Martin Heidegger vor 50 Jahren gestorben: Und seine Philosophie? Eher tot als lebendig!

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich des Todestages Martin Heideggers am 26. Mai 1976.

ERSTES KAPITEL:
Der Ausgangspunkt:
Heideggers „noch frühe“ Philosophie (etwa „Sein und und Zeit“ von 1927) , vor allem sein spätes „Denken“ seit Mitte der dreißiger Jahre können keine inspirierende Orientierung bieten zu den großen Problemen unserer Gegenwart. PhilosophInnen leben und denken nicht in esoterischen, weltfernen Zirkeln. Sondern inmitten der Krisen der Welt wollen sie helfen, unsere Gegenwart „auf den Begriff zu bringen“ Und da ist bei Heidegger für die philosophisch Interessierten, die LeserInnen, nichts Weiterführendes, nichts Hilfreiches, zu entdecken: Da kann man sich bestenfalls abarbeiten an der Frage` Wie können wir seine Aussagen ganz anders denken und überwinden?
Es ist schon klar, dass direkte politische Ratschläge von PhilosophInnen nicht zu erwarten sind. Aber bei Heidegger ist die Situation besonders irritierend: Hat er doch eine ausgearbeitete Ethik oder „praktische Philosophie“ nicht denken können und wollen. Aber selbst zwischen den Zeilen seiner dann – nach der Wende, Kehre seines Denkens in den dreißiger Jahren – schwer nachvollziehbaren Texte gibt es keine Perspektiven, die als Orientierung zu jetzt aktuellen Problemen zu deuten wären.

Zu den seit Jahrzehnten besprochenen, aber nicht gelösten Umweltkatastrophen, zur globalen Ungerechtigkeit gegenüber den Armen, zum Neoliberalismus, Neokolonialismus, zur Umverteilung des Reichtums der Milliardäre, zum Neofaschismus in allen Ländern Europas, zur Krise der Demokratie, Verachtung der Menschenrechte weltweit… und so weiter hat Heidegger nichts gesagt und heute nichts zu sagen. Wer auch nur ansatzweise die Philosophie und das Denken Heideggers kennt, muss das erkennen! Es sei denn, man zieht noch einzelne Sätze, einzelne Aspekte, aus seinem Werk heraus, etwa zu seiner Technik – Kritik oder zur „Verfallenheit“ der Menschen an das „Man“. Aber wer etwa Hölderlin oder Nietzsche als solche verstehen will, braucht nicht Heideggers absonderliche Interpretationen; wer die Geschichte der Metaphysik verstehen will, muss sich nicht auf die totale Ablehnung der (klassischen) Metaphysik durch Heidegger einlassen und nur noch die Vorsokratiker hochschätzen.

Ergänzung am 22.5.2026: In dem Zusammenhang muss an Karl Jaspers erinnert werden, er äußerte sich zur gesellschaftliche Relevanz der Philosophie Heideggers: „Die großen Fragen nicht berühren: Geschlechtlichkeit, Freundschaft, Ehe, – Lebenspraxis – Beruf – Staat, Politik, – Erziehung usw.“ So Karl Jaspers über Martin Heidegger, in der Nr. 249 seiner Notizen, in: Karl Jaspers, „Notizen zu Martin Heidegger“, hg. von Hans Saner, Oktober 2013, Seite 381, notiert zwischen 1961 und 1964.  Weiteres zu Karl Jaspers: siehe Fußnote 1.

Es muss von Anfang an deutlich sein: Heideggers umfangreiches Werk liegt nun zwar vor, aber lediglich als so genannte „Gesamtausgabe“. Sie kann den Anspruch einer für wissenschaftliche Forschung übliche kritische Werkausgabe nicht erfüllen. Deswegen werden sich selbstverständlich Philosophen, Politologen, Historiker und vor allem auch Psychologen wegen seines extremen egozentrischen „Sendungsbewusstseins“ weiter Heidegger wissenschaftlich – kritisch befassen müssen. So wie es ja auch selbstverständlich ist, eine kritische wissenschaftliche Forschung zu Ernst Jünger, Carl Schmitt, Arnold Gehlen oder Céline und vielen anderen zu leisten, die sich wie Heidegger in einem rechtsextremen Denken verirrten. Der Philosoph Hans Jörg Sandkühler hat in seinem Beitrag „Kaum einer, der sich nicht angepasst hätte“ über in Deutschland verbliebenen deutschen Philosophen in der Nazi-Zeit geschrieben: Fast alle waren, wenn nicht überzeugte Nazis, so doch Mitläufer und Sympathisanten. Dieser wichtige Beitrag zeigt die Verführbarkeit der Philosophen durch rechtsextremes, antisemitisches Denken, siehe unten den Literaturhinweis.
Die immer wiederkehrende, stereotype „allgemeine“ Einschätzung Heideggers als eines „Philosophen von Weltrang“ wird man also neu bestimmen müssen … und als globale „Ehrenbezeichnung“ wohl beiseite legen: Das sind die grundlegenden Perspektiven zum 50. Todestag Martin Heideggers. Sein Werk muss weitererforscht werden, es ist aber für die Probleme der Gegenwart irrelevant, nicht weiterführend, kurz: nicht hilfreich. Das gilt für die LeserInnen seiner Werke, es sei denn man will In der reflektieren Ablehnung Heideggers auf eigene Gedanken der Kritik kommen…

Diese hier nur skizzierte Erkenntnis ist schmerzlich für die vielen „alten“, also ehemaligen Heidegger – Fans, Schüler Heideggers , die einen großen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Entziffern, Hin – und Her-Wenden, dem Durchkauen und Nachbeten von Heidegger Texten verbracht haben. Sie fragen sich: Wohin hat uns unser Heidegger – Studium geführt? Ist unsere Existenz, unser Dasein, durch seine Ausführungen heller, klarer, lebendiger geworden?
Im zweiten Kapitel unseres Hinweises – aus aktuellem Anlass – einige zentrale Erkenntnisse zu Leben und Werk Martin Heideggers, wieder in gebotener Kürze und in nachvollziehbarer, nicht im esoterischem Jargon des späten Heidegger. Es wird also auf elementare Erkenntnisse zu Leben und Werk Heidegger hingewiesen, so wird deutlicher, was in unseren Thesen des ersten Teils aufgezeigt wurde. Die Hinweise des Zweiten Kapitels sind bei dem umfangreichen Werk selbstverständlich kleine, fragmentarische Essays. Sie können die weitere Auseinandersetzung für „Nicht – Fach – Philosophen“ fördern. Aber: Wer darf sich schon „Fachphilosoph“ nennen, wenn man nur an die allgemeine Verführbarkeit der allermeisten in Deutschland verbliebenen Philosophen durch die Nazi – Ideologie denkt? Karl Jaspers gehört sicher zu den wenigen Aufrechten in dieser Zeit…

ZWEITES KAPITEL:

1.
Zur Gesamtausgabe:
Zur sogenannten „Gesamtausgabe“ muss beachtet werden: „Es existiert kein unabhängiges wissenschaftliches Herausgeber-Gremium, sondern es ist die Familie Heideggers, die die Herausgeber bestimmt, als ersten den letzten persönlichen Assistenten Heideggers Friedrich Wilhelm von Herrmann, der dann zum ‚leitenden Herausgeber‘ aufstieg.“ Quelle: Anton M. Fischer: Späte Götterdämmerung. In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Martin Heideggers ‚Schwarze Hefte‘, Berlin 2016, S. 416–439. hier: S. 423.
Der us-amerikanische Philosoph und Heidegger – Spezialist Richard Wolin betont, „dass die Hüter von Heideggers Nachlass ebenso wie die Editoren systematisch pro-nazistische und antisemitische Äußerungen aus den veröffentlichten Versionen von Heideggers Texten getilgt haben. Was die oft vorgebrachte Behauptung, es handele sich um eine Ausgabe ‚letzter Hand‘, Lügen straft“. Solange es keine Kritische Ausgabe von Heideggers Werken gebe, habe man keine Gewissheit über das, was Heidegger seinerzeit geschrieben hat, betont Richard Wolin. Quelle: Richard Wolin: Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015). de Gruyter, München. Wolin hat kürzlich das grundlegende Buch veröffentlicht: „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ (2022).
Der Journalist Eggert Blum erklärt vor dem Hintergrund der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“, warum „Heideggers Judenfeindschaft“ nicht schon früher in der Gesamtausgabe sichtbar geworden sei. Blum erhebt den Vorwurf, dass Heideggers Erben über viele Jahre antisemitische Spuren „mit Eifer verwischt“ hätten, beispielsweise im Band 69 der Gesamtausgabe „Geschichte des Seyns“ den Satz mit der „Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum“, den der junge Herausgeber Peter Trawny 1998 auf Geheiß von Friedrich-Wilhelm von Herrmann eliminiert hatte. Quelle. Eggert Blum, Schwarze Hefte, geschönte Werke, „SWR2“, 12. November 2014.

2. Zu den „Schwarzen Heften. …..
Die in weiten Kreisen übliche Qualifizierung Heideggers als eines Denkers von Weltrang wurde definitiv erschüttert durch die Veröffentlichung der so genannten „Schwarzen Hefte“. Es handelt sich dabei im Original um 33 schwarze Wachstuch-Hefte, die Heidegger als seine „Denk-Tage-Bücher“ verwahrte und deren Veröffentlichung er erst post mortem gestattete. Im dritten Band dieser Hefte, im März 2014 publiziert, zeigt sich Heidegger mit antisemitischen Äußerungen und seiner Verbundenheit mit der Nazi – Ideologie. „Mit der Veröffentlichung von Heideggers „Schwarzen Heften“ im Jahr 2014 wurde deutlich, dass er eine weitaus radikalere Vision der `konservativen Revolution` vertrat, als zuvor vermutet. Wie sich herausstellt, bestand seine Unzufriedenheit mit dem Nationalsozialismus hauptsächlich darin, dass dieser nicht weit genug ging. Die Hefte zeigen, dass Heideggers Philosophie keineswegs vom Nationalsozialismus getrennt war, sondern vielmehr von ihm durchdrungen war,“ so Richard Wolin in „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ 2023. In diesen persönlichen Notizen der „Schwarzen Hefte“ behauptet Heidegger, das Judentum zeichne sich durch „rechnendes Denken“ aus, zudem sei das Weltjudentum Schuld am 2.Weltkrieg.
Dabei hatten kritische Heidegger Forscher schon viele Jahre zuvor Heideggers Bindung an die Ideologie des Nationalsozialismus herausgearbeitet, etwa Studien über „Philosophie und Politik bei Heidegger“ von Otto Pöggeler (1972) oder schon 1965 Alexander Schwan. Der Philosoph und Politologe Prof. Alexander Schwan betonte erneut in seinem Beitrag in dem Band „Heidegger und die praktische Philosophie“ (1989): „Heidegger bietet nichts, was zur Überwindung des Nationalsozialismus beitragen könnte.“ (S. 100). Zudem hat Heidegger, so Alexander Schwan, „das Auftreten von Rassengedanken und Rassenzüchtung als seinsgeschichtliche Notwendigkeit anerkannt.“ (ebd.) Heidegger wird also nun deutlich gesehen als politisch gebundener rechtsextremer Philosoph, der nicht nur die Demokratie verachtete und das Führer-Prinzip fördern wollte, sondern dessen „schablonenhaften Analysen zum gegenwärtigen Zeitalter und zu den politischen Vorgängen gänzlich unzureichend sind. Sie sind darüber hinaus in ihrer Apodiktik gefährlich… Das damit von Heidegger eingeschlagene philosophische Vorgehen ist unzumutbar und inakzeptabel.“ Quelle: Alexander Schwan, „Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp, 1989, S. 105). Und der US-amerikanische Historiker und Philosoph Richard Wolin zeigt, „dass Heideggers gesamter vernunftkritischer Ansatz und seine verstörenden antisemitischen Bekundungen eng verknüpft sind“.
In seiner großen Heidegger Biografie schreibt der Philosophie-Historiker Guillaume Payen : „Heideggers Volk bestand aus einheitlichem Blut , das die Juden ausschloss“ (S. 602). Und: „Seine Überzeugung ist, dass Deutschlands Heil Adolf Hitler heißt, das stand vor Januar 1933 für ihn fest“, schreibt der Philosoph Jean-Paul Bled, in Payen, S. 11.
Zu dem Buch „Martin Heideggers Schwarze Hefte“ (hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Suhrkamp 2016), schreibt Sabine Hollewedde zusammenfassend: „Bis in postmoderne Positionen hinein zieht sich das Erbe der Heideggerschen Subjekt- und Vernunftkritik sein ‚fatalistischer Kern‘, der den Menschen jede Fähigkeit zur Emanzipation abspricht und gar noch fordert, sie mögen sich in das (Seins-)Geschick fügen. Dass ein solches Denken nicht bloß Affinität zu einem faschistischen Politikverständnis besitzt, sondern diesem seinem Kern nach entspricht, macht die Lektüre der Beiträge dieses Bandes deutlich.“ (zit. in https://www.socialnet.de/rezensionen/21684.php)
Direkt zum Antisemitismus Heideggers in den „Schwarzen“ Heften“, oft schwer genau zu entschlüsseln, hat der Jurist Alfred J.Noll in seiner Heidegger – Kritik Einges Wesentliche gesagt, er fasst Äußerungen Heidegger in den Schwarzen Heften, veröffentlicht in der „Gesamtausgabe“ Band 96, zusammen: “Die Juden sind unfähig, und sie sind unwert – und sie werden, können und sollen in Hinkunft keine Bedeutung mehr haben“ (S. 188 in Noll). In Band 97 der „Gesamtausgabe heißt es: „ Die modernen Systeme der totalen Diktatur entstammen dem jüdisch-christlichen Monotheismus“ (S. 1189 in Noll).

3. Die Briefe an seinen Bruder Fritz
Auch in den Briefen Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz aus den Jahren 1930 bis 1949 wird die Verbundenheit Martin Heideggers mit der Nazi-Ideologie und dem Antisemitismus deutlich. Oft spricht der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten und vernichteten Juden ist hingegen an keiner Stelle des Briefwechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlichen, für die Juden und die anderen Verfolgten des Nazi-Regime mitfühlenden Heidegger gezeigt. Das war er aber nicht! Briefe sind enthüllender als Buchpublikationen eines Autors.
Es wird in den Briefen auch die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er „spüre, dass das Seyn ihm etwas zu sagen habe“: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns…“ Tausende Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden systematisch umgebracht, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: Dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Heidegger maßt sich eine geradezu prophetische Rolle an: „Durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis? Heidegger sieht sich als diesen „einzigen Menschen“, durch ihn wird förmlich die Erlösung vermittelt, durch die ihm gewährte Gnade der Seyns-Hörigkeit.
Einige zentrale Sätze aus den „Briefen“ Martin Heidegger an seinen Bruder Fritz in Meßkirch:
Am 18. Dezember 1931:
„Es sieht so aus, als ob Deutschland erwacht und sein Schicksal begreift und erfasst. Ich wünsche sehr, dass du dich mit dem Hitlerbuch („Mein Kampf“) auseinandersetzt. Dass dieser Mensch einen außergewöhnlichen und sicheren politischen Instinkt hat… das darf kein Einsichtiger bestreiten. Es geht nicht um kleine Parteipolitik mehr, sondern um Rettung oder Untergang Europas und der abendländischen Kultur. Wer das auch jetzt nicht begreift, der ist wert, im Chaos zerrieben zu werden.“ (S. 21, 22)
Am 27.Juli 1933, S. 29:
„Ich nehme an, dass du nicht zu den Brüning Bewunderern (Brüning war Politiker der katholischen Zentrumspartei, CM) gehörst und das Zentrum den Weibern und den Juden als Zufluchtsstätte überlässt.“(S. 29). Der tiefsitzende Hass Heideggers auf alles Katholische kommt da erneut zum Ausdruck, CM.
Im Brief vom 3. 4. 1933 spricht Heidegger von der „internationalen jüdischen Hochfinanz.“
Am 12.2. 1945:
„Vermutlich ist jetzt trotz des Elends wenig Schmerz in der Welt“.
Am 23. Juli 1945, nach Kriegsende und dem Beginn der Überprüfungen der Nazi-Täter::
„ Alles ist übel und schlimmer als zur Nazizeit. (S 127).
Am 23. Juli 1945: „Hier (zu Hause, In Freiburg) ist es wenig schön, wir müssen KZ-Leute in die Wohnung nehmen… (bei den „KZ-Leuten“ handelt es sich wohl nicht um KZ Aufseher, sondern um überlebende Juden, dieses irritierende Wort „KZ – Leute wird in den langen Kommentaren zu den Briefen von den Herausgebern, dem Rabbiner Walter Homolka und dem Enkel Arnulf Heidegger, nicht kommentiert!), S. 126.
Am 31. Juli 1945: „Der Gesinnungsterror der (von Nazis nun etwas befreiten Fakultät) wird noch stärker als in der Zeit des Nationalsozialismus.“ (S.129).

4. Biografische Hinweise
Es darf nicht vergessen werden, dass Martin Heidegger als Kandidat fürs Priesteramt von 1909 bis 1911 katholische Theologie in Freiburg studierte, aus „gesundheitlichen Gründen“ dann dieses Studium aufgab zugunsten von Philosophie, Geschichte und Mathematik. (Vgl. Johannes Schaber, in Heidegger und die christliche Tradition, S.93. ). Am 30.9. 1909 war Heidegger sogar in das Noviziat der Jesuiten in Tipis bei Feldkirch eingetreten, wurde er aber schon am 13.10. 1909 wegen „schwacher physischer Konstitution“ entlassen. Daraufhin entschied er sich fürs Priesteramt in der Diözese Freiburg, dieses Projekt gab es 1911 auf, weil ihn Philosophie sehr viel mehr interessierte. (Quelle: Heidegger Handbuch, hg. Dieter Thomä, 2003, S. 517).
Kein biografischer Hinweis darf die Charakterstruktur Heideggers außer Acht lassen: Heidegger wollte schon als junger Philosoph ein ganz Besonderer sein, als eine Ausnahmegestalt gelten, spätestens seit „Sein und Zeit“ bis zum Tod und darüber hinaus durch die von ihm als posthum verfügten Schriften. Nur wer diesen exzessiven Drang zum Außergewöhnlichen bei Heidegger wahrnimmt, mit einer ganz besonderen Sendung ausgestattet und damit zur Führung berufen, kann verstehen, dass Heidegger so viele Leute tatsächlich über so viele Jahre auch seit 1950 etwa als eine Art Führergestalt faszinieren konnte. Heidegger als früheres Mitglied der Nazi-Partei passte seit den 1950 Jahren genau in eine bürgerliche politische Kultur der Bundesrepublik (und Frankreichs), die schon wieder einen weisen Führer verlangte, der zwar für die meisten Hörer und Leser viel Unverständliches-Esoterisches sagte und schrieb, der sich aber als ein hochbegabter philosophischer „Führer“ selbst von persönlicher Schuld in der Nazi – Herrschaft freisprach und damit anderen Mitläufern und Partei-Mitgliedern auch die Möglichkeit eines guten Gewissens bot: Denn Heidegger lehrte: Auch die Täter und Mitläufer der Nazi-Zeit folgten einer Art Schicksal, von ihm vornehm „Schickung“ genannt, dem bzw. der sie nicht entkommen, geschweige denn Widerstand leisten konnten. Heidegger hatte keine Scheu, sich als gehorsamer Hirte des Seins bzw. Seyns zu verstehen, der nur den Winken des Seins, Seyns, hörend und gehorsam folgen musste. „Oft danke ich dem Seyn, dass es mir Triebe zum Namenlosen des unscheinbaren Denkens zugeboren und durch Herkunft und Erziehungsgang festgegründet hat.“ , (Brief an Fritz, vom 21.2. 1946, S. 134).

5  Jugend und katholische Studentenzeit
Die sehr umfangreiche, sehr gründliche und um Objektivität bemühte Studie des französischen Historiker Guillaume Payen, in Frankreich unter dem Titel „ Martin Heidegger. Catholicisme, Révolution, Nazisme“ im Jahr 2016 veröffentlicht, in Deutschland erst 2022 publiziert unter dem allgemeineren Titel „Heidegger. Eine Biographie“ (Übersetzung von Walther Fekl). Die deutsche Ausgabe hat 703 Seiten, davon werden der Jugend und der frühen Dozentenzeit bis 1923 ca. 150 Seiten gewidmet. Mit anderen Worten: Auch für Pschologen, die sich mit Heideggers Charakter befassen werden, ist diese Jugendzeit im erzkatholischen Messkirch für Heidegger entscheidend und prägend. Hier nur so viel: Martin Heidegger wurde von seiner Familie (der Vater war Messner) in einem „brennenden katholischen Glauben erzogen“, betont der Philosoph Jean- Paul Bled in seinem Geleitwort zu Payens Studie. „Der Katholizismus seiner Familie war konservativ geprägt und lehnte die gottlose Moderne ab. Tradition, Demut und Gehorsams gegenüber dem Schöpfer waren die alles beherrschenden Begriffe ..“ So Guillaume Payen, Seite 47. Heidegger hatte sich, wie gesagt, fürs katholische Priesteramt entschieden, studierte von 1909 -1911 katholischeTheologie, wandte sich dann aber 1917 von der Kirche ab und wurde zum heftigen Gegner der Katholischen Kirche. Heideggers Begründung: Die Bindung an die Katholische Kirche und ihre Dogmen würde seine Freiheit als Philosoph zu sehr einschränken. Seine vielseitig gebildete Frau Elfride (sic) war Protestantin und sehr früh schon überzeugte NSDAP-Sympathisantin, sie bestärkte ihren Freund, späteren Mann in der Ablehnung des Katholizismus. Diese Haltung schloß für Heideger nicht aus, sich in seiner frühen Dozentenzeit sehr für Paulus und seine Briefe sowie für den Augustinus der „Confessiones“ zu interessieren sowie auch für Luther. Immer geht es dabei Heidegger um die Freilegung der frühchristlichen Lebenshaltung, dabei spricht er viel von Paulus, aber nicht von Jesus von Nazareth. Dieses Desinteresse an Jesus von Nazareth und seiner Botschaft zieht sich bis ins Spätwerk hin, wenn es um die Frage nach Gott bzw. den Göttern und dem Seyn geht. Trotzdem ist das heftige Interesse des „frühen Heidegger“ an der urchristlichen Lebenshaltung bemerkenswert, zumal er dabei für eine christliche Theologien plädiert, die sich von allen griechischen, d.h. metaphysischen Einflüssen freihält! (Constantino Esposito, „Von der Faktizität der Religion zu Religion der Faktizitäten“,S. 54 ff.)
Heidegger war seit 1927 „weltberühmt“ geworden wegen seines Buches „Sein und Zeit“, ein Versuch über die Analysen des faktisch gelebten „Daseins“ und dessen Bindung an die Zeit („Dasein“ nennt Heidegger den Menschen) die Frage nach dem Sein klären zu können. Dieses Projekt aber scheitert, trotz mancher vielfach zitierter Analysen des Daseins sieht Heidegger sein Werk „Sein und Zeit“ eher als Fragment an. Deswegen die „Kehre“ im Denken Heideggers: Da wird der Denker zum Hörer der Offenbarungen des Seins… Das umfangreiche „Sein und Zeit“ wurde als philosophische Sensation wahrgenommen und hatte Heidegger berühmt gemacht .. und er konnte glauben: Er sei als Philosoph zu Höherem berufen, so auch später zum philosophischen Führer selbst unter dem Führer Hitler…Über die Begrenztheit der Analysen des Menschen („Dasein“) in „Sein und Zeit“ gibt es zahlreiche Studien. Der Philosoph und Heidegger – Spezialist Jacques Taminiaux sagt in dem genannten Heft „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“ (S. 67): Heidegger denke in „Sein und Zeit“ nur den radikal isolierten Menschen. „Für Heidegger dreht sich alles um die Konfrontation des einzelnen mit seiner eigenen Sterblichkeit, mit seiner endlichen Existenz… Weil er auf den Tod zuläuft, das heißt auf das Nichts. Zu keinem Zeitpunkt scheint ihm, wie der Philosoph Lévinas betont, der Tod eines anderen etwas anzugehen. Auf das Dasein eines Volkes übertragen, führt dieser Solpsismus Heidegger geradewegs in einen übersteigerten Nationalismus.“

6. Rektorat der Universität Freiburg
Die Diskussion um Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus bezieht sich auch auf die Zeit seines Amtes als Rektor der Universität Freiburg. Im April 1933 wurde Heidegger Rektor der Freiburger Universität. Am 1. Mai 1933 war er in die NSDAP eingetreten. Seine Antrittsrede am 27.Mai 1933 hatte den Titel „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“. Am 3. November 1933 veröffentlichte Heidegger in der Freiburger Studentenzeitung einen Artikel mit dem Titel „Deutsche Studenten!“, darin schreibt er: „Lasst nicht Theoreme und Ideen die Regeln eures Lebens sein. Der Führer selbst und er allein ist die deutsche Wirklichkeit von heute und morgen und ihr Gesetz“; er schloss seine offizielle Rede mit dem Satz des nationalsozialistischen Grußes ‚Heil Hitler‘. (Quelle: www.information-philosophie.de/heidegger-nationalsozialismus.html)
Im April 1934 legte er jedoch das Amt des Rektors nieder, aber er lehrte weiter an dieser Universität. Als Rektor der Universität Freiburg will er ausdrücklich die Universität im Sinne der nationalsozialistischen Politik umgestalten. Er führt einen unerbittlichen Kampf, um zum philosophischen Vordenker der Bewegung der Nationalsozialisten zu werden, er ist so selbstbewusst, „den Führer zu führen“. Er muss erkennen, dass ihm das nicht gelingt und nennt später die Einschätzung seiner politischen Rolle seine Dummheit. Freilich sieht es Heidegger selbst nicht als Dummheit an, überhaupt Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Vom 1.Mai 1933 bis zum Ende des Hitler Regimes 1945 blieb er NSDAP-Parteimitglied.
Die französische Militärregierung, zuständig auch für die Universität Freiburg, verfügte Ende 1946, im Rahmen des „Entnazifizierungs-Verfahrens“ ein Lehrverbot „auf Dauer“ und den Ausschluss Heideggers aus der Universität. 1949 durfte Heidegger in Deutschland aber wieder veröffentlichen, und 1949 wurde das Lehrverbot aufgehoben, Heidegger blieb zwar offiziell emeritiert, seit dem Wintersemester 1950/51 durfte er wieder an der Universität als Lehrbeauftragter lehren. (Vgl. Nachwort zu „Was heißt Denken, Stuttgart 1992, s. 73.). Im Wintersemester 1951 hielt Heidegger die Vorlesung „Was heißt Denken?“, die Hauptthese: „Wir denken (noch) nicht“. Und Heidegger dachte in dieser Vorlesungen nicht im entferntesten daran, ein Wort zu seinem „Dasein“ in der Nazi – Zeit zu sagen. Und er dachte auch nicht daran, sich von seiner berühmten Rektoratsrede von 1933 zu distanzieren. Natürlich meinte Heidegger mit Denken nicht das selbstkritische, politische Denken, sondern wie immer bei ihm: Das Denken des Seins (Seyns)…Das war sein einer und einziger Gedanke…

7. Zur Gottesfrage
Seit 1919 ist Heidegger ein entschiedener Feind des Katholizismus, nicht aber des Christentums, wie er in einem Brief an Engelbert Krebs vom 9.1.1919 betont. Das Christentum erforscht Heidegger in den Briefen des Apostels Paulus, dabei geht es ihm nicht um den dogmatischen Inhalt, sondern um die formale Lebenshaltung der ersten Christen in der „Urkirche“, zumal ihr Umgang mit der Zeit ist ihm wichtig, vor allem mit der Erwartung der „Endzeit“. Dabei lässt Heidegger auch die Erörterung über Jesus als Messias beiseite. Mit der Abwendung Heideggers von der für die katholische Theologie damals grundlegenden Scholastik wird Luther für ihn wichtig, wobei es auffällt, dass Heidegger dabei das zentrale Luther-Thema der Rechtfertigung aus dem Glauben ignoriert (vgl.Karl Lehmann, Heideggers Beziehung zu Luther, in „Heidegger und die christliche Tradition“, s. 161).
In seiner Spätphilosophie seit Mitte der 1930 Jahre geht es Heidegger um eine Gottesfrage, die einerseits stark an die griechische Erfahrung im Sinne seines Verständnisses von Hölderlins gebunden ist, also an die Erfahrung der „Schickung“ von Einsichten durch das Sein, in gewisser Weise um privilegierte Offenbarungs- Erfahrungen für den Denker. An dieser Stelle fällt Heidegger ins esoterische Sprechen, das nur einige Erwählte verstehen können. Heidegger wehrt sich gegen das objektivierende Verfügbarmachen Gottes in der klassischen Metaphysik und Religion. „Wenn es überhaupt menschenmöglich ist, das Göttliche zu denken, dann nicht mehr als vorhandenes Etwas… Die Dimension des Göttlichen soll das Andere bleiben, das Andere des Seins, denn nur als das Andere des Seins erlangt die Dimension des Göttlichen ihre eigene Würde.“( Paola-Ludovica Coriando, in „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, s. 94). Nur wenige können diesen „anderen“ Gott erfahren, es sind „die großen und verborgenen Einzelnen“, die `Reifen`, die den „Vorbeigang“ dieses Gottes würdigen können.
Jürgen Habermas urteilt sehr klar über das Gottes-Denken des späten Heidegger, er zeigt, dass Heidegger „von einem Ort jenseits des Logos spricht“, also außerhalb der allgemein zugänglichen Vernunft und ihrer Begriffe. Habermas meint, Heidegger gebe sich, so wörtlich, „neuheidnischen Spekulationen über die Flucht oder Ankunft der Götter hin. Dabei gebe er sich einer Rhetorik hin, „die die Kraft des überzeugenden Arguments hinter sich gelassen hat und durch die beschwörende Selbstinszenierung der großen und verborgenen Einzelnen ersetzt. (Habermas in „Zwischen Naturalismus und Religion“, 2005, S. 256. ). Habermas weist darauf hin, dass sich der späte Heidegger eines Wortschatzes bedient, der letztlich dann doch aus der von ihm abgelehnten Herrschaft der Kirchen herkommt: Etwa: Wagnis und Sprung, Entschlossenheit und Gelassenheit, Hingabe und Geschenk, Ereignis usw.
Und letztlich blieb Heidegger an die uralte katholischeWelt seiner Kindheit gebunden, als er sich in seinem ganzen Leben gegen Demokratie und liberalen Rechtsstaat stellte und so dann doch Positionen des Papstes Pius IX. akzeptiere, als dieser in seinen Enzykliken die Demokratie und die Menschenrechte ablehnte. Heidegger ist also sehr indirekt, aber wirksam-intensiv im Sinne der katholischen Theologie des 19. Jahrhunderts doch katholisch geblieben. „Heideggers erste Bestimmung, die katholische, blieb ausschlaggebend für seine politische Beziehung zur Modernität, auch in Bezug auf den Antisemitismus“, (S. 614 Payen.)
Aber es ist sehr die Frage, wie dieser vom späten Heidegger letztlich im Rahmen griechischer Begriffe gedachte Gott etwas mit dem biblischen Gott zu tun hat. Man beachte, dass der junge Heidegger, vor „Sein und Zeit“, ausdrücklich das christliche Denken von der Rezeption griechischer Begriffe befreien wollte und explizit für ein nicht-griechisches, also nicht – metaphysisches Denken des christlichen Glaubens eintrat. Man denke etwa an Martin Heideggers Vorlesung Einleitung in die Phänomenologie der Religion, gehalten im WS 1920/21,.

8. Das Sein (Seyn) Heideggers
Dies ist die entscheidende und schwierige Frage, die aber außerhalb der esoterischen Begriffe Heideggers beantwortet werden muss! Was ist das Sein bzw. in der Spätphilosophie das Seyn?
Ein Versuch des nicht esoterischen Verstehens. Das Sein ist das alles Seiende in seinem Sein Einsetzende, sozusagen die übergeordnete Macht und Kraft. Das Sein ist also durchaus dem Gott verwandt, vielleicht mit Anklang an den biblischen Schöpfer-Gott, aber Sein meint Gott sozusagen in säkularisierter Begrifflichkeit… vielleicht ist also Gott doch mit Sein, Seyn, sehr verwandt?
Und wenn über Heidegger und die christliche Religion nachgedacht wird, bitte noch einmal beachten: Heideggers Gott steht nicht mit Jesus von Nazareth und seinem Evangelium in irgendeiner Verbindung. Es wäre ein Forschungsthema für Unentwegte noch einmal zu fragen: Spricht der Philosoph Heidegger von Jesus und seinem Evangelium vielleicht irgendwo „zwischen den Zeilen? Etwa von der Bergpredigt? In dem 574 Seiten umfassenden Buch „Heidegger Handbuch“ kommt im Sachregister das Stichwort Evangelium , Bibel oder gar Bergpredigt nicht vor, im Personenregister kein Hinweis auf Jesus von Nazareth, hingegen 4 Hinweise auf den Apostel Paulus und seine Briefe.
Zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 hielt der katholische Theologe und Priester sowie auch Philosoph Bernhard Welte – auch er stammte aus Meßkirch – eine Ansprache: Heidegger hatte von Welte, seinem Freund, möchte man fast sagen, ausdrücklich eine christliche Beerdigung gewünscht, eine übliche katholische Trauerliturgie fand allerdings nicht statt. Welte behauptete dabei u.a.: „Heidegger hat auch sonst seine Verbindung zur Gemeinschaft der Glaubenden nie unterbrochen. Er ist freilich seinen eigenen Weg gegangen, und er hat ihn wohl gehen müssen (sic!), seinem Geheiß (sic!) folgend und man wird diesen Weg nicht ohne weiteres einen christlichen im üblichen Sinne des Worte nennen können“. (zit. in: „Martin Heidegger – Bernhard Welte. Briefe und Begegnungen“, hg. Alfred Denker und Holger Zaborowski, Stuttgart 2003, dort S. 127). Man beachte, dass Welte damals den Lebens- und Denkweg Heideggers als Schicksal interpretierte, so , wie Heidegger es selbst tat, wenn er an seine politischen Verirrungen in der Nazizeit und danach dachte…Zur Beisetzung wurden übrigens von Heidegger ausgesuchte Verse von Hölderlin vorgetragen, ein deutlicher Hinweis: „Mein Glaube ist wesentlichen Hölderlin inspiriert.
Kardinal Karl Lehmann, auch er ein Kenner der Philosophie Heideggers, schrieb anläßlich des 30. Todestages von Heidegger sehr versöhnend und sehr wohlwollend: “Wer vor dem Grab von Martin Heidegger steht, wird entdecken, dass da statt des – in Meßkircher Gegend – üblichen Kreuzes ein Stern auf dem Grabstein zu finden ist. Vielleicht hat er bei diesem `großen Suchenden` Martin Heidegger mehr mit dem Stern von Bethlehem zu tun, als viele denken mögen. Vielleicht auch mehr als er selbst.“ Über Heidegger und den „Stern von Bethlehem“ gibt es meines Wissens noch keine Doktorarbeit, aber: eine ziemlich gewagte These verbreitet da der Heidegger Versteher Kardinal Lehmann… (zit. In „Feldweg und Glockenturm“, Festschrift anläßlich des 30. Todestages von Martin Heidegger“, Gmeiner Verlag 2007, s. 28).
Heidegger hatte zweifellos kein Interesse an der Jesus Gestalt, dessen Ethik hätte ihn vielleicht auf den Gedanken gebracht, selbst eine Ethik zu denken. Heidegger hielt sich in seinem Größenwahn hätte ich fast gesagt ausschließlich an die Seinsfrage oder Seynsfrage, mit der er die ihn Lesenden fesselte. Im Rahmen seiner Vorliebe für Griechenland und seine frühen Denker war er mehr am Geschick interessiert, wohl einem anderen Wort für Schicksal, als einer waltenden Macht des Seyns, der er sich hingab, auf die er gehorsam hörte als „Hirt des Seins“. So konnte er sich unschuldig fühlen in seinen Verstrickungen in der Nazi-Zeit und sein rechtsradikales Denken insgesamt. An seinen Bruder Fritz schrieb er am 3. Dezember 1944, welche Gefühle bei ihm aufkommen angesichts der zerstörten Straßen in Freiburg: “Trotz allem rührt es nicht an das Innerste und an das Vertrauen und Wissen, das sich geborgen gibt in das Unzerstörbare und im Innersten huldvolle GESCHICK:“ (S. 113, „Heidegger und der Antisemitismus). Und ein Beispiel für Heideggers esoterische „Spiritualität“, ebenfalls in einem Brief an seinen Bruder Fritz am 22.2. 1945: „In der Verdüsterung des Seienden ist das helle Licht des Seyns um mich. Ich wünsche sehr, dass du daran Anteil hast“. (S. 123).

9 .Mit Heidegger hoffen lernen?
Zu Beginn dieses Hinweises haben wir erklärt: Heidegger hat zu den drängenden aktuellen Fragen der Menschheit „eigentlich“ nicht viel zu sagen, z.B., elementar: wie Menschen Hoffnung entwickeln können in dieser jetzt offenbar besonders verrückten kriegerischen Welt. In einem seiner neuen Bücher „Der Geist der Hoffnung“ (Berlin 2024) hat der Philosoph Byung-Chul Han (er hat über Heidegger seines philosophische Doktorarbeit verfasst) seinen Gesamteindruck geschrieben: „Heideggers Denken besitzt keine Sensibilität für das Mögliche, für das Kommende… Er ist unterwegs zum Gewesenen, zum Wesen… Das Denken der Hoffnung orientiert sich nicht am Tod, sondern an der Geburt, nicht am In-der-Welt-Sein, sondern am In-die- Welt-Kommen… Hoffnung hofft über den Tod hinaus.“ (S. 112)… „Wer hofft, rechnet mit Unberechenbarem, mit Möglichkeiten gegen alle Wahrscheinlichkeit.“ (S. 93).

10. Immer wieder „Sein und Zeit“: Die Tagung End Mai 2026
Im Schloß Meßkirch findet vom 29. bis 31. Mai 2026 eine von der großen Anzahl der Referate und Arbeitsgruppen äußerst anspruchsvolle Tagung der Heidegger Gesellschaft statt, aber es geht nicht etwa um den politischen Heidegger oder gar über seine Nazi-Bindung, sondern über „Sein und Zeit“. Ist da nicht alles vielfach schon gesagt? Unter den ReferentInnen der Tagung habe ich keinen prominenten Heidegger – Kritiker entdeckt.
Am Donnerstag, 28.05.2026, um 19:00 Uhr findet dort jedenfalls ein Festakt zum Gedenken an Heideggers 50. Todestag statt. Den Festvortrag hält Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski, Universität Erfurt: „Warum Heidegger weltweit fasziniert – und was der uns heute noch zu sagen hat“. Prof. Zaborowski setzt sich durchaus kritisch, aber immer auch wohlwollend seit Jahren mit Heidegger auseinander, er ist jetzt Vorsitzender der Heidegger – Gesellschaft. Zaboroski hat also Prof. Harald Seubert offenbar als Vorsitzenden dieser Gesellschaftabgelöst, Seubert war vor einigen Jahren durch Publikationen und rechtsradikalen Blättern aufgefallen, siehe: https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/harald-seubert-vorsitzender-der-heidegger-gesellschaft
Das esoterisch wirkende Motto der Heidegger Gesellschaft heißt: „Winke, die Zugewunkenes weiterwinken.“ Von Heidegger stammt dieses „winke Winke“ – Zitat. Vielleicht meint das Motto aber auch: Reflektiert kritisch ein Abschiednehmen von oberflächlichen, verherrlichenden Interpretationen von Heideggers Werk … also „winke Winke“…??

11. Neue Projekte: HEIDEGGER UND DIE NEUEN RECHTSEXTREMEN IDEOLOGIEN  
Einige kritische Historiker sollen selbstverständlich den „Ober-Hirten“ des Seins (Seyns) untersuchen. Und nach wie vor fragen: Wie geriet ein eigentlich kluger Philosoph in die Nazi – Ideologie? Das schon genannte Problem ist nur: Eine kritische (!) Gesamtausgabe inklusive aller Briefe Heideggers werden wir wohl nicht mehr erleben. So werden wir wohl noch viele deswegen immer unpräzise Heidegger Tagungen erleben. Vielleicht mal was Neues: Eine Tagung über Elfride Heidegger, die Gattin und sehr frühe und leidenschaftliche Nazi – Anhängerin.

Trotzdem bleibt es dringend weiter zu untersuchen, in welcher Weise Heideggers Bindungen an die Nazi -Ideologie, seine Rassenlehre usw., heute in rechtsextreme Parteien eindringen und dort rezipiert und zitiert werden. Die neuen Rechtsextremen setzen auf eine rechte „Kulturrevolution“, und da wird Heidegger als ein Meisterdenker hoch bewertet. Man studiere aufmerksam, in welcher Weise in der rechtslastigen Presse Heideggers 50. Todestag „gewürdigt“ wird. Heideggers Assistent Friedrich – Wilhelm von Herrmann hatte sich 2013 dem rechtsextremen russischen Philosophen Alexander Dugin zum mehr als einstündigen TV Gespräch zur Verfügung gestellt.
Zur Nähe der „Neuen Rechten“, auch der AfD, zu Heidegger: siehe den wichtigen Beitrag von Micha Brumlik mit dem Titel: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Micha Brumlik hat in dem Buch „Das alte Denken der neuen Rechten“,hg. vom Zentrum Liberale Moderne, 2019, eine wichtigen Beitrag über Heidegger geschriebe: „Vom wahren Sein zur Volksgemeinschaft“, dort S. 31 – 39. Brumlink befasst sich mit der Heidegger Rezeption etwa der Identitären Bewegung (Martin Sellner, Walter Spatz):“Am Ende jeder Berufung auf Heidegger steht auch bei den heutigen Rechtsintellektuellen ein mystisches Raunen, das keinerlei Anschlussmöglichkeit an irgendeine Form rationaler Politik mehr aufweist.“ (S. 37)

FUßNOTE 1:

Der Philosoph Hans Saner war der persönliche Assistent von Karl Jaspers, er veröffentlichte 1978 (!) dessen „nachgelassenen“ Notizen zu Heidegger, es sind spontane Einsichten, Notizen, Fragmente. Es handelt sich um ca. 300 Blätter, verfasst zwischen 1928 bis 1964, sie lagen auf dem Schreibtisch von Jaspers. Sie zeigen anfänglich eine Freundschaft zwischen Jaspers und Heidegger. Zusammenfassend schreibt Saner: „Die Notizen sind nicht zu lesen als einseitige Abrechnung mit einem Zeitgenossen, sondern als der über Jahrzehnte anhaltende Versuch, auf ein Gespräch hin das Äußerste zu wagen` alle Konzilianz und Konvention preiszugeben, um, ganz rückhaltlos, das auszusprechen, was man in Bezug auf den anderen für wahr hielt, aber doch dem Korrektiv seiner Gegenrede aussetzen wollt“. (S. 20). Im Jahr 1933, spätestens 1936 kam es dann zur Trennung, zum Ende einer Freundschaft Jaspers – Heidegger (S. 14). Jaspers ist entsetzt über Heideggers Verbindung mit der Nazi – Ideologie. Er distanziert sich von Heidegger auch, weil dieser „die philosophierenden Individuen entmächtigt und die Philosophiegeschichte anonymisiert zur `Seinsgeschichte`…Jaspers zentrale Frag an Heidegger betrifft die Sinnhaftigkeit seiner quasireligiösen Rede vom `Ereignis des Seins`“. (Dieter Thomä in „Heidegger Handbuch“, Metzler Verlag 2005, S. 341.

Man ist geneigt, angesichts der Kritik von Jaspers an Heidegger an Aristoteles zu denken: „Wir philosophieren nämlich nicht, um zu erfahren, was Tugend sein, sondern um tugendhafte Menschen zu werden.“ „Nikomachische Ethik“ (Buch II, Kapitel 2 / 1103b).

 

Hinweise zur hier erwähnten Literatur:
Guillaume Payen, „Heidegger. Die Biographie“, WBG Theiss Verlag, 2022.
Dieter Thomä (HG), „Heidegger Handbuch“, Metzler Verlag, 2005
Walter Homolka und Arnulf Heidegger, „Heidegger und der Antisemitismus“, Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger, Herder Verlag, 2016.
Jürgen Habermas, „Zwischen Naturalismus und Religion“, Suhrkamp Verlag, 2005
Norbert Fischer und Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Heidegger und die christliche Tradition“, Hamburg 2007
Dies., „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, Hamburg, 2011.
Richard Wolin: „Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte“. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015)

Byung-Chul Han, „Der Geist der Hoffnung“, Ullstein Verlag, 2024.

„Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp Verlag 1989, dort vor allem der Beitrag von Alexander Schwan, aber auch die Beiträge von Hugo Ott und Otto Pöggeler.

Sehr wichtig das Interview (von Catherine Newmark) mit dem Philosophen und Philosophiehistoriker Hans Jörg Sandkühler über deutsche Philosophen in der Nazi – Zeit: In der Sonderausgabe des „Philosophie -Magazin“ (2014) mit dem Titel „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, dort die Seiten 57 – 62, grundlegend auch die Studien zum Thema von Wolfgang Fritz Haug.

Micha Brumlik: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Unter unseren zahlreichen Hinweisen auf Heidegger im Laufe der Jahre weisen wir nur hin auf „Heideggers esoterische Philosophie“: LINK : https://religionsphilosophischer-salon.de/5689_heidegger-ein-esoterischer-philosoph-hinweise-auf-ein-buch-von-peter-trawny_buchhinweise/philosophische-buecher

Alfred J. Noll, „Der rechte Werkmeister, Martin Heidegger nach den schwarzen Heften“, PapyRossa Verlag, Köln 2016, zu Heideggers Antisemitismus: S. 186 ff.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Aktualisiert am 7. Juni 2026 durch CM

Papst Leo XIV.: Künder des Friedens und der rückständigen Moral. Von Michael Meier, Zürich.

Ein Gast-Beitrag von Michael Meier, Zürich;  Theologe, Journalist und Publizist, veröffentlicht am 30.4.2026.

Zuerst publiziert in: LINK

Ein Jahr im Amt: Frauen mag er nicht gleichstellen. Die Sexualmoral nicht modernisieren. Demokratien begegnet er mit Vorbehalten.

Seit dem Schlagabtausch mit dem US-Präsidenten Donald Trump ist der sonst so zurückhaltende Papst Leo XIV. im Hoch. Als Donald Trump am Dienstag nach Ostern drohte, Iran in die Steinzeit zurückzubomben und eine ganze Zivilisation auszulöschen, trat der behutsame Pontifex aus der Reserve. «Das ist inakzeptabel», sagte er in Castelgandolfo. Und forderte die Amerikaner nicht etwa nur zum Gebet, sondern auch zur Intervention bei Kongressabgeordneten auf, sich nicht für Krieg, sondern für Frieden einzusetzen. Als Trump ihm daraufhin eine schreckliche Aussenpolitik vorwarf und ihn mahnte, sich nicht in die Politik einzumischen, konterte der Pontifex, er fürchte Trump nicht, er verkündige nur die Friedensbotschaft des Evangeliums.
Schon am Palmsonntag hatte der erste Amerikaner auf dem Papstthron gepredigt, Jesus sei der König des Friedens.  Gott lehne den Krieg ab, niemand dürfe Gott benutzen, um Krieg zu rechtfertigen. Gott erhöre nicht das Gebet derer, die Krieg führen, denn ihre Hände seien voller Blut, sagte er mit dem Propheten Jesaia.
Von Anfang an interessierte die Medien besonders, wenn sich Leo XIV. zu Themen äussert, die mit Trumps Politik zu tun haben, etwa zur rigiden Migrationspolitik, zur aggressiven Einwanderungspolizei ICE oder zum Angriff auf Venezuela.

Leo XIV. relativiert
Erst recht seit Beginn des Iran-Kriegs sehen Journalistinnen und Vatikanisten nun alle seine Äusserungen durch die amerikanische Brille und werten sie gerne als Frontalangriff gegen Trump und seine Politik. So auch die Aussage auf seiner Afrikareise im April, die Welt werde «von einer Handvoll Tyrannen zerstört». Leo selber musste richtigstellen, dass seine Rede schon Wochen zuvor im Vatikan formuliert worden sei. Es werde aber so aufgefasst, «als wolle ich dem Präsidenten widersprechen. Das liegt überhaupt nicht in meiner Absicht.» Der Papst selbst also relativierte seine Trump-Kritik und machte klar, dass er kein Anti-Trump sein will. Denn selbst sonst so besonnene Stimmen wie jene des Historikers und Theologen Massimo Faggioli überhöhten den Schlagabtausch zwischen den beiden mächtigsten Amerikanern völlig unangemessen. Faggioli prophezeite allen Ernstes, die Attacke von Trump gegen den Papst markiere «wahrscheinlich den Anfang vom politischen Ende» für den US-Präsidenten.
Dabei nimmt Leo einfach die von ihm bei Amtsantritt versprochene Rolle als Künder des Friedens ernst. «Der Friede sei mit euch allen» waren seine ersten öffentlichen Worte als Papst, gleich nach der Wahl am Abend des 8. Mai 2025 von der Mittelloggia des Petersdoms zur Menge der Gläubigen gesprochen. Angesichts der unsicheren und kriegerischen Zeiten dürfte Leo XIV. In der Tat eine Stimme des Friedens mit grosser Resonanz werden, indes kaum ein eigentlicher Friedenspapst.  Sein Beitrag wird im Appellativen verbleiben. Als er vor einem Jahr sein Amt übernahm, war sein Fokus auf den Krieg in der Ukraine gerichtet. Er bot die guten Dienste des Heiligen Stuhls an und schlug den Vatikan als Ort von Friedensverhandlungen vor.  Russland ging darauf gar nicht ein, und heute ist keine Rede mehr davon. Irritierende Aussagen des neuen Pontifex nimmt die breite Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis, wie etwa jene zum Wert der Demokratie in seinem ersten grossen Interview vom letzten September: «Wenn wir uns in der heutigen Welt umschauen, ist die Demokratie nicht unbedingt die beste Lösung für alles.» Findet er womöglich, dass autoritäre Staaten einen bessern Job machen?

In der konservativen Spur
Vergessen geht ebenso, dass der Augustiner ganz auf der Linie der Trump-Regierung Abtreibung , Sterbehilfe, Gender und Homo-Ehe verurteilt. Wenn Leo warnt, Religion dürfe nicht für Populismus, Nationalismus oder gar zu Krieg instrumentalisiert werden, muss man ihm umgekehrt vorwerfen, er benutze Religion dazu, die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten zu beschneiden.
Denn in besagtem ersten grossen Interview mit der US-amerikanischen Journalistin Elise Ann Allen vom Portal «Crux» lehnte er Reformen bezüglich der Stellung der Frau in der Kirche ab. Ja, er werde weiterhin Frauen in Spitzenämter ernennen, und die Weihe von Diakoninnen werde in verschiedenen Kommissionen und im Rahmen der Weltsynode Thema bleiben. Derzeit aber habe er «nicht die Absicht die Lehre der Kirche zu diesem Thema zu ändern».  Ein deutliches Nein zur Weihe von Frauen zu Priesterinnen und Diakoninnen. Reformkatholiken kehrten jedoch Leos Aussage geflissentlich unter den Teppich, genau so wie jene andere, dass er es für höchst unwahrscheinlich halte, dass sich die Lehre der Kirche bezüglich Sexualität und Ehe in naher Zukunft ändern werde.

Das traditionelle Familienbild
Im gleichen Interview beklagte er, dass jedes Thema, das mit LGBTQ-Fragen zu tun habe, die Kirche sehr stark polarisiere. Er wolle diese Polarisierung in der Kirche nicht verstärken. Auch lehne er die in Deutschland und anderen europäischen Ländern eingeführte förmliche Segnung homosexueller Paare ab, weil sie eindeutig gegen das von Papst Franziskus genehmigte Dokument Fiducia supplicans, das einen nicht-liturgischen Instant-Segen zulässt, verstosse. Bei seiner Rückkehr von Afrika verschärfte er diese Kritik sogar. Leo machte wiederholt klar, dass er auf die Komplementarität der Geschlechter und das traditionelle Familienbild setzt. Auch will er nicht, dass sich die Kirche «vollständig vom Missbrauchsskandal in Beschlag nehmen lässt». Schliesslich habe die Kirche den Auftrag, die Botschaft Jesus zu verkündigen, und die grosse Mehrheit der Geistlichen habe nie einen Menschen missbraucht.

Keine substanzielle Reform
Mit dem Interview machte Leo vier Monate nach seiner Wahl die unter Reformkatholiken vorherrschende Erwartung zunichte, er werde den von Franziskus geöffneten pastoralen Spielraum definitiv im Kirchenrecht verankern. Namentlich der bekannte Vatikanist Marco Politi oder der Jesuit Andreas Batlogg waren es, die das gängige Narrativ prägten, Leo werde ernten, was Franziskus gesät habe. Ihre Fehleinschätzung blieb bisher unkommentiert. Auch die Reformbewegungen gehen einfach darüber hinweg. Zumal der amerikanische Papst gleich nach Amtsantritt bekräftigt hatte, er werde den von Papst Franziskus angestossenen weltweiten Synodalen Prozess für eine geschwisterliche und partizipative Kirche fortsetzen. Absehbar ist jedoch, dass dieser Prozess auch unter Leo viel Aufwand und Energie kosten wird, ohne substanziell etwas zu ändern.
Wie schon Franziskus ist auch ihm die deutsche Kirche ein Dorn im Auge, die mit einem eigenen Synodalen Weg weitgehende Reformen wie Frauendiakonat, ökumenisches Abendmahl, Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und neue Gremien der Laienmitsprache einführen möchte. Gewiss mit Absicht hat Leo mit dem holländischen Erzbischof Hubertus van Megen für Deutschland gerade einen äusserst konservativen Nuntius berufen, der die reformfreudige deutsche Kirche in Schach halten soll. Als Nuntius in Nairobi etwa warnte dieser 2019 die ostafrikanischen Bischöfe vor den westlichen Standpunkten zu Abtreibung, Euthanasie und Gender-Theorie – für den Nuntius «klare Symptome einer Gesellschaft, die ihren inneren Kompass verloren hat».

Vorbild Heiliger Augustin
Innerhalb des ersten Jahres hat Leo verschiedene Rollenbilder bedient: Vom Anti-Trump und Friedenspapst bis zum Befreiungstheologen. Jeder Papst ist eine Projektionsfläche und sein Image wird von den Wünschen der Gläubigen und der Öffentlichkeit geformt. All die Leo zugeschriebenen Bilder dürfen indes nicht darüber hinwegtäuschen dass er, der mit 22 Jahren in den Orden der Augustiner eintrat, ein Kirchenmann mit theologisch strikt konservativen Positionen ist. Fast schon mantraartig beruft sich der Augustiner auf den Heiligen Augustin als grosses Vorbild für unsere Zeit und hat bereits dessen symbolisches Grab im nordafrikanischen Annaba (ehemals Hippo) besucht. Demgegenüber ruft der Berliner Religionsphilosoph Christian Modehn immer wieder in Erinnerung, wie nachhaltig und folgenschwer der Bischof von Hippo vor 1600 Jahren mit seinen Lehren von der Erbsünde, der bösen Lust und der Errettung nur der wenigsten erwählten Menschen der westlichen Christenheit geschadet hat.
Leo betont gern, den Kurs seines Vorgängers fortzusetzen und beispielsweise Frauen in Leitungsämter zu berufen. In seinem ersten Lehrschreiben «Dilexi te» hat er die befreiungstheologische Option für die Armen und die Kapitalismuskritik von Franziskus bekräftigt. Einen eigenen starken Schwerpunkt setzt er bei der Bewertung der KI, die am Massstab der Menschenwürde reguliert werden müsse.

Drohendes Schisma
Doch ist der amerikanische Papst insgesamt wesentlich traditioneller, der kirchlichen Orthodoxie verpflichtet und nimmt gewisse Schritte der Öffnung seines Vorgängers zurück. Er wohnt wieder im Apostolischen Palast und erholt sich in der Sommerresidenz Castelgandolfo. Am Gründonnerstag hat er zwölf Priestern die Füsse gewaschen und nicht wie Franziskus auch Laien und Frauen. Den Traditionalisten hat er gar erlaubt, im Petersdom die Messe nach dem alten lateinischen Ritus zu feiern. Die Ironie dabei: Am 1. Juli wollen die traditionalistischen Piusbrüder ohne die Erlaubnis von Leo im Walliser Ecône eigene Bischöfe weihen, womit sie automatisch die Exkommunikation auf sich ziehen. Wie schon 1988 Johannes Paul II. bescheren die ungehorsamen Ewiggestrigen auch Leo XIV. ein Schisma, was ihn, der die Einheit ins Zentrum seines Pontifikats stellt, sehr schmerzen dürfte. Bei der Amtseinsetzung vor einem Jahr trug er den Hirtenstab des Polen-Papstes. Tatsächlich ähnelt Leo von allen seinen Vorgängern Johannes Paul II. am meisten: Wie dieser ist er politisch und sozialethisch offen, in der Lehre aber nicht kompromissbereit.

copyright: Michael Meier, Zürich.

 

Ein Jahr Papst Leo XIV: Theologisch konservativ, kein Reformer, Stillstand in der katholischen Kirche

Ein unvollständiger Rückblick auf ein Jahr der PAPST-Herrschaft seit dem 8. Mai 2025.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.4.2026

Siehe auch den wichtigen Gastbeitrag des Theologen, Journalisten und Publizisten Michael Meier, Zürich, LINK

1.
Wir haben am 19.9.2025 auf dieser website begonnen, einige wichtige Entscheidungen und Äußerungen Papst Leos vor allem im Bereich der Theologie zu sammeln und selbstverständlich, wie es sich für Journalisten gehört, kritisch zu kommentieren. LINK

2. Unsere Liste wurde seit dem 24.4. 2026 weitergeführt, insgesamt ist unser Rückblick unvollständig, aber sehr deutlich ist: Niemand sollte ernsthaft behaupten, Papst Leo XIV. sei irgendwie ein Papst der Reformer und Reformen, die den Namen verdienen. Er ist theologisch konservativ, auch theologisch schüchtern und ängstlich und .. politisch manchmal etwas mutig, ein Mut, den er dann aber im Falle seiner TRUMP/USA Kritik wieder relativiert.

3.
Wie weit dieses konservative Verhalten mit der absoluten Vorliebe des Papstes für (das poetische fromme Frühwerk des heiligen) Augustinus („Confessiones“) zu tun hat, darauf haben wir aufmerksam gemacht. Der späte sture, verbissene, Gegner vernichtende, kurz der unsympathische Augustin, vor allem dessen Ideologie der Erbsünde, wird von Leo verschwiegen.

4.
Unsere Aufstellung anläßlich „ein Jahr Papst Leo“ konzentriert sich auf theologische Aussagen, wobei man theologische Überzeugungen und politische/ökonomische Präferenzen auch bei Päpsten niemals trennen darf.

5.
Man müßte eine lange Liste des prinzipiellen theologischen Stillstands unter Papst Leo anführen: Nur einige Beispiele für diesen üblichen, von Angst bestimmten und von Klerus-Herrschaft bestimmten Stillstand im Katholizismus:
– Nichts Neues, Erforderliches, Richtiges,  in der Ökumene mit Protestanten
– Nichts Neues zur Aufhebung des Zwangszölibates
– Absolut nichts Neues zur Zulassung von Frauen zum DiakonInnen und Priesteramt, auf diese Weise begibt sich die Papstkirche in eine Art Verachtung von gebildeten Frauen und Männern weltweit.

– Kann ein Papst in seiner Allmacht machen, nur führt er damit die Kirche weiter ins Getto…Selbst wenn noch Millionen Katholiken in Afrikas Diktaturen ihm als Führer zujubeln…
– Nichts Neues zur veralteten Theologie etwa der Bittgebete, des Wunderglaubens, des Glaubens an heilige Knochen (Reliquien)…
– Keine Relativierung der Klerus-Macht: „Die Messe, Eucharistie, darf nur von männlichen Priester allein gefeiert werden“: Eucharistie durch Priester gefeiert gilt nach wie vor als absoluter Mittelpunkt des katholischen Glaubens, und niemand protestiert dagegen… UND SO WEITER:

6.
Man könnte ja auch mal lange die berechtigte Frage stellen: Kann ein einzelner alter Mann, Papst genannt ,spiritueller und politischer Chef (Vatikanstadt!) für 1,4 Millionen Katholiken, diese riesig große und sehr differenzierte Gemeinschaft leiten?? Eigentlich nein!
Mit anderen Worten: Wären nicht wenigstens 5 Päpste, je ein Papst (Päpstin) auf einem Kontinent, eine Lösung? Aber das wird offiziell natürlich alles als Quatsch abgetan. Sollen diese Katholiken in Europa halt zur Sekte werden…

7.
Hier einige neue (Stand 29.4.2026) von uns dokumentierte (!) Fakten:

Am 29.April 2026 veröffentlicht: Weitere Opfer der linken Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg werden von Papst Leo selig gesprochen:

Papst Leo XIV. hat jetzt 49 Ordensbrüder und einen Priester als zu verehrende Selige ausgezeichnet, diese Ordensleute wurden Opfer der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg. Das offizielle Datum der Seligsprechungen ist noch nicht bekannt. Diese Seligen können nun an Gottes Thron Fürsprache einlegen für die Frommen…, so die immer noch gültige, milde gesagt esoterische, offizielle katholische Theologie.

Wichtiger ist: Die nun auch von Papst Leo seliggesprochenen Märtyrer gehören zu den bereits 2.100 selig gesprochenen spanischen Priestern als Märtyrer der Republikaner im Bürgerkrieg! Diese Seligsprechungen waren immer schon ein politisches Votum der Päpste: Gegen die Linken! Es gibt eine extreme Vorliebe für die von linken Republikanern getöteten Geistlichen durch die Päpste, vor allem durch den exzessiv anti-linken polnischen Papst Johannes Paul II, ist offensichtlich.   Im LINK, besonders die Nr. 10.

Der Historiker Benoit Pellistarndi weist darauf hin, dass diese erneute Seligsprechung von Opfern der linken, demokratischen Republikaner im Krieg des Faschisten Franco heute politisch sehr problematisch ist: Die regierende Linke und die anderen Demokraten haben in Spanien gegen die Rechten und die Attacken der Rechtsextremen („VOX-Partei“) zu kämpfen. Diese Vox – Partei sieht sich als Erbe des Faschisten Franco, sie ist glücklich sein über die neuen seligen Opfer der „bösen Republikaner“: „Die politische Situation macht die Seligsprechung durch Papst Leo besonders schwierig.“ (zit. in „La Croix“, Paris, 29.4.2026.) Proteste gegen Leos Entscheidung wird es hoffentlich geben, aber sie werden aussichtslos bleiben, angesichts des Einflusses des Vatikans und der Kirche im heutigen Spanien noch…

Am 23. April 2026 sagte Post Leo auf dem Rückflug aus Afrika nach Rom auf eine Frage der Journalistin Verena Schälter, dass der Heilige Stuhl nicht einverstanden sei mit einer ritualisierten Segnung homosexueller Paare, die über das hinausgehe, „was Papst Franziskus erlaubt hat“.

Im Klartext: Segnungen ja, aber möglichst ohne viel würdevolle Feierlichkeit, möglichst in einer Seiten- Kapelle, und bitte nur schlichte Zeremonien, die auch nur entfernt an eine Hetero-Ehe-Schließung erinnern. Das heißt: Homosexuelle Paare werden als Katholiken und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Lieber segnet der Klerus bekanntlich ja Autos, Yachten, Motorräder, Tiere, Handys, sogar Walrosse, wir haben seit Jahren diesen Blödsinn (aber er bringt der Kirche etwas Renommée beim Volk und viele Spenden…) dokumentiert. Zum Wahn des Klerus, alle möglichen Dinge zu segnen, bloß NICHT diese Menschen „zweiter Klasse“ in päpstlicher Sicht, also , die Homosexuellen, siehe unseren leicht satirischen Beitrag, den wir seit 2010 immer wieder mal aktualisiert haben: LINK:

Am 16.4.2026: Papst Leo in Algerien: „Über Augustinus nur die halbe Wahrheit“. LINK

Am 9. April 2026 hat die kluge ZEIT Autorin Elisabeth von Thadden einen wichtigen Vorschlag in DIE ZEIT, Seite 40, veröffentlicht: Papst Leo sollte überlegen, on nicht katholische Spitzenpolitiker und einflußreiche Milliardäre als Berater des Trump Regimes EXKOMMUNIZIERT werden sollten. Diese Leute denken und handeln absolut und ständig gegen die katholische Moral. Einst hatte ja auch im Jahr 2014 Papst Franziskus katholische Mafia – Bosse in Italien exkommuniziert. Natürlich war diese Verurteilung direkt nicht wirkungsvoll, aber ein wichtiges Symbol.

Am 28.3. 2026: Papst Leo besucht das Nest der Superreichen: Monaco. LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/21590_papst-leo-besucht-im-maerz-2026-monaco-das-nest-der-superreichen_befreiung

Weitere Belege für das theologisch konservative Denken Papüst leos unter: LINK

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Aktualisiert am 5. Mai 2026 durch CM

Die „Erklärung der Menschenrechte“ (1948) gehört zum Glaubensbekenntnis der Christen!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.4.2026

ZUR EINFÜHRUNG:

Wir haben schon vor kurzem erneut für die Aufnahme der „Erklärung der Menschenrechte“ der UN von 1948 in das Glaubensbekenntnis der Christen heute plädiert. Wir dachten dabei an die niederländische Kirche der Remonstranten. Sie ist wohl als einzige christliche Kirche dogmatisch nicht gebunden und bekanntlich aufgeschlossen für neue theologische Vorschläge. (Siehe unten.)

Dieser Hinweis hier ist ein weiterer Versuch, das Thema der Öffentlichkeit vorzustellen und theologisch zu begründen, als Thesen, denen weitere Erläuterungen folgen.

Hier geht es nur um die enge Verbundenheit von Menschenrechten und christlichem Glauben. Auf andere Religionen bezogen müsste das Thema weiter reflektiert werden.

Die Erklärung der Menschenrechte ist zwar Ausdruck der universell geltenden menschlichen Vernunft. Aber eine solche Erklärung ist zugleich ein Aufruf zum gemeinsamen Handeln. Deswegen bedarf sie zur Realisierung auch einer geistigen, spirituellen Haltung, also eines Überzeugtseins, dass die Menschenrechte richtig und wichtig und unersetzlich sind. So, wie etwa der „Kategorische Imperativ“ von Kant ein Faktum der Vernunfteinsicht ist, aber zur Realisierung eine emotionales Betroffenheit braucht, so werden die Menschenrechte auch durch eine innere Bindung der Menschen lebendig und wirksam. Die Menschenrechte sind als Rechte und Pflichten etwas grundlegend Anderes als die vielen „positiven“ Gesetze in unseren Gesellschaften und Staaten.

Erstens: Die klassischen, bis heute weithin üblichen Glaubensbekenntnisse der Kirchen stammen aus dem 4. und 5. Jahrhundert, diese Bekenntnisse versteht kein denkender Mensch heute ohne ausführliche Interpretationen und Kommentare. Schlimmer noch: Diese Bekenntnisse sprechen vor allem vom Leben Gottes im Himmel, von seiner Trinität, vom Herabstieg eines Logos auf Erden, der dann als Jesus den grausamen Willen des Vaters erfüllt und sich ans Kreuz schlagen lässt und so weiter…
Zweitens ist entscheidend: Die Lehre und Lebenspraxis Jesu von Nazareth entspricht den Idealen der Erklärung der Menschenrechte. Zugespitzt gesagt: Christen wissen heute aus der Botschaft des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth: Das Göttliche, Gott, der Ewige, der Schöpfer der Welt…., wie auch immer, gebietet geradezu als Lebensorientierung die Menschenrechte.

Damit ist nicht gesagt, dass die Menschenrechte der Kirche entstammen, das Gegenteil ist der Fall. Die Menschenrechte sind Resultat der Aufklärung, sie haben sich gegen die Kirchen langsam durchsetzen müssen. Erst als der kirchliche, etwa der katholische Widerstand gegen die Menschenrechte geradezu lächerlich wirkte und blamabel, hat etwa das 2. Vatikanischen Konzil die Menschenrechte, etwa die Religionsfreiheit, offiziell als wichtig und richtig anerkannt. Trotzdem hat der „Heilige Stuhl“, also der Papststaat Vatikan, als einer der wenigen Staaten die Menschenrechtscharta der UNO formell nicht unterzeichnet.

Das ZIEL dieses Vorschlags ist: Die „Erklärung der Menschenrechte“ als „Orientierung für die Praxis der Christen“ in ein christliches Glaubensbekenntnis einzufügen. Dabei wird das Bekenntnis, auf eine göttliche Wirklichkeit und auf Jesus bezogen, selbstverständlich neu formuliert werden müssen. Ein Beispiel ist das Glaubensbekenntnis der niederländischen Remonstranten – Kirche aus dem Jahr 2006. (Text siehe unten)

 

DIE THESEN:

1.
Der Vorschlag ist neu: „Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums Jesu von Nazareth.“ Der mutige brasilianische Befreiungstheologe Kardinal Evaristo Arns von Sao Paulo (1921-2016) hat diese Einsicht mehrfach öffentlich geäußert! LINK

Diese Erkenntnis freizulegen und zu beweisen macht Mühe, angesichts der vielen Bilder und Symbole und Wundermythen, die im Neuen Testament von Jesus von Nazareth berichtet werden und sein Profil als humanen Weisheitslehrer verdunkeln und verzerren. Aber: Die Gleichnisse Jesu (etwa der „Barmherzige Samaritan“) oder Jesu Reden vom „End-Gericht Gottes über die guten und weniger guten Menschen“ zeigen: Einzig menschliche Qualitäten wie Liebe, Güte, Hilfsbereitschaft sind für einen Menschen, der authentisch leben will, entscheidend. Religion und Kultus und religiöse Gesetze sind für Christen zweitrangig. Die oberste Orientierung heißt: Menschlichkeit zu allererst: Das ist die Botschaft und die Praxis Jesu von Nazareth. Und die sind im Kern die Botschaft der Menschenrechte.

2.
Die „Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 spricht nicht von Gott, das wird ihr von bestimmten frommen Christen als Mangel vorgeworfen. Aber die Menschenrechte als Ausdruck der philosophischen Vernunft, können Christen als gültig und allgemein anerkennen, weil sie als Christen wissen: Die Vernunft ist eine Gabe des schöpferischen Geistes Gottes…

3.
Die Menschenrechte werden heute, 2026, wie schon seit Jahren von autoritären, populistischen, faschistischen, kommunistischen und diktatorischen Kreisen verachtet, ignoriert, für Spinnereien ausgegeben. Weil sie die totale Herrschaft der Autokraten und Diktatoren stören. Und in Demokratien werden Menschenrechte als störende Elemente betrachtet im Rahmen einer immer üblicher werdenden „Realpolitik.“ Aber für Demokratien und Demokraten sowie demokratisch sich nennende Politiker sind die Menschenrechte in einem Rechtsstaat der unverzichtbare geistige Boden und der politische Horizont in allem Handeln. Wer als Demokrat und demokratischer Politiker gegen die Menschenrechte handelt, muss sich korrigieren, muss sich entschuldigen.

4.
Theologen und Kirchenführer wissen: Die Menschenrechte sind zwar in Europa nach langen Auseinandersetzungen auch mit den Kirchen formuliert worden: Aber die Menschenrechte sind nicht europäisch. Sie kann niemand deswegen diskreditieren, weil sie an einem bestimmten Ort – in Europa – entstanden sind. Universelle Geltung hat mit geografischer Herkunft nichts zu tun. Die Menschen in den Lagern und Gefängnissen der Diktaturen heute schreien geradezu nach der Geltung der Menschenrechte. Das Bewusstsein von er absoluten Würde eines jeden Menschen ist im menschlichen Geist verwurzelt. Menschenrechte entwickeln sich nach langen Diskussionen auch heute weiter: Sie werden im Zusammenhang der Klimakatastrophen neu formuliert. Oder die Rechte der Flüchtenden werden explizit verstärkt oder die Geschlechter-Gerechtigkeit…

5.
Wenn die Kirchen die Menschenrechte als zentralen Teil ihres eigenen Bekenntnisses wahrnehmen und auch leben, werden sie unterstützt werden von einer großen Gruppe von zivilgesellschaftlicher progressiver NGOs, die sich seit Jahren um die Durchsetzung der Menschenrechte kümmern. In der Diakonie und Caritas vieler Länder engagieren sich die Kirchen tatsächlich schon zugunsten der Menschenrechte. Sie sehen diesen Dienst als Ausdruck der gebotenen christlichen Nächstenliebe: Würden sie diesen Dienst auch explizit als politischen Dienst an den Menschenrechten sehen, hätten die Kirchen neue, ungewöhnliche Bündnispartner: Diese könnten die manchmal sehr eng konfessionell geprägte christliche Nächstenliebe ins Universelle erweitern, mit der Bereitschaft, gemeinsam POLITISCH gegen die Herrschaft der Diktatoren und Autokraten einzutreten.

6.
Das Probleme ist nur: Die Kirchen müssen sich selbst in der Gestaltung ihres „Innenlebens“ nach den Menschenrechten richten. Für den Katholizismus muss dann gelten: Die Menschenrechtserklärung der UN von 1948 muss der Vatikan formell anerkennen. Und zweitens: Der Papst muss die rechtliche Diskriminierung der Frauen in der Kirche, etwa Ausschluss von den Ämtern in der Kirche, sofort aufheben. Nur unter diesen Voraussetzungen wird das Engagement der katholischen Kirche für die Menschenrechte überhaupt glaubwürdig. Wie die Evangelikalen und fundamentalistischen Kreise sich zu den Menschenrechten verhalten, ist noch ein eigenes Thema. Ihre Verbundenheit mit der MAGA Bewegung des Donald Trump lässt starke Zweifel aufkommen, ob diese Kreise überhaupt von den universell geltenden Menschenrechten schon einmal gehört haben…

7.
Wird die Erklärung der Menschenrechte als Teil des Christlichen Bekenntnisses – etwa von Lutheranern, Reformierten, Katholiken, Anglikanern – anerkannt: Dann geschieht eine globale theologische Wende, die einer weiteren Reformation gleichkommen könnte. Diese Christen und ihre Kirchen befreien sich von den erstarrten Glaubensbekenntnissen voller fremder Formeln und Floskeln aus Nizäa und Konstantinopel im 4. und 5.Jahrhundert: Christen verstehen sich nun als Menschen, denen die universelle Gerechtigkeit für alle bester Ausdruck der Einsichten ihres Weisheitslehrers Jesus von Nazareth ist. Nun können sich Christen mit Atheisten und mit kritischen Menschen aller Religionen zu einem gemeinsamen Engagement vereinen, zugunsten der universellen Menschenrechte…

………………

Zu unserem früher schon publizierten Vorschlag: Die Kirche der Remonstranten, als offene, weithin undogmatische Kirche, könnte die Erklärung der Menschenrechte als Teil ihres Bekenntnisses aufnehmen: LINK

Das Glaubensbekenntnis der Remonstranten aus dem Jahr 2006: LINK

Sehr deutlich hat sich der protestantische Theologe Wilhelm Gräb (Berlin) für die Menschenrechte als Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses eingesetzt: Etwa in seinem Buch „Vom Menschsein und der Religion.“ Tübingen 2018, S 213 ff.

Man beachte, dass Immanuel KANT in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie die ethische Praxis (der Menschenrechte) als den alles entscheidenden Kern des christlichen Glaubens angesehen hat. Siehe dazu etwa unseren Hinweis zu Kant: LINK

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Papst Leo in Algerien: Über Augustinus nur die halbe Wahrheit

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16.4.2026

Ein Vorwort:
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und gehässige Kommentare abzuwehren:
Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ ist die Kritik Papst Leos an der Kriegspolitik von Donald Trump absolut berechtigt. Diese deutliche Zurückweisung des us-amerikanischen Papstes an Trumps nur noch verrückt zu qualifizierender Außen-(Kriegs-) Politik wie auch der antidemokratischen Innenpolitik, hätte schon mit etwas mehr Mut vor einigen Monaten öffentlich geäußert werden müssen, aber immerhin..
Unsere Zustimmung zur Kritik des Papstes an Trump schließt aber überhaupt nicht aus, kritisch auf die Stellungnahmen Papst Leos etwa in Algerien hinzuweisen. Dieser kritische Blick auf seine Stellungnahmen in Algerien, zumal in Annaba, „Hippo“ einst, der Wirkungsstätte des heiligen Bischofs und Kirchenlehrers (!) Augustinus, fehlt in den Medien, in den katholisch bestimmten Medien sowieso.

1.
Papst Leo versteht sich als Mitglied des Augustiner-Ordens explizit als ein „Sohn des heiligen Augustinus“. Und dieser „Sohn“ des vor etwa 1.600 Jahren gestorbenen heiligen Augustinus ist wirklich sehr berührt und total begeistert („es war eine Gnade in Annaba zu weilen“) von des „Vaters“ Wirkungsstätte. Man lese das ebenso enthusiastische, aber einseitige Resümee der Algerien-Reise von vaticannews LINK
2.
In höchsten Tönen preist Papst Leo wieder einnmal den heiligen Augustinus als eine für „uns“ heute relevante Gestalt, er sei Brückenbauer, er habe das Streben nach Gemeinschaft gefördert, habe den Respekt unter den Völkern trotz aller Unterschiede gelobt und geliebt und so weiter. Papst Leo kennt offenbar nicht die vielen richtigen kritischen theologischen und historischen Forschungen über den gestrengen Bischof von Hippo. Oder der Papst will die Leute besänftigen? Fast hätte ich geschrieben, in die Irre führen.
3.
Diese Lobeshymnen auf Bischof Augustinus durch Papst Leo sind theologisch und historisch gesehen schlicht und einfach falsch. Es gibt den absolut kämpferischen, gar nicht dialogbereiten, sehr eigensinnigen und gegen seine theologischen Feinde äußerst kämpferischen Bischof Augustinus. Es gibt den Augustinus einer rigorosen, mit Jesus von Nazareth kaum noch vermittelbaren Gnadenlehre: Nach der nur wenige Erwählte gerettet werden. In dem Zusammenhang entwickelt der alte Bischof von Hippo die theologische Ideologie der Erbsünde. Ja, wirklich eine Ideologie, denn dieses Dogma ist ein willkürliches, völlig unbiblisches Konstrukt eines kämpferischen greisen Bischofs Augustinus. Von diesem unangenehmen, eher häßlichen Augustinus spricht der Sohn Augustins, Papst Leo, leider nicht. So wird eine Art Augustinus – Ideologie verbreitet.
4.
Hier kann nicht das weite Thema der Gnadenlehre Augustins und seiner Erbsünden – Ideologie ausführlich beschrieben werden, das haben wir an anderer Stelle früher schon getan. LINK   Wer die Geschichte studiert und eben nicht als ein „Sohn des heiligen Augustinus“ in Verzückung gerät, wenn er an den einstigen Bischof im damaligen Hippo denkt und die Ruinen dort bewundert, muss feststellen, und das ist gängige Überzeugung unter Historikern: Dieser Bischof Augustinus war zwar hoch begabt und theologisch gebildet. Aber Augustinus war als Bischof und sehr-vielschreibender Autor nicht nur ein heftiger Verfolger der damaligen nicht-katholischen „Sekten“. Er hatte sich einen Mitbruder seiner katholischen Kirche als Erzfeind ausgesucht, den katholischen Bischof Julian von Eclanum. Ihn hat Bischof Augustinus aufs heftigste bekämpften erfolgreich ausgeschaltet. Von „Brückenbauen“ also keine Spur.
5.
Bischof Julian war ein theologisch gebildeter „ebenbürtiger Gegenger Augustins“ (Kurt Flasch, „Kampfplätze der Philosophie“, Frankfurt am Main, 2008, S. 13). Seit 418/419 hat Augustinus auf Bischof Julian eingeschlagen. Augustin nannte seinen Mitbischof einen „Patron der Esel“, Bischof Julian, klug und mutig, nennt den hoch angesehenen Bischof Augustin einen „asthmatischen Greis“ (ebd.).
Mit seiner polemischen Kraft gelang es Augustinus in den heftigsten Auseinandersetzungen mit Julian als Sieger hervorzugehen: Die Lehre von der Erbsünde hatte Augustinus durchgesetzt: „Augustinus hatte behauptet, Sünde und Schuld seien vererbbar. Er hatte die Übertragung der Erbsünde an den Geschlechtsverkehr gebunden und damit den Vorrang des jungfräulichen Lebens begründet. Er hatte die geschlechtliche Begierde als das Böse verteufelt…“ (Kurt Flasch, S. 14 f.)
Es war allen Gebildeten zumal außerhalb der offiziellen rigiden dogmatischen Kirche klar: Augustinus Erbsünden Doktrin zerstörte die Freiheit des Willens der Menschen. Gott wurde wie ein Tyrann konzipiert. Niemand weiß bis heute, wie denn Erbsünde als solche im Menschen erlebt und erfahren wird. Fast alle heutigen TheologInnen fragen sich: Kann es wirklich sein, dass die christliche Erlösung mit der Befreiung von dieser imaginären Erbsünde identisch ist???
6.
Diesen Augustinus erwähnt der Papst nicht. Wäre auch blamabel für einen Sohn des heiligen Augustinus, den Vater weitgehend zu kritisieren und als irrelevant für die heutigen Christen (Katholiken) darzustellen.
7.
Wir wollen dieses unsägliche Thema Erbsünde hier nicht fortsetzen. Die Erbsünden- Ideologie der Kirchen, nicht nur der katholischen, auch der lutherischen, auch der reformierten, calvinistischen Kirche, ist ein Fehler, mehr noch ein giftiger Irrsinn. Das sagen, wie schon betont, die meisten heute denkenden TheologInnen. Papst Leo sollte in freier Zeit in seinem neu renoviertem apostolischen Palast mit seinen Augustinern dort die Studie des großen objektiven Kenners Augustins Prof. Kurt Flasch lesen: „Die Logik des Schreckens. Augustinus von Hippo. Die Gnadenlehre von 397“, Mainz 1995.
8.
Die bis heute alles kirchliche Leben bestimmende Erbsündelehre ist, zusammenfassend, eine Ideologie Augustins, sie stellt die absolute Schwäche des Menschen gegenüber Gott heraus. An der Erbsünden – Ideologie halten die Kirche fest, um ein theologisches längst überwundenes Modell der Erlösung zu propagieren. Denn nur weil es die Erbsünde „gibt“, ist die Taufe eines jeden Menschen heilsnotwendig. Und die Taufe vollzieht sich innerhalb der Kirche, die vom Klerus bestimmt ist. Erbsündenlehre und Klerusherrschaft gehören also eng zusammen.
9.
Was eigentlich noch viel schlimmer ist: Soweit wir lesen, hat Papst Leo XIV. vor lauter Verzückung für seinen Vater Augustinus, inmitten der Ruinen von Annaba, Hippo, vergessen, auch ein Wort zu den nicht geduldeten Menschenrechten in Algerien zu sagen. Der Papst hat sich wohl von der viel besprochenen „Demokratie- Fassade“ der Regierung dort verführen lassen. Von dem großartigen, verfolgten algerischen Schriftsteller Boualem Sansal hat Papst Leo sicher schon einmal gehört…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Wenn politische Regression unser Leben bedroht

Hinweise von Christian Modehn am 15. April 2026

1.
Wenn Philosophieren noch die gegenwärtige Zeit auf den Begriff bringen will, ist es angebracht, diese Gegenwart als Zeit der Regression zu verstehen. Manche Soziologen sprechen auch von „Großer Regression“, allerdings in einem Buch aus dem Jahr 2015. (Fußnote 1). Die Zeitdiagnose des Politologen Giuliano da Empoli, zehn Jahre später publiziert, ist deutlich heftiger, schonungsloser: Wir leben in der „Stunde der Raubtiere“ (Fußnote 2). Wahrlich defätistisch seine Erkenntnis: „Die Weltuntergangs-Uhr in Manhattan… zeigt seit 2023 Mitternacht minus 90 Sekunden an – seit diese Uhr 1947 geschaffen wurde, waren wir dem Ende noch nie so nahe.“(S. 33).
2.
Die Raubtiere da Empolis können uns alle zerfetzen. Wer noch Regressionen feststellt, spricht nicht von Tieren, sondern von Menschen, also von „eigentlich“, „grundsätzlich“, „wesentlich“ doch immer noch etwas vernünftigen Menschen. Aus Gier, aus Bequemlichkeit, Nationalismus sinken sie in einen unvernünftigen Zustand zurück. Aber wer noch Regression festzustellen meint, hat immerhin noch den Begriff der Heilung, der Überwindung von Regression im Hinterkopf, also letztlich noch die Idee eines Fortschritt. Wer sich aber von Raubtieren umzingelt sieht, muss sich verstecken, aus Angst einmauern, bis dann doch die Raubiere alles zerfleischen. Wer die Übeltäter, die Kriegstreiber, noch für regressive Typen hält, kann noch handeln, versuchen, die Wende zur Demokratie, zu den Menschenrechten, zur Humanität zu probieren.
3.
Mit der Wahlniederlage des nationalistischen, antidemokratischen, populistischen Herrschers Viktor Orban in Ungarn, hat dort und für die EU wahrscheinlich die Demokratie wieder eine Chance. Es waren Kämpfe der noch demokratisch orientierten Bürger gegen die Allmacht Orbans, die zum Erfolg führten. Orban ist – hoffentlich – definitiv entmachtet und … er wird bestraft…
4.
Die Herrschaft Orbans war eine Zeit der Regression, der radikalen Rückkehr zu nationalistischer Willkür und zur Zerschlagung demokratischer Werte und Strukturen. Dieser Herrscher der Regression war eng verbunden mit anderen Herrschern der Regression, vor allem mit dem allmählich ins Wahnsinnige abirrenden Donald Trump und mit Putin sowie den nationalistischen Ministerpräsidenten der Slowakei und Tschechiens sowie mit den reaktionären erz-katholischen PiS Politikern in Polen. Vielleicht beginnt die Mauer der Regressiven in Europa nun etwas zu bröckeln.
5.
Es könnten andere Beispiele besprochen werden: Das entschiedene, kämpferische demokratische Handeln der Demokraten kann noch regressive Regime zu Fall bringen: An Brasilien wäre zu denken, an den Sieg des linken Demokraten Inacio Lula da Silva über den Verbrecher Bolsonaro. Oder: In den Niederlanden konnte bei den Parlamentswahlen 2025 die rechtsradikale Partei PVV von Herrn Wilders auf Position zwei – nach dessen Wahlsieg 2023 – gedrückt werden durch die linksliberale Partei D66.
6.
Regression ins Rechtsradikale und Rechtsextreme ist also kein Schicksal. Obwohl heute vielfach der Eindruck vorherrscht, der Aufstieg der rechtsradikalen AfD etwa in Sachsen-Anhalt sei eine Art von Schicksal. Wenn die CDU dort mit den Linken zusammenarbeiten würde und auch mit den anderen demokratischen Parteien eine Art „demokratische Front“ bilden würde, wäre die AfD erstmal stark eingeschränkt. Man erinnere sich: Die total regressive, rechtsradikale Partei „Front National“ von Le Pen konnte die Präsidentschaftswahl 2002 nicht gewinnen, weil sich alle demokratischen Parteien dort für die Wahl des konservativen Chirac im 2. Wahlgang entschieden hatten und ihm ein Wahlergebnis von 82 Prozent bescherten. Das ist gemeinsamer, überparteilicher Widerstand von Demokraten gegen regressive, rechtsradikale Politiker.
7.
Zum Begriff Regression. Er bezieht sich erstens auf die seelische, geistige Verfassung vieler Menschen. Und dann, im weiteren Sinne, auch auf die politische, ökonomische, soziale, kulturelle, religiöse Situation dieser Welt. Diese Regression ist immer das bewusst eingesetzte Aufgeben bisher errungener Standards demokratischen Lebens und des Respektes der Menschenrechte.
8.
Regression ist also erstens eine krankhafte Verirrung des einzelnen Menschen: „Regression psychoanalytisch betrachtet, bezeichnet einen Vorgang, in dem ein Individuum oder eine Gruppe ein schon erreichtes psychisches Struktur – und Funktionsniveau verlässt und zu einem früheren, und /oder niedriger strukturierten Niveau des Denkens, Fühlens und Handelns zurückkehrt.“ (Rachel Jaeggi, „Fortschritt und Regression“, Berlin 2025, S. 215.). Nebenbei: Es gibt allerdings auch gelegentlich die kurzfristige, etwa die spielerisch ausgelebte und gestaltete Regression, etwa, wenn Erwachsene ihre Kindheit nachspielen… Darum geht es hier nicht.
9.
Regression ist dann auch politisch das bewusste Abdriften in unvernünftigere, längst überwundene und eher offiziell minderwertig eingeschätzte Formen der Lebensgestaltung, des Zusammenlebens, der Gesetze, der internationalen Kooperationen usw.
Politiker und die ihnen folgenden Wähler handeln im Sinne der Regression, etwa in der MAGA-Bewegung der USA, für den autoritären Staat der Weißen in einem System, das nur noch den Namen Demokratie hat. Regression ist, etwa in den USA, unter den Bewohnern auch der Verzicht auf immer mühsames kritisches Nachdenken über eine bessere, gerechtere Zukunft für alle Menschen.
Wir sind deswegen geneigt zu sagen: Regression ist auch das Sich – Durchsetzen von Dummheit. Wobei die Dummen zu verstehen sind als die von despotischen Herrschern und ihren Staats-Medien Dumm-Gemachten. Skepsis und Selbst-Denken werden in diesen despotischen Regimen zu Un-Werten.
10.
Regression ist mit Rückschritt identisch, mit der Entscheidung einzelner oder Gruppen, mit einer Leidenschaft für Nostalgie, hinter die Standards demokratischer Prinzipien der Gegenwart zurückzugehen. Rückschritt, Regression, ist ein Zurückdrehen der Zeit auf einen früheren, angeblich glorreich imaginierten Zustand. Rückschritt als Nostalgie ist Flucht aus der belastend empfundenen Gegenwart. Regression führt bei den politischen Akteuren zu seelischer Erstarrung, maßloser Polemik und Feindschaft gegen die Verteidiger des Neuen und Richtigen. Regression führt oft zum (Bürger)Krieg.
11.
Noch einmal: Regressive PolitikerInnen leben und handeln unter dem Niveau heutiger Menschlichkeit. Die unflätige, unverschämte Sprache etwa von Präsident Trump liefert den Beweis: Regressive Politik wird von seelisch – geistig regressiven Herrschern betrieben. Weitere Beispiele lassen sich leicht finden, in Russland, Iran, Belarus, Israel etc..
12.
Wer von Regression und Rückschritt spricht, muss immer auch an den schwierigen Begriff Fortschritt denken: Fortschritt verstanden als Überwindung der für den einzelnen wie für Gesellschaften tödlichen Fixierung auf überlebte, überholte Lebensmodelle. Der Philosoph G.W.F. Hegel ist bekanntlich einer der deutlichsten Verteidiger des Begriffs Fortschritts in der Philosophie der Weltgeschichte. Er behauptete nicht, dass alles im Laufe der Weltgeschichte global und überall immer besser und „fortschrittlicher“ wird. Hegel wollte lediglich darauf aufmerksam machen, dass Fortschritt zu verstehen lediglich in der bescheiden wirkenden Dimension als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Lediglich das Wissen der Menschen hat sich im Laufe der Geschichte ziemlich universell verbreitet: dass der Mensch wesentlich frei sein sollte. Und die geistige, im Bewusstsein nie auszulöschende Überzeugung drückt sich „materiell“ aus, wie Hegel betont, sie wird Welt, gestaltet also Gesellschaft, Staat, Kultur, Religionen. Diese Realisierungen der Freiheit sind aufgrund der Willkür der Menschen immer wieder bedroht. Aber nie mehr abzuschaffen…„Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ ist selbstverständlich überhaupt keine „europäische (`kolonialistische`) Idee“, also nur für den Ort ihres Entstehens gültig. Die Idee „Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit der Menschen“ wird nach langen Kämpfen endlich heute weltweit geschätzt, in den Diktaturen Afrikas oder Asiens mindestens von den Oppositionellen in den Gefängnissen und Lagern. Sie alle fordern nicht nur in ihrem Bewusstsein, nicht nur ihrem Denken: Freiheit. Und mit dieser Forderung meinen sie letztlich die Geltung der Menschenrechte für sich selbst und für alle. Und die Bestrafung der Herrscher, die sich Politiker nennen.
13.
Regression ist die Ablehnung der Menschenrechte für alle. Fortschritt die Geltung von Freiheit und Menschenrechten für alle. Die „Stunde der Raubtiere“ kann vielleicht noch im Kampf für die Demokratie etwas hinausgezögert werden. Auch wenn man nach der Lektüre dieses Buches skeptisch bleibt. Aber den Elan des Widerstandes – selbst gegen die „Raubtiere“ – erhalten wir nur in einer Philosophie der Vernunft. Und die sammelt Menschen des Widerstandes gegen die Populisten, Rechtsradikalen und Faschisten heute, nicht nur in Deutschland…

Fußnote 1:
Die große Regression. Edition Suhrkamp, Berlin 2017.

Fußnote 2:
Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere. C.H.Beck Verlag 2025.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Aktualisiert am 21. April 2026 durch CM

Der neue päpstliche Botschafter in Berlin, der Niederländer Bert van Megen

Deutschlands Katholiken bleiben weiter unter konservativer Beobachtung!
Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.4.2026

Der neue Nuntius des Papstes in Deutschland, Bischof van Megen, nennt die Kirche in Deutschland, so wörtlich, “ alt und grau„: Dies it wohl eine „richtige Haltung“, um sich unter Katholiken in Deutschland so richtig wohl zu fühlen und sie zu verstehen… soll er doch nach Kenia zurückkehren.., CM.  Siehe dazu einen Beitrag vom 15.5.2026: LINK

Papst Leo XIV. hat am 9.4.2026 für Deutschland einen neuen „Apostolischen Nuntius“, also einen Botschafter des „Heiligen Stuhls“, mit Sitz der „Nuntiatur“ in der Hauptstadt Berlin ernannt: Bischof Hubertus van Megen. Sein Vorgänger, Bischof Eterovic, wird am 22.4. feierlich aus Berlin verabschiedet, selbstverständlich mit einer feierlichen Messe… „Endlich geht er“ sagen einige Katholiken, die den sehr konservativen Nuntius Eterovic kennen.

Ob der Niederländer van Megen eine etwas progressivere Linie im Umgang mit den mehrheitlich eher progressiven Katholiken in Deutschland lebt, wird sich zeigen, ist aber sehr unwahrscheinlich. Denn es ist lange her, dass Bischöfe aus den Niederlanden oder in den Niederlanden als progressiv bewertet wurden. Heute ist diese Kirche dort eine kleine konservative klerikale Gemeinschaft. Auch der neue Nuntius in Berlin wurde in dem extrem konservativen Priesterseminar (in Rolduc) des extrem konservativen Bischofs Gijsen (Roemond) ausgebildet. Deutliches Beispiel für van Megens reaktionäre Theologie ist seine Ansprache in Afrika aus dem Jahr 2024, Quelle: LINK 

Diese Ansprache liegt als Übersetzung vor, in Fußnote 1 unten.  Unter Nr. 6 dieses Hinweises wird auf diese theologische reaktionäre Rede van Megens bereits kurz hingewiesen.

1.
Ein päpstlicher „Nuntius“ ist nicht nur als „Botschafter“ hoher Diplomat des winzigen Staates „Heiliger Stuhl“, er ist weltweit sehr oft auch Doyen des diplomatischen Corps des jeweiligen Landes. In der Funktion des Nuntius wird die doppelte Rolle des Papstes deutlich: Er ist einerseits so genanter spiritueller Führer, heiliger Vater, Papst, der Katholiken weltweit. Und er ist zweitens absoluter Monarch des Zwergstaates Vatikan bzw Heiliger Stuhl, er kann so über die üblichen diplomatischen Wege auch politischen Einfluss nehmen auf die Politik der Staaten. Zu 184 Staaten unterhält der Papst -Staat diplomatische Beziehungen: Der Vatikan entsendet und der Vatikan erhält von den Staaten Botschafter, und ist manchmal empört, wenn denn der Vatikan-Botschafter eines Staates homosexuell ist. Etwa im Fall des Vatikan – Botschafters aus Frankreich Laurent Stefanini, der 2015 vom Papst abgelehnt wurde. Homosexuelle päpstliche Botschafter gibt es in demokratischen Staaten selbstverständlich, man denke etwa an den pädophilen Nuntius in der Dominikanischen Republik Bischof Jozef Wesolowski (dort Nuntius von 2008-2013) LINK oder an den speziell junge Männer (Polizisten) belästigenden Nuntius Bischof Luigi Ventura in Paris (2018 – 2019), er wurde von einem Pariser Strafgericht zu einer 8-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Darum merke: Auch der Papst entsendet homosexuelle Botschafter, Nuntien…(Zur Situation in Frankreich und auch zu Nuntius Ventura siehe einen Beitrag von Christian Modehn LINK
2.
Ein Päpstlicher Nuntius ist vor allem immer auch verschwiegener Beobachter im Sinne des Papstes und seiner vatikanischen Behörden: Er beobachtet, bewertet, kritisiert die jeweilige Kirche und auch die Politik. Schwerpunkt der politischen Interessen der Nuntien ist immer das gesetzliche Verbot der Abtreibung, der Ehe für alle, der aktiven gesetzlichen Sterbehilfe usw. in den jeweiligen Staates.
Der Nuntius hat starken Einfluss auf die Bischofsernennungen des jeweiligen Landes, dies alles geschieht in Abwehr von Öffentlichkeit und Transparenz. Katholiken der jeweiligen Länder haben selbstverständlich keinerlei Einfluss auf die Auswahl der jeweiligen Nuntius. Hingegen Bischöfe, die dem Papst und dem vatikanischen Apparat treu ergeben snd, haben auch Einfluss auf den Vatikan, selbstverständlich immer ohne öffentliche Transparenz. Welcher objektive, d.h. nicht kirchenabhängige Forscher macht sich noch die Mühe, etwa den Einfluss des Opus Dei (und dessen vieler Adepten, wie Kardinal Woelki,) auf die Auswahl der Nuntien und Bischöfe zu machen?
3.
Der Niederländer Hubertus Matheus Maria van Megen (65 Jahre alt), kurz Bert van Megen, ist also der neue Nuntius in Deutschland mit Amtssitz in Berlin. Biografische Details über van Megen sind etwa über wikipedia erreichbar.
Wir können hier nur einige entscheidende Stichworte zur Theologie des neuen Nuntius in Berlin zur weiteren Forschung nennen. Diese Stichworte können hilfreich sein, wenn es angesichts der Theologie und Kirchenpolitik des neuen Nuntius van Megen zu einer Bewertung der Reformbemühungen im deutschen Katholizismus kommen wird, etwa zum „Synodalen Prozess“, jenem zaghaften Versuch, etwas Demokratie in der römischen Kirche in Deutschland durchzusetzen und etwas gegen den totalen Ausschluss von Frauen von den kirchlichen Ämtern zu tun. In einigen Monaten wird man deutlicher sehen, warum Papst Leo XIV. ausgerechnet einen theologisch konservativen und streng – dogmatischen Niederländer zum Nuntius in Berlin ernannt. Diese Entscheidung wird auch hilfreich sein, um deutlicher zu sehen, ob denn nun Papst Leo eher etwas reformfreudig ist oder sehr am alten, versteinerten klerikal – dogmatischen System festhalten will.
4.
Der neue Nuntius Van Megen gehört zum konservativ bzw. sehr konservativen Flügel der katholischen Kirche in den Niederlanden. Sofern man dort überhaupt noch von „Flügeln“ sprechen kann, denn progressive bzw. reformorientierte Flügel gibt es seit etwa 20 Jahren nicht mehr. Die Progressiven haben das Weite gesucht… Die katholische Kirche der Niederlande ist also faktisch eine aussterbende konservative Klein-Kirche, manche sagen eine Sekte. Schuld daran sind die Päpste selbst, spätestens seit 1970 setzten der Papst und die vatikanische Bürokratie alles daran, die damals sehr progressive niederländische Kirche kaputt zu machen, und zwar durch die Ernennung von reaktionären Priestern zu Bischöfen, zuerst Bischof Adrian Simonis (ernannt 1970 zum Bischof von Rotterdam), dann Bischof Johannes Gijsen (ernannt 1972 zum Bischof von Roermond), andere ähnlich orientierte Bischöfe folgten.
Die progressiven Katholiken der Niederlande hatten nichts anderes vor, als die viel besprochene, durchaus offiziell geltende Inkulturation des katholischen Glaubens in ihrem demokratischen Land zu realisieren. Eben mit den Forderungen: Abschaffung des Zölibats-Gesetzes, neue Sprache für Dogmen und Moral, demokratische Strukturen in der Kirche der Niederlande….Sehr viele Priester und die meisten Bischöfe, wie Kardinal Alfrink (Utrecht) oder Bischof Ernst (Breda), teilten diese richtige Option. Aber sie wurde vom Vatikan systematisch zerschlage, und die Gläubigen wurden aus der Kirche vertrieben.
5.
Mit dem reaktionären Bischof von Roermond Johannes Gijsen und dessen neu errichtetem Priesterseminar in Rolduc ist der heutige Nuntius van Megen seit langem verbunden: An diesem Priesterseminar Gijsen studierte er: Rolduc galt von vornherein zurecht als extrem konservative Ausbildungsstätte für Priester, die sich total dem päpstlichen System verpflichten. An dieser kirchlichen Hochschule Rolduc, studierte auch Wim Dijk, der später Erzbischof und Kardinal von Utrecht wurde, auch er gilt unter objektiven Beobachtern der Kirchenszene Hollands als sehr konservativ.
1987 wurde van Megen von Bischof Gijsen zum Priester für das Bistum Roermond geweiht. Da lohn sich noch mal raufzuschauen: Leider (für die Opfer zumal) wurde erst post mortem von der niederländischen Kirche anerkannt, dass Johannes Gijsen als Kaplan damals zwischen 1958 und 1961 sexuellen Missbrauch an Knaben begangen hat. Nach seinem Rücktritt als Bischof von Roermond schon 1993 zog sich Gijsen zunächst in ein österreichisches Nonnen-Kloster zurück, er hatte wohl – angesichts seiner Unbeliebtheit – etwas Angst in Holland zu bleiben, dann wurde er durch den polnischen Papst auch noch zum Bischof von Island (Sic!) ernannt, so wurde Gijsen hin und her geschoben als reaktionärer Problemfall der Kirche, gestorben ist er 2013 in einem Nonnenkloster.

PS: Über den Niedergang des Katholizismus in den Niederlanden, verursacht auch durch den rigiden Umgang des Vatikans mit dieser Kirche: siehe etwa die große Studie „Tot vrijheid geroepen. Katholieken in Nederland 1945 – 2000“, Ten Have Verlag, 1999. Als Motto der nun zerstörten progressiven Kirche der Niederlande (sie war bis etwa 1985 sehr lebendig) kann das Wort des progressiven Kardinals Alfrink (Utrecht) gelten:  „Ich meine im Laufe der vergangenen Jahre gelernt zu haben: Dass die Kirche, will sie denn glaubwürdig sein für die Menschen von heute, eine menschliche Form von Machtausübung sichtbar machen muss, und dies muss so wahrnehmbar sein, dass sie ihre Basis hat in der Liebe zum Menschen  und in der Ehrfurcht vor der menschliche Würde.“ (Zit. in „Tot vrijheid geroepen, S. 311). Der Autor dieses Buches, Prof. Walter Goddijn, kommentiert diesen Satz gleich anschließend in dem selben Buch:“Eine schärfere Abweisung der Strategie von Bischof Gijsen, eine schärfere Abweisung auch des Eingriffs in die niederländische Kirchenprovinz durch die päpstliche Kurie in Rom hätte Kardinal Alfrink nicht geben können.“

6. Reaktionäre Positionen des Nuntius van Magen in Afrika:
1990 begann van Megen seine Karriere der diplomatischen Laufbahn für den Vatikan. 1996 wurde er – wie üblich bei diesen Karrieren – in katholischem Kirchenrecht promoviert mit dem Thema: „The concept of perfect society from Pius IX to the second Vatican council“.
Wichtig ist vor allem: von 2019 bis 2024 war van Megen päpstlicher Nuntius in Kenia. Das theologische Profil van Megens, wie es sich Afrika zeigt, beschreibt wikipedia sehr treffend: „Bei einer Tagung der Vereinigung der Bischofskonferenzen Ostafrikas (Amecea) in Nairobi im September 2019 warnte van Megen die Bischöfe der ostafrikanischen Länder vor westlichen Einflüssen und übte dabei Kritik an den westlichen Gesellschaften. Die Menschen im Westen hätten den Sinn für Gemeinschaft verloren und zeigten sich sowohl in der Politik als auch in ihren Familien verantwortungslos, sie kümmerten sich „nicht einmal um ihre eigenen Kinder“. Die Afrikaner sollten dagegen das in ihren Gesellschaften traditionell verankerte Miteinander stärken, um den Gefahren des Kapitalismus, Individualismus und Hedonismus zu trotzen, die in anderen Teilen der Welt zu Ungerechtigkeit und mangelnder Wertschätzung für das menschliche Leben geführt hätten. (Quelle: Nuntius warnt Ostafrikas Bischöfe vor westlichem Einfluss. In: Vatican News. 10. September 2019, abgerufen am 9. April 2026.).

Was die Abwehr der Gender-Theorie durch die Kirche und ihre Bischöfe bedeutet: „Die Mobilisierung gegen die Gender-Ìdeologie` reicht von von der deutschen AFD über us-amerikansiche Gouverneure bis zu brasilianischen Evangelikalen oder der im Umfeld Putins betriebenen Propaganda, in der Verwestlichung mit Verweichlichung und Entmännlichung gleichgesetzt wird“. So die Philosophin Rahel Jaeggi in „“Fortschritt und Regression“, Berlin 2025, S. 232, Fn. 38. In solchen Kreisen also bewegen sich Bischöfe, wenn sie die Gender-Theorie verurteilen.
7.
Auch bei einer Bischofsweihe in der kenianischen Diözese Eldoret im Mai 2024 äußerte sich Nuntius van Megen strak europakritisch, und er machte sich eine Aussage des Erzbischofs von Kinshasa, Fridolin Ambongo Besungu, zu Eigen, wonach die Kirche in Europa geschwächt sei und für die Kirche in Afrika kein Vorbild mehr sein könne. Dabei bezeichnete van Megen die „Lehren der westlichen Gesellschaft über Abtreibung, Euthanasie und Gender-Theorie als „klare Symptome einer Gesellschaft, die ihren inneren Kompass verloren hat“. (Quelle: https://katholisch.de/artikel/68050-hubertus-van-megen-papst-leos-neuer-mann-in-berlin. In: Katholisch.de. 9. April 2026, abgerufen am 9. April 2026).
8.
An diesen Aussagen des Niederländers van Megen in Afrika, in Kenia, ist vieles empörend: Er als Europäer will eine Moral für Afrika durchsetzen, die selbst in Europa nur noch von reaktionären Randgruppen vertreten.
Er will wohl meinen, mit dieser Position etwas für die Inkulturation des katholischen Glaubens in die afrikanischen Kulturen tun zu können, was Unsinn ist, wenn man sich diese seine „Werte“ anschaut. Nur zur Erinnerung: Inkulturation (dialogbereite, vernünftige Einfügung) des katholischen Glaubens in ein demokratischen Land wie Holland wird von diesen Herren der Kirche abgelehnt. Nun wird sie inkompetent in Afrika von einem Nuntius propagiert. Da gilt die vatikanische Versteinerung des „Immer so weiter“…
Noch schlimmer: Mit der Ablehnung der Gender-Theorie ist auch die Ablehnung der EHE für alle gemeint und damit auch das Menschenrecht für homosexuelle Menschen. Das sagt ein päpstlicher Nuntius in Kenia, wo die Lebensbedingungen LGBTQI+-Personen in Kenia von starker Homofeindlichkeit, rechtlicher Kriminalisierung und gesellschaftlicher Stigmatisierung bestimmt sind. Im Nachbarstaat Uganda ist die Feindseligkeit gegenüber homosexuellen Menschen äußerst drastisch, bei „schwerer Homosexualität“ droht sogar die Todesstrafe.
So viel Unsinn wagt also ein päpstlicher Nuntius in Ostafrika zu sagen, solche Äußerungen dienen überhaupt nicht dem demokratischen Miteinander oder der Durchsetzung der Menschenrechte. Es ist schon merkwürdig, dass ausgerechnet ein solchermaßen bornierter päpstlicher Botschafter und Bischof dann 2019 vom Papst zum „ständigen päpstlichen Beobachter“ von Menschenrechtsorganisationen der UN ernannt wird, zum Umweltprogramm der Vereinten Nationen oder zum UN-Programm für menschliche Siedlungen (Habitat). Da wird sich der neue Nuntius in Berlin sicher alsbald stark zur Mieter-Debatte oder der Reichensteuer äußern…
9.
Die Homo-feindlichen und als solche also menschenrechts-feindlichen Äußerungen des Nuntius van Megen in Kenia liegen in gewisser Weise auf einer Linie mit den Stellungnahmen des ultra- reaktionären Kurien- Kardinals Robert Sarah aus Guinea, Westafrika, wir haben dazu einiges dokumentiert. LINK

Kardinal Sarah: Über den Liebling von EX-Papst Benedikt


10.
Das Gebäude des päpstlichen Botschafters in Berlin befindet sich bekanntlich an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, also mittendrin in Problemvierteln. Botschafts-Gebäude sind ja eigentlich öffentlich zugänglich, etwa für Visa Anträge etc. Die Vatikan – Botschaft ist wie eine verschlossene Burg, nur für Erwählte oder bei gelegentlichen Führungen in der Kapelle zugänglich. Aber wer will, wer darf schon einen Antrag stellen, um Bürger des Vatikan – Staates zu werde? Wenn sich das bei den zur Ausreise verpflichteten Flüchtlingen rumsprechen würde … dann wären die Palazzi des Vatikans auf einmal von anderen Menschen, von Laien, vielleicht von Muslims, bewohnt und belebt…
Aber die päpstlicher Nuntiatur ist und bleibt eine großzügige, aber immer verschlossene moderne Wohnanlage mit einigen dienenden Prälaten und einigen Nonnen, die dort kochen, putzen, waschen und den hübschen Park pflegen dürfen.

Zur marginalen Situation des niederländischen Katholizismus heute siehe auch: LINK

In dem Beitrag des Link die richtige Einschätzung des bekannten Jesuiten Jan van Kilsdonk, Mitarbeiter von Huub Oosterhuis: „Im Herbst 1962 kam es zum offenen Zusammenstoß. Der Jesuitenpater van Kilsdonk, Studentenpfarrer in Amsterdam, übte vor katholischen Intellektuellen harte Kritik an der vatikanischen Bürokratie. »Der Apparat der römischen Kurie steht einem gesunden Dialog zwischen Rom und dem Kirchenvolk im Wege«, erklärte der Pater. ‚Die weltweite Glaubenskrise ist auf das Übergewicht der Kurie zurückzuführen.‘
Das Heilige Offizium in Rom forderte die Entlassung des ketzerischen Jesuiten. Die Holländer weigerten sich. Das vergaß ihnen die Kurie nicht. Sie sprach inoffiziell von ‚nördlicher Benebelung‘ und schwärzte die Holländer offiziell wegen ‚unzulässiger Praktiken‘ bei der Ritenkommission an.“

FUßNOTE 1: ( https://cisanewsafrica.com/2024/05/kenya-archbishop-bert-van-megen-warns-against-inflexible-ideologies-says-the-church-in-europe-is-weakened-the-church-in-africa-ever-stronger/ )

Der Apostolische Nuntius in Kenia und im Südsudan, S.E. Hubertus Maria van Megen, hat vor den Gefahren starrer Ideologien sowohl in der Kirche als auch in der Welt insgesamt gewarnt. Er hob hervor, wie solche Starrheit und Säkularismus dazu geführt haben, dass die tiefgründigen Lehren des Glaubens vernachlässigt wurden, und wie sie die Fähigkeit der Kirche beeinträchtigt haben, sich in den Komplexitäten der modernen Gesellschaft zurechtzufinden und dabei ihren grundlegenden Überzeugungen treu zu bleiben.

S.E. Hubertus Maria van Megen, Apostolischer Nuntius in Kenia und im Südsudan.
In seiner Predigt anlässlich der Bischofsweihe von Bischof John Kiplimo Lelei am 25. Mai in Eldoret erklärte der päpstliche Diplomat, dass es der heutigen Gesellschaft schwerfalle, die Lehren der Kirche – die Lehren Christi – anzunehmen, da diese Lehren ihren Wünschen und Bedürfnissen zuwiderliefen.
„Unsere Gesellschaft empfindet das Ideal, das Christus lehrt und lebt, als für normale Menschen unerreichbar und sollte es daher ablehnen, da es die Menschen in ihrer Freiheit einschränkt und sie an Erwartungen fesselt, die sie niemals erfüllen können“, erklärte er und fügte hinzu: „Die Lehren der Kirche, so die Argumentation, schränken die Freiheit des Menschen ein und sollten daher abgelehnt oder sogar verboten werden.“

Der aus den Niederlanden stammende Nuntius forderte die Gläubigen auf, aus den Fehlern der westlichen Gesellschaft zu lernen, die seiner Meinung nach ein eklatantes Beispiel dafür seien, was eine Abkehr von den Lehren Christi für eine Gesellschaft und die Kirche bedeute.
Er sagte, die „Denkweise“ der westlichen Gesellschaft habe zu sozialer Zersplitterung, einer Kultur des Materialismus und Konsumdenkens sowie zu geistiger Blindheit geführt, wodurch die Menschen den Kontakt zu ihrem angeborenen Sinn für Moral und Gewissen verloren hätten.
„In der westlichen Gesellschaft sehen wir deutlich, zu welcher Verirrung diese Denkweise führt. Wenn wir versuchen, die Lehren Christi an die Schwäche des Menschen anzupassen, rutschen wir unweigerlich immer tiefer in den Abgrund. Die Lehren der westlichen Gesellschaft zu Abtreibung, Euthanasie und Gender-Theorie sind klare Symptome einer Gesellschaft, die ihren inneren Kompass verloren hat und hilflos auf dem stürmischen Meer menschlicher Begierden treibt, in jeder Hinsicht erschüttert und geschwächt“, erklärte er.
Er führte aus: „Es ist für jeden offensichtlich, wie der Westen, eine säkulare Gesellschaft, seine Kraft verloren hat und immer selbstbezogener wird. Einst ein Licht für die Völker, hat sie nun ihre Lampe unter den Scheffel gestellt. Ihr Licht wird immer schwächer. Wie der Erzbischof von Kinshasa, Kardinal Ambongo, vor einigen Monaten sagte: ‚Die Kirche in Afrika wurde immer als Tochter der Kirche in Europa betrachtet. Doch nun kann man sie aus gutem Grund als Schwesterkirchen bezeichnen.‘ Die Kirche in Europa ist geschwächt, die Kirche in Afrika immer stärker.“

Erzbischof van Megen betonte, dass die Lehren Christi unverzichtbar seien und dass sie der einzige akzeptable Maßstab für alle Menschen seien, „so wie der Kompass das einzige verlässliche und unverzichtbare Instrument für einen Kapitän ist, der seinen Weg durch die dunklen und stürmischen Meere findet (Leo Tolstoi).“

Kommentar von Christian Modehn: Wenn, so Bischof van Megen,  die Lehren Christi unverzichtbar seien und dass sie der einzige akzeptable Maßstab für alle Menschen seien, dann ist damit heftigster Fundamentalismus gesagt. Man tausche nur „die Lehren Christi“ mit „den Lehren des Koran“ aus…
Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

Am 15.5.2026 ergänzt: Nuntius van Megen ist offenbar eng mit dem reaktionären Kardinal von Utrecht, Wim Eijk, befreundet, über die Reflexionen des Kardinal zur Homosexualität siehe aktuell:LINK 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 16. Mai 2026 durch CM