völlig selbstverständliche Thema wie Homo-Ehe oder Kommunion bei Wiederheiratet-Geschiedenen? Solche Themen noch lang und breit zu diskutieren sind aus unserer Sicht im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin unter dem Niveau eines freien und kritischen christlichen Glaubens.

Deutlich ist auch: Die meisten aktiven Pfarrer (also die Priester unter 75) sind so sehr mit Verwaltungsarbeiten in den so Groß-Pfarreien belastet, dass kein Mensch, auch kein Katholik im Ernst noch erwartet, sie seien kompetente Seelsorger, sie seien nachdenkliche und kritische Theologen, mit denen man auch einmal über Gott und den Sinn des Lebens sprechen könnte. Weil diese kirchliche Leistung ausfällt, die viele suchen, braucht man doch nicht länger sich an Orte zu begeben, die nur noch vorgeben, spirituell hilfreich zu sein.

Unseres Erachtens kann nur eine radikale (ein Grundwort des Neuen Testaments) Vereinfachung der Kirchenlehre weiterhelfen und eine neue Kirchenordnung ohne die klerikale Macht, die sich die Kleriker selbst gegeben haben ( das kirchliche Gesetzbuch ist ja keineswegs ein Gesetzbuch, das ein repräsentatives Gremium aus Laien und Priestern erarbeitet hat). Eine neue liberale Theologie mit einer liberaler gewordenen Kirche wäre hilfreich;  sie hat Sinn für das persönliche spirituelle Suchen des einzelnen, für die Reduzierung der alten Wahrheiten und Dogmen. Ohne das Abwerfen alten dogmatischen Ballast wird wohl keine tiefgreifende Reformation gelingen. Ein römischer Katechismus, der mehr als 800 Seiten umfasst, ist schlicht ein „Unding“ oder ein philosophischer Witz: Kann „man“ in Rom so viel über Gott wissen?

Aber die Aussichten auf eine solche Reformation des so genannten modernen Katholizismus sind praktisch null. Nicht im entferntesten wird ja über eine grundlegende Reform des Katholizismus im Blick auf das Lutherjahr 2017 diskutiert. Dass auch die Evangelische Kirche in Deutschland der Reformation bedarf, ist klar, aber ein anderes Thema.

Zum Schluss: Merkwürdig bleibt, dass von den hohen Austrittszahlen 2014 ausgerechnet zu Zeiten der Regierung von Papst Franziskus berichtet wird. Dies wäre ein eigenes Thema! Vielleicht liegt es daran, dass auch Papst Franziskus entschieden als dogmatisch präziser Papst auftritt, also nicht im entferntesten daran denkt, unglaubliche Traditionen, wie den Ablass, die Verehrung des Schweißtuches Jesu in Turin, den maßlosen Marienkult an manchen Orten, den Kult um den Scharlatan Pater Pio usw. usw. zurückzustellen. Eine etwas progressivere päpstliche Politik zugunsten der Ausländer oder radikale Appelle zur Ökologie binden also nicht unbedingt an die alte, unverändert autoritäre Kirche.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.