Christentum und Kirche im Kapitalismus.

Weiterführende Überlegungen, anlässlich eines Buches von Rainer Bucher
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Sehr viele verdrängen es, viele wissen es, wenige sagen es laut: Das Christentum ist seit dem Auftreten des Kapitalismus im 18. Jahrhundert („industrielle Revolution“) ein „Christentum im Kapitalismus“. Diese Erkenntnis erläutert jetzt der katholische Theologe Rainer Bucher (Universität Graz) in seinem neuen Buch genau mit diesem Titel: „Christentum im Kapitalismus“.
Ich werde dabei an die offizielle Selbstbezeichnung der evangelischen Kirche in der DDR, Mitte der neunzehnhundertsiebziger Jahre, erinnert. Der „Kirchenbund“ bezeichnete sich selbst mit Zustimmung von Erich Honecker als „Kirche im Sozialismus“. Dazu gab Bischof Albrecht Schönherr gleich die ausdrückliche Interpretationsanweisung: „Wir sind eine Kirche nicht gegen und auch nicht für, sondern Kirche IM Sozialismus“. Dass dabei die DDR – Herrschaft überhaupt als Sozialismus implizit anerkannt wurde, zeigt, dass diese Selbstbezeichnung de facto mehr war als eine Art geografische Ortsangabe, so, wie man sagen könnte: „Wir sind eine Kirche in Berlin“. Aber das ist ein anderes Thema, genauso wie die Tatsache, dass einige Pfarrer und Kirchenfunktionäre diesen Sozialismus à la DDR offenbar schätzten und deswegen „inoffizielle Mitarbeiter“ („IM“) der Stasi wurden.
2.
Rainer Bucher, Autor des Buches „Christentum im Kapitalismus“, würde seine Interpretation eines Christentums „im Kapitalismus“ niemals analog zur Formel Bischof Schönherrs verstehen, er würde nicht sagen: „Wir wollen ein Christentum nicht gegen, nicht für, sondern bloß im Kapitalismus sein“. Rainer Bucher sieht in „dem“ Kapitalismus vielmehr eine totale, also nicht nur eine ökonomische, sondern auch kulturelle Herrschaft, der die Kirchen unentrinnbar ausgesetzt sind. Der Kapitalismus ist für Bucher „der Souverän“, er „macht sich die anderen untertan, auch die Religion.“ (58). Insofern hat der Kapitalismus längst „gewonnen“, wenn er auch noch nicht ganz „allmächtig“ ist (29). Diese Ambivalenz zwischen einem Kapitalismus als „Sieger“ und noch „nicht ganz allmächtig“ wird vom Autor nicht aufgelöst.
Kann das Christentum sich vielleicht aus dem Kapitalismus befreien und ihn gar mit anderen überwinden? Bloß was kommt dann? Die hartgesottenen neoliberalen Kapitalisten, Millionäre, Milliardäre aller Länder schmunzeln wohl über diese Frage… Sie halten den Kapitalismus und Neoliberalismus für ewig, unersetzbar, zum Kapitalismus gibt es keine Alternative, predigte die neoliberale Zerstörerin des Sozialen, Madame Thatcher.
Trotzdem lohnt es sich beim Thema des Buches zu bleiben. Ohne ein Trotzdem lebt keine Philosophie und eine Theologie schon gar nicht.
3.
Will das Christentum, wollen die Kirchen, in diesem allumfassenden kapitalistischen System wenigstens überleben, müssen sie sich zu ihm kritisch verhalten, das betont der Autor. Er ist wohl schon froh, wenn Christen und Kirchen den Kapitalismus etwas einschränken, etwas bremsen, etwas humaner machen. Dies ist ja die Zielvorgabe der alten SPD. Sozial gesinnte Kreise der so genannten christlichen Parteien in Europa setzten und setzen ausschließlich auf einen inneren Bewusstseinswandel der Bürger: „Sollen die Konsumenten doch anders konsumieren, also etwa Fair-Trade – Bananen kaufen“. Das Wort fair-trade setzt ja automatisch die Erkenntnis frei: Alles andere Obst, Gemüse und Fleisch etc. ist nicht NICHT-fair gehandelt, sondern entstammt unterdrückerischen, also kapitalistischen Strukturen. Nicht-fair Gehandeltes kann zudem „Gammelfleisch“ sein oder das billige Gemüse ist hochgiftig . Wie viele „Rückrufaktionen“ etwa von nicht fair gehandeltem Käse melden die großen Supermärkte wöchentlich. Die Arbeiter auf den „nicht -fairen“ Bananen – Feldern erhalten einen Hungerlohn etc. Den dicken Profit streichen die United-Fruit-Companies etc. ein. Die Supermärkte in Europa sollten also bitte immer den Untertitel führen: „Hier werden vor allem NICHT- fair-gehandelte, also ungerecht gehandelte Waren verkauft“.
4.
Aber die LeserInnen dieser kleinen Buchbesprechung sollen nun bloß nicht meinen, dass in dem Buch „Christentum im Kapitalismus“ davon die Rede ist. Der Autor hätte ja auch zurecht darauf hinweisen können, dass bei kirchlichen Empfängen und in kirchlichen Akademien usw. fair- trade- Coffee (also anti-kapitalistischer Kaffee) serviert wird. Dieser beruhigt das fromme Gewissen. Fair gehandelter Kaffee beunruhigt aber nur ein ganz kleines Bisschen die nicht fair agierenden Groß-Unternehmen. aggressiven Praktiken des Kapitalismus/Neoliberalismus.
5.
Wenn man schon von Kapitalismus spricht, wäre es auch von der Sache her geboten, den alles entscheidenden Begriff zu besprechen, also vom Klassenkampf zu sprechen, auch vom Klassenkampf im Zusammenhang von Glaube und Kirche. Nur nebenbei: Der katholische Theologe und Philosoph Giulio Girardi hat diesen Zusammenhang von Kirche und Klassenkampf ausführlich reflektiert, er wurde deswegen als Priester aus dem Salesianerorden (SDB) ausgeschlossen und durfte nicht mehr an katholischen Fakultäten lehren. Früher hätte man ihn als Ketzer gern verbrannt, jetzt rettete ihn der liberale Rechtsstaat.
6.
Solche heißen Eisen („Klassenkampf und Kirche“) berührt Rainer Buch in seinem Buch „Christentum im Kapitalismus“ nicht. Er hätte ja dabei an die ganz wenigen katholischen Bischöfe erinnern können, die den Klassenkampf in ihren Ländern und Bistümern genau erkannten und sich bewusst der Klasse der Unterdrückten angeschlossen hatten, von Bischof Pedro Casaldáliga (Brasilien) wäre also zu sprechen gewesen oder von Erzbischof Helder Camara (Brasilien) oder dem heiliggesprochenen Erzbischof Oscar Romero (El Salvador). Auch Bischof Jacques Gaillot (Evreux/Partenia) hat sich mit den unteren Klassen solidarisiert. Gaillot wurde bekanntlich vom Papst als Bischof von Evreux abgesetzt, weil der damalige französische Innenminister Pasqua die Kritik Gaillots an der offiziellen Ausländerpolitik nicht ertragen konnte…
Rainer Bucher fasst also ein gewaltiges Thema an, aber er bietet eine viel zu knapp ausgefallene Studie. Sie hat zudem noch den milde klingenden Untertitel hat: „Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt“. Ist der Kapitalismus im Ernst „Verwaltung“ zu nennen? Verwaltung bewahrt ja wenigstens, Kapitalismus aber zerstört vieles um des Profites willen. Das ist evident.
Bucher übernimmt also mit dem Untertitel diese äußerst dürftige Kapitalismus – Definition des Philosophen Jean – Luc Nancy (S. 20). Später (S. 38) betont Bucher: Nancy fasse den Kapitalismus als „ökonomisches System“ mit der Bevorzugung individueller Eigentumsrechte, zweitens als das Zur-Ware-werden alles Lebendigen sowie als die absolute Geltung des Kapitals, um Gewinne in der Zukunft zu machen.
Die heute von einer überwältigenden Mehrheit der Soziologen und Philosophen gängige Beschreibung eines eher totalitären
Kapitalismus fehlt auch bei Bucher,. Die wesentliche Einsicht der führenden Kapitalismus -Kritiker lautet: Der Kapitalismus stößt an seine Grenzen hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit, die Anzahl der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten weltweit nimmt ständig zu, Millionen Menschen krepieren förmlich in ihren Slums, die Reichen haben sich an das Elend ihrer vielen Millionen Mitmenschen gewöhnt, sie sind bestenfalls noch zu Spenden bereit usw.. Der Kapitalismus als Neoliberalismus zerstört die Natur und die Umwelt mit seinem Wahn, alles Natürliche in Ware und damit in Geld zugunsten der Konzerne zu verwandeln. Der Kapitalismus mag es sehr, wenn autoritäre Regierungen etwa bei ihrer Naturzerstörung den internationalen Konzernen freie Hand lassen, wie etwa in dem verbrecherischen System zur Zeit in Brasilien. Der Kapitalismus als Ideologie des ständigen ökonomischen Wachstums ist wesentlich kriegerisch: Abwehr und Krieg, Waffenproduktion in Hülle und Fülle und Folter und Verfolgung und „Erzeugung“ von Millionen Flüchtlingen sind das Wesen des Kapitalismus/Neoliberalismus. Dass dann die von den Kapitalisten „erzeugten“ „Flüchtlingsströme“ keine menschenwürdige Aufnahme finden, gehört zum kapitalistischen Ungeist. Mit Unsummen von Geld aus Europa sollen ärmere Nationen (Türkei, Kenia, Uganda, Libyen, Niger usw.) diese vom Kapitalismus erzeugten „Flüchtlingsströme“ von den reichen Ländern bitte schön fernhalten. Und die Kirchen als Kirchen in diesem Kapitalismus bitten um Spenden für diese armen Menschen, sagen aber nicht den Regierenden klar und deutlich: Eure „christliche“ Politik ist nicht mehr menschlich, wir können sie nicht mehr unterstützen. Darüber wird nicht einmal diskutiert. Früher sprach die evangelische Kirche von politischen Situationen, in denen der „status confessionis“ gilt, ein alter Begriff, den man bitte weiter studiert in aktuellem Zusammenhang von „Kirche und Kapitalismus“
7.
Der große Soziologe Hartmut Rosa, wahrlich kein Marxist und „Klassenkämpfer“, beschreibt in seinem Buch „Resonanz“ treffend den Kapitalismus als dem ständigen Wachstum verpflichtet, mit seiner Steigerungslogik, der Sucht nach Profit, Gewinn, Rendite (Seite 725 f. in der Taschenbuchausgabe des Suhrkamp-Verlages 2019). Hartmut Rosa spricht von der „Ersetzung der blindlaufenden kapitalistischen Verwertungsmaschinerie“ (S. 726), von einer totalen Verwertungslogik, und er zitiert in einer Fußnote Karl Marx aus seinem Kommunistischen Manifest. Marx klagt den Kapitalismus an, weil er auch „alles Heilige entweiht“ (S. 680, Fn., 59). Dass sich hier auf Hartmut Rosa hinweise, geschieht sozusagen prophylaktisch, um allen konservativen Geistern zu zeigen: Die tiefgreifende und begründete Ablehnung des Kapitalismus/Neoliberalismus ist in der Welt der Wissenschaft wenn auch nuancenreich, aber universal und selbstverständlich.
8.
Der Ton in Buchers Buch bleibt moderat, der Autor meidet meines Erachtens die wirklichen heißen Fragen bei seinem Thema. Trotzdem lohnt es sich das Buch von Rainer Bucher zu lesen, schon allein deswegen, weil es über den Text hinaus zu weiterem Nachdenken anregt.
Das Buch bietet etwas Material zu den theologisch bislang kaum wahrgenommenen heutigen Marxisten wie Vattimo, Badiou, Zizek.
Das Buch von Rainer Bucher bleibt zudem inspirierend, weil klar gesagt wird: „Auch Religion und Glauben werden in Zeiten des Kapitalismus vom Kapitalismus geprägt, zutiefst und zuinnerst“ (46).
9.
Viele Themen, die das Buch nicht ausführlich behandelt, fallen dem Leser bei der Lektüre selbst ein: Ich nenne nur einige:
9.1.
Allein schon die Einbindung des europäischen Katholizismus in die Kolonialgeschichte wäre ein ganz dringendes Thema wie etwa auch die Frage: Warum glauben eigentlich die (von den Kolonialherren wie Untermenschen behandelten Afrikaner) dem christlichen Glauben, also der Religion der kapitalistisch – imperialistisch geprägten Kolonialherren? Wollen sie die kapitalistisch geprägte Denkform der europäischen Kirche nun ihrerseits übernehmen und eine afrikanisch – kapitalistische Kirche aufbauen? Wer einige Pfingstkirchen in Nigeria oder Brasilien studiert, kommt angesichts deren „Wohlstandsevangelium“ schnell zu dieser Überzeugung.
9.2.
Wenn die kapitalistische Mentalität des Verfügens und Beherrschens auch die kirchliche Spiritualität bestimmt, dann wären ganz dringende Themen zu bearbeiten: Das Festhalten an einer Hierarchie, an der pyramidalen Ordnung, entspricht den hierarchisch strukturierten Großunternehmen. Auch die miserable Rolle, die an führender Stelle Frauen in der katholischen Kirche oder der Orthodoxie spielen, gilt genauso für neoliberale Großunternehmen. Wenn der Kardinal von München jetzt ein Monatsgehalt von 12.526 Euro (B 10) erhält, entspricht diese Honorierung in etwa dem Gefälle der Gehälter in Großunternehmen zwischen Top-Leuten und kleinen Angestellten. Die Kirchen haben sich längst daran gewöhnt, sich wie Großbetriebe zu verhalten. Wenn zum Beispiel klerikales Personal nicht mehr zur Verfügung steht, um alle vorhandenen Pfarreien zu „bedienen“, werden einfach Gemeindehäuser geschlossen und die Kirchengebäude nur noch mit reduziertem Aufwand bedient. Genauso verhalten sich Unternehmen, die allein nach Gesichtspunkten des Profits ihre Filialen aufrechterhalten. Gibt es weniger Kirchenmitglieder, werden Pfarreien geschlossen. Gibt es weniger Kunden, werden Geschäfte dicht gemacht.
9.3.
Es wäre bei dem Thema dieses Buches angebracht, die innere Verdorbenheit der christlichen Glaubenslehre durch den Kapitalismus dreizulegen. Ich kann Aspekte dieses umfassenden und noch weiter auszuarbeitenden Themas hier nur andeuten:
Auch in den Kirchen gibt es die Herrschaft der großen Zahlen: Ein Gottesdienst, eine Predigt, waren dann gut, wenn sehr viele Leute im Gottesdienst waren und die Predigt hörten. Ich erinnere mich an die Klagen der Pfarrer: „Heute waren nur alte Damen im Gottesdienst“. Was ist daran schlimm? Alte Menschen haben – kurz vor Lebensende – ein gutes Recht, spirituelle Impulse zu erhalten. Und modern und jugendlich wollen die Gemeinden der schon äußerlich häßlichen Mega – Churches sein, in den USA, Nigeria, Korea oder Brasilien: Die Gottesdienste, die sie anbieten, sind als totales Show-Programm konzipiert, mit allerhand Singsang und körperlichen Verrenkungen frommer Tanz-Gruppen und den endlosen Monologen der Pastoren, die allen Erlösung versprechen, wenn sie ordentlich für den Pastor spenden. In diesen Mega – Churches wird das „Wohlstandsevangelium“ verkündet: Wer arm ist, der ist selber schuld. Das hätte der Ökonom Hayek, der Heilige der Neoliberalen, nicht besser formulieren können. Diese Mega-Churches sind religiös angehauchte kapitalistische Unterhaltungstempel.
9.4.
Aber damit wird die Frage wichtig: Wie weit ist die innere Glaubenswelt, also das Dogma, das Gebet, die Liturgie, die Kirchenlieder, von der kapitalistischen Mentalität bestimmt? Warum hält die katholische Kirche immer noch am Ablass fest und bietet ihn etwa zu Ostern sogar via Fernsehen, Radio, Internet an? Warum hält die katholische Kirche wie einst, so auch heute, daran fest, dass einfache Laien bei den Priestern Messen „bestellen“ können, gegen ein gutes Honorar freilich? Eine fremde Person betet also anstelle meiner, bloß weil ich diese Person, den Priester, dafür bezahle? Die katholischen Männerorden machen auf diese Weise immer noch ein „dickes Geschäft“. Für die Allmacht des Geldes, etwa im Katholizismus, ein weiteres Beispiel: Warum sind Heiligsprechungen so teuer? Viele tausend Euro, mindestens 50.000 Euro, müssen etwa Ordensgemeinschaften für die Heiligsprechung ihres Gründers der entsprechenden vatikanischen Bürokratie „für Heiligsprechungen“ bezahlen.
9.5.
Kapitalismus ist Egoismus: Das ist ein ganz banaler, aber immer noch treffender Basisaspekt kapitalistischer Mentalität. Der Egoismus der Beter wäre zu untersuchen, in den immer noch populären Bittgebeten: Zuerst und vor allem möge ich gerettet werden, heißt die Standardformel aller Bittgebete.
Auch von der Opfertheologie wäre zu sprechen, die in verschiedenen Konfessionen immer noch eine große Bedeutung hat, bis hin zu den grausigen Liedern am Karfreitag: Jesus Christus opfert sich am Kreuz leidend für die Erlösung der Menschen, weil es sein himmlischer, angeblich liebender Vater, dies so will. Opfert euch auf, rufen die Kapitalisten den Armen zu, gebt euch hin der Arbeit, es gibt keine Alternative für euch, ihr müsst bis zum Umfallen schuften in unseren Fabriken, vielleicht erlauben wir es dann euren armen Kindern, dass es ihnen etwas besser geht. Indem das Christentum den Wahn des Opfers in den religiösen Mittelpunkt stellt, öffnet es die Türen für die Opfer – Ideologie der kapitalistischen Herren-Menschen. Darüber hätte ich auch gern ein paar Zeilen gelesen in dem Buch „Christentum im Kapitalismus“.
10.
Lässt sich das Christentum wenigstens noch partiell in der PRAXIS vom Kapitalismus befreien? Eine schwierige Frage, auch zu dem Thema bietet das Buch „Christentum im Kapitalismus“ eher wenig. Man hätte doch sprechen können von den kleinen, aber wirksamen Gruppen innerhalb des kapitalistisch beherrschten Christentums, etwa den nicht nur in den USA, sondern weltweit präsenten Gruppen der „Catholic Worker“. Von christlichen anarchistischen (sic!) Gruppen wäre zu sprechen, von den “Religiösen Sozialisten” in der Schweiz, vor allem von den Basisgemeinden weltweit, die selbst die verheerende konservaive Pastoral-Politik des Vatikans nicht vernichten konnte. Es wäre zu denken an die Gemeinden, die wie etwa in Holland, aus dem Verbund mit den Bistümern ausgestiegen sind und unabhängige, selbst finanzierte Gemeinden sind, wie etwa die Dominikus – Gemeinde in Amsterdam (Spuistraat).
11.
Darüber hinaus wäre natürlich der enge theologische Blick zu überwinden, dass man Religion nur da vermutet, wo Religion draufsteht. Kurzum, es wäre zu fragen, ob die wahren Partner eines antikapitalistischen Christentums nicht bei den NGOs (Ärzte ohne Grenzen, Greenpeace, NABU, AVAAZ) zu suchen sind. Mit denen ließe sich dann die schwere Frage erörtern, wie denn ein Leben de facto zwar noch innerhalb, geistig/politisch/spirituell außerhalb des heute dominanten Kapitalismus aussehen kann.
12.
ZUR SPRACHE:
Nur eine kleine Kritik am Schluss: Bei einer weiteren Neuauflage würde ich herzlich bitten, um des erreichbaren Verständnisses willen, den tatsächlich aus 17 (oder sind es 18?) Druckzeilen bestehenden Satz auf Seite 49) in mindestens drei Sätze aufzulösen.
Und schlechterdings unverständlich, selbst für einen Theologen, ist dieser Satz auf Seite 152: „Ohne die Dynamik des Prozedierens petrifizieren die paradoxen Polaritäten des Christentums entweder an einem ihrer Pole oder diese Balance rastet ein…“ Eingerastet ist auch mein Begreifen als ich von einer „lokalen Entbettung“ (S. 65) las. „Einbetten“ und „Umbettung“ (auf Friedhöfen) geht ja noch. Aber „Entbettung“? Ist Entbettung vielleicht eine neue Strategie des Kapitalismus, uns sogar noch unsere Betten zu nehmen? Den Schlaf raubt der Kapitalismus einigen Leuten ja ohnehin schon.

Rainer Bucher, Christentum im Kapitalismus. Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt. Echter Verlag, Würzburg, 2.Aufl. 2020, 224 Seiten, 19,90€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Der religiöse Beethoven – ein Meister für heute und morgen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.12.2020

Die Geburtstagsfeiern zu Ehren Ludwig van Beethovens werden ins kommende Jahr 2021 verlängert. Das steht fest angesichts der Corona – Beschränkungen in diesem Jahr. Also können sich auch alle philosophisch und theologisch Interessierten weiterhin auf den „religiösen Menschen“ Beethoven beziehen. Im „Blick zurück“ ist eine heutige Perspektive leitend: Beim geistigen Zusammenbruch der alten christlichen Konfessionen in Europa (der sich als Zusammenbruch aber noch lange hinziehen kann) gilt es, sich religiöser Gestalten zu erinnern, die sich als „freie Geister“ in religiösen Fragen zeigten. Da muss Ludwig van Beethoven genannt werden! Als selbstbewusster Überwinder konfessioneller Üblichkeiten, zugunsten einer Spiritualität, die Musik als Weg zur Transzendenz entdeckt. Genau deswegen ist die philosophische und theologische Auseinandersetzung mit Beethoven und seinem Werk ( 772 Werke sind es!) so wichtig. Er gehört als „freier Geist“ in unsere Zeit.

Dieser Hinweis kann nur ein bescheidener Impuls sein für jene, die in der Musik und durch die Musik die Tiefe ihres Daseins erleben und, gelegentlich wohl, im Hören (oder im schöpferischen „Nach“-Schaffen der Musik), das Göttliche als das gleichermaßen Tragende und Bergende sowie als das Herausfordernde und Unheimliche erleben.

1.
Auf ausführliche biographische Hinweise will ich hier verzichten.Nur so viel: Schon mit 13 Jahren spielt Beethoven die Orgel in der Bonner Hofkirche. Dort hört er („berufsbedingt“, möchte man sagen) viele Predigten, auch von Universitätsprofessoren, er lernt also die populären Darstellungen katholischer Dogmatik und Moral kennen. Angesichts der vielen Messen an vielen Orten in Bonn und sogar in Siegburg ist er als Organist ausgelastet und muß sich wohl gegen die religiöse Routine wehren, die alle überkommt, die berufsmäßig mehrfach am Sonntag Orgel spielen müssen oder, im Falle der Priester, beten und lesen und predigen müssen, eben in der Routine der immer selben liturgischen Formen der Messe. Das führt bekanntlich zu spirituellen „Abnutzungserscheinungen“. Hat die Routine der vielen Messen, an denen der junge Beethoven teilnehmen musste, hoch oben, an der Orgel, seinen Abstand vom offiziellen Katholizismus befördertet? Das ist wohl so.

2.
Mit 22 Jahren zieht Beethoven als freier Musiker und Komponist nach Wien. Dort geht er auch religiös seinen eigenen Weg! Er entwickelt sich allmählich zu einem „multireligiös denkenden und empfinden“ Musiker, lässt sich also nicht auf eine einzige Glaubenshaltung und auf die angestammte (katholische) Konfession festlegen. Es gibt eine Notiz in einem seiner „Konversationshefte“, die er wegen seiner Ertaubung nutzen musste: „Sokrates und Jesus waren mir Muster“. Und er bezieht sich dabei auf seine große Messe, an der er viele Jahre arbeitete…
Auch Sokrates war für ihn ein Vorbild in spirituellen Fragen. Genauso wie Kant. Und Jesus schätzte Beethoven mehr als die ferne und nur erhabene Christus-Gestalt.Jesus war für ihn ein Mensch, leiblich, greifbar, voller Emotionen. In seinem Oratorium „Christus am Ölberge“ will Beethoven Jesus als Menschen näherbringen …und wahrscheinlich das eigene Leiden an der Taubheit mit dem Leiden Jesu von Nazareth vor seinem Tod zu verbinden.

3.
Explizit religiöse Kompositionen hat Beethoven in nur geringer Zahl geschaffen. Er hat etwa neben dem Oratorium „Der Sieg des Kreuzes“ eine „kleine Messe“ in C Dur als Auftragsarbeit 1807 geschrieben: Dies ist keine Messe, die der volkstümlichen Frömmigkeit in „bewährter Manier“ dienen soll, also in einer Gestalt, wie sie noch Haydn pflegte. Vielmehr zeigt Beethoven in der Komposition dieser Messe seinen eigenen individuellen Glauben, er lässt hören, was ihm persönlich wichtig ist. Glaube kann also sehr treffend nur als Wechselspiel zwischen dem einzelnen und den objektiv vorgegebenen Texten bzw. Organisationsformen verstanden werden. Bei Beethoven kommt meines Erachtens sein einzelnes Fühlen und Denken in gebührender und starker Weise zum Ausdruck. So soll es ja sein, weil Glauben nur als „mein Glauben“ überhaupt möglich ist, diesen Imperativ hat die offizielle Kirche in ihrer Bevorzugung des Objektiven, „Amtlichen“, „Dogmatischen“ allzu oft vergessen. Jan Assmann, der bekannte Ägyptologe, den als Protestanten die Theologie “am meisten interessiert”, hat eine große Studie über Beethovens Missa solemnis geschrieben “Kult und Kunst” (C.H. Beck Verlag). In einem Interview mit der Zeitung Christ und Welt, Heft 53/2020, Seite 3 sagt Assmann kurz und bündig, aber sicher treffend, bezogen auf das Benedictus der missa solemnis:“Beethoven schwelgt in der Präsenz Gottes. Das zeigt mir, dass er den Gottesdienst nur noch musikalisch feiern will. Er braucht keine Priester mehr”.

4.
Ein Wort zur Vielfalt der Bedeutungen, die für Beethoven das Wort Gott hat: Beethoven spricht auch von Gottheit, von dem Vater oder dem Allerhöchsten, dem Himmel oder dem Schöpfer. Diese transzendente, aber gleichermaßen in der Seele lebendige Wirklichkeit kann für Beethoven nicht nur in der Musik, sondern auch in der Natur vor allem erfahren werden.
Auf seine Krankheiten hat Beethoven musikalisch geantwortet. Man denke an das Opus 132, das späte Streichquartett aus dem Jahr 1825, der 3. Satz hat den Titel „Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit, in der lydischen Tonart“, also in der Oktavgattung des altgriechischen Systems. Theologisch gesehen beachte man: Beethoven nennt diesen Satz eine Dankgesang an die „Gottheit“. Im Jahr 1825 war der Komponist von einer schweren Krankheit heimgesucht worden.
Seine Verzweiflung inmitten des Lebens hat er auf Gott bezogen: „Ich habe schon oft den Schöpfer und mein Dasein verflucht“ (Brief vom 29. Juni 1801). Er war auch empört über die groben Missverständnisse seiner Verwandten: Davon schreibt er in dem „Heiligenstädter Testament“, das er allerdings niemals als Brief absandte. Angesichts der Feindseligkeit und der Verletzungen gesteht er: „Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben.. Nur die Kunst, sie hielt mich zurück“.

5.
Für unser Interesse ist die „Missa solemnis“ wichtig: Sie ist eigentlich als eine wirkliche Konkurrenz zu einer Messe gemeint, die in einer Kirche während des katholischen Gottesdienstes, der Messe, aufgeführt wird. Im 19. Jahrhundert entstanden die Konzerthallen in Berlin und Wien, in denen auch religiöse Musik aufgeführt wurde, etwa in der „Singakademie“, dem heutigen Gorki Theater in Berlin. Die christliche Musik wurde aus den Kirchenräumen befreit und erreichte dadurch ein anderes Publikum, das die Messe eher als religiöses Ereignis der individuellen Gefühlswelt wahrnahm denn als Vertiefung in die vorgegebene dogmatische Lehre der Kirche. Die große Weitung der Spiritualität gelingt dann Beethoven in seiner 9. Symphonie, vor allem im Schlusschor, der Ode „An die Freude“ von Friedrich Schiller. Ein Bekenntnis zur Freundschaft unter den Menschen, ein Bekenntnis zur Menschlichkeit, das über alle konfessionellen (und ideologisch – politischen) Bekenntnisse als gemeinsame und universale humane Basis hinausweisen kann. Und sollte. Aber was hat die Musik „bewirkt“? Darf man so fragen? Was haben alle die vielen tausend, wenn nicht Millionen Hörer „gemacht“ mit ihrem Erleben der Ode „An die Freude“. Hier wird die Beziehung von ästhetischem Erleben zur ethischen Praxis berührt. Wie wird ein Ästhet zum Ethiker? Eine grundlegende Frage.

6.
Beethoven bleibt für spirituell Interessierte gegenwärtig. Er ermuntert durch sein Beispiel, den eigenen spirituellen Weg zu gehen. Die so „eigene“ errungene Spiritualität zu leben und zu denken und dann auch anderen zu sagen, darauf kommt es wohl an. Wer die eigene Spiritualität sagt, sucht den Dialog, nimmt teil an der Lebendigkeit des Geistes, der sich überall „Ausdruck schafft“ und damit die Kultur belebt. So könnte die Kirche eine große Gesprächsgemeinschaft werden, die den spirituellen Austausch lebt und alle bequeme Routine von sich weist. Die Hörer der Ode „An die Freude“ in aller Welt hätten sich viel zu sagen. Sie müssten nur die starre Haltung des „Kulturkonsumenten“ aufgeben.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Unverfügbarkeit und Resonanz: Über Hartmut Rosa

Ein Hinweis auf Hartmut Rosas große Studie und die kleine Einführung.
Von Christian Modehn
1.
Resonanz heißt das Wort, das viele bewegt: Wir wollen wissen, wie wir in der Beziehung zur Welt leben und damit auch in der Beziehung zu uns selbst. „Resonanz“ ist das Wort, das der weltweit beachtete Soziologe Hartmut Rosa (Uni Jena und Erfurt) im Jahr 2016 in einer umfangreichen Studie wie eine Art Schlüsselwort präsentierte, es macht Strukturen der modernen Lebenswelt verständlich Seitdem sind viele Debatten über die Resonanz geführt worden, viele Studien zum Thema erschienen.
2.
Ich kann die Auseinandersetzung mit dem vielleicht abstrakt wirkenden Begriff Resonanz nur empfehlen, es geht dabei nicht um eine akademische Debatte. Es geht darum, wie wir Menschen in einer Welt seelisch lebendig bleiben können, die als oberste „Werte“ Herrschaft, Verfügung, Macht, Gewalt durchsetzt. Die Auseinandersetzung mit der Resonanz wird jetzt einfacher, weil eine gegenüber dem Originaltext überschaubare Einführung vorliegt: Hartmut Rosa, “Unverfügbarkeit“, Suhrkamp Verlag, 2020, 131 Seiten, 10 Euro.
Hartmut Rosa verbindet als Soziologe philosophische, literarische auch einige theologische Erkenntnisse zu der Basis-Erfahrung eines jeden: Die Menschen stehen immer in einem Austausch mit der Welt und damit auch mit sich selbst, sie fühlen sich angerufen von der Natur, der Kultur und den anderen Menschen, sie sind innerlich manchmal bewegt und lassen sich vielleicht auf Veränderungen ihres bisherigen Verhaltens ein. Resonanz wird also im Umgang mit Welt und mit mir erzeugt, sie ist eine Art Bewegtheit des Geistes durch die Vielfalt der Welt und der Menschen außer uns. Aber sobald der Mensch mit Macht diese Welt festlegen und beherrschen will, bleibt die das Leben erst lebenswert machende Resonanz aus. Herrschaft und Fixierung vertragen sich nicht mit Resonanz. Dann gibt es in der Weltbeziehung nur ein sachliches Verhalten wie zu einem „Material“, das man greift, definiert, beherrscht, einordnet, handelt. Und dann Ausschau halte nach dem nächsten „Material“ der Welt zwecks weiterer Beherrschung und Profite. Diese total verobjektivierte Weltbeziehung bleibt ohne seelische Resonanz, sie ist tot. Aber, dies ist das Problem der Gegenwart der Moderne, diese toten Beziehungen zur Welt und den Menschen, diese toten Beziehungen zu sich selbst sind heute beinahe üblich, Ausdruck der modernen „coolen“ Kultur.
3.
Resonanz als seelische Lebendigkeit ist nur möglich, weil das Unverfügbare erscheint und existiert und es als solches wahrgenommen werden kann. Unverfügbar (also in seinem Dasein von uns letztlich nicht manipulierbare Andere) ist letztlich die gesamte „Außenwelt“, unverfügbar ist auch das seelische und geistige Geschehen, wenn im Menschen wirklich Berührung durch die Welt und die anderen Menschen stattfindet. Das Unverfügbare zu schützen wird zur Aufgabe im Überleben von Menschen, die mehr sein wollen als bloß funktionierende Technokraten und Bürokraten.
Ich breche hier die Hinweise ab.
Religionsphilosophisch bedeutsam ist die Aussage Hartmut Rosas, dass im Nichtverfügbaren auch das Geschenk, die Gabe, aufleuchten kann (S. 111), der Mensch also auch der Empfangende ist, der sich gerade nicht nur als der autonom alles Setzende und Beherrschende verstehen sollte!

Die Bücher von Hartmut Rosa zum Thema:
„Unverfügbarkeit“. Suhrkamp Verlag, 2020, 10 Euro.
„Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen“ (Suhrkamp, 2019, 815 Seiten).

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Weihnachten: „Christus, der Retter, ist da…“ Oder: „Jesus der Retter ist da” ?

….diese Frage ist alles andere als nur theologisch subtil…
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In Krisenzeiten neigen Menschen dazu, sich in (angeblich) altbewährte Traditionen zu flüchten, wenn sie sich denn nicht gleich Wahnvorstellungen und Verschwörungstheorien hingeben.
Um beim Weihnachtsfest zu bleiben: Es gibt das Bedürfnis in unserer „durchrationalisierten“ und digitalisierten Welt der totalen Ernüchterung, in die „verzauberte“ Welt der Kindheit, der Märchen und Legenden einzutauchen, um dort – wie im Traum – etwas Halt und seelische Wärme zu empfinden: Weihnachten ist der Inbegriff der Ergriffenheit, der Traditionspflege, des „Einst war es doch so schön“. Der ganze Kommerz–Wahn zu Weihnachten hat diese Wunschvorstellung nicht nur nicht kleingekriegt, der Kommerz hat diffuse Sehnsüchte wohl noch beflügelt…

2.
Also bleiben wir realistisch: Man kann wirklich nicht sagen, dass die Weihnachtsgefühle inklusive der obligaten Weihnachtslieder tatsächlich eine spürbare Verbesserung der Lebensverhältnisse gebracht haben. Man hat „Christus der Retter ist da“ viele Male gesungen, vielleicht mit Tränen in den Augen voller Wehmut, der Kindheit gedenkend … und ist dann drei Tage später wieder in die übliche Alltagsroutine zurückgefallen, die Alltagsroutine aus Egoismus, Hass, Neid, Gier und Krieg, siehe die orthodoxe Kirche in Pution -Russland und ihres Patriarchen Kyrill…

Weihnachten mit seiner humanen Botschaft hat selten (und kaum nachzuweisen) zu einer Neuorientierung, zur Abkehr vom üblich gewordenen Inhumanen geführt. Das über alle Jahrzehnte und Jahrhunderte empirisch zu belegen, wäre eine tolle Aufgabe. Die Kirchen würden solche Forschungen bestimmt nicht unterstützen…Also: Wer will im Ernst der Erkenntnis widersprechen, dass Weihnachten (gefeiert und Weihnachtslieder gesungen) wenig spürbar zu einer menschlicheren Welt beigetragen hat. Das ist die traurige Bilanz einer Religion, die sich als Heil, als Rettung selbst versteht. Bestenfalls fand diese Erlösung, Rettung, dann im Innern der privaten Seele statt. Aber die Wirkungen nach außen, politisch, sozial im Sinne universaler Gerchtigkeit, blieben aus.

3.
Manche „Optimisten“ werden auf die Bereitschaft zum Spenden hinweisen für „Brot für die Welt“ oder „Adveniat“. Aber Spenden für die Armen sind der hilflose Ausdruck dafür, dass „wir Erlöste“ -angeblich – strukturell die Welt nicht verbessern können oder verändern wollen: Der Hunger von Millionen Menschen weltweit besteht weiter  seit Jahren, die Kriege sind Alltagsrealität, die Rüstungsindustrie floriert, die Zahl der Milliardäre nimmt zu, die Anzahl von diesen Leuten Armgemachten ebenso… Da sind Spenden ein Alibi für die Hilflosigkeit der Kirchen, wirklich praktisch und politisch und sozial spürbar durchzusetzen, dass „dieser Christus der Retter wirksam da ist“. Es blieb und bliebt also beim Singsang. Wirkungslos.

4.
Mein Vorschlag zu einer wirklichen wirksamen Bedeutung von Weihnachten: Singen wir und sagen wir nicht länger „Christus, der Retter ist da“, sondern „Jesus, der Retter ist da“. Das ist mehr als eine theologische Spitzfindigkeit. Da geht es um Wesentliches. Aber das muss erklärt werden.

5.
Mir geht es um ein Thema, das nicht nur religionsphilosophisch Interessierte bewegt: Wenn der christliche Glaube, auch im Falle von Weihnachten, im Leben des einzelnen noch eine Rolle spielen soll, dann ist Glaube sinnvoll nur zu definieren als eine Form der Lebensorientierung, als eine Gestalt einer Lebensphilosophie. Der christliche Glaube als Lebensphilosophie mit der entsprechenden Lebenspraxis: Dann ist immer – wie bei jeder Philosophie – gemeint das vernünftige Verstehen, das Reflektieren, also auch die Kritik der „Inhalte“ dieser Lebensphilosophie, die da als kirchlicher Glaube verbreitet wird.

6.
Wer die uralten Weihnachtslieder betrachtet oder singt und eben darin einen hilfreichen Ausdruck seiner Lebensphilosophie sehen will, sollte sich also fragen: Was singe ich da eigentlich, welche Inhalte singe ich oder summe ich dann mit? Wenn es mir auf den Inhalt, den „Text“ der Lieder gar nicht mehr ankommt und diese für mich verständlicherweise veraltet wirken, dann reicht es, einige Weihnachtslieder einzig instrumental zu inszenieren. Und ich kann beim Hören der Melodie mir meine eigenen Gedanken machen jenseits von „O Kindelein von Herzen“ und den „himmlischen Heeren, die Ehre jauchzen“ usw. Nebenbei: Eines der wenigen, auch vom Inhalt her noch singbare alte Weihnachtslied ist für mich noch das Lied von Paul Gerhardt: „Ich steh an deiner Krippen hier“…

7.
Das beliebte Lied „Stille Nacht…“ verdient eine besondere kritische Aufmerksamkeit. Da heißt es in der 2. Strophe: „Christus der Retter ist da“? Christus ist der Retter. Und er soll also „da“ sein.
Wer das singt, hat, irgendwie verschwommen, einen oder seinen „Christus“ vor Augen, eine Art hoheitlicher Heilsgestalt, einen Gottessohn, der sich am Ende seines Lebens blutend und leidend für die Sünden der Menschen hingibt und dadurch seinen zornigen Vater(gott) versöhnt. Ist diese Überzeugung von Christen aus dem Mittelalter heute noch glaubwürdig und nachvollziehbar? Wie viele andere Theologen und Religionsphilosophen sage ich Nein. Es geht Weihnachten um Jesus von Nazareth, geboren als Kind von Obdachlosen in der Krippe zu Bethlehem, im Stall, inmitten seiner Eltern Maria und Josef. Dann war Jesus in Nazareth als Tischler tätig, später als Prophet und Prediger. Und er wurde umgebracht und später wussten seine Freunde: „Dieser Mensch ist der „Auferstandene“.

8.
Und jetzt kommt in meiner Sicht – ein theologisches Ereignis! Ein spiritueller Umbruch. Dabei geht es nur dem Schein nach um etwas Subtiles für „Spezialisten“: Es geht um den Unterschied zwischen „Christus“ und „Jesus“. Christus wird kirchlich verkündet als der himmlische Herr, die zweite Person der Trinität oder der Sühne leistende Sohn Gottes. Dies gilt in den Kirchen, selbst wenn oft von „Jesus Christus“ die Rede ist: Da tritt aber die Gestalt des Menschen Jesus immer in den Hintergrund gegenüber dem allmächtigen Christus. Das Konzil von Nikäa (325!) und die folgenden Konzilien haben diese Tendenz absolut verstärkt. Leider!

9.

Jesus von Nazareth hingegen ist der jüdische Mann mit einer bestimmten Geschichte, mit einem Lebensentwurf, einer bestimmten Lebensphilosophie. Er ist ein Mensch mit einem Gesicht, einer Geschichte, er wird zum Propheten, den viele für einen Lehrer, einen Weisen, halten. Als ein solcher Weisheitslehrer mit einer bestimmten Lebensphilosophie kann er dann als der “Christus”  bezeichnet werden, der über den begrenzten jüdischen Raum hinausweist: Ein Weisheitslehrer für viele Menschen vieler Kulturen, für Menschen, die sich seinen Werten anschließen wollen. Jesus als Person, mit einem Gesicht, einer Geschichte, mit seiner Liebe zur Gemeinschaft, zum gemeinsamen Speisen, seiner Praxis der Meditation und des gelegentlichen Rückzugs in die Wüste, mit seiner Liebe für die Frauen, seiner Liebe zu seinem “Lieblingsjünger Johannes” usw.: Dieser Mann Jesus weckt neue Einsichten, inspiriert zum Leben in Gerechtigkeit.

10.
Man denke daran, dass der große katholische Theologe Edward Schilllebeeckx (Nijmgen, NL) von Jesus als dem erlösenden Vorbild sprach. Insofern befinde ich mich hier in bester theologischer Gesellschaft. Und Jesus als Vorbild führt weiter zu der argumentierenden Frage: Wo sind heute weitere Vorbilder? Wahrscheinlich Gandhi oder Martin Luther King? Oder Bonhoeffer? Oder Erzbischof Romero aus El Salvador? Oder bestimmte Werke der Musik, vielleicht die Missa Solemnis von Beethoven? Oder manches von Literaten oder von Malern, etwa von van Gogh? Wie auch immer: „Jesus der Retter ist – in gewisser Hinsicht – da“.

Rettung – dieses große Wort – erhält so ein Angesicht, eine historische Konkretheit. Rettung ist dann etwas anderes als ein transzendentes, als ein nur innerliches Geschehen der Versöhnung, das sich abstrakt „himmlisch-irdisch“ zwischen Gott – Vater und seinem „eingeborenen“ Sohn „abspielt“.

11.
“Rettung der Welt”, ökologisch, friedenspolitisch, im Sinn der Menschenrechte… wird zur Aufgabe der Menschen, die Weihnachten feiern. Aber dies nicht als Last, nicht als Fremdbestimmung, sondern als Form, das eigene menschloche Wesen zu leben, lebendig zu sein.

Weihnachten ist das „Eingedenken“ an Jesus von Nazareth, den universalen Lehrer der Weisheit, den Propheten.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Nur ein konfessionsloser Staat kann Religionsfreiheit garantieren: Erfahrungen in Frankreich.

Die Trennung von Kirchen und Staat: Vor 115 Jahren, am 9. Dezember 1905.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Wer Frankreichs Kultur verstehen will, muss wissen, was „laicité“ bedeutet. Dieser Begriff ist zentral, er nennt das Selbstverständnisses der französischen Republik und wird wieder einmal, seit Oktober 2020, von staatlicher Seite und den katholischen Bischöfen diskutiert.
Das Wort laicité ist nur mit Mühe, nur mit Umschreibungen, ins Deutsche zu übersetzen. Deutsche, auch deutsche Journalisten und Wissenschaftler, machen es sich zu einfach und behaupten: Laicité sei nichts anderes als „Laizismus“. Dieser „Laizismus“ ist jedoch bekanntlich die kämpferische Haltung eines atheistisch eingestellten Staates gegenüber den Religionen und Kirchen. Diese Identifizierung von laicité und Laizismus ist im Blick auf Frankreich oberflächlich und falsch. Laicité bedeutet: Ein „a-religiöserStaat“, nicht ein anti-religiöser Staat.
Erst seit 1946 definiert sich Frankreich in seiner Konstitution als eine „République laique“, der Sache nach war die Französische Republik schon seit 1905 „laique“.
2.
Die Französische Republik ist bestimmten Werten, als leitenden Idealen – mindestens theoretisch -, verpflichtet: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Diese drei sind philosophisch gesehen geradezu evident für ein humanes Zusammenleben. Man könnte auch sagen, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit haben beinahe die Aura des Heiligen. Sie sind als ein öffentliches republikanisches Bekenntnis unübersehbar wahrzunehmen an allen Rathäusern, staatlichen Schulen, öffentlichen Bibliotheken und auch auf französischen 1 sowie 2 Euro Münzen.
Hinzukommt, und dies ist genauso wichtig, förmlich als Zusammenfassung dieser drei Maximen, der vierte republikanische Wert, die „laicité“.
Die heutige Verfassung sagt im Artikel 2: „Frankreich ist eine unteilbare,= laique=, eine demokratische und soziale Republik“ . „Die Laizität ist der Eckstein des republikanischen Paktes, sie beruht auf drei untrennbaren Werten: Der Freiheit des Gewissens, der rechtlichen Gleichheit aller geistigen und religiösen Optionen, der Neutralität der politischen Macht ihnen gegenüber“. So formuliert im Jahr 2003 eine hochrangige staatliche Kommission das Wesen der laicité, diese Kommission wurde geleitet von dem hoch geschätzten ehemaligen Minister Bernard Stasi.
Keine bestimmte Religion oder Kirche wird in der französischen Republik als Staatskirche anerkannt, keine bestimmte Religion wird bevorzugt. Der Gedanke ist ausgeschlossen, dass der Staat – wie in Deutschland – Kirchensteuern in Milliardenhöhe jährlich für die Kirchen und im Auftrag der Kirchen einziehen könnte. Die laicité will in dieser Neutralität primär für den gesellschaftlichen Frieden, die Toleranz, in Staat und Gesellschaft sorgen.
3.
Es wird in den kommenden Wochen, ab 2021, ein Gesetzesprojekt debattiert werden, das die laicité aktualisieren soll, „republikanische Grundprinzipien“ sind das Programm. Gedacht ist dabei an eine Art philosophisch – ethischer „Basis-Philosophie“ der Republik. Angestoßen zu diesem Projekt wurden Präsident Macron und seine Regierung durch die jüngsten mörderischen Attacken von Terroristen, die sich selbst mit dem islamischen Glauben in persönliche Verbindung brachten. Diese mörderischen Kreise oder einzelnen Personen werden allgemein „radikale Islamisten“ genannt. Wie stark bei denen der Islam oder der Ungeist des Terrors ausgeprägt ist, wird in dieser Pauschalisierung nicht unterschieden.
Keine Frage: Die Französische Republik und viele ihrer Bürger sehen sich (seit einigen Jahren) durch „islamistische“ Kreise bedroht. Eine Zeit der Pauschalurteile, der Feindbilder, hat wieder begonnen, und schnell ist man bei „DEM“ Islam als dem „Feind“ gelandet. Diese Haltung zeigen rechte und liberale Politiker aus wahltaktischen Gründen, um die rechtsextreme Partei von Marine Le Pen nicht noch stärker werden zu lassen. Bekanntlich war ihr Vater Jean – Marie Le Pen als Gründer und Chef des FN ganz offensichtlich Antisemit. Die Tochter gibt sich hingegen, taktisch raffiniert, eher philosemitisch, um dann um so heftiger ihre Anti-Islam-Politik zu beschwören, die aber letztlich als Anti-Ausländer und Anti-Flüchtlingspolitik gemeint ist. „Les Francais d abord“ also die (weißen) Franzosen zuerst ist das Motto….
Dieser vielfältige Hintergrund spielt nun für das Projekt der Macron – Regierung eine wichtige Rolle, eine Art „republikanischen Grundwertekatalog“ zu schaffen. Die Muslime sollen in dieser Sicht umfassend informiert und gedrängt werden, die Werte der Republik Frankreich in der Praxis anzunehmen und zu leben. Dazu gehört selbstverständlich auch, die umfassend geltende Meinungsfreiheit zu respektieren. Tatsächlich geht es darum, allen Bürgern klar zu machen: Auch wenn Karikaturen als Ausdruck von Meinungsfreiheit oder sogar als Kunst – in der Sicht einiger – Blasphemien darstellen, gibt es einen rechtlichen Rahmen, diese Blasphemie zu respektieren. Mindestens solange, als nicht einzelne, ganz bestimmte konkrete Gläubige, in ihrem Glauben beeinträchtigt werden. Interessanterweise hat sich die katholische Kirchenführung in Frankreich auch für eine Einschränkung der umfassenden Meinungsäußerung ausgesprochen, wenn sie denn als Blasphemie öffentlich wird. Katholiken haben sich dadurch mit den entschiedenen Gegnern umfassend freier Meinungsäußerung im islamischen bzw. vor allem islamistischen Bereich in gewisser Weise verbündet.
4.
Die Integration der muslimischen Bevölkerung in die Französische Republik ist natürlich viel mehr als ein philosophisches oder religionspolitisch – „bildungsmäßiges“ Projekt. Das ist eigentlich den meisten Sozialwissenschaftlern, Politologen und auch etlichen Politikern klar: Dass das „Republikanischwerden“ bzw. „Demokratischwerden“ der muslimisch geprägten Bevölkerung bzw. der muslimischen Franzosen nur gelingen kann, wenn die evidente soziale und kulturelle Ausgrenzung der meisten Muslime in Frankreich aufhört. Das betrifft etwa die sehr oft sehr prekären Wohnverhältnisse in der Banlieue, das betrifft die Degradierung „arabischstämmiger“ Mitbürger bei der Arbeitssuche, den bekannten Rassismus etlicher Polizeibeamter usw.
5.
Bei einem neuen Nachdenken über die Werte der Republik heute kann auch der historische Rückblick nicht fehlen: Wie standen die Religionen zur Republik? Darüber wurde im Jahr 1905 nach jahrzehntelangen Debatten entschieden, als das Gesetz zur Trennung von Kirchen und Staat verabschiedet wurde. Dabei ging es damals dem Staat fast ausschließlich darum, sein Verhältnis zur katholischen Kirche festzulegen. Die protestantischen Kirchen und die Juden waren als die einzigen anderen damals aktiven Religionsgemeinschaften in Frankreich kleine Minderheiten, und vor allem: Sie hatten im Unterschied zu den Katholiken traditionell ein positives Verhältnis zur Republik und deren Werten. Protestanten und Juden hatten unter dem sehr katholischen „ancien régime“ gelitten, die Republik bedeutete für sie eine Befreiung von Verfolgung und Degradierung. Für die Katholiken, ihre Bischöfe, Priester und Mönche war die Sache ganz anders: Sie gehörten zur privilegierten Staatskirche. Nur die Armen, in den Dörfern, litten unter der Gier der Mönche und Bischöfe. Die so genannte „Entchristlichung“ in vielen Regionen Zentral-Frankreichs, in Burgund, im Limousin etc. hat in kirchlichen Missständen ihre Ursachen…D.h. die Kirche selbst ist also mit – verantwortlich für die offenbar unumkehrbare „Entchristlichung“ weiter Regionen in Frankreich. Was immer „Entchristlichung“ in der Soziologensprache auch im einzelnen bedeuten mag…
1905, dem Jahr der Gesetzgebung zur Trennung von Kirchen und Staat, waren mehr als 90 % der Bevölkerung katholisch getauft, aber nicht alle waren „praktizierend“. Wer kirchlich gebunden war, klammerte sich, politisch, auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, an die Ideen der Monarchie. Schließlich hatten sie im „Zweiten Empire“ unter Louis Napoléon Bonaparte aufgrund vieler Privilegien eine kirchlich – klerikale Blütezeit erlebt, deutlichster Ausdruck dafür waren die vielen Neugründungen von Ordensgemeinschaften und Klöstern. Die meisten Katholiken waren um 1900 zudem mehrheitlich Antisemiten, wie die Ereignisse rund um die Dreyfus – Affäre beweisen. Die katholische Tageszeitung „La Croix“ (aus dem Verlagshaus mit dem hübschen Titel „La Bonne Presse“) war damals ein heftiges antisemitisches Hetzblatt. Das geben die Verleger, die französischen Augustiner, heute ganz offen zu. Denn die Katholiken identifizierten ja durchaus treffend Republik mit der Verteidigung der Menschenrechte. Und gerade diese galten den Katholiken als negativer, „abscheulicher“ Ausdruck des „Wahnsinns“ der Französischen Revolution.
In dieser antirepublikanischen Haltung wurden die Katholiken leidenschaftlich befeuert von den damaligen explizit und stolz sich reaktionär gebenden Päpsten, allen voran Gregor XVI. und Pius IX.
6.
Es ist also durchaus evident, wenn die Republikaner damals die katholische Kirche als Feind der Demokratie erkannten und diese feindliche Kraft politisch möglichst einschränken wollten. Der Katholizismus erschien den Republikanern schlicht und einfach als eine Bedrohung für das Zusammenleben und die Entwicklung fortschrittlicher Konzepte, etwa im Schulwesen, im Sinne einer Schulpflicht für alle…Heute tun manche katholischen Kommentatoren noch so, als seien die französischen Republikaner und nur sie allein, weil antiklerikal und angeblich auch atheistisch, diese üblen Bösewichte gewesen, nur sie wollten dem frommen Volk den Glauben nehmen.Die extremen Schattenseiten der Kirche werden dabei übersehen! Radikale Positionen unter den Republikanern hat es am Ende des 19.Jahrhunderts tatsächlich gegeben. Man denke an den angesehenen Wissenschaftler (Physiologen) und radikal antiklerikalen Politiker Paul Bert und an Emile Combes oder die damals breite Bewegung der „Freidenker“. Aber diese antikirchlichen Positionen haben sich sogar nach den Gesetzen von 1905 nicht durchgesetzt. Man denke nur an die Beiträge des Politikers Aristide Briand: Sein berühmter und gültiger Ausspruch ist: „Der Staat ist nicht antireligiös, er ist a-religiös“. Oder früher noch an den katholischen Philosophen und Sozialisten Jean Jaurès.
7.
Geblieben aber ist bis heute der immer wieder besprochene Eindruck, es gebe noch „zwei Frankreich“. Von einem „guerre des deux France“, einem „Krieg der zwei Frankreich“, spricht etwa der bekannte Forscher der laicité und bekennende Protestant Prof. Jean Baubérot. Es gibt also auch heute noch die republikanisch und entschieden demokratischen gesinnten Franzosen als die überwiegende Mehrheit. Und noch einige, z.T. finanziell starke Kreise, die antirepublikanisch und/oder monarchistisch gesinnt sind, zu denen u.a. auch die Anhänger des katholischen Traditionalismus zählen, der in frommer Treue zu dem erzreaktionären Erzbischof Marcel Lefèbvre immer noch eine starke Bedeutung hat.
Freilich gibt es auch „noch nicht ganz traditionalistische“, aber extrem konservative Kreise, die politisch gegen die Republik mobilisieren, etwa im Fall der „Ehe für alle“ Massen-Demonstrationen organisieren oder gegen die Gesetzgebung zugunsten des gesetzlich geregelten Schwangerschaftsabbruchs protestierten. In diesen Kreisen wurde auch eine „Christlich-demokratische Partei“ gegründet. Und etliche große Klöster, vor allem auch einige bekannte extrem konservative Bischöfe wie Dominique Rey von Fréjus-Toulon oder Marc Aillet von Bayonne, sind nicht gerade dafür bekannt, die französische Republik als eine „laique Republik“ zu unterstützen, um es milde zu sagen. Der französische Katholizismus hat sich immer einen stark konservativen, sehr päpstlichen „heißen“ Kern bewahrt, wenn er auch dialektisch auf der anderen Seite einige hoch interessante eher linke Projekte kannte, wie etwa die Arbeiterpriester oder „Basisgemeinden“, beide sind aber inzwischen fast untergegangen oder „untergegangen worden“ wegen autoritärer bischöflicher Zurückweisung. Dass der einzige wirklich theologisch progressive Bischof, Jacques Gaillot, 1994 abgesetzt wurde, kann hier nur erwähnt werden, an anderer Stelle habe ich über Bischof Jacques Gaillots Degradierung durch Papst Johannes Paul II. und die anderen Bischöfe berichtet.
Nebenbei: Im Pétain Regime unter der deutschen Besatzung siegte noch einmal das antidemokratische und katholisch-reaktionäre Frankreich.
8.
Das Gesetz der Trennung von Kirche und Staat aus dem Jahr 1905 ist also der Startpunkt einer Entwicklung der laicité, die sich dann im Laufe der Jahre immer weiter neu definierte und entwickelte. Und dies wird leider von den heutigen Kritikern der französischen laicité bewusst oder unbewusst übersehen: Im Laufe der Jahre hat die katholische Kirche viele gesetzliche Zusagen erkämpft und auch erhalten, durch die das kirchliche Leben in der Gesellschaft weiter ausgebaut werden konnte. Man könnte also sagen: Bisher hat die katholische Kirche Frankreichs seit 1905, zumal von den Päpsten dann unterstützt und vom Konkordat von 1921 abgesichert, rein rechtlich betrachtet eher eine positive Entwicklung genommen.
Voller Hochachtung sahen die national gesinnten Franzosen auf den Beitrag der Kleriker im Ersten Weltkrieg: Sehr viele Priester und Ordensleute kämpften an der Front (gegen die ebenfalls christlichen Deutschen). 4. 800 Kleriker (!) und 378 Nonnen haben „fürs Vaterland“ ihr Leben gelassen ( https://fr.geneawiki.com/index.php/Guerre_1914-1918_~_Le_Clerg%C3%A9_et_les_Congr%C3%A9gations_dans_la_Grande_Guerre#Statistiques). So viel nationaler Opfergeist gefiel dann selbst den eingefleischten Antiklerikalen…und führte zu einer gewissen Hochätzung der Kirche.
9.
Die Beispiele für die Entwickl ung der laicité sind sehr zahlreich, nur einige werden hier genannt: Katholische Privatschulen entwickelten sich seit 1960 rasant, auch dank der Zuschüsse vom Staat und der vor allem von wohlhabenden Familien unterstützten Schulen. Sie sehen auch heute in den katholischen Privat – Schulen mit SchplerInnen nur „aus gutem Hause“ eine Form der Behütung der Kinder vor den Problemen der Gesellschaft.
Heute besuchen etwa 2 Millionen Schülerinnen und Schüler katholische Privatschulen in Frankreich. Es gibt zudem 5 katholische (ziemlich teure) Privatuniversitäten. Ein gutes Beispiel für eine die Gleichberechtigung der Religionen fördernde laicité ist die Gestaltung religiöser Sendungen im staatlichen 2. Fernseh – Programm: Da beginnt das religiöse Programm an jedem Sonntag morgen um 8.45 mit einer Sendung der Buddhisten Frankreichs, danach folgen die orientalischen Christen, dann die Muslime, die Juden und die Protestanten sowie mit der längsten Sendezeit die Katholiken, die immer um 11 Uhr eine Messe life übertragen. Diese Programme werden in eigener Verantwortung der Religionsgemeinschaften realisiert. Darüber hinaus gibt es von Fall zu Fall auch objektive, aus journalistischer, unabhängiger Sicht realisierte Beiträge zum Zustand der Religionen. Auch das Kulturradio „France Culture“ hat sein eigenes religiöses Programm am Sonntagmorgen, sogar die Freidenker, die Freimaurer und die Gemeinschaft der Rationalisten haben da ihr Programm, das sie selbständig gestalten. Die Militärseelsorge müsste erwähnt werden mit 147 katholischen Geistlichen in einem eigenen Bistum, auch die anderen Religionen, auch die Muslime, habe ihre Militärseelsorger. Die heute recht lesenswerte und aufgeschlossene katholische Tageszeitung „La Croix“ (der Atheist Alfred Grosser war Jahre lang ein Kommentator dort) mit einer Auflage von ca. 100.000 Exemplaren erhält – wie andere Tageszeitungen auch – Unterstützung vom Staat, zur Zeit etwa 4, 4 Millionen Euro pro Jahr.
10.
Problematisch empfinden es viele, dass in den staatlichen Schulen kein Religionsunterricht erteilt wird. Der Staat versucht seit Jahren, überkonfessionelle Religionskunde anzubieten, über die „religiösen Tatsachen“, wie es heißt. Aber es fehlt noch an qualifizierten Lehrern. So erreicht dieses Angebot bisher nur eine Minderheit. Die katholische Kirche hat als eine Art ergänzenden Unterricht den konfessionellen Religionsunterricht am Nachmittag in den Gemeindehäusern eingerichtet, aber angesichts der zunehmenden Belastungen in den Schulen nehmen nur wenige Schüler dieses Angebot wahr.
11.
An üppige Gehälter, wie sie die Bischöfe in Deutschland erhalten, können französische Bischöfe freilich nicht denken: Bischöfe wie alle Priester erhalten – aufgrund von Spenden der Gläubigen – ein Gehalt, das dem offiziellen Mindestlohn entspricht, also etwa 1.500 Euro monatlich. Das ist auch das Gehalt des Pariser Erzbischofs. Zum Vergleich: Die Erzbischöfe von Köln oder München haben ein Gehalt von mehr als 10.000 Euro monatlich. Viele französische Priester sagen, dass sie mit dieser finanziellen Ausstattung zufrieden sind.
12.
Die katholische Kirche aber deutet die Republik manchmal doch noch als „übelwollend“ der Kirche gegenüber. So zeigt die Kirche oft noch ihr kämpferisches Gesicht.
Aktuell (im November 2020) gibt es wieder Konflikte zwischen der katholischen Kirche und dem Staat. Bei den aktuellen Auseinandersetzungen um die Einschränkungen wegen „Corona“ protestieren die Bischöfe gegen die Bestimmungen des Staates, in Zeiten des lock down nur 30 Teilnehmer an den Messen zuzulassen. Man braucht nicht viel Phantasie, dass sich auch in dieser Frage die Kirchenführung gegenüber dem Staat durchsetzt, zumal Papst Franziskus explizit auch die laicité kritisiert hat! Der Drang, die Gesellschaft und den Staat „moralisch“ zu beherrschen, ist in der Kirche immer noch lebendig.
Tatsächlich hat sich also der „conseil d Etat“, der Staatsrat, also eine Art oberstes Verwaltungsgericht, Ende November zugunsten der bischöflichen Forderungen ausgesprochen und die Regierung aufgefordert, viel mehr als nur 30 Personen in den Messen zuzulassen. Der Staatsrat hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese großzügige Haltung des Staates der Kirche gegenüber (und sicher dann im Gefolge auch allen anderen Religionen gegenüber) nicht verglichen werden kann mit Teilnahmebeschränkungen in Kinos, Theater usw. Ob dadurch die Beziehungen zwischen Kirche und Kultur zum Guten befördert werden, ist die Frage.
In Versailles jedenfalls, einem der Zentren des konservativen Katholizismus, fanden dann auch Ende November viele Messen statt mit mehr als hundert Teilnehmern, freilich, so wird betont, unter Beachtung der Hygiene – Regeln. Dass im Osten Frankreichs (Mulhouse) die ersten großen Corona-Ausbrüche nach Massen – Gottesdiensten evangelikaler Charismatiker stattfanden, scheint vergessen zu sein.
Alles Jammern katholischer Kreise, auch außerhalb Frankreichs, über die Schwäche der Kirche in der laicité in Frankreich ist in meiner Sicht also verlogen. Dass immer weniger Franzosen sich heute (etwa 50 Prozent, darunter die meisten ältere Leute) zum Katholizismus bekennen, hängt mit der dogmatischen Unbeweglichkeit der Kirchenführung zusammen. Eine Kirche, die nur zölibatäre Männer als Leiter von Eucharistiefeiern gelten lässt, gräbt sich förmlich ihr eigene Grab: Der Klerus in Frankreich ist im Greisenalter, und viele der wenigen Jüngeren Priester sind theologisch nicht gerade die muntersten. Es gibt Bistümer, wie Sens – Auxerre, wo nur noch 14 Priester laut offizieller Statistik, „jünger als 75 Jahre“ sind. Und diese „Jüngeren“ stammen meist aus Polen oder Afrika…
13.
Noch einmal: Die Sache war ab 1905 klar: Frankreich ist kein konfessionell geprägter Staat mehr. Keine Konfession ist Staatsreligion, wie einst im ancien régime. Die Republik ist religiös und weltanschaulich neutral, und gerade dadurch ermöglicht sie es, den verschiedenen Religionen in einem toleranten Miteinander in der Gesellschaft zu leben. Die französische Republik spricht von Gott, weil sie als Republik schlicht und einfach nichts von Gott wissen kann. Die Republik ist also wirklich gott-los, aber diese Haltung ermöglicht gerade den unterschiedlichen Religionen mit ihrem unterschiedlichem Gottes-Begriff ein Leben in Freiheit. Der gottlose Staat ist kein atheistischer Staat, wie es etwa die Sowjetunion unter Stalin war, die Französische Republik sieht in ihrer eigenen Gott-losigkeit gerade die Ermöglichung des pluralen religiösen Lebens. Wie ein Staat aussieht, der selbst einem konfessionell bestimmten Gott verpflichtet ist, sah man etwa in der verbrecherischen Diktatur des katholischen Staatschefs Franco oder des ultra – brutalen katholischen Diktators Trujillo in der Dominikanischen Republik oder in der Gegenwart etwa in Saudi-Arabien usw. Man möchte also mit vielen Theologen sagen: Gott sein Dank ist die Französische Republik gott – los, aber nicht atheistisch, um es noch mal zu sagen!
Und, nebenbei, wenn sich das Grundgesetz der Bunderepublik Deutschland in seiner Präambel auf „Gott“ bezieht, so ist damit bekanntlich nicht der trinitarische Gott der christlichen Dogmen und Kirchen gemeint. Sondern das Wort Gott wird hier als eine Art transzendentes Symbol verwendet, um den Menschen einzuschärfen: Es gibt eine Begrenztheit staatlicher und damit menschlicher Gewalt! Der Staat und seine Gesetze sind nichts Absolutes. Der Staat darf niemals sich selbst zu etwas Göttlichem erheben und erklären! (siehe dazu die wichtigen Ausführungen des Rechtsphilosophen Horst Dreier in seinem Buch „Staat ohne Gott“, München, 2018, S. 183 f.)
14.
Mit dem Islam tut sich der Staat seit Jahren schwer. Die Republik, der eigentlich nicht in die inneren Angelegenheiten irgendeiner Religionsgemeinschaft eingreifen darf, hat immerhin vor einigen Jahren schon selbst die Initiative ergriffen, die verschiedenen muslimischen Vereine unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen. Diese Form staatlicher aktiver Religionspolitik diente dem Zweck, eine zentrale islamische Organisation als Ansprechpartner zu schaffen. Die verschiedenen Vereine der Muslime waren dazu nicht in der Lage. Genaue Zahlen über Muslime in Frankreich liegen nicht vor. Religionsstatistiken zu führen, verbietet das Gesetz der Trennung von Kirchen und Staat. Man schätzt, dass sich etwa 5 Millionen Menschen zum Islam bekennen. Sie werden von ca. 1.200 Imamen betreut, die meist aus arabischen Ländern stammen, ihnen stehen insgesamt 2.000 Gebetshäuser zur Verfügung, manchmal gibt es in größeren Städten ansehnliche repräsentative Moscheen, deren Bau seitens der übrigen Bevölkerung immer hoch umstritten war. Oder es sind meist nur schlichte Säle und einfache Räumlichkeiten. Die neuen Prinzipien der Republik, über die man im Februar 2021 diskutieren will, sollen dafür sorgen, dass Muslime besser gebildet werden, von Imamen, die alle in Frankreich ausgebildet werden, und in Moscheen predigen, die nicht von arabischen Regimen finanziert werden usw. Vor allem gilt es, den rechtlichen Status der islamischen Gemeinden zu verändern: Der Status soll, wie bei den Kirchen, als „association cultuelle“ nach den Gesetzen von 1905 gestaltet sein.
15.
Tatsache also ist, dass Staatspräsident Macron fest entschlossen ist, die muslimischen Vereine stärker zu kontrollieren, Aufrufe zu Hass und Terrror sollen schnell stärker bestraft werden… ein islamistischer Verein mit dem Titel „Barakacity“ wurde bereits aufgelöst.
Es darf aber bezweifelt werden, ob diese Maßnahmen der Politik allein hilfreich sind, „den Islam“ in die französische Republik stärker zu integrieren, um dann sozusagen einen französischen Islam zu schaffen, von dem durchaus auch einige liberale Imame in Frankreich sprechen…
Wenig hilfreich ist die unterschwellig auch in staatlichen Behörden spürbare Meinung: Der Islam und damit die Muslime seien im allgemeinen verdächtig, sie seien eher als andere polizeilich zu überprüfen, sie seien also a priori keine zuverlässigen Menschen. Solch eine Politik hinterlässt tiefe Verletzungen bei den Menschen. Die zerrissene Gesellschaft wird auf diese Weise nicht geheilt. Die Französische Republik hat große demokratische Ideale. Sie werden leider nicht für alle Bewohner und Mitbürger (denn sehr viele Muslime sind französische Staatsbürger!) angewendet. Die Krise westlicher Demokratien wird nur überwunden werden können, wenn die leitenden Prinzipien dieser Demokratien wirklich praktisch gelebt werden. Gerade im Blick auf die Schwachen, die Armgemachten, die Flüchtlinge, die Frauen usw. müssen Politiker darauf verzichten, bloß Sprüche zu machen oder an ihre nächste „Wiederwahl“ zu denken. Laicité ist eigentlich ein Bekenntnis. Und ein Bekenntnis hat nur Sinn, wenn es gelebt wird … auch von den Politikern und Bürokraten.

Copyright: Christian Modehn. www.religionsphilosophischer-salon.de

Friedrich Engels – der Verteidiger des Proletariats. Ein Philosoph, der nur ein verdorbenes Christentum kennenlernte: Friedrich Engels

Ein Hinweis von Christian Modehn

Friedrich Engels, der als “reicher Jüngling” begann, wurde durch die Vernunft, durch philosophische Reflexionen, durch Freundschaft (mit Karl Marx), durch Mitleiden und Empörung angesichts des himmelschreienden Elends (in England) zu einem die Welt-bewegenden Menschen. Aber im 20. Jahrhundert wurde sein Denken missbraucht in den realsozialistischen Regimen.

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin kann den 200. Geburtstag von Friedrich Engels am 27. November 2020 nicht übersehen (Engels hat Marx überlebt, er ist am 5. August 1895 in London gestorben).
Zu unserem Focus „Philosophie der Religion“ sollen hier einige Stichworte genannt werden. Dabei wird heute von Engels – Forschern immer deutlicher betont: Die eigene intellektuelle, philosophische Leistung Friedrich Engels darf überhaupt nicht zugunsten von Karl Marx heruntergespielt werden. Nur im Zusammenhang mit Engels kann also von einer „marxistischen Philosophie“ gesprochen werden. Dabei bleiben die wichtigen, auch philosophischen Beiträge Friedrich Engels, zumal nach dem Tod von Karl Marx (1883), hier weithin unberücksichtigt.

2. Das fromme Elternhaus und die pietistischen Pastoren

In Wuppertal -Barmen wuchs Friedrich Engels in einer frommen pietistischen Unternehmer – Familie auf. Sie gehörte der calvinistisch – reformierten Tradition an, die Mutter hatte einen niederländischen Hintergrund. Ohne diese tiefe Bindung des jungen Engels an diese pietistischen Kirchen-Praxis ist dessen spätere Kritik an der christlichen Religion und den Kirchen nicht zu verstehen. Andererseits hat die frühe Kenntnis der Lehren der Urkirche, etwa in den Evangelien, durchaus bleibende Spuren bei Engels hinterlassen, nur so wird das ethische und politische Engagement Engels für das Proletariat verständlich.
Wuppertal – Barmen: Diese Stadt war also ein Zentrum extrem frommer Gemeinden und entsprechender Prediger, wie Friedrich Wilhelm Krummacher, den der junge Engels kannte, er schreibt: „Da heißt es: Der und der liest Romane, aber der Pastor Krummacher hat gesagt: Romanenbücher seien gottlose Bücher. Da werden komplette Ketzergerichte gehalten. Da wird der Wandel eines Jeden, der diese nicht besucht, recensiert. Jemand ist vorgestern im Concert gesehen worden – und sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Und was sind das für Leute, die so reden? Unwissendes Volk, die kaum wissen, ob die Bibel chinesisch oder hebräisch geschrieben. Ich habe eine rasende Wut auf diese Wirtschaft, ich will mit dem Pietismus und dem Buchstabenglauben kämpfen, solange ich kann.“ (Quelle: Deutschlandfunk vom 13.5.2013, Beitrag von Manuel Gogos).
Als Friedrich Engels in Bremen weitere pietistische Pfarrer kennenlernt, schreibt er: „Ich begreife nicht, wie die orthodoxen Prediger so orthodox sein können, da sich doch offenbare Widersprüche in der Bibel finden. Worauf gründet sich die alte Orthodoxie? Auf Nichts, als auf – den Schlendrian. Wo fordert die Bibel wörtlichen Glauben an ihre Lehre? Das ist ein Tödten des Göttlichen im Menschen, um es durch den todten Buchstaben zu ersetzen.“(ebd.)

3. Die Kirche in England in der Kritik

Vor der wichtigen Publikation „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) hatte Engels im Jahr 1844 Beiträge für die Zeitung „Vorwärts“ verfasst über „Die Lage Englands“. Darin spricht Engels auch über die Bedeutung bzw. die schwindende Relevanz der englischen Staatskirche, die ja ihre armen und ausgehungerten Untertanen zum Sonntagsgottesdienst gezwungen hatte. Engels erinnert etwa an das Gesetz, „dass jeder, der sonntags ohne gehörige Entschuldigung aus der Kirche bleibt (also nicht am Gottesdienst teilnimmt, CM) mit Geldstrafe und respektive Gefängnis dazu anzuhalten ist… Selbst hier im zivilisierten Lancashire, ein paar Stunden von Manchester, gibt es einige bigotte Friedensrichter, die eine Menge Leute wegen unterlassenen Kirchenbesuchs zu mitunter sechswöchentlichem Gefängnis verurteilten“. Aber Engels sieht genau, dass diese rigiden Religionsgesetze auch im Falle von Gotteslästerung allmählich „veralten“, wie er sagt, während nur die christlichen Gruppen noch an den Gesetzen festhalten, „damit das Damoklesschwert der christlichen Gesetzgebung wenigstens über dem Haupt der Ungläubigen schweben bleibe und vielleicht als Drohung und Abschreckung fortwirke.“ (Quelle. http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_569.htm)

Theologisch ist es klar: Diese verrückten autoritären Verhältnisse in der rigiden Staatskirche erzeugen erst die religiöse Distanz, verursachen also den Atheismus der Arbeiterklasse. Das gilt sicher nicht nur für England, sondern überall, wo Arbeiter in der Profit-Gier-Wirtschaft als „Sachen“ behandelt wurden und werden.
Um den moralischen, politischen und sozialen Verfall in England zu begreifen, der die Armen zur Teilnahme am Gottesdienst zwang, lese man einige Passagen des Buches „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“: „Mir ist nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch den Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen wie die englische Bourgeoisie. […] Für sie existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren. […] Und wenn der Arbeiter sich nicht in diese Abstraktion hineinzwängen lassen will, […] wenn er sich einfallen läßt zu glauben, er brauche sich nicht […] als Ware im Markte kaufen und verkaufen zu lassen, so steht dem Bourgeois der Verstand still. Er kann nicht begreifen, daß er mit den Arbeitern noch in einem anderen Verhältnis steht als in dem des Kaufs und Verkaufs, […] er erkennt keine andere Verbindung zwischen Mensch und Mensch an, als die bare Zahlung.“

4. Engels und das Urchristentum

1883 und noch einmal 1894 befasst sich Engels mit der Geschichte des Urchristentums. Die frühe Kirche und die Texte des Neuen Testaments interessieren ihn wieder, aber unter ganz anderen Bedingungen als zu seiner Jugendzeit in Wuppertal – Barmen. Nun sieht Engels, dass es zwischen der Geschichte des Urchristentums und der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts viele Verbindungen gibt. Das Urchristentum ist „im Ursprung eine Bewegung Unterdrückter: Es trat zuerst auf als eine Religion der Sklaven und Freigelassenen, der Armen und Rechtlosen […]. Beide, Urchristen und Arbeiter, werden verfolgt und gehetzt, ihre Anhänger geächtet, unter Ausnahmegesetze gestellt.“ In einem eigenen Beitrag befasste sich Engels im Juli 1883 mit dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes (die sogen. Apokalypse). Dabei fällt auf, wie stark Engels die damals entstehende historisch-kritische Bibelforschung kennt und respektiert. Indem Engels das Urchristentum als eine tendenziell revolutions – bereite Bewegung verstand, wurden Perspektiven eröffnet für ein aktuelles Christentum, das mehr ist als eine Ideologie der Bourgeoisie.

5. „Das Zeitalter des heiligen Geistes“

Bemerkenswert ist auch das frühe Interesse Friedrich Engels an der Geschichtstheologie des mittelalterlichen Theologen und Abtes Joachim von Fiore: Für dessen Spekulationen hatte Engels Sympathien (im Jahr 1842), auch er meinte, es könnte eine dritte, vom heiligen Geist allein geleitete Epoche anbrechen, nach den Epochen des „himmlischen Vaters“ und des „Sohnes“… „Das ist unser Beruf“, schrieb Engels, „dass wir dieses Grals Tempeleisen werden, für ihn das Schwert um die Lenden gürten und unser Leben förmlich einsetzen in den letzten heiligen Krieg, dem das tausendjährige Reich der Freiheit folgen wird“ (zit. in Wolfgang Eßbach, „Religionssoziologie I“, Paderborn 2014, S. 619).

6. „Das ökonomische Moment ist nicht das einzig bestimmende…“

Noch etwas, das mir wichtig erscheint: In einem Brief an Joseph Bloch vom 21.9.1890 teilt Engels eine interessante grundlegende Nuance mit im Verstehen dessen, was “man“ bis heute gewöhnlich in der dogmatischen Marx-Engels-Interpretation der sogenannten sozialistischen Staaten verbreitet hat. Joseph Bloch war Redakteur der „Sozialistischen Monatshefte“ in Berlin. Engels wollte in dem Brief zeigen, so der Kulturszoziologe Prof. Wolfgang Eßbach, dass sich nach dem Tod von Karl Marx Verkürzungen der Marxschen Theorie in der deutschen Arbeiterbewegung und somit auch in der Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Opponenten festgesetzt hatten. Diese Verkürzungen wollte Engels „korrigieren“ (ebd. S. 722). Zum Engels – Text selbst: http://library.fes.de/sozmon/pdf/1895/1895_19.pdf .
In dem hoch interessanten Brief schreibt Engels u.a.: „Die ökono¬mische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form…“

7. Das unchristliche Christentum

Die Erinnerung an Friedrich Engels anlässlich seines 200. Geburtstages führen zu einem Menschen, der sich christlich nennende Gesellschaften und einen sich christlich nennende Staaten erlebt, wahrnahm und analysierte. Dieses Christentum bewies in der Praxis nicht die geringste Spur von Menschlichkeit gegenüber den Armen und Unterdrückten, der absoluten Mehrheit der Menschen. Engels wurde auch durch philosophische Reflexionen zu einem Atheisten. Aber der Gott, den er zurecht seit der Jugend ablehnte, hatte mit dem Gottesbild Jesu und dem zentralen Gebot der Nächsten-Liebe nichts zu tun. Insofern ist der Atheismus von Engels auch kirchlich bedingt: Kirchlich verursachter Atheismus – das ist ein Thema, das der Religionsphilosophische Salon schon häufig debattiert hat – auch aus aktuellem Anlass.
Dabei wird nicht geleugnet, dass es auch zu Zeiten von Engels vereinzelt Pastoren, Theologen, kirchliche Gemeinschaften gab, die den Armen Beistand und Hilfe leisteten. Aber sie waren – was ja zunächst nicht zu verachten ist – nur fürsorglich – diakonisch tätig. Sie hatten keinen Mut, keine kritische Intelligenz, die Gesellschaft, auch die Ökonomie, zu untersuchen, die diese elenden Verhältnisse erzeugt. Die Kirchen und ihre Kirchenleitungen waren Teil der herrschenden Oberschicht, die jede kritische Gesellschaftsanalyse unterdrückte und Parteien verfolgte, die die Armen und die Arbeiter organisierten.

8.Ausblick
Der Politologe und Autor Prof. Michael Krätke über Friedrich Engels: „Engels erfand den Marxismus und war doch kein richtiger Marxist. Er war ebenso gut ein Revisionist und damit in guter Gesellschaft“.

Siehe auch die interessante website aus Wuppertal: Engels2000-hotline (LINK: https://www.wuppertal.de/microsite/engels2020/index.php)

Copyright: Christian Modehn. www.religionsphilosophischer-salon.de

Paul Celan: Vor 100 Jahren geboren – lebendig als Zeuge des Grauens

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Hoffentlich nicht nur am 23. November 2020, seinem Geburtstag vor 100 Jahren, erinnern sich nachdenkliche Menschen an Paul Celan. Über sein Leben und Leiden kann man sich anderswo informieren. Schon anlässlich der Erinnerung (am 20.4.2020) an seinen Todestag vor 50 Jahren sind etliche neue Studien erschienen. Jetzt auch: Die Gesamtausgabe seiner Gedichte , kommentiert! Erschienen bei Suhrkamp, 1262 Seiten für nur 34 €.
Celans Gedichte erschließen sich bekanntlich nicht der schnellen Lektüre. Sie sind nicht nur schwierig, sie müssen von der „Sache her“ schwierig sein. Denn die Welt des Grauens, die Welt des systematischen Tötens in den KZs, den Lagern der mordenden Deutschen, der Nazis, ist zwar – im politisch -ideologischen Zusammenhang zu verstehen. Denn nur wer dieses Grauen versteht, kann für die Zukunft neues Grauen verhindern. Aber Paul Celan zeigt: Nur in höchster Konzentration des Geistes, also mit der Entschiedenheit, der Opfer, der Juden, vorbehaltloses zu gedenken, gelingt der Versuch auch eines umfassenden, auch poetischen, d.h. von Empathie geprägten Verstehens.
2.
Gedenken heißt darum die Haltung, mit der alles Sich-Mühen mit den Gedichten Celans beginnt, und diese Haltung begleitet auch alles immer wieder neu versuchte Verstehen . Gedenken! Celan ist ein Zeuge dafür, dass es niemals eine damnatio memoriae (wie man im „alten Rom sagte) geben darf. Also eine öffentliche wie private „Verdammung und Auslöschung des Gedächtnisses und der Erinnerung“. So wurden von Politikern, die nichts mehr galten und gelten sollten, alle Statuen zerstört, alle Bilder vernichtet.
3.
Es darf niemals geschehen, dass politisch und geistig Verirrte in der Politik eine damnatio memoriae durchsetzen: Die also darauf drängen, den Holocaust bzw. die shoa, sollte als ein banales Ereignis abgetan werden, wie dies führende Politiker der AFD und anderer rechtsextremen Gruppen heute propagieren. Dieser massive Versuch einer damnatio memoriae der Juden findet also, wie alle wissen, in den letzten Jahren verstärkt statt. Die Schändungen von jüdischen Friedhöfen bis hin zu antisemitisch motiviertem Mord sind Versuche, eine Auslöschung der Erinnerung an Juden zu betreiben. Diesen totalen Anspruch verfolgte die NSDAP. Paul Celan (und sein Werk) ist ein Zeuge dafür, dass niemals die Erinnerung an das Grauen ausgelöscht werden darf.
4.
Es ist das Wort und die Tat des „Ein-gedenkens“, das gut die Haltung Celans trifft, wenn es um seine eindringliche Gestalt der Erinnerung geht: Es ist das Wort und die Handlung des Ein-gedenkens. Es zielt darauf, das Erinnerte im eigenen Geist zu bewahren, es dort aufzuheben, weil das Erinnerte eben nichts Objekthaft – Neutrales ist. Sondern weil es um Menschen geht, weil es also Erinnerte sind, Menschen, in deren Sein man förmlich im Erinnern ein-tritt. Das Eingedenken als der intensiven Form des Gedenkens ist viel mehr als das Andenken, das oberflächlich bleibt, weil es förmlich nur das Äußere berührt. Wer das Eingedenken übt und lebt, der holt die Vergangenheit (der Opfer z.B.) in seine Gegenwart.
5.
Das lebendige Eingedenken ist sozusagen eine Steigerung des Gedenkens, das oft gerade an „Gedenktagen“ einen bloß äußerlichen, pflichtgemäßen Charakter hat, ohne tiefere Wirkung. Wie viele Gedenktage anlässlich eines Kriegsendes wurden schon veranstaltet mit Sonntagsreden und wie wenig wurden Kriege verhindert durch diese Gedenktage und Gedenkreden. Wer das Eingedenken vollzieht, verbindet sich geistig und seelisch und politisch mit denen, derer man gedenkt. Sie treten ein in die eigene innere Welt. Sie werden „eins“ mit mir. So können sie „wirken“.
6.
Zum Wort „Eingedenken“: Der Philosoph Walter Benjamin (1892 – 1940) hat bekanntlich umfassend vom Eingedenken geschrieben, Paul Celan kannte ihn wohl nicht persönlich. Aber auch Celan, das sei noch einmal betont, lebte in dem Gedanken, dem Eingedenken – durch das poetische Werk – einen Raum und einen Platz zu geben.
7.
Nebenbei: Es wäre reizvoll, zumal für ein freies und spontanes Philosophieren inmitten der deutschen Sprache, Verben mit der Vorsilbe EIN auf deren tiefere Bedeutung zu untersuchen. Das muss ja nicht gleich zu sprachphilosophischem Meinen im Sinne Heideggers führen. Man denke also etwa an EIN-führen, EIN-lassen, EIN-Sehen, auch das: EIN-Schreiben, immer wird durch die Vorsilbe EIN eine Intensivierung des Ausgangsverbs erreicht.
8.
Zum Schluss:
In dem Gedichtband “ATEMWENDE” von 1967 spricht Celan ganz am Ende des Bandes von der rettenden Macht der Hoffnung, von Gott?:

EINMAL,
da hörte ich,
da wusch er die Welt,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.

Eins und Unendlich,
vernichtet,
ichten.

Licht war. Rettung.

PS: Das merkwürdig erscheinende Wort „Ichten“ ist mittelalterliche Sprache, es hat wohl die Bedeutung: „wurde es zu etwas gemacht“. Es wurde also etwas vernichtet. So dass Licht war und Rettung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin