Eckige Gedenktage

Wir wollen in unserem Religionsphilosophischen Salon regelmäßig an Geburtstage (oder Todestage) von PhilosophInnen oder philosophierenden Literaten, Künstlern, Musikern, Widerstandskämpfern und (religiösen) Dissidenten erinnern, gerade wenn sie nicht die üblichen, medial überschütteten „runden Gedenktage“ haben. Sondern, sagen wir, die eckigen. Und die eckigen Gedenktage sind vielleicht viel inspirierender…Und das Philosophieren ist viel umfassender als die „bloße Philosophie“ (als Lehre an den Universitäten). CM.



Simone Weil: Auf der Schwelle leben…

13. Juli 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Termine

Auf der Schwelle, wartend verharren. Die Philosophin Simone Weil ist am 24. August 1943 in Ashford/Kent gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sie ist eine der „besonders“ ungewöhnlichen (wenn ich das „so“ sagen darf) Philosophinnen: Simone Weil, am 3.2.1909 in Paris geboren, vor 74 Jahren gestorben.

„Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit klar zu erfassen, sie dann zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten“ (Simone Weil). Eine herausragende Philosophin, eine ungewöhnliche spirituelle Frau, radikal nicht nur im Denken, vor allem auch in der eigenen Lebenspraxis. Eine Frau, die heute vielen zu denken (und zu leben ?) gibt. Sie interessierte sich für die Kirche, ist aber nie (als Mitglied) eingetreten, wollte auf der Schwelle bleiben.

Auf der Schwelle, im Zwischen leben: eine Lebensweise, der sich heute viele spirituelle Menschen anschließen.



Blaise Pascal – Menschenkenner, vom Augustinismus verdorben. Hinweise zu seinem Geburtstag

27. Mai 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Termine

Am 19. Juni 1623 wurde Blaise Pascal in Clermont – Ferrand geboren, der Hochbegabte und Vielseitige, der Mathematiker und Erfinder, Städteplaner und Mystiker mit philosophischen Interessen. Seine „Pensées“ werden noch immer gelesen. Einige „Gedanken“ auch heute oft zitiert von Menschen, die von der Abgründigkeit der menschlichen Seele gern in kurzen Formeln sprechen. In dem Zusammenhang sollten wir uns vor allem an Pascals im ganzen gesehen verheerenden geistigen, religiösen Bindungen an den Augustinismus erinnern, auch an seine Bindung an den Jansenismus, der auf das absolute, willkürliche Gnadenhandeln Gottes setzte. Und so bescheidene Ansätze eines humanistischen Christentums störte und zerstörte. Der fromme Pascal hat auf diese Weise für die Stärkung eines vernunftfeindlichen Glaubens beigetragen. Man wird sich fragen: Welche Macht können tatsächlich noch die zentralen augustinischen Ideen, Ideologien, haben, etwa die Vorstellung von der „Erbsünde“. Welche (nicht explizit religiösen) Ideologien beherrschen heute das Bewusstsein der Menschen. Und dann gilt es zu verstehen: Welche Bedeutung hatte der Jansenismus in Frankreich damals möglicherweise als verstecke protestantische Haltung im Katholizismus? In welcher Weise war der Jansenismus auch ein Protest gegen die absolute Herrschaft der Könige? Gestorben ist Pascal am 19.8.1662 in Paris.



„Die Religion als Opium des Volkes“. Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

20. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

„Die Religion als Opium des Volkes“

Die aktuelle Diagnose auch im Reformationsgedenken 2017

Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sehr schön passend, kurz vor Beginn des Evangelischen Kirchentages in Berlin am 24.Mai (Das Motto: „Du (Gott) siehst mich“) werden einige philosophisch und religionsphilosophisch Interessierte erneut an Karl Marx denken: anlässlich seines 199. Geburtstages am 5. Mai. Und sie werden im religiösen Umfeld dieser frommen Kirchen-Tage an das viel zitierte (und historisch so oft bestätigte) Wort des Philosophen Karl Marx denken: „Die Religion ist das Opium des Volkes“ (1843 formuliert in der Einleitung der Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“).

Abgesehen von einer breiten und partei-ungebundenen Marx-Exegese, die trotz des Zusammenbruchs und Verschwindens der meisten sich kommunistisch nennenden Regime aktuell bleibt: Dieser Spruch „Religion ist Opium des Volkes“ verdient alle Aufmerksamkeit in einer Welt, die alles andere als säkular ist, sondern in der Religionen und Sekten und esoterische Bewegungen ständig ihr sichtbares, problematisches und auch politisch gefährliches Wesen zeigen. Man denke an den Boom der Evangelikalen in den Hunger-Staaten Afrikas, an die verschiedenen Formen des Islams, an die so vielfältigen, oft aber tyrannisch-geldgierigen Pfingstkirchen in Brasilien usw. Die Frage bleibt: Gibt es Religion, die kein Opium des Volkes sind, sondern wahre inspirierende Nahrung, um im Bild von Marx zu bleiben. Das es nicht-beruhigende Religion gibt, ist für uns klar.

Darüber später mehr, sonst siehe die Beiträge zur Theologie der Befreiung auf dieser website. Und auch dies: Die moderne „liberale Theologie“ (dies ist natürlich keine FDP-Theologie)  und auch die Theologie der freisinnigen protestantischen Kirche in Holland, der „Remonstranten“, (ebenfalls Infos auf der website), sind de facto eine Überwindung der These „Religion ist Opium des Volkes“, es sind freie und selbständig-kritische Theologien und Glaubensformen.

Mit anderen Worten: „Religion ist Opium des Volkes“ könnte als kritische Begleitmusik auch alle Veranstaltungen des Kirchentages beleben. Etwa mit der Frage: Verbreiten wir jetzt Opium, wollen wir beruhigen? Aber welchen Aufstand des Gewissens wollen wir? Welche grundlegende Veränderung auch der Kirchen wollen wir? Warum haben wir als ängstliche Lutheraner, staatsteu wie einst, Thomas Müntzer, dem Reformator und Kollegen Luthers, keinen Platz beim Kirchentag eingeräumt? Wer wird diese Frage nach der Abwesenheit Müntzers stellen?

Insofern ist es fast ein philosophisches Geschenk, dass wir am 5. Mai an Karl Marx, an den kritischen Philosophen, wieder einmal „besonders“ denken. Und uns hoffentlich befreien von der dogmatischen Starre, in der sein philosophisches Denken durch die Regime des Ostens eingesperrt und stillgelegt wurde. Nun haben die Kirchen allen Grund, nach dem Tod des Erzfeindes Kommunismus, sich erneut dem Denken von Marx zu stellen, dem Philosophen und auch dies: dem Ökonom.

Und es könnte eine Art philosophiehistorischen Aberglauben fördern, wenn wir nun auch noch bedenken: Ausgerechnet an einem 5. Mai wurde auch noch der Philosoph und dialektisch-lutherisch-Glaubende Sören Kierkegaard geboren (im Jahr 1813). Und man hätte Lust, Marx und Kierkegaard einmal in einen religionsphilosophischen Disput zu verwickeln. Solche philosophischen religionskritischen Salons wären doch ein schöner, geistvoller Gottesdienst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer salon Berlin

 



Georg Lukács: Weites, umfassendes Denken

21. März 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Termine

Am 13. 4. 1885 wurde Georg Lukács in Budapest geboren (dort ist er am 4.6. 1971 gestorben), er war mehr als „nur“ Philosoph, seine Beiträge zur Literatur- und Kunsttheorie bleiben wichtig genauso wie seine Vorschläge zur Marx-Interpretation, etwa: vor allem den jungen Marx wieder neu zu würdigen und zu lesen. Am Ende seines Lebens betonte Lukács, dass sozialistische Demokratien nur möglich sind, wenn es umfassend freie Diskussionen gibt . Lukács war einer der wenigen marxistischen Theoretiker, die auch im (kapitalistischen) Westen respektiert und rezipiert wurden. Man sollte nicht nur sein Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“ wieder lesen, sondern auch die Debatten um seine ästhetischen Konzeptionen wieder aufnehmen. Auch über die Religion im Denken dieses Reformers marxistisch geprägter Philosophie wäre zu debattieren; während Lukács der Kunst die Möglichkeit einer Überwindung von Entfremdung zugesteht, sieht er Religion eher nur als Ausdruck von Entfremdung. Solange es also Entfremdung gibt, wird es für ihn Religionen geben.

Die Frage ist heute allerdings: Können bestimmte humane und soziale Elemente von Religion nicht ihrerseits Impulse bieten, Entfremdung aufzuheben, wobei konsequenterweise, in dem dann weniger entfremdeten Zustand, Religion eine ganz neue und bleibende (!) Rolle erhält und eben nicht verschwindet. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und die mit ihr eng verbundenen Basisgemeinden sind ein Beleg: Christliche Religion, kritisch reflektiert, ist ein Impuls, Entfremdung zu überwinden. Die „alte Religion“, etwa in der Gestalt des autoritären Vatikans, hat diese Entfremdung überwindende Befreiungs-Theologie weithin bekämpft und ausgeschaltet, weil diese herrschenden Institutionen selbst offenbar in die alte entfremdete Welt bewusst und unbewusst eingebunden waren und sind. Heute erleben wir weltweit wieder ein riesiges Come-back der entfremdeten und entfremdenden Religionen, man denke an gewisse große Trends unter Evangelikalen und Pfingstlern und Neokonservativen im römischen Katholizismus. Die von Lukács angestossene Debatte ist also aktuell. Erst eine zur Vernunft kommende Religion, Kirche usw., hat die Chance, sich nicht-entfremdend, also umfassend-human zu zeigen.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Karl-Otto Apel wird 95 Jahre. Gegen Skepsis und Relativismus.

6. März 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Einer der anregendsten Philosophen unserer Zeit wird am 15. März 95 Jahre alt: Karl-Otto Apel, geboren in Düsseldorf, der Begründer der Diskurs-Ethik, mit ihrer Darstellung universaler Ansprüche im vernünftigen Argumentieren. Apel scheute nicht die Auseinandersetzung mit der Postmoderne. Welcher Philosoph nennt sich – nach all den Debatten – heute noch ernsthaft „postmodern“? Hingegen ist das Denken Apels über die letztbegründeten Regeln im Argumentieren nach wie vor von drängender Aktualität: Mit unserer „Entscheidung zur Vernunft“, also in der reflektierten Bejahung, nicht in performative Widersprüche kommen zu wollen, folgen wir nur der für Vernunftwesen einzig möglichen Entscheidung. Karl-Otto Apels Denken ist aktueller denn je. Hat schon jemand versucht, die Debatten um den sich verkrampfenden, unvernünftigen, aggressiven Populismus in der Denkweise Apels auseinanderzunehmen? In einer vernünftigen Widerlegung natürlich. Was denn sonst? Denn indem Populisten die Öffentlichkeit bedrängen mit ihren Sprüchen, behaupten sie ja selbst, sich argumentativ in die allgemeine, sprachliche Debatte einzuschalten. Also müssen sie bei dieser von ihnen selbst gesetzten Behauptung der Vernunft es auch ertragen, dass andere, Demokraten, Freunde der allgemein gültigen Menschenrechte usw. vernünftig, argumentierend mit ihnen sprechen und ihnen vernünftig widersprechen…

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Karl Rahner: „Jesus zeigt die göttlichen Dimensionen in jedem Menschen“.

1. März 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Eckige Gedenktage, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er hat der katholischen Theologie und der katholischen Variante der Religionsphilosophie die Weite und die Universalität geschenkt, die im dogmatischen Mief der Schultheologie vor dem 2. Vatikanischen Konzil erstorben war und nach dem Konzil wenigstens an einigen Orten überwunden wurde. Karl Rahner SJ, geboren am 5.3. 1904, gestorben am 30. März 1984, wollte für einen modernen Katholizismus sorgen, der den Herausforderungen durch Kant z.B. wenigstens ansatzweise gewachsen war. Rahner dachte niemals eng und kleinlich, auch wenn er als äußerst gefragter Theologieprofessor zu vielen konfessionell geprägten, also explizit katholischen Themen Stellung nehmen musste und manche seiner konfessionellen Schriften etwas Apologetisches haben, etwa seine Verteidigung der Unfehlbarkeit des Papstes. War dies dem Druck der kirchlichen Autoritäten geschuldet, die sich bekanntlich immer ins freie Denken der Theologen einmischen? Das wurde bisher noch nicht untersucht. Andererseits hat er schon in 1970 Jahren klar gesagt: Die Kircheneinheit mit den Protestanten ist jetzt möglich. Dieses Buch leider total verschwunden aus den Debatten, würde heute aber Mut machen, in gutem Ungehorsam einfach gemeinsam Abendmahl/Eucharistie zu feiern. gerade jetzt, im Reformationsgedenken. Karl Rahner war in dieser Frage niemals „brav“, heutige Katholiken und Theologen sind nach wie vor brav und verängstigt („Ungehorsam könnte die Karriere kosten“ usw…)

Karl Rahner hat aber vor allem bewiesen, dass Argumentieren und Fragen und philosophisches Debattieren einen festen Platz in der menschlichen Haltung, Glauben genannt, haben müssen. Entscheidend ist: Karl Rahner hat sich bemüht, die zentralen Lehren und Überzeugungen der christlichen Tradition (Dogmen genannt) mit den Erfahrungen der Menschen in Verbindung zu bringen, bis dahin, dass er die Dogmen als Ausdrucksformen der menschlichen religiösen Selbsterfahrungen deutete. So sollte die Fremdheit zwischen Glauben und Lebenserfahrung überwunden werden, ein großartiges Unternehmen, das heute schon wieder vergessen ist.

Dies ist wohl seine bleibende Bedeutung, darin bleibt er eine Provokation. Diese großartige Leistung bringt ihn in meiner Sicht und in dieser Perspektive (!) in die Nähe einer modernen liberalen Theologie bringt, klicken Sie hier. Bis heute hingegen werden von Theologen, nicht nur in der römischen Kirche, Dogmen etc. als hinzunehmende „Fremdkörper“ des Denkens hingestellt, so wird der Bruch zwischen Glauben und Vernunft vertieft, also der enorme Abstand zwischen geistvollem Leben und Glauben zementiert. „Credo quia absurdum“, dieser furchtbare Spruch geistert noch immer in den Köpfen der Kirchenleute und der Christen herum, vielleicht gerade jetzt, in den Erinnerungen an das Reformationsgeschehen. Luther war ja bekanntlich ein entschiedener Gegner philosophischer Debatten. Er hat die dialektische Theologie inspiriert und den unvernünftgen „Sprung in den Glauben“. Zurück zum Luther-Jahr: Ob darüber offen gesprochen wird? Ob das freie Nachdenken wieder eine Chance im Protestantismus und vor allem in den enthusiastischen evangelikalen Kreisen erhält? Ob es ein Ende gibt in dem bloßen Zitieren von Bibelsprüchen, um etwa katholische Sonderlehren zu begründen? Man denke etwa an die fundamentalistisch anmutende Begründung des Papsttums durch angebliche Sprüche Jesu von Nazareth (siehe etwa das neue Papstbuch von Kardinal Müller, Rom).

In jedem Fall: Karl Rahner bleibt von unerreichter Größe, wenn es um die Universalität der christlichen Grundüberzeugungen geht. Im Band 9 seiner „Schriften zur Theologie“ (1970, Seite 212) schreibt er zum Beispiel: „Wir setzen die Einmaligkeit Jesu falsch an, wenn wir ihn nur als den Sohn Gottes betrachten, der Menschen gegenüber tritt, die zunächst einmal mit Gott gar nichts zu tun haben; wenn wir Jesus bloß als Boten aus einem göttlichen Jenseits sehen hinüber zu einer Welt, die mit Gott noch gar nichts zu tun hat“. Diese Fremdheit zwischen Christus und den Menschen im allgemeinen ist für Rahner völlig unzutreffend! Er fährt fort: “In Wirklichkeit sind wir aber in der ganzen Geschichte der Menschheit Kinder Gottes“. Sind es „immer schon“, müsste man in Rahners eigenen Worten weiterformulieren. Das heißt: Jesus von Nazareth macht in seinem Leben und Sprechen und Handeln nur sichtbar und offenbar, dass die Menschheit im ganzen mit Gott selbst immer schon eins und verbunden ist…Jeglicher konfessionalistischer Wahn ist so zurückgewiesen. Welchen Sinn dann Predigt und Mission haben, hat Rahner klar gesagt. Auch dies wird heute gern und bewusst beiseite geschoben.

Copyright: Christian Modehn



Karl Jaspers: Plädoyer für den philosophischen Glauben.

12. Februar 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Am 26.2 1969 ist der Philosoph Karl Jaspers in Basel gestorben (geboren wurde er am 23.2. 1883 in Oldenburg). Der Religionsphilosophische Salon Berlin erinnert an Jaspers als einen kritischen politischen Denker in der BRD und einen entschiedenen Kritiker der politischen Verblendung von Martin Heidegger und: Vor allem als einen Denker, der die Vernunft so reflektierte, dass er für einen „philosophischen Glauben“ (so der Buchtitel von 1948) eintreten konnte und für den „philosophischen Glaube angesichts der Offenbarung“ (1962) sich stark machte. Die Konzeption und Weiterentwicklung eines vernünftigen philosophischen Glaubens bleibt ein Thema unser Diskussionen. Der „philosophische Glaube“ bietet nicht nur Denk-Möglichkeiten, gerade in Zeiten, in denen der konfessionelle dogmatische Glaube der Kirchen nicht mehr als geistig-bewegende Lebendigkeit erfahren wird. Der philosophische Glaube im Sinne von Jaspers kennt nur Grundsätze, keine Dogmen. Gewalt gegen Andersdenkende wird selbstverstädnlich abgelehnt, er ist offen für Einwände, hält nicht wunderbare Behauptungen für selbstverständlich, er gibt keine Ruhe im Denken und Fragen. Aber der philosophisch Glaubende interessiert sich für die „Chiffren“, für vieldeutige Zeichen, die aber auch auf Transzendenz weisen können.

Es wäre interessant, den philosophischen Glauben im Sinne von Jaspers mit den Thesen des südafrikanischen Theologen und Bischofs Desmond Tutu zu konfrontieren, Thesen, die er in dem Buch „Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit“ (2012) mitgeteilt hat. Tutu weist die Vorstellung zurück, dass Christen im Besitz einer alleinigen Wahrheit sind, er sucht das Gemeinsame in den Religionen…; jeder Mensch lebt in enger Verbindung mit dem Göttlichen, die Vernunft in allen Menchen ist das wahrhaft Religiöse…

Ein Hinweis: Es erscheint eine kommentierte Karl-Jaspers-Gesamtausgabe (KJG), in Kooperation mit der Karl Jaspers-Stiftung (Basel) erfolgt diese Gesamtausgabe durch die am Philosophischen Seminar und am Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg angesiedelte Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.



Spinoza und die kritische Bibelforschung

8. Februar 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis auf einen Gedenktag, also einen Tag zum Denken….an Spinozas Bibelkritik und seine Verteidigung der Philosophie….

Von Christian Modehn

Am 21. 2.1677 ist in Den Haag der Philosoph Baruch de Spinoza gestorben (geboren wurde er am 24.11. 1632 in Amsterdam). Auch als Verteidiger und Förderer der historisch-kritischen Bibelexegese muss er für weite Kreise (besonders der unbegildeten heutigen Bibel-Fundamentalisten)  noch entdeckt werden. Genau so wichtig ist Spinozas Forderung: Die Theologie (also auch die Leitung der Religionsgemeinschaften) darf der Philosophie nicht das Recht auf eigenständige Erkenntnis, auch Gotteserkenntnis, streitig machen. Der wahre Gottesdienst für Spinoza ist die lebendige Gestaltung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Wichtig ist hier das Buch Spinozas „Tractatus Theologico-Politicus„, (1670 anonym erschienen).Darin wendet sich Spinoza auch gegen den schlichten Wunderglauben, der da meint: Gott wirke im Ungewohnten und Außergwöhnlichen. Man solle Gott vielmehr suchen in der durchgängigen Gültigkeit der Gesetze der Natur. Jeder Mensch hat das Recht, frei seine eigenen religiösen Überzeugungen zu sagen, diese Freiheit sei die Bedingung für eine staatliche Ordnung.

….Goethe sagte über Spinoza: „Ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige“.

Der Text des Tractatus von Spinoza ist erreichbar unter: http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf



„Die Philosophie ist dem Glauben überlegen“ Erinnerung an Averroes bzw. Mohammed ibn Ruschd, gestorben am 11.12. 1198

20. November 2016 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Wir müssen uns nicht nur als Philosophen, sondern im allgemeinen schon als Menschen dieses 21. Jahrhunderts endlich an die muslimische Philosophie erinnern, etwa an die Denker, die im 11. und 12. Jahrhundert in Europa lebten und arbeiteten und bis heute anregend und „aufregend“ sind. Einer von den „ganz Großen“ ist für uns Averroes bzw. Mohammed ibn Ruschd, geboren 1126 in Cordoba (heutiges Spanien), gestorben am 11. Dezember 1198 in Marrakesch. Averroes ist in vieler Hinsicht wichtig: Wir denken nur an seine Schrift gegen den muslimischen Philosophen Al-Gazali. Darin zeigt Averroes, dass die Philosophie dem religiösen Glauben überlegen ist: Schon unser menschliches Denken als Denken hat es mit Ewigem, Allgemeinen und Bleibenden zu tun. Geistige und philosophische Erkenntnis ist unabhängig von religiösen Büchern, wie der Bibel oder dem Koran. Religion kann für Averroes niemals die höchste Form menschlichen Wissens sein. Diese Sätze missfielen auch den christlichen Theologen, 1270 wurden seine Thesen in Paris verurteilt.  Averroes wurde von dem Kalifen aus seiner Heimatstadt Cordoba, dem blühenden kulturellen Zentrum, vertrieben, er starb förmlich in der Verbannung in Marrakesch am 11. 12. 1198. Wir erinnern an diesen großartigen, vielseitigen Denker. Ob man seine Bücher heute auch in islamistischen Kreisen liest? Averroes könnte Menschen zur Vernunft bringen! Auch für Christen der orthodoxen Dogmatik und der evangelikalen, absoluten Bibeltreue ist Averroes ein Impuls, über den sie ein paar Monate debattieren könnten: Die These, aktueller denn je: Für die Anhänger des Philosophen Averroes sind die religiösen Dogmen eine Art sehr schlichter, er würde sagen primitiver Vorläufer der allgemeinen, der allgemein menschlichen Philosophie. Dogmen und Bräuche sind also fürs Menschsein und für die Spiritualität – gegenüber dem klaren Denken – zweitrangig. Das heißt ja nicht, dass religiöse Praxis sinnlos ist. Nur: Keine Religion und Kirche darf als solche eine weltgestaltende, bestimmende politische Kraft sein. Deswegen wird an die Überlegenheit allgemeinen Denkens, also der Philosophie, und mit ihr der Menschenrechte, erinnert.



„Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern“: Hannah Arendt, verstorben am 4.12.1975.

20. November 2016 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Auf das politische Denken und damit die Philosophie Hannah Arendts (besonders in der Nähe zu Kant) wird niemand verzichten. In ihrer Vorlesung „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“ (Ungekürzte Taschenbuchausgabe, PIPER Verlag) sagt sie diesen Satz: „Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben, und ohne Erinnerung kann nichts sie zurückhalten“ (dort S. 77).

Am 4.12.1975 ist Hanna Arendt in New York gestorben, geboren wurde sie am 14.10. 1906 in Linden bei Hannover, 1933 musste sie als Jüdin Deutschland verlassen.

Auf unserer Website befinden sich mehrere längere Hinweise zu Hannah Arendt. Zweifellos würde sie die tieferen Dimensionen von Rassismus und Hass in den Worten von Mister Trump und seinem ebenso fühlenden Umfeld freilegen und anklagen. Wer berichtet hierzulande endlich über Philosophen in den USA, die im Sinne Hannah Arendts das sich in den USA etablierende Regime (obzwar demokratisch gewählt, wie man sagt) kritisieren? Insofern denken wir an Hannah Arendt, auch wenn es kein „runder Gedenktag“ ist.

Heftig diskutiert wird jetzt auch – nach der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ Martin Heideggers und nach der veröffentlichung des Briefwechsels mit seinem Bruder Fritz (erschienen im Herder-Verlag 2016) – die Frage: Wie ist das Verhältnis/die Beziehung (der Jüdin) Hannah Arendt (Heideggers früher -heimlicher – Geliebten, seit 1924) zu dem nun zweifelsfrei Nazi und auch Antisemiten zu nennenden Heidegger zu sehen? Dazu bietet die Hanna Arendt Spezialistin Antonia Grunenberg in dem genannten Buch aus dem Herder-Verlag („Heidegger und der Antisemitismus“) wichtige Hinweise unter dem Titel „König im Reich des Denkens – oder Fürst der Finsternis. Wie Hanna Arendt das Denken Martin Heideggers auseinandernahm“.

Antonia Grunenberg zeigt eine Entwicklung auf:  1946 schreibt Arendt einen ersten politischen Essay entschieden gegen Heidegger. Seit der Zeit „war ihr Verhältnis über die Jahre von Widersprüchen und Brüchen gekennzeichnet“… 1969, anläßlich des 80. Geburtstages von Heideggers, verfasst Arendt einen Radio-Essay für den BR: In dem Text findet sie anerkennende, lobende Worte für die bleibende Bedeutung von Heideggers Denken: „Dies Denken hat eine nur ihm eigene bohrende Qualität…Heideggers denkt nie über etwas etwas; er denkt etwas…“ „Es“ (das Sein/Seyn) dachte also in ihm, wie er ja selbst behauptete. Arendt folgt dieser (esoterischen) Selbsteinschätzung eines Philosophen, die nichts anderes bedeutet: Heidegger hatte keinen Abstand zu seinen eigenen Einsichten. „Es“ geschah ja mit ihm Wesentliches (Sein/Seyns-Geschick usw.). Die Frage stellt Hannah Arendt am Ende ihres Lebens und ihrer (liebenden) Beziehung zu Heidegger nicht: War denn auch seine Nazibindung und sein Antisemitismus eine Art „Überkommnis“ des Seyns, der er passiv und intellektuell ohnmächtig ausgesetzt war?  Mag Heidegger sich später auch mit solchen gewagten Thesen herausgeredet haben: So viel Esoterik ist im politischen Denken Heideggers nicht angebracht. Heidegger war schlicht und einfach kein Demokrat; er hat nicht an der Pluralität der Weimarer Republik gehangen, das zeigen andere Autoren in dem genannten Buch aus dem Herder-Verlag. Heidegger liebte nicht den öffentlichen Streit und Disput,  die für Arendt eigentlich seit 1933 so entscheidend wurden. Um so erstaunlicher, dass die (immer noch – etwas ? – liebende) Hannah Arendt diese Denk-Strukturen bei ihrem einstigen Geliebten offenbar übersah.

Copyright: Christian Modehn

 

 



Das Böse in der Welt und der allmächtige, gütige Gott: Pierre Bayles Fragen.

1. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis anläßlich des Geburtstages von Pierre Bayle am 18. November 1647 (gestorben am 28.12.1706)

Von Christian Modehn

Pierre Bayles Buch „Dictionnaire philosophique“ war eines der am meisten gelesenen Bücher im 18. Jahrhundert. Viele Philosophen der Aufklärung haben dort ihre eigenen Ideen und Vorstellungen entdeckt bzw. vertiefen können.

Eines der Hauptthemen von Pierre Bayle als Philosoph ist die Frage nach dem Bösen in der Welt. Sein Dictionnaire befasst sich ausführlich mit dem Thema. Es geht um die unbestreitbare Aussage: Das Böse, auch das moralisch Böse, existiert in der Welt; daran gibt es keinen Zweifel. Wenn man diese Erkenntnis innerhalb der christlichen Religion mit der göttlichen Wirklichkeit als Schöpfergott verbindet, kommt man zu den für Gott notwendigen Prädikaten: Gott ist gütig. Und. Gott ist allmächtig. Diese beiden notwendigerweise göttlichen Eigenschaften lassen sich aber nicht gleichzeitig widerspruchsfrei denken bezogen auf das Böse. Wäre Gott allmächtig, hätte er das Böse nicht zugelassen, selbst wenn man den Ursprung des Bösen in der Freiheit des Menschen sieht: Warum hat der allmächtige Gott dann die Freiheit als Bedingung des Bösen zugelassen, also auch geschaffen? Will Gott vielleicht nur seine Allmacht (der Erlösung dann) demonstrieren, wenn er die sündigen Menschen dann doch wieder retten will? Und wo bleibt die Güte in einer Welt des Bösen? Der vollständig gütige Gott könnte nicht mehr auch der gerechte Gott, weil er auch die Bösen gütig (also ungerecht) behandeln würde. Und auf seine Allmacht verzichtet, Böse zu bestrafen.

Pierre Bayle zeigt, wie die Vernunft angesichts der Gottesfrage nicht weiterkommt.

Manche Interpreten meinen: Bayle wollte so den Glauben, als blinden, unvernünftigen Sprung in den Glauben, rechtfertigen. Dabei ist bekannt, dass Bayle selbst als Calvinist nicht allzu viele religiöse persönliche Leidenschaften hatte.

Andere, wie die Bayle Interpretin Elisabeth Labrousse, plädieren für eine skeptische Deutung: Bayle wollte zeigen, dass Menschen wichtige religiöse Fragen gar nicht erkennen können. Er wollte für Bescheidenheit und Toleranz eintreten.

Bayle war (und ist) ein viel beachteter Philosoph (er war auch Theologe). Königin Sophie Charlotte in Berlin schätzte ihn und besuchte ihn, den protestantischen Flüchtling aus Frankreich, sogar in Rotterdam; Leibniz sah in ihm wohl einen der entscheidenden, anregenden Gegner. Im Schloß Charlottenburg zu Berlin diskutierte er mit König Sophie Charlotte über Bayle … das waren noch Zeiten …

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon



Michel de Montaigne: Skeptisch bleiben gegenüber einem vernünftigen christlichen Glauben

24. Juli 2016 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Am 13. September 1592 ist Michel de Montaigne gestorben, ein philosophierender Autor, der so gewinnend persönlich schreibt und ohne Floskeln sein eigenes Leben, als Fragen, vor dem Leser ausbreitet: In seinem so vielfach geschätzten Buch „Essais“. Es lohnt sich, vielleicht anläßlich des Gedenktages, im 2. Buch der Essais das lange 12. Kapitel „Apologie für Raymond Sebond“ zu lesen. Es zeigt, wie entgegen dem Titel einer „Apologie“ für einen die Vernunft lobenden Philosophen und Theologen (1385-1436) doch die skeptische Haltung Montaignes siegt gegenüber der „Macht“ der Vernunft. Religiös hat Montaigne den Rationalismus abgelehnt, und die Dunkelheit des Glaubens betont. Diese Haltung eines theologischen „Fideismus“, ein „Etikett“ natürlich,  wird von vielen Montaigne-Freunden und Montaigne Fans, so scheint es,  zu wenig beachtet.

Gerade heute, inmitten religiöser Debatten und Feindseligkeiten, erscheint ein Satz Montaignes wie eine kurzgefasste Religionskritik: „Unsere Religion ist gestiftet, die Laster auszurotten. Jedoch: Sie bahnt ihnen den Weg, unterhält und reizt sie noch“.

Zu diskutieren wäre weiter auch Montaignes Interesse an den Kulturen und Lebensformen „der anderen“. Es kommt für ihn auf das Geltenlassen der Pluralität und damit auch der befremdlichen Lebensformen der anderen an. Wenn die Fremden, von uns aus gesehen: die so genannten Barbaren, wild erscheinen, muss doch die Frage sein: Wie und wann sind wir Europäer selbst barbarisch, wie sind wir selbst „Menschenfresser“, etwa wenn die gebildeten und christlichen Europäer einander umbringen? Auch die Europäer sind für Montaigne wie die „Wilden“ Amerikas also selbst Kannibalen. Sind nicht die Christen aus getrennten und feindselig mit einander umgehenden Konfessionen selbst auch Barbaren und Menschenfresser, wenn man nur an die Religionskriege denkt, fragt Montaigne. Bei ihm ist das Bewusstsein der kulturellen Relativität sehr deutlich, wenn er sagt: Er selbst, als Europäer, als Franzose, sei eigentlich nicht besser und wertvoller als etwa ein Indio aus den neu „entdeckten“ Welten Amerikas. In seinem umfangreichen Buch „Essais“ sollte anlässlich des Montaigne-Gedenktages auch das Kapitel über „Über die Menschenfresser“ gelesen werden, im Ersten Buch Kapitel 31. Es ist sicher eines der schwersten und gar nicht leicht zu lesenden bzw. für manche Montaigne-Fans gar nicht „schön“ zu „genießenden“ Essais.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



An Michel Foucault erinnern: Von der Zerstörung der üblichen Evidenzen.

30. Mai 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn. Anläßlich von Michel Foucaults Todestag am 25.6.1984.

Michel Foucault (gestorben am 25.6. 1984in Paris , geboren am 15.10.1926 in Poitiers) ist einer der besonders anregenden Denker der Gegenwart. Er war und ist umstritten. Seine Thesen und grundlegenden Einsichten, etwa zum Humanismus und zur Frage nach dem „Wesen DES Menschen“, wurden heftig kritisiert. Oft hat man in der Polemik nicht genau hingeschaut, was er eigentlich meinte.

Foucault bleibt also ein Anreger, einer der aufweckt aus Selbstverständlichkeiten; er unterstützt subversive Formen des Lebens und Denkens. Er selbst sah sich als „Zerstörer der (üblich gewordenen) Evidenzen“, er suchte Formen der Lebenskunst in der „Nach-Moderne“. Dabei hat er sich als umfassend (historisch, psychologisch, philosophisch) gebildeter Denker selbst gewandelt, entwickelt, korrigiert.

Seine erste größere Arbeit erschien 1961. Sie bezog sich auf die Ausgegrenzten, Kranken, Unvernünftigen, für wahnsinnig gehaltenen Menschen:Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ , „Folie et déraison“.

Die dort aufgeworfenen Fragen bleiben aktuell: Wer definiert den Wahnsinn, das Aus-dem-Rahmen-Fallen? Wer lässt es zu, dass diese Menschen eingesperrt werden? In Fez z.B gab es, so Foucault, schon im 7. Jahrhundert Hospize für Wahnsinnige. Ist die Mehrheit vernünftig und als „nichtwahnsinnige“ Mehrheit etwa auch gesund? Woher kommt dieser Anspruch? Ist die Mehrheit, etwa in der Politik, die heute wieder die Nation als absoluten Wert hochspielt, ist diese Mehrheit etwa gesund, d.h. rational auf der Höhe der Menschlichkeit? Angesichts der Kriege, die Nationalismus IMMER erzeugt, kann man da „im Ernst“ noch von gesunden und vernünftigen Politikern und Bürgern sprechen? Sind Politiker, die Kriege führen, etwa Assad in Syrien, die Mörderbanden in der arabischen Welt usw., sind die alle gesund, also nicht-wahnsinnig? Warum werden diese Kategorien in dem Zusammenhag nicht angewendet? Wer verbietet diese Anwendung? Ist die Ausgrenzung bestimmter, tatsächlich schwer belasteter seelisch Kranker, auch ein Alibi für die Mehrheit, sich selbst für vernünftig zu halten? In diesen störenden Fragen sah auch Michel Foucault die Notwendigkeit neuer Philosophie: “Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, anders zu machen und anders zu werden als man ist“ (zit. in „Metzler Philosophen Lexikon“, Beitrag Foucault, Michel, von Thomas Schäfer, Seite 224). Und noch einmal zur Bedeutung der Philosophie: „Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt und nach anderen Spielregeln sucht“ (ebd. 228).

Foucault stellt die Frage nach der Ausgrenzung und Abschiebung der anderen, der Minderheiten, der Schwachen und Kranken aus dem großen Rahmen der sich vernünftig wähnenden Gesellschaften und Staaten. Die Frage der Ausgrenzung der Armen stellte er meines Wissens leider nicht. Dabei ist diese Ausgrenzung, Degradierung, Verachtung, Abschiebung der Armen auch in den reichen Gesellschaften des Westens und der Demo-kratien“, wo die Armen eben nicht herrschen, ein Skandal, an den sich die Mehrheit gewöhnt hat. Wahrscheinlich sind westliche „Demo-Kratien“ auf dem Weg zu Pluto-Kratien“… Die „Säuberung“ der Städte  in Deutschland von den Armen, besonders in den touristisch attraktiven und Geld bringenden Innenstädten, ist längst leider selbstverständlich. In Paris wohnt im Zentrum kein Armer mehr, in London nicht, in Manhattan nicht, in München nicht und in Berlin, wenn diese Politik sich fortsetzt, bald auch nicht mehr. Es sind längst Gettos entstanden. Zu diesen Hinweisen inspiriert die Lektüre von Michel Foucault.

Er stellt die Frage: Ist Vernunft vielleicht immer ausgrenzend und repressiv? Ist etwa die oft nur vorgebliche sorgende Haltung der Staaten für die Bürger nichts als eine pastorale Attitude? Bezogen auf die christliche Gemeinde hat er sich 1979 zur „pastoralen Macht“ geäußert, wo die selbst ernannten, nicht von den Gläubigen gewählten Führer und Herrscher sich als Hirten ausgeben und die Gläubigen eben zu Schäfchen machen, die sich unterdrücken lassen. Diese Arbeit Foucaults sollte theologisch endlich bearbeitet werden, zur Lektüre dieses Foucault Beitrages klicken Sie hier.

Foucault war ein Denker, der mit allem Nachdruck das Interesse auf den einzelnen, den singulären Menschen lenkte. Er wollte den einzelnen förmlich retten vor der Gewalt der (Denk) Systeme. “Das einzige was für ihn, Foucault, existiert, sind Singularitäten“, so Paul Veyne, Historiker und (explizit heterosexueller) Freund von Michel Foucault in dem Buch „Foucault. Der Philosoph als Samurai“ (Reclam, 2009, Seite 50). Auch wenn Foucault die metaphysischen und letzten und endgültigen Wahrheiten als Skeptiker entschieden zurückwies, so hat sicher Paul Veyne recht, wenn er Foucaults letztlich immer offene Haltung dann auf den Punkt bringt und damit meines Erachtens zugleich eine gültige Aussage zur Skepsis „insgesamt“ macht: “Ein Skeptiker hält es nicht für unmöglich, dass die Welt sehr anders ist, als wir sie wahrnehmen“(ebd. 51).

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Michel Foucault: Was ist eigentlich „normal“? Erinnerungen zum Todestag 25. Juni 1984

16. Mai 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Termine

Michel Foucault (geb. am 15. Oktober 1926, gestorben in Paris am 25. Juni 1984) ist aufgrund seiner vielseitigen Begabungen und Interessen zweifellos einer der inspirierenden Philosophen der Gegenwart, von dem so viele Lebenskunst-Philosophen heute „zehren“. Unser Religionsphilosophische Salon wird besonders der Frage nachgehen, die Foucault von Anfang an bewegte: „Was ist normal ?“

Lesen Sie bitte den ausführlichen Beitrag zu Foucault, klicken Sie hier.



Eric Satie hat Geburtstag: Ein „minimalistisch“ – spirituelles Gedenken am 17. Mai.

25. April 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Termine

Der Komponist Eric Satie wurde am 17. Mai 1866 in Honfleur, Normandie, geboren. Er ist heute sicher ein immer wieder viel und begeistert gehörter Musiker, zudem in zahlreichen Filmen als Sound-Lieferant häufig vertreten, ein Komponist der „ganz anderen Art“. Seine „minimalistisch“ genannten Klänge haben mindestens für seine Fans eine Art bleibende Gültigkeit, des immer wieder Hörbaren und zu Hörenden!

Wir erinnern an diesen wahrscheinlich etwas sehr ungewöhnlichen, wenn nicht exzentrischen Komponisten, der 1925 in Paris starb. Satie hat übrigens als Einzelgänger sich für esoterische Lehren interessiert, anglikanisch aufgewachsen, dann katholisch geworden, widmete er sich der Lehre des Rose-Croix, schließlich gründete er sogar seine eigene Kirche. Leider blieb er dort das einzige Mitglied… Entscheidend war für ihn der Kampf gegen Konventionen und Hierarchien…Man darf sich auch heute keine Illusionen machen: Selbst wenn einige wenige Stücke von Satie oft zu hören sind (als immer „verwendbare“ Hintergrundgeräusche von Spielfilmen, etwa die Gnossiennes von Satie): Sein umfassendes Werk wird kaum geschätzt, kaum gehört und es wird in Konzerthallen fast nicht aufgeführt. Vielleicht, weil Satie ein großer Komponist ist, der sich über seine Hörer und über seine Interpreteten und über die offzielle Aufführungspraxis lustig machte? Dabei ist er mit der Einbeziehung von Alltagsgeräuschen, wie Schreibmaschinengeklapper und Trillerpfeifen als Klangquellen (in seinem 1917 uraufgeführten Ballett PARADE) sicher bleibend ein „Heutiger“. Man kann sich der Einschätzung des Philosophen Franz Josef Wetz (in seinem sehr lesenswerten Buch „Die Magie der Musik“, Klett-Cotta 2004) nur anschließen, wenn er schreibt: „Bis heute begegnen die meisten Menschen der Musik, die wir immer noch unterschiedslos die „Neue“ nennen, rat-und verständnislos, gewissermaßen mit feindseliger Gleichgültigkeit“ (S. 271).

Ein Hinweis zu Begegnungen von Satie mit dem katholischen Pfarrer Abbé Mugnier in Paris:

Es gab in Paris einen sehr ungewöhnlichen, man möchte sagen einmaligen, katholischen Priester, der in den Salons der Künstler (und des Adels) immer und ständig willkommen war als intelligenter Gesprächspartner, so etwas gab es tatsächlich in einer Zeit, als die Trennung von Kirche und Staat gerade heftig per Gesetz (1905) vollzogen wurde: Abbé Mugnier  (1853-1944). Wir haben in einem eigenen Beitrag auf Mugnier als „Salon-Priester“ im Zusammenhang eines interessanten Buches von Charles Chauvin (Paris) hingewiesen; klicken Sie bitte zur Lektüre dieses Beitrags hier.

Mugnier hat von 1879 bis 1939 ausführlich Tagebuch geführt. Darin wird auch zweimal auf Begegnungen mit ERIK SATIE hingewiesen. Die Zitate sind dem Buch „Journal de l´ Abbe Mugnier“, Mercure de France, 1985, entnommen und von mir übersetzt worden. Am 17. April 1918 notiert Mugnier im Zusammenhang eines gemeinsamen Mittagessens bei Walter Berry, anwesend waren u.a. auch Picasso und Cocteau, sehr knapp, aber doch erhellend: „Satie ist 52 Jahre alt. Nachdem er über den Impressionismus sprechen wollte, wandte er sich anderem zu. Er hat die Gabe der Verjüngung (rajeunissement) und deswegen sammeln sich auch die jungen Leute um ihn. Cocteau erzählt uns, wie er Debussy empfohlen habe, Materlinck in Musik zu übertragen. Debussy sagte dann vor seinem Tod: Wie wollen Sie denn, dass aus diesem Krieg noch irgendeine Kunst hervorgeht ?“. Satie, im Gegenteil, er glaubt daran, dass nun eine Jugend hervorgeht, eine Kunst von all dem“. (Seite 334 f.).

Zum Aufenthalt Saties im Hospital Saint Joseph notiert Abbé Mugnier am 22. Februar 1925: „Gestern war ich im Hospital Saint-Joseph, wohin Erik Satie transprtiert wurde aufgrund der Hilfe des Comte de Beaumont, er bat mich auch, Satie zu besuchen. Ich habe mit ihm einige Augenblicke mich unterhalten. Und er wird auch den Krankenhauskaplan sehen. Als ich das Klinikgebäude verließ, habe ich Etienne de Beaumont und Picasso getroffen, die ihn besuchen wollten, Blumen in der Hand. Picasso machte einen sehr schlichten („modeste“) Eindruck“. (Seite 460).

copyright: Christian Modehn