Wenn ein Philosoph radikal wird

Über ein neues Buch von Jürgen Manemann
Ein Hinweis von Christian Modehn am 23.8.2024

1.
Das ist unser philosophischer Ausgangspunkt:
Philosophie ist Ausdruck des Philosophierens des einzelnen und der Gruppen. Und Philosophieren ist das Geschehen des kritischen Denkens und Reflektierens, ist also der lebendige Geist, die lebendige Vernunft… Und Denken und Reflektieren ist nicht nur die Praxis weniger Philosophieprofessoren. Sondern: Jeder Mensch denkt immer schon auf seine Art, entwickelt seine Werte etc. und kommt, dem eigenen Nachdenken entsprechend, zu Entscheidungen. Diese sind dann sichtbare „Gestalten“ des sich objektivierenden Geistes (greifbar in der Literatur, Kunst, usw. aber auch der Politik und Ökonomie usw.). Unsere Welt ist Objektivierung des Geistes (bzw. Ungeistes, wenn man an die totalen Egoisten, Nationalisten und andere politisch Verwirrte denkt).

2.
Philosophie als Philosophieren ist in jedem zuerst und vor allem eine bestimmte, sich aber wandelnde Lebensform. An den Universitäten werden diese unterschiedlichen Lebensformen philosophisch (in Texten objektiviert) studiert. Jeder philosophische Text ist Ausdruck einer bestimmten Lebensform des Autors.

3.
Also: Lebensformen sind für die Philosophien das erste: Das haben die griechischen Philosophen (in der Stoa, der Schule Epikurs, Platons usw.) nicht gelehrt, sondern gelebt, man lese die entsprechenden Studien von Pierre Hadot. LINK.

4.
Philosophie als Philosophieren als eine konkrete Lebensform präsentiert auch der Philosoph und Theologe Prof. Jürgen Manemann (Hannover). Er ist kein Philosoph im ruhigen Elfenbeinturm. Er mischt sich ein und ist aktiv politisch, umweltpolitisch tätig. Sein Engagement steht in Verbindung mit der Leitung des „Forschungsinstitutes für Philosophie Hannover“ (fiph). LINK
Das Forschungsinstitut verdient angesichts der Vielfalt seiner Angebote mehr Aufmerksamkeit…“Weiterdenken“ ist das Motto des 1988 gegründeten philosophischen Instituts, das regelmäßig auch Diskussions – Veranstaltungen für weite Kreise anbietet.

5.
Jürgen Manemmann ist politische sehr präzise engagiert in der internationalen Umwelt Bewegung mit dem Titel „Extinction Rebellion“ LINK,

In seinem Institut in Hannover werden auch von Jürgen Manemann Veranstaltungen zum Thema „Extinction Rebellion“ organisiert. LINK

6.
Wir wollen hier nur kurz auf das neue Buch „Rettende Umweltphilosophie“ von Jürgen Mannesmann empfehlend hinweisen. Das Buch mit ausführlichen Verweisen auf weitere Studien hat den treffenden Untertitel: „Von der Notwendigkeit einer aktivistischen Philosophie“. Denn das ist die Grundüberzeugung: Umweltphilosophie, wenn sie denn noch einen Beitrag leisten kann, Natur, Bäume etc., Tiere, Menschen, Umwelt angesichts der bewiesenen Probleme vor dem Verschwinden zu retten, kann nur „aktivistisch” sein,. Sie muss mehr als bloß hin und wieder aktiv sein, sondern sie muss sich im Sinne der „Aktivisten“ äußern, also derer, die ihr Leben einsetzen für die Rettung der Umwelt. Die an Demos dabei sind, sich blockierend auf Straßen setzen, etwas riskieren, sich selbst das Leben nicht einfach machen… um der Rettung der Umwelt willen.

7.
Philosophisch entwickelt Jürgen Manemann seine Erkenntnisse aus mit Hinweisen etwa auf das Denken Albert Schweitzers: Von ihm inspiriert, gilt es unbedingt festzuhalten: Der Schutz des einzelnen Lebewesens steht vor dem herrschaftlichen Anspruch des Kapitalismus, um des Profits willen ein paar Tiere oder tausend Bäume zugunsten des technischen Fortschritts zu opfern. Die vernünftige Maxime heißt: „Wir dürfen nicht alles tun, was wir Menschen technisch können; wir müssen uns immer so entscheiden, dass alles Tun sinnvoll ist für die Bewahrung der Umwelt…Jürgen Manemann wehrt sich aus aktuellem Anlass auch gegen den Ökofaschismus, der die gesamte Lebenswelt – auch die der Menschen – aufspaltet in die Kategorie des Lebenswerten und des Lebensunwerten, also der technisch – politisch gesehen Überflüssigen, „was weg kann“…

8.
In dem Buch werden auch praktische Übungen der Achtsamkeit und Kontemplation (S. 132) erwähnt, sie können das Engagement stützen und fördern. Sie sind Formen der Besinnung und des Nachdenkens, dabei wird entdeckt: Demokratie ist nicht zuerst eine Welt von vielen Behörden und Institutionen, Demokratie ist kein Riesen – Apparat, kein Dschungel umeinsehbarer Gesetze, sondern zuerst eine Lebensform, die durch die Phantasie und den Gestaltungswillen der einzelnen lebendig bleibt und vor Starrheit bewahrt wird. Protest, Widerspruch, Aktionen machen das demokratische Leben aus.

9.
Am interessantesten sind für einige wohl die Hinweise zu den Formen des „Aktivismus“ zugunsten der Rettung der Umwelt. Es geht darum, dass jeder und jede lernen muss, „Handlungsblockaden“ zu überwinden.Sie verfestigen sich, wenn man der schon üblichen ideologischen Einrede folgt: Die begrenzten Möglichkeiten der Rettung der Umwelt seien ohne Alternative… man könne also nichts Grundlegendes mehr verändern (S.139). Wer so denkt, tötet seinen kritischen Geist…

10.
Jürgen Manemann tritt ausdrücklich für den zivilen Ungehorsam ein, wenn es darum geht, die Umwelt vor der systematischen Vernichtung zu retten. „Aktionen des zivilen Ungehorsams dienen in erster Linie der politischen Sensibilisierung. Als `Whirlwind` – Aktionen unterbrechen sie das Weiter – So für einen Moment.“ (S. 108). Um aber wirksam zu sein, ist das „Community organizing“ wichtig, dadurch wird „Menschen geholfen, sich produktiv zu politisieren“ (ebd.). Wenn Menschen wie üblich behaupten, keine Zeit fürs politische (Umwelt -) Engagement zu haben, dann besteht die „Aufgabe darin, die Menschen davon zu überzeugen, das SIE als Menschen doch wichtig sind: Die Menschen wissen nämlich, dass sie für gewöhnlich es nicht sind“. (s. 110). Weil sie als Menschen wichtig sind, gilt es, dass sie selbst alles daran setzen, ein ethisch wertvolles Leben zu erreichen… Im Community Organizing entstehen Beziehungen und Netzwerke unter den Menschen, sie machen aus den vereinzelten Individuen GefährtInnen eines gemeinsamen Projekts. So werden Menschen zu GenossInnen, GefährtInnen, sie sind nicht länger KonkurrentInnen.“ Wichtig erscheint mir eine Fußnote (Nr. 26, S. 107), da werden Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky aus ihrem Buch „Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit“ zitiert: „Wenn wir den raschen unmittelbaren Erfolg zum Kriterium machen, dann geraten wir in einen Allmachtswahn, der gerade die Quelle von Ohnmacht und Resignation wird.“

11.
Angesichts der zunehmenden Akzeptanz rechtsextremer und faschistischer Parteien jetzt wieder in Deutschland muss natürlich gefragt werden: Was unterscheidet eine vernünftige Form des gewaltfreien Widerstandes von den heftigen physischen und genauso verletzenden, geistig tötenden verbalen Attacken der Rechtsextremen und Nazis?
Diese Rechtsextremen haben als Projekt einen Zustand von Gesellschaft und Staat, in dem einige wenige Führer das absolute Sagen haben, deswegen kämpfen die ideologisch Verblendeten, um von der Last ihrer eigenen Freiheit, ihres eigenen Nachdenkens, endlich befreit zu sein. Um aufzuhören, FREIE Menschen zu sein.
Ganz anders die demokratisch gebundenen Menschen des gewaltfreien Widerstandes: Sie wollen die bessere Demokratie, die besseren Formen des Widerspruchs, des Dialogs, der Vielfalt.
Man denke also bloß nicht, Widerstand und Widerspruch gegen bestimmte Verirrungen des Staates seien immer dasselbe, egal, von wem sie geäußert werden.

12.
Das Buch „Rettende Umwelt-Philosophie“ zeigt, wie Philosophen heute eine neue Dimension des Philosophierens erschließen. „Aktivistisch“ im Sinne von Jürgen Manemann waren Philosophen doch öfter schon, man denke an die kluge Religionskritik von Voltaire und ohne heftige Leidenschaft fürs Vernünftige konnte selbst der zurückhaltende Immanuel Kant nicht leben und denken. Aktivismus ist Ausdruck der ethischen Einsicht: Es herrscht große Not und ich als Philosoph muss auf meine Weise helfend, rettend, eingreifen. Hoffend. Und das ist etwas anderes als “optimistisch”!

Jürgen Manemann, Rettende Umweltphilosophie. Von der Notwendigkeit einer aktivistischen Philosophie“. 162 Seiten, Transcript Verlag, 2023, 19,50€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Fromme” Drogenbosse, sie glauben an das „Wohlstands-Evangelium“

Die „Narco – Pfingstler“, die „Narco – Pentecostals“.

Ein Hinweis auf einen kaum beachteten Trend
Von Christian Modehn.

Zu Beginn:
Politologen, Soziologen und Religionswissenschaftler vor allem aus den USA, aus Brasilien und Süd-Afrika weisen in ihren Studien, seit einigen Jahren schon, jetzt verstärkt, auf eine verbrecherische Variante der Theologie des so genannten „Wohlstands-Evangeliums“ (Prosperity-Gospel) hin. Sie bestimmt als fromme Ideologie das mörderische Treiben der Banden der „Narco – Pfingstler.“ Ein ungewöhnliches Thema in Deutschland. Und mich wundert einmal mehr, wie provinziell die Theologie, die Theologen, in Deutschland sind, dass sie dieses abartige religiöse Phänomen nicht studieren und publizieren.

1.
Pfingstkirchen und Pfingstgemeinden („Pentecostals“) erleben weltweit, vor allem in Lateinamerika und Afrika, eine stetige Zunahme an Mitgliedern. Jetzt sollen sich 650 Millionen Christen weltweit als Pfingstler bekennen (1). Pfingstler gelten als die am schnellsten wachsende christliche Glaubensgemeinschaft, vor allem wegen ihrer zum Teil aggressiven Mission und Propaganda unter Katholiken (besonders in Lateinamerika).

2.
Wenn hier auf einige neue Studien zu den „Narco – Pfingstlern“ hingewiesen wird, dann heißt das: Der Anteil der Narco – Pfingstler unter allen Pfingstlern ist zahlenmäßig eher klein. Aber weil es um Drogenhandel geht und Banden-Gründung mit üblichem Mord und Totschlag, ist dieser kriminelle Aspekt unter Pfingstlern mindestens nicht uninteressant in der weltweiten christlichen Ökumene. Zumal diese Narco – Pfingstler sich auf eine sehr verbreitete Wohlstands-Theologie beziehen, die Prosperity – Theology bzw. auf das so genannte Wohlstands – Evangelium.

3.
Theologischer Background, ganz kurz:
Pfingstler sind jene vor allem protestantisch geprägte Christen, die die „dritte göttliche Person der Trinität“, also den heiligen Geist über alles persönlich – enthusiastisch schätzen. Sie sehen sich oft in einer solchermaßen engen Verbindung mit dem heiligen Geist, dass sie ihre eigenen, oft schnell wachsenden Pfingst-Gemeinden gründen. Und diese Herren, theologisch betrachtet sind es „Laien“ ,erklären sich selbst stolz zum Pastor ihrer Gemeinde und verbreiten, je nach Laune, eine eigene, sehr subjektive Theologie bzw. Ideologie. Berühmt ist etwa der Brasilianer Pastor Edir Macedo und seine riesige internationale Pfingstkirche „Universal Church of the Kingdom of God (UCKG“). Macedo ist auch Herrscher über viele populäre Medien, u.a. über die zweitgrößte Fernsehstation Brasiliens „RECORD“, er hatte den autoritären evangelikalen Präsidenten Bolsonaro unterstützt… Aber das ist eine andere Geschichte. In jedem Fall gilt: Macedo ist ein sehr vielfacher Millionär.

4.
Ein weiterer theologischer Background, ganz kurz:
Die Theologie (bzw. Ideologie) des Wohlstands -Evangeliums (Prosperity-Gospel). Diese Wohlstandstheologie hat eine lange Tradition, manche behaupten durchaus Verbindungen mit Calvins Lehre von der Vorherbestimmung der Gnadenzuwendung Gottes an jeden einzelnen.
Heute ist eine Hauptlehre dieser sich christlich nennenden Ideologie „Wohlstands-Evangelium“ die Empfehlung an die Gemeindemitglieder: Strebe danach, zu großem materiellem Wohlstand zu kommen. Das ist Zeichen für dein Erlöstsein! Dieses Erleben des individuellen Reichtums ist zwar eine Gnade Gottes, aber versuche viel Geld zu verdienen, dann erlebst du die persönliche Erwählung durch Gott. Zuvor müssen aber die armen Gemeindemitglieder dem Pastor ihr Geld spenden, erst dann kann das Wunder geschehen, dass auch sie, die Armen, reich werden. Die Pastoren sind es dann in jedem Falle schon. Und einige junge Pfingst – Fromme sind so raffiniert, so kriminell, dass sie sich dann sagen: Ich kann schnell viel Geld im Drogenhandel verdienen….Marx würde in dem Zusammenhang wieder von Opium des Volkes sprechen. Zurecht.

5.
Drogenbosse, die sich in dem pfingstlerisch geprägten Milieu wohlfühlen, wie etwa in den Slums von Rio de Janeiro, können die „Wohlstands – Theologie“ also wie eine Art private Unterstützungs – Ideologie gut verwenden, indem sie sich sagen: „Ich habe als Drogenboss viel Geld, damit kann ich andere junge Leute für meine kriminellen Aktionen anwerben… und ich kann mit meinen Millionen Einnahmen durch Drogengeschäfte ein bißchen auch den Armen in meiner Pfingstgemeinde helfen, zu der ich pro forma gehöre, weil sie mir auch einen gewissen Schutzraum bietet für meine Unternehmungen…“
Das Wohlstands – Evangelium steht über jeglicher humaner Moral und Ethik.

6.
Die Journalistin Elle Hardy hat in dem wissenschaftlichen Magazin „New Line Magazine“ (Washington D.C.) Mitte August 2024 ausführlich auf das globale Wachstum des Narco – Pfingstlertums hingewiesen (1). Sie bezieht sich dabei auch auf Studien von Religionswissenschaftlern in den USA und Süd-Afrika, vor allem die Arbeiten von Prof. Andrew Chesnut von der „Virginia Commonwealth University” sind dabei wichtig (2).

7.
Der Beitrag von Elle Hardy konzentriert sich zunächst auf Rio de Janeiro, und dort auf einige Viertel der Favelas, Slums, im Norden der Stadt. In denen ist verwurzelt der Pfingstler und Bandenchef mi dem Spitznamen „Peixao“. Sein Klarname, wie die berühmte Internetgesellschaft „UOL“ am 10.7.2024 in Rio berichtet, ist: Álvaro Malaquias Santa Rosa. Er gilt als Chef der Drogenbande „Terceiro Comando Puro“., berichtet die UOL (3). Als Pfingstler, der im Radio seine Gebete und frommen Ergüsse spricht, zieht „Peixao“ junge Männer aus diesen Kreisen in sein „Regime“… Er hat eine große Vorliebe für jüdische Symbole, die Elendsviertel ließt er etwa mit David-Sternen schmücken…

8.
Das Thema wird in Brasilien in kritischen Kreisen heftig studiert und diskutiert. Die Religionswissenschaftlerin Viviane Costa hat 2023 die Studie veröffentlicht „Traficantes Evangélicos“. In einer Übersetzung zu dem Inhalt, kurz gefasst, heißt es bei Amazon: „Das Buch ist das Ergebnis einer Forschung, die das Phänomen der Verbindung zwischen Drogenhändlern und dem evangelischen Glauben in den Gemeinden Rio de Janeiro untersucht. Dieses beispiellose Phänomen in Rio löst provokante Fragen aus: Ist es möglich, ein Menschenhändler und evangelisch zu sein? Können Sie sagen, wer die evangelikalen Drogenhändler sind? Gibt es ein gemeinsames evangelikales Profil unter denen, die sich zu Christen erklären? Wie kann Gottes Name in Gewaltkontexten verwendet werden? Welche biblischen Texte würden diese Struktur unterstützen? Diese und andere Fragen begannen in den letzten zehn Jahren von Forschern aus dem religiösen Bereich beantwortet zu werden.“
Eine Leserin scheint über das Buch: „Perfekt, ohne Fehler. Die Autorin nennt und diskutiert Daten, die keinen Zweifel an der Ineffizienz des Staates lassen und darüber, wie Handel und Glaube immer zusammen waren, und wie in den letzten Jahren die pfingstlyrischen Gemeinden in kriminellen Institutionen zunehmend präsent und dominant sind.“ (4)

9.
Elle Hardy weist in ihrer Studie darauf hin: Die Narco – Pfingstler zeigen sich unduldsam und feindlich gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften, vor allem gegen die in ihrem eigenen Einflussbereich der Favelas vertretenen Religionen, wie dem Katholizismus und dem brasilianischen Candomblé – Kult. Gerade gegenüber dieser traditionellen Religion verhalten sich Evangelikale und Pfingstler sehr aggressiv, auch aus dem theologischen Grund: Sie seien Heiden! In einigen Favelas in Rio ist es im Sommer 2024 den Narco – Pfingstlern gelungen, für die zeitweilige Schließung der dortigen katholischen Kirchen und Gemeinden zu sorgen. (7). Sie wollen damit zeigen, wer in dem Viertel herrscht und das Sagen hat. Etliche Katholiken, zumal in den Armenvierteln, sind noch Anhänger der Befreiungstheologie: Sie sieht die Rettung der Menschheit nicht wie Narco – Pfingstler im privaten Reichtum und Luxus, sondern in der sozialen Gerechtigkeit für alle, auch für die Armen.

10.
„Was einst als ein besonderes brasilianisches Phänomen begann, wurde zu einem Trend der pfingstlerischen Narco – Gangster – und manchmal der Pastoren -, sie nutzen evangelikale christliche Netzwerke und Glaubensformen, um damit ihre Autorität und ihren verbotenen Handel zu kaschieren“,schreibt Elle Hardy. Narco – Pfingstler in Europa (Rumänien wird erwähnt), auf den Philippinen, in Nigeria und Süd Afrika usw. aktiv, auch darauf weist Elle Hardy hin.

11.
Verbrechen und Religion: Ein weites Feld auch für historische Erinnerungen (Hexen – Wahn, Ketzerverfolgung… ) und für aktuelle Zustände etwa in katholisch geprägten Regionen Europas: Man denke an die traditionelle Bindung vieler Mafiosis in Italien an bestimmte Marienwallfahrtsorte und die dort gelebte „Mafiosi – Spiritualität“. (6)
Immerhin haben die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus diese (Marien) Frömmigkeit der Mafiosi und die mit ihnen sympathisierenden Priester scharf verurteilt.

Fußnote 1:
Elle Hardy, New Lines Magazine, Washington DC., 12.8.2024. (https://newlinesmag.com/reportage/the-global-rise-of-narco-pentecostalism/)

Fußnote 2:

Brazilian Pentecostal Crime Boss Peixão Ramps Up Holy War

Fußnote 3:
 https://noticias.uol.com.br/cotidiano/ultimas-noticias/2024/07/10/quem-e-peixao.htm

Fußnote 4:
https://www.amazon.com.br/Traficantes-evang%C3%A9licos-Viviane-Costa-ebook/dp/B0C31VHD3G

Fußnote 5:
Der Journalist und Autor Bruno Paes Manson, Brasilien, hat 2023 eine neue Studie vorgelegt: A fé o fuzil: Crime e religião no Brasil do século XXI eBook Kindle por Bruno Paes Manso (Autor).

Fußnote 6:
https://www.spiegel.de/panorama/justiz/kalabriens-ndrangheta-marien-prozession-ehrt-mafia-boss-in-oppido-a-979891.html

Fußnote 7: aus der großen brasilianischen Tageszeitung o Globo:
https://g1.globo.com/rj/rio-de-janeiro/noticia/2024/07/14/traficante-peixao-condenado-ordenar-destruicao-de-terreiros.ghtml

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.

 

 

 

Caspar David Friedrich: Sehnsucht nach dem Licht.

Zum empfehlenswerten Buch von László Földény “Caspar David Friedrich. Die Nachtseite der Malerei” (2024)

Ein Hinweis von Christian Modehn am 5.8.2024.

Und in Nr. 16 noch ein kurzer Hinweis auf eine Interpretation des Werkes C.D.Friedrichs durch Johann Hinrich Claussen. Ergänzt am 24.8.2024.
1.
Caspar David Friedrich: Das Interesse an seinem Werk ist in Deutschland jetzt- ohne Übertreibung – riesig: Fast alle wollen seine Arbeiten sehen: Was suchen sie dort? Was finden sie dort? Erleben sie Kunst als Lebensdeutung? Offene Fragen.
Nach Hamburg und Berlin beginnt am 24.8. die dritte große Friedrich Ausstellung im Albertinum in Dresden (bis zum 5.1.2025). Sie hat den Titel „Wo alles begann“. Damit ist das Werk Caspar David Friedrichs gemeint und nicht – politisch aktuell leider naheliegend – der politische Durchbruch in Sachsen der äußerst rechtslastigen, wenn nicht rechtsextremen, demokratiefeindlichen Partei AFD …

2.
Keine Frage, auch die Dresdner Ausstellung wird wieder überfüllt sein. Sie wird die Besucherinnen auch hoffentlich lehren, dass Friedrich politisch ein Kämpfer für die Freiheit der Bürger war!

3.
Länger als drei Minuten habe ich es vor den Gemälden in der Berliner Friedrich-Ausstellung (in der Alten Nationalgalerie) nicht aushalten können, es wurde geschubst und fotografiert wie verrückt, möchte ich sagen, und die Bildbetrachtungen dauerten bei den meisten nach meiner subjektiven Beobachtung nicht länger als eine Minute, aufgrund der Massen konnten sie auch nicht länger dauern.

4.
Ein Wort Caspar David Friedrichs ist ernüchternd: „Unerläßliche Bedingung für die Rezeption meiner Werke ist die Stille“.
Und: Voraussetzung für die Meditation seiner Bilder sei eine intime Umgebung, um nahe an die Gemälde herantreten zu können, zur meditativen Betrachtung!. Darauf weist die großartige Studie von László Földényi „Caspar David Friedrich“ (Matthes und Seitz Verlag, 2024, S. 163, Fn. 10 und Fn. 7) hin. Und genauso wichtig angesichts der C.D. Friedrich – Begeisterung eine Erinnerung an einige persönliche Überzeugungen des Meisters, etwa: „Museen lehnte Friedrich übrigens ab, weil er meinte, sie schadeten den Werken nur und könnten als Erfahrungsquelle höchstens für den praktizierenden Künstler von Nutzen sein“ (so Földényi, ebd. Fn. 7)

5.
Damit sind wir schon bei dem genannten Buch des großen (politisch unabhängigen, Orban – kritischen) Literaturkritikers und philosophischen Autors László Földényi. Er hat in der großen Fülle der Friedrich Studien meiner Meinung nach etwas Eigenes geschaffen: Eine philosophische Meditation über das „Wesen“ des umfangreichen Werke, sein Buch ist schon 1986 in Ungarn veröffentlicht worden, 1993 erschien es auf Deutsch, nun liegt es (2024) in einer neuen Ausgabe als Paperback wieder vor, 172 Seiten einschließlich der vielen ausführlichen Anmerkungen, Fußnoten. Das Buch hat nur einen Nachteil: Es bietet die Gemälde Friedrichs nur in sehr reduziertem Format in Schwarz-Weiß an. Man sollte also bei der Lektüre immer eine gute Werkausgabe der Gemälde und Zeichnungen zur Hand haben, um die beschriebenen Details mitzuvollziehen.

6.
Das Buch beginnt mit einem Bekenntnis: Schon 1974 hatte Földenyi die Möglichkeit, in Dresden einige Werke Friedrichs zu betrachten. Und oft sagt der Autor „ich“ in seinem Buch, es handelt sich also nicht um eine neutrale „Abhandlung“ und schon gar nicht um eine im strengen Sinne kunst – historische Studie, die oft in der Datenfülle erstickt oder tausend technische Details etwa zum Malen des Künstlers etc. anbietet. Földényi hingegen bezieht sich auch auf Aussagen von Freunden Friedrichs, auf Besucher im Atelier und auch auf kritische Stimmen zum Werk schon damals. Oft wird betont, dass Friedrich ein explizites Interesse an Architektur hatte und bekanntlich Entwürfe für Kirchenumbauten in Stralsund (etwa die Marienkirche) geliefert hat. Auch davon spricht Földényi.

7.
Der Ausgangspunkt: László Földényi (geb. 1952 in Debrecen, LINK  schätzt das Werk Friedrichs sehr, und zu diese Einschätzung vermittelt er auch seinen LeserInnen. Aber er ist selbstverständlich dem Künstler nicht bedingungslos ergeben.

8.
Warum sollten wir Földényis Friedrich – Studie lesen?
Das Buch umfasst 15 Kapitel,15 Essays, die nicht unbedingt der Reihenfolge entsprechend gelesen werden müssen. Einzelne Kapitel wie „Der Nebel wird dichter“ (S. 101 ff.) oder „Das Wunder“ (S.111 ff.) oder auch „Die Nacht sinkt herab“ (S. 143 ff) sind zugleich auch philosophische Meditationen. Alle Kapitel aber erschließen die innere Welt der Gemälde, sie sind Ausdruck für die innere, die seelische Welt Friedrichs und vor allem für dessen Phantasie, sie gilt als „Strom der Innerlichkeit“ (S.128).

9.
Friedrich hat sich von den Üblichkeiten der Malerei seiner Zeit gelöst (S. 103): Die traditionelle religiöse Malerei lehnte er ab, genauso das bürgerliche Genrebild sowie die herrschende Landschaftsmalerei (S. 103). Es war „die restlose Ausschöpfung der Energien der Persönlichkeit, die sein Verlangen weckte, sich radikal von den üblichen Bindungen zu lösen“ (ebd.). Földényi meint: Weil Friedrich sich ganz dem freien Strom seiner Innerlichkeit überließ und auch entsprechend malte, könne man seine Bilder als Vorläufer der späteren abstrakten Malerei ansehen (S. 103).

10.
Caspar David Friedrich fordert die Betrachter geradewegs auf, die Menschen und die Dinge und die Welt so zu sehen, dass sie ins Unendliche führen (S. 84), in eine Region, „die „wir mit unseren leiblichen Augen nicht wahrnehmen können“ (S. 84). Im Irdischen ist das Unendliche, auch das Göttliche genannt, anwesend. Nur wer diesem Ausgangspunkt folgt, kann sich Friedrichs Werken berühren lassen und sie verstehen, darauf weist Földényi nachdrücklich hin (S. 115). Für ihn ist Friedrich „ein Metaphysiker mit dem Pinsel in der Hand“ (S. 146), also auch ein Maler, „der Gedanken malen wollte“ (S. 131). Nebenbei vermerkt Földényi: „Es ist kein Zufall, dass gerade Menschen, die zum Theoretisieren neigen, Friedrich so sehr mögen…“ (S. 131).

11.
Philosophierende Menschen lieben Friedrichs Werke, eine Perspektive, die gültig ist, wenn man sozusagen „Lieblingsthemen“ oder bevorzugte Motive Friedrichs näher betrachtet, sie sind sozusagen in fast allen seiner Werke präsent: Die Sehnsucht nach Weite und Transzendenz und Erlösung; die Liebe zur Einsamkeit; die Wahrnehmung der Natur, die Ausdruck ist himmlischer Ereignisse von Licht und Dunkelheit; und damit auch die Präsenz des Mondes; aber auch der höhere Gesichtspunkt, den einige Menschen erreichen, etwa der Mann im Nebelmeer, der förmlich den Überblick über das Ganze des Naturgeschehens genießt…

12.
Wir haben früher schon – wegen unseres religionsphilosophischen, religionskritischen Interesses – auf die vielfältigen Arbeiten Friedrichs hingewiesen, die Kirchen und Klöster als Ruinen zeigen. Wir sahen in diesen Gemälden eine tiefe Kritik an der bestehenden Kirche: Sie sei zur Ruine geworden, unbrauchbar jetzt in der Welt, wo Transzendenz eher in der lebendigen Natur gesucht wird. Inmitten der Kirchenruinen laufen oft alte Mönche herum, oft auch auf einem Friedhof. Földényi äußert sich auch zu diesem Aspekt der Werkes Friedrichs, er erinnert etwa an die Darstellung der Greifswalder Jacobikirche als Ruine, er schreibt: „Über die Kritik an der herrschenden Religion bzw. über die Vision einer kommenden Religion hinaus wird in diesen Bildern die Bemühung spürbar, glauben zu wollen. Dieses unbestimmte Begehren erträgt feste Bindungen jedoch nur schwer, keinerlei Kirche vermag es restlos aufzunehmen. Das unendliche Begehren, von dem Friedrichs Malerei grundlegend determiniert ist, stellt aber die Existenz Gottes nicht so sehr in Frage wie gerade diese Gotteshäuser: Sie sind ästhetische Krypten, die nicht Glauben, sondern Tod ausstrahlen.“ (S. 123)

13.
Földényi schätzt Friedrich, aber er bewundert ihn nicht und stellt auch zahlreiche Fragen zum Werk. Etwa: Seine Gemälde zeigen auch das Gefühl des Verlustes des (alten) Gottes und wie der Mensch sich dagegen stemmt. Aber: „Bei der übermenschlichen Kraftanstrengung wird der Menschen gewahr, dass er dem Gott oder dem Nichts sowieso unterlegen ist“ (S. 85). Oder auch diese Bemerkung Földényis: „In seinen Gemälden haust die Finsternis ebenso wie in Goyas `schwarzen Werken`. Aber die Finsternis greift uns nicht von vorn an, sie schleicht sich von hinten herein.“ (S. 132).

14.
Aber es bleibt die große Perspektive, die sich für Friedrich auch durch die Begegnungen mit dem protestantischen Theologen Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834) bestätigten. Földényi meint: „Die als innerstes Wesen des Lebens (durch Friedrich) interpretierte Kunst ist eine Art Theologie – wenn diese Theologie auch nicht von Gott handelt, sondern von einer unendlichen Sehnsucht, wie sie keinerlei Gott befriedigen kann“ (S. 97).

15.
Warum also sollten „wir“ uns heute für Caspar David Friedrichs Arbeiten interessieren?
Die vielen tausend Besucher der Ausstellungen beweisen ja faktisch , es gibt eine ungemeine Sehnsucht nach Friedrichs Gemälden.
Vielleicht sind einige Antworten treffend, die jeder und jede für sich selbst finden muss: Es ist gerade die Sehnsucht als menschliche Haltung, die durch die Arbeiten Friedrichs geweckt wird. Welche Sehnsucht? Wonach sehnen wir uns? Warum sind wir so gelähmt, unserer Sehnsucht – etwa nach universeller Gerechtigkeit, nach Menschenrechten – praktisch zu entsprechen?
Haben wir uns von den Kirchen als dogmatischen Ruinen schon verabschiedet`? Wenn ja, wo leben wir unsere Spiritualität?
Was bedeutet uns die Natur? Ist sie Sache, Objekt, das manipulierbare und Verkaufbare oder hat Natur einen eigenen Wert, weil ja auch wir Menschen (mit den Tieren) Teil dieser Natur sind usw…

16. Johann Hinrich Claussen hat als Theologe und Pastor den Titel “Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.” Er ist auch Autor zahlreicher Bücher. Jetzt erschien von ihm “Eine Geschichte der chrstlichen Kunst.” Mit dem Ober – Titel “Gottesbilder”. Ch.H.Beck Verlag, 2024.

In dem Buch erwähnt Claussen auch Caspar David Friedrich (S. 229 – 233). Er zeichnet knapp dessen religiöses, theologisches Profil : “Friedrich verstand sich als frommen wie avancierten Protestanten, der eine Umformung des christlichen Glaubens ins Bild setzen wollte. In ihr verbanden sich Kritik und Konstruktion…Er löste sich von alten Glaubensbildern, um dem für ihn Wesentlichen eine neue Gestalt zu geben. In der Landschaftsmalerei konnte er auf zeitgemäße Weise religiöse Empfindungen darstellen und hervorrufen… Das Alte muss untergehen, damit Neues werden kann” (S. 232 und 233).

Das empfehlenswerte Buch von László Földényi: „Caspar David Friedrich. Die Nachtseite der Malerei“. Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. 172 Seiten, 14€, Verlag Matthes und Seitz, Berlin, 2024.

Siehe auch unseren Beitrag: Die Spiritualität Caspar David Friedrichs…. LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Jacques Bouveresse, französischer Philosoph, Literaturkenner und Kirchenkritiker

Ein Hinweis von Christian Modehn am 23. Juli 2024.

1.
In Deutschland ist der französische Philosoph Jacques Bouveresse ( 20.8.1940 – 9.5.2021) in weiten Kreisen nahezu unbekannt. In Frankreich gilt er als wichtiger Denker mit einem „Oeuvre philosophique majeure“, wie man dort sagt.
Kaum zu verstehen, dass seine großen Werke nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Jacques Bouveresse, stammt aus einer katholischen Familien im Département Doubs – an der Grenze zur Schweiz gelegen – , er ist auch mit theologischen Themen durchaus vertraut.

Jacques Bouveresse war ein außergewöhnlicher Mensch, nicht nur wegen seiner Sprachbegabung (er hatte z.B. einen akademischen Abschluss in Deutsch). Vor allem: Er hat – nicht nur aus Bescheidenheit, sondern um jegliche Abhängigkeiten zu vermeiden – offizielle „Dekorationen“, wie er sagte, also Orden und (staatliche) Auszeichnungen zurückgewiesen. Selbst die Ernennung zum “Chevalier de la Legion honneur“ lehnte er ab, jeglicher Konformismus war ihm zuwider, allerdings wurde ihm von der ökonomischen Hochschule HEC in Paris der Titel Dr. h.c. verliehen, 2019 empfing er den „Grand Prix de Philosophie“ von der „Académie Francaise“ für die Gesamtheit seines Werkes.

2.
Warum sollten wir uns für Bouveresse interessieren?
Er hat die Grenzen des philosophischen „Betriebes“ gesehen und sich Impulse der Erneuerung und dafür notwendige Ressourcen erhofft … auch von der Literatur. Er suchte Philosophie also auch dort, wo „man“ sie üblicherweise nicht vermutet. Vor allem mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Musil und auch mit dem Autor Karl Kraus hat er sich intensiv befasst. Wichtig für Bouveresse ist vor allem der umfangreiche Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Bouveresse läßt sich von der Literatur anregen, die eigene Philosophie zu gestalten. Diese Erfahrung gilt es festzuhalten, wenn man sich vorstellen will, was Philosophieren und Philosophie heute sein sollte und sein könnte: Als kritisches Interessiertsein an allen Äußerungen, „Objektivierungen“ (Hegel), des Geistes.

3.
Bouveresse ist ein Rationalist, und er nennt sich so und ist stolz darauf und kämpft gegen alles Obskure in der Gesellschaft, gegen fundamentalistische Religionen und Kirchen (etwa in den USA) und gegen die postmodern sich nennenden Philosophen, die seiner Meinung nach die Beliebigkeit des totalen Relativismus pflegen und das „alles geht und alles ist möglich“ propagieren. Der Philosoph Jean -Matthias Fleury nennt Bouveresse einen „kritischen Historiker der Philosophie“: Er war also kritisch gegenüber der Postmoderne und modischen Tendenzen französischer Philosophen, Bernard-Henri Lévy oder Jean Marie Benoit warf er wissenschaftlichen und intellektuellen „Betrug“ vor. „Bouveresse war ein Polemiker und er war sehr bemüht, ein Minimum an praktischen philosophischen Regeln auszudrücken. Er hat Partei ergriffen für einen militanten Rationalismus, kritisierte gelegentlich heftig den Nihilismus à la Nietzsche. Und der schien ihm für eine ganze weite Fläche der französischen Philosophie der 1960- 1970ger Jahre charakteristisch zu sein, etwa in den gestalten Derrida, Lyotard und Foucault“ (siehe Fußnote 2).
Mindestens 50 philosophische Studien hat Jacques Bouveresse veröffentlicht; er war viele Jahre Professor an der Sorbonne und Mitglied des Collège de France, immer interessiert an dem weiten Umfeld der „analytischen Philosophie“ . Seine Doktorarbeit verfasste er 1975 über Ludwig Wittgenstein, damals in Frankreich noch relativ unbekannt. Regelmäßig veröffentlichte er Beiträge in der Monatszeitschrift „Le Monde diplomatique“. Und: „Bouveresse plante die philosophischen Übungen als eine Kunst der Lektüre und des Dialogs und als eine ständige Konfrontation mit dem Gedanken des anderen“, so Florence Vatan (im Vorwort zu Bouveresses Buch „La Passion et l exactitude“, 2024, S. 21., siehe Fußnote 1).

4.
Bouveresse war in seiner Entschiedenheit für möglichst umfassende Klarheit, für die konsequente Suche nach Gründen und Begründungen, der Verpflichtung der Wahrheit zu dienen sozusagen als Mensch bescheiden in seinem Auftreten und Argumentieren, die Ironie schätzend, mit einer Vorliebe für Philosophen, die bisher (in Frankreich) eher wenig Beachtung fanden, vor allem Wittgenstein und die „Wiener Schule“ .
Vor allem war er immer religionskritisch orientiert, gegen alle Irrationale, Frömmelnde, Mystizistische… Für religionsphilosophische Fragen ist besonders wichtig sein Werk „Peut-on ne pas croire? Sur la vérité, la croyance und la foi“, Marseille, 2007, 286 Seiten. Als Einführung in sein Denken empfiehlt sich Bouveresse, „Le Philosophie et le réell. Entretiens avec J.J. Rosat“, Hachette, Paris, 1998.

5.
Warum also ist ein Hinweis auf Bouveresse wichtig, wenn man den Zustand der Religionen vor allem in Europa und den USA kritisch untersucht?
Der zweifelsfreie Ausgangspunkt ist: Trotz aller Säkularisierung in Europa und Amerika gibt es ein deutliches Comeback eher fundamentalistischer Kirchen. Sie betonen übereinstimmend: Der Zusammenhalt ihrer Gesellschaften und ihrer Staaten könne nur durch die praktizierte (fundamentalistische) Religion garantiert werden. Es gebe also diesen Propagandisten zufolge eine Art praktische und auch politische Notwendigkeit, zur alten Religion und den überkommeneren Konfessionen zurückzukehren…

6.
An diesem Punkt der Analyse setzt Bouveresse in einem auf Deutsch publizierten Beitrag für „Le Monde diplomatique“ vom 13.5.2007 an. Der Aufsatz hat den Titel „Annäherung an die Funktion Gott“. Bouveresse bezieht sich dabei auf eine These des Philosophen und Autors Régis Debray: Er hatte behauptet, die „derzeitige Renaissance des Religiösen“ sei ein Beweis dafür, dass der religiöse Glaube überhaupt nicht zum Verschwinden zu bringen sei, auch nicht durch so genannte Ersatzreligionen. Bouveresse kritisiert zunächst, dass es nicht möglich ist, aus dem faktischen Vorhandensein z.B des Phänomens Kirche auf die Notwendigkeit ihres Fort – Bestehens zu schließen. Die Renaissance des Religiösen und auch das Wiedererstarken der alten Konfessionen sind also kein Bewies dafür, dass die klassischen Religionen und Konfessionen nun letztlich doch nicht gescheitert sind und Recht haben. Bouveresse schreibt: „Und selbst wenn die Gesellschaft der Rückkehr zu einem verloren gegangenen Glauben bedürfen sollte, welche Art von Glauben ist es dann genau, zu der sie angeblich zurückfinden muss? Sie einfach an das religiöse Bedürfnis der Gesellschaft zu erinnern, reicht jedenfalls anscheinend nicht, um sie diesen Glauben wiederfinden zu lassen.Noch einmal: Irgendeine Form des Glaubens als Faktum anzuerkennen ist nicht dasselbe wie die Unvermeidlichkeit des religiösen Glaubens zu behaupten, auch wenn Religionsphilosophen wie Debray diesen Unterschied gern herunterspielen.“

7.
Bouveresse deutet nur kurz und knapp an: Welche Religion kann in dieser zerstrittenen Welt und in der säkularen Gesellschaften noch Bestand haben, ohne dabei sinnlose Überlegenheitsansprüche gegen dem säkularen Staat zu betonen? Es kann sich dabei eigentlich nur um eine rational zugängliche Menschheitsreligion für alle Menschen handeln, eine Idee, die für Kant wichtig wurde in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Wenn Religionen und Kirchen heute eine Bedeutung haben können, dann so Bouveresse, wenn sie die republikanischen Werte, also die Menschenrechte, höher einschätzen, auch als Kriterium der eigenen Wahrheit als alle konfessionellen und religiösen Lehren und Weisungen. „Was genau brauchen wir eigentlich in religiöser Hinsicht? Könnte es nicht mehr oder weniger objektive Gründe geben, die eher für die eine als für die andere Glaubensentscheidung sprechen? Angenommen, man gesteht zu – was ohne Schwierigkeiten möglich sein sollte –, dass eine „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (ungefähr im Kant’schen Sinn) immer noch eine Religion wäre. Gäbe es dann nicht ernst zu nehmende (intellektuelle, moralische, politische usw.) Gründe, eine derartige Religion solchen vorzuziehen, die die fraglichen Grenzen überhaupt nicht kennen?“

8. Die alten Religionen, Konfessionen, führen nicht aus der Krise
Wichtig ist dem entsprechend die These Bouveresses:
Hütet euch vor der Wiederkehr der alten Religionen in dieser Zeit, in der angesichts der vielfachen Krisen erklärt und verkündet wird, die Säkularisierung sei vorbei und die Zeit der alten Religionen beginne wieder. Bouveresse schreibt: „Mit Sicherheit wäre es dagegen ein Trugschluss, auf künstliche Weise herkömmliche Religionen in die Institutionen, Verhaltensweisen und Praktiken wieder einführen zu wollen – in der Hoffnung, so den sozialen Zusammenhang herstellen oder festigen zu können.“ In der jetzigen Situation eines globalen gesellschaftlichen Umbruchs mit zahllosen Krisen helfen nur „Veränderung und Reorganisation“ der Gesellschaft weiter. Dabei können die alten Religionen und ihre Lehren gar nicht mehr hilfreich sein, weil ja auch sie zu der tiefgreifenden politischen, ökonomischen und kulturellen Krise geführt haben. Noch einmal: Die alten Religionen und Kirchen sind also Mit – Verursacher des gegenwärtigen heillos wirkenden Zustandes der Welt.
Das heißt: Die altgewordene Religionen und altgewordenen und veraltet erscheinenden Konfessionen haben im globalem gesellschaftlichen Wandel und Zusammenbruch keine inspirierende, hilfreicheKraft mehr.

9.
Bouveresse sieht im Fortbestehen und Überleben der alten Religionen und der alten Götter nur eine Form der „Amnesie“, der Vergesslichkeit und Gedächtnisstörung der Menschen, hofsichtlich der Kraft der Religionen von einst. Er schreibt: „Diese Form der Amnesie lässt nach dem bitteren Scheitern einer Neuerung (der Religion, CM), die eine Zeit lang vielversprechend schien, mit Vorliebe die guten alten, immer bequemeren und beruhigenderen Lösungen wieder aufleben – obwohl man eigentlich weiß, dass diese Versuche, gelinde gesagt, nicht sehr erfolgreich gewesen sind.“ Mit anderen Worten: Die Kirchenführer der alten, aber nachweisbar im politischen und ökonomischen Bereich wirkungslosen Kirchenwelten, machen sich falsche Hoffnungen für eine Zukunft ihrer Kirchen, gerade wenn sie nichts weiter tun, als das Alte und angeblich „Ewige“ und „göttlich Verordnete“ unbeirrt und stur fortzusetzen, siehe etwa die Haltung der katholischen Kirche zur Ordination von Frauen; die päpstliche Ablehnung von Demokratie in der katholischen Kirche usw.. Diese Haltung hat zum langsamen Verschwinden der Kirchen-Bindung und Kirchen-Gläubigkeit in Europa geführt. Siehe die hohen Austrittszahlen aus den Kirchen etwa in Deutschland, Österreich, Holland, Belgien, England, Spanien, der Schweiz usw. ChristenInnen verlassen die Kirchen, weil diese ihnen antiquiert, irrational, bürokratisch, fundamentalistisch, paternalistisch usw. erscheinen. Und es wohl auch erfahrungsmäßig und nachweislich sind.
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FUßNOTE 1:
„La Passion de l Exactitude“ mit dem Untertitel „Robert Musil et la philosophie“, erschienen im Verlag Hors d` Atteinte, Marseille, 2024, mit einem Vorwort von Florence Vatan. 123 Seiten, 17€. Der Text geht auf eine auf Deutsch gehaltenen Vorlesung Bouveresses in Wien im Oktober 2008 zurück.

FUßNote 2:
Cinquante ans de philosophie française.“ Band 4, von Bernard Sichère, Paris 1998, S. 72.
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Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Kann Lektüre heilen? Durch Bücher gesund werden?

Notizen zur Bibliotherapie und anderen Formen geistiger Therapien…

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Kürzlich diskutierten wir über das Buch von Fabio Stassi „Die Seele aller Zufälle“, erschienen in der Edition Converso; ein Buch, das sich mit Sinn und Unsinn der „Bibliotherapie“ unterhaltsam auseinandersetzt. LINK.
„Die Seele aller Zufälle“ steht übrigens auf der Hotlist 2024 der „Bücher aus unabhängigen Verlagen“.

Und es zeigen sich bei anderen Autoren immer wieder Hinweise auf Formen der “Bibiotherapie”, etwa bei dem bekannten tschechischen Autor Bohumil Hrabal (1914-1997), siehe Fußnote 1 unten.

2.
Diese Form der Buch – Lesen – Therapie gibt es wirklich, dies sei allen therapeutisch noch etwas Unkundigen gesagt. In Kanada, etwa in der Provinz Québec, ist die Bibliotherapie weit verbreitet und offenbar wirksam, auch therapeutisch akzeptiert, die Pariser Tageszeitung „La Croix“ berichtete am 12.3.2024 darüber. LINK.

3.
Grundsätzlich kann man zu der Überzeugung neigen: Eigentlich ist jede Lektüre von Romanen, Erzählungen, Poesie etc. immer auch Ausdruck einer Suche nach Therapie, elementar als Hilfe vermutet gegen Langeweile und Einsamkeit, dann aber auch explizit als Suche nach Orientierung und als Impuls zum Weiter – Denken und in die Weite denken. Diese allgemeine Erwartung „Lesen hilft mir auch therapeutisch“ ist meist umthematisch, unreflektiert.

4.
Was ist die Grundsituation einer Bibliotherapie? Der Therapeut ist ein guter Kenner vieler „großer (aber auch eher unbekannter) Werke“ der Literatur,. Er empfiehlt nach einem eingehenden Gespräch mit einem Patienten (Klienten?) ein bestimmtes, ihm bekanntes Buch zur privaten Lektüre. Die Leitlinie der Therapie heißt wohl: „Wenn Sie dieses Buch, diesen Roman, diese Novelle, dieses Drama, dieses Gedicht usw. lesen, gründlich und in Ruhe meditieren, kann sich ihre spezielle seelische Problematik, vielleicht ihr seelisches Leiden (Melancholie, Hemmung im Umgang mit anderen, Genusssucht usw.) nicht nur klären, sondern auch abmildern, vielleicht heilen … eben durch reflektiertes Nachdenken über den Text des Buches, über das Schicksal der Protagonisten, deren Hoffnung und Lebenssinn… Vielleicht wird dann der heilende Gedanke sozusagen irgendwann „geschenkt“, und vielleicht sieht man sieht klarer und hoffnungsvoller in die Welt und auf das eigene Leben.

5.
Jede Therapie lebt wohl von der Ungewissheit, ob Heilung des Patienten möglich ist. Aber es gibt wohl Unterschiede: In den Psychotherapien etwa begegnet der Patient immer wieder einem leibhaftigen Menschen, einem „Spezialisten“ für seelische Leiden, zu dem der Patient und mit dem er – manchmal sehr oft – sprechen kann.
In der Bibliotherapie ist der einzelne mit einem Text konfrontiert, der eben nur ein „Gesprächspartner“ im übertragenen Sinne sein kann. Der Patient wie jeder Leser bestimmt die Deutung, die Interpretation, in der Auseinandersetzung mit dem Text selbst. Es ist eines der Grundgesetze der Hermeneutik, der Verstehenslehre von Texten, dass immer der Lesende seine subjektiven Verstehensbedingungen, seinen geistigen Horizont, nicht nur „mitbringt“. Sondern oft wird der Text einseitig, allzu subjektiv, förmlich überwältigt und fehl interpretiert. Allzu subjektive Deutungen können und sollten im Laufe der Lektüre korrigiert werden, erst dann kann von einem Verstehen die Rede sein. Bibliotherapie ist aufgrund dieser Stellung: „der einzelne Leser und sein Buch“, also auch ein anspruchsvolles, aber oft auch ein scheiterndes Unternehmen.

6.
Die Bibliotherapie aber erinnert an die Vielfalt reflektierender, geistiger Therapien: Über „Philosophie als Therapie“ haben Damian Peikert und Sam Adhar Ball ein Buch im angesehenen philosophischen Karl Alber Verlag (Freiburg) publiziert und dabei mit gutem Grund an die Überzeugung antiker Philosophen erinnert: Philosophie sei ursprünglich als Hilfe zum Leben und im Leben zu verstehen, ein Thema, das der Pariser Philosoph Pierre Hadot in den Mittelpunkt seiner Studien stellte. LINK. Über die Beziehung zwischen der therapeutischen Praxis etwa in der Stoa oder bei Epikur und der modernen Logo – Therapie (Viktor E. Frankl 1905-1997) wäre ebenfalls weiter nachzudenken.

7.
Von den verschiedenen Formen der Musiktherapie wäre zu sprechen. Musiktherapie im weiten Sinne, also Musik (und Singen ) ALS Therapie, bezieht sich nicht nur auf die seelische „Stärkung“ der einzelnen. Musik ALS Therapie, verstanden als Einheit von Sängern/Musikern und teilnehmenden Zuhörern, die in den Stadien auch Mitsingende waren, hat immer einen politischen Charakter: Eintreten für die Demokratie, „gegen die Konsumgesellschaft, gegen die apolitische Zerstreuung, den American Way of life…Die Musik schuf politische Identifikationen“, so Antonis Liakos in „Lettre International Nr 145, S. 21, Sommer 2024). Diese (!) Musik stärkt die einzelnen, gibt neuen Lebenssinn: Der Autor erinnert u.a. an Mikis Theodorakis, Ioannis Makropoulos, Christos Leonies und andere…“ Antonis Liakos schreibt: „Diese Konzerte, zu denen Menschenmassen strömten, waren selbst politische Ereignisse, Quellen eines aufrührerischen Geistes und eines grenzenloses Optimismus“ (ebd.).
Zu sprechen wäre auch von der Kunst-Therapie, d.h. auch der Mal – Therapie oder der Arbeit mit Collagen, die direkt in guten Kliniken (etwa speziell bei Krebskranken) schon eingesetzt wird.

8.
Noch einmal zur Bibliotherapie:
Johann Wolfgang von Goethe hat sehr persönlich gesprochen, als er von seinen melancholischen und depressiven Phasen in jungen Jahren berichtete: Aus der tiefen Krise (Suizid-Gedanken) konnte er sich nur befreien, wie er gesteht, als er weiter seine Texte verfasste: Literarisches Schreiben als Therapie also, dies ist sicher eine Praxis, die nicht nur hochbegabten Autoren wie Goethe vorbehalten ist. Anja Höfer schreibt in ihrem Essay über Goethes Kunstanschauung (in „Philosophie der Freude“, Leipzig 2003, S. 131).“ Goethe schildert, wie seine poetische Produktion einen inneren Heilungsprozess einleitet, in dem der Dichter sein eigenes Leiden in ästhetischer Form objektiviert und das Leiden so zugleich überwindet. Das Ergebnis dieses Prozesses bezeichnet Goethe nicht zufällig mit dem Wort Heiterkeit“. Und auf Seite 132 heißt es: „Für Goethe wird die dichterische Produktion zum probaten Mittel, um sich selbst immer wieder die rettende Heiterkeit abzunötigen… er spricht vom poetischen Talent mit seinen Heilkräften.“

9.
Inmitten des alltäglichen Lebens können und sollten also Formen geistiger Therapie entdeckt werden, wobei zur Überraschung wohl erkannt wird: Hilfen zur Gesundung durch bestimmte Formen geistiger/geistvoller Praxis stehen uns eigentlich immer in der genannten Vielfalt zur Verfügung. Leider kann man den Gottesdiensten der christlichen Kirchen diesen heilsamen Charakter eher selten zusprechen, sie sind meist Routine und das Dahersagen von frommen Stereotypen und alten, veralteten dogmatischen Sprüchen…

10.
Und selbst der größte Skeptiker wird erkennen: Er kann sich zu seiner eigenen skeptischen Lebenshaltung noch einmal selbst skeptisch verhalten, in der Kraft des reflektierenden Geistes eben: Inmitten dieser Skepsis-skeptischen Haltung wird der Skepsis sozusagen ihre Allmacht genommen. Es bleibt der Geist, dies ist auch die Vernunft, die Fixierungen und Ideologien durchschaut und überwindet… und – etwas metaphysisch gesagt – in die Weite des Geistes führt.

Fußnote 1: In dem Buch “Allzu laute Einsamkeit” des großen Schriftstellers Bohumil Hrabal ist auch ein Gespräch mit Peter Sacher publiziert, darin äußert sich Hrabal über seine Lektüre des Tao Te-king von Laotse. Hrabal berichtet, einige der Sätze des Tao te king auswendig gelernt zu haben: “Ich kann einen ganzen Tag lang von einem solchen Satz leben…, dergestalt, dass ich den Eindruck habe, erlöst zu sein… Das alles geschieht in der Stille, in einer sprühenden Stille, in dieser auflebenden Einsamkeit, in der ich mit allen lebenden und toten Freunden sprechen kann..” (S. 149). Das Buch ist in der Deutschen Verlgasanstalt 2003 erschienen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Philosophische Aufklärung erfolgreich: Auf dem Lande … für die Bauern!

Beobachtungen in Reckahn bei Brandenburg/Havel

Ein Hinweis von Christian Modehn am 15.7.2024

1.
Kaum zu glauben: Es gab wirklich einen wohlhabenden Gutsbesitzer im Lande Brandenburg im 18. Jahrhundert, der nicht nur umfassend gebildet und dabei alles andere als reaktionär war. Mit der Philosophie der Aufklärung war er kenntnisreich eng verbunden, er kannte u.a. die Werke des Philosophen Immanuel Kant: Und er war kein bloßer Theoretiker oder gar Schätzer: Er dachte nicht zuerst an die Vermehrung seiner Güter, sondern förderte mit Geist und Tat die Bildung der armen Landbewohner in seiner Umgebung: Sein Name: Friedrich Eberhard von Rochow (1734 – 1805), seine Frau Christiane Louise (1734 – 1808) unterstützte die Reform-Projekte. Eigentlich ein weithin unbekannter Vertreter der Aufklärung. Diese Unkenntnis muss überwunden werden.
Es ging dem Ehepaar von Rochow um die Realisierung grundlegend neuer Konzeptionen der Volksaufklärung.
Für seine Projekte setzte von Rochow sein Vermögen ein! Reaktionäre Kreise aus seinem Stand kritisierten sein Engagement, sie behaupteten, Volksbildung führe die Menschen zur Aufruhr gegen die Obrigkeiten. Der Aufklärer und Pädagoge ließ sich von diesen Leuten nicht beeindrucken. Er hatte einen großen Freundeskreis um sich gesammelt, zumal von Rochow auch als (protestantischer) Domherr zu Halberstadt mit vielen „Philanthropen“, gebildeten Literaten, Künstlern, Philosophen zusammenkam.

2. Hinweis auf einige Grundsätze von Rochows:
„Wer hat mich berufen, mich zum Lehrer des Landvolkes aufzuwerfen? Meine kurze Antwort: Ich lebe unter Landleuten. Mich jammerte des Volkes. (S. 179, die Seitenzahlen beziehen sich auf das unten genannte Buch „Vernunft fürs Volk“)
„Die Menschheit liegt an heilbaren Übeln krank“(ebd. )…
„Da alle Menschenseelen aus EINEM Stoffe sind, so haben auch alle Stände gleichen Anteil an verhältnismäßiger Vervollkommnung“ (S. 140).

3.
Man kann die Leistungen von Rochows studieren, vor allem auch die Werte seines Wirkens besuchen und besichtigen: Vor allem die Volksschule im Ort Reckahn, daneben steht die barocke Kirche, in der damals progressive, aufgeklärte Prediger wirkten.
Die Volksschule wurde von dem Lehrer Heinrich Julius Bruns geleitet. Das Prinzip: In der Erziehung und Bildung sind sehr viel wichtiger als die üblichen Tadel und Strafen eben Lob, Freundlichkeit und Respekt.
Bildung fördert das Selberdenken, fördert die Weltkenntnis, das bessere praktische Leben im Alltag der Dörfer. Und: Jungen und Mädchen wurden in der Volksschule zu Reckahn gemeinsam unterrichtet. Das „Journal für Prediger“, wichtige Zeitschrift für Pfarrer im Sinne der Aufklärung, lobte diese Schule als „erste aller Volksschulen in Deutschland“ (S. 180).

4.
Die Kinder sollen zu reifen, selbstdenkenden, tugendhaften Menschen gebildet werden. Aber für von Rochow ist entscheidend: „ Der Mensch lebt nicht etwa deswegen tugendhaft, um Gottes Ehre zu befördern. Dieses Gottes Ehre befördern ist ein Nonsens. Moral hat nie den Zweck, Gottes Ehre zu befördern“ (S. 47). Der Mensch wird tugendhaft durch seine eigene Vernunft, ein Gedanke, der auch für Immanuel Kant wichtig wurde. „Rochow hat sich zweifelsohne mit Kant eingehend beschäftigt“, schreibt Gerhard Springer in dem genannten Buch „Vernunft fürs Volk“, Seite 51.

5.
Friedrich Eberhard von Rochow ist auch als Autor sehr weit verbreiteter Lesebücher mit hoher Auflage für Kinder und die Landbewohner bekannt geworden. Vor allem das „Lesebuch“ mit dem Titel „Der Kinderfreund“ erschien in vielen Auflagen und es wurde international verbreitet, dabei kann sein Engagement für die „Märkische Ökonomische Gesellschaft zu Potsdam“ hier nur erwähnt werden, deutlich ist, wie umfassend der aufgeklärte Denker von Rochow praktisch tätig war

6.
Ein VORSCHLAG:
Die vorbildliche Schule in Reckahn als Museum zu besichtigen und das Schloss (sowie der Park!) mit dem angrenzenden Gästehaus (!) sollte Ziel eines „philosophischen Ausflugs“ sein, zumal die interessante Stadt Brandenburg an der Havel nur wenige Kilometer entfernt ist. Und auch Kloster Lehnin (einst Zisterzienser -Kloster) ist in der Nähe.

Zu den Öffnungszeiten der Gebäude in Reckahn (leider ist die Barockkirche, wie so oft im Landes Brandenburg, meistens verschlossen) informiere man sich über das Internet, auch wegen der aktuellen Veranstaltungen! Im Schloss (- Museum) ist Samstags und Sonntags ein kleines Café geöffnet. www.reckahner-museen.de
www.gaestehaus-reckahn.de

Und genauso wichtig: Im Schloss können etliche Bücher und Studien über den Aufklärer Friedrich Eberhard von Rochow und seine Schule erworben werden. Wir empfehlen den Sammelband „Vernunft fürs Volk“, hg. von Hanno Schmitt und Frank Tosch, Henschel-Verlag 2001, 256 Seiten, viele Abbildungen, im Schloß für 7,50 € zu haben!
Die Adresse: Rochow – Museum und Gästehaus, Reckahner Dorfstr. 27, 14797 Kloster Lehnin, Ortsteil Reckahn. Tel. 033835/ 60672.
Das Schulmuseum: Tel. 033835/ 608870

Nach wie vor anregend für Ausflüge und kleine „Studienfahrten“ in die Mark Brandenburg ist das glänzend geschriebene Buch von Joachim Berger, „Mark Brandenburg. Freiheitlich und rebellisch. Ein Lese-Wander-Buch“ zu den Regionen Süd und West von Brandenburg. Das Buch ist zwar schon 1992 im Goebel – Verlag erschienen, aber wegen der vielen historischen Hinweise alles andere als „veraltet“. Das empfehlenswerte Buch ist antiquarisch noch zu erwerben. Zu Reckahn hat Joachim Berger selbstverständlich auch einen kleinen Essay geschrieben, S. 241-243 und wie in allen Kapiteln auch Fotos und Bilder publiziert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Mit welchen Religionen kann ein Philosoph noch einen vernünftigen Dialog führen? Fragen an Jürgen Habermas.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.7.2024

1.
Im Jahr 2013 äußerte sich Jürgen Habermas erneut (zum letzten Mal in der Öffentlichkeit??) zum Thema „Politik und Religion“ (in dem Sammelband „Politik und Religion“, Hg. von F.W. Graf und H. Meier, C.H.Beck Verlag, 2013, dort S 287 ff.) Das Thema ist seit 2001 für Habermas wichtig.

2.
Wie zuvor tritt Habermas für die Bereitschaft der säkularen Philosophie ein, im Dialog mit den Religionen von den Religionen zu lernen. Dies aber nicht als „philosophisches Hobby“ einiger Spezialisten, sondern weil der Dialog den Transzendenz-Verlust der nachmetaphysischen Welt eventuell einschränken kann…

3.
Auf S. 299 – 300 erläutert Habermas noch einmal die Dringlichkeit des Themas:
Ausgangspunkt sind für ihn die „Mängel des „nachmetaphysischen Denkens“; aber diese „Mängel“ können sich „ausgleichen lassen“ durch die von Habermas oft schon geforderte „Versprachlichung des Sakralen“, es geht also um das Übersetzen religiöser Weisheiten in eine allgemein zugängliche vernünftige Sprache.

4.
Dieses Projekt ist dringend: Habermas spricht von dem „sich zum Universum abschließenden und versiegelnden Kapitalismus, der die Politik entwaffnet und die Kultur einebnet“.

Und angesichts dieser düsteren Situation der Lebensverhältnisse im Kapitalismus ist Habermas von „der Frage beunruhigt”, ob die philosophische Vernunft heute noch die Kraft findet, den eigenen „Defätismus“ (so Habermas wörtlich) zu überwinden.
Die Frage also ist: Hat der „in der Philosophie selbst brütende Defätismus der Vernunft“ die „Kraft zu einer Transzendenz“, so wörtlich, (also einer Transzendenz des Geistes, der Vernunft) „von innen vollends aufgezehrt“? Ist die „Spannkraft eines über den jeweiligen Status Quo hinauseilenden normativen Bewusstseins zermürbt“?

5.
Als Habermas diese Frage 2013 erörterte, gab es schon heftig den gewalttätigen, militanten religiösen Fundamentalismus in allen Religionen. Heute (2024) hat sich dieser religiöse Fundamentalismus weiter ausgebreitet und verschärft. Und manche Beobachter meinen zurecht, es gibt eigentlich kaum noch christliche dogmen-kritische, demokratisch organisierte, nicht – fundamentalistische sich christlich nennende Kirchen. (Bei den Orthodoxen ist die Situation noch düsterer, sie Patriarch Kyrill in Moskau).
Der römische Katholizismus kann sich diesem kleinen Kreis vernünftigen christlichen Glaubens leider nicht zugehörig fühlen, trotz aller ein bißchen progressiv wirkenden Aussagen von Papst Franziskus ! Der römische Katholizismus ist so stur, dass er sich bis heute gern stolz „nicht – demokratisch“ definiert. Wenn die „heilige Kirche“ schon nicht demokratisch ist, warum sollen es dann Staat und Gesellschaft sein, fragen sich viele katholische Lateinamerikaner z.B. und lieben dann halt die autoritären Regime seit altersher.
Und auch das weite Feld dessen, was sich protestantisch nennt, ist schon von Fundamentalisten beherrscht, man denke an die USA und die Herrn Trump förmlich anbetenden Massen der Evangelikalen.

6.
Also: Mit welchen Religionen hat die postsäkulare Philosoph überhaupt noch ernsthaft lernbereite Dialoge führen? Der Kreis der wirklich zu einem vernunftbestimmten Dialog innerhalb der Religionen ist heute (2024) minimal.

7.
Es wird natürlich immer Dialoge der höchsten Religionsvertreter geben, da werden gern fromme Sprüche ausgetauscht, aber unklar bleibt, welcher Maßstab denn ein mögliches gemeinsames inter -religiöses Friedensengagement bestimmt. Dies kann dich nicht ein bestimmter religiöser, kein konfessioneller Maßstab sein!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin