Orte der Lebenskunst: Über die Zukunft christlicher Gemeinden

Gemeinden als Orte der Lebenskunst

Zur Zeitschrift ADREM der Remonstranten

Von Christian Modehn

Die Remonstranten in den Niederlanden, diese freisinnige christliche Kirche, nennt ihre Monatszeitschrift ADREM. Dieser Titel klingt lateinisch: „Zur Sache“, heißt die Übersetzung. Es geht um die „Sache“ spirituellen Lebens im Heute … auf der Basis einer vernünftigen, kritischen, „modernen“ Theologie. Aber der Titel ADREM unterstreicht auch, dass eben REMonstranten selbst zeigen, wie sie in der Gesellschaft, die säkular ist, pluralistisch, der Globalisierung ausgesetzt usw., ihr Leben gestalten.

Das neueste Heft, 26. Jahrgang, erschienen im Juli 2015, ist im besten Sinne ein vielstimmiges Plädoyer für eine Dimension der Lebenskunst: die Einübung der Stille, die Überwindung von Stress und Hektik.

Die Philosophin Joke H. Hermsen plädiert für das „langsame Leben“, die Unterbrechung, die Pause, die Stille. Nur dann können wir das menschliche Maß wieder finden, uns befreien aus Weiterlesen ⇘

Aktualisiert am 25. August 2017 durch cm

Wenn der Atheist den Christen liebt. Zu einer aktuellen Novelle von Honoré de Balzac

Wenn der Atheist den frommen Christen liebt:

Zu einer kleinen, aber großen Novelle von Honoré de Balzac

Von Christian Modehn

„La Messe de l athée“ („Die Messe des Atheisten“) ist eine der kürzesten Erzählungen von Honoré de Balzac. Aber der Text, leider eher selten noch beachtet, kann auch heute, 180 Jahre nach seiner Veröffentlichung (1836), viele übliche ideologisch-religiöse Grenzziehungen fragwürdig werden lassen. Es ist ein Text, der die LeserInnen berührt, bewegt… und verunsichert. Etwa hinsichtlich des wohl noch nicht ganz verschwundenen Vorurteils, dass Atheisten nicht in der Lage seien, religiöse Menschen, selbst solche, denen „man“ einen naiven (Köhler-)Glauben zugesteht, zu schätzen, zu achten, zu verehren, ja, auch dies: zu lieben. Natürlich ist ein literarischer Text als solcher ein Kunstwerk, das in sich selbst lebt. Aber Balzacs Romane und Erzählungen sind ja niemals „l art pour l art“, sind niemals schöngeistige Spielerei aus Freude am Nur-Ästhetischen. Von daher die Aktualität des Textes!

Ein Hinweis zum Inhalt: Doktor Desplein ist ein angesehener, berühmter Chirurg im Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts; er ist zudem bekannt für seine radikale atheistische Überzeugung. Eines Tages entdeckt sein junger Kollege, Horace Bianchon, dass Doktor Desplein die Kirche St. Sulpice (im 6. Pariser Arrondissement) morgens um 9, zur Zeit der Messe, von einem Seiteneingang aus betritt. Beobachtungen und Nachforschungen führen den neugierigen Bianchon, zur Gewissheit: Der berühmte atheistische Arzt nimmt regelmäßig, viermal im Jahr, an einer Messe teil; er kniet beim Beten, wie es sich gehört, er gibt Spenden in die Kollekte, er führt sich auf wie ein Frommer. Der Sakristan verrät dem jungen Arzt, dass der berühmte Desplein, „der unerschrockene Spötter“, schon seit 20 Jahren, immer im Rhythmus von drei Monaten, an der Messe teilnimmt. Von Bianchon angesprochen, erklärt der berühmte Atheist: Er selbst habe diese Messen als Totengedenken bestellt, also auch den Messe lesenden Priester bezahlt. Und das alles nur, um einen der wertvollsten Menschen zu ehren, die er je gekannt hab: Den frommen, ja naiv-frommen Wasserträger de Bourgeat. Er stammt vom Land, aus der Auvergne; die beiden haben sich in Paris kennen gelernt, als Desplein in höchster Not war: Als Student konnte er sich kaum noch ernähren, fürs Studium fehlte ihm das Geld. Da hat ihm der arme Fromme de Bourgeat geholfen, das Ersparte dem Studenten gegeben, in der Überzeugung, dass der junge Mann einmal ein berühmter Arzt werde. „Ohne ihn hätte mich das Elend getötet“, gesteht Desplein. Von seinem Gehalt kauft der Arzt dann später dem armen Wasserträger ein Pferd und eine Tonne fürs Wasser; bei schwerer Krankheit kann ihn der junge Arzt (de Desplein) noch retten, wenig später stirbt der Freund, der Wohltäter, der fromme Wasserträger. Um der verstorbenen guten Seele schnell den Zugang in den Himmel zu ermöglichen, bezahlt Desplein alle drei Monate die Toten-Gedenk-Messe. „Er war mein zweiter Vater“, berichtet Desplein dem jungen Arzt Bianchon, „de Bougeat starb in meinen Armen, er hat mir in einem Testament alles hinterlassen, was er besaß. Er liebte die Jungfrau Maria wie er wohl seine Frau geliebt hätte. Aber er fürchtete noch, nicht heilig genug gelebt zu haben. Nach seinem Tod merkte ich, dass er niemand hatte. Aber er hatte eine religiöse Überzeugung. Habe ich das Recht, darüber zu diskutieren?“ Aus tiefer Zuneigung und Dankbarkeit lässt der Atheist die Messe lesen. „Und ich sage in dem guten Glauben des Zweiflers: Mein Gott, wenn es eine Sphäre gibt, wo du nach dem Tod diejenigen bewahrst, die vollkommen gelebt haben, dann denke auch an den guten Bourgeat. Und wenn er noch leiden muss (gemeint ist wohl die Läuterungszeit im Jenseits, CM), dann übergib du mir dessen Leiden, damit er schnell eintreten kann in das, was man Paradies nennt“.

Die Geschichte von Balzac ist alles andere als eine kitschige Erbauungsstory für fromme Gemüter. Sie ist sachlich, kühl geschrieben. Sie kann als Plädoyer verstanden werden, dass sich Atheisten und fromme Christen so fern eigentlich nicht sind, wenn sie sich zuerst als Menschen und nicht zuerst als Mitglieder/Vertreter einer Religion oder Ideologie betrachten. Dann kann der extrem fromme Katholik einem jungen Atheisten helfen; und der Atheist kann an Gottesdiensten und Messfeiern teilnehmen, ja diese sogar bestellen und bezahlen, weil er, gemäß der Glaubenswelt seines Freundes, diesem noch post mortem Gutes tun will.

Diese Vorstellungen im engeren Sinne haben heute sicher keine große Relevanz mehr. Wichtig aber bleibt der Kern der Aussage von Balzac: Menschlichkeit ist wichtiger als Religiosität. Und aus der noch so schlichten Frömmigkeit kann viel Menschlichkeit erweckt werden. Und Atheisten haben keine Grund arrogant zu sein und sich als etwas Besseres zu fühlen.

Man übersetze diese Geschichte ins Heute: Ein katholischer Priester etwa finanziert einem atheistischen Studenten das Studium. Oder ein Atheist unterstützt das spirituelle Wohlergehen eines frommen Christen…Gibt es solche Beispiele, etwa in Deutschland?

„La Messe de l Athée“ ist kürzlich als kleiner separater Druck (zum Preis von 5,10 EURO) in den Editions Manucius, 40, Rue de Montmorency, 75003 Paris, erschienen (im Jahr 2013). Das Heft umfasst 75 Seiten, incl. einer Einleitung und eines Kommentars und Hinweise auf die wenigen Studien zum Text. Wir empfehlen diese preiswerte, gute Ausgabe auch für Schulen und Volkshochschule und kirchliche Akademien…

Wichtig dürfte besonders die Studie von John H. Mahazeri sein: „Un Atheismus particulier: Une lecture de La Messe de l Athée“. In: Essais sur la religiosité d Honoré de Balzac. New York 2008.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sommerausflug nach Jüterbog am Donnerstag, 20. August 2015

Am Donnerstag, den 20. August 2015, machen wir wieder unseren „philosophischen Sommerausflug“: Im vergangenen Jahr waren wir in Chorin. Diesmal geht `s in die mittelalterlich geprägte (und oft noch unbekannte) kleine Stadt Jüterbog. Start ist im Hauptbahnhof Berlin– „Tief“ um 9.14, eine Stunde später sind wir in Jüterbog. Dort Spaziergänge, Besichtigungen von sehr sehenswerten historischen Kirchen, die für die Reformation wichtig wurden, dazu fachkundige Erläuterungen, auch zum „Revolutions“-Reformator Thomas Müntzer und dem Ablass Prediger Tetzel. Gemeinsames Essen, Erholung und dort Gespräche, etwa über „Gewalt und Religionen“, „Kann man Gott kaufen?“, „Wie lassen sich Religionen reformieren?“

Rückfahrt gegen 19 Uhr. Feste Anmeldungen sind notwendig, weil Gruppenfahrkarten besorgt werden. Feste schriftliche Anmeldungen bis 15. August an: christian.modehn@berlin.de

Die Gruppe soll wegen der Gesprächsmöglichkeiten nicht mehr als 15 Personen zählen. 6 Personen haben sich schon angemeldet.

 

Probleme mit der Vernunft: Ein Sonderheft über den Koran des Philosophie-Magazin

Probleme mit der Vernunft:

Das Sonderheft „Der Koran“ des „Philosophie Magazin“.

Von Christian Modehn

Der Koran und die Philosophen/die Philosophien: Anders gesagt: Der Koran und die Bedeutung des kritischen, systematischen Denkens und des menschlichen Verstehens: Ein Thema, das immer schon Bedeutung hatte, umstritten war und jetzt neu entdeckt wird, etwa auch in Veranstaltungen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ kürzlich. Das „Philosophie Magazin“ (Berlin/Paris) hat nun ein stattliches, 100 Seiten umfassendes Sonderheft zum Koran publiziert mit ca. 40 verschiedenen Beiträgen. Auf diese „bunte Mischung“ können wir nur partiell, aber wohl Wesentliches treffend, hier eingehen. Catherine Newmark ist die verantwortliche Redakteurin dieser Sonderausgabe. Sie bietet zahlreiche Informationen zum Thema, darunter auch Zitate aus Interpretationen des Korans von prominenten deutschen Philosophen, wie Herder, Lessing, Hegel, Nietzsche… Unter den zahlreichen Interviews ist interessant der Beitrag von Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik an der FU Berlin. Sie deutet das heute weit verbreitete Lektüreverhalten gegenüber dem Koran als „Nachschlagewerk für (aktuelle) Probleme“ als „Missbrauch“. Angelika Neuwirth folgend ist der Koran vielmehr in erster Linie „ein Inventar von Texten, die man im Gottesdienst braucht“ (S. 15.) Die Professorin für Arabistik erinnert auch daran, dass für die Muslime „Gott der alleinige Autor (des Koran) ist“. Kurz darauf schreibt Angelika Neuwirth: “Obwohl man die transzendente Herkunft (des Korans) nicht wissenschaftlich beweisen kann, hat man (!, CM) den muslimischen Geltungsanspruch, den der Koran ja auch selbst transportiert, zu respektieren“. Warum „man“, also auch Literaturwissenschaftler oder Philosophen, diesen von den Vertretern der Religion erhobenen „transzendenten Geltungsanspruch“ respektieren müssen, wird hier leider nur behauptet, aber nicht begründet. Kann „man“ unter Zustimmung zu dieser religiösen Weisung überhaupt Wissenschaft betreiben? ..Deutlich in dieser Sache wird der emeritierte Islamwissenschaftler Stefan Wild (Bonn). Er antwortet auf die Frage nach einer historisch-kritischen Lektüre des Korans, so, wie sich auch seit ca. 150 Jahren die historisch-kritische Bibelforschung durchgesetzt hat: „Generell kann man sagen, dass eine solche Lektüre im traditionellen Islam sehr wenig ausgeprägt ist“ (S. 45). Das wissen wir allmählich. Irritierend ist hingegen die weitere Einschätzung Von Herrn Wild: „Die meisten heutigen islamischen Theologen sehen, was in Mitteleuropa mit den offiziellen Religionen des Katholizismus und Protestantismus passiert ist. Sie sehen, oder glauben zu sehen, dass bestimmte Tendenzen der Exegese – etwa die Entmythologisierung – im Grund den Status dieser Religionen unterminieren. Und sie sagen: Das wollen wir nicht“.

Ich finde es als bedauerlich, nein: mangelhaft, dass solche Aussagen eines Professors ohne Widerspruch stehen bleiben und so den Eindruck erwecken, diese Aussagen seien richtig. Entmythologisierung der Bibel hat tatsächlich wie eine Befreiung gewirkt, hat Raum geschaffen für ein Verstehen der Bibel, bei dem der Leser nicht mehr auf seinen Verstand verzichten muss. Hat man denn noch nie gehört, dass Entmythologisierung im Sinne Rudolf Bultmanns nicht Vernichtung des Mythos, sondern dessen VERSTEHEN bedeutet! Vernunft hat im Christentum den Glauben gereinigt von Wahnvorstellungen usw. Vernunft im Christentum ist ein Gewinn! Wann wird man sagen können: Die menschliche Vernunft hat den Islam gereinigt?

Auch mit dem Kölner Islamwissenschaftler Stefan Weidner wird ein Interview geboten. Er erinnert – wie der Literaturwissenschaftler Nivid Kermani „Gott ist schön“, München 1999 – an die Schönheit, Heiligkeit und Unveränderlichkeit des Wortlautes des arabisch geschriebenen Koran. Die Schönheit, so wird immer wieder behauptet, erschließe sich eben nur in der arabischen Sprache….Diese Glaubensüberzeugung führt aber zu Problemen der Koran Übersetzungen in andere Sprachen. Stefan Weidner plädiert für Übersetzungen, weil er den Koran als Buch der allgemeinen Dichtung und Poesie versteht, weil er also den Koran ins „Menschliche“ hineinzieht und gern diesen poetischen Text (aus dem 7./ 8. Jahrhundert) den LeserInnen auch in europäischen Sprachen etwa zugänglich machen will. Stefan Weidner arbeitet selbst an einer „ersten poetischen Übersetzung des Korans seit Friedirch Rückert“, schreibt die Zeitschrift Philosophie Magazin, S. 25).

Der Kauf des Heftes lohnt sich auch wegen des leider knappen Interviews mit Souleymane Bachir Diagne, Professor an der Columbia University of New York (S. 61 f.) Zum Vers der Sure 2: 256 „Kein Zwang ist in der Religion“, sagt er: „Erst wenn (im Islam, CM) alle Zwänge, von den offensichtlichen (körperlichen, gesetzlichen, staatlichen) bis hin zu den hinterlistigsten, dem Konformismus geschuldeten Zwänge aufgehoben sind, wird die Wahl des Gottes (also mein Glaube, CM) ein authentisches Einwilligen in Gott sein“ (S. 62). Souleymane Bachir Diagne (er wurde in Senegal geboren) folgt den Sufis, für die es keine einzelne, absolut wahre Religion gibt: „In der Dichtung der Sufis besagen zahlreiche Verse, dass es zwischen Tempel, Synagoge, Moschee, Kirche und selbst den Götzenbildern letzten Endes keinen Unterschied gibt….“

Sehr lesenswert ist auch das Interview mit dem Journalisten und Islamwissenschaftler Thorsten Schneiders, er äußert sich zum Islamismus, der für ihn „ein politisches, kein religiöses Phänomen“ ist (S. 88 ff).

Ein weiterer Hinweis: In unserer philosophischen Sicht ist es außerordentlich betrüblich, wenn ein islamkritischer muslimischer Denker unter Pseudonym (Ibn Warraq) schreibt: „Das liberale (kritische) arabische Denken ist fragmentiert ..und es werden dessen Argumente nur von einem Bruchteil der arabischen Bevölkerung vernommen“ (S. 93).

Er soll das Schlusswort haben: “Ich glaube wirklich, dass in der islamischen Welt eine Aufklärung (etwa Trennung von Religion und Staat) nur mit einer kritischen Prüfung des Korans zustande kommen kann…“ Ob sich daran auch die muslimischen Islamwissenschaftler an deutschen Universitäten, auf ihren neu eingerichteten wissenschaftlichen Lehrstühlen, halten, wäre eine eigene Überprüfung wert.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Rassismus in der Dominikanischen Republik: Tausende Haitianer werden jetzt deportiert

Rassismus in der Dominikanischen Republik: Haitianer werden zu Tausenden vertrieben

Von Christian Modehn, am 6. 7. 2015

Nachtrag am 9.10. 2016: Es kommt eher selten vor, dass bedeutendere Medien in Europa auf die rechtliche Situation der Haitianer in der Dominikanischen Republik hinweisen, besonders der Haitianer, die in der Dominikanischen Republik geboren wurden, also aufgrund des „ius solis“ dort dominikanische Staatsbürger sind. „Eigentlich“ sind. Denn der oberste Gerichtshof dieses Landes hat Mehr erfahren

Aktualisiert am 25. August 2017 durch cm

Von der Lust zu reisen: Über Orte der Sehnsucht. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Wo wollen wir hin? Über Orte der Sehnsucht und die Lust zu reisen.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die Reiselust ist in Europa und den reichen Ländern ungebrochen groß. Noch fehlt eine Theologie des Reisens. Befassen wir uns heute mit dem freiwilligen Reisen, also nicht mit dem erzwungenen Weggehen aus der Heimat, das Flüchtlinge erleben, sie „verreisen“ ja eigentlich nicht. Die Frage klingt einfach: Warum wollen so viele eigentlich so oft wie möglich weg von Zuhause? Warum halten wir es zu Hause nicht aus, wie der Mystiker Blaise Pascal einmal behauptete?

„Es ist ein Sehnen tief in uns…“, so beginnt eines der neueren Kirchentagslieder. „Es ist ein Sehnen tief in uns, nach Dir, o Gott“, so geht es weiter. Es mag übertrieben erscheinen, wenn ich behaupte, dass das stimmt. Aber wenn wir denken, dass Gott die Fülle des Lebens ist, das Vollkommene, der absolute Sinn, dann wird verständlich, dass dahin doch recht eigentlich all unser Verlangen geht.

Der Alltag bleibt immer dahinter zu zurück. Das ist es demnach, so denke ich, was uns von Zuhause wegzieht, dieses Gefühl, dass dies nicht schon das Ganze gewesen sein kann. Die Meisten sind mit so vielem beschäftigt, das sie zwar in Bewegung hält, immer schneller und schneller, aber die Stunden und Tage, die wie im Fluge vergehen, sind doch keine erfüllte Zeit. Die Resonanz bleibt aus. Es kommt zu wenig zurück. Es verstärkt sich der Eindruck, nicht gemeint zu sein, eigentlich gar nicht vorzukommen, letztlich belanglos.

Deshalb zieht uns unsere Sehnsucht nach einem intensiveren Erleben des Lebens in die Ferne. Und es ist ja auch so, schon das Zeiterleben verändert sich am fremden Ort. Die Zeit vergeht langsamer. Das nennt man dann heute Entschleunigung. Und wir meinen damit genau dies, dass im Ausstieg aus den Routinen des Alltags und den fremdgesteuerten Beanspruchungen, Resonanzräume entstehen. Dann reagieren die Dinge wieder ganz neu auf uns und wir auf sie.

Das ist es, was wir erwarten, wenn wir verreisen. Endlich wieder Resonanz zu erfahren: Zeit zu gewinnen, die mir gehört, Landschaften zu sehen, die mich ansprechen, in Kirchen oder Museen zu gehen, die meinen Horizont erweitern.

Wo wollen wir eigentlich hin? Selbst, wenn wir am (Ferien) Ziel angekommen sind? Sind wir dann (bei uns selbst) angekommen? Ist jede Reise vielleicht auch mehr, etwa das Verlangen nach einem anderen Leben?

Die Sehnsucht nach Sinn, die uns von zuhause forttreibt, sie hat im Grunde kein konkretes Ziel. Ein solches kann es gar nicht geben. Dennoch müssen wir uns vornehmen, an einen bestimmten Ort zu reisen. Diesen suchen wir danach aus, ob er das Versprechen bei sich hat, dort etwas von dem zu finden, worauf unsere Sehnsucht geht: Ruhe, Natur, Bewegung, Entspannung, Zeit für sich selbst und miteinander.

Ich denke nicht, dass es ein anderes Leben ist, das wir suchen, manchmal vielleicht auch das. Vor allem aber verlangt uns danach, das eigene Leben, das, das wir haben und das uns im Alltag doch zugleich immer wieder entgleitet, intensiver zu spüren, wieder zusammenzufinden, mit dem Partner, der Partnerin, den Kindern. Schlicht der Ortswechsel tut schon gut. Er hilft, die Welt neu wahrzunehmen und wieder neu ein Empfinden dafür zu gewinnen, dass in sie hineinpassen, ja, sie einem sogar entgegenkommt.

Deshalb dürfen die Enttäuschungen auch keinesfalls zu groß sein. So neigen wir dazu, unsere Ferien im Nachhinein eher zu verklären. Wir zehren zudem von der Erinnerung, wenn wir wieder zuhause sind und der Alltag mit seinem Stress wie mit seiner Leere erneut einkehrt. Diese Erinnerung ist zugleich das immer noch nicht ganz eingelöste Versprechen, dass alles viel schöner sein könnte. Dieses Versprechen legt sich über die Wirklichkeit. So kompensieren die Ferien übers Jahr vieles von dem, was unser Leben in ein fades Grau in Grau taucht.

In den biblischen Erzählungen ist oft von Aufbruch und Aufbrechen aus der Heimat die Rede, etwa schon im Mythos von Abraham. Was unterscheidet eigentlich den biblischen „Aufbruch“ vom modernen Reisen? Können, sollten wir heute mehr „Aufbrechen“ (radikale Veränderung), als die kurzfristige Form des Verreisens zu wählen?

Der Abraham-Mythos bringt die religiöse Idee, die auch noch hinter unseren Ferienträumen steht – davon, dass wir in die Ferien „aufbrechen“ reden wir ja auch – zu einer präzisen Vorstellung. Wie wir im 1. Buch Mose, zu Beginn des 12. Kapitels lesen, bekam Abraham von Gott den Auftrag, in ein Land aufzubrechen, das er, Gott, ihm zeigen werde. Das sollte ein Aufbruch ins völlig Ungewisse sein. Doch über dieser Aufforderung zum Aufbruch ins Ungewisse stand zugleich die Verheißung der Fülle, eines gesegneten Landes und einer reichen Nachkommenschaft.

Was den biblischen „Aufbruch“ vom modernen Reisen unterscheidet, ist somit die Ausdrücklichkeit der religiösen Idee, die dahinter steht. Sie motiviert im Grunde aber auch unser heutiges Reisen. Auch wir suchen die Fülle. Auch wir erwarten, dass etwas zu uns zurückkommt, von dem was wir selbst in unsere Arbeit, in unsere Partnerschaft, in unsere Kinder investiert haben. Nur ist uns die religiöse Transzendenz, in die unsere Sehnsucht hineinreicht, vielfach nicht mehr bewusst.

In den Besitz der Fülle des Lebens zu gelangen, das wird uns Menschen nie möglich sein. Genau deshalb sehen wir die „schönsten Wochen des Jahres“, in denen wir, wie wir ebenfalls sagen, „die Seele baumeln lassen können“ immer wieder herbei. Ein Vorgeschmack von der verheißenen Fülle zu erlangen, das zumindest soll es dann doch sein.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 2. August 2017 durch CM

„Ehe für alle“: Homosexualität ist normal und darum auch die Homo-Ehe.

EHE für alle: Homosexualität ist normal… und darum auch die Homo-Ehe

Philosophische und theologische Hinweise. Sie wurden vor 2 Jahren schon einmal in einer längeren Fassung hier publiziert. Aus aktuellem Anlass erinnern wir an „bleibende“ Einsichten zum Thema EHE FÜR ALLE. Es wird dabei als Nebenthema nicht uninteressant sein, am Ende des Beitrags zu lesen: Die Katholische Kirche segnet mit großer Selbstverständlichkeit Autos, Hunde und Katzen und Handys, aber nicht Homosexuelle, wenn sie denn eine religiöse Feier ihrer Ehe in einer katholischen Kirche wünschen…

Ein Kommentar von Christian Modehn am 29.6.2017

Zum Titel dieses Beitrags nur die kurze Erinnerung an gültige wissenschaftliche Erkenntnisse: Homosexualität ist gegenüber der Heterosexualität eine andere,  genauso wertvolle Form der menschlichen Sexualität, also etwas Normales…

Jetzt (d.h. im Moment der ursprünglichen Veröffentlichung 2015) hat der Supreme Court für das Recht auf gleichgeschlechtliche Eheschließung in allen (!) US-Staaten gestimmt. Die Urteilsbegründung durch den konservativen katholischen Richter Anthony Kennedy (er wurde 1988 von Reagan ernannt !) wird als historisches Dokument für die Gleichstellung homosexuellen Lebens und Liebens gelten können. Anthony Kennedy ist Katholik. Er könnte also sehr gut den Papst beraten in diesen Fragen! Anthony Kennedy hat einen Text der Urteilsbebegründung geschrieben, den die Herren der römischen Kirche durchbeten sollten, um in letzter Minute vielleicht noch Anschluss zu finden an eine vernunftbestimmte, allgemeiner werdende Zustimmung zur Ehe für alle. Oder wollen sich die Herren der römischen Kirche und die Führer orthodoxer und evangelikaler und pfingstlerischer Gemeinschaften Seite an Seite wissen mit den erklärtermaßen Homo-hassenden Diktatoren nicht nur in den arabischen Staaten? Können sich Christen in einem solchem Milieu wohlfühlen? Die bis jetzt bestehende geistige Nähe zu diesen Verächtern der Menschenrechte ist zumindest für den Vatikan höchst blamabel. Mit einem offiziellen Schuldbekenntnis des Papstes zur Jahrhunderte währenden Verfolgung und Unterdrückung Homosexueller durch die Kirche wäre ein erster Schritt in Richtung Vernunft getan. Im Evangelium steht die Liebe an allererster Stelle. Von Homosexualität im heutigen Lebenszusammenhang ist im Neuen Testament bekanntlich absolut keine Rede. Das sagen die Bibelwissenschaftler seit 50 Jahren, aber die Institution der Herrschenden, der Kirchenfürsten,  glaubt diese wissenschaftliche Bibelerkenntnis einfach ignorieren zu dürfen im Rahmen ihrer eigenen, ganz auf Herrschaft fixierten Theologie! Die katholischen Bischöfe der USA haben, wie zu erwarten, die Entscheidung des Supreme Court verurteilt, die vielen Stimmen der Bischöfe dort hat die eher progressive katholische Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ gesammelt, zur Lektüre des Beitrags klicken Sie bitte hier.

Durchaus wegweisend im katholischen Milieu sind die schönen, fast poetischen Worte des katholischen und konservativen US-Richters Anthony Kennedy: „Keine Bindung ist so tief wie die Ehe. Denn sie verkörpert die höchsten Ideale von Liebe, Treue, Hingabe, Opfer und Familie. Wenn zwei Menschen den Bund der Ehe eingehen, werden sie etwas, was größer ist als das, was sie einst waren…“

Der Respekt vor der Ehe wird durch den Willen vieler Homosexueller zu heiraten, ja nur unterstrichen! Der Richter Anthony Kennedy betrachtet es als „furchtbar unfair, dass das Potential eines einzelnen in irgendeiner Weise dadurch begrenzt würde, dass er einer Gruppe (etwa „den“ Homosexuellen) zugeordnet würde“. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass es nun eine Art Verpflichtung für Homosexuelle gibt, die gesetzliche Möglichkeit der Ehe (mit Kinder-Adoptionselbstverständlich) auch persönlich wahrzunehmen. Vielfalt der Lebensformen bleibt oberstes Gebot bei rechtlicher Gleichstellung.

Die Allianzen von Rechtsextremen und Katholiken gegen die Homoehe im Jahr 2015:

In den konservativ-christlich geprägten Milieus wird der Kampf gegen die „Ehe für alle“ oft verbunden mit dem Kampf gegen „Genderismus“ und für die „alten“ Familienwerte, die nun angeblich durch die Homoehe zerrüttet werden. Dass dabei die alte Heteroehe oft bereits zerrüttet ist und etwa in vielen katholischen Regionen, wie Lateinamerika, als „klassische Liebes-Ehe“ kaum noch besteht, ist ein anderes Thema.

Wichtiger ist hier: Es gibt eine direkte Verbindung und Verbrüderung der Gegner von „Familie für alle“ mit rechtsextremen Parteien und Politikern, die alles andere sind als“lupenreine Demokraten“. Hier kann nur an den Moskauer Kongress vom 1. September 2014 erinnert werden unter dem Thema: „Große Familien und die Zukunft der Menschheit“. Mit dabei war die katholische Publizistin Gabriele Kuby, sie ist Mitglied im konservativen „Forum deutscher Katholiken“, einer Art reaktionären Alternative zum offiziellen „Zentralkomitee der Deutschen Katholiken“ (ZDK). Das Forum deutscher Katholiken wird unterstützt u.a. von den Legionären Christi, von Neokatechumenalen, von einzelnen charismatischen Gruppen, früher war Kardinal Ratzinger dort gern gesehener Vortragender. Die Tagungen haben den hübschen Titel „Freude am Glauben“. Die mit diesen Kreisen eng verbundene katholische Zeitschrift/Tageszeitung „Deutsche Tagespost“ (Würzbunrg) veröffentlichte einen Jubelbericht zur Moskauer Tagung, verfasst von Gabriel Kuby. Auch bei den Evangelikalen, beim Pressedienst IDEA, ist Frau Kuby schriftstellerisch tätig. Da haben sich also, von einer breiteren Öffentlichkeit kaum bemerkt, ganz neue Formen einer reaktionären Ökumene. Frau Kuby lobte in Moskau die hochrangigen Politiker, die in Moskau dabei waren: Es handelte sich um Aymeric Chauprade von dem sehr rechtslastigen Front National, Frankreich; auch ein führender Politiker der rechtslastigen und populistischen FPÖ war dabei: Johann Gudenus, Wien, er beklagte die angebliche weltweite Homolobby…Der Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels, Prof. für katholische Theologie an der staatlichen Universität Trier, wollte Putin verteidigen, er klagte über „die Medien, die ihren Hass auf den Teufel Putin kaum noch zügeln können“. Putin gilt in reaktionären Kreisen weltweit, auch unter französischen Katholiken, als Lichtgestalt eines ordentlichen, der alten Familie verpflichteten gläubigen Europas. Die „Herder Korrespondenz“ erwähnt in ihrer Ausgabe vom Januar 2015, Seite 52, dass ein deutscher Prälat in Rom, ein Mitarbeiter der Kurie, so wörtlich, „die wachsende Übereinstimmung des Heiligen Stuhls mit Russland unter dem praktizierenden Christen Putin“ lobte.

Nur wer sich die internationalen Netzwerke vergegenwärtigt, im Rahmen einer rechtslastigen Ökumene, die reaktionäre Katholiken, Evangelikale und selbstverständlich Orthodoxe vereint, der kann die Bedeutung des „Kampfes für Ehe für alle“ ermessen. Der kann aber auch ermessen, in welchem Licht das offizielle katholische Anti-Homo-Verhalten steht. Diese Bündnispartner im Kampf gegen die „Ehe für alle“ zu haben, ist eigentlich noch peinlicher als der Kampf gegen die Homoehe selbst!

Wenn in Deutschland die Debatte um die so genannte Homoehe die Gesellschaft zu spalten droht, so gibt es in unserer Sicht, auch vom Forum der Remonstranten Berlin, einen Vorschlag, in dieser Diskussion weiterzukommen:

Religiöse Menschen innerhalb der Kirchen sollten erkennen, dass in der Auseinandersetzung mit der Homosexualität nicht die Bibel oder andere heilige Bücher leitend sein können. Es gilt, nicht alte Sprüche heiliger Texte nachzusprechen, sondern die Vernunft anzustrengen und im gemeinsamen Disput den Weisungen einer vernünftigen Ethik zu folgen. Christen müssen müssen also die Homosexualität diskriminierenden Texte ihrer eigenen religiösen Traditionen beiseite legen, d.h. nur noch der Historie wegen studieren; diese Texte haben aber keine existentielle Bedeutung (mehr). Christen sollten also wissen: Bei diesen „homofeindlichen“ neutestamentlichen Texten handelt es sich um fromme Poesie von vorgestern. Erst wenn religiöse Menschen aufhören, bestimmte angeblich heilige Bücher in ihrer Wortwörtlichkeit unmittelbar als Gottes Wort zu verstehen, kann Gleichberechtigung und Respekt und damit Demokratie möglich werden. Warum stellen sich fromme Leute nicht die Frage: Will denn nun der „liebe Gott“ Menschlichkeit oder will er Ausgrenzung und Diskriminierung? Will er die besseren „korrekten“ Fundamentalisten allein als Gläubige? Aber was wäre das für ein lieber Gott, der Diskriminierung will? Einen solchen sollte man getrost beiseite lassen. Wann wird man in Europa solche Worte von Kirchenführern und Theologen hören, von islamischen Gelehrten ganz zu schweigen?

Erst wenn Bibel und Koran historisch-kritisch gelesen werden, kommt die Emanzipation voran. Menschenrechte sind wichtiger als religiöse Weisungen frommer Leute, die vor etlichen hundert Jahren mit einem ganz anderen Weltbild gelebt haben. Die menschliche Vernunft entwickelt sich, auch das Verstehen des Religiösen entwickelt sich. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, daran zu erinnern. Viele religiöse Menschen benutzen z.B. vorbehaltlos moderne Technik, sind aber religiös auf dem Niveau des Altertums stehen geblieben. Dabei vergessen sie zudem, dass das Bild der Heterofamilie und Hetero-Ehe selbst aus dem 18. oder 19. Jahrhundert stammt, aus einer Zeit, als sich die bürgerliche Heteroehe durchsetzte. Die Päpste und Prälaten haben komischerweise nie etwas gegen die üblichen Mätressen der Fürsten und Könige gehabt und selbst die mittelalterliche Kirche duldete die Prostitution. Etwas mehr historische Bildung würde den leidenschaftlichen Hetero-Ehen-Vorkämpfern also sehr gut tun. Wie hieß doch das Motto des Evangelischen Kirchentages in Stuttgart kürzlich? „damit wir klug werden“. Klug werden heißt doch wohl, der kritischen Vernunft den absoluten Vorrang zu lassen. Hat der Kirchentag in Stuttgart dazu beigetragen? Bisher sehen wir dafür keine Anzeichen.

Die Gleichberechtigung homosexueller Menschen in den wenigen demokratischen Staaten ist das Ergebnis eines politischen Kampfes, eines schmerzvollen Kampfes um Emanzipation und Menschenrechte. Eigentlich kann von diesem offenen Eintreten für den Respekt für Homosexuelle erst seit 100 Jahren die Rede sein. Vorher war, sozusagen seit Adam und Eva, von Homosexualität als Normalität und als Wert wie die Heterosexualität nie öffentlich die Rede. Die Geschichte der Homosexualität ist seit Adam und Eva eine Geschichte des Verschweigens und Verfolgens, eine Leidensgeschichte, oft eine Geschichte der Lügen (man rettete sich, indem man sich heterosexuell nannte usw.).

Der Kampf um die Gleichberechtigung war ein Kampf gegen die etablierten und mächtigen Religionen, er war in Europa immer auch ein Kampf gegen die Deutungshoheit der Kirchen. Die Kirchen haben bis ca.1980 die gut bürgerlichen Vorstellungen der Ehe sozusagen heilig gesprochen und alle sexuelle „Andersheit“ ignoriert bzw. verfolgt.

Wenn es heute in demokratischen und halbwegs demokratischen Staaten keine Verfolgung von Homosexuellen mehr gibt: Dann nur als Sieg über die Ansprüche der religiösen und kirchlichen Traditionen „seit Adam und Eva“. Kirchlich und religiös definiert sich eben bis heute als unkritisch, alten Sprüchen verhaftet usw.

Eine kleine protestantische Kirche, die Remonstranten in Holland, folgte 1986 der vernünftigen Einsicht, stellte also die uralten antihomosexuellen und menschenverachtenden Texte der Bibel beiseite und erklärte: Wir segnen selbstverständlich auch homosexuelle Paare, auch jene, die nicht Mitglieder dieser Gemeinschaft sind.

Entscheidend ist, dass eine neue Kirchenordnung der Remonstranten existiert, jetzt werden alle Beziehungen zwischen Menschen, ob nun hetero – oder homosexuell, einfach nur „Levensverbintenis“ genannt, also, wörtlich übersetzt:„Lebenskontrakt“ bzw. „Lebensvertrag“ nennt. Auf den Begriff „Ehe“ wird verzichtet, weil er zu exklusiv noch an die Verbindung zwischen Heterosexuellen erinnert. „Der Grundgedanke dabei war, dass alle Theologie eben auch von der Gnade der Neuinterpretation (etwa der Bibel) lebt“, so Tom Mikkers, damals der „Allgemeine Sekretär der Remonstranten“ in dem empfehlenswerten Buch „Coming Out Churches“, Meinema Verlag, 2011, Seite 68). „Gnade der Neuinterpretation“: Dieses Wort mögen bitte die Gegner der Homoehe auf ihrer spirituellen Zunge genießen.

Dieser Schritt der Remonstranten, homosexuelle Menschen als absolut gleichwertig in jeder Hinsicht zu sehen, wurde damals von anderen Kirchen heftig kritisiert. Aber es gab auch vereinzelte katholische Stimmen, die der Veränderung der Kirchenordnung der Remonstranten zustimmten: So sagte der damalige Studentenpfarrer in Amsterdam, der Jesuitenpater Jan van Kilsdonk, Homosexualität sei „eine gute Erfindung des Schöpfers“,

Der niederländische Gesetzgeber hat dann im Jahr 2001 als erstes Land der Welt überhaupt die bürgerliche Ehe auch für homosexuelle Menschen geöffnet, das geschah 15 Jahre nach dem Beschluss der Remonstranten. Nebenbei: Die Remonstranten gehören selbstverständlich zum „Ökumenischen Rat der Kirchen in Holland“, sie sind Mitglied im „Weltrat der Kirchen in Genf“…

Tom Mikkers dokumentiert zusammen mit dem Reformierten Pastor Wiellie Elhorst in dem Buch ein Stückweit die Wirkungsgeschichte der Initiative der Remonstranten von 1986: Denn inzwischen sind auch etliche Gemeinden der offiziellen Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN) „zum Segen bereit“, sowie grundsätzlich die Kirche der Mennoniten (Doopgezinde in NL), die „Apostolisch Genootschap“ und die „Vrijzinnige Geloofsgemeenscap NPB“. Hinzukommen auch die Amsterdamer „Basisgemeiden“ wie „Dominikus“ , „de Duif“ oder die „Studentenecclesia“ (gegründet von Huub Oosterhuis).

Die Remonstranten haben sich jedenfalls gefreut, als sie im Jahr 2010 von dem landesweit hochgeschätzten (und gar nicht immer kirchlich gesinnten) Verein zur homosexuellen Emanzipation (COC) einen Preis der Anerkennung erhielten. Die Hetero –Ehe- Paare verlieren gar nichts, schon gar nicht werden sie diskriminiert oder gar verfolgt und ins Elend getrieben, wenn es auch Homo (Ehe) Paare gleichberechtigt gibt und diese heiraten und Kinder adoptieren und erziehen. Wovor haben die Hetero-Eheleute eigentlich Angst? Ihnen wird nichts weggenommen, wenn auch Homosexuelle heiraten wollen und als Ehepaar Kinder adoptieren.

Autos und Handys und Tiere werden katholischerseits gern gesegnet, aber nicht alle liebenden Menschen

Die katholische Kirche pflegt nach wie vor die Autosegnungen. Kürzlich sah ich, wie im Stift St. Paul im Lavanttal/Österreich, sogar Oldtimer und Motorräder von Priestern gesegnet werden. Ich hatte ja früher schon einmal katholischen Homopaaren -ironischerweise – empfohlen, wenn sie denn katholischen Segen wünschen: Sich am besten in ein Auto zu setzen bei einer Autosegnung. Dann werden diese Menschen, die die römische Kirche NICHT segnen will, vielleicht indirekt mit-gesegnet. Der Vatikan hat bisher auf diese liturgische Mit-Segnung nicht reagiert. Zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie bitte hier. Tatsache aber ist: Auf andere Weise ist eine Homo-Ehe-Segnung innerhalb der römischen Kirche wohl nicht zu bekommen. Und daran wird auch der angeblich so progressive Papst Franziskus nichts ändern. Eigentlich ist diese theologische Haltung nichts anderes als eine menschenverachtende Verdinglichung, sagen wir: eine theologische Liebe zum Gerät: Man will modern erscheinen, indem man Autos segnet oder eben auch Tiere, Kühe, Hunde, Katzen usw. …etwa am Tag des Heiligen Franziskus von Assisi).

copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin und Forum der Remonstranten Berlin.

 

 

 

 

Aktualisiert am 30. Juni 2017 durch CM