Mit Kant heute philosophieren

In der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM erschien am 21. 9. 2012 ein Beitrag zur Aktualität Immanuel Kants, der Artikel ist ein Versuch, mit erzählerischen, fiktiven Formen das Interesse an seiner Philosophie zu beleben. Von der Form her ähnliche Beiträge habe ich zu Montaigne, Hegel, Schleiermacher und Heidegger verfasst.

Die Zitate der genannten Gäste im Haus Kants sind selbstverständlich authentisch. Christian Modehn

„Lass dich nicht bevormunden“

Tischgespräche im Hause Immanuel Kant

Von Christian Modehn

Fast ein Idyll, das Haus Immanuel Kants in Königsberg, am Prinzessinplatz, mitten in der Stadt, gelegen und doch von Gärten umgeben. Die Gäste erwarten den Hausherrn im „Besucherzimmer“. Immanuel Kant betritt den Raum, klein von Gestalt und wie immer fein gekleidet. Trotz seiner 70 Jahre ist er gesundheitlich auf der Höhe. Er begrüßt die Gäste seiner heutigen Tischrunde: die Philosophen Michael Bongardt, Jean Greisch und Herbert Schnädelbach. Mehrmals in der Woche nimmt sich Kant drei Stunden Zeit, mit einer kleinen Gesellschaft zu speisen und geistvoll zu plaudern. „Ist meine Philosophie aktuell?“, mit der Frage hatte Kant die Gäste eingeladen – zu einer Art Denk -Essen, „aber bitte, wie immer gemächlich, ich bin ein Anhänger der slow –food- Bewegung“.

„Es lohnt sich, ein Vergnügen zu kultivieren, das täglich genossen werden kann“. Mit diesen Worten bittet nun Kant seine Gäste in den Speiseraum im ersten Stock Es gibt sein Lieblingsgericht, Kabeljau in Senfsauce. Wie alle anderen Räume ist auch der Speisesaal von schlichter Einfachheit, ein großer Spiegel ist die einzige Zierde. Die Wände sind weiß gestrichen; nüchterne Klarheit schätzt Kant über alles. „Natürlich ist das Essen auch eine Pflicht. Aber auch unsere Lust der Sinne wird beim Essen angesprochen. Ich interessiere mich immer für neue Rezepte. Meinen geliebten Senf rühre ich ja bekanntlich selbst an. Mein Freund Theodor von Hippel hat kürzlich vorgeschlagen, ich sollte eine =Kritik der Koch -Kunst= schreiben, aber dazu fehlt mir die Zeit. Wichtiger ist: Philosophie kann niemals Rezepte verteilen. Sie bietet Orientierung, sie zeigt, wie mit der Anstrengung von Verstand und Vernunft ethisch wertvolles Leben möglich ist“.

Aber Philosophieren sollte nicht in Stress ausarten, entgegnet Jean Greisch, er ist eigens vom „Institut Catholique“ aus Paris angereist: „Für mich ist das Denken keine Arbeit. Es ist auch eine Lust zu denken, mehr noch: Philosophie kann Lebenslust sein“. Jean Greisch ist ein katholischer Philosoph, während ein anderer Gast, der Philosoph Herbert Schnädelbach, dem Atheismus zuneigt. Er führt den Gedanken gleich weiter: „Ich verstehe die Philosophie immer als eine Kultur der Nachdenklichkeit. Das bedeutet: Seinen Gedanken noch einmal nachzudenken, zu reflektieren. Und das können alle Menschen bei Kant wirklich lernen“.

Der Gastgeber hebt sein Glas, eine Aufforderung, den Sylvaner zu probieren. Der alt bewährte Diener Lampe, stets im Hintergrund, reicht das Gemüse. Seit vielen Jahren kümmert sich der ehemalige Soldat Martin Lampe um das Wohlbefinden des berühmten Königsberger Professors. Er weckt ihn morgens um 5 immer energisch, denn die Vorlesungen beginnen immer schon um 7 Uhr früh. Bei bester Laune kommt jetzt Kant ins Plaudern. Auf eine oft gestellte Frage will er lieber gleich selbst eingehen: „Warum bin ich Junggeselle geblieben? Als ich eine Frau habe brauchen können, habe ich als junger Mann keine Frau ernähren können. Und als ich sie später ernähren konnte, da habe ich keine Frau mehr gebraucht“. Mit leichtem Witz kann Kant über seine eigenen Begrenztheiten sprechen. Ihn habe halt die Liebe zur Philosophie völlig in Anspruch genommen, denken die Gäste und schmunzeln. Und gleich ist Kant wieder bei seiner Sache: „Ein Mensch ist erst dann erwachsen, wenn er einer Maxime, einer Art Regel fürs Leben, folgt“, sagt er, während die Gäste den Kabeljau probieren. „Diese Maxime heißt: Bemühe dich, jederzeit selbständig zu denken. Das ist der Sinn philosophischer Aufklärung. Luther und die Reformatoren haben das Selber – Lesen der Bibel propagiert. Ich sehe im Selber – Denken die Voraussetzung für menschliches Leben. Das Kriterium für gut und böse liegt in unserer Vernunft selbst. Was wahr und falsch ist, darf uns niemand einreden“.

Die Gäste haben es schon geahnt: Das gemeinsame Essen wird tatsächlich zu einer Art Arbeitssitzung. Oft verbietet sich ja Kant allerdings das Philosophieren bei Tisch, dann hört er sich lieber von Weltenbummlern die Berichte aus fernen Ländern an, will wissen, wie Menschen etwa in London oder Rom leben. Schließlich hat er ja seine Heimatstadt nie verlassen. Durch ausführliche Korrespondenz ist er bestens auf dem Laufenden, leidenschaftlich verteidigt er die Französische Revolution, Willkürherrschaft in Staat und Kirche ist ihm ein Graus. Er denkt demokratisch.

Aus einem Regal holt sich Kant sein Buch „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“. „Nur eine Zeile möchte ich vorlesen: Es soll nicht sein, dass Menschen ihre Ziele nach eigener Laune auf Kosten anderer durchsetzen. Ethische Imperative sollen unbedingt für alle Menschen gelten“.

Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, findet dieses Thema gerade in der multikulturellen Gesellschaft sehr wichtig: „Im Sinne Kants kann man nicht behaupten: Diese moralische Regel hat Gott gesetzt. Denn ein göttliches Gebot können wir Menschen ohnehin nicht „als göttlich“ erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden wurde, die dann nur behaupten: Es stamme von Gott. Aber Kant lehrt sehr selbstbewusst: Auch wenn es ein göttliches Gebot wäre, so wären wir doch immer verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten“. Kant blickt in die Runde, seine Augen strahlen: „Treffender hätte ich es auch nicht sagen können. Jeder einzelne kann in sich selbst entdecken, was gut ist und was es bedeutet, frei zu handeln. Dabei bleibt es“.

Die Gäste gönnen sich ein Schluck Weißwein. Aus dem fernen Frankreich lässt sich Kant den Wein liefern, Königsberg liegt zwar am Rande, ist aber doch eine kleine Metropole.

Nach einer Pause sagt Herbert Schnädelbach: „Aber wie gehen Menschen mit ihrer Freiheit um? Haben sie in ihrer Vernunft selbst ein Kriterium für das, was gut oder böse ist? Ich will an die wohl berühmteste Formulierung Kants erinnern, den „Kategorischen Imperativ“, der ja in mehreren Formulierungen vorliegt. „Handle so, dass die Maxime deines Willens, also dein persönlicher Lebensentwurf, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Das bedeutet auch: Niemals darf ein anderer Mensch für mich bloß ein Mittel, bloß ein Gegenstand meiner Interessen sein. Jeder Mensch ist absolut wertvoll. Er ist „Selbstzweck“. Kant fällt ihm ins Wort: „Jeder Mensch hat also immer ein Kriterium zur Verfügung, um die ethische Qualität seiner Handlungen beurteilen zu können. Kein Mensch darf wie eine Sache behandelt werden, Menschen als eine Ware zu betrachten, hat keinerlei ethische Rechtfertigung. Welche Wirtschaftsordnung ist dann noch gerechtfertigt? In meiner Philosophie steckt kritisches Potential“, betont Kant.

Dann wird der Gastgeber beinahe wütend: Die ethische Ausbildung in den Schulen sollte an erster Stelle stehen, erst dann kommt alles andere, auch die Religion. Aber wer der Vernunft in seinem Denken und Handeln folgt, muss sich auch auf rigoros erscheinende Einsichten einlassen. Er muss z.B. anerkennen: Niemals darf ein Mensch getötet werden. “Denn vernünftige Wesen wünschen sich immer, dass ihre Vernunft lebendig und aktiv ist. Wer sich und andere tötet, tötet die Vernunft. Zudem darf ich nicht über andere verfügen und sie töten. Jedes Vernunftwesen hat ein Recht darauf, zu leben“. Schwieriger ist eine andere Frage: Kann es ethisch erlaubt sein, gelegentlich zu lügen? „Ich denke: Wenn das so wäre, dann zerstört man letztlich die menschliche Gesellschaft“, sagt Kant sehr bestimmt, „niemand weiß dann noch, was grundsätzlich für alle gilt. Die Lüge vergiftet das Miteinander. Darum bin ich für das absolute Verbot zu lügen“.

„Aber kann dieses Verbot immer und überall gelten?“, wirft Herbert Schnädelbach in die Runde. „Man stelle sich die Situation vor: Ich verstecke jemanden in einer Diktatur vor der Geheimpolizei und ich werde gefragt: Ist der bei dir? Dann darf ich nach Kant nicht lügen. Sage ich die Wahrheit, gefährde ich das Leben des Oppositionellen und mein eigenes. Also es bleibt gar nichts übrig, dass ich in diesem Dilemma die Urteilskraft brauche. Ich muss dann fragen: Was ist der höhere Wert, was ist die größere Schuld. Das muss man abwägen. Und dafür gibt es keine Regeln“. Gelegentlich sollte man sich doch zugunsten des kleineren Übels entscheiden, Kant muss stillschweigend hier eine Grenze seines Denkens anerkennen.

Der Diener Lampe unterbricht die Debatte, die Gäste sollten doch bitte den nächsten Wein, einen Riesling, nicht vergessen. Aber die kleine Pause dauert nicht lange: „Liebe Gäste“, sagt nun Kant, „vergessen sie nicht: Der kategorische Imperativ hat auch eine politische Bedeutung: Meine Freiheit darf die Freiheit des anderen also nicht beschädigen, ich muss denjenigen Menschen in seiner Freiheit behindern, wenn er seine eigene Freiheit nur dazu benutzt, die Freiheit anderer einzuschränken“.

Kant hat sich erhoben. Er greift zu einem Buch, auf das er besonders stolz ist, es heißt: „Zum ewigen Frieden“. „Darin schreibe ich: In unserer politischen Arbeit sollen wir den universalen Frieden, den Weltfrieden, als Projekt anstreben. Denn was nützt es, wenn nur ein friedlicher Staat von lauter Kriegstreibern umgeben ist. Es ist ein langer Weg zum Weltfrieden, aber er ist ethisch geboten. Ich kritisiere die räuberische Außenpolitik, früher sprach man von Kolonialpolitik. Es gibt Staaten, die herrschsüchtig und für den Frieden verderblich sind. Es darf kein stehendes Heer mehr geben, denn das führt nur zum Wettrüsten“. Ob man Kant einen Friedensaktivisten nennen könne, fragen die Gäste. Kant antwortet lapidar: „Na klar“! „ Diese Vorstellung, Frieden für alle zu schaffen, wird übrigens auch von der Bibel unterstützt“, meint Michael Bongardt.

Die Gäste lassen sich gleich von dem Stichwort inspirieren und wollen ausführlicher über die Bedeutung der Religionen sprechen. Kant ist als Philosoph ein entschiedener Kirchenkritiker. Wie viele Feindseligkeiten der Rechtgläubigen musste er schon deswegen ertragen. „Aber es ist einfach falsch, wenn so viele Dummköpfe behaupten, ich sei ein „Zerstörer des Glaubens“, meint er. „Ich finde es von meiner Moralphilosophie her sogar notwendig, im Denken das Dasein Gottes anzunehmen. Gottes Existenz können wir aber nicht wissenschaftlich demonstrieren, weil ja Gott nicht als ein greifbarer Gegenstand erfahren werden kann“.

Jean Greisch will diese Aussage noch vertiefen: „Gott ist für Kant kein Erfahrungsgegenstand. Aber das bedeutet keinesfalls, dass der Gottesbegriff selbst sinnlos wäre. Man kann sagen: Das Unbedingte ist unbegreiflich. Wenn du Gott begreifen könntest, dann kannst du sicher sein, das kann nicht Gott sein, das sagt doch auch der heilige Augustinus“.

Die Runde ist von einer Stimmung erfasst, die man im Hause Kants manchmal „philosophische Begeisterung“ genannt hat. Der Gastgeber ruft dazwischen: „Wer sagt, dass Gott sicher existiere, der sagt mehr, als er wirklich weiß. Und wer das Gegenteil sagt, Gott existiere sicher nicht, der sagt ebenso mehr als er weiß. Niemand weiß genau und exakt, ob Gott existiert. Wir erreichen nur das göttliche Geheimnis“.

Herbert Schnädelbach greift diese Erkenntnis noch einmal auf: „Was die gelebte Religion betrifft, da hat Kant ja in seiner Religionsschrift gezeigt: Alles, was wir tun können, um gottgefällig zu sein, ist nur eines: Moralisch zu leben. Alles andere ist Abgötterei und Aberglaube“.

„Ist meine Überzeugung nicht modern, hilfreich im Kampf gegen den Fundamentalismus?“, fragt Kant durchaus rhetorisch. „Religiöse Praxis bedeutet für den einzelnen nichts anderes als die Anerkennung vernünftiger moralischer Pflichten. Nur dies will Gott von uns. So werden dogmatische Ansprüche begrenzt. Darum habe ich kein Verständnis für Konfessionen und Kirchen, wenn sie die Menschenrechte nicht respektieren und nur halbherzig die Demokratie unterstützen…“

Jean Greisch findet Kants Verständnis von Religion doch zu eng: „Religion ist nicht nur ethisch gutes Handeln, sie hat auch noch andere Komponenten, wie das Fest, die Feier, den Kult. Ich meine: Religion ist eine eigenständige Provinz im menschlichen Gemüt“. Dennoch bleibe Kants Religionskritik auch für Katholiken wertvoll, meint der Professor aus Paris. „Aberglaube, Fanatismus, Wundergläubigkeit: Die muss man tatsächlich unter Kontrolle halten. Ich glaube, da hat er recht. Und ich glaube, in dieser Beziehung müssen wir auch als Philosophen einen kritischen Blick für die institutionellen Organisationsformen der einzelnen Religionsgemeinschaften haben“.

Kant freut sich, dass die Grundidee seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie immer noch respektiert wird. Und mit einem Seufzer fügt er hinzu: Genauso wichtig sei noch etwas ganz anderes: „Das Reich Gottes auf Erden ist die letzte Bestimmung des Menschen. Christus hat das Reich Gottes verkündet. Aber man hat ihn nicht verstanden und statt dessen das Reich der Priester und der Kirche errichtet und nicht das Reich Gottes, das in uns selbst, in Seele und Vernunft, zu finden ist“.

Von Ferne sind Stimmen zu hören, Studenten eilen zur Universität. Hier hat Kant viele Jahre bis zu 20 Vorlesungen wöchentlich gehalten, meist am Vormittag. Auch noch mit 70 Jahren, gönnt er sich täglich pünktlich um 4 Uhr seinen Spaziergang. Die Leute in Königsberg warten förmlich darauf, dass er seine „Runden zieht“.

Die Gäste müssen also aufbrechen. Herbert Schnädelbach wendet sich an Kant: „Ihre Philosophie ist ein inständiges Nachforschen mit dem Versuch, alle möglichen Argumente, die da mit im Spiel sind, zu berücksichtigen. Das ist irgendwie doch faszinierend, muss ich sagen“.

Der Gastgeber will noch ein gutes Wort mit auf den Weg geben: „Was mir am wichtigsten ist: Pflegen wir einen gesunden Verstand, bewahren wir uns ein fröhliches Herz und einen freien, selbst bestimmten Willen“. Und mit einem leichten Seufzer fügt er hinzu: „Nur mit kleinen Schritten folgt die Menschheit den Weisungen der Vernunft. Schließlich leben wir noch nicht in einer vernünftigen Welt, es gibt noch viel zu kritisieren und vernünftiger zu machen…“

…..Ganz kurz zur Person:

Immanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren. Seine Hauptschriften sind „Kritik der reinen Vernunft“, Kritik der praktischen Vernunft“ und „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen vernunft“. In seinem Haus trafen sich regelmäßig Menschen aus ganz Europa. Der Meisterdenker hat seine Heimatstadt bis zu seinem Tod 1804 nur einmal – für einen kleinen Ausflug – verlassen. Darüber gibt es keine Zweifel: Kant lebt (mit seinem Denken) weiter. Die Geschichte der Philosophie lässt sich in „vor Kant“ und „nach Kant einteilen.

copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

 

Das 2.Vatikanische Konzil überwinden. Kritische Perspektiven.

Das 2. Vatikanische Konzil überwinden

Warum das Konzil heute kaum noch inspiriert

Von Christian Modehn

Am 11. Oktober vor 50 Jahren begann in Rom/Vatikanstadt das 2. Vatikanische Konzil, es hatte vier „Sitzungsperioden“ und endete am 8. 12. 1965. Dieses Konzil mit der Teilnahme fast aller katholischen Bischöfe damals ist auch für philosophisch interessierte LeserInnen etwas interessant, weil es einen beachtlichen Wandel des römischen Katholizismus anzeigt, vor allem den Übergang aus einer absoluten Moderne–feindlichen Haltung zu einer offeneren Annahme der modernen, aufgeklärten Welt. Mit Jubeltönen sollte man sich allerdings sehr zurückhalten, wie der folgende Beitrag von Christian Modehn zeigt, der in kürzerer Fassung in der Zeitschrift PUBLIK FORUM am 5. 10. 2012 veröffentlicht wurde.

1.

Die verriegelten Fenster wurden aufgestoßen, der stickige, morbide Geruch der Inquisition wurde vertrieben, der Staub der Jahrhunderte etwas hinweggefegt. Bilder, die heute „progressive, reformerische Katholiken“ faszinieren, wenn sie an das 2. Vatikanische Konzil denken. Die Attacken reaktionärer Kreise, vor allem der traditionalistischen „Piusbrüder“, stärken den Willen, das Konzil unbedingt als „Sprung vorwärts“ (Johannes XXIII.), als „Einschnitt und Wende“ zu bewerten. Reformkatholiken klammern sich an das Konzil, verehren es wie eine Art Heiligtum. Tatsächlich: Das Konzil hat den mittelalterlich geprägten Katholizismus unterbrochen. Die bislang verteufelte Religionsfreiheit wurde anerkannt, von Dialog war die Rede, von Öffnung der Kirche zur Welt.

2.

Aber „progressive Kreise“ sind naiv, wenn sie dieses Konzil zum wichtigsten Bezugspunkt ihrer Erneuerungsvorschläge machen. Denn die theologischen Grenzen dieses Konzils liegen deutlich vor Augen; dabei soll dieses Ereignis nicht unbedingt „klein geredet“ werden. Schon gar nicht geht es darum, ins Fahrwasser reaktionärer und dummer pauschaler Konzilskritik zu geraten. Das Konzil hatte damals tatsächlich seine Bedeutung in der Ablösung aus der offiziell – amtlichen, feudal geprägten Mentalität. Aber kann dieses Konzil noch die theologischen, religiösen, philosophischen, kulturellen und globalen Probleme und Fragen zu Beginn des 21. Jahrhunderts beantworten? Wir sind der Meinung: Sicher nicht.

Das 2. Vatikanische Konzil beantwortete für die brave katholische Welt einige Fragen des 17. und 18. und 19. Jahrhunderts, die – nebenbei gesagt – protestantische Theologen läängst beantwortet hatten. Diese Konzils – Antworten waren also nur noch für bestimmte katholische Kreise „sensationell“, weil endlich die mittelalterliche Welt des römischen Systems ein wenig „angekratzt“ wurde.

3.

Was sind einige wichtige Begrenztheiten des Konzils?

Es war eine reine Männerveranstaltung, meist greiser Herren, die noch in den Zeiten des „eingemauerten Katholizismus“ (so der Mentalitätshistoriker Jean Delumeau) denken gelernt hatten. Laien, schon damals 95 Prozent der Katholiken, hatten bei dieser drei Jahre währenden Veranstaltung absolut nichts zu sagen und auch gar nichts zu entscheiden. Einige wenige Laien, etwa zwei Frauen, waren als „ZuhörerInnen“ zugelassen. „Für“ die Laien wurde vom Klerus entschieden, nicht mit ihnen, es war also eine extrem patriarchale Runde, die sich da traf. Es war alles andere als ein von demokratischem Geist bestimmtes Ereignis. Insofern war es schon damals Vergangenheit! Von „Frauen“ ist nur an 5 Stellen der offiziell verabschiedeten Konzilsdokumente die Rede. Ihnen wird die „häusliche Sorge der Mutter“ zugewiesen. Gleichzeitig wird unvermittelt die „gesellschaftliche Hebung“ ihres Statuts gefordert.

– Die offiziellen Konzils –  Dokumente sind fast immer in einer Sprache verfasst, die „klerikal – pathetisch“  genannt werden kann. So wird die Kirche etwa „Braut des fleischgewordenen Wortes“ genannt. (Dokument: Offenbarung § 23). Wer kommt da – als ein Nichtmystiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts – nicht ins Schmunzeln? Wie viel Unsinn (Mißbrauch usw.) hat diese „Braut“ inzwischen begangen? Ist  diese „mystische Überhöhung“ der Kirche nicht ein radikaler Fehler? Diese „mystisch“ – nebulöse Selbstdefinition der Kirche (durch den Klerus definiert!) verstellt den Blick auf reale Zustände in der römischen Kirche, etwa Korruption oder auch „Priestermangel“, bedingt durch den Mangel an zölibatären Männern, die dieser „Braut“ ihre ganze (!) Hingabe geben sollen.

– Diese offiziellen, also maßgeblichen Konzils – Texte sind für sehr viele Leser von heute schon sprachlich Ausdruck einer „fremden Welt“. Sie berühren, das ist langst empirisch nachgewiesen, nur noch Insider, vielleicht nur noch Kirchenangestellte, die den Jargon einüben mussten. In jedem Fall bewegen diese Formeln  wohl wenige Menschen, die jünger als 60 Jahre sind. Man schaue in die Runden der heute debattierenden „Konzilsfreunde“ und mache einmal dort einen Altersdurchschnitt. Die viel beschworene Liebe zum Konzil ist, mit Verlaub gesagt, vielleicht eine Art katholischer Seniorenveranstaltung, besonders in Europa.  Diese Liebe zum Konzil ist sehr verständlich, weil man in einer immer reaktionärer werdenden römischen Kirche noch retten will, was zu retten ist… in dem berühmten reformerischen „Dauer – Lauf“ gegen die hohen (vatikanischen) Festungsmauern. Aber diese (masochistisch?) eingefärbte „Liebe zum Konzil“ könnte erkennen: Sie lebt aus der dialektischen Verklammerung mit den Feinden des Konzils, den reaktionären Piusbrüdern und anderen (!), viel einflussreicheren Kreisen im Katholizismus. Die „reformerischen Kreise“ sehen aber nicht, dass auch dieses Konzil ein neuer Ausdruck einer Klerus – Herrschaft war. Ist das so wirklich so attraktiv für das „Volk Gottes“?

– Die Mehrheit der Konzilsväter war wohl „reformgesinnt“, aber es handelte sich um eine bunte, „mehrdeutige“ (so der Historiker Giuseppe  Alberigo) Reformergruppe. So verteidigten etwa die US – Bischöfe damals noch die Todesstrafe… Der Pluralismus macht die offiziellen Konzilsdokumente widersprüchlich und deswegen offen für alle möglichen Interpretationen. Es gibt nicht „das“ Reformkonzil. Der Konzilsberater P. Giulio Girardi SDB spricht deswegen von „zwei Vatikanums“ zur gleichen Zeit. „Ich erinnere mich an gemeinsame Sitzungen mit Bischof Karol Wojtyla bei der Redaktion des Dokuments =Kirche in der Welt von heute=: Da zeigte er eine kämpferische Haltung gegen die offene Position der Mehrheit“. Im ganzen gilt: „Die Konzilstexte sind Kompromisse; die Beurteilung der vom Konzil gewollten Erneuerung kann gar nicht einheitlich sein“ (so der Historiker Daniele Menozzi). Auch der Papst hat heute seine eigene Lesart, und die sei absolut gültig, sagt er. Der Papst allein bestimmt die einzig legitime Interpretation des Konzils – und kann sich dabei auf die Konzilstexte selbst berufen. Schließlich sind diese Dokumente ja geschaffen von der Hierarchie selbst. Das nennt man „Zirkel“ – Argumentation…und Ideologie.

– „Niemals wurde der Widerstand reaktionärer Anti –Konzils – Bischöfe gebrochen“, betont G. Alberigo. Papst  Paul VI. ließ sich für ihre Zwecke instrumentalisieren. Von brüderlicher Kollegialität wollte er nichts wissen. Paul VI. war alles andere als eine „progressive Figur“… Kann man da allen Ernstes von einem „Konzil der Freiheit“ (Karl Rahner) sprechen? Wie viel Ideologie verbirgt sich in der modernen Konzils – Theologie? Eine unbeantwortete Frage… Giovanni Franzoni nahm als Benediktiner – Abt von St. Paul (Rom) an den beiden letzten Sitzungsperioden als „Konzilsvater“ teil. Er schreibt: „Papst Paul VI. hat alles getan, dass der Konzilsgeist zuerst gezähmt und später eingefroren wurde. Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger setzten dieses Werk fort“.  Kollegialität wird in den Konzilstexten nur im Zusammenhang der „vorrangigen Gewalt des Papstes“ besprochen. Paul VI. als der „Herr der Kirche“ verfügte: Eine die absolute Macht des Papsttums stärkende Ausführung sollte der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ noch ergänzend folgen. Später hat er gegen den ausdrücklichen Willen der Konzilsväter „Maria als Mutter der Kirche“ proklamiert: „Achtung, ihr Bischöfe“, so deutet G. Franzoni die Eigenmächtigkeit des Papstes, „ihr könnt diskutieren, was ihr wollt. Ich entscheide“. „Die Konzilsväter hatten nicht den Mut zu fordern, dass gründlich diese Frage in der Konzilsaula besprochen wird“. (D. Menozzi).

– Das Konzil war europäisch geprägt, trotz der Anwesenheit etlicher afrikanischer oder asiatischer Bischöfe. „Die Beteiligung der gesamten lateinamerikanischen Kirche am Konzil war, von Ausnahmen abgesehen, bescheiden“, so der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez.

Es war eine Veranstaltung, die unkritisch an den europäisch geprägten Fortschritt glaubte: Das Dokument „Über die Kirche in der Welt von heute“ lobt etwa die „Herrschaft (!) der Menschheit über die Schöpfung“! Der Krieg wird zwar als großes Übel dargestellt. Aber: “Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes (sic!) steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker“.

– Es war eine Veranstaltung, die das wohlhabende Europa repräsentierte und weithin in dessen Kategorien dachte: „Die Reflexion über die Kirche der Armen übte keinen gewichtigen Einfluss auf die Konzilstexte aus“, so der Konzilstheologe und Dominikaner Edward Schillebeeckx. Die Forderung von Kardinal Lercaro, Bologna, ein offizielles Bekenntnis zur Kirche der Armen zu formulieren, fand kein Gehör. Nach dem Konzil wurde Lercaro in die „Wüste geschickt“. Nur sehr halbherzig wurde an einigen Stellen der Konzilstexte von der armen Kirche gesprochen. Der Reichtum der europäisch/amerikanisch/vatikanischen Kirche mit ihren (Vatikanischen) Banken und den entsprechenden, heute öffentlichen Schiebereien, war überhaupt kein Thema des Konzils. Alles verlief gehorsam – würdevoll, wie es der Papst wünscht. Alles war irgendwie noch „Barock“, eine Aufführung des „Hofes“ (Curia, Hof, ist ja der offizielle Titel des Papst – Staates).

– Es war ein Konzil, das den Dialog hochtrabend forderte, aber eigentlich nicht anstrebte. Z.B: Die Überzeugungen der Atheisten werden „verderbliche Lehren“ genannt, sie werden „mit aller Festigkeit verurteilt“. Daraus folgt, ziemlich dreist: “Für die Glaubenden verlangt die Kirche Handlungsfreiheit (in Gesellschaft und im Staat), damit sie in dieser Welt auch den Tempel Gottes errichten können. Die Atheisten aber lädt die Kirche schlicht ein, das Evangelium unbefangen zu würdigen“…Die Gruppen für den „Dialog mit den Ungläubigen“ wurden schon in den achtziger Jahren aufgelöst…Theologen in Indien, Japan, Sri Lanka, Peru usw., die den vom Konzila geforderten Dialog tatsächlich lebten, wurden ihrer Ämter entfernt…Sie erkannten dann die „große Illusion“.

– Es war ein Konzil, das die „Autonomie der Welt“ nur oberflächlich akzeptierte: Es sagt Ja zur Eigengesetzlichkeit der Welt. ABER damit sei gemeint, dass der Mensch die Autonomie „nicht ohne Bezug auf den Schöpfer“ gebrauchen darf. Wer aber lehrt den rechten Bezug zum Schöpfer? Das oberste Lehramt!

Freiheit der theologischen Wissenschaft ist ausgeschlossen. Über historisch – kritisch arbeitende Exegeten heißt es: „Sie stehen unter Aufsicht des kirchlichen Lehramtes“.

– Es werden widersprüchliche Symbole für das Selbstverständnis der Kirche beschworen: Das „Volk Gottes unterwegs“ und der „mystische Leib Christi“. Das „Volk“ kennt die Gleichheit der Mitglieder. Der Leib Christi wird beherrscht vom alles bestimmende Haupt, dem Klerus.

– Es wird eine Ökumene konzipiert, die vorausgesetzt, dass Gott selbst die katholische Kirche gestiftet hat. Die „anderen Kirchen“, vor allem die protestantischen,  sind bloß „christliche Gemeinschaften“. Was Benedikt XVI. heite sagt, ist in den Konzilstexten grundgelegt.

– „Mission“ bedeutet für das Konzil Bekehrung zur Katholischen Kirche. Von interreligiösem Dialog ist nur ganz am Rande die Rede.

– Das Konzil begnügte sich, die Texte der Messe in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Das führte zu lebensfern klingenden Formeln und Floskeln in den Gottesdiensten. Der gemeinte Inhalt hätte ganz neue sprachliche Gestalt finden müssen. Unter der weltfremden Sprache leiden Katholiken noch heute…Zudem wurde die Messfeier derartig als absolutes Zentrum katholischer Frömmigkeit überhöht, weil eben nur der zölibatäre Klerus, die Männer, die Messe feiern darf. So wird über die Spiritualität der sogenannten „absolut wichtigen Messfeier“ nur  die absolute Bedeutung  des zölibatären Klerus verteidigt und festgeschrieben…

Das 2. Vatikanische Konzil gilt es also zu „überholen“, vor allem, weil es – wie die Konzilien zuvor – viel zu viel von Gott,  Christus, Maria, der Trinität, der Kirche, den Sakramenten und so weiter und so weiter weiß. Das Konzil gibt sich nahezu allwissend der Gottesfrage und den genannten anderen Fragen gegenüber. In einer die heutige Skepsis und vor allem die mystische Erfahrung aufgreifenden Theologie ist sehr viel mehr intellektuelle Bescheidenheit angebracht. Diese Alleswisserei damaliger Bischöfe wird nicht erst heute eher als störend denn als Inspiration empfunden. Könnte man den Kern der christlichen, auf Jesus von Nazareth bezogenen Erfahrung, nicht auch auf 10 Seiten sprachlich nachvollziehbar ohne klerikales Pathos (s.o.) mitteilen?

Kirchenreformer sollten ihren Enthusiasmus für dieses Konzil sehr bremsen und seine grundgelegten Begrenztheiten anerkennen. Sie werden dieses Konzil wohl überwinden müssen, wenn sie für einen ökumenischen Katholizismus der Zukunft eintreten, also für eine tatsächlich andere, „evangelische“ und dialogische Kirche mit sehr wenig Hierarchie, aber viel mehr Mitbestimmung und Gleichberechtigung, vor allem von Frauen. Die offiziellen Konzilstexte sind theologisch ein Stück Vergangenheit. Es gibt dringendere Themen der religiösen Menschheit und der nicht – religiösen Menschheit von heute…

copyright:Christian Modehn/Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Aktualisiert am 11. Oktober 2022 durch CM

Grundvertrauen – die wahre Religion der Menschheit. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Grundvertrauen – die wahre Religion der Menschheit

Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn, Religionsphilosophischer – Salon Berlin

Veröffentlicht am 30.9.2012

Es wird heute immer schwieriger, von persönlichem Leid einmal ganz abgesehen, in einer von Gewalt und Ungerechtigkeit geprägten Welt noch die Zuversicht zum Leben zu bewahren oder zu entwickeln. Sehen Sie Möglichkeiten, theologisch und religionsphilosophisch Wege zur  (gar nicht oberflächlich gemeinten) Lebensfreude zu zeigen?

Es gibt im Leben eines jeden Menschen doch auch die erfüllen Augenblicke, die besonderen Erlebnisse, in denen sich die Schönheit der Welt und der unendliche  Reichtum des Lebens zeigen. Natürlich bedrängt und bedrückt uns das andere, das Sie ansprechen, das persönliche Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit überall. Wer könnte davor die Augen verschließen und wer wäre nicht selbst auch immer wieder von all dem betroffen, was das Leben schwer und die Welt hässlich macht? Dennoch frage ich mich, ob ich mich in meinem Lebensgefühl verstanden fühle, wenn man mir unter Vorhaltung all des Schrecklichen, das geschieht, meint die Lebensfreude absprechen zu müssen. Weiterlesen ⇘

Aktualisiert am 2. August 2017 durch

Das 2. Vatikanische Konzil und die Juden: Perspektiven des Konzilstheologen Gregory Baum

Das 2. Vatikanische Konzil und die Juden: Perspektiven des Konzilstheologen Gregory Baum: „Judenmission darf es nicht mehr geben“

Ein Interview von Christian Modehn (2012)

Viele Freunde des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons fragen – anlässlich des „Konzilsjubiläums, d.h. Konzilbeginn vor 50 Jahren – nach einem Gespräch, das ich mit Gregory Baum in Montréal, Kanada, führte über „Das 2. Vatikanische Konzil und die Juden.“

Gregory Baum, Professor em. für Theologie und Religionssoziologie an der Mc Gill University in Montréal, ist auch als Autor zahlreicher Bücher und als Mitherausgeber der Zeitschrift CONCILIUM international geachtet. Er wurde 1923 in Berlin in einer jüdisch geprägten Familie geboren, die Großeltern waren vom Judentum zum Protestantismus konvertiert. Für die Nazis galt Gregory Baum als „Jude“. So musste er 1939 als junger Mann über England nach Kanada fliehen. Dort konvertierte er zum Katholizismus, er trat in den Augustinerorden ein (den er 1976 wegen seiner Heirat verließ). In Fribourg, Schweiz, hatte er 1956 seine theologische Doktorarbeit der ökumenischen Bewegung gewidmet. Der für Ökumene im Vatikan zuständige Kardinal Augustin Bea wurde auf ihn aufmerksam, als er 1960 begann, die ökumenischen Themen des II. Vatikanischen Konzils vorzubereiten. Als Augustiner Pater hat Gregory Baum als „peritus“, als „Fachtheologe“, am 2. Vatikanischen Konzil und schon an dessen Vorbereitungen teilgenommen. Das Interview stammt aus dem Jahr 2001, es fand in Montréal statt.

Gregory Baum:

Bei der ersten Versammlung des so genannten „Einheitssekretariates“ am 14. November 1960 war ich schon dabei. Dabei betonte dessen Leiter, Kardinal Bea, dass Papst Johannes XXIII. ausdrücklich eine Klärung des Verhältnisses von Kirche zum Judentum wünsche. Wenige Tage zuvor hatte der Papst den jüdischen Historiker Jules Isaac aus Frankreich empfangen, er hatte 1948 in seinem Buch „Jésus et Israel“ sehr sachlich gezeigt, dass die Judenfeindlichkeit schon in den Evangelien ihre Wurzeln hat. Johannes XXIII. war gegenüber diesem Thema sehr sensibel, er hatte selbst im 2. Weltkrieg Juden hilfreich beigestanden. Offenbar hat Jules Isaac den Wunsch beim Papst verstärkt, ein Konzils-Dokument über das Judentum zu verfassen. Ich konnte auf Vorschlag Kardinal Beas weitere theologische Mitarbeiter empfehlen; er beauftragte mich, einen ersten Text „de judaeis“ vorzubereiten für die Versammlung seines „Einheits – Sekretariates“ vom 6. bis 9. Februar 1961. Einer der wichtigster Mitarbeiter im Einheitssekretariat war damals Prof. John Österreicher, ein Jude, der aus Wien stammt. Er war auch Konvertit und Leiter eines theologischen Institutes in den USA. .

Christian Modehn:

Welche Themen hatten Sie in diesem ersten Entwurf für ein Konzilsdokument über das Judentum angesprochen?

Gregory Baum:

Die Kirche, die sich selbst verstehen will, muss sich an ihre  Verwurzelung in der Geschichte des Volkes Israel erinnern und diese Verbindung anerkennen. Die Kirche muss sich zweitens absetzen von den populären Vorurteilen, z.B.: „Die Juden hätten in der Geschichte immer wieder leiden müssen, weil sie Jesus abgelehnt haben“. Dann sagte ich: Das Judentum bleibt nach wie vor „das auserwählte Volk Gottes“. Deswegen muss die Kirche den Juden mit Respekt und Liebe begegnen. Jeglicher Antisemitismus ist nicht christlich.

Christian Modehn:

Aber Antisemitismus gab es doch damals selbst unter Bischöfen, auch während des Konzils?

Gregory Baum:

Wir merkten im Laufe unserer Arbeit im Einheitssekretariat, dass es eine Gruppe von Bischöfen gab, die den traditionellen katholischen Antisemitismus offen vertrat. Jahrhunderte lang wurde ja in der Kirche gelehrt: Die Juden haben Jesus nicht angenommen, sie haben ihn gekreuzigt usw…Es gab zum Beispiel während der Verhandlungen über unser Dokument Eingaben von Konzilsvätern, die da schrieben: “Die Juden waren immer die Feinde des Evangeliums, und sie sind es noch heute“. Diese Bischöfe beriefen sich dabei auf Texte aus dem Neuen Testament. Diese Kirchenführer hingen einer Mentalität an, die im kirchlichen Milieu damals sehr verbreitet war. Sie betonten: Was früher galt, kann heute nicht falsch sein. Sie hatten keinen Sinn für Entwicklung der Lehre. Noch Ende der dreißiger Jahre beispielsweise konnte man in einem vatikanischen Text lesen, dass sich die Gesellschaft Europas vor dem negativen Einfluss der Juden schützen sollte; Juden würden den Materialismus fördern in seiner kapitalistischen wie in seiner kommunistischen Form: In der damals nicht veröffentlichten Enzyklika Pius XI. von 1938 (nun ist sie öffentlich zugänglich) sind solche Sätze zu lesen, in einem Text übrigens, der eigentlich den Antisemitismus verurteilte.

Christian Modehn:

Aber es gab auch politisch motivierten Widerstand gegen Ihre Arbeit beim Konzil?

Gregory Baum:

Der Widerstand gegen einen offiziellen Konzils-Text, der auf Dialog und Verständigung mit dem Judentum setzt, gab es vor allem von Bischöfen aus dem Nahen Osten. Diese Bischöfe wollten Rücksicht nehmen auf die muslimischen Araber; diese Bischöfe glaubten, ein Text, der das Judentum positiv würdigt, könne zu einer Art Anerkennung des Staates Israel durch die Katholische Kirche führen. Und das wollten sie verhindern!  Schließlich wollte man auch die Entwicklung der katholischen Kirche nicht gefährden in den Ländern des Nahen Ostens! Der damalige Kardinal Staats-Sekretär im Vatikan, Kardinal Cicognani, hatte sich den Argumenten dieser Bischöfe aus dem Nahen Osten angeschlossen: Er hatte sich in einer entscheidenden Sitzung der „Zentralkommission“ des Konzils 1962 dafür eingesetzt, dass unser erster Entwurf eines Konzils-Dekrets über das Judentum abgelehnt wurde!. Aber Kardinal Bea liess sich das nicht bieten! So konnten wir an weiteren, insgesamt 4 Entwürfen, arbeiten.

Christian Modehn:

Es war also ein ziemlich heftiges Ringen voller Widerstände? Das Konzil war also alles andere als einheitlich geprägt?

Gregory Baum:

Das Sekretariat für die Einheit der Christen hatte ja ohnehin die in vieler Hinsicht problematischsten Konzilstexte vorzubereiten: Das Dokument über die Ökumene, das Dokument über die Religionsfreiheit und das Dokument über die Beziehung zu den Juden.

Am 9. Oktober 1964 verkündete der Generalsekretär des Konzils, Msgr. Felici, dass „aufgrund  des Willens einer höheren Autorität, also offenbar des Papstes, „das Dokument über die Beziehung zu den Juden“ auf wenige Sätze reduziert werden sollte. Diese wenigen Zeilen sollten einfach in die grosse „Konzilskonstitution über die Kirche“ integriert werden. 14 Kardinäle, darunter die ganz bekannten aus Europa und den USA, wandten sich sofort an Papst Paul VI. Sie wiesen darauf hin, welche verheerenden Konsequenzen die Unterdrückung eines eigenen Dokuments über die Beziehungen zu den Juden habe. Dabei wurde deutlich, dass „die höhere Autorität“, die Bischof  Felici zitierte, nicht der Papst, sondern wieder der einflussreiche Kardinal Cicognani war. Das „Sekretariat für die Einheit der Christen“ setzte nach dieser Enthüllung die Arbeit an dem Dokument fort, nur sollte jeder politische Aspekt vermieden werden: Die katholischen Gemeinden im Nahen Osten sollten keine Repressalien erwarten dürfen von der Mehrheit der islamischen Bevölkerung, wenn jetzt im Vatikan ein „judenfreundliches Dokument“ veröffentlicht wurde. So wurde also auf das Wohl der Kirche in Nahost entschieden Rücksicht genommen bei der Formulierung dieses historischen, bahnbrechenden Textes! Es ging primär auch um das Wohl der Kirche! In dem neu erarbeiteten, vierten Entwurf des Dokuments über die Juden durfte dann auch nicht mehr die Rede davon sein, die „Juden seien ein Volk“. Der Text über das Judentum wurde dann eingegliedert in die Erklärung der Kirche zum Verhältnis mit den nicht-christlichen Religionen! Das muss man sich vorstellen! Das Judentum wurde also lediglich als eine religiöse Dimension gesehen, vom Staat Israel war keine Rede. Die judenfeindliche Haltung der Kirche in der Vergangenheit wurde lediglich „bedauert“, von Eingeständnis eigener Schuld der Kirche konnte noch keine Rede sein. Das Judentum jedenfalls fand sich also in einem Dokument wieder, das auch die Beziehung zum Buddhismus oder dem Islam klärt… Dabei war damals schon klar: Dass die Wurzeln des Glaubens aus dem Judentum stammen! Dass es also ein sehr dichtes Verhältnis der Kirche zum Judentum gibt….

Christian Modehn:

Wie verlief denn die Abstimmung zu diesem Dokument?

Gregory Baum:

Das Kapitel über das Judentum im Text über die nichtchristlichen Religionen erhielt am Tag der Abstimmung, am 20. November 1964, 1770 positive Stimmen gegen 185 ablehnende. Die ablehnenden Bischöfe durften noch einmal ihre Bedenken vorbringen, und so sind in den tatsächlichen Abschlusstext noch einmal Veränderungen der ablehnenden Seite eingeflossen.

Christian Modehn:

Haben die Aussagen des Konzils über das Judentum eine bleibende Bedeutung?

Gregory Baum:

Das Verhalten der Kirche zum Judentum hat sich durch den Text doch noch um 180 Grad gedreht. Ich denke, die Worte des Konzils über das Judentum sind von höchster Bedeutung. Auch die Juden in Amerika beispielsweise haben den Text sehr geschätzt. Denn deutlich ist: Mit diesem Text ist keine Missionierung von Juden mehr zu vertreten! Der „Alte Bund“ besteht nach wie vor weiter. Die Kirche ist aus dem Judentum entstanden, beide haben ein gemeinsames religiöses Erbe. Die Kirche darf nicht meinen, das Judentum „ersetzen“ oder „ablösen“ zu können. Diese und viele anderen theologischen Erkenntnisse sind heute in katholischen Kreisen fast eine Selbstverständlichkeit. Diese Erkenntnisse wurden im Konzil grundgelegt. Für mich war es einer der wichtigsten Ereignisse in meinem Leben, an diesem theologischen Durchbruch mitgewirkt zu haben. Ich habe damals sozusagen Tag und Nacht an diesen Texten in Rom gearbeitet. Erst später erfuhr ich, dass sich während dieser Arbeiten auch jüdische Gelehrte in einem direkten regen Austausch mit Kardinal Bea befanden. Es wurde also nicht nur über Juden gesprochen, sondern – wenigstens im Hintergrund – mit ihnen!

Copyright! Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon.

 

 

 

 

 

Aktualisiert am 25. Mai 2025 durch CM

Nietzsche – gefährlich anregend. Ein Vortrag im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon

Nietzsches Philosophie – gefährlich anregend

Von Christian Modehn, Berlin, veröffentlicht am 23.9.2012, anlässlich der Sitzung des religionsphilosophischen Salons, auf vielfachen Wunsch publiziert.

PS: Es handelt sich um ein einführendes, zur Diskussion führendes Statement.

Der Titel deutet bereits das Spannungsverhältnis an, dem man sich stellen muss, wenn man sich mit Nietzsches Philosophie befasst. Er selbst hat sein eigenes Denken gefährlich genannt, weil es in die Weite einer neuen Kultur führen soll, was einen Bruch mit der vertrauten alten Kultur bedeutet.

In seinem relativ frühen Text „Fröhliche Wissenschaft“ (von 1881) gibt Nietzsche selbst die Losung aus, „gefährlich zu leben“. Gerade in dieser Infragestellung unserer bisherigen kulturellen Selbstverständlichkeiten ist Nietzsche anregend – und aufregend. Sein Denken kann niemanden unbewegt lassen.

Warum gerade jetzt eine Auseinandersetzung mit Nietzsches Philosophie? Vielleicht, weil viele seiner Analysen und Prognosen heute von vielen als zutreffend erlebt werden. Sie sind entschieden von einer radikalen, das bisherige christliche System vernichtenden Religionskritik geprägt und von dem äußerst eindringlichen Vorschlag, sich neu religiös zu orientieren. Das gilt es wahrzunehmen, ohne gleich zuzustimmen!

Die entscheidende Perspektive heißt bei Nietzsche: Gott ist tot. Da muss man genau hinhören: Er sagt in diesem Satz, der seiner Analyse seiner Gegenwart entspringt, dass Gott tot ist. Das ist etwas anderes als zu sagen: Gott gibt es nicht; oder: Gott existiert nicht. Wer sagt: Gott ist tot, und er sagt auch: Er war mal lebendig. Nun ist er tot, ein bestimmter Gott ist nicht mehr am Leben.

Da sind wir schon beim aktuellen Bezug: Jeder sieht in Westeuropa und unter allen gebildeten Menschen weltweit: Dass der alte bekannte überlieferte und eingeprägte Gott der Christen, etwa die Trinität oder Jesus als „Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt“, ist nicht mehr nachvollziehbar lebendig, wird nicht mehr innerlich verehrt und akzeptiert. Der alte dogmatische Glaube ist tot. Jeder macht sich seine persönliche „Glaubensmelange“… Das ist eine Tatsache, und war wohl früher schon eine Tatsache. Welcher bayerische Bauer glaubte im 17 Jahrhundert z.B. dogmatisch korrekt, etwa, laut Glaubensbekenntnis, dass der Heilige Geist von Vater und Sohn ausgeht?

Man werfe heute nur ein Blick in die Kirchen am Sonntag: Der Gottesdienstbesuch lässt in ganz Europa ständig nach; in manchen Ländern geht er gegen Null; die dort verbreiteten Gotteslehren und oft auch in eins mit Morallehren sind nicht mehr nachvollziehbar. Das Mönchsleben und die Orden sterben aus; große Begeisterung, Pfarrer zu werden, ist kaum zu spüren, viele theologische Fakultäten stehen etwa in Deutschland vor der Schließung. Was Nietzsche empört, ist, dass alle so weiter machen und weiter leben wie bisher, als sei dieser Gott gerade nicht tot. Sie flüchten in den Schein und den Selbstbetrug.

Aber dieser verstorbene Gott war früher sozusagen der oberste Garant einer Werte – Ordnung: „Für Gott und Vaterland“, man erinnert sich an den Spruch; Gott ist die oberste Wahrheit; alles Erkennen geschieht in göttlichem Licht; Gott ist der Schöpfer der Welt usw.

Wenn dieser Gott der obersten Werte und vertrauten Weltbilder tot ist: Dann bricht eine Welt zusammen. Dann wird den Menschen der Boden entzogen.

Das Schwierige im Umgang mit Nietzsches Texten ist nur: Es sind in den umfangreichen Büchern viele, meist kurze knappe Texte hintereinander gestellt, es sind meist keine systematischen Abhandlungen, zumindest im Spätwerk (ab 1880) ist das so. Da sollte man nie isolierte Aphorismen für die ganze Wahrheit von Nietzsche Aussagen nehmen.

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ist zweifellos einer der ungewöhnlichsten Philosophen. Er schreibt in einer Sprache, die musikalisch – poetisch ist, keineswegs abstrakt und nur in Theorien – versponnen. Nietzsche ist heute einer der am meisten gelesenen und philosophisch bearbeiteten Denker. Er wurde rezipiert von Künstlern, wie Picasso, Kandinsky, Klee, Schriftstellern wie Rilke, George, Thomas Mann, Proust; Richard Strauss („Also sprach Zarathustra“) Gustav Mahler…

In Deutschland begann die gründliche kritische Nietzsche Forschung erst in den sechziger Jahren.

Nietzsche spricht als persönlich Erschütterter und Leidender. Seine Texte sind mit dem eigenen Leben verbunden, sind niemals Erkenntnisse, die am „grünen Tisch“ entstanden sind oder sich lediglich als Beiträge akademischer Debatten oder gar als „Glasperlenspiel“ verstehen. Wichtig ist der extrem hohe Anspruch seines Denkens, das sich besonders in der späten Phase, vor der Umnachtung im Januar 1889, als prophetische Stimme, als Weisung und radikale Lebenserneuerung präsentiert. Das ist in dieser, man möchte sagen, „missionarischen Sendung“ durchaus selten innerhalb der Philosophiegeschichte.

Nietzsche will mehr sein als ein Philosoph, er will als Ausnahmeexistenz des Umstürzlers und Neues Stiftenden ein Beispiel geben. Er möchte eine neue Renaissance einleiten, Geburtshelfer einer neuen Kultur sein. Dabei kommt es gerade in den letzten Jahren zu einer extremen Stilisierung des eigenen Daseins und Denkens. Er will aus seinem Leben ein Kunstwerk machen. Er schreibt Worte, die Taten sein wollen. Er will ein Philosoph „mit dem Hammer“ sein: D.h. wohl: Es ist der „Hammer“ gemeint, mit dem der Arzt den Körper des Patienten abklopft, so will Nietzsche sinnlich wahrnehmen, hören, was unter „uns“ geistig – religiös krank ist.

Ich will kurz einen, vielleicht das Wesentliche treffenden biographischen Hinweis geben: Hier kommt es nur darauf an, zentrale menschliche Lebens – Erfahrungen Friedrich Nietzsches zu erwähnen, die unmittelbar für sein Denken und Schreiben wichtig wurden: Vor allem ist da zu nennen der schmerzvolle Tod seines Vaters im Alter von 36 Jahren, ihn erlebte Friedrich Nietzsche als 5 Jähriger. Sein Vater war evangelischer Pfarrer, er stammte aus einem alten „Pfarrergeschlecht“, in der Familie gab es schon in der 5. Generation Pastore. Zuhause wurde auf strenge Befolgung der kirchlichen Lehren geachtet.

Friedrich Nietzsche wandte sich angesichts des Leidens und frühen Sterbens seines Vaters an Gott, betend und bittend; aber ohne göttliche Antwort blieben seine Bitten.

Kein Gott antwortet: Nietzsche lernt daraus: Gott erhört uns nicht; die Frommen verehren eine Art Phantom, ein illusorisches Himmelswesen, unerreichbar und tyrannisch. Dieser Glaube, sagt Nietzsche später, führt die Menschen dazu, das Beste ihrer Ideen und Energien an einen illusorischen Himmel zu verschleudern … anstatt „fröhlich“ auf Erden zu leben. Es kommt für Nietzsche entschieden darauf an, dass die Menschen die Freude am Lebendigen bewahren, dass sie sich am Genuss der Sinne erfreuen, dass sie Stärke erleben…Bleibt der Erde treu, heißt dann sein Prinzip.

Ich will hier nur kurz erwähnen, dass Nietzsche in Basel schon als hochbegabter junger Mann – ohne Promotion, ohne Habilitation – Professor für Altphilologie wird. Aber in den Baseler Jahren wird schon die Philosophie für ihn immer wichtiger: Er gibt die Professur auf und lebt fortan ziemlich bescheiden als freier Philosoph und – kaum erfolgreicher – Schriftsteller bis zu seinem geistigen und körperlichen Zusammenbruch Anfang 1889. Nietzsche ist 1900 gestorben, seit 1889 von seiner Mutter in Naumburg liebevoll versorgt, ab 1897 von seiner Schwester Elisabeth in Weimar betreut, die sich – als Antisemitin schlimmster Art – erdreistete, unveröffentlichte Texte ihres Bruders nach eigenem ideologischen Gusto zu veröffentlichen (etwa: „Der Wille zur Macht“). Sie hat auch dafür gesorgt, dass von Nietzsche ein paar Sprüche durch die Stammtisch Gesellschaften geisterten und geistern. Etwa: Nietzsche propagiere den Machtmenschen, den Übermenschen, die blonde Rasse usw, Dinge, die im Faschismus aufgegriffen wurden. Erst die kritischen Gesamtausgaben von Colli und Molinari ab 1960 haben eine ernsthafte differenzierte Nietzsche Lektüre möglich gemacht.

Nietzsche hat eher „anti – systematische“ Werke hinterlassen, aber er hatte systematische Absichten, schreibt der Philosoph Volker Gerhardt.

Ein Wort zur „Methode im Denken Nietzsches:

Wichtig ist das radikale Hinterfragen und Bezweifeln der überlieferten kulturellen und religiösen Traditionen. Er fragt, was ist das VERBORGENE in dem, was sich kulturell zeigt. Der Verdacht spielt bei ihm eine große Rolle, ihn interessiert der Schleier, der sich über die Wahrheit legt, die Rolle des Unbewussten wird von Nietzsche klar gesehen. Nietzsche als Psychologe wäre ein Thema!

Also: Hinter dem, was sich öffentlich als gut zeigt, kann etwas anderes, etwas Böses lauern. Der Schein trügt, ist seine Devise. Und hinter dem, was wir als Böse hingestellt bekommen, kann sich gerade das Gute und das Wahre verbergen. Wir müssen also immer skeptisch bleiben, nicht auf alle Sprüche aller möglichen Herrschaften reinfallen. Wir müssen damit rechnen, so Nietzsche, dass uns auch in den entscheidenden Begriffen und Dogmen, wie Gott z.B., nur Masken begegnen.

In Nietzsches späterem Werk, also etwa seit 1880, kehren bestimmte Themen und Motive immer wieder, z.T. mit unterschiedlicher Schärfe und Intensität.

Ich will versuchen, eine Art kleinen systematischen Durchblick zu bieten:

Stichwort Nihilismus: Da zeigt sich Nietzsche als der große Analytiker der Gegenwart und als „Wahrsagevogel – Geist“, wie er sich selbst nannte.

Er sieht einerseits die große Öde, das nur glitzernde Phantom, den routinierten und öden „Kulturbetrieb“, wie Adorno später sagt.

Die alten Werte werden nicht mehr als solche respektiert. Sie werden zwar pro forma mit dem Anspruch der absoluten Wahrheit verkündet, aber, so Nietzsche, diese absolut geltenden Wahrheiten gelten eigentlich nicht mehr. Die meisten wissen längst: Alles Erkennen ist perspektivisch, also ausschnitthaft. Es gibt keine rund herum absolut wahre Erkenntnis des „Dinges an sich“.

Aber die alte Welt der Kultur und Religion redet uns ein, wir müssten absoluten Werten folgen, diese Einrede ist obsolet geworden. Diese Bindung an die alten Werte wird passiv hingenommen, der oberste Wert, Gott und Christus, werden als Aufforderung verstanden, das Leiden hinzunehmen, alles zu ertragen.

Aber Nietzsche fragt: Woher kommt der Nihilismus. Es sind die Priesterklassen und Asketen, die ihre Werte verbreitet haben, Werte des Jenseits, die mit dem Leben nichts zu tun haben. Den dort gepredigten passiven Nihilismus will Nietzsche überwinden.

Aber zuvor, damit zusammen hängend, muss erkannt werden:

Gott ist tot: ist das entscheidende Stichwort. Aber alle tun so, als sei er nicht tot.

In der „Fröhlichen Wissenschaft“ kündigt der tolle Mensch den Tod Gottes an. Wichtig ist zu sehen, dass der Tod Gottes nicht als bedauernswertes, zwar als überwältigend erschütterndes Ereignis gesehen wird, sondern im letzten als große Befreiung. Später auch, in seinem Zarathustra Buch, wird der Tod Gottes als das zentrale Ereignis beschrieben. Jedenfalls liegt da kein Plädoyer pauschal für den Atheismus vor, eher die Aufforderung der Suche nach einem neuen Gott, von dem schon der junge Nietzsche sprach.

Differenzierter sollte man sehen: Jesus bejaht Nietzsche als die vorbildliche menschliche Gestalt und die menschliche Lehre des Jesus von Nazareth. Jesus habe ein Nein gesprochen gegen alles, was Priester und Theologen sagten. Er hat zum Widerstand aufgerufen, die kleinen Leute sollten widerstehen…

Nietzsche sieht den Ursprung der Verfälschung der Jesus – Lehre mit Paulus beginnen. Durch die Lehre von der Auferstehung verschiebe sich das Interesse am Dasein ins Jenseits, in weite Fernen.

Nietzsche sieht die Kirche wegen dieser monströsen dogmatischen Lehren, so wörtlich, als Irrenhaus.

Er spricht davon, dass die „Kirchen zum Grab Gottes“ werden, eine sehr hellsichtige Analyse, wenn man bedenkt, wie heute viele (katholische) Kirchenmitglieder, „eigentlich“ durchaus gläubig, durch die Verbrechen der Kircheninstitutionen, der Päpste, der Priester usw. usw., zu Atheisten werden.

12.

Nietzsche sieht sich als Überwinder des Nihilismus.
Er ist alles andere als ein nihilistischer Denker, der sozusagen in das Nichts verliebt ist. Nietzsche macht konkrete Vorschläge, wie denn eine neue Kultur und eine neue Religion aussehen könnte: Dabei sieht er sich wie einen Narren, der Unbequemes sagt, wie ein Hanswurst, sagt er wörtlich, wie einen tollen Mensch. Insgesamt aber sieht sich Nietzsche als FREIER GEIST und befreiter Geist (von der alten Religion).

Aber zunächst noch: Es gilt, nach dem Tode Gottes neue Tafeln, so wörtlich, neue Gebote also, zu setzen. Die andere Möglichkeit wäre, im Alten zu verharren und beim „letzten Menschen“ zu bleiben. Der Begriff der letzte Mensch ist sehr vieldeutig, es ist auch der „letzte“ im moralischen und zeitlichen Sinne. Diese Menschen folgen noch dem untertänigen Geist der alten Sklavenmoral. Sie ersetzen Gott durch neue Idole, für Nietzsche sind das Demokratie, Fortschritt, Wissenschaft.

Der erste Vorschlag: der Mensch muss den Menschen überwinden und zum Übermenschen werden.
„Tot sind alle Götter, nun wollen wir, dass der Übermensch lebe“. (Zarathustra). Der Übermensch ist ein belasteter und oft missverstandener Ausdruck. Mit dem Übermenschen meint Nietzsche entschieden den Menschen, der sich von dem immer wieder aufgedrängten und eingeübten Selbsthass der alten religiösen Kultur befreit hat, der sich nicht mehr untertänig verhält, sondern stolz ist auf sein Leben. Und der dieses Leben als einen Prozess der ständigen Steigerung versteht. Der Übermensch lebt das Leben auf immer tiefere Erfahrungen hin. Der sich ständig überschreitet und wächst.

Da spielt die aktuelle Diskussion hinein, es herrschen die Slogans: Mach aus deinem eigenen Leben ein Kunstwerk. Werde schöpferisch. Höre auf mit der verordneten Selbstverarmung. Deine Tugenden sollen Selbstaufwertung und Selbstüberbietung sein. Hört auf mit der von den Religionen diktierten Selbstverschwendung. Und hört auf mit der Idee der Gleichheit aller Menschen. Das ist die hoch problematische Seite an diesem Begriff, wie ihn Nietzsche vorträgt.

Mit Nietzsche wird ein „Gegenevangelium“ formuliert, wie der katholische Theologe Eugen Biser sagt. Nietzsche will lehren, dass nach dem Tode Gottes die Menschen und die Welt den Platz Gottes einnehmen müssen. Es gilt, sich in einer irdischen Welt einzurichten und umfassend Freude am Leben zu haben. Es wird eine Alternative zur bisherigen Welt geplant. Das Leben ist der Höchstwert als nur menschliches Leben. Dabei sollen nach Nietzsche, und das macht ihn problematisch, die Starken als die Herrscher, entscheidend den Ton angeben. „Wie kann der Übermensch Ja sagen zum umfassenden Leben und gleichzeitig die anderen, die Schwachen, verachten?“, darauf macht der Philosoph Schönherr Mann aufmerksam. Dennoch bleibt die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig: Wie können Menschen sich selbst überschreiten und alle positiven Kräfte in sich entwickeln.

Dahinter steht der Begriff „Der Wille zur Macht“. Dieses Thema hat Nietzsche selbst nicht vollständig ausführen können. Aber deutlich wird: Die neue Macht der neuen Welt können nicht die einstigen Sklaven, die Unterlegenen, die kleinen Leute übernehmen. Die sind ohnehin von Ressentiments, von Neid, geprägt, aber Nietzsche sah, wie der gelebte Wille zur Macht tatsächlich auch zu einem großen Durcheinander verschiedener Willen führen kann. Darauf hat er keine Antwort gegeben. Aber für ihn hat alles Lebendige in sich den Willen zur Macht, zur Steigerung und Gestaltung.

Darum sein Vorschlag für eine neue Sinnorientierung: Die ewige Wiederkunft des Gleichen. Dies ist eine heroische Haltung, die Annahme des unausweichlichen Schicksals. Da tritt Nietzsche wie ein Stifter eines neuen Glaubens auf. Ewige Wiederkunft: Da ließe sich auch an das Nirwana des Buddhismus denken. Aber im Buddhismus gibt es einmal den Ausstieg aus dem Kreislauf, eben den definitiven Schritt ins Nirwana.

Das ist bei Nietzsche nicht gemeint. Das ist der Versuch, die lineare Geschichte aufzugeben, also die Idee einer unbekannten Zukunft vor uns aufzugeben, zugunsten eines Kreises, der Wiederkehr der bekannten irdischen Welt. Diese Vorstellung hat Nietzsche selbst für die schwerste unter allen Erkenntnissen gehalten; sie setzt auch den einzelnen ein in die Wiederkunft des schon einmal Erlebten. Das wird von Nietzsche durchaus als Last angesehen, wer will schon alles Leid, das er einmal durchmachte noch einmal und noch einmal später erleben? Aber diese heroische Annahme der Wiederkunft lobte Nietzsche als amor fati. Was sich ständig wiederholt, hat einen zwanghaften Charakter, ohne Ziel und ohne Ende dreht sich die Welt. Ob das eine bessere Lösung ist als die klassische Lehre von der himmlischen und zukünftigen Erlösung ist eine andere Frage!

Das Buch „Der Antichrist“ ist die heftigste Anklage und Verurteilung des Christentums. In einer scharfen Tonart geschrieben! Es geht ihm, wie Eugen Biser sagt, um einen Vernichtungsschlag“. Luther habe bloß den Papst kritisiert, jetzt kommt es darauf an, das Christentum und die Kirche zu vernichten. (§ 57, Antichrist). „Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die ein große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig. Heimlich, unterirdisch, klein genug ist, ein Schandfleck der Menschheit“.(§ 62)

Sein letztes, aber erst nach seinem geistigen Zusammenbruch veröffentlichtes Bekenntnisbuch autobiografischen Charakters heißt Ecce Homo, ein biblischer Titel. Darin erklärt er sich selbst zur Person, an der sich das Schicksal der Menschheit entscheidet. Er sieht sich als dionysischer Erlöser. Er leidet, aber nimmt alles an als eine amor fati, als eine Liebe und Annahme des Schicksals.

Nietzsche verstand sich selbst als Experimentalphilosoph, und das ist seine bleibende Leistung: Neuland zu betreten

Aber es ist verfehlt, Nietzsches Schriften unmittelbar für eine Lebens- Orientierung zu halten, dafür ist seine Konzeption einer neuen Kultur und neuen Religion mit einem neuen Gott noch viel zu abhängig von dem, was er selbst überwinden will. Er verharrt innerhalb der Dialektik „Gott – Nicht Gott“ auf der Stufe der bloßen Negation. Wichtiger wäre eine neue Position, eine neue Synthese, sozusagen als das Dritte jenseits von klassischem Theismus und Atheismus. Vielleicht wäre dies die Mystik.

Was bleibt nach Nietzsche für ein Denken des Unendlichen, des Ewigen? Das menschliche Leben ist Geheimnis. Das Leben, auch das leibliche, soziale und sinnliche und erotische, gilt es in höchstem Maße zu schützen und zu pflegen und zu lieben. Wir können das Geheimnis des Lebens niemals umgreifen und damit niemals endgültig definieren. Wir sind sozusagen im ständigen Schwebezustand des Ungewissen. Das ist unsere Gewissheit, unser „Getragensein“. Gott ist dabei unser Symbol für dieses Schweben im Geheimnis, für dieses Ausgesetztsein dem Geheimnis gegenüber und IM Geheimnis. Wir brauchen dieses Symbol der Öffnung, der Weitung, weil wir wissen: Unsere Welt ist niemals nur irdische Welt. Der Mensch ist niemals nur Mensch, aber er wird wohl nie Übermensch. Er bleibt Mensch, ewig auf der Suche nach dem unergründlichen Geheimnis, allein und in (religiösen) Gemeinschaften, die für diese undogmatische Position Verständnis haben.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

Aktualisiert am 9. August 2020 durch CM

Was ist selbstbestimmtes Leben? – Der Salon im Oktober 2012

Wir starten am Freitag, 19. Okt. 2012, mit der gemeinsamen Lektüre und vor allem Besprechung des ersten Kapitels des Buches von Peter Bieri (Pascal Mercier) „Wie wollen wir leben?“, erschienen im Residenz Verlag, 2011. Es wird dringend empfohlen, dieses Kapitel bereits gelesen zu haben. Wir wollen im Salon vor allem gemeinsam sprechen, nachdenken, diskutieren… und eher am Rande gemeinsam lesen.

Dieses Buch ist allgemein zugänglich, also auch für Nichtphilosophen nachvollziehbar. Der Text führt in die Tiefen menschlichen Selbstverständnisses. Es ist ein persönlicher „Gewinn“, diese Texte des Berliner Philosophen Bieri zu verstehen.

Herzliche Einladung und Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

Der Salon abend von 19 bis 21 Uhr findet wieder in der Galerie Fantom in der Wilmersdorfer Hektorstr. 9 statt.

Aktualisiert am 7. Oktober 2012 durch