Jon Fosse: Das wundersame Leben

Über die Trilogie „Vaim“ von Jon Fosse

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.1.2026

Dieser Hinweis will durch seine knappen Erläuterungen eine Ermunterung und Anregung sein, „Vaim“ von Jon Fosse zu lesen.

1.
Der neueste Roman des norwegischen Literaturnobel – Preisträgers Jon Fosse hat den Titel „Vaim“: Er bezieht sich auf ein fiktives Fischerdorf in Norwegen. Die drei Kapitel der Erzählung von nur 145 Seiten stellen vier Personen in den Mittelpunkt: die beiden Fischer Jatgeir und Frank sowie Eline, die Frau, die die beiden Männer beherrscht und bestimmt. Von Elias, einem Freund von Jatgeir, handelt das eher kürzere zweite Kapitel.

2.
Der Roman „Vaim“ berichtet vom Leben dieser Menschen in Norwegen, aber sie ist keine begrenzte „norwegische Heimat-Story“.
Vaim ist vielmehr ein Text, der auf das „Wundersame“ im menschlichen Leben aufmerksam macht. Das „Wundersame“ im Sinne Fosses ist nicht das Wunderbare. „Wundersam“ ist für ihn das Erstaunliche, Überraschende, Zufällige, sogar Schicksalhafte im menschlichen Leben. Darauf will Fosse aufmerksam machen: Dieses „Wundersame“ ereignet sich in einem schlichten Alltag schlichter, einfacher Menschen. Sie sind selbst erstaunt und verwirrt, welche überraschenden, nicht geplanten, nicht erwarteten Konstellationen sich in ihrem gewöhnlichen Alltag ereignen. Und sie erleben als Fischer auf ihren Booten oft das erstaunliche Schöne und Friedvolle der Natur. Zu ihren Booten haben die beiden Fischer ein geradezu liebevolles Verhältnis, offenbar dankbar für die hilfreichen und sicheren Dienste der Boote.

3.
Der Text ist für einige LeserInnen vielleicht etwas schwierig zu lesen: Fosse setzt keine Punkte, lediglich Kommas strukturieren den Redefluss: Tatsächlich wird der Leser dadurch wie in einen Text-Fluss hineingezogen. Die Personen sprechen unmittelbar wie im O-Ton life ihre Gedanken und Gefühle aus. In einer schlichten Sprache schlichter Leute, die sich gern wiederholen und den Leser unmittelbar teilhaben lassen an ihrem Denken, ihrer Angst, ihrer Zweifel. Und mancher Gedanke wird, weil erstaunlich oder wundersam, oft hin und her gewendet und wiederholt.

4.
Die beiden Männer, beide Fischer, Jatgeir und Frank verdienen besonders Aufmerksamkeit der LeserInnen.
Jatgeir steht im Mittelpunkt des 1. Kapitels. Er ist als Jugendlicher in Eline aus seinem Dorf verliebt, ohne ihr dieses Verliebtsein offen zu gestehen. Aber er gibt einem seiner Boote den Namen Eline. Nach dem Tod seiner Eltern lebt er allein in dem ererbten Haus, er fährt mit dem Boot in die nächst größere Stadt. Dort hofft er die seine Nähutensilien, Faden und Nadel, kaufen zu können: Er landet schließlich in einem Modehaus, dessen Besitzer sich ihm gegenüber, dem etwas unbeholfenen Mann vom Lande, arrogant zeigen.Und sie sind so unverschämt und verkaufen ihm ihm die gewünschten Sachen zu einem Wucherpreis: Jatgeir ist darüber hoch erstaunt und wütend. Aber er hat nicht die Kraft, diesen Handel abzulehnen oder einen angemessenen Preis zu verlangen.

5.
Hier soll nicht die Erzählung nach-erzählt werden: Wichtig ist: Jatgeir ist ein schwacher Mann, er kann nicht Nein sagen. Als er wie im zwanghaften Verhalten dann auch in einem anderen Ort noch einmal Garn und Nähnadel kauft, wird wieder ein Wucherpreis verlangt: Jatgeir akzeptiert diese Unverschämtheit, er ist schwach, man möchte sagen, er ist existentiell ermüdet. Das gilt vor allem auch, als er plötzlich die alt gewordene Eline trifft, die heimliche Liebe aus der Jugend. Sie tritt unwiderstehlich fordernd auf, will unbedingt mit dem Boot Jatgeirs in dessen Dorf reisen und dort bei ihm einziehen. Sie hat sich ganz plötzlich von ihrem Mann („Frank“) getrennt … und will unbedingt zu Jatgeir. So fährt Eline also mit Jatgeir auf dessen Boot davon, mit dem Namen Eline…Und Jatgeir beugt sich seinem Schicksal, das ihm diese Frau zuweist. Wundersame Konstellationen…

6.
Eline, die alles bestimmende Frau, die keine Widerrede duldet, die wie eine Art Schicksalsengel auftritt: Das gilt auch für die Begegnung mit Olaf in einer Kneipe in der großen Stadt, davon spricht das dritte Kapitel. Ein Olaf sitzt mit seinen Fischer – Kollegen in der Kneipe, Eline stürzt förmlich auf ihn zu und nennt ihn einfach Frank. Olaf erhält also von Eline den neuen Namen: Frank! Olaf kann sich dagegen nicht wehren. Er gilt von nun als Frank, wird also mit dem neuen Namen förmlich eine andere Person, auf Befehl Elines. Mehr noch: Eline befiehlt Frank, die Kneipe zu verlassen und mit ihr in Franks Haus zu fahren: Denn sie hat beschlossen, mit Frank zu leben. Und Frank hat keine Kraft, Nein zu sagen. Wundersame Dinge geschehen mit diesen beiden Männern, wundersam, was sie alles so mit sich machen lassen. Sie sind förmlich dem „Schicksalsengel“ Eline hilflos ausgesetzt… Auf S. 150 heißt es in den Worten Franks über das wundersame Verhalten Elines, die nun plötzlich doch wieder mit ihm zusammenleben will: Frank also denkt sich:„Ich versteh, dass das, was ich will oder nicht will, nichts zu bedeuten hat, Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer, was ich auch meinen und sagen sollte, ja es zählt nicht im geringsten, so war es, und sie ist es, und so wird es wohl auch bleiben, denke ich.“ Eine Art unveränderbarer Ewigkeitsaspekt wird da im Verhalten Elines angedeutet, fast eine göttliche, eine nicht zu korrigierende Allmacht. Das Wundersame im Sinne von Fosse kann auch furchtbar sein…Wobei man sicher nicht darauf abheben sollte, dass nun eine furchtbare Frau herrscht über existentiell müde, erschlaffte Männer. Es wird die Realität der Herrschaft angesprochen, die Menschen „so einfach“, mitten im Alltag über andere ausüben, wenn diese anderen denn müde und erschlafft sind und nicht mehr Nein sagen können. Das ist auch ein Stück Gesellschaftskritik, nicht nur Kritik an gehorchenden, müden Männern oder tyrannisch wirkenden Frauen.

7.
Wundersam ist das ganze zweite Kapitel: Da steht Elias im Mittelpunkt, der sehr einsam und ziemlich verwahrlost in seinem Häuschen, in Vain, dort wohnt auch Jatgeir, der Freund. Die LeserInnen haben Anteil an der tiefen Irritation des Elias: Er hört das ständige Klopfen an seiner Tür, will nicht aufmachen, öffnet nach langem Hin und Her schließlich doch: Dann tritt sein Jatgeir ein, ein seltener Gast, der aber schnell wieder sich verabschiedet: Elias ist total irritiert über diesen wundersamen Besuch. Schließlich hört er später von Leuten am Hafen, dass Jatgeir längst tot aus dem Meer geborgen wurde. Hat Elias also geträumt, hatte er Halluzinationen? Der Autor lässt das offen, er will den Sinn wecken für das Ungewöhnliche mitten im Alltag einsamer Menschen, es geht auch hier um das plötzliche Eintretende, das Erstaunliche…das „Wundersame“.

8.

Dieses Interesse des Autors Jon Fosse am „Wundersamen“ hat nichts mit spinöser Esoterik zu tun. Es werden nur Erfahrungen im Alltagsleben existentiell – ermüdeter Menschen (Männer) ausgebreitet, die hilflos neurotisch – autoritären, übergriffigen Menschen ausgesetzt sind. Und diese Erfahrungen müssen einmal mehr dargestellt werden. Als Aufklärung, als Warnung. 

9.
Jon Fosse äußert sich öffentlich explizit als Christ, in Norwegen ist er im Jahr 2012 zum Katholizismus konvertiert. Von daher ist es für uns nicht erstaunlich, dass am Rande auch das Gebet in der Erzählung Vaim erwähnt wird. Jatgeir erzählt etwa, das Vater Unser regelmäßig zu beten. Und vor allem Elias ist mit der Kirche in Vaim verbunden, mehr aber mit dem „Bethaus“, was immer „Bethaus“ bedeuten soll. Vielleicht will Fosse sagen: In den großen Kirchengebäuden der lutherischen Staatsreligion in Norwegen wird eher zu wenig gebetet, „wirklich“ gebetet wird in den kleinen Kapellen, den Bethäusern der eher am Rande lebenden kleinen Konfessionen.
Und Frank, der sich selbst nicht als „besonders gottgläubig“ (S. 156) versteht, setzt dann doch als seinen Erben das Bethaus zu Vain ein. Im Rückblick sagt der alte Frank, nachdem auch Eline gestorben ist: „Ich bin nie zu einem anderen Schluss gekommen, als das all das wundersam war“. Und er wollte diese seine Weisheit sogar auf seinen Grabstein setzen lassen, entschied sich dann für etwas Schlichteres: Nur ein Kreuz sollte auf dem Grabstein sichtbar sein und sein eigentlicher, sein wahrer Name Olaf darauf stehen.

10. ERGÄNZUNG am 29.1.2026:

Einige LeserInnen dieses Beitrags haben gefragt: Ist es denn nicht etwas sehr Fremdes, Fernes, ja sogar Konstruiertes, wenn Jon Fosse unser Interesse auf das Wundersame, Erstaunliche mitten im Leben lenkt? Ich will diese Frage weiterführen mit einem Hinweis auf eine zentrale Aussage der belarussischen Oppositionellen Maria Kalesnikava.

In einem Gespräch mit Sandra Maischberger am 28.1.2026 in der ARD äußerte sich Maria Kalesnikava über die sechs Jahre in den Gefängnissen des belarussischen Diktators Lukashenko, auch über ihre Einzelhaft.
Maria Kalesnikava wurde nach Verhandlungen (einem Wirtschaftsdeal mit Trump) überraschend im Dezember 2025 entlassen, sie lebt jetzt in Deutschland.
Erstaunlich bleibt ihr Bekenntnis, in welcher Weise sie die Jahre der strengen Einzelhaft, ohne direkten Kontakt zur „Außenwelt“, überleben konnte. Maria Kalesnikava sagt u.a.:
„Ich habe auch in der kompletten Isolationshaft mich nie allein gefühlt. Ich habe immer Unterstützung von der Familie, von Freunden, von Kollegen weltweit gespürt. Ich war sicher, dass wir Menschen bleiben immer zusammen, egal, dass es nun diese Grenze, diese Wände (der Zelle) gibt. Das trennt uns nicht, macht Liebe, Freundschaft, nicht kaputt. Ich hab mich nie allein gefühlt.“

Maria Kalesnikava hat sich in ihrer Isolationshaft durch die Kraft ihres Geistes gestärkt gefühlt, weil sie fest der Überzeugung war: Es gibt liebe Menschen, die an mich denken. Es gibt mit ihnen eine geistige Verbundenheit, die mein Leben rettet. Soll man diese Erfahrung nicht auch wundersam nennen?

Zum TV Beitrag selbst:   LINK 
Jon Fosse, „Vaim, Roman.“ Rowohlt Verlag ,2025, 156 Seiten, 24€. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Mit Boccaccio in die Religionskritik

Erinnerungen an den Dichter anläßlich seines 700.Todestages am 21. Dezember

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.

Die Erinnerung an den Dichter Giovanni Bocaccio anläßlich seines 700. Todestages am 21. Dezember 2025 führt uns zu seinem Werk, vor allem zum „Decameron“ und dort besonders zu seiner Kirchen – und Kleruskritik und von dort aus weiter zur Erkenntnis der Historiker: Die „Christenheit“ im (Spät-) Mittelalter und der Renaissance war überhaupt nicht vorbildlich fromm, wie die Idealisierer der mittelalterlichen katholischen Welt stets gern behaupten. Dabei erinnern wir zugleich an die grundlegenden Erkenntnisse des Mentalitäts – Historikers Jean Delumeau in seiner grundlegenden Studie „Stirbt das Christentum“ (1978): „Von einer mittelalterlichen Christenheit kann man nur sprechen, indem man sich an den Mythos eines goldenen Zeitalters klammert.“ (S. 36) 

2.

Erotische Liebe, selbstverständlich nicht die „platonische“, sondern die ganzheitliche, also körperliche, nicht nur verstehen, sondern in aller Leidenschaft praktizieren: Davon ist der Dichter Giovanni Boccaccio überzeugt und so erzählt er voller Lust – im Spät-Mittelalter! 

Giovanni Boccaccio  wurde am 16.6.1313 in oder bei Florenz geboren, vor 700 Jahren ist er gestorben. Boccaccio ist einer der Meister italienischer Dichtung im Übergang vom Spätmittelalter in die Renaissance und den Humanismus. Und er ist aktuell, wird neu übersetzt und wohl auch gelesen bis heute, man denke an den Film „Decameron“ von Pasolini im Jahr 1970. 

Wir erinnern an Boccaccio, weil er die erotische Liebe als Lebenskraft versteht – und dies ausgerechnet in Zeiten tiefer existentieller Bedrohung: Von 1346-1353 wurde Italien, wurden große Teile Europas, von der Pest, dem „schwarzen Tod“, heimgesucht. Etwa 25 Millionen Menschen starben an der Seuche.

3.

„Decameron“ hat Boccaccio während der Pest entwickelt und 1351 vollendet. Er erzählt von jungen Leuten, die 1348, während der Pest, die Stadt verlassen und in der Umgebung von Florenz Sicherheit und Zuflucht suchen. Zwei Wochen erzählen sie sich Geschichten, Novellen.

„Boccaccio empfiehlt die Liebe als Lebenskraft in der Todeszeit der Epidemie. Er zeigt, „wie gefährdet die Liebe ist in der realen Welt der Familie, der Geschäfte und der feudalen Herrschaftsverhältnisse“, schreibt der Philosoph und Mittelalter – Spezialist Kurt Flasch in der „Süddeutschen Zeitung“ am 20./21. Dezember 2025, Seite 20. Boccaccio erzählt, „wie nach dem Ausbruch der Pandemie viele Einwohner seiner Heimatstadt Florenz ihren sozialen Verpflichtungen nicht mehr nachkamen, wie das soziale Leben zerstört wird.“ 

4.

Ein anderer der großen italienischen Dichter, Dante Alighieri (1265-1321) muss in dem Zusammenhang erwähnt werden. Dante ist noch stark an den katholischen Glauben und seine Dogmen gebunden, ist aber doch ein heftiger Kritiker des Klerus. Also: Kirchenkritik ist in Italien im 14. Jahrhundert in Kreisen „gebildeter Laien“ üblich. Auch Boccaccio leistet dazu einen wichtigen Beitrag, religionsphilosophisch bedeutend und aktuell für die Gegenwart: Er kritisiert den Lebenswandel des Klerus, dessen Verlogenheit, dessen sexuelle Gier bei einer scheinheilig betonten Keuschheit und Armut, oft in einem ironischen, in einem unterhaltsamen Ton. Man denke an die Geschichte des damals ziemlich berühmten „Ser Ciappelletto“ , wie die Franzosen sagen, in Italien ist es der Cepperello, ein Bösewicht sondergleichen: Betrügen, morden, huren… und darauf ist er noch stolz: Auch Lügen ist seine große Stärke. Er erzählt einem Mönch so viele Unwahrheiten von sich selbst, dass dieser arme, aber dumme Geistliche alles glaubt und dafür sorgt, dass die Frommen, ebenfalls als die Dummen dargestellt, diesen bösen Typ als einen Heiligen verehren. Allein schon mit dieser Geschichte der leichtgläubig Gläubigen, im Klerus wie unter den Laien, zeigt Boccaccio seine Skepsis gegenüber der kirchlichen, vom Klerus bestimmten  Welt der Naivität, Lüge, Verführbarkeit durch Unwissen. 

5.

Der Philosophiehistoriker Georges Minois hat seinem Standardwerk „Geschichte des Atheismus“ (2000,  S. 169 ff., auch S. 95 ff.) in einem Kapitel „Der Unglaube in Italien“ auf Boccaccio hingewiesen: „Das Dekameron wimmelt von Bildern und Porträts , die eine liederliche und ungläubige Gesellschaft zeigen….“ (S. 98). In seinem Text „De genealogia deorum“ , „Über die Genealogie der Götter“ (1360), weist Boccaccio förmlich schon auf Ludwig Feuerbach (1804-1872), wenn er die Götter als Konstrukte der Menschen versteht.  Die kirchenkritischen Autoren am Ende des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit „dürfen alles schreiben, nur nicht, was die Macht des Papstes angreift. Weil man in Rom den Atheisten, den Sodomiten , den Freigeistern und vielen anderen Schurken verzeiht, niemals aber denen, die den Papst oder jene päpstliche Allmacht in  Zweifel zu ziehen scheinen“, so zitiert der Philosophiehistoriker Minois (S. 265) den französischen Philosophen Gabriel Naudé (1600-1653), Naudé hatte sich damals mit der Kirchenkritik ausführlich auseinandergesetzt.

6.

Frühe Interpreten Boccaccio, wie Prosper Marchand ,behaupteten 1759: Boccaccio sei ein „vollkommener Atheist gewesen“ (Minois, S. 98): Er denkt dabei an eine Erzählung im „Decameron“: Dort wird die Geschichte der Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen in einem Mythos erzählt, der später von Lessing als „Ringparabel“ allgemeine Aufmerksamkeit fand. Aber Boccaccio hat den Mythos schon erzählt. Aber wegen dieses Textes Boccaccio einen „vollkommenen Atheisten“ zu nennen, ist maßlos und falsch, Ausdruck christlicher Überlegenheit und Herrschaft damals, kein Wunder, dass Boccaccio Werke vom Papst auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher gesetzt wurde. 

7.

Im Blick auf die Geschichte der Kirche und des üblichen Sprechens von der „gläubigen Christenheit“ vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit schreibt der Historiker Jean Delumeau in „Stirbt das Christentum?“: „Diese Christenheit war eher eine autoritäre Konstruktion, ein gemeinsamer Rahmen für die Völker, als der bewusste Glaube der Massen an die Offenbarung…Die Christenheit wurde nie in übereinstimmender Überzeugung  oder gar des Verhaltens gelebt… Von diesem Standpunkt aus war die Christenheit ein Traum, den man für Realität gehalten hat.“ (S. 46f.). 

8.

Geträumt hat auch die Christenheit, unter der Herrschaft der Päpste, als der kritische italienische Theologe Lorenzo Valla (1406-1457) in seiner Schrift „Über die falsch geglaubte und erlogene Konstantinische Schenkung“ (Übersetzung des lateinischen Titels) aus dem Jahr 1440 beweisen konnte: Die Ansprüche der Päpste auf weltliche Macht mit einem Kirchenstaat durch eine Schenkung Kaiser Konstantins beruhen auf einer Lüge und Fälschung: Kaiser Konstantin (er hatte das Konzil von Nizäa 325 einberufen) hatte nie, wie die Päpste behaupten, die weltliche Macht der Päpste begründet. „Valla liefert die durchschlagenden historisch-philologischen Beweise“, dass die Konstantinische Schenkung eines Kirchenstaates eine Lüge ist. (T.S. Hoffmann, „Philosophie in Italien“, Wiesbaden 2007, S. 219). 

9.

Was also denken wir in einer eher knappen Erinnerung an Boccaccio: Eine von allen respektierte katholische Welt, vom Klerus zwar beherrscht, gab es schon im Mittelalter nicht. Einige Katholiken hatten den Mut, die verheerende  Sexuallehre der Kirche durch eine freie erotisch-sexuelle Praxis zu überwinden. Die Päpste konnten ihre politischen Machtansprüche durch Fälschungen und Lügen („Konstantinische Schenkung“) Jahrhunderte lang – auch durch Kriege, von Päpsten geführt, etablieren; der Vatikanstaat konnte sich bis 1870 als politische Macht halten! Wo sind heute im katholischen System Lügen und fundamentalistische Fehlinterpretationen der Bibel zu finden? Ein weites Feld. Der niemals akzeptable Ausschluss der Frauen aus den kirchlichen Ämtern ist das deutliche Beispiel für eine fundamentalitische Deutung von Jesu Worten und Praxis („Er hat ja nur Männer zu Aposteln erwählt“ heißt es dann im Rahmen des vatikanischen Klerikalismus. 

Sogar eine Erinnerung an den Dichter Boccaccio führt in die Tiefen aktueller philosophischer Religionskritik… 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mit Kompromissen leben. Aber nicht mit „faulen Kompromissen“

Ein Hinweis von Christian Modehn …   zu einem aktuellen Thema: Dem Krieg Russlands/Putins gegen die Ukraine und einem möglichen Frieden.Wird da ein „fauler Kompromiss“ ausgehandelt? Sehr wahrscheinlich! 

1.
Über Kompromisse wird jetzt wieder oft (nicht nur von Politikern) gesprochen. Mehr Klarheit über Kompromisse zu finden, ist sicher eine dringende Aufgabe. Dabei wird über Kompromisse in der Philosophie, der Ethik oder der Politologie eher selten diskutiert.

2.
Ein treffender Einstieg in die Diskussion über Kompromisse ist die Erkenntnis: Das menschliche Leben ist von vornherein und von Beginn des individuellen Lebens an von Kompromissen bestimmt. Schon allein die Entscheidung für einen Vornamen des Neugeborenen ist oft Ausdruck eines Kompromisses. Daher wohl die vielen Doppelnamen, „Rolf-Sebastian“ nimmt Bezug auf die Verwandten von Mutter und Vater…
Oft wird über die Kinder durch Kompromisse verfügt. Etwa: Wann der Vater das Kind besuchen kann im Fall einer Trennung von der Ehefrau. Auch die Entscheidung für eine Schule ist oft Ausdruck eines Kompromisses. In unserem Leben werden uns ständig Kompromisse zugemutet, die wir als „Alltags-Kompromisse“ explizit so gar nicht benennen. Etwa: Wenn der eine in der Partnerschaft/Ehe eher seinen Urlaub am Meer, der andere in den Bergen verbringen will: Anstatt die kurze Urlaubszeit auf verschiedene Orte aufzuteilen, wird man entscheiden: In diesem Jahr ans Meer, im nächsten Jahr in die Berge. Das schlichte Kompromiss – Beispiel soll nur zeigen: Wir machen ständig Kompromisse, und wir müssen sogar ständig Kompromisse machen, um ein halbwegs harmonisches Miteinander erleben zu können.

3.
Der Philosoph Avishai Margalit (lehrte an Unis in Jerusalem und Princeton) schreibt in seiner Studie „Über Kompromisse und faule Kompromisse“ (Suhrkamp, 2011): „Der Kompromiss, der sich etymologisch von co-promissum, dem gegenseitigen Versprechen, herleitet, ist eine auf gegenseitigem Versprechen basierende Kooperation“ (S. 49). Und: „Der Kompromiss ist ein wesentliches Element bei der Verringerung der Spannung zwischen Kooperationen und Konkurrenz.“ (ebd.). Kein Mensch erreicht in seinem Lebensentwurf und seinem Zusammenleben mit anderen, die völlige Durchsetzung bzw. Realisierung seiner eigenen Werte und Vorstellungen. „Die Umstände zwingen uns dazu, uns mit weit weniger zufrieden zu geben, als wir eigentlich wollen. Wir schließen einen Kompromiss.“ (Margalit, S. 14). Und genau diese Kompromisse als Notwendigkeit eines humanen, gleichberechtigten Zusammenlebens, sind ein Gewinn, Kompromisse sind kein Verlust für die TeilnehmerInnen des Kompromisses. Sie können mit der teilweisen Realisierung ihrer Werte leben … und zwar freundschaftlich mit anderen, die um meinetwillen auch mit der teilweisen Realisierung ihrer Werte zufrieden sind bzw. sich zufrieden geben müssen. Will ich total meine Werte immer und überall durchsetzen, bin ich schnell allein und isoliert. Nur Anhänger von Sekten oder fundamentalistischen Organisationen können im Ernst diese Position vertreten.

4.
In Demokratien bilden mehrere Parteien oft eine Koalition: Und diese kommt durch Kompromisse zustande: „Einen Kompromiss einzugehen heißt also, ein bestimmtes Ergebnis unter bestimmten Bedingungen für vorzugswürdig zu halten, nicht jedoch, es zu seiner eigenen Meinung machen zu müssen. Kompromiss ist eine Technik des gegenseitigen Nachgebens: Von den 100 Prozent des Parteiprogramms zu den X-Prozent der Koalitionsvereinbarung. Alle, die nachgeben, kriegen nicht, was sie wollten, aber alle kriegen eine Durchsetzungschance für Teile ihres Programms,“ so Oliver Lepsius in der Monatszeitschrift Merkur, Heft 919, Dez.2025.

5.
Demokratie lebt nur durch Kompromisse. Wer den Erhalt der Demokratie will, muss seinem demokratischen politischen Gegner nachgeben, weil er Demokratie will, dadurch bleibt er beteiligt an der Regierung und kann auch politisch mitgestalten. „Ohne Kompromisse besäßen wir als politisch handelnde Gemeinschaft keine Einigung, Orientierung und Handlungsgewissheit.“ (Oliver Lepsius). Ein Kompromiss ist also kein Verlust, kein Defizit, sondern ein Gewinn, schreibt Oliver Lepsius, „um politische Meinungen und Überzeugungen in Entscheidungen zu verwandeln“, um etwa zu einer handlungsfähigen Koalition in einer Demokratie zu kommen.

6.
Ein Kompromiss ist mit einem Konsens NICHT identisch: Ein Konsens ist eine Übereinstimmung aller Beteiligten, die zu einer und demselben Überzeugung gelangt sind, also einer einzigen Meinung sind. Bei einem Kompromiss hingegen hat jeder, der mit dem anderen diese Entscheidung für den Kompromiss eingeht, nach wie vor seine eigene, seine von dem anderen verschiedene Meinung. Aber die totale Durchsetzung der eigenen Meinung stellen beide Parteien für die gemeinsame Arbeit oder für die Zeit des gemeinsamen Lebens zurück. Jeder Kompromiss kann neu verhandelt werden.

7.
Es gibt auch die „faulen Kompromisse“, die – wie der Name sagt – widerlich sind und „stinken“. Und faul heißen sie auch, weil die eine Seite und deren Verbündete offenbar auch „faul“ im Nachdenken waren, so dass der Gegner über den anderen sich durchsetzen konnte. Tatsächlich sind „faule Kompromisse“ Realität im Umgang mit Diktatoren und anderen politischen Verbrechern, etwa Aggressoren im Krieg.
Ein fauler Kompromiss ist eine Übereinkunft, „die um jeden Preis vermieden werden muss“, schreibt Avishai Margalit (S. 109). Und auf S. 108: „Ein Kompromiss ist nur dann faul, wenn er ein unmenschliches Regime etabliert oder stützt.“

8.
Man denkt bei dieser Bewertung naheliegend an den Krieg, den die Russische Föderation, mit ihrem Präsidenten Putin, gegen die Ukraine schon vor Jahren begonnen hat (Krim-Annexion 2014), und den Russland seit dem 24.2. 2022 noch umfassender und brutaler führt.
Eines Tages wird es wohl Frieden geben. Und Demokraten und Putin-Feinde in aller Welt, vor allem das ukrainische Volk, werden dann ihre vertraute Ukraine in den ihnen vertrauten und selbstverständlichen Grenzen von 2003 nicht mehr erleben. Denn: Dass die Ukraine und ihre Verbündeten dieses Russland, Putin, besiegen und dadurch zur Rückgabe der besetzten ukrainischen Gebiete zwingen können, ist leider eher unwahrscheinlich. Zumal wenn man an die völlig unklare Russland-Politik von Mister Trump denkt.
Es wird also – leider – einen faulen Kompromiss als Friedensvertrag geben, der allein deswegen vereinbart wird, um der tötenden und zerstörerischen Gewalt Russlands ein Ende zu setzen.

9.
In dieser durchaus abstrakt erscheinen Überlegung ist es wichtig: Dieser faule Kompromiss zwischen Russland und der Ukraine hatte als Voraussetzung schon faule Kompromisse vor Kriegsbeginn im Jahr 2022: Als nämlich Jahre zuvor schon die westlichen Demokratien, die EU, besonders Deutschland, um des eigenen ökonomischen Vorteils willen, Verträge mit Russland abgeschlossen hatten, bezogen auf die „günstigen“ Öl -und Gas-Lieferungen Russlands. Aus ökonomischem Egoismus der europäischen Staaten wurden die kriegerischen Aggressionen Russlands gegen Georgien (die georgischen Territorien Abchasien und Südossetien sind seit 2008 von Moskau abhängig) und gegen die Krim (2014) dann aus ökonomischen Gründen übersehen. Dies waren bereits faule Kompromisse mit Putin, in denen sich Demokratien auf den Diktator Putin einließen, diese faulen Kompromisse stärkten den Diktator und ermöglichten ihm den Krieg seit 2022… Und eines Tages wird zu einem noch viel umfassenderen „faulen Kompromiss“ kommen, zum Schaden der Ukraine und letztlich zum Schaden des von Russland bedrohten Europa.

10.
Man muss fragen, ob es Kompromisse auch für Gesellschaften und Organisationen geben kann, die behaupten, „die“ Wahrheit total auf ihrer Seite zu haben. Etwa die göttliche Wahrheit in den Religionen, zum Beispiel auch im Katholizismus. Damit sind wir bei der Frage: Gibt es, gab es, Kompromisse innerhalb der katholischen Kirche? Einer Kirche, die von sich selbst offiziell behauptet, „allein selig-machend“ zu sein. Ist eine solche Organisation zum Kompromiss fähig?
Kompromiss setzen in unserem Fall gegenüber dem Papst usw. die kritischen Katholiken voraus, die Kompromisse als Reförmchen fordern. Bestenfalls kann dann von sehr bescheidenen Kompromissen die Rede sein: Zum Beispiel: In vielen Ländern dürfen seit einigen Jahren, durch bischöfliches Entgegenkommen gegenüber den „Laien“, nun auch Mädchen als Ministrantinnen dem Priester am Altar zu Diensten sein. War es ein Kompromiss, als der Papst auch die Feuerbestattung den Katholiken erlaubte? War es ein Kompromiss, als im 2. Vatikanischen Konzil die Religionsfreiheit offiziell anerkannt wurde? Sicher waren es Kompromisse, weil die Kirchenführung spürte, ohne solche Zugeständnisse würden noch mehr Leute die Kirche verlassen oder die Kirchen stände sehr sehr blamabel in der Moderne da. Weil aber die katholische Kirche keine Demokratie ist, in der Kompromisse üblich und angesehen sind, nannte also diese Kirche ihre Kompromisse Reformen. Aber eben nicht eine „Reformation“, denn diese würde das System dieser Kirche erschüttern.

Sehr ausführlich äußert sich zu diesem philosophisch vernachlässigten Thema „Kompromiss“ Véronique Zanetti, in „Spielarten des Kompromisses“, Suhrkamp, 2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hoffnung denken und Hoffnung leben. Wider die Gesellschaft der Angst…

Hoffnung denken und Hoffnung leben

Der Philosoph Byung- Chul Han: Seine Essays über den „Geist der Hoffnung“ .
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In unserer Gegenwart ist die Hoffnung bedroht, jene Hoffnung, die bekanntlich als „letzte stirbt“, wenn alles andere längst schon vernichtet wurde. Nicht nur die Hoffnung als die unverzichtbare philosophische und religiöse Idee ist bedroht, sondern die Hoffnung als die unverzichtbare „geistige Energie“ (oder „Elan“) in uns, die Mut zum Leben gibt, sie ermuntert uns zur Zukunft, sie erschließt uns Zukunft.

2.
Der Philosoph Byung-Chul Han legt vier philosophische Essays unter dem Titel „Der Geist der Hoffnung“ vor. Han ist in Deutschland als „südkoreanisch-deutscher“ Autor längst gut bekannt; seine Studien und Essays sind Ausdruck eigenständigen philosophischen Denkens. Sie nehmen die LeserInnen mit ins eigene Denken, ins Philosophieren, denn Philosophieren ist die lebendige Praxis „der“ Philosophie.

3.
Byung-Chul Hans Essays argumentieren stets vor dem politisch-kulturellen Hintergrund der Angst als der vorherrschenden Stimmung unter den Menschen nicht nur in Europa. Darum der Untertitel „Wider die Gesellschaft der Angst“.

4.
Der erste Essay, „Auftakt“ genannt, zeigt in unserer Sicht deutlich Byung-Chul Hans eigenes Hoffnungs-Denken. Ausgangspunkt ist die allgemeine Angst vor einem vernichtenden Ende von allem. So wird für sehr viele Menschen ihr Leben zu einem bloßen Über-Leben. Han schreibt: „Doch erst die Hoffnung läßt uns jenes Leben zurückgewinnen, das mehr ist als Überleben. Sie spannt den Horizont des Sinnhaften auf, der das Leben wieder belebt und beflügelt. Sie schenkt Zukunft.“ (S. 12). Dabei macht Han von vornherein klar: Hoffnung hat für ihn nichts mit Optimismus zu tun, jener zur allgemeinen Floskel geratenen `Blauäugigkeit` der unreflektierten Heiterkeit. „Im Gegensatz zum Optimismus, dem jede Entschlossenheit fehlt, zeichnet die aktive Hoffnung ein Engagement aus.“ (S. 17). Und dies ist zentral: Hoffen kann der Mensch nur mit anderen. „Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“ (S. 18). Aber die herrschende Politik und Ökonomie, Han spricht treffend und zurecht von einem „neoliberalen Regime“(S. 21), vereinzelt den Menschen, „in dem es den Menschen zum Unternehmer seiner selbst macht.“ (ebd.). Gerade dieser erste Essay ist sehr treffend von einer Gesellschaftskritik bestimmt. Etwa: „Soziale Medien bauen paradoxerweise das Soziale ab. Sie führen letztlich zur Erosion des sozialen Zusammenhaltes. Wir sind bestens vernetzt, ohne jedoch verbunden zu sein.“ (S. 23). Sätze, die man als kritische Weisheit in jedes Schulbuch schreiben sollte… Oder diese treffende Erkenntnis: „Die Hoffnung ist das Ferment der Revolution, das Ferment des Neuen…Wenn heute keine Revolution möglich ist, dann deshalb weil wir nicht hoffen können, weil wir in Angst verharren, weil das Leben zum Überleben verkümmert.“ (S. 27). Ich hätte mir hier weitere Ausführungen gewünscht: Etwa: Welche Politiker zerstören in uns die Hoffnung systematisch? Welche Politiker sind längst – durch ihre kriegerischen Aggressionen (Russland), ihren rechtsextremen Rassismus, ihre MAGA-Wahnsinns-Ideologien, ihre sture und versteinerte Förderung der Millionäre und Milliardäre – diejenigen, die unser „Leben zum Überleben verkümmern“…

5.
Die drei weiteren, ausführlicheren Essays denken der Hoffnung nach als „Handeln“, als „Erkenntnis“ und als „Lebensform“. Diese Essays entwickeln die Notwendigkeit der lebendigen Hoffnung in Auseinandersetzung mit anderen PhilosophInnen. Byung-Chul Han stellt die Hoffnungs-Philosophie etwa von Albert Camus, Nietzsche, Ernst Bloch oder auch Hannah Arendt vor, er zeigt deren originellen Ansatz, unterstützt etwa den Tagtraum, weil er Hoffnung gebiert“ (S. 45)…Han lobt Ernst Blochs und mit ihm Pastor Martin Luther Kings Position: “AlleinTagträumer sind fähig zur Revolution“(S. 46). Han kann Hannah Arendt nur zustimmen, wenn sie das Geborenwerden zum Ausgangspunkt ihrer Hoffnungsphilosophie nimmt, er kritisiert aber Arendt, weil sie nicht sieht: „Hoffnung geht der Handlung voraus .. Es ist nicht die Handlung, sondern die Hoffnung, die Wunder bewirkt.“ (S. 53). Ohne Hoffnung also keine neue, gerechte Gesellschaft, ohne Hoffnung keine Revolution des Neuen, des Besseren…
Aber auch dies ist für den Philosophen Han wichtig: Hoffnung hat bei aller Notwendigkeit des tatkräftigen Engagements doch immer auch eine „kontemplative Dimension“ (S. 45). Dass Han auch Dichter einbezieht, wie Paul Celan, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und den Dichter (Politiker) Václav Havel. Gerade die Hinweis zu Václav Havel sind mir wichtig: „Havel verortet die Hoffnung nicht in der Immanenz der Welt. Ihre tiefsten Wurzeln hat sie im `Transzendenten`!“ (S.68) Diese Weite der Auseinandersetzung mit der Hoffnung ist bei Han ein deutliches Statement: Philosophieren lebt nicht nur von sich explizit philosophisch nennenden Texten der sich Philosophen nennenden Denker. Und man hätte gern gewusst, in welcher expliziten Beziehung Han die im Buch abgedruckten Arbeiten Anselm Kiefers sieht…Es sind doch philosophische Bilder, oder?

6.
Byung Chul Han, der auch katholische Theologie in Freiburg studiert hat, kennt natürlich die drei Lebensformen, die der Apostel Paulus ins Zentrum seines Denkens stellt: Glaube-Hoffnung-Liebe. In der zweifellos berühmten Stelle im Ersten Brief an die Korinther, Kap. 13, Vers 13 schreibt Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. Natürlich ist es philosophisch nicht nur reizvoll, sondern dringend, den Zusammenhang dieser menschlichen Lebenshaltungen und ihr Miteinander-Verbundensein zu erörtern. Denn die Abfolge der drei Begriffe hat Paulus nicht zufällig so gesagt. Und es eines der Resultate der Lektüre des Buches „Der Geist der Hoffnung“ von Byung-Chul Han, dass sich die LeserInnen selbst die Mühe machen, den Zusammenhang und das Aufeinander-Verwiesensein dieser drei Begriffe bzw. Lebensformen zu bedenken.

7.
In dem Sinne verweist für mich „Glaube“ auf die Beziehung des Geistes der Menschen zum Grund der Welt und der Menschen. Diesen Grund kann man göttliche, schöpferische Kraft nennen. Weil Menschen auf diesem „Grund“ leben, können sie die Hoffnung entwickeln, die zum Einsatz führt, etwa als Widerstand gegen die politisch – extremen Kräfte, die diese Welt inhuman gestalten. Und dann die Liebe, die Paulus als „die größte“ Lebensform in einem Leben des Glaubens und Hoffens herausstellt. Also: Liebend glauben und liebend hoffen (dann auch handeln), darauf kommt es an, wenn wir die Liebe zu uns und den anderen gestalten wollen.

8.
Ich halte die Abfolge der drei Begriffe im Sinne von Paulus: „Glaube – Hoffnung – Liebe“ für sinnvoll, wenn nicht geboten. Han scheint eher Wert zu legen auf diesen Zusammenhang : „Hoffnung, Glaube und Liebe“ (S. 109). Die Hoffnung ist also für ihn das Erste, die zentrale, grundlegende Lebensform…

9.
Der vierte Essay (S. 95 – 112) ist vor allem eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers „Sein und Zeit“. Han beschreibt Heideggers Position sehr klar und deutlich, diese Seiten empfehlen sich förmlich für bislang Unkundige als Einstieg in „Sein und Zeit“. Aber Han, dessen frühe Arbeiten explizit auf Heidegger bezogen sind, kritisiert das Denken in „Sein und Zeit“ grundlegend:“Heideggers Denken ist insofern griechisch, als es sich am Gewesenen, am Wesen, orientiert. So definiert er selbst das Mögliche vom Wesen her. Es ist nicht das Kommende, das Noch-Nie-Dagewesene…Nicht Elpís (Hoffnung), sondern Mnemosyne (Erinnerung) lenkt Heideggers Denken“ (S. 111). Insofern ist von Heidegger keine Wegweisung zur humaneren Zukunft der Gerechtigkeit mit weniger dominierender Angst zu erwarten. „Heideggers Denken hat keinen Zugang zum Kommenden, nämlich zur Zukunft als Avenir…nicht das Heideggersche Vorlaufen zum Tod,(in „Sein und Zeit“), sondern das Vorlaufen zur neuen Geburt ist die Gangart des hoffenden Denkens. In die Welt kommen als Geburt ist die Grundformel der Hoffnung.“ (S. 112).

10.
In dem wichtigen, inspirierenden, ins Weiter – Denken führende Buch Byung-Chul Hans vermisse ich Hinweise zur Frage: Welche Hoffnung bleibt angesichts des Todes? Gibt es eine begründete Hoffnung auf irgendeine Form eines wie auch immer gearteten Lebens des Geistes über den Tod hinaus? Wer sich etwa an den Aufsatz „Tod“ in Byung-Chul Hans Studie „Philosophie des Zen-Buddhismus“, Reclam Verlag, 2002), S. 96 ff. erinnert: Da beschreibt Han eindringlich, wie sich im Zen- Buddhismus eine deutliche Verkapselung des Menschen in seine erlebte Endlichkeit zeigt: „Die Endlichkeit kommt zum Leuchten ohne den Glanz des Unendlichen, ohne den Schein der Ewigkeit“ (S. 107). Und Han scheint sich der zen-buddhistischen Überzeugung anzuschließen, sie mindestens philosophisch sehr hoch zu schätzen. „Erst nach dem Töten des Todes im Zenbuddhismus ist man ganz lebendig, d.h. man lebt ganz, ohne den Tod als das andere des Lebens anzustarren. Ganz lebendig … fällt mit ganz sterblich zusammen. Die zen-budhistische Wendung des Tode geschieht ohne Trauerarbeit. Sie wendet das Endliche nicht ins Unendliche. Sie arbeitet nicht gegen die Sterblichkeit.“ (S. 113).
Wobei die grundlegende Frage bleibt: Wenn der Zen-Budhismus sich selbst als an die Immanenz gebunden weiß, dann weiß er mindestens umthematisch auch um eine Transzendenz, sonst wäre die Rede von Immanenz sinnlos.
Fragen, die über das neue Buch „Der Geist der Hoffnung“ hinausweisen, aber auf die Entwicklung der Philosophie Byung-Chul Hans aufmerksam machen.

Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung. Wider die Gesellschaft der Angst. Mit Abbildungen von Anselm Kiefer. Ullstein Verlag, 2024, 2. Aufl., 128 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Hannah Arendt: Fünfzig Jahre tot … Ihr Denken lebt

Ein Hinweis anlässlich ihres Todestages am 4. Dezember 1975
Von Christian Modehn am 22.11.2025

1.
Über Hannah Arendt ist jetzt eine umfangreiche Biographie erschienen: Willi Winkler, Autor und Journalist, erschließt mit wissenschaftlicher Klarheit (bei einem 50 Seiten umfassenden Anhang mit Belegen und Fußnoten und Register sowie zahlreichen Fotos), angenehm zu lesen, durchaus mit kurzen, ironischen Kommentaren am Rande, das Leben Hannah Arendts: Ihr 50. Todestag am 4. Dezember 2025 könnte ein Anlass sein, mit ihren Büchern ins philosophische Fragen, auch zur Notwendigkeit des politischen Handelns zu gelangen. Viele einzelne Erkenntnisse Hannah Arendts könnten schon fast als „Denksprüche“ gelten: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (ursprünglich von Kant) oder „Jeder hat die Fähigkeit, einen neuen Anfang zu setzen“ oder „Denken ohne Geländer“ oder: „Macht beginnt immer dort, wo die Öffentlichkeit aufhört.“ Sogar PolitikerInnen (Angela Merkel, Robert Habeck, Frank Walter Steinmeier, Winfried Kretschmann…) loben heute Hannah Arendt, sie haben offenbar einige ihrer Bücher gelesen.

2.
Natürlich wollen wir hier in wenigen Sätzen nicht das ganze Leben Hannah Arendts zusammenfassen: Hannah Arendt ist eine unabhängige philosophisch -politische Autorin, die sich nicht in „Schubladen“ einsortieren lässt. Sie ist Jüdin, kritisiert aber heftig den Staat Israel und die damalige Regierung. Sie hat als Jüdin bei dem katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini in Berlin studiert und später bei Karl Jaspers eine Promotion über den heiligen Augustinus geschrieben. Sie kennt die Philosophie von Karl Marx, ist aber keine Marxistin. Sie setzt sich leidenschaftlich für die Menschenrechte (Gleichheit!) ein, ist aber keine Feministin. Sie irrt auch bei politischen Stellungnahmen, etwa zu den Rassenauseinandersetzungen in „Little Rock“ (USA) im Jahr 1958 (siehe „Denken ohne Geländer“, S. 157.) Sie bekämpft antisemitische Mentalitäten, muss aber – um veröffentlichen zu können – in den Verlagshäusern der BRD mit alten Nazis zusammenarbeiten.

3.
Die Frage ist alles andere als „bloß akademisch“: In welcher Weise ist Hannah Arendt Philosophin? Sie ist sicherlich nicht „nur“ Philosophin, ihre Promotion 1928 in Philosophie bei Karl Jaspers und ihre Heidegger – Lektüren und – Vorlieben sind bekannt. Sie verstand sich explizit als Jüdin nach ihrer Flucht aus Nazi – Deutschland, also seit ihrer Zeit in den USA, als eine auch publizistisch – journalistisch arbeitende „Theoretikerin“ des Politischen, immer mit philosophischem „Background“. Willi Winkler schreibt zwar gleich zu Beginn: „Zweifellos ist an ihr (Hanna Arendt) eine Philosophin verloren gegangen“ (Seite 10), weil sie ihre philosophische Karriere in Deutschland als Jüdin in der Nazi – Zeit nicht fortführen konnte. Und Winkler zitiert Arendt: „Der Philosophie habe sie (in den USA) endgültig Valet gesagt“ (S. 258)… Immerhin betont Hannah Arendt auch: „Sie sei aus der deutschen Philosophie hervorgegangen“ (S. 263). Beweis dafür sind ihre Bücher „Vita aktiva“ (1958 ), „Vom Leben des Geistes (posthum 1978) oder „Über das Böse“ (posthum 2003: Dies sind philosophische Studien. Insgesamt gilt: Hannah Arendts Bücher, Aufsätze und Stellungnahmen handeln von Politik, vom politischen Leben und politischem Kämpfen, aber verbunden mit philosophischen Perspektiven.

4.
Das Buch von Willi Winkler ist also eine ausführliche Biographie, über Arendts Ehemann Heinrich Blücher wird detailliert berichtet wie auch über ihre erste Ehe mit Günter Anders (bzw. Günter Stern)… Zu ihrer Verbundenheit mit ihrem Liebhaber Martin Heidegger siehe Nr. 8 in diesem Hinweis.
Die Stellungnahmen Winklers zu Arendts Veröffentlichungen sind eingebunden in die kritische Würdigung ihres intellektuellen, philosophischen und vor allem politischen Umfeldes zumal in den USA (dort seit 1941.) Es ist ein Leben, das sich die eigene Freiheit im Denken und Handeln und im – subjektiv gestalteten – Umgang mit Freunden und Gegnern (man denke an ihre Abgrenzung von Theodor W. Adorno) förmlich erkämpft und dann verteidigt.
Uns erscheint es bemerkenswert und wichtig: In dieser Arendt – Biographie werden ihre vielfältigen Begegnungen in Deutschland (BRD) und mit den Deutschen seit 1949 dargestellt. Willi Winkler beschreibt treffend die wirklichen Verhältnisse: „Die alten Nazis sind weiter und wieder nicht bloß im Amt, sondern überall… Hannah Arendt hat kein Problem damit, das Land der Mörder zu besuchen, sie hat ein weites Herz… aber sie traut ihnen (den Deutschen) nicht, sie hält die Deutschen auf Abstand.“ (S. 173).
Und viele LeserInnen werden noch „neue“ Informationen finden: Über die Nazi – Verbindungen etlicher verantwortlichen Lektoren des Piper – Verlages (in diesem Verlag erschienen/erscheinen die Bücher Arendts), etwa ab S. 175 ff.. Oder: Informationen über den im Piper Verlag tätigen Germanisten Hans Rössner, SA -, NSDAP – und SS-Mitglied, mit ihm hatte die Autorin Arendt zu tun, ohne von dessen Nazi- Verstrickungen zu wissen. Willi Winkler schreibt: „Nach dem Krieg wurde Rössner von der Spruchkammer als `Mitläufer` eingestuft, kam mit einer Geldstrafe davon und bewies seine Läuterung durch einen `prononcierten Philosemitismus´. Beim Antikommunismus musste er nicht umlernen“ (S. 180). Der knappe Satz „Beim Antikommunismus musste er nicht umlernen“ ist nur ein Beispiel für die zahlreichen sehr treffenden ironischen Kommentare Willi Winklers, die er nebenbei in seinen objektiven Bericht einfügt…
Die Studie Willi Winklers wird, wie gesagt, dadurch auch wertvoll, weil ausführlich an die „braune Vergangenheit“ der Menschen in Deutschland und etlicher BRD Politiker und BRD „Kulturschaffender“ erinnert wird – immer, um Hannah Arendts Auseinandersetzungen und Entscheidungen besser zu verstehen.
Auf die Nazi – Vergangenheit des ehemaligen bayerischen Kulturministers Theodor Maunz (CSU, Minister von 1957 -1964) wird deswegen hingewiesen (S. 284, aber auch 174 f.) Maunz ist ein berühmter Verfasser juristischer Standardwerke … und nach seinem Rausschmiss als Minister war der CSU Mann noch Mitarbeiter der „Deutschen Nationalzeitung“… Oder man muss an den rechtsextremen (SS – Mitglied) Armin Mohler erinnern: Er war in der BRD Redenschreiber für Bayerns Ministerpräsident Franz – Josef Strauß (CSU) und er hatte als „Leiter der Carl Friedrich von Siemens Stiftung ein eigenes rechtsnationales Netzwerk aufgebaut“ (S. 99). Mohler propagierte in der BRD die „Revolution von rechts“…

5.
Innerhalb der Biographie Willi Winklers sind uns einige Erkenntnisse besonders aufgefallen zu wichtigen Themen, an denen sich Hannah Arendt abarbeitete.
Zu Eichmann:
Hannah Arendt wurde 1961 von der Kultur – Zeitschrift „New Yorker“ als Reporterin nach Jerusalem geschickt zum Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann. Willi Winkler meint: Sie sei dort „eine schlechte Reporterin gewesen, sie hält es nur für wenige Tage dort aus“ (S. 225)
Für einige LeserInnen ist es vielleicht neu: Der BND hatte wegen des Chefs des Kanzleramtes (des einst führenden Nazis) Hans Globke in der Adenauer – Regierung alles Interesse daran: Dass Eichmann im Jerusalem Prozess bloß nicht zu viel plaudert, etwa von der Bedeutung Globkes für ihn und sein Amt. BND Chef Reinhard Gehlen versorgte über Mittelsmänner in Jerusalem Globke mit den neusten Nachrichten, damit er sich nicht beunruhige (S. 230). Die Bundesregierung hatte ohnehin mit der Regierung Israels abgesprochen: Im Eichmann Prozess gehe es nur um Eichmann und dessen „satanischem Plan der Endlösung der Judenfrage.“ Eichmanns Anwalt war der deutsche Robert Servatius, er war wie sein Assistent Dieter Wechtenberg in den Prozess als „Close associate“ des BND in den Prozess eingeschleust. Der Prozess gegen Eichmann war also sehr sorgsam von der BRD für die „deutsche Sache“ inszeniert (S. 227). Als auch der DDR – Anwalt Friedrich Karl Kaul als Prozessbeobachter in Jerusalem auftauchte, wurden ein BND Mitarbeiter und ein Journalist der Springer-Presse sehr nervös: Denn Kaul hatte offenbar Namen von Nazis im Umfeld der BRD Regierung sozusagen im Gepäck. BND und BILD Reporter, bestürzt und verängstigt, drangen in Kauls Zimmer im „King David Hotel“ ein und entnahmen dort die entsprechenden Unterlagen, die sofort nach Bonn weitergeleitet wurden. (S. 233)… Aber davon konnte Hannah Arendt nichts wissen (S. 233).
Selbstverständlich fehlt nicht eine Auseinandersetzung mit der Einschätzung Arendts, Eichmann sei eine Art Repräsentant der „Banalität des Bösen“. Der Autor ist sehr kritisch gegenüber Arendts fast schon populärer These von der „Banalität des Bösen“, das in Eichmann sichtbar werde. Leider erwähnt Winkler nicht die Studie von Irmtrud Wojak „Eichmanns Memoiren“ (2001). Darin wird gezeigt, dass sich Hanna Arendt in Jerusalem von der Verteidigungskonzeption Eichmanns sehr täuschen ließ, sie hat Eichmanns Aussagen vor Gericht dann doch Glauben geschenkt. „Sie war in Jerusalem (beim Eichmann – Prozess) intellektuell überfordert,“ schreibt Winkler (S. 240). In den Protokollen der Gespräche Eichmanns mit dem ehemaligen SS Offizier Willem Sassen hätte Arendt erfahren können, Eichmann war alles andere als ein bloß total gehorsamer, ziemlich dummer Deutscher Nazi, also eigentlich banal… Die Philosophin Bettina Stangneth hat die Dialoge Sassen – Eichmann in Argentinien dokumentiert und treffend bewertet. (Bettina Stangneth: „Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders“, Zürich 2011)
Willi Winkler schreibt: „Zum Skandal wurden vor allem aber Arendts Bemerkungen über die Judenräte und damit über die Juden insgesamt. Sie hatten, das war ihr Vorwurf, keinen Widerstand geleistet, als sie nach Auschwitz deportiert wurden…Sie hatten sich gleichschalten lassen und, noch schlimmer, mit den Nazis kollaboriert.“ (S. 256). Aus dem Befremden über die Aussagen Arendts sei offene Feindschaft vieler Juden gegen Arendt geworden… (S. 257).

6. Zum Staat und zu der Regierung in Israel:
Auf Seite 223 schreibt Willi Winkler. „Die Konfrontation mit dem zum Staat gewordenen Zionismus schockiert Hannah Arendt. Sie rebelliert gegen das Völkische (dort).“ Winkler kommt zu dem Schluss: „Hannah Arendt hasste die Regierung Ben Gurions …und die Adenauer Regierung auch.“ (S. 234). Und weiter: „Hannah Arendt ist entschlossen, den Juden in Israel und der Welt zu sagen, was ihr an Israel missfällt.“ (S. 224). Und beim Eichmann Prozess sah sie so viele Deutsche, die „so philosemitisch waren, dass einen das Kotzen ankommt.“ (S.224.) Arendt spricht – bezogen auf den Eichmann – Prozess in Jerusalem von der Deutschen „schwerster Krankheit“, so wörtlich weiter, der „Israelitis“ (S. 228.)

7. Zu Theodor W. Adorno:
In ihrer heftigen Kritik an dem Philosophen Theodor W. Adorno (und den ersten Mitgliedern der marxistisch geprägten „Frankfurter Schule“) ist Hannah Arendt geleitet von ihrer Zuneigung zu Walter Benjamin, den sie im Pariser Exil kennenlernte. Dessen wichtiges Manuskript zur Geschichtsphilosophie rettete sie auf der Flucht in die USA. Hannah Arendt beansprucht förmlich, gegen den Marxisten Adorno die authentische und beste Benjamin – Interpretin zu sein. Sie deutete Benjamin als einen Dichter (S. 64), nicht als einen marxistischen Philosophen. Die Frankfurter Schule nennt sie eine „Schweinebande“ (S. 344.), Adorno ist für sie „einer der widerlichen Menschen, die ich kenne.“ (S. 344). Von Adorno wird Arendt „ein altes altes Waschweib“ genannt. Philosophen-Gezänk der sich total wichtig nehmenden Denker…

8. Zu Martin Heidegger:
Willi Winkler bietet sehr ausgebreitet und ausführlich offenbar die meisten der bis jetzt erreichbaren Details zu Hannah Arendts Bemühen, gerade nach dem Krieg, nach dem Holocaust, mit ihrem alten Liebhaber aus Marburger Zeiten, dem Philosophen Martin Heidegger, in Freiburg wieder Kontakt aufzunehmen. Über dieses starke Insistieren Arendts auf Begegnungen mit Heidegger ist ohnehin schon viel geschrieben und über ihre vielfältigen Motive auch viel nachgedacht worden: Wie kann eine Jüdin, nach dem Krieg, nach dem Holocausst, noch so leidenschaftlich interessiert sein, mit Heidegger zusammenzutreffen? Dessen starke Bindungen an die Nazi – Ideologie damals schon bekannt waren. Willi Winkler hat diese Einschätzung: „Hannah Arendt arbeitet an der Rehabilitierung Heideggers.“ (S. 368) Und auf S. 372: „Sie will ihn verstehen und will ihn in dieser Lebensphase besser verstehen als je zuvor.“ Und auf S. 381 „Hannah Arendt hatte ihm längst verziehen. Sie muss nicht aussprechen, wie sehr sie dem Wiedersehen entgegenfiebert.“ Am 26. Juli 1967 dann eine Begegnung mit dem Heidegger, dem Geliebten der Jugend. Im August 1975 eine letzte Begegnung mit dem Greis.

PS1: In der Sammlung vieler (kurzer) Texte und Zitate aus dem Werk Arendts „Denken ohne Geländer“, Piper Verlag 2013, (S. 69) ist auch Arendts Beitrag zu Heideggers 80. Geburtstag 1969 abgedruckt. Darin bewertet sie in kaum präzisen Aussagen Heideggers parteipolitische Verbundenheit mit den Nazis als ein „Nachgeben der Versuchung.“ (S.69)Und sie meint, er wäre „nach zehn kurzen hektischen (sic) Monaten“ (gemeint ist mit dieser wohlwollenden Formulierung tatsächlich Heideggers explizite Nazi-Bindung), wieder „auf seinen angestammten Wohnsitz“ zurückgetrieben worden… Gemeint ist damit wohl, das für Heidegger übliche, angeblich politisch neutrale Seins- Denken, zu dem er wieder gelangte….Merkwürdige, dunkle Formulierungen schreibt da Hannah Arendt, offenbar voller Liebe zu Heidegger, indem sie sie dessen Sprachwelt des Dunklen, des Nebels, übernimmt.
PS2: Am 26. Mai 1976 ist Heidegger gestorben, ob es anläßlich seines 50. Todestages auch sehr viel Aufmerksamkeit geben wird? Wird man Heidegger im Rahmen der aktuellen, auch intellektuellen Zeitenwende nach rechts(außen) Heidegger neu schätzen lernen?

9.
Willi Winkler zeigt in seinem Buch, wie in den Auseinandersetzungen Hannah Arendts nach 1945 sehr viele Nazis in der BRD Politik und BRD Kultur nicht nur präsent, sondern bestimmend waren.
Dies ist heute ein bleibende Herausforderung, eine aktuelle Aufgabe: Rechtsradikale und Rechtsradikalismus in Deutschland, in Europa, den USA usw. öffentlich zu machen und vor den Vernichtern der Demokratie zu warnen. Zumal Rechtsradikale heute unter vielen ideologischen Gewändern auftreten („MAGA“, Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, Anti-Islam-Ideologie und Philo-Semitismus als Ersatz für den in diesen Kreisen bisher üblichen Antisemitismus…)
Wichtig bleibt Hannah Arendts Lehre, dass der Mensch als geistiges Wesen sich dadurch auszeichnet, dass er reflektieren kann, dass er also sein eigenes Handeln und Denken nicht nur stets beobachten und wahrnehmen muss, sondern auch bewerten soll … um überhaupt als Mensch gelten und bestehen zu können. Diese eindringliche, philosophisch bestens begründete Lehre Arendts bleibt dringend aktuell: Der Mensch soll sich selbst beurteilen an dem normativen und universellen Maßstab des Kategorischen Imperativs (Kant) und damit auch der Menschenrechte. Mit diesem normativen Wissen werden die USA von Arendt kritisiert, siehe etwa das Buch „Denken ohne Geländer“. Sie spricht dort von „einer grundsätzlichen Ungeistigkeit des Landes“ (S.244)… Und: „Jeder Intellektuelle ist hier (USA) aufgrund der Tatsache, dass er ein Intellektueller ist, in Opposition“ (ebd., geschrieben 1946 in einem Brief an ihren Freund, den Philosophen Karl Jaspers).

10.
Heute werden auch Grenzen im Denken Arendts genannt, wie sollte es bei seriöser Forschung auch anders sein, immer im Wissen, dass Arendt, vor 50 Jahren gestorben, doch nicht zu allen Themen als unsere Zeitgenossin gelten kann. Vom Desinteresse Arendts an speziellen Themen der Befreiung der Frauen wäre zu sprechen und damit auch davon, dass von ihr keine positiven Aufschlüsse zur Gender – Theorien zu erwarten sind oder auch keine Hinweise, wie wir mit dem Kolonialismus umgehen sollten.
Zur Ökologie und der von Menschen gemachten Zerstörung der Umwelt hat sich Hannah Arendt – soweit ich sehe – nicht geäußert.
Zu ihrer eigenen spirituellen, religiösen Haltung müßte wohl ausführlicher studiert werden. Ich finden ihre Äußerungen in einem Brief an Karl Jaspers im Jahr 1951 wichtig: „Alle überlieferte Religion, jüdische oder christliche, sagt mir als solche gar nichts mehr. Ich glaube auch nicht, dass sie irgendwo und irgendwie noch ein Fundament für etwas so unmittelbar Politisches wie Gesetze hergeben können“ (S. 236). Die Macht des Islamismus sah sie nicht oder den hinduistischen Fundamentalismus konnte sie offenbar nicht studieren, auch nicht die reaktionären Tendenzen im Katholizismus oder bei den Evangelikalen… Für Hannah Arendt ist, wie sie an Jaspers schreibt, „ein kindliches, weil nie bezweifeltes Gottvertrauen wichtig… „im Unterschied zum (dogmatischen)Glauben, der ja doch immer zu wissen glaubt und dadurch in Zweifel und Paradoxien gerät.“(S. 236 in „Denken ohne Geländer“).

11.
Was bleibt heute von Hannah Arendt – ein Fazit vermisst man in dem Buch von Willi Winkler, einer sehr umfangreichen Biographie („Ein Leben“)… Spätestens, wenn die „Kritische Gesamtausgabe“ (16 Bände) der Werke Arendts vollständig vorliegt, kann vielleicht mehr zum „Bleibenden“, Bedeutenden, nach wie vor Aktuellen im Werk Hannah Arndts gesagt werden. Leider ist in diesem anspruchsvollen Projekt der Gesamtausgabe keine vollständige Publikation ihrer Briefe vorgesehen, schreibt Willi Winkler (S. 439.) Zur Gesamtausgabe im Wallstein Verlag: LINK https://www.wallstein-verlag.de/reihen/hannah-arendt-kritische-gesamtausgabe.html

Willi Winkler, „Hannah Arendt – ein Leben, Rowohlt Verlag Berlin, 2025, 509 Seiten, 32 €.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat früher schon einige – z.T. ausführliche Hinweise zu Hannah Arendt veröffentlicht.
Wir nennen hier nur eine Beispiele:

— Über ein neues Buch von Lyndsey Stonebridge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.5.2024. LINK

— “Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern”: Hannah Arendt, verstorben am 4.12.1975.
Geschrieben am 20. November 2016.  LINK

— Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die “lebenden Leichname” und die Überflüssigen.
Geschrieben am 29. Dezember 2012.  LINK

— Hannah Arendt – eine Propagandistin von Martin Heideggers “braunem Denken” ?
Geschrieben am 20. Oktober 2016
Ist Hannah Arendt gebunden an Heideggers eher braunen Denkweg?
Ein Hinweis auf ein verstörendes und inspirierendes Buch von Emmanuel Faye, verfasst 2016  LINK 

— Hannah Arendt: Pluralität und Erfahrung des anderen. Sie haben ihre Wurzeln im Selbstgespräch des einzelnen.
Geschrieben am 4. September 2016.  LINK

Erhellend zum Thema Nazis in der BRD ist in unserem Zusammenhang eine Studie über den Eichmann Verteidiger Robert Servatius: Dirk Stolper: „Eichmanns Anwalt. Robert Servatius als Verteidiger in NS-Verfahren“, Frankfurt a. M./New York 2025, Campus, 498 Seiten, gebundene Ausgabe,  49 €. Siehe dazu die Rezension: https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/robert-servatius-anwalt-nazis-eichmann-prozess und auch:  https://www.arendt-research-center.de/team/index.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Eine philosophische Anklage gegen die heutige Gesellschaft: Byung-Chul Han

Der Philosoph Byung-Chul Han hat am 24. Oktober 2025 in Oviedo, im „Teatro Campoamor“, den „Prinzessin von Asturien – Preis“ in der Kategorie „Kommunikationen Humanwissenschaften“ erhalten.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.10.2025

1.
Die zahlreichen Studien des südkoreanisch – deutschen Autors finden auch in Spanien und Lateinamerika viel Interesse. Über die Vielfalt der Titel der Publikationen Hans kann man sich leicht etwa über wikipedia informieren. Man bedenke, dass die ersten Veröffentlichungen des Philosophen Han Fragen rund um Heidegger und den Zen- Buddhismus handeln. Die jüngste Publikation (2025) „Sprechen über Gott“ (Verlag Matthes und Seitz) als ein Dialog mit der Philosophin und Christin Simone Weil fehlt allerdings im Wikipedia Beitrag. Im Vorwort zu seinem neuen Buch „Sprechen über Gott“ schreibt Han: „Ich empfinde eine tiefe Freundschaft, ja eine Seelenfreundschaft für Simone Weil. So kann ich, selbst fast nach  100 Jahren, von ihren Gedanken Gebrauch machen, um zu zeigen, dass es jenseits der Immanenz der Produktion und des Konsums, jenseits der Immanenz der Information und der Kommunikation eine andere, höhere Wirklichkeit, ja eine Transzendenz gibt, die uns aus dem ganz sinnentleerten Leben, aus dem bloßen Überleben, aus dem quälenden Seinsmangel herauszuführen und uns eine beglückende Seinsfülle zu geben vermag.“

2.
Seine Rede anläßlich der Preisverleihung in Oviedo hielt Byung – Chul Han auf Deutsch, sie ist eine heftige Verteidigung der Bedeutung der Philosophie in der neoliberalen Gesellschaft. Sie ist anregend und aufregend, wie es sich für Philosophie gehört.

3.
Wir zitieren einige Ausführungen aus dieser Rede, die wir der Website der Stiftung in spanischer Sprache entnehmen und über deepl.com ins Deutsche übersetzen. Hans Rede in Oviedo ist zugleich eine Verteidigung seiner philosophischen Positionen, die in Deutschland kritisiert wurden.
Die Website der „Princesa de Asturias Stiftung“ bietet den ganzen spanischen Text des Vortrags: LINK

…………..

4. Aus der Rede von Byung-Chul Han in Oviedo, 24.10.2025:
„In der Apologie, dem berühmten Dialog von Platon, erklärt Sokrates, nachdem er zum Tode verurteilt wurde, in seiner Verteidigungsrede, was die Aufgabe eines Philosophen ist. Die Aufgabe des Philosophen bestehe darin, die Athener aufzurütteln und wachzurütteln, sie zu kritisieren, zu irritieren und zu tadeln, so wie eine Bremse ein edles Pferd sticht und aufregt, dessen eigene Körperfülle es passiv macht, und es so anspornt und stimuliert. Sokrates vergleicht dieses Pferd mit Athen…

Ich bin Philosoph. Als solcher habe ich diese sokratische Definition der Philosophie verinnerlicht. Auch meine Texte zur Sozialkritik haben Irritationen hervorgerufen, Nervosität und Unsicherheit gesät, aber gleichzeitig viele Menschen aufgerüttelt. Bereits mit meinem Essay Die Gesellschaft der Müdigkeit habe ich versucht, diese Aufgabe des Philosophen zu erfüllen, indem ich die Gesellschaft ermahnte und ihr Gewissen aufrüttelte, damit sie aufwacht. Die These, die ich darlegte, ist in der Tat irritierend: Die unbegrenzte individuelle Freiheit, die uns der Neoliberalismus verspricht, ist nichts weiter als eine Illusion. Auch wenn wir heute glauben, freier denn je zu sein, leben wir in Wirklichkeit in einem despotischen neoliberalen Regime, das die Freiheit ausbeuten…

Ich habe auch mehrfach auf die Risiken der Digitalisierung hingewiesen. Nicht, dass ich gegen Smartphones oder die Digitalisierung wäre. Ich bin auch kein Kulturpessimist. Das Smartphone kann ein sehr nützliches Werkzeug sein. Es wäre kein Problem, wenn wir es als Instrument nutzen würden. Tatsächlich sind wir jedoch zu Instrumenten der Smartphones geworden. Das Smartphone nutzt uns, und nicht umgekehrt. Nicht das Smartphone ist unser Produkt, sondern wir sind seine Produkte. Oftmals wird der Mensch zum Sklaven seiner eigenen Schöpfung. Soziale Netzwerke hätten auch ein Mittel für Liebe und Freundschaft sein können, aber was dort vorherrscht, sind Hass, Falschmeldungen und Aggressivität. Sie sozialisieren uns nicht, sondern isolieren uns, machen uns aggressiv und rauben uns unsere Empathie…

Soziale Netzwerke ermöglichen eine grenzenlose Kommunikation. Dank der Digitalisierung sind wir miteinander verbunden, aber es fehlen uns echte Beziehungen und Bindungen. Das Soziale erodiert. Wir verlieren jegliches Einfühlungsvermögen, jegliche Aufmerksamkeit für unseren Nächsten. Ausbrüche von Authentizität und Kreativität lassen uns glauben, dass wir immer mehr individuelle Freiheit genießen. Gleichzeitig spüren wir jedoch diffus, dass wir in Wirklichkeit nicht frei sind, sondern vielmehr von einer Sucht zur nächsten, von einer Abhängigkeit zur nächsten taumeln. Ein Gefühl der Leere überkommt uns. Das Erbe des Liberalismus ist die Leere. Wir haben keine Werte und Ideale mehr, mit denen wir sie füllen könnten.

Etwas läuft nicht gut in unserer Gesellschaft.
Meine Schriften sind eine, manchmal sehr energische Anklage gegen die heutige Gesellschaft. Nicht wenige Menschen haben sich durch meine Kulturkritik irritiert gefühlt, wie jener sokratische Hornisse, die das passive Pferd stach und anspornte. Aber wenn es keine Irritationen gibt, wiederholt sich immer nur das Gleiche, und das macht eine Zukunft unmöglich. Es stimmt, dass ich die Menschen verärgert habe. Aber glücklicherweise haben sie mich nicht zum Tode verurteilt, sondern ich werde heute mit diesem wunderschönen Preis geehrt. Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Vielen Dank.
………..

Die Presse in Spanien hat ziemlich ausführlich über die Ehrung Byung – Chul Hans berichtet, etwa die linksliberale Zeitung „El Pais“ LINK   . Oder auch „la Vanguardia“ LINK
oder, in der Beilage zur eher konservativenn katholischen Tageszeitung „ABC“: LINK

Das neueste Buch Byung-Chul Hans befasst sich mit dem „Sprechen über Gott“, so der Titel (Matthes und Seitz Verlag 2025). Darin zeigt der Philosoph, wie er sich von der französischen Philosophin Simone Weil (1909 – 1943) innerlich bewegen und inspirieren lässt. Bemerkenswert, dass sich ein prominenter Philosoph mit der Frage nach Gott in einem jüdischen und christlichen Kontext berühren lässt. Byung-Chul Han sagt gleich zu Beginn: „Simone Weil hat sich in meiner Seele eingerichtet. Nun lebt und spricht sie in mir weiter…“ Eine philosophische Meditation eines Philosophen, dessen erste Publkiationen Heidegger und dem Zen- Buddhismus galten! Nun sind die meisten seiner 252 Anmerkungen, „Fußnoten“, Zitate von Simone Weil, einer politisch hoch engagierten Frau, die sich aber in ihrer spirituellen Suche scheute, dem Christentum, der katholischen Kirche, durch die Taufe beizutreten.

Zusammenstellung durch den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin.

 

 

 

 

Es ist kein Gott: Sagt Christus … zu Jean Paul

Hinweise von Christian Modehn am 17. Oktober 2025 zum Gedenken an Jean Paul anläßlich seines 200. Todestages am 14.11.2025.

1.
Wieder ein philosophischer „Gedenktag“, ein „Tag zum Nachdenken“: Vor 200 Jahren, am 14. November 1825, ist der Dichter Jean Paul gestorben. Wir kommen ins Nachdenken angesichts seines kurzen Textes: „Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“, veröffentlicht im Jahr 1796. Eine Dichtung, die als blasphemisch gedeutet wurde und wird.

2.
Der Dichter Jean Paul, eigentlich Jean Paul Richter, (geboren am 21.3.1763 in Wunsiedel, gestorben am 14.11.1825 in Bayreuth) hat 1796 Jesus Christus verkünden lassen: „Es ist kein Gott“. Christus habe Gott gesucht, auch im Universum, im weiten All, Gott aber nirgendwo gefunden. Und die Leute fragten: „Jesus! Haben wir keinen (Gott)Vater?“ Und Jesus „antwortete mit strömenden Tränen“: „Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.“ Am Ende dieses Textes sagt Christus: Es gibt „keine heilende Hand und keinen unendlichen Vater.“ Die Menschen sind allein gelassen, ohne „letzte Geborgenheit“, „metaphysisch und religiös obdachlos“, sagen manche heute, haben niemanden im Himmel, der ihre Gebete hört und erhört.

3.
Im Vorwort zu seinem kurzem Text entschuldigt sich Jean Paul gleich, ein atheistisches Thema anzustimmen. Aber irgendwie drängt es ihn dann doch, das, was so viele spüren und denken und sagen, den Atheismus nämlich, öffentlich zur Sprache zu bringen. Man möchte meinen, Jean Paul habe den Atheismus selbst erlebt, sonst hätte es ihn nicht gedrängt, darüber zu schreiben.

4.
Die „Rede Christi“, von Jean Paul formuliert, hat immer für heftige Irritationen gesorgt. Sie bringt die Erfahrung weiter Kreise vom Verschwinden des klassisch vorgestellten Gottes „auf den Punkt“. Wie viele fühlten sich dem Nichts ausgesetzt, der totalen Leere, der Sinnlosigkeit, dem Nihilismus, dies ist ein Begriff, der damals „erfunden“ wurde. Denn wenn Gott – Vater im Himmel nicht mehr lebt, ist auch die Menschwerdung seines Sohnes sinnlos, die Erlösung wird sinnlos, die Kirche, die diese Erlösung lehrt, wird überflüssig usw.: Die ganze vertraute Glaubenswelt und Kirchenwelt bricht zusammen. Durch die Aussage „Es ist kein Gott“ ist ein tiefster Einschnitt vollzogen in den selbstverständlichen Kirchenglauben an Gott. Und diese Aussage wird um so gewaltiger, weil es ja Christus ist, der sagt „Es ist kein Gott“.

5.
„Es ist kein Gott“: Das war schon im 18. Jahrhundert „allgemeine Mentalität“, in Frankreich oder England schon seit langem radikaler öffentlich gemacht als in Deutschland. Aber Jean Paul kann die Mentalität „Es ist kein Gott“ nicht ignorieren, er muss sie bearbeiten. Überraschend ist dann doch: Jean Paul will nicht als Atheist oder als Nihilist dastehen! Er zieht sich dann aus der Affäre, hat also Angst, selbst in den Atheismus zu versinken. Deswegen schreibt er am Schluss seines Textes: Die Rede Christi vom toten Gott war ja nichts als … ein Traum: Jean Paul behauptet: „Als ich vom Traum erwachte: Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet“.

6.
Für Jean Paul darf der Atheismus „Es ist kein Gott-Vater“ deswegen keine letzte Realität sein. Der Dichter schätzt die Emotionen, als „das Weinen, die Freude, die Gebete“ höher ein als die rationale Erkenntnis des Für und Wider der „Existenz“ Gottes. Gefühle sollen für Jean Paul den Glauben an Gott lebendig halten. Er ist zwischen rationaler Erkenntnis „Es ist kein Gott“ und dem Gefühl „Ich bin in Gott geborgen“ hin und her gerissen. Seine Sympathie gilt dem Gefühl.

7.
Vom Thema „Der tote Gott“ ist Jean Paul schon lange, seit 1789, bewegt. Sein Problem als Dichter war: Darf er sogar Christus „Es ist kein Gott“ verkünden lassen oder soll das doch, harmloser, eher ein Dichter, etwa Shakespeare, übernehmen? Darüber hatte Jean Paul gerungen. Und sich dann entschieden: Christus muss sagen: „Es ist kein Gott.“
Als Sohn eines Pfarrers hatte Jean Paul 1781 das Theologiestudium in Leipzig begonnen… und dabei wandte er sich ab von der rational – argumentierenden, vernünftigen Gotteslehre. Die Gottesbeweise hatten für ihn keine überzeugende Kraft: Wenn von Gott überhaupt noch die Rede sein kann, dann im Erleben der Natur oder in den Erfahrungen mit der schönen Kunst. Und vor allem: Im religiösen Gefühl. In dieser Überzeugung war Jean Paul mit dem Philosophen und Kant – Kritiker Friedrich Heinrich Jacobi (1743 – 1819) verbunden.

8.
Wenn Jean Paul seinen Christus sagen lässt: „Es ist kein Gott-Vater“, könnte man eine Verbindung sehen zum Tod Jesu am Kreuz: Er schreit, so berichten die Evangelisten Matthäus und Markus gleichlautend laut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46 und Markus 15,34). Im letzten Moment seiner Hinrichtung sieht sich Jesus, der Gerechte, der Menschenfreund, der Gott einst seinen „lieben Vater“ nannte, von diesem Gott verlassen. Man möchte meinen: Gott ist für Jesus jetzt tot, er ist ihm entschwunden, nicht wirksam, nicht wirklich, lebendig. Im Sterben und Tod Jesu stirbt für Jesus auch der „altbekannte“ Gott Jesu, also der Gott der Bibel, der Gott der Gesetze und Gebote und Riten, zu Jesu Zeiten also der Gott des „Alten Testaments“. Eine ketzerische Überlegung, aber in der Philosophie ist sie selbstverständlich normal und erlaubt. Weil so der Denkraum eröffnet werden kann, man kann wieder das Zentrum der Weisungen Jesu wieder ernst nehmen: Die Praxis der Nächstenliebe sei alles entscheidend, sie ist wichtiger als die theoretischen dogmatischen Lehren von Gott: Wegen dieser Praxis der Nächstenliebe wird Jesus verurteilt, und deswegen stirbt er am Kreuz und mit ihm der Gott der Lehren, Gesetze, Dogmen. Karfreitag müßte also neu verstanden werden.

9.
Über die Wirkungsgeschichte der Aussage „Gott ist tot“ durch Jean Paul wäre ausführlich zu sprechen. Man müsste an den liberalen protestantischen Theologen Friedrich Schleiermacher erinnern: Schleiermacher wollte den Glauben im Gefühl„verankern“, Gott, so wörtlich, im „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ spürbar werden lassen. Das Wesen der Religion definierte er als Anschauung und Gefühl, nicht aber als kritisches Denken.

10.
Man müsste in unserem Zusammenhang die Literatur der Romantik weiter diskutierten, etwa die „Nachtwachen des Bonaventura“ von E.T.A. Hoffmann. Friedrich Nietzsche hat in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ (Nr. 125) sehr deutlich den Tod Gottes verkündet: Allerdings war für Nietzsche dieses erschütternde Ereignis nur ein Durchgang zu etwas Größerem, in seiner Sicht Hilfreichen, nämlich der Ankunft der Übermenschen und des Glaubens an die „ewige Wiederkehr des Gleichen“. Das alte Gottesbild als dogmatischer „Sinnstifter“ musste getötet werden, um Raum für Neues zu schaffen…

11.
Man könnte sich auch wieder einmal an den Atheismus des katholischen Schriftstellers Reinhold Schneider erinnern, der in schwerer Krankheit bei einer Reise nach Wien von seiner Erkenntnis der verfehlten Schöpfung spricht: in „Winter in Wien“ 1958 veröffentlicht, spricht Reinhold Schneider seine Erfahrung aus: „Christus kann uns nicht helfen, er ist unsere tödliche Freiheit“, Link.

12.
„Es ist kein Gott“ – diese Erfahrung Jean Pauls darf nicht nur ein Thema der Philosophie – und Literaturhistorie sein. An einem Gedenktag fragen wir weiter: Welcher Gott wird da eigentlich für tot erklärt? Der Herr der Welten, der Allmächtige, der zugleich der All-Barmherzige sein soll? Dieser Gott, der angeblich immer Wunder tut, also in die Gesetze der Natur eingreift, mal hier, mal dort ein Wunder tut, mal hier mal dort ein Bittgebet erhört, dieser Gott ist tot. Diese Frage wird wichtig: Die nach einem „bergenden Sinngrund“, nach einer schöpferischen „Kraft“, diese Frage ist offen und bleibt dringend. Sie ist der Versuch, Gott heute vernünftig zu „übersetzen“. Einige TheologInnen der Kirchen sehen wohl allmählich ein, dass ihre alten dogmatischen Lehren, in der sie so unglaublich viele Details von Gott zu wissen vorgeben, existentiell nicht mehr gelten und vor dem vernünftigen Nachdenken von Menschen des 21. Jahrhunderts keinen Bestand mehr haben können. Ein Gott, der den Namen verdient, lässt sich nicht umgreifend erfassen und definieren. Das wusste schon Jesus, und er lehrte: Die alles entscheidende Verbindung des Menschen zu einer göttlich zu nennenden Wirklichkeit ist … die Praxis der Liebe, der Gerechtigkeit, des Friedens. Und diese Praxis ist schwerer zu leisten als die Theorie am Schreibtisch der TheologInnen oder in den Büros der Kirchen-Bürokratie.

13.
Sollten religiöse Menschen, etwa Christen, also von Atheisten lernen, sich vom Tod Gottes berühren und verändern lassen? Natürlich, das zeigen die Hinweise in Punkt 12. Die verschiedenen fragen und Einsichten der „Atheisten“ machen die Begrenztheit der dogmatischen Aussagen über Gott deutlich. Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Formen des Atheismus kann also zu einem vernünftig noch möglichen Glauben an den „letztlich“ unbekannten Gott führen. Vielleicht treffen sich dann Atheisten und Glaubende im Schweigen vor einem unendlichen, nicht greifbaren Geheimnis des Lebens und handeln gemeinsam zugunsten der Menschlichkeit, der Geltung der universellen Menschenrechte…Und: Es gibt selbstverständlich nicht „den“ Atheismus, sondern viele Formen der Ablehnung eines Gottes, eines höchsten Wesens, eines Gott – Vaters, eines Gott-Menschen usw. Und es gibt selbstverstädnlich den Atheismus der Lebenspraxis: Dies ist der totale Egoismus, der Nationalismus, der Rassismus, die Homophobie… Für Christen: Es ist falsch zu meinen, die Teilnahme am Gottesdienst (an der Messe) sei wichtiger als die Praxis der Nächstenliebe, das Tun des Gerechten. Es gibt in dem Sinne „fromme“, „praktizierende“ christliche Atheisten. Man lese in den zentralen Text des Neuen Testaments, der die Überzeugung Jesu von Nazareth klar zum Ausdruck bringt: Matthäus, 25. Kapitel, die Verse 35-36. Diese Überzeugung wird übrigens vom Philosophen Kant in seiner „Religionsschrift“ unterstützt: „Es gibt nur eine Religion des guten Lebenswandels“ (S. 236, in der Ausgabe des Meiner Verlages, 2003). Es sind Menschen, die Kant die „Wohldenkenden“ nennt (S. 238). Sie folgen einzig dem Gewissen als der „sich selbst richtenden moralischen Urteilskraft“ (S. 251). Der wahre Gottesdienst ist also die dem Gewissensurteil entsprechende gute Tat, gelebt in guter Gesinnung. LINK

14.
Ist die Flucht Jean Pauls ins religiöse Gefühl eine treffende und eine gültige Antwort? Eigentlich banal daran zu erinnern: Gefühle gehören zum Charme des menschlichen Geistes, sind Ausdruck der Kraft der Seele, klassisch gesprochen. Aber Gefühle werden von Menschen immer auch gewusst: „Ich liebe dich“ ist eine Aussage des Gefühls und gleichzeitig hoffentlich auch der Reflexion, auch der Vernunft. Liebe ohne Vernunft ist blind, nur Liebe mit Gefühl ist menschlich. Gerade in den Religionen müssen religiöse Gefühle immer von vernünftigen Überlegungen begleitet sein und selbstverständlich auch von der Vernunft korrigiert werden. Wer sich gefühlvoll unmittelbar religiösen Bildern aus alter Zeit hingibt, etwa Bildern und Metaphern der Bibel, schränkt sein Leben ein. Wer etwa behauptet: „Jesus hat keine Frauen zu Aposteln erwählt, also darf es 2000 Jahre später keine Frauen als Priester geben“, der überträgt naiv religiöse Überlieferungen und Bildern unreflektiert ins Heute, nur die männlichen Kleriker können sich an dieser Ideologie erfreuen… Die Vernunft weiß: Nur religiöse Meinungen, die Menschen zur Befreiung, zum geistigen Wachstum und zur seelischen Reife führen, sind authentisch und noch aktuell relevant. Wer, wenn nicht die Vernunft kann sich wehren, wenn Menschen meinen, im Himmel sei Jahrmarkt und Blödsinn über die Religionen verbreiten? Religionen brauchen zur Kritik und Selbstkritik nicht andere religiöse Überzeugungen, sondern eine allgemeine, universell gültige Vernunft. Von daher sind viele der stetig wachsenden christlichen charismatischen Kirchen und Pfingst – Bewegungen zu kritisieren genauso wie die evangelikalen, in ihrer fundamentalistischen Bibelinterpretation erstarrten Kirchen. Von den fundamentalistischen Bewegungen im Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus usw. muss natürlich auch gesprochen werden. Auch sie werden immer heftiger, weil so viele Menschen sich in gefühlvolle Illusionen stürzen: Sie meinen, dort von ihren tiefen seelischen Erschütterungen geheilt zu werden. Aber das Gegenteil ist der Fall.

15.
Wie ist die Erfahrung des Nihilismus zu denken, als Erfahrung des Nichts? Ist das absolute Nichts überhaupt denkbar? Ist der totale unendliche Raum des Nichts nicht immer noch „letztlich“ Etwas? Ist nicht immer noch der Mensch, der das Nichts denkt, noch „im Sein“, also noch lebendig? Kann das Nichts überhaupt radikal gedacht als „Wirklichkeit“ verstanden werden? Sicher nicht. Das Nichts ist eben nichts.
Was bleibt: Mit Nihilismus ist zuerst die radikale Abweisung von vorgegeben Dogmen und Ideologien gemeint. Auch deren Zerstörung, wenn sie Unheil anrichten und den Frieden unmöglich machen, die gerechte Weltordnung verhindern, wie der Nationalismus, der Faschismus, der Klerikalismus… Der Nihilismus, sozusagen richtig dosiert, kann als kritische Bewegung des Nein – Sagens der Vernunft Raum schaffen für ein offeneres, befreites Denken, für ein menschenwürdigeres Leben.

Zum Text Jean Pauls: «Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei», später dem «Siebenkäs» als «Erstes Blumenstück» zwischen dem Kap. 8 und 9 eingefügt (Jean Paul: Werke in drei Bänden, hg. von N. Miller, München 1969, Bd. 1, S. 643).

Der kurze Text selbst: LINK 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin