Gegen den Wahn, sich in „Identitäten“ abzukapseln. Für einen radikalen Universalismus.

Über ein wichtiges neues Buch des Philosophen Omri Boehm. In manchen Aussagen geradezu sensationell. Haben das die Theologen endlich bemerkt?

Ein Hinweis von Christian Modehn. Am 30.9.2022 veröffentlicht.

1.
Nun haben sich schon wieder Nationalisten als stärkste Parteien durchsetzen können: die Rechtsextremen und die Post-Faschisten in Italien bei den Wahlen am 25.9.2022. Ihnen gemeinsam ist die Fixierung auf die „Identität“, die sich immer über das entscheidende Wort „zuerst“ definiert: Also nun auch „Italien zuerst“, wie die postfaschistische Girorgia Meloni betont, wie früher schon Madame Le Pen mit ihrem „Frankreich zuerst“ (Le Pen) oder auch „America first“ von Mister Trump.

2.
In dieser Situation einer zunehmenden nationalen und ins Faschistische abgleitenden Identitäts-Politik ist das neue Buch des Philosophen Omri Böhm von besonderer aktueller Bedeutung. Der Titel „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“ (Propyläen-Verlag, 2022) beschreibt sein philosophisches Programm, das Boehm mit aller Schärfe und Klarheit der Argumentation vorträgt. Boehm, Jahrgang 1979, ist israelischer und deutscher Staatsbürger, er lehrt als Associate Professor für Philosophie an der „New School of Social Research“ in New York.

3.
Die heutige Betonung einer angeblich absoluten Geltung der Identitäten betrifft nicht nur die nationalistischen und faschistischen politischen Strömungen. Identitäts-Fixierungen werden sichtbar, so Boehm, in zahlreichen aktuellen Theorien und Ideologien. Etwa, wenn behauptet wird, dass vorrangig die Identitäten von Geschlechtern oder sozialen und politischen Minderheiten respektiert werden müssen, dass also „meine Bindung“ an „meine besondere Gruppe“ (bzw. Nation) wichtiger sei als mein Respekt der universalistischen Werte der Menschheit.
Jedoch gilt: An dieser „allgemeinen“ Menschheit mit ihren universalen Rechten und Pflichten hat jeder einzelne Mensch als Mensch zweifelsfrei Anteil. Und diese allen gemeinsame Bindung an die Menschheit mit ihren Rechten und Pflichten muss bestimmender und vorrangiger sein als die begrenzten Werte, die aus meiner/unserer immer begrenzten Identität (etwa als Homosexueller, als Indigener, als Katholik usw.) folgen.

Boehm tritt also in aller Schärfe für einen „universellen Humanismus“ ein, das betont er schon in seinem „Prolog“ auf S. 12. Er zeigt, dass der moralische Universalismus die unbedingte Pflicht eines jeden Menschen bedeutet, für die universale Gerechtigkeit und für alle geltende Gleichheit einzutreten und diese zu leben und auch politisch zu gestalten.

4.
Die Kämpfer für die „identischen“ Rechte von bestimmten, abgegrenzten Gruppen (etwa „LGBTQ-Menschen, S. 13) will Boehm keineswegs diffamieren. Er will nur beweisen, dass sie in ihrem Einsatz für ihre Identitäten durchaus die Verbindung mit den universalen Grundrechten benötigen, soll denn das Engagement zum Ziel führen, also für sie selbst auch erfolgreich sein. Der universelle Humanismus soll also für Boehm „ein Kompass, sogar eine Waffe“ sein (S. 14). Und Boehm weiß, dass es viele „falsche Universalisten“ gibt, die mit ihren Sprüchen und Taten nur die westliche Vorherrschaft meinen, etwa: Von Menschenrechten groß schwadronieren, aber sich selbst nicht an sie binden. Das trifft etwa für die katholische Kirchenführung zu, dieses Beispiel nenne ich, nicht Boehm.

5.
Immanuel Kant ist für Omi Boehm „der unverzichtbare Denker“ (16). Kant hat, sage ich nun mit einem klassischen Begriff, „Wesentliches“ vom Menschen gedacht. Boehm meint dasselbe, wenn er betont: Kant habe den Menschen „frei von jeder Beimischung biologischer, zoologischer, historischer und soziologischer Tatsachen“ (16) erkannt. Diese Konzentration Kants auf das Allgemeine, „Wesentliche“ des Menschen bzw. der Menschheit, nennt Boehm durchgehend in seinem Buch „abstrakt“. Der entscheidende Begriff „des“ Menschen, muss also Kant folgend, „abstrakt bleiben“ (16), das betont Boehm immer wieder.
Ich möchte fragen, ob es geschickt ist, diesen universalen „Wesensbegriff“ des Menschen „abstrakt“ zu nennen. „Abstrakt“ hat oft eine negative Konnotation.
Aber abgesehen davon: Durch Kant wird die Menschlichkeit des Menschen nicht durch natürliche Bestimmungen festgelegt, sondern durch die geistigen Leistungen der Freiheit, zu der auch die Pflicht gehört, das moralische Gesetz in mir als unbedingt auch für mich geltend wahrzunehmen und ihm zu folgen. Denn der Mensch kann in seiner Freiheit dem moralischen Gesetz in seiner Lebenspraxis folgen, betont Kant, warum sonst würde sich dieses moralische Gesetz denn sonst im Menschen überhaupt unbedingt zeigen?
Wenn der Mensch sich von sich distanzieren kann, gleichsam auf sich und sein Tun “von iben rauf schaiut”, wenn er also fragen kann, was er tun soll, dann zeigt er sich darin als freie Person. Er kann dem kategorischen Imperativ prinzipiell folgen!
Dieser „kategorische Imperativ“ ist eine geistige Wirklichkeit, diese ist „nicht von Menschen gemacht“ (17), sie kann also auch nicht von Menschen ausgelöscht werden. D.h.: Der kategorische Imperativ ist also nicht an bestimmte Konventionen gebunden oder an historische Umstände, er gilt universell. Nur im Respekt vor einem „höheren Gesetz“ (20), also dem Kategorischen Imperativ, kann der einzelne darauf hoffen, dass seine persönlichen Wünsche (etwa hinsichtlich der Bindung an eine Identität) von anderen respektiert werden. Jeder, der ernsthaft seine eigenen Identitäten verteidigt, braucht als argumentative Unterstützung notwendigerweise die universalen Menschheitswerte der Freiheit, der Gleichheit, der Gerechtigkeit. „Die abstrakte, absolute Verpflichtung auf die Menschheit  löscht die Identitäten ja nicht aus; ganz im Gegenteil sind es die Identitäten, die sich gegenseitig auslöschen. Letztlich wird nur der Universalismus sie verteidigen können“. (155).

6.
Boehm ist mit der jüdischen Spiritualität bestens vertraut. Seine besondere Leistung ist, dass er auch in seinem neuen Buch alt vertraute biblische Erzählungen korrigiert, etwa die Erzählungen der hebräischen Bibel, des Alten Testaments, die sich auf die Gestalt Abrahams beziehen. Abraham ist für Boehm die entscheidende und prägende Figur der Bibel: Abraham hat als gläubiger Mensch den Mut, Gott zu widersprechen und sogar noch weiter zu gehen… Boehm betont: Dass es für Gott eine noch über ihm stehende Gerechtigkeit gibt, der auch Gott unterworfen ist. Gerechtigkeit, durch die Vernunft der Menschen erkannt, steht nicht über den göttlichen Geboten, mehr noch: Auch Gott selbst steht in der Erfahrung Abrahams unter dem universalen Gebot der Gerechtigkeit! Was für eine Aussage, deren Konsequenzen leider Boehm nicht weiter entwickelt! Diese Erkenntnis führt zu einer radikalen Kritik des überlieferten und konfessionell immer nicht prägenden Begriff Gottes!

7.
In seiner Auseinandersetzung mit Gott angesichts der Bestrafung von Sodom und Gomorrah betont Abraham: „Sollte der Richter aller Welt, Gott, nicht gerecht richten“? (Genesis, 18., Vers 25). Die universelle Gerechtigkeit, die eben auch die Rettung der wenigen Unschuldigen in Sodom und Gomorrha betrifft, ist also wichtiger und größer als Gott selbst! Gort muss sich an das Prinzip der Gerechtigkeit binden!
Diese Erkenntnis bezieht Boehm auch auf die bekannte Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaac. Boehm zeigt: Abraham widerspricht Gott, und er opfert seinen Sohn gerade NICHT, wie es Gott anfänglich verlangte. Boehm hat zu dieser biblischen Erzählung ausführliche Studien betrieben. In der „Jüdischen Allgemeinen“ hat er schon am 24.2. 2015 darüber kurz berichtet: „Ich versuche nun, zu zeigen, dass zwei Verse dieser biblischen Geschichte in Wirklichkeit nachträgliche Hinzufügungen zum Originaltext sind. Es handelt sich um die Verse 11 und 12 in Genesis, Kapitel 22, in denen der Engel des Herrn Abraham im letzten Moment davon abhält, seinen Sohn zu töten. Wenn man diese Verse – eine spätere Einfügung – wieder herausnimmt, bekommt man eine in sich geschlossene, aber völlig andere Geschichte. Das heißt: Abraham entscheidet selbst und auf eigene Verantwortung – ohne das Eingreifen des Engels –, Gottes Weisung nicht zu befolgen“. Deshalb meint Boegm: Ungehorsam ist ein Eckpfeiler des jüdischen Glaubens und gerade nicht blinder Gehorsam.
Noch einmal: In seinem neuen Buch betont Boehm: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (53). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt noch eine Art „Gott über Gott“, dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.

8.
Ist diese oberste Gerechtigkeit also selbst „wahrhaftig“ göttlich zu nennen, sozusagen der „oberste Gott“? Sollte sie, diese universale Gerechtigkeit, dann nicht auch – in welcher Form – verehrt werden?
Diese Frage wird leider von Boehm nicht erörtert. Nebenbei: Es gab ja bei dem protestantischen Theologen Paul Tillich schon den Gedanken, dass es einen „Gott über Gott“ gibt. Und auch Meister Eckart hat unterschieden zwischen Gott und der Gottheit, die er allerdings für unerkennbar bzw. undefinierbar hielt. Eine weitere Frage: Ist nicht diese oberste Gerechtigkeit („über Gott“ noch stehend) auch notwendigerweise dann doch (allzu) menschlich gedacht? Wenn ja, was sicher ist: Wie kann man dann aber noch an einem „eigentlich“ unerkennbaren, bildlosen Gott des Alten Testaments festhalten?

9.
Boehm zeigt weiter in seinem Buch, wie der Bürgerrechtler Pastor Martin Luther King ebenfalls die universalen Menschenrechte in seinem Kampf zugunsten der Rechte der Schwarzen an die erste Stelle setzte.
Eher auf die US-amerikanische Situation bezogen sind Böhms Auseinandersetzungen mit dem dort überaus populären Philosophen Richard Rorty: Er entwickelt eine eher „liberal“ genannte Philosophie, die sich auch nicht scheut, die Bedeutungslosigkeit der Philosophie für die Politik öffentlich zuzugeben. Auch der us-amerikanische Philosoph Dewey wird von Boehm heftig kritisiert, weil er eine kategorisch geltende Wahrheit ablehnt.

10.
Omi Boehm, geboren in Haifa, setzt sich seit einigen Jahren auch mit der Politik des Staates Israel auseinander, vor allem was den Aufbau gerechter Verhältnisse mit den Palästinensern angeht. Er kritisiert auch in seinem neuen Buch, so wörtlich, „die Apartheitstruktur“ (S. 150), die die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland „seit vielen Jahren betreibt“. Wie alle westlichen liberalen Demokratien ist in Böhms Sicht auch der Staat Israel „auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (S. 152). Diese Identitätspolitik der Palästinenser wie der Juden kann nur, so Boehm, „jeweils zur Auslöschung der anderen führen“. Boehm plädiert für die „Einstaatenlösung“.

11.
So wird Omi Boehm durch seine erneute Auseinandersetzung mit Israel zu der Erkenntnis geführt: „Die einzige Möglichkeit, die Antinomien von Identitäten aufzulösen, die einander nihilistisch auslöschen, besteht darin, auf dem Universalismus als Ursprung zu beharren statt auf Identität. Darin, die eigen Politik mit der Verpflichtung auf die Gleichheit aller Menschen zu beginnen und die Ansprüche von Identität an dieser Verpflichtung zu prüfen“ (154).

12.
Das Buch „Radikaler Universalismus“ verlangt eine konzentrierte Lektüre, es ist aber nicht für die wenige Fachphilosophen“ geschrieben. Ausnahmsweise muss man als Rezensent einmal sagen: Ich hätte mir sogar noch ausführlichere Darstellungen und Begründungen und Ausweis von Konsequenzen gewünscht.

13.
Kants Studie „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ sollte in dem Zusammenhang viel mehr gewürdigt werden. Vielleicht gelingt das zum Kant Jubiläum 2024 (300. Geburtstag). Kants Vorschläge könnten den Christen (auch den Juden und Muslime) Möglichkeiten zeigen, ohne dogmatische Bindungen und ohne religiöse fixierte Institutionen ein vernünftiges religiöses Leben zu gestalten. Eben in der Überordnung des Ethischen (des moralisch guten Lebens) über die religiösen Gebote und Gesetze, über die kirchlichen Lehren sowieso, wie Kant dringend fordert! Ausführliche Hinweise, siehe: LINK.

Omri Boehm, „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“. Propyläen Verlag, Berlin, 2022, Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian. 175 Seiten, 22 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Der neue Faschismus – die Gefahr für die Menschheit heute.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.9.2022.

Das Motto: „Der Faschismus – auch der Post-Faschismus – ist die organisierte Ablehnung des menschlichen Lebens. Er ist eine Anti-Moral“ (Paul Mason).

Nun also auch die Niederlande: Eine F-Partei, eine faschistoide Partei um ihren Führer Theirry Baudet: Siehe den Link aus der Süddeutschen Zeitung vom 30.Okt. 2022. LINK.  https://www.sueddeutsche.de/politik/niederlande-baudet-faschismus-1.5683879

1.
Man spricht diskret von „Post-Faschismus“. Um etwa die Partei „Fratelli d Italia“ zu bewerten.

Giorgia Meloni, Chefin dieser Partei, bekennt sich öffentlich als Katholikin. Sie hat Kontakte mit den extrem konservativen, traditionalistischen Kreisen im Vatikan und in Italien: Sie besuchte noch kurz vor den Parlamentswahlen am 25.9.2022 aus Sympathie den bekannten reaktionären Kardinal Robert Salah im Vatikan . Sie hielt auf dem katholischen “Weltfamilienkongress” in Verona (29.-31.3.2019) eine militante, von den TeilnehmerInnen begeistert aufgenommene Rede (Nein zur “Gender-Ideologie”, Ende der Abtreibungen, Lob der Frömmigkeit im Mittelalter usw.), mit der Pro-Life-Bewegung ist Meloni eng verbunden. An die Zeit des Faschismus erinnert ihr persönliches und politisches Motto: “Gott, Vaterland, Familie”. Dieser katholische Familienkongress in Verona war ein Höhepunkt in der Bündelung reaktionärer und katholischer Ideologen und “Bewegungen”, so dass sogar einige Bischöfe sich vorsichtig distanzierten, wie Kardinal Parolin. Am Kongress nahm Fürstin Gloria von Thun und Taxis teil, auch der rechtsextreme LEGA-Chef Salvini hielt eine Rede. Diese regelmässigen katholischen Weltkongresse, genannt “Familienkongresse” , sind mit der katholisch geprägten internatioanlen Pro-Life -Bewegung ein Zentrum katholisch-reaktionären Denkens und politischen Handelns.

2.
Diese „Fratelli“, diese „Brüder Italiens“, bewegen sich in der Einschätzung der Politologen in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Faschismus.
Diese „rechtsextreme Grauzone“ setzt sich überall in Europa durch:
Von der Le Pen Partei „Rassemblement National“ und der Partei von Eric Zemmour in Frankreich, über die Rechtsextremen in Schweden (SD, „Schwedendemokraten“) und Griechenland („Goldene Morgenröte“) und Spanien („Vox) und Ungarn („Jobbik“ und z.T. sicher auch „Fidesz“ von Herrn Orban) und Polen („Nationale Bewegung“ und „Freiheit“ und Teile der PIS) und Österreich (FPÖ) und Deutschland (AFD und viele kleinere Parteien) und den Niederlanden („Partei für die Freiheit“, Wilders, und „Forum für Demokratie“ usw.) und Belgien („Vlaams Belang“) und Vereintes Königreich („British National Party“) und Slowenien „Slowenische Nationale Partei“) und Kroatien („Kroatische Partei des Rechts“, HSP) und Dänemark ( Danske Folgepartei) und Finnland („Wahre Finnen“) . usw.
Überall in Europa (und in den USA und Lateinamerika) finden rechtsextreme Parteien immer mehr Zuspruch mit ihrer wirren Ideologie. Um es klar zu sagen: Diese Parteien sind zerstörerisch, sie zerstören Demokratie und Menschenwürde und Menschenrechte und Frauenrechte, sie werden in der Politikwissenschaft oft „postfaschistisch“ genannt.

3.
Ein erster Schritt des Widerstandes: Die zerstörerischen Ideologien dieser rechtsextremen, postfaschistischen Parteien kritisch studieren und mit anderen debattieren. Dabei darf es nicht bleiben: Politische Aktionen müssen dann folgen.
Alle demokratischen Organisationen, auch die Kirchen, sollten das Studium des Rechtsextremismus und Post – Faschismus in den Mittelpunkt stellen.
Ein provozierendes, aber mögliches Beispiel: Anstelle der Predigten sollten regelmäßig in den Sonntags-Gottesdiensten Informationen über den neuen Faschismus stattfinden, über die seelische und materielle Disposition, ins Faschistische abzurutschen: Dann wären die Kirchen und ihre Prediger auf der erforderlichen Höhe der Zeit und vom Ritus des „Immergleichen“ (Predigens) befreit. Das hätte den Vorteil, dass sich die Pfarrer und Prediger genau politisch bilden müssen. Diese Neuorientierung des Predigens ist um so dringlicher, weil viele „praktizierende Katholiken“ – etwa in Frankreich – post-faschistische Parteien wählen. Und die Diskussionen nach dem Gottesdiensten wären sicher sehr lebendig.

4.
Der Begriff „Post-Faschismus“ bedeutet mehr als eine Zeitangabe, also, nach („post“) dem Faschismus von Mussolini und nach der Nazi-Ideologie Hitlers. „Post“ benennt den aktuellen Wandel des Faschismus, förmlich sein modernisiertes Versteckspiel. „Neo-Faschismus“ würde die Bürger vielleicht doch noch stören.“Post-“ weckt den Eindruck des Harmloseren.
Aber die Verwendung des „Post-“ ist alles andere als harmlos:

5.
Heutiger Faschismus bedient sich – wie der frühere Faschismus – einer Mythologie, einer Erzählung, also der ideologischer Propaganda, um die Demokratie zu zerstören.
Paul Mason hat in seiner großen Studie „Faschismus“ (Suhrkamp Verlag, 2022) darauf aufmerksam gemacht und fünf Strukturelemente herausgearbeitet:
Heutiger „Postfaschismus“ verkündet: Es findet in der Welt der Reichen Europas ein „Austausch der Bevölkerung“ statt. Durch die Zuwanderung von Fremden, von Muslimen, Afrikanern, Lateinamerikanern etc. werde ein „Genozid“ an der weißen Bevölkerung Europas und Nordamerikas betrieben. Minderwertige übernehmen also die Macht der Wertvollen Menschen, und das sind dieser postfaschistischen Ideologie folgend, die weißen Europäer.
Es sind die Menschenrechte, also die universalen (!) humanen Ideen der Moderne, die diesen Genozid zulassen und befördern. Menschenrechte werden von Demokratien verteidigt. Also müssen Demokratien verschwinden, so die postfaschistische Ideologie.
Die Idee der Menschenrechte als Eintreten für die Rechte der Armen und Ausgebeuteten wurde von westlichen marxistischen Denkern vertreten. Darum bekämpfen die Post-Faschisten entschieden „den“ Marxismus und alles „Linke“, wie schon die früheren Faschisten, etwa Mussolini.
Durch die sogenannten, angeblich „harmlos“ erscheinenden „normalen“ rechtspopulistischen Parteien in den noch halbwegs funktionierenden Demokratien wird Druck auf die Demokratie ausgeübt, es werden Netzwerke von Unzufriedenen gefördert, die massiv die liberale Demokratie zum großen Übeltäter erklären und symbolisch zerstörerisch und gewaltsam zu agieren beginnen.
Es wird in den post-faschistischen Führer-Kreisen auf einen „Tag X“ hin gearbeitet, an dem die genannten post-faschistischen Projekte durchschlagen und in Form von Bürgerkriegen die liberale und sozial eDemokratie ausschalten. In Brasilien droht der post-faschistische Präsident Bolsonaro etwa mit einem Bürgerkrieg, für den Fall, dass er nicht wieder zum Präsidenten gewählt wird.

6.
Die stärker werdende Welle der post-faschistischen Bedrohung in ganz Europa wird durch die aggressive Einmischung von Putin noch weiter verstärkt. Der Krieg Russlands bzw. des Diktators Putins gegen die Ukraine gehört zu einem großen Plan: Die Demokratien zu zerstören, auch die Demokratien in Europa. Sein Mittel: Diese postfaschistischen Parteien finanziell unterstützen. „Dies ist die erste Säule der Theorie der extremen Rechten: die Erwartung einer globalen Katastrophe, welche die Moderne, die Aufklärung, vollkommen rückgängig machen wird. Dies soll nicht wie in den Projekten Hitlers oder Mussolinis in einem einzelnen Staat geschehen oder durch Eroberungen verwirklicht werden. Sondern in Form eines simultanen globalen Zerfalls von Staaten und Institutionen“ (Paul Mason, a.a.O., S. 63). (Siehe auch Nr. 9. in diesem Hinweis)

7.
Der Faschismus bzw. jetzt der Post-Faschismus drückt sich gern mit einem international verbreiteten Slogan aus: Immer ist darin das Wort ZUERST enthalten: „Amerika first“. Oder „La France d abord“ oder „Les Francis d abord“. „Deutsche den Deutschen….“ „Gli Italiani primo“ (Motto von Matteo Salvini und anderen Rechtsextremen).
Diese Slogans mit dem Wort „zuerst“ (first, d abord, primo usw). ziehen Grenzen und Wertungen zwischen den Menschen: Es gibt in dieser Ideologie die Wertvollen, die „zuerst“ gut leben sollen. Dies sind die weißen Europäer, christlich geprägt oder jüdisch, wie Rechtsextreme jetzt gern sagen, um Muslime abzuwerten und minderwertig zu finden. Und die anderen, eben diese Minderwertigen, die bestenfalls den Wertvollen (Weißen) zu billigen Diensten zur Verfügung stehen dürfen. Selbst die rechtsextremen „brauchen“ also doch zum Funktionieren ihrer Wirtschaft noch die Armen, die Flüchtlinge, die Gestrandeten, die Hilflosen, weil diese das sklavenähnliche Hilfspersonal für die weiße Elite stellen.

8.
Zu Giorgia Meloni (geb. 1977), ein mögliche Regierungschefin, und ihre Partei „Fratelli d Italia“: Dieser Titel bezieht sich auf die ersten Worte der italienischen Nationalhymne, ein deutlicher Hinweis auf die nationale Fixierung der Partei.

Die Umfrage zur Akzeptanz der Wähl für diese Partei:
August 2019: 6,1 %
Juli 2022: 22 %.

Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. schreibt in einer Studie der „Friedrich Ebert Stiftung“:

„Melonis kulturelle und politische Auffassungen zeugen unter anderem vom Fortbestand eines zweideutigen Verhältnisses zum
italienischen Faschismus und Postfaschismus, von der Vision einer illiberalen und organizistischen Gesellschaft, auf der sie eine reaktionäre Lesart der Rechte des Individuums aufbaut – wobei der oder die Einzelne stets der Familie und der Gemeinschaft verpflichtet ist – , sowie von einem essenzialistischen und ethnozentrischen Begriff von Nation und von einer Interpretation des 20. Jahrhunderts, die die Werte relativiert, die nach der Niederlage des nationalsozialistischen Totalitarismus entstanden sind, von einer manichäischen Gegenüberstellung von Volk und Elite und von einer verschwörungs-theoretischen Auslegung der Wirklichkeit“…. „Der Hass auf Einwander_innen geht Hand in Hand mit dem so genannten welfare chauvinism, das heißt der Auffassung, dass die Vorteile des Sozialstaates nur bestimmten Gruppen, etwa den Einheimischen des jeweiligen Landes, vorbehalten sein sollten.
In diesem Zusammenhang betont Meloni stets, dass es erforderlich sei, Italiener_innen beim Bezug von Sozialleistungen zu bevorzugen…”
“Melonis FdI bewegt sich in eine weniger konservative als vielmehr reaktionäre, souveränistische, nationalistische und illiberale Richtung. Mit diesen Positionen tritt Meloni zu den Wahlen am
25.9.2022 an, die nach dem von der 5-Sterne-Bewegung und den mit ihr regierenden Rechtsparteien Forza Italia und Legaprovozierten Sturz der Regierung Draghi (21.7.2022) angesetzt wurden. Anders als 2018 ist Fratelli d’Italia diesmal die in Umfragen stärkste Partei der Rechten und ihre Vorsitzende die natürliche Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin im Falle eines Sieges. Von ihrem Erfolg oder Misserfolg wird mit Sicherheit das Wohl der italienischen Demokratie abhängen. Er wird sich als Gradmesser der italienischen Demokratie erweisen“.

Zit. eines Beitrages von Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. Quelle:    LINK

9.
Siehe auch den Beitrag von Christian Modehn vom Mai 2022 „Putin der Faschist“.  LINK

Der “Tagesspiegel” hat am 18.9.2022 auf S. 4 eine Dokumentation publiziert über „Putins beste Freunde“, darin wird die finanzielles Unterstützung Putins (den einige Beobachter einen Faschisten nennen) für seine Freunde in den post-faschistische Parteien in (West)Europa dargestellt.
„Fest steht, dass Meloni von den „Fratelli d Italia“ im Falle eines Wahlsiegs am 25.9.2022 mit den beiden Putin-Freunden Salvini und Berlusconi regieren würde – ein Ergebnis, das dem Kreml-Herrscher sehr genehm wäre. Denn dann könnte Italien innerhalb der EU auf ein Ende der Sanktionen gegen Russland hinarbeiten“. (den Tagesspiegel Beitrag schrieb Claudia von Salzen).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ludwig Wittgenstein – in einem neuen Handbuch umfassend dargestellt.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.9.2022

Das aktuelle Motto, ein Zitat Wittgensteins: “Soweit Sie und ich das wissen können, wird die Religion der Zukunft ohne Priester und Geistliche auskommen. Eines der Dinge, die Sie und ich lernen müssen, ist, dass wir ohne den Trost der Zugehörigkeit zu einer Kirche leben müssen.“ (Siehe Nr. 4 in diesem Hinweis)

1.
Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) ist einer der denkwürdigsten und einflußreichsten Philosophen. Dabei fällt er sozusagen aus dem Rahmen der üblichen „Philosophie-Professoren an Universitäten“. Nicht nur, weil er nur ein Buch zu „Lebzeiten“ veröffentlichte. Vor allem: Für ihn war persönliches Leben und philosophisches Denken in einer spannungsreichen Verbindung. Wittgenstein schwankte existentiell zwischen einer üblichen Laufbahn an einer Universität und einem schlichten Alltagsleben, auch als Grundschullehrer.
Wittgenstein hinterließ einen großen Umfang an Studien und Notizen, die seine ständige philosophische Selbstkorrektur und Entwicklung dokumentieren. Er war äußerst vielseitig begabt, manche nennen ihn ein Genie, kompetent in der Mathematik und Logik, aber auch im Maschinenbau und als Architekt, er schätzte Literatur, Musik und Kunst und auch zur Religion hatte er einen eigenen, besonderen Zugang entwickelt.
2.
Philosophisch gebildete Kreise können nun ein anspruchsvolles „Wittgenstein -Handbuch“ für ihr Studium, auch als Einstieg, nutzen, ein Handbuch, das umfassend den ganzen Wittgenstein und sein vielfältiges Werk darstellen und erklären will. Das Buch hat 482 Seiten, umfasst 94 Kapitel, neben einer ausführlichen Biographie vor allem Hinweis zu seinem umfassenden Werk, auch zum Briefwechsel. Herausgegeben ist dieses Buch von den Wittgenstein-Spezialisten Stefan Majetschak (Kunsthochschule Kassel) und Anja Weinberg (Uni Wien). Das Buch wird in der Fülle der äußerst vielen speziellen Wittgenstein Studien, auch angesichts der verschiedenen Wittgensteingesellschaften in Norwegen, England, Österreich usw., sicher die Bedeutung einer wichtigen Erstinformation wie auch eines grundlegenden Nachschlagewerk haben.

3.
Ein solches umfassendes Wittgenstein-Lexikon kann selbstverständlich nicht in wenigen Worten „besprochen“ werden.
Den Schwerpunkten unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin entsprechend, interessierte uns besonders das Kapitel „Religion“, ein Thema, das für Wittgenstein auch lebensmäßig alles andere als marginal ist. Der Philosoph Ludwig Nagl hat den entsprechenden Beitrag im Handbuch verfasst. „Ich bin zwar kein religiöser Mensch, aber ich kann nicht anders: Ich sehe jedes Problem von einem religiösen Standpunkt“, so Wittgenstein in einem Gespräch mit Maurice Drury. Ob Wittgenstein „wirklich“ kein religiöser Mensch war, wird heftig diskutiert, zu deutlich ist in seinen Notizen persönliche Betroffenheit von religiösen Aussagen, zumal des Neuen Testaments (Ludwig Wittgenstein wurde katholisch getauft). Wichtig ist seine Erkenntnis, dass die Sinnfrage nicht wissenschaftlich beantwortet werden kann, sondern ins Religiöse, in den Glauben, weist. „Wie soll ich leben“, bleibt die zentrale Frage Wittgensteins. Schon in jungen Jahren las er Tolstoi, Dostojewski, vor allem Augustinus schätzte er sehr und Kierkegaard. Gerade die Auseinandersetzung mit Augustin und Kierkegaard führte Wittgenstein zu theologischen Aussagen, die stark an die dialektische Theologie etwa eines Karl Barth erinnern, darauf weist Ludwig Nagl leider nicht hin. Von einer „vernünftigen Theologie“, im Katholizismus mit der Pflege der Gottesbeweise üblich, hielt Wittgenstein gar nichts! Wegen des Dogmas des 1. Vatikanischen Konzils, dass die Existenz Gottes „durch die natürliche Vernunft bewiesen werden kann“, war es ihm „unmöglich, Katholik zu sein“ (S. 365 im Handbuch).

4.
Je mehr sich Wittgenstein von den Erkenntnissen seines frühen Werkes, des „Traktates“, löste, um so deutlicher wurde sein Interesse für Religion und die Frage „Was ist Glauben“. Für ihn war in der persönlichen Bindung an Christus nicht der Glaube, sondern die Liebe entscheidend. Aber für die religiöse Haltung gilt wohl insgesamt: Sie „ist nicht verständlich, es ist aber auch nicht unverständlich“ (S. 365 im Handbuch), ein typischer Wittgenstein Satz, möchte man meinen, der sich um „extreme“ Differenzierung bemüht.
Dass die christliche Religion zur Institution, also zur Kirche wurde, findet Wittgenstein sehr problematisch: „Zu seinem Freund Drury sagte er: „Soweit Sie und ich das wissen können, wird die Religion der Zukunft ohne Priester und Geistliche auskommen. Eines der Dinge, die Sie und ich lernen müssen, ist, dass wir ohne den Trost der Zugehörigkeit zu einer Kirche leben müssen“ (S. 365 im Handbuch).

5.
Auch das Stichwort Glauben und Wissen in der Rubrik „Begriffe und Themen“im Handbuch ist für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon von großem Interesse. Deutlich zeigt Nuno Venturinha ,dass Wittgenstein an dem Thema schon sehr früh arbeitet, später aber den „überkommenen (also vom Menschen nicht abzuschaffenden, C.M.) Hintergrund” des menschlichen Geistes verteidigt: Übersetzt heißt dies: Es gibt geistige Strukturen, die niemals durch Lernen und Unterricht erworben werden, sondern die vorgefunden und da sind, wie etwa die Form des Glaubens. Glauben ist für Wittgenstein in seinen Hinweisen „Über Gewissheit“ grundlos im Menschen „vorhanden“. Wir Menschen haben also etwas Vorgegebenes, „das weder wahr noch falsch sei“, wie Wittgenstein in „Über Gewissheit“ schreibt (S. 205). Da hätte mich interessiert, ob eine Verbindung zu Kant gegeben ist, etwa hinsichtlich dessen Erkenntnis des „Faktums der Vernunft“.

6.
In dem Zusammenhang ist es erstaunlich, was der katholische Religionsphilosoph, der Jesuit Prof. Friedo Ricken, München, etwa zu den „Vermischten Bemerkungen“ Wittgensteins zur Religion betont: „Sie gehören für mich zum Tiefsten, was ich in der neueren philosophischen Literatur zu diesem Thema gefunden habe, aus ihnen sprechen ein tiefer Ernst und eine überzeugende Ehrlichkeit”.(Friedo Ricken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, Stuttgarrt, 2003, S. 29).

7.
Man wird in dem „Handbuch“ die Erörterung der Stichworte Politik, Gesellschaft oder Staat vergeblich suchen, darf man daraus schließen, dass diese Themen Wittgenstein philosophisch nicht interessierten?

8.
Soweit ich sehe, wird in dem „Handbuch“ nicht explizit von einer homosexuellen Neigung Wittgensteins gesprochen, die vielfältigen Freundschaften mit jungen Männern werden ausgeführlich angesprochen. Entsprechende Behauptungen zur Homosexualität Wittgensteins vonseiten des Biographen William Barley (von 1973) gelten wohl jetzt als übertrieben. Hingegen hat der Wittgenstein Forscher Ray Monk später noch einmal diskret davon gesprochen, im Personenregister des Handbuches wird Monk nicht erwähnt. Und es ist sicher gar kein Zufall, dass eine große Wittgenstein Ausstellung unter dem Titel „Verortungen eines Genies“ (Ausstellung 18. März bis 13. Juni 2011) ausgerechnet im „Schwulen Museum“ , damals noch in Berlin-Kreuzberg, stattfand. Der Junius-Verlag hatte ein reich mit Fotos ausgestattetes, hervorragendes Begleitbuch publiziert. Justus Noll hat in dem Buch einen Artikel über „Schüler, Freunde und Liebhaber“ verfasst.

9.
Wittgenstein bleibt ein zweifellos einseitiger, aber außergewöhnlich inspirierender Philosoph, auch, weil er sein Denken mit seinem eigenen Leben und Leiden aufs engste verbunden hat. Peter Sloterdijk hat schon recht, wenn er in seiner kleinen Skizze über Wittgenstein (in „Philosophische Temperamente“, München 2009) schreibt: „Es tritt das Profil eines Denkers an den Tag, der unzweifelhaft zu den Sponsoren der künftigen Intelligenz gehören wird. Noch in ihren logischen Härten und menschlichen Einseitigkeiten hält Wittgensteins Intensität Geschenke von unabsehbarer Tragweite an die Nachwelt bereit“ (S. 128 f.)

10. Zugänge zu Wittgensteins Werk:
„Im deutschsprachigen Raum veranstaltet die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft (http://www.alws.at) seit 1976 internationale Wittgenstein-Symposien in Kirchberg am Wechsel in Niederösterreich, einem Ort nahe Trattenbach, in dem W. einen Teil seiner Zeit als Volksschullehrer verlebte. Die Vorträge dieser Symposien werden in zwei Buchreihen, den Contributions of the Austrian Wittgenstein Society sowie den Publications of the Austrian Ludwig Wittgenstein Society – New Series veröffentlicht (letztere Reihe enthält auch weitere Publikationen; https://www.degruyter.com/serial/PALWS-B/html).
In Fortsetzung der in den 1990er Jahren von der Deutschen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft begründeten digitalen, seinerzeit im Diskettenformat verbreiteten Zeitschrift Wittgenstein Studies gibt deren Nachfolgeorganisation, die Internationale Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e. V. (ILWG) (http://www.ilwg.eu) seit 2010 die Reihe Wittgenstein-Studien. Internationales Jahrbuch für Wittgenstein-Forschung sowie die Buchreihen Über Wittgenstein (deutsch) und On Wittgenstein (englisch) heraus“. (Zitat aus dem „Handbuch“)

11.
Im März 2016 hat Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin einen Hinweis zum Thema „Wittgenstein – ein religiöser Philosoph“ publiziert.

LINK

2011 hat Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin einen Hinweis publiziert zum Thema: „Das Mystische und das Unaussprechliche“ (Zu Wittgenstein).

LINK

Anja Weiberg / Stefan Majetschak (Hg.)
Wittgenstein-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
J. B. Metzler Verlag, 2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Liberale Theologie ist Befreiungstheologie!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.6.2022.

1.
Der Autor des Tagesspiegels Malte Lehming schreibt auf Seite 1 dieser Zeitung (am 8.Juni 2022) unter der Überschrift: “FDP in der Regierung: Aus liberal wird unsozial“. Dies ist ein treffendes und von sehr vielen geteiltes Urteil angesichts der politischen Verfehlungen der FDP in der Bundesregierung. Die Liste ist lang, sie reicht von der Abwehr der Maskenpflicht in Corona-Krisen-Zeiten über das bei Lobbyisten übliche Nein zum Tempolimit bis zum Plädoyer für die Subventionierung des Tankrabattes zugunsten des Profits der Ölkonzerne und dem FDP-üblichen Nein zur Vermögenssteuer usw. Manche interpretieren diese Haltung treffend: Die wenigen Reichen noch reicher machen und die Armen in ihrem Elend ein bißchen, “großzügig-geizig”  unterstützen! Malte Lehming schreibt: „Offenbar ist es besser für viele Liberale der FDP, falsch zu regieren als nicht zu regieren“.

2.
Nun versteht sich die FDP, ideologisch und auch philosophisch betrachtet, explizit als liberale Partei.

Und das Wort „liberal“ hat auch in der Theologie oft eine Rolle gespielt. In vergangenen Tagen wurden wir oft gefragt: Welches Verständnis von liberal bei dem Stichwort liberale Theologie gilt denn in den religionsphilosophischen und theologischen Hinweisen von Christian Modehn?

3.
Liberale Theologie verstehen wir in unseren Hinweisen als eine in Europa, in Deutschland, not-wendige Befreiungstheologie.
Damit bleibt aber die Verbundenheit mit bestimmten Traditionen der europäischen liberalen Theologie. Diese war und ist geprägt vom Anspruch, auch innerhalb der Theologie, wenn sie denn Wissenschaft an den Universitäten sein will und sein soll, wissenschaftlich zu arbeiten: Also im Studium der Bibel die historisch-kritische Methode zu wählen; allem Fundamentalismus zu wehren; auch die Entstehung der kirchlichen Dogmen historisch-kritisch zu studieren und diese als Ausdruck des religiösen Glaubens einer bestimmten Zeit zu relativieren. Und auch die Institutionen der Kirchen werden als relative, stets zu reformierende Strukturen verstanden, die keine andere Aufgabe haben, als zu individuell geprägtem Glauben des einzelnen und der Gemeinden zu ermuntern. Liberale Theologie ist also, wie das ursprüngliche liberale politische Denken, herrschaftskritisch. Sofern die Institutionen der Kirchen den Glauben der Gemeinden und der einzelnen behindern und Reformen stören, verhält sich liberale Theologie – in unserem Sinne – kritisch bis ablehnend zu diesen „unbeweglichen, versteinerten Kirchen-Institutionen“. Jeder und jede religiöse Person möge dann den eigenen Weg gehen! Religiöser Glaube ist nichts Masochistisches. Eine Vorstellung, die sich sogar bei dem katholischen Theologen Karl Rahner SJ findet in seiner Konzeption einer transzendentalen Theologie. Für ihn sind die Dogmen der Kirchen sozusagen Schöpfungen der glaubenden Menschen, die sich als Schöpfer dieser Glaubensüberzeugungen dann in diesen, weil es ja „ihre“ sind, wiederfinden können… Immerhin, das ist für katholische Verhältnisse schon viel.
4.
Eine heutige liberale Theologie verdankt zweitens – in unserer Sicht – viel den Impulsen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Diese ist ein Projekt der Emanzipation der Armen innerhalb einer vom Kolonialismus und Klerikalismus verdorbenen Kirchen-Organisation. Der ursprüngliche liberale Geist der Gleichberechtigung kommt also in der Befreiungstheologie zum Ausdruck: Es ist das Engagement für Freiheit und Gerechtigkeit gerade der Armen und Ausgegrenzten, das im wahrsten Sinne „liberal – befreiend“ ist. Diesem Projekt wissen sich heute freilich nicht konservative oder sich liberal, also neokapitalistische Parteien verbunden, sondern linke Parteien. Der neue Geist des Liberalen lebt also bei den demokratischen und selbstkritischen linken Parteien. Und theologisch gilt: Wenn etwa in den Basisgemeinden Lateinamerikas Frauen und Männer, also „Laien“, Gemeindevorsteher sind und als solche auch selbstverständlich die Eucharistiefeier leiten sollten, dann kommen da liberale Prinzipen zum Ausdruck. Die in der Forma allerdings bei der nicht-liberalen katholischen Kirchenzentrale im Vatikan keine Geltung haben.

5.
Eine heutige liberale Theologie in Deutschland kann also ein Störfaktor für die kirchlichen Institutionen sein, wenn (und weil!) diese Institutionen als Bürokratien den lebendigen und freien Glauben der einzelnen und Gemeinden behindern. Diese Kritik der machtvollen Institutionen ist aber kein Selbstzweck, wie etwa die permanente Kritik liberaler politischer Parteien am starken und als zu mächtig interpretierten Staat. Es gibt hingegen für liberale europäische Theologie auch kirchliche, amtliche Strukturen bzw. mindestens einzelne Gemeinde, die dem liberalen vernünftigen Grundimpuls entsprechen.

6.
Damit ist deutlich: Eine heutige liberale Theologie (in Deutschland) als europäische Form einer Befreiungstheologie hat gar nichts mit liberalen Parteien, gar nichts mit der FDP, zu tun. Eine heutige europäische liberale Theologie als Befreiungstheologie kann den Ideologien und Lobby-Bindungen der FDP nur Widerspruch leisten und … andere, linke und ökologische Parteien unterstützen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

E.T.A. Hoffmann vor 250 Jahren geboren: Er zeigte das Unheimliche im Dasein.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum 250. Geburtstag am 24.1.2026. (Zuerst veröffentlicht zum 25.6.2022, dem 200. Todestag Hoffmanns)

Ernst Theodor Amadeus Wilhelm Hoffmann ist  der “europäisch und weltweit einflussreichste deutschsprachige Romantiker”, so der Literaturwissenschaftler Prof. Rüdiger Görner in seiner Studie “Romantik. Ein europäisches Ereignis” (Fußnote 1). Den dritten Vornamen “Amadeus” nahm Hoffmann an, weil er Mozart so sehr verehrte…

1.
Ernst Theodor Amadeus Wilhelm Hoffmann (geb. am 24.1. 1776 in Königsberg – gestorben am 25.6.1822 in Berlin):
Keine Etikette passt auf ihn, er lässt sich nicht einsortieren, nicht so leicht festlegen: Dazu war er vielfach zu sehr begabt, als Schriftsteller und Dichter, als Musikkritiker und Komponist, Jurist und bildender Künstler, Bühnenfachmann… und … überschwänglicher Weinliebhaber. Ein “Gesamtkünstler”, wie Rüdiger Görner betont (Fußnote 3). Heinrich Heine hat wohl recht, wenn er Hoffmann anderen Autoren der Romantik vorzieht, weil Hoffmann trotz seiner maßlosen Phantasie, die auch Fratzen und Gespenster wahrnahm, „sich immer an der irdischen Realität festklammerte“ und nicht „in der blauen Luft schwebte, wie Novalis“. Hoffmann gilt auch zurecht als einer der großen Berliner Autoren, seine literarisch besonders fruchtbaren Jahre lebte er in Berlin, von 1814 bis zu seinem Tod 1822. E.T.A. Hoffmann, eine herausragende Gestalt  der deutschen Dichtung.
2.
Anläßlich seine Gedenktage ist die beste Form der Erinnerung, wieder einmal aus seinem sehr umfangreichen literarischen Werk einige besonders inspirierende Texte zu lesen, viele Text sind berühmt und werden immer noch viel beaxchtet, wie „Die Elixiere des Teufels“ oder „Das Fräulein von Scuderi“. Wieder zu entdecken sind sicher auch einzelne irritierende Texte der „Nachtstücke“ (1817), wie „Das öde Haus“ oder „Der Sandmann“. Politisch – kritisch gegen den Polizeistaat Preußen schreibt Hoffmann in seiner Geschichte „Meister Floh“. Und von dem Buch „Serapionsbrüder“ ließ sich eine Gruppe von Autoren sogar kurz nach der Russischen Revolution inspirieren und nannte sich 1921 stolz „Serapionsbrüder“. Wo Phantasie und – wenigstens gedanklicher – Ausstieg aus den gegebenen Verhältnissen wichtig werden, können Ideen von E. T. A.Hofmann inspirieren.
3.
Hofmann nahm sich die Freiheit, oft durch Wein und Sekt unterstützt, seiner Phantasie großen Raum zu gewähren, inmitten der irdischen Realitäten das Phantastische, Bedrohliche, Erstaunliche, Fremde wahrzunehmen. Er ließ sich gedanklich und vor allem im Traum forttragen, in andere Welten entführen. Und er nahm dabei seine Leser mit. Die starre Welt angestaubter Begriffe der rationalisierten Bürokratie mochte er gar nicht, einem Verstand, der nur kalt rechnet und die Welt entzaubert, schenkte er kein Vertrauen. Natürlich glaubt Hoffmann nicht an seine Gespenster, die Hexen oder Wiedergänger, sie sind Metaphern für den Streit und die Auseinandersetzung von universellen Kräften, die sich im Geist und den Geistern finden. Bei allem Interesse am „Ungewöhnlich-Schaurigen“ ist er ein Meister der genauen Beobachtung der Menschen in der Gesellschaft. Nichts ist ihm verhasster als die Langeweile, die in der Lebenswelt der braven Bürger, der so genanten Philister, sich immer mehr durchsetzt. Darum wurde zurecht vorgeschlagen, Hoffmann als einen „Romantiker des phantastischen Realismus“ zu würdigen. Sogar noch André Breton und Charles Baudelaire haben sich auf ihn bezogen.
4.
E.T.A. Hoffmann wird oft in die „Epoche der Romantik“ eingereiht. Aber Romantik ist kein eindeutiger Begriff, und manche populäre Kennzeichen „der“ Romantik treffen auf ihn nicht zu: Nur einige Beispiele: Sentimental ist seine Sprache nicht; er liebt die Satire; provokativ will er sein; vom Katholizismus hält er im Unterschied zu vielen Romantikern nicht viel, obwohl er sich in die Klosterwelt und Heiligenkulte gut eingearbeitet hatte. Man denke an seinen Roman „Die Elixiere des Treufels“, der 1812 in Bamberg entstand, nach einem Besuch im dortigen Kapuzinerkloster.
5.
Hoffmanns persönlicher, undogmatischer Glaube an ein „Leben nach dem Tod“ wird von ihm kurz vor dem Tod in dem Fragment „Die Genesung“ mit der Farbe grün beschworen. „Denn grün ist in diesem Monat Mai (der Niederschrift der „Genesung“) das Kleid der Erde, in der er bald ruhen wird. Hoffmann schreibt: O! Grün, Grün! Mein mütterliches Grün! – Nimm mich auf in deine Arme“ (zit. in E.T.A. Hoffmann, Rowohlt Monographien, 1966, S. 155). Die Autorin dieser Monographie, Gabrielle Wittkop-Ménardeau, sieht in diesen Worten „eine Sehnsucht nach der Verschmelzung mit der universalen Seele“ (ebd.) Werner Bergengruen weist auch darauf hin, dass Hoffmann von einem Glauben an die Vorsehung Gottes als einer ewigen Macht bestimmt sei. (Nachwort in der Ausgabe „Die Elixiere des Teufels“, Buchgemeinschaftsausgabe o.J., S. 349).
5.
An Hoffmanns Vorschläge, das „Wesen“ der Musik besser zu verstehen, sollte heute erinnert werden. Dabei spielt eine für die Musikphilosophie relevante Rezension eine große Rolle, die Hoffmann anläßlich der Aufführung von Beethovens 5. Sinfonie (1808) verfasst hatte. Die Instrumentalmusik wird von ihm besonders beachtet. Musik sei, „begriffs-, objekt- und zwecklos“, sie spreche „das Wesen der Kunst am besten und rein aus“. „Was sich in Worten nicht sagen lasse, das mache Musik zugänglich“…“Musik führt hinaus in das Reich des Unendlichen“ (zit.„Philosophie der Musik“, in: Enzyklopädie Philosophie Band II, Felix-Meiner-Verlag Hamburg, S. 1984). Oft wird dieses Wort Hoffmanns zitiert: „Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben“.

6.
Es muss noch betont werden, dass E.T.A. Hoffmann anders als viele deutsche (katholische) Romantiker kein politischer Reaktionär war. Er war als Jurist, als Kammergerichtsrat in Berlin, unter den „liberal Gesinnten“ angesehen, er verteidigte die rechtsstattlichen Prinzipien gegenüber seinen Vorgesetzten, er litt unter den Disziplinarverfahren. Während der so genannten Demagogen-Verfolgungen nach 1817 gehörte er zu den Verteidigern der Reformen!
Wenn Hoffmann auch manchen seiner Zeitgenossen als skurril, zu phantastisch, zu sehr dem Wein ergeben erschien: Nicht nur als Dichter, nicht nur als Komponisten, auch politisch musste man ihn viel mehr lesen und ernst nehmen.
7.
Wer über die Grenzen des Verstandes nachdenkt, wer sich fragt, wohin das Transzendieren seines Geistes führen kann, sollte E.T. A. Hoffmann lesen. Seine Phantasie ist überraschend und störend, sie zeigt unbekannte Seiten des geistigen Lebens, aber sie plädiert nicht für den Aberglauben. Seine literarischen Werke sind außergewöhnlich, manches ist Ausdruck einer seelischen „Übersensilibilität“ und Überspanntheit.  Er hat sich in seinem ganzen Werk “mit psychischen Phänomenen und psychopathologischen Problemen beschäftigt” (Fußnote 2). … “Sein Wissen über den Wahn präsentierte er  – darin folgte er einem Hauptgebot der Romantik – künsterlisch in Form von Erzählungen”.

Der Dichter E.T.A. Hoffmann ist nicht ins Charismatische und Unverständliche einer unvernünftigen, „außer-logischen“ Sondersprache (Dada) „abgedriftet“. Er hat  versucht, die unheimliche Tiefe des unheimlichen Daseins zu ergründen, und dies als Widerstand gegen die Banalisierung der Wirklichkeit.

 

Fußnoten

(1) Rüdiger Görner, “Romantik. Ein europäisches Ereignis”, Reclam Verlag, 2021, 384 Seiten, dort S. 107.

(2) ders., S. 200 und 201.

(3) ders., S. 250.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Ostern: Ein “Ereignis”. Und ein Fest!

Zum Text siehe:  LINK

Putin – der Faschist. Und die neue Form eines totalen Krieges.

Der Diktator und seine Ideologie.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 22.5.2022.

1.
Eine allgemeine philosophische Erinnerung: Jegliches politisches Tun, also auch jede Untat, also ein Krieg, hat den Ursprung in einer geistigen Haltung, in einer Option bzw. Präferenz für bestimmte Werte und Unwerte. Diese „fügen“ Politiker in reflektierter und freier Entscheidung in die Wirklichkeit „ein“, wie Hegel sagte. Diese Werte bzw. Unwerte werden also politisch bzw. auch kriegerisch verwirklicht.
Diese Einstellungen und Überzeugungen kann man Ideologien nennen. Dabei ist in der demokratischen Welt der Begriff „Ideologie“ eher negativ geprägt, von einer „demokratischen Ideologie“ würde kein Demokrat sprechen, hingegen von einer kommunistischen oder einer faschistischen Ideologie. Kommunisten oder Faschisten würden ihre eigene inhaltliche Überzeugung nicht Ideologie nennen, sondern „Wissenschaft“ bzw. „Weltanschauung“; die Nazis wehrten sich etwa gegen den Einbeziehung ihrer eigenen Ideologie in den allgemeinen Ideologiebegriff. Sie haben deswegen „ideologisch“ durch „theoretisch“ zu neutralisieren versucht.

Hier soll der Begriff Ideologie erneut darauf aufmerksam machen, dass alles Handeln der Politiker und Kriegsherren, von geistigen Konzepten bestimmt ist. Also auch der Krieg Putins gegen die Ukraine oder eben auch die westliche Demokratie und universal geltenden Menschenrechte.

2.
Putin ist von einer Ideologie bzw. von einem Gemisch verschiedener ideologischer Elemente beherrscht. Selbst wenn es in seinem Russland noch eingeschränkt Wahlen gab und bis vor kurzem eine gewisse scheinbare und begrenzte Pressefreiheit, war sein Regime nie eine Demokratie im emphatischen Sinne. Putins alles bestimmende Werte-Ordnung (bzw. Unwerte-Ordnung) als Ideologie formuliert, heißt Faschismus. Ich habe früher schon von Putins Nihilismus gesprochen, LINK, aber Nihilismus ist wohl eher ein zentraler Teilaspekt der umfassenden faschistischen Haltung und Praxis Putins.

3.
Putin – der Faschist: Diesem Urteil stimmen längst viele Politologen und Russland-Kenner (wie etwa der deutsche Politiker und Russland-Kenner Werner Schulz, Bündnis 90/Die Grünen, siehe „Phoenix“ am 20.5. 2022 um 18.00 bis 18.30) zu. Der us-amerikanische Historiker Prof. Timothy Snyder spricht in der ZEIT (vom 19. Mai 2022, Seite 10) eine deutliche Sprache: Auf die Frage, inwiefern und seit wann das russische Regime faschistisch sei, antwortet Snyder: „Seit Februar dieses Jahres 2022 führt Russland einen Zerstörungskrieg mit dem Ziel der Vernichtung eines anderen Volkes. Zudem gibt es immer stärkere Unterdrückung im Innern und einen Kult des Anführers, des Sieges, des Todes…. Putin sprach seit 2010 von kulturellem Raum, Russland müsse andere Räume absorbieren.“ Damit werden wichtige Elemente faschistischen Denkens und Handelns genannt.
Putin ist für Snyder aber mehr als ein „einfacher Faschist“. Vielmehr: Putin denkt und handelt in einer extremeren Form, als „Schizofaschist“. Das heißt: Er handelt selbst nach den Maximen des Faschismus, nennt aber seine nicht-faschistischen Feinde Faschisten, um von seinem eigenen Faschismus abzulenken. Um die Kriegsbegeisterung der Russen gegen die Ukraine zu entfachen und zu stärken, war es für ihn naheliegend, den Feind Ukraine (und sogar den jüdischen Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj), faschistisch zu nennen. Eine solche Zuweisung beeindruckt immer in Russland: „Antifaschist“ zu sein, war im Sowjetkommunismus (auch in der DDR) die höchste Tugend.

“Der Spiegel” berichtet  am 22.5.2022, dass zahlreiche Neo-Nazis für Russland und für Putin in der russischen Armee gegen die Ukraine kämpfen. LINK.

In seinem Buch “Über Tyrannen” (C.H.Beck Verlag München, 8. Auflage 2022) betont Timothy Snijder, wie Putin 2015 dem verängstigten Frankreich ein “Cyberkalifat” vorgaugelte, “damit die Franzosen den Terror noch mehr fürchteten, als sie es ohnehin berteits taten. Ziel war es vermutlich, dem rechten (rechtsextremen !, CM) Front National Wähler in die Arme zu treiben, einer Partei, die von Russland finanziell unterstützt wird” (S. 107). Putin hat also als Faschist das ideolohgisch naheliegende Ziel,”ein demokratisches System zu destabilisieren und der extremen Rechten (also seinen Freunden, CM) Rückenwind zu verschaffen” (S. 108).

4.
Weitere Kennzeichnen des Faschismus: Sie nennt der vielfach ausgezeichnete britische Journalist Paul Mason in seinem Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ (Suhrkamp, Berlin, 2022) etwa S. 322 ff. „Da die Entmenschlichung den Kern seiner Ideologie darstellt, beginnt der Faschismus im Verlauf seiner Radikalisierung und Mobilisierung für den Krieg, über einen Genozid nachzudenken…“ (S. 324). Das trifft auf Putin zu…Wer als Faschist denkt und handelt, betont Mason, hat vor allem „Angst vor der Freiheit, die durch eine Ahnung von Freiheit geweckt wird“.Das heißt: Auch der Faschist spürt ansatzweise, was Freiheit (demokratische Freiheit etwa) für ihn bedeuten könnte: Aber davor hat er Angst und schließt sich in einem repressiven und totalitären System ein. Hinweise, die an Putins Angst erinnern vor der demokratischen Freiheit, wie sie die Ukraine und die westliche Welt lebt. Diese demokratischen Werte sollen niemals Russland bestimmen! Das steht für Putin fest, dafür kämpft er. Paul Mason schließt sich der Definition des Faschismus des Historikers Robert Paxton an: „Man muss nicht zusammenfassen, was der Faschismus ist, sondern was er tut“ (S. 326).
Putin als Faschist – diese Erkenntnis wird, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, auch von der Internetzeitung „Infosperber“ aus der Schweiz unterstützt. LINK

Dort wird Jason Stanley zitiert, Professor für Philosophie an der Yale-Universität, USA. Auch er „bezeichnet Putin als faschistischen Autokraten und anerkannten Anführer der weltweiten extremen Rechten“.
Weitere Beispiele: Der „russische Ökonom Wladislaw Inosemzew, Gründer und Direktor des Zentrums für postindustrielle Studien in Moskau, sagt in der NZZ: Putin ist «ein lupenreiner Faschist». LINK

Wikipedia berichtet: Im Frühjahr 2022 erklärte Inosemzew, Putin erfülle „mustergültig den Katalog dessen, was Faschismus ausmacht“ und nannte in diesem Zusammenhang vier Säulen: „Militarisierung als Kernstück der Ideologie; eine fortschreitende Etatisieren der russischen Wirtschaft im Sinne einer durch Bürokraten beherrschten Wirtschaft; eine Umstrukturierung der Verwaltung hin zu einem absoluten hierarchischen Durchgriff von Macht und Gewalt sowieSymbolik und Propaganda“.
Und weiter: Der Historiker Zee Sternhell hat mehrere Studien zum Faschismus veröffentlicht. In der Zeitschrift „Philosophie Magazine“ (Paris) sagte Sternhell schon im Mai 2014: „Der Faschismus will die Welt verändern, (d.h. die Demokratie abschaffen, CM), eine moralische Revolution bewerkstelligen, eine Nation errichten mit Hilfe der Mythen, dabei aber will der Faschismus die ökonomischen Strukturen intakt lassen. Es geht nicht mehr darum, die Bourgeoisie niederzuschlagen, sondern sie in den Dienst der Nation zu stellen“ (S. 44). Sternhell fährt fort: „Die faschistische Ideologie lebt bis heute weiter. Es gibt keinen Grund zu denken, der Faschismus sei mit den Trümmern in Berlin 1945 begraben worden“ (S. 45).

5.
Für den Faschismus (bzw. der Schizo-Faschismus) Putins ist auch auch eine religiöse Überzeugung und eine philosophische Ideologie wichtig: Die Bindung an die zwanghafte Vorstellung, dass allein Russland noch die Welt retten könne angesichts der angeblich moralisch verkommenen westlichen demokratischen Gesellschaften. Diese Überzeugung bindet Putin auch an die Russisch-Orthodoxe Kirche und ihren gleiches denkenden Patriarchen Kyrill I. von Moskau. „Eine der Haupt­quellen Putins sind auch faschistische Denker der russischen Gegenrevolution, insbesondere die Schriften des Philosophen Iwan Iljin. Er war ein adliger russischer Emigrant, der in den Zwanziger- und Dreissiger­jahren in Berlin und danach bis zu seinem Tod 1954 in der Schweiz lebte. Er war ein glühender Verehrer von Mussolini und Hitler und pflegte auch in der Schweiz Verbindungen zu prominenten Nazis.»
„In wichtigen, programmatischen Reden hat sich Putin immer wieder auf Iljin berufen“ (Infosperber).
Iljin (1883-1954) ist sozusagen der beliebte und viel zitierte „Hausphilosoph“ Putins, Iljin hat von Russlands Unschuld geträumt, das von westlichen Herrschern missbraucht wird, er fantasierte, dass Russland ohne die Erbsünde belastet ist usw. Er kann das Trauma Putins überwinden helfen, das er mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches – in Dresden – erlebte. Siehe dazu den instruktiven Beitrag von Norbert Matern: LINK
Timothy Sneijder sagt in der „Zeit“ vom 19.5.2022: „Putins Lieblingsautor Iwan Iljin beschreibt eine verworrene und zerbrochene Welt, die Russland mit Gewalt heilen müsse, und zwar mithilfe eines starken Führers, der die Demokratie zum reinen Ritual macht. Das Projekt heißt: Die Welt ist nicht sie selbst, solange sie nicht russische Werte lebt.“
Das ist interessant und wird viel zu wenig beobachtet: Etliche Bücher von Iljin sind in der Edition „Hagia Sophia“ in Wachtendonk erschienen, ein Verlag, der sich auf der Linie der christlichen Orthodoxie befinden will: Gregor Fernbach Verlag Hagia Sophia in 47669 Wachtendonk, dort erscheinen auch Titel unter der bekannten Putinschen Ideologie „Eurasia“. Das Buch von Georg Redete aus dem Verlag Hagia Sophia wird auch in dem rechtsextremen Antaios Verlag vertrieben. Der Leiter des Verlages „Hagia Sophia“ ,Gregor Fernbach, war ein Referent einer Tagung über Russland, organisiert von der neurechten Zeitschrift „Eigentümlich frei“ am 15. Nov. 2014 in Zinnowitz/Ostsee.

6.
Warum ist es wichtig, Putin als einen Faschisten eigener Prägung zu wissen? Dadurch werden Illusionen endgültig zerstört, die lange Jahre das Denken westlicher Politiker und Bürger bestimmten: Putin sei nur eine Art Nachfolger Jelzins und damit befasst aus dem großen russischen „Reich“ ein demokratisches System zu schaffen. Anders lassen sich auch die in heutiger Sicht total naiven Beifallsstürme im Deutschen Bundestag nach der auf Deutsch gesprochenen, sich demokratisch gebenden Rede Putins nicht bewerten (am 25.9.2001). Später haben westliche Politiker eine Art Putin – Blindheit praktiziert – allein weil sie sich ökonomische Vorteile von guten Beziehungen zu dem „guten Putin“ erhofften. Jetzt sollte Klarheit herrschen: Putin ist ein Faschist, sein Regime ist faschistisch. Entsprechend deutlich und heftig muss er bekämpft werden auch als Kriegstreiber gegen die Ukraine. Die Frage ist also: Wie können demokratische Staaten eine faschistischen Diktator besiegen, der über all die Jahre Krieg in Tschechenien, Georgien, Syrien, Krim, Donbas) führte? Wie kann ein die Ukraine und die ganze westliche Welt bedrohender „infamer“ (sagt Bundeskanzler Olaf Scholz) Diktator besiegt werden? Putin muss immer als KGB Mann verstanden werden, zu den obersten indoktrinierten Untugenden des KGB und seiner Nachfolge-Organisation gehört die Lüge.

7.
Die demokratische Welt erkennt: Dieser Krieg Putins gegen die Ukraine ist nicht regional begrenzt! Dieser Krieg Putins ist ein totaler Krieg, der die ganze Welt durcheinander wirbelt, ökonomisch, ruinös für die Volkswirtschaften mit immer höheren Ausgaben für Waffen, mögliches Ansteigen eines Rechtsradikalismus, Sehnsucht nach dem starken Führer allerorten. Die Hungersnöte in Afrika wegen fehlender Weizenlieferungen werden hoffentlich auch diese bislang sich neutral gegen Putin verhaltenden Staaten zu Putin-Kritikern werden lassen! Sicher aber ist: Putin will in seinem eigenen Krieg, der nur als auf neue Weise totaler Krieg genannt werden kann, Hunger-Flüchtlinge aus Afrika in die westlichen Länder treiben. Auf diese Weise, durch Hungersnöte, von Putin inszeniert, sollen die westlichen Gesellschaften, selbst in finanzieller Bedrängnis wegen der enormen Rüstungsausgaben und der Inflationen, verunsichert werden, d.h. Putin will den Rechtspopulismus und den Rechtsextremismus und den Faschismus in Europa fördern. Und Demokratie auf diese Weise zerstören. In den USA sind faschistische Tendenzen schon jetzt mächtig, bekanntlich auch in Frankreich, Italien, Spanien, Schweden, Österreich, Brasilien … und Deutschland usw…

8.
Für die eher explizit philosophischen Debatten ist wichtig: Paul Mason nennt in seinem genannten Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ als einen philosophischen „Ursprung“ des Faschismus auch die Haltung des „Irrationalismus“ (S. 170 f.) und er denkt dabei vor allem auch an den Philosophen Friedrich Nietzsche. „Nietzsches Werk stellt das umfassendste Bekenntnis zum Irrationalismus dar, das je verfasst wurde“ (S. 173). Irrationalismus bedeutet bei Nietzsches: Es gibt keine allgemeine, universale und kategorisch geltende Wahrheit, es gibt keinen Fortschritt, keinen Sinn in der Geschichte, keine Begründung für die Gleichberechtigung der Frauen, keine Begründung für einen Widerstand gegen den Kolonialismus. „Nietzsche gelangt wieder und wieder zu dem Ergebnis: Die Gewalt der Elite ist gerechtfertigt“ (ebd.) Aber Mason betont: „Wir können Nietzsche – und anderen Philosophen wie Spengler oder Bergson – nicht die Schuld am Faschismus geben… Aber diese philosophische Bewegung des Irrationalismus gab der reaktionären Politik einen modischen, rebellischen Anstrich“. (183).
Diese Interpretation Paul Masons, Nietzsche könne als ein Wegbereiter des Faschismus verstanden werden, wird übrigens von Philosophen unterstützt, etwa von Prof. Vittorio Hösle (Indiana, USA). In seinem Buch „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H. Beck Verlag München, 2013) ist ein Kapitel Nietzsche gewidmet mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral: Friedrich Nietzsche“ (S. 185-207). Hösle schreibt: „Warum Nietzsche ein langes Kapitel widmen? Weil dieser Mensch wirklich Dynamit war. Kein anderer Denker hat so viel zerstört wie dieser philosophische Terrorist“ (S. 186). „Ein Widerwillen gegen Demokratie und soziales Denken ist eine der wenigen Konstanten Nietzsches“ (S. 189). „Es liegt nahe, den Nationalsozialismus als Versuch des Heroismus im Bösen zu deuten, von dem Nietzsche auch inhaltlich einige Ideen vorwegnimmt“ (S. 199).

9.
Anstelle eine vorläufigen Schlusswortes: Was können wir gegen den Faschismus (Putins) tun? „Es braucht eine wehrhafte Demokratie mit Gesetzen, die es erlauben, faschistischen Bestrebungen Grenzen zu setzen. Außerdem brauchen wir eine neue Version der Volksfront – ein Bündnis zwischen der Mitte und der Linken ist Erfolg versprechender, als wenn diese einzeln kämpfen. Und es braucht ein antifaschistisches Ethos aller Kräfte. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Den Linken, die Olaf Scholz und Emmanuel Macron als ihre größten Feinde sehen, will ich sagen: Wacht auf! Der Feind steht schon vor der Tür. Der Feind sind die Leute, die unsere Demokratie zerstören wollen“. Das sagt der Faschismus-Forscher Paul Mason in einem Interview mit der TAZ vom 21.5.2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin