Wenn die „Identitären“ das Evangelium verfälschen und die Kirche beherrschen
Ein Hinweis am 16.9.2026 von Christian Modehn auf ein neues Buch.
Ein Vorwort:
Wir bieten hier ein Beispiel dafür, wie Rechtsextreme in Frankreich auch das Leben der katholischen Kirche bestimmen; mit ihrer Ideologie das kirchliche Leben vergiften und die Gläubigen beeinflussen, d.h. zu einer gesellschaftlichen und politischen Praxis verführen, die mit den Weisungen Jesu von Nazareth UND der humanen Vernunft nichts mehr zu tun hat. Und die Kirchenführung in Frankreich ist wie üblich hilflos. Und hat nichts Dringenderes zu tun, als die massenhaften Massenkundgebungen (anders kann man das Spektakel nicht bezeichnen) mit Papst Leo zu organisieren: Welch ein Wahn, dass der Papst allen Ernstes eine Messe, Eucharistie genannt, mit 600.000 Frommen auf der Place de la Concorde „feiern“ will. Nebenbei: Wenn alle diese 600.000 Leute sich dann die Kommunion (Hostie) in den Mund stecken wollen, werden Stunden des Austeilen vergehen. Und die Place de la Concorde? Absolut kein heiliger Ort, sondern ein Ort des Mordens und Abschlachtens, etwa in der Französischen Revolution… Von den Straßenschlachten dort zwischen Rechtsextremem und der Polizei 1934 ganz zu schweigen.. Ein sehe feiner Platz halt, voller Charme und göttlichen Friedens… Hat die katholische Kirche angesichts des auch in Frankreich drohenden Faschismus (Wahl 2027, Sieg des Rassemblement National…) nichts Dringenderes? Aber die in Frankreich stets schrumpfende Anzahl der Frommen sucht Halt bei Ihrem Führer, dem Papst. Die Huldigung für einen Führer ist also nicht zu überwinden…Und: Diese Vier-Tages-Reise des Papstes als Chef des „Heiligen also Stuhls“ und PAPA aller Katholiken kostet mindestens 25 Millionen Euro…
1.
Pünktlich zum Besuch Papst Leos in Lourdes, Paris und Metz (25. – 28. September 2026) erscheint ein Buch über den Zustand der katholischen Kirche in Frankreich. Der Essay von 155 Seiten erinnert manchmal an eine theologische Meditation voller Empörung über die rechtsextremen Tendenzen in der Kirche… Der Autor ist ein kenntnisreicher Insider, kein „Kritiker von außen“, kein „Religionssoziologe… sondern ein Priester, der die gefährliche Entwicklung in der französischen Kirche freilegt. De Sinety (Jahrgang 1968) ist ein Kleriker mit einer beachtlichen Karriere: Er war Sekretär des konservativen Kardinals Lustiger in Paris (2004), Pfarrer in sehr bürgerlichen, reichen Vierteln in Paris; jetzt hat er eine führende Stellung im Bistum Lille: Da kommt kein Verdacht einer linken häretischen Abweichung auf.
2.
Der Titel des Buches: „La Cause du Christ“, „Die Sache Christi“. Sicher ist „cause“ auch im juristischen Sinn als „Causa“ gemeint, es geht dem Autor letztlich um das Urteil, dass sich katholisch nennende Gruppen die Sache Christi verfälschen: Der Untertitel ist präzise: „L` évangile contra l` identité chrétienne“: „Das Evangelium gegen die `christliche Identität`“. Das Buch ist eine dringende Warnung vor den sich katholisch nennenden rechtsextremen Kreisen, die politisch auf der „christlichen Identität“ Frankreichs (und Europas) insistieren: Diese Kreise wollen ein strenges, intolerantes Europa bauen, das sich als christliches Bollwerk gegen den Islam versteht, ein christliches Bollwerk ohne Menschenrechte gegen alle Fremden, gegen alle, die sich gegen den Wahn eines abgeschotteten Abendland wehren. De Sinety betont: Da wird das Christentum missbraucht, da wird das Evangelium Jesu Christi verfälscht und zerstört. Auf entsprechende Tendenzen im us- amerikanischen Katholizismus weist de Sinety hin; wir stellen Frankreich in den Mittelpunkt.
3.
Das Evangelium ist für den Autor eine Botschaft der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, der Gastfreundschaft für Fremde, der universellen Liebe eines Gottes, der als „Vater“ aller Menschen geehrt wird. Es geht also nicht nur um humanistische Werte, diese sind Gebote Gottes, für Katholiken unverzichtbar für ein humanes Zusammenleben.
4.
Diese Feinde des Evangeliums, die sich als Freunde des abendländischen Christentums tarnen, gewinnen immer mehr Macht, urteilt de Sidney: Es gibt etwa die Gemeinden der mit Rom versöhnten Traditionalisten, wie das reaktionäre „Institut du bon Pasteur“ in Bordeaux, dort ist Abbé Matthieu Raffray für die rechtsextreme Sache heftig in den social Medien engagiert…
Es gibt die katholischen „Columbus- Ritter“ mit ihrer radikalen Forderung: Es muss wieder richtig männliche Männer geben, also die Kämpfer und Krieger so wie dann auch als Beschützer ihrer sorgenden Frauen zu Hause. „Virilität“ heißt die neue Tugend (S. 26 ff.). Zu den Columbus Rittern n Frankreich: https://www.chevaliers-de-colomb.fr/index.php/les-enjeux-de-la-masculinite/
Auch die berüchtigte rechtsextreme katholische „academia christiana“ erwähnt de Sinety, selbstverständlich ist von den vielen tausend Freunden der „alten Messe“ im Sinne der Traditionalisten die Rede: Und er weist darauf hin, dass diese alte Messe mit dem Priester im absoluten Zentrum, von den Gläubigen abgewandt zelebriert er die Messe; die Gläubigen werden zur schweigenden Masse der Ehrfürchtigen in einem für sie sprachlich unverständlichen „Mysterium“. Diese Messen sind Ausdruck der alten feudalen Ordnung, der (Un)Ordnung der Hierarchie. Dass de Sinety die neue Messe des Konzils als demokratische Form versteht, ist freilich sehr fragwürdig, gerade wenn man an den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt denkt.
5.
Im Mittelpunkt der Ideologie, Glaube genannt, der Identitären steht: Christus ist ein Meister und Lehrer der Stärke und Macht. Christus ist ein Kämpfer für „die“ Wahrheit. Christus wurde in einem bestimmten Volk geboren, deswegen gilt: Gott liebt – nun – das christliche Volk Frankreich. Bezeichnenderweise interessiert in diesen Kreisen die Gestalt Jesu von Nazareth nicht, weder seine Gleichnis Reden noch seine Bergpredigt. Die Rede von Christus kommt – wie so oft- ohne einen Bezug zu Jesus von Nazareth aus.
Dieser Katholizismus der moralischen Strenge und politischen Macht findet immer mehr Anklang in den Kreisen, die man einst „normale, bürgerliche Gläubige“ nannte. Über die verbliebenen Mitglieder der französischen Kirche beschreibt der Autor: „Der französische Katholizismus ist jetzt soziologisch gesehen, was er niemals exklusiv sein dürfte: Bürgerlich, bourgeois, ´konsumorientiert…“
Linke, kritische Katholiken haben sich längst aus der Kirche verabschiedet. Auf Seite 64 heißt es: „En moins de vingt ans, tout a basculé“: „In weniger als 20 Jahren ist alles gekippt, befindet sich die französische Kirche also am Kipppunkt:“ Zahlreiche wissenschaftliche Umfrage zeigen bekanntlich seit Jahren: Nur noch eine Minderheit (30 %) der Franzosen nennt sich katholisch, eine verschwindende Minderheit (etwa 4 Prozent) nimmt noch an der Sonntagsmesse gelegentlich teil, die Zahl der Priester sinkt ständig, immer wieder werden neue Missbrauchsfälle im Klerus freigelegt … LINK
Angesichts des Niedergangs dieser Kirche „trösten“ auch die 20.000 Taufen von Erwachsenen und Jungendlichen im Jahr 2026 nicht.
6.
Militante rechtsextreme Kreise im französischen Katholizismus wollen diese am Boden liegende Kirche retten und als politisch machtvolle Organisation zugunsten des „christlichen Abendlandes“ aufbauen. Sie streben eine Kirche ohne Christus an, eine machtvolle Kirche, vom Evangelium entkernt. Diese Ideologie hat eine lange Tradition in Frankreich: Das Vorbild der heutigen katholischen Rechtsradikalen ist die „Action Francaise“ um 1920, sie war auch antisemitisch fixiert. Auf den Antisemitismus verzichtet jetzt die rechtsradikale Le Pen Nachfolge -Partei „Rassemblement National“ aus taktischen Gründen… Ein anderer Rechtsextremer und „Identitärer“ ist der Jude Eric Zemmour, er ist ein expliziter Feind des Islams und explizit auch ein Verteidiger der „Rückführung“, also des Rausschmeissens von störenden (muslimischen) Fremden…
7.
Benoist de Sinety, der wie gesagt, kein Religionssoziologe ist, bewertet die rechtsextremen Kreise Im französischen Katholizismus als Kräfte der Zerstörung. Diese Leute bauen Mauern aus Hass, Schlösser der Paranoia.
8.
Es ist paradox: Das Buch von Benoit de Sinety ist im Verlag Grasset in Paris erschienen. Dieser Verlag gehört dem rechtsextremen katholischen Medien- Mogul und Milliardär Vincent Bolloré, er ist ein Freund der Identitärer Politiker: LINK
De Sinety erwähnt in seinem Buch sehr vorsichtig sogar Bolloré (S. 94f.), nennt aber keine Fakten zu dessen Imperium, sondern beschränkt sich sehr schlicht (ängstlich?) darauf, an einige Lehren Jesu Christi zum Reichtum und zum Leben im Staat zu erinnern. Auch den anderen prominenten katholischen Milliardär Pierre Stérin erwähnt de Sinety: Da wird er schon etwas konkreter, wenn er daran erinnert, dass dieser Milliardär – Wohltäter leider keine Projekte unterstützt, die sich auf die Unterbringungen von Migranten, also Flüchtlingen, beziehen (S. 96).
Das Buch des Priesters de Sinety gegen die Identitäten Katholiken ist am 13. Mai 2026 erschienen: Offenbar konnte Bolloré den Druck dieses Buches und den Vertrieb nicht mehr stoppen, so landete es in den Buchhandlungen am 13. Mai. Einen Monat zuvor (am 14.4.2026) hat Bolloré den weithin geschätzten verantwortlichen Hauptlektor des Grasset – Verlages, Olivier Nora, fristlos entlassen: war es die Wut, weil Nora das Buch von de Sinety publizierte?
9.
So wertvoll auch die heftige Warnung de Sinetys vor der Umgestaltung der französischen Kirche durch die katholischen Rechtsradikalen und Identitätren in Frankreich ist: Die Argumente des Autors wirken manchmal merkwürdig schwach, etwa wenn er die bestehende Trennung von Kirchen und Staat in Frankreich, die laicité, nur als einen formalen Rahmen versteht, den die Kirche mit (ihrem) Inhalt füllen sollte: Dabei hat doch die laicité selbst ihre eigene humanistische Philosophie: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, letztlich auch die Menschenrechte als das Ideal der Republik. Mit den klassischen theologischen Argumenten des sehr frommen Autors de Sinety wird man die Rechtsradikalen und Identitären, selbst wenn sie sich katholisch geben, nicht von ihrem falschen Denken und falschen Handeln abbringen. Anders gesagt: Ohne philosophische Argumente wird man rechtsextremen Ideologien – auch katholisch rechtsextremen Ideologien – nicht begegnen können.
10.
Man muss freilich auch daran erinnern, dass auch schon 2016 der Journalist Jean-Claude Guillebaud in der Pariser Wochenzeitschrift „La Vie“ an jene Rechtsextreme erinnerte, die er «Les catholiques athées“, also die atheistischen Katholiken nannte, in Erinnerung an die genannte „Action franciase“ und ihres Gründers Charles Maurras. Auch ihm ging es um die Verteidigung der Institution Kirche als Garantie der konservativen Ordnung. Auch Mussolini war ein Anhänger dieser – vom Papst verbotenen, aber bis heute lebendigen – Ideologie. Der Schriftsteller Georges Bernannos hat der Action Francaise heftig widersprochen, in seinem Text “Scandale de la verité“, Skandal der Wahrheit, schieb er 1939 über diese „falschen Christen“, die katholischen Rechtsextremen: «Ils croiraient volontiers que le Christ est mort uniquement pour la sécurité des propriétaires, le prestige de tous les hauts fonctionnaires et la stabilité des gouvernements-: „Sie glauben ohne weiteres, dass Christus einzig für die Sicherheit der Eigentümer gestorben ist, für das Prestige der hohen Beamten und die Stabilität der Regierungen. (Der französische Text von Bernanos: LINK. https://fr.wikisource.org/wiki/Scandale_de_la_v%C3%A9rit%C3%A9)
11. ERGÄNZUNG:
Der Essay von Benoit de Sinety „La Cause du Christ“ nennt nur wenige Gruppen, Gemeinschaften und Orden, die zu der sehr rechten, stets stärker werdenden Dimension im französischen Katholizismus gehören: Ich nenne ergänzend einige Beispiele dieser einflussreichen Kreise, sie werden unter Religionssoziologen als „intransigent“ bezeichnet, das heißt:. Sie sind „kompromisslos“, „unerbittlich“, „unnachgiebig“ hinsichtlich ihrer Treue zu ihren extrem konservativen Überzeugungen.
In einer Studie in dem Buch „Jean Paul II – la fin d` un règne“ (Edition Golias 2003) werden viele der neuen geistlichen Gemeinschaften genannt, etwa Emmanuel oder die Gemeinschaft „St. Jean“ und so weiter, alle snd seit Jahren nun bekannt auch als Orte sexuellen Missbrauchs und spirituellen Missbrauchs. Auf S. 184 wird auf die „Intransigenten Medien“ verwiesen, etwa auf „La Nef“, „L Homme nouveau“, „Familie chrétienne“, „France catholique“. oder auch auf die machtvolle Organisation „Associations familiales catholiques“ (AFC). Das Opus Dei hat auch in Frankreich einen eigenen Verlag, „Editions du Laurier“…. Diese reaktionären Kreise bestimmen weithin das Leben der katholischen Kirche in Frankreich. Aus diesen Kreisen werden die vielen tausend Papst – Bewunderer stammen anläßlich der Reise Papst Leos nach Lourdes, Paris und Metz…
Benoist de Sinety, „La Cause du Christ. `L Evangile contre l`identité chrétienne“. Paris 2026, Editions Grasset, 160 Seiten, 16 €.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
