Fromme Worte und Floskeln zum Ukraine – Krieg. Die Osteransprache von Papst Franziskus am 17.4.2022.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.4.2022.

Siehe auch diesen Hinweis „Die Osteransprache des Papstes, die nicht gesprochen wurde: LINK:

Es ist die Mühe wert, die Osteransprache von Papst Franziskus am 19.4.2022 genauer anzuschauen.

Vorweg zur Einstimmung diese Frage:

Warum um Himmels willen sagt der Papst in seiner Ostersprache nicht diese wenigen Worte: „Präsident Putin, beenden Sie sofort diesen Krieg!“

Dies ist der Traum: Der Papst wiederholt dann immer wieder diese Worte in allen ihm zur Verfügung stehenden Sprachen, sogar auf Russisch sagt er sie,  selbst die alten Kardinäle an seiner Seite sprechen dann mit, solange, bis die ganze Menge auf dem Petersplatz ebenfalls brüllt und schreit und weint: „Putin, beenden Sie dieses Ihr Morden, beenden Sie sofort diesen Ihren Krieg“. Und dieses Brüllen und Schreien zusammen mit dem Papst wird zu einem großen Spektakel in ganz Rom, nun wirklich „urbi et orbi“. Auf dem Petersplatz dauert es eine ganze halbe Stunde lange, pünktlich bis 12.20 Uhr am Ostersonntag, ein Spektakel, das in die ganze Welt übertragen wird und die Welt erschüttert…Und sehr viele sagen auf einmal: Dieses Spektakel ist doch wirksamer als diese ewig selben frommen Worte und Floskeln und spirituellen Vertröstungen der üblichen Osteransprachen….Aber leider ist dies nur ein Traum!   (Siehe auch eine Kuzfassung dieser nicht gesprochenen Osteransprache des Papstes: LINK).

1.
Der Papst betont zu Beginn im Blick auf den Krieg in der Ukraine: „Wir haben zu viel Blutvergießen, zu viel Gewalt gesehen.“
Wer ist „wir“? Der Papst meint offensichtlich auch sich selbst. Denn es folgt die erstaunliche, nur angedeutete theologische Erkenntnis: „Es fällt uns (deswegen) schwer zu glauben, dass Jesus wirklich auferstanden ist, dass er den Tod wirklich besiegt hat. Ist es vielleicht eine Illusion? Das Ergebnis unserer Einbildungskraft?“
Diese bewegende und für einen Papst außergewöhnliche Frage wird von Franziskus nicht weiter vertieft. Sonst käme er zu der Erkenntnis, dass wahrscheinlich die Gottesfrage der Christen und die Deutung der „Auferstehung Jesu von Nazareth“ ganz anders als bisher dogmatisch üblich besprochen werden sollte.
2.
Davor aber schrickt der Papst zurück. Er beantwortet unmittelbar danach seine provozierende Frage in der Weise der alten, traditionellen Bibeldeutung (im Sinne der ziemlich gedankenlosen, aber so einfachen Wiederholung der biblischen Sprüche) und sagt rigoros und unvermittelt: „Nein, es ist keine Illusion! Heute erklingt mehr denn je die Osterbotschaft, die dem christlichen Osten so teuer ist: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Schon zuvor hatte der Papst nach alter Art betont: “Jesus zeigt den Jüngern die Wunden an seinen Händen und Füßen, die Wunde an seiner Seite: Es ist kein Gespenst, es ist er, derselbe Jesus, der am Kreuz starb und im Grab war. Unter den ungläubigen Blicken der Jünger wiederholt er: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,V. 21). Wie bitte? Jesus am Kreuz ist derselbe wie der Auferstandene? Bei der Frage sind die Evangelisten ganz anderer Meinung, fundamentalistisch verstanden wandelt da der Auferstandene durch die Türen, kommt und verschwindet wie ein Geist, wann er sich der Gemeinde zeigen will. Hat der Papst Exegese studiert?
3.
Nach dieser traditionellen Predigt findet der Papst den Bogen zum Krieg in der Ukraine. Dabei fällt auf, dass er den Verursacher des Krieges, und das ist absolut eindeutig und von allen Demokraten geteilt, der russische Staatschef Wladimir Putin, mit keinem Wort erwähnt. Sondern der Papst gleitet in der Reflexion der Schuldfrage in die uralten biblischen Mythen ab und beginnt unvermittelt auch noch von Kain und Abel zu sprechen: Wir, sagt der Papst, „tragen den Geist Kains in uns, der Abel nicht als Bruder, sondern als Rivalen ansieht und darüber nachsinnt, wie er ihn beseitigen kann.“ Schwadronieren über Kain und Abel also, kein Wort zu Putin als Putin!
4.
Wer ist das „Wir“? Auch der „heilige Vater“ ? Oder bloß die auf dem Petersplatz versammelte Gemeinde, oder sogar die Welt der Menschen und damit, ungenannt, eben auch Putin?

Das „Wir“ bleibt aber unklar, eine typische nebulöse Floskel könnte man meinen. Natürlich haben alle Menschen als endliche Menschen Böses getan. Aber hier geht es um Kain, den Brudermörder, und der ist angesichts des Krieges Russland in der Ukraine klar mit einem Namen zu benennen. Davor hat der Diplomat Papst Franziskus noch Angst…
Der Papst weicht wieder ins unverbindliche Spirituelle aus, wenn er fortfährt: „Wir brauchen den auferstandenen Gekreuzigten, um an den Sieg der Liebe zu glauben, um auf Versöhnung zu hoffen. Heute brauchen wir ihn mehr denn je, der zu uns kommt und uns erneut sagt: „Friede sei mit euch!“
5.
Wieder das Übliche, Erwartbare, was schon 10 Päpste vor ihm auch hätten genauso sagen können: Jesus stiftet Frieden, er führt zum Sieg der Liebe etc.. Wie diese himmlische Hilfe Jesu im Verbund mit den Menschen hier geschehen kann, wird noch nicht einmal angedeutet. Und dann folgen sehr merkwürdige Überlegungen: Dass die Wunden Jesu eigentlich unsere (?) Wunden seien. Daraus zieht der Papst einen Schluss, der nicht anders als esoterisch genannt werden kann: „Die Wunden am Leib des auferstandenen Jesus sind das Zeichen des Kampfes, den er für uns mit den Waffen der Liebe geführt und gewonnen hat, auf dass wir Frieden haben, in Frieden sein und in Frieden leben können.“
Also müsste eigentlich angesichts der überwundenen Wunden Jesu allüberall Frieden herrschen … oder was?
6.
Nun wendet sich der Papst wieder der „leidgeprüften“ (wie sanft formuliert, CM) Ukraine zu und sagt: „Gehe bald eine neue Morgendämmerung der Hoffnung über dieser schrecklichen Nacht des Leidens und des Todes auf! Möge man sich für den Frieden entscheiden“.
Anstelle vom Kriegsverbrecher Putin spricht der Papst nur von einem neutralen MAN, das (der) sich zum Frieden bekehre. Noch einmal: Wer ist dieses Man? Doch wohl im demokratischen Verständnis eindeutig Putin und seine Kriegstreiber, wie auch der ehemalige KGB Agent Patriarch Kyrill I.von Moskau. In seiner anonymen Rede von einem „Man“ fährt Papst Franziskus er fort: „Möge man sich für den Frieden entscheiden. Man höre auf, die Muskeln spielen zu lassen, während die Menschen leiden“.
Was soll das denn nun? Wer spielt denn da mit den Muskeln, Krieg als Muskelspiel, welch ein Wahn!
7.
Zum Schluss seiner offenbar von diplomatischen Erwägungen bestimmtenRede (im Hintergrund das Übliche:. „Der Papst muss die katholische Kirche in Russland schützen“) folgt wie erwartbar die spirituelle Zusage, dass der Papst „in seinem Herzen“ (so wörtlich) all die vielen ukrainischen Opfer und die Millionen Flüchtlinge in seinem Herzen trägt… Die Ansprache endet: „Brüder und Schwestern, lassen wir uns vom Frieden Christi überwältigen! Der Frieden ist möglich, der Frieden ist eine Pflicht, der Frieden ist die vorrangige Verantwortung aller!
8.
Der Friede ist also die vorrangige Verantwortung aller, also auch der Kirchen, auch des Papstes. Das klingt gut, ist aber zu allgemein und unverbindlich. Danach hätte es interessant werden können, welchen konkreten politischen Friedensbeitrag denn der Papst, zugleich Chef des Staates Vatikanstadt, denn aktuell zu tun gedenkt. Oder auch: Wie er Friedenserziehung nicht als Blabla einer Spiritualität des Blutes Christi, sondern als politische- ethische Ausbildung aller Katholiken in den Mittelpunkt zu stellen gedenkt. Nichts davon.
9.
Es folgt zum Ende dieser vielleicht weltweit beachteten Rede die übliche Zusage des Ablasses durch einen Kardinal auf der Loggia und dann der übliche Segen des Papstes „Urbi et Orbi“. Wie oft haben Päpste die Stadt und den Erdkreis gesegnet … wurde durch den päpstlichen Segen die Stadt und der Erdkreis (urbi et orbi) nachweislich, empirisch spürbar, friedlicher, berechter? Ich fürchte nein. Diese Segen waren nur etwas sehr Spirituelles“….

10.
Die entscheidende Frage ist noch einmal formuliert:
Warum sagt der Papst nicht in seiner Oster-Ansprache vom 17.4. 2022? Hat er denn keinen politischen Mut mehr? Er hätte doch laut und deutlich sagen können:

„Lieber Patriarch Kyrill, auch du darfst dich, wie ich auch, „Heiligkeit“ nennen.
Sage doch als „Heiligkeit“ bitte deinem angeblich rechtgläubigen, orthodoxen, Weihrauchschwaden und Kerzen liebenden Mitchristen Wladimir Putin: Er solle in Gottes Namen SOFORT diesen Krieg beenden. Wenn nicht, wird er immer mehr zum Völkermörder. Zum Nihilisten, zum Zerstörer. Er stellt sich außerhalb der Humanität.

Und falls du, Kyrill, du Heiligkeit, das nicht willst, weil du aus KGB- Zeiten mit Putin bekanntlich eng verbunden bist:

Dann wende ich mich jetzt eben direkt an den rechtgläubigen Christen, Präsident Wladimir Putin: „Herr Putin, beenden Sie diesen von Ihnen inszenierten Krieg gegen die Ukraine und gegen die Demokratie SOFORT. Beenden Sie in Gottes Namen diesen Krieg!
Wir Katholiken beten ab jetzt nicht nur für den Frieden. Sondern auch: Immer wenn wir einander sehen und begegnen, rufen wir uns zu: „Putin ist ein Kriegsverbrecher. Putin, beende den Krieg.“

Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-04/vatikan-wortlaut-segen-ostern-papst-franziskus.html
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Willkommenskulturen. Beispiel POLEN“. Ein Gastbeitrag von Kerem Schamberger , MEDICO – International:

Für philosophische Reflexionen ist es selbstverständlich, umfassend nach den Dimensionen der Hilfsbereitschaft jetzt im Krieg gegen die Ukraine zu fragen: Wer ist der andere, die andere? Gibt es Hierarchien im Umgang mit den anderen hinsichtlich der Solidarität des Westens, etwa Polens? Dringende Fragen, zu denen der Autor Kerem Schamberger von MEDICO-International Stellung nimmt. Der Religionsphilosophische Salon Berlin dankt für die Möglichkeit, diesen wichtigen Beitrag auch hier zu publizieren. Und dadurch für eine umfassendere Aufklärung beitzutragen. Christian Modehn.

1.

In Warschau packt die ukrainische Künstlerin Yulia Krivich in einem Nebengebäude des Museum of Modern Art zusammen mit anderen Freiwilligen Lunchpakete für die Ankommenden. Sie erzählt uns von ihrer Mutter, die in der Zentralukraine lebt. Seit Russland 2014 die Krim annektierte, habe diese einen Koffer mit dem Nötigsten in der Ecke stehen, um im Zweifel schnell fliehen zu können. Ob sie das nun getan habe? Nein, schüttelt Yulia Krivich den Kopf, noch nicht. Dann widmet sie sich wieder den Lunchpaketen. Schließlich sind Millionen von Ukrainer:innen auf der Flucht Richtung Westen.
Eine Woche lang waren wir – meine medico-Kollegin Karoline Schaefer und ich – in Polen unterwegs. Zuerst in Warschau, dann an der polnisch-belarussischen Grenze und weiter im Süden an der ukrainischen Grenze. Auf mehr als 1.500 Kilometern konnten wir uns einen Einblick verschaffen, wie die polnische Gesellschaft ihre Türen geöffnet hat. Bisher sind mehr als zwei Millionen Kriegsflüchtlinge ins Land gekommen. Das Gros der Hilfe leisten Organisationen und Aktivist:innen der polnischen Zivilgesellschaft. Sie werden von Frei[1]willigen und Organisationen aus anderen Ländern unterstützt. Der Staat ist hingegen kaum präsent, auch nicht am Warschauer Hauptbahnhof. Tausende kommen hier täglich an. Im ersten Stock wurden Bettenlager errichtet, in denen Menschen oft tagelang verharren, weil sie nicht wissen, wohin. Freiwillige organisieren die Verteilung des Allernötigsten: Essen, Hygieneartikel, Powerbanks.

2. Die Regierung benutzt die Hilfe

Momentan geht eine Welle der Solidarität durch die polnische Gesellschaft. Sie schließt an den vergangenen Herbst an, als viele polnische Aktivist:innen in der Grenzregion zu Belarus Hilfe für die in den Wäldern umherirrenden Geflüchteten leisteten – gegen den Willen des polnischen Grenzschutzes und trotz der Kriminalisierungsversuche durch die rechte PiS-Regierung. Oft sind es dieselben Gruppen und Organisationen, die nun die Erstversorgung für die Flüchtenden aus der Ukraine organisieren. Viele von ihnen sind sauer: „Die Regierung benutzt die breite gesellschaftliche Solidarität für ihre eigene Agenda, für den Stolz auf die ‚polnische Nation‘. Es ist viel Propaganda“, sagt jemand. Das gehe so weit, dass die PiS nun Druck auf die EU ausübe, die gegen Polen verhängten Strafgelder aufzuheben, weil sie sich so vorbildlich um die Flüchtlinge kümmerten. Wie absurd das werden kann, erzählen uns Aktivist:innen in der Stadt Lublin im Osten des Landes. Dort unterhält die polnische Organisation Homo Faber eine Notfallhotline für Flüchtlinge aus der Ukraine. Mehr als 1.000 Anrufe täglich nehmen sie entgegen, rund um die Uhr. Die Regierung hat die Nummer ohne vorherige Rücksprache auf ihre eigenen Webseiten gestellt und nicht mal angegeben, dass Homo Faber sie zusammen mit ukrainischen Freiwilligen betreibt. „Wir sind es leid, von der Regierung benutzt zu werden“, sagt eine Mitarbeiterin. Es sei unklar, wie lange sie die enorme Arbeitsbelastung durchhalten können. Alle seien am Ende ihrer Kräfte.
Richtige und falsche Geflüchtete
Besonders sichtbar wird die humanitäre Krise in den Vereinsräumen von Ukrainski Dom, einer Organisation, die schon vor Jahren von in Polen lebenden Ukrainer:innen gegründet wurde. Vor dem kleinen Haus im Zentrum von Warschau stehen Dutzende geflohene Ukrainer:innen Schlange, um eine SIM-Karte zum Telefonieren zu erhalten oder – noch wichtiger – eine Unterkunft vermittelt zu bekommen. Das ist gerade die Hauptaufgabe des Vereins, berichten uns zwei Mitarbeiter:innen. Seit Kriegsbeginn hätten sie nur wenig geschlafen, auch aus Sorge um ihre Verwandten in der Ukraine. Und sie erzählen von Unterschieden in der Hilfsbereitschaft. Unterkünfte gebe es vor allem für ukrainische Frauen und Kinder, aber nicht für andere Gruppen von Flüchtlingen. Auch andere Aktivist:innen, mit denen wir sprechen, kritisieren, dass der Solidaritätsbegriff in der polnischen Mehrheitsbevölkerung etwa Rom:nja-Familien, Schwarze und andere People of Colour oft ausklammert. Der Fokus von LAMBDA, einer traditionsreichen queeren Organisation in Warschau, ist es deswegen, in dieser Krisensituation den „Ausgeschlossenen unter den Ausgeschlossenen“ zu helfen: Die Aktivist:innen vermitteln Wohnungen, geben Gutscheine für Kleidung und andere Dinge des täglichen Bedarfs aus und bieten kostenlosen Sprachunterricht für die Geflüchteten an – explizit für alle.

3. Wie extrem die faktische Ungleichbehandlung von Geflüchteten ist, wird im Białowieża-Wald im polnisch-belarussischen Grenzgebiet deutlich.

Dort versuchten Ende letzten Jahres mehrere Tausend Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa zu gelangen und noch immer halten sich dort Menschen auf der Flucht versteckt. Hier ist der Staat sehr wohl präsent. Aber nicht, um zu helfen, im Gegenteil. Auf dem Weg zur Grenze passieren wir zwei Polizeikontrollen, die schauen, was oder vielmehr wen wir im Wagen haben. Am Ziel treffen wir eine Aktivistin der von medico unterstützten Grupa Granica, einer sozialen Bewegung, die Menschen­rechts­ver­letz­ungen dokumentiert und sich für Flüchtlinge einsetzt, die es auf polnischen Boden geschafft haben. Die Frau erzählt uns, dass die Notrufe von Geflüchteten aus dem Grenzwald aktuell wieder mehr werden. Auf der belarussischen Seite warten nach wie vor Hunderte Menschen. Deren Situation verschlechtert sich zusehends.
Diejenigen, die es über die Grenze geschafft haben und die Grupa Granica kontaktieren, sind total erschöpft und benötigen oftmals medizinische Versorgung. Viele kommen aus afrikanischen Ländern, einige haben zuvor in Russland oder Belarus studiert. „Es ist absurd, man wacht auf, und auf einmal sieht man zwei Menschen aus Ruanda im Wald“, sagt die Aktivistin. Wenn der Grenzschutz sie aufgreift, werden sie in eines von derzeit sieben geschlossenen Auffanglagern in ganz Polen gebracht. Die Grupa Granica nennt diese „Detention Center“, die Bedingungen seien allerdings noch schlechter als in polnischen Gefängnissen. Etwa 2.000 Menschen sitzen dort derzeit ein. Nur Psycholog:innen und Anwält:innen können die Insassen besuchen. Und davon gibt es viel zu wenige. Für die Aktivistin ist die Ungleichbehandlung von Ukrainer:innen einerseits und Menschen aus dem Nahen Osten und afrikanischen Ländern andererseits kaum auszuhalten. „Das ist purer Rassismus“, sagt sie.

4.

Fluchthilfe als Spektakel
Szenenwechsel. Der Kontrast von der Situation in den abgeriegelten Wäldern zu der Atmosphäre am Grenzübergang in Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze könnte kaum größer sein. Zehntausende Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, passieren hier täglich den Schlagbaum. Fast alle sind erschöpft, tagelange Flucht liegt hinter ihnen. Was sie auf polnischer Seite erwartet, gleicht einem Jahrmarkt. Bunte Zelte, blinkende Girlanden, ein Pianist, der auf seinem Klavier „New York, New York“ spielt und an jeder Ecke Kamerateams aus der ganzen Welt. Daneben Hunderte NGO-Mitarbeiter:innen und Ehrenamtliche, die sich mit ihren Hilfsangeboten gegenseitig überbieten. Unter ihnen sind auch religiöse Sekten, Prediger:innen, messianische Christ:innen, die „den Juden dabei helfen wollen nach Israel zu kommen“, Selbstdarsteller:innen und mit Marsz Niepodległości sogar eine rechtsextreme polnische Organisation. Im vergangenen Jahr ist sie noch mit „Polen den Polen“-Transparenten aufmarschiert, die „richtigen“ Flüchtlinge aber heißt sie hier willkommen. Und dann ist da noch der polnische Grenzschutz. Anders als an der belarussischen Grenze hilft er hier den Geflüchteten beim Tragen der Koffer.
Zwei Animateure im Mickey-Maus- und Leoparden-Kostüm kommen uns entgegen. Als wir sie fotografieren, bitten sie uns, sie auf Facebook zu markieren, damit man sieht, wo sie sind. Es ist bezeichnend, dass sich am Grenzübergang Medyka als Hotspot der Medienaufmerksamkeit auch die meisten NGOs konzentrieren. Wo weniger Kameras präsent sind, sei es in Chelm oder Hrebenne, wird die Hilfe weitgehend allein von der lokalen Bevölkerung getragen. Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Grenzübergang Budomierz. Dort arbeiten Aktivist:innen, NGOs und die örtliche Stadtverwaltung in enger Absprache zusammen. Der Bürgermeister, sein Stellvertreter und die örtlichen Stadträte kommen jeden Tag mehrmals vorbei und helfen mit. Und zwar nicht nur, wenn Fotograf:innen und Kamerateams dabei sind. Das könnte die Basis einer Hilfs- und Aufnahmeinfrastruktur sein, die auch bei andauerndem Krieg und fortgesetzter Flucht trägt und willkommen heißt.

5.

Die von medico seit Ende 2021 in Polen geförderte Grupa Granica kümmert sich seit Kriegsbeginn zusätzlich um Geflüchtete aus der Ukraine. Dabei konzentrieren sich die Aktivist:innen auf Rom:nja, Schwarze und andere People of Color ohne ukrainischen Pass, die ansonsten kaum Schutz erhalten. Gleichzeitig arbeitet die Gruppe weiter daran, die nach wie vor dramatische Situation der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten an der polnisch-belarussischen Grenze und in den geschlossenen Camps zu verbessern. Daneben unterstützt medico den Verein Asmaras World, der benachteiligten Geflüchteten ohne ukrainischen Pass sichere Transportmittel für die Weiterreise zur Verfügung stellt und ihnen in Deutschland beim Zugang zu Versorgung, bei der Suche nach Unterkünften und in asyl- und aufenthaltsrechtlichen Fragen hilft.
Spendenstichwort: Flucht und Migration

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2022. Das Rundschreiben schickt Ihnen MEDIO INTERNATIONAL gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren! Dort veröffentlicht am 05. April 2022

Kerem Schamberger:
Kerem Schamberger ist Kommunikationswissenschaftler und in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international für den Bereich Flucht und Migration zuständig.
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Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen!

Der französische orthodoxe Theologe Jean-Francois Colosimo nennt Patriarch Kyrill einen Mafioso.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.4.2022. Siehe auch: LINK

Ergänzt am 7.4.2022: Diese Hinweise zu Patriach Kyrill von Moskau, dem Putin – Freund, sind von besonderer Aktualität: Vom 31. August bis 8. September 2022 wird eine Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Genf) in Karlsruhe stattfinden. Das katholische DOM-Radio (Köln) berichtet am 6.4.2022, die Katholische Nachrichten Agentur KNA zitierend: „Die russisch-orthodoxe Kirche will daran teilnehmen und hat bereits eine Delegation von 22 Mitgliedern unter Führung von Außenamtsleiter Metropolit Hilarion Alfejew benannt. Dazu gehört übrigens auch der neue Patriarchalexarch von Afrika, Metropolit Leonid von Klein, der eine Parallelstruktur zum eigentlich für Afrika zuständigen orthodoxen Patriarchat von Alexandria aufbauen soll“.

1.
In der Pariser Wochenzeitung „Réforme“, einer Publikation französischer Protestanten, wird jetzt (am 30.3.2022) ein sehr wichtiges Interview veröffentlicht mir dem orthodoxen Theologen, Historiker und Schriftsteller Jean-Francois Colosimo. Er ist heute Leiter des katholischen Pariser Verlages „Les Editions du Cerf“, zuvor war er Präsident des orthodoxen Studienzentrum St. Serge in Paris. Colosimo bewertet die Verantwortung des Moskauer Patriarchen Kyrill für die Verbrechen im Putin-Krieg gegen die Ukraine als „außerordentlich und erdrückend“.

Wir übersetzen zwei Passagen des Interviews, das Jean-Luc Mouton mit Colosimo geführt hat. Deutlich wird in den Interview der Zeitschrift Réforme u.a.: Kyrill hat es akzeptiert, eine Art „heiliger Diener“ des Putin-Regimes zu sein. Kyrill vertritt die Putin-Ideologie: Der Westen sei von der Dekadenz der Sitten bestimmt, für Kyrill ist der Westen „der spirituelle Feind“, für Putin ist der Westen der militärische Feind. Diese gemeinsame religiös-politische Ideologie ist tödlich in diesem Krieg.

2.
„Der Patriarch: ein Milliardär und Mafioso“:
Der erste Teil einer Übersetzung des Interviews mit dem Orthodoxie-Spezialisten Jean-Francois Colosimo:

„Wir haben es mit Kyrill zu tun als einem kirchlichen Verantwortlichen, der schon vom kommunistischen Regime verdorben wurde und der es akzeptiert hat, Beichtvater des Geheimdienstes FSB zu werden, also der Nachfolgeorganisation des KGB. Kyrill ist der Seelsorger der Oligarchen. Er selbst hat ein Vermögen von zwei Milliarden Dollars geerbt. Er hat von einem Gesetz der Douma, dem russischen Parlament, profitiert, das ihn von Steuern auf Waren befreite, die für die Kirche Russlands importiert werden. Kyrill ist also der erste Importeur von Zigaretten, Parfum und Taschen der Marke Louis Vuitton in Russland. Es reicht, den Stempel des Patriarchats auf die Gegenstände zu setzen, wenn sie an der Grenze ankommen und alles ist von der Steuer befreit. Wir haben es also mit einem Mafioso zu tun, nicht weniger und nicht mehr. In seinen Gottesdiensten ist er umgeben von Schutzpersonal, das aus dem KGB stammt. Er liest in den Gottesdiensten das Evangelium vor Milliardären, die ihr Vermögen auf blutige Weise erworben haben, und der Patriarch spricht sie los von ihren Sünden….
3.
„Alle ökumenischen Verbindungen mit dem Patriarchen von Moskau abbrechen“:

Es wäre gut, dass die Orthodoxe Welt und die ökumenischen Kreise jegliche Beziehung mit dem Patriarchen von Moskau abbrechen. Er repräsentiert heute einen Skandal für das universelle christliche Gewissen. Er ist ist ein „Anti-Ökumeniker“ geworden.
Die gemeinsame Zurückweisung seiner Person gibt uns die Gelegenheit, eine wahre ökumenische Tat zu vollbringen und uns zu sagen: Die Orthodoxen haben Kyrill wirklich nicht verdient, das gilt genauso, dass die Russen den Putin nicht verdient haben. Kein Volk auf dieser Welt braucht Putin. Und keine Kirche dieser Welt braucht Kyrill. Beide Gestalten sind Gespenster, die hervorgegangen sind aus der stalinistischen Epoche…
Kyrill ist verrückt geworden, er hat sich in einen sinnlosen Krieg begeben, er hat Zwietracht in der Orthodoxie geschaffen, er benutzt alle Mittel des Kremls, um den Ehrenprimas Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel zu zerbrechen.

Réforme, Hebdo protestante, 53 Av. du Maine, 75014 Paris.

www.reforme.net

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

Weiterreden mit dem Kriegstreiber Patriarch Kyrill von Moskau: Ein Skandal.

Dagmar Heller, evangelische Spezialistin für die Ostkirchen, plädiert für Nachsicht für den nationalistischen Ideologen Kyrill.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Siehe auch: „Alle Kontakte mit Kyrill abbrechen“: LINK

1.
Putin führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Tausende sterben, Städte (Mariupol usw.) werden von seinem Militär aufs brutalste zerstört, die dort eingeschlossen Menschen krepieren.
Patriarch Kyrill (Kirill) von Moskau unterstützt Putin dabei seit langem ideologisch-religiös.
Beide, Präsident und Patriarch, sind Aggressoren und Kriegsverbrecher.

Darf man, als vernünftiger Mensch, als vernünftige Organisation, auch als religiöse Organisation (Kirche) mit solchen Leuten noch Dialoge führen? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Man muss ihnen die Macht nehmen, um der Menschlichkeit und des Friedens willen. Diese Herren im Kreml sind ins Töten, in Kriegführung, vernarrt.

2.
Diese Analyse könnte der Ausgangspunkt sein für einen Beitrag einer evangelischen Spezialistin für die Orthodoxen Kirchen: Die Frage könnte sein: Wie isolieren westliche Kirchen diesen Patriarchen, diesen geistlichen Kriegstreiber, der sich unverschämt auch noch „Heiligkeit“ nennt. Eine solche ökumenische Verurteilung aller Kirchen würde seinen geistlichen Thron ins Wanken bringen. Der Patriarch stände förmlich nackt da. Und das würden die Russen auch erfahren und sich glaubwürdigen Geistlichen anschließen.

3.
Aber was tut die evangelische Spezialistin? Sie plädiert nach traditioneller Masche, üblich in kirchlichen Kreisen: „Weiter reden mit Kyrill“. Sie gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass dieser Kriegstreiber auf „geschwisterlich mahnende Worte“, so wörtlich, der westlichen Ökumene hört.
Dabei weiß jeder bei gründlicher Zeitungslektüre, dass seine Heiligkeit in Moskau nachweislich absolut unfähig zum Dialog ist. Die Spezialistin nennt auch keine konkreten Schritte, wie denn das „Weiterreden mit Kirill“ gestaltet werden sollte. Man könnte ja auf den Gedanken kommen und fordern: Heiligkeit, öffnen sie alle ihre Kirchen für Gespräche, stellen Sie Weihrauchfässer und Ikonen beiseite, stellen Sie Stühle auf und nehmen die demokratischen Oppositionellen auf in ihren Kirchen, wie dies einst die evangelische Kirche in der DDR tat. Aber nein, soweit reicht die Phantasie nicht. So genannte „Gotteshäuser“ haben doch nur Sinn, wenn sie Häuser für Menschen sind. Oder?
Ich beziehe mich auf einen jetzt publizierten Beitrag der Theologin und Expertin für Ostkirchen (Orthodoxe) Dagmar Heller (Bensheim). Kyrill“. Der Artikel erschien in der Zeitschrift Publik – Forum vom 25.3.2022, S. 35.

4.
Das sind die Fakten: In der Presse demokratischer Staaten ist dies nachzulesen: Die Russisch-orthodoxe Kirche und ihr Patriarch Kyrill sind die ideologische Stütze der Putin Diktatur und der Putin Verbrechen. Diese Kirche und ihren Chef, den Kriegstreiber Patriarchen, auch international zu isolieren, ist eine Hauptaufgabe.
Alle Hoffnungen auf Dialog mit ihm haben sich als Ausdruck naiven Denkens erwiesen. Hätte die Kirche, vergleichsweise mit Stalin Dialoge führen können? Hätte die Kirche mit Hitler Dialoge wegen der Ermordung der europäischen Juden führen können? Nein, für solche netten naiven Dialoge war es immer schon viel zu spät.… Weil die Kirchen und ihre angeblich klugen Theologinnen auch damals vor lauter Angst träumten…

5.
Nun gibt es eine sehr interessante Aussage in dem genannten Beitrag in Publik-Forum: Welches theologische und sicher auch humane Kriterium gilt denn eigentlich, das die Mitgliedschaft einer bestimmten Kirche eines bestimmten Staates im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf begründet.
Die evangelische Theologin und Ostkirchen-Spezialistin Dagmar Heller (Bensheim) gibt jetzt darauf die Antwort:
„Kriterium für die Mitgliedschaft im ÖRK ist…das Bekenntnis zu Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift und das gemeinsame Erfüllen dessen, wozu Gott die Kirchen berufen hat“. Mit anderen Worten: Wer die uralten dogmatischen Bekenntnisse der Heiligen Schrift korrekt verbal wiederholt, kann als Kirche zur weltweiten christlichen Ökumene gehören. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche ist also ein rein spirituelles, dogmatisches Thema.
Wenn eine Kirche sagt: Jesus ist nicht Gottes Sohn, sondern ein inspirierendes Vorbild, würde diese Kirche aus ideologisch-theologischen Gründen NICHT Mitglied im ÖKR werden. Wenn eine Kirche aber einen Kriegstreiber – Patriarchen als Chef hat, was dann? Hinzu kommt dann auch ein zweites, ultrakurz erwähntes Kriterium: nämlich „das Tun dessen, wozu Gott die Kirchen berufen hat“.

6.
Was soll das heißen? „Das Tun dessen, wozu Gott die Kirchen berufen hat“?
Alle ernstzunehmenden heutigen Theologen betonen: Gott hat die Kirchen berufen – wenn man denn fundamentalistisch Gott als Kirchengründer überhaupt ansprechen will – nicht nur feierliche Liturgien zu zelebrieren und diakonisch zu helfen, sondern auch für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten.

An dieser Stelle wird für kritische Beobachter der russischen Orthodoxen Kirche und ihre Patriarchen Kyrill klar und deutlich: Für Frieden und Gerechtigkeit tritt diese Kirche unter der Führung dieses Patriarchen jetzt nachweislich NICHT ein. Dafür gibt es viele Belege, die hier als bekannt nicht erwähnt werden müssen; am deutlichsten ist Patriarch Kyrills Brief vom 10. 3.2022, in dem dieses geistliche Oberhaupt betont: Urheber der Auseinandersetzungen jetzt mit der Ukraine seien die politischen Kräfte des Westens, der Westen will Feindschaft schaffen zwischen Russen und Ukrainern. Es sind die Kräfte des Bösen, die sich als Feinde der russischen Armee entgegenstellen, es ist der perverse, z.T. homosexuell geprägte verderbte Westen, der zum Krieg getrieben hat…. Alle diese Äußerungen des Patriarchen sind nichts anderes als ideologisch verkleisterte, lügnerische Worte, die auch Putin wortgleich verbreitet. LINK

7.
Angesichts dieser Analyse müssen kritische Beobachter und kritische Theologen denken: Bei dieser totalen Abweisung eines umfassenden Friedens – Engagements gehören weder der Patriarch noch die Russisch-orthodoxe Kirche zur Weltgemeinschaft der Ökumene. Denn sie missachten das zweite Kriterium der Mitgliedschaft im ÖKR.
Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte also auch kirchlich, kirchlich-international-weltweit, wegen ihrer direkten und indirekten Teilnahme an der Zerstörung der Ukraine bestraft werden. Sehr viele Institutionen der demokratischen Staaten in Europa trennen sich jetzt explizit von russischen Organisationen und bestimmten Milliardären aus dem inneren Putin-Zirkel. Die Liste dieser sinnvollen Abbrüche von Zusammenarbeit und Dialog ist lang, sie kennt allmählich jeder. Nur die Kirchen setzen in ihrer Naivität auf die Illusion „Weiter reden mit Kyrill“.

8.
Eines Tages, wenn Putin einmal verschwunden ist und mit ihm sein Freund, Patriarch Kyrill, kann eine erneuerte, dann aber hoffentlich gründlich entstaubte und reformierte Russisch-orthodoxe Kirche wieder Mitglied der weltweiten Ökumene werden. Aber jetzt ist Schluss mit unseren naiven Dialogen! Nur wenn Kyrill international isoliert ist und als Kriegstreiber allüberall geächtet wird, kann eventuell seine Bekehrung zur Vernunft und zum Evangelium stattfinden?
Und auch das: Wer sich als Pope und Mönch, als ROK Mitglied, von dieser Ausgrenzung Kyrills aus der Ökumene nicht berührt sieht, kann sich ja öffentlich melden und sagen: Wir denken anders. Vielleicht wird dann die schwache Opposition in Russland etwas gestärkt.

9.
Das könnte man also denken, wenn man den Hinweis von Dagmar Heller zum Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche im ÖKR liest. Aber nein, es kommt ganz anders: Die Ökumene Spezialistin und Kennerin der Ostkirchen (Orthodoxie), kommt nach ihrer zitierten Aufzählung der Kriterien für eine Mitgliedschaft im ÖKR zu dem Schluss: „Davon hat sich die Russisch-orthodoxe Kirche – bisher jedenfalls – nicht entfernt“.
Solches im Ernst heute zu schreiben und zu veröffentlichen, ist schlicht und einfach und objektiv skandalös! Die Theologin und Spezialistin für die Orthodoxie glaubt allen Ernstes, dass noch immer die Russisch-orthodoxe Kirche ein gutes und braves und treues Mitglied der weltweiten Ökumene ist. „Bisher jedenfalls“, heißt ihre kurze, nicht weiter erläuterte Einschränkung. Unter welchen Bedingungen diese Einschränkung aufgehoben wird, sagt die Theologin aus Bensheim nicht.

10..
Vielleicht besinnt sich seine Heiligkeit bald nach den ersten Giftgas Angriffen seines Meisters Putin dann doch auf das Evangelium des Friedens und der Menschenwürde. Aber wahrscheinlich ist so viel kritische Einsicht bei diesem Typen Kyrill nicht, einem KGB Mann wie Putin und wie sein Meister auch an die ständige Vermehrung des privaten Reichtums gebunden. Diese Fakten wurden und werden von anerkannten und wirklichen Kennern der ROK seit Jahren betont und dokumentiert, man denke nur an die Studien von Prof.Michail Ryklin (Berlin-Moskau), etwa in „Lettre International“.

Erstaunlich: Weder vom KGB Mann Kyrill noch von dessen immensen Reichtum ist in dem Beitrag von Frau Heller die Rede. Und sie erwähnt auch nicht, wie diese orthodoxen Heiligkeiten, Patriarchen genannt, schon seit den neunzehnhundertsechziger Jahren Mitarbeiter im KGB waren und dort als solche den ÖKR bespitzelten und irgendwie auch beeinflussten? Aber das ist anderes Thema.

11.
Dagmar Heller versteigt sich dann noch zu der These, ein Ausschluss der ROK aus der Ökumene würde bedeuten: Auch die Ukraine aus der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft auszuschließen. Wie das? Die Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchates in der Ukraine hat sich längst aus dieser Beziehung mit dem Moskauer Patriarchat gelöst und sich dem Patriarchen von Konstantinopel angenähert, wie dies auch eine einige kritische russisch-orthodoxe Gemeinden tun, wie etwa die Gemeinde in Amsterdam.

12.
Die Argumente der Theologin sind zudem etwas verworren, denn sie schreibt auch: „Hier muss man dem Patriarchen (von Moskau) Realitätsferne, wenn nicht gar Verblendung bescheinigen“. Dieses insgesamt sehr treffende Urteil aber bleibt völlig marginal, die Autorin bezieht sich dabei nur auf die Tatsache, dass es längst keine Einheit mehr der einen, russischen Orthodoxie in der Ukraine gibt.

13.
Es muss ein Ende gemacht werden, dass die Herren des Kremls denken:“ Na ja, die Christen in Europa und Amerika sind uns und unserer „Operation“ (d.h. Krieg) so wohlgesinnt, dass wenigstens sie unseren religiösen Ideologen Kyrill schonen. Die westlichen Kirchen wollen mit unserem religiösen Ideologen Kyrill also reden, wie nett“.
Und die Herren des Kremls und seine Heiligkeit in Moskau werden deswegen mittlere Lachkrämpfe bekommen und jubeln. „Weiter so Ihr Lieben, das stärkt uns…“

14.

Es kommt alles darauf an, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, und das heißt zunächst: Den Kriegsherrn Putin und sein Team zurückzudrängen und machtlos zu machen.

Zu diesem Putin-„Team“ gehört als ideologisch-religiöser-nationalistischer Antreiber auch der Patriarsch von Moskau, seine „Heiligkeit“ Kyrill. Auch dieser Kreml-Herr soll international isoliert werden, indem die Christenheit der Welt in seltener Einmütigkeit bekennt: Dieser Kyrill gehört nicht mehr zu uns, zu einem Christentum, das die Friedensbotschaft Jesu von Nazareth ernst nimmt und genauso der politischen Reflexion und Vernunftm also den universalen Menschenrechten, verpflichtet ist.

Diese Klarheit der Grenzziehung und Abwehr von Kyrill wird in dem genannten Beitrag der Theologin Dagmar Heller nicht erreicht.

Die Zeiten, auf Dialoge mit theologischen Kriegstreibern wie Kyrill zu setzen, sind vorbei. Die ökumenische Naivität ist vorbei. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Russisch-orthodoxe Kirche mit Patriarch Kyrill I. gehört nicht mehr zur Ökumene

Ein Hinweis von Christian Modehn am 2. März 2022.  Siehe auch den Hinweis vom 26.2.2022. Siehe auch „Homosexualität ist Schuld an der Krise“ (Kyrill I.)

Notiert am 5.3.2022:

Entscheidend ist: Putin und der Patriarch Kyrill I. von Moskau (und mit ihm die meisten seiner Bischöfe) sind sich einig in der leidenschaftlichen Verurteilung der so genannten „westlichen Ideen“, also der Philosophie der Aufklärung, der Demokratie, der Menschenrechte. 

Entscheidend ist zweitens: Die Jahrzehnte andauernde Mitgliedschaft der Russisch-orthodoxen Kirche in verschiedenen ökumenischen, also westlichen, d.h. protestantischen und auch katholischen Gremien und Konferenzen (wie dem „Weltrat der Kirchen“ in Genf) hat für die Russisch-orthodoxe Kirche keinerlei Erkenntnisgewinn gebracht. Diese Kirche war offenbar nur des schönen Scheins wegen in den ökumenischen Gremien, um international mit Pomp und Weihrauch zu glänzen. Und die westlichen Kirchen fragten nie: Wie haltet ihr Russisch-Orthodoxen es mit den Menschenrechten in eurem Land? Seid Ihr als Kirche bereit, bei eurer Macht, auch politische Opposition zu sein?

Mit anderen Worten: Nicht nur westliche Politiker waren naiv im Umgang mit Putin, westliche Kirchenführer waren (und sind ?) genauso naiv im Umgang mit Kyrill I. und Co.

Es klingt geradezu lächerlich, wenn katholische Theologen, selbst die Päpste der letzten Jahre, sagen: Wir brauchen die (russisch ?) Orthodoxen als „unsere zweite Lunge“, so Papst Johannes Paul II. und ähnlich auch Benedikt XVI.

…………………………..

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill I. ist seit Jahrzehnten schon eine Art Putin-Kirche. Auch im Krieg Putins gegen die Ukraine hat die Russisch-orthodoxe Kirche als eine einflußreiche Organisation in Russland (ca. 60 % der Russen gelten als Mitglieder) bisher nur allgemeine Floskeln zum Frieden in der Ukraine geäußert. Einige Popen in Frankrerich denken wohl anders als der Patriarch und die Bischöfe, aber werden sie ernst genommen, werden sie ausgegrenzt und verfolgt? (Siehe unten Anmerkung 1, der Appell einiger russisch-orthodoxer Pfarrer in Frankreich). Am 3.3.2022 hat auch der Ökumenische Rat der Kirchen durch seinen Generalsekretär einen freundlich bittenden Brief an Patriach Kyrill geschickt.

2.
Die Forderung: Eine Kirche, die sich nur in Worten und feierlicher Liturgie auf das Evangelium Jesu Christi bezieht, aber de facto zur nationalistischen Putin-Kirche entartet ist, gehört nicht mehr in repräsentative christliche ökumenische Gremien (in Genf, auf Landesebene in Europa oder in Landeskirchen/Bistümern).

Diese Kirche kämpft – gut dokumentiert – gegen alle Freiheiten der Bürger, der Frauen, der sexuellen Vielfalt, der Künstler. Und sie will sogar „Väterchen“ Stalin in den Rang eines Heiligen erheben. Eine solche Organisation sollte von demokratischen und christlich gesinnten Kirchen nicht mehr zu einer christlichen Ökumene gehören, die noch dem Niveau des Evangeliums und der Menschenrechte verpflichtet sein will.

3.
Die Erkenntnis ist: Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte – mindestens bis zu der von Russland ausgesprochenen FRIEDENS-Garantie eines unabhängigen Staates Ukraine durch Putin oder dessen alsbaldigem Nachfolger – aus allen ökumenischen, christlichen Gremien entfernt werden. Diese Strafe wird eine Wirkung haben in der russischen Öffentlichkeit. Und manche werden sich in Russland fragen: Warum ist diese mächtige Kirche eigentlich nicht zur einzig noch möglichen Opposition gegen das Putin Regime geworden?

4.
Ich weiß, Christen schätzen auch heute nicht den Bruch, die Trennung einer Kirche aus der Ökumene…

Aber im aktuellen Beispiel geht es um etwas Anderes, es geht um eine Kirche, die im 20. und 21. Jahrhundert etwas dazugelernt haben könnte und wissen könnte, dass die nationalistische Treue zu einem diktatorischen Regime, das Krieg führt, niemals ein Kennzeichen einer christlichen Kirche sein kann.

Was wäre denn sonst der Sinn der langjährigen Mitgliedschaften der Russisch-orthodoxen Kirche in so vielen prominenten theologischen Begegungen? Gewiss, in der Zeit der Sowjetunion waren die Delegierten, also die Erzbischöfe bzw. Metropoliten  der Russisch-orthodoxen Kirche, eindeutig Vertreter und Gesandte der herrschenden kommunistischen Partei der Sowjetunion, etwa im Genfer Weltrat der Kirchen. Aber nach 1990 hatte doch allem Anschein nach eine bessere Zeit beginnen können, was die theologische Forschung in Russland angeht.

Man fragt sich jetzt, im März 2022: Waren wirklich dieser ganze ökumenische Aufwand, diese ständigen ökumenischen Konsultationen, Konferenzen und so weiter sinnlos und vertane Zeit, was die Entwicklung des theologischen Niveaus der Russiosch-orthodoxen Kirche angeht? Ja, sie waren sinnlos, wenn man sich das Verhalten von Kyrill I. und Co. seit Beginn des 21. Jahrhunderts bis heute anschaut. So viel Wahrhaftoigkeit muss möglich sein.

Auch die westlichen Kirchen waren naiv und blind, was den theologischen Zustand der Russisch-orthodoxen Kirche angeht.

5.
Es kann also nicht sein, dass die Ökumene der christlichen Kirchen eine kriegerisch – nationalistische orthodoxe Kirchenführung unbesehen als Teil der christlichen Welt gelten lässt.

6.
Die zentrale Erkenntnis ist: Es muss ein neues Denken beginnen, was Ökumene der vielen verschiedenen Kirchen eigentlich bedeutet, es muss genau gefragt werden, wer dazu gehört und wer eben nicht. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche kann nicht einfach nur sein, dass diese sich christlich nennt; Kriterium muss sein, dass die Praxis dieser Kirche auch dem Geist und dem Buchstaben der Menschenrechte entsprechen. Nicht nur der Bezug auf das Neue Testament also ist entscheidend, sondern auch der praktische Respekt der universalen Menschenrechte.

7.
Der Hintergrund: Alle demokratischen Staaten und Gesellschaften bewerten heute den Krieg Putins gegen die Ukraine als eine „Zeitenwende“, als ein Bruch mit bisherigen Üblichkeiten, Mentalitäten und Denkzwängen in den Demokratien.
Eine gewisse Naivität im Umgang mit politischen Gegnern wird von den demokratischen Gesellschaften und Staaten überwunden. Sie wissen jetzt: Aus dem Gegner Putin von einst ist der Feind Putin geworden. Und dieser Feind darf keine Macht mehr behalten.

8.
Diese Erkenntnis bleibt aber genauso gültig: Immer mehr Waffen schaffen allein durch die Tatsache, dass es immer mehr Waffen in den Demokratien gibt, nicht den Frieden.

Es steht fest: Die Vernunft und der Dialog bleiben das allerbeste Mittel, um ein friedliches Zusammenleben in der pluralen Menschheit zu schaffen. Dazu gehört auch die Einschätzung, dass der andere, der Gegner, immer noch Mensch ist, und dazu gehört trotz Anwendung von Waffen die Überzeugung, dass auch der mörderische Feind immer noch hoffentlich etwas Menschliches bewahrt hat. Deswegen wird, nebenbei gesagt in einem Rechtsstaat selbst ein Massen-Mörder nicht hingerichtet, sondern ins Gefängnis gesperrt.

9.
Insofern bleibt auch die Hoffnung, dass die Russisch-orthodoxe Kirche durch den völligen Ausschluss aus allen internationalen und nationalen ökumenischen Gremien doch noch zur Vernunft kommt und zum Evangelium des Friedens zurückfindet. Sollte dies nachweislich in der Praxis der Fall sein, ist diese Kirche auch in ökumenischen Kreisen wieder willkommen.

10.
Sollten die Patriarchen und Bischöfe jetzt sagen: „Lieber orthodoxer Christ Putin, beenden Sie auch als guter Freund unseres Patriarchen Kyrill I. den Krieg gegen unser„Brudervolk“, die Ukrainer und ihres souveränen Staates“, dann würde der Ausschluss dieser Orthodoxen (orthodox heißt rechtgläubig, dieser Titel passt wahrlich nicht zur russischen Kirche) aus der Ökumene zunächst wohl überflüssig. Aber diesen Schritt kann nur eine Kirche wagen, die entschlossen ist, politische Opposition zu werden. Aber dazu fehlt der russischen Orthodoxie die Kraft, der Geist, der Mut. Die Bequemlichkeiten der Staatskirche – seit Bestehen dieser Kirche – sind für den überwiegenden Teil des Klerus – nicht nur in Russland – oberster Wert.

11.
Diese Hinweise und Vorschläge hier sind wahrscheinlich nur illusorisch. Denn die Christen und die Kirchenführer weltweit sind eingeschüchtert und irenisch, d.h. sie wollen den Streit und Trennung um jeden Preis vermeiden. Sie werden es doch ihren „Brüdern“ in der Ökumene nicht antun, auch einmal eine Strafe auszusprechen.

So werden wohl die westlichen Kirchen die einzige gesellschaftliche Gruppe sein und bleiben, die angesichts des Mordens durch Putin keine mutigen Konsequenzen ziehen, Konsequenzen, die wirklich den Titel „Zeitenwende“ verdienen. Von Zeitenwende, von einem Umschwung und Umbruch, reden alle Organisationen in den demokratischen Staaten. Nur die Kirchen verschlafen diese Zeitenwende. Sie sind ja, wie sie so gern sagen, mit der Ewigkeit verbunden. Was ist da schon die jetzige Zeit?

12.
Trotzdem führt der Krieg auch zu tiefen theologischen Entscheidungen: Es kann deutlich werden, welchen Sinn und auch welchen Unsinn die Bitt-Gebete und die Bitt-Gottesdienste um Frieden haben.

Verändert der liebe Gott im Himmel die Weltpolitik, je nachdem wie intensiv da Gebete wird? Was für eine blasphemische Vorstellung! Wem soll Gott denn folgen, etwa den für ihr Land betenden Russen oder den für ihr Land betenden Ukrainern? Hoffentlich entscheidet sich der liebe Gott für die betenden Ukrainer, möchte man als Religionskritiker sagen.

Spaß beiseite: Gebete um Friede können einzig und allein den einzelnen Menschen seelisch etwa stärken, ihn zu Meditation führen, zur Stille, zum Nachdenken, um ihn dann zur politischen Aktion zugunsten der Menschenrechte zu motivieren.

Aber daran zweifelt doch kein vernünftiger Christ: Bloße Gebete um Frieden werden niemals politischen Frieden bewirken. Friedensgottesdienste werden den lieben Gott im Himmel nicht bestimmen oder umstimmen. Friedensgottesdienste wecken die seelische Stärke und den kritischen politischen Geist, mehr nicht. Und sie sind schöne Erfahrungen von Gemeinschaft. Zu diesem kritischen Bewusstsein müssen die Kirchen endlich finden. Auch sie stehen jetzt, 2002, vor einer theologischen „Zeitenwende“.

Anmerkung 1: Der Appell einiger Pfarrer der russisch.orthodoxen Kirche zum Frieden:

APPEL DU CLERGÉ DE L’ÉGLISE ORTHODOXE RUSSE À LA RÉCONCILIATION ET À LA FIN DE LA GUERRE quelle: https://www.egliserusse.eu/blogdiscussion/APPEL-DU-CLERGE-DE-L-EGLISE-ORTHODOXE-RUSSE-A-LA-RECONCILIATION-ET-A-LA-FIN-DE-LA-GUERRE_a6461.html

Nous, prêtres et diacres de l’Église orthodoxe russe, chacun en son nom propre, lançons un appel à tous ceux dont dépend la fin de la guerre fratricide en Ukraine, avec un appel à la réconciliation et à un cessez-le-feu immédiat. Nous adressons ce message après le dimanche du Jugement dernier et dans l’anticipation du Dimanche du pardon.

Le Jugement Dernier attend chacun d’entre nous. Aucune autorité terrestre, aucun médecin, personne ne nous l’évitera. Soucieux du salut de tous ceux qui se considèrent comme un enfant de l’Église orthodoxe russe, nous ne voulons pas qu’il comparaisse à ce Jugement, portant le lourd fardeau des malédictions proférées par les mères ayant perdu leurs enfants.

Nous pleurons l’épreuve à laquelle nos frères et sœurs ont été injustement soumis en Ukraine.

Nous rappelons que la vie de chaque personne est un don inestimable et unique de Dieu, et c’est pourquoi nous souhaitons le retour de tous les soldats – russes et ukrainiens – chez eux et dans leurs familles, sains et saufs.

Nous pensons avec amertume à l’abîme que nos enfants et petits-enfants en Russie et en Ukraine devront surmonter pour recouvrer l’amitié des uns avec les autres, pour se respecter et s’aimer mutuellement.

Nous respectons la liberté de l’homme donnée par Dieu et croyons que le peuple ukrainien devrait faire son choix de manière indépendante et non sous la menace d’une arme, sans pressions de l’Occident ou de l’Orient.

Dans l’anticipation du Dimanche du pardon, nous rappelons que les portes du Paradis sont ouvertes à quiconque, même à une personne qui a péché lourdement, si elle demande pardon à ceux qu’elle a humiliés, insultés, méprisés, ou à ceux qui ont été tués par ses mains ou sur ses ordres. Il n’y a pas d’autre voie que le pardon et la réconciliation mutuelle.

« La voix du sang de ton frère me crie de la terre ; et maintenant sois maudit et chassé de la terre qui a ouvert la bouche pour recevoir de ta main le sang de ton frère», dit Dieu à Caïn, qui était jaloux de son jeune frère. Malheur à toute personne qui se rend compte que ces paroles lui sont adressées personnellement.
Aucun appel non violent à la paix et à la fin de la guerre ne devrait être réprimé de force et considéré comme une violation de la loi, car tel est le commandement divin : « Heureux les artisans de paix. »

Nous appelons toutes les parties en conflit au dialogue, car il n’y a pas d’autre alternative. Seule la capacité d’entendre l’autre peut offrir l’espoir d’une sortie de l’abîme dans lequel nos pays ont été jetés en quelques jours seulement.

Permettez-vous et permettez-nous à tous d’entrer dans le Carême dans un esprit de foi, d’espérance et d’amour.

Arrêtez la guerre!

Prêtre Alexy Antonovsky
Hegumen Nikodim (Balyasnikov)
Prêtre Hildo Bos
Prêtre Vasily Bush
Archiprêtre Stefan Vaneyan
Hiéromoine Jacob (Vorontsov)
Archiprêtre Yevgeny Goryachev (vétéran de la guerre afghane)
Hiéromoine John (Guaita)
Prêtre Alexy Dikarev
Prêtre Alexander Zanemonets
Archiprêtre Vladimir Zelinsky
Prêtre Georgy Ioffe
Archiprêtre Andrei Kordochkin
Prêtre Lazar Lenzi
Archiprêtre Andrei Lorgus
Hegumen Peter (Meshcherinov)
Prêtre Evgeny Moroz
Hiéromoine Dimitry (Pershin)
Prêtre Alexander Piskunov
Archiprêtre Stefan Platt
Archiprêtre Dionysius Pozdnyaev
Archiprêtre Georgy Roy
Hiéromoine Theodorit (Senchukov)
Archiprêtre Dimitri Sobolevsky
Archiprêtre Alexander Shabanov
-Diacre Valerian

………………………………..

ОБРАЩЕНИЕ СВЯЩЕННОСЛУЖИТЕЛЕЙ РУССКОЙ ПРАВОСЛАВНОЙ ЦЕРКВИ С ПРИЗЫВОМ К ПРИМИРЕНИЮ И ПРЕКРАЩЕНИЮ ВОЙНЫ
Мы, священники и диаконы Русской Православной Церкви, каждый от своего имени, обращаемся ко всем, от кого зависит прекращение братоубийственной войны в Украине, с призывом к примирению и немедленному прекращению огня.
Мы направляем это обращение после воскресенья о Страшном Суде и в преддверии Прощеного воскресенья.
Страшный суд ожидает каждого человека. Никакая земная власть, никакие врачи, никакая охрана не обезопасит от этого суда. Заботясь о спасении каждого человека, считающего себя чадом Русской Православной Церкви, мы не желаем, чтобы он явился на этот суд, неся на себе тяжелый груз материнских проклятий. Мы напоминаем, что Кровь Христова, пролитая Спасителем за жизнь мира, будет принята в таинстве Причащения теми людьми, кто отдает убийственные приказы, не в жизнь, а в муку вечную.
Мы скорбим о том испытании, которому были незаслуженно подвергнуты наши братья и сестры в Украине.
Мы напоминаем о том, что жизнь каждого человека является бесценным и неповторимым даром Божьим, а потому желаем возвращения всех воинов – и российских, и украинских – в свои родные дома и семьи целыми и невредимыми.
Мы с горечью думаем о той пропасти, которую придется преодолевать нашим детям и внукам в России и в Украине, чтобы снова начать дружить друг с другом, уважать и любить друга друга.
Мы уважаем богоданную свободу человека, и считаем, что народ Украины должен делать свой выбор самостоятельно, не под прицелом автоматов, без давления с Запада или Востока.
В ожидании Прощеного воскресенья мы напоминаем о том, что врата райские отверзаются всякому, даже тяжело согрешившему человеку, если он попросит прощения у тех, кого он унизил, оскорбил, презрел, или же у тех, кто был убит его руками или по его приказу. Нет другого пути, кроме прощения и взаимного примирения.
“Голос крови брата твоего вопиет ко Мне от земли; и ныне проклят ты от земли, которая отверзла уста свои принять кровь брата твоего от руки твоей”, сказал Бог Каину, позавидовавшему своему младшему брату. Горе всякому человеку, сознающему, что эти слова обращены к нему лично.
Никакой ненасильственный призыв к миру и прекращению войны не должен насильственно пресекаться и рассматриваться как нарушение закона, ибо такова божественная заповедь: “Блаженны миротворцы”.
Мы призываем все противоборствующие стороны к диалогу, потому что никакой другой альтернативы насилию не существует. Лишь способность услышать другого может дать надежду на выход из бездны, в которую наши страны были брошены лишь за несколько дней.
Дайте себе и всем нам войти в Великий Пост в духе веры, надежды и любви.
Остановите войну.

иерей Алексий Антоновский
игумен Никодим (Балясников)
иерей Хилдо Бос
иерей Василий Буш
протоиерей Стефан Ванеян
иеромонах Иаков (Воронцов)
иерей Александр Востродымов.
священник Дионисий Габбасов
иерей Андрей Герман
протоиерей Евгений Горячев (ветеран Афганской войны)
иеромонах Иоанн (Гуайта)
иерей Алексий Дикарев
иерей Александр Занемонец
протоиерей Владимир Зелинский
протоиерей Петр Иванов
протоиерей Георгий Иоффе
диакон Илия Колин
протоиерей Андрей Кордочкин
иерей Лазарь Ленци
протоиерей Андрей Лоргус
игумен Петр (Мещеринов)
протоиерей Константин Момотов
иерей Евгений Мороз
иеромонах Димитрий (Першин)
иерей Александр Пискунов
протоиерей Стефан Платт
протоиерей Дионисий Поздняев
протоиерей Георгий Рой
священник Николай Савченко
иеромонах Феодорит (Сеньчуков)
протоиерей Иосиф Скиннер
протоиерей Димитрий Соболевский
диакон Пимен Трофимов
протоиерей Александр Шабанов
иеромонах Киприан (Земляков)
иерей Иоанн Леонтьев
протоиерей Виталий Шкарупин
протоиерей Сергий Дмитриев
протоиерей Владимир Королев
протоиерей Сергей Титков
диакон Валериан Дунин-Барковский

Священники и диаконы Русской Православной Церкви, желающие подписаться под письмом, могут написать на адрес russianpriestsforpeace@gmail.com

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die christlichen Kirchen können keinen Frieden stiften.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2022: Putin beginnt seinen Krieg gegen die Ukraine.

Zur nationalistischen Russisch-orthodoxen Kirche von Moskau: https://religionsphilosophischer-salon.de/14618_putins-aggression-und-seine-wichtigste-stuetze-der-patrirach-von-moskau-und-seine-russisch-orthodoxe-kirche_befreiung

Man muss die Frage stellen: Warum haben sich die Kirchen und ihre Theologen so sehr auf den „inneren Frieden“, den Frieden der Seele, fixiert und Jesu Worte als Verheißung eines nicht-weltlichen, also eines nur innerlichen Friedens verstanden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“. Dieses Zitat aus seinen „Jesu Abschiedsreden“, stammt aus dem Johannes Evangelium im Neuen Testament, Kap. 14, Vers 27. Die Kirchen haben aber oft nicht gesehen, dass vorher Jesus vom heiligen Geist spricht, „der wird euch lehren“… Vers 26: Aber wenn der heilige Geist auch Geist im Menschen ist, dann ist er doch auch Vernunft, und als Vernunft umfasst er auch politische Gestaltung der Welt als einer friedlichen Welt. Aber die Christen waren letztlich froh, sich nur um den inneren Frieden, den Seelenfrieden, kümmern zu müssen. Das ist bequemer.

Man muss die Frage stellen: Welche praktischen, sichtbaren Erfolge haben denn alle Gebete um Frieden gebracht, zu denen nun wieder von der Kirche aufgerufen wird. Gebet um Frieden mag als Form der psychischen Beruhigung in Krisenzeiten durchaus sinnvoll sein, genauso wie das stille Sitzen in der Meditation. Aber das meinen die Bischöfe und Päpste nicht, wenn sie zum Gebet um Frieden aufrufen: Sie wollen Gott im Himmel höchstpersönlich bewegen, den Frieden zu schaffen, den sie sich, die Menschen, wünschen. Im Augenblick beten wohl die Russen für ihren Frieden für ihr Russland, und die Ukrainer beten um Frieden für ihre Ukraine. Auf welche Nation soll Gott bloß hören? Soll er etwa dem Kriegsherrn Putin seinen Frieden bescheren, seinen Sieg? Oder sollen die Gebetswünsche der Ukraine Erfüllung finden? Man sieht, Beten um Frieden ist widersprüchlich, wenn nicht widersinnig, es sei denn man sagt: Das Gebet um Frieden soll nur die innere Stabilität in Kriegszeiten fördern. Und man will, wenn man schon glaubt, eben auch widersinnig glauben, gegen alle Vernunft sozusagen. Gott sei Dank wollen das nicht alle Menschen!

Man muss die Frage stellen: Glauben die um Frieden Betenden wirklich, dass Gott im Himmel als „Person“ das Bittgebet erhört? Welches Gottesbild steht hinter dem Bittgebet? Wird da Gott wie ein menschlicher machtvoller Kumpel vermenschlicht? Wird es nicht Zeit, sich von dem Bild Gott als Person zu verabschieden oder eher von einem tragenden Sinn-Grund der Existenz und der Welt zu sprechen?

Man muss die Frage stellen: Worin liegt eigentlich der größte Fehler, wenn die Kirchen und die Christen Jahrhunderte lang um Frieden beteten und beten, aber de facto kein Frieden entsteht oder entstanden ist? Im Gegenteil: In allen Jahrhunderten wurde eigentlich permanent Krieg geführt, Sklavenhandel betrieben, ganze Völker wurden „missioniert“ und dabei ausgerottet. Der Antisemitismus wurde wie ein permanenter Vernichtungskrieg gegen die Juden geführt. Wie lächerlich ist die Frage: Soll man für die Überwindung des Antisemitismus beten? Wer Antisemitismus besiegen will, möge bitte nicht beten, er soll bitte schön politisch wirksam handeln und z.B. rechtsradikale Täter tatsächlich verfolgen und bestrafen!

Man muss die Frage stellen: Welchen Sinn haben jetzt Friedensgebete und Friedensgottesdienste „Dona Nobis pacem“ ,zu denen die Kirchen im Krieg Russlands gegen die Ukraine auffordern? Sinnvoll ist nur, das tiefe innere Verbundensein mit den Menschen in dieser Region, ein inneres Mitgefühl mit den Leidenden, Sterbenden zu pflegen, um das eigene Denken zu weiten und das Herz in Verbindung mit diesen Menschen zu bringen. Das könnte in der Gemeinschaft eingeübt werden, wenn man auch Zeugnisse der Leiden, der Ukrainer oder der russischen Mütter hört, die von ihrem im Krieg umgekommenen Sohn erzählen.

Man muss die Frage stellen: Ist nicht die entscheidende Wurzel für alle Kriege die Bindung der Kirchen, aller Kirchen, aller Bischöfe, an ihre jeweilige Nation? Hat der Nationalismus unter den Kirchenführern und Christen nicht immer schon total den Geist vernebelt und den Krieg gefördert? Wurde Nationalismus nicht immer wichtiger als das vernünftige Nachdenken über die Menschheit und die Weltgemeinschaft? Hat der kleingeistige Nationalismus das Eintreten für die eine Menschheit, für die Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit aller, zerstört?

Man muss die Frage stellen: Ist der nationalistische Ungeist, der nachweislich die ideologisch verrannten und von Putin privilegierten Popen und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche beherrschte und heute beherrscht, eine entscheidende Ursache für die Unterstützung im Krieg Putins gegen das so genannte „Brudervolk“. Wie maßgeblich war der Nationalismus der Bischöfe, als sie als Franzosen oder als Deutsche den 1. Weltkrieg leidenschaftlich unterstützten? Diese Herren waren mit Verlaub gesagt keine Christen, sondern kriegerische Nationalisten.

Man muss auch klar sagen: Ihr Christen, hört auf, in der altbekannten Form um Frieden zu beten. Wenn ihr zusammenkommt, sonntags, zu euren Gottesdiensten, lasst die uralten Riten und Lieder mal beiseite, strengt euren heiligen Geist an und fragt gemeinsam, wie können wir aktiv für den Frieden in der Welt, für den Frieden in Ukraine z.B. eintreten? Wie können wir uns umfassend informieren, um gar nicht mehr auf einen Typen wie Putin reinzufallen? Man muss sich also fragen: Wäre nicht politische Aufklärung eine genauso wichtige Aufgabe für die Kirchen, wenn sie sich dem Frieden widmen will? Dazu gehört die Analyse der eigenen westlichen Aggression, man denke an die Kriege, die die USA ohne Ergebnis führten: Vietnam, Libyen, Afghanistan usw., man denke an die Kriege im „Hinterhof der USA“, wie die US-Politiker sagen, in Lateinamerika…

Man muss sich fragen: Warum sind eigentlich nur einige wenige kleinere Kirchen (Quäker, Mennoniten usw.) explizit als Friedenskirchen tituliert? Warum nennen sich nicht alle großen Konfessionen, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe ausdrücklich Friedenskirchen? Das wäre doch im Sinne Jesu Christi, den manche gern als Kirchengründer ansehen. Jesus Christus ist der Prophet und Meister auch des politischen Friedens. Wenn man das anerkennt: Dann wäre ein Christ nicht mehr römisch-katholisch, sondern friedenskirchlich-katholisch; man wäre friedenskirchlich evangelisch und vor allem auch dies: Man wäre friedenskirchlich-orthodox. Welch ein Signal wäre dies für die Welt.

Man muss sich fragen: Werden diese Vorschläge irgendeine Resonanz bei den großen Kirchen und ihren etablierten Theologen haben? Ich denke nein. Und diese bloß ganz allgemein um Frieden betenden Kirchenchristen werden auch dann, wenn die Ukraine in ein paar Monaten russisch ist oder die Mörderbanden in Syrien ihr Regime weiter aufbauen usw. Immer weiter um Frieden beten, singen und flehen: „Verleih uns Frieden gnädiglich“, adressiert an einen personalen Vater im Himmel, der aber doch nicht das Flehen seiner Kinder erhört…
Man wird also als Kirche weitermachen, wie bisher. Man wird ein paar kleine friedenspolitische Clubs in den Kirchen zulassen, wie Pax Christi bei den Katholiken oder Church and Peace bei den Protestanten, man wird weiterhin also beten und alte Lieder singen … und die Welt wird in Kriegen versinken.

Man muss sich fragen: Wann werden sich die Kirchen eingestehen: Eigentlich ist die auch empirisch spürbare Bilanz des Christentums, die Bilanz der Wirkungsgeschichte der Lehre Jesu, weitgehend eine Katastrophe. Oder mindestens ein Misserfolg oder eine Illusion. Und trotzdem werden Theologen naiv weiterhin von Erlösung schwadronieren, etwa zu Weihnachten beim Lied „Stille Nacht, alles schläft, aber auch alle schlafen“…Und das Arbeiten am Friedensreich Gottes, diese zentrale, auch politische Idee Gottes von dieser Welt, wird ebenfalls eingeschlafen sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die notwendige Verweltlichung des Christentums.

Eine aktuelle Erkenntnis des Philosophen G. W. F. Hegel.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt:
Das Christentum nur als spirituelle Religion, unter Führung des Klerus, zu verstehen und zu gestalten, ist für Hegel nur das „halbe Christentum“. Für ihn steht fest: Die zentrale der Idee der universalen christlichen Freiheit (modern: der Menschenrechte) muss sich in Staat und Gesellschaft realisieren, dies ist genauso wichtig wie alles Innerliche, Spirituelle, Kirchliche.
Die drängende Frage ist: Hat das Christentum Frieden und Gerechtigkeit gebracht in seiner 2000 Jahre dauernden Geschichte? Global beantwortet: Eher nicht. Denn das Christentum ist meist eine Ansammlung spiritueller, dogmatischer, moralischer Gemeinden geblieben. Die Idee der universalen Freiheit und Gerechtigkeit hat sich nicht durchgesetzt. Um so dringender, an einen Vorschlag Hegels zu erinnern. Es geht ihm um die notwendigen„Verweltlichung des Christentums“.

Dazu einige Vorbemerkungen:

1. Zunächst eine Erinnerung an die gegenwärtige Krise des Katholizismus in Europa, den USA und Lateinamerika. Die Statistiken der Religionssoziologen sind eindeutig: Der dortige Katholizismus wird alsbald nur noch als ein institutionell bestehendes Gerüst, man könnte sagen, Skelett vorhanden sein, wenn auch finanziell noch sehr gut ausgestattet. Der tausendfache und noch längst nicht umfassend erforschte sexuelle Missbrauch durch Priester, Ordensleute und verantwortliche Laien erdrückt wie eine riesige Lawine das Leben und Überleben dieser Kirche. Auch deswegen steigt die Zahl der „Unkirchlichen“ und „aus der Kirche Ausgetretenen“ kontinuierlich. Diese „ehemaligen“ (?) Katholiken verstehen sich wahrscheinlich nicht immer als Atheisten. Sie wurden vielmehr von der Kirchenleitung aus der Kirche vertrieben. Manche sagen, sie sind religiös heimatlos geworden. Gibt es neue Möglichkeiten eines spirituellen, eines umfassend christlichen Engagements? Hegels Antwort: Es ist die Teilnahme an der „Einfügung“ der Idee universaler Freiheit in die Welt…

2. Zu diesem Niedergang des Katholizismus gehört, dass in einigen Ländern noch so genannte „synodale Wege oder synodale Prozessen“ unternommen wurden, um Reformen in der Lehre und den Kirchengesetzen einzuklagen, im Vatikan, beim Papst natürlich, also oft bei Kleriker-Bürokraten, die sich traditionell gegen Reformvorschläge einer Kirche eines Landes wehren. Dass diese so genannten „Synoden“ (sie beraten nur, dürfen aber nichts entscheiden!) in den letzten Jahren in vielen Ländern, wie Holland, der Schweiz, der Bundesrepublik, also seit 1967, nichts an tiefgreifenden Reformen für die Kirche dieser Länder bewirkt haben, ist eine Tatsache. Insofern sind die heutigen Sitzungen und Debatten in synodalen Prozessen wie damals schon eher eine Art Freizeitbeschäftigung oder auch Beschäftigungstherapie für frustrierte Laien und Priester der Basis. Und Rom freut sich, dass noch Leben da ist…

3. Wie kann in der Situation noch das Wesentliche des Christentums im Rahmen der katholischen Kirche gerettet werden? Mit dieser Frage sind wir genau bei Hegel, dessen gesamte Philosophie vom religionsphilosophischen Thema geprägt ist. Darin stimmen wesentliche Hegel-Forscher überein, wie Michael Theunissen oder Walter Jaeschke. Hegel wollte zu seiner Zeit begrifflich klare Aussagen zu dem Thema machen, weil ein Christentum bloß des Gefühls sich im Protestantismus breit machte und im Katholizismus eine Ende der autoritären Klerus-Herrschaft nicht absehbar war. Hegel zeigt in seinem Werk, dass er als Philosoph das Christentum sehr gut verstanden hatte: Seine Erkenntnisse entwickelt er ausführlich in seinen vier, unterschiedlich akzentuierten Berliner „Vorlesungen über die „Philosophie der Religion“ (1821, wichtig dann: 1824, 1827 und 1831).

4. Zum Wesen des Christentums gehört für Hegel: Gott ist Geist. Und der Mensch ist Teilhaber dieses einen göttlichen Geistes, er bezieht sich auf Gott in einem Verhältnis der Freiheit, d.h. der Mensch ist in der Beziehung zu Gott auch bei sich selbst! Und diese Überwindung des „Fremden“ und Entfremdenden auch Gott gegenüber ist wesentlich Freiheit.
Diese Erkenntnis von der Freiheit ist die Grundlehre des Christentums, sie muss um der Freiheit der Menschen will auch als gesetzlich gefasste Freiheit in Gesellschaft und Staat greifbar werden.

5. Diese Freiheit ist Zentrum der Botschaft Jesu Christi vom Reich Gottes: Und es ist der Philosoph Hegel, der diese zentrale Botschaft der Religion in die Begriffe der Philosophie, also ins Denken, überführt, Hegel sagt „aufhebt“.
Das Reich Gottes wird repräsentiert in der Gestalt Jesu Christi, dessen zentrale Lehre sich in den Begriffen Freiheit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit zusammenfassen lässt. Und Hegel zeigt in seinen religionsphilosophischen Vorlesungen: „In der Religion des Christentums an sich ist das (nur) Herz versöhnt“, (S. 330 in den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Band II, Suhrkamp 1969). Es gibt also, in der Geschichte Jesu Christi sichtbar, bereits eine spirituelle, geistige Versöhnung von Gott und Welt/Mensch, also die spirituelle „Erlösung“. Sie ist „an sich“ schon Gegenwart, sie muss nur noch gestaltet, „hineingebildet werden in die Welt“, wie Hegel sagt.
Diese Erlösung ist dann die Gegenwart des Reiches Gottes in Staat und Gesellschaft, eigentlich haben dafür die Gemeinde, die Kirchen, einzutreten. Aber aufgrund der Begrenztheit ihrer Theologien können Kirchen diese Vermittlung nicht leisten, also die „Hineinbildung“ der Ideen des Reiches Gottes in die Welt. Die Gemeinde/Kirche würde zudem der Versuchung unterliegen, sich gegenüber Staat und Gesellschaft als „Herrscherin“ zu etablieren, wie einst im Mittelalter. Weil die Kirchengemeinde in der Begrenztheit theologischer Begriffe lebt, wird die Philosophie wichtig: Sie kann als Philosophie, die die Wirklichkeit in allgemeine und für alle nachvollziehbare Begriffe fasst, auch diese Lehren vom Reich Gottes der Welt vermitteln. Sie kann in weltlicher Sprache helfen, diese Lehren sozusagen zu säkularisieren und in Gesetze zu überführen.
Anders gesagt: Die politische Wirklichkeit in Staaten und Gesellschaft muss von den sich stets weiter entwickelnden Weisungen der universalen Menschenrechte bestimmt sein, und dabei ist die an keine Konfession gebundene Philosophie behilflich, wenn sie säkular die Lehre der christlichen Freiheit darstellt.

6. Das Reich Gottes muss also aus dem Herzen in die Gesellschaft/den Staat treten und dessen Struktur und Gesetze bestimmen. Die Gemeinde als Ort der Frömmigkeit und der Gottesdienste (Kultus sagt Hegel) bleibt aber bestehen. Die Kirche muss aber anerkennen: Das aktive Gestalten der Freiheit in der Welt in Staat und Gesellschaft, ist genauso wie das Spirituelle der zentraler Auftrag der Kirche. Mit der Verwirklichung der Grundideen des Reiches Gottes als humaner Freiheit, kann man auch von einem Ende der (alten, bloß innerlich-frommen) Religion des Christentums sprechen.
(Siehe auch in Fußnote 1 eine etwas ausführlichere Vertiefung).

7. Hegel kann also von einem Ende der bloß spirituellen christlichen Religion sprechen, weil seine Philosophie in der Lage ist, die wesentlichen Inhalte dieser Religion begrifflich für alle Menschen nachvollziehbar zu bewahren und denken.
Der in der Philosophie bewahrte, „aufgehobene“ Geist des Christentums darf sich für Hegel nicht in der Philosophie „verstecken“. Er muss sich äußern, d.h.für Hegel: Ent-äußern in die Welt. Der Hegel-Spezialist Prof. Walter Jaeschke schreibt in seinem empfehlenswerten „Hegel Handbuch“ (Metzler-Verlag, 2016, S. 436): In Hegels religionsphilosophischen Vorlesungen in Berlin „tritt seit dem zweiten Kolleg der Entwurf einer progressiven Realisierung des geistigen Gehalts der Religion, also seiner Ein-Bildung (d.i. Verwirklichung, CM) in die Weltlichkeit“.
Der geistige „Gehalt“, die „Substanz“ des Christentums, muss in die Wirklichkeit von Staat und Gesellschaft hineingestaltet, Hegel sagt „eingebildet“, werden. Hegels Schüler C.L. Michelet übersetzt diesen Begriff der „Einbildung“ treffend mit „Verweltlichung“, also als Welt – Werdung des Christentums. Und der Hegelianer R.Rothe nennt dann 1837 diese Verweltlichung im Sinne von Welt-Werdung die „Säkularisierung“ des Christentums. „Säkularisierung ist allerdings hier nicht als Entfremdung oder als Entwendung religiöser Substanz gedacht, sondern als ihr Eingehen in die Weltlichkeit und ihr Aufgehen in dieser Weltlichkeit“( Jaeschke, a.a.O, S. 437).

8. Folgt man diesen Erkenntnissen Hegels, dann bleibt für die Kirchen heute auch der wichtigste Auftrag, die Idee der universalen Freiheit und damit die Idee der Menschenrechte in der Welt, der Gesellschaft, dem Staat zu fördern. Das allein ist der zentrale Auftrag der Kirche in der Moderne: Die Menschenrechte in der Welt, in den Gesellschaften, den Staaten, zu pflegen, zu fördern, zum Ausdruck zu bringen. Auf die aktuelle Situation 2022 bezogen: Vielleicht könnten sich in diesem Projekt auch Menschen wiederfinden, die aus der Kirche ausgetreten sind, um sozusagen eine weite säkulare Ökumene zu bilden. Dies ist schon ein Hinweis auf die aktuelle Bedeutung der Erkenntnisse Hegels.

9. Der Impuls, die universale Freiheit, die Geltung der Menschenrechte, in der Welt durchzusetzen, hat leider keinen Vorrang unter den religiösen und kirchlichen Aktivitäten. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat diesem „Politischwerden“ des Christentums entsprechen wollen, sie wurde aber weitgehend von konservativen Kirchenführern unterdrückt, gerade weil die Befreiungstheologie angeblich nicht dogmatisch korrekt und fromm genug sei…Dabei ist allen kritisch gebildeten Theologen klar: Wer nach dem Kern des Evangeliums fragt, lese in dem Zusammenhang die Bergpredigt Jesu oder seine „Endzeitreden“. Mit anderen Worten: Schon Jesus von Nazareth war ein heftiger Kritiker der Religion, wenn sie nur den Kultus liebt, aber nicht die Humanität an die erste Stelle stellt. Feierliche Gottesdienste, Kultus usw., klerikale Gesetze haben im Sinne Jesu von Nazareth nur Sinn in ihrer Hinordnung auf das auch politisch zu verstehende Reich Gottes.

10. Verweltlichung des Christentums und Bonhoeffer.
In seinen Briefen aus dem Gefängnis Tegel (unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ post mortem veröffentlicht) hat der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer (geboren am 4.2.1906 in Breslau, als expliziter Feind der Nazis hingerichtet im KZ Flossenbürg am 9.4.1945) einige Einsichten mitgeteilt zur Zukunft des Christentums. Ich sehe darin gewisse Verbindungen zu Hegels Einsicht von der Verweltlichung des Christentums.
Dietrich Bonhoeffer sah schon um 1943 deutlich, wie die alte, vertraute dogmatisch geprägte Gestalt der Kirche in Europa zusammenbricht, verschwindet, weil sie in ihrer Sprache und frommen Praxis die Menschen nicht (mehr) bewegt. Bonhoeffer sprach deswegen davon, ein religionsloses Christentum zu denken und zu entwerfen. Und dieses Projekt berührt die Erkenntnis Hegels zur „Verweltlichung“ bzw. „Säkularisierung“ des Christentums.
Bonhoeffer schreibt: „Unser Verhältnis zu Gott ist kein ,religiöses‘ zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im ,Dasein-für-andere’“ („Widerstand und Ergebung“, DBW8, Gütersloh 1998, 558). „Worauf es im letzten ankommt: Es ist das Beten und TUN DES GERECHTEN“ (WE 157). Noch einmal: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“. Bonhoeffer lobt die Weisheit des Alten Testaments „Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem ? (WE 144).
Mit dem „Tun des Gerechten“ ist genau die Forderung Hegels gemeint: Die universale Freiheit und die Menschenrechte in der Welt durchzusetzen. Und was könnte man als Hegelianer unter Beten verstehen? Dieses ist ein Geschehen der inneren geistigen Verbindung mit der Weisheit der Bibel.

11. Franz Rosenzweig und das Ende der Religion.
„Religionsloses Christentum“: Mit dieser These nähert sich Bonhoeffer auch einem Gedanken des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig: „Die Sonderstellung von Judentum und Christentum besteht gerade darin, dass sie, sogar wenn sie Religion geworden sind, in sich selber die Antriebe finden, sich von dieser Religionshaftigkeit zu befreien und (…) wieder in das offene Feld der Wirklichkeit zurückzufinden“ (Rosenzweig: Das neue Denken, Gesammelte Schriften III, Den Haag 1984, 154).

12.
Das Christentum und die Kirchen können in Europa überleben…… wenn sie religionslos werden.
Das ist Hegels Überzeugung: Wenn das Christentum also das klare begriffliche Verstehen (und nicht nur die Liturgien, Gebete etc.) pflegt und Philosophie respektiert, um die gesellschaftliche Freiheits-Praxis zu fördern, hat es noch eine Chance, auch heute inspirierend zu sein. Dann könnten viele Energien frei gesetzt werden, um Krieg und Nationalismus zu überwinden und das Hungersterben von Millionen Mitmenschen weltweit zu beenden…

Fussnote 1:
Hegels Rede vom „Ende der Religion“ ist eingebunden in seine Philosophie. Und diese ist bestimmt von der dialektischen Entwicklung des absoluten Geistes, also dessen, was Hegel der christlichen Tradition folgend, Gott nennt, Und dieser eine Geist (in Gott wie auf eigene Weise in den Menschen) drückt sich in Hegels Philosophie aus: Der absolute Geist wird erkennbar, besser „erkennt sich selbst“ in der Kunst, dann in der Religion und als Höhepunkt am deutlichsten und begrifflich im Denken der Philosophie. Sie ist die „Spitze“ in der Entwicklung des absoluten Geistes. Die Rede vom Ende der Religion ist also darauf bezogen, dass die Religion, sozusagen als noch unreife Stufe des absoluten Geistes, selbst nicht zu den klaren Begriffen findet, die in der Philosophie (Hegels) erreicht werden. Das bedeutet für Hegel aber nicht, dass Kunst und Religion faktisch nicht mehr weiter bestehen. Sie leben weiter, auch im Umgang der Menschen mit den Künsten und Religionen. Aber, und dieses Aber ist entscheidend: Die Religion bzw. das Christentum, also die Kirchen in Europa, sind nicht auf der Höhe der Entwicklung des sich selbst verstehenden absoluten Geistes, wenn sie die kritische Philosophie scheuen oder verachten (wie Muther). Denn Gott wird für Hegel treffend und “adäquat“ nur in der Philosophie, (seiner) Philosophie, begrifflich im Denken erschlossen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.