Befreiung

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Das argentinische Gesicht von Kard. Bergoglio, jetzt Papst Franziskus

18. März 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Religionskritik

Das argentinische Gesicht von Kardinal Bergoglio, jetzt Papst Franziskus

Hinweise von Prof. Fortunato Mallimaci.

Ein Beitrag von Christian Modehn

Ergänzung am 24.3. 2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Hinweis zu einer Stellungnahme von Adolfo Pérez Esquivel vom 5. April 2005 im argentinischen Fernsehen “Canal America” über Kardinal Bergoglio.

Ergänzung am 31.3.2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Hinweis zur Diskussion in Argentinien unter dem Stichwort: “Von welcher Option für die Armen spricht Papst Franziskus”. Mit einem Hinweis auf die entscheidende Tatsache, dass die Befreiungstheologie in Argentinien fast ganz auf den stets von den Bischöfen bekämpften (zahlenmäßig kleinen) Kreis der “Priester für die Dritte Welt”, “Sacerdotes para el tercer Mundo”, begrenzt war.

Ergänzung am 3. 4.2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Link zu einem Interview mit dem argentinischen Journalisten und kenntnisreichen und kritischen Beobachter der argentinischen Kirchen- Szene Horacio Verbitzky; das Interview über Kardinal Bergoglio in Argentinien damals sendete der NDR (Fernsehen) am 27.3.2013, das Interview wurde vom NDR übersetzt. Das Interview wird noch einmal wiederholt im NDR (ZAPP heißt die Sendereihe) am 5.4. um 2.45 (sic).

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Auch in Deutschland ist der argentinische Soziologieprofessor Dr. Fortunato Mallimaci kein Unbekannter. Er hat in der umfangreichen Studie „Kirche und Katholizismus seit 1945“ in Band VI „Lateinamerika und die Karibik“ den Beitrag über Argentinien geschrieben (zusammen mit seiner Kollegin, der argentinischen Soziologin Veronica Gimenez Beliveau). Das Buch ist im Jahr 2009 im katholisch geprägten Schöningh Verlag erschienen, es wurde herausgegeben von dem katholischen Kirchenhistoriker Prof. Johannes Meier und dem katholischen Theologen Veit Strassner. Der Sammelband von 559 Seiten enthält ausschließlich Beiträge von Katholiken, sogar von Mitarbeitern der kirchen- offiziellen bischöflichen “Aktion für Lateinamerika Adveniat”  in Essen.

Also in diesem quasi offiziell katholischen Buch ist Prof. Fortunato Mallimaci mit seinem wissenschaftlichen Beitrag über die katholische Kirche in Argentinien von 1945 bis ca. 2008 vertreten; sein Artikel umfasst 23 Seiten und hat 61 umfangreiche Fußnoten: Fortunato Mallimaci hat in Paris studiert, vor allem an der berühmten Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Er ist (geboren 1950) Professor für Sozialgeschichte Argentiniens und Religionssoziologie an der „Universidad de Buenos Aires“. Er hat zahlreiche Gastprofessuren im In – und Ausland wahrgenommen. Erstaunlich ist, dass der Beitrag nicht die Beziehungen der katholischen Kirche zur Regierung Kirchner untersucht, obwohl die Literaturangaben bis ins Jahr 2006 reichen, etwa durch Hinweise der beiden Wissenschaftler auf die Arbeiten des kritischen Journalisten H. Verbitzky “La Argentina católica y militar”, erschienen in Buenos Aires 2006.

Dieser lange Hinweis ist notwendig, um die Seriosität von Prof. Mallimaci von vornherein gegen alle Anwürfe zu betonen. Mallimaci ist einer der wichtigsten Interviewpartner der unabhängigen demokratischen und ökumenischen Presse in Argentinien, in diesen Tagen, nach der Papstwahl. Wir können von seinen zahlreichen ausführlichen Interviews und Beiträgen zum damaligen Kardinal Bergoglio (Buenos Aires) nur schrittweise den deutschen Lesern zugänglich machen. Religionskritik ist ja ein Teil der Religionsphilosophie.

Noch eine Vorbemerkung: Für die deutschen Leser muss wohl noch einmal an das wahre, nahezu unsägliche  Ausmaß der Militärdiktatur in Argentinien (1976 -  1983) wenigstens elementar erinnert werden: Der Diktator Jorge Rafael Videla (1976) hatte das Ziel, “die moralische Ordnung der Nation, die wirtschaftliche Effizienz und die nationale Sicherheit wiederherzustellen…Die katholische Kirche war von der Diktatur besonders betroffen, da ihre internen Brüche offensichtlich wurden”, schreiben F. Mallimachi und V. Gimenez Béliveau in ihrer Studie auf Seite 425. Und sie fahren fort, und jetzt wird es wichtig, um die wahre Dimension unseres Themas wahrzunehmen: “Mit aktiver Unterstützung von Mitgtliedern der Kirche wurden Verbrechen an anderen Mitgliedern der Kirche verübt. Die Bischöfe, die den Staatsstreich begrüßten, versuchten die progressiv – christlichen Gruppen zunächst zu isolieren und schließlich aufzulösen. Die Militärs zerschlugen mit bischöflicher Billigung und Unterstützung die aktivsten Gruppen und ermordeten eine Reihe engagierter Christen. Priester, Mitglieder von Basisgemeinden, Ordensfrauen, Laien und sogar einzelne Bischöfe (wie Bischof Enrique Angelelli aus La Rioja  und Bischof Carlos Ponce de Leon aus San Nicolas), die sich für die Verfolgten einsetzten, wurden Opfer des Staatsterrros: Sie wurden verfolgt, ins Exil geschickt, entführt, gefoltert, ermordet”. (ebd., S 425). Über die unmittelbare, wohlwollende Unterstützung der Militärdiktatur durch die meisten Bischöfe schreiben die Autoren u.a.:”Die Machtübernahme durch die Militärjunta unter dem Katholiken Videla wurde von führenden Mitgliedern des Episkopars ausdrücklich begrüßt und unterstützt”,so auf Seite 426 mit ausführlichen Literaturhinweisen, auch zur wohlwollenden Haltung des Nuntius damals, Msgr. Pio Laghi. Bischof Victorio Manuel Bonamin aus dem Salesianerorden etwa forderte schon 1975 die Intervention der Streitkräfte: “Die Armee sühnt die Unreinheit unseres Landes. Die Soldaten wurden im Jordan vom Blut gereinigt, um die Führung unseres Landes zu übernehmen”, zit. ebd. (Nebenbei: Es wird nicht dokumentiert, wie die Bischofskonferenz mit solchen bischöflichen Mitbrüdern umging nach dem Ende der Militärdiktatur). Die beiden Autoren schreiben weiter auf Seite 427: “Die Legitimität, die die Bischöfe der Militärregierung zubilligten, beschränkte sich nicht auf die politische Unterstützung, sondern sie wurde auch auf die Rechtfertigung willkürlicher Folter ausgedehnt….Die Militärs führten ihren Reinigungsprozeß in der Kirche mit der Zustimmung einiger Bischöfe und aktiver Unterstützung einer erheblichen Zahl von Priestern durch. Einige unterstützten sogar Folterer moralisch und waren bei Folterungen in den Haftzentren anwesend. Die Militärregierung dankte der Kirche dafür durch einige Privilegien, die Bischöfe wurden fortan über den Staatshaushalt  finanziert…Das Regime konnte sich (von wenigen Ausnahmen abgesehen) der Untertsützung durch den Gesamtepiskopat gewiss sein” (ebd). Unter den bischöflich geduldeten Massakern an ihren Mitchristen erwähnen wir nur die Ermorderung von drei Ordensleuten und zwei Theologiestudenten aus dem Pallottinerorden sowie die Entführung und das Verschwinden der beiden französischen Nonnen Alice Domon und Léonie Duquet, sie hatten das “Verbrechen” begangen, Familien von Verschwundenen zu unterstützen. Léonie Duqet wurde nach ihrer Ermordung bei einem der üblichen Todesflüge der Mörderbanden ins Meer geworfen. Zu den Opfern gehörte übrigens auch Elisabeth Käsemann, die Tochter des protestantischen Theologen Prof. Ernst Käsemann, Tübingen.

Es ist bezeichnend, dass die beiden Autoren, F. Mallimaci und V. Giménez Béliveau, unter den wenigen mutigen Widerstand leistenden Klerikern nur zwei Bischöfe ausdrücklich erwähnen: Bischof Jorge Novak SVD, Bischof von Quilmes und Bischof Jaime de Nevares SDB, Bischof von Neuquen (Fußnote 49, Seite 427). Der Name Jorge Mario Bergoglio, Provinzial des Jesuitenordens in Argentinien von 1973 bis 1979, taucht in dem Zusammenhang des Widerstandes jedenfalls nicht auf. Das widerständige “Format” von Novak und de Nevares hatte er wohl nicht, sonst hätten ihn die beiden so gründlich recherchierenden Autoren zweifelsfrei in ihrer ausführlichen Studie erwähnt. Bergoglio wird übrigens von beiden nur einmal ganz kurz als Kardinal von Buenos Aires (seit 2001) erwähnt, und zwar als “Kardinal italienischer Herkunft”, dies Ausdruck für die “Italienisierung der argentinischen Amtskirche” (so die Autoren), die knappe Erwähnung Bergoglios befindet sich in der Fußnote 6 auf Seite 411!

Diese Hinweise sind wichtig, um die tiefe Bindung des argentinischen Klerus an die Werte der Nation, die klassischen Familienwerte (gegen Homosexualität etwa) und gegen den angeblich allgegenwärtigen Kommunismus zu vestehen.

Wir beginnen mit einem Beitrag Fortunato Mallimacis, der am 31. Juli 2010 veröffentlicht wurde in dem blog „La Máquina de Escribir“ in der Verantwortung von Anibal Jorge Sciorra. Quelle: http://lamaqdeescribir.blogspot.de/2010/07/entrevista-fortunato-mallimaci-el-rol.html

Wir können nicht den langen Beitrag übersetzen, wir bieten nur einige zentrale Aussagen des Religionssoziologen Prof. Mallimaci zu Kardinal Bergoglio von Buenos Aires, dem Vorsitzenden der argentinischen Bischofskonferenz. Es lohnt sich, den ganzen Text auf Spanisch zu lesen!

Hier einige wesentliche Erkenntnisse Mallimacis:

1.“Bergoglio versteht nicht, was heute in der Gesellschaft passiert“.

2.“Die bischöfliche Hierarchie Argentiniens befindet sich in einem fieberhaften, nervösen Zustand. Sie zeigt sich als eine Institution der Macht“.

3.“Das wird deutlich in der Amtsenthebung des progressiven Priesters Nicolas Alessio, Cordoba in Argentinien, der es wagte, sich öffentlich für die Rechte Homosexueller einzusetzen“.

4. „Die argentinischen Bischöfe, auch Erzbischof Bergoglio, setzen ausschließlich auf das unwandelbare und ewige Naturrecht. Sie haben keinen Sinn für den gesellschaftlichen Wandel. Sie fühlen sich wie in einem „Krieg Gottes“ und , verwenden den Begriff inneren „Krieg“, der unter General Videla noch benutzt wurde“.

5. „Die Christen an der Basis sagen angesichts der Bischöfe: „Wir finden in der Haltung der Bischöfe nicht mehr Jesus wieder“.

6. „Die Bischöfe verteidigen die „klassische Familie“ bedingungslos“. Mallimaci spricht von einem „Kreuzzug“ der Bischöfe, Kardinal Bergoglio sei einer der Fahnenträger dieses Kreuzzuges. „El rol que juega Bergoglio es nefasto“, sagte Mallimaci: „Die Rolle, die Bergogio in diesem Kreuzzig (für die alten Familienwerte z. B. und gegen die Moderne) spielt, ist, so wörtlich, =nefasto=, d.h. unheilbringend. Die Bischöfe sprechen eine militärische Sprache…“

7. „Bergoglio hat geschwiegen, als der Militärseelsorger, der Priester Christian von Wernich, verurteilt wurde wegen seiner Mittäterschaft in der Diktatur, ihm wurden Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt“.

8. „Als der Priester Julio Grassi wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern angeklagt wurde, hat Bergiglio den Anwalt bezahlt, Grassi wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt“.

9. „Bergoglio hat auch Erzbischof Edgardo Storni von Santa Fé noch unterstützt, als er wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und verurteilt wurde“.

10. „Bergoglio hat die Idee verbreitet: Der Relativismus sei der Hauptfeind der Gesellschaft“, darin in voller Übereinstimmung mit Benedikt XVI.

11.“In der argentinischen Kirche unter dem Chef der Bischofskonferenz Bergoglio gibt es keine öffentliche Meinung, keine Diskussion. Die Angst ist stärker als die Freiheit, wenn sich Kritiker äußern wollen“.

12. „Die Kirche Argentiniens befindet sich im Dauerkonflikt mit der liberalen Welt der Demokratie“.

13. „Bergoglio hat 2004 dafür gesorgt, dass eine Ausstellung des berühmten Künstlers Leon Ferrari wegen Blasphemie für einige Zeit verboten wurde. Später wurde sie gerichtlich doch noch durchgesetzt. Von allen Kanzeln ließ er gegen den Künstler wettern. Das brachte ihm allerdings weiteren Ruhm ein., betonte Ferrari. Jedenfalls wollte Kardinal Bergoglio eine Art Zensur für moderne Kunst durchsetzen“. Siehe dazu einen umfangreichen Beitrag in der spanischen Tageszeitung el periodico vom 14. 3. 2013, zur Lektüre klicken Sie hier.

14. Mallimaci weist ausführlich darauf hin, dass Bergoglio, der Jesuit, und der erzkonservative Opus – Dei Bischof Hector Aguer von La Plata in sehr vielen zentralen Fragen eng verbunden und einer Meinung waren: Mallimaci nennt etwa die gemeinsame Auffassung von der Familie als einer =patriarchalen Struktur=, dass die Frauen an die 2. Stelle gehören, dass Verschweigen besser sei als Aufklären, dass Gehorsam die zentrale Tugend ist, sowie, wörtlich, “dass schmutzige Wäsche besser versteckt werden sollte”.

In einem Interview für die Tagezeitung Pagina/12 vom 17.3. 2013 geht Fortunato Mallimaci erneut auf die Strategie der argentinischen Bischofskonferenz ein, deren Präsident Kardinal Bergoglio war: “Die Bischofskonferenz hat sich weder zur Verurteilung des pädophilen Priesters Julio Grassi noch gegenüber dem (Sexuellen Mißbrauch durch)  Bischof Edgardo Storni noch gegenüber dem Verbrecher, Pfarrer Christian von Wernich,  offiziell ausgesprochen, im Unterschied etwa zu den Bischfskonferenzen in den USA, wo offizielle Statements zur Pädophilie unter Priestern abgegeben wurden. Zur Lektüre des Interviews klicken Sie hier.

Weitere Informationen zur Auseinandersetzung um die Homoehe in Argentinien:

Anlässlich der Debatte über die Homoehe sagte Kardinal Bergoglio: „Es steht auf dem Spiel die Identität und das Überleben der Familie:  Papa, Mama und die Kinder. Seien wir nicht naiv: Es handelt sich hier nicht um einen politischen Kampf. Es handelt sich um einen destruktiven Anspruch gegenüber dem Plan Gottes. Es handelt sich nicht um ein bloßes gesetzliches Vorhaben, sondern um eine Bewegung, die vom Vater der Lüge (dem Teufel) ausgeht, die die Söhne Gottes verwirren und täuschen will.“ Quelle: http://www.elblogoferoz.com/2013/03/15/el-nuevo-papa-colaboro-con-la-dictadura-militar-argentina/Gelesen am 18.3. 2013

Über die Beziehung zu dem “Verbrecher Priester” Christian von Wernich, dem Militärgeistlichen z.Z. der Diktatur und Mörder heißt es weiter: „Es ist erwiesen, dass Pfarrer von Wernich schuldig ist für die Verbrechen, die zu seiner Verurteilung führten. Tatsächlich half die argentinische Kirche ihm, zuerst noch nach Chile zu entkommen, dort lebte er unter einem falschen Namen in einer Pfarrei. Ohne diese Tatsachen zu beachten, spielte Bergoglio auf das Urteil des Gerichts an und nannte es eine verleumderische Verfolgung der Kirche und nannte diejenigen Verräter, die die Vergangenheit nur  verfluchen. Hingegen rief er zur Vergebung auf… Diese Erklärung hängt zusammen mit einer Unterstützung Bergoglios für die Aktionen von Cecilia Pando, die die Straflosigkeit der Militärs damals nachdrücklich forderte unter dem scheußlichen Slogan: memoria completa, d.h. die Erinnerung ist vollständig, sie reicht”.  Quelle: http://www.elblogoferoz.com/2013/03/15/el-nuevo-papa-colaboro-con-la-dictadura-militar-argentina/

Diese rechtsextreme Aktivistin Maria Cecilia Pando hat jubiliert angesichts der Wahl Bergoglios zum Papst: Quelle:   http://www.agenciapacourondo.com.ar/secciones/sociedad/10936-cecilia-pando-festeja-la-eleccion-de-bergoglio.html,  gelesen am 18.3. 2013. Cecilia Pando sagte: “Qué alegría ! Bergoglio Papa !!! Una gran bendición para nuestro país que tanto lo necesita. Bergoglio, el Papa Argentino !!! Bienvenido Francisco I, un orgullo para nuestro país !!! Estaremos a su lado, dándoles fuerzas por medio de la oración”. (Welche Freude. Bergoglio ist Papst. Ein großer Segen für unser Land,  das den (Segen) so dringend braucht. Willkommen Franziskus I., ein Stolz für unser Land. Wir werden an seiner Seite sein, wir werden ihm Kraft geben durch unser Gebet”.

Wir weisen noch auf einen weiteren Beitrag  des religionsphilosophischen Salons vor allem über den inzwischen verurteilten Kollaborateur, den Priester Christian von Wernich, hin, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

ERGÄNZUNG am 24. 3. 2013: Zu den Aussagen von Adolfo Pérez Esquivel über Kardinal Bergoglio.

Horacio Verbitzky hat am 24.3. 2013 in der Tageszeitung “Pagina 12″ in Buenos Aires  einen Hinweis zu verschiedenen Aussagen des Friedensnobelpreisträgers Adolfo Perez Esquivel publiziert.

In einem TV Beitrag vom 15. 4. 2005 (drei Tage vor der Wahl von Papst Benedikt XVI.) (zur Ansicht: www.youtube.com/watch?v=Qu2iET8fc5s brachte “Canal Argentina”, Informe special, einen Beitrag mit Interviews u.a. mit A. Perez Esquivel. In dem Beitrag für Pagina/12 bezieht sich H. Verbitzky auf dieses Interview, er schreibt jetzt u.a.: “Perez Esquivel erinnerte damals daran, dass viele Bischöfe zur Zeit der Militärdiktatur einen doppeldeutigen Diskurs hielten. “Als er selbst gefangen war damals, sagten die Bischöfe seiner Frau: Sie würden für ihn, Perez Esquivel, eintreten. Dann taten sie genau das Gegegenteil”. Dann fragten ihn die Reporter konkret zur Haltung des argentinischen Kardinals (Bergoglio). Da antwortete Perez Esquivel, “ohne zu zweifeln, dass die Haltung von Bergoglio “se inscribe”, also dazugehört zur Haltung aller dieser Leute aus der Politik, die da denken: Alle, die sozial mit den Ärmsten und Bedürftigen arbeiteten, waren Kommunisten, Subversive und Terroristen. … Bergoglio ist ein intelligenter Mann, er ist fähig, aber doch eine zweispältige Person. Ich hoffe, dass der Heilige Geist heute (beim Konklave 2005) wach ist und sich nicht irrt” (also Bergoglio sollte nicht Papst werden) .

H. Verbitzky schreibt in dem genannten Artikel weiter: Die erste Erklärung Perez Esquivels nach der Wahl von Bergoglio zum Papst bestand darin zu sagen: Andere Bischöfe hätten mit der Diktatur kollaboriert, aber nicht Bergoglio. Aber er sei nicht allzu energisch gewesen in der Verteidgung der Menschenrechte. Diese Aussage irritierte offenbar den Vatikan: Deswegen:

Am Donnerstag, 21. März, treffen sich Papst Franziskus und Perez Esquivel im Vatikan, sie sprechen über die Menschenrechte, berichtet Perez Esquivel danach, sie hätten sich in der in Buenos Aires üblichen Umarmung verabschiedet und betont: “Vielleicht hat sich Bergoglio damals nicht in den Streit begeben, aber er hat eine schweigsame Diplomatie betrieben”.  Zur Lektüre des Beitrags in Pagina/12 klicken Sie bitte hier.

Der Artikel verweist empfehlend auf das Buch von Mignone, “Iglesia y dictatura”,  El papel de la iglesia a la luz de sus relaciones con el régimen militar.
por Emilio Mignone, Ediciones del Pensamiento Nacional, 4° Edición, Septiembre de 1987.

Ergänzung am 31. 3. 2o13: Wir verweisen auf den ausführlichen theologischen Artikel des Autors Washington Uranga in der Tageszeitung Pagina 12 aus Buenos Aires (31.3. 2013) mit dem Titel: “Von welcher Option für die Armen spricht der Papst”. Der Autor weist nach, wie der religionsphilosophische Salon schon früher, dass sich Kardinal Bergoglio in Buenos Aires eher der caritativen Unterstützung der Armen widmete “und versuchte, diese Position mit der politischen Macht listig und diskret zugleich zu vermitteln”. Bergoglio also dachte (und denkt) eher in der Kategorie “Kirche FÜR die Armen” als in der befreiungstheologischen Kategorie “Kirche der Armen”, im Sinne von: “Kirche gestaltet VON den Armen”. Uranga schreibt:” Bergoglio hat sich der radikalen Position der Befreiungstheologen nicht angeschlossen. Das lag auch daran, dass sich argentinische Theologen, wie etwa der populäre Lucio Gera, niemals mit der Befreiungstheologie anfreunden konnten, weil sie auch Beiträge des Marxismus für richtig befand…Insgesamt hat sich die argentinische Kirche – von der kleinen Bewegung “Priestern für die Dritte Welt” abgesehen – Ende der sechziger und in den siebziger Jahren (Konferenzen von Medellin und Puebla) fremd und fern und mißtrauisch verhalten gegenüber den anderen (oft befreiungstheologisch eher freundlicheren) katholischen Kirchen in Lateinamerika. Und dies waren genau die Jahre, in den Bergoglio als Priester sich bildete und als Theologe. Die argeninischen Bischöfe waren auf den entscheidenden Bischofsversammlungen in Medellin und Puebla wenig “präsent” (im Sinne von aktiv dabei), anders hingegen auf den späteren Konferenzen von Santo Domingo und Aparecida: Diese wurde von Papst Benedikt XVI. geleitet oder stark geprägt, die Endredaktion der Texte von Aparecida (2007) hatte Kardinal Bergoglio.

Wir fragen: Erstaunlich bleibt, dass Befreiungstheologen wie Leonardo Boff (oder auch Bischof Kräutler, beide Brasilien) große Hoffnungen in den eigentlich der Befreiungstheologie gar nicht gewogenen Papst Franziskus setzen. Wissen sie zu wenige Fakten von Bergoglio? Wollen sie den Papst durch allzu heftiges Loben auf ihre Seite ziehen? Oder ist es ein “gesamtlateinamerikanischer Stolz” der beiden, dass nun ein Latino überhaupt einmal Papst geworden ist? Abetr wir stark werden Argentinier im allgemeinen überhaupt als “Latinos” wahrgenommen, das ist eine andere Frage.

Das Interview mit dem argentinischen Journalisten und kritischen Beobachter der Kirchenszene Argentiniens Horacio Verbitzky wurde im NDR am 27. 3. 2013 gesendet; zur Lektüre klicken Sie bitte HIER.

 

copyright: Christian Modehn

 



Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt. Ein Beitrag von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt

30. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Vor kurzem hat unser Freund Alfons Vietmeier regelmäßig für den religionsphilosophischen Salon aus Mexiko berichtet. Jetzt schickt er uns einen Vortrag, den er kürzlich in Emsdetten gehalten hat.

 

Gold und Silber lieb ich sehr: Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt.

Von Alfons Vietmeier,  Mexiko – Stadt

Es gibt keinen der zahlreichen Besucher aus Deutschland in Mexiko, der nicht nachdenklich auf das Thema der weltweiten Finanzkrise und konkret auf die Krise des Euro zu sprechen kommt. Auch die Medien sind voll davon, wenn ich im Internet Nachrichten aus Deutschland checke. Die Meinungen gehen weit auseinander über Ursachen und Konsequenzen. Bei den –zig Milliarden, die hin und her geschoben werden, wird es einfachen Menschen schwindelig, die schon wegen eines fehlenden Tausenders schlaflose Nächte haben. Sind solche Mega-Summen was für Zirkus – Jongleure, Spielmarken beim Monopoly oder Seifenblasen, die dann platzen? Allgemeine Ratlosigkeit und oft die Problemverschiebung auf Sündenböcke wie: “Die Griechen, die haben halt nur auf Pump gelebt!” Und wer von uns nicht auch? Mehr als Einer sagt dann, das Sicherste sei, in Gold und Silber anzulegen.

Bei diesem Punkt erzähle ich gerne etwas aus der Geschichte, das mich nachdenklich macht und lade ein, ebenfalls nach- und weiterzudenken.

Das mexikanische Füllhorn.

1803 war das Allroundgenie Alexander von Humboldt über ein Jahr in Mexiko. Er forschte wie wild, unter anderem über die vorhandenen und nicht ausgebeuteten Edelmetalle. Seine Erkenntnis: Mexiko ist wie ein Füllhorn, voll von Silber und Gold. Es muss nur mit moderner Technologie ausgebeutet werden.

In jener Zeit begann im südlichen Ruhrgebiet die deutsche Industrialisierung. Einige Industrielle lasen von Humboldts Forschungsbericht und waren fasziniert: In Mexiko ist schnell und leicht riesiger Gewinn zu machen; der vorhandene Bergbau muss nur modernisiert werden! Dazu werden Geld und damit Inversionisten benötigt! 1824 wurde in Elberfeld (jetzt Stadtteil von Wuppertal) eine “Deutsch – Mexikanische Bergwerksgesellschaft” gegründet, und Aktien wurden ausgegeben; unter anderem kaufte auch Goethe. Mit diesem Kapital wurden in Mexiko soweit wie möglich lokale Minen aufgekauft, die seit Jahrhunderten unter den Spaniern sehr rustikal etwas Bergbau betrieben und insbesondere Silber abbauten. Die anfängliche Euphorie war so groß, dass bis 1827 etwa 30 Silber- und Goldgruben, sowie drei Schmelzhütten erworben wurden, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. weiter lesen …



Huub Oosterhuis: Poet, Theologe, Prophet

6. April 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Huub Oosterhuis: Poet, Theologe, Prophet und sein neues Zentrum in Amsterdam: Die neue Liebe

Von Christian Modehn
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Wir weisen ergänzend zum folgenden Beitrag darauf hin, dass Huub Oosterhuis beim Treffen der Remonstranten – Kirche in Amsterdam (im März 2012)  den Eröffnungsvortrag hielt, in seinem Zentrum “de nieuwe liefde”.
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In Amsterdam wurden in den letzten Jahren vierzig Kirchen abgerissen oder in Büros und Wohnungen umgewandelt. Wer in dieser „säkularisierten Stadt“ ein neues kirchliches Zentrum einrichtet, braucht viel Mut und einen reichen Sponsor: Huub Oosterhuis ist mit beidem gesegnet. Er ist als Theologe, Dichter und Initiator der ökumenischen „Studentenekklesia“ in ganz Holland bekannt. Der Unternehmer und Multimillionär Alex Mulder schenkte vor zwei Jahren der Gemeinde ein Haus mit dem verheißungsvollen Namen „Die neue Liebe“. Das repräsentative Gebäude an der „Da Costakade“ war früher ein katholischer Treffpunkt, es wurde „Die Liebe“ genannt. Jetzt wird „Die Liebe“ „neu“, und sie könnte „beinahe ewig währen“. Denn das Haus macht nach dem Umbau einen gediegenen Eindruck: Auf drei Etagen bietet es Raum für Theateraufführungen, Konferenzen und Gottesdienste. Es gibt eine Bibliothek, ein Café sowie Räume für die Redaktion der politisch – theologischen Hauszeitschrift „De nieuwe liefde . Magazine“ , sie erscheint 4 mal im Jahr. Die 14 festen MitarbeiterInnen werden das Haus zu einer Akademie gestalten, in der sich alles um die Kultur der Bibel dreht. In einer neoliberalen Gesellschaft, die „versucht unseren Verstand zu vernebeln und unser Gewissen zu betäuben“ (H. Oosterhuis) stellt der Amsterdamer Theologe die biblischen Weisungen in den Mittelpunkt. „Hab lieb den Fremden, denn er ist ein Mensch wie du“: Mit diesem Wort aus der Hebräischen Bibel bringt Oosterhuis seine polische Überzeugung auf den Punkt. Sie teilt er mit seinen Freunden in der Sozialistischen Partei (SP). „Hab lieb den Fremden“ ist zugleich das Motto für den Widerstand gegen rechtslastige Populisten, die lange Zeit die Stützen waren einer Christlich – Demokratisch – konservativ – liberalen Regierung. Oosterhuis hat zu dem Thema 2012 eine Art Pamphlet geschrieben mit dem Titel „Red hen die geen verweer hebben“ („Rette diejenigen, die keine Verteidigung haben“). Diese parteilich – solidarische Broschüre zugunsten der Fremden hat viel theologischen Streit verursacht, über den man in der „Neuen Liebe“ offen debattiert. Schon beim „kleinen Kirchentag“ der Freisinnigen protestantischen Kirche der Remonstranten im März 2012 betonte Oosterhuis, dass das Reich Gottes mehr sei als ein schöner frommer Traum. Das Reich Gottes sollte nicht in eine spirituelle Innenwelt eingeschlossen sein. Es wird vielmehr von den Menschen hier und jetzt „gebaut“, wann immer sie sich Gerechtigkeit und gegen die Ausgrenzung der Armen einsetzen. Im „Tun des Gerechten“ werde das Reich Gottes ansatzweise hier geschaffen.
Oosterhuis ist und bleibt eine weithin geachtete poetisch – theologische Autorität: Königin Beatrix ließ es sich nicht nehmen, bei der Eröffnung der „Neuen Liebe“ im Februar 2011 dabei zu sein. Mit ihrem Gatten, dem sozial engagierten Prinz Claus von Amsberg, war Oosterhuis freundschaftlich verbunden. Er hielt für ihn die Ansprache zur Bestattung.

Die Gemeinde, die sich in der „Neuen Liebe“ sonntags um 11 zum Gottesdienst trifft, ist auch als „Studentenecclesia“ bekannt. Es sind Menschen verschiedener Konfessionen, die sich als „Studierende“, als Lernbereite, verstehen. Huub Oosterhuis ist seit 1970 ihr geistlicher Leiter. In dem Jahr kam es zum Bruch zwischen der katholischen Studentengemeinde Amsterdams und der römischen Kirchenführung. Die Bischöfe wollten es nicht hinnehmen, dass die Studentenpfarrer auch nach ihrer Heirat Gottesdienste leiten. Papst Paul VI. wollte sogar die aufmüpfigen Holländer auf die römische Linie einschwören. Als Oosterhuis 1970 heiratete, war er fest entschlossen, die Gemeinde nicht im Stich zu lassen. Ohne Bindung an Rom ist sie seitdem auch ein inspirierendes Vorbild für Katholiken, eigene, rom – unabhängige Gemeinden zu bilden. Mindestens 20 sind es in Holland und Belgien. In anderen Ländern hat dieses „Modell“ unabhängiger, freier progressiver Gemeinden nicht gewirkt. In Deutschland etwa sammelte man lieber Unterschriften zugunsten eines Kirchenvolksbegehrens. Man bittet jetzt wieder („Pfarrerinitiative in Österreich“) die katholische Hierarchie um etwas mehr Reformen. Diese verbalen Auseinandersetzungen mit der letztlich unerreichbaren römischen Macht hält Oosterhuis für sinnlos verbrachte Zeit. „Als kritische Gemeinde stellen wir uns außerhalb des Machtbereichs der römisch – katholischen Kirche auf. Wir haben nicht die Illusion“, so Oosterhuis, „diese Kirche von Innen her verändern zu können. Wir investieren alle Energie in neue Beziehungen zur Bibel“.
Huub Oosterhuis, 1933 in Amsterdam geboren, ist in einem frommen katholischen Milieu groß geworden, schon als Jugendlicher schrieb er seine ersten Gebete als Poesie. 1964 wurde er als Jesuit zum Priester geweiht und bald zum Studentenpfarrer ernannt: Für ihn und seine Kollegen war das Zweite Vatikanische Konzil der Beginn radikaler, grundlegender Kirchenreformen. Die hierarchische Ordnung war genauso wenig akzeptabel wie die nun erlaubte „landessprachliche Liturgie“: Sie ist für Oosterhuis nichts anderes als wörtlich übersetztes Latein, sie bleibt kaum nachvollziehbar und sehr befremdlich – unverständlich.
Um sich gegen die Übermacht Roms all die Jahre zu behaupten, brauchte Oosterhuis „reformatorischen Mut“ und Durchhaltevermögen. Viermal musste die Gemeinde umziehen und eine Bleibe suchen. Die Gestalt der Gottesdienste in der „Nieuwe Liefde“ wie auch schon vorher erinnert von Ferne etwas an die römische Messe. Es gibt Lesungen aus der Bibel, Fürbitten und ausführliche Predigten. Aber es sind Theologinnen und Theologen unterschiedlicher konfessioneller Herkunft, die das Wort ergreifen. „Es gibt bei uns kein Weihrauch, keine sakralen Gewänder und keinen kirchlichen Hofknicks“, sagte Oosterhuis einmal. Die Liturgie ist bei aller Schlichtheit erhebend: Es sind die Gesänge, die Gemeinschaft stiften unter den TeilnehmerInnen und die die Einsicht fördern, „gemeinsam vor Gott zu stehen, fragend und zweifelnd“.
Für die musikalische Gestalt der Oosterhuis Gebete sind mehrere Komponisten verantwortlich, Antoine Oomen und Tom Löwenthal etwa. Man glaubt Anklänge an Kurt Weill zu vernehmen, gelegentlich auch romantische Motive, vor allem in den musikalischen Intermezzi auf dem – hier üblichen – Piano.
In jedem Gottesdienst werden die eucharistischen Gaben von Brot und Wein gereicht. „Das Teilen des einen Brotes und das Trinken aus dem einen Becher erinnert an den Auftrag, unser Leben zu teilen im Dienst an der Gerechtigkeit und dem Frieden“, betont Huub Oosterhuis. Alle Mitfeiernden sind selbstverständlich eingeladen, diese Gaben zu empfangen. Es ist der Chor, der das „Tafelgebet“ singt und dabei die besondere, die „verwandelnde Kraft“ von Brot und Wein hervorhebt. Die „Tafelgebete“ von Huub Oosterhuis bezeugen, dass Eucharistie hier nichts mit einem kultischen „Opfer“ zu tun hat. „Ich bin durch meine Studien in den Sprachraum der ersten Schriften von Jesus von Nazareth gelangt. Und das relativierte für mich die Autorität der späteren dogmatischen und liturgischen Texte“.
Kirchliche Traditionen sind für Oosterhuis zeitbedingte und deswegen auch relative Glaubensäußerungen. Sie können selbstverständlich – nach eingehender Prüfung -beiseite gestellt werden. Die Studentenekklesia verehrt Jesus von Nazareth nicht als allmächtigen „Gottmenschen“, sondern als Propheten und Vorbild für kirchliches und politisches Handeln.
Der katholische Theologieprofessor Alex Stock (Köln) studiert die Arbeiten von Oosterhuis seit vielen Jahren. Er stellt in seinem neuen Buch „Andacht“ die Leistungen des Niederländers „in die Reihe der großen christlichen Dichter, die auf der sprachlichen Höhe ihrer jeweiligen Zeit immer auch Neues aus Altem geschaffen haben“. Alex Stock meint, mit dieser Leistung habe sich diese „ecclesia“ wie „eine wirkliche Stadt auf dem Berge“ plaziert angesichts einer „theologisch etwas flachen Zeit“. Dabei bezieht sich Alex Stock auf die „Reimbemühungen“ deutscher Autoren. Er spricht ausdrücklich „von schwachsinnig zusammengereimten Texten“ etwa der Schriftstellerin Marie Luise Thurmair. Sie ist mit mehr als 30 ihrer frommen Produkte im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ vertreten.
In den Liedern von Huub Oosterhuis wird die „Kultur des poetischen Gebets“ gepflegt: Der einzelne klagt seinen Gott an, er ringt mit Ihm, will Ihn fallen lassen, findet aber doch wieder Zuversicht. „Beten ist viel mehr als Suchen. Beten ist eher Warten. Suchen ist immer noch Aktion und Ungeduld. Warten hingegen ist Aufmerksamkeit“, schreibt Oosterhuis. Seine Gebete erschließen ihre Tiefe erst als Lieder, vor allem beim Mitsingen: “Der da sagt, Gott zu sein, soll er doch zeigen, was wir an ihm haben…“. Man höre einmal Verse aus der „Großen Litanei“: „Du bis unfindbar, Du bist ein Fremder. Deine Torheit, Gott, ist stärker als die Menschen…Gott, komm zurück, und gib uns den Frieden. Wie lange müssen wir auf dich warten?“
Einer bürgerlichen Christenheit kann Oosterhuis nur die prophetische Tradition der hebräischen Bibel als Korrektiv empfehlen: „Wenn die Kirchen sich von der Tradition des lebendigen jüdischen Glaubens inspirieren lassen, werden sie vielleicht weniger schnell den religiösen Marktmechanismen erliegen und weniger Bedürfnisse entwickeln nach Engelerfahrungen, Esoterik und Jenseitsszenarien. Und mit mehr Geisteskraft sich einsetzen für die Zukunft dieser Erde“.

Das Zentrum „Die Neue Liebe“ macht diese Weisungen zum Programm: Es finden Studientage statt, etwa zum neuesten Buch von Oosterhuis, einer Übertragung der Psalmen in die moderne Lebenswelt. In der „Amsterdamer Nacht der Theologie“ am 21. Juni 2012 wurde er für sein umfangreiches Werk geehrt. Viele andere holländische Theologen müssen – vielleicht neidvoll – eingestehen: Es gibt in diesem Land keinen anderen ökumenischen Theologen, der so deutlich das religiöse „Klima“ bestimmt und die biblische Botschaft nachvollziehbar für moderne Menschen zur Sprache bringt – wie Huub Oosterhuis. Und ausgerechnet die Lieder dieses Meisters der Sprache wollen die katholischen Bischöfe Hollands und Deutschlands nicht mehr in ihren Gesangbüchern haben: „Oosterhuis darf nicht mehr gesungen werden“, heißt die Verordnung von Kirchenbürokraten, die in ihrem Getto die unverständlichen Dogmen in uralter Sprache weiterpflegen wollen – letztendlich dann ohne gläubige Menschen, die nicht länger mehr Gottesdienst mit Unverständlichkeit kombinieren wollen.

Informationen über die „Neue Liebe“, zum Teil auch auf Deutsch: http://www.denieuweliefde.com/

Die empfehlenswerte Studie von Alex Stock „Andacht. Zur poetischen Theologie von Huub Oosterhuis“ ist 2011 im EOS Verlag St. Ottilien erschienen.

copyright:christian modehn

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copyright: christian modehn, berlin

 

 



Paulo Freire: Praxis der Befreiung

24. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Denkbar

 

              Wichtige Erkenntnisse der PÄDAGOGIK DER BEFREIUNG von PAULO FREIRE (1921-1997)

              Von Hernán Silva-Santisteban Larco,  Religionsphilosophischer Salon am 23.3.2012

 

-  Einheit von Denken und Handeln

Der Mensch existiert nicht isoliert, er ist auf ein Du angewiesen und er ist auf seine Umwelt gerichtet (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.117f). Mensch und Welt stehen in einem Wechselwirkungsverhältnis und beide sind so miteinander verwoben, dass sie niemals voneinander abgespaltet werden können (Bernhard, S. 181). Andererseits, der Mensch ist nicht endgültig und für immer festgelegt, vielmehr tendiert er dazu, in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, seine Lebensbedingungen zu überschreiten und neue Möglichkeiten zu erproben (ebd., S.180). Der Mensch kann nicht anders, als zu handeln und durch sein Handeln sich selbst und die Welt umzuformen (Figueroa, S.33): der Mensch ist ein dauerhafter Entwurf von sich selbst in der Welt, er hat Willen zur Gestaltung. In dieser Hinsicht, in dem der Mensch nicht isoliert existiert, kann es auch kein isoliertes Denken geben, und in dem das menschliche Wesen sich wesentlich in der Handlung bestätigt, kann das Denken des Menschen über seine Welt von seinem Handeln in dieser Welt nicht abgetrennt werden (Bernhard, ebd.): die menschliche Handlung ist die unauflösliche Einheit zwischen meiner Aktion und meiner Reflexion über die Welt (Stückrath, S.18). Das Denken soll konkret werden und in der existenziellen Lebenswirklichkeit wurzeln und auf das Handeln wirken. Nur der Mensch ist fähig, dank seines Denkens, gegenüber der Welt eine Distanz einzunehmen und dadurch bewusst auf die Realität durch seine Handlung einzuwirken. Nur der Mensch, und das gilt für allen Menschen ohne kulturelle Unterschied, ist imstande, sich selbst zu transzendieren und zu verstehen, um sie zu verwandeln (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.50).

- Der Mensch als kritischer Denker

An Anfang ist die Annährung des Menschen an die Welt, in der er sich befindet und in der er sich sucht, keine kritische Einstellung, sondern eine naive. Auf dieser ersten spontanen Ebene macht der Mensch eine unkritische passive Erfahrung der Wirklichkeit: dieser Prozess beschreibt eine „Bewusstwerdung“. In dem man diese erste spontane Ebene des Erfassens der Realität überwindet, gelangt das menschliche Denken auf eine kritische Ebene, in der die Realität sich „entschleiert“ in seiner wahrhaftigen Wesenheit, d.h., das Bewusstsein nimmt Besitz von der Realität. Das kritische Bewusstsein hinterfragt die Ursache der Umstände und „enthüllt“ die Wirklichkeit durch Auflösung von Bildern und Begriffe, durch die die Wirklichkeit verzerrt dargestellt wird. Dank dieser erworbenen kritischen Ebene verwandelt sich das Bewusstsein, als Entfaltung des Bewusstwerden, in eine „Bewusstseinsbildung“ (Stückrath, S.18f). Die Bewusstseinsbildung ist ein Lernvorgang, der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen, um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen (Dabisch, S.69f). Aus dieser Bewusstseinsbildung kann der Mensch kritisch und schöpferisch in seiner entschleierten Welt handeln. In diesem Sinne, Bewusstseinsbildung ist ein Prozess der „Erweckung“ und der Dynamisierung des Bewusstseins der Einzelnen. Gleichzeitig ist eine Veränderung der Mentalität, wozu eine genaue realistische Einsicht in die eigene Stellung in der Welt und in der Gesellschaft gehört (Dabisch, S.69f; Stückrath, S.18f). Dieses Prozess und diese Veränderung können alle Menschen auf der Welt erreichen und erleben, sogar die Analphabeten.

- Die Utopie als Quelle der Wirklichkeit

Darüber hinaus, diese Bewusstseinsbildung fordert uns auf, der Welt gegenüber eine utopische Haltung einzunehmen. Die Utopie ist in diesem Fall nicht das Unrealisierbare, sie ist eher eine dialektische Verbindung der kritischen Aufdeckung einer entmenschlichenden Struktur und die Ankündigung einer menschlichen solidarischen Struktur durch das schöpferische Denken. Die Utopie, als Veränderungsimpuls der Realität, setzt kritisches Erkennen voraus. Ich kann nicht etwas aufdecken, wenn ich nicht in die Realität eindringe, um sie kennenzulernen; ich kann nicht etwas ankündigen, wenn ich es nicht erkenne. Und nur durch Handeln, auf der Basis eines kritischen Denkens, kann sich eine Utopie in Realität verwandeln (Stückrath, S.19f). Der Mensch, als  historisches Wesen, ist berufen um die Rolle des Subjekt zu übernehmen um die Welt um ihm herum zu gestalten und erneut zu gestalten: er ist berufen um sein eigenes Leben in seine Hände zu nehmen als freier denkender schaffender Mensch, als „kulturschöpferisches Wesen“ (Edward Sapir)

- Der Mensch als Dialog-Wesen

Der Mensch ist auch auf Zwischenmenschliche Kommunikation angewiesen, ohne die er die Welt weder erschließen noch verändern kann. Der Mensch ist zum Dialog mit anderen Menschen bestimmt (Bernhard, S.180). In dem der Mensch dieäußere Welt und seine äußeren Lebensumstände Gegenstand seines Denkens und seines Bewusstseins machen kann, ist er in der Lage, sich selbst und seine Welt im Dialog mit anderen zu verstehen, zu gestalten und zu verändern (Bernhard, S.181). Der Dialog ist, in diesem Fall, ein Akt des Erkennens und einer kritischen Annährung an die Realität (Stückrath, S.18). Der Anreiz zu Bewusstseinsbildung geht von einem interpersonalen Dialog aus. Durch diesen Dialog als Begegnung mit anderen Menschen wird und kann jeder Mensch entdecken, was Mensch sein bedeutet (Dabisch, S.70). Erkenntnis und Selbsterkenntnis erfolgt immer in Kommunikation, d. h., dass das „ich denke“ und dass das „wir denken“ bereichen sich miteinander. Wenn Kommunikation auf ununterbrochene wechselseitige Mitteilungen aufbaut, gibt es kein passives Subjekt in dem Dialogprozess, es gäbe nicht die Möglichkeit, das jemand in seinen Mitteilungen einen anderen zu „erdulden hat“  (Rosch, S.63f)

 

Bibliographie:

-Freire, Paulo, Pädagogik der Solidarität, Wuppertal, 1974;

-Freire, Paulo, Pädagogik der Unterdrückten, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei  Hamburg, 1977;

-Freire, Paulo, Erziehung als Praxis der Freiheit, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1977;

-Bernhard, Armin, Pädagogisches Denken, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2006;

-Dabisch, Joachim, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem, Verlag Breitenbach Publishers, Saarbrücken-Fort Lauderdale, 1987:

-Figueroa, Dimas, Paulo Freire zur Einführung, Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1989;

-Rosch, Christoph, Die Erziehungskonzeption Paulo Freires, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Mein, 1987;

-Stückrath-Taubert, Erika (Hg.), Erziehung zur Befreiung. Paulo Freire: Rezeption und Kritik, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1975  (zusammengestellt von H.S.)

Die Literatur über Paulo Freire ist nahezu “uferlos”. Wir weisen nur auf eine neuere Studie hin: Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie.(Band III)
Hg. Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Dieter Kinkelbur. Waxmann: Münster 2008.
133 Seiten, ISBN 978-3-8309-1870-7
Band I: Paulo Freire, Unterdrückung und Befreiung

Band II: Paulo Freire, Bildung und Hoffnung   (C.M)

copyright: hernan silva-santisteban-larco.



Total schwarz und “nur schwarz”: Zum Welttag gegen den Rassismus (21.3.): Ein Exempel aus der Dominikanischen Republik

20. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

Total schwarz und „nur schwarz“:

Anläßlich des Tages gegen den Rassismus (21. März)

Ein Exempel: Die Dominikanische Republik

Von Christian Modehn

An einem Tag wenigstens einmal alle geistige Energie verwenden, um über den Rassismus nachzudenken und um dann praktische und damit politische Schritte zu tun: Was kann ich tun, um einer Gesellschaft und einer Welt ohne Rassismus näher zu kommen? Das heißt: Einer Welt von unterschiedlichen und gleich berechtigten Menschen, die ohne eine feindliche Abgrenzung von den „anderen“, den zu Feinden Gemachten, leben kann. Vielleicht beginnt philosophisch alles damit, den Begriff der Identität neu verstehen und alle Behauptungen zurückzuweisen, die auf eine geschlossene und ewig fixe Form („Identität“) des eigenen Daseins insistieren. Das gilt auch für religiöse Identitäten, die angeblich dogmatisch ewig bleiben müssen.

Der 21. März wurde von den Vereinten Nationen zum “Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung” erklärt. Im Jahr 1979 wurde dieser Gedenktag ergänzt: Alle Mitgliedsstatten sollten eine alljährliche Aktionswoche der Solidarität mit den Gegnern und Opfern von Rassismus organisieren. Der Hintergrund: Am 21. März 1966 wurden bei einem Massaker in Sharpeville, Süd – Afrika, Menschen ermordet, Schwarze in diesem Rassisten Regime, die für ihre Rechte als Menschen eintraten. Wer von unseren Freunden im Religionsphilosophischen Salon hat in den letzten Jahren überhaupt einmal etwas von diesem Tag gegen den Rassismus gehört? Warum sind solche Tage nicht im Mittelpunkt des Interesses? Wer verhindert dieses Interesse? Warum sind banale Ereignisse, etwa des Unterhaltungs – Business, wichtiger als solche Tage des Denkens, Gedenktage? Wer will eine solche (Un)Kultur bei uns?

Überall gibt es Probleme damit, dass einige Menschen sich besser und wertvoller fühlen als die vielen anderen. Es gibt versteckten und kaum sichtbaren Rassismus auch in allen europäischen Ländern, die sich aller Beachtung der Menschenrechte rühmen. In Frankreich z. B. werden die Roma verfolgt und ausgegrenzt und abgeschoben; von den rassistischen Baumaßnahmen ganz zu schweigen, den Banlieus, den Bannorten, wo die Verarmten, d.h. meist die Ausländer, abgesetzt werden als die „Überflüssigen“ und letztlich Nutzlosen. In Deutschland pflegen manche Kreise einen Generalverdacht gegen Menschen, die nicht dem eigenen Kulturkreis entstammen und der eigenen traditionellen christlichen Tradition angehören. Tausend weitere Beispiele sind möglich.

Wir weisen – wieder einmal – auf ein uns gar nicht so fernes Land hin, die Dominikanische Republik, ein Land, über das wir seit vielen Jahren berichten, zuletzt über die erfreuliche Eröffnung des „museo de la resistencia“ in der Hauptstadt Santo Domingo. Die Dominikanische Republik wird von zwei Millionen Touristen pro Jahr besucht, ohne dass die Touristen auch im entferntesten etwas von der politischen und leider auch rassistischen Tradition dieses eigentlich so schönen Landes mitbekommen. Darum auch diese Hinweise.

Tatsache ist, dass nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 in Port au Prince, der Hauptstadt des benachbarten Haiti, eine beachtliche Welle der Solidarität von Menschen der Dominikanischen Republik festzustellen war. Es wurden schnell Hilfsgüter zu den vielen tausend Haitianern ohne Obdach gebracht.  Das ist bemerkenswert, weil es tief sitzende Vorurteile gibt gegenüber „den“  Haitianern unter den Leuten in der Dominikanischen Republik. Darüber ist viel geschrieben worden, auch in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen; es wurde an den Rassismus des Diktators Trujillo erinnert, an die endlosen Behauptungen, „der dominikanische Mensch“ sei „eigentlich“  ein Weißer, ein Spanier. Je mehr so etwas behauptet wird, um so mehr Glauben findet dieser Wahn: Dabei sind aber nur  8 % der Dominikaner Weiße, so die neuesten Untersuchungen, alle anderen sind Mulatten oder Schwarze, fast genauso schwarz, wie die verhassten Nachbarn, die Haitianer. Solche Studien zur Farbe der Menschen  – eigentlich selbst schon rassistisch – werden tatsächlich angestellt. Die verhassten „sehr schwarzen“ Haitianer, etwa eine Million Menschen auf „dominikanischen Boden“, werden zu untersten und schlecht bezahlten Arbeiten herangezogen. Auch das wird seit Jahren wissenschaftlich dokumentiert und von Menschenrechts Organisationen verbreitet.

Nun behauptet die offizielle Delegation auf einer UNO Tagung, dass der dominikanische Staat nicht rassistisch ist. Das mag zwar im Blick auf die Verfassung so sein. Antirassismus ist ein Begriff, der sich in Büchern und Gesetzestexten besonders wohl fühlt. Tatsache aber ist, dass die staatlichen Organe, wie die Polizei, massiv Haitianer nach wie vor bedrängen, misshandeln und willkürlich außer Landes weisen. Noch im September 2011 wurden 80 haitianische Migranten in Navarete zusammengetrieben und willkürlich außer Landes gewiesen. Lokale Quellen berichten, dass viele der Ausgewiesenen bereits mehr als 10 Jahre in der Dominikanischen Republik gelebt und gearbeitet hatten. Mindestens 30 der Ausgewiesenen waren Mitglieder einer Vereinigung, die für die Rechte von haitianischen Arbeitern kämpfte. Selbst Kinder haitianischer Eltern, auf dominikanischem Boden geboren und deswegen per geltendem Recht dominikanische Staatsbürger, werden über die Grenze getrieben. Dies sind nur Beispiele von vielen, wie tatsächlich in der Praxis Rassismus übelster Art fortbesteht. „Der Staat“ schaut weg und ist wohl ganz froh, dass diese „Tiefschwarzen“  aus dem Land verwiesen werden und ein Klima der Angst unter den Verbliebenen Haitianern erzeugt werden. Die meisten Haitianer leben in elenden Hütten, am Rande der Städte der Dominikanischen Republik.  Jetzt wird berichtet, dass Kinder aus Haiti unbegleitet in den dominikanischen Städten umherirren, als Arbeitssklaven oder als „Sex – Objekte“ missbraucht werden. Und „der Staat“ schaut zu. Nun hat sich die katholische Bischofskonferenz Haitis bei einer Pressekonferenz in Santo Domingo zu der Erklärung verführen lassen, es gebe in der Dominikanischen Republik keinen Rassismus, sondern nur „schlimme Einzelfälle“. Wer hat diese Stellungnahme bezahlt? Wer hat die katholischen Bischöfe Haitis bestochen, solches zu sagen, wo alle Priester und Nonnen an der Basis von offenem Rassismus sprechen, der sich zwar gebessert hat nach dem 12. 1. 2010, aber der fortbesteht…

Wir weisen aber gern darauf hin, dass es vor allem ein Zentrum des Jesuitenordens ist, das den Haitianern seit 15 Jahren beisteht. Der Leiter des „Servicio Jesuita“, Pater Mario Serrano, organisiert immer wieder Konferenzen zum Thema, sein Werk bietet Rechtsberatung und soziale Hilfe auch in Dajabon, an der Grenze. Der „Servicio Jesuita“ für die Haitianer ist mit dem Kulturzentrum BONO der Jesuiten in Santo Domingo verbunden. Dort wiederum treffen sich viele Gruppen der Zivil- Gesellschaft, das Zentrum BONO ist ein Lichtblick in der politisch – sozialen Szene im Land. Dabei darf nicht übersehen werden, dass eine gewisse Müdigkeit unter den Engagierten um sich greift. Zu sehr ist die politische Kultur eher als Unkultur wahrnehmbar: Laut der Umfrage von Greenberg – Diario Libre vom März 2012 sehen 51% der Menschen die Kriminalität als das größte Problem der Dominikanischen Republik, gefolgt von der Arbeitslosigkeit (38%),  den Lebenserhaltungskosten (26%), dem Drogenhandel (23%), der Korruption (19%), der Bildung (16%), Stromausfälle (12%) und das Gesundheitswesen (7%).

Am 20. Mai 2012 wird es Präsidentschaftswahlen geben. Wird es eine Wende zu  mehr Demokratie sein und ein Nein zum faktischen Rassismus ?

Copyright: Christian Modehn.



Benedikt XVI. in Mexiko: Die offizielle Hymne macht aus ihm eine göttliche Gestalt

16. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

 

Benedikt XVI. ist der Heilbringer – Die offizielle Hymne zum Papstbesuch in Mexiko bewegt sich an der Grenze zur Idolatrie.

Wird die Ökumene gnädig schweigen?

Von Christian Modehn am 16. 3. 2012

„Wenn alles grau und dunkel ist,

Wenn ich den Weg nicht finde

und in meiner Welt nur Einsamkeit ist.

Dann erscheinst du in meinem Leben,

wie ein Leuchtturm, der mich leitet,

erleuchtest du all mein Inneres“.

Ein Loblied auf Jesus Christus, den die ersten Christen in ihren Evangelientexten als Licht und Leben gerühmt haben, als den Erlöser, der aus der Finsternis der Sünde und aus dem Dunkel der Todesverfallenheit ins Licht führt? Ein neuer Christushymnus also? Ganz und gar NICHT. Es handelt sich um die ersten Verse der offiziellen Hymne, die in Mexiko anlässlich des Papstbesuches Benedikt XVI. allerorten gesungen werden wird.

Der Refrain des Liedes heißt:

Du bringst den Wind unter meine Flügel zurück.

Du bist ein Pfad

von Licht und Wahrheit.

Bote des Friedens

Bote der Liebe,

der du meinem Herzen Hoffnung gibst.

Dieses Volk ist dir treu,

Du bringst uns den Glauben zurück,

den wir in unserer Seele tragen.

Wir teilen dein Licht.

(wir folgen der Übersetzung durch http//das hoerendeherz.blogspot.com, gelesen am 16. 3. 2012 um 10 Uhr)

Benedikt XVI. wird als Heilbringer begrüßt, er ist Licht, er bringt den Wind, wie ein Schöpfergott, er gibt ewig währende Hoffnung. Die Grenzen zwischen Christus, dem Erlöser, werden verwischt. Bote des Friedens, Bote der Liebe: Sind das nicht Ehrentitel, die in der klassischen Theologie auf Jesus Christus bezogen sind? Sind nicht alle Lieder zur Weihnacht oder zu Ostern voll von solchen Christus – Bekenntnissen?  Und jetzt wird Benedikt XVI. diese Rolle des göttlichen Heilbringers zugewiesen.

Weiter heißt es in dem offiziellen Papst Lied in Mexiko im März 2012, und da werden göttliche Prädikate Joseph Ratzinger zugeschrieben:

Zusammen mit dir gibt es keine Angst,

keine Traurigkeit, keine Klagen

dein Blick ist voller Hoffnung.

Du kommst um Freude zu säen,

kommst, um jedes Leben zu berühren,

mit deiner Liebe nimmst du jeden Schmerz.

Mit diesem Papst gibt es also keine Traurigkeit, keine Klagen: Was werden die vielen tausend Missbrauchsopfer sagen, die vielen Millionen wiederverheiratet Geschiedenen, die nicht zur Eucharistie zugelassen sind, die vielen tausend verheirateten Priester, die Millionen katholischer Homosexueller, die objektiv als Sünder im Katechismus der römischen Kirche gelten. Was werden die vilen tausend Mitglieder von Basisgemeinden sagen, die Kirche von unten leben und so gern Frauen und Männer aus ihren Reihen zu Priestern weihen lassen möchten? Was werden die vielen gemaßregelten (Befreiungs-)Theologen sagen, denen Joseph Ratzinger als Chef der Glaubensbehörde und jetzt als Papst jegliche Zukunft verstellt?

Mit  diesem Papst also soll es keine Traurigkeit, keine Angst, keine Klagen geben…. Diese Worte kann man ja verwenden… aber sie sollten auf den transzendenten Gott bezogen sein und nicht auf Joseph Ratzinger.

Wie tief muss eine Kirchenführung theologisch gesunken sein, um solche Songs tatsächlich als offizielles Lied zu gestatten? Ist die Theologie völlig verblödet? Sind nur Dilettanten theologisch einflussreich? in Mexiko werden solche Fragen gestellt, wir geben sie gern weiter. Dieser überdrehte Triumphalismus verbirgt nur die innere Schwäche dieses Papst – Katholizismus. Wie schlecht muss es seelisch und politisch einem Volk gehen, das solche Lieder singt und in dem angeblich völlig unpolitischen Benedikt XVI. den Heilbringer sieht?

Werden die vernünftigen Christen in der weiten Ökumene die Sprüche der Idolatrie kritisieren?  Gibt es noch kritischen Mut in der Ökumene? Wir warten ab.

Wir wollen auch berichten, dass ein Leser unseres religionsphilosophischen Salons uns in diesem Zusammenhang die Anfangsverse des SED Liedes „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ von 1950 mitteilte. Der Leser meinte gewisse Verbindungen zum Papstlied in Mexiko zu sehen, was ja genau besehen in gewisser Hinsicht so ganz falsch nicht ist. Darüber kann sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden. Wir jedenfalls wollen nicht darauf verzichten, diese ersten Verse des Liedes der Partei sozusagen zum Vergleich mitzuteilen:

Sie hat uns alles gegeben.

Sonne und Wind und sie geizte nie.

Wo sie war, war das Leben.

Was wir sind, sind wir durch sie.

Sie hat uns niemals verlassen.

Fror auch die Welt, uns war warm.

Uns schützt die Mutter der Massen.

Uns trägt ihr mächtiger Arm.

Genauso wichtig ist der Hinweis, dass die Kirche in Mexiko selbst alle inhaltliche Berichterstattung zum Papstbesuch übernommen hat, alles im Sinne des „maximo leader“  Benedikt XVI. Maximo líder ist übrigens der Ehrentitel für Fidel Castro. Zwei oder drei kritische Katholiken in Mexiko  verwenden diesen Titel für Benedikt XVI, was ja so falsch nicht ist angesichts der Hymne.

Wir weisen darauf hin, dass Religionskritik als Kritik faktischer Religionen zum Kernbereich der Philosophie gehört und Teil einer demokratischen Kultur ist, die sich der Aufklärung verpflichtet weiß.

Copyright: Christian Modehn

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Kommentar von Paul Haverkamp:

Wenn es im Hymnen-Text heißt….:

„Wenn alles grau und dunkel ist,

Wenn ich den Weg nicht finde

und in meiner Welt nur Einsamkeit ist.

Dann erscheinst du in meinem Leben,

wie ein Leuchtturm, der mich leitet,

erleuchtest du all mein Inneres“.

.. so kann ich in diesen Worten nur pure Blasphemie eines unheilvollen Papalismus erkennen.

Der Text spiegelt eine zur Vergöttlichung neigende Attitüde des

Klerikerstandes wider, die von Papst Benedikt immer wieder untermauert wird.

In seinem Schreiben an die Priester vom 18. Juni 2009 zum Jahr des Priesters

zitiert Papst Benedikt XVI. zustimmend Johannes Maria Vianney (19. Jh.) , den Pfarrer

von Ars; mit folgenden Worten beschreibt Benedikt mit den Worten des

Pfarrers von Ars die Würde des Priesters: „Oh, wie groß ist der Priester! …

Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben. Gott gehorcht ihm.

Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin

steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein

…Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt…“

 

D.h: Priester gelten in den Augen von Papst Benedikt XVI. als besonders auserwählte

Menschen, durch die andere erst Zugang zu Erlösung und Frieden erhalten.“

Paul Haverkamp, Lingen, am 18.3.2012

 

 

 

 



Paulo Freire: „Von befreiender Pädagogik zur Pädagogik der Autonomie“

1. März 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

 

         „VON BEFREIENDER PÄDAGOGIK ZUR PÄDAGOGIK DER AUTONOMIE“

                                        Eine Begegnung mit Paulo Freire (1927-1997)

                                          Von Hernán Silva-Santisteban Larco. Biografische Hinweise zur Person am Ende dieses Beitrags.

Der nächste Salon am 23. März 2012 wird sich mit wichtigen philosophischen und pädagogischen Anregungen des brasilianischen Philosophen und Pädagogen Paulo Freire befassen.

Unser Referent, der Philosoph Hernán Silva -Santibestan Larco, hat schon einige Thesen und Fragen zusammengestellt:

 

Die besondere Leistung von Paulo Freire lag in dem Widerstand, den er mit seinem Werk in der

Praxis der Erwachsenenbildung gegen die Unterdrückung der Menschen in der sogenannten

„Dritten Welt“ geleistet hat. Die von ihm genannte „Pädagogik der Befreiung“ ist eine

Erziehungstheorie, die aus dem alltäglichen Leben hervorgeht, sich in dem alltäglichen Leben

bewährt und eine mögliche „Praxis der Befreiung“ einleitet zur Überwindung der sozialen-,

kulturellen-, ökonomischen-, und politischen Unterdrückungen. Das eigentliche Ziel der

Pädagogik Paulo Freires ist die Ausbildung einer konkreten „Utopie der Befreiung“ um die Welt

menschlicher zu gestalten. In Hinblick auf die Erfüllung dieser Aufgabe, entwickelte Paulo Freire

eine Methodik und Didaktik der Bewusstmachung, das sogenannte Alphabetisierungsprogramm,

dessen wesentliches und einziges Erziehungsinstrument die „Haltung des Dialogs „ ist.

Laut Gustavo Gutierrez „stellen die Erfahrungen und Arbeiten Paulo Freires eines der

schöpferischsten und fruchtbarsten Werke dar, die in Lateinamerika je entstanden sind“ (1). Auch

im gesellschaftlichen Kontext der Industrienationen des Westens wird die These vertreten, dass

man von Paulo Freire lernen kann, denn seine Pädagogik ist „als eine Art allgemeiner Didaktik

anzusehen, die sich  auf jede potentielle Lernsituation anwenden lässt“ (2)

I.- Einige Frage für unsere Teilnehmer des Religionsphilosophischen Salons:

- Welches ist mein Bewusstsein von mir als Mensch in der heutigen Leistungs-, Konsum-,

Unterhaltungs-, und Massenmedien Gesellschaft?

- Wie ist mein Lebensprojekt?  Ist es das Resultat einer Selbstgestaltung als Ausdruck meiner

Initiativkraft, oder ist  mein Lebensprojekt eine Anpassung an die Welt?

- Wie kann ich ein klareres Bewusstsein meines Menschsein und damit Selbstsicherheit, Stärke,

Authentizität und Autonomie gewinnen?

- Wie kann ich eine Distanzierung gewinnen, um damit zu lernen, die fraglos akzeptierten

unterdrückerischen Normen und sozialen Strukturen zu relativieren und schließlich aufzuheben?

- Inwiefern bin ich ein Teilnehmer einer „Kultur des Schweigens“, der unmenschliche soziale

Umstände unkritisch gelten lässt, anstatt ein Teilnehmer einer „Kultur des Sprechens“ zu sein, der

diese Umstände kritisch versucht zu hinterfragen und zu verändern?

- Wie können wir „die spezifische Unverständlichkeit systematischer verzerrter Kommunikation“

(J. Habermas) in unserer heutigen Gesellschaft der Massenmedien aufklären

- Wie können wir uns in unserer Lebenswelt vernünftig verhalten und „Verantwortung als

Ausdruck der Freiheit“ (Joachim Gauck) für diese tragen?

- Wie können wir unsere heutigen Konflikte in Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen,

Kulturen, Länder in unserer heutigen Welt menschlich lösen?

II.- Einige Frage in Beziehung zu staatlichen Schulen und staatlicher Erziehung (3):

- Wie werden Schüler mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Vorstellungen von den Lehrern

wahrgenommen und angenommen?

- Wie werden Kenntnisse und Erfahrungen der Schüler, ihr kulturelles Umfeld und ihre

„Schichtenherkunft“ von der Schule aufgenommen?

- Welchen Stellenwert haben die konkreten Lebenszusammenhänge der Schüler?

- Erscheint der Unterricht eher als Programmierung der Schuler mit Fremdwissen und fremder

Wirklichkeit anstatt als Erkenntnisvorgang zur Veränderung des Lebens?

- Wie werden die Unterrichtsabläufe im Verhältnis zu den Entfaltungsmöglichkeiten der Schüler

gestaltet?

- Gründet sich das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler auf einem respektvollen und kreativen

Dialog, oder unterdrückt der Lehrer den Schüler (oder der Schüler den Lehrer) unter seiner

angebliche Autorität als Ausdruck der Macht?

- Welche Möglichkeiten haben die Schüler in der Bestimmung am Lernprozess teilzunehmen?

- Welchen Stellenwert bekommt die Freiheit der am Erziehungsprozess Beteiligten?

………………………………………………………………………………………………………………………..

(1) Gustavo Gutierrez, Theologie der Befreiung. Mit einem Nachwort von Johann Baptist Metz,

3. Auflage, München 1978, S.90.

(2) René Bendit/ Achim Heimburger, Von Paulo Freire lernen. Ein neuer Ansatz für Pädagogik

und Sozialarbeit, München 1977, S.125.

(3) mehr über das Thema in: Joachim Dabisch, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem,

Saarbrücken 1987. Auch in: Dimas Figueroa, Paulo Freire zur Einführung, Hamburg 1989

 

………..

Zur Person: Hernán Silva-Santisteban Larco

• Geboren 1948. Deutsch-Peruaner.

• Primär- und Sekundarschule in Lima.

• Universitätsstudium der Philosophie, Theologie

und Pädagogik in Peru, Argentinien und Chile.

Master of Arts in Philosophie.

• Hochschuldozent für Philosophie in Peru.

• Dozent in indigenen Bauerngemeinschaften in

den Zentral-Anden und dem Amazonasgebiet in Peru.

• Ausbildung zum Waldorflehrer am Waldorflehrerseminar

in Berlin. Lehrertätigkeit (Primär- und

Sekundarstufe) an Waldorfschulen in Deutschland

und Mexiko.

• Langjähriges Studium der Anthroposophie

und Dozent in der anthroposophischen

Erwachsenenbildung.

• Ausbildung als Biographie-Berater und Leiter von

Seminaren zur Biographiearbeit bei Hellmuth ten

Siethoff (Schüler von Bernard Lievegoed) in Frankreich

und Deutschland.

• Veröffentlichung von drei Gedichtsammlungen sowie

Aufsätzen zu philosophischen und pädagogischen

Themen.

 

 

 

 

 

 



Wenn die Menschenrechte mobil machen

30. August 2011 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

Wenn die Menschenrechte mobil machen
Copyright: Christian Modehn

-Eine Kurzfassung dieses Beitrags erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 26.8.2011-

Von einer Welle der Gewalt wurden einige Städte Englands erschüttert. Junge Leute ließen sich in maßloser Wut zu zerstörerischem Hass hinreißen. Unter den Randalierern sind zweifellos viele Kriminelle, sie werden bestraft. Auch Jugendliche aus „gutem Haus“ haben besinnungslos geplündert und geklaut. „Aber dieser Aufstand war auch ein sozialer Aufstand“, sagt der Sozialarbeiter Konstantin Argeitis. Er kennt die „Szene“ in den „Problemvierteln“ von Manchester genau. „Wir holen uns zurück, was man uns genommen hat“, hört er immer wieder. „Die Krawalle sind eine direkte Folge der neoliberalen Regierung Camerons“, betont auch der in London lehrende Soziologe Richard Sennett, „viele soziale Leistungen für junge Leute wurden gestrichen. Und die Ursachen liegen für mich darin, dass diese Regierung die Zivilgesellschaft und die zivilen Institutionen zerstört hat“.
Die Demokratie muss grundlegend verändert, wenn nicht neu begründet werden: In allen Teilen Europas werden diese Stimmen laut. In Spanien z.B. agieren viele tausend „Indignados“,„Empörte“, ohne Gewalt, aber voller Energie: Sie versammeln sich seit 4 Monaten ständig zu öffentlichen Debatten auf den großen Plätzen. Mitte Juni demonstrierten Hunderttausende in Madrid gegen die Wirtschaftspolitik der Europäischen Union mit der Forderung: „Es kommt auf die Achtung der Grundrechte an, auf Wohnung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung, politische Beteiligung für jeden. Wir fordern eine freie Entwicklung der Persönlichkeit“. In Athen, Lissabon und Paris solidarisieren sich Tausende, eine neue politische Bewegung außerhalb der etablierten Parteien entsteht. Diese Aktivisten beziehen ihre Power aus einem eher abstrakt formulierten Dokument, der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948. In Artikel 22 heißt es: „Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit … in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind“.
Diese abstrakten Formulierungen inspirieren heute zu der Frage: Warum soll es nicht in absehbarer Zeit das Menschenrecht auf demokratische Kontrolle der Finanzmärkte geben mit der Einführung eine Finanztransaktionssteuer? Neue Menschenrechte können prinzipiell „entdeckt“ und formuliert werden. Immer schon wurden Menschenrechte „geboren“, wenn Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Für den Philosophen Francois Jullien (Paris) sind der „basale Aufschrei“ und der „Protest gegen das Untragbare“ entscheidend. Es waren die Schrecken der Nazi – Barbarei und des Weltkrieges, die zur Menschenrechtserklärung der UNO 1948 führten. Seitdem gilt absolut: Jeder Mensch hat eine unverletzbare Würde, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Alle Wesen, die Menschenantlitz tragen, sind Menschen.
Im 18. Jahrhundert waren es die Bürger und der niedere Klerus, die nicht länger die maßlosen Privilegien der Könige und den Hunger der Bevölkerung hinnehmen wollten. Aus einer Protest -Bewegung entstand die Französische Revolution. Und aus demselben Geist wurde im August 1789, gut einen Monat nach dem „Sturm auf die Bastille“, die damals sensationelle „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ verabschiedet. Ausdrücklich wurde – zeitlos gültig – betont, „dass die Unkenntnis und die Missachtung der Menschenrechte die alleinigen Ursachen für die öffentlichen Missstände und die Verderbtheit der Regierungen sind“. Die neue politische Ordnung muss respektieren, dass jeder Mensch als Mensch unantastbare Rechte hat: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es“ (Artikel 1). Das Zeitung „Journal de la Ville“ (Paris) schrieb wenige Tage nach dieser „Déclaration“: „Zum ersten Mal erlebt die Welt, wie ein aufgeklärtes Volk die Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts in die Menschenrechtserklärung hineinschreibt und in seinen Beratungen fünfzig Jahre Philosophie mit der Forderung Freiheit für alle zusammenfasst“.
Tatsächlich haben Philosophen der englischen und französischen Aufklärung (Hobbes, Locke, Rousseau, Diderot) mit ihrer Kritik an der gesetzlosen Unordnung des Absolutismus die Idee der Menschenrechte in der öffentlichen Debatte gefördert. Sie hatten Vorbilder, vor allem die Philosophen der Stoa: “Niemand ist vornehmer als andere“, schreibt Seneca (1 bis 65 n.Chr.), und er betont: „Dies sei eine klare Vernunfterkenntis“. Denn alle Menschen haben als Menschen an der „vernünftigen Weltseele“ (dem Ursprung) teil; deswegen haben alle auch gleiche Würde und gleiche Rechte. Darum wehren sich Stoiker auch gegen die Sklaverei. Die Philosophie der Menschenrechte hat durch Immanuel Kant (1724 – 1804) ihre grundlegende Prägung erhalten: Für ihn ist es unbestreitbare Erkenntnis der Vernunft, dass jeder Menschen als Zweck für sich selbst anzusehen sei. Deswegen, und nicht wegen religiöser Überzeugungen, hat jeder Mensch absoluten Wert: Kein Mensch darf bloß als Mittel für egoistische Ziele anderer behandelt werden.
Tatsache ist, dass bis heute „die Menschenrechte“ bestenfalls als ein schönes, aber realpolitisch irrelevantes Dokument angesehen werden. Wenn Staaten Mitglieder UNO werden – fast alle sind es – dann erkennen sie zwar automatisch deren Menschenrechtserklärung an. Aber Amnesty International weist darauf hin, dass es heute in fast allen Staaten schlimme Menschenrechtsverletzungen gibt. Und die UNO muss meist hilflos zusehen. In Straßburg kümmert sich immerhin der „Europäische Gerichtshof für Menschenrechte“ um den Schutz dieses höchsten Gutes.
Etliche Philosophen (wie die Expertin Katharina Ceming) empfinden es in dieser Situation als höchst befremdlich, wenn Philosophen, wie Richard Rorty (1931 – 2007) als „Kulturrelativisten“ die rigorose Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in Frage stellen. Rorty möchte die Menschenrechte aus dem Mitgefühl mit anderen Kulturen praktisch begründen und nur aus dem Einzelfall entwickeln. „Wir sollten unsere Menschenrechtskultur nicht als Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen demonstrieren“, meint er: Nur so könnten europäische Besserwisserei und kultureller Imperialismus verhindert werden. Keine Frage: Westliche Politiker haben ihre eigene Machtpolitik z.B. gegenüber der „Dritten Welt“ mit dem Eintreten für die Menschenrechte kaschiert. Der Kampf gegen die Sandinisten in Nikaragua oder gegen Präsident Allende wurde so begründet, tatsächlich aber waren Antikommunismus und ökonomischer Dominanz entscheidend.
Aber darf der politische Missbrauch zur Relativierung der absolut zu schützenden Würde eines jeden Menschen führen? „Die Alternative zum viel geschmähten kulturellen Imperialismus der Menschenrechte entpuppt sich als Kultur- Rassismus, der das Existenzrecht eines Lebens vom kulturellen Kontext abhängen lässt“, betont Katharina Ceming.
Staaten, die heute strikt die absolute Gültigkeit der Menschenrechtserklärung der UNO von 1948 zurückweisen, kennen Menschenrechts – Traditionen. China beruft sich auf den „Lehrer der Harmonie“ (d.h. der Gehorsamshaltung und Unterwürfigkeit) Konfuzius. Aber das Regime übersieht gern, dass Konfuzius´ Meisterschüler, der hochgeschätzte Menzius bzw. Mengzi ( 370 bis 290 v.Chr.), in seinen Lehrgesprächen betont: „Jeder Mensch hat eine ihm angeborene Würde in sich selbst. Diese Würde wurde jedem Menschen vom „Himmel“ verliehen. Deswegen kann ein Machthaber sie weder gewähren noch nehmen. Jede Herrschaft ist daran gebunden“.
Auch in muslimisch geprägten Kulturen ist die Idee des Respekts vor jedem Menschen verbreitet, wenn auch der Koran nicht als Quelle für moderne Menschenrechte herangezogen werden kann. Immerhin, es gibt eine muslimische Hochschätzung der universal gültigen „Goldenen Regel“, die da heißt: „Tu den anderen nur das an, was dir selbst angetan werden soll“. In einer Sammlung von Hadithen (Interpretationen zu Mohammed) aus dem 13. Jahrhundert heißt es: „Keiner ist gläubiger Muslim, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“. Abu Hurayra, ein Gefährte Mohammeds, sagte: „Wünsche den anderen Menschen, was du dir selbst wünschst. Dann erst wirst du ein wahrer Muslim“.
Die meisten „Aufständischen“ in Tunis und Kairo im Januar 2011 ließen sich nicht von religiösen Traditionen inspirieren: „Wir wollen Demokratie“, berichtet der weltbekannte syrische Philosoph Sadiq al Azm. „So denkt die junge Generation dort, es ist die bürgerliche Selbstbehauptung gegen die Macht der Regime“. Sadiq al Azm spricht im Blick auf Nordafrika von „einer Transformation der religiösen Haltung“, es geht – endlich – um Selbstbestimmung, also ansatzweise um Menschenrechte.
Dabei weiß er genau, wie umstritten diese Ansätze sind. Die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ von 1990 wurde noch nicht revidiert. Diesem Dokument zufolge können die Rechte und Freiheiten des einzelnen nicht universell gelten, sie sind vielmehr der Scharia unterworfen.
Religiöse Kategorien begrenzen die Geltung der Menschrechte: Dies ist auch die Rechtsauffassung der katholischen Kirche. Wie im Islam wird die „Würde des Menschen“ einzig von Gott hergeleitet. Ohne einen ausdrücklichen Gottes Bezug kann es keine Menschenrechte geben, darin stimmen islamische und römische Texte überein. Gleichlautend wird die Überzeugung verbreitet, „der Mensch könne ohne die Offenbarung Gottes nicht den besten Weg des Lebens beschreiten“. Diese Lehre kann aber nur Menschen überzeugen, die bereits an Gott glauben. In ihrer inneren Verfasstheit haben die universalen Menschenrechte nicht das letzte Wort. Der „Codex“, das offizielle Gesetzbuch von 1983, bietet viele Beispiele. Wenn Gläubige von der zuständigen Autorität vor Gericht gezogen werden, haben sie auch „Anrecht auf ein Urteil, das nach Recht und Billigkeit gefällt wird“, so § 221, 3. Von Verteidigung und unabhängigen Richtern ist keine Rede. Denn „der kirchlichen Autorität steht es zu, die Ausübung der Rechte, die den Gläubigen eigen sind, zu regeln“, § 223, 2. Der Begriff „Demokratie“ kommt im offiziellen Katechismus von 1993 nicht vor. Demokratie und Menschenrechte sind Produkte der Vernunft. Aber der menschlichen Erkenntnis misstraut die Kirche entschieden. Führung und Gehorsam sollen gelten, nicht Autonomie und Freiheit. Es ist bekannt, dass die Päpste unmittelbar nach der amerikanischen und der französischen Menschenrechtserklärung, also ab 1791, in langen Hasstiraden diese „schlimmsten Übel“ verurteilten. Erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil wurde diese Polemik aufgegeben Aber nun behauptet die Kirche, an der Bildung der Menschenrechte beteiligt gewesen zu sein… Wenn heute Laien und Priester politisch zugunsten der Menschenrechte eintreten, etwa in Lateinamerika und Afrika, bleibt bei aller Anerkennung ihres Engagements die Frage: Wie können sie die Menschenrechte als politisch absolut richtig und gottgewollt vertreten, wenn sie in der eigenen Kirche nicht gelten? Wie kann die Kirche ernsthaft behaupten, die Menschenrechte hätten nichts mit der angeblich göttlichen Ordnung der Kirche zu tun? Wie viel Machtideologie ist da immer noch lebendig? Wie lange nehmen Katholiken diese Situation hin?
Die universalen Menschenrechte, als lebendiger Prozess verstanden, werden erst dann weltweit praktisch von sehr vielen Menschen respektiert werden, wenn politische Willkürregime verschwinden und religiöse Führer die Grenzen ihrer Kompetenz anerkennen. Aber: Das Wichtigste ist getan! Die Menschenrechtserklärung der UNO wird niemand mehr aus den Herzen der Menschen vertreiben können.



Proteste zum Papstbesuch

29. Juni 2011 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Proteste zum Papstbesuch
Priester in Madrid kritisieren den Weltjugendtag und den Papstbesuch
Von Christian Modehn

Im religionsphilosophischen Salon werden die Diskussionen über die konsequente Trennung von Kirche und Staat mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Das ist ein Erbe der philosophischen Aufklärung, das niemals vergessen werden darf, so meinen es viele Teilnehmer unserer Salons. In einer multireligiösen Gesellschaft ist die konsequente Trennung von Kirche und Staat zudem der beste Weg für ein respektvolles Miteinander. Dass auch Jesus sich den Herrschern niemals andiente oder von ihnen finanziell profitierte, dürfte unter bibelfesten Kreisen ohnehin bekannt sein.
In Spanien melden sich jetzt 120 Priester aus dem Erzbistum Madrid zu Wort. Sie kritisieren öffentlich und ohne Angst die hohen Unkosten, die der katholische Weltjugendtag in Madrid (vom 16. bis 21. August 2011) verursachen wird. Mindestens 50 Millionen Euro soll das Treffen mit dem Papst kosten, etwa 25 Millionen will der spanische Staat zur Verfügung stellen. Das berichten verschiedene spanische Tageszeitungen und etwa auch die Amsterdamer Tageszeitung Trouw vom 24. 6. 2011. Dieser Protest gegen die hohen Kosten wie gegen die einseitig spirituelle Dimension de Weltjugendtage erscheint sehr bemerkenswert: Katholische Priester in Madrid haben den Mut zu öffentlicher Papst – und Kirchenkritik, solches wäre wohl in Deutschland, dem Land der Angst, kaum vorstellbar. Rafael Rojo und Eubilio Rodriguez, beide Pfarrer in Madrid, haben in Interviews mit den großen Tageszeitungen ihr Anliegen deutlich gemacht. Wir werden sehen, wann sie ihres Amtes enthoben werden…
In einem eigenständigen Dokument zeigen die Priester, die zum „Foro curas de Madrid“ gehören: Der Kardinal von Madrid, Antonio Rouco Varela, hat Sponsoren für das internationale Jugend – Treffen in Kreisen der allmächtigen Banken und Konzerne gesucht und gefunden. Die Chefetagen geben sich gern religiös generös. Dabei wissen die meisten kritischen Spanier, dass die falsche Finanzpolitik, das Verhalten der Banken vor allem, die tiefe ökonomische un soziale Krise Spaniens mit verursacht hat. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Spanien bei über 40 %. Das Dokument der Priester, eine Studie politischer Theologie, konkret, voller Fakten und nicht allgemein und ausgewogen, wie in Kirchenkreisen anderer Länder üblich, ist nachzulesen in der empfehlenswerten website www.atrio.org. Der Titel dieses Dokuments: „Die Mäzene von Rouco“, „Los Mecenas de Rouco“.
Darüber hinaus gibt es ein Bündnis von 45 Vereinen, die gegen die hohen staatlichen Zuschüsse zu dem religiösen Treffen protestieren und entsprechende Demonstrationen im Umfeld des Papstbesuches planen. . Dazu gehören die Basisgemeinen, religionskritische Kreise wie die Freidenker und die Vereine der Lesben und Schwulen und linke politische Organisationen. Sie meinen, es sei mit der Trennung von Kirche und Staat unvereinbar, dass der Staat mit ca 25 Millionen das religiöse Treffen finanziert. Der Sprecher der katholischen Weltjugendtage behauptet hingegen, die Kosten würden von den „Pilgern“ erbracht und eben von den Spendern aus der Finanzwelt.
Die Madrider Priester schreiben: „Die Weltjugendtage sind kein geeignetes Mittel für die so genannte Jugendpastoral. Viele Jugendliche sehen die Kirche als veraltet, mit Privilegien von Geld und Macht, sie bietet keine gültige Antwort mehr für ihr Leben. Man kann nicht die Botschaft des Evangeliums in einem Bündnis mit der Ökonomie und der Politik stark machen. Das verstärkt nur das Image, die Kirche sei eine privilegierte Organisation, die nahe bei der Macht steht“.
Nebenbei: In vielen spanischen Städten finden seit Mitte Mai 2011 sozusagen ständig öffentliche Weltjugendtage statt: Junge Menschen diskutieren auf großen Plätzen über die Zukunft ihres Landes, über die Zukunft Europas über eine gerechte Welt… Es sind jene zumeist nicht konfessionell gebundenen jungen Leute, darunter viele Akademiker, die für sich selbst als Arbeitslose und „Vergessene“ eine bessere Zukunft erwarten. Man darf gespannt sein, wie die jungen Leute des päpstlichen Weltjugendtages im August aus den Kreisen des Opus Dei, der Legionäre Christi, der Charismatiker, der Neokatechumenalen mit diesen jungen Menschen eines ganz anderen Weltjugendtreffens zusammenkommen. Den 120 Pfarrern in Madrid ist klar: Das Weltjugendtreffen wird eine Heerschau extrem konservativer Katholiken sein. Und Nonnen, so wird berichtet, müssen in diesen Tagen in Madrid wieder ihren klassischen Habit tragen, den sie seit dem Konzil in den Schrank gehängt haben. Auch über die Kleiderordnung soll die dogmatische Einheitlichkeit Ausdruck finden. copyright:christian modehn.



“Museum des Widerstandes” in Santo Domingo eröffnet

1. Juni 2011 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

Endlich gibt es in Santo Domingo, der Hauptstadt dee Dominikanischen Republik, ein Museum des Widerstandes. Es sollte auch in alle “Touristen” – Führungen einbezogen werden.
Es hat eine interessante und vielseitige website: www.museodelaresistencia.org/ es bietet viele Informationen, man wird neugierig sein, wie andere “Widerstandsmuseen” weltweit mit dieser Gedenkstätte an die Diktatur Trujillos, ermordet am 30. Mai 1961, zusammenarbeiten werden.
In unserer website www.religionsphilosophischer-salon.de gibt es einen ausführlichen Beitrag über die unsägliche Rolle der katholischen Kirchenführung während der Diktatur, bis zum Jahr 1960…



Die Bergpredigt Jesu: Radikal und kompromißlos

31. Mai 2011 | Von | Kategorie: Befreiung, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Am 1. Juni wird der Evangelische Kirchentag in Dresden eröffnet, er verweist in seinem Motto auf die Bergpredigt Jesu. Für den “Religionsphilosophischen Salon” ein Anlaß, auf diesen wichtigen Text der Spiritualität hinzuweisen, de folgende Beitrag ist eine Radiosendung für den NDR, gesendet am 29.Mai 2011. Die Struktur des Textes folgt der für Rundfunkporduktionen üblichen Form. copyright: christian modehn

Radikal und kompromisslos
Die Bergpredigt – eine Ethik für heute?
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator

21 O TÖNE

20. O TON, 0 29“. Zechmeister
Wenn Evangelium auf Zukunft hin vitale Kraft sein soll, dann heißt das: Abschied von diesen Machtansprüchen.. Worum geht es? Zu leben wie dieser Jesus gelebt hat. Eine Lehre hat keinen anderen Sinn, als zur Nachfolge anzustiften. Und das ist das Atemberaubende: In diesem Menschen ist Gott da. Und genau dieses Wunder radikaler Menschlichkeit, in der das Göttliche präsent ist, das gilt es fortzusetzen und nichts anderes.

1. SPR.:
Martha Zechmeister ist eine „radikale Theologin“. Für sie stehen die Weisungen des authentischen, des historischen Jesus von Nazareth im Mittelpunkt christlichen Lebens. Und diese Lehren Jesu, des Propheten und Messias, konzentrieren sich einzig auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Diese Haltung nannten schon Zeitgenossen Jesu radikal. Martha Zechmeister arbeitet als Professorin für Katholische Theologie an der Universität Passau; seit vielen Jahren besucht sie die Basisgemeinden der Armen im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Im Eintreten für die Menschenrechte entsteht dort die Theologie der Befreiung: „Christliche Erlösung“ soll als Gerechtigkeit für alle, auch für die Armen, in der Gesellschaft leibhaftig und materiell spürbar werden. Diese Forderungen entsprechen den zentralen Weisungen Jesu, wie sie in der Bergpredigt überliefert sind. In einer neuen authentischen Übersetzung des evangelischen Theologen Klaus Wengst aus Bochum heißt es unter anderem:

2. SPR.:
Glücklich, die bei den Bettelarmen stehen: Ihnen gehört das Himmelreich.
Glücklich die Klagenden: Sie werden getröstet werden!
Glücklich die Gewaltfreien: Sie werden das Land erben!
Glücklich, die sich erbarmen: Ihrer wird sich erbarmt werden!
Glücklich, die Frieden machen: Sie werden Söhne und Töchter Gottes heißen!

1. SPR.:
In der „Berg – Predigt“ sind die wichtigsten Weisungen Jesu zur Ethik und zur Frömmigkeit zusammengefasst. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus seine Rede auf einem Berg sprechen; so kann er ihn mit Moses vergleichen: Auch der Befreier Israels hat von Gott auf einem Berg die ethischen Weisungen, die Zehn Gebote, empfangen. Bibelwissenschaftler wehren sich heute aber gegen den Titel „Berg -PREDIGT“, weil er die Vorstellung von erbaulicher, sanfter oder gar beruhigender Rede fördert. Anstelle von Berg – Predigt sollte darum treffender von „Weisungen Jesu“ gesprochen werden. Aber bis sich dieser treffendere Begriff durchgesetzt hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen…Einer Meinung sind jedoch die Theologen in der grundlegenden Einschätzung der Bergpredigt, die der flämische Theologe Edward Schillebeeckx (sprich S-ch -illebeehks) auf den Punkt bringt:

2. SPR.:
Jesus spricht in der Bergpredigt von nichts Geringerem als vom Umsturz bestehender Verhältnisse.

1.SPR.
Wer sich auf diese Weisungen tatsächlich einlässt, wird ein neuer Mensch, berichtet der holländische Theologe Herman Verbeek. Er hat in den Niederlanden als Priester die ökologische Bewegung und die Partei der Grünen mit aufgebaut, er hat die Friedensbewegung in den 1980 Jahren mobilisiert; heute fördert er die ökumenische Basisbewegung. In diesem engagierten Leben hat er entdeckt: Der Geist der Bergpredigt hat sehr viel mit Mystik zu tun:

17. O TON, 0 47“, Verbeek
Ich sage immer: Nachfolge ist so schwierig, dass man lieber flüchtet in Glauben, in Religion, in Götter. Mystik ist meines Erachtens immer Abweisen von Göttern. Enthüllen, wo Götter die Macht haben. Die modernen Götter sind ja Geld, Macht, Leistung. Wachstum, Luxus, Materialismus, Hedonismus, alles, was freier Markt bietet, und diese Götter haben ihre eigene Religion natürlich. Also Mystik ist für mich nicht Flucht in innere Emigration, nie ein „Seelenhaus“. Aber es ist Widerstand.

1. SPR.:
Den falschen Göttern Widerstand leisten: Darüber wird wohl auch beim 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag heftig diskutiert werden. Das Treffen der Protestanten in Dresden beginnt am Mittwoch; es steht unter dem Motto eines recht knappen Zitates aus der Bergpredigt:

2. SPR.:
…da wird auch dein Herz sein.. .

1. SPR.:
Das Kirchentagsmotto bezieht sich auf eine Weisung Jesu der Bergpredigt:

2. SPR.:
Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Würmer sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

1.SPR.:
Im Denken der biblischen Autoren ist das „Herz“ DAS Symbol für die menschliche Person überhaupt. Zeitgemäß übersetzt könnte der Satz aus der Bergpredigt also heißen:

2. SPR.:
Sag mir, woran dein Herz letztlich hängt. Und ich sag dir, wer du bist.

1. SPR.:
Das Motto des Kirchentages könnte also gewisse Erschütterungen und Irritationen unter den Christen und ihren Gemeinden auslösen, meint der eher nüchtern argumentierende Bibelwissenschaftler Bernd Kollmann von der Universität Siegen:

16. O TON, 0 38“, Kollmann
Diese Stelle steht ja im Kontext der Mahnungen Jesu, nicht nach irdischen Schätzen, sondern nach Schätzen im Himmel zu streben, und dieses Jesus Wort ist natürlich in unserer von Geld und materiellen Dingen beherrschten Welt aktueller denn je. Ich glaube, es spüren sehr viele Menschen in unserer Zeit, dass materielle Dinge nicht immer nur glücklicher machen, sondern dass es noch mehr gibt im Leben, auf das es ankommt. Und das wird in diesen Bergpredigt Mahnungen Jesu sehr schön zum Ausdruck gebracht.

1. SPR.:
Auch der Reformator Martin Luther ließ sich von dieser Weisung der Bergpredigt inspirieren:

2. SPR.:
Wenn jemand nur ans Geld denkt, dann ist das seine Freude und sein Trost. Dann ist das Geld, alles in allem, sein Gott.

1.SPR.:
Die Texte des Neuen Testaments sind Ausdruck des Glaubens der ersten christlichen Gemeinden. Auch die Worte Jesu sind bereits von den ersten Christen geformt und geprägt. Bei der Bergpredigt aber verhält es sich doch etwas anders, betont Bernd Kollmann:

13. O TON, 0 44“, Kollmann
Die Bergpredigt ist fast durchweg Verkündigung des historischen Jesus, sie beinhaltet die radikale Ethik Jesu und ist von daher so etwas wie das Herzstück der Lehre Jesu. Die Bergpredigt in der jetzigen Form stellt eine Komposition des Evangelisten Matthäus dar. Wir müssen uns also von der Vorstellung verabschieden, dass Jesus all das, was wir in Matthäus 5 bis 7 bis lesen können, am Stück auf einem Berg am See Genezareth gepredigt hätte. Aber was Matthäus dort in dieser Bergpredigt versammelt an Jesusüberlieferungen, das ist ganz hochgradig die radikale Ethik Jesu.

1.SPR.:
Auch der Evangelist Lukas hat zahlreiche Weisungen der Bergpredigt überliefert. In seinem Text preist Jesus die diskriminierten Armen, also die materiell Bedürftigen, selig. Der Evangelist Matthäus hat diese ältere Fassung bereits etwas abgeschwächt, so die Beobachtung des Bibelwissenschaftlers Bernd Kollmann:

15. O TON, 1 13“, Kollmann
Es zeigt sich insbesondere bei Matthäus, dass die frühen christlichen Gemeinden Schwierigkeiten hatten, mit dieser Radikalität im Alltag tatsächlich umzugehen. Deswegen finden wir hier bereits Einschränkungen oder Abstriche bei Matthäus in der Form, dass manches, was von Jesus selbst noch wörtlich gemeint war, sozusagen auf eine metaphorische Ebene gehoben wird, indem nicht die tatsächlich Armen, sondern die Armen im Geiste selig gepriesen werden, nicht die tatsächlich Hungernden, sondern die die nach Gerechtigkeit hungern, selig gepriesen werden. Und man kann das auch beim Verbot der Ehescheidung sehen, in den älteren Jesus Überlieferungen im Neuen Testament können wir erkennen, dass Jesus die Ehescheidung ohne Wenn und Aber verboten hat. In der matthäischen Gemeinde wird bereits eine Einschränkung vorgenommen, indem die Worte „außer bei Unzucht“ eingefügt werden. d.h. in der matthäischen Gemeinde wird hier bereits eine Ausnahme von der radikalen Ethik Jesu vorgenommen.

1.SPR.:
Im 4. Jahrhundert hat der römische Kaiser Konstantin die Kirche offiziell zur Stütze der staatlichen Ordnung erklärt. Radikale, gar umstürzlerische Worte zugunsten der Armen konnten sich Päpste und Bischöfe fortan nicht mehr erlauben. Sie waren ja Staatsbeamte und profitierten von allen materiellen Gunsterweisen der Herrscher. Nur noch einige kleine christliche Gruppen hielten an einer „absoluten Hochschätzung“ der Bergpredigt fest. So etwa im 13. Jahrhundert die protestantischen Waldenser oder die frühe Bewegung der Franziskaner. Ihr Gründer, Franz von Assisi, wollte im Sinne der Bergpredigt in völliger Besitzlosigkeit leben. All sein Hab und Gut verteilte er den Armen und vertraute darauf, dass andere Menschen ihm die lebensnotwendige Nahrung schenken. Der großen Masse der Christen wurde es von der Kirchenführung nahe gelegt zu glauben: die Bergpredigt tauge nichts zur Gestaltung des Alltags; sie sei eine Art existentieller Überforderung. Selbst Martin Luther hat diese Überzeugung verbreitet, berichtet Bernd Kollmann:

14. O TON, 0 32“, Kollmann
Jesus gibt uns auch heute sozusagen noch ein Ziel an, und wir müssen uns auf den Weg zu diesem Ziel machen. Es gehört dann aber auch zu den Erfahrungen in der Nachfolge Jesu hinzu, hier ein Stückweit zu scheitern, was auch die lutherische Bergpredigt Auslegung stark betont, dass wir im Scheitern an diesen radikalen Forderungen Jesu auch natürlich unsere eigene Unzulänglichkeit erkennen können.

1. SPR.:
Von einigen wenigen zeitgenössischen prominenten Führern der Kirche abgesehen, wie Pastor Martin Luther King oder Erzbischof Helder Camara von Brasilien, sind es auch heute nur kleine Gruppen an der Basis, die sich vom Geist der Bergpredigt auch in politischen Aktionen leiten lassen. Dazu gehört zum Beispiel der „Internationale Versöhnungsbund“, eine weltweit engagierte Friedensbewegung. Ehrenpräsidentin ist die Theologin und Philosophin Hildegard Goss – Mayr in Wien:

3. O TON, 0 54“, Goss Mayr,
Ich muss auch sagen, dass unsere Erfahrung in den 50 Jahren, in denen ich Friedensarbeit geleistet habe, doch immer die war, dass wir als Laien in der Kirche die Pioniere sein mussten, um der Gewaltfreiheit zum Durchbruch zu helfen. Ich denke z.B. an die Wende in der DDR. Dahinter standen engagierte Laien, evangelische vor allem. Oder ich denke an die Philippinen, wo ein Grossteil der Kirchenführung auf der Seite des Diktators gestanden ist. Aber durch das Engagement der Laien auch Kardinal Sin z.B. zum Umdenken gebracht wurde und so die Kirchenführer dann letztlich eine wichtige Rolle spielen konnten, dass die Diktatur wirklich überwunden wurde.

1. SPR.:
Hildegard Goss – Mayr ist vor kurzem zwar 81 Jahre alt geworden; sie versteht sich immer noch als „aktive Kämpferin“ für die Gewaltfreiheit im Sinne der Bergpredigt:

1. O TON, 0 28“. Goss Mayr
Ich glaube , dass das Herzstück in meinem Verständnis der Gewaltfreiheit ist die Gewaltfreiheit Gottes, wie sie sich in Jesus darstellt. Ich glaube, man muss sehen, dass ein langer Weg zurückgelegt wurde, bis man erkannt hat, dass Gott gewaltfrei ist, und dass er uns diesen Weg aufzeigt, um das Unheil in der Menschheit zu überwinden.

1. SPR.:
Zusammen mit ihrem Mann, dem Franzosen Jean Goss, hat sie seit 1955 in zahllosen Konferenzen in vielen Ländern der Erde immer wieder die zentrale Weisung der Bergpredigt deutlich machen wollen:

2. SPR.:
Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

1. SPR.:
Diese Weisung sollte niemand naiv oder utopisch finden, meint Hildegard Goss – Mayr:

2. O TON, 0 34“, Goss Mayr
Das Hinhalten der anderen Wange bedeutet ja nicht Passivität und Unterwerfung, sondern es bedeutet Widerstand, also die andere Wange hinzuhalten, Widerstand zu leisten aus der Kraft der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe. Jesus tut das ganz persönlich: Wie er geohrfeigt wird vom Knecht des Hohen Priesters, sagt er: Warum schlägst du mich? Wenn ich unrecht getan habe, dann beweise es; aber wenn nicht: werde ein neuer Mensch.

1. SPR.:
Der Übeltäter soll durch das Bloßstellen seiner gewaltsamen Aktionen erkennen, wie er sich selbst mit seinem Tun schädigt, wie sehr er seinen Geist verwirrt und seine Seele vergiftet. Die gewaltfreien Aktionen setzen also Einsicht und Vernunft beim Aggressor voraus; sie verteufeln ihn nicht, machen ihn nicht zu einem Unmenschen. Allerdings: Wenn gewaltfreie Aktionen, wie Boykotts oder Streiks, erfolgreich sein sollen, müssen sie gut eingeübt und vorbereitet werden:

6. O TON, 0 21“. Goss – Mayr.
Wir müssten immer die ersten sein, die ein Unrecht aufdecken und nicht warten, bis es eskaliert ist zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Je früher man eine Unrechtssituation aufdeckt und sie bearbeitet, desto größer ist die Chance, dass es geling, eine friedliche Lösung herbeizuführen.

1. SPR.:
Im ostafrikanischen Staat Ruanda war es dem Internationalen Versöhnungsbund trotz intensiven Bemühens nicht gelungen, die verfeindeten Völker der Hutus und Tutsi vom Morden abzuhalten. In einem der größten Völkermorde der jüngsten Geschichte wurden von April bis Juli 1994 etwa eine Million Menschen zum Teil bestialisch umgebracht. Die Gerichtsprozesse gegen die schlimmsten Massenmörder haben längst begonnen. Seit einiger Zeit bemüht sich der Versöhnungsbund an der Basis, in den Dörfern und kleinen Städten, einst verfeindete Menschen wenigstens wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.

5. O TON, 1 01“, Goss – Mayr
Ich habe das ganz hautnah erlebt zwischen Hutus und Tutsis in Ruanda, wo wir dann langsam versuchen durch einen Prozess des Aufeinander- Hörens zunächst mal dem anderen die Möglichkeit gibt sich auszusprechen in einem kleinen Kreis. Wo diese Person spürt, dass sie angenommen ist, dass sie geachtet wird.
Das bedeutet auch dem Gegner gegenüber eine neue Haltung einzunehmen. Vergeben heißt dem anderen die Chance zu einem neuen Leben geben. Ich muss sagen, da haben die Frauen eine ganz enorme Rolle gespielt, weil sie die ersten waren, die Waisenkinder, gleichgültig welcher etnischen Gruppe in ihre Familie aufgenommen haben und so die Mauer der Vorurteile durchbrochen haben der Vorurteile und so eine Basis geschaffen haben, dass langsam ein Dialog möglich ist.

1. SPR.:
Spirituelle Menschen aller Religionen ließen sich schon immer vom Geist der Bergpredigt inspirieren, in Indien etwa der Philosoph Jiddu Krishnamurti oder der Politiker Mahatma Gandhi. Er hat erklärt:

2. SPR.:
Wenn da nur die Bergpredigt und meine eigene Interpretation dazu wären, würde ich nicht zögern zu sagen: O ja, ich bin ein Christ. Leider ist aber viel, was unter dem Namen Christentum läuft, eine Negation der Bergpredigt. Jesus besaß eine große Kraft, die Kraft der Liebe. Seine Lehre aber wurde entstellt, als das Christentum seinen Weg nach Westen nahm. Es wurde die Religion der Herrscher…

1. SPR.:
Im Buddhismus schätzen nicht nur einzelne Meister, wie Thich Nhat Hanh oder der Dalai Lama, die Bergpredigt. Vor allem ist die grundlegende spirituelle Verwandtschaft von Buddha und Jesus offenkundig, etwa wenn der Buddha –fast wie in den Worten Jesu -erklärt:

2. SPR.:
Noch nie in dieser Welt hat Hass gestillt den Hass.
Nur liebende Güte stillt den Hass, dies ist das ewige Gesetz.

1.SPR.:
Und wenn Jesus in der Bergpredigt warnt, sich niemals richtend über andere Menschen zu erheben, gibt es auch Entsprechungen im Buddhismus, betont die katholische Theologin Katharina Ceming aus Augsburg:

9. O TON, 0 17“, Ceming.
Genau diese Idee ist auch bei Buddha; dieses Abstandnehmen von eigenen Konzepten und Vorstellungen, von Vorurteilen, die eben dazu führen, meine eigene Sicht der Wirklichkeit, die immer nur eine ausschnittweise ist, über alles drüber zustülpen und zum Maß aller Dinge zu machen.

1. SPR.:
Die großen religiösen Meister entwickeln also unabhängig von einander sehr verwandte ethische Weisungen. Die Bergpredigt Jesu steht also nicht wie ein „isolierter Text“ in der Fülle religiöser Literatur:

10. O TON, 0 35“, Ceming
In der Struktur des Menschen ist doch sehr viel mehr an Ähnlichkeit grundgelegt als wir das gerne glauben. Die jüdische – christliche Tradition in ihrer frühen Phase und die buddhistische sind natürlich ganz Denksysteme. Aber wenn wir die wirklichen ethischen Entwürfe, so wie wir sie von Jesus aus der Bergpredigt kennen und wenn wir anschauen, was Buddha hat, basiert es auf einem sehr ähnlichen Menschenbild. Das ist eben auch ein Element, wo Buddha und Jesu sehr eng beieinander stehen, dass sie zeigen, dass der Mensch eigentlich ein bedeutend größeres Potential hat als er alltäglich meint zu haben.

1.SPR.:
Das ist entscheidend: Buddha wie auch Jesus halten die lebens – bejahenden Energien des Menschen für stärker als die negativen, die „bösen“ Tendenzen:

7. O TON, 0 57“. Ceming
Das jesuanische Menschenbild war ein äußerst positives, war das von Buddha auch. Das war nicht ein Menschenbild, das geglaubt hat, der Mensch sich nicht ändern könne. Die in der christlichen Tradition leider durch Augustinus eingetretene Bewertung des Menschen als Sünder, der niemals mehr irgendwie aus eigener Kraft etwas verändern kann, das ist definitiv nicht jesuanische Sicht des Menschen. Also er war überzeugt, da ist ein großes Potential, und das war für Buddha auch. Und ich denke, das ist eben auch das Heilsame an diesen beiden Lehren, dass sie dem Menschen viel mehr zu trauen, als was er selbst im ersten Moment glaubt, was in ihm steckt. Das ist ein Element, wo Buddha und Jesu sehr eng beieinander stehen, dass sie zeigen, dass der Mensch eigentlich ein bedeutend größeres Potential hat als er alltäglich meint zu haben.

1. SPR.:
Aber kann die Bergpredigt, als religiös fundierte Ethik, für alle Menschen, auch für Nichtglaubende, Atheisten und Konfessionslose, Orientierung werden und Norm sein? Darüber wird seit dem 17. Jahrhundert unter Philosophen und Ethikern heftig gestritten. Die Erkenntnis hat sich inzwischen durchgesetzt: Eine religiös begründete Moral kann niemals universale Gültigkeit für alle haben. Darum gilt die Erkenntnis Immanuel Kants: Eine für alle Menschen vernünftig begründete Ethik kann nur die Philosophie leisten, nicht die Theologie oder die religiöse Moral. Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, erläutert diese Einsicht:

18. O TON, 0 38“, Bongardt.
Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es ist von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.

. . . . . . . Kürzungsmöglichkeit, entweder ganz oder in Teilstücken machbar. . . . . . .

1. SPR.:
In seinem Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ wird Kant noch deutlicher, betont der Philosoph Herbert Schnädelbach:

1. SPR.:
19. O TON, 0 22“, Schnädelbach
Was jetzt die Religion betrifft, also die gelebte Religion, da hat er ja in der Religionsschrift gesagt: Alles, was daran zu retten ist, können wir nur verstehen als Anhang zur Moralphilosophie. Er sagt eben, alles, was wir glauben tun zu können, um gottgefällig zu sein, außer dass wir moralisch leben, das ist alles Abgötterei und Aberglaube.

1.SPR.:
Vertreter der Kirchen und die Theologen weisen aber darauf hin, dass es durchaus inhaltliche Verbindungen gibt zwischen religiöser und philosophisch begründeter Ethik . So seien die Menschenrechte vom Geist des Christentums beeinflusst, meint der evangelische Theologe Fernando aus Hamburg:

11. O TON, 0 36“, ENNS
Die Kirche wird eigentlich tatsächlich, wenn sie Mission im Sinne Jesu Christi machen will, immer für Menschenrechte einstehen, weil wir von unserem Glauben her argumentieren für den Schutz der Menschenrechte. Für uns sind die Menschenrechte nicht einfach eine humanistische Idee, die auf freiheitlich – demokratischen Grundordnungen basiert und deshalb zu schützen wären. Sondern sie basiert ganz elementar auf der Menschenwürde, die jedem einzelnen, jeder einzelnen, von Gott zugesagt ist, also dieses Geschaffensein nach dem Bilde Gottes, das gilt für alle Menschen und nicht nur für diejenigen, die getauft sind.

. . . . . . . . . Kürzungsmöglichkeit Ende . . . . . . . . . .

1. SPR.:
Angesichts des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus heute kommt es vor allem darauf an, dass Mitglieder aller unterschiedlichen Religionen zuerst einmal der allgemeinen vernünftigen Ethik folgen. Denn sie verbindet die Menschen untereinander. Für Christen gebe es aber darüber hinaus jedoch noch mehr als diese „humanistische Basis – Ethik“, betont der Theologe Fernando Enns von der Universität Hamburg:

12. O TON, 0 48“. ENNS:
Das Besondere der jesuanischen Ethik würde ich doch darin erkennen wollen, dass sie nicht allein einer Vernunftethik folgt und nicht allein dem politischen Kalkül alles zutraut. D. h dass ich im Sinne einer jesuanischen Ethik tatsächlich auch bereit bin, über die eigenen Grenzen hinauszugehen, nicht nur den Nächsten zu lieben, sondern tatsächlich auch eine Feindesliebe zu praktizieren. Das widerspricht ja zunächst einmal einem politischen Kalkül. Und da kann man aber genau erkennen, wo das Weitergehen einer jesuanischen Ethik oder einer christlichen Ethik liegen würde. Sich diesem größeren Kontext zur Verfügung zu halten, im Sinne der Feindesliebe, der Gewaltlosigkeit, all das dann zu praktizieren, das ist noch mal sehr viel radikaler als es eine Vernunft Ethik allein tun würde.

1.SPR.:
Aber müssen religiöse Menschen tatsächlich ihre spezifischen, ihre „einmaligen“ ethischen Weisungen so deutlich herausstellen? Können sie nicht in einer erneuerten Theologie zeigen, dass die Botschaft der Bergpredigt für alle Menschen lebbar ist, als eine heilsame Lehre für die ganze Welt? Der Theologe und Meditationsleiter Willigis Jäger macht einen Vorschlag:

21. O TON, 0 41“, Willigis Jäger
Die erste Säule ist Erkenntnis, dass wir eins sind mit allen Wesen. Und die zweite Säule: Aus dieser Einheit fließt die Liebe zu allen. Aber nicht, weil mir einer sagt, du sollst, den anderen lieben. Sondern weil ich ihn erfahre als einen Teil von mir. Wenn ich den Schmerz des anderen als meinen Schmerz erfahre, dann brauche ich nicht mehr zu sagen, helfe ihm. Und wenn du über den anderen schlecht redest, redest du über dich. Von hier leitet sich für mich alle Ethik ab und alle soziale Verantwortung ab, aus dieser Einheitserfahrung, von der die Mystik immer und überall spricht.

1. SPR.:
Diese Perspektiven könnten tatsächlich für alle Menschen Gültigkeit haben; denn die Empathie und das Sich Hineinversetzen in den anderen können alle Menschen als ethische Basis anerkennen.
Die Kirchen werden nur glaubwürdig sein, wenn sie den radikalen Weisungen Jesu tatsächlich in der eigenen Praxis folgen; wenn selbst die Kirchenführer erkennen: Auch für sie selbst gelten die Seligpreisungen, z. B. Armut, Friedfertigkeit, Gewaltfreiheit. Darauf möchte die Friedensaktivistin Hildegard Goss – Mayr mit aller Entschiedenheit hinweisen:

4. O TON, 0 47“, Goss – Mayr,
Ich glaube also auch, dass wir diese Verbindung von Spiritualität und Praxis in der gesamten Kirche umsetzen. Dass wir Friedens – Erziehung oder Erziehung zur Gewaltfreiheit zu einem Kernstück der Katechese machen, sicher auch der Erwachsenen-, der Elternbildung, der Lehrebildung. Wir laufen ja wieder in Gefahr, eine auf das Individuum begrenzte Spiritualität, eine Beziehung Gott und Mensch, aufzubauen, die aber keine soziale keine Dimension hat, die keine politische Dimension der Veränderung der bestehenden Unrechtssituationen in sich trägt.

Literaturempfehlung
Klaus Wengst, Das Regierungsprogramm des Himmelreiches. Eine Auslegung der Bergpredigt in ihrem jüdischen Kontext. Kohlhammer Verlag 2010, 236 Seiten.

Katharina Ceming, Sorge dich nicht um morgen. Die Bergpredigt buddhistisch gelesen. Kösel Verlag, 2009, 156 Seiten.



Wenn die Kirche einen Tyrannen liebt: Ein Hinweis auf die Geschichte der Dominikanischen Republik

29. Mai 2011 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Als die katholische Kirche den Diktator verehrte
Vor 50 Jahren (am 30. Mai 1961) wurde Rafael Leonidas Trujillo, Dominikanische Republik, erschossen.
Von Christian Modehn. copyright: christian modehn.

Im Religionsphilosophischen Salon ist immer Raum für Religionskritik. Und manchmal reicht es aus, anlässlich von „Gedenktagen“ an Tatsachen und Zusammenhänge zu erinnern, die z.B. die enge Verquickung von diktatorischen Regimen mit den Religionen bzw. Kirchen aufzeigen. Etwa die äußerst freundschaftliche Beziehung zwischen der katholischen Hierarchie sowie den meisten Priestern in der Dominikanischen Republik mit dem Regime des Diktators Rafael Trujillo. Er beherrschte das Land von 1930 bis zu seiner Ermordung am 30. Mai 1961. Er wird in Publikationen aus der Dominikanischen Republik heute meist „Tyrann“ genannt, ein Titel, der an die übelsten römischen Willkürherrscher der Kaiserzeit erinnert… In dem dokumentarischen Roman von Vargas Llosa „Das Fest des Ziegenbocks“ wird anschaulich ein Eindruck geboten von den Lebensumständen zur Zeit des Diktators, vor allem in den letzten Wochen vor seinem Tod.

Die Erinnerung an Trujillo ist aus mehreren Gründen wichtig:
Viele Millionen Touristen haben die Dominikanische Republik in den letzten 30 Jahren besucht; die Kenntnis der Geschichte dieses Landes zu vertiefen scheint deswegen eine Notwendigkeit zu sein.
Für religionskritische Fragestellungen ist der Zusammenhang zwischen der Trujillo Diktatur und der Katholischen Kirche des Landes bzw. des Vatikans hoch aktuell, weil dort eine Art Musterbeispiel erlebt werden kann, wie die katholische Kirche bzw. der alles bestimmende Vatikan/Papst einen Diktator duldet und ihn sogar jubelnd unterstützt aus dem einzigen Grund, weil dieser sich finanziell äußerst großzügig gegenüber der Kirche als Institution verhält. Hinzukommt, dass in der Überzeugung, der Kommunismus sei der allerböseste Feind, die Lust gefördert wird, einen sich extrem antikommunistisch gebenden Tyrannen zu unterstützen.
So war der Katholizismus in der Dominikanischen Republik damals „doppelt“ gläubig; er glaubte an die Macht seiner immer weiter auszubauenden Institution – selbst mit Geldern des Tyrannen – und er glaubte, dass der Kommunismus der böse Feind sei.

Wir erinnern an einige Fakten:
Rafael Leonidas Trujillo Molina (geb. 1891) war unstrittig einer der extrem brutalen und in vielfacher Hinsicht „gerissenen“ Diktatoren Lateinamerikas; sein Geheimdienst und sein Spitzelwesen haben wahrscheinlich weitere Diktatoren inspiriert…Trujillo betrachtete die Dominikanische Republik als seinen Privatbesitz; die „demokratischen Institutionen“ waren nichts als Kulisse; Menschrechte galten nichts, Oppositionelle wurden verfolgt und bestialisch ermordet; der Diktator beanspruchte den „Zugriff“ auf jede Frau seiner Wahl; die Presse war gleichgeschaltet, das Volk musste diesem grausigen „Benefactor“, dem sich Wohltäter nennenden Herrscher, zujubeln; beinahe jeder Tag des Jahres war ein Gedenktag der Familie Trujillo, die Hauptstadt Santo Domingo wurde nach seinem Namen umbenannt.
Er war nicht nur ein Freund General Francos, sondern auch respektiert von westlichen Politikern, weil er dem Credo der Zeit entsprach, den Kommunismus als den teuflischen Feind schlechthin ausrotten zu wollen. US – amerikanische Politiker unterstützten ihn und er bot ihnen Unterstützung an. Kardinal Spellman (New York) lobte ihn öffentlich in höchsten Tönen. Mit dem Vatikan (Pius XII.) schloss Trujillo am 16. 6.1954 ein Konkordat, Papst Pius XII. empfing ihn persönlich; das Konkordat erklärte den Katholizismus zur offiziellen Religion. Vor dem Konkordatsabschluß im Vatikan hatte Trujillo seinen Freund Franco in Spanien besucht, dort erklärte er feierlich: Das dominikanische Volk gehöre zur spanischen Rasse, es sei dadurch zutiefst mit dem katholischen Europa verbunden. Damit grenzte er sich von den „Negern“ im Nachbarland Haiti ab. Dieser Rassismus, diese abgründige Verachtung der Schwarzen, wurde zur volkstümlichen nationalen Ideologie, die das Denken vieler Politiker und so genannter Eliten, aber auch des „einfachen Volkes“ dort bestimmt. So wird den in der Dominikanischen Republik geborenen Haitianern bis heute die gesetzlich zustehende dominikanische Staatsbürgerschaft nicht zuerkannt… „Noch immer kommt es vor, dass Kindern (haitianischer Eltern) in der Dominikanischen Republik die Taufe verweigert wird, damit nicht mit der Taufurkunde die Tür zur Staatsbürgerschaft geöffnet werden könnte“, schreibt Michael Huhn, ein Kenner der Verhältnisse.
Als Trujillo 1930 die Macht übernahm, war die katholische Kirche institutionell und personell äußerst schwach. Der Diktator förderte von Anfang an den Klerus, um im Land Schulen zu errichten; er brauchte die Kirche insgesamt, damit sie in Predigten und caritativen Projekten die Einheit der Nation fördere. Gerade im Grenzland zu Haiti (etwa in Dajabon) setzt er seit 1936 Jesuiten ein, damit sie die „spanische Kultur“ dort verteidigen gegen die ungebildeten „Neger“ im Nachbarland Haiti. Bezeichnenderweise hielt der Diktator dort am 2. Oktober 1937 die Rede, in der die „Bereinigung der Lage“ angekündigt wurde, einen Tag später begann der Massenmord an mindestens 18.000 Haitianern… Die Kirche in der Dominikanischen Republik „bedauerte diese Ereignisse und rief diffus zur Vergebung auf, „als ob nicht klar gewesen wäre, wer Opfer war und wer Täter“, schreibt der Kenner des Landes, der Mitarbeiter des katholischen Hilfswerks ADVENIAT Michael Huhn.
Trujillo ließ es sich nicht nehmen, jede große „kulturelle“ Propaganda – Festivität mit einem Segen des Klerus zu krönen. Er förderte den Bau eines Priesterseminars, „um einen Klerus heranzubilden, der den Kommunismus bekämpft“. Trujillo kümmerte sich persönlich um den Bau des neuen Marienwallfahrtsbasilika „Alta Gracia“ in Higüey, die allerdings erst 1971 eingeweiht wurde, aber er finanzierte den massiven Betonklotz (französischer Architekten), der heute noch von Touristen besichtigt, vor allem aber von frommen Katholiken aus der ganzen Karibik besucht wird.
Der Jesuit Oscar Robles Toledano, Vizerektor der Universität von Ciudad Trujillo und enger Vertrauter Trujillo, wurde 1953 sogar als Mitglied der dominikanischen Delegation zur UNO entsandt; Erzbischof Ricardo Pittini aus dem Salesianerorden (seit 1935 in Ciudad Trujillo) wagte es nie, eine Stimme des Protests in der Öffentlichkeit gegen das brutale Regime zu erheben. „Pittinis öffentliches Verhalten war von totaler Unterwerfung unter die Diktatur geprägt und darüber hinaus lobte er den Diktator öffentlich“, schreibt der Politologe Jesus de Galindez, er wurde nach der Veröffentlichung seiner kritischen Studien vom Diktator umgebracht…
Wer noch einen Rest Glauben sich bewahrt hatte, wurde von dem gleichgeschalteten Klerus enttäuscht.
Dass die Katholische Kirche heute im Land wenig enthusiastisch ist, keine Theologen der Befreiung kennt, rührt von dieser tiefen Entfremdung zwischen den Menschen und der Kirche aus dieser Zeit…
In dem Konkordat verpflichtete sich die Kirche, sonntags in jeder Messe zu beten: „Herr, schütze die Republik und seinen Präsidenten“ (Artikel 26, Protokoll). Katholischer Religionsunterricht wurde nun in allen Schulen obligatorisch; andererseits wurde es der Kirche zugestanden, aus eigener Entscheidung auch ausländische Priester ins Land zu holen. Dadurch hatte sie sich einen letzten Freiraum bewahrt.
Es waren ausländische Priester, Spanier und US Amerikaner, die dann 1960 massiv das Regime kritisierten. Der angeblich so fromme Diktator versuchte, die aufmüpfigen Bischöfe von La Vega und San Juan aus dem Wege zu schaffen. Sie hatten vor allem dafür gesorgt, dass am 25. Januar 1960 von den Kanzeln aller Kirchen ein Hirtenbrief verlesen wurde: Er erinnerte nach dreißig Jahren kirchlichen Schweigens an die Menschenrechte .“Obwohl die Regierung in dem Hirtenbrief mit keinem Satz erwähnt wurde, verstanden die Gläubigen die Kritik“, schreibt Michael Huhn. Als sich allerdings danach der Konflikt zuspitzte, bekamen sie es dann doch mit der Angst zu tun: In einem Brief vom 10. Januar 1961 boten sie dem Diktator als Versöhnungsgeste an, „die Priester aufzufordern, sich nicht weiter zu politischen Fragen zu äußern“, schreibt Michael Huhn, sofern dadurch die Attacken des Diktators auf den Klerus unterbleiben…Diese Ängstlichkeit konnten viele progressive Priester der Hierarchie kaum verzeihen…
Aber als dann nach der Ermordung des Tyrannen in freien Wahlen der eher linke Politiker und Schriftsteller Juan Bosch zum Präsidenten gewählt wurde, unternahm die Hierarchie alles, um ihn als kommunistische Gefahr zu diffamieren. “Noch mehr Ärgernis erregte, dass viele Priester ankündigten, allen Anhängern Juan Boschs die Absolution in der Beichte zu verweigern“, schreibt Michael Huhn…Der Schatten der Tyrannei bestimmte noch Jahre kirchliches Handeln. An einer „Aufarbeitung“ der Vergangenheit zeigt sich die Kirche kaum interessiert… Nach einer nur 8 Monate dauernden Regierungszeit wurde Juan Bosch, auch mit Hilfe des CIA, im September 1963 gestürzt. Ein alter Vertrauter des Tyrannen, Joaquin Balaguer, ein frommer Katholik und Antikommunist, übernahm dann viele Jahre die höchste politische Verantwortung…

30 Jahre lang hat die Kirche der Dominikanischen Republik geschwiegen; sie hat sich unter Trujillo recht wohl gefühlt, weil er den Klerus reich beschenkte, ständig neue Kirchen baute und kirchliche Bildungszentren finanzierte. Bei so viel Wohlwollen war die Kirche bereit zu schweigen, mehr noch: Entgegen aller sonst geltenden rigiden Moralvorstellungen drückten die Bischöfe alle Augen zu, wenn der Diktator seine dritte Ehe nach der Scheidung kirchlich feiern wollte. Und des Diktators unehelichen Kinder wurden kirchlicherseits nicht, wie damals sonst üblich, ausgegrenzt, sondern gefeiert.
Erst als sich weltweit die Stimmung gegen Trujillo drehte, zog die Kirche bzw. der Vatikan mit und entdeckte das Eintreten für die Menschenrechte (auf einmal) als göttliche Pflicht.
Ohne eine Revolution des Denkens, die ein Papst, in dem Fall Johannes XXIII., vollzieht und auch gegen Widerstände durchsetzt, ändert sich nichts Grundlegendes in der römischen Kirche weltweit…
Am 30. Mai 2011 wurde in der Altstadt von Santo Domingo endlich ein Museum eröffnet, das den Widerstand gegen die Trujillo Tyrannei dokumentiert. Es handelt sich um das “Museo Memorial de la resistencia dominicana”, es befindet sich in der Calle Arzobispo Nouel 210, und ist immer dienstags bis sonntags von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet; Luisa de Peña Díaz ist die Direktorin des Museums. Dort sind zahlreiche Dokumente des Widerstands gesammelt, es zeigt u.a. die berüchtigte Folterkammer “La 40″ in dem Gefängnis des Tyrannen, es bietet ein Verzeichnis von 50.000 Opfern aus dieser Zeit. Die dominikanische Regierung hat das Museum zusammen mit 5 privaten Stiftungen finanziert. 50 Jahre nach dem Tod Trujillos kann eine Zeit der kritischen Besinnung weiter gefördert werden. Ob die Rolle der Kirche dabei kritisch zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten.
Jedenfalls wurde eine staatliche Kommission gebildet, die bis zum Jahr 2012 verschiedene Veranstaltungen organisiert, um vor allem den Schülern und Studenten die Zeit der Tyrannei nahezubringen, “denn sie ist der Ausgangspunkt der dominikanischen Demokratie”, sagte Eduardo Diaz, der Präsident der “Stiftung 30. Mai”. Er sprach an dem “Monumento a los Heroes del 30 de Mayo”, und nannte den Tag der Auslöschung des Tyrannen “la noche luz”, “die Licht Nacht”.

Literaturhinweis:
Der Beitrag von Michael Huhn erschien in dem Buch „Kirche und Katholizismus seit 1945“, Band 6: Lateinamerika und Karbik, 2009, Schöningh Verlag, dort die Seiten 229 bis 247.

Jesús de Galindez, La era de Trujillo, Editorial Americana, Buenos Aires, 1958.
Der baskische Hochschullehrer Galindez wurde von Mitarbeitern Trujillos (in Zusammenarbeit mit dem CIA) in New York entführt, in Santo Domingo wurde er, der Oppositionelle, den Haien zum Fraß vorgeworfen. Er gilt noch heute als “verschwunden”. Manuel Vaszquez – Montalban hat über Galindo einen Roman verfasst.

Wir empfehlen außerdem den dokumentarischen Roman von Julia Alvarez, einer Dominikanerin, die in den USA lebt, über die vier Schwestern Mirabal, die sich dem Widerstand gegen Trujillo widmeten und dabei ihr Leben riskierten. Auf Deutsch erschienen im Piper Verlag. Nur eine der Schwestern überlebte den Widerstand. Der Titel: “Die Zeit der Schmetterlinge”.

Hulio Rodriguez Grullon, Trujillo y la Iglesia, Santo Domingo 1991

Jose R. Cordero Michel, Analisis de la era de Trujillo, Santo Domingo 1999.

Lauro Capdevilla, La dictatura de trujillo, Santo Domingo 2000. (aus dem Französischen übersetzt, dort bei l Harmattan).

Esteban Rosario, Iglesia catolica y oligarchia, Santiago de los Caballeros, 1991.



Haiti: Das uralte Gift des Rassismus

26. Januar 2010 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

Die Diskussionen – auch in unserem religionsphilosophischen Salon -  über HAITI gehen weiter.  Die Katastrophe dort hatte schon vor dem Erdbeben begonnen: Der Mangel an jeglicher Infrastruktur behindert heute die Rettung und Aufbauarbeit. Gibt es auch Gründe für dieses Disaster im Bereich der Mentalitäten?

Das uralte Gift des Rassismus: Was Haiti im Innern zerstört

Von Christian Modehn

Für ihre Befreiung aus der Sklaverei hatten sie wahnsinnigen Mut aufgebracht. Ohne strategische Erfahrung glaubten die Schwarzen an den Erfolg ihres Aufstandes. Sie hatten die Gunst der Stunde erkannt und die revolutionäre Entwicklung in Frankreich mit der Erklärung der Menschenrechte für sich selbst genutzt. Selbst gegen Napoléon konnten sie sich durchsetzen, im Kampf gab tausende von Toten auf beiden Seiten. Die Befreiung aus der jahrhundertealten blutigen Sklaverei gelang nur mit einem enormen „Blutbad“. Das hat sich in das Gedächtnis des Volkes tief eingegraben. Am 1. 1. 1804 wurde die erste Republik auf dem südamerikanischem Kontinent ausgerufen. Gedemütigte, wie Tiere behandelte schwarze Sklaven hatten sich selbst befreit. Für die meisten Europäer war dies eine enorme Erniedrigung. Die USA sprachen sich schon 1806 für einen Handelsboykott aus. Als sich die vertriebenen französischen Eigentümer der Zuckerrohrplantagen gemütlich in Paris niedergelassen hatten, präsentierte der französische Staat eine furchtbare Rechnung: Die junge Republik der Schwarzen musste 150 Millionen (damaliger) Francs, umgerechnet 21 Milliarden US Dollar,  als „Entschädigung“ zahlen. Eine maßlose Summe, Ausdruck rassistischen Denkens, so sollten die befreiten Sklaven nun ökonomisch erneut zu versklavt werden.

Dabei waren die Kolonisten bereits zu immensem Reichtum gekommen, Haiti galt weltweit als die lukrativste Kolonie überhaupt. Aber die neuen „freien“ Herrscher in Haiti waren so eingeschüchtert, dass sie treu und brav die Zahlungen der „Wiedergutmachung“ leisteten.

Haiti war als freie Republik revolutionärer Sklaven von Anfang an auch diplomatisch völlig isoliert. Kein Staat respektierte das Land. Simon Bolivar, der berühmte „Befreier“ Venezuelas und Kolumbiens, fand 1815 Zuflucht in Haiti, später durften ihm noch schwarze Soldaten in seiner Heimat zur Seite stehen. Aber bei zunehmendem Erfolg ließ selbst er Haiti fallen. Die USA fürchteten, die Sklaven im eigenen Land könnten sich an Haiti ein Beispiel nehmen. Auch der Vatikan hat fast 60 Jahre gewartet, ehe er die Republik der Schwarzen anerkannte, obwohl deren Politiker immer wieder um Nonnen und Priester zum Aufbau eines guten Schulwesens gebettelt hatten. Die schwarzen Politiker galten den Päpsten als „zu aufmüpfig“…

Die Befreier Haitis waren seelisch tief verwundet nach all den Jahren der Sklaverei. Und sie folgten dem Denkschema ihrer Herren: der  Unterscheidung zwischen Oben und Unten, zwischen wertvoll und minderwertig. Schwarze bekämpften die wenigen im Land verbliebenen, etwas besser gebildeten Mulatten, und die wiederum verachteten die „dummen Neger“. Dieses rassistisch geprägte Gegeneinander durchzieht die politische Geschichte Haitis bis heute.

Schon in den ersten Jahren war das Land gespalten: In der Republik im Süden regierten Mulatten, im Norden hatten Schwarze ein Kaiserreich geschaffen, mit den absurdesten Formen eines Hofstaates etwa unter Jacques I., Henri I. oder Faustin I. Dieser verübte unsägliche Massaker an Mulatten. Seinen Spuren folgte der Gewaltherrscher Francois Dauvailier, ein Schwarzer, der von seiner „Tropen SS“, den Tontons Macoutes, vor allem Mulatten tötete. Ein Grund für das klägliche Ende des ersten frei gewählten Präsidenten, des Armenpriester Aristide, ist sicher auch die Ablehnung, die er, der Schwarze, von der reichen Oberschicht der Mulatten erfuhr. Die hatten sich in Pétionville nahe der Hauptstadt in ihren Luxusvillen eingebunkert. Beim Erdebeben blieben diese bestens ausgestatteten Paläste weithin verschont!

Der ökonomische Niedergang begann mit der Ablehnung der Schwarzen, weiterhin die Plantagen, ihre Orte des Schreckens, zu kultivieren. Die einstigen Sklaven dachten nur an ihr Eigentum, an ihre kleinen Parzellen Land, um den Eigenbedarf zu decken. Haiti verarmte so sehr, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts sogar Zucker importiert werde musste. 1915 (bis 1934) besetzten die USA das Karibikland. Sie redeten dem erbärmlichen Volk ein, die Schulden gegenüber Frankreich am besten durch Kredite in den USA zu bezahlen. Als Zeichen der „Anerkennung“ durften die USA dann mit extrem niedrigen Lohnkosten in Haiti produzieren. Haitis Menschen wurden seit der großen Befreiung immer wieder reingelegt, betrogen, gedemütigt. „Das pyramidale Herrschaftsmodell aus Kolonialzeiten wurde dem freien Haiti übergestülpt, in diesem vegetieren die Nachkommen der Sklaven bis heute“, schreibt der Haitispezialist, der Soziologe F. Saint-Louis. (1

Zwei wichtige Studien:

Fridolin Saint- Louis, „Le Voudou Haitien“, Paris, Ed. L`Harmattan, 2000

-und auf das grundlegende Buch von Walter l. Bernecker „Kleine Geschichte Haitis“. Suhrkamp Vl., Frankfurt 1996.



Werden aus Feinden nun Freunde? Wie die Dominikanische Republik jetzt Haiti hilft

25. Januar 2010 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

In unserem Religionsphilosophischen Salon werden immer wieder auch Fragen einer gerechteren Friedensordnung diskutiert, nicht nur im Sinne Kants, der ja schon einen “Bund der Nationen” vorgeschlagen hat, sondern auch im überschaubaren Rahmen, etwa in der Beziehung zwischen zwei Staaten. Kann aus einer Katastrophe, wie jetzt in Haiti, auch ein positiver Effekt folgen? Können bislang verfeindete Menschen über ihren Schatten springen? Wir haben den Eindruck, dass es bemerkenswerte, positive Tendenzen gibt in der Beziehung der Dominikanischen Republik zu Haiti.  Weil mindestens 1 Million Deutsche als Touristen mit der Dominikanischen Republik in irgendeiner Weise verbunden sind, ist dieses Thema alles andere als ein “Randthema”. Es verdient viel Aufmeksamkeit gerade im Zusammenhang von “Völkerverständigung”.

Werden aus Feinden Freunde?

Haiti und de Dominikanische Republik: Wirkungen der Katastrophe

Von Christian Modehn

Helfer aus der Dominikanischen Republik waren (wie die Kubaner) die ersten, die sich in Haitis Hauptstadt Port – au – Prince um die Bergung von Verschütteten kümmerten. Die schnelle Hilfe ist eigentlich selbstverständlich, denn die beiden Länder sind Nachbarn auf der Insel „Hispaniola“. Seit dem 13. Januar ist die Solidarität ungebrochen. „Wir müssen jetzt die beste Hilfe für Haiti leisten“, sagt Carlos Morales Troncoso, Außenminister der Dominikanischen Republik. Erstaunliche Worte: Denn bis zum 12.Januar waren die Beziehungen zwischen beiden Ländern alles andere als freundlich. Mindestens 500.000 Haitianer arbeiten in der Dominikanischen Republik auf Zuckerrohrplantagen oder auf Baustellen. Sie hausen in erbärmlichen Unterkünften, werden miserabel bezahlt, verfügen über keine Rechte. Sie sind als „Neger“ die Untermenschen, sprechen Kreolisch und nicht Spanisch wie die Dominikaner. Und die sind mehrheitlich zwar Mulatten, aber stolz darauf, „zur weißen Rasse zu gehören“. Die dominikanische Polizei verschleppt die „Gastarbeiter“ immer wieder, führt sie zur Grenze, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Kinder werden von ihren Eltern getrennt, der hart verdiente Lohn verschwindet in den Taschen der Zwischenhändler. Menschenrechtsorganisationen haben die Dominikanische Republik mehrfach wegen sklavenähnlicher Verhältnisse angeklagt. Bisher gab es keine Verbesserung der Gesetze, die Mentalitäten der meisten scheinen versteinert zu sein. Ungestraft blieb schon das große Massaker an Haitianern,  als der dominikanische Diktatur Trujillo vom 2. Bis 4. Oktober 1937 mindestens 20.000 wehrlose Haitianer hinrichten ließ, ein Akt der „Abschreckung, Symbol für angebliche Überlegenheit, Ausdruck rassistischen Wahns. Schwarze  mussten an der Grenze das spanische Wort perejil, (Petersilie) korrekt aussprechen: Wer das r korrekt spanisch „rollte“ und das j wie ein ch aussprach, galt als Dominikaner. Wer es nicht schaffte, war Haitianer, er wurde ermordet. Trujillo fand sich später bereit, 750.000 Dollar „Entschädigung“ zu zahlen. Das Geld erreichte die Hinterbliebenen nie, die Regierung in Haiti steckte es sich in die eigene Tasche.

Der Massenmord sollten das Unrecht rächen, das die Dominikaner im 19. Jahrhundert von Haiti aus erlebten:  Schon 1801 besetzten die „befreiten Sklaven“ das Gebiet der heutigen Dominkanischen Republik. Von 1822 bis 1843 gab es dort ein Regime haitianischer Diktatoren, denn sie fühlten sich von allen Seiten bedroht. Selbst nach der Unabhängigkeit der Dominikanischen Republik 1844 besetzten Haitis Truppen noch einmal das Land. Die seelischen Verletzungen auf beiden Seiten der Insel wurden nie besprochen, geschweige denn bearbeitet oder „geheilt“.

Jetzt gibt es eine reale Chance, dass angesichts der Katastrophe neue Beziehungen möglich werden: Die Dominikanische Regierung hat sofort 231 Millionen Dominikanische Pesos (fast eine halbe Million Euro) für das Nachbarland Haiti zur Verfügung gestellt. Sonia Pierre, inzwischen weltbekannte Menschenrechtsaktivistin in Santo Domingo, muss diesmal sogar die Regierung loben: „Ohne die Hilfe des dominikanischen Staates wäre die Tragödie in Haiti noch größer“. Aber: Bei einem „Marathon“ auf allen dominikanischen TV -  und Radioprogrammen wurden 55 Millionen Pesos (ca. 110.000 Euro) gespendet, eine beträchtliche Summe! Denn den meisten Dominikanern geht es ökonomisch zwar etwas besser geht als den Haitianern, aber auch sie leben nicht in einem reichen Land. Auch Santo Domingo gibt es große Slums! Aber die Leute lassen sich anrühren: Künstler, wie der berühmte Merengue Sänger Juan Luis Guerra von Santo Domingo, sammeln Geld, sie fahren über die Grenze, bieten ihre Hilfe an. Die Bischöfe weisen jetzt jegliches „nationalistisches Denken“ zurück. Die Kirchengemeinden an der Grenze, selbst bettelarm, nehmen sich der verzweifelten Menschen an. Mehr als 15. 000 verletzte Haitianer wurden in der ersten Woche in dominikanischen Kliniken versorgt. Die Regierung in Port au Prince hat zugestimmt, dass sich sogar 150 dominikanische Soldaten um die Sicherung der Straßen in Haiti kümmern können, allerdings unter der Leitung peruanischer „UNO – Soldaten“.

Eine allgemeine Öffnung der Grenze kommt für die dominikanischen Behörden nicht in Frage: Es wäre wohl vorauszusehen, so heißt es, dass viele tausend Haitianer ins Land strömen würden. „So viele Menschen könnten wir bei unserer Infrastruktur auch nicht betreuen“, sagen dominikanische Politiker. Und damit haben sie wohl recht.



HAITIS Zukunft – ein PROTEKTORAT?

18. Januar 2010 | Von | Kategorie: Befreiung

Haitis Zukunft nach dem Erdbeben: Ein Protektorat?     (Aus einer Diskussion im Religionsphilosophischen Salon)

Angesichts der fast totalen Zerstörung von Port  – au  – Prince und anderer Städte im Süden des Landes sowie der zweifellos offenkundigen institutionellen Schwäche des Staates Haiti fragen viele Beobachter: Wie geht es weiter mit Haiti? Wer leistet –wenn die ersten Nothilfen tatsächlich geleistet sind – einen nachhaltigen Neuaufbau, nachdem schon zwischen 1990 und 2003 „rund vier Millionen Dollar Entwicklungshilfe eingenommen wurden“, wie der Tagesspiegel am 18.1. 2010 schreibt. Wer sorgt dafür, dass Haiti später einmal nicht mehr von Almosen lebt, wer sorgt dafür, dass die Korruption aufhört und alle Menschen lesen und schreiben können usw…

Manche schlagen eine Art internationales Protektorat vor. Der Publizist Josef Joffe schreibt im TAGESSPIEGEL vom 18. Januar: “Haiti gehört eigentlich unter internationale Kuratel, die in den nächsten Jahrzehnten für Sicherheit und Aufbau sorgt“. Und dann fügt Josef Joffe die entscheidende Antwort hinzu: „Aber das wäre „Neo – Kolonialismus“.  Die Frage ist: Muss ein Protektorat oder wie auch man diese „internationale Übergangsregierung“ nennen könnte, tatsächlich gleich Neokolonialismus sein? Gibt es keinen demokratischen Zwischenweg?

Auch von anderer Seite wird der Gedanke an ein Protektorat zurückgewiesen: Denis Vienot, ehemaliger Präsident der in Haiti erfahrenen „CARITAS International“,  schreibt in „La Croix“: „Haiti sollte nicht unter ein Protektorat gebracht werden. Mehrere Verantwortliche von NGOs und Solidaritätsvereinigungen waren schockiert, als dieser Gedanke vorgebracht wurde: Die Insel gehöre unter internationale Vormundschaft (tutelle heisst es im französischen Text!) wegen des Wiederaufbaus“.

Denis Vienot hingegen meint: „Es gibt Ingenieure, Ärzte, Mediziner, Professoren usw“. Aber im Ernst muss man fragen: Reicht dieses Personal aus für einen demokratischen Wiederaufbau? Es ist ja nicht immer Ausdruck von Rassismus zu sagen, dass die Haitianer demokratische Hilfe brauchen von mehreren demokratischen Regierungen. Ob das die USA und Frankreich sein müssen, beide sind als Kolonisten im 17. und 18. Jahrhundert und als (USA – ) Besatzern des Landes (1915) eher unbeliebt, wäre zu fragen.  Thierry Durand, einer der Direktoren von ÄRZTE OHNE GRENZEN,  gibt zu denken: „Es müssen die Institutionen Haitis aufgebaut werden. Wer von internationaler Vormundschaft oder ähnlichem spricht, greift die Souverenität Haitis an. Darin kann noch eine Quelle von Spannungen liegen zwischen den Bürgern Haitis und der internationalen Gemeinschaft“.