Befreiung

Hier finden Sie Texte zum Thema Befreiung und Befreiungstheologie:



Der Mensch ist böse… und von Gott geschaffen. Ein religionsphilosophischer Salon

25. September 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher, Termine

Der religionsphilosophische Salon Berlin nimmt sich am MITTWOCH, den 26. Oktober 2016, ein schwieriges Thema vor, bei dem schon jetzt absehbar ist, dass man da nicht mit klaren Definitionen die Diskussion beruhigt verlassen kann. So ist das mit der Philosophie: Sie fördert das weitere Fragen und Suchen! Kant sprach vom „Hang (Tendenz) zum radikal Bösen im Menschen“: Wie lässt sich das be-greifen und wie „bewältigen“?

Wegen der Veranstaltungen der Galerie Fantom können wir diesmal nicht an einem Freitag, wie sonst eher üblich, zusammenkommen. Ich hoffe, auch dieses Datum am Mittwoch „passt“. Und nochmals Danke an den Verein der Galerie Fantom, dass wir nun schon seit einigen Jahren die Räume der Galerie Fantom zur Miete nutzen können. Solche Großzügigkeit ist ja nicht selbstverständlich in Berlin (wo es, nebenbei gesagt, immer noch kein eigenes „Haus der Philosophie“ gibt, hingegen mehrere Literaturhäuser…)

Der Ort unseres Salons: Hektorstr. 9 in Wilmersdorf. Beginn: 19 Uhr. Studenten haben freien Eintritt. Die anderen sollten, wenn möglich, 5 Euro für die Raummiete zahlen.

Das Thema „Der Mensch ist böse…. und von Gott geschaffen“ ist bewusst kurz vor dem Reformationstag (am 31.10.) gewählt. Wir nehmen Bezug auf neue philosophische Arbeiten zum Bösen, etwa auf das Buch von Bettina Stangneth „Böses denken“ (Rowohlt 2016), aber auch auf die umstrittene, aber allgemeine christliche Lehre von der Erbsünde. Und wir fragen uns, ob eine christliche Spiritualität, ob christlicher Glaube möglich und sinnvoll ist, ohne das seit Augustin gängige, sich orthodox nennende Konzept der Erbsünde. Luther (und Calvin) sah das Verderben der Erbsünde so total, dass er für die freie philosophische Überlegung (als Hilfe im Leben) nichts übrig hatte. In dieser Überlegung werden uns auch die Studien des Philosophen Kurt Flasch inspirieren. Schon jetzt dazu herzliche Einladung. Details folgen. In jedem Fall plädieren wir, vom religionsphilosophischen Salon,  selbstverständlich für die Gültigkeit der freien Form der Philosophie, die nicht nur „von der Sünde Verdorbenes“ hervorbringt…



Pater Klaus Mertes für ökumenisches Abendmahl: Katholiken können am evangelischen Abendmahl teilnehmen

24. September 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Ein Buchhinweis von Christian Modehn

Ausführliche Briefe, über drei Monate (bis Februar 2016) hin und her geschickt zwischen zwei prominenten Theologen, sind heute – nicht nur in Zeiten der absolut vorherrschenden emails – eine Seltenheit. Und noch seltener ist, wenn man so sagen kann: Dass diese Briefe auch als Buch publiziert werden. Die Kategorie Briefwechsel spielt ja in heutigen Verlagsgeschäften keine große Rolle mehr.

Nun haben die protestantische Theologin und Grüne-Politikerin Antje Vollmer und der Jesuitenpater Klaus Mertes ihre Korrespondenz veröffentlicht. Sie dreht sich immer wieder um das Problem der Gebundenheit an christliche Konfessionen, also evangelisch und römisch-katholisch. Und je länger der freundliche Brief-Austausch dauert, um so mehr nähern sich die theologischen Positionen an. Für die protestantische Theologin Antje Vollmer ist es eigentlich selbstverständlich, dass Katholiken an einem evangelischen Abendmahl nicht nur als Gäste dabeisitzen, sondern sich eben das Abendmahl von einem protestantischen Pfarrer reichen lassen. Ökumene, als versöhnte Verschiedenheit, wird so greifbar. Es gibt eigentlich nur noch wenige theologisch Gebildete, die eine solche Feier der Einheit der Christen ablehnen. Das müssen schon Dogmatiker der uralten Schule sein oder Angestellte der vatikanischen Aufsichts-Bürokratien, die bis nach Deutschland ihren Einfluss haben. Aber es ist eben im Katholizismus zweierlei: Man kann als katholischer Theologe eine richtige Meinung zur Praxis der ökumenischen „Mahl-Gemeinschaft“ haben, aber man darf diese nicht öffentlich sagen, geschweige denn öffentlich praktizieren. Das ist eben das viel besprochene Klima der Angst, das den Katholizismus bis heute bestimmt bzw. innerlich vergiftet und aus Glaubenden eben Mutlose und Verängstigte macht, solche Leute also, die um ihres Jobs in der Kirche/Caritas wegen auf ihre (ökumenische) Meinung und ökumenische Praxis doch besser verzichten. So entstehen gespaltene Persönlichkeiten…

Pater Klaus Mertes kennen und schätzen so viele, er gehört zu den Mutigen, den Offenen, den Aufgeschlossenen. Er hatte 2010 die unglaubliche Courage gehabt, „pädophile“ Vergehen durch Jesuiten an dem Jesuiten-Gymnasium in Berlin öffentlich zu machen. Er wusste: Allein die Freilegung der Tatsachen ist hilfreich. Er löste wohl als einer der wenigen Mutigen, die die Wahrheit sagen, ein mittleres Erdbeben in der römischen Kirche aus. Es dauert bis heute…Man denke an die Skandale der immer noch agierenden Ordensleute der „Legionäre Christi“, „Millionäre Christi“ oft genannt, die von einem pädophilen Verbrecher gegründet wurden…

Nun zu dem Buch: Da ist es keine Überraschung, dass Pater Mertes am Ende des Buches, also ab S. 154, in aller Deutlichkeit für die „ökumenische Gastfreundschaft sich einsetzt“. „Ich bin überzeugt, dass es einem katholischen Christen im Gewissen frei steht, die Einladung zum evangelischen Abendmahl anzunehmen… Ich lasse mir nichts zu schulden kommen, wenn ich einer (protestantischen) Person nach dem „Amen“ die Kommunion reiche. Im Gegenteil, ich ließe mir etwas zu schulden kommen, wenn ich es nicht täte“, so Pater Mertes (S.155). Die theologische Begründung für diese richtige Haltung liefert er im Buch!

Diese Aussage weist in die Zukunft. So sehr vielleicht auch weniger religiöse Zeitgenossen über das Thema schmunzeln und sich sagen: Was haben diese getrennten Christen denn noch für Sorgen! Gibt es wirklich nichts Dringenderes? Gibt es natürlich!

Trotzdem ist diese Stellungnahme von Pater Mertes innerkirchlich gesehen ein wichtiger Durchbruch: Denn es kann ja sein, dass nun Katholiken in sich gehen und den Worten des Jesuiten folgen. Viele tun es längst, heimlich natürlich!

Diese Worte von Pater Mertes haben großen Wert für den kommenden evangelischen Kirchentag 2017 in Berlin: Da wird es dann hoffentlich auch viele katholische Teilnehmer geben, die am evangelischen Abendmahl teilnehmen. Der Streit um den katholischen Professor Gotthold Hasenhüttl, der 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin Protestanten die Kommunion reichte, wird sich so nicht mehr wiederholen. Es wäre auch eine Blamage, wenn nicht Katastrophe, für die Herren der Kirche, nun auch 2017 beim Reformationsgedenken wieder hart durchzugreifen. Prof. Hasenhüttl wurde von dem damaligen Trierer Bischof Reinhard MARX (jetzt München) vom Priesteramt suspendiert….Dass es einen suspendierten Pater Mertes geben könnte, ausgerechnet im Luther-Jubiliäum, befürchtet irgendwie die besorgte Protestantin Anje Vollmer, sie schreibt: „Dieser Briefwechsel darf nicht dazu führen, dass Sie, Pater Mertes, damit in unabsehbare Schwierigkeiten mit Ihren Kirchenhierarchien kommen“ (S. 145). Wird er wohl nicht, denn er hat himmlischen Beistand: Seinen sehr berühmten Mitbruder, den Theologen Pater Karl Rahner: Er hat zusammen mit dem katholischen Theologen Heinrich Fries (München) 1983 eine bedeutende Studie verfasst: Veröffentlicht ebenfalls in dem katholischen HERDER Verlag, mit dem alles sagenden Titel „Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit“. Also: Kircheneinigung ist JETZT möglich, alles offizielle katholische Gerede vom Warten und immer wieder weiter Beten usw… entpuppt sich klerikale Ideologie des konfessionellen Machterhalts. Theologie muss endlich Ideologie-Kritik werden. Dieses große Buch von Karl Rahner hat zwar 5 Auflagen erlebt, hat meines Wissens aber nicht den Verstand und das Herz der katholischen Hierarchie erreicht. Sie hielten diese großen Vorschläge „Ökumene JETZT“ für Theologengeschwätz. Es ist diese Ignoranz der Hierarchen gegenüber der Theologie, die so manchen erschüttert. Nur der Ungehorsam, siehe Luther, führt wohl in versteinerten Systemen ins Freie.

Die Ökumene stagniert, kaum noch jemand interessiert das und kaum noch jemand interessiert sich leidenschaftlich insgesamt noch für die Kirchen… Weil die katholische Hierarchie in ihrer dogmatischen Fixierung alles wirkliche Weiterführende in der Ökumene verbietet. Die Kirche selbst vertreibt die Gläubigen…wie damals, zu Luthers Zeiten!

Nun kommt also noch mal ein Vorschlag von Pater Mertes, zu sehr später Stunde möchte man sagen, wo sich die Kirchen in Deutschland tatsächlich leeren und nur noch die Kirchensteuergelder bestens fließen. Man kann nur hoffen, dass Pater Mertes nicht wie der Augustiner Pater Martin Luther gezwungen wird zu sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Bevor dies hoffentlich nicht passiert, sollte das Buch gelesen werden: Es behandelt selbstverständlich nicht nur dieses Thema.

Buchempfehlungen: Klaus Mertes, Antje Volmer, Ökumene in Zeiten des Terrors. Streitschrift für die Einheit der Christen. Herder Verlag 2016, 2169 Seiten.

sowie immer noch lesenswert und zur Praxis empfohlen: Karl Rahner und Heinrich Fries, Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit. Herder Verlag 1983. 156 Seiten.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin



Marsch für das Leben in Berlin mit Erzbischof Koch. Kritisches zu diesem politischen, rechtslastigen „Marsch“

18. September 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Ein Kommentar von Christian Modehn. Veröffentlicht am 15. 9 2016.

Wer am so genannten „Marsch für das Leben“ am 17.9.2016 in Berlin teilnimmt, befindet sich auf einer Veranstaltung der AFD bzw. jener rechten (katholischen und evangelikalen) Gruppen und Kreise, für die die CDU/CSU nicht rechts genug ist.

Der Organisator des Marsches, der Journalist Martin Lohmann, EX-CDU, ist Mitarbeiter der rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, sie steht bekanntermaßen der AFD sehr nahe.

Auch Frau von Storch AFD ist wieder bei dem „Marsch“ dabei. Sie wird nicht die einzige von der AFD sein.

Wenn katholische Bischöfe (Koch, Voderholzer; 2015 schon Weihbischof Laun, Salzburg, ein öffentlicher FPÖ Freund) bei dem Marsch als Mit-Läufer dabei sind, entsteht wie von selbst der Eindruck: Diese Bischöfe unterstützen diese (letztlich AFD nahe) Veranstaltung. Es entsteht weiter der Eindruck: Bischöfe machen also indirekt Wahlpropaganda. Und das einen Tag vor der Wahl in Berlin. Ist dies noch das Amt eines Bischofs, darf man wohl als Theologe fragen. Haben diese Bischöfe bei deutschen Rüstungsfirmen protestiert in einem Protestmarsch für das Leben derer, die mit deutschen Waffen abgeknallt werden in Syrien, Saudi-Arabien, Mexiko usw. usw.? Oder wollen diese Herren nur das ungeborene Leben schützen? Ist ja auch viel einfacher, als die Macht der Waffenproduzenten öffentlich zu kritisieren?

Da helfen selbst allgemein gehaltene, sanft-kritische „Grußworte“ von Erzbischof Koch, Berlin, bei dem „Marsch“ nicht viel, wenn er einen humanen Umgang mit Flüchtlingen anmahnt. Allein schon dieses militärische Wort „Marsch“, da klingt das Aggressive automatisch schon an…

Aber der so genannte Schutz „des“ „ungeborenen“ Lebens ist seit Jahrzehnten Mittelpunkt eines konservativen christlichen Glaubensbekenntnisses geworden. Mutter Teresa ist förmlich die hoch verehrte Kirchenlehrerin für alle um das ungeborene Leben kämpfenden Marschierer. Sie können eben, aus Faulheit, Dummheit?, nicht unterscheiden: Was ist Leben im allgemeinen? Was ist menschliches, geistvolles Leben. Und wann beginnt dieses. Da gibt es, wenn man denn nuancieren kann und will, eben Unterschiede. Und vor allem: Diese Marschierer für das ungeborene Leben sind rabiat gegenüber Frauen, die in einer Demokratie ihre freien und eigenen Entscheidungen treffen. „Pro Life“ in den USA ist bekanntermaßen gewalttätig gegen Ärzte und Kliniken. Diese Marschierer sind letztlich Gegner demokratischer Entscheidungen. Für Religionskritiker ist es interessant zu wissen: Es gibt in den USA eine breite, auch katholische Bewegung „Pro Choice“, sie respektiert die Würde und Wahlfreiheit der Frauen. Bei Pro Choice sind auch katholische Nonnen dabei; sie sind „selbstverständlich“ ständig von der Exkommunikation durch Bischöfe und Päpste bedroht.

Bezeichnenderweise haben katholische Bischöfe in fast allen Ländern Lateinamerikas dafür gesorgt, dass dort die unmenschlichsten Gesetze erlassen wurden, die den Schwangerschaftsabbruch rigoros verbieten. Die reichen katholischen Damen lassen in den USA oder Puerto Rico „abbrechen“, die armen Frauen sind auf Pfuscher in aller Heimlichkeit angewiesen. Diese armen Frauen, Opfer einer Macho-Unkultur, sterben oft bei diesen Eingriffen. das ist die Konsequenz dieser frommen Lebensschützer, abgesehen davon, dass fast alle Kinder in menschenunwürdigen Slums in Lateinamerika überleben müssen….

Mit anderen Worten: Diese Marschierer für das ungeborene Leben gehören zu einem weltweiten Netz von Menschen, die den Schutz des ungeborenen Lebens nur als Vorwand benutzen, um antidemokratische, ungerechte Strukturen zu verfestigen. Und etliche Christen und Bischöfe fühlen sich in einem solchen „Milieu“ offenbar sehr wohl. Wer da seine kritische Stimme erhebt, wird sofort als „Feind des Lebens“ hingestellt.

Wird dieser Marsch am 17.9. 2016 ein wichtiges Datum sein, ein Tag, an dem zum ersten Mal katholische Bischöfe mit der AFD gemeinsam marschierten? Wer wird sich darüber freuen?

PS: Wir freuen uns, dass die Leitung der Berliner protestantischen Kirche offiziell nicht bei diesem Marsch dabei ist.

copyright:Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Thomas Müntzer – der (fast) vergessene Reformator als Theologe der Revolution

11. September 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Perspektiven und Probleme, Theologische Bücher

Von Christian Modehn

(Dieser Beitrag erschien in kürzerer Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 9. September 2016)

Der erste „Theologe der Revolution“ war auch einer der ersten Liturgie-Reformer. Vor Martin Luther hat er bereits 1523 die Messe auf Deutsch gefeiert: Thomas Müntzer wollte seine Gemeinde in Allstedt (Südharz) von „magisch wirkenden“ Texten befreien, um zur Erkenntnis des wahren Gottes zu führen. Dabei sollte zur Gewissheit werden: Die auserwählten Christen sind im heiligen Geiste eins mit Gott. Diese mystische Erfahrung bestärkte seinen politischen Kampf. Darum unterstützte Müntzer auch in Allstedt die empörten Bauern und Tagelöhner: Sie wollten „den wohllebenden Mönchen keinen Zins zahlen“ und gründeten einen „Widerstandsbund“. Gegen die Allmacht der Herrscher hatte sich ihr Pfarrer schon andernorts heftig ausgesprochen. Müntzer gehörte selbst zu den Verarmten. Für sie war er „Der Knecht Gottes“.

In den deutschen Messen zu Allstedt wurden zwar noch die alten, gregorianischen Melodien – auf Deutsch – gesungen. Aber das Volk war begeistert und strömte zu den Predigten. Dass Thomas Müntzer gleich nach der Liturgiereform die ehemalige Nonne Ottilie von Gersen heiratete, störte nur die katholischen Grafen der Umgebung.

In seiner „Fürstenpredigt“ im Schloss Allstedt (13.7.1524) ermahnte er, biblische Propheten zitierend, Fürst Johann von Sachsen und die anderen: Sie sollten sich der Protest-Bewegung des Volkes anschließen. Denn das Volk habe bei seiner Unterdrückung ein heiliges Recht auf Widerstand. Wenn die Fürsten an ihrer Herrschaft festhielten, gelten sie als Gottlose, die das Volk bekämpfen und vernichten wird.  Müntzer sah die Ursache allen Elends bei den Herrschenden.Wenn er Gewalt unterstützte, dann nur als Reaktion auf vorhandenes Unrecht der Fürsten und der Kirche bzw. Klöster. Dass „Gott die Mächtigen vom Thron stürzt“, wie das Magnificat Marias im Neuen Testament sagt, nahm Müntzer wörtlich! Er fühlte sich – mit den Ausgegrenzten – auf der Seite Gottes! So wie die Fürsten (und Luther) das Wort der Bibel wörtlich nahmen vom „Gehorsam der Untertanen unter (jede) Gewalt“…und dieses Wort rabiat durchsetzten um des eigenen Machterhaltes willen.

Es ist bezeichnend, dass von Müntzer, diesem „theologischen Revolutionär“ (H.J. Goertz), kein authentisches Porträt überliefert ist. Im Vergleich zu zahllosen Luther-Porträts ein Beleg, wie heftig er auch von den Wittenberger Reformatoren ausgegrenzt wurde. Selbst sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt: Um 1489 wurde Müntzer in Stolberg (Harz) geboren. Biografische Details fehlen oft. Erst in den letzten Jahren wurde begonnen, eine kritische Gesamtausgabe seiner wenigen Bücher und zahlreichen Briefe herauszugeben. Er studierte Theologie in Leipzig und Frankfurt/Oder, 1513 wurde er zum Priester für das Bistum Halberstadt geweiht. Seit der Zeit, bis zu seiner Hinrichtung am 27. Mai 1525, war er ruhelos unterwegs, um für die Einheit von Mystik und Revolution einzutreten. In etwa 30 Städten, zwischen Prag und Braunschweig, Wittenberg und Basel, Zwickau und Frankenhausen, hat er sich aufgehalten, immer auf der Suche nach einer Predigerstelle. Müntzer ist der Heimatlose, überall wurde er verjagt und verfolgt.

Seit 1521 ist der eine Mittelpunkt seines Denkens offensichtlich: Der heilige Geist wirkt in jedem Glaubenden; es gibt eine Gottunmittelbarkeit, der Klerus spielt dabei keine Rolle. Aus der Gottunmittelbarkeit folgt die grundlegende Veränderung der Gesellschaft und das Ende der Gewaltherrschaft der Fürsten. Und sogleich ergoss sich der öffentliche Zorn Luthers über ihn, den Müntzer seinerseits ebenso heftig beantwortete. Inzwischen haben, dank der Studien etwa von Hans-Joachim Goertz, die alt vertrauten Müntzer Klischees keine Chance mehr: Er ist weder der sozialistische Held des Bauernkrieges noch der „Erzteufel“, wie ihn Luther und seine Kirche lange Zeit hinstellte.

Entscheidend ist heute: Müntzer war ein eigenständiger Reformator. Darum sollte 2017 über ihn umfassend diskutiert werden. Themen gibt es genug: Im Unterschied zu Luther galt ihm die je eigene, geistvolle Erfahrung des lebendigen Gottes alles. Er dachte oft wie die Mystiker des Dominikanerordens, vor allem Johann Tauler. Das Wort Gottes, auch die Lehre von der Rechtfertigung, waren für Müntzer nur ein äußerer Anstoß, Gottes Geist „in mir“ zu erleben. Und diesen Geist sah er im Widerstand der Armen politisch am Werke. Einzig dem Projekt „Reich Gottes auf dieser Erde am Ende unserer Zeiten“ wollte er dienen. Dabei dachte er wie andere Reformatoren apokalyptisch. Er sah im Aufstand des unterdrückten Volkes eine Art Notwehr. Denn einzig bei den Fürsten nahm die Gewalt ihren Anfang. Müntzer verteidigte „das Gewaltrecht der Guten“, also der leidenden Christen. Dass der staatskonforme Luther mit seiner Sympathie für die Fürsten letztlich auch nicht den Frieden förderte, ist eine Tatsache. Heute wünscht man sich, die vernünftigen Humanisten hätten mehr Einfluss gehabt in dieser apokalyptisch aufgewühlten Zeit. Vernünftiges Denken, Klarheit der Begriffe, Selbstkritik und philosophische Logik hatten bei dem Reformator Luther und seinem Kreis keine Chance. Und sie waren im Gefolge Augustins stolz darauf, Verächter der Philosophie und des Humanismus zu sein!

Thomas Müntzer wurde schließlich im „Endkampf“ aufseiten der Bauern in Frankenhausen (11. Mai 1525) gefangen genommen und in Mühlhausen am 27.Mai 1525 hingerichtet. Luther, aber auch Philipp Melanchthon, stachelten die Fürsten sogar noch an, diesen „Unmenschen“ Müntzer zu töten. Diese direkte Aufforderung zur Tötung eines andersdenkenden Reformators ist – aus heutiger Sicht – ungeheuerlich. Diese Mordaufrufe Luthers werden offiziell in lutherischen Kirchen überhaupt nicht „behandelt“. Der Müntzer Spezialist und Historiker Hans-Jügen Goertz schreibt: Luther stand explizit und kämpferisch aufseiten der Fürsten und warnte diese eindringlich vor Müntzer als dem „lügenhaften Teufel, Weltfresser, Schwindelgeist“. „Luther tilgte alle menschlichen, individuellen Züge Müntzers“(Goertz, S. 254). Noch schlimmer: „Luther ließt sich die Gelegenheit nicht nehmen, den Gotteslästerer und Aufrührer Müntzer literarisch hinzurichten, bevor das Urteil gesprochen war und der Henker sein Schwert erhoben hatte. …Luther unterdrückte jeden Zweifel an dem martialischen Abschlachten der fliehenden Bauern bei Frankenhausen. Luther wollte allen Regungen von Mitleid und Nachsicht zuvorkommen. Dem Teufel und dem Antichristen (Müntzer) durfte niemand mit Verständnisund Erbarmen begegnen“ (Goertz  S. 254 f.) „Seither, (also durch Luthers Polemik verursacht, CM) geistert die Kunde von dem Mordpropheten Müntzer durch die Zeiten…und die Deutschen haben gelernt, Nonkonformisten, Dissidenten und Revolutionöären mit Abscheu zu begegnen“. (Goertz, S. 257).

Nur vereinzelt fällt heute sein Name unter den Theologen der Befreiung. Sie wissen wie er: Die Kirche muss mit den mit den Unterdrückten Gerechtigkeit realisieren, sonst bleibt all ihr Tun gottlos. Eine Kirche aufseiten des Staates, eine Kirche, die den Staat sozusagen automatisch unterstützt, noch schlimmer: eine Staatskirche, ist in dieser Sicht eine Art Gotteslästerung; siehe etwa auch die entsprechenden Verbrechen in katholischem Milieu in der Zeit der katholischen Franco-Diktatur in Spanien.

Ob es im Reformationsgedenken (ab 31. Oktober 2016 ein ganzes Jahr lang) auch ein Müntzer-Gedenken geben wird, ob er eine Rolle spielen wird in den zahlreichen (evangelischen) Akademien-Veranstaltungen oder beim Kirchentag 2017, wäre zwar wünschenswert, ist aber angesichts dieser seiner „störenden Theologie“ eher unwahrscheinlich. Müntzers Theologie ist deswegen störend, weil mit ihm die ständige Staatsnähe des Luthertums (bis heute) kritisch diskutiert werden müsste. Müntzer würde heute von kirchlicher, also wohl christlicher Seite, diese Frage an die C-Parteien stellen: Seid ihr christlich, ihr so genannten Christlichen Parteien? Was soll dieses „C“? Diese Frage würde er angesichts des Umgangs mit Fremden und Flüchtlingen stellen, angesichts der von C Parteien nicht kritisierten und verhinderten Rüstungsproduktion, der geringen staatlichen Beiträge für eine unwirksame Unterstützung armer Länder, der zunehmenden Armut auch in Deutschland usw. Das Ergebnis wäre nicht nur für Müntzer niederschmetternd. Er würde wohl für die Streichung des „C“ aus dem Titel der  beiden Christlichen Parteien plädieren. Wäre auch ein hübsches Thema im Reformationsgedenken…

Die „Thomas-Müntzer-Gesellschaft“ hat ihr Büro in Mühlhausen, dort erscheinen zahlreiche Studien. Etwa: Alejandro Zortin, Thomas Müntzer in Lateinamerika. 2010., 44 Seiten.

Zur Vertiefung besonders zu empfehlen: Hans Jürgen Goertz, Thomas Müntzer – Revolutionär am Ende der Zeiten. C. H. Beck. 2015. 352 Seiten, 24,95 €.



Ein Gerichtsprozess im Vatikan: Der Legionär Christi Pater John O Reilly

9. August 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Ein Hinweis von Christian Modehn

Im Rahmen unserer nur exemplarisch zu verstehenden religionskritischen Studien hat der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ seit über 10 Jahren über den offiziellen katholischen Orden „Legionäre Christi“ wie über die mit ihm verbundene Laien-Bewegung „Regnum Christi“ berichtet. Weil sich kein anderes publizistisches oder religionswissenschaftliches oder wenigstens theologisches Zentrum in Deutschland ausführlich und ständig um diese weltweit einflussreichen Gruppen kümmert, nun also hier ein weiteres Kapitel aus diesem klerikalen Sumpf…

Jetzt wird erneut einem prominenten Priester, Pater O Reilly aus Chile, wegen pädophiler Verbrechen der Prozess im Vatikan gemacht. Das berichten am 9. August 2016 „Le Monde“ und „Figaro“.

Zur Erinnerung: Schon gegen den ebenfalls „betroffenen“ Nuntius in der Dominikanischen Republik, Erzbischof Jozef Wesolowski, wollte ein päpstliches Gericht ein Urteil fällen, aber der pädophile Erzbischof verstarb am 27.8.2015 kurz vor Prozessbeginn in Rom … an „Herzstillstand“, so heißt es …. Während Nuntius Wesolowski sich den Knaben „zuwandte“, hat sich der aus Irland stammende Pater John O Reilly an Mädchen vergriffen. Das haben Gerichte in Chile erwiesen. Weil dem Priester die Ausweisung aus Chile droht, soll er nun sozusagen im sicheren Vatikan „untergebracht“ werden… Konkrete Daten für den Prozess gibt es noch nicht.

Pater John O Reilly LC, 69 Jahre, wurde schon von chilenischen Gerichten verurteilt. In den Jahren 2010 bis 2012, so wissen die Gerichte, habe er als „spiritueller Meister“ im Legionärs Kolleg „Cumbres“ mehrfach ein ihm anvertrautes Mädchen von 9 Jahren sexuell missbraucht. Er wurde im November 2014 zu 4 Jahren „überwachter Freiheit“, „liberté surveillée“, wie Le Monde schreibt, verurteilt. Seine chilenische Staatsbürgerschaft wurde ihm im März 2015 aberkannt, nun soll er aus Chile abgeschoben werden. Ist das Grund, dass der Vatikan den alsbald wohl staatenlosen Pater zu sich holt? Oder sind die Hintergründe der Tat so belastend, dass sie besser im sehr schweigsamen Vatikan verhandelt werden? Warum also diese Sonderbehandlung für Pater O Reilly? Denn allein in Chile sind über 20 pädophile Priester nun auch kirchenamtlich „enttarnt“. Wenn allein diese im vatikanischen Gefängnis untergebracht würden, wären die eher bescheidenen Gefängniskapazitäten des Vatikans wohl bald erreicht … und der „Apostolische Palast“ müsste umgebaut werden…

Merkwürdig ist, dass die pädophilen Aktivitäten von Pater O Reilly aus dem Orden der Legionäre Christi auch dann kein Ende fanden, als der Ober-„Verbrecher“ im Orden, so fast wörtlich Papst Benedikt XVI., also der Gründer Pater Marcial Maciel, zahlreicher Untaten 2006 definitiv überführt wurde und der Orden danach sozusagen auf der Kippe stand: Denn viele kluge Leute meinten, dieser katholische Club solle besser aufgelöst werden. Aber Pater O Reilly wurde wohl in seinem Tun „gedeckt“; er war offenbar unersetzlich, denn er galt als wichtiger „Geldeintreiber“ im bekanntermaßen geldgierigen Orden. Sie leben in den teuersten Vierteln von Santiago, etwa Las Condes. Über den Reichtum des Ordens allein in Chile haben die Journalisten Andrea Insunza und javier Ortega ein Buch publiziert: “Los Legionarios de Cristo en Chile. Dios, Dinero y Poder”,

John O Reilly wurde in der Nähe von Dublin geboren, sein Vater widmete sich vor allem der Hühnerzucht. Das Kind wurde bei den Großeltern erzogen. „Aber von seiner sehr bescheidenen Vergangenheit sprach er in Chile nie“, berichten ehemalige Bekannte, wie der Ex-Legionär Glenn Favre. 1965 trat O Reilly in den Orden der Legionäre Christi ein. An dem bewiesenen verbrecherischen Leben des Ordensgründer Maciel hatte er stets seine Zweifel, BBC zitiert O Reilly aus dem Jahr 2006: „Nadie duda de la absolutísima inocencia del padre Marcial Maciel, por su vida y por sus obras, por lo que ha entregado a cada uno de nosotros, a la Iglesia y al mundo“, comentó O’Reilly en 2006 en entrevista con el sitio web Emol al conocerse la decisión vaticana“… „Niemals zweifle ich an der aboluten Unschuld Pater Maciels….“

Nach Chile kam O Reilly 1984, er arbeitete in den Kollegien „für Kinder aus reichem Hause“. Die Tageszeitung „El Mercurio“ beschrieb 2002 die Beziehung des Priesters zu den ihm anvertrauten Mädchen:“ „Parece una gallina con sus pollos, rodeado de niñitas que le conversan y le piden ’nosotras queremos quedarnos contigo, padre‘: „Er erschien wie ein Huhn mit seinen Hühnchen, umringt von kleinen Mädchen, die ihn unterhielten und ihn baten: Wir bitten, bleibe mit uns, Pater“., so BBC, http://www.bbc.com/mundo/noticias/2014/11/141111_perfil_oreilly_legionarios_millonarios_ch

Mit dem bevorstehenden Prozess im Vatikan wird erneut das öffentliche Interesse auf die Aktivitäten der Legionäre Christi und des Regnum Christi in CHILE gelenkt. Dieser Orden kam erst 1980 nach Chile, zu der Zeit, als der Diktator Pinochet (seit 1973) herrschte. Der Journalist Alfonso Torres Robles berichtet in seinem Buch „La prodigiosa aventura de los Legionarios de Cristo“ (Madrid 2001), Seite 58 f., dass die Legionäre in Chile sofort Anschluss fanden an zahlreiche große Unternehmer und Politiker. Vor allem mit dem rechtsextremen Innenminister Pinochets, Carlos Cáveres Contreras (geboren 1940), gab es enge Kontakte. Dieser Herr hat noch den Diktator Pinochet in seinem Londoner Gefängnis besucht und unterstützt. Bekanntlich setzte sich der so genannte „Heilige Stuhl“ (Vatikan) ebenfalls für die Freilassung Pinochets ein. Unter der Herrschaft von Pinochet war Erzbischof Angelo Sodano Nuntius des Vatikans dort, mit Pinochet verband ihn eine herzliche Verbundenheit. So lernten auch die Legionäre und Erzbischof Sodano einander schätzen, was sich dann beim späteren Aufenthalt Sodanos im Vatikans sehr gewinnbringend für die Legionäre auswirkte, aber das nur nebenbei…

Caveres Contreras jedenfalls wurde schon in den neunzehnhundertachtziger Jahren als einer der einflussreichsten Männer Chiles betrachtet, zugleich wurde Präsident des von den Legionären Christi gegründeten „Rates der unternehmerischen Generation“. Mit diesem elitären Finanz-Club wollte Marcial Maciel, der Legionärs Gründer, nach bewährter und bekannter Art „Kontakte knüpfen“ und sich beliebt machen in der Welt der Reichen und Einflussreichen. Warum wohl? Um, ebenfalls nach bekannter Manier, immer mehr Geld zu gewinnen. Gleichzeitig „kümmerte“ sich der Orden, seinem Hauptinteresse folgend, um gute Kontakte zum Militär und zur einflussreichen Tages-Zeitung „El Mercurio“. Darüber hinaus gründeten die Legionäre Collegien, etwa die in Chile ziemlich berühmten „Cumbres“ und „Everest“, „die von den Politikern der Rechten bevorzugt worden“, so in dem genannten Buch von Torres Robles, S. 60. Pater O Reilly arbeitete auch an dem Legionärs-Radiosender „Santa Maria de Guadelupe“ als Programmdirektor.

Im Umfeld des Prozesses gegen O Reilly in Santiago wurde ein psychologisches Gutachten erstellt, das ein journalistisches Netzwerk in Chile dann ausführlich publizierte. Darin heißt es über den Legionärs-Priester: „Se vincula con personas que posean poder, riqueza o influencia, en busca de prestigio personal y de mayor liderazgo”. „Er verbündete sich mit Personen, die Macht, Reichtum oder Einfluss besitzen, auf der Suche nach persönlichem Prestige und einer größeren Führungsrolle“. Quelle: http://ciperchile.cl/2015/01/22/el-desconocido-perfil-sicologico-de-oreilly-rasgos-narcisistas-sexualidad-infantil-y-busqueda-de-poder/

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



„Menschen sind wie Objekte. Man kann sie vernichten“: Philosophisches zum Internationalen Tag der Indigenen Völker“

5. August 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Menschen sind wie Objekte. Man kann sie vernichten: Philosophisches zum Internationalen Tag der Indigenen Völker“

Von Christian Modehn

Philosophisches Denken, wenn es lebendig ist, bezieht sich auf die Gegenwart. Und heute werden Menschen wie Objekte behandelt, die man irgendwo hinbestellen kann, verwalten kann, entlassen kann, fertigmachen kann usw. Diese Verdinglichung der Menschen durch das System der Herrschaft ist philosophisch oft, leider noch zu selten, analysiert und diskutiert worden.

Am „Welttag der Indigenen Völker“ am 9. August gibt es einmal mehr eine Chance, kritisch philosophisch nachzudenken. Denn indigene Völker sind in der Sicht der Herrschenden, also der Mehrheit, die quantité négligeable, sind die Restbestände wilder Wesen, wilder Menschen aus angeblichen Vorzeiten, die „man“ ignorieren kann.

Das wird besonders deutlich im Umgang der Herrschenden, und das sind nicht immer nur Politiker, sondern vor allem die gierigen Internationalen Konzerne, in Brasilien. Und sicher in vielen anderen lateinamerikanischen Staaten. Wer heute nach Rio blickt, zur Olympiade inmitten des Elends der Slums bei selbstverständlich gewordener Korruption, der sollte immer die Indigenas in den Wäldern rund um den Amazonas mit-bedenken und für sie eintreten. „Diese Völker sind nur noch ein Hindernis für die Modernisierung des Landes“, sagt der katholische Bischof Roque Paloschi. Er kümmert sich intensiv um die Menschenrechte der Indianer, in einer sicher verdienstvollen katholischen Organisation, die aber immer noch den Titel „Indianermissionsrat“ (CIMI) hat. Denkt man in diesen katholischen Kreisen nicht mit Grauen an die Mission, die im Zusammenhang der Kolonisierung und Auslöschung so vieler Millionen „Indianer“ seit 1492 betrieben wurde? Warum noch diese Sprache? Soll die Kirche doch sagen: Wir wollen keine Mission für diese indigenen Völker. Wir wollen mit ihnen solidarisch sein und sie unterstützen in eigenen Projekten…. aber das nur am religionskritischen „Rande“…

Die Rechte der Indigenas, ihr Lebensraum, ihre Kultur, das zählt nichts für den so genannten Fortschritt, den die Regierungen als ausführende Organe der internationalen Industrien betreiben. Dieser Fortschritt vernichtet die Natur, vernichtet die Menschheit, das ist tausendfach geschrieben worden, aber von den maßgeblichen Bürokratien nicht wahrgenommen worden.. Man lese die Hinweise auf den wichtigen Film von Martin Kessler über das Staudammprojekt Belo Monte! Die Ureinwohner am Amazonas, die eigentlichen Landeigentümer seit Jahrhunderten, werden einfach so mit einem bürokratischen Akt enteignet, vertrieben, angeblich „entschädigt“. Denn sie stehen der Ausbeutung der Rohstoffvorkommen im Wege. Von dem Profit bekommen die Indigenas selbstverständlich nichts ab, denn meist überleben sie nicht den rabiaten Zugriff auf ihr Land, ihre Wälder, ihre Tiere, ihr Wasser. Das Morden geht weiter, das Morden der Weißen, das Morden der Internationalen Firmen. Diese Institutionen, und die von ihnen bestens bezahlten Manager, haben keinen Sinn für den Menschen, den anderen, den Schwachen, den Kleinen, den Fremden, den Indianer oder den Schwarzen. Der Kleine als der andere gilt ihnen nichts. Die Geschichten zur Gentrifizierung in europäischen Großstädten erzählen auch vom Umgang mit „den anderen“. Eine weltweite Geschichte…“Menschen sind wie Objekte, man kann sie vernichten“, sagt so direkt niemand von den Herrschenden. Aber viele denken so und handeln so.

Copyright: Christian Modehn

 



Olympiade in Rio: Im Land der Rechtlosigkeit. Der Film „Count-Down am XINGU“

13. Juli 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Olympiade in Rio: Im Land der Korruption und Rechtlosigkeit.

Der neue Film „Count-Down am Xingu“ von Martin Keßler.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zur aktuellen Rezeption dieses wichtigen Films finden Sie Infos am Ende dieses Beitrags. Interessant auch, dass dieser Film in Kurzfassung im Netz zu sehen ist, auch auf Portugiesisch!

Am 5. August 2016 beginnen in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele. Ihr Motto: „Lebe deine Leidenschaft“. Wer wissen will, wer in Brasilien und in der globalen Welt des internationalen Kapitalismus seine gierige Leidenschaft lebt und austobt und wer von diesen korrupten Leuten dabei an den Rand gedrängt wird, sollte den neuen Dokumentarfilm von Martin Kessler sehen und verbreiten: „Count-Down am Xingu“. Der 95 Minuten dauernde großartige Film wurde erst vor kurzem fertig gestellt. Dass dieser Film anstelle der ewigen Wiederholungen von „Tatort“ und „Wallander“ im deutschen Fernsehen im Abendprogramm gezeigt wird, ist angesichts der politischen Aussage dringend gewünscht, von der Bevölkerung, die mehr will als Unterhaltung. Denn der Film Count-Down am Xingu“ zeigt die totale Rechtlosigkeit nicht in einer der allseits bekannten „Tatort“ Versionen, sondern in der brutalen Realität der globalen Ökonomie im Land der angeblich „glorreichen Olympischen Spiele“.

„Count–Down am Xingu“ dokumentiert die Ereignisse und Konsequenzen beim Bau der des Megastaudamms „BELO MONTE“ am Fluss XINGU im weiten Umfeld der Amazonas-Region. Die zwei Stauseen haben etwa die Größe des Bodensees. Am 5. Mai 2016 wurde die erste Turbine des weltweit drittgrößten gigantischen Staudamms eröffnet. Der Staudamm wird Strom erzeugen für die rasant wachsende Wachstums-Gesellschaft, vor allem für die Montanindustrie dort, nicht für die Bewohner. Er soll die Profit-Gier etwa der multinationalen Aluminium-Konzerne befriedigen.

Der Staudamm dient also in der Propaganda der Herrschenden dem Fortschritt. Und Fortschritt, dass wissen wir allmählich, heißt oft genug Zerstörung der Natur und Degradierung der Menschenrechte, vor allem der Armen und der indigenen Völker. Denn diese stören den Fortschritt der Herrschenden, stören deren Ideologie, die da heißt: „Es gibt keine Alternative“. Also: Wir müssen die Natur zerstören und Menschen drangsalieren.

Die verheerenden Konsequenzen dieses Ultra-Mega-Projektes sind schon heute vor aller Augen, sie sind sichtbar, auch wenn sie von den Regierenden und den internationalen Konzernen, darunter auch Siemens, selbstverständlich, wie üblich, bestritten werden.

Die Liste der Verletzungen der Menschenrechte, also die Liste der Rechtsbrüche und Korruptionsskandale im Umfeld der Errichtung von „Belo Monte“, ist lang. Nur einige Beispiele, die der Film von Martin Keßler ausführlich dokumentiert:

Der Bau des Staudamms hat riesige Flächen Natur, von Wald, unwiederbringlich zerstört. Das hat Auswirkungen auf das Klima weltweit, zumal am Amazonas die Konzerne seit Jahren permanent weiter massenhaft Urwald vernichten, etwa für den Maisanbau, verwendbar für die Tiernahrung, von der wiederum nur die Reichen profitieren…

Der Bau des Staudamms erforderte die Zwangsumsiedlung von etwa 40.000 Einwohnern. Die Arbeitslosigkeit der Bewohner dieser Region hat zugenommen. Fischer ziehen nun tote Fische aus dem verseuchten Fluss. Indigene Völker verlieren ihren typischen Lebensraum. Das Bauwerk ist nur entstanden, weil ein Netzwerk von korrupten Politikern in ihrer maßlosen Gier sich auf diese Weise bereichern wollten. Das „Movimiento Xingu“, eine Bürgerinitiative, mehr noch eine entschlossene, gewaltfrei kämpfende Gemeinschaft, die für die Menschenrechte aller eintritt, sagt: “Dieses Bauwerk ist von Grund auf korrupt. Dieses Bauwerk hat die Regierungsmitglieder auch von Dilma Rousseff bereichert“. Vor allem: 36 der 38 Mitglieder, die zur Kommission der Amtsenthebung von Dilma Rousseff gehörten, sind der Korruption überführt worden. Der Film zeigt die Hintergründe des Korruptionsskandals um „Petrobras“, korrupte Konzerne die den Staudamm bauten, haben auch die Stadien in Rio für die Olympiade gebaut. Deutlich wird die Hilflosigkeit der Justiz in einem von Korruption zerfressen Land. Die Justiz ist ohnmächtig: „Die Entscheidungen unterer Instanzen gegen massive Rechtsverstöße bei Belo Monte werden immer wieder zurückgewiesen, weil ein oberster bundesrichter kann die Entscheidungen aufheben, wenn nationale Interessen in gefahr sind. Dies ist ein Verfahren aus Zeiten der Militärdiktatur“, so Martin Keßler in FREITAG, 4.8.2016, Seite 7.

Selbstverständlich kommt in dem Film der inzwischen weltbekannte katholische Bischof Erwin Kräuter, Bischof von Altamira, Xingu, zu Wort. Ohne seine, auch international bekannte, Jahre dauernde Solidarität mit den indianischen Völkern und den Armen dort, wäre vielleicht von dem Mega-Wahn des Mega Staudamms wenig bekannt geworden. Bischof Kräutler sagt wie andere kritische Beobachter: „Ohne Korruption wäre der Staudamm Belo Monte nicht gebaut worden“. Er kritisiert, dass europäische Firmen, wie Siemens, Turbinen für dieses Projekt geliefert haben, ohne dabei auf die verheerenden ökologischen Konsequenzen zu achten.

Es sollen weitere Staudämme in Brasilien gebaut werden, etwa am Fluss Tapajos, wo Menschen aus dem Volk der Munduruku leben. Der Wahn, der sich Fortschritt nennt, aber tatsächlich verbrecherische Strukturen hat, ist also überhaupt nicht beendet.  Die Entwicklung von Solar-Strom kommt offenbar in einem „Sonnenland“ wie Brasilien nicht voran. Noch viel weniger die Diskussion übeer das Ende der Wachstumsgesellschaft. Wachsen sollten nur noch die Armen, in der Bildung, der Gesundheitsfürsorge usw.,  Abspecken die Herren der internationalen Konzerne und Regierungs-Bürokratien.

Nur am Rande notiert: Man darf nicht vergessen, dass in einem anderen lateinamerikanischen Staat, in HONDURAS, der Protest gegen den Bau des Staudamms Agua Zarca bereits zum Mord an der Aktivistin Berta Cáceres geführt hat. Die empfehlenswerte Zeitschrift WELTSICHTEN, Frankfurt M. berichtet in ihrer Ausgabe Juli 2016 S. 25 ff. über die hierzulande kaum wahrgenommenen Verbrechen in HONDURAS unter dem Titel: „Die Eliten lassen töten“. In dem Beitrag heißt es: „Das kleine HONDURAS ist nicht nur das Land mit der höchsten Mordrate weltweit, hier werden auch die meisten Umweltaktivisten getötet“ (S. 26). Weiter heißt es in dem Beitrag von Kathrin Zeiske: „Siemens und Voith sind mitschuldig an Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Honduras, Brasilien, Kolumbien und China, weil sie u.a. Turbinen für Wasserkraftprojekte liefern, die mit Zwangsumsiedlungen, Gewalt und Morden durchgesetzt werden, heißt es in dee OXFAM-Veröffentlichung“ (S. 27).

Also: Die Diskussionen über die Wachstumsgesellschaft und die Solar-Energie müssen weitergehen. Der Film „Count-Down am Xingu“ bietet dafür beste Anregungen. Auch in Gesprächsrunden, in Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, selbstverständlich auch bei Siemens und dem deutschen Wirtschaftsministerium. „Zu den beteiligten europäischen Firmen gehören als Zulieferer Alstom, Andritz, Voith und Siemens. Die Münchener Rückversicherungsgesellschaft Munich Re versichert das Projekt“ (Quelle: wikipedia).

Selbstverständlich werden –so die utopische Hoffnung- Kirchengemeinden den Film in Form eines public-viewing anschauen. Zur Fußball EM hat man ja da in Kirchenkreisen und Gemeindehäusern beste Erfahrungen machen, warum nicht auch bei einem politischen Film? Die Kurzfassung von 25 Minuten ersetzt auch wunderbar eine Sonntagspredigt mitten im Gottesdienst und bringt mehr Licht in die Lebensdeutung des heutigen globalisierten Menschen als eine immer wieder alte moralische Standpauke mit frommen Sprüchen.

Es gibt inzwischen auch die 25 Minutenversion im Internet, auf Deutsch als auch in Portugiesisch. Auf Deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=Ugi0kP-Mj6o

Versão curta (25 min) em português:     https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=xHdslKr7EOA

Die Langfassung als DVD, Länge 95 Minuten, kann bestellt werden für 19,90 EURO bei bestellung@neuewut.de     Weitere Infos: www.neuewut.de

Der Religionsphilosophische Salon Berlin setzt sich nicht nur für die philosophische Idee der universalen Menschenrechte für alle ein, er verteidigt auch den politischen Einsatz für die Menschenrechte.

Von unserem religionskritischen Interesse her können wir uns eine Bemerkung nicht „verkneifen“: Der Film zeigt den großartigen Bischof Erwin Kräutler inmitten der protestierenden, empörten Armen und indianischen Völker. Und dann plötzlich muss er wohl auftreten in dem barocken Dom zu Würzburg, umgeben von prächtig gewandeten Bischöfen in einer üppigen Kirche. Und man fragt sich beim Anblick der so gut versorgten deutschen „Hirten“: Werden diese deutschen Bischöfe dem Vorbild Erwin Kräutlers folgen und etwa bei Siemens, Alstrom, Voith, der Münchner Rückversicherung nachfragen, warum sie dieses Projekt Belo Monte mit betreiben? Wir haben von entsprechenden Gesprächen deutscher Bischöfe mit den internationalen Konzernen mit Sitz in Deutschland bisher nichts gehört. Den immer selben Ritus einer Messe zu feiern ist ja auch viel einfacher und viel harmloser und unverbindlicher. Den realen, lebensgefährlichen Kampf um die Menschenrechte und die Menschenwürde überlässt man lieber unentwegten Gestalten wie Erwin Kräutler. Inzwischen wurde er aus Altersgründen pensioniert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktuelle Infos:

Kurzbericht aktueller Stand (2.8.2016) von Martin Keßler:

Die Premieren in Frankfurt (5.7.16), Berlin (12.7.16) und Stuttgart 817.7.16) sind super gelaufen – allein in Frankfurt 160 Premierengäste. Der Film ist sehr gut angekommen – auch bei der Kritik. U.a. in der „FR“, „taz“ und es gab längere Interviews in Hr2 und Radio Eins / RBB. (siehe Anhang und www.neuewut.de). Die Wochenzeitung „Freitag“ wird diese Woche noch ein langes Interview bringen, die „FR“ hat den Film als „Sommerlektüre“ empfohlen. Auch in blogs im Internet gab es mehrere Besprechungen. Nach der Sommerpause wird es weitere Vorstellungen geben, u.a. in Hamburg, Saarbrücken, der Schweiz und Österreich.

Außerdem wird der Film am 24.Sept. aus Anlass der Verleihung des Menschenrechtspreises der Stadt Memmingen an Bischof Erwin Kräutler (am 25.Sept.) von dem Kulturamt der Stadt Memmingen und dem Preiskomitee im Kino im Memmingen gezeigt.

Die portugiesische Fassung ist jetzt auch fertig und wir haben schon viele DVDs an Bischof Kräutler, Xingu vivo, die Mundurukus etc versandt, damit der Film jetzt auch in Brasilien gezeigt werden kann.

Inzwischen gibt es auch die Kurzfassung im Netz:

Kurzfassung (25 min) auf Deutsch:

https://www.youtube.com/watch?v=Ugi0kP-Mj6o

Versão curta (25 min) em português:

https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=xHdslKr7EOA

„Wir hoffen, dass zahlreiche am Thema interessierte Organisationen die Kurzfassung mit Ihren Internetseiten verlinken und helfen, den Film zu verbreiten. Das selbe gilt für die DVD mit der Lang – und Kurzfassung, Auch hier hoffen wir auf Unterstützung bei der Verbreitung / dem Verkauf der DVD und der Organisation von Veranstaltungen sowie der Nutzung des Filmes in der Bildungsarbeit. Hier besteht ein enormes Potential, das leider nur mithilfe von Partnern – auch den Organisationen / Stiftungen, die das Filmprojekt gefördert haben – genutzt werden kann. Wir sind aus personellen und finanziellen Gründen dazu alleine leider nicht in der Lage“ (Martin Kessler).

 



Brasilien-Xingú: Korruption und Verbrechen am Staudamm-Projekt

11. Juli 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist nicht nur der Idee, sondern der politischen Durchsetzung der universalen und für alle Menschen dieser Erde gültigen Menschenrechte verpflichtet.

Deswegen unser Hinweis auf einen wichtigen Film über das wahnsinnige Staudamm Projekt am Xingu in Brasilien.

Count Down am Xingu:
Über den Kampf gegen Megastaudämme und Korruption in Brasilien

Im Mai 2016 hat die brasilianische Präsidentin Dilma Roussef „Belo Monte“ offiziell eingeweiht. Den drittgrößten Staudamm der Welt am Amazonasfluss  Xingu. Dafür wurden der Urwald gerodet, Fischer und Indigene vertrieben, 40.000 Menschen zwangsumgesiedelt. Strom für multinationale Aluminiumkonzerne und das Schwellenland Brasilien. „Alles gegen das Gesetz“, so die zuständige Staatsanwältin.

Der Film erzählt die vorerst letzte Etappe beim Bau des Megastaudamms – die Flutung. Und deren Vorgeschichte und Hintergründe: den gigantischen Korruptionsskandal „Petrobras“ um die großen brasilianischen Baukonzerne. Jene Konzerne, die Belo Monte gebaut haben. Und die Stadien zur Olympiade in Rio.

„Ohne Korruption wäre Belo Monte nicht gebaut worden“, sagt der katholische Bischof Erwin Kräutler. Und kritisiert europäische Firmen wie Siemens, die die Turbinen für den „Staudammwahn“ liefern. Inzwischen ist die brasilianische Präsidentin selbst einem bizarren Machtkampf als Folge des Korruptionsskandals zum „Opfer“ gefallen. Doch der Konflikt geht weiter. Am Fluss Tapajos, wo der Stamm der Munduruku gegen weitere Großstaudämme kämpft. Und gegen ein weltweites Wirtschaftssystem, das „Mutter Erde“ immer mehr zerstört.

Weitere Informationen zum Film „Count Down am Xingu V“, sowie zu anderen Filmen aus der Reihe, Kurzversionen, Bestell- und Vorführmöglichkeiten finden Sie auf: www.neuewut.de.

Das Filmprojekt wird gefördert von: Heinrich-Böll-Stiftung (Brasilien), Business Crime Control (BCC), Diözese Würzburg der katholischen Kirche, Haleakala Stiftung in der GLS – Treuhand, POEMA e. V., Misereor e.V., Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt

Die Tournee unterstützen: ASW – Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt, Attac Frankfurt, Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK), Business Crime Control (BCC), Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL), Gegenströmung, GLS-Bank, Gesellschaft für bedrohte Völker (gfbv),  Heinrich-Böll-Stiftung, Klima-Bündnis, Leserinitiative Publik-Forum, Misereor, Otto-Brenner-Stiftung, POEMA Stuttgart.



Satt, übersättigt, hungrig. Ein Philosophischer Salon in Berlin-Neukölln.

26. Juni 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Philosophische Bücher

Satt und übersättigt und hungrig

Philosophische Hinweise. Von Christian Modehn

Anlässlich des Religionsphilosophischen Salons am 24.6. 2016 in der Weinhandlung Sinnesfreude Neukölln

Vom 24. bis 26. Juni findet wieder das allmählich schon berühmte, wichtige Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ statt. Diesmal zum Thema „Satt und Übersättigt“. Das Programm ist so umfassend, dass alle an Kunst Interessierten allein in diesem Teil des nördlichen Neukölln schnell selbst, voll der Kunst, übersättigt sein könnten.

Philosophie als lebendige Form des freien Philosophierens stellt sich schlechthin jedem Thema. Das ist unsere Überzeugung. Hinzu kommt: Es gibt inzwischen eine eigene philosophische Disziplin, die Gastro-Sophie, die vor allem und entscheidend von dem Philosophen Harald Lemke (Hamburg) entwickelt wird, in zahlreichen Publikationen und mit einer eigenen website: http://www.haraldlemke.de/ Wenn es schon eine Disziplin „Sportphilosophie“ seit Jahren gibt, dann erscheint eine Gastrosophie viel dringender, weil allgemeiner orientiert. Zum Schluss dieses Beitrags weise ich auch auf das Übersättigtsein durch die Fülle etwa christlicher Lehren und Lehrgebäude hin, sozusagen als Beitrag zu einer neuen Gastro-Theologie.

Einleitend möchte ich, von Lemkes Forschungen inspiriert, nur auf zwei philosophie-historische Aspekte hinweisen. Von Epikur, dem Meister der Diät und eben kein „Epikuräer“, soll hier nicht die Rede sein, darüber haben wir früher schon einmal in unserem Salon gesprochen und entsprechende Hinweise publiziert. Hier soll an Immanuel Kant erinnert werden, der schlank und rank geblieben war sein langes Leben lang; wahrscheinlich, weil er nur einmal am Tag, eben mittags, ein langes ausführliches gutes Mahl zu sich nahm. Früh morgens um 5 weckte ihn der Diener Lampe, brachte ihm Tee und die Tabakspfeife, das war es denn auch bis mittags.

Auch wenn Kant in seiner ästhetischen Philosophie das Essen trennt von der Erfahrung der Schönheit, weil das ästhetisch Schöne für ihn zweckfrei ist, so ist das Speisen für Kant persönlich und dann auch für eine Philosophie des Miteinanders, der Freundschaft, wichtig: Als ein gemeinschaftlicher Vollzug. Gemeinsames Essen soll eine Erfahrung von Freundschaft sein. Es geht Kant auch nicht immer um große philosophische Debatten beim Mittagessen, sondern durchaus um die Freude und Lust, dem Magen etwas Schönes anzubieten.

An den Philosophen Ludwig Feuerbachs wäre zu erinnern, den Autor des großen und immer noch wichtigen Buches „Das Wesen des Christentums“ von 1841. Allgemein bekannt ist ja das Zitat Feuerbachs: „Der Mensch ist, was er isst“. Damit will Feuerbach, kurz gefasst, sagen: Der Mensch ist nicht durch Geist zuerst bestimmt. Essen ist der fundamentale Wesenszug des Menschen. Arme sind arm und oft krank, weil sie zu wenig bzw. qualitativ zu schlecht essen. „Weil du arm bist, musst du früher sterben“: Dieser Spruch hat leider heute immer noch Gültigkeit, man denke etwa an die Lebenserwartungen der Hungernden in Niger, Tschad und anderswo… Feuerbach vertrat also eine materialistisch gefärbte Anthropologie und wurde deswegen von der Uni gefeuert, weil er meinte: Vor aller Philosophie ist der Mensch auf das Essen angewiesen, er ist ein essendes Wesen. Das heißt: Er ist angewiesen auf die äußere Natur. Der Mensch kann nicht aus sich existieren. Diese äußere Natur muss der Mensch erhalten und mit anderen teilen, wenn er denn will, dass alle Menschen eben Menschen bleiben können. Feuerbach sagt religionskritisch sehr treffend in einem materialistischen Sinne: „Heilig sei uns darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser!“

Das Sattsein und Übersättigtsein des einzelnen.

Philosophisches Nachdenken zu dem Thema, wie auch sonst, kann dabei niemals die empirische Situation und die soziale-historische Welt beiseite lassen. Wir sind hier in Deutschland fast immer alle satt und sehr viele sind sogar übersättigt oder zu übergewichtig. Aber Tatsache ist auch, dass es etwa in Berlin Kinder gibt, die ohne eine Mahlzeit in die Schule kommen. Viele tausend Menschen, Opfer der rigiden HARTZ IV Gesetze, können sich nur ernähren, weil es die berühmten TAFELN gibt. Der deutsche Staat wird seinem Anspruch, Sozialstaat zu sein, längst nicht mehr gerecht.

Auf Weltebene, nur einige Hinweise: 2,1 Milliarden Menschen auf der Welt sind zu dick: Auch in Afrika steigen die Zahlen der Adipösen rasant an, während viele Tausend gleichzeitig hungern. „Die Welt“ schreibt am 10.6.2014: 48 Prozent der Ägypterinnen sind fettleibig, 42 Prozent der Südafrikanerinnen. In Deutschland, zum Vergleich, sind es 23 Prozent, in den USA 34 Prozent der Frauen. Die Fettleibigkeit ist Resultat u.a. eines zu starken Zuckerkonsums auch in Zucker-Getränken, die von Europa aus in diesen Ländern verbreitet werden.

Gleichzeitig sind die TV Sendungen im reichen Norden, Europa und Amerika, zum Thema Kochen geradezu inflationär und die Zahl der Zeitschriften zum Essen ist nicht mehr überschaubar. Weil wir Europäer fast alle Küchen und Rezepte durchprobiert haben, macht sich jetzt die peruanische Küche in Deutschland breit. Schön für die hier lebenden peruanischen Köche. Problematisch, wenn man bedenkt, wie wenige Menschen in Peru tatsächlich diese peruanische Küche genießen können: Ein Zitat aus dem katholischen Sozialhilfswerk „fe y alegria“: „Ein Viertel der peruanischen Bevölkerung (30 Millionen) lebt in der Hauptstadt Lima. Rund 54 Prozent der Peruaner leben am Rande des Existenzminimums, nahezu 20 Prozent in absoluter Armut“. (Quelle: http://www.editionschwarze.de/Armut_und_Elend_in_Peru/armut_und_elend_in_peru.html)

Feinstes Speisen wird hierzulande als Luxus-Erfahrung eingestuft; die Kreise, die sich das leisten können, wollen ja in den Restaurants nicht etwa ihren ohnehin sehr seltenen Hunger stillen, sondern sich sehen lassen, gesehen werden und nebenbei ein Häppchen – halb – verzehren. Die Bewertung der stetig zunehmenden Zahl von Luxus-Restaurants mit Sternen ist dafür der beste Ausdruck. Der verwöhnte Gaumen braucht immer neue Reize. Dabei soll keineswegs eine moralisierende Haltung eingenommen werden; gelegentliche Freude am Luxus soll nicht verurteilt werden. Jeder, selbst der Arme, hat irgendwo seinen (kleinen) Luxus als Ausdruck von Lebensfreude. Ethisch schwierig wird es, wenn die Superreichen, sie stellen etwa 0,5 Prozent der Weltbevölkerung dar, also die Milliardäre, deren Zahl stetig steigt, absolut nur den eigenen Luxus frönen und jegliche wirksame (!) soziale Verantwortung von sich weisen. Und sich etwa gegen Form von Reichensteuer erfolgreich wehren, weil eben die Gesetz- gebenden Parlamentarier es sich mit diesen Kreisen nicht verderben wollen.

Der Philosoph Lambert Wiesing, Uni Jena, schreibt im neuen Heft „Philosophie Magazin“, Juni 2016, S. 74: Luxus ist ein Gegenstand, „der mit einem irrationalen, unvernünftigen, übertriebenen Aufwand hergestellt wurde. Notwendig und zweckmäßig ist ein Luxus niemals. Luxus ist unvernünftig und aufwendig“. Dann wird Luxus aber doch in gewisser Weise gelobt: Man entziehe sich im Luxus-Genuss dem Effizienz-Denken. Darin liege ein Trotz und ein Sichverweigern. Luxus Liebhaber also als Rebellen? Das wäre neu! Es bilde sich so ästhetische Freude, meint der Philosoph. Wie unterschiedlich diese Freude für einen Milliardär ist, der nur noch um des suchtvollen Haben-Wollens Geld und Güter anhäuft und wie anders die Freude bei einem Bettler aussieht, der sich einmal am Tag den Luxus gönnt, eine Curry-Wurst zu kaufen, sei dahin gestellt. Wir leben jedenfalls in einer Gesellschaft, die den Luxus, das Überflüssige, liebt; eben weil es zu viele Leute nicht wissen, wie sie ihr sich stetig vermehrendes Geld aus Finanzkapital Erträgen, nicht aus eigener Arbeit!, ausgeben können.

Die Industrie, die Luxusgüter, diverse „tod (!)- chice“ Accessoires oder Parfums oder edelste Cognacs herstellt, gilt als die stabilste und ertragreichste weltweit. Aber, sie beschäftigt, relativ gesehen, nur wenige Mitarbeiter. Eine Überwindung der Arbeitslosigkeit durch Zunahme der Luxus-Güter-Industrie ist also ein abwegiger Gedanke.

Der einzelne satte Mensch: Bei dem Thema wäre daran zu erinnern, dass Sattsein bedeutet, nicht zu hungern, also ein Leben führen zu können, das kein Elend kennt, das die Kräfte des Körpers erhält und so ein gemeinschaftliches Leben ermöglicht. Die Freude am Essen, die Freude am gemeinsamen Essen, ist die erste Dimension, die es zu pflegen gilt. Gleichzeitig aber ist klar, dass Essen und Sattwerden kein Endziel im Leben ist, sondern nur die Ermöglichung eines humanen, gemeinschaftlichen Lebens. Hingegen kann Hungern eine zentrale Erfahrung sein: Gemeint ist die biblische Lehre vom Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit. Die so viel Hunger und Durst ertragen um einer gerechten Weltordnung willen, die werden im Evangelium selig genannt, also als vorbildliche Menschen gepriesen. Wer hungert und dürstet heute unter nach der Gerechtigkeit auf dieser Welt und setzt diesen Hunger, diesen Durst, in politisches Handeln um? Es sind wohl Menschen wie Rupert Neudeck oder Menschen, die sich in humanen NGOS engagieren.

Vom Fasten wäre zu sprechen, der Diät, der Freude am einfachen Essen, von der philosophisch gebotenen Abwehr des fast food. Diese Abwehr bedeutet: Selbst bei einfachen Speisen, dem berühmten „Schwarzbrot der Mystiker“, gibt es genussvolles Miteinander Essen. Von der Bewegung des besseren gemeinsamen Essens, im „slow food“, wäre zu sprechen. Langsamkeit beim Essen ist sicher auch ein medizinischer und kommunikativer Gewinn. Die Frage bleibt jedoch, was genau wir denn nun slowly essen, etwa eine prachtvolle seltene Fischsorte aus dem Viktoriasee in Afrika? Können wir bei dem Gedanken an hungernde Fischer dort noch happy slowly genießen? Vielleicht sollte man endlich, dies wäre eine neue Idee, die zu besprechen wäre, den Community-Food entwickeln, etwa in neu zu gründenden Speisestuben in den Städten, wo Menschen, besonders Nachbarn aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, täglich mit einander kochen und preiswert essen. So könnte Kommunikation in der Stadt erlebt werden. Kirchengemeinden könnten ihre ins religiöse Getto abgedrängten Abendmahl – bzw. Eucharistie – Zelebration überwinden und neuen Schwung des Humanen erhalten, wenn sie ihre halbwegs erträglich -„gemütlichen“ Gemeinderäume und dort vorhandenen Küchen von allen nutzen ließen… aber das geschiehrt eben nicht, Bürokratie herrscht überall. Das ist ein anderes, ein religionskritisches Thema, das sich mit der kaum vorhandenen Bereitschaft zu grundlegendem Wandel in den Kirchen befassen müsste.

Die zentrale Frage ist: Wie kommt der einzelnen zu einer neuen Lebensform, die dem hier Beschriebenen in etwa nahe kommt? Es gibt das Plädoyer für eine Selbstbindungskultur, von ihr spricht der Philosoph Volker Heidbrink (Uni Kiel) ebenfalls im „Philosophie- Magazin“ vom Juni 2016: „Wir brauchen eine stärkere Selbstbindungskultur, eine stärkere Selbstbindungskompetenz. Menschen müssen erkennen können, wie sie sich selbst binden. Und vor allem in Situationen, in denen sie leicht schwach werden. Der Konsument zum Beispiel kauft im Supermarkt häufig die konventionellen Produkte, weil sie billiger sind. Dieser Konsument muss sich viel stärker binden. So wie Odysseus sich hat fesseln lassen, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen. Odysseus ist der Prototyp dieser intelligenten Selbstbindung. Eine solche Bindung ist im Grunde ein Hilfskonstrukt zur Unterstützung einer nicht funktionierenden Kultur der Eigenverantwortlichkeit“. Darauf antwortet der Schriftsteller Bernhard Schlink: „Das Interessante an dem Mythos ist: Odysseus kann sich nicht selbst an den Mast binden, er muss von den Gefährten an den an den Mast sich binden lassen. Er will gebunden wrden, aber er kann, was er will, nicht ohne die anderen bewerkstelligen…“

Es muss aber auch auf den entscheidenden Hintergrund für unser Sattsein in Europa und Amerika hingewiesen werden, dabei sind die Milliardäre aus dem kommunistischen China in ihrer totalen Luxus-Verschwendungssucht mitgemeint: Wir leben in einer Gesellschaft, in Staaten, die uns ständig, von den globalisierten Ökonomien angefeuert, überall einreden und propagieren: Wir müssen immer weiter wachsen. Wir müssen ständig wirtschaftlich wachsen. Stillstand oder Abnehmen seien tödlich.

Dieser Ideologie (die Philosophin Barbara Muraca spricht deswegen von Götzen, in ihrem wichtigen Buch „Gut leben“, Seite 50) kann sich kaum jemand entziehen. Dieser Götze hat ein Dogma: Es gibt zum ökonomischen Wachstum keine Alternative. TINA heißt diese Göttin: There is no alternative. So glauben die Menschen hier, man müsste ständig wachsen, weiter wachsen und größer werden. Und das kann schnell auch körperlich verstanden werden. Denn die andere Seite der Wachstumsgesellschaft ist der Konsumismus, die Idee, wir Menschen seien in erster Linie Konsumenten. Überall werden wir als Konsumenten angesprochen, zum Verzehr aufgefordert, zum Kaufen … damit die Konzerne Profit machen. Sparen lohnt nicht mehr, also konsumieren wir. Dabei werden eigentlich Menschen, die die Jugendzeit hinter sich gelassen haben, Er-Wachsene genannt. Sie haben sozusagen den Status der körperlichen Reife erreicht, den man nur noch hüten und pflegen sollte. Ohne dabei dem Wahn zu verfallen, körperlich noch mehr er-wachsen sein zu wollen, als man ohnehin ist. Wachsen ist für einen Er-wachsenen nur ein geistiges Wachsen, nur ein Reifen und Weiterreifen, im ganzen Leben. Die Idee des Wachstums hat also nur unter einer, der geistigen Perspektive, Sinn. Wachsen als ständige Erweiterung der Leibesfülle ist medizinisch Unsinn. Aber diese Erkenntnis ist schwer, weil wir nun einmal in einer absoluten Konsumgesellschaft leben. In manchen fast food Lokalen bestellen manche Over-Eater nicht einen Becher Hähnchenflügel, sondern einen ganzen großen Eimer, so wörtlich, für sich allein. Man möchte die Welt verschlingen, um aus ihr herauszutreten und fettleibig zu verschwinden…

Dabei ist klar, dass wir wenigen Reichen diese unsere gemeinsame Erde schon ausgeplündert haben. Wenn tatsächlich unseren europäischen bzw. deutschen Lebensstil und Konsumstil alle Menschen jetzt praktizieren würden, dann bräuchten wir nicht nur eine Erde, sondern gleich sechs Erden. Der Untergang könnte fast programmiert sein. So dunkel ist das Thema Sattsein und Übersättigtsein. Nur ein schlichtes Beispiel: Für ein Kilogramm Rindfleisch werden 15.000 Liter Wasser benötigt: Für einen Hamburger werden 2.400 Liter Wasser benötigt, denken wir dabei an die Wasserknappheit, die beginnt schon in Spanien, in den ausgedorrten Regionen Andalusiens, wo die Gemüse-Produktion das Wasser frisst…damit wir im Dezember frische Tomaten essen anstatt eingelegten Kohl aus hiesigen Gebieten.

Philosophisch gesehen ist dieser Vorgang sehr interessant: Wir definieren uns als Subjekte. Das sind die individuellen Herrscher, die der Welt, auch der Natur gegenüber-stehen. Und über diese Natur können wir verfügen, meinen wir, denn wir können sie uns aneignen, wir können sie wörtlich fressen. Denn diese Natur ist das andere zum Menschen, das Unterlegene, über das die Menschen herrschen können. Dabei wird nicht mehr gesehen, dass die Menschen TEIL der Natur sind. Wir gehören zur Natur, sie ist die Mutter allen Lebens. Und das muss auch spirituell neu eingeübt werden. Etwa in den Gottesdiensten: Da sollte man nicht so viel „Großer Gott wir loben dich“ singen, sondern „Du liebe Mutter Erde, wir ehren dich“. Aber so viel politische Vernunft ist den Kirchen kaum noch zuzutrauen, sie sind eben ad (in)finitum dogmatisch erstarrt.

Wenn man sich dieser hier beschriebenen Perspektive anschließt: Dann geht s nicht mehr nur um slow food als Überwindung des fast food, es kommt auf das andere Essen an und das gelingt nur, wenn sich eine Neu-Definition des Menschen als Teil der Natur durchsetzt. Wir sind nicht isolierte Subjekte, sondern immer schon mit anderen, mit Welt auch, verbunden. Dies ist der Ausgangspunkt aller Reflexion über „den“ Menschen.

Nebenbei zur Vertiefung: Bezeichnenderweise werden Praktiker wie Theoretiker, die die Verwüstungen der ökonomischen Wachstums-Ideologie kritisieren, also die Verwüstungen in Natur und Umwelt und Gesundheit, die diese Wachstums-Ideologie anrichtet, Vertreter der „Dé-croissance“ genannt. Dieses französische Wort könnte man als „Ent-Wachstum“ bezeichnen, als Zurücknahme des Wachstums. Man denke an den maßgeblichen französischen Denker wie Serge Latouche oder den deutschen Theoretiker Niko Paech. Sie gehen gegen die kollektive Vorstellung an, Wachstum sei immer und überall gut. Dass von dieser Herrschafts-Ideologie nur die 10 % der Reichen dieser Welt profitieren, die anderen aber hungern und krepieren, wird verschwiegen von den Ökonomen des Wachstums.

Ich finde es hoch interessant, dass sogar der sehr konservative Finanzminister Schäuble in einem Interview mit der ZEIT vom 9. Juni 2016 betont: „ Ich sage es meinen G7 Kollegen: Eigentlich brauchen wir doch gar nicht mehr so viel Wachstum, lasst uns doch lieber die aufstrebenden Ökonomien des Süden stärker fördern. Das wollen die G7 Kollegen allerdings nicht hören“. Wird Schäuble ähnliche vernünftige Worte noch von sich geben?

Also: Auch ökonomisch ist Ent-Wachstum angesagt, Diät sozusagen. Und diese Diät muss noch gefunden werden und besprochen werden und ausprobiert werden. Wie sieht eine Gesellschaft aus, die nicht ständig wachsen will? Dieser Gedanke ist revolutionär, er wird deswegen von den herrschen Cliquen, den Profiteuren, die nur an ihren eigenen Gewinn denken, verschmäht als Unsinn. Dabei werden die insgesamt desaströsen Konsequenzen unseres Wachstumswahns nicht gesehen….

Ein anderes Thema wäre die Reflexion zu der Aussage: „Ich habe das satt“. Ich habe meinen bisherigen Job satt, meine Partei, meine Kirche usw. Dann wird der Ausstieg vorbereitet aus einer satten Umgebung hin in eine noch ungewisse „hungernde“ Zukunft. Aber viele Menschen, die den Spruch „Ich habe das satt“ nicht länger bloß sagen wollten, sondern in den „Hunger“ gingen, sind über ihre Entscheidung doch recht froh geworden. Lieber mal hungern als vor Sattsein gelangweilt dahin dämmern.

Übersättigt im Wissen

Das Dringende gilt es zu erkennen. Aber was ist das Dringende?  Die Antwort liegt auf der Hand: Was der Menschheit zum Überleben hilft. Jetzt folgt ein besonders problematischer Teil: Wir erleben alle ein große Breite der Übersättigungen, der Überinformationen, oft mit dramatischen Ausgängen: Nur einige zufällig gewählte Beispiel: Etwa in Molenebeek und den Anschlägen in Brüssel: Da wussten die vielen getrennt arbeitenden Dienste von Polizei usw. offensichtlich viel zu viel, sie konnten das überbordende Wissen nicht koordinieren. Auch zum Mörder der Homosexuellen in Orlando, Florida. Da wusste man einiges vom Täter, beobachtete ihn aber nicht, das Wissen taugte nichts. Auf facebook werden wir mit Informationen überschüttet. Alles sind kurze Meldungen, manchmal 100 am Tag. Wir werden mit Stichworten überflutet. Selbst wer seriöse Zeitungen und Bücher liest: Wir werden dort überschüttet mit Informationen, haben zehn Minuten nach der Lektüre von Schlagzeilen schon wieder vergessen, worum es eigentlich geht. Diese Halbbildung ist inszeniert. Die reaktionäre Boulevard – Presse, Bild in Deutschland, in England Sun und Daily Mirror oder Die Krone in Österreich, wollen den halbgebildeten, vieles und letztlich dann doch nichts lesenden und nichts verstehenden Menschen. Dieser lässt sich aufhetzen, populistisch verblöden, er wählt dann FPÖ, AFD, Le Pen, PVV in Holland und stimmt für den Brexit. Dies ist eine Meinungsäußerung!

Auch seriöse Vielleser klagen über die Überfütterung, Übersättigung: Ein Zitat von Emil CIORAN im Interview mit Hans Jürgen Heinrichs, „Ich habe ungeheure viel gelesen, aber das aus Verzweiflung nur, um nicht zu denken. Ich habe Philosophie studiert, aber ich vermied das Philosophieren, ich wollte nur anhäufen, Bekenntnisse und Bücher, eine Furcht vor dem Leben. Ich habe dann aber bemerkt, dass die Wahrheit nicht in den Büchern ist, sie ist in den Empfindungen, nicht in den Büchern, nicht in den Ideen…“

In seinem neuesten Buch mit dem Titel „Überlebenswichtig. Warum wir einen Kurswechsel zu echter Nachhaltigkeit brauchen“ sagt der brasilianische Religionswissenschaftler Leonardo Boff: „Wir sind in der größten Krise der Menschheit, was die Gerechtigkeit angeht, die Pflege der Natur, das Überleben der Erde. Diese globale Krise ist eine Krise auf Leben und Tod. Angesichts dieser Krise hilft nur die Einführung neuer Parameter, neuer Werte“.

Es gilt also, angesichts dieser tödlichen Krise der Menschheit vor allem das Wichtige zu lesen, den Quatsch der Kleinigkeiten beiseite zu lassen. Boff zitiert das berühmte Dokument „ERD Charta“, darin heißt es: „Wir haben die Wahl, entweder bilden wir eine globale Partnerschaft, um für die Erde und für einander zu sorgen. Oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt des Lebens zugrunde zu richten“ (S. 11). Unsere Erkenntnis, unser Studium, unsere geistige Energie sollte auf diese Priorität gerichtet sein. Damit wird überhaupt nicht gegen das Wissen und Wissenwollen und die allseits hoffentlich blühende Wissenschaft gesprochen. In der von Boff zitierten und gelobten „ERD Charta“ heißt es: „In die formale Bildung in das lebenslange Lernen muss das Wissen, müssen die Werte und Fähigkeiten integriert werden, die für eine nachhaltige Lebensweise nötig sind“.

Es wird auch von mir nur verlangt, dass jenes Wissen vertieft und verbreitet wird, dass der Menschheit eine allseits humane Zukunft bringt. Der große Philosoph Ivan Illich (Cuernava, Mexiko) sprach von „Lebensdienlichkeit der Forschung“. Das bedeutet auch, dass viel mehr in dieser Hinsicht relevante Themen geforscht und verbreitet werden. Dass etwa die Pharmaforschung auch die Krankheiten der Menschen in Afrika in den Blick nimmt und preiswerte Medikamente zur Verfügung stellt. Das bedeutet, dass etwa Theologen nicht zum 1000. Mal  die Tugendlehre des Thomas von Aquin erforschen. Sondern sich etwa fragen, wie können Menschen in einer multireligiösen Welt  zu einander finden … und dafür praktische Beispiele erkunden.

Oder in der Philosophie: Nicht zum 1000. mal über Descartes schreiben, sondern den Menschen das Philosophieren und Fragen und Zweifeln beibringen in neuen philosophischen Akademien.

Das heißt: Wir müssen aus dem üblichen Überfressensein durch übliche Anhäufung selbst abwegiger wissenschaftlicher, aber bloß noch marginal relevanter Erkenntnisse herausfinden zu Wissenschaften, die dem Überleben der Menschheit und den Menschenrechten dienen. Das klingt jetzt alles sehr funktional, erinnert vielleicht an staatliche Eingriffe in die Forschung: Aber das ist überhaupt nicht gemeint. Natürlich sollen sich etwa Historiker mit der ganzen Breite der Geschichte befassen. Aber Konzentration auf das Wesentliche im Sinne der „Rettung der Menschheit“ wäre doch ein hübsches Diskussionsthema.

Hier wird also ein Filter empfohlen, um der Überfressenheit der Wissenschaften und Philosophien etwas Einhalt zu gebieten. Dieser Filter, dieses Sieb, dieses Kriterium, ist die Frage: Welchen Beitrag leistet mein angehäuftes Wissen, das ich in mich hineinfresse, für die Menschheit? Für die Gerechtigkeit, für das Überleben der Mutter Erde, für den Frieden, die Fragen nach der Gerechtigkeit, der bedrohten Demokratie, der Sorge um die Mitmenschen.

Zur Gastro-Theologie:

In der alten Welt der umfassenden christlichen Belehrung, und die dauerte in Europa bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, war ein guter Christ ein solcher, der umfassend viel vom Glauben wusste. Glaubenswissen wurde von der Hierarchie und deren Mitarbeitern förmlich eingehämmert. Der offizielle Katechismus der katholischen Kirche, erschienen 1993, verfasst unter Leitung von Kardinal Ratzinger und Kardinal Schönborn, Wien, umfasst mehr als 800 eng bedruckte Seiten. Das alles sollte ein Katholik eigentlich wissen. Glaube wurde so noch einmal als Annahme einer äußeren Lehre, von außen, von den Autoritäten vorgegeben, verstanden. Welche religiösen Erfahrungen sich im einzelnen zeigten, was er/sie wirklich innerlich glaubte, woran das Herz wirklich innerlich glaubte, das galt als zweitrangig, interessierte offiziell nicht, höchstens als Wiedergabe des eingepaukten Wissens. Glaube wurde also vor allem im katholischen Raum als Übernahme eines Herrschaftswissens verstanden: Der Papst weiß, was Glauben heißt, nur er und seine alles prüfenden und beurteilenden bischöflichen Untergebenen. Sie stellen dann auch die Ketzer fest, die zu viel Eigensinn haben in der Zusammenstellung des je eigenen religiösen „Menus“. Dieses Menu hat sich das „fromme Volk“ ohnehin doch selbst zusammengestellt, und eben Maria mehr verehrt als die Trinität. Die Zeugnisse der barocken Kunst in den Kirchengebäuden geben davon ein Zeugnis, dass de facto jeder sich seinen eigenen Glauben zusammenstellte. Er durfte es nur den Autoritäten gegenüber nicht sagen. Es gab also immer individuelle Auswege aus der dogmatischen/moralischen Übersättigung.

Wer aber, etwa als Theologe, diese offiziellen Lehren tatsächlich übernahm, in seinen Kopf stopfte, fühlte sich schnell sehr satt, wenn nicht übersättigt. Manche hatten es dann mit diesem Glauben satt, der ja immer auch als ausgetüftelte, angeblich  „ewige“ Moral „des“ Menschen daher kam. Und sie suchen sich einen einfachen Glauben, liebten etwa die Bergpredigt, die Gleichnisse Jesu, einige Psalmen usw. Die Mystik und die Mystiker wurde für viele ein Ausweg angesichts des Übersättigtseins durch die Dogmen und die Moralvorschriften.

Glauben ist einfach, dafür haben wir im Religionsphilosophischen Salon schon oft deutlich plädiert und entsprechend publiziert.

Auch das neueste Interview mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb, Humboldt Uni, geht in diese Richtung. Ich empfehle dringend die Lektüre dieses Interviews vom Juni 2016, klicken Sie hier.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

 

 

 

 

 

 

 



Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal. Zum 21. Juni.

15. Juni 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Denkbar, Termine

Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal

Ein Hinweis von Christian Modehn zum Welt-Humanisten-Tag am 21. JUNI

Verschiedene humanistische Verbände und Vereinigungen haben den Begriff „Humanismus“ für die Öffentlichkeit, auch als politisches Stichwort, sozusagen gerettet. Es sind Gruppen, die von einem explizit säkularen (atheistischen) Konzept des Menschen und der Welt ausgehen. Wer würde bezweifeln, dass solch eine Glaubenshaltung ein gutes Recht hat? Humanismus ist ja niemals (Natur)-Wissenschaft, sondern Glaubens-Überzeugung.

Dennoch ist es bei allem Respekt vor dem humanistischen, auch praktischen, man möchte sagen „diakonischen Engagement“ (in Kindergärten, Hospizen etc), etwa des HVD, doch die Frage:
Sind diese säkularen, also agnostisch-atheistischen Verbände nicht deswegen auf den Titel Humanismus gekommen, weil er zwischendurch verloren ging, seit der Renaissance spätestens, weil die Christen diesen Titel nicht wollten, sondern sich in ihre Sonderwelt /“nur religiös“/ einschlossen? Aber: Wer denkt noch in humanistischen Kreisen an ERASMUS von Rotterdam, wer an Pico de la Mirandola, wer an Kant, einen Humanisten avant (ou après) la lettre?

Es ist jetzt an der Zeit, den Humanismus Begriff wieder in die tatsächliche Weite zu führen.

Warum sollten sich religiöse Menschen nicht zuerst wie alle anderen Menschen eben als Humanisten verstehen? Religiöse Bekenntnisse wären dann das zweite, sozusagen Ergänzende. Denn Religion kann und darf niemals oberste Priorität im Bewusstsein eines Menschen (!) sein, immer ist Religion die speziellere Auslegung des Menschseins. Das gilt für religiöse wie für nicht-religiöse Auslegungen, die beide auf einer Stufe der Sinndeutung stehen und eben beide keine Wissenschaften sind. Humanismus wäre dann die Basis, verstanden als explizite Lebensform im Geist der Menschenrechte.

Brauchen wir in dieser verrückten Welt nicht zuerst Humanisten überall? Sind nicht auch so viele NGOs Humanisten, Amnesty international Ärzte ohne Grenzen und viele viele andere, etwa: die jetzt im Mittelmeer Flüchtlinge retten oder dort aufgrund antihumanistischer Politik Leichen bergen. Sind sie eben doch zu allererst Humanisten, auch wenn sie sich so nicht nennen. Wie klein erscheinen demgegenüber humanistische Organisationen, wurde ich kürzlich gefragt…

Kurz und gut: Ich plädiere dringend für eine Weitung des Humanismus-Begriffes über die (kleinen) humanistischen Verbände hinaus. Die verlieren ja nichts, wenn nicht nur sie sich humanistisch nennen. Humanismus wäre in unterschiedlicher Auslegung, aber immer verpflichtet dem Respekt für die Menschenrechte, sozusagen die allgemeine, menschliche Haltung. So wie die sich christlich nennenden Kirchen nichts verlieren, wenn es überall Menschen gibt, die im Geist dieses Jesus von Nazareth, eben jesuanisch, wie man theologisch treffend sagt, leben und handeln, natürlich auch außerhalb der Kirchen.

Copyright: Christian Modehn



Rupert Neudeck und Albert Camus.

1. Juni 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Philosophische Bücher

Rupert Neudeck: Von Albert Camus inspiriert

Ein Hinweis von Christian Modehn

In den zahllosen wichtigen Erinnerungen an den großen Humanisten Rupert Neudeck wird meines Erachtens oft vergessen: Rupert Neudeck wollte nicht nur in der Tat den radikalen ethischen Forderungen des Jesus von Nazareth entsprechen, den ursprünglichen, noch kirchlich nicht verfälschten Lebensweisheiten Jesu, wie sie im Neuen Testament, etwa in der Bergpredigt oder den „Endzeitreden Jesu“, deutlich werden. Wichtig ist: Rupert Neudeck lebte auch aus dem Geist des humanistischen Philosophen Albert Camus. Das Denken Albert Camus war ihm, darf ich sagen, genauso wichtig wie die Bibel. Humanismus ist eben niemals nur „atheistischer Humanismus“. Humanismus ist in der weitenTradition vielmehr immer auch eine Verbindung von religiösem-etwa auch christlichem- und philosophischem Denken. Das hat Rupert Neudeck als Einheit gelebt. Dafür sind ihm so viele so dankbar. Er ist ein Lebens-Retter.  Insofern ist Rupert Neudeck auch ein Mensch, der zeigt: Auch philosophische Vorschläge und philosophische Erkenntnisse können ein Leben gestalten. Philosophieren hat mit dem Leben zu tun. Sie ist keine graue Theorie…

Über „Die politische Ethik bei Jean Paul Sartre und Albert Camus“ wurde Rupert Neudeck 1972 in Münster zum Doktor der Philosophie promoviert.

Im Jahr 2013 hatte ich erneut Gelegenheit, Rupert Neudeck in Berlin (anläßlich einer Konferenz über das „ROTE KREUZ“) zu sprechen und für die ARD Sender zu interviewen. 2013 war das Jahr der Erinnerung an Albert Camus (geboren 1913).

Nur drei zentrale Zitate Rupert Neudeckes zu Albert Camus:

1. „Ich erzähle immer die Geschichte, dass wir unseren Mitarbeitern bei Cap Anamur, wenn sie rausgegangen sind nach Kambodscha, Somalia, Uganda, immer ein Buch mitgegeben haben, und das geradezu das Vademecum der humanitären Arbeit ist, nämlich die „Die Pest“ von Camus, von Albert Camus“.

….. Der Roman „Die Pest“ handelt von menschlicher Solidarität in verzweifelter Lage: Rupert Neudeck:

2. „Wenn man diese Parabel gelesen hat, verstanden hat, dann weiß man die Richtung, in die man gehen muss. Und die Richtung ist nicht, dass man auf etwas verzichten muss, sondern das einzige, wozu wir in der Lage sein müssen, ist, dass wir uns schämen müssen, allein glücklich zu sein.“

Aus den Vorschlägen Albert Camus` zieht Rupert Neudeck diese Konsequenzen:

3. „Wenn wir uns ehrlich vor Augen was wir sind, was für Waschlappen wir sind, dann ist es schon etwas ganz Erfreuliches, wenn man nicht aufgibt. Wenn man nicht sagt: Macht alles keinen Sinn. Ich denke, dass es nicht stimmt, dass alles auf der Welt zum heulen ist und kaputt geht. Das ist nur eine Hälfte der Realität, es gibt eine andere, in der uns was gelingt, in der Solidarität gelingt, in kleinen Einheiten, in Kommunen, Gemeinden Dinge passieren, die großartig sind. Diese Geschichten vom Gelingen, die brauchen wir, um uns nicht immer wieder zu verzehren im Wortsinn“.

Zwei kurze, zentrale Zitate von Albert Camus, die Rupert Neudeck genau gesprochen hätte:

– „Schöpferisch sein, bedeutet zweimal zu leben“.

– „Ich empöre mich. Also sind wir!“

Zur Vertiefung in die Spiritualität von Albert Camus finden Sie u.a. in einem Beitrag des NDR, klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Katholikentag in Leipzig: „Ich bin normal“. Es gibt (fast) keine „Atheisten“ in den „neuen Bundesländern“.

29. Mai 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Von Christian Modehn, zum ersten Mal veröffentlicht am 24. 5. 2016. Auf das Buch „Forcierte Säkularität“ wird am Ende des Beitrags hingewiesen (2.6.2016)

Etliche LeserInnen haben gefragt, ob man diesen Beitrag in drei Thesen zusammenfassen kann:

1.“Angesichts der religiösen Gleichgültigkeit derer, die sich (im Osten wie im Westen) in ihrer Lebensphilosophie als `normal` definieren und angesichts der Unkenntnis in Fragen des Christlichen bei den normalen Christen, ist weiterführend: Sich miteinander über die vielfältigen Dimensionen des „normalen Lebens“ austauschen und selbstkritische Fragen stellen. Wie man hört, ist es auch auf dem 100. Katholikentag in Leipzig nicht gelungen, Nähe, Freundschaft, Dialog mit den so genannten Nicht-Religiösen zu bewirken. Die Gründe dafür finden Sie weiter unten in dem Beitrag“.

2. „Und im Blick auf die katholische Hierarchie, die sich selbstherrlich immer noch als Meisterin „der“ Lehre betrachtet: Sie soll nur dazu ermuntern, dass jeder selbst die Anwesenheit des Göttlichen, des persönlich „absolut Wichtigen“ usw. in sich selbst entdeckt und Kirche als Ort des Austauschs darüber erlebt. Die dicken und angestaubten Handbücher der Dogmatik und Moral sollten beiseite gelegt werden. Denn „Glauben ist einfach“ mit einem einfachen, für alle nachvollziehbaren Inhalt. Siehe etwa die Gleichnisreden Jesu“.

3. Wenn die Kirchenführer und die mit ihnen verbundenen, also gehorsamen Laien den Dialog mit Nichtglaubenden, Atheisten, „Normalen“ wirklich und im Ernst, und nicht als Spiel bzw. Propaganda, wollen: Dann muss das ein Dialog auf Augenhöhe sein, bei dem alle, selbstverständlich auch die Bischöfe und die Laienfunktionäre, etwas lernen von den Gesprächspartnern. Wie diese von den Theologen natürlich auch. Dialog heißt von einander lernen. Wer das nicht will, sollte sich in seiner Gruppe (Sekte?) einschließen und viel Geld sparen und dies den Armen in Afrika geben …und seinem eigenen, geistigen Ende entgegensehen. Leben ist voneinander Lernen…   CM.

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Wer in diesen Tagen spontan unterschiedliche Menschen unterschiedlichen Alters anspricht, etwa in Leipzig oder in den östlich gelegenen Stadtbezirken Berlins, und sie nach ihrer weltanschaulichen oder religiösen Bindung/Orientierung befragt, erhält oft das stillschweigende und manchmal peinliche „Schulterzucken“ als körperlichen Ausdruck für das „Ich weiß es (selbst) nicht“. Oder er/sie hört die knappe Antwort: „Ich bin normal“. Dieses „Ich bin normal“ als Antwort auf die Frage nach der persönlichen Religion habe ich schon vor 15 Jahren oft gehört, als ich für die ARD Filmaufnahmen zum Thema „Glauben in der EX-DDR“ machte, etwa in Berlin-Lichtenberg, Treptow, Pankow oder Rostock, Leipzig, Dresden…

Ich finde das Bekenntnis „Ich bin normal“ hoch interessant und bedenkenswert. Es ist das Bekenntnis zur bislang wenig erforschten „Religion der Normalen“. Und dies sind natürlich nicht die Christen, nicht die Juden, nicht die Muslime, nicht die Buddhisten: Denn diese Religionen sind kleine Minderheiten in den neuen Bundesländern. Können denn Minderheiten „normal“, also auch „üblich“, gar gewöhnlich sein? Wer dort sagt, „ich bin normal“, fühlt sich ganz selbstverständlich als Mehrheit der angeblich an keine Ideologie Gebundenen. Er schließt also auch die aktive Mitgliedschaft in humanistischen oder freidenkerischen oder atheistischen Gruppen und Verbänden aus. Man will sich also nicht festlegen, weder für Gott noch gegen Gott. Man lebt sein Leben offenbar einfach so dahin, „ganz üblich“, ganz normal, meint man, mit allem Kummer, allem Alltag, allen kleinen und großen Freuden. Es ist deswegen meines Erachtens Unsinn, „die“ Menschen in der ehemaligen DDR pauschal „Atheisten“ zu nennen. Atheisten sind Menschen, die sich mit der Frage nach einem letzten, tragenden Lebenssinn auseinandergesetzt haben, die gefragt haben, die gezweifelt haben. Und dann eben Nein sagen, Nein sagen zu einer göttlichen Wirklichkeit. Die „Normalen“ tun das überhaupt nicht. Sie leben in der als Frage gar nicht auftauchenden Überzeugung: Es lohnt sich nicht, tiefer auf das eigene Leben zu schauen, es lohnt sich nicht grundsätzlicher, vielleicht sogar philosophisch, weiter zu fragen. Auf diese Fragen wird meines Erachtens auch gar nicht ausdrücklich verzichtet, man lehnt diese Fragen ja gar nicht explizit ab: Sie kommen im Alltag einfach nicht vor. Das eben ist normal. Es ist letztlich eine Welt ohne Transzendenz. Es ist ein Leben, das einfach von tiefer Müdigkeit geprägt ist, von einer Abweisung tieferer Neugier. Man ist offenbar satt und zufrieden, obwohl sozial eher auf der unteren Stufe steht oder sich dort fühlt. Darum sagt man sich: Sollen doch die verrückten Minderheiten tiefer fragen, die Gothics oder die Astrologen, die Zeugen Jehovas oder die Christen. Die Mehrheit der Normalen schließt sich in sich selbst ein.

Also heißt das Motto: „Bleiben wir in der Welt“. Das Wort Immanenz (anstelle von „Welt“) wird vermieden. Denn es ist nur in dialektischer Abhängigkeit von Transzendenz sinnvoll zu verwenden. Man bleibt als Normaler sozusagen in der flachen Ebene des Vertrauten und Gewöhnlichen. Bloß nichts Spinöses, bloß nichts Religiöses, das reimt sich. Man interessiert sich dafür nicht, aus purer gepflegter Unkenntnis, aus Müdigkeit: „Der Alltag ist schwierig genug“. Der Himmel ist darum auch kein tiefgründiges Symbol, sondern eben nur die riesige, oft blau erscheinende Wölbung über uns, wo die Wolken so hübsch dahin ziehen usw. Und wenn Tote zu beklagen sind, tröstet man sich mit der umgebenden Pflanzenwelt, der Natur, die blüht, verwelkt und eben auch vergeht: „So geht es uns eben auch. Basta“. Gott sei Dank, möchte man sagen, wird das eigene Menschenleben nicht am Beispiel der anderen Natur, also der Tierwelt, durchbuchstabiert, da geht es ja bekanntlich, in der Wildnis, fast nur ums Fressen und Gefressenwerden.

Diese knappen Interpretationen des „Ich bin normal“ sind keineswegs zynisch gemeint. Es sind Hinweise auf einen überwältigend mehrheitlichen Lebensstil, der sozusagen in der Welt aufgeht. Und der auch das vitale Interesse hat, möglichst viel von dieser Welt zu Lebzeiten noch („wann denn sonst?“) „mitzubekommen“.

Diese Haltung (sich mit der Welt zu begnügen) ist ja auch in der tatsächlichen Lebenspraxis normal für sehr viele, die auch Mitglieder der Kirchen sind und sich gläubig oder eben humanistisch/atheistisch nennen. Insofern ist der Wunsch nach einem gewissen Welt-Genuss für alle oder die meisten eben „normal“. Für die oben genannten „Normalen“ ist nur die überirdische, religiöse oder atheistische Lehre nicht normal.

Warum aber lehnen diese mehrheitlich Normalen dann aus Unkenntnis die Religionen, Philosophien, Atheismen ab? Wenn sie diese religiöse Welt einmal von außen betrachten, was ja manchmal vorkommt, erscheint sie den Normalen als aufgesetzt, befremdlich, „gewollt“. Das heißt ja nicht, dass diese Normalen nicht auch gern allerhand Mysteriöses mögen, etwa Science-Fiction oder ähnliche Verzauberungen im Fernsehen und im Computer-Spiel. Und man liebt die Musik, nicht unbedingt die h-moll-Messe, sondern eher die Songs und Lieder, ja auch dies: die deutschen Schlager. Aber das ist nun einmal das entspannende Tralala am Abend beim Glas Bier. Das ist die schlichte, die normale Lebenswelt. „Ich bin normal“ – diesem Bekenntnis ist – nun doch bewertend – eine gewisse Biederkeit, „Kleinbürgerlichkeit“ nicht abzusprechen. Zu dieser Mehrheit der Menschen gehören in den neuen Bundesländern etwa um die 75 Prozent (15 Prozent der Menschen dort sollen evangelisch sein, 5 Prozent katholisch). Damit ist nicht gesagt, dass es viele Nicht-Religiöse gibt, die durchaus Interesse an Formen der etablierter erscheinenden „Hoch-Kultur“ haben, also Oper, Konzert, Theater usw. Aber der „Osten“ Deutschlands, sicher auch bald der „Westen“  ist religiös äußerst verstummt, verschwiegen, nicht anspruchsvoll, nicht metaphysisch interessiert. Nur eben politisch oft ausrastend, weil man die Selbst-Reflexion, die Selbstkritik ja nicht so mag. Als Normaler hat man das ja auch nicht nötig, glaubt man. Gefährlich werden etliche „Normale“ im Hass gegen jene, die nicht so sind, wie man selber ist, also die Fremden, die Flüchtlinge. Darin zeigt sich die Begrenztheit des Normalen als eine schandhafte Borniertheit. Die Normalen sind also nicht so normal, wenn denn zum Menschsein immer (!) elementar Respekt, Nicht-Totschlagen, Nicht die Häuser der Armen/Flüchtlinge anzünden, Nicht-Pöbeln und Diffamieren usw. usw. gehört. Die guten Normalen (die all das nicht tun in ihrem biederen Alltag) befinden sich also auch in schlechter Gesellschaft der gewalttätigen Leute, die sich normal („Deutsch“, „Nationalist“) verstehen.

Aber täuschen wir uns nicht: Hinsichtlich der möglichst genießenden, möglichst immer lustvollen Lebensgestaltung, sind sich „Normale“ wie auch kirchliche Gebundene Menschen sicher einig, und dies gilt auch für etliche Christen in „Westdeutschland“. Es gibt also doch eine gemeinsame Basis sehr vieler, die hier in Deutschland leben, egal ob im Osten oder im Westen, egal ob sie eine Transzendenz, einen Gott, für wichtig halten oder nicht. Es ist dann doch das allgemeine Aufgehen im Alltag, mit gelegentlichen Unterbrechungen, die man Event, Fest usw. nennt, also Urlaub, Wochenende, Sport,  Schlagerfestival. Und vor allem Fußball, dies ist der absolute Gott, dem man alles opfert: Zeit, Geld, intellektuelle (Gedächtnis) Anstrengung („wer hat von Bayern München im Jahr 2012 Tore geschossen?“) usw. Mögen die obersten Fußball Manager noch so korrupt sein, am Gott Fußball wird festgehalten. Wenn in den Kirchen Korruption frei gelegt wird, bekommen diese normalen Herrschaften -zurecht- Tobsuchtsanfälle. Bei korrupten Fußball-Millionäre (Managern) nicht so sehr; dem Fußball bleibt man treu. Sonst hat man ja nichts. Fußball bietet offenbar mehr als der religiöse Gott. Meint man. Das Fernsehen (auch ARD und ZDF) fördert heute diesen Fußball-Gott maßlos, zum Schaden des öffentlichen Bildungsauftrags der beiden Sender, aber das nur nebenbei.

Sind eigentlich also die meisten Menschen „normal“ im beschriebenen Profil? Das scheint mir so zu sein. Denn die metaphysischen Aufschwünge, die glühenden Glaubensgespräche, sind auch unter Christen eher selten. Man geht vielleicht noch zur Messe, hört etwas vom armen Jesus von Nazareth, „all das war ja früher so“ und ist danach wieder „normal“. Wie sollte man auch die Bergpredigt heute leben können, leben wollen? Selbst diese Frage wird kaum gestellt. Selbstverständlich gibt es viele solidarische Christen, solidarisch mit Armen, Flüchtlingen, aber es ist die Minderheit.

Der Unterschied ist: Viele westliche christliche Normale (oder eben die wenigen Christen im Osten) sind zwar auch die das Leben-normal-Genießenden;  aber sie haben oft noch einen spirituellen (man könnte auch sagen ideologischen) Überbau, den sie noch etwas fragmentarisch kennen: Etwa die Grundlehren des Christentums, das Vater Unser, das klassische Glaubensbekenntnis. Aber selbst dieses ganz elementare ideologische Gerüst der Christlich-Normalen gerät bekanntermaßen immer mehr ins Wanken. Fragen Sie mal einen katholischen Rheinländer, was Fronleichnam bedeutet. Oder einen Protestanten in Hamburg, „wer“ denn zur Trinität gehört. Sonst eigentlich gebildete Menschen meinen im Ernst, mit ihrem Wissen in religiösen und theologischen Fragen auf infantilem Kinderniveau bleiben zu dürfen. Und sie schämen sich dafür nicht einmal. Und verbreiten ihre Weisheiten leidenschaftlich -dumm in Diskussionen: „Gott ist doch bärtig“…

Damit will ich sagen: Diese religiösen Lehren, die noch bei den „christlich Normalen“ vorhanden sind, haben tatsächlich schon etwas Künstliches. Denn diese Lehren sind aufgesetzt und angelernt und deswegen eben schnell wieder vergessen. Sie haben die Seele und den Geist nicht in Bewegung gebracht. Im Blick auf den Tod sagen viele christliche Normale oft dieselben Sprüche wie die weltlich Normalen: „So geht es halt in der Natur“. Von der Freude, gemäß der einst gelernten Auferstehungs-Lehre, dann bei Gott zu sein, habe ich in letzter Zeit wenig gehört.

Der einzige Unterschied noch zwischen christlichen Normalen und weltlichen Normalen ist: Die christlichen Normalen haben oft noch einen Bezug zu einer größeren und großen Gruppe, Gemeinde genannt. Das ist von größter Bedeutung für die Kommunikation gerade in der Anonymität der Städte. Aber die katholische Kirche in Deutschland (und ganz Europa) unternimmt alles, diese Kommunikation in einer wunderbar bunt zusammengewürfelten Gemeinde stark einzuschränken, indem die Gemeinden zu administrativen Großräumen „zusammengelegt“ werden. Denn die Priester (die wenigen, die bald kaum noch vorhanden sind, also de facto „aussterben“, das sagen Religionssoziologen) sind für die Hierarchie wichtiger, als die Orte der Kommunikation zu pflegen: Nur ein Priester darf Gemeinden leiten, und seien es 10 Gemeinden gleichzeitig. Ein Skandal ist diese „Herrschafts-Theologie“ auch für alle, die an sozialer Kommunikation interessiert sind.

So wird also, soziologisch betrachtet, ganz Deutschland allmählich „normal“, sehr weltlich, sehr „flach“, nicht „metaphysisch“. Und das heißt: Die Traditionen der überlieferten Transzendenz von einst verschwinden. Und sie sind oft schon verschwunden. Und darin sind die Kirchen selbst schuld: Sie halten in blinder Sturheit an den Jahrhunderte alten Formeln und Floskeln der alten Transzendenz-Deutung in Gebet, Theologie und Gottesdienst auch heute fest. Man stelle sich vor: Die Sprache der römischen Messe, bis heute weltweit zwanghaft von Rom vorgeschrieben, stammt aus dem 11. Jahrhundert in Rom: Das offizielle Glaubensbekenntnis kommt aus dem 4. Jahrhundert und wird immer noch so gesprochen wie zu Zeiten des heiligen Augustinus. Einige Prälaten sind sogar noch stolz darauf auf diese musealen Begriffe. Man muss schon Neoplatoniker werden, um diese mysteriösen Worte ohne lange Bedenkzeit zu verstehen, etwa: „Gezeugt, nicht geschaffen“ sei der Logos…Die übliche religiöse Lehre ist keine Auslegung unseres Lebens mehr. Deswegen ist sie so langweilig, so irrelevant.

Hinzu kommt bei den nicht religiösen wie christlichen Normalen eben auch die Abwehr der Institution Kirche, darüber sind tausendfach kluge Bücher geschrieben, Reformvorschläge unterbreitet worden: Nichts hat sich geändert.

Nicht nur eine neue Sprache ist wichtig, sondern vor allem eine neue,  inhaltlich neue Theologie! Das heißt: Die Kirchen sollten endlich vieles beiseitelassen. Sollten sich endlich von unverständlichen Traditionen befreien. Und der Mut ist wichtig, der Mut zum experimentellen, neuen poetischen Sprechen in der Gottesrede. Die katholischen Theologieprofessoren, bestens bezahlt als Beamte, erstarren heute vor Angst, die Inhalte des Christlichen neu und sebstverständlich auch anders zu sagen. Aber sie haben Angst vor der Hierarchie. Sie repetieren und paraphrasieren weitgehend den alten Formelkram und betreiben kaum interdiszipliär Theologie als immer neue Rede von Gott. Und das erzeugt dann eben die desinteressierte Normalität derer, die von Transzendenz nichts mehr wissen wollen.

Die beiden großen Kirchen, Protestanten und Katholiken, haben sich noch nicht versöhnt und als gleichberechtigt anerkannt. Sonst würde man ja etwa beim Katholikentag in Leipzig (4 Prozent Katholiken dort, also 26.000 Katholiken, oft aus dem Westen zugezogen) den vernünftigen Vorschlag einer neuen Ökumene hören: Lasst uns, Protestanten und Katholiken, von nun an und ab sofort (worauf warten wir eigentlich?) möglichst alles gemeinsam machen. Also: Besuchen wir sonntags wechselseitig unsere Gottesdienste, pflegen wir den Kanzeltausch, laden wir einander ständig zum gemeinsamen Abendmahl, der Kommunion, ein. Lassen wir den Schrott (das sind bekanntlich unbrauchbar gewordene, verfallene Gegenstände) der Traditionen beiseite.

Es könnte sein, dass sich dann die nichtreligiösen Normalen (in Leipzig z.B. fast alle, nämlich 480.000 der Einwohner) wundern und staunen, dass dieser alte Kirchenclub doch noch etwas Vitalität und Mut hat. Gerade im (bevorstehenden) Reformationsgedenken. Vielleicht würden diese „normalen“ Kreise ihre von Fragen befreite Müdigkeit überwinden.

Und alle Normalen, ob religiös oder nicht, könnten sich sagen: Wenn wir schon diesen Titel „normal“ gemeinsam als Basis der Menschen beanspruchen, dann wollen wir uns eben, normalerweise, gemeinsam für die Menschenrechte einsetzen, für die Flüchtlinge, die Fremden, die Armen und gegen die dummen Sprüche der so harmlos genannten Populisten und ihrer Parteien argumentieren und kämpfen. Lasst uns also gemeinsam Menschen werden. Eben endlich wahrhaft Normale, könnte man ja sagen.

Monika Wohlrab-Sahr, Prof. für Soziologie an der Universität Leipzig, hat mit anderen Soziologen 2009 das hoch interessante, leider kaum beachtete Buch „Forcierte Säkularität“ veröffentlicht (Campus Verlag). Darin werden ausführliche Interviews mit Menschen in den neuen Bundesländern dokumentiert und auch bewertet. Interessant ist, dass zum Schluß des Buches von „eigenen Transzendenzen“ der Menschen in dem Gebiet der ehemaligen DDR gesprochen wird. Die Säkularität ist also soziologisch gesehen nicht als total zu bewerten, geht ja auch nicht, philosophisch gesehen. In dem Buch werden explizit „mittlere Transzendenzen“, also  „Gemeinschaft und Ehrlichkeit, aber auch „Arbeit als idealisierter Bezug“ (S. 351) genannt. Ausdrücklich wird von Bezogenheit auf Werte gesprochen, aber auch von der Schwierigkeit, emotional und intellektuell die seit 1989 neue ökonomische (!) und politische Situation zu verarbeiten. Warum haben die Kirchen im Osten Deutschlands also so wenig Anklang gefunden, trotz der demokratischen Leistungen in der Wendezeit? „Die Kirchen des Ostens leiden unseres Erachtens an dem Gestaltwandel, den sie im Zuge der Einbindung in die kirchlichen Strukturen der Bundesrepublik Deutschland mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durchgemacht haben. Die Kirchen im Osten bekommen zu spüren, dass dieser Prozess von vielen ehemals Aktiven als Abkehr von einer kirchlichen Gemeinschaft (!) hinzu einer Organisation (!) erfahren wird, von der sich die an gemeinschaftliche Strukturen Gewöhnten entfremdet fühlen … In gewisser Weise sind die Kirchen die Leidtragenden einer gesellschaftlichen Transformation, zu der sie als Kirchen selbst beigetragen haben“ (S. 352). Darüber sollte man sprechen und sich deutlich fragen, ob Kirche als Gemeinschaft, selbstverständlich als offene, undogmatische Gemeinschaft, und nicht moralisierende, sondern solidarische, wie in den Jahren der Wende, wiederzugewinnen ist. Und ob nicht im Westen seit Jahren bereits diese Gemeinschaftserfahrung von der Hierarchie selbst bereits gestört und zerstört wird (siehe „Gemeindezuzsammenlegungen“ etc.)

Einige Zitate aus einem Interview mit Prof. Monika Wohlrab-Sahr, das ich im März 2010 mit ihr in Leipzig führte, die Aussagen sind immer nich treffend:

1.“In einem Teil dieser Gespräche haben wir eine Frage gestellt an die Familien, was glauben Sie, kommt nach dem Tod. Und in diesem Zusammenhang fällt eben diese Äußerung: Ich würde mir das offen lassen. Das ist gewissermaßen so eine Zwischenstellung zwischen einer klar entweder atheistischen oder christlichen Positionierung und in der Mitte eben diese Haltung: ich lass mir das offen. Man sagt klar nicht mehr dezidiert: Da kommt gar nichts. Also man ist nicht mehr klar atheistisch positioniert. Eine Tür steht offen im Hinblick auf das, was da vielleicht kommen könnte. Aber es deutlich eine Grenze da gegenüber einer klar inhaltlichen Füllung“.

2. „Es gibt aber natürlich auch Umfrageergebnisse, die sich auf 19 bis 29 beziehen. Da ist deutlich, dass sich eine spirituelle Öffnung andeutet. Oder eine Öffnung gegenüber religiösen Denkräumen. Das zeigt sich auf statistischer Ebene insbesondere daran, dass diese Altersgruppen wieder stärker von sich sagen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Also die Zahlen sind stark angestiegen. Und interessant ist, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder der Glaube dass da was könnte, um es mal vorsichtig auszudrücken, nicht unbedingt was zu tun hat mit christlicher Orientierung oder hinduistischer Orientierung, also mit einer inhaltlichen rel. Orientierung! Sondern eher einen Denkhorizont aufstößt“.

3. „Dieses Spekulieren über das Leben hat etwas mit Transzendenz zu tun. Das Leben ist nicht begrenzt auf das, was hier und jetzt erfahrbar ist. Ob da was Göttliches mitspielt, da wäre ich vorsichtig. Ich hab den Eindruck, dass eher gedacht wird in Vorstellungen, es gibt vielleicht eine höhere Macht, aber dass diese höhere Macht doch in der Abstraktion belassen wird und nicht personlaisiert im Sinne einer christlichen Gottesvorstellung etwa gedacht wird“.

4. „Die SED hat es doch geschafft, einen Gegensatz zu erzeugen zwischen Religion und Wissenschaft insbesondere, den man bis in die Gegenwart spürt. Das man sehr viel stärker, glaube ich, als es im Westen der Fall ist, hier auf ein Selbstverständnis stößt der ostdeutschen Bevölkerung: Wer ein klar denkender, rationaler Mensch ist, dass der eigentlich mit Religion nichts zu tun haben kann, in den mittleren und älteren Generationen fühlt man das nach wie vor sehr stark“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Humanistin predigt in protestantischem Gottesdienst in Amsterdam

28. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Freisinnige Christen - eine freisinnige Kirche: Die Remonstranten

Ein Hinweis und ein Impuls von Christian Modehn

Am Sonntag, den 29. Mai 2016, predigt die neue Direktorin des Humanistischen Verbandes der Niederlande, Christa Compas, im Sonntagsgottesdienst der protestantischen Gemeinde der Remonstranten in Amsterdam, die Kirche heißt „de Vriburg“. „Gebt mir Brot und auch Rosen“ ist das Thema. Christa Compas ist Politologin und in vielfältiger Weise auch für die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft aktiv. Der „Humanistische Verband Hollands“ ist eine bekannte Organisation, in der sich agnostische und atheistische Menschen zusammenfinden; sie haben z.B. eine eigene Universität in Utrecht. Uns freut es sehr, dass die Remonstranten eine prominente Humanistin zur Predigt im Sonntagsgottesdienst einladen. Und fragen uns natürlich, ob solches in Deutschland, etwa in Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD), möglich wäre. Vonseiten des HVD bestimmt… Übrigens: Eine führende Mitarbeit des theologischen Instituts der Remonstranten in Amsterdam, Christa Anbeek, war als Theologin auch Dozentin an der genannten humanistischen Universität in Utrecht. Sicher kommen sich auf diese Weise, durch gemeinsame christlich-humanistische Veranstaltungen, Glaubende und Skeptiker (Agnostiker, Atheisten…) näher und entdecken: Was uns verbindet ist größer als das,was uns trennt: Uns verbindet die Sorge um die Menschen, etwa, dass sie alle  „Brot und Rosen“ haben und diese teilen und sich daran erfreuen, um den Titel der Predigt von Christa Compas in der Amsterdamer Kirche noch einmal aufzugreifen.

Ich möchte hoffen, dass der universale humanistische Geist (der ja nie ein explizit antireligiöser und atheistischer war und ist) allmählich als gemeinsame menschliche Basis wieder entdeckt und gepflegt wird. Die entscheidende Erkenntnis: Zuerst kommt der allen gemeinsame Humanismus. Und erst dann die speziellere Interpretation des Menschen, die religiöse oder eher agnostische.  Aber dies ist die zweite Ebene! Und sie sollte auch als solche (eben nicht so dringende Dimension) gelebt und gelehrt werden, gerade jetzt.

Weitere Informationen zur Predigt von Christa Compas und der protestantischen Kirche de Vrijburg in Amsterdam finden Sie hier.

Christian Modehn, religionsphilosophischer salon berlin



Theologie der Befreiung: Neue Erkenntnisse zur Option für die Armen, zur Rolle des Hilfswerkes ADVENIAT usw. .

9. Mai 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Perspektiven und Probleme

Neues zur lateinamerikanischen Theologie der Befreiung

Hinweise von Christian Modehn am 9.5.2016 anlässlich eines Buches von Kardinal Aloisio Lorscheider, Brasilien.

Theologen und Bischöfe, vor allem aus der katholischen Kirche, neigen bekanntermaßen dazu, ehrlich und ungeschützt erst dann bestimmte Wahrheiten auszusprechen, wenn sie pensioniert sind und im Ruhestand leben, zurückgezogen von allen offiziellen Ämtern. Also außerhalb der Schusslinie der römischen Glaubenskongregation leben…

Kardinal Aloisio Lorscheider aus dem Franziskaner-Orden hatte höchste amtliche Funktionen inne: Er nahm am 2. Vatikanischen Konzil teil, war Generalsekretär und Vorsitzender der bedeutenden brasilianischen Bischofskonferenz (bis 1978) und Vorsitzender der gesamt-lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM von 1976 bis 1979; er führte 1979 den Vorsitz der Generalversammlung in Puebla, Mexiko, und nahm auch an der späteren CELAM- Konferenz in Santo Domingo teil. Er war Theologiedozent in Rom, seit 1973 Erzbischof von Fortaleza, danach in Aparecida. 2004 wurde sein altersbedingter Rücktritt vom Papst angenommen. Er ist sozusagen ein Top-Kenner der kirchlichen Verhältnisse in Lateinamerika. Er ist schon und gerade als Bischof immer ein Freund der Befreiungstheologie gewesen, er lobte und unterstützte die Basisgemeinden. Einen solchen aufrechten, immer selbstkritischen, bescheiden lebenden lateinamerikanischen Bischof findet man nicht so oft…

Kurz vor seinem Tod im Jahr 2007 (geboren wurde Aloisio Lorscheider 1924 in Südbrasilien) gab der pensionierte Erzbischof noch 2006 ein längeres Interview für eine Gruppe von Christen in Fortaleza. Dieses wichtige theologische Zeugnis ist jetzt, 9 Jahre nach der brasilianischen Veröffentlichung, auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Lasst euer Licht leuchten“. Der Untertitel ist schon treffender bzw. provozierender und weniger lyrisch: „Rückblicke in die Zukunft der Kirche“. Erschienen in der edition ITP-Kompasse, Münster. Das Buch hat 184 Seiten, es wurde von Conrad Berning übersetzt. Es enthält auch wichtige kurze Stellungnahmen kompetenter Befreiungstheologen und Freunde des Kardinals.

Das Interview selbst ist in meiner Sicht sehr inspirierend, weiterführend, weil da von einem Insider in aller Deutlichkeit druchaus neue Fakten zur Theologie der Befreiung genannt werden, die sicher das weitere Interpretieren dieser nach wie vor lebendigen Theologie (obwohl von Rom oft genug kaputt geredet) bestimmen sollte.

Ich nenne in aller Kürze nur einige Tatsachen, die Kardinal Lorscheider in dem Buch mitteilt:

Zu seinem Umgang mit Basisgemeinden in Fortaleza, Nordostbrasilien: „Ich höre dort einfach nur hin. So gestaltet sich heute der Weg der Kirche. Dieses Miteinander ist uns abhanden gekommen“ (S. 28).

„Bischöfe und Priester müssten sich in der historisch-kritischen Methode der Bibelinterpretation weiterbilden. Dies geschieht in der Tat jedoch nicht“. (S. 42).

Rom will keine Diskussion zum Zölibat:
„Als ich als einer der Präsidenten des CELAM nach Puebla zur Generalversammlung der Bischöfe fuhr, erhielten wir die Order, nicht über den Zölibat zu diskutieren und über die Frage, ob die Theologie mehr spekulativen oder mehr einen praktischen Charakter besäße. Trotzdem sprach Bischof Hypólito aus Nova Iguacu das Problem des Zölibates in Puebla an“ (S. 46).

„Tatsache ist, dass wir 20 Jahrhunderte lang keine Frauen im Priesteramt hatten. Aber auch wenn es das in zwanzig Jahrhunderten nicht gab, ist es kein Grund, dass es heute nicht anders werden könnte“ (S. 49).

Zur Wahl des polnischen Kardinals Wojtyla zum Papst 1978: „Die Deutschen (Kardinäle) hatten dabei großen Einfluss. Auch wegen der damaligen Sorge um den Marxismus. Innerhalb Europas galt Karol Wojtyla als eine der Koryphäen im Kampf gegen den Marxismus….Es gab im Konklave eine gewisse fundamentalistische Tendenz. Man wollte Sicherheiten… Der Vorgänger, Papst Paul VI., wurde von einigen als ambivalent gesehen, weil er nicht genau wisse, was er wolle“ (S. 57). Überhaupt müsste man weiter untersuchen, wie die panische Angst des Klerus vor „dem“ Sozialismus seit Pius XII. allbestimmend wurde, bis hin zur Rücksichtnahme gegenüber dem Faschismus (als dem angeblich gerungeren Übel). Diese panische Angst vor dem (angeblich atheistischen) Sozialismus bestimmte den Umgang mit Befreiungstheologen, diese Haltung war sicher auch von den Mächtigen in den USA erwünscht, siehe die Beziehungen Reagan-Papst Johannes Paul II. Leider wird das Thema in dem Buch nicht vertieft.

Der Beitrag des belgischen, in Brasilien lebenden Theologen José Comblin unterbricht das Interview mit Lorscheider. Comblin schreibt, dass Kardinal Lorscheider als Celam Chef den reaktionären kolumbianischen Generalsekretär des CELAM Bischof Lopez Trujillo „ertragen“ musste. „Lorscheider allein weiß, wie viele Demütigungen er von Trujillo hinnehmen musste und zu ertragen hatte“ (S. 59). Auch das gehört dazu: Lorscheider spricht in dem Buch davon, dass er seit langer Zeit schon schwer herzkrank ist: „Ich habe vier Bypässe und einen Herzschrittmacher“ (S. 31). Darf man vermuten, dass u.a. der Umgang mit reaktionären Kirchenfürsten wie Lopez Trujillo krank machen kann?

Ich meine: Lopez Trujillo, dem Opus Dei sehr nahe stehend und in etliche nie geklärte Finanzgeschäfte mit dem CIA und den Drogenbossen verwickelt, wurde durch römische Protektion dann sogar Chef des CELAM (1979-1983) und später Chef der obersten päpstlichen Familienbehörde im Vatikan. Dort verbreitete er viel Merkwürdig-Dummes, etwa, dass Kondome Löcher enthielten, deswegen kämen Kondome als Schutz gegen AIDS überhaupt nicht in Frage. Solch ein Mann war Chef des päpstlichen „Familienministeriums…“   Sein schädlicher Einfluss kann kaum überschätzt werden, dazu sollten endlich religionswissenschaftlich-politologische Studien über Herrn Lopez Trujillo verfasst werden, Theologen sind für diese Studien zu befangen und eben kirchen-abhängig….

Zurück zum Interview mit Kardinal Lorscheider: „Wir Bischöfe müssen auch Ankläger ungerechter Strukturen sein, nicht nur Verkünder der frohen Botschaft“ (S. 66).

Besonders wichtig sind die Hinweise Lorscheiders zur viel besprochenen Option für die Armen, die sozusagen ein Motto ist in weiten Kreisen der lateinamerikanischen Kirche: Die Frage wird gestellt: „Sie meinen also, diese Option sei weniger pastoral und evangeliengemäß als vielmehr strategisch-politisch motiviert?“ Die Antwort von Kardinal Lorscheider: „Ja, das glaube ich. Diese Option war mehr strategisch-politisch innerhalb des damaligen politischen Kontextes“ (S. 68). Zuvor weist Lorscheider auf die in kirchlichen Kreisen starke Angst vor dem Kommunismus und dem Marxismus hin. Mit der kirchlichen Option für die Armen wollte die Kirche also Marxismus und Kommunismus schwächen. Dass in den Evangelien die Armen selig gepriesen werden, war den Bischöfen also aus strategischen Gründen erst mal nicht so wichtig.

Interessant sind die Hinweise von Kardinal Lorscheider zum katholischen Hilfswerk ADVENIAT (auf Seite 69).

Es wurde ja immer von Adveniat heftig und polemisch bestritten, dass unter dem damaligen ADVENIAT Chef, Bischof bzw. dann Kardinal Franz Hengsbach aus Essen, (zudem dem Opus Dei nahe stehend, Ehrendoktor der Opus die Uni Navarrra in Pamplona, er erhielt auch einen Preis von Diktator Banzer in Bolivien usw.) eine entschiedene und finanzstarke Institution GEGEN die Befreiungstheologie gearbeitet hat. Also aus Spendengeldern der braven deutschen Katholiken finanziert. P.S.: Ich selbst habe als Journalist, Mitarbeiter im WDR Fernsehen,  die Wut von ADVENIAT Leuten zu spüren bekommen, als ich in einem Bericht dies nachwies (durch ein Interview mit dem damaligen Weihbischof und Opus Dei Mann Karl Josef Romer, Rio de Janeiro). Solche berufsschädigenden Attacken von Adveniat wurden selbstverständlich nie zurückgenommen, niemand hat sich für diese blödsinnige Kritik, durch KNA obendrein treu verbreitet, bei mir entschuldigt…

Nun also sagt einer, der es wissen muss, nämlich Kardinal Lorscheider: „Wir wussten, dass von Deutschland aus, vor allem von ADVENIAT, Druck gegen die Befreiungstheologie aufgebaut wurde. Das ging sogar so weit, dass der Erzbischof und spätere Kardinal Hengsbach aus Essen, dem Sitz Adveniats, eine ganze Studienreihe mit diversen Büchern und Publikationen gegen die Befreiungstheologie organisierte. Einige Bischöfe Lateinamerikas standen auf seiner Seite. Es gab dann in Deutschland eine REGELRECHTE VERSCHWÖRUNGSWELLE, ausgehend von der Gruppe um Hengsbach. Sie verfügten über viel Geld…“ Eines der anti-befreiungstheologischen Büchern von Hengsbach trägt den Titel: „Utopie der Befreiung“, Mitherausgeber ist der oben genannte Bischof Lopez Trujillo…

Die 4. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischof 1992 in Santo Domingo nennt Erzbischof Lorscheider – als Teilnehmer dort – „einen Reinfall“, “weil Rom begann, massiv zu dominieren“ (S. 69). „Reinfall“ auch noch einmal auf Seite 71. „Ich habe mich dort (in Santo Domingo) geschämt, ich sehe noch einen Theologen in unserer Gruppe, der wusste gar nichts. So waren auch die anderen, alle waren sehr schwach“ (71).

Was will Rom, d.h. der Vatikan eigentlich in der gesamten Kirche und der Welt erreichen? „Das Hauptinteresse Roms ist immer, die Kirche zu verteidigen“ (S. 70)

Welche Gruppen und Klassen spricht die Kirche heute noch an? „Es gibt viele in der Kirche, die fühlen sich am wohlsten in der High Society. Unsere Kirchgänger sind nicht die Armen“ (s. 72).

Kardinal Ratzinger hat in seinem zähen Kampf gegen die Befreiungstheologie immer den Begriff Heil (umfassend) gegen die Befreiung (nur politisch, wie er meint) ausgespielt. Dagegen betont Kardinal Lorscheider: „Aber wir wollen eine Befreiung, die zugleich Heil bedeutet, d.h. den Blick auf den Körper und die Seele richten. Wir wollen, dass es dem Menschen materiell gut geht und spirituell auch….Gnade zusammen mit menschlicher Leistung“ (S. 76).

Zur Theologie heute insgesamt: „Zur Zeit befinden wir uns theologisch in einem Stillstand. Unsere Theologen sind nicht müde, aber ziemlich verzweifelt und verängstigt“ (S. 78).

Mit einer philosophischen Weisheit sollen diese Hinweise beendet werden. Lorscheider sagt im Blick auf die Kirche und den Vatikan: „Das Sich-Hinterfragen ist eine der Voraussetzungen, um sich entwickeln zu können“ (S. 99).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

5. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Pfingsten 2016: Wie der heilige Geist heute zu politischer Kritik ermuntert

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen  gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in den aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere; sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden. Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein im Umrissen sichtbare neue Welt ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden. In der Religionsphilosophie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten, hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grundstürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen,nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher;  sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: eher nicht, es ist zu spät. Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon