Monatsarchiv



Toulouse – Perspektiven einer Kulturstadt

30. März 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Gott in Frankreich

Toulouse – Perspektiven einer lebendigen Kulturstadt

Von Christian Modehn

Toulouse – eine Stadt, in der rassistisch motivierte Verbrechen geschahen und Kinder an der jüdischen Schule Ozar – Athora erschossen wurden,

Toulouse eine Stadt, die noch immer unter dem Schock der Verbrechen leidet, verübt von einem Mörder, der auch Militärangehörige tötete.

Toulouse, das darf nicht vergessen werden, steht eigentlich glanzvoll da, wenn man nur einige Aspekte seiner Geschichte betrachtet:

Hier hat der junge Philosoph Vladmir Jankélevitch gewirkt, er wurde vom Vichy – Regime verfolgt, lehrte seine Philosophie aber trotz allem weiter in einigen Cafés von Toulouse.

In Toulouse hat Kardinal Saliège gelebt, der als einer der wenigen französischen Bischöfe öffentlich die Nazis und das mit ihnen verbandelte Vichy – Regime kritisierte.

In Toulouse fanden die Republikaner Spaniens Zuflucht, als sie von den Franco – Truppen verfolgt wurden.

In Toulouse hat André Malraux, Schriftsteller und Widerstandskämpfer, die Befreiung erwartet.

In Toulouse hat Jean Jaurès, Sozialist und Pazifist, als Journalist gearbeitet.

In Toulouse wurde die katholische Kirchenmusik grundlegend erneuert, mit den Kompositionen der „Messe tolosane“, vor allem durch den Musiker und Komponisten André Gouzes aus dem Dominikanerorden (der Orden wurde übrigens 1215 in Toulouse gegründet).

Toulouse – die Erinnerung an eine lebendige Stadt der Kultur und der Toleranz wird alles Leiden am Schrecken der Verbrechen überdauern.

 

Wir weisen gern auf das Buch von Stéphane Baumont hin:  Le Gout de Toulouse. 2006.

Aus einer Besprechung:

Ville d’un fleuve, la Garonne, entre Atlantique et Méditerranée ; capitale de l’aéronautique comme du rugby, ville de paradoxes et de singularités entre pastel et vent d’autan, tango et bel canto ; république des Capitouls et des temps de libération, Toulouse c’est aussi et d’abord, comme le souligne Marie-Louise Roubaud, «une couleur, le rouge ocre de la brique, un accent chantant, un esprit dérangeant qui résiste». Claude Nougaro lui a donné son hymne, «Ô mon païs, ô Toulouse», entre langue d’oc et catharisme. D’autres, écrivains, poètes, troubadours, journalistes, chroniqueurs, ont su décrire le génie du lieu, terre promise de cocagne et d’esthétique architecturale. Promenade en compagnie de Gustave Flaubert, Tristan Derème, José Cabanis, Jean Jaurès, Raymond Abellio, André Fraigneau, Renaud Camus, Kléber Haedens, Stendhal, Saint-Exupéry et bien d’autres.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Die Liebe zum Leben und die Kulte des Todes: Über Erich Fromm. Ein Salonabend

25. März 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

 

Für Erich Fromm ist der Mensch weder gut noch böse, aber der Weg, den er aufgrund seiner spezifischen Situation geht, dient entweder dem Leben oder seiner Zerstörung. Gut bedeutet in Sinne seiner humanistischen Ethik Bejahung des Lebens und alles, was zur größeren Entfaltung der spezifischen menschlichen Möglichkeiten beiträg (Biophilie). Böse oder schlecht ist alles, was das Leben einschnürt und das Aktivsein des Menschen lähmt ( Nekrophilie).

Der Salon findet im Café Antikflair in Berlin – Schöneberg statt, Grunewaldstr. 10.Um Anmeldung wird gebeten. Beitrag (für die Raummiete): 5 Euro.

 

 



Paulo Freire: Praxis der Befreiung

24. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Denkbar

 

              Wichtige Erkenntnisse der PÄDAGOGIK DER BEFREIUNG von PAULO FREIRE (1921-1997)

              Von Hernán Silva-Santisteban Larco,  Religionsphilosophischer Salon am 23.3.2012

 

–  Einheit von Denken und Handeln

Der Mensch existiert nicht isoliert, er ist auf ein Du angewiesen und er ist auf seine Umwelt gerichtet (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.117f). Mensch und Welt stehen in einem Wechselwirkungsverhältnis und beide sind so miteinander verwoben, dass sie niemals voneinander abgespaltet werden können (Bernhard, S. 181). Andererseits, der Mensch ist nicht endgültig und für immer festgelegt, vielmehr tendiert er dazu, in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, seine Lebensbedingungen zu überschreiten und neue Möglichkeiten zu erproben (ebd., S.180). Der Mensch kann nicht anders, als zu handeln und durch sein Handeln sich selbst und die Welt umzuformen (Figueroa, S.33): der Mensch ist ein dauerhafter Entwurf von sich selbst in der Welt, er hat Willen zur Gestaltung. In dieser Hinsicht, in dem der Mensch nicht isoliert existiert, kann es auch kein isoliertes Denken geben, und in dem das menschliche Wesen sich wesentlich in der Handlung bestätigt, kann das Denken des Menschen über seine Welt von seinem Handeln in dieser Welt nicht abgetrennt werden (Bernhard, ebd.): die menschliche Handlung ist die unauflösliche Einheit zwischen meiner Aktion und meiner Reflexion über die Welt (Stückrath, S.18). Das Denken soll konkret werden und in der existenziellen Lebenswirklichkeit wurzeln und auf das Handeln wirken. Nur der Mensch ist fähig, dank seines Denkens, gegenüber der Welt eine Distanz einzunehmen und dadurch bewusst auf die Realität durch seine Handlung einzuwirken. Nur der Mensch, und das gilt für allen Menschen ohne kulturelle Unterschied, ist imstande, sich selbst zu transzendieren und zu verstehen, um sie zu verwandeln (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.50).

– Der Mensch als kritischer Denker

An Anfang ist die Annährung des Menschen an die Welt, in der er sich befindet und in der er sich sucht, keine kritische Einstellung, sondern eine naive. Auf dieser ersten spontanen Ebene macht der Mensch eine unkritische passive Erfahrung der Wirklichkeit: dieser Prozess beschreibt eine „Bewusstwerdung“. In dem man diese erste spontane Ebene des Erfassens der Realität überwindet, gelangt das menschliche Denken auf eine kritische Ebene, in der die Realität sich „entschleiert“ in seiner wahrhaftigen Wesenheit, d.h., das Bewusstsein nimmt Besitz von der Realität. Das kritische Bewusstsein hinterfragt die Ursache der Umstände und „enthüllt“ die Wirklichkeit durch Auflösung von Bildern und Begriffe, durch die die Wirklichkeit verzerrt dargestellt wird. Dank dieser erworbenen kritischen Ebene verwandelt sich das Bewusstsein, als Entfaltung des Bewusstwerden, in eine „Bewusstseinsbildung“ (Stückrath, S.18f). Die Bewusstseinsbildung ist ein Lernvorgang, der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen, um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen (Dabisch, S.69f). Aus dieser Bewusstseinsbildung kann der Mensch kritisch und schöpferisch in seiner entschleierten Welt handeln. In diesem Sinne, Bewusstseinsbildung ist ein Prozess der „Erweckung“ und der Dynamisierung des Bewusstseins der Einzelnen. Gleichzeitig ist eine Veränderung der Mentalität, wozu eine genaue realistische Einsicht in die eigene Stellung in der Welt und in der Gesellschaft gehört (Dabisch, S.69f; Stückrath, S.18f). Dieses Prozess und diese Veränderung können alle Menschen auf der Welt erreichen und erleben, sogar die Analphabeten.

– Die Utopie als Quelle der Wirklichkeit

Darüber hinaus, diese Bewusstseinsbildung fordert uns auf, der Welt gegenüber eine utopische Haltung einzunehmen. Die Utopie ist in diesem Fall nicht das Unrealisierbare, sie ist eher eine dialektische Verbindung der kritischen Aufdeckung einer entmenschlichenden Struktur und die Ankündigung einer menschlichen solidarischen Struktur durch das schöpferische Denken. Die Utopie, als Veränderungsimpuls der Realität, setzt kritisches Erkennen voraus. Ich kann nicht etwas aufdecken, wenn ich nicht in die Realität eindringe, um sie kennenzulernen; ich kann nicht etwas ankündigen, wenn ich es nicht erkenne. Und nur durch Handeln, auf der Basis eines kritischen Denkens, kann sich eine Utopie in Realität verwandeln (Stückrath, S.19f). Der Mensch, als  historisches Wesen, ist berufen um die Rolle des Subjekt zu übernehmen um die Welt um ihm herum zu gestalten und erneut zu gestalten: er ist berufen um sein eigenes Leben in seine Hände zu nehmen als freier denkender schaffender Mensch, als „kulturschöpferisches Wesen“ (Edward Sapir)

– Der Mensch als Dialog-Wesen

Der Mensch ist auch auf Zwischenmenschliche Kommunikation angewiesen, ohne die er die Welt weder erschließen noch verändern kann. Der Mensch ist zum Dialog mit anderen Menschen bestimmt (Bernhard, S.180). In dem der Mensch dieäußere Welt und seine äußeren Lebensumstände Gegenstand seines Denkens und seines Bewusstseins machen kann, ist er in der Lage, sich selbst und seine Welt im Dialog mit anderen zu verstehen, zu gestalten und zu verändern (Bernhard, S.181). Der Dialog ist, in diesem Fall, ein Akt des Erkennens und einer kritischen Annährung an die Realität (Stückrath, S.18). Der Anreiz zu Bewusstseinsbildung geht von einem interpersonalen Dialog aus. Durch diesen Dialog als Begegnung mit anderen Menschen wird und kann jeder Mensch entdecken, was Mensch sein bedeutet (Dabisch, S.70). Erkenntnis und Selbsterkenntnis erfolgt immer in Kommunikation, d. h., dass das „ich denke“ und dass das „wir denken“ bereichen sich miteinander. Wenn Kommunikation auf ununterbrochene wechselseitige Mitteilungen aufbaut, gibt es kein passives Subjekt in dem Dialogprozess, es gäbe nicht die Möglichkeit, das jemand in seinen Mitteilungen einen anderen zu „erdulden hat“  (Rosch, S.63f)

 

Bibliographie:

-Freire, Paulo, Pädagogik der Solidarität, Wuppertal, 1974;

-Freire, Paulo, Pädagogik der Unterdrückten, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei  Hamburg, 1977;

-Freire, Paulo, Erziehung als Praxis der Freiheit, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1977;

-Bernhard, Armin, Pädagogisches Denken, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2006;

-Dabisch, Joachim, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem, Verlag Breitenbach Publishers, Saarbrücken-Fort Lauderdale, 1987:

-Figueroa, Dimas, Paulo Freire zur Einführung, Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1989;

-Rosch, Christoph, Die Erziehungskonzeption Paulo Freires, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Mein, 1987;

-Stückrath-Taubert, Erika (Hg.), Erziehung zur Befreiung. Paulo Freire: Rezeption und Kritik, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1975  (zusammengestellt von H.S.)

Die Literatur über Paulo Freire ist nahezu „uferlos“. Wir weisen nur auf eine neuere Studie hin: Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie.(Band III)
Hg. Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Dieter Kinkelbur. Waxmann: Münster 2008.
133 Seiten, ISBN 978-3-8309-1870-7
Band I: Paulo Freire, Unterdrückung und Befreiung

Band II: Paulo Freire, Bildung und Hoffnung   (C.M)

copyright: hernan silva-santisteban-larco.



Sexueller Missbrauch seit Jahrzehnten im Vatikan bekannt. Neue Dokumente zur Pädophilie von Marcial Maciel

23. März 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Legionäre Christi - Kritische Studien

Sexueller Missbrauch seit Jahrzehnten im Vatikan bekannt. Neue Dokumente zur Pädophilie von Marcial Maciel. Mit einem Kommentar aus Zentralamerika.

Kein Treffen mit Missbrauchsopfern in Mexiko

Von Christian Modehn

Papst Benedikt XVI. weilt in Mexiko – und gleichzeitig erscheint dort am Samstag, 24.März 2012, ein Buch, das die pädophilen Verbrechen von Pater Marcial Maciel, dem Ordensgründer der Legionäre Christi, in einen über alles bisher Bekannte noch weiteren historischen Rahmen stellt. Maciel war Chef des katholischen Ordens der Legionäre Christi und „Vater“ der Laienbewegung „Regnum Christi“, er lebte von 1920 bis 2008. Beide Gemeinschaften haben heute ca. 60.000 Mitglieder weltweit, vor allem in Schulen und Hochschulen (sowie in Priesterseminaren, angefangen bei solchen für „Knaben“) sind sie aktiv. Continue reading “Sexueller Missbrauch seit Jahrzehnten im Vatikan bekannt. Neue Dokumente zur Pädophilie von Marcial Maciel” »



Einfach glauben. Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen

21. März 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Im Religionsphilosophischen Salon wird auch gelegentlich die Frage nach konkreten Glaubensvollzügen gestellt. Unser Vorschlag, der sich einer „liberalen theologischen Tradition“ verpflichtet weiß und deswegen philosophisch nachvollziehbar, mindestens aber argumentativ „für alle“ befragbar ist, plädiert für ein Konzept mit dem Titel: EINFACH GLAUBEN.

So hieß auch eine Radiosendung von Christian Modehn  am 2. Januar 2011 im NDR (Reihe Glaubenssachen). Oft wurden wir gefragt, ob dieser Text noch nachzulesen ist. Deswegen, ein gutes Jahr nach der Sendung, hier eine Möglichlichkeit anhand des Textes weiterzudenken und vielleich auch zu entdecken, dass Glauben – trotz aller dogmatischen Einsprüche – eigentlich „einfach“   ist. Die Form des Manuskripts entspricht der im Hörfunk üblichen Gestalt.

 

 

 

Glaubenssachen

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Sonntag, 2. Januar 2011, 08.40 Uhr

Einfach glauben
Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen
Von Christian Modehn

Redaktion: Bernward Kalbhenn, Norddeutscher Rundfunk, Religion und Gesellschaft

– Unkorrigiertes Manuskript –

Zur Verfügung gestellt vom NDR

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt

und darf nur für private Zwecke des Empfängers benutzt werden. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung des Autors zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf der Genehmigung des NDR.

 

1. Sprecher:

Meinen Schulfreund Karl hatte ich einige Jahre aus den Augen verloren. In einem Café traf ich ihn kürzlich wieder. Mittlerweile ist er erfolgreicher Bauingenieur. Neben seinem Espresso hatte er ein dickes Buch ausgebreitet, dem seine ganze Aufmerksamkeit galt. Gleich nach der Begrüßung wollte Karl, typisch für ihn, das „Allerneueste“ mitteilen: „Ich bin vor einem halben Jahr katholisch geworden, habe mich taufen lassen“, berichtete er, „und nun lese ich ein Kompendium des ganzen Glaubens“. Er zeigte mir, nicht ohne Stolz, sein Buch – den „Katechismus der Katholischen Kirche“. Dies sei seine „Gebrauchsanweisung für den Glauben“; auf Seite 134 hatte er ein paar Zeilen unterstrichen:

2. Sprecher:

Die Erbsünde „ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weiter-geben wird. (…) Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, (sie ist) ein Zustand, keine Tat“.

1. Sprecher:

Ich muss gestehen, dass mir diese Zeilen einen leichten Schock versetzten. So soll es also gewesen sein? Als sich meine Eltern liebten, „sich fortpflanzten“, wie es im katholischen Katechismus recht prosaisch heißt, haben sie also die Erbsünde an mich weitergegeben. Aber wurde uns denn nicht im Religionsunterricht eingeschärft: Sündigen kann man nur in einer freien Entscheidung? Und nun gibt es eine Sünde als Zustand? Ein Ungeborener soll bereits sündig sein? Ist ein Glaubenskompendium hilfreich, wenn der Leser irritiert wird oder an der Lehre zweifelt?

Karl nahm mein Erstaunen gar nicht wahr. Voller Begeisterung erzählte er gleich weiter, dass er bis zur Taufe ein ganzes Jahr lang an Glaubensunterweisungen teilgenommen habe, Konvertiten–Unterricht genannt. Die gesamte katholische Lehre hätte er noch gar nicht durchgearbeitet, wie er sagte. Aber mit diesem Katechismus könne er sich ja selbst in alle Einzelheiten vertiefen. Im Vorwort zu seinem „Glaubenskompendium“ hatte Papst Johannes Paul II. geschrieben:

2. Sprecher:

Dieser Katechismus „ist eine Darlegung des Glaubens der Kirche“ (…) Ich erkenne ihn als gültiges und legitimes Werkzeug (…) an, ferner als sichere Norm für die Lehre des Glaubens“.

1. Sprecher:

Und während mein Schulfreund Karl weiterplauderte, seine „Gebrauchsanweisung“ fest im Griff, fragte ich mich, wer denn eigentlich gern Gebrauchsanweisungen liest. Und: Ist Glauben so schwer zu lernen und mühsam zu verstehen? Kann man nicht auch „einfach glauben?“, ohne dickes Buch oder Lehrgebäude?

Alle christlichen Kirchen sind bestrebt, in umfangreichen Büchern den „ganzen Glauben“ darzustellen. Auch die Reformatoren Luther und Calvin hatten den Ehrgeiz, ihre protestan-tische Theologie einprägsam zu verbreiten, etwa im „Augsburger Bekenntnis“ oder im „Heidelberger Katechismus“. Der Titel dieser klassischen Glaubensbücher bezieht sich auf das altgriechische Verb katechein;  es bedeutet wörtlich übersetzt „von oben herab tönen, ergötzen, bezaubern“. Diese  ursprüngliche Bedeutung hatten die Menschen im 8. Jahrhundert wohl längst vergessen, als die ersten umfassenden Katechismen in den Klöstern geschrieben wurden. Dabei ist die ursprüngliche griechische Wortbedeutung durchaus treffend: Denn diese Lehrbücher wurden von oben herab, von Päpsten, Bischöfen und Theologen den Laien, dem Volk, vorgesetzt, als geistliche Nahrung, wie es hieß. Ob die Laien von diesen Büchern immer  bezaubert oder gar ergötzt wurden, ist fraglich angesichts der nüchternen, trockenen Theologensprache. Ich erinnere mich noch an den Katechismus aus den fünfziger Jahren, der mit einer abstrakten Frage begann:

2. Sprecher:

Wozu sind wir auf Erden?

1. Sprecher:

Die Antwort konnte man gleich darunter lesen:

2. Sprecher:

Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.

1. Sprecher:

Als Kinder mussten wir ganze Seiten dieses Frage- und Antwort- „Spiels“, wie wir damals sagten, auswendig lernen. Der Katechismus umfasste 248 Fragen. Die letzte Frage bewegte uns Kinder am meisten, denn sie erzeugte einen gewissen Schauer:

2. Sprecher:

Was wird am Jüngsten Tag mit der sichtbaren Welt geschehen?

1. Sprecher:

„Sie wird verwandelt und neu gestaltet werden“, riefen wir dann mutig dem Pfarrer zu. Wer zehn weitere Fragen korrekt  beantworten konnte, erhielt einen Bonbon. Dieser Katechis-mus wurde damals auch in der DDR verbreitet. Viele der dortigen Atheisten hat er wohl kaum zum Glauben bewegt. Denn dieses Buch setzte Gott schlicht und einfach als real existierend voraus. Heute bieten Katechismen wenigstens Hinweise, wo und wie denn die göttliche Wirklichkeit im Alltag des Lebens zu ahnen, zu spüren und möglicherweise zu finden sei. Über alle Zeiten hinweg aber ist den Katechismen eine Überzeugung gemein-sam:

2. Sprecher:

Der christliche Glaube ist ein Lehrsystem. Evangelische wie katholische Katechismen be-ginnen auch heute noch, systematisch gegliedert, bei Gott selbst, bei „Gott Vater“. Inner-halb der sogenannten Trinität, der Dreifaltigkeit, führen sie dann die Leser weiter zu Jesus Christus, dem ewigen Logos, „das menschgewordene Wort Gottes“, und schließlich zum Heiligen Geist; im Anschluss daran wird das Wesen der Kirche abgehandelt.

1. Sprecher:

Vom Himmel hoch kommend landet der Leser schließlich nach hunderten von Seiten bei den irdischen, auch den ethischen Fragen. Der Evangelische Erwachsenenkatechismus aus dem Jahre 1977 breitet diese Lehre auf 1.356 Seiten aus. Die aktuelle Ausgabe, noch keine zwei Monate auf dem Markt und als „Kursbuch des Glaubens“ angepriesen, umfasst nur noch 1.020 Seiten. Katholiken könnten da fast eifersüchtig werden; denn die römische Glaubensbehörde hat für ihren offiziellen Katechismus nur 816 Seiten zustande gebracht. Dabei erscheint doch der katholische Glaube schon aufgrund der Heiligenverehrung, des Papsttums und der sieben Sakramente sehr viel inhaltsreicher.

Wie auch immer: Diese Bücher hinterlassen den Eindruck: Ein Mensch ist erst dann ein wahrer Christ, wenn er die 800 oder 1000 Seiten studiert, also diese „Gebrauchsan-weisung“ durchgearbeitet hat, wie mein Schulfreund Karl betonte. Aber, wie gesagt, wer liest schon gern Gebrauchsanweisungen? Natürlich kann es gelegentlich reizvoll sein, bestimmte Phänomene der christlichen Lehre genauer kennenzulernen; etwa der Frage nachzugehen, welche Rolle Christus, der Sohn Gottes, „der ewige Logos“, wie es heißt, im Ganzen der himmlischen Dreifaltigkeit spielt. Im Katholischen Katechismus aus dem Jahr 1993 heißt es dazu im Paragraphen 254:

2. Sprecher:

„Die Trinität ist eine.  Die drei göttlichen Personen beziehen sich aufeinander. Weil die reale Verschiedenheit der Personen die göttliche Einheit nicht zerteilt, liegt sie einzig in den gegenseitigen Beziehungen“.

1. Sprecher:

Solche Sätze pflegte mein Vater gern mit einem lauten „Aha“ zu kommentieren, um dann sofort von etwas anderem zu sprechen, etwa von der Sozialpolitik. Ihn ärgerte zudem, dass ein modernes Glaubensbuch, der so genannte Holländische Katechismus aus dem Jahr 1966, verfasst in einer modernen Alltagssprache, von der offiziellen Kirche abgelehnt und bekämpft wurde.

Weil Katechismen immer den Eindruck erwecken, der christliche Glaube sei eine Art in sich geschlossener Weltanschauung, die auf alle grundlegenden, religiösen und ethischen Fragen eine endgültige Antwort weiß, haben auch Theologen zu allen Zeiten unter diesem „System–Christentum“ gelitten und Auswege aufgezeigt. Schon der große Augustinus, selbst Verfasser zahlreicher voluminöser Glaubensbücher, erkannte die Notwendigkeit, den Glauben „auf den Punkt“ zu bringen. Er schrieb den viel zitierten lateinischen Satz:

2. Sprecher:

„Dílige et quod vis fac“. Wörtlich übersetzt: Liebe und tu, was du willst.“

1. Sprecher:

Als Augustinus diese Worte im Jahr 407 niederschieb, hatte er seine von erotischen Liebes-abenteuern geprägte Jugendphase längst hinter sich gelassen. Als Bischof von Hippo in Nordafrika, bezog er sich in seinem Spruch nicht auf den Eros, sondern auf die Liebe als Caritas, auf die tätige Nächstenliebe. Ausführlich und ein wenig paraphrasierend müsste man übersetzen:

2. Sprecher:

Übe dich in der Nächstenliebe, erst dann kannst du frei dein Leben gestalten.

1. Sprecher:

Erstaunlich, dass dieser viel gerühmte „Kirchenvater“ den Kern des Glaubens in einer sehr praktischen Lebenshaltung sah. Darin folgte er den Weisungen der frühen Kirche. Für den Apostel Paulus ist die Nächstenliebe das Höchste und alles Entscheidende. Und der Ver-fasser des 1. Johannesbriefes schreibt:

2. Sprecher:

Wir Glaubende wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind, weil wir die Geschwister lieben. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod, hat also mit Gott keine Verbindung.

1. Sprecher:

Die frühe Kirche hatte auch Interesse, den inneren, den religiösen Kern des Glaubens, die Theorie, wenn man so will, in wenigen Worten zusammenzufassen. Dabei hat sie durchaus die unterschiedlich geprägten religiösen und kulturellen Milieus ernst genommen. Gegen-über gebildeten sogenannten Heiden-Christen, vor allem den Philosophen in Athen, betonte der Apostel Paulus:

2. Sprecher:

Gott ist nicht fern von einem jeden Menschen. Denn in Gott leben wir, in ihm bewegen wir uns und sind wir. Tatsächlich, wir sind von göttlichem Geschlecht.

1. Sprecher:

Einer der bedeutenden katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, war von den zahlreichen kurz gefassten Bekenntnissen der ersten Christen beeindruckt. Sein Plädoyer: Wenn heute viele Christen den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen, also an-gesichts der Überfülle von Lehren und Dogmen das Wesentliche des Glaubens nicht mehr wahrnehmen, dann sollten „Kurzformeln des Glaubens“ geschrieben werden, prägnante Verse, die alles Entscheidende griffig sagen, ohne dabei zu oberflächlichen Werbeslogans zu verkommen. Bei dieser Suche nach dem Wesen des Christentums wusste sich Rahner verbunden mit einer breiten theologischen Tradition. So wollte zum Beispiel der protestantische Theologe Adolf von Harnack, Professor an der Berliner Humboldt Universität, das „Zentrum des Glaubens“ in den Mittelpunkt stellen. Sein Buch „Das Wesen des Christentums“ erschien im Jahr 1900 und fand sehr viel Aufmerksamkeit. Darin heißt es:

2. Sprecher:

Wesentlich ist der Glaube an Gott, den wir uns in etwa wie einen guten Vater vorstellen können; wesentlich ist der unendliche Wert eines jeden Menschen und damit zusammen-hängend die Nächstenliebe. Jesus lehrt uns, in diesem Geist die Welt gerecht zu gestalten.

1. Sprecher:

Diese Erkenntnis bewegt bis heute viele Menschen, Fromme und weniger Fromme. Und sie wissen sich dabei ganz eng mit dem Initiator des Christentums verbunden, mit Jesus von Nazareth. Eigentlich sollte die ständige Bindung an die Lehren und Weisungen Jesu für Christen selbstverständlich sein. Aber die hochkomplex gewordene Kirchenlehre hat die Gestalt Jesu oft eher verdeckt als lebendig erscheinen lassen. Wie viele Synodenbeschlüsse oder Enzykliken nehmen denn auf Jesus ausdrücklich Bezug, auf die Berg-predigt zum Beispiel oder auf seine Mahnungen, nicht zu herrschen und arm zu leben, sich nicht Meister nennen zu lassen, sondern der Diener aller zu sein? Bezeichnenderweise haben alle großen Reformatoren, wie Franziskus von Assisi oder Martin Luther, immer wieder Jesus als das kritische Gegenüber zu einer sich machtvoll gebärdenden Kirche eingeklagt. In diesem Sinne schreibt der Theologieprofessor Gottfried Bachl aus Salzburg in seinem Buch „Der schwierige Jesus“:

2. Sprecher:

Alle beachtenswerten Stimmen der Tradition laden mich ein, mich unmittelbar und haut-nah an Jesus zu halten, keine anderen Prinzipien gelten zu lassen. Woher sollte man denn sonst auch wissen, dass man angesichts der bunten religiösen Vielfalt im Christentum tatsächlich auf seinem, also auf Jesu Weg sich befindet?

1. Sprecher:

Allerdings: Eindeutige und historisch sichere Informationen über diesen Jesus von Nazareth sind eher mühsam zu haben. Die vier Evangelien aus dem Neuen Testament sind Predigten und Bekenntnisse, keine Lebensbeschreibungen; eine umfassende, objektiv korrekte Biographie Jesu kann es aufgrund der Quellenlage nicht geben. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass die entscheidende Mitte der Lehre Jesu, sozusagen das „Unverwechselbare“, genau festgelegt werden kann.

2. Sprecher:

In seiner Bergpredigt lobt Jesus die Friedfertigen sowie die Menschen, die nach Gerechtig-keit streben. Auch jene werden seliggepriesen, die barmherzig sind und authentisch leben wollen, also ein „reines Herz“ haben. In anderen Erzählungen empfiehlt Jesus nach-drücklich, niemals über andere Menschen zu richten, sondern auch „den Balken im eigenen Auge zu sehen“. Er wendet sich mit aller Liebe den Armen und Ausgestoßenen zu, integriert sie in die Gemeinschaft; er warnt vor aller Scheinheiligkeit und mahnt die religiösen Führer, niemals zu herrschen, sondern zu dienen. Allein auf das metanoein, das Umdenken komme es an, auf die Umstellung bisher üblicher Werte.

1. Sprecher:

Diese von Jesus inspirierte Lebensweisheit wird von Theologen heute gern der „einfache Glaube“ genannt. Mit dem Wort „einfach“ möchten sie sich abgrenzen von allen komplizierten Glaubenslehren. Auch Philosophen sprechen jetzt nachdrücklich davon, etwa der weltweit geschätzte Italiener Gianni Vattimo. Er setzt sich in seinem Buch mit dem Titel „Glauben–Philosophieren“ von den ausgefeilten, manchmal allwissend erscheinenden Traditionen des Christentums ab. Für ihn kommt es auf einen im guten Sinne „reduzierten“, also einen bescheidenen Basis-Glauben an. Es ist schon fast ein Trend, wenn Philosophen wie Theologen betonen:

2. Sprecher:

Menschen können authentisch und wahrhaftig glauben, wenn sie sich den Lebensweis-heiten Jesu anschließen.

1. Sprecher:

Einfach, im Sinne von „schlicht“ oder „leicht realisierbar“, ist dieser elementare Glaube nicht. Denn wer kann auf Dauer der Weisung folgen, immer wieder zu verzeihen? Wer kann seinen Geist so frei machen von Aggressionen, dass er selbst seinen Feind lieben kann? Wer kann von sich sagen, dass er sein Herz nicht doch an den schnöden Mammon, das Geld, bindet? Dieser einfache Glaube Jesu wirkt wie eine dauernde Einladung, nicht stehen zu bleiben, nicht existentiell zu stagnieren, sondern das Ziel menschlicher Reife anzustreben. Eine Herausforderung, die nur gelingen kann, wenn sich die Menschen von einem tragenden Grund, von einer unendlichen göttlichen Liebe, geborgen wissen. Der einfache Glaube kommt ohne Mystik nicht aus.

In der langen Geschichte der christlichen Mystik wurde dieser „bergende Lebensgrund“ auch „göttlicher Funke“ im Menschen genannt, Meister Eckart sprach im 13. Jahrhundert davon, später Angelus Silesius, auch Philosophen wie Johann Gottlieb Fichte. Dieser gött-liche Bereich im Menschen ist die lebendige Quelle  des elementaren, des einfachen Glaubens. Wer dieses „göttlichen Bereichs“ inne werde, der sei auf dem besten Weg, ein Glaubender zu werden, meinte z.B. Thomas Merton, ein katholischer spiritueller Autor aus Amerika. Er war von dieser Idee ganz begeistert:

2. Sprecher:

Im innersten Kern unseres Wesens gibt es einen Punkt, klein wie ein Nichts, an den Sünde und Illusion nicht zu rühren vermögen. Er ist der Punkt der lauteren Wahrheit. Nie können wir über diesen göttlichen „Funken“ verfügen, er ist der Punkt der Herrlichkeit Gottes in uns. Er ist in unser innerstes Wesen geschrieben. Er steckt in jedem Menschen. Deswegen gibt es Milliarden solcher Lichtpunkte. Sie können Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens verscheuchen.

1. Sprecher:

Angesichts einer unübersichtlichen und vielfach bedrohten Welt suchen Menschen nach festen Eckpunkten, nach einer elementaren Weisheit, die im praktischen Leben wie auf der spirituellen Suche Orientierung zu geben vermag. Vor einigen Wochen erschien in den Niederlanden ein Buch, das diesen Interessen entgegenkommt. Es umfasst nur 140 Seiten. Kunstdrucke mit Werken von Caravaggio bis Chagall sollen zur Meditation anregen. Anstelle von Belehrungen wird von menschlichen Tugenden erzählt, etwa vom Mitgefühl, der Gerechtigkeit, der Annahme seiner selbst. „Katechismus des Mitgefühls“ heißt dieses Buch, das einige kleinere protestantische Kirchen gemeinsam herausgegeben haben. Es hat im säkularisierten Holland sehr viel Interesse gefunden. Die Autoren schreiben:

2. Sprecher:

Wer sich vom Mitgefühl für andere leiten lässt, erkennt auch sein eignes Leben. Wer sich in andere hineindenkt, wer die Unbekannten, die Fremden, lieben lernt: Erlebt die ganze Weite der Schöpfung Gottes und lernt sie lieben. Dann kann der Glaube beginnen, elementar und einfach. Dann kann Gott als eine mystische Kraft entdeckt werden.

Literaturhinweise:

Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus. Tyrolia Verlag, Innsbruck – Wien. 1996, 112 Seiten.

Catechismus van de compassie (Katechismus des Mitgefühls). Von Christiane Berkvens –Stevelinck und Ad Alblas, Skandalon Verlag in Vught, Niederlande, mit einer DVD von Karen Amstrong. 140 Seiten, 2010.

Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992. 155 Seiten.

Albert Schweitzer, Das Christentum und die Weltreligionen. Becksche Reihe, München, 1992. 124 Seiten.

Gianni Vattimo, „Glauben, Philosophieren“. Reclam Verlag, Stuttgart, 1997. 121 Seiten.

 

 



Total schwarz und „nur schwarz“: Zum Welttag gegen den Rassismus (21.3.): Ein Exempel aus der Dominikanischen Republik

20. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

Total schwarz und „nur schwarz“:

Anläßlich des Tages gegen den Rassismus (21. März)

Ein Exempel: Die Dominikanische Republik

Von Christian Modehn

An einem Tag wenigstens einmal alle geistige Energie verwenden, um über den Rassismus nachzudenken und um dann praktische und damit politische Schritte zu tun: Was kann ich tun, um einer Gesellschaft und einer Welt ohne Rassismus näher zu kommen? Das heißt: Einer Welt von unterschiedlichen und gleich berechtigten Menschen, die ohne eine feindliche Abgrenzung von den „anderen“, den zu Feinden Gemachten, leben kann. Vielleicht beginnt philosophisch alles damit, den Begriff der Identität neu verstehen und alle Behauptungen zurückzuweisen, die auf eine geschlossene und ewig fixe Form („Identität“) des eigenen Daseins insistieren. Das gilt auch für religiöse Identitäten, die angeblich dogmatisch ewig bleiben müssen.

Der 21. März wurde von den Vereinten Nationen zum “Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung” erklärt. Im Jahr 1979 wurde dieser Gedenktag ergänzt: Alle Mitgliedsstatten sollten eine alljährliche Aktionswoche der Solidarität mit den Gegnern und Opfern von Rassismus organisieren. Der Hintergrund: Am 21. März 1966 wurden bei einem Massaker in Sharpeville, Süd – Afrika, Menschen ermordet, Schwarze in diesem Rassisten Regime, die für ihre Rechte als Menschen eintraten. Wer von unseren Freunden im Religionsphilosophischen Salon hat in den letzten Jahren überhaupt einmal etwas von diesem Tag gegen den Rassismus gehört? Warum sind solche Tage nicht im Mittelpunkt des Interesses? Wer verhindert dieses Interesse? Warum sind banale Ereignisse, etwa des Unterhaltungs – Business, wichtiger als solche Tage des Denkens, Gedenktage? Wer will eine solche (Un)Kultur bei uns?

Überall gibt es Probleme damit, dass einige Menschen sich besser und wertvoller fühlen als die vielen anderen. Es gibt versteckten und kaum sichtbaren Rassismus auch in allen europäischen Ländern, die sich aller Beachtung der Menschenrechte rühmen. In Frankreich z. B. werden die Roma verfolgt und ausgegrenzt und abgeschoben; von den rassistischen Baumaßnahmen ganz zu schweigen, den Banlieus, den Bannorten, wo die Verarmten, d.h. meist die Ausländer, abgesetzt werden als die „Überflüssigen“ und letztlich Nutzlosen. In Deutschland pflegen manche Kreise einen Generalverdacht gegen Menschen, die nicht dem eigenen Kulturkreis entstammen und der eigenen traditionellen christlichen Tradition angehören. Tausend weitere Beispiele sind möglich.

Wir weisen – wieder einmal – auf ein uns gar nicht so fernes Land hin, die Dominikanische Republik, ein Land, über das wir seit vielen Jahren berichten, zuletzt über die erfreuliche Eröffnung des „museo de la resistencia“ in der Hauptstadt Santo Domingo. Die Dominikanische Republik wird von zwei Millionen Touristen pro Jahr besucht, ohne dass die Touristen auch im entferntesten etwas von der politischen und leider auch rassistischen Tradition dieses eigentlich so schönen Landes mitbekommen. Darum auch diese Hinweise.

Tatsache ist, dass nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 in Port au Prince, der Hauptstadt des benachbarten Haiti, eine beachtliche Welle der Solidarität von Menschen der Dominikanischen Republik festzustellen war. Es wurden schnell Hilfsgüter zu den vielen tausend Haitianern ohne Obdach gebracht.  Das ist bemerkenswert, weil es tief sitzende Vorurteile gibt gegenüber „den“  Haitianern unter den Leuten in der Dominikanischen Republik. Darüber ist viel geschrieben worden, auch in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen; es wurde an den Rassismus des Diktators Trujillo erinnert, an die endlosen Behauptungen, „der dominikanische Mensch“ sei „eigentlich“  ein Weißer, ein Spanier. Je mehr so etwas behauptet wird, um so mehr Glauben findet dieser Wahn: Dabei sind aber nur  8 % der Dominikaner Weiße, so die neuesten Untersuchungen, alle anderen sind Mulatten oder Schwarze, fast genauso schwarz, wie die verhassten Nachbarn, die Haitianer. Solche Studien zur Farbe der Menschen  – eigentlich selbst schon rassistisch – werden tatsächlich angestellt. Die verhassten „sehr schwarzen“ Haitianer, etwa eine Million Menschen auf „dominikanischen Boden“, werden zu untersten und schlecht bezahlten Arbeiten herangezogen. Auch das wird seit Jahren wissenschaftlich dokumentiert und von Menschenrechts Organisationen verbreitet.

Nun behauptet die offizielle Delegation auf einer UNO Tagung, dass der dominikanische Staat nicht rassistisch ist. Das mag zwar im Blick auf die Verfassung so sein. Antirassismus ist ein Begriff, der sich in Büchern und Gesetzestexten besonders wohl fühlt. Tatsache aber ist, dass die staatlichen Organe, wie die Polizei, massiv Haitianer nach wie vor bedrängen, misshandeln und willkürlich außer Landes weisen. Noch im September 2011 wurden 80 haitianische Migranten in Navarete zusammengetrieben und willkürlich außer Landes gewiesen. Lokale Quellen berichten, dass viele der Ausgewiesenen bereits mehr als 10 Jahre in der Dominikanischen Republik gelebt und gearbeitet hatten. Mindestens 30 der Ausgewiesenen waren Mitglieder einer Vereinigung, die für die Rechte von haitianischen Arbeitern kämpfte. Selbst Kinder haitianischer Eltern, auf dominikanischem Boden geboren und deswegen per geltendem Recht dominikanische Staatsbürger, werden über die Grenze getrieben. Dies sind nur Beispiele von vielen, wie tatsächlich in der Praxis Rassismus übelster Art fortbesteht. „Der Staat“ schaut weg und ist wohl ganz froh, dass diese „Tiefschwarzen“  aus dem Land verwiesen werden und ein Klima der Angst unter den Verbliebenen Haitianern erzeugt werden. Die meisten Haitianer leben in elenden Hütten, am Rande der Städte der Dominikanischen Republik.  Jetzt wird berichtet, dass Kinder aus Haiti unbegleitet in den dominikanischen Städten umherirren, als Arbeitssklaven oder als „Sex – Objekte“ missbraucht werden. Und „der Staat“ schaut zu. Nun hat sich die katholische Bischofskonferenz Haitis bei einer Pressekonferenz in Santo Domingo zu der Erklärung verführen lassen, es gebe in der Dominikanischen Republik keinen Rassismus, sondern nur „schlimme Einzelfälle“. Wer hat diese Stellungnahme bezahlt? Wer hat die katholischen Bischöfe Haitis bestochen, solches zu sagen, wo alle Priester und Nonnen an der Basis von offenem Rassismus sprechen, der sich zwar gebessert hat nach dem 12. 1. 2010, aber der fortbesteht…

Wir weisen aber gern darauf hin, dass es vor allem ein Zentrum des Jesuitenordens ist, das den Haitianern seit 15 Jahren beisteht. Der Leiter des „Servicio Jesuita“, Pater Mario Serrano, organisiert immer wieder Konferenzen zum Thema, sein Werk bietet Rechtsberatung und soziale Hilfe auch in Dajabon, an der Grenze. Der „Servicio Jesuita“ für die Haitianer ist mit dem Kulturzentrum BONO der Jesuiten in Santo Domingo verbunden. Dort wiederum treffen sich viele Gruppen der Zivil- Gesellschaft, das Zentrum BONO ist ein Lichtblick in der politisch – sozialen Szene im Land. Dabei darf nicht übersehen werden, dass eine gewisse Müdigkeit unter den Engagierten um sich greift. Zu sehr ist die politische Kultur eher als Unkultur wahrnehmbar: Laut der Umfrage von Greenberg – Diario Libre vom März 2012 sehen 51% der Menschen die Kriminalität als das größte Problem der Dominikanischen Republik, gefolgt von der Arbeitslosigkeit (38%),  den Lebenserhaltungskosten (26%), dem Drogenhandel (23%), der Korruption (19%), der Bildung (16%), Stromausfälle (12%) und das Gesundheitswesen (7%).

Am 20. Mai 2012 wird es Präsidentschaftswahlen geben. Wird es eine Wende zu  mehr Demokratie sein und ein Nein zum faktischen Rassismus ?

Copyright: Christian Modehn.



Benedikt XVI. in Mexiko: Die offizielle Hymne macht aus ihm eine göttliche Gestalt

16. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

 

Benedikt XVI. ist der Heilbringer – Die offizielle Hymne zum Papstbesuch in Mexiko bewegt sich an der Grenze zur Idolatrie.

Wird die Ökumene gnädig schweigen?

Von Christian Modehn am 16. 3. 2012

„Wenn alles grau und dunkel ist,

Wenn ich den Weg nicht finde

und in meiner Welt nur Einsamkeit ist.

Dann erscheinst du in meinem Leben,

wie ein Leuchtturm, der mich leitet,

erleuchtest du all mein Inneres“.

Ein Loblied auf Jesus Christus, den die ersten Christen in ihren Evangelientexten als Licht und Leben gerühmt haben, als den Erlöser, der aus der Finsternis der Sünde und aus dem Dunkel der Todesverfallenheit ins Licht führt? Ein neuer Christushymnus also? Ganz und gar NICHT. Es handelt sich um die ersten Verse der offiziellen Hymne, die in Mexiko anlässlich des Papstbesuches Benedikt XVI. allerorten gesungen werden wird.

Der Refrain des Liedes heißt:

Du bringst den Wind unter meine Flügel zurück.

Du bist ein Pfad

von Licht und Wahrheit.

Bote des Friedens

Bote der Liebe,

der du meinem Herzen Hoffnung gibst.

Dieses Volk ist dir treu,

Du bringst uns den Glauben zurück,

den wir in unserer Seele tragen.

Wir teilen dein Licht.

(wir folgen der Übersetzung durch http//das hoerendeherz.blogspot.com, gelesen am 16. 3. 2012 um 10 Uhr)

Benedikt XVI. wird als Heilbringer begrüßt, er ist Licht, er bringt den Wind, wie ein Schöpfergott, er gibt ewig währende Hoffnung. Die Grenzen zwischen Christus, dem Erlöser, werden verwischt. Bote des Friedens, Bote der Liebe: Sind das nicht Ehrentitel, die in der klassischen Theologie auf Jesus Christus bezogen sind? Sind nicht alle Lieder zur Weihnacht oder zu Ostern voll von solchen Christus – Bekenntnissen?  Und jetzt wird Benedikt XVI. diese Rolle des göttlichen Heilbringers zugewiesen.

Weiter heißt es in dem offiziellen Papst Lied in Mexiko im März 2012, und da werden göttliche Prädikate Joseph Ratzinger zugeschrieben:

Zusammen mit dir gibt es keine Angst,

keine Traurigkeit, keine Klagen

dein Blick ist voller Hoffnung.

Du kommst um Freude zu säen,

kommst, um jedes Leben zu berühren,

mit deiner Liebe nimmst du jeden Schmerz.

Mit diesem Papst gibt es also keine Traurigkeit, keine Klagen: Was werden die vielen tausend Missbrauchsopfer sagen, die vielen Millionen wiederverheiratet Geschiedenen, die nicht zur Eucharistie zugelassen sind, die vielen tausend verheirateten Priester, die Millionen katholischer Homosexueller, die objektiv als Sünder im Katechismus der römischen Kirche gelten. Was werden die vilen tausend Mitglieder von Basisgemeinden sagen, die Kirche von unten leben und so gern Frauen und Männer aus ihren Reihen zu Priestern weihen lassen möchten? Was werden die vielen gemaßregelten (Befreiungs-)Theologen sagen, denen Joseph Ratzinger als Chef der Glaubensbehörde und jetzt als Papst jegliche Zukunft verstellt?

Mit  diesem Papst also soll es keine Traurigkeit, keine Angst, keine Klagen geben…. Diese Worte kann man ja verwenden… aber sie sollten auf den transzendenten Gott bezogen sein und nicht auf Joseph Ratzinger.

Wie tief muss eine Kirchenführung theologisch gesunken sein, um solche Songs tatsächlich als offizielles Lied zu gestatten? Ist die Theologie völlig verblödet? Sind nur Dilettanten theologisch einflussreich? in Mexiko werden solche Fragen gestellt, wir geben sie gern weiter. Dieser überdrehte Triumphalismus verbirgt nur die innere Schwäche dieses Papst – Katholizismus. Wie schlecht muss es seelisch und politisch einem Volk gehen, das solche Lieder singt und in dem angeblich völlig unpolitischen Benedikt XVI. den Heilbringer sieht?

Werden die vernünftigen Christen in der weiten Ökumene die Sprüche der Idolatrie kritisieren?  Gibt es noch kritischen Mut in der Ökumene? Wir warten ab.

Wir wollen auch berichten, dass ein Leser unseres religionsphilosophischen Salons uns in diesem Zusammenhang die Anfangsverse des SED Liedes „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ von 1950 mitteilte. Der Leser meinte gewisse Verbindungen zum Papstlied in Mexiko zu sehen, was ja genau besehen in gewisser Hinsicht so ganz falsch nicht ist. Darüber kann sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden. Wir jedenfalls wollen nicht darauf verzichten, diese ersten Verse des Liedes der Partei sozusagen zum Vergleich mitzuteilen:

Sie hat uns alles gegeben.

Sonne und Wind und sie geizte nie.

Wo sie war, war das Leben.

Was wir sind, sind wir durch sie.

Sie hat uns niemals verlassen.

Fror auch die Welt, uns war warm.

Uns schützt die Mutter der Massen.

Uns trägt ihr mächtiger Arm.

Genauso wichtig ist der Hinweis, dass die Kirche in Mexiko selbst alle inhaltliche Berichterstattung zum Papstbesuch übernommen hat, alles im Sinne des „maximo leader“  Benedikt XVI. Maximo líder ist übrigens der Ehrentitel für Fidel Castro. Zwei oder drei kritische Katholiken in Mexiko  verwenden diesen Titel für Benedikt XVI, was ja so falsch nicht ist angesichts der Hymne.

Wir weisen darauf hin, dass Religionskritik als Kritik faktischer Religionen zum Kernbereich der Philosophie gehört und Teil einer demokratischen Kultur ist, die sich der Aufklärung verpflichtet weiß.

Copyright: Christian Modehn

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Kommentar von Paul Haverkamp:

Wenn es im Hymnen-Text heißt….:

„Wenn alles grau und dunkel ist,

Wenn ich den Weg nicht finde

und in meiner Welt nur Einsamkeit ist.

Dann erscheinst du in meinem Leben,

wie ein Leuchtturm, der mich leitet,

erleuchtest du all mein Inneres“.

.. so kann ich in diesen Worten nur pure Blasphemie eines unheilvollen Papalismus erkennen.

Der Text spiegelt eine zur Vergöttlichung neigende Attitüde des

Klerikerstandes wider, die von Papst Benedikt immer wieder untermauert wird.

In seinem Schreiben an die Priester vom 18. Juni 2009 zum Jahr des Priesters

zitiert Papst Benedikt XVI. zustimmend Johannes Maria Vianney (19. Jh.) , den Pfarrer

von Ars; mit folgenden Worten beschreibt Benedikt mit den Worten des

Pfarrers von Ars die Würde des Priesters: „Oh, wie groß ist der Priester! …

Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben. Gott gehorcht ihm.

Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin

steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein

…Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt…“

 

D.h: Priester gelten in den Augen von Papst Benedikt XVI. als besonders auserwählte

Menschen, durch die andere erst Zugang zu Erlösung und Frieden erhalten.“

Paul Haverkamp, Lingen, am 18.3.2012

 

 

 

 



Die Stoa und die digitale Welt: „Einfach abschalten“

15. März 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Mit Seneca die Herrschaft der digitalen Welt einschränken

Von Christian Modehn

Er hat sich, wie viele Millionen anderer Menschen, ganz in die digitale Welt der „Bildschirme“ hineinbegeben und sich von ihr abhängig gemacht; jetzt lebt er mit der Familie den „Internet – Sabbat“, um sich aus der totalen Bindung an Laptops, Handys, E book- readers und Tablet PCs zu befreien. William Powers, Schriftsteller und Journalist  (u.a. The New York Times, The Atlantic) plädiert in seinem neuen Buch „Einfach abschalten“ (Goldmann Verlag 2011) dafür, gelegentlich Abstand zu nehmen von der digitalen Welt. Die permanent propagierte Verheißung, je mehr man vernetzt sei, um besser sei das Leben, hat sich für ihn als haltlos und gefährlich erwiesen. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird der Preis dieses Lebens auf die Dauer die Vorteile übertreffen. Die Lösung liegt eher darin, sich eine neue Weltsicht anzueignen, durch die wir zu einer bedachteren, überlegteren Lebensweise kommen…Wann immer ich einen Zwischenraum zwischen mir und meinem Bildschirm eröffne, geschieht etwas Gutes“  (S. 287).

William Powers weiß genau, wovon er spricht: Die permanente Erreichbarkeit, das damit gegebene Dauer –Gerede/Geschreibe über Banales und allzu Privates, der dauernde Zwang, emails zu checken, am Wochenende, in jedem Hotel, bei jedem Urlaub, hat auch ihn eingeschränkt, sie hat ihm beinahe die Seele geraubt.  Jetzt weiß er: Die digitale Welt macht das Leben eindimensional, es bildet sich die Unfähigkeit, „unsere Gedanken zu verlangsamen und zu konzentrieren“ (S. 23). Der total digitale Mensch wird abhängig von Einreden von außen, von den Sprüchen der anderen, der Werbung, der Propaganda. Die Pflege und die Achtsamkeit auf die eigene, „nur meine“ innere Welt, das leibhaftige Interesse am anderen, an der Familie, deb Freunden,  geht verloren. „Das eigene Innenleben wird immer beliebiger, fremdbestimmt durch das, was andere sagen“ (S. 162).  William Powers berichtet, wie in Finnland sich Menschen bereits rituell  aus der Allmacht des Digitalen befreien, indem sie öffentlich den Handy- Weitwurf praktizieren, „eine symbolische geistige Befreiung vom unterdrückenden Joch ständiger Erreichbarkeit“ (S. 100).

Philosophen und philosophisch Interessierte nehmen es mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis, dass der kompetente Nutzer der digitalen Welt und ihr nun heftiger Kritiker sich auf „therapeutische Ansätze“ von Philosophen beruft.  Etw auf Seneca, den Meister der stoischen Philosophie, er lebte vor 2000 Jahren. Seine Erkenntnisse hält Powers für aktuell und hilfreich. Er weist zurecht die dumme Klischeevorstellung zurück, die Stoa sei eine banale Lehre von der Duldsamkeit. Im Gegenteil, Powers zeigt, wie auch die Menschen in der antiken Welt auf ihre Weise bereits von Stress geplagt waren, von permanentem Lärm in den Großstädten, von den Herausforderungen, im weiten Römischen Reich zu reisen, Bücher zu kaufen, Briefe „in alle Welt“ zu schreiben. Der Philosoph Seneca wird sozusagen zu einem Zeitgenossen/Leidensgenossen von uns. „Eines seiner häufigsten Themen ist die Gefahr, anderen, der breiten Masse, zu erlauben, zu viel Einfluß auf das eigenen Denken auszuüben“. (s 161). Alles kommt darauf an, „in sich selbst zu ruhen, auf sein eigenes Gespür und auf die eigenen Gedanken zu vertrauen“. Die Ruhelosigkeit ist für Seneca eines der schlimmsten Übel. Und vor allem der Wahn, in einem tatsächlich immer (zu) kurzen Leben „alles“ erleben zu wollen. „Berechne deine Lebenszeit. So viel passt gar nicht hinein“, schreibt Seneca (S. 165). Oder das stressige Viel – Lesen sollte konkreter werden, wenn man sich für einen Tag einen wichtigen Satz als eine Art Weisheit des Tages aussucht und ihn dann meditierend bedenkt. (S. 166).

William Powers will nicht die digitale Welt in Grund und Boden verdammen. Sie ist und bleibt hilfreich, ist unverzichtbar. Aber alles kommt darauf an zu erkennen: Die digitale Welt ist nur EINE Welt von vielen anderen. Und es gibt wichtigere „Welten“: Nämlich „die Sorge um sich selbst“, wie der Philosoph Michel Foucault einmal sagte.

William Powers, Einfach abschalten. Goldmann Verlag 2011, 350 Seiten, 9,99 Euro.

copyright: christian modehn

 

 

 



Mitgefühl ist politisch – Zur Aktualität der „Goldenen Regel“

10. März 2012 | Von | Kategorie: Denkbar

Der Schlüssel zum Mitgefühl

Die »Goldene Regel« gilt als eine universale Wahrheit.

Von Christian Modehn

Ein kurzer Spruch, zwar hübsch gereimt, kann doch so schlicht erscheinen, dass viele Leute ihn bestenfalls in Sonntagsreden ertragen können:  „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“. Diese „Lebensweisheit“ musste die ganze Klasse in der Schule, so erinnere ich mich, laut vorsprechen, „damit sie sich einprägt“. Schließlich handele es sich doch um die Goldene Regel. Und Gold sei ja nun besonders wertvoll. Dabei dachten wir, dieser Reimvers habe das selbe Niveau wie „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ oder „Es kommt immer alles anders als man denkt“. Eben ein netter Spruch unter anderen. „Und genau das ist falsch“, betont heute die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (London). „Die Goldene Regel ist der Schlüssel zum Mitgefühl. Und Mitgefühl ist wesentlich für unser Leben, befinden wir uns doch in einer gefährlich polarisierten Welt. Es gilt, eine Welt aufzubauen, in der Menschen in Respekt miteinander leben können. Deswegen sollen wir auch das Ethos der Goldenen Regel in die Tat umsetzen“.  Für Karen Armstrong ist die Orientierung an der Goldenen Regel zwar anspruchsvoll, aber nicht kompliziert.

Sie hat sich als Religionswissenschaftlerin und Philosophin in den letzten Jahren intensiv mit dieser Lebensweisheit beschäftigt. 1944 in England geboren, war sie als junge Frau katholische Nonne; nach dem Austritt aus dem Orden hat sie u.a. als Professorin am Leo Baeck – College  zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt über „Die Achsenzeit. Vom Ursprung der Weltreligionen“  oder ein „Plädoyer für Gott“, für ihre Arbeiten  hat sie viele Auszeichnungen erhalten. Die Goldene Regel, so Karen Armstrong, kann jeder Mensch anwenden, gerade weil sie so einfach ist: Es kommt nur darauf an, sich selbst kritisch zu befragen und in die Welt der eigenen Gefühle, des „Herzens“, zu blicken: Was lässt mich leiden? Welche seelischen und körperlichen Schmerz will ich unter allen Umständen vermeiden? Die goldene Regel vor Augen, muss ich die anderen Menschen respektieren. Entscheidend ist die Frage: Kann ich im Ernst den anderen das Negative und Belastende antun wollen, was mir selbst widerwärtig erscheint? So wird nicht nur mein Horizont geweitet. Karen Armstrong meint: „Es wird die enge Welt meines Ego gesprengt: Die goldene Regel fordert uns auf, mit dem anderen Menschen zu fühlen. Wir nehmen uns selbst dann aus dem Mittelpunkt der Welt heraus und setzen den anderen dort hin“.

Die Gültigkeit der Goldenen Regel wird also aus der Nische des Privaten befreit: Vielleicht beachtete man bisher diesen Maßstab für ein gutes Miteinander nur dann, wenn es z.B. Streit mit dem Nachbarn gab. Wenn man die Familie nebenan wegen des Kinderlärms beschimpfte, dabei aber vergaß, wie alle anderen Mieter im Haus die eigenen unbeholfenen Übungen auf dem Klavier ertragen mussten.

Karen Armstrong setzt die Goldene Regel in politische und ökonomische Zusammenhänge. Sie hat sich das Vertrauen in die verändernde Kraft der Erkenntnis bewahrt: Wer nicht selbst erleiden will, was er alles an Bösem anderen Menschen antut, ändert seine Pläne, nimmt Abstand von bisherigen eher fragwürdigen und unmenschlichen Vorhaben,  wird mitfühlend, also mitmenschlich. Und dazu sollten sich die Menschen in allen Ländern und Kulturen ausdrücklich verpflichten: Karen Armstrong hat im Jahr 2008 eine „Charta des Mitgefühls“ publiziert, inzwischen wurde sie von vielen tausend Menschen in allen Erdteilen unterzeichnet. Darin heißt es: „ Zudem ist es absolut zu unterlassen, anderen im öffentlichen wie im privaten Leben Leid zuzufügen. Es verleugnet unsere gemeinsame Menschlichkeit, aus Bosheit, Chauvinismus oder Selbstinteresse gewalttätig zu handeln oder zu sprechen; andere auszunutzen oder deren Grundrechte zu verweigern, und Hass durch Erniedrigung anderer hervorzurufen“.

Die goldene Regel – ein Kompass für eine friedliche Welt: Und die kann nicht allein durch Strukturveränderungen aufgebaut werden, sondern vor allem durch die Erneuerung unseres Denkens und Fühlens. Karen Armstrong hat etliche Verbündete für dieses Programm, den Theologen Hans Küng zum Beispiel. Er hat vor vielen Jahren schon das Projekt Weltethos inszeniert. Auch Erich Fromm, immer noch viel beachteter Psychotherapeut und Philosoph, schätzte die Goldene Regel als den „Kern des Humanismus“. Karen Armstrong geht einen Schritt weiter: Sie stellt auch alle Religionen und Konfessionen, alle politischen Ideologien und weltanschaulichen Theorien, unter den Maßstab der Goldenen Regel. „Wir rufen daher alle Männer und Frauen auf, die mitfühlende Anteilnahme wieder in den Mittelpunkt von Moral und Religion zu stellen und zum Prinzip zurückzukehren, dass jede Auslegung der Schriften, die Gewalt, Hass und Missachtung lehrt, nichtig ist“.

Für exklusive Wahrheitsansprüche ist dann kein Platz mehr. Denn sie sind die Quellen von Rechthaberei, die nur in gewalttätigen Auseinandersetzungen enden können. Die großen humanistischen Weisungen und Lehren aller Religionen und Weltanschauungen müssen gestärkt werden. „Erst wenn die Religionen die Menschen dazu bewegen, mitfühlend zu handeln und den Fremden zu ehren, dann sind sie gut, hilfreich und vernünftig“ (K. Armstrong).

Darum ist die Erinnerung so wichtig, dass alle Religionen in ihrem Ursprung, und vor allem unabhängig voneinander eine gemeinsame Überzeugung gelehrt haben: die Goldene Regel. Sie gilt als eine universale, allgemein menschliche, im besten Sinne „ewige“ Wahrheit: Bildlich gesprochen reinigt sie den Verstand, bewegt das Herz, läutert den Geist eines jeden Menschen. Sie macht den Menschen menschlich.

Der chinesische Weisheitslehrer Konfuzius ( 551 – 479 vor Chr. ) war wohl einer der ersten, der die Goldene Regel in der uns heute bekannten Gestalt formuliert hat. „Seine Schüler sollten diese Lehre täglich praktizieren, meinte  Konfuzius, denn nur so gelangen sie zum Wichtigsten im Leben, das chinesisch „Ren“ genannt wird, also zu Wohlwollen und Güte“, sagt Karen Armstrong und fährt fort: „Konfuzius hat als erster betont, dass Religion nicht vom Altruismus zu trennen ist. Und dass es darauf ankommt, andere mit absolutem und heiligem Respekt zu behandeln“  Sehr früh wurde auch im Hinduismus und Jainismus die Goldene Regel als elementare ethische Orientierung formuliert. Im Pali Kanon, der ältesten Zusammenfassung der Lehrreden des Buddha heißt es:

„Wie ich bin, so sind auch diese;

Wie diese sind, so bin auch ich. Wenn so dem anderen ein Mensch sich gleichsetzt, mag er nicht töten oder töten lassen“.

In einer anderen Lehrrede Buddhas heißt es:  „Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen,

Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst“.

Die Goldene Regel ist auch in rabbinischen Kreisen absoluter Mittelpunkt der Ethik: Ein Zeitgenosse Jesu, Rabbi Hillel der Ältere (30 vor Chr. bis 9 nach Chr.), war überzeugt, die ganze jüdische Lehre in den Worten zusammenfassen zu können: „Was dir nicht liebt ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Thora, die ganze Weisung, und alles andere ist nur die Erläuterung“. Die gesamte jüdische Frömmigkeit, mit ihrer reichen Tradition von Exodus und Sinai, von Propheten und Gesetz, wird von Rabbi Hilel unter die Goldene Regel gestellt. Ein radikaler Ansatz, der von Jesus von Nazareth geteilt wird. Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten, dass auch Jesus die Goldene Regel hochgeschätzt hat. Er hat allerdings eine leicht ins Positive gewendete  Formulierung gebraucht:  „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten“, heißt es bei Matthäus (7, 12), fast gleich lautend ist das Zitat bei Lukus (6, 31). Jesus hat dabei ausschließlich das Gute tun und das Gute erleben vor Augen. Die eher krankhafte Vorstellung, dass jemand darauf besteht, unter der Gewalt anderer zu leiden und sich deswegen auch das Recht herausnimmt, diese Gewalt auch anderen anzutun, scheidet als Interpretation dieser Form der Goldenen Regel aus. Sie bleibt gebunden  an die „Erfüllung des Gesetzes und der Lehre der Propheten“, also an die Perspektive, allseitigen Frieden und Gerechtigkeit zu fördern.

Auch wenn Mohammed selbst keine „eigene“ Goldene Regel formuliert hat: So wurden doch nach seinem Tod weitere „Überlieferungen“ von ihm verbreitet, die so genannten Haddithe. In einem Vers heißt es: „Keiner ist gläubiger Muslim, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“.  Dass mit Bruder wohl jeder Mensch – und nicht nur der Muslim gemeint ist – daran erinnert Abu Hurayra, ein Gefährte Mohammeds: „Wünsche den anderen Menschen, was du dir selbst wünschst. Dann erst wirst du ein wahrer Muslim“.

Auch Philosophen haben sich immer wieder für die Goldene Regel interessiert. Das früheste Zeugnis stammt wohl  aus dem Jahr 600 vor. Chr. Damals hatte sich der griechische Philosoph Tales von Milet mit der Frage auseinander gesetzt, wie denn der Mensch gerecht leben könne. Seine Antwort enthält eine Art Fragment der Goldenen Regel: „Indem wir das, was wir an anderen tadeln, selbst nicht tun“.

Im 20. Jahrhundert hat vor allem der Psychologe und Philosoph Erich Fromm (1900 -1980) die authentische Lehre der Goldenen Regel weiterentwickelt. Ohne den Respekt vor diesem universalen Grundsatz werden Menschen krank, betonte er: „Was du anderen antust, das tust du auch dir selbst an. In irgendeinem menschlichen Wesen die Kräfte zu verletzen, die auf das Leben gerichtet sind, schlägt unfehlbar auf uns selbst zurück. Unser eigenes Wachstum, unser Glück und unsere Stärke beruhen auf der Achtung vor diesen Kräften, und es ist nicht möglich, sie in anderen zu verletzen und zugleich selber unberührt zu bleiben“.

Erich Fromm warnte davor, diese ethisch so anspruchsvolle Orientierung nur noch als eine pragmatische Strategie zu verstehen, die im wirtschaftlichen Zusammenhang lediglich für korrektes Handeln und Verhandeln sorgt. Bei der Allmacht ökonomischen Denkens heute, so fürchtet Fromm, werde die Goldene Regel stillschweigend umformuliert, etwa in den oberflächlichen Spruch: „Ich gebe dir ebenso viel, wie du mir auch gibst“. Dabei verzichtet die Handelspartner zwar auf Betrug und Tricksereien, sie verhalten sich nach außen korrekt oder „fair“, wie Fromm ausdrücklich anerkennt. Mit dem Respekt vor der Fairness sei schon viel gewonnen in unserer kapitalistischen Welt, meint er. Spätere Philosophen wie John Rawls werden diesen Gedanken aufgreifen und die Fairness weiter verteidigen. Aber für den Psychotherapeuten Erich Fromm kommt es der seelischen Gesundheit wegen darauf an,  unbedingt an der authentischen Goldenen Regel festzuhalten, wie sie in den Religionen gelehrt wird. Nur sie fördert die Nächstenliebe und das Mitgefühl und damit menschliche Leben. „Die Fairness Regel verfolgt hingegen das Ziel, sich nicht verantwortlich für den anderen und eins mit ihm zu fühlen, sondern von ihm getrennt und distanziert zu sein. Die Fairness Regel bedeutet, dass man zwar die Rechte seines Nächsten respektiert, nicht aber, dass man ihn liebt“.

Die Goldene Regel ist als universale Spiritualität hilfreich in unserer Zeit globalen Wandels, wo das Überleben von 3 Milliarden Verarmter und Ausgehungerter auf der Kippe steht und der von Menschen verursachte Klimawandel die Erde als ganze bedroht. Da kann die Goldene Regel allen, die heute noch den Wohlstand genießen und den Großteil der Ressourcen der Erden verbrauchen,  nahe legen: Verändert den Lebensstil, damit ihr selbst überleben könnt. Wenn heute alle Menschen die Möglichkeit hätten, die Güter der Erde in derselben Weise auszuplündern wie es heute die Minderheit der Reichen tut, dann hätte die Welt insgesamt ab sofort keinen Bestand mehr.

Wer die Goldene Regel als spirituelle Kraft respektiert und ihr folgt, verändert sein Bewusstsein, wird ein neuer Mensch, nur so können  Reformen und Revolution gelingen.

copyright: christian modehn

Der Beitrag erschien in Heft 5/2012 der Zeitschrift PUBLIK Forum, auf die wir empfehlend hinweisen!

Uns erreicht eine ergänzende Stellungnahme von Wolfgang Hamburger aus Denzlingen:

„Der Tiefenpsychologe Arno Gruen vertritt in seinem Buch „Der Verlust des Mitgefühls — Über die Politik der Gleichgültigkeit“ die Auffassung, dass dem Menschen das Mitgefühl angeboren ist. Das Mitgefühl sei die Schranke, die verhindert, dass der Mensch unmenschlich wird. Ähnliches haben ja auch die Gehirnforscher in Form der Spiegelneuronen herausgefunden. Der junge Mensch (das Kind) verliere aber mehr oder weniger die Fähigkeit zum Mitgefühl, wenn er durch die Erziehung mehr oder weniger starke Gewalt – Misshandlungen – erfährt.
Der Mensch mit uneingeschränkter Fähigkeit zum Mitgefühl braucht demnach die Goldene Regel nicht, da er sie von selbst einhält. Die Goldene Regel hat also eine Ersatzfunktion für die eingeschränkte Fähigkeit zum Mitgefühl, wie dies für einen Großteil der Menschen auch in unserer europäischen Kultur zutrifft.
Eine entsprechende Ersatzfunktion haben die jüdisch-christlichen zehn Gebote. Jesus sagt dagegen, liebe Gott und Deinen Nächsten wie Dich selbst, darin sind alle anderen Gebote enthalten. Liebesfähigkeit ist Voraussetzung für die Fähigkeit zum Mitgefühl. Arno Gruen sagt, den Nächsten wirklich lieben kann nur der, der sich selbst liebt. Der Hass beginnt durch den mehr oder weniger verdrängten Selbsthass, der zum Beispiel durch Hilflosigkeit gegenüber der bedrohlichen elterlichen Gewalt und durch Anpassungszwang entsteht“.



Wie lebt Gott in den Mega – Städten?

10. März 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

 

Gottes Geist in Mega-Städten

Was macht die Religion mit der Stadt? Architekten, Geografen und Soziologen schauen bei einer Tagung in Berlin genau hin – und entdecken die Gestaltungsmacht der Pfingstkirchen

Von Christian Modehn

In Kiew, der Hauptstadt der Ukraine – sie hat drei Millionen Einwohner -, hat Gott eine eigene Botschaft: »Embassy of God« nennt sich dort die größte Pfingstkirche mit 25000 Mitgliedern. Ihr Gründer ist der aus Nigeria stammende Journalist Sunday Sunkanmi Adelaja. Inzwischen hat er für seine Embassy Church in 45 Ländern Filialen geschaffen. Sie widmen sich – neben dem inbrünstigen Gebet – der Betreuung von Alkoholkranken und Drogenabhängigen.

In Nairobi, der Hauptstadt Kenias – sie hat ebenfalls drei Millionen Einwohner -, haben mehr als tausend Missionare aus Südkorea ihr »Hauptquartier« bezogen: Allein die Manmin Church of Jaerock Lee verfügt in Kenia über 600 Gemeinden. Die Koreaner in Afrika nennen ihre Missionstätigkeit »Kreuzzüge«, sie wollen in ganz Afrika »die kosmische Macht Satans abwehren und die Individuen vom Teufel befreien«.

In Rio de Janeiro – einer der größten Städte der Welt mit zwölf Millionen Einwohnern – gehört eines der größten Gebäude der Universal-Kirche des Gottesreiches, 11000 Gläubige finden darin Platz. Diese Pfingstkirche, 1977 von dem Katholiken Edir Macedo gegründet, hat heute weltweit etwa zehn Millionen Mitglieder. Mit seiner Kirchengründung hat der ehemalige Lotterieverkäufer Macedo das Super-Los gezogen: Dank der Spenden seiner Gläubigen ist er inzwischen ein steinreicher Mann, er besitzt 62 Radiostationen und zwei nationale TV- Sender. Wegen Verwicklungen in den Drogenhandel wurde er verurteilt. Heute betreut er als Bischof seine wachsende Gemeinde in New York.

Drei Beispiele, die eine der wichtigsten Veränderungen in der religiösen Kultur der Gegenwart beschreiben: Die einst durch den Kolonialismus Missionierten treten jetzt weltweit als Missionare auf. Sie gehören fast ausschließlich zu neu gegründeten Pfingstkirchen. Ihr Missionseifer sorgt dafür, dass heute Soziologen und Philosophen nicht mehr umstandslos, wie noch vor zwanzig Jahren, vom Sieg der Säkularisierung mit einem langsamen Absterben der Religionen sprechen.

Es sind vor allem die Großstädte in Afrika, Asien und Lateinamerika, in denen sich die Renaissance des Religiösen durchsetzt. Mit offensiver Werbung und apokalyptisch gefärbten Heilsversprechen werden bibeltreue Evangelikale und geistbewegte Pfingstler, so die wissenschaftliche Prognose, den traditionellen Großkirchen – Katholiken, Lutheranern, Reformierten – zahlenmäßig bald ebenbürtig sein.

600 Millionen Menschen nennen sich »Pfingstler«, gehören also zu einer Bewegung mit vielen Tausend unabhängig agierenden Kirchen. Jeder vierte Christ versteht sich heute als »born again«, als neu geboren durch die (zweite) Taufe im Heiligen Geist. Ein Beispiel: 1960 nannten sich 91 Prozent der Brasilianer katholisch, vierzig Jahre später waren es nur noch 73 Prozent. Millionen Katholiken wenden sich den pfingstlerischen Freikirchen zu. Jeder fünfte Brasilianer gehört zu dieser Bewegung, in Guatemala schon fast jeder zweite.

Der aus Argentinien stammende, international geschätzte katholische Theologe und Philosoph Enrique Dussel studiert von Mexiko aus diese Entwicklung: »Die katholische Kirche hat sich vom Volk abgewandt. Der Vatikan hat hier Bischöfe ernannt mit niedrigem intellektuellen Niveau und keinerlei pastoraler Erfahrung. Es müsste längst verheiratete Priester geben. Mit ihrem Machismo hat die Kirche kein Verständnis für die Frauen. Das Volk trennt sich vom Katholizismus. Das ist eine gerechte Strafe für Rom.«

Professor Dussel hat sich dieser Tage zusammen mit Kulturwissenschaftlern und Künstlern im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit der Rolle neuer Pfingstgemeinden in den Großstädten auseinandergesetzt. »Global Prayers« war der treffende Titel, um die Expansion der Pfingstkirchen – parallel dazu auch einiger islamischer und hinduistischer Bewegungen – zu untersuchen.

Das Projektbüro Metrozones in Berlin befasst sich seit drei Jahren mit diesem Thema. Es handelt sich um eine private Initiative von Kulturwissenschaftlern, die kirchenunabhängig und interdisziplinär arbeiten. »Seit drei Jahren haben wir Metrozones als eine Art Plattform der Forschung«, berichtet eine der Initiatorinnen, die Lateinamerikanistin Anne Huffschmid aus Berlin. »Wir wollen die eurozentrische, also immer auch besserwisserische Blickweise überwinden, also verständnisvoll, aber doch unparteiisch recherchieren. Wir entdecken die Bedeutung der Religion im Gesamtzusammenhang der Stadt, gegenüber der Theologie ist dies ein umfassenderer Ansatz.«

In den Slums von Rio, São Paulo oder Mexiko-Stadt haben die Pfingstkirchen meist nur bescheidene Häuser. Sie sind dafür aber an jeder Ecke präsent als Orte lautstarken Betens, Singens, Predigens … und das bis spät in die Nacht. Sie übertönen damit die beinahe ständigen ortsüblichen Schießereien zwischen Drogenbossen und der Polizei. Stadtforscher (Urbanologen) haben den Sound dieser Viertel längst dokumentiert. Fotografen und Künstler setzen sich mit diesen »geistvollen Orten inmitten des Elends« auseinander.

Religionen in den Megastädten: So heißt das neue Thema für Architekten, Geografen, Soziologen. Sie untersuchen, welche Auswirkungen die neuen kolossalen Pfingst-Tempel im Gesamt der Stadt haben.

In der elf Millionen Einwohner zählenden Mega-Stadt Lagos (Nigeria) bauen Pfingstkirchen ihre monumentalen Tempel entlang der Schnellstraße nach Ibadan. Nicht nur die vielen Tausend nigerianischen Frommen strömen dorthin. Aus aller Welt kommen Geistbewegte millionenfach und kurbeln damit den sonst eher schwach entwickelten Tourismus in Nigeria an. Dicht nebeneinander haben sich mehr als zwanzig Pfingstkirchen niedergelassen. Riesige Ländereien wurden gekauft, um Tempel und Wohnungen, Bildungseinrichtungen und Betriebe protzig und monumental aufzubauen.

Das größte Gelände gehört der Redeemed Christian Church of God (RCCG), der »Erlösten Christlichen Gemeinde Gottes«. Vor fünfzig Jahren von dem Nigerianer Pa Josiah Akindayomi gegründet, verfügt sie jetzt über eine Gottesdiensthalle mit einem Ausmaß von 1200 Metern Länge und 500 Metern Breite. Sie kann einige Hunderttausend Menschen fassen. Eine Großküche mit über 300 Feuerstellen sorgt für das leibliche Wohl der Massen. Die RCCG besitzt auf ihrem Gelände auch eine Privat-Universität, es gibt gepflegte Wohnanlagen für rund 18000 Gemeindemitglieder. Man hat eine eigene Stromversorgung und eigene Müllabfuhr, ein eigener Flughafen ist geplant. Diese »pfingstlerische« Stadt, die Redemption City mit einer Fläche von 48 Quadratkilometern, »ist das größte christliche Anwesen der Welt«, so der nigerianische Religionssoziologe Asonzeh Ukah. Auch er ist mit dem Projekt »Metrozones« verbunden. Die gepflegte und Sicherheit bietende Infrastruktur dieser Stadt der Frommen ist kaum zu vergleichen mit den Lebensbedingungen der Mega-Stadt Lagos, die jeder Besucher nur noch als »Moloch« bezeichnet. Die »Stadt der Erlösten«, also die RCCG-Church, ist aber keine hilfreiche Alternative: »Ungewöhnlich wohlhabende Personen aus Politik und Wirtschaft – Christen wie Muslime – fungieren als Finanziers des RCCG-Projekts«, so der Soziologe Asonzeh Ukah. Er betont: »In Redemption City genießt nur eine Minderheit Wohlstand und Anerkennung. Diese Minderheit setzt nun noch die Macht des Sakralen ein, um sich ihren Zugriff auf die knappen materiellen Ressourcen zu sichern. Die medizinischen Dienstleistungen der Pfingstkirchen bleiben für die den Kirchen zuströmenden Armen unbezahlbar, obgleich diese Kirchen maßgeblich von ebendiesen Armen mit aufgebaut worden sind.«

Diese sich machtvoll gebärdende RCCG, in gewisser Weise ein Geldbeschaffungsinstitut, steht an vorderster Missionsfront der »Global Prayers«: Sie ist inzwischen in vielen Ländern aktiv, auch in Indien und Birma. Von Hongkong aus ist sie auf dem Sprung nach China. In den USA expandiert sie genauso wie in Großbritannien, in London gibt es 150 RCCG-Gemeinden, in Deutschland sind es »erst« zwanzig. Die zentrale Botschaft dieser Kirche wird auch unter Bankern gern gehört: Begnadet ist, wer finanziell erfolgreich ist.

Diese protzige Form pfingstkirchlicher Selbstdarstellung durch die RCCG steht in scharfem Kontrast zu vielen Tausend anderen bescheidenen Pfingstkirchen. »Auf diese Differenzierung legen wir in unserer Forschergruppe allen Wert«, betont Anne Huffschmid. »Denn viele Pfingst-Pastoren etwa in Argentinien teilen mit den Verarmten in den nahezu endlosen Slums der Mega-Städte das erbärmliche Leben der Leute.« Tatsächlich leisten sie ohne institutionelle Barriere menschliche Hilfe, weil sie die immer erreichbaren Nachbarn sind. Sie leben mit den Ausgegrenzten im »kulturellen Gleichklang«, wie der argentinische Soziologe Pablo Semán betont, auch er ein Mitarbeiter der Studiengruppe Metrozones. Diese Gemeinden bieten einen letzten Halt für entwurzelte Menschen.

Die katholischen Pfarrgemeinden in den Megastädten Lateinamerikas zählen meist 20000 oder 30000 Mitglieder mit einem verantwortlichen Priester, in Nordostbrasilien sind katholische Gemeinden mit 100000 Mitgliedern beinahe üblich. Wie kann da ein Miteinander entstehen? Im Dickicht der stetig wachsenden Slums kann nur die kleine »Familien-Gemeinde« für eine gewisse seelische Stabilität sorgen. »Das ist fürs Zusammenleben in einer Stadt doch nicht wenig«, meint Anne Huffschmid.

Aber die Bindung an eine Pfingstgemeinde bleibt oft sehr locker und flexibel: »Manche lassen sich ihre katholische Prägung nicht nehmen, wenn sie Pfingstler werden; etliche gehören sozusagen beiden Konfessionen an«, so Anne Huffschmid. Auffällig ist aber auch, dass sich junge Leute in den Städten zunehmend Atheisten nennen. Zum Beispiel sind es in Brasilien sieben Prozent der Bevölkerung, in Chile acht Prozent und Costa Rica elf Prozent. Die Pfingstler werden also eine säkulare Gesellschaft nicht unbedingt verhindern können. Fördert ihr oft fundamentalistischer Glaube vielleicht sogar den Atheismus?

Auch in Europas Metropolen hat sich die Darstellung kirchlicher Präsenz längst verändert. Kirchengebäude werden verkauft, nicht nur in Holland, wo Gotteshäuser in Kaufhallen umgewandelt werden. In Berlin hat die katholische St. Agnes Kirche jetzt ein Galerist gekauft. Die Zwingli-Kirche in Friedrichshain wurde zu einem Kulturzentrum umgebaut. Gleichzeitig werden im selben Stadtteil neue freikirchliche Gemeinden gegründet. Die Kirche International Christian Fellowship mietet den Musik-Club Lovelite für ihre Gottesdienste am Sonntagnachmittag. Die kürzlich gegründete Freikirche Berlin Projekt feiert sonntags – nach einem ersten Kaffee im Foyer – ihren Gottesdienst im Kino Babylon Berlin Mitte mit 200 bis 300 vorwiegend jungen Leuten. Und die Jesus Freaks Berlin treffen sich in der alten Kindl Brauerei Neukölln zum Gebet.

Zeigt sich da ein neuer Trend? Wenn weltliche Gebäude als Orte sakraler Handlungen genutzt werden, wird auch neu über die Sakralität des Weltlichen zu diskutieren sein. Ein schöner Kinosaal hat ja auch eine »transzendierende Aura«.

Die Bewegung der Global Prayers aus dem pfingstkirchlichen Raum könnte die altehrwürdigen, etablierten Kirchen inspirieren, neu über das Verhältnis von Glaube und Mega-City nachzudenken. Die kleinliche Debatte über die Größen von Pfarreien zum Beispiel wird dem globalen Thema kaum gerecht. Etwas pfingstlerische Kreativität könnte belebend wirken.

Copyright:christian modehn.

Dieser Beitrag erschien in Heft 5/2012 von PUBLIK FORUM, diese Zeitschrift empfehlen wir ausdrücklich.

 

 



Kein Gott in Frankreich? Die Krise der Kirche und die Suche nach Neubeginn

4. März 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Kein Gott in Frankreich? Die Krise der Kirche und die Suche nach Neubeginn

Eine Radiosendung von Christian Modehn  im Saarländischen Rundfunk, 2. Progr., SR2, am Ostersonntag, 8.4.2012 von 9.04 bis 9.30 Uhr.

Wird Frankreich atheistisch? Dies ist alles andere als eine rhetorische Frage; sie wird seit einigen Wochen diskutiert. Laut neuesten Umfragen bekennen sich 33 % aller Franzosen zum Unglauben, ein fast  gleicher Anteil nennt sich religiös uninteressiert. Nur noch jeder dritte Franzose bekennt sich zum christlichen Glauben. Und die religiöse „Praxis“ (Gottesdienstbesuch) ist noch viel geringer. „Ein tiefer Wandel der religiösen Mentalitäten hat Frankreich erfasst“, meint der Theologe J.P. Jossua, Paris. Werden in Zukunft Kirchen und Kathedralen zu Museen werden? Wie reagieren Pfarrer und Gemeindemitarbeiter? Welche Chancen sehen sie für den Glauben der Kirchen? Kann der Krise auch ein Neubeginn, ein religiöser Frühling, folgen?

 

 



Paulo Freire: „Von befreiender Pädagogik zur Pädagogik der Autonomie“

1. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

 

         „VON BEFREIENDER PÄDAGOGIK ZUR PÄDAGOGIK DER AUTONOMIE“

                                        Eine Begegnung mit Paulo Freire (1927-1997)

                                          Von Hernán Silva-Santisteban Larco. Biografische Hinweise zur Person am Ende dieses Beitrags.

Der nächste Salon am 23. März 2012 wird sich mit wichtigen philosophischen und pädagogischen Anregungen des brasilianischen Philosophen und Pädagogen Paulo Freire befassen.

Unser Referent, der Philosoph Hernán Silva -Santibestan Larco, hat schon einige Thesen und Fragen zusammengestellt:

 

Die besondere Leistung von Paulo Freire lag in dem Widerstand, den er mit seinem Werk in der

Praxis der Erwachsenenbildung gegen die Unterdrückung der Menschen in der sogenannten

„Dritten Welt“ geleistet hat. Die von ihm genannte „Pädagogik der Befreiung“ ist eine

Erziehungstheorie, die aus dem alltäglichen Leben hervorgeht, sich in dem alltäglichen Leben

bewährt und eine mögliche „Praxis der Befreiung“ einleitet zur Überwindung der sozialen-,

kulturellen-, ökonomischen-, und politischen Unterdrückungen. Das eigentliche Ziel der

Pädagogik Paulo Freires ist die Ausbildung einer konkreten „Utopie der Befreiung“ um die Welt

menschlicher zu gestalten. In Hinblick auf die Erfüllung dieser Aufgabe, entwickelte Paulo Freire

eine Methodik und Didaktik der Bewusstmachung, das sogenannte Alphabetisierungsprogramm,

dessen wesentliches und einziges Erziehungsinstrument die „Haltung des Dialogs „ ist.

Laut Gustavo Gutierrez „stellen die Erfahrungen und Arbeiten Paulo Freires eines der

schöpferischsten und fruchtbarsten Werke dar, die in Lateinamerika je entstanden sind“ (1). Auch

im gesellschaftlichen Kontext der Industrienationen des Westens wird die These vertreten, dass

man von Paulo Freire lernen kann, denn seine Pädagogik ist „als eine Art allgemeiner Didaktik

anzusehen, die sich  auf jede potentielle Lernsituation anwenden lässt“ (2)

I.- Einige Frage für unsere Teilnehmer des Religionsphilosophischen Salons:

– Welches ist mein Bewusstsein von mir als Mensch in der heutigen Leistungs-, Konsum-,

Unterhaltungs-, und Massenmedien Gesellschaft?

– Wie ist mein Lebensprojekt?  Ist es das Resultat einer Selbstgestaltung als Ausdruck meiner

Initiativkraft, oder ist  mein Lebensprojekt eine Anpassung an die Welt?

– Wie kann ich ein klareres Bewusstsein meines Menschsein und damit Selbstsicherheit, Stärke,

Authentizität und Autonomie gewinnen?

– Wie kann ich eine Distanzierung gewinnen, um damit zu lernen, die fraglos akzeptierten

unterdrückerischen Normen und sozialen Strukturen zu relativieren und schließlich aufzuheben?

– Inwiefern bin ich ein Teilnehmer einer „Kultur des Schweigens“, der unmenschliche soziale

Umstände unkritisch gelten lässt, anstatt ein Teilnehmer einer „Kultur des Sprechens“ zu sein, der

diese Umstände kritisch versucht zu hinterfragen und zu verändern?

– Wie können wir „die spezifische Unverständlichkeit systematischer verzerrter Kommunikation“

(J. Habermas) in unserer heutigen Gesellschaft der Massenmedien aufklären

– Wie können wir uns in unserer Lebenswelt vernünftig verhalten und „Verantwortung als

Ausdruck der Freiheit“ (Joachim Gauck) für diese tragen?

– Wie können wir unsere heutigen Konflikte in Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen,

Kulturen, Länder in unserer heutigen Welt menschlich lösen?

II.- Einige Frage in Beziehung zu staatlichen Schulen und staatlicher Erziehung (3):

– Wie werden Schüler mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Vorstellungen von den Lehrern

wahrgenommen und angenommen?

– Wie werden Kenntnisse und Erfahrungen der Schüler, ihr kulturelles Umfeld und ihre

„Schichtenherkunft“ von der Schule aufgenommen?

– Welchen Stellenwert haben die konkreten Lebenszusammenhänge der Schüler?

– Erscheint der Unterricht eher als Programmierung der Schuler mit Fremdwissen und fremder

Wirklichkeit anstatt als Erkenntnisvorgang zur Veränderung des Lebens?

– Wie werden die Unterrichtsabläufe im Verhältnis zu den Entfaltungsmöglichkeiten der Schüler

gestaltet?

– Gründet sich das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler auf einem respektvollen und kreativen

Dialog, oder unterdrückt der Lehrer den Schüler (oder der Schüler den Lehrer) unter seiner

angebliche Autorität als Ausdruck der Macht?

– Welche Möglichkeiten haben die Schüler in der Bestimmung am Lernprozess teilzunehmen?

– Welchen Stellenwert bekommt die Freiheit der am Erziehungsprozess Beteiligten?

………………………………………………………………………………………………………………………..

(1) Gustavo Gutierrez, Theologie der Befreiung. Mit einem Nachwort von Johann Baptist Metz,

3. Auflage, München 1978, S.90.

(2) René Bendit/ Achim Heimburger, Von Paulo Freire lernen. Ein neuer Ansatz für Pädagogik

und Sozialarbeit, München 1977, S.125.

(3) mehr über das Thema in: Joachim Dabisch, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem,

Saarbrücken 1987. Auch in: Dimas Figueroa, Paulo Freire zur Einführung, Hamburg 1989

 

………..

Zur Person: Hernán Silva-Santisteban Larco

• Geboren 1948. Deutsch-Peruaner.

• Primär- und Sekundarschule in Lima.

• Universitätsstudium der Philosophie, Theologie

und Pädagogik in Peru, Argentinien und Chile.

Master of Arts in Philosophie.

• Hochschuldozent für Philosophie in Peru.

• Dozent in indigenen Bauerngemeinschaften in

den Zentral-Anden und dem Amazonasgebiet in Peru.

• Ausbildung zum Waldorflehrer am Waldorflehrerseminar

in Berlin. Lehrertätigkeit (Primär- und

Sekundarstufe) an Waldorfschulen in Deutschland

und Mexiko.

• Langjähriges Studium der Anthroposophie

und Dozent in der anthroposophischen

Erwachsenenbildung.

• Ausbildung als Biographie-Berater und Leiter von

Seminaren zur Biographiearbeit bei Hellmuth ten

Siethoff (Schüler von Bernard Lievegoed) in Frankreich

und Deutschland.

• Veröffentlichung von drei Gedichtsammlungen sowie

Aufsätzen zu philosophischen und pädagogischen

Themen.