Die Allmacht des europäischen Christentums

Wo hat das Christentum Zukunft? Im „globalen Süden“, vor allem in Afrika, wachsen die Kirchengemeinden.

Von Christian Modehn.

Eine Zusammenfassung:
Diese Hinweise sind ein kurzer religionsphilosophischer und theologiegeschichtlicher Essay.
Er zeigt: Seit dem 4. Jahrhundert kooperiert die Kirche Westeuropas immer mit den politischen Herrschern auch in der Verbreitung des christlichen Glaubens; die Entwicklung der so genannten Ost-Kirchen wird hier nicht beachtet.
Die viel besprochene Verbindung Kolonialismus und Mission begann also schon in der Frühzeit der Kirche. Der Widerstand gegen die Symbiose blieb bescheiden. Wenn Mission und Kirchengründung stattfanden, dann wurde immer das europäische Christentum mit einer europäischen Theologie den Menschen in Afrika, Amerikas Asien, Ozeanien vermitteltt, wenn nicht aufgedrängt.
Im 20. Jahrhundert widersetzten sich einige kolonisierte Christen diesem System und gründeten ihre eigenen, unabhängigen Kirchen. In Afrika wurde auch eine unabhängige katholische Kirche gegründet, eine weithin unbekannte Tatsache.
Und heute? Da verfügt die katholische Kirche in Europa über so wenige Kleriker, dass aus den ehemaligen Missionsländern einige tausend Priester (Missionare ?) in Europa eingesetzt werden. So wird das klerikale System in Europa von den einst „Missionierten“ weiter erhalten, sehr gut könnten ja auch Laien die vielen priesterlosen katholischen Gemeinden in Europa leiten, aber das will der Klerus (Papst etc.) nicht.

Die Fakten:
37 Prozent aller Christen leben heute in Lateinamerika, 24 Prozent in Afrika und 13 Prozent in Asien und der Pazifik-Region. Also leben 74 Prozent aller Christen in den Ländern des globalen Südens. Am stärksten gewachsen ist der Anteil der Christen in Afrika südlich der Sahara: 1910 waren dort nur neun Prozent der Bevölkerung Anhänger des Christentums, heute sind es 63 Prozent. Und sehr viele von ihnen sind „Fundamentalisten“. Das Ergebnis christlicher Mission im Zusammenhang mit dem Kolonialismus. LINK    Siehe auch zum Katholizismus speziell: LINK

1. Kirchen und Kolonial-Imperien
Die aktuellen Kolonialismus – Debatten sollten eigentlich auch das Interesse an Geschichte und Gegenwart der christlichen Mission in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien fördern und aus der engen Kirchen – Welt befreien. Dabei sollte die Erkenntnis weiter vertieft werden: Mission und Kirchengründungen im „globalen Süden“ geschahen in den allermeisten Fällen im Zusammenhang und in Zusammenarbeit mit den kolonisierenden europäischen Imperien.

2. Mission war Europäisierung
Die Bindung der Kirchen und ihrer Missionare an die strategisch, vor allem militärisch mächtigen weltlichen Herrscher ist typisch für die langsame, aber oft erfolgreiche „Einpflanzung“ der Kirchen im globalen Süden. Kirchlichen Widerspruch gegen die allen christlichen Wertvorstellungen entgegengesetzte Gewalt der christlichen Kolonial – Imperien gab es eher selten. Immer wieder wird als Ausnahme hochgelobt: Pater Bartolomé de la Casas in Santo Domingo und Mexiko. Tatsache aber ist: Kirchliches Leben entwickelte sich im „Globalen Süden“ meist in Abhängigkeit vom imperialen Denken und Werten bzw. Unwerten der europäischen Herrscher. So war etwa die Akzeptanz der Sklaverei auch unter Missionaren und Kirchenführern üblich, nur um sanfte, mildernde Umstände zugunsten der christlichen Sklaven wurde die Sklavenhändler gebeten. Sogar die Päpste hatten an ihrem Hof Sklaven zur Verfügung. (Fußnote 1)
Weisheitslehren, Philosophien, Poesie, Kunst usw. der „Einheimischen“, auch ihre Kenntnisse der Natur, der Umwelt und der pflanzlichen Heilmittel, wurden in europäischer Arroganz meist abgewiesen und unterdrückt. Die bescheidenen Krankenstationen im „Süden“ funktionierten nach europäischem Vorbild und die Missions-Schulen waren im Unterricht Kopien des in Europa üblichen „Einpaukens“ und Auswendiglernens. Kinder von Kolonisten wurden gegenüber einheimischen Kindern bevorzugt…Und wenn Kirchen gebaut wurden, dann immer als treue, aber schlichte Nachbildungen europäischer Gebäude. Neugotische Kirchen und „Kathedralen“ sieht man in diesen Ländern überall. Und wenn Gottesdienste gefeiert wurden, dann immer nach den liturgischen Vorschriften Europas. Die Kirchen waren ideologisiert von der europäischen Idee, als Europäer maßgeblich und besser zu sein. . Und die Kolonialherren waren den Kirchenleuten, den Missionaren, dankbar für so viel Treue zur Herrscher – Ideologie.

3. Eine bescheidene Urkirche
Ganz anders die kirchliche Mission in der Frühzeit der Kirchen bis zu Kaiser Konstantin (Kaiser von 306 – 337). Die Präsenz der christlichen Gemeinden der „Urkirche“ war keine machtvolle Strategie. An eine Zusammenarbeit mit dem römischen Staat und seinen polytheistischen Kaisern war gar nicht zu denken. Als Minderheit verstanden sich die Kirchen als „philosophische Schulen“ neben anderen philosophischen Schulen, so der Philosophiehistoriker Pierre Hadot. Die christlichen Gemeinden nahmen an Bedeutung und an Mitgliedern nur zu, weil sie von den „anderen“ Menschen und anderen „Schulen“ vor allem als Orte der Mit – Menschlichkeit, der unmittelbaren Hilfsbereitschaft und auch des Bekennermutes in Zeiten der Verfolgung wahrgenommen und oft auch geschätzt wurden. Die Christen organisierten sich als Gemeinschaft von Hauskirchen. Man traf sich im „Wohnzimmer“ am runden Tisch, sprach miteinander Wesentliches, las spirituelle Bücher, also die Bibel, speiste auch zeremoniell miteinander, erinnerte sich dabei an Jesus von Nazareth …Ein Modell, das vielleicht wieder Zukunft hat für die Kirchen Europas des Jahres 2040, wenn die letzten Kirchen verkauft wurden und nur noch einige Kathedralen bewundert werden?

4. Kirchen stärken das Imperium
Aber dann gab es den alles entscheidenden Bruch, also das Ende der Minderheiten – Kirchen. Seit Kaiser Konstantins Hinwendung zum katholischen Glauben (312) sind die Kirchen und mit ihr die Mission fest eingebunden in die Zusammenarbeit mit den Imperien, Kaisern, Königen. Sie sahen in der Kirche und im Glauben an den einen Gott eine sehr nützliche Unterstützung eigener politischer Ansprüche. Eine einzige religiöse Ideologie, Konfession sollte den Staat seine Herrscher stützen und nicht eine Vielzahl von Konfessionen…

5. Der König als Priester
Als die Missionare auf germanische Stammesfürsten trafen, sollten diese Führer zuerst zum Übertritt ins Christentum bewegt werden, und danach sollte das Volk gehorsam der Konversion des Stammesfürsten folgen. (Siehe dazu etwa die Studie von Lutz E. von Edberg, „Die Christianisierung Europas im Mittelalter“, Reclam, 1998, etwa S. 181f.)
König Chlodwig aus der Dynastie der Merowinger ließ sich etwa im Jahr 497 in Reims taufen und dann konnte die katholische Staatsreligion organisiert werden (Padberg, ebd. S. 55). Der König sah sich als „Gesalbter Gottes“, als „priesterliche Oberhoheit“ (rex et sacerdos) (ebd., S. 57). Auch die fränkischen Bischöfe waren ihm untertan und bezeugten ihre Ergebenheit in der ersten Reichssynode zu Orléans im Jahr 511: „Er, der König, sollte die Beschlüsse der Synode gutheißen oder ablehnen, die Bischöfe würden dem königlichen Urteil selbstverständlich folgen.“ (ebd. S 233).

6. Schwache Missionare und mächtige Herrscher
Damit waren die rechtlichen, vor allem die ideologisch-theologischen Grundlagen gelegt, auf denen die katholische Kirche bis in die späte Neuzeit hinein ihre Rolle gegenüber dem Staat zu finden suchte. Lutz von Padberg schreibt im Blick auf die Mission zu Zeiten der Merowinger und Karolinger: „Im Kern waren die Missionare mehr auf die Herrscher angewiesen als umgekehrt, ein Missverhältnis, dessen sich die Missionare durchaus bewusst waren, an dem sie allerdings nicht viel ändern konnten“ ( ebd. S. 208). Im Hochmittelalter versuchten dann die Päpste (Innozenz III.) den Vorrang ihrer angeblich von Gott gegebenen Übermacht auch gegenüber den weltlichen Herrschern durchzusetzen…Ein Jahrhunderte dauernder Kampf beider Mächte begann.

7. Staatskirchen
Die Abhängigkeit der Kirchen vom Imperium bestimmte weithin alle späteren imperialen Eroberungszüge außerhalb Europas, also die Kolonialherrschaft der Neuzeit. Man muss also wahrnehmen, dass aus frühen Zeiten diese Abhängigkeit der Kirchen von den „weltlichen Imperien“ stammt! Sie ist uralt und bis in die jüngste Zeit tief ideologisch- theologisch verwurzelt! Der faschistische Staatschef Franco in Spanien (+ 1975) war der letzte Repräsentant einer katholischen Staatsreligion in Europa…Und der äußerst brutale katholische Diktator Trujillo aus der Dominikanischen Republik (1961 endlich ermordet), hatte Jahre lang „seine“ ergebene Staatskirche.
Bis heute will die katholische Kirche ihre herausragende Sonderrolle selbst in den demokratischen Staaten demonstrieren und durchsetzen: Etwa, wenn pädo – sexuelle Verbrechen des Klerus gegenüber dem Staat von Bischöfen und Päpsten verschwiegen und vertuscht werden, um die eigene innerkirchlichen Gerichtsbarkeit auszuleben … außerhalb der staatlichen Gesetze. Dabei wurde und wird von den Kirchenführern das Leiden der Opfer an die zweite Stelle gerückt.… Man sieht hier, dass „historische Hinweise“ schnell zu aktuellen Entwicklungen führen.

8. Afrika wird christlich
Nach dem Ende des offiziellen Kolonialismus (auch die neoliberalen Imperien verhalten sich gegenüber den Armen im globalen Süden wie Kolonialherren)lebt in „Afrika südlich der Sahara“ eine nahezu unüberschaubar vielfältige Kirchen – Welt fast aller nur denkbaren Konfessionen mit einem stetigen zahlenmäßigen Wachstum. Vor allem Christen evangelischer Herkunft genießen die Religionsfreiheit und gründen ihre eigenen afrikanischen Kirchen, oft im Gegensatz zu den „etablierten“ europäischen Konfessionen in Afrika (Lutheraner, Anglikaner etc…) Dabei werden sie auch von Missionaren sogar aus Süd-Korea unterstützt, selbst die russisch – orthodoxe Kirche missioniert nun verstärkt in Afrika, unterstützt von Putin und seinem Getreuen Patriarchen Kyrill von Moskau. LINK

9. Afrikaner befreien sich vom Kolonialismus und gründen eigene Kirchen
Schon seit 1880 werden unabhängige evangelische Kirchen in Afrika von Afrikanern gegründet und aufgebaut. Bei der Gründung war ein antikolonialer Impuls entscheidend. „Klassisch“ nennen Beobachter etwa die etwa 20 Millionen Mitglieder zählende Kirche der „Kimbanguisten“. Seit 1970 gibt es einen förmlichen Boom von Afrikanischen Pfingstkirchen, gegründet und geleitet von Afrikanern. Eine Forschungsgruppe der Humboldt-Universität Berlin hat mitgeteilt: Zu diesen „African Initiated Churches“ „gehört etwa ein Drittel der afrikanischen Christenheit an“. Sie haben inzwischen einen „Dachverband“ mit über 270 unabhängigen Kirchen aus allen Teilen Afrikas südlich der Sahara, mit „über 60 Millionen Mitglieder“, wie die Forschergruppe um Prof. Wilhelm Gräb (+2023) mitteilt (Forschungsbereich Religiöse Gemeinschaften und nachhaltige Entwicklung). Diese postkolonialen Pfingst – Kirchen wollen afrikanische Traditionen mit ihrem Glauben verbinden, etwa die körperliche Heilung durch Gebet und Handlauflegung… Auch diese von Afrikanern gegründeten Kirchen setzen entschieden auf ein wortwörtliches Verstehen der biblischen Texte, so soll die geistliche „Wiedergeburt“ befördert werden.

10. Wenn afrikanische Kirchen in die Irre geführt werden….
Einige dieser Kirchen vertreten durchaus inhuman zu nennende Überzeugungen und religiöse Praktiken, so dass ein kenianischer protestantischer Theologe, Prof. Eale Bosela Ekakhot, jetzt von „irreführenden Theologien“ in Afrika spricht: „Solche Praktiken sind etwa die Aufforderungen von afrikanischen Predigern an die Gemeinde, Gras zu essen, die ein Prophet als von Gott offenbarte Eingebung als Nahrung erklärt oder … im Namen des Glaubens Bleichmittel zum Abendmahl zu trinken, weil dies der Evangelist Markus angeblich gelehrt hat.“
Der Theologe weist auch auf die Beliebtheit des neu erfundenen „Wohlstandsevangelium“ hin als einer international verbreiteten „irreführenden Theologie“. Eine Theologie also, die in die Irre (d.h. in den Wahn) führt und deswegen selbst irre ist! Prof. Eale Bosela Ekakhot weist also auf das „Wohlstandsevangelium“ hin, das auch in Afrikas blühenden Pfingstkirchen verbreitet wird mit der Lehre: Wenn du ökonomisch erfolgreich bist und dann sehr reich wirst, dann ist dies ein Zeichen der Gnade Gottes. Reich wirst du aber nur, wenn die viel Geld dem Pastor und der Gemeinde spendest, dann kommt schon die göttliche finanzielle Belohnung eines Tages… In Nigeria kann man den Boom dieser materialistischen, geldgierigen Erfolgskirchen erleben, riesige Kirchengebäude in luxuriösen Anlagen, Wohnungen für die wohlhabenden Pastoren und so weiter.

11. Die vielen afrikanischen Kirchen
Gegen den Wahn von irreführenden Theologien/Sektierern und entsprechenden Kirchen helfen nicht nur rationale theologische Argumente auch der historisch-kritischen Exegese, sondern entscheidend sind philosophische Argumente mit der damit verbundener Geltung der Menschenrechte. Nur diese stehen als Kriterien für wahr oder falsch in den Religionen zur Verfügung, sie gelten mehr als die religiösen und konfessionellen Lehren und Meinungen, als die „irreführenden Lehren“ allemal. Das ist der entscheidende Aspekt, der oft vernachlässigt wird: Die allgemeinen universal geltenden Menschenrechte der philosophischen Vernunft stehen ÜBER allen konfessionellen Einzellehren…das wollen leider die meisten Kirchenführer etc. nicht akzeptieren.
Man muss also in aller Deutlichkeit wahrnehmen: Das afrikanische Christentum ist in postkolonialen Zeiten ziemlich unübersichtlich und sehr spontan in der Neigung, „irreführenden Lehren“ auszudenken oder luxuriöse Kirchengemeinden zu installieren inmitten von großem Elend.
Kirchliche „Konferenzen“, also Zusammenschlüsse der verschiedenen Kirchen in Afrika, wie die AACC, die Allafrikanische Kirchenkonferenz (Fußnote 3) wollen die unüberschaubare Vielfalt der sich protestantisch bzw. evangelisch bzw. pfingstlerisch nennenden Kirchen bündeln und zu einem kritischen Bewusstsein führen..
Auf der anderen Seite gibt es auch viel Einsatz von Pastoren und Nonnen an der „Basis“ zugunsten der Leidenden, jener also, die wegen der Verletzung der Menschenrechte durch die meist autoritären, diktatorischen (oft sich christlich nennenden) Regime kaum Lebenschancen haben.

12. Katholische Kirchen von Afrikanern gegründet
Auch im Katholizismus von Afrika gibt es trotz der üblichen zentralistischen Kontrolle und Überwachung durch den Vatikan (man denke an die Nuntien) beachtliche Beispiele, tatsächlich unabhängige katholische Kirchen aufzubauen.Bedeutend, aber in Europa kaum bekannt ist die Kirche „Legion Maria“, sie wurde gegründet in Kenia, ist aber auch in anderen Ländern mit insgesamt drei Millionen Mitgliedern vertreten. (PS: Der Name „Legion Maria“ darf nicht mit einer römisch-katholischen Laien-Bewegung gleichen Namens verwechselt werden!). LINK. (FUßNOTE 4).
Diese vom Papst unabhängige Kirche hat über 3 Millionen Mitglieder. Auch sie legt wert auf Erfahrungen des heiligen Geistes, auf Verbindungen mit den Ahnen, auf spirituelle Heilung, Abschaffung des Zölibates usw. Wichtig ist ihre Lehre, dass der Messias Jesus Christus ein Afrikaner ist. Ein Europäer, wie die gesamte christliche Ikonographiein Europa nahelegt, war der Mann aus Nazareth auf gar keinen Fall.
Auch der von Rom exkommunizierte Bischof Emmanuel Milingo (geb. 1930 im damaligen Nord-Rhodesien) gründete eine eigene, Rom – unabhängige afrikanische Kirche, in der Priester heiraten dürfen… Das ist typisch: Die sich von Rom befreienden Kirchen schaffen das Zölibatsgesetz für Priester ab.

Auch in Lateinamerika wurden rom-unabhängige katholische Kirchen gegründet, auch dies eine Tatsache, die in offiziellen römisch-katholischen Medien Europas fast keine Beachtung findet. Wichtig ist etwa die „Brasilianisch-katholisch-apostolische Kirche“, gegründet von dem römisch-katholischen Bischof Carlos Duarte Costa /1888-1961). Er gründete die Brasilianisch- katholische Kirche im Jahr 1945 und weihte als ursprünglich römisch-katholischer Bischof andere Priester zu Bischöfen, die sich nun – rein rechtlich gesehen gemäß der vatikanischen Rechtsprechung – in der apostolischen Sukzession befinden… Auch diese Kirche ist gegen das Zölibatsgesetz, die Messen werden seit Anbeginn auf Portugiesisch gefeiert….diese Kirche zählte im Jahr 2010 560.000 Mitglieder in 26 Bistümern. LINK

13. Afrikanische Theologie und Jesus als Schwarzer Weisheitslehrer
Trotz der genannten Versuche von afrikanischen Katholiken, rom-unabhängige katholische Kirchen zu gründen, ist der afrikanische Katholizismus doch typisch zentralistisch strukturiert und deswegen noch „überschaubar“ .
Am Beispiel des Katholizismus lässt sich das Drama andeuten, das die Mission, also die Verbreitung des nun einmal europäisch geprägten Christentums verursacht hat: Es ist die Übertragung des europäischen Glaubens und vieler in der Glaubenswelt des Judentums und der griechischen Philosophie (Paulus) formulierter Dogmen in eine kulturelle und religiöse Welt von Menschen, die von all diesen Lehren und Mythen wahrscheinlich noch nicht einmal zu träumen wagten. Die sich aber dann der europäischen Religion der eher unsympathischen Kolonisten anschlossen, auch weil die Kolonialherren die Konversion wünschten und die Missionare als Beleg für die Kraft des neuen Gottes Schulen bauten und Kliniken gründeten… Was die Neubekehrten, nach einem kurzem Unterricht des römischen Katechismus, vom europäischen Christentum dann wertvoll fanden, sei dahin gestellt. Aber: Was haben denn die brutalen europäischen, christlichen Kolonialherren vom Evangelium verstanden, wo diese doch schon seit Jahrhunderten in einer so genannten „christlichen Welt“ leben ?
Wirklich erstaunlich bleibt: Viele getaufte Sklaven aus Afrika haben vor allem die Geschichten vom Exodus aus dem Alten Testament schätzen gelernt und dann in Amerika immer noch als Sklaven in ihren „Spiritual ihren Widerstand ausgedrückt. (Quelle: James Cone, „Die Bedeutung Gottes in den schwarzen Spiritual“, Concilium , 1981, S 214ff.). Die Exodus-Geschichte des Alten Testaments hat ja dann auch für die lateinamerikanischen Befreiungstheologen eine wichtige Rolle gespielt.

14. Katholische Bischöfe gegen Homosexuelle
Es ist ein typischer Ausdruck für das unkritische, gehorsame Festhalten an der moralischen Botschaft der ersten europäischen Missionare, wenn heute katholische Bischöfe Afrikas, wie die Missionare damals, Homosexualität als eine schwere Sünde verstehen, die mit Hilfe des Staates ausgerottet werden muss. Dies gilt etwa für Uganda. Auch in der anglikanischen Kirche Afrikas ist diese sich Theologie nennende Ideologie verbreitet…Die Verteufelung von Homosexuellen hat übrigens in vielen afrikanischen Kulturen VOR der Kolonisierung/Missionierung keine Bedeutung gehabt.

15. Kritische Theologen
Gegen ideologische Verengung theologischen Denkens im globalen Süden wehrt sich eine internationale ökumenische progressive TheologInnen-Initiative mit dem Namen EATWOT: Ecumenical Association of Third World Theologians. An Beispiel dieser bemerkenswerten Initiative wird die tiefe theologische Spaltung im globalen Süden deutlich, zwischen eher fundamentalistisch – frommen Denkformen und kritischen, auch befreiungstheologisch inspirierter kritischer Forschung. LINK   

16. Ein Intermezzo
Einige europäische Missionare hatten spätestens um 1960 das richtige Gefühl, dass sie eigentlich eine fremde religiöse Welt den Afrikanern aufdrängen. Und sie erfanden gewisse Formen der „Anpassung“, die natürlich problematisch waren.
Ich erinnere an die so genannte „Missa Luba“ von Katholiken aus Belgisch-Kongo, sie sangen 1957 die allgemeinen liturgischen Gesänge der katholischen Messe, auf Latein natürlich (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei), mit Trommel-Klängen unterlegt, so dass die ungebildeten Katholiken in Europa beim Hören der Schallplatte verzückt staunten: Was singen doch diese braven ehemaligen Heiden für schöne lateinische Messgesänge mit ihren exotischen Trommeln. Und das Ganze wurde von den Herren der Kirche dann als Beispiel für die Anpassung des Katholizismus an afrikanische Kulturen verkauft. Aber diese Komposition war letztlich Ausdruck für ein Gefühl, dass der Export des römischen Kirchensystems inclusive der selbstverständlich lateinischen Sprache in der Messe für die Menschen in Afrika auch eine Art Entfremdung sein kann.
Man stelle sich vor, afrikanische Knaben mussten als Messdiener lateinische Gebete auswendig lernen, damit der Priester seine Messe korrekt „lesen“ konnte.
Inzwischen hat der Vatikan nach langem Streit mit kongolesischen Katholiken die Messe im so genannten „Zaire – Ritus“ erlaubt, in der etwa sanfte Tanzschritte in der Messe erlaubt sind, das Lateinische keine Rolle mehr spielt, aber selbstverständlich der Priester gegenüber den Laien die dominante Figur ist. Es ist eben die Messe in der vorgeschriebenen römischen Liturgie-Form, die da gefeiert wird, auch wenn die Gläubigen in den Kirchen (im europäischen Stil errichtet) hin und her laufen und … Halleluja jubeln…

17. Gibt es afrikanische Christentümer?
Etliche katholische Theologinnen des globalen Südens, auch in Afrika, versuchen seit einigen Jahren, sich von den kolonialen Prägungen der europäischen Missionare zu lösen. Ihr zentrales Programm heißt INKULTURATION, also „Einpflanzung“ des katholischen Glaubens in den unterschiedlichen Kulturen mit vollem Respekt für den Wert dieser sich immer weiter entwickelnden Kulturen. Dabei stellen sich brisante Fragen, die manche europäischen Theologen kaum auszusprechen wagen: Etwa: Wie stark müssen sich afrikanische Christen an die vielen Bücher des Alten Testaments binden? Ist die gesamte und genaue Kenntnis des Alten Testaments wirklich jedem afrikanischen oder asiatischen Christen zumutbar? Welche Bedeutung auch im Gottesdienst können Weisheitslehren und Mythen der Afrikaner oder Japaner oder Chinesen haben? Welche Bedeutung hat dann Jesus von Nazareth? Er ist Jude, das ist gar keine Frage, aber vielleicht doch auch als Mensch ein Weisheitslehrer, der über die Gesetze des damaligen Judentums hinausgewachsen ist… Warum sollte es also für Afrikaner oder Japaner und Chinesen theologisch so problematisch sein, Jesus von Nazareth als einen menschlich ungewöhnlichen Weisheitslehrer zu verstehen und zu verkünden und ihm als solchem zu folgen? Oder: Müssen römisch – katholische Priester auch in Afrika oder anderswo auf das Zölibatsgesetz verpflichtet werden, wo Anthropologen wissen, dass diese Verpflichtung nicht nur ein kultureller Wahnsinn für Afrikaner ist, sondern auch eine ziemlich totale humane Überforderung darstellt. Keine offizielle Statistik in Rom sagt übrigens, wie viele Priester in Afrika oder Lateinamerika de facto verheiratet sind usw…Die Bischöfe wissen das und dulden das, solange es sich nicht bis nach Europa herumspricht. Und der sexuelle Missbrauch durch Priester in Afrika wird auch langsam Thema in Afrika selbst und darüber hinaus. Dramatisch auch die Vergewaltigungen katholischer Nonnen in Afrika, Indien unsw.  durch dortige Priester…  LINK.    Und eine NEUE STUDIE:  LINK

18. Inkulturation
Es ist schon erstaunlich, dass der katholische Priester und Theologe Léonard Santedi Kinpuku aus der Demokratischen Republik Kongo in der Zeitschrift CONCILIUM (2006) einen grundlegenden, weiter führenden Vorschlag zum schwierigen Thema „Inkulturation“ der katholischen Glaubenslehre und des afrikanischen Christentum macht. Der Vorschlag entspricht dem von uns unter Nr. 17 Gesagten…
Erstens:
„Die Kirchen Afrikas können keine Nachahmungen oder beglaubigte Abschriften der Kirchen Europas sein.“ (S. 435). Sondern: Sie müssen das Christentum zusammen mit ihrer Kultur ausdrücken.
Zweitens:
Dabei wird die aus Europa überlieferte Lehre, also „das angeeignete Gut, notwendig verändert“ (436).
Drittens:
Und die Afrikaner müssen sich fragen: Was ist das Wesen der Botschaft Jesu von Nazareth, die sie respektieren wollen als Inspiration für ihre Lebensgestaltung. „Es geht um den Kampf für die Lebensqualität in Afrika“ (439). Es geht also um ein praktisches, ethisches Programm zugunsten der Armen in Afrika, d.h um einen Kampf gegen die Mächte der Unterdrückung. “Es geht um einen Kampf gegen alle Hochstapler und Bestien, die in diesen Zeiten das Leben der Armen ersticken, niederdrücken, zertreten“ (ebd).
Mit anderen Worten: Für den afrikanischen Theologen Léonard Santedi Kinpuku aus der Demokratischen Republik Kongo ist auch der katholische Glaube wesentlich und entscheidend eine ethische Haltung! Die Menschenrechte werden so zum zentralen Bestandteil des christlichen Glaubens!

19. Jesus und Ägypten
Der aus Kongo-Brazzaville stammende katholische Priester und Theologe Paulin Poucouta hat einen wichtigen Aufsatz publiziert mit dem Titel „Die Erforschung des historischen Jesus in Afrika“ (CONCILIUM, 2006, s. 423 ff.). Er zeigt u.a.: Afrikanische Christen beziehen die Gestalt Jesu Christi auch auf die ägyptischen religiösen Traditionen. Das Thema wird oft als „esoterisch“ belächelt. Der Ausgangspunkt für diese Christen ist: Wie ist der im Neuen Testament erzählte Aufenthalt Jesu und seiner Familie in Ägypten zu verstehen (bei der „Flucht der heiligen Familie nach Ägypten“). Hat Jesus und seine Familie – den biblischen Mythos etwas vertiefend – in Ägypten religiös irgendetwas gelernt?
Vor allem ist die Frage entscheidend:.Ist ein afrikanischer schwarzer Christus mehr als eine künstliche Konstruktion? Wie anders denn als Afrikaner können sich afrikanische Katholiken denn Jesus als den Christus vorstellen? Damit wird Jesus mit den Kulturen Afrikas verbunden: Jesus wird dann logisch zum schwarzen Christus. Warum sollen solche Überlegungen häretisch sein? Wie haben denn die Germanen Jesus als ihren Christus gedacht? Als germanischen Fürsten. Wie haben Jesuiten ihren Jesus den gebildeten am Hof des Kaisers verständlich machen können? Jesus als den Weisheitslehrer. Die Philosophen Europas im 18. Jahrhundert waren von den Forschungen der Vorschlägen der Jesuiten zu dem Thema begeistert, etwa auch Leibniz.(Fußnote 5)

20. Spannungen im Katholizismus
Mit viel Mühe und nicht ohne Widerstand aus Europas Kirchen lösen sich Christen im globalen Süden heute aus der Last der kolonisierenden Mission von einst. Im evangelischen Bereich nehmen sich die Christen unbefangener ihre Freiheit, ohne weiteres ihre Kirchen zu gründen.
Die Sehnsucht nach einem eigenständigen Afrika-Katholizismus, der diesen Namen verdient, ist zwar lebendig, zumal sich auch Frauen, zumal Ordensfrauen, als Theologinnen qualifiziert und kritisch zu Wort melden, wie etwa die Ordensfrau Josée Ngalula aus Kinshasa, sie gehört sogar der Internationalen Theologischen Kommission de Vatikans an. LINK

Andererseits ist der katholische Zentralismus mit seiner Fixierung auf einen Wahl-Monarchen, den Papst, doch noch eine Art fortdauernder theologisch kolonialer Last, es gibt ja Vorschläge, den einen Papst durch mehrere Patriarchen zu ersetzen, einer könnte dann in Afrika leben und katholisches Leben inspirieren… Aber noch sind viele afrikanische Bischöfe sozusagen päpstlicher als der Papst, man denke etwa an den aus Guinea stammenden Kardinal Robert Sarah. Er will als Afrikaner und ehemaliger „Heide“ unbedingt an der einmal gehörten, angeblich ewigen katholischen Wahrheit der europäischen Missionare rigoros festhalten. LINK 

21. Katholische Missionare (Priester, Nonnen) aus Afrika und Indien in Europa
Die einst Missionierten senden seit einigen Jahren Missionare nach Europa: Einige tausend katholische Priester aus Afrika, Indien, den Philippinen ersetzen europäische Priester in Frankreich, Deutschland, Holland, den USA, Kanada usw: Sie sollen dort Pfarrgemeinden leiten … und sie sind dabei oft beliebter als polnische Priester, die etwa in Deutschland in den Gemeinden eingesetzt wurden.
Aber diese Priester aus dem globalen Süden verlängern das klerikale System der Katholischen Kirche Europas auf verlängern. Denn eigentlich wäre es theologisch möglich, dass Laien die vielen europäischen Gemeinden ohne Priester leiten, natürlich auch Frauen und Ordensfrauen: Kompetente MitarbeiterInnen in Führungspositionen gäbe es, theologisch hoch qualifizierte Laien – Theologinnen etwa. Aber nein, die Bischöfe und der Papst wollen diese MitarbeiterInnen nicht in Leitungsfunktionen von Gemeinden haben, der Eucharistie vorstehen dürfen sie ohnehin nicht. Deswegen werden Priester aus den einstigen Missionsgebieten eingeflogen, sie erhalten meist ohne Probleme Aufenthaltsgenehmigungen, schließlich haben wir in Deutschland ein exzellentes Verhältnis zwischen Kirche und Staat…
Und die Europäer vergessen dabei auch, dass diese Priester eigentlich in Nigeria, Uganda, Kenia, Indien, auf den Philippinen usw. auch nützlich sein könnten. So erleben wir nun eine neue Phase eines katholischen Eurozentrismus. Der europäisch – klerikal Eurozentrismus soll gerade wegen der Vorrangstellung des Klerus in der Kirche unbedingt erhalten bleiben, deswegen werden Afrikaner und Inder usw. nach Europa und in die USA als Hilfspersonal entsandt. So kommt es: Die „Dritte Welt“ soll die „Erste Welt“, also die einstigen und auf andere Weise noch gegenwärtigen Kolonialherren, religiös retten…Mindestens im katholischen Bereich…

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Fußnote 1:
Marina Caffiero, Professorin für Moderne Geschichte an der Universita di Roma Sapienza, hat die Studie «Die Sklaven des Papstes» (Original «Gli schiavi del papa») veröffentlicht im Morcelliana Verlag 2022. „Das traurigste Resultat ihrer Studie ist der Umstand, dass die Päpste bis in die 1830er- und 1840er-Jahre Sklaven beschäftigen. Das heisst also bis weit nach der Verkündigung der Freiheitsideen der Französischen Revolution, als bereits alle anderen europäischen Staaten die Sklaverei abgeschafft hatten. Erst das Ende des grossen Territorialstaats der Kirche und die Staatseinigung Italiens Mitte des 19. Jahrhunderts beendeten die Sklaverei der Stellvertreter Christi auf Erden“. (Quelle: Thomas Migge, SRF 2 am 22.9.2022.

Fussnote 2:
Misleading Theologies, irreführende Theologien, sind ein Angriff auf die Menschenwürde und ein Missbrauch religiöser Sehnsüchte. Die Allafrikanische Kirchenkonferenz geht aktiv dagegen vor, um zu verhindern, dass Gläubige zu Opfern dieser Irrlehren werden, berichtet die Theologin und Referentin im Evangelischen Missionswerk EMW Almut Nothnagle (April 2021): „Christi Blut, für dich vergossen.“ Wir kennen diese Worte, und wir verbinden sie vielleicht mit alten Backsteinkirchen, Tradition und spirituellen Erfahrungen. Aber nun stellen Sie sich vor, dass Ihnen der Pastor nach diesen Worten eine Flasche mit Bleichmittel überreicht. Das sollen Sie nun trinken… Wie bitte? Was für uns wie purer Wahnsinn klingt, war in Limpopo, Südafrika, leider Realität. Dort erklärte ein Pastor tatsächlich, dass er Bleiche in Jesu Blut verwandeln könne, so wie Jesus Wasser in Wein verwandelte. Er schüttete dann Bleichmittel aus einer Flasche in die Münder der Menschen in seiner Gemeinde.
Leider ist dies nur eine Geschichte von mehreren aus Afrika. Dieses Phänomen wird dort „Misleading Theology“ genannt, was man mit „irreführende Theologie“ übersetzen könnte. Misleading Theology kann auch als Blasphemie und Rechtfertigung für die Ausbeutung von Menschen und für ungerechte soziale Verhältnisse bezeichnet werden. Dies wird zu einem Angriff auf die Menschenwürde. Deshalb wird sie auch von der Mehrheit der Christen als Missbrauch der religiösen Sehnsüchte der Menschen abgelehnt.
Die Allafrikanische Kirchenkonferenz (AACC) hat sich in zwei Konferenzen mit dem Erscheinungsbild einer irreführenden Theologie befasst. Dort haben sie die Schwachstellen in ihren Kirchen in Bezug auf Reichtum und Armut, Gesundheit und Heilung, Macht und Autorität, Geschlechtergerechtigkeit und unterschiedliche staatliche Regelungen aufgezeigt. Diese Schwachstellen haben das Aufkommen irreführender Theologien in Afrika gefördert. Bleichmittel zu trinken, ist nur ein extremes Beispiel. Ebenso dazu gehören laut AACC: das Wohlstandsevangelium, der Glaube, dass von bestimmten Zeichen und Gegenständen Heilkraft ausgeht, sexueller Missbrauch als eine Form von religiösem Fruchtbarkeitsritus oder Dämonenaustreibung und finanzielle Bereicherung von religiösen Führern.
All dies sind „Misleading Theologies“, und diese Theologien sind nicht auf den afrikanischen Kontinent beschränkt. Mythen und religiöse Ansichten, die die Menschenwürde verletzen, sind schon lange verbreitet. Das Wohlstandsevangelium zum Beispiel hat seinen Ursprung in den USA und ist nun auch hier in Deutschland zu finden. Man findet dieses Phänomen auch in allen Religionen, aber zunehmend in den christlichen Kirchen, wo die neu entstandenen Gruppen den Rahmen der Kirchengemeinschaft sprengen.
Aber was kann dagegen getan werden? Die AACC hat beschlossen, dass alle ökumenischen Gemeinschaften und auch die Regierungen Mechanismen einrichten müssen, um zu verhindern, dass Gläubige zu Opfern werden. Darüber hinaus müssen sich die Kirchen darauf konzentrieren, heilsame Lehren über Menschenwürde, Autorität, Gesundheit und Heilung, Reichtum und Armut sowie menschliche Sexualität zu vermitteln. (Almut Nothnagle, EMW Themenheft 2022, „Die vielen Gesichter Christi“, S. 15.)
Verirrungen gab in den Kirchen in Europa schon in der Frühzeit der Kirchen.
Die frühe Kirche hatte die Überzeugung, dass erst das blutige Martyrium die höchste christliche Tat und der beste Ausdruck für den christlichen Glauben sei. Es gab also die Tendenzen, „die uralte Religionsvorstellung von der Sühne (für die eigenen Verfehlungen, Sünden) durch Blut zu aktivieren, wie sie beispielsweise auch die Griechen und Israeliten gekannt haben“ (Prof. Arnold Angenendt ,in: „Heilige und Reliquien“, München 1997, S. 62). „Das im Martyrium vergossene Blut bezeichnet der Theologe Tertullian (gestorben 220) als Schlüssel zum Paradies. Und für den Kirchenlehrer Cyprian von Karthago (gestorben 258) ist das Martyrium die Bluttaufe,„erhabener in der Macht , preiswürdiger in der Ehre , eine Taufe, in der die Engel taufen…“ (a.a.O. 63) und so weiter … in dieser BLUT-Hymne, als Theologie getarnt, wird offenbar zur Ermunterung der Christen aufgerufen, sich in der Verfolgungszeit abschlachten zu lassen…
Ein anderes Beispiel: Die mittelalterliche Kirchenführung erlaubte es, den ADEL religiös besonders hoch zu respektieren und zu ehren. Dies tat die Kirchenführung im bewussten Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre, etwa wenn Paulus schreibt, dass Gott nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme (mobiles) erwählt habe (1 Kor 1,26). Trotz dieser wesentlichen Gleichheit aller Christen im Neuen Testament „erweckte die mittelalterliche Kirche ganz den Eindruck einer Adelskirche, wie es auch Adelsklöster und viele Adelsheilige gab“, so der Historiker Arnold Angenendt in „Heilige und Reliquien“, a.a.O., S. 99).

Fußnote 3:
https://www.aacc-ceta.org/. All Africa Conference of Churches (AACC)
AACC is a continental ecumenical body that accounts for over 140 million Christians across the continent.
Founded in 1963, the All Africa Conference of Churches (AACC) is an ecumenical fellowship of 204 members comprising of churches, National Councils of Churches (NCCs), Theological and Lay Training Institutions and other Christian organizations in 42 African countries.

Fussnote 4:
The Legio Maria Church in an African:
Matthew Kustenbaude, Nova Religio: The Journal of Alternative and Emergent Religions, Volume 13, Issue 1, pages 11–40:
ABSTRACT: This article examines the Legio Maria Church of western
Kenya, a relatively rare example of schism from the Roman Catholic
Church in Africa. One of more than seven thousand African Initiated
Churches in existence today, it combines conservative Catholicism,
traditional religion and charismatic manifestations of the Spirit. Yet this
group is different in one important respect—it worships a black messiah,
claiming that its founder, Simeo Ondeto, was Jesus Christ reincarnated
in African skin. This article considers factors involved in the group’s
genesis as a distinct modern-day messianic movement, including: (1) the
need to defend and define itself vis-à-vis Roman Catholicism; (2) the
appropriation of apocalyptic ideas found in Christian scriptures and
their synthesis with local religious traditions; and (3) the imitation of
Jesus’ example and teaching to confront political and religious
persecution in a manner marked by openness, universalism and non-
violence. Eschewing Western theological categories for African ones,
this article draws upon internal sources and explanations of Legio
Maria’s notion of messianism and Ondeto’s role therein to illustrate
that, far from being a heretical sect, Legio may well represent a more
fully contextualized and authentically homegrown version of
Catholicism among countless other African Christian realities.

Fußnote 5:
Zwischen 1689 und 1714 führte der deutsche Philosoph und Lutheraner Gottfried Wilhelm Leibniz einen Briefwechsel mit einer Reihe von in China lebenden Jesuiten. Der Briefwechsel wurde in Latein und Französisch geführt. In den grünen Bänden der Philosophischen Bibliothek des Meiner Verlages ist dieser Briefwechsel jetzt zusammen mit einer deutschen Übersetzung erschienen. Eine Einführung von 130 Seiten informiert über die chinesischen Erfahrungen dieser Jesuitenmission, über den durch sie aufgeworfenen berühmt-berüchtigten Ritenstreit und natürlich über Leibniz‘ chinesische Interessen. Leibniz setzte auf Globalisierung. Er wollte den Austausch nicht so sehr von Waren als vielmehr den von Ideen, von wissenschaftlichen Kenntnissen…
Gottfried Wilhelm Leibniz: Der Briefwechsel mit den Jesuiten in China (1689-1714), Felix Meiner Verlag Hamburg, 2006.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kaiser Wilhelm II. und der Genozid in „Deutsch-Südwestafrika“.

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Bedeutung Kaiser Wilhelm II. im Völkermord der Deutschen Kolonialherren in Afrika.

1.

Wir haben in zahlreichen Beiträgen auf dieser Website gefordert, LINK, dass die bekannte „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ in Berlin (KWG genannt) endlich einen anderen, ein würdigen Namen erhält. Die Kirchenleitung sollte sich also endlich trennen von der Bezeichnung eines so genannten „Gotteshauses“ mit einem Rassisten und Kriegstreiber. Die Forderungen blieben erfolglos, es gab noch nicht einmal irgendeine Reaktion auf unsere e-mails an entsprechende kirchenleitende Büros… Es ist die Angst der Kirche vor den heutigen Hohenzollern, die sich da äußert?  Das wäre wahrlich skandalös. Die Kirche spricht heute manchmal sehr erregt über die Schande des Kolonialismus, der Sklaverei etc., sie hat aber nicht die Kraft, für sich selbst als Kirche daraus sichtbare Konsequenzen zu ziehen… Dann müßte man auch das unselige Kirche-Staat-Bündnis (der Kaiser, König, als oberster Kirchenchef) aufarbeiten…LINK

2.

Die Veränderung des Namens dieser Kirche am Breitscheid-Platz in Berlin ist unabhängig davon, dass dieses Gebäude eigentlich an Kaiser Wilhelm I. erinnern soll. Aber der Beschluss zu diesem Titel kam von Kaiser Wilhelm II. Und im übrigens ist Kaiser Wilhelm I. auch keine so hervorragende, so heiligmäßige Gestalt, dass nach ihm bis heute ein evangelisches Gotteshaus benannt werden darf.

3.

Manche LeserInnen haben uns gefragt, ob denn Kaiser Wilhlem II. wirklich so kriegstreiberisch, so rassistsich war. Ich will nun auf ein Intervies hinweisen zum Thema Kolonialismus und Kaiser Wilhelm II., das im Humboldt Forum im Juni 2023 stattfand. Da gibt es eigentlich keinen Raum mehr für Zweifel. Denn die Worte Kaiser Wilhelm II. sind bekanntlich Taten…

Der Spezialist für dieses Thema, der Historiker Prof. Jonas Kreienbaum (F.U. Berlin), sagte im Gespräch mit Alfred Hagemann (Humboldt-Forum) am 8. Juni 2023:

„Ich glaube, dass der Kaiser im sprachlichen Bereich am deutlichsten zu dem sich entwickelnden Genozid beiträgt. Er ist berühmt dafür, sehr martialisch aufzutreten – auch sprachlich – und das berühmteste Beispiel ist die sogenannte „Hunnenrede“.
Im Grunde fordert er die Soldaten auf: Macht keine Gefangenen! Bringt alle um, auf die ihr trefft, was zumindest an der Grenze zu einer genozidalen Aufforderung liegt.
Ich glaube, dass solche Aussagen bei kolonialen Militärs den Eindruck erweckt haben, an allerhöchster Stelle wird brutales, wenn nicht sogar genozidales Vorgehen toleriert, sogar gewünscht. Und ich glaube, genau auf dieser Ebene trägt der Kaiser dazu bei, einen diskursiven Rahmen zu schaffen, der diesen Völkermord denkbar und dann ausführbar werden lässt.
Zweitens kann man hinzufügen, dass der Kaiser auf einer symbolischen Ebene stark in den Völkermord involviert ist. Ich glaube, das wird nirgends so deutlich, wie wenn wir uns den „Vernichtungsbefehl“ Trothas anschauen. Der unterschreibt ihn nämlich, und das ist kein Zufall, mit der Formel „Der große General des mächtigen deutschen Kaisers“. Diese Vernichtungspolitik wird also im Namen des Kaisers durchgeführt und das ist ganz typisch für den kolonialen Kontext, wo das Deutsche Reich immer wieder in der Person des Kaisers symbolisiert wird.“

Quelle: LINK  

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin   LINK  

Kant – ein Lehrer der Weisheit: Ein Beitrag zu Kants 300. Geburtstag am 22.4.2024

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.10.2023.

– Siehe auch den Hinweis auf einen Beitrag von Christian Modehn: „Der christliche Glaube sollte – so Kant – vernünftig sein“. LINK

– Der Kant Forscher, Prof. Marcus Willaschek, weist in seinem neuen, großartigen Kant- Buch (C.H.Beck Verlag, 2023) ausdrücklich darauf hin (und er unterstützt damit die hier vorgestellte Erkenntnis vor allem von Pierre Hadot): Für Kant war Philosophie eine Weisheitslehre (S. 376): Sie kann „aus der philosophierenden Person im Erfolgsfall einen besseren Menschen machen“ (zit. ebd.).

1.
Die schwierigen Werke Immanuel Kants, können wir sie auch in einem anderen Licht lesen? Sozusagen unter einer neuen Einstellung, die dann die Kant Lektüre erleichtert und sie aus der abstrakten Begriffswelt herausführt?
Es ist das Licht der antiken Weisheit, das uns zeigen könnte: Kant war ein bislang eher wenig bekannter Freund von Sokrates.
Darauf macht Pierre Hadot aufmerksam, der französische Philosoph (1922 – 2010), der große Kenner der antiken Philosophie und der Entdecker der „Philosophie als Lebensform“.

2.
Diese neue Perspektive auf Kant könnte ein Thema sein auch anläßlich des Kant – Jubiläums im Jahr 2024: Kants 300. Geburtstag (geb. in Königsberg) am 22. April 2024 steht bevor, gestorben ist er in Königsberg am 12. Februar 1804.

3.
Der 300. Geburtstag könnte also eine gute Gelegenheit sein, Kant nicht länger (nur) als hoch komplizierten System-Philosophen der berühmten „Kritiken“ vorzustellen, sondern auch als Lehrer von Weisheit, der das Philosophieren als Lebensform wichtiger findet als den Bau von Philosophie als Lehre an der Universität.

4.
Der französische Philosoph Pierre Hadot also hat in seinem Buch „Qu`est-ce que la philosophie antique“ (Paris 1995, Seite 399 ff.), einen „anderen“ Kant vorgestellt. Und zwar eher als Skizze, auf nur 10 Seiten, die dem Überdauern und Weiterleben der antiken Konzeption der Philosophie als Lebensweise gewidmet sind.
Hadot betont die Verbundenheit von Kants Denken mit antiken Philosophien als Weisheitslehren: „Die Philosophie ist (im Sinne Kant) für den Menschen eine Anstrengung zur Weisheit zu gelangen, die aber immer unvollendet bleibt. Das ganze Gebäude der kritischen Philosophie Kants hat nur Sinn unter der Perspektive der Weisheit oder eher des Weisen. Denn Kant hat stets die Tendenz, sich die Weisheit unter der Gestalt des Weisen vorzustellen. Die Weisheit ist für Kant die ideale Norm, die sich allerdings niemals in einem Menschen inkarniert, also ganz Wirklichkeit wird. Aber der Philosoph versucht der Weisheit gemäß zu leben“ (S. 399). So ist Philosophieren nur der immer neue, aber nie vollendete Versuch, der Weisheit zu entsprechen.
Hadot schreibt: „Für Kant ist die antike Definition der Philosophie als „philo-sophia“ (griechisch geschrieben), als Begehren, als Liebe, als Übung der Weisheit immer gültig“ ebd.)

5.
Pierre Hadot meint, Kant stelle sich in die Tradition des Sokrates als eines Suchenden, Fragenden nach der wahren Lebensform: Das Streben nach Weisheit bleibt, so Hadot, im Sinne Kants immer unerfüllt. „Die Philosophie im eigentlichen Sinne des Begriffs existiert also (für Kant) noch gar nicht und wird vielleicht niemals existieren, möglich ist einzig das Philosophieren, das heißt eine Übung der Vernunft“, so interpretiert Hadot die Position Kants (S. 401).

6.
Kant unterscheidet zwei Arten von Philosophie: die eine arbeitet rein begrifflich, sie nennt er Schulphilosophie oder scholastische Philosophie, (S. 402). Sie zielt auf die logische Perfektion des Wissens. Der Philosoph ist dann eine Art Künstler der Vernunft, wie Hadot im Anschluß an die Griechen schreibt. Der Philosoph ist also ein Theoretiker eigener Art, der sich z.B. für die Vielfalt der schönen Dinge interessiert, ohne sich dabei für die Schönheit an sich zu interessieren.
Von dieser nur theoretischen philosophischen Haltung unterscheidet Kant eine „Welt-Philosophie“, eine „kosmische Philosophie“, wie Kant sagt (S. 403) Und diese ist eine ganz andere Art des Philosophierens, sie ist eng mit der Lebenswelt verbunden und den Lebens-Fragen des einzelnen.

7.
Darum ist die Basis der Philosophie Kants die praktische Vernunft, unterstreicht Hadot (S. 405). Kant schreibt in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“: “Alles Interesse ist letztendlich praktisch. Und selbst das Interesse der spekulativen Vernunft ist entscheidend beeinflusst und vollständig nur im praktischen Gebrauch“ (zit. in Hadot, S. 405). Und in dieser Priorität der praktischen Vernunft, der Moral und Ethik, wendet sich Kant an die Menschen, die sich für das moralisch Gute interessieren , die für ein oberstes Ziel optieren, für ein souveränes Gutes.

8.
Hadot skizziert also die innere Verbundenheit Kants mit den Grundanliegen der antiken Philosophie, die Liebe zur Weisheit, das praktische Streben nach einem guten Leben, das Philosophieren als Lebensform. „Am Ende seiner `Metaphysik der Sitten`, schreibt Hadot, schlage Kant sogar eine asketische Ethik vor, in Form eines Exposées  von Regeln zur Übung der Tugend“ (S. 406).

9.
Pierre Hadot beendet seine Skizzen zu Kant als „Philosoph der Lebensform“ : „Ich möchte sagen, dass es einen Primat der praktischen Vernunft über die theoretische Vernunft gibt: Die philosophische Reflexion ist also motiviert und geleitet durch das `was die Vernunft interessiert“, wie Kant sagt, „das heißt durch die Wahl einer Lebensweise“ (S. 410).

10.
Kant als Philosoph, der eine Lebensform vorschlägt und lehrt: Vielleicht ein neuer Gedanke für die Kant-Diskussionen. Manfred Kühn erwähnt Hadot in seiner umfangreichen Studie „Kant. Eine Biographie“ (München 2004) immerhin in einer (!) Fußnote auf Seite 542 (Fn. 18). Bei einer marginalen Notiz zu „Hadot und Kant“ sollte es nicht bleiben. Schon gar nicht, wenn es sich um die Entdeckung von „Kant als Lehrer der Weisheit und Lebensweise“ geht…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Konfessionen, Kirchen, Religionen relativieren – zugunsten einer universalen Vernunftreligion.

Warum Immanuel Kant Frieden stiften könnte … und zu einem Vorschlag des Ägyptologen Jan Assmann.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Hinweis erinnert an Erkenntnisse der Philosophie zur Überwindung dogmatisch – fixierter Theologien bzw. Ideologien in Kirchen und Religionen. Philosophie muss solche Erkenntnisse formulieren, verbreiten und zur Diskussion stellen, selbst wenn die Aussichten auf Erfolg, d.h. praktisch-politischen Respekt,  minimal sind. Aber: Es gibt auch Verpflichtungen vernünftigen Denkens. Daran ist festzuhalten, selbst wenn allgemein menschliche, vernünftige Erkenntnisse von (sich religiös nennenden) Terroristen nicht beachtet werden, wie etwa von der Hamas in ihrem Krieg gegen jüdische Menschen in Israel wie auch gegen muslimischen Menschen („Nicht-Hamas-Freunde“) in Gaza.

ERSTER TEIL: Allgemeine Grundsätze

1.
Die gegenwärtigen (und früheren) Kriege sind auch von Religionen bzw. Theologien motiviert und unterstützt, und mit denen haben sich oft Ideologien des Nationalismus zu einer Einheit verbunden. Es ist immer eine fundamentalistische Form religiösen Glaubens, die zu Aggression, Krieg und Auslöschung des „anderen“ (des Feindes) führt. Diese Aggressionen gegen „andere“ haben auch ihre Wurzeln in den Mythen und Erzählungen („heiligen Schriften“) der monotheistischen Religionen. Das heißt: Religionen und Konfessionen, Kirchen, die behaupten, DIE Wahrheit, also die absolute, für alle gültige Wahrheit zu besitzen, müssen schon aufgrund dieser Ideologie den anderen, den „Nichtglaubenden“ und „Anders-Glaubenden“ aggressiv gegenüber treten und sogar zur Konversion auffordern, wenn nicht zwingen, falls die „anderen“ überleben wollen. Die Missionsgeschichte etwa der Christen und Muslime bietet dafür zahllose Beispiele.

2.
Religiöser Glaube kann zu militantem Wahn, werden: Diese Ideologie (oft Theologie genannt) bezieht sich auf Worte aus den Büchern der „göttlichen Offenbarung“: Diese „Offenbarung“ – Interpretation wird aus Gründen politischer Macht ins Reale, Politische, hineingezogen, also aktuell – wortwörtlich, d.h. fundamentalistisch, verstanden. Dabei sind es Mythen, literarische Erzählungen aus uralten Zeiten, die als „Offenbarungen“ Gottes behauptet werden und nun im 21. Jahrhundert noch wegweisend sein sollen. Und dabei werden die vernünftigen Erkenntnisse der universal geltenden Menschenrechte nicht nur ignoriert, sondern verurteilt und bekämpft.

3.
In unserer pluralistischen Welt kann das Kriterium fürs Verstehen religiöser Traditionen niemals aus der dogmatischen Lehre einer Religionen oder Kirche hergeleitet werden. Deren Horizont ist viel zu begrenzt, dogmatisch und intellektuell viel zu verschlossen, um kritische Erkenntnisse für heute zu befördern. Kriterium für ein Verstehen der Religionen, auch ihrer Mythen, ihrer Erzählungen, ihrer Dogmen und Moral-Lehren, ist darum einzig die allgemeine kritische, den universalen Menschenrechten verpflichtete Vernunft. Diese Einsicht wird aber von den Religionen und Konfessionen im eigenen Interesse verdrängt und verfolgt, aber Theologen ahnen: Nur die Anerkennung eines vernünftigen Kriteriums in der Interpretation der Religionen und ihrer „heiligen Bücher“ befreit vom traditionell etablierten, fundamentalistischen Wahn, der zu Gewalt und Krieg führt.

4.
Der katholische Theologe Hans Küng hat recht, wenn er sagte: „Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen“. Dies ist sein Motto und Programm des Weltethos-Projektes. (vgl.“Projekt Weltethos“, 1980). Aber die Religionen müssen, um friedlich zu werden, den Prozess der Selbstkritik durchlaufen, ehe sie wirksam zu Frieden auffordern können. Die Religionen und Kirchen müssen selbst friedlich werden und tolerant, ehe sie selbst glaubhaft und wirksam Frieden stiften können. Sonst bleibt es bei den üblichen, hundertfach bekannten Dialog-Debatten prominenter religiöser Führer und den Aufrufen zu Gebeten für den Frieden. Mit dem Friedensgebet wird – etwa von Päpsten bis heute – unterstellt: Ein persönlicher Gott im Himmel hört die Gebete der Frommen und wirkt dann als Gott je nach Belieben Wunder, die den Frieden bringen. Manche fragen sich:
Wie soll sich Gott bloß entscheiden, wenn etwa im 1. Weltkrieg deutsche Katholiken für den Sieg Deutschlands, französische Katholiken für den Sieg Frankreichs beteten. Aktuellere Beispiele für ein solches nationalistisches Gebets-Verhalten gibt es es viele.

5.
Wenn die Ideologien (Theologien) der Religionen und Konfessionen so bleiben wie sie sind, also sich fundamentalistisch äußern und entsprechende gläubige Zustimmung in der jeweiligen Bevölkerung finden, kann es keinen Frieden unter den kulturell und religiös verschiedenen Menschen geben.

6.
Die entscheidende Frage also heißt: Können heutige, sich selbst absolut setzende Religionen lernen und sich neu orientieren, indem sie auf ihre vertrauten dogmatischen Bestimmungen verzichten oder diese nach Grundsätzen der allgemeinen humanen Vernunft interpretieren?

7.
Nur eine radikale Reform der Inhalte (Theologien, Ideologien) aller Religionen kann zum Frieden führen. Und Reform heißt: Radikale Reduzierung der Dogmen, historisch-kritische Lektüre der so genannten heiligen Schiften: Sie können gar nicht „Wort“ eines in die Welt reinredenden Gottes sein, sondern sie sind bunt gemischte, vielfältige, zum Teil widersprüchliche religiöse Poesie einer bestimmten Zeit.

ZWEITER TEIL: Über Immanuel Kants Vorschläge

Kant
Kant

8.
In seiner „Religionsschrift“, „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793, 2. Auflage schon 1794, nach dieser Ausgabe wird, wie üblich, mit „B“ versehen, zitiert), setzt sich Immanuel Kant kritisch, mit den dogmatisch bestimmten christlichen Kirchen („Kirchenglauben“, B 253) auseinander. Er zeigt, wie diese Kirchen vom abgehoben herrschenden „despotischen“ Klerus (B 277) bestimmt sind, wie die Glaubenden in ihrer religiösen Praxis zum Aberglauben und Wunderglauben geführt werden, wie dieser Kirchenglaube insgesamt die Menschen unfrei macht („in eine Beherrschung der Mitglieder der Kirche führt“ B 251).

9.
Weil die dogmatischen, von „Statuten“ (wie Kant sagt) bestimmten Kirchen die göttliche Wirklichkeit nach außen, in die „Ereignis – Geschichte“, auch in die Mythen und Erzählungen versetzen und die göttliche Idee eben nicht im Innern der allgemeinen Vernunft suchen (B 255), kommt es zum ständigen Streit und Kampf über die richtige Interpretation all dieser äußeren, angeblich göttlichen Gegebenheiten. Jede Kirchen hält sich, so Kant, „für die ein(z)ige allgemeine Kirche“ (also die allein selig machende, CM), deswegen wird „der, welcher ihren besonderen Kirchenglauben gar nicht anerkennt, von ihr ein Ungläubiger genannt und von ganzem Herzen gehasst“ (B 155, 156). Kant spricht dann weiter von Irrgläubigen und Ketzern, die als Abweichler von den jeweiligen Kirchen bestraft und ausgesondert werden.
Kant nennt diese allgemeine kirchliche Verirrung „Religionswahn“, der im Aberglauben gründet. Dieser kirchliche Aberglaube ist völlig dem „wahren, von Gott selbst (in der Offenbarung durch die Vernunft, CM) geforderten Dienst (der Nächstenliebe) entgegen“ (B 256). Es geht Kant um die Anerkennung der Erkenntnis: „Die Erfüllung aller Menschenpflichten ALS göttlicher Gebote, ist es, was das Wesentliche aller Religionen (!) ausmacht“ (B 158). „Das Lesen der heiligen Schriften oder die Erkundigung nach ihrem Inhalt, hat zur Endabsicht, bessere Menschen zu machen“ (B 161). Dies ist das „oberste Prinzip aller Schriftauslegung“ (ebd.) Es kommt darauf an, beim Studium des auf Geschichte und heilige Bücher fixierten Kirchenglaubens zu entdecken, „was darin eigentliche Religion (also Vernunftreligion, CM) ist“ (B 162).
Der Vernunftglaube lebt also bereits fragmentarisch in den einzelnen Religionen, wie sollte es auch anders sein, ist Religion immer auch unvollständiger und weithin unvernünftiger Ausdruck des menschlichen Geistes bzw. der Vernunft…

10.
Nebenbei: Kant erwähnt in Fußnoten auch den „Mohammedanismus“ (B 285, Fn. 1), „Er findet in den Siegen und der Unterjochung vieler Völker die Bestätigung seines Glaubens…“ Für den „jüdischen Glauben“ (B 186) sieht Kant die entscheidende Mitte in dessen Fixierung auf „bloß statutarische (also äußerliche, historisch gegebene Satzungen, CM) Gesetze“ (B 186).

11.
Ein Ausweg aus dem konfessionalistischen Religionswahn (den Kant zur Zeit König Friedrich Wilhelm II. in dessen Schikanen und Zensurbestimmungen erlebte,) sieht Kant in der Förderung einer allgemeinen, alle „wohldenkenden Menschen“ betreffenden „unsichtbaren Kirche“ (B 271). Diese unsichtbare, d.h. institutionell nicht wahrnehmbare, aber geistig lebendige Kirche entwickelt aus der allgemeinen Vernunft drei in der Sicht Kants evidente Grundsätze: Den Glauben an einen göttlichen Schöpfer der Welt, die Überzeugung von der Freiheit eines jeden Menschen und die Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele des Menschen. Diese allgemeine, „alle Menschen betreffende Vernunftreligion muss auf Vernunft gegründet sein“ (B 163).

12.
Das Erstaunliche ist: Kant „plädiert für eine „allgemeine Weltreligion“ (B 255). Dieser Vorschlag einer allgemeinen Menschheits- Religion entspricht der Idee der „unsichtbaren Kirche“, wie Kant sagt, also der Kirche aller „Wohlgesinnten“, die eine „wahre alleinige Religion“ leben. Diese Religion wird nicht durch äußere Offenbarung vermittelt, sie „offenbart sich im Menschen durch reine Vernunft“ (B 255). „Der reine Vernunftglaube beweist sich selbst“ (B 194), er ist also für jeden Menschen evident.

13.
Aber noch besteht, sagt Kant, der fest etablierte Kirchenglaube. Deswegen vollzieht sich der Übergang zur allgemeinen Vernunftreligion langsam (B 181), die als Vernunft aber auch einen ethischen vernünftigen Staat aufbauen will. „Die wirkliche Errichtung eines ethischen Staates auf Erden als Ziel (den Kant sogar wörtlich als göttlich qualifiziert, B 181) „ist noch in unendlicher Weite von uns entfernt“ (ebd.).

14.
Kant zeigt sich trotz der Repressionen in Preußen zu der Zeit in seiner Religionsschrift durchaus explizit kritisch, wenn nicht polemisch gegenüber der einzelnen dogmatisch – historisch gebundenen Religionen, Konfessionen, die ja Staatsreligionen – von Königen geleitet – damals waren. Von seinem Ziel wird er nicht müde zu sprechen: „Die universale Religion des guten Lebenswandels ist das wahre Ziel des religiösen Menschen, wenn dereinst, so die Hoffnung bzw. Utopie, der Kirchenglaube überwunden ist (vgl. B 269). Erst dann wird Frieden eintreten und die Menschen mit viel weniger Entfremdung leben können…

Dritter TEIL: Moses Mendelssohn und die Vernunftreligion

15.
Immanuel Kant kannte bereits die Publikation des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn (1729-1786) mit dem Titel „Jerusalem. Über religiöse Macht und Judentum“. Kant schrieb einen Brief an Mendelssohn am 16.8.1783, kurz nach Erscheinen des Buches. Kant ist voller Bewunderung für Mendelssohn Vorschlag. Worum geht es?
Für den Forscher der Religionsgeschichte der monotheistischen Religionen, den Ägyptologen Jan Assmann, bietet hier Moses Mendelssohn den entscheidenden Unterschied „zwischen den partikularen Religionen wie Judentum, Christentum, Islam einerseits und der allgemeinen Menschheitsreligion (mit ihren von sich aus evidenten Vernunftwahrheiten, CM) andererseits.“ Und Mendelssohn versteht diese Vernunftreligion als eine allen Menschen gemeinsame, auf ihrer gemeinsamen Teilhabe an Gottes Schöpfung beruhende Religiosität. Jeder Mensch gehört demnach zwei Religionen an. Einer bestimmten und angestammten Religion, in die er hineingeboren oder zu der er konvertiert ist, und der allgemeinen Menschheitsreligion. Diese doppelte Mitgliedschaft stiftet, wenn die Menschen sich ihrer nur bewusst werden, Anerkennung und Frieden zwischen den Religionen“ (Jan Assmann, „Totale Religion“, Wien 2016, S. 166).
ABER: Wer sorgt für einen Sieg der Vernunftreligion, wer fördert diese Menschheitsreligion, wo wird sie wie gelehrt in allen Ländern? Dies ist die entscheidende Frage, gerade jetzt.

VIERTER TEIL:  Jan Assmann und die „religio duplex“

16.
In seinem Buch „Totale Religion“ spricht Jan Assmann von der „Religio Duplex“, der doppelten religiösen Bindung, die Menschen leben sollten: Einerseits die Bindung an eine bestimmte Konfession, in der man möglicherweise als Kind erzogen wird.Und der allgemeinen Vernunftreligion, die einige wenige vernünftige religiöse Prinzipien artikuliert. Diese allgemeine Vernunft ist universal für alle Menschen und deswegen wichtiger als die Bindung an die enge, historisch-dogmatische Konfession, in der man groß geworden ist. Und Assmann erinnert auch (S. 172) an die „Goldene Regel“ („Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“): „Niemand sollte sich unter Berufung auf religiöse Vorschriften bereitfinden, anderen anzutun, was er selbst sich nicht antun lassen will“, so übersetzt Assmann diese uralte, allen Religionen bekannte „Goldene Regel“ in die heutige Problematik.
Assmann weist darauf hin, dass Gandhi diese religiöse Doppelstruktur im Bewusstsein des einzelnen Frommen schätzte: „Alle konkreten Religionen zielen auf die eine, noch versteckte Religion der Wahrheit“ (Assmann, „Monotheismus unter Gewaltverdacht“, S. 259). Diese Religion hat mystischen Charakter, betont Assmann, mit ausdrücklichen Bezug auf Jacob Böhme.

17.
Ein Ausweg aus den Formen des militanten religiösen Fundamentalismus könnte auch die Akzeptanz der „Ringparabel“ sein, wie sie Lessing populär gemacht hat, auch darauf weist Jan Assmann hin. Der echte Ring der drei Ringe (Religionen) ist gar nicht zu erweisen. Assmann schreibt: „Das heißt ja nicht, dass es keinen echten Ring gibt und alles nur Einbildung ist, sondern dass die Echtheit des Rings eine Sache des Glaubens und der tätigen Liebe , aber keine Sache des sicheren Besitzes ist. Es gibt die Wahrheit und es gibt Offenbarung, aber da es mehr als eine gibt, bleibt die absolute Wahrheit verborgen“ (Assmann, „Monotheismus unter Gewaltverdacht“, 2015, S. 255). Und in demselben Beitrag kommt Assmann auch auf die Religion Duplex zurück: „Der Preis dieser Theologie ist die behutsame Zurücknahme des harten Offenbarungsbegriffes, d.h des absoluten Wahrheitsanspruches einer bestimmten Offenbarung, ihr Gewinn ist die Entschärfung des interreligiösen Konflikts“ (S. 258).

18.
Es ist wohl eine Niederlage der Vernunft, dass diese hier erinnerte Möglichkeit einer Kultur, also dieses Wissens von der Relativität der eigenen religiösen Bindung, aus unserer Zivilisation und aus den Köpfen der Politiker verschwunden ist … bzw. ignoriert wird, gerade weil es nationalistische Machtinteressen stört. Wir leben also in einer Welt, in der Nationalismus, Fundamentalismus, Festhalten an sozialer Ungerechtigkeit die obersten Götter sind. Kant sagt in der“ Religionsschrift“: „Der Eigennutz ist der Gott dieser Welt“ (B 243)… Insofern ist unsere Welt polytheistisch … Der Monotheismus, heute interpretiert, findet sich in der friedensstiftenden universalen Botschaft der Menschenrechte. Ihr Text sollte in den religiösen Veranstaltungen der verschiedenen Religionen genauso oft verlesen und gedeutet werden wie die Bibel des Alten und Neuen Testaments oder des Korans. Warum soll denn nur die Bibel oder der Koran als heilige Buch der Juden, Christen und Muslims gelten? Wenn schon diese Religionen von einem handelnden und „sprechenden“ Gott reden, warum soll dieser Gott nicht auch in universal geltenden vernünftigen Menschenrechten „sprechen“ und sich gerade so – für die Frommen – als der lebendige Gott erweisen? Sind nicht die Menschenrechte Ausdruck eines säkularen Monotheismus?

19.

Siehe auch das Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb (Berlin, + 2023) über das Thema: „Die Menschenrechte Bekenntnisgrundlage einer universalen Religion?“ LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Herrschaft von Wahn und Aberglaube in einem polnischen (schlesischen) „Heil-Ort“

Über den Roman „EMPUSION“ von Olga Tokarczuk.  Von ihr eine „Schauergeschichte“ genannt.

Ein Hinweis von Christian Modehn und Hartmut Wiebus am 4.Okt. 2023

1.
Der neue Roman Olga Tokarczuks (Nobelpreis für Literatur 2018) hat den Titel „Empusion“, ein Wort, das sich auf Empusia bezieht, eine weibliche Spukgestalt der griechischen Mythologie und auf Symposion, also das Treffen der alten Griechen zum Umtrunk. Der Untertitel des Buches: „Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte“.

2.
Dass „Schauergeschichte“ hier nicht im Sinne eines „Gruselromans“ zu verstehen ist, muss wohl nicht betont werden. Es ist ein Roman, der – vor dem 1. Weltkrieg – in dem schlesischen Lungen-Heil-Ort Görbersdorf angesiedelt ist. Dort wird eine Clique alter kranker, ewig parlierender Männer vorführt: So wurden bei manchen Kritikern Assoziationen geweckt an Thomas Manns „Zauberberg“. Aber diese Verbindung muss man nicht vertiefen, sie ist überhaupt nicht zentral.

3.
Entscheidend ist es wahrzunehmen, dass in diesem Lungen-Heil-Dorf das Unheil anwesend ist und zwar gewalttätig. Da gibt es einerseits die uralte, zwanghafte auch religiös gefärbte Volkstradition der Dorfbewohner im Verbund mit den im Wald lebenden Köhlern: Immer im November einen Mann in den Wald zu entführen und ihn dort abzuschlachten. Das ist wie eine Art Selbstverständlichkeit! Dadurch soll offenbar der Natur ein Opfer dargebracht werden. Von diesem Wahn des Mordens und Opferns können sich die Bewohner nicht lösen. Sie sind zwanghaft besessen.

4.
Zwanghaft denken auch die älteren Männer, die im Sanatorium von ihrer Lungenheilkrankheit geheilt werden wollen. Sie sind auch geistig krank, total verdorben in ihrem immer wieder öffentlich in „geselliger Runde“ artikulierten Hass auf „die“ Frauen: Sie gelten als Geschöpfe zweiter Klasse, zu Hilfsdiensten bestenfalls geeignet und als Gebärende und Hausfrauen wichtig … und als „Nutten“. Die übelsten Beschimpfungen auf Frauen werden von diesen kranken Männern geäußert in den Stunden der Langeweile, die sich immer mit mehreren Gläsern Schnaps versorgen. Und der Schnaps hat den bezeichnenden Titel „Schwärmerei“, so werden die Schleusen des Unbewussten geöffnet, es wird tiefsitzende, kulturelle Schmutz, den Frauenhass, herausgespült. Die Herren beginnen zu „schwärmen“ und geistig wegzuschweben… Und keiner wehrt sich dagegen oder hat gar ein schlechtes Gewissen.

5.
In dieser Gesellschaft, beherrscht von einem doppelten Wahn (Tötungsritual und Frauenhass), ist die Hauptperson der junge polnische Student Mieczyslaw Wojnicz. Er leidet nicht nur unter Lungenbeschwerden, er fühlt sich total ausgegrenzt, weil sein männlich wirkender Körper bei näherer Betrachtung (also nackt) weibliche Geschlechts-Identitäten aufweist. Diesen besonderen, eher seltenen Status seines Körpers kann der junge Student überhaupt nicht akzeptieren, er schämt sich und ist dabei verzweifelt. Erst der psychoanalytisch gebildete Arzt in der dortigen Klinik hilft ihm, das eigenen Anderssein anzunehmen, nicht als Last irgendeiner Behinderung, sondern als normalen Ausdruck für die Vielfalt menschlichen Daseins. Auf Seite 341 finden sich großartige Worte des modernen Arztes mit dem bezeichnenden Namen „Doktor Semperweiss“. Es sei normal, dass es Menschen außerhalb der üblichen Schwarz-Weiss-Einteilungen gibt“, Menschen „in der Welt des Dazwischen“. Aber absolut gleichwertig!

6.
Der Doktor befreit den jungen Studenten von den falschen Ideen des „ausgegrenzten, kranken Anderen“, Wahn-Ideen, die die herrschende Gesellschaft ihm einimpfte. Und denen er bisher gehorsam folgte…
Aber Schlimmes muss der junge Mieczyslaw Wojnicz nach seiner seelischen Befreiung noch überstehen: Er wurde von den wahnsinnigen Dorfbewohnern im Verbund mit den Köhlern ausersehen, als November-Opfer abgeschlachtet zu werden. Nur eine Art Naturwunder rettet den jungen Mann, kurz vor der Tötung und Zerstücklung im Wald: Die mordenden Köhler, der Natur als Gewalt gegenüber gläubig, fliehen vom Ort ihrer Untat und lassen das überlebende Opfer zurück.

7.
Ins Gästehaus der Patienten zurückgekehrt, sucht sich der junge Mann neue Kleider: Er findet sie in den Schränken der verstorbenen Gattin des Gästehaus-Chefs (war es Tod durch Suizid oder Mord?). Er probiert also Schuhe, Wäsche, Kleider …. alles passt: Mieczyslaw Wojnicz kann sich auch äußerlich eine neue Identität zugelegten. Er ist von jetzt an Klara Opitz. Als Frau verlässt er/sie an Seele und Leib geheilt das Dorf des Unheils.

8.
Man sollte den Roman „Empusion“ lesen als Plädoyer für die Rechte der sexuellen Diversität. Und das ist zumal im heutigen Polen alles andere als selbstverständlich, bei der reaktionären, katholisch-nationalistisch geprägten PIS-Regierung gilt nur das Gesetz: entweder Mann oder Frau, selbst Homosexuelle haben in diesem verrückten System der polnischen PIS Leute keinen Platz. Und dieses Polen gehört zur EU, erhält Milliarden von der EU und kann inhumane Praktiken und Ideologien im eigenen Land verbreiten. Man bedenke, dass Polen das unerhörteste, rabiateste Anti-Abtreibungsgesetz der Welt hat. Die Pro-life Katholiken jubeln, etwa im Umfeld des reaktionär antisemitischen katholischen Medien-Imperiums Radio Maryja.
Wie viel Wahn hat der katholische Glaube etwa in Polen erzeugt: Die heilige Jungfrau Maria wird tausendfach verehrt, aber den Frauen in Not wird jede Hilfe und jede Selbstbestimmung verweigert. Was ist das für eine Kirche, was ist das für ein sich christlicher nennender Glaube? Wagt der Papst, diesen machtvollen Club polnischer PIS Katholiken öffentlich zu verurteilen? Dies ist uns nicht bekannt.

Olga Tokarczuk, Empusion. Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte. Kampa Verlag, 383 Seiten,

Copyright: Christian Modehn und Hartmut Wiebus, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der christliche Glaube ist einfach und vernünftig. Die radikalen Vorschläge des Immanuel Kant.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 15.9.2023

Siehe auch die weiteren Überlegungen zur Religionsschrift Kants LINK 

Ein notwendiges Vorwort:
Kann ein religionskritisches Buch aus dem Jahr 1793 heute wichtig, weiterführend und hilfreich sein? Diese Frage wird in dem folgenden Hinweis diskutiert. Und, das soll jetzt schon gesagt werden, bejaht. Denn ohne eine radikale Vereinfachung der Lehren und Dogmen des Christentums, von Kant vorgeschlagen, bleiben die Kirchen fundamentalistische Vereinigungen naiver Frommer (Evangelikale, Pfingstler) oder sie bleiben erstarrte hierarchische Machtapparate des männlichen Klerus wie im Katholizismus und in der Orthodoxie.

In der Gegenwart behaupten sehr viele Kirchenführer, Theologen und etliche „Laien“, etwa im Katholizismus, die tiefgreifende Kirchenkrise sei nur eine Strukturkrise.
Aber es ist die Lehre, die Doktrin, die Dogmatik der Kirche selbst, die damals wie heute zumal die Kritischen, die Nachdenklichen aus der Kirche treibt.

Für Kant ist die christliche Religion etwas Einfaches: Sie entsteht in der Vernunft des Menschen selbst, ist also nicht auf äußere Offenbarungen und kirchliche Institutionen angewiesen. Sie ist die weltweite „unsichtbare Kirche“ der Menschen guten Willens, wie Kant sagt. Diese Vernunftreligion lehrt: Entscheidend ist einzig die Verbundenheit mit Gott sowie die absolute Hochschätzung der humanen ethischen Praxis, und das ist die Nächsten – Liebe und die (nicht – egoistische) Selbstliebe.

Ein einfaches Programm also, das aber alles andere als schlicht ist, es hätte Potential, das Zusammenleben der unterschiedlichen Menschen friedlicher und gerechter zu gestalten. Denn dass dogmatisch geprägte Kirchen heute (wie früher ständig) Kriegstreiber sind und die Nation als Gott verehren, sieht man aktuell an der russisch orthodoxen Kirche mit ihrem Putin-Ideologen und ehem. KGB Mann, dem Patriarchen Kyrill I. an der Spitze.

Ein einfacher Vernunftglaube im Sinne Kants könnte eine Inspiration sein: Für die aus den Kirchen „Ausgetretenen“ wie auch für die in den Kirchen noch Verbliebenen, also eine Anregung zu einer „anderen Spiritualität“.
Dass dieser Wunsch ein utopischer bleiben wird, liegt etwa an der Verbissenheit des römisch-katholischen Kirchensystem, das jedes der vielen Dogmen aus der langen Kirchengeschichte für unaufgebbar hält und verteidigt. Etwa wenn Papst und Bischöfe meinen: Besser ist es, hundertmal das Dogma der Erbsünde oder der Trinität zu drehen und zu wenden und dann aber das Dogma als solches zu behalten … als zu sagen: Wir legen Dogmen als verstörende Mythen jetzt beiseite und suchen andere, vernünftig argumentierende Erklärungen, etwa für das Übel in der Welt oder für einen Gott, der nur „berührt“, nicht aber umfassend („trinitarisch“) definiert werden kann…

Hinzu kommt als Problem, dass heute sehr viele kirchlich gebundene Menschen ihren Glauben für etwas Mysteriöses, Wunderbares, Außergewöhnliches, Gefühlvolles halten bis hin zum frommen Trallala ziemlich banaler Gesänge (viele Weihnachtslieder!) und einen einfachen rationalen Glauben als intellektuelle Überforderung abweisen. Religion ist für diese Menschen dann doch noch „Opium des Volkes“. Opium aber legt die Vernunft still und führt zur Halluzinationen. Aber diese Religion ist bequemer, als die rationale Vernunftreligion.
Eine Vernunftreligion weiß die religiös geprägten Kulturen als ästhetische Leistungen zu schätzen, Musik, Kathedralen, Gemälde usw… Sie schätzt diese kulturellen Formen religiösen Ausdrucks, ohne zu behaupten, sie seien der beste und einfachste Weg zur Gotteserfahrung.

Diese Probleme sind aber überhaupt kein Grund, auf die Darstellung einiger Grundideen der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Immanuel Kants zu verzichten und nachvollziehbar zu erklären, denn die Lektüre seines Werkes ist durchaus sehr anspruchsvoll.

Die Zitate Kants im folgenden Text sind der Ausgabe „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ des Felix Meiner-Verlages, Hamburg 2003, entnommen, herausgegeben und mit einer Einleitung und Anmerkung versehen von Bettina Stangneth.

……………

1.
Immanuel Kant hat sein Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ 1793 in Königsberg veröffentlicht. Es wird oft nur „Religionsschrift“ genannt.

2.
Es geht Kant, der sich hier „philosophischer Religionsforscher“ nennt (S. 15), um die Frage: Wo sich „Gott als Idee“ im menschlichen Leben zeigt und in welcher Weise bzw. in welchen Strukturen sich Menschen auf Gott beziehen.

Der Ort, wo die Frage nach Gott auftaucht, ist für die Kant das vernünftige moralische Leben. „Diese Idee (Gott) geht aus der Moral hervor“, schreibt Kant gleich in der Vorrede der ersten Auflage, Seite 6. Die Gotteserfahrung und die „Kirchenfrage“ stellt sich also in der praktischen Philosophie, in der Ethik und nicht in der „theoretischen Philosophie“, wie der „Metaphysik“ als der „Disziplin“ theoretischer Philosophie.

3.
Dabei betont Kant im Vorwort zur 2. Auflage von 1794, dass sein Buch beim Leser nicht die Kenntnis seiner früheren großen Werke („Kritik der reinen Vernunft“, „Kritik der praktischen Vernunft“ usw.) voraussetzt. „Es bedarf, um diese Schrift zu verstehen, nur der (all)gemeinen Moral…“ (S. 16)

4.
Zur Geschichte dieses Buches hat die Philosophin Bettina Stangneth eine ausführliche Einleitung verfasst. Sie zeigt, unter welchen widrigen Bedingungen im damaligen Preußen Kant sein Buch veröffentlichte. Bettina Stangneth erinnert an das spinöse religiöse Denken König Friedrich Wilhelm II. (König von 1786 – 1797), der sich von spiritueller Schwärmerei nicht befreien konnte und entsprechende protestantische Pfarrer in seiner Umgebung förderte. Kant spricht deswegen in seiner Schrift von „Pfaffen“. Die „Religionsschrift“ zu publizieren war dann ein mutiger Entschluss. Kant schätzte es, in die große Öffentlichkeit – etwa durch Zeitschriftenbeiträge – zu treten. Seine “Religionsschrift“ wurde in den folgenden Jahren heftig diskutiert.

5.
Der Titel der Religionsschrift sollte in einer Umschreibung übersetzt werden: Es geht um die Leistung der philosophisch reflektierten Vernunft, der Religion (den Religionen, vornehmlich aber dem Christentum und seinen Kirchen) durch die kritische Vernunft gebotene Grenzen zu ziehen, um Religionen vor „Wahn“, wie Kant sagt, und Unsinn zu bewahren. Es geht also darum, mit entsprechenden vernünftigen philosophischen Kriterien den Unterschied zu zeigen zwischen einer allgemein menschlichen, also einer sich in der Vernunft offenbarenden Religion und einer bloß behaupteten, sich geoffenbart nennenden Religionslehre, die aus frühen Zeiten stammt und mit zahllosen Dogmen ausgestattet ist.

6.
Diese „Religionsschrift“ enthält vier Kapitel. Wir beschäftigen uns hier mit dem vierten Kapitel, „Viertes Stück“ von Kant genannt, mit dem Titel: „Vom Dienst und Afterdienst unter der Herrschaft des guten Prinzips, oder: Von Religion und Pfaffentum“.
Das zu Kants Zeiten offenbar übliche Wort „Afterdienst“ bedeutet in dem Zusammenhang: Eine Form des Aberglaubens, der phantasierten Frömmigkeit, um Gott zu gefallen und Gott wie einen netten Partner zu Gunsten der Menschen zum Handeln zu bewegen…Kant selbst übersetzt diesen heute seltsamen Begriff Afterdienst mit „Superstition“, also Aberglaube (S. 232).

7.
Entscheidend ist die Unterscheidung Kants: Es gibt faktisch eine Vernunftreligion und eine durch eine Offenbarung („heiliges Buch“) organisierte, kirchliche Religion des Christentums.

8.
Diese kirchliche Religion beruht auf Satzungen, Dogmen, Vorschriften, die von bestimmten Menschen gemacht werden als Interpreten der göttlichen Offenbarung, die sich in der Bibel ausdrückt. Diese Kirchen werden von „gebietenden hohen Beamten geleitet“, wie Kant ausdrücklich sagt, (S. 222), offenbar auch in Erinnerung an die Repressionen, die Kant durch hohe kirchliche Beamte in Preußen erfahren hat. Selbst wenn diese gebietenden hohen Beamten im Protestantismus noch etwas moderater erscheinen mögen als die katholischen Kirchenbeamten (Kleriker): Auch die protestantischen Kirchenbeamten verstehen sich, so Kant, als „alleinige berufene Ausleger der heiligen Schriften“. Sie deuten die Schrift nur im Gehorsam zum offiziellen Kirchenglauben und verleugnen dabei „die reine Vernunftreligion“. Sie „berauben“ dabei diese Vernunftreligion ihrer Würde. Denn die Vernunft sollte in der Sicht Kants „die höchste Auslegerin der heiligen Schrift“ sein (S. 222). Diese Funktion ignorieren die fundamentalistischen Bibel-Enthusiasten… Denn alle Menschen als Vernunftwesen haben Anteil an der allgemein-menschlichen Vernunftreligion, die deswegen versteckt und implizit auch in den Kirchen-Religionen steckt, aber die Kirchen unterdrücken diesen Vernunftaspekt. Darum ist die kirchlich verfasste Religion kein „Dienst“ an den Menschen, sondern eine, so wörtlich, „Beherrschung“ (S. 222). Kant spricht von „Fronglauben“ (etwa S. 253), also einem erzwungenen, leidvoll zu lebenden Glauben.

9.
Die kirchliche Religion beruft sich auf Jesus als den Sohn Gottes. Kant hingegen interessiert sich nur für den Menschen Jesus als einen Lehrer: In Kants Sicht lebt und verkündete Jesus eine einfache, eine vernünftige Religion. Im Sinne Kants also eine Religion, die in der vernünftigen Moral gelebt wird (S. 225) und dort ihren absoluten Mittelpunkt hat.
Jesus zeigte als menschlicher „Lehrer“, dass die Religion „in uns“ ist, also in der Vernunft, der Seele und vor allem im Gewissen der Menschen ihren Ort hat. „Zuerst will Jesus, dass nicht die Beobachtung äußerer bürgerlicher oder nur Kirchenpflichten den Menschen Gott wohlgefällig machen könne, sondern allein die reine moralische Herzensgesinnung“ (S. 214).

10.
Die Gemeinde, die Kirche, machte aus dieser einfachen Jesus-Religion dann eine „statuarische Religion“, wie Kant sagt, also eine von Statuten und Dogmen geprägte Kirche. Die Glaubenden im Sinne der Kirche sollen bestimmte historisch entstandene Kirchen-Lehren glauben, Lehren, „die außer uns Menschen“ (S. 225) sind, d.h. einen fremden und befremdlichen, unfreien und nicht eigenen, inneren Charakter haben.

11.
Den Kirchenglauben, „den statuarischen Kirchenglauben“ der Dogmen verurteilt Kants scharf: „Diesen statuarischen Glauben nun wesentlich für den Dienst Gottes überhaupt zu halten und ihn zur obersten Bedingung des göttlichen Wohlgefallens am Menschen zu machen , ist ein Religionswahn“ (S. 226).
Dieser Dogmenreligion folgend werden dann vom Klerus wundersame Dinge behauptet: Etwa werden Wunder propagiert und für göttlich gehalten, es entsteht die Bereitschaft, Gott durch eigenen Verzicht und Opfer eine Freude zu machen, ihn wohlgestimmt zu halten, es wird das Bedürfnis nach Feierlichkeiten und der Hochschätzung des Klerus erzeugt…für Kant sind das Aktivitäten, die vom wahren Gottesbezug ablenken und einem Leben gemäß Gottes einfachen Weisungen der Liebe widersprechen.

12.
Für den Vernunftglauben im Sinne Kants geht es ausschließlich um die tatsächlich praktizierte Nächstenliebe und die Liebe zur göttlichen Idee. Diesen einfachen Grundsatz der Vernunftreligion hält Kant für evident, dieser Glaube ist in sich selbst klar und unabweisbar für jeden Menschen, immer und überall. Dabei folgt Kant seiner Interpretation des Lehrers Jesu von Nazareth: „Jesus fasst alle Pflichten in einer allgemeinen Regel zusammen: Liebe Gott als den Gesetzgeber aller Pflichten über alles und liebe einen jeden Menschen so wie dich selbst, das bedeutet: befördere ihr Wohl aus unmittelbarem, nicht von eigennützigen Triebfedern abgeleiteten Wohlwollen“ (S. 216).
Wer dem ethischen kategorischen Imperativ entspricht, kann sich nicht egoistisch zurückziehen, er kann nicht passiv bleiben, sondern soll sich tätig für die anderen einsetzen. Diese Vernunftglaube führt also auch zum politischen Handeln.

13.
„Es gibt nur eine Religion des guten Lebenswandels“ (S. 236). Diese Religion, die als humane ethische Praxis, dem Kategorischen Imperativ verpflichtet, ist eine universale Menschheits – Religion, sie ist das eigentliche Ziel aller Entwicklung der sich auf Offenbarungen und Kirchenglauben beziehenden Religionen: Die universale Religion des guten Lebenswandels wird sich, so hofft Kant, eines Tages durchsetzen.

14.
Die Menschen, die der Religion des guten Lebenswandels bereits entsprechen und in aller Welt leben, bilden für Kant eine „unsichtbare Kirche“. Es sind Menschen, die Kant die „Wohldenkenden“ nennt (S. 238). Sie folgen einzig dem Gewissen als der „sich selbst richtenden moralischen Urteilskraft“ (S. 251). Der wahre Gottesdienst ist also die dem Gewissensurteil entsprechende gute Tat, gelebt in guter Gesinnung. Eine solche Entscheidung stärkt den Menschen … und weckt die Hoffnung auf eine Unsterblichkeit der Seele.

15.
Ganz anders die faktische existierende (Staats)Kirche mit ihren Pfarren und Kirchengebäuden: Kant meint: Durch kirchlichen Kultus dieser real existierenden Kirche kann sich der Mensch nicht in das gewünschte wahre Verhältnis zu Gott bringen. Teilnahme an den Gottesdiensten in den Kirchen hat aber nur Sinn als Stärkung des Gemeinschaftsgefühls der Glaubenden, sie fördert die Erbauung des einzelnen (S. 268). Und Gebete sind keine Mittel, Gnade bei Gott zu finden. Im persönlichen Gebet drückt der Mensch für sich selbst, als Bestärkung auf seinem Weg, nur seinen Wunsch aus: „Gott in allem Tun und Lassen wohlgefällig zu sein“ (S. 264), dabei soll Gott nicht beeinflusst werden, sondern nur die eigene ethische Gesinnung Stärke und Bekräftigung finden.

Andachtsübungen und Liturgien bewirken also nicht das ethisch gute und das heißt religiös wertvolle Leben. Die Frommen machen sich alle etwas vor. Und der Klerus der europäischen Kirchen ist für Kant so viel wert wie die Priester und Weisen in den Volks-Religionen. „Etwa der europäische Prälat, der sowohl über die Kirche als auch über den Staat herrscht, unterscheidet sich nicht von einem Schamanen bei den Tongusen“, (offenbar ein Südseestamm, meinte wohl Kant). So fasst Manfred Kühn einen Aspekt von Kants Kirchenkritik zusammen. (Manfred Kühn, „Kant. Eine Biographie“, München 2004, S. 430.)

16.
Kants Plädoyer für die unsichtbare Kirche der philosophisch evidenten Vernunftreligion ist durchaus zeitgemäß: Die Vernunftreligion ist eigentlich schon jetzt ein Glaube, der in allen Kulturen und natürlich auch außer – christlichen Religionen lebendig ist. Kant spricht auch kurz vom Judentum, vom Hinduismus und von den „Mohammedanern“, deren Glaubenszentrum sieht er – im Blick auf die Geschichte – vor allem in der aus dem Glauben entspringenden „Unterjochung anderer Völker“ (S. 248, Fußnote).

17.
Kant hat den Kirchenglauben von einer philosophischen Sicht aus heftig kritisiert, aber nicht bekämpft. Er sah durchaus, dass einzelne Menschen sich im Vollzug der Kirchen-Religion doch eines Tages der humanen Vernunft-Religion annähern können. Bisher ist diese Erwartung Kants nicht umfassend in Erfüllung gegangen.

18.
Die Theologinnen der offiziellen, institutionalisierten Ökumene der christlichen Kirchen pflegen nicht die philosophische Kritik einzelner Kirchen, sie sind offenbar heilfroh, dass möglichst viele noch so seltsame pfingstlerische und evangelikale Glaubensformen unter dem Dach der Ökumene sich versammeln.
So bleibt der Gesamteindruck: Die Christenheit besteht heute entweder – zahlenmäßig zunehmend – aus fundamentalistisch geprägten Evangelikalen und Pfingstlern oder aus dem dogmatisch nach wie vor erstarrten Katholizismus und der Orthodoxie.
Wer heute noch im Sinne der Kirchen glaubt, will möglichst wenig kritisch reflektierte Vernunft in seiner Glaubenshaltung gelten lassen. Sonst dürfte kein Katholik den Bischof von Rom einen „heiligen (!) Vater“ nennen und sich den Entscheidungen und Lehren dieses absoluten Monarchen in einem undemokratischen System beugen, mit der bekannten Abweisung umfassender Frauenrechte etc.
In dieser Haltung sind dann die Kirchen und ihre Mitglieder nur ein Spiegel der allgemeinen Unvernunft, die heute so oft das politische, ökologische, soziale Leben der Welt bestimmt. Die Zahl der demokratischen Rechtsstaaten ist bekanntlich heute – leider – verschwindend klein….
Kirchen, die die Vernunft hochschätzen und Dogmen abwehren, wie die niederländischen Remonstranten, sind leider nur eine sehr kleine Minderheit.

19.
Mit seiner „Religionsschrift“ von 1793 zeigt Kant nicht nur, dass er eine Art zeitlos inspirierendes Werk geschrieben hat. Er beweist auch, dass er alles andere als ein Vernichter des Gottes-Glaubens ist, als den ihn so viele Kritiker verurteilten und aus Unkenntnis noch heute ablehnen.

20.
Kant sollte als eine Möglichkeit der „Rettung“ des Wesentlichen des christlichen Glaubens in der Moderne wahrgenommen werden. Wenn der christliche Glaube nicht wesentlich wird – im Sinne Kants z.B., also reduziert auf einige ganz wenige Erkenntnisse und Weisheiten, wird er – zunächst in Europa und Amerika, später dann weltweit, wenn alle Menschen gebildet sind – keine Zukunft haben. Damit würde aber die evidente Erkenntnis einer göttlichen Wirklichkeit und der Liebe (Nächsten- Fernsten- und Selbst- Liebe) als der entscheidenden humanen Praxis an Relevanz verlieren.

21.

Dieser Hinweis zeigt erneut: Kant tritt auf seine Weise für eine kritische Metaphysik ein. Es gibt für ihn Gedanken, die in der Vernunft selbst ihren Ursprung haben, das sind die Gedanken: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit der Seele. „Mit ihnen überschreitet die Vernunft die Grenzen möglicher Erkenntnis (in der Kantschen Definition von Erkenntnis, C.M.), nicht aber notwendig auch die Grenzen des Sagbaren und gewiss nicht die Grenzen ihrer selbst“ (Dieter Henrich, „Warum Metaphysik?“ in: ders. „Bewusstes Leben“, Reclam 1999, S. 76). Es sind für Kant Überzeugungen und Gedanken, die vom Vernunftleben untrennbar sind. Diese genannten metaphysischen Gedanken beweisen zu wollen, lehnt Kant ab, „Beweisbarkeit (im mathematischen Sinne innerhalb der Philosophie, C.M.) ist für Kant gar kein zureichendes Kriterium für vernünftige Annehmbarkeit“ (Dieter Henrich, S. 77).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Kann die katholische Kirche wirksam die Demokratie verteidigen?

Die 15. der „unerhörten Fragen“.
Von Christian Modehn, 11.9.2023.

Die unerhörte Frage heißt:
Kann die katholische Kirche überhaupt die Demokratie glaubwürdig verteidigen, weil diese Kirche sich selbst ausdrücklich als „nicht-demokratisch“ definiert?

Ein Motto, am 19. Juni 2024 von C.M. notiert:

Die Pyramide ist immer das Bild, um Diktaturen zu beschreiben. Der Faschismus Italiens z.B. war als Pyramide konzipiert und organisiert, an der Spitze konzentrierten sich alle Gewalten. So ähnlich ist auch der Vatikan, die Leitung der katholischen Kirchem bis heute organisiert. Alles dreht sich um den – bis jetzt noch – allmächtigen Papst. (vgl. den Aufsatz „Antithese des Faschismus“, von Roberto Scarpinato, in „Lettre International“, Nr. 145, S. 7

Die kurze Antwort:

Die katholische Kirche kann gar nicht glaubhaft und wirkungsvoll für Demokratie und demokratische Werte eintreten, weil sie selbst undemokratisch verfasst ist und auch heute bewusst, explizit nicht-demokratisch organisiert sein will…. und die universal geltenden Menschenrechte in ihrer eigenen Organisation nicht respektiert. Von demokratischer Transparenz kann in dieser Kirche mit dieser Struktur keine Rede sein.

Diese Erkenntnis gilt, selbst wenn jetzt in einer umfangreichen Studie der Historiker Francois Huguenin („La grande conversion“, Ed. du Cerf, Paris, 2023) ins Schwärmen kommt, wie sehr doch und so großartig das 2. Vatikanische Konzil die Menschenrechte anerkannt habe. Verglichen mit der extremsten Feindschaft der Päpste gegenüber den Menschenrechten bis ca. 1900 hat Huguenin ja recht. Aber man beachte: Das Stichwort „Menschenrechte kommt im Sachregister des „Kleinen Konzilskompendium“, der Sammlung aller offiziellen Texte des 2. Vatikanischen Konzils, nur einmal vor. Und das Stichwort „Demokratie“ nur 2 mal, ohne dass dabei an den angegebenen Stellen das Stichwort selbst erwähnt wird. Also: Im offiziellen Selbstverständnis der römischen Kirche spielen weder Menschenrechte nich Demokratie eine herausragende Rolle.

Der aktuelle Hintergrund:
1. Der Päpstliche Nuntius in der Europäischen Union, Bischof Noel Treanor, sagte in Berlin am 4. 9.2023: „Wir alle stehen in der Verantwortung, mit unserer Demokratie achtsam umzugehen“ (Quelle: Tagesspiegel, Berlin, 6.9.2023, S. 32). „Unsere Demokratie“? Damit meint der Bischof sicher nicht die Verfassung seiner Kirche.
Denn die römisch-katholische Kirche definiert die Verfassung ihrer Organisation ausdrücklich als „nicht-demokratisch“, sondern als von Gott gestiftete „heilige Herrschaftsordnung“. Die Kirche glaubt, sie besitze die absolute Wahrheit, die vom Klerus verwaltet und verteidigt wird. Und der Klerus lässt nicht demokratisch über die Kirchen-Verfassung verfügen.

2. Die Stellungnahme von Bischof Treanor ist keineswegs eine Ausnahme: Nur zwei Beispiele: Erzbischof Rino Fisichella von der Päpstlichen Lateranuniversität sagte 2009: „Die Kirche, die sich auf Prinzipien beruft, die einen höheren als den menschlichen Ursprung haben, könnte niemals eine irgendwie geartete Einmischung des Staates in ihre Inhalte akzeptieren“ (zit in: Corrado Augias, Die Geheimnissee des Vatikan. C.H.Beck Verlag, 2011, S. 443). Mit anderen Worten: Vernünftige Kritik selbst von demokratischen Staaten lehnt die Kirche ab, weil sie behauptet, „einen höheren als einen menschlichen Ursprung zu haben“, d.h. diese Kirche schottet sich als Burg und Insel ab…
Die römisch-katholische Kirche ist als bewusst nicht-demokratische Organisation so unbescheiden, offiziell zu verlangen, dass „sich die Politiker in ihren Urteilen und Entscheidungen nach der geoffenbarten Wahrheit über Gott und den Menschen richten , so in § 2244 im offiziellen römischen „Katechismus der katholischen Kirche“, München 1993, S. 572).

3. Die Kirche mit dem Papst an der Spitze wird von Politologen treffend als absolute „Wahl-Monarchie“ definiert. Und der Papst ist zugleich auch Staatschef des Völkerrechtssubjekts „Heiliger Stuhl“ und in dieser Position nicht demokratisch legitimiert.

4. Der Papst und Bischöfe und Priester verteidigen zwar – endlich – erst seit etwa 60 Jahren (!) – mehr oder weniger wirksam in der Öffentlichkeit die universal geltenden Menschenrechte. Aber trotz aller feierlichen Reden: Demokraten können diesen Worten nicht so richtig vertrauen: Denn die Kleriker lassen die universal geltenden Menschenrechte (etwa in der Erklärung von 1948) in der eigenen Organisation, der römisch-katholischen Kirche, nicht gelten, siehe etwa die Degradierung der Frauen in dieser Kirche im Hinblick auf den Zugang zu den klerikalen Ämtern, etwa dem Priesteramt. Dafür beruft sich diese Organisation in einer fundamentalistischen Bibel – Interpretation auf Jesus-Worte im Neuen Testament.

5. Indem die Kirche die Frauen letztlich als nicht vollumfänglich- gleichberechtigte Personen anerkennt, entsteht direkt und indirekt der Eindruck: Eigentlich sind Frauen nur Wesen zweiter Klasse. Frauen nicht zu respektieren, sie zu schlagen, auszugrenzen usw. ist deswegen eher normal und entspricht irgendwie vielleicht sogar dem kirchlich propagierten Willen Gottes. Die katholische Kirche ist also direkt und indirekt Schuld an dem miserablen Zustand der Frauenrechte zumal in katholischen Ländern, wie Polen oder Lateinamerika.

6. Und wie soll ein Papst, der den homosexuellen Katholiken nicht volle Gleichberechtigung in seiner Kirche zugesteht, man denke etwas das päpstliche Verbot der Ehe für Homosexuelle, an das Zulassungsverbot zum Priesteramt für offen homosexuelle Männer, wie soll also ein solcher Papst tatsächlich wirksam gegen die aktuelle Verfolgung von Homosexuellen in Uganda protestieren: Da können doch die dortigen katholischen Homo-feindlichen Politiker nur lachen über päpstliche Worte…

7. Weil die katholische Kirche explizit und gewollt als nicht-demokratische Organisation auftritt, kann sie es sich auch erlauben, in Situationen, in denen ihre Verhaltensweisen zu demokratischer Kritik oder juristischem Klärungsbedarf aufrufen, ihre transzendente Sonderrolle („über dem Staat befindlich“) durchzusetzen. Die totale Intransparenz der offiziellen kirchlichen Gebaren ist ein Schutz für die absolute Wahlmonarchie des Papsttums und des Klerus.

8. Wenn man in der demokratischen Öffentlichkeit die Verteidigung der Demokratie und der Menschenrechte durch diese Kleriker noch ernst nimmt, dann nur, wenn man die Kleriker als Bürger eines demokratischen Rechtsstaates wahrnimmt, nicht aber als Vertreter dieser Organisation und deren Theologie. Tatsächlich leisten Mitglieder dieser Kirche wichtige Arbeit im Sinne der Menschenrechte, aber dann, wie gesagt, immer als demokratisch gesinnte Bürger, nicht aber Mitglieder einer explizit antidemokratischen Organisation Kirche. Oder sie folgen eigenwillig „nur“ den Weisungen Jesu und eben den Vorschriften ihrer Kirchenführer.

9. Die katholische Kirche steht sich mit ihrer bewusst akzeptierten antidemokratischen Struktur (angeblich von Gott so gewollt) selbst im Wege, wirksam für parlamentarische Demokratie, für den Rechtsstaat im Sinne der Menschenrechte, einzutreten. Alle noch so gutgemeinten Appelle und Enzykliken der Päpste und Bischöfe der letzten 50 Jahren sind in dem Sinne letztlich politisch wirkungslose Erzeugungen von Papierbergen. Die demokratische Öffentlichkeit glaubt den klerikalen Verfassern einfach nicht deren demokratische Gesinnung, die sie als Kleriker dieser Kirche ja ohnehin nicht haben dürfen, sondern nur als Bürger eines demokratischen Staates. Aber die Kirchenführer sprechen in ihren Texten eben als die „Besonderen“, als Kleriker und nicht einfach nur als Bürger eines bestimmten Staates.

10. Aber das Eintreten von Päpsten und Bischöfen für die Menschenrechte wird offiziell bis in höchste politische Kreise doch ein paar Tage lang wohlwollend registriert, bevor das Vergessen einsetzt. Dabei haben die meisten Politiker und Journalisten auch längst vergessen, dass da Vertreter einer kirchlichen Organisation sprechen, die eine sehr lange Geschichte der Menschenverachtung, der Verfolgung, der Unterdrückung von so genannten Minderheiten, Abweichlern, Juden, Häretikern usw. vorweist. Die katholische Kirchenführung kann sich „glücklich“ nennen, dass die Menschen so schnell vergessen, auch die Missstände und Verbrechen der Kirche. Wer weiß wirklich etwas vom immensen Immobilienbesitz des Vatikans, vom Immobilieneigentum der angeblich „armen“ Ordensgemeinschaften nicht nur in Rom, von den Subventionen, die der italienisch Staat dem Vatikan an Unterstützung und Steuerbefreiungen leistet: Der genante Vatikan-Spezialist Corrado Augias nennt in seinem Buch die Summe der Leistungen Italiens an den Vatikan: Es sind jährlich etwa 9 Milliarden Euro (S. 291).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin