Befreiung

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Theologisch denken mit Marx. Über die lebendige Befreiungstheologie

29. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Theologische Bücher

Hinweise zu unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017

Von Christian Modehn

Ein Vorwort: In unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017 haben wir anlässlich des gleichzeitig stattfindenden Kirchentages in Berlin einige zentrale Aussagen des (jungen) Marx zur Religion diskutiert. Vor allem die bekannte Aussage von Marx: „Religion ist Opium des Volkes“. Uns leitet dabei die ganz normale philosophische Überzeugung, dass natürlich etliche philosophische Fragen und Provokationen von Marx auch heute unser Denken anregen und möglicherweise korrigieren können. So etwa die Frage: Wie ist auch theologische Denken und auch kirchliche Handeln von der nun einmal zweifelsfrei vorhandenen Situation der Klassengegensätze in den Staaten und Kulturen Europas z.B. bestimmt? Gibt es überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Theologie und kirchliches Handeln etwa in Europa und den USA nicht nur eingebunden ist in Klassengegensätze und Klassenkämpfe, sondern dass Theologie und kirchliches Handeln oft unbewusst, oft bewusst, die Position der „Herrschenden“, also die Werte, Normen und Grundüberzeugungen der Herrschenden (Kapitalisten) widerspiegelt und verbreitet. Das sind unbequeme Fragen, weil sie den üblichen theologischen Betrieb und die üblichen kirchlichen Veranstaltungen in gewisser Weise erschüttern können. Hier werden erste Hinweise zur weiteren Arbeit an dem Thema geboten. CM.

1.

Wie kann es Theologie als kritische Reflexion über die christliche Religion geben, wenn sich Theologen vom Denken von Karl Marx nicht nur punktuell, nicht nur in Detailfragen, inspirieren und in Frage stellen lassen, sondern sich förmlich auf den Boden von Marx stellen und von diesem „Boden“ und in diesem Horizont nach Gott fragen und vor allem die Bedeutung der Kirchen und ihrer Theologien reflektieren.

Dass es solche TheologInnen in unserer Gegenwart gab und gibt, noch einige wenige, ist eine Tatsache. Es gilt, dies näher zu verstehen, auch als Chance für die vielen anderen TheologInnen und Christen, die auf einem anderen „Boden“ stehen und in einem anderen „Horizont“ denken, etwa explizit auf dem kapitalistischen Boden und im kapitalistischen Horizont. Man denke etwa an die sehr populäre Theologie des Wohlstands und gottgefälligen Reichtums. Diese Theologie wird etwa in Süd-Korea heftig verbreitet oder wird in vielen Pfingstgemeinden sehr reich gewordener Pastoren, etwa in den USA, Nigeria oder Brasilien, propagiert und zugunsten der Herrschenden eingesetzt. Man denke etwa auch an die hoch geschätzte Bindung offizieller katholischer Theologie an Thomas von Aquin und seine Bindung an den „heidnischen“ Philosophen Aristoteles und dessen Ethik (etwa eine gewisse Verteidigung der Sklaverei). Dass Marx in seiner Spiritualität kein „Heide“ war, ist inzwischen klar, er näherte sich sogar der Mitgefühls-Ethik an, wie der Ökonom Karl Heinz Brodbeck zeigte.

Diese Hinweise sind auch Vorschläge der Güte angesichts der zweifelsfrei immer vorhandenen antimarxistischen Gemüter, die diesem Denker Marx „Heidentum“ und „Unglaube“ vorwerfen und ihn dann, in dieser falschen Meinung, für theologisch grundsätzlich unbrauchbar halten.

2.

Uns interessiert hier die Lehre, die einige Theologen aus einigen zentralen Erkenntnissen von Karl Marx ziehen. Dabei wird selbstverständlich, dies nur zur Beruhigung der LeserInnen, nicht das ganze System des Marxismus (– Leninismus – Stalinismus) gut geheißen oder theologisch im ganzen rezipiert. Diese Interpretation der Gedanken von Marx durch Lenin und Stalin usw. sowie durch die allmächtige Partei ist – wie bekannt – ein Irrweg der Menschheit, genauso so, wie auch die Formen des Faschismus und Rassismus und Nationalismus (auch heute) ein furchtbarer Irrweg sind, selbst wenn sich diese immer wieder aufs „Christentum“ berufen haben.

3.

In jedem Fall: Es bleiben einige zentrale Erkenntnisse von Marx gültig, und dies ist die Bestimmtheit und Prägung allen Denkens, also auch aller Kultur, Religion und Theologie, von einer bestimmten Klassensituation. Also von den Werten und Normen der kapitalistischen Welt-Gesellschaft. Dabei ist gerade angesichts der ungezügelten Globalisierung und der unkontrollierten Herrschaft des Finanzkapitals heute die Aktualität einer fundamentalen Kapitalismus – Kritik evident. Welche Gesellschaften und Staaten lassen denn das Hungersterben von Millionen Menschen etwa in Afrika zu? Die heutige Welt des totalen Kapitals (mit seinen Gewinn bringenden Kriegen) macht die meisten Menschen immer ärmer, schränkt Lebensmöglichkeiten der meisten Menschen dieser Welt total ein. Der Kapitalismus ist heute wild geworden. Er zerstört die Seele der Menschen, die Natur, er macht Politik zum Show-Geschäft: Man denke, dass ein Milliardär, Mister Trump, nun als Präsident der USA weiterhin seine persönliche Bereicherung als Lebensziel urch die Strategie der Lügen fortsetzt. Trump ist förmlich der Inbegriff eines wild gewordenen kapitalistischen Alleinherrschers, dem das Schicksal der Armen z.B. völlig gleichgültig ist.

4.

Sogar Papst Franziskus legte ein vorsichtiges Bekenntnis zu Marx ab in seiner Auseinandersetzung mit seinem konservativen Kritiker, dem us-amerikanischen Journalisten Rush Limbaugh: Er warf Papst Franziskus vor, in seiner Schrift „Evangelii Gaudium“ einen „reinen Marxismus“ zu lehren. Darauf entgegnete Papst Franziskus, so berichtet die Amsterdamer Tageszeitung „de Volkskrant“ (am 15.12.2013), der Marxismus sei zwar als politische und ökonomische Philosophie verkehrt, aber er habe während seines ganzes Lebens zahlreiche Marxisten getroffen, die gute Menschen sind“ Darum, so sagte der Papst weiter, „fühle ich mich nicht beleidigt, wenn man mich einen Marxisten nenne“. In dem Schreiben des Papstes ist die Rede davon, das eine extreme Liebe zum Geld zu einer neuen Tyrannei führt. Solche Worte einer gewissen Sympathie für Marx und Marxisten waren aus päpstlichen Mündern eher sehr selten zu vernehmen. Bekanntlich hielt Papst PIUS XII. den Marxismus und den Kommunismus für viel gefährlicher als den Hitler Faschismus und Antisemitismus. Diese Haltung setzte sich fort, war leitendes Prinzip auch im Umgang mit der marxistisch inspirierten Befreiungstheologie.

Unsere Darstellung der Rezeption einiger zentraler Erkenntnisse von Marx in der Theologie und vor allem in der Befreiungstheologie braucht natürlich nicht den Segen eines Papstes. Zumal die Marx-freundlichen Theologen anders als Papst Franziskus etliche politische und ökonomische Aussagen von Marx eben NICHT verkehrt und falsch finden.

5.

Man bedenke, dass der Philosophieprofessor Dieter Thomä, St. Gallen, in seinem neuen Buch „Pier Robustus“ (Suhrkamp Verlag 2016) auf S. 314 vom Begriff Lumpenproletariat spricht. Von einem Begriff, den Marx im doppelten Sinne verwendete: Einerseits die sehr erbärmlichen Armen, die nur darauf aus sind, „nach oben zu kommen“, also bürgerlich zu werden in einer egoistischen Haltung des unbedingten privaten Aufstiegs. Und andererseits gibt es diese egoistischen Aufstiegs-Typen ohne ethische Verantwortung für andere auch bei den Reichen. Es sind also die reichen „Lumpenproletarier“, die eine Schurkenherrschaft installieren. Gustave Flaubert sprach von „Voyoucratie“, also Vetternwirtschaft und Ganovenregime (vgl. auch die Hinweise von Thomä auf Derrida und Rancière). Der Philosoph Dieter Thomä nennt in seinem Buch als aktuelle Beispiele dieser Schurkenherrschaft: „Silvio Berlusconi, Donald Trump und viele andere sind Nachfahren dieser Schurkenherrschaften“ (S. 314). TRUMP also in der Sicht eines hoch geschätzten Philosophen als SCHURKE! Das ist eine weithin geteilte, vor allem in den USA, analytische Beschreibung! Wie lange ein Schurke Präsident bleiben darf, ist eine Frage des (politisch-demokratisch-rebellischen) Mutes…Heute wird man wohl als aktuellstes Beispiel den lateinamerikanischen Oberschurken, den brasilianischen Betrüger und Präsidenten Michel Temer nennen, der wohl in den nächsten Wochen endlich aus dem Amt verjagt wird… wenn es denn noch mit gerechten Dingen zugeht. (vgl. dazu den Beitrag von Philipp Lichterbeck im Tagesspiegel vom 27.5.2017: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/schmiergeldskandal-fleischbarone-stuerzen-brasilien-ins-chaos/19858562.html

6.

Diese Beispiele sollen nur zeigen: Das Denken von Karl Marx, das wesentlich aus der Option für die Überwindung des Kapitalismus lebt, ist aktueller denn je. Das heißt nicht, noch einmal sei es zur Beruhigung der pauschalen Anti-Marxisten betont, dass die Herrschaftsformen des Kommunismus, des Stalinismus usw. wieder kehren sollten! Der genannte Staats – Kommunismus war eine totale Verfälschung der Ideen von Marx. Falsch war der Glaube von Marx und Engels, durch die Herrschaft der Partei werde der humane klassenlose Zustand erreicht, wenn nicht gar diese Entwicklung wie ein Naturprozess gedacht wurde… Aber, auch diese Dialektik gilt: So, wie bestimmte Kirchenregime, etwa in der Ketzerverfolgung und in den Religionskriegen, alles andere als Ausdruck der Bergpredigt Jesu von Nazareth waren. So wie man sich vom irregeleiteten Kommunismus genannter Art absolut verabschieden muss, so eben auch von der irregeleiteten Kirchen-Herrschaft etwa als Krieg gegen Andersdenkende und Andersglaubende.

7.

So ist in gewisser Weise – endlich – ein Verständnis geweckt für die Frage: Wie können Theologen leben und denken auf dem Boden der Kapitalismus – Kritik von Karl Marx und der Analyse der Klassengesellschaften, wo auch heute diese Kassengesellschaften evident bestimmende Realität sind weltweit….

Dieses Thema führt also zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie, über die ich seit 1973 zahlreiche Texte publiziert habe, immer mit der grundlegenden Einsicht: Diese neue Theologie in Lateinamerika ist als eine „alternative Theologie“ zu verstehen. Sie fällt also förmlich aus dem Rahmen der bisher üblichen Theologien.

Darauf machte mit Nachdruck 1973 der italienische Philosoph und katholische Theologe Pater Giuglio Girardi aufmerksam, bei einer Tagung in der Hochschule St. Augustin bei Bonn, die ich wesentlich inhaltlich mitgestalten konnte. Damals war Girardi noch Mitglied des katholischen Salesianer Ordens, aus dem er später, im Jahr 1977, wegen „marxistischer Umtriebe,“ entfernt wurde. Der Philosoph ist 2012 verstorben, seine zahlreichen Werke verdienen nach wie vor unsere Aufmerksamkeit, werden aber kaum noch beachtet.

Der Titel des Vortrags von 1973 war: „Philosophische Voraussetzungen einer Theologie der Befreiung“ (veröffentlicht in dem Sammelband „Theologie und Befreiung“, St. Augustin 1974). Der Vortrag bietet gerade in den „Schlussfolgerungen“ Hinweise, wie im Horizont der Klassenanalyse von Marx Theologie (in Lateinamerika) gestaltet wird.

8.

Zentral ist für Girardi die Teilnahme der Christen und der Theologen an der „revolutionären Kultur“ der Armen. Diese Christen und ihre Theologen haben sich bewusst den Perspektiven der unterdrückten Klasse angeschlossen. Sie sehen als religiöse Menschen in dieser Bindung einen „Ruf“ des Willens Gottes. „Gott redet auch und vornehmlich durch die menschliche Suche nach Freiheit, die er ständig durch die Geschichte hindurch anregt“, schreibt Girardi (S. 35) . Dann spitzt Girardi seine Theologie noch stärker zu: „Die gängige Identifikation zwischen Bibel und Wort Gottes ist daher sehr beladen mit Doppeldeutigkeiten, die dringend beseitigt werden müssen. Gewiss ist die Bibel ein bevorzugter Ort für das Wort Gottes: Aber die Bibel ist nicht der einzige Ort dafür und vielleicht nicht einmal der fundamentale“ (ebd.). Damit will Girardi nicht die uralte katholische Lehre von Schrift und Tradition aufwärmen, wonach eben auch die katholische Interpretation der Bibel als Tradition gleichwertig neben der Bibel stehe. Das wäre für Girardi viel zu klassisch-theologisch gedacht. Er meint: Wer sensibel und kritisch die Wirklichkeit der Gesellschaft betrachtet, vernimmt förmlich im Schrei der Armen den Ruf Gottes, diese Situation zu beenden zugunsten einer allgemeinen Gerechtigkeit. Gott spricht also in den Ereignissen der Geschichte, in solchen, die eine umfassende Gerechtigkeit für alle fordern.

9.

Die Instrumente für diesen Kampf sieht Girardi in der marxistischen Klassenanalyse. Damit hat Girardi das Niveau erreicht, auf dem von lateinamerikanischer Befreiungstheologie gesprochen werden kann, damals, 1973, wurde Befreiungstheologie noch im Singular verstanden, man bedenke, dass es diese Theologie erst seit 1969 als solche „gibt“… Theologie der Befreiung denkt also im Horizont von Karl Marx` Klassenanalyse und sie ist dadurch eine „theologische Alternative“ (S. 36), sie denkt förmlich außerhalb der Welt der Herrschenden. Zunächst muss die Klassenbindung der sonstigen, der mehrheitlich herrschenden Theologie auch analysiert werden. Die klassische Theologie und Spiritualität transportiert „wesentliche Züge der herrschenden, also kapitalistischen, Kultur“ (ebd.)

„Seit dem Konstantinischen Christentum, also seit dem 4. Jahrhundert, als das Christentum Staatsreligion wurde, ist Theologie an diese herrschende Klasse gebunden, egal, ob diese Theologie nun eben konservativ oder progressiv auftritt“. Für Girardi ist selbst die sich progressiv und modern gebende Theologie, etwa in Westeuropa, Ausdruck der Klassenbindung, in dem Sinne, dass sie nicht eine globale Aufhebung des Kapitalismus anstrebt. Dabei geht Girardi von der Erkenntnis aus, „das der Klassenkampf nicht alles erklärt, wohl aber dass der Klassenkampf alles kennzeichnet“ (Ebd). Daraus folgt u.a.: „Wir behaupten, dass eine Verteidigung göttlicher Rechte oft der Verteidigung der Stärkeren (also der Mächtigen, der Herrschenden, CM) gleichkommt. Und wir behaupten, dass der Primat Gottes und des Wortes Gottes oft die Transposition des Primats der herrschenden Klasse darstellt“ (ebd.)

Deswegen kann Girardi auch die damals noch sehr beliebte so genannte politische Theologie etwa von Johann Baptist Metz kritisieren: Er und andere europäische „politische“ Theologen wollen zwar das Politische als Dimension des Glaubens ernst nehmen. Aber diese politischen Theologen haben nie praktisch – existentiell Partei ergriffen für die Unterdrückten. Sie fühlten sich als gut bezahlte Professoren der Universitäten auch nicht als Teil des unterdrückten Volkes, sie haben eher selten an der Anti-Atom-Bewegung leibhaftig teilgenommen oder an Friedensdemonstrationen usw. Politik bliebt so ein akademischer Horizont.

10.

Demgegenüber sieht Girardi die Befreiungstheologie als „Alternativtheologie“: Sie ist eingebunden in die politischen Kämpfe der Armen um ihr Lebensrecht. Es gab später sehr viele bekannte Theologen und sogar Bischöfe in Lateinamerika, die dieser Einbindung ihres Lebens in die Klasse der Unterdrückten lebten, Helder Camara gehört dazu, Oscar Romero, sicher auch Leonardo Boff, als er noch Mitglied im Franziskanerorden war, oder Bischof Pedro Casaldaliga usw… Aber diese genannten Theologen wurden stets vom Vatikan bedroht, mundtot gemacht und in Zusammenarbeit mit den US-Regierungen, etwa mit Hilfe des CIA, umgebracht, man denke an die bekannten Jesuitenpatres um Pater Ignacio Ellacuria in El Salvador. Diesen Mord hat der Vatikan zugelassen, indem er die Befreiungstheologie offiziell gefährlich und eben auch marxistisch nannte. Sie wurden förmlich zum Freischuss durch die rechtextremen Militärs (in Guatemala, El Salvador usw.) freigegeben. Natürlich waren manche Befreiungstheologen in gewisser Hinsicht marxistisch inspiriert, sie verleugneten diese Tatsache nur manchmal, aus Angst vor der tief sitzenden „antikommunistischen Wut und dem Verfolgungswahn“ des Vatikans, insbesondere des polnischen Papstes. Er wollte nicht unterscheiden zwischen einem kommunistischen Staat, wie in Polen, und einem von Marx her angeregten kritischen theologischen Denken…. Aber die Befreiungstheologen beteten jedenfalls nicht länger die alten Sprüche der Theologie nach… Der brasilianische Bischof Antonio Fragoso, Crateus, (1920 bis 2006), auch er ein Befreiungstheologe, sagte schon 1968 als Analytiker der Klassengesellschaft: „Glaubt mir, ein Evangelium, das so gepredigt wird, dass wir passiv bleiben, resignieren, Ungerechtigkeit dulden, Unterdrückung, Imperialismus, Kolonialismus hinnehmen, ein solches Evangelium ist kein Christus-Evangelium…Unsere Gottesdienste können Atheismus verkünden, wenn wir gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit indifferent bleiben… Wir sollten keine Angst haben, subversiv genannt zu werden, wenn unser Gewissen uns sagt: Dass wir helfen, eine bestehende moralische Unordnung umzustürzen…“ (in: Mit Maschinengewehr und Kreuz, hg. Hildegard Lüning, Rororo aktuell, Hamburg 1971, dort Seite 96 ff).

11.

Und in Deutschland? Natürlich muss hier der Berliner Theologe Helmut Gollwitzer ( 1908 bis 1993) genannt werden. Kurz und bündig hat er nach der Niederschlagung der sozialistischen Allende-Regierung durch die USA und die Einsetzung des von den USA lancierten katholischen Diktators Pinochet einige Thesen verfasst mit dem Titel „Klassenkampf und Kirche“, veröffentlicht in den Argument Studienheften Nr. 39, Berlin, 1980, Seite 19 ff. Diese Thesen zeigen eindringlich die Nähe zum Denken Girardis, nur ein Zitat von Gollwitzer: „Das historische Christentum ist Reformismus, mit deren verdiensten und deren Kehrseite: Der Dienstbarkeit gegenüber der Klassengesellschaft und der Korrumpierung durch sie“ (S. 22). Diese Thesen sind in Vergessenheit geraten. Heute wird oft eine christliche Spiritualität vertreten, die nur ein Interesse hat: innerhalb der bestehenden Gesellschaft ein Maximum an Glücksgefühl zu erzeugen.

12.

Die Befreiungstheologie wurde (von Rom und im Bündnis mit Reagan, den Buschs usw.) gezielt behindert und verfolgt und klein getreten. Aber: Sie überlebt. Dies hat auch ökonomische Ursachen: Weil die Milliarden arm gemachter Menschen weltweit immer noch nach Gerechtigkeit schreien, nach einem anderen Leben. Diese Gerechtigkeit wird ihnen der Kapitalismus, so wie er heute noch herrscht, nicht geben können. Wie lange dabei das oft noch dargereichte religiöse Opium diese Ausgehungerten ruhig stellt, ist die Frage. Vielleicht hat das so genannte religiöse Opium aber auch, moderat und kurzfristig dosiert, manchmal mobilisierende Kraft. In Lateinamerika kann man dies noch beobachten, in Basisgemeinden, in demokratischen Widerstandsgruppen.

Copyright; Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Marx und die Religionskritik: Wie (noch) von Gott sprechen?

24. Mai 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher, Religionskritik

Hinweise von Christian Modehn am 26.5.2017

1. Die zentrale These:

Gott ist ein Produkt, ein von Menschen Gemachtes. Gott hat also keine eigene, selbständige Wirklichkeit und Lebendigkeit. Gott ist als Menschengeschöpf also manipulierbar. Der Glaube an diesen Gott führt den Menschen in himmlische, illusorische Welten; der Glaube an Gott ist also für die Emanzipation der Menschen verwerflich. Und eben auch von Menschen abzuschaffen. Ein Leben ohne Gott ist möglich und sogar wünschenswert. Dies ist der Kern der bis heute in weiten Kreisen geglaubten (!) atheistischen Haltung im Sinne von Marx. Und Marx geht über Feuerbach hinaus, indem er die inhaltliche Gestalt der Religion (auch Moral, Theorien) in Verflochtenheit, Gebundenheit und Abhängigkeit von der gegebenen Gesellschaft und ihrer Praxis sieht. Diese Position (sie geht über Feuerbach bereits hinaus) erreicht Marx in der Schrift: „Die Deutsche Ideologie“, verfasst 1845-46. „Das Bewusstsein kann nie etwas Anderes sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess“. Im „Kapital“ Von Marx gehört Religion in die Logik der verkehrten kapitalistischen Welt.

2. Zur Kritik:

Die Beziehung zu Gott als Religion, als gelebte Frömmigkeit, ist tatsächlich immer zwiespältig. Religion kann von den einzelnen gebraucht werden als Beruhigung, Opium, als Flucht aus der Wirklichkeit. Als Phantasterei, in der man sich selbst gefällt („mein persönliches Wundererlebnis“, „mein Heiliger“ usw.) Religion kann krank machen.

Religion wird von den Herrschenden in Politik, Ökonomie und religiösen Institutionen gebraucht und mißbraucht, um die eigene (klerikale) Herrschaft zu stabilisieren, indem sie den Untertanen sagen: Diese Gesellschaftsordnung usw. ist von Gott gewollt: „Ihr schuldet uns, den Herrschenden, von Gott selbst befohlen (in Bibel, Koran usw.), absoluten Gehorsam. Religion stabilisiert Unrechtssysteme. Das sind unleugbare Tatsachen. Insofern verdanken „wir“ Marx viel, dass er auf diese Zusammenhänge leidenschaftlich aufmerksam machte.

3. ABER: Religion als Beziehung zu Gott, verstanden im Bild des Unendendlichen, alles Gründenden, als schöpferische Kraft des Lebendigen, des aus Resignation Befreienden, Unterwürfigkeit Überwindenden, letztlich als kaum zuberührenden Geheimnisses, ist ebenso eine (eher selten vorkommende, aber reale) Möglichkeit des religiösen Menschen. Diese doppelte Gestalt der (christlichen, katholischen) Religion hat der kritische Marxist Antonio Gramsci (1891 – 1937) herausgearbeitet. Gramsci entdeckte die utopischen Momente IN der konkreten Religion. Marx denkt Religion noch zu wenig differenziert.

4. Man kann für eine vernünftig begründete Religion angesichts von Marx und Feierbach auf zwei Ebenen argumentieren:  Indem man für eine nicht—parteigebundene, also selbstkritische Philosophie des Geistes rekurriert. Sie ist trotz aller zweifelsfrei vorhandenen Klassenkämpfe gestern und heute gültig! Denn auch Marx selbst kann auf die Formulierung von Idealen der künftigen Gesellschaft nicht verzichten, also dann doch nicht auf Philosophie verzichten. Die Reflexion auf das selbstbewusste geistige Leben des Menschen findet also offenbar immer statt. Die Implikationen dieses selbstbewussten geistigen Lebens freizulegen ist dann Thema der Religionsphilosophie.

Es geht also um die Frage: Ist die befreiende Religion als ausdrückliche Gestaltung der Beziehung zu einer selbständigen, von Menschen nicht manipulierbaren göttlichen Wirklichkeit, etwas, das sich im menschlichen Leben, im menschlichen Geist, der Vernunft, selbst zeigt? Nur wenn dies der Fall ist, wenn das Göttliche also eine unabwerfbare Wirklichkeit im Menschen ist, hat Religion Sinn, verstanden als nicht schädliche, negativ wirkende, bloß beruhigende und deswegen antiemanzipatorische, nicht-opiumhafte Wirklichkeit.

5. Zur Begründung eines religiösen Glaubens „trotz“ Marx/Feuerbach:

Die in 4. angedeutete Möglichkeit einer vernünftig vertretbaren und lebbaren Beziehung zu Gott (Glauben) hat Argumente, zum Beispiel:

Im ethischen Bereich: Die im Gewissen (bei gesunden Menschen) sich zeigende Aufforderung, gut zu sein, ist etwas vom Menschen selbst Unabwerfbares. Es kann durch lange Praxis des Negativen (Verbrechen) zwar fast still gelegt werden. Wobei der Verbrecher selbst noch meint, zumindest für sich selbst egoistisch Gutes zu tun.

Im Umgang mit Wahrheit: Wahrhaftig zu sein ist eine vom Menschen nicht manipulierbare Forderung des ebenfalls niemals total „abzustellenden“ Gewissens, auch wenn dieser sich selbst zeigende Gewissensspruch oft ignoriert wird. Selbst der größte Lügner behauptet für sich und für andere, nach außen, die Wahrheit zu sagen.

Im Umgang mit Schönheit: Selbst der größte Kitsch wird von Kitsch-Gebrauchern noch als schön erlebt, das Massenprodukt „Der röhrende Hirsch“ wird von vielen als schön erlebt…

Mit anderen Worten: In unserem Geist sind wir verwiesen auf apriorische, d.h. schon vor aller Praxis vorgegebene Strukturen, die auf etwas Absolutes verweisen. Diese nicht abzuwerfenden Bindungen an Gutsein, Wahrhaftigsein und den Sinn für Schönes sind formale Bestimmungen, sie sind konkret – historisch aber immer wieder neu inhaltlich gefüllt. Darin zeigt sich eine inhaltliche Relativität bei einer formalen Unbedingtheit. Im menschlichen Geist spielt sich mehr ab als banale manipulierbare Alltäglichkeit. Der menschliche Geist als solcher hat dann offenbar bei allen Menschen, die Geist haben, Dimensionen von etwas Absolutem. Das zeigt nur: Der Geist des Menschen ist mehr als das manipulierbare Etwas eines klugen Tiers.

Im alltäglichen Leben setzen wir immer wieder in der Lebenspraxis Sinn, wir gehen davon aus, dass die nächsten Aktionen unseres Lebens sinnvoll sind, in diesen einzelnen Sinn-Schritten und einzelnen Sinn-Bejahungen wird immer ein größer, letzter Sinn mit-bejaht.

In der Frage nach der „letzten“ Herkunft des Menschen und der Welt werden wir auf etwas Gründendes, Alles Gründendes verwiesen: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts? Diese Frage kann kein Physiker und kein Neurowissenschaftler, auch kein Richard Dowkins beantworten.

6. Diese Beispiele aus der Existenz-Erfahrung zum Absoluten sind Spuren, die unsere Verbindung mit etwas über den endlichen Menschen Hinausweisendes deutlich machen. Sie sind, weil es sich eben um nicht-alltägliche, banale Strukturen handelt, eben nur in einer über das banale Denken (der Zweckrationalität etwa) hinausgehenden meditativen Denkhaltung wahr-zunehmen. Diese über das Alltägliche hinausgehende Wirklichkeit wird in verschiedenen Kulturen selbstverständlich verschieden benannt. Es kommt nur darauf an, in der endlichen Welt Spuren zu entdecken, die das Verschlossensein in Endliches sprengen.

Dieses Transzendieren ist die elementare Form religiösen Lebens, es äußert sich auch im künstlerischen Erleben und etwa in der erotischen und sich anderen hingebenden, solidarischen Praxis.

7. Aber diese hier angedeutete Spur zum Absoluten IN uns ist als religiöse Haltung etwas Einfaches, Elementares, in wenigen Worten, oft in Poesie, oft in Musik und Kunst und Eros, Aussagbares. Alle aufgeblähte Dogmatik ist dieser Erfahrung zuwider. Diese aufgeblähte Dogmatik lieben aufgeblähte Kleriker als religiöse Herrscher.

Im Transzendieren kann sich eine Lebendigkeit und eigene Kreativität zeigen, also alles andere ist als beruhigendes und letztlich tötendes Opium.

Diese elementare Form der Beziehung zu einer göttlichen Wirklichkeit gilt es zu bedenken. Die vielen Dogmen der vielen großen Kirchen stören eher diese elementare religiöse Beziehung.

8. Die existentiell tragende religiöse Beziehung zu einem gründenden absoluten Geheimnis, das die hilflose Sprache nun Gott nennt, kann der einzelne meditativ erschließen und für sich als Höhepunkt „feiern“.

Besser aber ist der Austausch mit anderen über diese Lebenserfahrungen in kleinen Gruppen, manchmal auch Gemeinden. Aber für viele religiöse Mensche vernichten die großen Kirchen mit ihren vielen Liedern (banaler Art oft) und ihrem liturgischen Pomp und ihrer klerikalen Machtstruktur diese Erfahrungen, die sich in der vernünftigen Reflexion erschließen. Es gibt leider nur wenige christliche Kirchen, die diese beschriebene Haltung der Offenheit, auch im Dogmatischen und Moralischen, selbstverständlich leben. Dazu gehört die niederländische Kirche der Remonstranten.

Wenn es darum geht: An welche religiösen Traditionen kann ich mich halten, ist die Vernunft das Kriterium. Nicht etwa eine andere religiöse Tradition.

9. Wenn Marx zurecht die Verwirklichung des menschlichen Lebens in der Praxis sieht, vor allem in der gesellschaftlichen Praxis, die die Entfremdungen überwindet und den unterdrückten Massen Lebenschancen und Gleichberechtigung erwirkt, dann ist dies eine politische Form der Nächstenliebe.

In dieser Praxis der Nächstenliebe kommen religiöse und nichtreligiöse Menschen zusammen. Sie finden im gemeinsamen Tun eine humane Basis der Praxis und finden eine neue Nähe der bisher nur ideologisch getrennt Lebenden. Für diese gemeinsame Praxis Glaubender und Nicht – Religöser gibt es im Alltag zahlreiche Beispiele.

10. Marx, der Religion abschaffen wollte, erlebte bei jenen, die den Marxismus in der Sowjetunion und den Ostblock-Staaten angeblich verwirklichten, neue Formen des Religiösen: Die angeblich heilige, d.h. immer Recht habende Partei (KP), die Parteifeste, die Lieder, die kommunistischen Liturgien (Parteitage und die Floskeln…). D.h. auch der Kommunismus, der religionslos sein wollte, wurde wie von selbst auch (säkular) religiös. D.h. die religiöse Dimension im Menschen wurde umgeleitet, sie ist eben nicht klein zu kriegen. Die Idee des Kommunismus ist damit nicht obsolet geworden! So wie auch die Bergpredigt Jesu von Nazareth nicht deswegen obsolet und ungültig ist, weil die Kirchen(führungen) diese Weisungen niemals ins praktische Leben einbezogen haben.

 

Copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Krzysztof Charamsa, Theologe und Kaplan seiner Heiligkeit, legt das schwule Leben im Vatikan etwas frei

3. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Termine, Theologische Bücher

Krzysztof Charamsa, Priester und führender Mitarbeiter in der vatikanischen Glaubenskongregation, über Leben, Lieben und Lust der Glaubenswächter.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 5. 2017

Der italienische Untertitel des jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches von Krzysztof Charamsa „Der erste Stein“ ist noch treffender: „Ich, ein schwuler Priester, und meine Rebellion gegen die Scheinheiligkeit (Heuchelei) der Kirche“. Das Buch ist tatsächlich Ausdruck einer Rebellion, des Aufstandes, der Erhebung, der Revolte. Ob diese tatsächlich ausgelöst wird, hängt auch davon ab, wie viele Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe dieses Buch lesen und daraus Konsequen ziehen. Vielleicht sollten die Verlage dieses Buch jedem Bischof als Geschenk zu Pfingsten zusenden…

Auf Deutsch ist der Untertitel eher zurückhaltend „Der erste Stein“. Mit dem Untertitel „Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche“. Das Buch ist Ende April 2017 bei C. Bertelmann erschienen.

Es ist auch für die Interessenten des Religionsphilosophischen Salons wichtig, weil Religionskritik ein ständiges Thema bleibt. Das Buch ist keineswegs eine bloß aufgeregte, Neugier weckende „Skandalstory“. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, durch die Erkenntnisse eines Insiders hinter die (tatsächlich auch im materiellen Sinne vorhandenen) Festungsmauern des Vatikans zu blicken.

Dieses Buch ist ein Dokument, das diese Mauern zwar nicht einreißen wird, aber doch etwas ins Wanken bringen könnte. Es ist wichtig für alle, die die innere Verfasstheit der klerikalen Mitarbeiter an der Spitze der römischen Kirche, also in der Glaubensbehörde, verstehen wollen. Mindestens jeder zweite Priester ist homosexuell, so betont das Buch, aber kaum einer lebt das offen, verzichtet also auf seine persönliche Identität. Das gilt auch für die Kirchenzentrale. Sie wird von Männern geführt, die „scheinheilig“ sind, wie der Buchtitel sagt. Das gerade im Jahr des Reformationsgedenkens 2017 freizulegen, als seit 1517 durch den Mönch Martin Luther die Welt des zölibatären Klerus wenigstens für die evangelischen Kirchen abgeschafft wurde, ist von besonderem Reiz. Das Buch zeigt einmal mehr die jetzt auch wieder allgemeine Erkenntnis, wie wenig sich das System und die Lehren der römischen Kirche tatsächlich durch Luther, auch nur entfernt, „berühren“ oder gar verändern lassen. Alles katholische Rede von ökumenischen Fortschritten heute ist angesichts dieser Dokumente doch sehr marginal

In jedem Fall: Das Buch von Krzysztof Charamsa ist ein durchaus historisch zu nennendes Dokument. Wer einen Vergleich will: Es ist so, als würde eines der führenden Mitglieder an der Spitze einer Parteizentrale das innere Leben, etwa die Korruption und die Verlogenheit dieser Parteizentrale freilegen. Das passiert weltweit selten, weil die Karriere wichtiger ist als das Zeugnis der Wahrheit.

Krzysztof Charamsa jedenfalls hat auf seine glänzende Karriere in der römischen Glaubensbehörde verzichtet. Immerhin hatte er den Ehrentitel Monsignore erhalten und durfte sich als „Kaplan seiner Heiligkeit“ ansprechen lassen.

Das Buch zeigt, dass im Reich des Papstes Scheinheiligkeit stärker ist als die nach außen hin gezeigte Heiligkeit.

Charamsas im engeren Sinne historisch-theologischen Publikationen in italienischer Sprache von 2002 bis 2014 sind eher von einem traditionellen theologischen Konzept, etwa den Interpretationen des mittelalterlichen Thomas von Aquin, geprägt. Er ist als Konservativer, vom Katholizismus Begeisterter, zum Rebellen geworden. Es gab den Bruch, das Nicht mehr Aushalten können der ständigen Verlogenheit, das ihn zum radikalen Abstandnehmen vom System führte: Krzysztof Charamsa hat sich in aller Öffentlichkeit am 3. Oktober 2015 in Rom als schwuler Priester, als Monsignore, als Theologiedozent und führender Mitarbeiter in der Glaubensbehörde, deren Chef der Deutsche Kardinal Müller ist, geoutet und sich zu seinem Partner bekannt. Selbstverständlich wurde er danach von dem zuständigen polnischen Bischof aller seiner Ämter entbunden und als Priester suspendiert, d.h. er darf in der Sicht Roms keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben.

Das Buch bietet viele Erkenntnisse zum Zustand der katholischen Kirche, diese Erekenntnisse können hier natürlich nicht in der gebotenen Ausführlichkeit besprochen werden. chließlich soll eine Buchkritik nicht die Lektüre ersetzen, dass die Lektüre empfohlen wird, ist klar.

Es bietet eine Biographie des aus Polen stammenden Autors.

Es berichtet über den Zustand der katholischen Kirche in Polen nach der Wende, über die maßlose hysterische Verehrung des polnischen Papstes, den Kult um seine Denkmäler usw. „Der polnische Klerus besteht aus ideologischen Manipulatoren“ (Seite 53).

Interessant und kaum zu glauben ist der Zustand der offenbar miserable Zustand der Priesterseminare in Polen, nicht nur das schlechte Essen, vor allem das schlimme Niveau der dort gelehrten bzw. eingepaukten Theologie. “Die theologischen Hochschulen, Priesterseminare also, sind große Kasernen , „in denen die Rekruten eines Heeres gedrillt wurden, das im Dienst einer restriktiven Ideologie stand“ (S. 72). Nebenbei: Diese Priester werden nach ganz Europa geschickt, um den im Westen aussterbenden Klerus zu ersetzen…

Überhaupt die Theologie, das wäre ein eigenes Thema: Man erlebt einmal mehr, dass diese dort in den Seminaren Kirchen- Lehre offenbar nur mit Mühe noch Wissenschaft zu nennen ist.

Das Buch zeigt, wie die vielen homosexuellen Priester im Vatikan sich permanent selbst verleugnen und sogar zu expliziten Feinden der Schwulen werden, bloß um nicht aufzufallen und korrekt zu erscheinen. Diese Freilegung des Lügen-Systems, in das der einzelne homosexuelle Priester und Theologe gezwungen wird, ist wohl psychologisch und religionsphilosophisch am bedenklichsten. Theologen, die sich selbst ständig belügen und keine (sexuelle) Identität haben dürfen, kontrollieren als Mitarbeiter der Glaubensbehörde jene Theologen, denen man vorwirft, gegenüber dem Lehramt zu lügen, Irrlehren zu verbreiten. Lügner kontrollieren also so genannte Lügner. Denn die angeblichen „Ketzer“ sind ja nur solche, die kreativ die Theologie etwas voranbringen wollen. Und dann verfolgt werden.

In dem Buch nennt der Autor seine Behörde, die Glaubenskongregation oft „Inquisitionsbehörde“.

Über Papst Franziskus wird oft voller Zustimmung gesprochen. Nur glaubt der Autor nicht, dass der Papst sich gegen die Macht des vatikanischen Apparates durchsetzen kann. Er berichtet, dass bei einem Kongress über die Ehe (gemeint war der Kamf gegen die Homoehe) der Papst sogar eine Rede abgelesen hat, die die konservativen Veranstalter ihm „aufgesetzt hatten“ (S. 175).

Insgesamt zeigt das Buch lang und breit, dass die Mitarbeiter der Glaubenskongregation permanent und ständig vom Thema Homosexualität wie getrieben sind, als gäbe es nichts anderes in dieser Kirche und dieser Welt. In dieser Fixiertheit zeigt sich einmal das narzisstische Verhalten dieser Kleriker. Sie kennen nur sich und die Verleugnung ihrer Identität, um Karriere zu machen, vielleicht einmal Bischof zu werden etc…

Bitter böse ist etwa ein Text, wie ein Gebet, von Krzysztof Charamsa formuliert auf Seite 177: „Gott, segne den Papst und seine Kirche. Aber Gott, halte sie fern von uns. Seine Leute (also der Klerus) können der Menschheit nicht länger den rechten Weg weisen….

An anderer Stelle ein ähnlicher Gedanke: „Das starre System der Kirche muss zerstört werden, damit sie wieder zu einer Kirche der Menschen werden kann, wie ich einer bin“ (S. 280).

Mein Coming out habe ich „der Kirche mit aller Macht ins Gesicht geschrieen“ (280). Mit diesem Buch will Krzysztof Charamsa „nur einen ersten Stein legen, einen Grundstein zu einem Leben in Freiheit“ (259). Zusammenfassend: Charamsa hat „ das Reich der Lüge hinter sich gelassen“ (Seite 281)

Fragen zum Buch:

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass Krzysztof Charamsa erklärt, warum er das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. das „schwulste Pontifikat der Neuzeit“ (S. 165) nennt, sicher weil der deutsche Papst die alten hübschen Gewänder und roten Schuhchen wieder aus der Mottenkiste hervorholte und den Pomp liebte. Sicher auch, dass seine Texte gegen Homosexuelle vor Menschenrechts-Gerichten hätten verhandelt werden müssen. Aber warum mag Charamsa diesen Papst? Warum sagt er kein Wort zu den nun einmal überall kursierenden Erzählungen, von Zeugen belegt, Ratzinger sei selbst „betroffen“, also schwul. Das ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist die Verleugnung dieser Identität, die zur Verfolgung derer führt, die eben nicht so verklemmt sind wie man selbst!

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass ausführlicher auf seine Tätigkeit als Dozent in der Universität des Ordens Legionäre Christi in Rom eingeht. Eine Seite zu dem Thema ist zu wenig über diesen immer noch einflussreichen Orden, der jetzt überlebt, ohne seinen Gründer auch nur nennen zu dürfen, nämlich den pädophilen Verbrecher Pater Marcial Maciel. Ein Orden, der förmlich vor Geld stinkt, wie mexikanische Journalisten dokumentieren. Es ist für die Unabhängkeit der Wissenschaft eigentlich ein Skandal, wenn Leute aus der Glaubensbehörde auch noch als Theologiedozenten in der Uni der genannten Legionäre Christi wie auch der Jesuiten-Universität Gregoriana tätig sind. was ist das für ein Niveau? Offenbar findet man diesen Niedergang freier wissenschaftlicher Forschung in Rom normal. Wie wäre es also, dem vatikanischen Vorbild folgend, wenn Beamte des BND Vorlesungen zur Sicherheitspolitik an der Uni halten? Oder der Innenminister als Professor einer Uni die innere Ordnung Deutschlands lehren würde…

Interessant wäre es, wenn man erfahren könnte, wie viel der so gefragte Theologe und Prälat Charamsa als ein hoher Funktionär in der Glaubensbehörde monatlich verdient hat. Woher kommt das Geld für alle diese klerikalen Diener des Systems? Denn die privaten Reisen, von denen die Rede ist, sind ja selbst mit Billigfliegern nicht ganz gratis. Und wie und wo wohnte er als Kaplan seiner Heiligkeit? Vielleicht Seite an Seite mit Kardinal Müller? Da kann man doch Klartext reden!

Dass der Autor keine Namen der offenbar scharenweise homosexuellen Priester in der Glaubenskongregation ist ein bisschen verständlich, man will sich kostspielige Prozesse ersparen. Aber einige Namen betroffener Prälaten usw. sind ja auf anderem Wege doch schon in die Öffentlichkeit gelangt. Warum diese enorme Angst?

Merkwürdig kurz fällt auch der Hinweis auf das reaktionäre polnisch-katholische Rundfunk/Fernsehimperium MARYJA aus. Mich würde interessieren, warum scheitern alle Versuche, den Gründer dieser Propaganda-Maschine, Pater Rydzyk vom Redemptoristenorden, aus dem Verkehr zu ziehen?

Auch über die theologische Fakultät in Lugano (Schweiz) hätte man gern mehr erfahren, an der Krzysztof Charamsa einige Jahre studierte. Diese Fakultät gilt als Zentrum sehr konservativer religiöser Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat. Auch Professoren dieser Lehranstalt, wie Manfred Hauke, er war Assistent bei dem Traditionalisten Prof. Ziegenaus in Augsburg, gehören dem sehr konservativen Flügel an.

Trotz dieser offenen und natürlich vom Autor gewünschten kritischen Fragen (das ist ja demokratische Kultur) ist das Buch durchaus ein historisches Dokument. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte gibt es ein „coming out“ eines prominenten „Kaplans seiner Heiligkeit“. Die traurige Geschichte der Homosexuellen, über die wir so wenig wissen, weil alle Zeugnisse immer vernichtet wurden, bekommt durch das Buch eine neue, durchaus befreiende Bedeutung.

Wird der Apparat der Kirche so dumm sein, und dieses Buch übersehen? Ignorieren? Polemisch belächeln? Schon möglich. Die Macht des Apparates ist leider immer noch gewaltig und gewalttätig. Wie viele Menschen, wie viele Homosexuelle, sind durch die perversen Verurteilungen aus Rom in ihrem Leben irritiert und zerstört worden? Wer spricht von den vielen Opfern? Wann finden Bußgottesdienste der (selbst schwulen) Kardinäle in Rom statt, in denen sie sich heftig entschuldigen, für alles Leid, das sie und ihre Vorgänger homosexuellen Menschen angetan haben und antun. Die Festpredigt sollte dann der Priester Krzysztof Charamsa halten. All das wird in diesem Jahrhundert nicht mehr passieren. Die Mauern des Vatikans sind „ewig“, und die Insassen dieses geistigen (leiblichen) Gefängnisses sind noch stolz auf diese „Ewigkeit“…

Copyright: Christian Modehn . Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Papst und Marine Le Pen: Papst Franziskus sagt kein klares Nein! Ein Skandal.

30. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Gott in Frankreich

Keine Warnung vor Marine Le Pen: Papst Franziskus gibt sich unwissend oder diplomatisch

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.4. 2017. (Zum ideologisch-philosophischen Hintergrund vom Front National klicken Sie hier. Zur unentschiedenen Position der französischen Bischöfe zu Le Pen und dem FN, klicken Sie hier. )

Dass sich die Führerin des FN, Marine Le Pen, und andere Anhänger der rechtsextremen Partei über die milden Worte des Papstes zu Le Pen freuen, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags.

…………..

Papst Franziskus kann nicht alles wissen. Das sagt er selbst in anderen Zusammenhängen. Das ist ja auch vernünftig. Unvernünftig und gefährlich ist hingegen sein scheinbares Unwissen über Marine Le Pen, sein Ausweichen bei diesem Thema.

Während seines Rückfluges aus Ägypten sagte er zur Wahl in Frankreich am 7. Mai 2017: „Ich verstehe (begreife) nicht gut die Innenpolitik Frankreichs, wörtlich: „Je ne saisis pas bien la politique intérieure française“.

Das glaubt dem Papst keiner. Der Papst ist durch die ständigen Kontakte mit den französischen Bischöfen bestens auf dem Laufenden. Zumal Franziskus gleich danach sagt:„Er habe versucht, mit Präsident Hollande gute Beziehungen zu haben“.  Also weiß der Papst durch die Begegnungen mit Hollande „etwas“ von Frankreich, um es gelinde auszudrücken. Aber er gibt dann gleich zu: Es habe mit Hollande Konflikte gegeben…

Bekanntermaßen hat Rom extreme Probleme mit Hollande wegen der Homo-Ehe und des schwulen Botschafters aus Frankreich im Staat Vatikan…

Trotzdem behauptet der Papst also: Er kenne nicht die Geschichte der beiden jetzigen Präsidentschaftskandidaten.

Auf Madame Le Pen bezogen spricht er, ohne ihren Namen zu nennen !, von“ la droite forte“, so ganz allgemein, also von einer „starken Rechten“. Das ist maßlos untertrieben. Madame Le Pen ist alles andere als eine „starke Rechte“, sie ist eine Extrem-Rechte, wie alle ernstzunehmenden Kenner und Beobachter sagen.  Sie muss unter allen Umständen als Präsidentin verhindert werden.

Dann sagt der Papst: „Mais l’autre,  je ne sais pas qui il est, alors je ne peux pas donner une opinion“. Also: Von Macron habe er keine Ahnung. Er nennt wieder nicht den Namen. Was soll diese Anonymisierung? Jedenfalls könne der Papst über ihn keine Meinung äußern.

Wenn der Papst Emmanuel Macron wirklich Ende April 2017 immer noch nicht kennt: Ist dies natürlich eine Blamage. „Kennen“ bedeutet ja nicht, stundenlang mit ihm argentinischen Mate-Tee getrunken zu haben…

Kennt der Papst Macron hingegen (aus der Zeitungslektüre und den Gesprächen mit den vatikanischen Dilopmaten), was der Fall sein wird, dann ist dieser Satz eine taktische Lüge.

Macron ist bei aller vernünftigen Kritik an demokratischen Politikern ein Demokrat im Unterschied zu Madame Le Pen. Auch der Linke Politiker Melenchon warnt nun ausdrücklich vor jeglicher Sympathie mit Le Pen.

Der Hintergrund für diese ausweichende  Antwort des Papstes ist klar: Emmanuel Macron erfüllt nicht die rigiden Moral-Vorstellungen der offiziellen Kirche. Le Pen ist dann schon die bessere Kämpferin gegen die Homoehe, für das ungeborene Leben usw…Diese katholischen Moralvorstellungen (gegen Homo-ehe, für das ungeborene Leben) stehen wie oberste Dogmen so sehr im Mittelpunkt offiziellen katholischen Denkens, dass sie als Moral Prinzipien fast zum einzigen Maßstab für eine politische Beurteilung und Entscheidung werden. Das ist eine intellektuelle Einseitigkeit und schlimme Begrenztheit. Heute geht es um den Frieden, den Abbau von Gewalt, von Rassismus, von Neo-Kolonialismus, es geht um die gerechte Welt, nicht um „La France d abord“ oder „America first“. Mit solchen nationalistischen Parolen wird das Krepieren von Millionen Menschen in den Hungerregionen Afrikas kein Ende haben. Das Eintreten des Papstes für die Flüchtlinge verdient allen Respekt. Aber wieder nennt er nicht Marine Le Pen und ihre rechtsextreme Partei beim Namen, die ja bekanntlich die rigideste aller denkbaren Verhaltensweisen gegenüber Flüchtlingen propagieren.

Noch einmal, rein spekulativ: Was wäre, wenn der 2. Kandidat, also Le Pen, nicht rechtsextrem, sondern links-extrem oder gar kommunistisch wäre? Da würde im Vatikan ein lautes Brausen und Toben beginnen. Es würden Nächte des Gebets und der Fürbitte (Fatima lässt grüßen) veranstaltet. Nicht so bei der rechtsextremen Präsidentschaftskandidatin! Und das ist ein Skandal, weil die Gefährlichkeit der Partei Front National (und der FPÖ und der PVV in Holland und der AFD in Deutschland) nicht gesehen wird.

Dieses Rechtsextreme ist im klassischen katholischen Verständnis eben halb so schlimm, siehe die Politik von Papst Pius XII. mit den Nazis und Papst Pius XI mit Mussolini.

Wir zitieren einen Freund aus Paris: „Die offenkundige Ahnungslosigkeit des Papstes Franziskus gegenüber Madame Le Pen ist ein Skandal“.

Nach dem 7. Mai 2017 wird man wissen, was diese nun auch päpstliche Rücksichtnahme gegenüber dem Feind der Demokratie bedeutet. Selbst wenn Madame Le Pen nicht Präsidentin wird: Wer sie wählte, und das werden ca. 10 Millionen Franzosen sein, kann sich sagen: Na ja, der Papst und die französischen Bischöfen waren ja auch nicht direkt und explizit gegen Le Pen und den FN.

Tatsache ist: Es gibt im Vatikan ohnehin nicht viel Verständnis für Demokratie, weil der Papst-Staat selbst kein demokratischer, sondern ein autokratischer Staat ist. Und dies bleiben will. Das wagt kaum jemand zu sagen, die katholischen Theologen sagen es schon gar nicht… aus Angst … Auch das zeigt schon: Der Vatikan ist eben keine Demokratie, in der grundlegende Debatten selbstverständlich sind.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

(Siehe auch: http://www.lemonde.fr/europe/article/2017/04/29/sur-la-presidentielle-francaise-le-pape-francois-botte-en-touche_5120144_3214.html)

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Die Reaktion des FN und Le Pens auf die Worte des Papstes:

«Le pape ne nous a pas diabolisés» (Le Temps, Schweiz)  https://www.letemps.ch/monde/2017/05/01/entre-pen-macron-vote-crucial-catholiques

Le souverain pontife a qualifié Marine Le Pen de représentante de la «droite forte». Une déclaration qui réjouit les militants frontistes à quelques jours du second tour de la présidentielle

C’est une voix qui compte dans la présidentielle, celle du pape François. Pour sa première déclaration sur le sujet, le souverain pontife est resté particulièrement évasif. Mais une petite phrase a retenu l’attention du Front national. «Je sais qu’un des candidats est un représentant de la droite forte mais l’autre, vraiment, je ne sais pas d’où il vient et c’est pour cela que je ne peux pas donner une opinion tranchée sur la France», a-t-il déclaré samedi 29 avril à son retour d’Egypte.

La candidate d’extrême droite Marine Le Pen s’est réjoui dès lundi de cette prise de parole lors de son meeting à Villepinte, dans la banlieue nord de Paris. «Emmanuel Macron est un candidat tellement embrumé que même le pape n’arrive pas à percevoir son message», a-t-elle ironisé devant ses supporters. Le pape François a toutefois précisé ne pas connaître «l’histoire» des deux candidats à la présidentielle. Qu’importe, les militants frontistes veulent y voir un signe. «Si le pape nous donne sa bénédiction, ça ne fait pas de mal. Il ne nous a pas diabolisés. Ça peut encourager certains électeurs à faire un pas vers Marine Le Pen, qui défend aussi des idées de gauche», sourit Jean-Luc Faisant, 49 ans. Ce technicien dans l’audiovisuel participe au rassemblement du 1er mai en compagnie de Jean-Marie Le Pen. «Mon sentiment patriote s’est réveillé», assure-t-il.

«Les catholiques sont derrière nous»

Le souverain pontife a qualifié Marine Le Pen de représentante de la «droite forte». Un label qui semble conforter l’entreprise de dédiabolisation qu’elle a enclenchée depuis son arrivée à la tête du parti en 2011. «Nous sommes la droite forte comparé à 2002, le front républicain a explosé. Les catholiques sont derrière nous», assure Franck Picard, 53 ans. Même discours du côté de la jeunesse frontiste. «Je ne me considère pas comme un extrémiste, je soutiens une droite forte comme le dit le pape», confirme Killian Rebillon, un pompier volontaire de 19 ans.

A quelques jours du second tour, les catholiques seraient de plus en plus perméables aux sirènes frontistes. Contrairement à 2002, la Conférence des évêques de France n’a pas donné de consigne de vote. Et l’ancienne présidente du Parti Chrétien-Démocrate, Christine Boutin, a appelé à voter pour Marine Le Pen. Cet appel d’air pourrait ne pas avoir un réel impact, regrettent plusieurs militants frontistes. «Les chrétiens n’ont aucun poids dans cette élection. Le pape peut dire ce qu’il veut, il a seulement une autorité spirituelle et non pas politique», estime Loup Mautin, devant le parc des expositions de Villepinte. «La France n’est plus du tout un pays religieux. La première religion, c’est l’islam. La déclaration du pape ne devrait donc pas avoir une portée énorme», souffle Alain Breuil, conseiller municipal à Grenoble. (Florian Delafoi)

Quelle: https://www.letemps.ch/monde/2017/05/01/entre-pen-macron-vote-crucial-catholiques

 



Der § 175 in der römisch-katholischen Kirche.

28. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.4.2017

1. Zum Anlass dieser Überlegungen:

Am Freitag, den 28. April 2017, soll nun, man glaubt es kaum, ein Gesetz im Deutschen Bundestag verhandelt werden, das einer damals in der Bundesrepublik Deutschland verfemten und vergessenen Minderheit etwas Gerechtigkeit und bescheidene finanzielle „Wiedergutmachung“ bringen soll: Dem SPD Minister Heiko Maas sei Dank, aber auch den politisch Aktiven (Schwulen), die dieses Thema vor dem Vergessen bewahrten.

Es geht um Männer, die in der Nazi-Zeit als Untermenschen in KZs gesteckt wurden. Sie haben dann aber unter den nach wie vor weiter bestehenden Nazi-Gesetzen (von 1935) noch in der Bundesrepublik leiden müssen. Ca. 64.000 homosexuelle Männer wurden zwischen 1949 und 1994 noch verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt, als Untermenschen angesehen… Erst 1969 begann die demokratisch-freiheitliche Regierung, sich vom unsäglichen Nazi- § 175 zu befreien. Solange war Nazi-Gesetzgebung eben normal!

Als normale Menschen mit allen Rechten werden homosexuelle Männer (und Frauen) bis heute selbst in Deutschland noch nicht angesehen: Sie haben etwa, im Unterschied zu den Niederlanden oder Spanien, kein Recht, eine Ehe zu schließen und Kinder zu adoptieren, also Familie zu sein. Und so viele Bürger regen sich auch hier nicht auf, wenn Homosexuelle auf den Straßen Gewaltattacken ausgesetzt sind. Das ist längst Alltag, so groß ist die Toleranz gegenüber Rechtsextremen längst!

Also: Nazi – Gesetze haben in der BRD fortbestanden … und die Opfer haben bis heute keine öffentliche Aufmerksamkeit gefunden oder gar Entschädigung erhalten. Warum? Weil in einem autoritären BRD Staat auch die BRD Richter fast immer ehemalige Nazis waren.

Nun also soll es eine gewisse Form der Gerechtigkeit für die Männer, die in der frühen Bundesrepublik verfolgt wurden. Ihre bewegende Geschichte sollte man etwa im Tagesspiegel vom 27. 4. 2017, Seite 3, nachlesen…

2.

Was uns im Religionsphilosophischen Salon viel mehr noch interessiert ist: Dieser Anti-Homo-Wahn besteht jetzt, besteht heute; diese Ausgrenzung, dieser Zwang, die anderen, die homosexuellen Menschen, zu verfolgen und zu töten. Dies gilt für fundamentalistisch-muslimisch geprägte Staaten, die noch nicht erkannt haben, dass der Koran eine zeitgebundene und historisch relative, also poetische Aussage frommer Leute ist. Die Liste der Staaten, die Homosexuelle verfolgen und ermorden, ist auch heute lang. Die Solidarität mit diesen Menschen hält sich nach meinem Eindruck in der westlichen Welt sehr in Grenzen. Die lieben Tanten und Onkels am Straßenrand deutscher Städte winken dem bunten und schrillen CSD – Festival im Sommer zu, kommen aber nicht auf den Gedanken, bei Amnesty International für krepierende Homosexuelle in Iran, Saudi-Arabien usw.usw. einzutreten…Man nennt dieses ignorante Verhalten heute die „feucht-fröhliche Form der repressiven Toleranz“.

3.

Der religionsphilosophische Salon interessiert sich auch aufgrund verschiedener biografischer Erfahrungen des Gründers dieser Basis- Initiative besonders für die Verfolgung bzw. Verachtung und Ausgrenzung homosexueller Menschen in den Kirchen, vor allem der römischen Kirche.

Die evidente Tatsache ist: Die römische Kirche ist eine homofeindliche Welt-Organisation. Noch heute. Sie spricht von der Akzeptanz „des anderen“ in zahllosen Dokumenten und theologischen Dissertationen, aber dies ist nur Theorie, nichts Ernstgemeintes, man könnte sagen: Ideologie.

Das ist ein evidentes Faktum, um es zugespitzt zu sagen. Und mir tun alle leid, die innerhalb der römischen Kirche gegen dieses Faktum anrennen und treuherzig „Reformen“ erwarten. Das ist Masochismus, den man aufgeben sollte – etwa zugunsten dringender Forschung und vor allem: eines befreiten Lebens.

Die Verfolgung homosexueller Männer in der römischen Kirche gilt für alle Männer die als Priester und Ordensleute in dieser Welt-Organisation mitarbeiten möchten. (Ich freue mich, dass offenbar die vielen lesbischen katholischen Nonnen in Ruhe gelassen werden, der Vatikan braucht ja auch Frauen nicht so dringend, da ist es ihm egal, ob da viele Lesben in den Klöstern sind, man möchte fast zynisch sagen: Gott sei Dank lässt die Inquisition die Lesben in Ruhe.)

Zu den Männern: Sie dürfen nur Priester oder hauptberufliche Laientheologen (etwa Pastoralreferenten) werden, wenn sie sich selbst als Homosexuelle verstecken und verleugnen und als Zeichen der Treue zur Hierarchie laut gegen Homosexuelle öffentlich sprechen.

Dieses Sich Verstecken ist eine Form systematischen geistigen Selbstmordes. Können solche geschädigten Männer Seelsorger sein?

Viele begehen aus Karrieregründen diesen geistigen Selbstmord und verstecken sich, gelegentliche Sex-Abenteuer, die bitte niemand sieht, eingeschlossen.

Die eher kranken Typen, möchte man beschreibend sagen, die man im Klerus allenthalben findet und fand, sind eben seelisch irritiert und, sorry,  kaputt, weil sie auf Dauer, lebenslänglich, zur absoluten Verlogenheit verpflichtet sind. So wird das klerikale System, und das römisch- katholische System ist absolut klerikal, zum Lügensystem. Lüge wird zur Angewohnheit, auch in finanziellen Belangen, man denke an den zerrütteten Zustand der Vatikan-Finanzen, an die Paläste, in denen die Diener des Herrn (oder der Herren), Kardinäle genannt, leben. Lüge bestimmt förmlich den vatikanischen Alltag. Man denke an den Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, den man den Großmeister der Lüge nennen kann. Wir haben im Religionsphilosophischen Salon über ihn berichtet, den selbst Papst Benedikt XVI. wegen der pädophilen Untaten einen Verbrecher nannte. Mit diesem Gründer vor Augen besteht der Orden der Legionäre Christi nach wie vor.

Wer dieses Lügen-System mit dem Verlust des Selbst nicht mitmachen will und noch jung genug ist, andere berufliche Perspektiven sich zu erarbeiten, der verlässt diesen verlogenen Club. Dieser Schritt ermöglicht Freiheit und Selbstsein.

4.

Ich habe in einem früheren Beitrag, klicken Sie hier, ansatzweise einige wenige Elemente genannt, wie stark sich Homosexuelle dann doch in der römischen Hierarchie festsetzten und Karriere machten. Ich habe einige Namen Verstorbenen genannt. Sie lebten unter der einen Bedingung: Immer gegen Homosexuelle predigen … und sie möglicherweise schädigen.

5.

Es wird oft gesagt, Papst Franziskus sei ein bisschen aufgeschlossener in der Akzeptanz von Homosexuellen im allgemeinen und homosexuellen Klerikern im Besonderen. Man sagt dann: Papst Franziskus könne sich nur nicht durchsetzen, weil die afrikanischen Katholiken (und ihre Bischöfe) und viele in Asien eben homo-feindlich seien. Diese Katholiken folgen dabei auch den Missionspredigten der Europäer, die ihnen im 19. Und 20. Jahrhundert der Lehre getreu einredeten: Homosexualität ist Sünde. Diese Lehre wird ja noch im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche (1993) verbreitet. Man sagt also dann: Papst Franziskus will doch die angebliche Einheit der einen römischen Kirche nicht aufs Spiel setzen.

Tatsache ist: Dieses Argument ist eine Ausrede. Wenn ein Papst wirklich etwas als für ihn richtig erkannt hat, setzt er dies auch durch. Und selbst wenn sich eine afrikanisch-katholische-antihomo Kirche von Rom abspaltet: Was wäre dann so schlimm? Die viel beschworene Einheit der römischen Kirche ist ja ohnehin nur eine Behauptung und, schon wieder, eine Lüge. Sollen die katholischen Afrikaner doch antihomo bleiben und sehen, wie sie damit zurecht kommen. Für Europa wäre diese Spaltung ein Signal für einen progressiven, vernünftigen Aufbruch. Die viel beschworene Einheit in der ganzen Weltkirche (1,3 Milliarden Mitglieder) besteht ohnehin nicht.

Natürlich kann man das Insistieren auf der Normalität der Homosexualität durch Europäer gleich wieder als europäische Überheblichkeit (als neuen Kolonialismus) kritisieren. Aber es ist eine Tatsache: Bestimmte Erkenntnisse zur Menschenwürde aller Menschen haben nichts mit regionalen, europäischen Herkünften zu tun. Die Gleichberechtigung homosexueller Menschen ist ein Fakt, ebenso die Tatsache: Homosexualität ist eine normale Variante des sexuellen Lebens. Da ist es egal, ob diese Erkenntnis einmal in Frankreich oder in Sri Lanka oder Burundi entstanden ist. Sie ist wahr, unabhängig von der Herkunft und sie ist trotzdem universal gültig.

Wenn also der § 175 heute noch fortbesteht in Europa, dann in der weltweiten römischen Kirche. Wer spricht noch darüber? Wer klagt die Kirche wegen der Verletzung der Menschenrechte an? Diese Kirche zwingt zum Verleugnen und verhängt Berufsverbote für Männer, die sich outen und bestraft immer noch jene, die oft als Priester oder Bischöfe sich outen, dann bestraft werden und ins oft ärmliche bürgerliche Leben zurückkehren.

6.

Ein großer Skandal ist, dass die deutsche Rechtssprechung den absurden Sondergesetzen der römischen Kirche folgt, und eben Entlassungen von homosexuellen Priestern und Laien-Theologen normal und rechtlich in Ordnung findet, wenn diese die „Sünde“ begehen, sich zu outen oder mit dem Partner eine feste Verbindung einzugehen.

7.

Nebenbei: Mich persönlich freut es, dass es eine undogmatische und freisinnige protestantische Kirche gibt, die sozusagen völlig normal homosexuelle Menschen als solche, aber eben als normale Menschen wie alle anderen, als Mitglieder oder als Pastoren willkommen heißt, und die, wenn gewünscht, nun schon seit 1987 auch eine Ehe-Segnung vollzieht. Es sind die Remonstranten in Holland.

Zur Lektüre wird empfohlen: Krzysztof Charamsa, Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche. Bertelsmann Verlag, 2017.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

 



„Ich bete an die Macht der Lüge“: Die neue internationale Hymne in Zeiten ohne Wahrhaftigkeit.

22. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Satire, Religionskritik, Termine

Eine ernst zu nehmende philosophische Satire von Christian Modehn.

In unserem religionsphilosophischen Salon in Berlin, am 21. 4. 2017, sprachen wir über die zunehmende Macht der Lügen in der Politik, der Gesellschaft, im „privaten“ Leben. Mister Trump hat allein in den ersten 100 Tagen seiner Regierung mehr als 130 Lügen ausgesprochen, hat die „Washington Post“ dokumentiert…Dass er ständig lügt, ist inzwischen erwiesen.

Aus Anlass des weit verbreiteten Lügen-Wahns könnte es von Interesse sein, im Rahmen philosophischer Kritik als Satire sich auf die neue Internationale, möchte ich fast sagen, einzustimmen, nämlich auf die neue internationale Lügen-Hymne, die bitte jeder Bürger und Wähler als Mitläufer und Mit-Sänger schmettern sollte. So wollen es die Herrscher.  Als „Bekenntnis“, dass eben niemandem mehr geglaubt werden kann. Vielleicht kann durch die Satire noch die Wahrhaftigkeit gerettet werden.

Die Strophe aus dem „geistlichen Lied“ des Gerhard Tersteegen (1750) spielte schon im 18. Jahrhundert eine grandiose Rolle beim militärischen Zapfenstreich. Dies gilt bis heute. Ohne diesen theologischen Schmarren, in einer Satire ist dieses treffende Wort erlaubt,  kommt auch heute kein großer Zapfenstreich der Bundeswehr aus! Eigentlich eine Schande. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass in diesem frommen Erguss von Herrn Tersteegen (von 1750) der „Mensch als Wurm“ bezeichnet wird. Wahrscheinlich fühlen sich viele Soldaten als „arme Würmer“ angesichts bevorstehender, oft tödlicher Kämpfe gegen „den Feind“.

Dies also ist der vertraute mystisch-militärische Song:

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesus offenbart;
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Nebenbei: Dieses Lied ist noch immer im Evangelischen Gesangbuch, Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe als Nr. 661 vertreten. Arme Würmer, kann man dann nur sagen, die solches singen…

JEDOCH: Angesichts der enormen Zunahme der Lügenpropaganda durch zahlreiche Politiker wie Putin., Erdogan usw. empfiehlt sich meine Neudichtung bezogen auf den Lügenbaron Mister Trump, USA.

Dies ist die neue internationale Lügen-Hymne, inspiriert von Tersteegen, neu bearbeitet und aktualisiert von Christian Modehn am 22. 4. 2017:

Ich bete an die Macht der Lüge,

die sich in Trump und andren zeigt;

Ich geb mich hin den Lügenworten,

wodurch ich Wurm verblödet werd;

ich will, anstatt an mich zu denken,

im Meer der Lügen mich versenken…

PS: Auch diese Neu-Dichtung kann selbstverständlich in der Melodie gesungen werden, die der in St. Petersburg wirkende ukrainische Komponist Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825) ursprünglich für Tersteegens Text verfasst hat. Auch dieser Tipp noch: Unsere neue internationale Lügen-Hymne zu Ehren von Mister Trump könnte bei Staatsbesuchen der genannten und noch nicht genannten PolitikerInnen gesungen bzw. geschmettert werden. Übersetzungen ins Türkische, Russische, Englische usw. willkommen!

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium? Ein religionsphilosophischer Salon im Umfeld des Kirchentages

21. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Termine, Warum Salon-Gespräche wichtig sind?

Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium?

Ein religionsphilosophischer Salon am FREITAG, den 26. Mai 2017 (im Umfeld des Kirchentages in Berlin)

Wir treffen uns um 19 Uhr in der Kunst-Galerie Fantom, Hektorstr. 9. Wir wollen das Wort von Karl Marx (geboren kurz vor Beginn des Kirchentages, am 5. Mai, vor 199 Jahren) interpretieren  „Religion ist Opium des Volkes“, aber auch neue Perspektiven eröffnen:

Inwieweit stimmt diese Analyse von Marx noch heute? Wo ist heute Religion Opium? Warum wünschen viele Menschen religiöses (oder atheistisches) Opium? Brauchen (religiöse Menschen) immer (eine Prise) Opium? Wollen religiöse Menschen in der Hinsicht überhaupt clean werden und clean leben?Warum brauchen auch etliche Atheisten ihr „atheistisches Opium“?

Entscheidend ist für uns: Welche christliche Gestalt der Religion kann auf Opium verzichten?

Wir vertreten die These, dies schon vorweg: Entweder: Die der Theologie der Befreiung entsprechende (Basis)-Kirche kann auf Opium verzichten. Oder: Die humanistisch geprägte, neue liberale Theologie und ihre weithin dogmenfreien christlichen Kirchen, die aus Reformation hervorgegangen sind…(Sie spielen beim Kirchentag keine Rolle).

Dies könnte ein spannender Abend der offenen Diskussion werden. Vielleicht kommt ein Mystiker vorbei und erklärt uns, warum Mystik (Meister Eckart) auch ohne Opium auskommt…

Herzliche Einladung mit der Bitte um schriftliche Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de  Die Anzahl der Plätze ist begrenzt und soll auf 20 TeilnehmerInnen begrenzt sein, um eine Gesprächsmöglichkeit für alle zu geben.

christian modehn am 21.4.2017



„Die Religion als Opium des Volkes“. Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

20. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

„Die Religion als Opium des Volkes“

Die aktuelle Diagnose auch im Reformationsgedenken 2017

Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sehr schön passend, kurz vor Beginn des Evangelischen Kirchentages in Berlin am 24.Mai (Das Motto: „Du (Gott) siehst mich“) werden einige philosophisch und religionsphilosophisch Interessierte erneut an Karl Marx denken: anlässlich seines 199. Geburtstages am 5. Mai. Und sie werden im religiösen Umfeld dieser frommen Kirchen-Tage an das viel zitierte (und historisch so oft bestätigte) Wort des Philosophen Karl Marx denken: „Die Religion ist das Opium des Volkes“ (1843 formuliert in der Einleitung der Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“).

Abgesehen von einer breiten und partei-ungebundenen Marx-Exegese, die trotz des Zusammenbruchs und Verschwindens der meisten sich kommunistisch nennenden Regime aktuell bleibt: Dieser Spruch „Religion ist Opium des Volkes“ verdient alle Aufmerksamkeit in einer Welt, die alles andere als säkular ist, sondern in der Religionen und Sekten und esoterische Bewegungen ständig ihr sichtbares, problematisches und auch politisch gefährliches Wesen zeigen. Man denke an den Boom der Evangelikalen in den Hunger-Staaten Afrikas, an die verschiedenen Formen des Islams, an die so vielfältigen, oft aber tyrannisch-geldgierigen Pfingstkirchen in Brasilien usw. Die Frage bleibt: Gibt es Religion, die kein Opium des Volkes sind, sondern wahre inspirierende Nahrung, um im Bild von Marx zu bleiben. Das es nicht-beruhigende Religion gibt, ist für uns klar.

Darüber später mehr, sonst siehe die Beiträge zur Theologie der Befreiung auf dieser website. Und auch dies: Die moderne „liberale Theologie“ (dies ist natürlich keine FDP-Theologie)  und auch die Theologie der freisinnigen protestantischen Kirche in Holland, der „Remonstranten“, (ebenfalls Infos auf der website), sind de facto eine Überwindung der These „Religion ist Opium des Volkes“, es sind freie und selbständig-kritische Theologien und Glaubensformen.

Mit anderen Worten: „Religion ist Opium des Volkes“ könnte als kritische Begleitmusik auch alle Veranstaltungen des Kirchentages beleben. Etwa mit der Frage: Verbreiten wir jetzt Opium, wollen wir beruhigen? Aber welchen Aufstand des Gewissens wollen wir? Welche grundlegende Veränderung auch der Kirchen wollen wir? Warum haben wir als ängstliche Lutheraner, staatsteu wie einst, Thomas Müntzer, dem Reformator und Kollegen Luthers, keinen Platz beim Kirchentag eingeräumt? Wer wird diese Frage nach der Abwesenheit Müntzers stellen?

Insofern ist es fast ein philosophisches Geschenk, dass wir am 5. Mai an Karl Marx, an den kritischen Philosophen, wieder einmal „besonders“ denken. Und uns hoffentlich befreien von der dogmatischen Starre, in der sein philosophisches Denken durch die Regime des Ostens eingesperrt und stillgelegt wurde. Nun haben die Kirchen allen Grund, nach dem Tod des Erzfeindes Kommunismus, sich erneut dem Denken von Marx zu stellen, dem Philosophen und auch dies: dem Ökonom.

Und es könnte eine Art philosophiehistorischen Aberglauben fördern, wenn wir nun auch noch bedenken: Ausgerechnet an einem 5. Mai wurde auch noch der Philosoph und dialektisch-lutherisch-Glaubende Sören Kierkegaard geboren (im Jahr 1813). Und man hätte Lust, Marx und Kierkegaard einmal in einen religionsphilosophischen Disput zu verwickeln. Solche philosophischen religionskritischen Salons wären doch ein schöner, geistvoller Gottesdienst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer salon Berlin

 



Wissenschaften sind stärker als Ideologien: Zum Marsch für die Wissenschaften am 22.4.2017

18. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denkbar, Termine

Der weltweit organisierte „Marsch für die Wissenschaft“ am 22.4.2017 ist eigentlich ein Skandal: Ein Skandal, dass solch eine Veranstaltung als öffentliches Eintreten zugunsten der Wissenschaften überhaupt stattfinden muss. Leben wir wieder im dunklen Zeitalter? Also vor dem siècle des lumières? Offenbar! Vor allem befördert, durch die unerträglichen Verdrehungen von Fakten, von Wahrheit und Mißbrauch der Wissenschaft durch Mister Trump. Schon in den ersten 100 Tagen seines Herrschens hat die „Washington Post“ ihm mehr als 100 Lügen nachgewiesen. Wird die Welt von einem politisch mächtigen Lügner bestimmt? Was kann man diesem Herrn und seinem System noch glauben?

Um so dringender, dass wir die Vernunft stärken und eben für die Wissenschaften öffentlich eintreten. Traurig ist es schon. Und traurig, dass mir bisher nicht bekannt ist, welche Katholisch-Theologische Fakultäten in Deutschland an diesem March for science teilnehmen. Denn diese Fakultäten kämpfen doch ständig um ihren Status als freie und unabhängige wissenschaftliche (zudem: staatlich anerkannte und vom Staat bezahlte)  Institutionen. Denn das letzte Wort in der Berufung von Professoren für diese katholisch-theologischen Fakultäten haben die Bischöfe, also die Kirchenleitungen. Das wäre vergleichsweise so, wie wenn der Justizminister die Professoren für Jura beruft oder der Außenminister die Professoren für Politologie. Der Status der katholisch-theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten ist nach wie wissenschaftlich prekär. Freie und unabhängige Forschung kann es da eigentlich nicht geben. Gesellschaftich Impulse von dort sind rar. Und: Wer zu kritisch ist, fliegt raus. Wer als Priester-Professor heiratet, fliegt raus. Die Bischöfe sagen, was erforscht wird und wer forscht. Man denke nur an den berühmten „Fall Küng“: 1979 wurde ihm von den katholischen Bischöfen (im Einvernehmen mit Rom selbstverständlich) die Lehrerlaubnis an der Katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen entzogen. Küng hatte es gewagt als Wissenschaftler, wie es sich gehört, eine neue Interpretation der immer umstrittenen päpstlichen Unfehlbarkeit vorzulegen und nicht wie alle anderen Theologen angstvoll das Alte nachzubeten. Das durfte nicht sein! Der Staat musste für den dann arbeitslosen katholischen Theologen Küng einen neuen Posten an der Uni Tübingen schaffen. Dass dann dort wiederum Hans Küng großartige Forschungen gelangen, ist klar. Ein zweites Beispiel: Der katholische Theologieprofessor und Priester Michael Bongardt durfte nicht mehr an dem winzigen Seminar für Katholische Theologie an der FU weiter arbeiten, weil er heirate. Auch für ihn musste der Staat eine neue Stelle schaffen. Ist das nun Ausdruck der Trennung der Kirche vom Staat oder ist dies ein devoter Gehorsam des Staates gegenüber den eigenen (von vielen unvernünftig genannten) Gesetzen der römischen Kirche? Das Komische ist: Niemand will diese staatliche Kirchen-Treue ändern…

Zum march for science:

1. Zum Selbstverständnis des March for science: 

Der „Marsch für die Wissenschaft“ will die Bedeutung von Erkenntnissen und überprüfbaren Ergebnissen der Forschung für unsere Gesellschaft stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Wissenschaft und Forschung sind Säulen von Freiheit und Wohlstand. Wir sind überparteilich und überinstitutionell. Wir wollen, dass Wissenschaft als gemeinsames Gut begriffen wird, das Politik und Gesellschaft hilft, Entscheidungen wissensbasiert und im öffentlichen Interesse zu treffen.

Wissenschaft und Forschung haben sich in den vergangenen Jahrhunderten zu einem zentralen Baustein unserer Zivilisation entwickelt. Unser Wohlstand verdankt sich den Ergebnissen der Arbeit von Forschenden, WissenschaftlerInnen und daraus erwachsenden Innovationen. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Zusammenhänge in Natur und den Gesellschaft fließen in Schule und Ausbildung ein, das stetig wachsende Wissen macht die Menschheit zukunftsfähig.

Wissenschaftlicher Fortschritt muss durch überprüfbare Arbeit erstritten werden. Derzeit wird die Basis unserer modernen Lebensweise durch populistische Forderungen und die Verbreitung von „Fake News“ gefährdet. Wissenschaftlich erwiesenen Tatsachen werden, nicht nur in den USA, unbelegte „alternative Fakten“ entgegengehalten. Einmal wird der Klimawandel als Erfindung abgetan, ein andermal die überwältigenden Beweise für die Evolution der Lebewesen auf Erden geleugnet und durch Kreationismus ersetzt, Impfen wird als Teufelszeug abgetan – die Beispiele werden zahlreicher, wo selbst unstrittige Erkenntnisse politisiert werden.

Wir sind nicht „gegen“, sondern „für“:  Anti-Trump ist uns zu kurzsichtig. Die Wissenschaftsfeindlichkeit eines bildungsfernen Präsidenten ist nur Ausdruck einer gesellschaftlichen Strömung, die wissenschaftliche Fakten und sicheres Wissen denunziert. Wir sind für die Wissenschaft und Forschung als zivilisatorische Errungenschaft, die für unsere offene Demokratie unabdingbar ist. Deutschland stellt nur ein Prozent der Weltbevölkerung, ist zugleich aber global die viertstärkste Wirtschaftsnation. Unser Wohlstand beruht auf Wissenschaft, Forschung, Technologie und Ausbildung. Es geht buchstäblich um unsere Zukunft.

Forschung und Wissenschaft sind die Kunst des Lösbaren, helfen Welten erbauen, die Menschen Freiheiten schenken. Wir appellieren an alle Bürger, die wissen, wie wichtig die Wissenschaft in der Demokratie ist. Engagieren Sie sich gegen rückschrittliche und populistische Sichtweisen. Glauben Sie keinen einfachen Erklärungen. Die Welt ist kompliziert, gerade deshalb ist sie schön.

Quelle: http://marchforscienceberlin.de/leitbild

2. Zum Marsch in BERLIN,  er findet selbstverständlich auch in anderen Städten statt.

Der March for Science startet am 22.04.2017 um 13:00 Uhr vor der Humboldt-Universität zu Berlin (Unter den Linden 6). Mach mit!

Von der Leugnung des Klimawandels bis hin zu absurden Verschwörungstheorien – immer häufiger werden wissenschaftlich belegte Tatsachen geleugnet oder sogar erwiesene Unwahrheiten als „alternative Fakten“ dargestellt.

Unser Land lebt von Wissenschaft, Forschung, Technologie und Ausbildung. Umso mehr muss uns die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit, vor allem in den westlichen Industrienationen, alarmieren.

Forschung und Wissenschaft sind zu wichtig um zuzulassen, dass sie als Spielball populistischer Interessen missbraucht werden.

Am 22. April 2017 werden daher anlässlich des „Earth Day“ wieder weltweit, auch in vielen Städten Deutschlands, Menschen auf die Straße gehen (Karte). Sie demonstrieren für den Wert von Wissenschaft und Forschung als eine Lebensgrundlage unserer offenen und demokratischen Gesellschaft.  In Deutschland findet der “March for Science” in Berlin, Bonn/Köln, Dresden, Frankfurt, Freiburg, Göttingen/Kassel, Greifswald, Hamburg, Heidelberg, Jena, Leipzig, München, Stuttgart und Tübingen statt.

Diese Demonstrationen sind überparteilich. Alle Bürgerinnen und Bürger, denen unsere Zukunft wichtig ist, sind eingeladen – nicht nur WissenschaftlerInnen.

Weiter führende Überlegungen:

Der „Marsch für die Wissenschaft“ ─ Vier Gedanken und ein Fazit

(Eine Ergänzung am 24.4.2017: Inzwischen melden sich kritische Stimmen zu diesem Marsch für die Wissenschaft, klicken Sie hier. )

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Viele Nationen. Aber keine Nationalisten. Ein neues kosmopolitisches Volk? Beim Betrachten des Petersplatzes zum „Urbi et Orbi“ am 16. 4. 2017

16. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16.4.2017

Wie oft haben wir die Bilder am Ostersonntag gesehen, wenn der Papst seinen Segen „Urbi et Orbi“ spricht.

Wie oft haben wir dort, in der Menge herausragend, die vielen Fahnen gesehen, auf die auch Pilger nicht verzichten können: Sie wollen stolz zeigen, wo sie herkommen und wo sie national hin gehören. Also: Deutsche Flaggen, polnische, brasilianische, argentinische, kroatische, sogar eine schwedische Flagge habe ich heute entdeckt und viele andere mehr. Man muss förmlich Flaggenkundler sein, also der eher noch marginalen Vexillologie verbunden sein, um alle die bunten nationalen „Tücher“ zu identifizieren. Aber der Eindruck ist prägend: Diese Gruppen wollen nicht dem Nationalismus frönen, sondern eher die bunte Vielfalt des Glaubens, in vielen Nationen zu Hause, ausdrücken.

Selbst wenn zu Beginn der TV Übertragung die Hymne des Staates Vatikanstadt und danach die italienische Hymne gespielt wird, also ein Hauch des Nationalen entsteht: Aber der ist nur der (eigentlich überflüssigen) musikalischen Tradition verpflichtet.

Diese internationale Versammlung auf dem Petersplatz ist keine Versammlung von Nationalisten. Wer sich da mit seiner Flagge hinstellt, neben die Flagge einer anderen nationalen Gruppe, überwindet gerade seine nationale Bindung. Kaum vorstellbar also, dass sich Madame Le Pen (sie nennt sich Katholikin) da mit der französischen Flagge hinstellt (und dem Papst zuhört) und in ihrer Nachbarschaft etwa ist sie der Flagge aus Eritrea oder einem anderen afrikanischen Staat ausgesetzt, aus Staaten also, wo die Flüchtlinge herkommen…Oder kann man sich den rechtsradikalen Holländer, Herrn Wilders, ehemals katholisches Kirchenmitglied, auf dieser Versammlung anlässlich des Urbi et Orbi vorstellen oder gar Frau Petry oder Frau von Storch (AFD), diesmal als ökumenische Gäste. Diese sich Politiker nennenden Leute schaffen noch nicht den Sprung, mit ihrer Flagge sozusagen den Nationalismus zu überwinden…Sie bleiben begrenzt und verschlossen.

Sind die anderen alle Kosmopoliten, wenn sie da auf dem Petersplatz bunt gemischt stehen und die Friedensworte hören? Hoffentlich. Wer kann schon ins Herz der 50.000 Katholiken dort schauen. Aber de facto setzen sie mit ihrer Flagge neben den vielen anderen Flaggen eben eine Relativierung des Nationalen. Bleibt zu hoffen, dass alle diese verschiedenen Menschen nach dem Segen dann, mit Geist und Courage gesegnet, das multikulturelle Gespräch suchen, in kleinen Gruppen auf den Plätzen, den hoffentlich offenen Kirchen und Klöster oder in den Cafes. Dann wäre Ostern gleichzeitig Pfingsten. Ohne einen geweiteten, neuen Geist, kann niemand Ostern verstehen. Insofern sind Ostern und Pfingsten sachlich –theologisch sowieso eins.

Ein Debatten – Thema sollte sein: Die Rückbesinnung auf die schöne Definition der Kirche: Sie nennt sich – ohne dabei antisemitisch zu sein – neues Volk Gottes: Es gibt also förmlich ein neues, ein universales, die Welt umfassendes kosmopolitisches Volk: Die eine neue über-nationale „Nation“, die keinen Krieg mehr duldet zwischen den dann relativen und kleinen „realen“ Nationen, heißen sie nun USA, Russland, Deutschland, usw. Diese Nationen sind eben begrenzt und zweitrangig. Gegenüber der einen großen Friedens-Nation derer, die sich zum Christentum bekennen. Und über die enge Konfessionalität dieses Glaubens hinauswachsen: Also in diesem Bekenntnis niemanden ausgrenzen, geschweige denn attackieren! Also keine neue/alte Rechthaberei! Sondern dieses neue Volk, das sich Volk Gottes nennt, ist einzig der Menschlichkeit verpflichtet, dem Frieden, den Menschenrechten. Aber dies ist ein Projekt, vielleicht ein Traum. Hat die Kirche schon realisiert, dass sie eigentlich eine große Friedensbewegung ist? Mit allen politischen Konsequenzen. Mit aller Parteinahme für den Frieden?

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin



Benedikt der Sechszehnte wird neunzig: Der konservative „EX-Papst“ im Hintergrund.

4. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Termine, Theologische Bücher

Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., wird am 16. April 2017 90 Jahre alt

Hinweise von Christian Modehn

Der Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (München), der Jesuiten Theologe Andreas Batlogg, hat nach dem Erscheinen des Interviewbuches mit Joseph Ratzinger (Ex-Papst Benedikt XVI.) recht mutig im Deutschlandfunk (9.9.2016) gesagt: Das neue gemeinsame Buch mit Peter Seewald „Letzte Gespräche“ (erschienen im September 2016) „dürfte es eigentlich nicht geben“. Es sei stillos, wenn Ratzinger den gegenwärtigen wirklichen und wirkenden Papst Franziskus „in diesem Buch kommentiere“. So werde der Eindruck geweckt, Joseph Ratzinger sei doch noch irgendwie als Papst tätig… Dabei hatte er versprochen, nach seiner Abdankung (am 28.2.2013) zu schweigen. Aber wer einige Meter vom tatsächlichen Papst entfernt wohnt und nicht etwa im bayerischen „Gnaden“-Ort Altötting, der beobachtet alles, hört alles und redet auch mal wieder, um seine bekannten, mindestens sehr konservativ zu nennenden theologischen Meinungen zu verbreiten.

Pater Batlogg sagte in der Radiosendung: „Ich denke Benedikt ist sich treu geblieben. Er ist sich treu geblieben, ich bin da (in dem Buch, CM) Feindbildern und Klischees begegnet, die ich aus den 70er Jahren kenne… Ich merke, da hat er Feindbilder, die er über Jahrzehnte behalten hat, und jetzt, wo er wieder viel fitter ist als bei seinem Rücktritt im Februar 2013, da kommen diese Dinge wieder. Ich denke er schadet sich damit selbst“.

Wohl wahr… Aber diese Worte des EX – Papstes helfen auch all den vielen Prälaten, Kardinälen und reaktionären „neuen“ geistlichen Gemeinschaften usw., die ihm, dem Benedikt, verbunden sind und förmlich darauf warten, dass der „alte Geist, der Ratzinger- Geist“, wieder herrscht. Solches freut doch den munteren Ex-Papst. Noch nie wurde wohl von Konservativen bzw. reaktionären Katholiken das Verschwinden eines Papstes so ersehnt wie das Ende von Papst Franziskus. Es gibt bekanntlich Bücher katholischer Journalisten, die den Hass auf Papst Franziskus dokumentieren, wie etwa „Les ennemis du Pape“ (Bayard Presse, Paris, 2016. „Die Feinde des Papstes“. Mit dem tatsächlichen Untertitel: „Über jene, die seinen Tod wollen“; Autor ist der sehr katholische Journalist Nello Scavo. Es werden bald Studien erscheinen, warum wohl Papst Franziskus bei Begegnungen mit ihm Wohlgesinnten immer wieder diese förmlich anflehte: “Betet für mich“. Diese permanente Häufung von Gebets-Wünschen lässt auch Böses ahnen…

Nun wird Joseph Ratzinger am 16. April 2017 90 Jahre alt. Uns interessiert nicht so sehr, ob irgendwelche lieben Domspatzen oder Altöttinger Liebfrauen-Brüder ihn beehren werden und bayerische Schweine-Schmankerl mitbringen.

Wir entsprechen nur den Nachfragen einiger LeserInnen dieser Website: Sie baten darum, noch einmal einige zentrale Texte aus unseren Forschungen zu Ratzinger zugänglich zu machen. Dabei ist für mich keine Vollständigkeit erreichbar. Etwa die Themen „Unterdrückung der Kenntnis und der Bestrafung sexueller Täter in der Zeit von Ratzingers Tätigkeit als oberster Glaubenschef in Rom“ werden nicht erwähnt, das haben andere schon getan. Im Rahmen unserer Forschungen zu dem entsprechend belasteten Orden der „Legionäre Christi“ wurde hingegen oft von Ratzinger/Benedikt XVI. gesprochen.

Tatsache ist und die ist wichtig für die Geschichte der katholischen Religion: Unter Benedikt XVI. wurde die traditionelle Kirche, ganz auf den zölibatären Klerus fixiert, weiter gestärkt. Mit all den katastrophalen Folgen durch Priestermangel in den europäischen und nordamerikanischen Gemeinden. Tatsache ist weiter, dass dieser Papst die evangelischen Kirchen nie als Kirchen anerkannt hat. Hingegen schwadronierte Benedikt XVI. von einer Versöhnung mit den, Verzeihung, theologisch weithin verkalkten und oft korrupten orthodoxen Staatskirchen. Wer will mit Putin-Patriarchen und Bischöfen schon „eins“ werden und im uralten, dort üblichen Kirchenslawisch Gesänge schmettern?

Es werden hier also nur einige Beispiele, seit 1968, und einige Grundhaltungen des Theologen Ratzinger aufgezeigt, die er als Papst nicht aufgeben wollte und konnte. Ratzinger hatte ja bekanntlich seine private Theologie als DIE Theologie des Katholizismus vertreten und mit Gewalt verteidigt und durchgesetzt. Ihn inspirierte völlig der Kirchenvater Augustinus (gestorben 430) und eben nicht Karl Rahner oder Hans Küng.

Zu einem längeren biographischen Hinweis zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers seit 1968 klicken Sie hier.

Zum Widerspruch Benedikts gegen Formen des so genannten Relativismus klicken Sie hier.

Zu seiner Ehelehre und der Zurückweisung jeglicher Homo-Ehe klicken Sie hier.

Zu dem merkwürdigen Phänomen der ins Idolatrie abgleitenden Papsthymnen bei seinem Besuch in Mexiko klicken Sie hier.

Die Versöhnung mit den reaktionären Pius-Brüdern (gegründet von Erzbischof Marcel Lefèbvre) ist sicher eine der schwer wiegendsten Entscheidungen Benedikt XVI., sie zeigt wohl auch seine versteckten und unausgesprochenen Sympathien für diese angeblich so treu ergebenen katholischen Kreise… Über die so gütigen, verständnisvollen Bemühungen Ratzingers/Benedikt XVI., mit diesen auch politisch reaktionären, oft dem FN nahe stehenden traditionalistischen Kreisen (in Frankreich) zu einer Versöhnung zu kommen, wird in dem Bericht zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers gesprochen. Besonders die Affäre um den FN –Freund Abt Calvet von Le Barroux ist unvergessen: Dieses traditionalistische Benediktinerkloster versöhnte sich mit dem Papst, durfte aber die eigene reaktionäre Theologie und Politik ungebrochen fortsetzen. Calvet war ein Freund des Pétain Anhängers und Nazis Paul Touvier….Der Abt zeigte sich verständnisvoll für die Brandstifter, die das Kino „St. Michel“ in Paris 1988 anzündeten, als dort der Scorsese Film „La dernière tentation de Jésus“ gezeigt wurde. Die Brandstifter machten übrigens ihre Exerzitien in seinem Kloster. Diese Versöhnung mit Le Barroux und weiteren reaktionären Klöstern ist eine der ganz dunklen Seiten in der Theologie und Kirchenpolitik Ratzingers. Über sie wird kaum noch gesprochen. Die Versöhnung mit dem Papst wurde im Kloster „Le Barroux“ übrigens groß gefeiert, Kardinal Mayer OSB reiste aus Rom eigens an und feierte die Messe mit vielen rechtsextremen Frommen, wie etwa Bernard Anthony vom FN und dem Chefredakteur der FN Zeitung „Présent“ Jean Madiran. Ratzinger jedenfalls meinte unschuldig und nach außen naiv: „Die traditionalistische Messe auf Latein (d.h. der Priester spricht still seine Texte vor sich hin, mit dem Rücken zum schweigenden, bzw. den Rosenkranz betenden Volk,CM) ist ein Bollwerk für den Glauben“ (Viele Details sind nachzulesen in der wichtigen Studie „Des Intégristes très intégrés“ in: Les Dossiers du Canard, „Les Cathocrates“, Paris 1990, Seite 20 f.).

Zu Abt Dom Gérard einige Hinweise sogar auf Englisch vom Kloster selbst: https://www.barroux.org/en/nos-fondateurs-articles/dom-gerard-en.html

Ein eigenes Thema wäre: Wie betreibt Papst Franziskus die weitere Versöhnung mit den Pius-Brüdern? Manche kundigen Beobachter sagen: Die Versöhnung steht bevor. Warum wohl? Weil diese Piusbrüder eben viele junge Priester haben. Die sind ja absoluter Mittelpunkt im katholischen Denken! „Der Klerus muss herrschen“. Das ist die selten besprochene, aber tatsächlich wichtigste Botschaft des Vatikans im Reformationsgedenken 2017.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



„Ich selbst bin auch der andere“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

26. März 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Weiter Denken

„Ich selbst bin auch der andere“

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

„Andere“ Menschen – als „die Fremden“ vor allem – werden heute in vielen Staaten und Gesellschaften als Bedrohung erlebt. Dies kann man durchaus als die tiefste geistige Krise der Gegenwart betrachten: Man möchte „die anderen“ ausgrenzen und vertreiben. Populismus, „mein Land zuerst“ und Rassismus sind der politische Ausdruck dieser Haltung. Sie hat gewiss auch ökonomische Ursachen. Wie aber lässt sich argumentativ zeigen, dass die Zurückweisung der anderen und Fremden unser eigenes Leben selbst beschädigt?

Im Sommer 2015 waren wir positiv überrascht, angesichts der verbreiteten „Willkommenskultur“ in Deutschland. Wir beide haben damals auch einige Gespräche geführt und in der Reihe „Weiterdenken“ publiziert. Dabei ging es uns vor allem um 2 Dinge. Zum einen, dass die große Bereitschaft zur Aufnahme der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein Gebot der Menschlichkeit ist. Wir haben uns dessen versichert, dass in einer Weltlage, in der so viele Menschen vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit über die Balkanrute bzw. das Mittelmeer ins wohlhabende und politisch gefestigte Europa fliehen, es die Menschenrechte verlangen, Aufenthalts- und nach positivem Ausgang des Asylverfahrens auch Bleiberecht zu gewähren.

Inzwischen haben sich die positive Stimmung und die große Aufnahmebereitschaft vom Sommer 2015 verflüchtigt oder fast gar in ihr Gegenteil verkehrt. Die „Willkommenskultur“ wurde durch eine Politik der Abschottung ersetzt. Der zunächst vorherrschenden Aufnahmebereitschaft treten die Angst vor den Fremden, den ethnisch, kulturell und religiös anderen entgegen. Statt den Migranten mit offenen Händen und Herzen zu begegnen, greifen in vielen Ländern des „Westens“ Kulturrassismus, Xenophobie, Islamophobie und Homophobie um sich. Es scheint eine Wende auch im Innern sich zu vollziehen, ein erneuter Wertewandel, der von den liberalen Freiheitswerten einer offenen Gesellschaft wegführt.

Wie soll man sich das erklären? Plötzlich diese verbreitete Akzeptanz einer Rhetorik der Abgrenzung und Ausgrenzung, der Verunglimpfung von Minderheiten, der Missachtung anderer Ethnien, Religionen und Kulturen! Wie kommt es, dass dies alles auf einmal wieder so viel Zustimmung findet, in allen Schichten der Bevölkerung?

Soziologische Studien haben herausgefunden, dass es nicht stimmt, was zunächst vielfach behauptet wurde, dass die sozial Benachteiligten und Abgehängten den – beschönigend „Populisten“ genannten – Rechtsradikalen auf den Leim gehen. Fremdenhass und rassistische Vorurteile stoßen bis in die bürgerliche Mitte hinein auf Resonanz. Ich erlebe es im eigenen Bekanntenkreis. Der Kulturrassismus ist gewissermaßen hoffähig geworden. Selbst einige ansonsten durchaus seriöse Politiker, Journalisten und Intellektuelle suchen nicht nur Erklärungen für dieses Phänomen, sondern liebäugeln mit dessen Rechtfertigung.

Dabei müsste eigentlich allen klar sein, dass die Ausgrenzung der Fremden und erst Recht die pauschale Zurückweisung von Asylsuchenden einer eklatanten Verleugnung des aufgeklärten Menschenrechtsdenkens gleichkommt. Viele glaubten, auch ich, dass das Wissen um die ungeheuren Verbrechen, zu denen der antisemitische Rassismus geführt hat, ähnlichen Entwicklungen für immer Einhalt zu gebieten in der Lage sei. Schließlich ist die UN-Charta von 1948 mit ihrer Erklärung der Menschenrechte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gräuel auf den Weg gebracht worden.

Doch offensichtlich ist das schon wieder zu lange her oder es ist die Rede von der „Einzigartigkeit“ dieses Verbrechens zu oft und unbedacht wiederholt worden, so dass eine gewisse Blindheit gegenüber ähnlichen Entwicklungen, die längst wieder weltweit in Gang sind, eintreten konnte. Dabei haben hierzulande die liberalen Freiheitswerte für die meisten, nicht nur für Minderheiten, enorme Steigerungen an Lebensqualität bewirkt. Aber vielleicht sind auch diese Werte, wie die freie Selbstentfaltung in politischer, ökonomischer, religiöser und sexueller Hinsicht, wie die Gleichheit aller vor dem Gesetz, inzwischen schlicht zu selbstverständlich geworden.

Die Kämpfe, die deren Durchsetzung verlangt haben, werden vergessen und die Schätzung des Gewinns, der darin liegt, dass Menschen nicht mehr wegen ihrer politischen, religiösen oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden dürfen, geht verloren. Die Anstrengungen vor allem, deren es nach wie vor bedürfte, um diese Freiheits- und Gleichberechtigungsrechte zu bewahren und fortschreitend durchzusetzen, geraten aus dem Blick.

Stattdessen fordern viele jetzt wieder die Stärkung angeblich ererbter ethnischer, religiöser und kultureller Zugehörigkeitsgefühle, gilt ihnen die Nation wieder etwas, missbrauchen sie sogar das Christentum als kultureuropäischen Identitätsmarker. Damit befördern sie zugleich die Abgrenzung gegenüber den anderen, denen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft, ihrer Religion, ihrer ethnischen Einweisung nicht dazugehören und nicht dazugehören sollen – es sei denn, sie „integrieren“ sich, sie passen sich an, sich lassen sich „uns“ gleich machen. Das Fremde jedenfalls, das andere gegenüber dem eigenen, es soll verschwinden, und wenn es sich schon nicht wieder vertreiben lässt, möglichst unsichtbar werden. Man hält es nicht aus mit ihm. Dann passiert auch noch ein Terroranschlag und es wird die Angst „vor allen diesen Flüchtlingen“ immer größer. Was aber verbirgt sich hinter dieser Angst? Vom Nationalismus sprach ich schon. Sicher spielt auch ein elementarer Egoismus eine Rolle, verbunden mit der Furcht, den eigenen Wohlstand zu verlieren und die Unfähigkeit, die Freude im Miteinander Teilen zu erleben. Diese Fragen der Ethik sind ein eigenes, dringendes Thema.

Wir möchten an die philosophische Erkenntnis erinnern, die Hannah Arendt formuliert hat: „Ich selbst bin auch der andere!“ Das heißt: Ich erlebe mich in der Reflexion selbst als den anderen, den Befremdlichen, der sich gegenüber seinem Jetzt-Zustand noch anders, besser, entwickeln sollte. Wo aber gibt es noch Raum für diesen inneren Dialog?

Vielleicht ist für diesen inneren Dialog und damit die Verständigung über die eigenen Gefühle deshalb so wenig Raum, weil uns die Freiheitsgewinne zu selbstverständlich geworden sind. Die universalistischen Werte, wie Freiheit, Gleichheit, Menschwürde, wir betrachten sie gewissermaßen als unseren fraglosen Besitz. Sie sind für uns weithin nicht mehr das, was es durch uns selbst zu erkämpfen und zu verteidigen gilt, zudem für die meisten Menschen auf dieser Erde noch längst nicht eingelöst ist. Vergessen scheint, dass es die Werte sind, die für alle Menschen gelten, unabhängig von Ethnie, Rasse, Religion, Sexualität und Gender. Übersehen wird, dass sie uns verpflichten, andauernd, den Anderen und Fremden gegenüber, den Migranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden.

Sich selbst an der Stelle der anderen zu erkennen, den anderen als Teil von sich selbst zu sehen, diese Fähigkeit scheint uns in der Tat weithin verloren gegangen zu sein. Die Erinnerung an die verheerenden Folgen des rassistischen Antisemitismus ist verblasst, ebenso die an Flucht und Vertreibung, wie sie nach 1945 Millionen Deutscher zu Fremden im eigenen Land gemacht haben.

Bei meinem letzten Besuch in Südafrika, im Februar 2017, bin ich auf eine große, vom ANC und der von ihm getragenen Regierung beförderte, von Rundfunk und Fernsehen, dem Internet und den sozialen Medien betriebene Öffentlichkeitskampagne aufmerksam geworden. Unter Berufung auf die sog. UN-Durban-Declaration von 2002 hat die südafrikanische Regierung einen mehr als 60-seitigen „National Action Plan“ (2016-2022) aufgelegt, der dazu aufruft, Rassismus, die Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten, energisch zu bekämpfen. (http://www.gov.za/sites/www.gov.za/files/NAP-Draft-2015-12-14.pdf)

Detailliert wird dargelegt, was in den Jahren bis 2022 in den Schulen, Universitäten und Kirchen, den NGOs und durch alle aktiven Kräfte der Zivilgesellschaft unternommen werden sollte, um dem in der Gesellschaft nach wie vor herrschenden Rassismus, dann aber auch dem zuletzt besonders gewalttätig gegenüber Migranten aus dem ärmeren Norden Afrikas ausbrechenden Fremdenhass entgegenzutreten.

Festgestellt wird, dass Rassismus, Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten ein Problem aller Gesellschaften sei. Es sei jedoch, so heißt es weiter, nun eine ganz besondere Verpflichtung der jungen südafrikanischen Demokratie, für die Verteidigung der universalen Menschenrechte, die Anerkennung der unverletzlichen Würde und die rechtliche Gleichheit aller Menschen, unabhängig von rassischen, ethnischen, religiösen Zugehörigkeiten und sexuellen Orientierungen zu kämpfen.

Ungeheuer lebendig ist in Südafrika immer noch das Wissen um die kaum wieder gut zu machenden Schäden, die der Rassismus und die Angst vor dem kulturell und ethnisch anderen und Fremden in der Gesellschaft angerichtet haben, gipfelnd schließlich in der Politik der Apartheit. Fortdauernd sind die verheerende ökonomische Ungerechtigkeit und die ungleiche Verteilung der Bildungs- und Aufstiegschancen im Land. Dass eine von rassistischen Vorurteilen und der Angst vor dem anderen und Fremden gesteuerte Gesellschaft sich am Ende selbst zerstört, ist in Südafrika so sehr im öffentlichen Bewusstsein präsent, dass eine von der Regierung gestartete Initiative zur Bekämpfung des nach wie vor existierenden Rassismus und der zunehmenden Angst vor den Fremden, auf breite Zustimmung bei vielen Akteuren in den Kirchen und der Zivilgesellschaft stößt.

Die größte Südafrikanische Kirche, die der Methodisten, hat in ihrem theologischen Ausbildungsseminar in Pietermaritzburg gerade ein Forschungs- und Fortbildungsinstitut zur Bekämpfung von Rassismus, Xenophobie und sexueller Diskriminierung eingerichtet: Das „Khoza Mhojo Centre For Social Justice And Transformation“ (http://www.smms.ac.za/khoza-mgojo-centre/)

Nach den konfliktreichen kulturellen Debatten in Europa ist klar: Der aufgeklärte Mensch muss überhaupt keine Angst haben vor Gesprächen mit anderen, Fremden und Befremdlichen. Dialog und Geduld gehören dabei wohl zusammen. Grenzen der Gesprächsbereitschaft sollte man nicht zu schnell ziehen. Wann aber können sie, förmlich als letztes Mittel, hilfreich sein?

Angst vor dem Fremden ist völlig fehl am Platz, das ist klar. Denn die Wahrung und Verteidigung der eigenen kulturellen Identität westlicher Gesellschaften, die die universalistischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde in sich aufgenommen haben, ist nur möglich, wenn eben diese Werte nicht verleugnet oder gar missachtet werden. Allerdings bringt die Behauptung dieser vom Menschenrechtsdenken bestimmten kulturellen Identität auch Verpflichtungen mit sich, für alle, die sich in die von ihm bestimmte Praxis der Anerkennung einbezogenen finden. Das Menschrechtsdenken und seine universalistischen Werte verpflichten auch die, die zunächst als die „Fremden“ begegnen. Ihnen gilt das „Willkommen“. Wir brauchen das Gespräch mit ihnen, ohne das keine Begegnung, kein Kennenlernen stattfinden können. Das führt immer auch zu Auseinandersetzungen und Streit. Nicht alles will uns verständlich oder gar akzeptabel erscheinen. Doch es gilt die Anerkennung der anderen gerade in ihrem Anderssein zu lernen.

Dabei darf die Gesprächsbereitschaft, wie ich meine, so schnell kein Ende finden. Doch es gibt Grenzen. Diese sehe ich erst dort, wo diese Gesprächsbereitschaft von den anderen verweigert wird. Denn dann haben wir es mit einer Haltung zu tun, die die Bedingungen untergräbt, unter denen Offenheit für andere und Fremde möglich wird, die Liberalität im Umgang sogar mit dem uns Unverständlichen gewahrt bleiben kann. Die Grenzen der Freiheit liegen dort, wo diese anfängt, ihre Realisationsbedingungen selbst zu zerstören.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin und Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Das neue Buch von Jörg Lauster: „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“.

20. März 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Ein interessantes Exempel: Die „Liberale Theologie“ und Martin Luther:

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 20.3. 2017

Das Buch ist vom Format her klein, vom Inhalt her groß. Denn es bietet einige entscheidende und für viele sicher neue Anregungen, Luther und das Reformationsgedenken 2017, aus einer bisher kaum beachteten theologischen (nicht so sehr historischen) Perspektive zu sehen bzw. zu kritisieren. Jörg Lauster, Theologie – Professor an der Uni in München, ist der liberalen protestantischen Theologie explizit verpflichtet, einer Perspektive also, die auch für unseren Religionsphilosophischen Salon Berlin wichtig ist. Die zahlreichen regelmäßigen Interviews auf unserer website mit dem ebenfalls „liberalen Theologen“ Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Uni Berlin, sind dafür nur ein deutlicher Beleg, siehe etwa das Interview über die theologischen Grenzen des Kirchentages 2017, klicken Sie hier.

Jörg Lauster geht zurecht davon aus: „Luther war ein Kind einer uns sehr fernen und darum fremden Zeit…. Deswegen ist “Reformation Licht, aber auch Schatten“ (31).

Nur eine „denkende Frömmigkeit und Mut zum Gestaltwandel“ helfen weiter. Das sind keine frommen Sprüche, sondern sie führen zu konkreten Einsichten: Gültig ist der Impuls Luthers: Die Kirche als Institution darf niemals im Mittelpunkt des Glaubens des einzelnen stehen. „Christentum ist mehr als seine kirchlich sichtbaren Erscheinungsformen“ (35). Auch eine gewisse Deskralisierung der religiösen Welterfahrung kann als Folge der Reformation gedeutet werden. Das kritische Denken und die Errungenschaften der Philosophie der Aufklärung gehören wesentlich zum Leben liberal-protestantischen Glaubens. Nur kurz spricht Jörg Lauster ein Problem an, wenn er sagt: „Der Neuprotestantismus weiss sich ebenso der Aufklärung UND der Reomantik verpflichtet, um die Idee eines modernen Christentums realisieren zu können. Wie Aufklärung UND Romantik zusammengehen können, sollte in einer 2. Auflage näher erklärt werden.

Bedauerlich bleibt Luthers Abwehr des Humanismus (und der Philosophie, muss man ergänzen). So bleibt die lutherische Reformation „in ihrem Aufbruch auf halbem Wege stehen“ (29).

Leitend ist für Lauster die Erkenntnis: Die Reformation darf nicht (nur) als ein historisches Ereignis gedeutet werden. Reformation ist vielmehr „ein dem Christentum innewohnendes Prinzip eines ewigen Protests, der im 16. Jahrhundert zu seiner sichtbarsten Gestalt gelangte“ (34).

Von da aus ergibt sich eine Fülle von Vorschlägen für die Reformation der gegenwärtigen Kirchen. Bedauert wird ihr „Anstalts-Charakter“ (37), die Fixierung auf den Selbsterhalt der Kirchen. Der liberale Theologe weiß, dass es andere Formen des Christentums geben muss als die vertrauten und traditionellen (71), das dogmatische Katechismus – Christentum wird zurückgewiesen zugunsten der Achtsamkeit auf die je eigenen religiösen Erfahrungen. Lauster kritisiert eine gewisse Banalisierung des evangelischen Glaubens und der Kuschel-Gottesdienste; er bedauert den Mangel an umfassend kritischer theologischer Reflexion (78 f). Sehr richtig, aber leider wohl unrealistisch, ist sein Vorschlag: „Man könnte 2017 in einem feierlichen Akt den Namenstitel „lutherisch“ aus der Kirchenbezeichnung streichen. Es ist dies einer der wenigen Fälle, in denen eine christliche Kirche den Namen eines Menschen trägt. ein eklatanter Widerspruch in sich selbst“ (83).

Ich meine: Viel wäre schon gewonnnen, wenn wenigstens endlich die unsäglichen Namen evangelischer Kirchengebäude verschwinden würden, wir haben schon dringend gebeten, den Namen „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ oder „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche“ (beide in Berlin) abzuschaffen, selbst auf die Gefahr hin, dass dann eine Häufung von Bonhoeffer – oder Martin Luther King – Kirchen entstände, warum nicht auch einige Oscar – Romero – Kirchen? Die Katholiken in Deutschland wagen solch einen Titel doch nicht, sollen die Protestanten doch vorangehen. Jörg Lauster hat das richtige Gespür, dass irgendetwas Symbolisch – Spektakuläres doch am 31. 10. 2017 passieren müsste: Ein Verzicht auf Kaiser Namen für Kirchen wäre das allermindeste. Wird aber auch nicht passieren, weil die beharrenden bürokratischen Kräfte zu viel Macht und zu wenig Mut haben.

Das neue Buch von Jörg Lauster sollte schnellstens in vielen Gesprächskreisen diskutiert werden. Vielleicht bietet der Verlag Mengenrabatte an? Ich wollte nur etwas die Lust an der Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches wecken….

Bei einer zweiten Auflage würde ich mir noch die Auseinandersetzung mit der Frage wünschen: Wie kann eine liberal-theologische Deutung der Reformation auch das theologische Denken von Thomas Müntzer, dem Erzfeind Luthers, noch ausführlicher (als auf Seite 20 bzw. 28) einbeziehen? Wie also die Gott-Unmittelbarkeit des einzelnen mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit für die Ärmsten vermittelt werden kann; wie also „liberale Theologie“ und lateinamerikanische Befreiungstheologie möglicherweise nur zwei Seiten einer und derselben Thematik sind. Auch das Thema Menschenrechte könnte dann ausführlicher angesprochen werden.

Jörg Lauster, „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“. Claudius-Verlag, München, 2016, 142 Seiten, 12 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer: Der Jahresreport 2016 von Amnesty International. Eine Pflichtlektüre!

22. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Interkultureller Dialog

Welche Geltung haben Menschenwürde und Menschenrechte heute? Amnesty International (A.I.) veröffentlicht dieser Tage einen Jahresrückblick 2016 zu dem Thema. Und dieser ist nicht nur Erinnerung; die widerwärtigen Fakten von 2016, aus weitesten Kreisen der Politik so vieler (sich oft noch demokratisch nennender) Staaten bestimmen noch das Leben im Februar 2017 und danach. Amnesty International lenkt die Aufmerksamkeit auf die wirklich dringenden Themen der Gegenwart. Wer sie verstehen will, sollte diesen Beitrag lesen. „Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer“, betont Amnesty International. Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Bitte besuchen auch die A.I. Website, bitte hier klicken.

Von Salil Shetty, internationaler Generalsekretär von Amnesty International

Die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, wurde 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Für Millionen Menschen war 2016 ein Jahr anhaltenden Elends und unablässiger Angst, weil Regierungen und bewaffnete Gruppen Menschenrechte auf vielfältige Art verletzten. Syriens einst bevölkerungsreichste Stadt Aleppo wurde durch Luftangriffe und Straßenkämpfe in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht, im Jemen gingen die grausamen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung weiter. In Myanmar spitzte sich die Misere der Rohingya immer weiter zu, in Burundi und im Südsudan kam es zu massenhaften rechtswidrigen Tötungen. In der Türkei und in Bahrain gingen die Behörden brutal gegen Andersdenkende vor, während in weiten Teilen Europas und der USA Hassreden zunahmen – die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer.

Es herrschte eine enorme Kluft zwischen Rhetorik und Realität, zwischen dem, was notwendig gewesen wäre, und dem was tatsächlich getan wurde, die einen immer wieder fassungslos machte. Nirgends zeigte sich dies deutlicher als beim UN-Gipfel zu Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im September 2016, als die teilnehmenden Staaten nicht in der Lage waren, eine angemessene Antwort auf die globale Flüchtlingskrise zu finden, die im Laufe des Jahres größer und dringlicher wurde. Während die Regierenden angesichts dieser Herausforderung versagten, saßen 75.000 Flüchtlinge in der Wüste im Niemandsland zwischen Syrien und Jordanien fest.

Die Afrikanische Union hatte für 2016 ein Jahr der Menschenrechte ausgerufen. Doch in diesem Zeitraum kündigten drei Mitgliedstaaten ihren Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof an und torpedierten damit die Hoffnung auf eine Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen. Der sudanesische Staatspräsident Omar al-Bashir konnte ungehindert und straflos durch Afrika reisen, während seine Regierung in Darfur mit Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Diskurs der Furcht und Uneinigkeit
Das möglicherweise größte der vielen politischen Erdbeben im Jahr 2016 war die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie folgte auf einen Wahlkampf, in dem Trump sich vielfach mit hetzerischen Äußerungen hervorgetan hatte, die von Frauen- und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren. Er versprach, etablierte bürgerliche Freiheiten rückgängig zu machen und eine Politik zu betreiben, die der Wahrung der Menschenrechte in höchstem Maße zuwiderläuft.

Trumps vergiftete Wahlkampfrhetorik war nur ein Beispiel eines weltweiten Trend hin zu einer Politik, die auf Wut und Spaltung setzt. In vielen Ländern stützten sich Machthaber und Politiker zum Erhalt ihrer Macht auf einen Diskurs der Furcht und der Uneinigkeit und wiesen die Schuld für die tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme ihrer Wählerschaft „den Anderen“ zu.

Trumps Vorgänger, Präsident Barack Obama, hinterließ in Bezug auf den Menschenrechtsschutz ein Erbe, das auch viele Fälle schweren Versagens umfasst. Dazu zählen die Ausweitung der geheimen CIA-Drohnenangriffe und die gigantische Massenüberwachungsmaschinerie, die der Whistleblower Edward Snowden öffentlich machte. Doch die Ankündigungen des neuen US-Präsidenten Trump lassen eine Außenpolitik befürchten, die sich über multilaterale Kooperationen hinwegsetzt und eine Ära vermehrter Instabilität und gegenseitigen Misstrauens einleitet.

Noch mangelt es an einem übergreifenden Diskurs, der die aufwühlenden Ereignisse des vergangenen Jahres einordnen könnte. Tatsache ist jedoch, dass die Weltlage zu Beginn des Jahres 2017 höchst instabil ist und wir voller Sorge und Unsicherheit in die Zukunft blicken.

Suche nach Sündenböcken
Vor diesem Hintergrund droht die Sicherheit der Werte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck gebracht wurden, zu schwinden. Die Erklärung, die nach einem der blutigsten Kapitel der menschlichen Geschichte geschrieben wurde, beginnt mit den Worten: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet (…)“.

Doch trotz der Lehren aus der Vergangenheit wurde die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Die Verachtung dieser Ideale war offenkundig in einem Jahr, in dem die gezielte Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien und im Jemen zur Routine wurde, in dem Flüchtlinge in Konfliktgebiete zurückgeschickt wurden, in dem die nahezu vollständige Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft in Bezug auf Aleppo an das Versagen in Ruanda 1994 und in Srebrenica 1995 erinnerte und in dem Regierungen in unzähligen Ländern weltweit massiv gegen Andersdenkende vorgingen.

Angesichts all dessen ist es alarmierend einfach, eine Schreckensvision der Welt und unserer Zukunft zu zeichnen. Die dringende und zunehmend schwierigere Aufgabe besteht jedoch darin, die globale Verpflichtung zu diesen grundlegenden Werten wiederzubeleben, von denen die Menschheit abhängt.

Zu den extrem beunruhigenden Entwicklungen 2016 zählen auch die Folgen eines neuen Handels, den Regierungen ihren Bürgern anbieten – sie versprechen ihnen Sicherheit und Wohlstand, wenn sie im Gegenzug dazu bereit sind, auf politische Teilhabe und bürgerliche Freiheiten zu verzichten.

Auf allen Kontinenten gingen Regierungen 2016 in drastischer Weise gegen Andersdenkende vor – manchmal offen und gewaltsam, manchmal subtiler und vermeintlich seriöser. Das Bestreben, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, nahm weltweit zu, sowohl was den Umfang als auch die Intensität betraf.

Drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle
Die Ermordung der indigenen Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres in Honduras im März 2016 machte exemplarisch deutlich, welche Gefahr Menschen droht, die sich mutig gegen mächtige staatliche und privatwirtschaftliche Interessen stellen. Nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch andernorts werden couragierte Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, die auf die Konsequenzen von Ressourcenabbau und Infrastrukturprojekten für Mensch und Umwelt hinweisen wollen, von Regierungen häufig als Bedrohung der wirtschaftlichen Entwicklung abgetan. Berta Cáceres, die sich für die lokale Bevölkerung und deren Land eingesetzt und zuletzt gegen ein Staudammprojekt gekämpft hatte, erhielt für ihr Engagement weltweit Anerkennung. Von den Mördern, die sie zuhause töteten, geht ein furchteinflößendes Signal an andere Aktivisten aus, insbesondere an diejenigen, die international nicht so bekannt sind wie Berta Cáceres.

In vielen Teilen der Welt zogen Regierungen Sicherheitsgründe heran, um ihr drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle zu rechtfertigen. In Äthiopien töteten Sicherheitskräfte Hunderte Protestierende und nahmen Tausende Menschen willkürlich fest, die überwiegend friedlich gegen rechtswidrige Landenteignungen in der Region Oromia demonstriert hatten. Die äthiopische Regierung nutzte das Antiterrorgesetz, um radikal gegen Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Oppositionspolitiker vorzugehen.

In der Türkei verschärfte die Regierung im Zuge des Ausnahmezustands nach dem Putschversuch im Juli 2016 ihr hartes Vorgehen gegen regierungskritische Stimmen. Sie entließ mehr als 110.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aufgrund angeblicher „Verbindungen zu terroristischen Organisationen oder Bedrohung der nationalen Sicherheit“, hielt 118 Journalisten in Untersuchungshaft und verfügte willkürlich die endgültige Schließung von 184 Medienunternehmen.

Im Nahen Osten und in Nordafrika war die Unterdrückung von Andersdenkenden endemisch. In Ägypten inhaftierten die Sicherheitskräfte willkürlich mutmaßliche Unterstützer der verbotenen Muslimbruderschaft sowie andere Regierungskritiker und Oppositionelle, folterten sie und ließen sie „verschwinden“. Die Behörden Bahrains gingen massiv gegen Regierungskritiker vor, indem sie diese mit zahlreichen Anklagen wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit überzogen. Im Iran warfen die Behörden Kritiker ins Gefängnis, zensierten alle Medien und verabschiedeten ein neues Gesetz, das praktisch jede Kritik an der Regierung und ihrer Politik unter Strafe stellt.

In Nordkorea intensivierte die Regierung ihre bereits extreme Unterdrückung der Bevölkerung durch die verschärfte Kontrolle der Kommunikationstechnologie. Häufig waren die strengen Maßnahmen ein Versuch, Regierungsversagen zu kaschieren, so zum Beispiel in Venezuela, wo die Regierung lieber Kritiker zum Schweigen brachte als die humanitäre Krise zu bekämpfen, die weiter eskalierte.

Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt
Außer direkten Bedrohungen und Angriffen war zu beobachten, wie etablierte bürgerliche und politische Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt wurden. So wurde zum Beispiel in Großbritannien ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet, das die Befugnisse der Behörden erheblich ausweitet. Sie können künftig die digitale Kommunikation und Daten abfangen, einsehen, zurückhalten oder in anderer Weise manipulieren, ohne dass ein stichhaltiger Verdacht gegen eine Person vorliegt. Indem Großbritannien eines der weltweit umfangreichsten Massenüberwachungssysteme einführte, näherte sich das Land einer Realität an, in der das Recht auf Privatsphäre schlicht nicht mehr anerkannt wird.

Der möglicherweise bösartigste Angriff auf die Menschenrechte bestand jedoch darin, dass Machthaber und Politiker zur Rechtfertigung ihrer repressiven Maßnahmen „die Anderen“ für tatsächliche oder vermeintliche soziale Probleme verantwortlich machten. Mit hasserfüllter, spaltender und hetzerischer Rhetorik bedienten sie die finstersten Instinkte der menschlichen Natur. Indem sie bestimmte Gruppen, häufig ethnische oder religiöse Minderheiten, kollektiv für soziale und wirtschaftliche Missstände verantwortlich machten, bereiteten sie den Weg für Diskriminierung und Hassverbrechen, insbesondere in Europa und den USA.

Eine Variante dessen stellte der eskalierende „Antidrogenkrieg“ des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte dar, der unzähligen Menschen das Leben kostete. Staatlich angeordnete Gewalt und Massentötungen durch Bürgerwehren forderten mehr als 5000 Tote, nachdem der Präsident mehrmals öffentlich erklärt hatte, dass Personen, die mutmaßlich in Drogenverbrechen verwickelt seien, getötet werden sollten.

Selbsternannte „Anti-Establishment“-Vertreter, die behaupteten, an sozialen und wirtschaftlichen Missständen seien sogenannte Eliten, internationale Organisationen und „die Anderen“ schuld, boten die falschen Rezepte an. Das Gefühl der Unsicherheit und Entrechtung, das sich aufgrund von Arbeitslosigkeit, unsicheren Arbeitsverträgen, wachsender sozialer Ungleichheit und dem Verlust staatlicher Versorgungsleistungen bei vielen Menschen einstellte, erfordert ein entschlossenes Handeln, Ressourcen und einen Politikwechsel der Regierungen, anstatt einfach nach Sündenböcke zu suchen.

Es war offensichtlich, dass viele desillusionierte Menschen weltweit die Antworten nicht in den Menschenrechten suchten. Doch die Ungleichheit und Vernachlässigung, die der Wut und Frustration zugrunde lag, war zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass Staaten die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ihrer Bürger nicht schützten.

Ganz normale Heldinnen und Helden
Doch 2016 war in mancherlei Hinsicht auch die Geschichte von Menschen voller Mut, Widerstandskraft, Kreativität und Entschlossenheit angesichts immenser Herausforderungen und Bedrohungen.

Auf allen Kontinenten gab es Beispiele dafür, dass Menschen auch immer Mittel und Wege finden, sich zu widersetzen und sich Gehör zu verschaffen, auch wenn staatliche Machtapparate sie unterdrücken. So gelang es Aktivisten in China trotz systematischer Drangsalierung und Einschüchterung, online an den Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 in Peking zu erinnern. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro machte der äthiopische Marathonläufer und Silbermedaillengewinner Feyisa Lilesa weltweit Schlagzeilen, als er an der Ziellinie mit einer Geste die staatliche Verfolgung der Oromo in Äthiopien anprangerte. An den Mittelmeerküsten Europas reagierten Freiwillige auf das Versagen der Regierungen beim Flüchtlingsschutz, indem sie Ertrinkende eigenhändig retteten. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent entstanden Bewegungen der Zivilgesellschaft, von denen einige vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären. Sie griffen Forderungen der Bevölkerung nach Rechten und Gerechtigkeit auf und verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Der Vorwurf, Menschenrechte seien ein Projekt der Eliten, ist nicht haltbar. Der menschliche Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit löst sich nicht einfach in Luft auf. In einem Jahr voller Spaltung und Entmenschlichung leuchteten Aktionen für die Menschlichkeit und die grundlegende Würde des Menschen heller als je zuvor. Diese leidenschaftliche Reaktion verkörperte auch der 24-jährige Anas al-Basha, bekannt als Clown von Aleppo, der sich entschloss, trotz der furchtbaren Bombenangriffe der Regierungstruppen in der Stadt zu bleiben, um Kinder zu trösten und ihnen eine Freude zu bereiten. Als er am 29. November 2016 bei einem Luftangriff getötet wurde, würdigte sein Bruder ihn mit den Worten, er habe Kinder „am dunkelsten und gefährlichsten Ort der Welt“ glücklich gemacht.

Zu Beginn des Jahres 2017 fühlt sich die Welt instabil an und die Angst vor der Zukunft nimmt zu. Doch gerade in solchen Zeiten werden couragierte Stimmen gebraucht, ganz normale Heldinnen und Helden, die sich gegen Unrecht und Unterdrückung erheben. Niemand kann es mit der ganzen Welt aufnehmen, aber jeder kann seine eigene Welt verändern. Jeder kann aufstehen gegen Entmenschlichung, indem er sich auf lokaler Ebene für die Wahrung der Würde und der gleichen und unteilbaren Rechte aller einsetzt und damit das Fundament für Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt legt. 2017 werden Menschenrechtsheldinnen und Menschenrechtshelden gebraucht.

 



Katholisch heißt immer noch (oft) fundamentalistisch denken: Eine vernünftige Nonne wird verteufelt.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Wie die katholische Dominikaner-Nonne Lucia Caram Hass und Morddrohungen auf sich zieht

Ein Hinweis von Christian Modehn

Was hat die Nonne Schwester Luzia Caram aus dem Dominikaner-Orden Furchtbares gesagt in einem Fernsehinterview in Barcelona Ende Januar 2017? „Ich glaube, dass Maria in Josef verliebt war. Dass sie ein normales Paar waren und aller Wahrscheinlichkeit entsprechend: Hatten sie auch sexuelle Beziehungen. Der Sex ist eine schöne Form, Gefühle auszudrücken und die Liebe. Aber für die Kirche ist dies ein schmutziges Thema und es wird versteckt. Ich aber glaube, Sex ist ein Segen. Ich glaube auch, dass wir uns getäuscht haben in unserer Art diese Dinge zu lehren: Wir wollten die Botschaft des Evangeliums in irgendeine bloß spirituelle Sache umwidmen (convertir). Und wir wollten die absurde Idee einschärfen, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist. (übersetzt nach Libération, Paris, vom 14. 2. 2017, übers.von Chr. Modehn).

Die Tageszeitung Libération zitiert den Erzbischof von Barcelona: «Il s’agit d’un grave scandale. C’est un affront intolérable contre un point fondamental de la doctrine catholique“.“ Es handelt sich um einen schweren Skandal. Es ist ein nicht hinzunehmender Affront gegen einen fundamentalen Punkt der katholischen Doktrin (sic!)“.

Der Wortführer der spanischen Bischofskonferenz, Jose Maria Gil Tamayo, kündigte an, dass die Kirche diesen „problematischen Fall“ studieren wird, diese Äußerungen einer Frau, „die die Reinheit der Botschaft Christi mit ihren Äußerungen beschmutzt“. Der Bischof der spanischen Diözese VIC sagte in Bezug auf die nicht – vollzogene Ehe von Maria und Josef: „Esta verdad de la fe fue recogida y proclamada de manera definitiva por el Concilio II de Constantinopla, siendo el primer dogma mariano y compartido por los cristianos católicos y ortodoxos“. „Diese Glaubenswahrheit wurde erkannt und proklamiert auf definitive Weise vom 2. Konzil zu Konstantinopel (es fand vor kurzem, im Jahr 553, statt, C.M:);  es ist das erste Marien-Dogma und es wird geglaubt (geteilt) von katholischen und orthodoxen Christen“, so El Mundo, 1.2.2017.

Inzwischen erhält die mutige und vernünftig denkende Nonne Morddrohungen von fundamentalistischen, d.h. dummen Katholiken. Diese Leute können Glauben und Vernunft nicht verbinden. Und können nur glauben, wenn überall Wunder passieren (im Falle der Ehe Marias mit Josef) und Sex nur verheimlicht wird.

Schwester Luzia, 51 Jahre, stammt aus Argentinien, sie lebt in der Nähe von Barcelona, in einem kontemplativen Kloster, das sich um ca. 1400 arme Familien helfend und beratend kümmert. Sie ist im ganzen Land bekannt und beliebt, weil sie auch eine eigene Koch-Sendung im „Canal Cocina“, Kanal Küche, hat, dieses Programm mit der kochenden und manchmal vor berechtiger theologischer Wut „kochenden“ Nonne wird auch in Lateinamerika viel gesehen. Ihr sehr altes, sehr ehrwürdiges und doch von einer modernen Nonne bewohnte Kloster in Manresa, bei Barcelona, hat den Namen „Convento Santa Clara“. Dies für alle, die unterstützenden Kontakt mit der Dominikanerin aufnehmen wollen.

Wir im Religionsphilosophischen Salon freuen uns natürlich bei allen Problemen, die sich die Nonne durch ihre treffenden Worte eingehandelt hat: Dass Schwester Luzia aus Barcelona das selbe sagt, was wir zum Thema Heilige Familie veröffentlicht haben, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Gleichzeitig ist es interessant zu sehen, wie stark der Katholizismus immer, noch bis in die höchsten Kreise, vom Fundamentalismus bestimmt ist, also etwa in der Ablehnung einer historisch-kritischen Bibelforschung.

Das Schlimmste ist wohl, dass ein freies und umfassend freies Wort in der römischen Kirche nicht möglich ist. Dies zu sagen ist im Reformationsjubiläum 2017 wohl besonders wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.