Die notwendige Verweltlichung des Christentums.

Eine aktuelle Erkenntnis des Philosophen G. W. F. Hegel.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt:
Das Christentum nur als spirituelle Religion, unter Führung des Klerus, zu verstehen und zu gestalten, ist für Hegel nur das „halbe Christentum“. Für ihn steht fest: Die zentrale der Idee der universalen christlichen Freiheit (modern: der Menschenrechte) muss sich in Staat und Gesellschaft realisieren, dies ist genauso wichtig wie alles Innerliche, Spirituelle, Kirchliche.
Die drängende Frage ist: Hat das Christentum Frieden und Gerechtigkeit gebracht in seiner 2000 Jahre dauernden Geschichte? Global beantwortet: Eher nicht. Denn das Christentum ist meist eine Ansammlung spiritueller, dogmatischer, moralischer Gemeinden geblieben. Die Idee der universalen Freiheit und Gerechtigkeit hat sich nicht durchgesetzt. Um so dringender, an einen Vorschlag Hegels zu erinnern. Es geht ihm um die notwendigen„Verweltlichung des Christentums“.

Dazu einige Vorbemerkungen:

1. Zunächst eine Erinnerung an die gegenwärtige Krise des Katholizismus in Europa, den USA und Lateinamerika. Die Statistiken der Religionssoziologen sind eindeutig: Der dortige Katholizismus wird alsbald nur noch als ein institutionell bestehendes Gerüst, man könnte sagen, Skelett vorhanden sein, wenn auch finanziell noch sehr gut ausgestattet. Der tausendfache und noch längst nicht umfassend erforschte sexuelle Missbrauch durch Priester, Ordensleute und verantwortliche Laien erdrückt wie eine riesige Lawine das Leben und Überleben dieser Kirche. Auch deswegen steigt die Zahl der „Unkirchlichen“ und „aus der Kirche Ausgetretenen“ kontinuierlich. Diese „ehemaligen“ (?) Katholiken verstehen sich wahrscheinlich nicht immer als Atheisten. Sie wurden vielmehr von der Kirchenleitung aus der Kirche vertrieben. Manche sagen, sie sind religiös heimatlos geworden. Gibt es neue Möglichkeiten eines spirituellen, eines umfassend christlichen Engagements? Hegels Antwort: Es ist die Teilnahme an der „Einfügung“ der Idee universaler Freiheit in die Welt…

2. Zu diesem Niedergang des Katholizismus gehört, dass in einigen Ländern noch so genannte „synodale Wege oder synodale Prozessen“ unternommen wurden, um Reformen in der Lehre und den Kirchengesetzen einzuklagen, im Vatikan, beim Papst natürlich, also oft bei Kleriker-Bürokraten, die sich traditionell gegen Reformvorschläge einer Kirche eines Landes wehren. Dass diese so genannten „Synoden“ (sie beraten nur, dürfen aber nichts entscheiden!) in den letzten Jahren in vielen Ländern, wie Holland, der Schweiz, der Bundesrepublik, also seit 1967, nichts an tiefgreifenden Reformen für die Kirche dieser Länder bewirkt haben, ist eine Tatsache. Insofern sind die heutigen Sitzungen und Debatten in synodalen Prozessen wie damals schon eher eine Art Freizeitbeschäftigung oder auch Beschäftigungstherapie für frustrierte Laien und Priester der Basis. Und Rom freut sich, dass noch Leben da ist…

3. Wie kann in der Situation noch das Wesentliche des Christentums im Rahmen der katholischen Kirche gerettet werden? Mit dieser Frage sind wir genau bei Hegel, dessen gesamte Philosophie vom religionsphilosophischen Thema geprägt ist. Darin stimmen wesentliche Hegel-Forscher überein, wie Michael Theunissen oder Walter Jaeschke. Hegel wollte zu seiner Zeit begrifflich klare Aussagen zu dem Thema machen, weil ein Christentum bloß des Gefühls sich im Protestantismus breit machte und im Katholizismus eine Ende der autoritären Klerus-Herrschaft nicht absehbar war. Hegel zeigt in seinem Werk, dass er als Philosoph das Christentum sehr gut verstanden hatte: Seine Erkenntnisse entwickelt er ausführlich in seinen vier, unterschiedlich akzentuierten Berliner „Vorlesungen über die „Philosophie der Religion“ (1821, wichtig dann: 1824, 1827 und 1831).

4. Zum Wesen des Christentums gehört für Hegel: Gott ist Geist. Und der Mensch ist Teilhaber dieses einen göttlichen Geistes, er bezieht sich auf Gott in einem Verhältnis der Freiheit, d.h. der Mensch ist in der Beziehung zu Gott auch bei sich selbst! Und diese Überwindung des „Fremden“ und Entfremdenden auch Gott gegenüber ist wesentlich Freiheit.
Diese Erkenntnis von der Freiheit ist die Grundlehre des Christentums, sie muss um der Freiheit der Menschen will auch als gesetzlich gefasste Freiheit in Gesellschaft und Staat greifbar werden.

5. Diese Freiheit ist Zentrum der Botschaft Jesu Christi vom Reich Gottes: Und es ist der Philosoph Hegel, der diese zentrale Botschaft der Religion in die Begriffe der Philosophie, also ins Denken, überführt, Hegel sagt „aufhebt“.
Das Reich Gottes wird repräsentiert in der Gestalt Jesu Christi, dessen zentrale Lehre sich in den Begriffen Freiheit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit zusammenfassen lässt. Und Hegel zeigt in seinen religionsphilosophischen Vorlesungen: „In der Religion des Christentums an sich ist das (nur) Herz versöhnt“, (S. 330 in den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Band II, Suhrkamp 1969). Es gibt also, in der Geschichte Jesu Christi sichtbar, bereits eine spirituelle, geistige Versöhnung von Gott und Welt/Mensch, also die spirituelle „Erlösung“. Sie ist „an sich“ schon Gegenwart, sie muss nur noch gestaltet, „hineingebildet werden in die Welt“, wie Hegel sagt.
Diese Erlösung ist dann die Gegenwart des Reiches Gottes in Staat und Gesellschaft, eigentlich haben dafür die Gemeinde, die Kirchen, einzutreten. Aber aufgrund der Begrenztheit ihrer Theologien können Kirchen diese Vermittlung nicht leisten, also die „Hineinbildung“ der Ideen des Reiches Gottes in die Welt. Die Gemeinde/Kirche würde zudem der Versuchung unterliegen, sich gegenüber Staat und Gesellschaft als „Herrscherin“ zu etablieren, wie einst im Mittelalter. Weil die Kirchengemeinde in der Begrenztheit theologischer Begriffe lebt, wird die Philosophie wichtig: Sie kann als Philosophie, die die Wirklichkeit in allgemeine und für alle nachvollziehbare Begriffe fasst, auch diese Lehren vom Reich Gottes der Welt vermitteln. Sie kann in weltlicher Sprache helfen, diese Lehren sozusagen zu säkularisieren und in Gesetze zu überführen.
Anders gesagt: Die politische Wirklichkeit in Staaten und Gesellschaft muss von den sich stets weiter entwickelnden Weisungen der universalen Menschenrechte bestimmt sein, und dabei ist die an keine Konfession gebundene Philosophie behilflich, wenn sie säkular die Lehre der christlichen Freiheit darstellt.

6. Das Reich Gottes muss also aus dem Herzen in die Gesellschaft/den Staat treten und dessen Struktur und Gesetze bestimmen. Die Gemeinde als Ort der Frömmigkeit und der Gottesdienste (Kultus sagt Hegel) bleibt aber bestehen. Die Kirche muss aber anerkennen: Das aktive Gestalten der Freiheit in der Welt in Staat und Gesellschaft, ist genauso wie das Spirituelle der zentraler Auftrag der Kirche. Mit der Verwirklichung der Grundideen des Reiches Gottes als humaner Freiheit, kann man auch von einem Ende der (alten, bloß innerlich-frommen) Religion des Christentums sprechen.
(Siehe auch in Fußnote 1 eine etwas ausführlichere Vertiefung).

7. Hegel kann also von einem Ende der bloß spirituellen christlichen Religion sprechen, weil seine Philosophie in der Lage ist, die wesentlichen Inhalte dieser Religion begrifflich für alle Menschen nachvollziehbar zu bewahren und denken.
Der in der Philosophie bewahrte, „aufgehobene“ Geist des Christentums darf sich für Hegel nicht in der Philosophie „verstecken“. Er muss sich äußern, d.h.für Hegel: Ent-äußern in die Welt. Der Hegel-Spezialist Prof. Walter Jaeschke schreibt in seinem empfehlenswerten „Hegel Handbuch“ (Metzler-Verlag, 2016, S. 436): In Hegels religionsphilosophischen Vorlesungen in Berlin „tritt seit dem zweiten Kolleg der Entwurf einer progressiven Realisierung des geistigen Gehalts der Religion, also seiner Ein-Bildung (d.i. Verwirklichung, CM) in die Weltlichkeit“.
Der geistige „Gehalt“, die „Substanz“ des Christentums, muss in die Wirklichkeit von Staat und Gesellschaft hineingestaltet, Hegel sagt „eingebildet“, werden. Hegels Schüler C.L. Michelet übersetzt diesen Begriff der „Einbildung“ treffend mit „Verweltlichung“, also als Welt – Werdung des Christentums. Und der Hegelianer R.Rothe nennt dann 1837 diese Verweltlichung im Sinne von Welt-Werdung die „Säkularisierung“ des Christentums. „Säkularisierung ist allerdings hier nicht als Entfremdung oder als Entwendung religiöser Substanz gedacht, sondern als ihr Eingehen in die Weltlichkeit und ihr Aufgehen in dieser Weltlichkeit“( Jaeschke, a.a.O, S. 437).

8. Folgt man diesen Erkenntnissen Hegels, dann bleibt für die Kirchen heute auch der wichtigste Auftrag, die Idee der universalen Freiheit und damit die Idee der Menschenrechte in der Welt, der Gesellschaft, dem Staat zu fördern. Das allein ist der zentrale Auftrag der Kirche in der Moderne: Die Menschenrechte in der Welt, in den Gesellschaften, den Staaten, zu pflegen, zu fördern, zum Ausdruck zu bringen. Auf die aktuelle Situation 2022 bezogen: Vielleicht könnten sich in diesem Projekt auch Menschen wiederfinden, die aus der Kirche ausgetreten sind, um sozusagen eine weite säkulare Ökumene zu bilden. Dies ist schon ein Hinweis auf die aktuelle Bedeutung der Erkenntnisse Hegels.

9. Der Impuls, die universale Freiheit, die Geltung der Menschenrechte, in der Welt durchzusetzen, hat leider keinen Vorrang unter den religiösen und kirchlichen Aktivitäten. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat diesem „Politischwerden“ des Christentums entsprechen wollen, sie wurde aber weitgehend von konservativen Kirchenführern unterdrückt, gerade weil die Befreiungstheologie angeblich nicht dogmatisch korrekt und fromm genug sei…Dabei ist allen kritisch gebildeten Theologen klar: Wer nach dem Kern des Evangeliums fragt, lese in dem Zusammenhang die Bergpredigt Jesu oder seine „Endzeitreden“. Mit anderen Worten: Schon Jesus von Nazareth war ein heftiger Kritiker der Religion, wenn sie nur den Kultus liebt, aber nicht die Humanität an die erste Stelle stellt. Feierliche Gottesdienste, Kultus usw., klerikale Gesetze haben im Sinne Jesu von Nazareth nur Sinn in ihrer Hinordnung auf das auch politisch zu verstehende Reich Gottes.

10. Verweltlichung des Christentums und Bonhoeffer.
In seinen Briefen aus dem Gefängnis Tegel (unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ post mortem veröffentlicht) hat der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer (geboren am 4.2.1906 in Breslau, als expliziter Feind der Nazis hingerichtet im KZ Flossenbürg am 9.4.1945) einige Einsichten mitgeteilt zur Zukunft des Christentums. Ich sehe darin gewisse Verbindungen zu Hegels Einsicht von der Verweltlichung des Christentums.
Dietrich Bonhoeffer sah schon um 1943 deutlich, wie die alte, vertraute dogmatisch geprägte Gestalt der Kirche in Europa zusammenbricht, verschwindet, weil sie in ihrer Sprache und frommen Praxis die Menschen nicht (mehr) bewegt. Bonhoeffer sprach deswegen davon, ein religionsloses Christentum zu denken und zu entwerfen. Und dieses Projekt berührt die Erkenntnis Hegels zur „Verweltlichung“ bzw. „Säkularisierung“ des Christentums.
Bonhoeffer schreibt: „Unser Verhältnis zu Gott ist kein ,religiöses‘ zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im ,Dasein-für-andere’“ („Widerstand und Ergebung“, DBW8, Gütersloh 1998, 558). „Worauf es im letzten ankommt: Es ist das Beten und TUN DES GERECHTEN“ (WE 157). Noch einmal: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“. Bonhoeffer lobt die Weisheit des Alten Testaments „Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem ? (WE 144).
Mit dem „Tun des Gerechten“ ist genau die Forderung Hegels gemeint: Die universale Freiheit und die Menschenrechte in der Welt durchzusetzen. Und was könnte man als Hegelianer unter Beten verstehen? Dieses ist ein Geschehen der inneren geistigen Verbindung mit der Weisheit der Bibel.

11. Franz Rosenzweig und das Ende der Religion.
„Religionsloses Christentum“: Mit dieser These nähert sich Bonhoeffer auch einem Gedanken des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig: „Die Sonderstellung von Judentum und Christentum besteht gerade darin, dass sie, sogar wenn sie Religion geworden sind, in sich selber die Antriebe finden, sich von dieser Religionshaftigkeit zu befreien und (…) wieder in das offene Feld der Wirklichkeit zurückzufinden“ (Rosenzweig: Das neue Denken, Gesammelte Schriften III, Den Haag 1984, 154).

12.
Das Christentum und die Kirchen können in Europa überleben…… wenn sie religionslos werden.
Das ist Hegels Überzeugung: Wenn das Christentum also das klare begriffliche Verstehen (und nicht nur die Liturgien, Gebete etc.) pflegt und Philosophie respektiert, um die gesellschaftliche Freiheits-Praxis zu fördern, hat es noch eine Chance, auch heute inspirierend zu sein. Dann könnten viele Energien frei gesetzt werden, um Krieg und Nationalismus zu überwinden und das Hungersterben von Millionen Mitmenschen weltweit zu beenden…

Fussnote 1:
Hegels Rede vom „Ende der Religion“ ist eingebunden in seine Philosophie. Und diese ist bestimmt von der dialektischen Entwicklung des absoluten Geistes, also dessen, was Hegel der christlichen Tradition folgend, Gott nennt, Und dieser eine Geist (in Gott wie auf eigene Weise in den Menschen) drückt sich in Hegels Philosophie aus: Der absolute Geist wird erkennbar, besser „erkennt sich selbst“ in der Kunst, dann in der Religion und als Höhepunkt am deutlichsten und begrifflich im Denken der Philosophie. Sie ist die „Spitze“ in der Entwicklung des absoluten Geistes. Die Rede vom Ende der Religion ist also darauf bezogen, dass die Religion, sozusagen als noch unreife Stufe des absoluten Geistes, selbst nicht zu den klaren Begriffen findet, die in der Philosophie (Hegels) erreicht werden. Das bedeutet für Hegel aber nicht, dass Kunst und Religion faktisch nicht mehr weiter bestehen. Sie leben weiter, auch im Umgang der Menschen mit den Künsten und Religionen. Aber, und dieses Aber ist entscheidend: Die Religion bzw. das Christentum, also die Kirchen in Europa, sind nicht auf der Höhe der Entwicklung des sich selbst verstehenden absoluten Geistes, wenn sie die kritische Philosophie scheuen oder verachten (wie Muther). Denn Gott wird für Hegel treffend und “adäquat“ nur in der Philosophie, (seiner) Philosophie, begrifflich im Denken erschlossen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Der Mensch soll sich die Erde untertan machen. Und auch die Kirche soll sich alle Menschen untertan machen.

Biblische Weisungen mit totalen Ansprüchen.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt:
Mit dem göttlichen Auftrag an die Menschen „Macht euch die Erde untertan“ ist eng verbunden der Auftrag Jesu Christi an die (katholische) Kirche „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern, also zu Kirchenmitgliedern“. Die Missionsgeschichte und die der Kolonisierung beweist: Auch der Auftrag Jesu wurde als Unterwerfung, als „Untertan-Machung“, verstanden und praktiziert. Und innerhalb der katholischen Kirche gibt es dann noch eine weitere Form der Unterwerfung, die Unterwerfung der menschlichen Natur (Sexualität) des Klerus durch klerikale Gesetze.
Wie stark ist in der biblischen Lehre also eine Geschichte der Unterwerfung, der Erzeugung von Untertanen, angelegt? Und wenn das so ist: Wie sehr macht das herrschende Verständnis der Bibel die Menschen und die Welt krank?

1.
Die Zerstörung von Welt/Natur/Tieren und damit verbunden die seelische und physische Selbst-Zerstörung der Zerstörenden, der Menschen, wird immer mehr Leuten bewusst, und manche leisten dagegen Widerstand, förmlich „in letzter Stunde“.
Um diesen total gewordenen Willen zur Zerstörung von Welt und Menschheit zu verstehen, muss man sich auch auf die seit langem herrschenden und wie selbstverständlich gelebten Mentalitäten beziehen. Das heißt: Ideologie, Glaube, Überzeugungen müssen beachtet werden, um diese Zerstörung zu verstehen.
Trotz der „Säkularisierung des Bewusstseins“ lebt immer noch die prägende, christlich/kirchlich vermittelte Ideologie, die als Zitat Gottes höchstpersönlich bekannt ist mit dem Spruch: „Macht euch die Erde untertan.“ Diese biblische Lehre wirkt de facto selbst dann noch, wenn viele Europäer sich heute von Bindungen ans Christentum befreien.
2.
Die Zerstörung der Natur heute, kaum noch zu reparieren, ist als eine Art totales Geschehen zu verstehen. Dies ist heute tägliche Erfahrung der kritischen Menschen. Diese ökologische Katastrophe muss nicht mehr im Detail beschrieben werden, sie hat viele zerstörerische Aspekte: Luft, Meere, Tiere, Pflanzen, Wälder, Städte, soziale Beziehungen und so weiter, alles soll unter die Herrschaft der alles gebrauchenden und verbrauchenden Menschen gebracht werden. Alles wird zum Untertan des Menschen.
Aber allmählich beginnt diese Überzeugung wirksam zu „bröckeln“. Der „Mensch“ als „Herr der Schöpfung“, der sich alles untertan machen darf mit göttlichem Segen, erscheint trotz aller riesigen technischen „Errungenschaften“ der Naturbeherrschung auch als eine kleine, jämmerliche und unvernünftige Kreatur. Selbst Milliardäre als die Gewinner der totalen Natur- und Technikbeherrschung wissen, sie sind als Menschen begrenzt, endlich, also sterblich. Nebenbei: Vielleicht ist das der letzte Trost der Millionen Hungernden. Sie hätten gern menschlich gelebt, wenn nicht so viele Herren der Welt so besessen und gierig nur zu eigenem Profit auf die Welt zugegriffen hätten.
3.
Das ist eine zentrale Frage: Sind es „die“ Menschen, wie der Bibelspruch suggeriert, die sich als Herrscher über die Natur etabliert haben? ODER sind es die Herren in Ökonomie, also bestimmte Privilegierte, die überall Profit machen und alles beherrschen und alles sich (!) untertan machen. Diese Herren brauchen dabei Massen-Menschen, die z.B. das globale Projekt der Naturvernichtung unterstützten, weil sie, die „kleinen Leute“, von der totalen Naturzerstörung irgendwie doch noch finanziell profitieren. Ohne diese „Klassenanalyse“ kann also eine Debatte über die Auswirkungen des göttlichen Befehls an die Menschen „Macht euch die Erde untertan“ (AT, Buch Genesis, 1,28) gar nicht geführt werden.

Bibelwissenschaftler versuchen heute in ihren Interpretationen dieses Textes das „Untertan-Machen“ durch den Menschen abzumildern. Sie wollen uns beinahe plausibel machen,  als empfehle der liebe Gott den Menschen schon den Tierschutz und die ökologische Lebensform. Siehe dazu unten den ausführlichen Hinweis, Fußnote 1.
Die herrschende Mentalität ist also vor allem die Mentalität der Herrschenden, die allen anderen – auch durch die Medien – vermittelt, besser: „aufgedrückt“ wird.
4.
Die allgemeine Mentalität bestimmt über die christlich – jüdischen Bereiche hinaus Menschen weltweit: Menschen sahen und sehen ihr Lebensziel darin, sich die Erde untertan zu machen! Es geht um Untertanen und Herren! Diese Ideologie hat sich seit der frühen Neuzeit in Europa durchgesetzt.
Die Natur wurde als „das für den Menschen andere und Fremde und weniger Wertvolle“ wahrgenommen. Die Natur wurde zur Welt der „Objekte“. Zu diesen Objekten zählte man seit der frühen Neuzeit explizit auch die Tiere. In dem Zusammenhang wäre über Descartes ausführlicher zu sprechen: Er betont: Das Denken des Menschen steht der Welt der „Ausdehnungen“, also der Natur gegenüber, die Natur wird zu einem „Mechanischen“ degradiert. Tiere deutete Descartes als „seelenlose Maschinen“ , „Automaten“, dies schrieb er in seinem Brief an den Marquis von Newcastle vom 23.11.1646.
Immanuel Kant hat dann später in seiner „Metaphysik der Sitten“ die Tierquälerei verurteilt, aber nicht so sehr um der Tiere willen (die sind vernunftlos), sondern weil der Mensch sich selbst dabei seelisch schadet, weil er „verroht“. Tierschutz und Naturschutz werden also, wie schon seit dem Mittelalter „anthropozentrisch“ verstanden, immer steht der Mensch (als Herr) im Mittelpunkt.

Und der Mensch sieht nicht: Wenn er die Natur zu dem „Fremden“, „Anderen“ erklärt, dass er dann als Mensch seine menschlichen Kategorien des Denkens diesem Anderen, Fremden, aufdrückt, um über das Andere, Fremde umgehen zu können, um über es zu verfügen. Und die Natur gehorcht ja auch dem Zugriff des Menschen, indem sie sich bearbeiten und verändern lässt. Der Mensch will letztlich in dieser Herrschafts – Beziehung zur Welt, als seiner Welt, mit sich allein sein.

Und der Mensch kann in dieser Haltung der totalen Menschen – Herrschaft nicht mehr die Natur, die Tiere, vor allem: die anderen, befremdlich erscheinenden Menschen als solche respektieren und sein und leben lassen. Alles wird also unter die letztlich tötende Verfügung des Menschen gestellt: Er kann dann die gute und wahre Stimme der „anderen“ nicht mehr hören. Eine Form von Taubheit und Blindheit ist die Konsequenz dieses herrschenden monologischen Verhältnisses des herrschenden Menschen zum anderen, Fremden, auch zur Natur, zu den Tieren.

„Naturschutz“ wurde als Begriff für eine von Menschen bedrohte Natur erst 1888 von dem Komponisten Ernst Rudorff (1840-1916) geprägt, als ein normativer Begriff, der den Zustand (die Lebendigkeit) der Natur bewerten sollte. Auch von den Leistungen Albert Schweitzers wäre hier zu sprechen, von seiner Erkenntnis: „Alles, was lebt, ist wie eine große Familie“ und der „Mitgeschöpflichkeit“ als Verbindung aller Lebewesen inklusive des Menschen.
Aber diese Erkenntnisse blieben marginal, sie konnten den Willen zur totalen Herrschaft über die Natur weder im Staats-Sozialismus noch im Kapitalismus/Neoliberalismus bremsen.

Ein aktuelles Beispiel (Februar 2022): Der neue Film von Andrea Arnold mit dem Titel „Cow“: Die Protagonistin in diesem Film ist die Kuh „Luma“, ihr Leben als Leiden wird eindringlich und empatisch vorgestellt. Schon kurz nach der Geburt ihres Kalbes wird das junge Tier der Mutter entrissen. Das Tier erlebt das Drama der Trennung, dem kann sich der Zuschauer nicht entziehen. „Luma“ ist nur ein Objekt in der kapitalistischen Milch – und Fleischproduktion, eine Maschine, die den menschlich vorgebenen Effizienz – Normen entsprechen muss. Dass man dem Tier einen Namen gibt, dient wahrscheinlich der höheren „Effizienz“, diese wird bei freundlicher Namensgebung wohl erwartet. „Ist alles aus dem Körper der Kuh für die Menschen herausgeholt, findet ihre Existenz ein frühes Ende“, schreibt Esther Buss in einer Rezension des „Tagesspiegel“ (9.2.2022, S. 20).
5.
Diese Mentalität hat in der Metapher ihr sozusagen „göttliches Zentrum“: „Der Mensch soll und darf sich alles untertan machen“. Es muss noch einmal an das viel zitierte Wort „Gottes“ bei der Erschaffung der Menschen erinnert werden, mitgeteilt gleich in den ersten Zeilen der Bibel, im Buch Genesis, 1.Kap. Vers 28 ff. Gott befiehlt: „Seid fruchtbar und vermehret euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ Dass dieser göttliche Spruch auch die ungehemmte Vermehrung der Menschen erlaubte, ist klar. Unkontrollierte Vermehrung der Menschheit und Herrschaft über die ganze Natur sind nur zwei Seiten desselben Phänomens. Dieser Text wurde ca. 600 v.Chr. geschrieben, also in einer Welt, in der sich die Menschen von wilder Natur und wilden Tieren bedroht sahen, dies nur als historische Einordnung. Das Schlimme ist, dass dieser Spruch, geschrieben vor ca. 2.600 Jahren sich offenbar bruchlos in den Köpfen festgesetzt hat bis heute: Mit der Zuspitzung: Die Herrschenden sollen herrschen. Und die Herrschenden sind die Weißen. Sie haben Untertanen nicht nur in den Tieren, sondern in den für minderwertig bewerteten „anderen“ Menschen, etwa den Schwarzen, den „Einheimischen“ Amerikas und Asiens usw.
Es führt also eine direkte Linie von dem göttlichen Auftrag zur Naturbeherrschung zur Herrschaft einiger Herrenmenschen über andere Menschen, die nicht mehr als vollständige, gleichberechtigte Menschen, sondern als Sklaven betrachtet und behandelt wurden und werden. Die mediale Aufregung über drei verunglückte Skifahrer in Europa ist größer als das Hungersterben von vielen tausend „Schwarzen“ in Afrika. Rassismus ist eine Konsequenz von „Macht euch die Erde untertan.“
6.
Für die christlichen Kirchen kommt zu diesem universalen, praktisch-technischen Herrschaftsauftrag durch Gott noch ein weiterer Befehl im Neuen Testament hinzu! Und dieser Befehl ist der die Kirche betreffende Auftrag, alle Menschen zu Mitgliedern der vom Klerus bestimmten Kirche zu „machen“. Die vielen „Laien“ macht sich der Klerus zu Untertanen der einen großen Kirche. Denn nur der Klerus tauft, nur der Klerus lehrt, nur der Klerus darf der Eucharistie vorstehen, die Sakramente spenden etc. Pluralität vieler unterschiedlicher Religionen soll es nicht geben, sondern Ziel ist die Einheit der Menschheit in EINER Kirche. Der immer noch bestehende Anspruch der römischen Kirche, „allein seligmachend“ zu sein, hat darin seine Wurzeln.
Wie kam es zu dieser totalitär erscheinenden Auffassung: Die Christen und ihre Kirchenführer werden, so erzählt der Mythos, von dem auferstandenen Jesus Christus persönlich aufgefordert, zu allen Völkern zu gehen: „Und macht alle Menschen zu meinen Jüngern…und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“, so heißt es am Schluss des Matthäus-Evangeliums Kap. 28, Vers 19.
Jesus von Nazareth wird also in diesem Text aus den Jahren zwischen 75-90 bereits als Kirchengründer gedeutet mit einem universalen Anspruch. Dass Jesus von Nazareth, am Kreuz elend gestorben im Jahr 30, diese Worte, von einem Autor Matthäus geschrieben, überhaupt nicht gesagt haben kann, schon gar nicht als ein der menschlichen Sprache nicht mehr mächtiger Auferstandener, ist historisch-kritisch erwiesen.
Der universale Missionsbefehl Jesu ist also eine theologische Erfindung der ersten Gemeinde, die sich als universale „Heilsgemeinschaft“ (Kirche) trotz (oder gerade wegen) ihrer damals zahlenmäßigen (UN)Bedeutung positionieren musste. Tatsache ist, dass Jesus von Nazareth so sehr von einem Ende der Zeiten und dem Beginn des Reiches Gottes „alsbald“ überzeugt war, dass er an eine lange Zeit bestehende kirchliche Organisation gar nicht denken konnte. Der aus der katholischen Kirche exkommunizierte französische Theologe Alfred Loisy (1857-1940) sagte treffend: „Jesus verkündete das Reich Gottes. Und gekommen ist die Kirche“.
Worauf diese universale Missionstätigkeit auch gesellschaftlich-politisch hinausläuft, ist für die Kirche selbst nicht deutlich oder wird heute eher verschwiegen: Was soll denn werden, wenn alle Menschen (!) katholisch sind? Sollen also alle dem Papst gehorchen? Und ein katholisches Welt-Regime errichten?
7.
Die erste Kirchengemeinde fühlte sich aber so stark, einen totalen Anspruch formulieren zu müssen: ALLE Menschen sollen „Jünger Jesu“ werden. Einen Jünger Jesu könnte man sich grundsätzlich auch außerhalb einer Kirchen-Organisation vorstellen: Jünger Jesu waren (und sind) auch (und vor allem!) alle Friedfertigen, Gerechten, Solidarischen usw., siehe die Bergpredigt Jesu! Das Jüngersein sprengt also alle kirchlichen Eingrenzungen.
Aber daran denkt der Autor Matthäus nicht: Er betont: Wer Jünger Jesu sein will, muss sich taufen lassen und dabei ein Bekenntnis ablegen zum trinitarischen Gott. Dass diese Formel des trinitarischen Gottes schon in der Frühzeit der Kirchen höchst umstritten war und als offizielles Bekenntnis eher vom Kaiser den Christen aufgezwungen wurde, kann hier nur nebenbei erwähnt werden. Bedeutende Theologen, wie Sozzini und seine Kirche im 16. Jahrhundert, haben ein Christentum zeigen wollen und gelebt, das ohne diese klassische trinitarische Formel auskommt. Aber Sozzini und die Seinen haben sich in den großen, sich selbst unbescheiden rechtgläubig nennenden großen Kirchen nicht durchgesetzt: Ob Inder oder Chinesen, Indigenas am Amazonas oder Philosophen und Naturwissenschaftler in Europa usw., sie alle müssen, wollen sie denn Jünger Jesu sein IN der Kirchen-Organisation, das trinitarische Bekenntnis sprechen (ob sie es verstehen, ist eine andere, aber entscheidende Frage).
Die Kirche will heute spirituell, vor allem, im Mittelalter auch sehr „weltlich“-politisch, herrschen über die Menschheit. Sie hat dabei diese Herrschaft immer als Dienst, als Hilfe zum guten Leben etc. darstellen wollen. Aber mit sanftmütigen Worten wurde grausam missioniert, man denke an die Kreuzzüge im Mittelalter, vor allem an die Kreuzzüge ins „Heilige Land“ zur Vertreibung der Muslime von den „heiligen Stätten“ UND zur Stärkung der eigenen Wirtschaft. Die Kreuzzüge sind also eine Art Bündelung von „Machst euch die Erde untertan“ UND „Macht alle Völker zu Kirchenmitgliedern“. Dafür gibt es viele weitere Beispiele. Man denke an die Verbindung von Mission und Kolonisierung in Amerika seit 1492.
Ich zitiere nur kurz einen kirchenoffiziellen Text aus den missionarischen Jahren der „Entdeckung“ Amerikas (siehe dazu den Historiker Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt, C.H.Beck Verlag München, 2016, S. 311): Die spanischen Missionare in (Latein)Amerika forderten die Indigenas auf, sich dem katholischen Glauben anzuschließen. Dann sei alles soweit geregelt, sagten die Spanier. Aber wer sich NICHT taufen ließ? Da heißt es in dem Dokument u.a. (zit bei W. Reinhard): „Wenn Ihr („die Indios“) aber nicht die Kirche als Herrin anerkennt, so tue ich euch kund, dass ich mit der Hilfe Gottes euch bekriegen und euch unterwerfen werde unter das Joch und den Gehorsam der Kirche und ihrer Hoheiten. Und eure Personen und eure Frauen und Kinder werde ich gefangen nehmen und zu Sklaven machen und als solche verkaufen… Und ich erkläre, dass die Tötungen und Schäden, die sich daraus ergeben werden, von euch selbst verschuldet sind“.
Die offizielle Proklamation, Requerimiento genannt, wurde seit 1513 „freundlicherweise“ von der Kirche den Einheimischen zur Kenntnis gebracht.
8.
Menschliche Herrschaft und ineins damit kirchliche Herrschaft über die „anderen“ haben ihre Wurzeln in der Bibel, vorausgesetzt, dass man die entsprechenden Befehle Gottes (im AT) und Jesu Christi (im NT) in der üblichen, durchaus bis heute populär verbreiteten Bibellektüre und Interpretation versteht. Dass es Minderheiten innerhalb der Kirche gab, die den Missionsbefehl eher als „Aufforderung zum Dialog“ verstanden, wie Franziskus von Assisi, muss erwähnt werden. Aber Franziskus von Assisi hat sich auch in dieser Hinsicht in seiner Kirche NICHT durchgesetzt.
9.
Der Herrschaftsanspruch der Kirche ist immer der Herrschaftsanspruch des Klerus, der sich selbst als die einzig authentische Elite zur Interpretation biblischer Texte und zur Formulierung von Dogmen ermächtigt hat – bis heute ist diese totale Herrschaft eine Realität, „Synodale Vorgänge“ („Synoden“) in einzelnen „Landeskirchen“ sind dann nur Beschäftigungstherapien für oft mutlose Laien… Für die Spitze der katholischen Kirche, die sich, so wörtlich, als göttliche (!) Stiftung versteht, gibt es aber noch spezielle Anweisungen zur Herrschaft: Die Priester werden per Kirchengebot zum Zölibat verpflichtet: Nur als Ehelose können die Kleriker treue Untertanen von Papst und Bischöfen sein!
Das hat eine leidvolle Konsequenz, sie betrifft eine besondere Unterdrückung der Natur, nämlich der menschlichen, leiblichen, sexuellen Natur des Klerus. Es geht um das Verbot, der eigenen menschlichen Natur zu folgen, und der Klerus soll auf Sexualität „freiwillig“ verzichten, auf körperlicher Vertrautheit und Vereinigung mit anderen Menschen. Auch die menschliche Natur aller Priester soll wegen einer Entscheidung des hohen Klerus im Mittelalter geknechtet und stillgelegt werden.
10.
Auf ein weithin unbekanntes Detail muss hingewiesen werden: Der führende Klerus, selbst „zölibatär“, fordert die jungen Priesteramtskandidaten (also oft schon im Alter von 19/20 Jahren) zu einer problematischen, wenn nicht krank, neurotisch machenden Askese auf. Im Dekret über die Priesterausbildung des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65), im § 10 ,heißt es: „Auf die Gefahren, die ihrer Keuschheit besonders in der gegenwärtigen Gesellschaft drohen, sollen die Priesterkandidaten hingewiesen werden. Sie müssen lernen…eine vollkommene Herrschaft über Leib und Seele und eine höhere menschliche Reife zu gewinnen und die Seligkeit des Evangeliums tiefer zu erfahren.“ Das wagen die greisen Konzilsväter den jungen Männern zuzumuten, diese Herren-Bischöfe, Exzellenzen, Hochwürden etc. genannt, wissen, dass sie damit die jungen Männer seelisch und dann auch körperlich krank machen. Und dann schwafeln diese Herren noch von der bei so viel Leiden und „Opferbringen“(!) Erfahrenen, wörtlich, der „Seligkeit des Evangeliums“.
Man kann hier nur von einer verordneten Vergewaltigung („Untertan – Machung“) von Seele und Leib sprechen. Und jetzt wissen so viele: Der dekadente, wegen sexuellen Missbrauchs verbrecherische Teil des Klerus ist sozusagen der leibhaftige Ausdruck dieser Herrschaft über die eigene Natur und die eigene Sexualität.
Schon im § 9 des genannten offiziellen Konzils-Dokumentes wird empfohlen: Die jungen Priesterkandidaten sollten „im Geist der Selbstverleugnung erzogen werden, so werden sie dem gekreuzigten Christus ähnlich“. Da wird also die Unterdrückung von Sexualität mit dem Kreuz Jesu von Nazareth verbunden: Jesus ist ja nicht wegen unterdrückter Sexualität hingerichtet worden, sondern wegen seiner umfassend lebensbejahenden und erotisch gefärbten Haltung, auch zu den Frauen, einen „Lieblingsjünger“, Johannes mit Namen, hatte Jesus ja bekanntlich auch, er ruhte an der Brust des „Herren“. Nebenbei: Über die Erotik Jesu von Nazareth ist viel zu wenig geforscht worden. Aber dafür muss man sich mehr für den Juden Jesus von Nazareth interessieren als für den vergöttlichen, leibfreien „Christus“ – also auch den trinitarischen himmlischen „Logos.“
Der genannte Konzilstext erklärt, warum diese ganze Prozedur der Unterdrückung der menschlichen Natur durch die Priester geschehen soll: Im § 9 heißt es weiter: „Dann werden die Priester dem Stellvertreter Christi, also dem Papst, in demütiger und kindlicher Liebe ergeben sein, und sie werden später als Priester dem Bischof als ergebene Mitarbeiter anhangen…“ In Liebe ergeben: Wer als Priester dies war, der wurde auch als wegen pädosexueller Verbrechen durch die Liebe des Bischofs vor den Gerichten bewahrt…Aber auch dies: In Liebe ergeben darf man bitte nicht wörtlich nehmen, im Sinne von homosexueller Liebe, das würde offiziell pervers genannt, aber de facto praktiziert. Siehe das Buch von Frédéric Martel, Sodom. LINK.
11.
Dieser kurze Hinweis beschreibt nur ein ausbaufähiges Projekt, das schon mehrfach von verschiedener, auch nicht-theologischer Seite aufgegriffen wurde.
Uns liegt nur daran, an die fatalen Folgen bestimmter biblischer Texte zu erinnern, weil sie – wie so viele andere biblische Sprüche – aus Gründen der Herrschaft wörtlich verstanden werden. Diese Sprüche haben sich wegen einer gewissen „griffigen Formulierung“ als herrschende Mentalität durchsetzen können. Es wäre für aufgeklärte Christen besser und heilsamer, diese uralten Texte aus einer fernen, vor-modernen Welt nur noch als historisch interessante Mythen zu lesen. Unmittelbar praktisch „umsetzbar“ sind sie nicht und sollten sie um der Welt und der Menschen NICHT sein.
Kritisches Verstehen der Bibel vermag vielleicht schlimmste Missverständnisse, selbst wenn sie sich „eingeprägt“ haben, zu verhindern. Die Bibel ist eben nicht total „Gottes Wort“.
Die Bibel kann für eine kritische Theologie nur ein Buch sein, das literarisch unterschiedliche religiöse Überzeugungen versammelt, von Menschen aus den Jahren 1000 vor Christus bis ca. 120 nach Christus. Und diese religiösen Überzeugungen und Erzählungen früherer Menschen sind nicht automatisch „göttlich“.

12.

Es kommt also darauf, die genannten Weisungen Gottes zur „Untertan – Machung“ beiseite zu legen und neue Weisungen zu formulieren, die den Menschen aus der totalen Rolle des Alleinherrschers über die Natur und die „anderen“ befreien. Der Philosoph Hans Jonas hat da schon großartige Vorschläge gemacht.

FUßNOTE 1: Die Bibelwissenschaftler Prof.Karl Löning und Prof. Erich Zenger befassen sich in ihrem Buch „Als Anfang schuf Gott“ (Düsseldorf 1997) auch mit dem Auftrag Gottes an die Menschen „zur Gestaltung der Welt“, wie beide Wissenschaftler dann sehr moderat die von Gott empfohlene und befohlene „Herrschaft des Menschen über die Natur“ nennen. Die Exegeten wehren sich explizit gegen die Luther-Übersetzung „Macht die Erde euch untertan“, und sie wehren sich auch gegen die katholische Einheitsübersetzung „Unterwerft die Erde euch und herrschet“ (S. 149).

Aber diese Kritik an den Übersetzungen schränken die beiden Professoren dann sofort wieder ein: “Beide Übersetzungen sind nicht voll falsch, aber sie sind in zweifacher Hinsicht problematisch“ (S. 149). Was soll schon „voll falsch“ bedeuten?

Es ist also für die Bibelwissenschaftler eine Art „Grauzone“, im einzelnen betonen sie:
Gemeint sei in der Bibel nicht, der Mensch solle wie ein kriegerischer Feldherr gegen die Erde kämpfen!
Falsch übersetzt sei sogar, wenn in beiden genannten Übersetzungen von EUCH (bezogen auf die Menschen) die Rede ist. „Das Dativ `euch` steht nicht im hebräischen Text“. (ebd.)

Dabei muss aber die Frage gestellt werden: An wen wendet sich dann aber Gott? Irgendeinem Wesen muss der tätige Umgang mit der Welt und den Tieren ja gelten! Also dann doch den Menschen, selbst „wenn das Dativ im hebräischen Text fehlt“.

Beide Autoren verweisen dann noch auf den Grundgedanken des Schöpfungsberichtes: Und dieser sei die „Gottebenbildlichkeit des Menschen“ (S. 153), mit diesem Verweis meinen sie, die „Härte“ des Auftrages Gottes „zur Gestaltung der Welt“ abzumildern.

Dennoch müssen die Exegeten zugeben: „Eine gewalttätige und nur dem Menschen dienliche Herrschaft über die Welt, Tiere usw. Ist – bei Berücksichtigung der Gottebenbildlichkeit des Menschen – WENIG WAHRSCHEINLICH“ (153). Diese gewalttätige Herrschaft des Menschen ist also dann doch auch denkbar und wahrscheinlich. Man hat bei diesem Hin und Her der Argumente den Eindruck, die beiden Exegeten betreiben eine Art apologetische Bibeldeutung, nach dem Motto: In der Bibel darf es nur richtige und gute Empfehlungen „Gottes“ geben. Noah und seine Arche, die auch Tiere rettete, werden dann noch als Beleg gedeutet förmlich für den Tierschutz, den schon Noah leistete.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wer aus der katholischen Kirche austritt… Achtung, der wird nicht gerettet!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.1.2022.

1.

Sehr viele tausend Katholiken treten seit Jahren und jetzt, 2021/2022, immer mehr, aus der katholischen Kirche aus. Die Zahlen sind bekannt, nur 2 Beispiele: Im Jahr 2020 sind 221.390  Katholiken in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten; 2019 waren es 272.770.

Unser Thema ließe sich natürlich auch auf evangelische und orthodoxe Kirchen beziehen, hier aber bleiben wir bei der Focussierung auf die römisch-katholische Kirche.

2.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ erinnert daran, dass in der offiziellen Lehre des 2. Vatikanischen Reformkonzils (1962-1965), man beachte: REFORM-Konzil, diese Sätze zu lesen sind: „Diese pilgernde Kirche (also die jetzige römisch-katholische Kirche) ist zum Heile notwendig…Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in die sie aber nicht eintreten ODER IN IHR NICHT AUSHARREN WOLLEN“. Lassen wir den zuerst genannten Aspekt beiseite, dass es offenbar Menschen gibt, die die Heilsnotwendigkeit dieser Kirche zwar kennen, aber aus bösem Willen (?) nicht Kirchenmitglied werden wollen. Hier geht es um Aktuelleres:

3.

Denn wer in der katholischen Kirche nicht AUSHARRT, „kann nicht gerettet werden“. Das steht in dem zentralen Konzilsdokument „Dogmatische Konstitution über die Kirche“, am 21.11. 1964 feierlich im Vatikan verkündet. Diese dogmatische Konstitution hat den Titel „Lumen Gentium“, „Licht der Völker“, gemeint ist Christus als das Licht der Völker. Die Kirche aber behauptet dann in den folgenden Sätzen stolz, dass „Christi Herrlichkeit auf dem Antlitz der Kirche widerscheint“ (so gleich am Anfang dieser dogmatischen Konstitution, im §1). Diesen „Widerschein“ der Herrlichkeit Christi“ in der Kirche kann jeder überprüfen angesichts des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und des Umgangs der Kleriker mit den Opfern heute. Aber das ist ein anderes Thema. Hier geht es um die Tatsache, dass Katholiken, die aus der Kirche austreten, NICHT GERETTET werden. Klassisch formuliert: Nicht in den Himmel kommen.

4.

Das muss man erst mal realisieren: Diese also von der Herrlichkeit Christi umstrahlte Kirche lässt es sich nicht nehmen, noch im Jahr 1965 hoch offiziell zu lehren, dass bestimmte Menschen nicht gerettet werden: Nämlich die Menschen, die diese Kirche verlassen, in der Konzilssprache: „nicht ausharren“. Das steht im § 14! Das Wort „ausharren“ ist vom Konzil treffend gewählt: Ausharren ist eine Haltung eher Leidender, Unterdrückter, Unzufriedener, die alle Zähne zusammenbeißen und „ausharren“. Sollen das die Kirchenmitglieder sein? Wahrscheinlich, es geht bei den verbliebenen Mitgliedern nur noch ums Ausharren…Und Warten auf bessere Zeiten, bessere Kirchen.

Und um diese unfreundliche Theologie des 20. Jahrhunderts noch einmal zu unterstreichen, heißt es ein paar Zeilen weiter im Konzilstext: „Nicht gerettet wird aber, wer, obwohl der Kirche eingegliedert, in der Liebe nicht verharrt und im Schoße der Kirche zwar dem Leibe nach, aber nicht dem Herzen nach verbleibt.“  Plötzlich wird die Mitgliedschaft in der römischen Kirche als Beziehung der Liebe beschrieben. Für uns wichtig: Nun sind also auch noch jene vom ewigen Heil ausgeschlossen, die zwar noch Kirchensteuern zahlen (etwa in Deutschland), also dem „Leibe nach“ katholisch sind, ohne aber vollumfänglich, also „dem Herzen nach“, der Kirche anzugehören, jedenfalls in der Sicht des Klerus. Die voller Liebe dem Papst und den Bischöfen gehorsam liebend, dem Herzen nach,  verbunden sind, nur die werden gerettet. Man möxchte sagen: Wer als Kirchensteuerzahler nur Heiligabend die Messe besucht, gehört nur dem „Leibe nach“ der Kirche, hat also wenig Chancen auf ewige Rettung.

Und man ist erstaunt, dass diese Zurückweisung von Erlösung und „Rettung“  in einem anderen, zentralen Text des 2. Vatikanischen Konzils noch einmal wiederholt wird: Naheliegend in dem „Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche“, am 7. Dez 1965 im Petersdom  feierlich verkündet. Dort ist in §7 nicht nur von der „Notwendigkeit der Kirche“ die Rede, sondern abermals von denen, die aus der Kirche austreten, die Konzils“väter“, mehr als 2000 Bischöfe sprechen nicht austreten, sondern von „nicht ausharren“. Wer nicht ausharrt, wird also „nicht gerettet“.

5.

„Extra ecclesiam nulla salus“, also „Außerhalb der (katholischen) Kirche kein Heil, keine Erlösung“: Dieser bekannte Spruch des Kirchenvaters Cyprian von Karthago (200-258) wird 1965 von allen Konzils“vätern“, also den Bischöfen und dem Papst, erneut gelehrt. Dieser Spruch wurde schon vom Konzil von Florenz (1438-1445) als Dogma gelehrt…Dieses Dogma wurde also von den mehr als 2000 versammelten Bischöfen des 2. Vatikanischen Konzils einmal mehr „aufgewärmt“…Denn dies ist der bekannte Wahn der römischen Kirche: Was irgendwann einmal, in Vorzeiten, unter bestimmten kulturellen Bedingungen,  als Dogma formuliert wurde, ist auf ewig Dogma. Wandel, Veränderung, Lebendigkeit sind nicht Sache dieser Kirche. Das Ganze ist etwas Totes, siehe Erich Fromms Analysen.

6.

Es ist schon merkwürdig, dass in allen Debatten über Kirchenaustritte von bischöflicher Seite heute diese Lehre des Konzils verschwiegen wird. Die Bischöfe schämen sich hoffentlich ein bißchen, solches noch 1965 hoch offiziell gesagt und verbindlich gelehrt zu haben. Oder aber die Bischöfe wissen: Wenn wir an diese dogmatische Lehre des Konzils heute erinnern und sie auch lehren, dann treten noch mehr KatholikInnen aus der Kirche aus. Was ja durchaus wahrscheinlich wäre. So wird also von den Bischöfen um des Erhaltes des großen Geldes aus Kirchensteuern willen die reine „Wahrheit“ des Konzils diplomatisch-ökonomisch verschwiegen. Geld ist eben auch für Bischöfe dann doch wichtiger als das alte Dogma.

7.

Würde es die vielen tausend „Ausgetretenen“  stören, wenn sie nach offizieller Kirchenlehre also „nicht gerettet“, d.h.himmlisch, göttlich,  verdammt sind? Ich vermute, der Gedanke daran würde die „Ausgetretenen“ nicht stören, weil sie über die Kleingeisterei der Kirchenführung und des Konzils längst erhaben sind.

8.

Vielleicht sind die „Ausgetretenen“ sogar die besseren TheologInnen, weil sie wissen: Gott, wenn er sich dafür überhaupt interessiert,  ist unendlich größer als diese Kirchen-Organisation des Klerus, der mit seinen anmaßenden Verureteilungen nur seine Allmacht erhalten will. Aber diese Allmacht geht zu Ende.

9.

Diese Herren haben sich in ihrem Dogmen-Wahn über Gott gestellt. Sie haben vorgegeben, genauso viel wie Gott zu wissen, was die ewige Rettung und Verdammnis der Menschen angeht. Was für eine Schande diese Anmaßung. Klassisch – theologisch formuliert: Was für eine Irrlehre.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Homosexuelle Päpste und homosexuelle katholische Bischöfe – eine erste unvollständige Übersicht.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.1.2022

Das Motto: Die römisch-katholische Kirche ist eine weltweite Organisation, die gelebte Sexualität und Liebe, Partnerschaft und Ehe, bestimmten Menschen, den Homosexuellen nämlich, verbietet.

Diese Menschen, Mitchristen, „Mitbrüder“ und „Mitschwestern“ sollen als einzelne „keusch“, also a-sexuell, also ohne erotische/sexuelle Liebe zu anderen Menschen, sich durchs Leben quälen. Seelisch krankgemacht und  neurotisch, sollen sie sich von einer rigiden inhumanen Moral des Klerus bestimmen lassen. Es ist der die Bibel und alle Dogmen exklusiv deutende Klerus, der sein eigenes Alleinsein („Zölibat), anderen Menschen, Homosexuellen, aufdrängt.

Das Wort Gottes, im Mythos des Schöpfungsberichtes ganz vorn in der Bibel (Genesis, 1,18), heißt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. Dieses „Wort Gottes“ gilt in der offiziellen Lehre der römischen Kirchen NICHT für alle. Diese Kirche betreibt also eine „Auswahl“, eine „Haeresis“ (altgriechisch). Diese Kirche lehrt offiziell Häresie, indem sie das Wort Gottes „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, nicht für alle gelten lässt. Das ist die zentrale dogmatische Lehre, an der die klerikalen Bürokraten im Vatikan und anderswo nach wie vor festhalten.

Die Prognose, die sich aufdrängt, wenn man den ARD Film „Wie Gott uns schuf“ (24.1.2022) gesehen hat: Wird sich die römisch-katholische Kirche noch zum vollständigen Respekt für queere Menschen offiziell bekehren? Meine Antwort ist NEIN… Sehen Sie selbst den Film und fragen sich, wie viel hoffnungslose Unmenschlichkeit noch offizielle Kirchenlehre und Kirchenpraxis ist. Diese Kirche zerstörte und zerstört Leben. Das ist eine Einsicht des Films.

Wer diese Hinweise nicht glauben will, lese in der Katholischen Zeitung „Tagespost“ (20. Januar 2022, Seite 6) den Beitrag über Joe Biden. Darin zeigt der Autor Maxmilian Lutz Verständnis für rechte und rechtsextreme Christen, auch Katholiken, die aus Glaubensgründen LGBT Personen diskriminieren und deswegen gegen Bidens „Equality Act“ agieren. Denn wenn diese gesetzliche Gleichbehandlung von Lesben und Schwulen Realität würde, dann, so wörtlich, „würden gläubige Menschen diskriminiert werden (! sic), die sich nicht mehr auf die Glaubens-und Gewissensfreiheit berufen könnten, wenn sie LGBT -Personen bestimmte Dienste wegen ihres Glaubens verweigern“.  Wie „nett“, aus religiösen Gründen die Menschenrechte den LGBT Menschen verweigern, Realität ist (nicht nur) in den USA: Verweigerung von Mietsverträgen an LGBT – Menschen, Diskriminierung am Arbeitsplatz, in den Familien etc.

Dieser Beitrag in der Katholischen „Tagespost“ (Würzburg), viel gelesen in Gemeinden und Klöstern, ist eine Schande für den (deutschen) Katholizismus, eine Schande, dass solche Sätze ohne Kommentar publiziert werden. Aber die „Tagespost“ ist ein Kampfblatt der (katholischen) Reaktionären, die man bitte nicht als Minderheit einschätzen möge. Man forsche bitte, wie viel Geld etwa aus dem sehr katholischen „Regensburg“ zur „Tagespost“ fließt…

Wer noch die Kraft hat, suche das Weite…d.h. die Freiheit. Gott oder der Sinn meines/unseres Lebens ist doch auch außerhalb dieser Kirche zu erfahren…Es gibt auch einige wenige „freisinnige christliche Kirchen“.

Selbst wenn die katholischen Bischöfe in Deutschland jetzt Segnungen (!) homosexueller Partnerschaften zulassen, ist diese Entscheidung schon veraltet: Es geht jetzt um Ehe-Schließung, also Sakrament, für homosexuelle Paare, nicht um Segnung. Gesegnet werden auch Autos und Tiere und Handys in der katholischen Kirche.

1.

Am 24.1. 2022 sendet die ARD, 1. Programm, um 20.30 Uhr eine Dokumentation „Wie Gott uns schuf“, darin outen sich 125 katholische Priester und festangestellte MitarbeiterInnen in katholischen Gemeinden Deutschlands. LINK. Ein wichtiger Schritt, um den in der römischen Kirche immer noch vorhandenen § 175 endlich abzuschaffen, LINK !, und homosexuelle Menschen, auch homosexuelle, queere Priester, Nonnen, Pastoralreferenten als elbstverständlich normale Mitglieder der Kirche zu betrachten und zu respektieren. Homosexualität, Queersein etc., ist etwas Normales, das bei niemandem Angst erzeugen darf, das keine Verfolgung duldet, kein Verstecken der eigenen Identität erfordert usw.

Das Beispiel dieses Films in Deutschland wird in anderen Ländern sicher alsbald Nachfolge finden, etwa in Polen, Spanien, Frankreich, Itakiebm Brasilien, Indien usw. usw.

Schade nur, dass sich bisher so wenige Ordensleute, Frauen wie Männer, dem Outen angeschlossen haben. Da müsste es allein in Deutschland viele hundert Bekenntnisse (Outing) geben, bei den Orden von A bis Z schön alphabetisch sortiert, also etwa von den Augustinern über die Benediktiner und Dominikaner und Jesuiten und Kapuziner zu den Salesianern und Steyler Missionaren und Zisterziensern usw. Um nur einige Männerorden zu nennen. Warum schweigen die schwulen Ordensleute? Wer will der erste sein, der sich outet, das ist dich wohl nicht die Frage.

In den Niederlanden gibt es einen allseits bekannten, also öffentlichen Kreis, eine Art Arbeitskreis, mit eigenen Studientagen, die „Homopastores“: „Werkverband vam katholieke Homopastores“, WKHP. Dieser Arbeitkreis hat sich von allen permanenten Drohungen des katholischen Episkopates in Holland nicht beirren lassen. Diese Homopastoren haben die Freiheit gelebt, den Widerstand geleistet. Viele Jahre war der Dominikanerpater Theo Koster (jetzt Rotterdam) einer der Verantwortlichen der niederländischen katholischen Homopastores: LINK

Vielleicht finden sich einmal in Deutschland Dominikaner, die den Kreis „schwuler Priester“ leiten? Ein Vorbild, Pater Theo Koster, haben sie ja… Tatsache ist: Solche Kreise gibt es in Deutschland auch, aber die Herren in Deutschland bleiben unter sich, sind öffentlich nicht sichtbar. Diese Kirche macht ihnen unsäglich Angst! Wie lange wird das so bleiben … nach diesem Film?

Die Initiative, deren Mitglieder sich in dem ARD Film äußern: #OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst

Mich erstaunt als Berliner, dass sich in der ARD Sendung keine Priester aus dem Erzbistum Berlin outen. Kommt vielleicht noch, als umfangreiche Sondersendung … oder sind die alle zu ängstlich und eingeschüchtert?

2.

Bei so vielen, die sich schon heute,24.1.2022, als homosexuelle, queere Pfarrer und Kirchenmitarbeiter outen, wird es den oft selbst schwulen Herren der Kirche schwerfallen, diese alle zu bestrafen. In dem Falle könnten ja auch mal einige Herren der Kirche geoutet werden. Anders gibt es wohl keine globale Reformation in der römischen Kirche.

Die Herren der römischen Kirche und alle anderen werden sich daran erbauen, dass Historiker längst eine Liste schwuler Päpste zusammengestellt haben. Eine Liste homosexueller Bischöfe ist natürlich viel umfangreicher, da kann man zunächst nur jene Bischöfe nennen, die wegen ihrer offenkundigen Homosexualität aus ihren Ämtern entfernt wurden…

3.

Homosexuelle Päpste: Ein Hinweis aus „Schwulengeschichte.ch“, publiziert April 2007.

Es waren sechs Päpste, die Jürg Amstein mit ihrem ho­mo­se­xu­el­len Ver­hal­ten sorg­fäl­tig re­cher­chiert und belegt vor­stell­te:  Quelle: https://schwulengeschichte.ch/epochen/6-aufbruch/soh/19751976/hey-1976-paepste/

Diese Liste ist selbstverständlich unvollständig.

Johannes XXII. (um 1245-1334)

Leo X (1475-1521)

Sixtus IV (1414-1484)

Julius II (1443-1513)

Paul II (1418-1471) 

Klemens VII (1478-1534)

Sie sind hier in der Rei­hen­fol­ge ihres Er­schei­nens im hey auf­ge­führt, die nicht mit der his­to­ri­schen Abfolge über­ein­stimm­te. Einzelne Por­traits waren auf zwei Hefte verteilt. Die ganze Serie endete mit der Sommer-Dop­pel­num­mer von 1977.

Im Mai wurde zudem ein bissiger Kom­men­tar der deut­schen Bild-Zeitung nach­ge­druckt:4 Roger Pey­re­fit­te, be­kann­ter Fran­zö­si­scher Schrift­stel­ler, hatte Paul VI selber als Ho­mo­se­xu­el­len geoutet und die un­ge­schick­te öf­fent­li­che Reaktion des be­lei­dig­ten Papstes bot na­tür­lich bestes Futter für ein Blatt wie die Bild-Zeitung.

Im Juni meldete sich die hey-Re­dak­ti­on:5

„Die Serie ‚ho­mo­se­xu­el­le Päpste‘ ist eine Antwort auf die jüngste Kon­gre­ga­ti­ons-Er­klä­rung aus Rom […]. Diese Pu­bli­ka­tio­nen dienen einzig dem Zweck, auf­zu­zei­gen, dass auch die ‚Hei­li­gen‘ nicht immer so sind. Wir erachten es […] als er­freu­lich, dass gleich­ge­schlecht­li­che Nei­gun­gen in jedem Winkel der Welt und auf allen Etagen zum Spielen kommen […].“

In der sicheren Annahme und Hoffnung, die römische Er­klä­rung sei ein vor­über­ge­hen­der Rückfall – was auch die Ansicht schwuler Ka­tho­li­ken und zweier meiner Pries­ter­freun­de war – erklärte ich (Ernst Ostertag) im Okotber als „Marco“ und Re­dak­ti­ons­mit­glied:6

„Wir sind der Meinung, dass eine solche Pu­bli­ka­ti­on nützlich sei im kir­chen­in­ter­nen Ringen um eine weitere Öffnung und ein Zu­rück­däm­men gewisser kon­ser­va­tiv-ad­mi­nis­tra­ti­ver Kräfte. Denn sie schafft ori­en­tier­te Menschen, die […] den nötigen Druck auch von aussen heilsam ausüben und ver­stär­ken werden.“

Seine Serie schloss Jürg Amstein:7

„Mit Klemens VII endet die Zeit der spät­mit­tel­al­ter­li­chen und der Re­nais­sance-Päpste. Ihre grossen Aus­schwei­fun­gen waren trotz allem mensch­lich-na­tür­lich, sie schämten sich nicht, sich öf­fent­lich mit ihren Lieb­lin­gen zu zeigen: nichts war ver­drängt. Nun beginnt das Ver­tu­schen dessen, was sie ‚fleisch­li­che Sünde‘ nennen. Die moderne Zeit bricht an und […] die Nach­fol­ger Klemens VII über­tün­chen die ‚fri­vo­len‘ Gemälde im Bad (bis heute) und ver­ste­cken gar vieles in Hin­ter­ge­mä­cher, wo His­to­ri­ker kaum mehr Be­weis­ba­res finden.“

4. Homosexuelle Bischöfe:

Roman Catholic Church.  Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Gay_bishops

Further information: Homosexuality and Roman Catholic priests

Bishop Thomas Gumbleton, a retired Catholic bishop in the Diocese of Detroit, has consistently been a supporter of New Ways Ministry and has also called for homosexual priests and bishops to „come out“ and be truthful to themselves and others.[citation needed] Gumbleton has acted as a keynote speaker at Call to Action conferences. In 1995 he wore a mitre at a church service on which were symbols of the cross, a rainbow and a pink triangle in solidarity with the gay community.[39] Later, he came into the public eye before the Vatican’s Instruction with regard to the ordination of homosexual men was released, arguing against Andrew R. Baker’s article on the issue in America.[40]

Francis Spellman, Cardinal Archbishop of New York, was long rumored to have been gay, according to a book by John Cooney, who said that many whom he interviewed took his homosexuality for granted.[41] In addition, a book published in 1998 claims that during the Second World War, Spellman was carrying on a relationship with a chorus boy in the Broadway revue One Touch of Venus.[42] Spellman defended Senator Joseph McCarthy’s 1953 investigations of subversives and homosexuals in the federal government.[citation needed]

Archbishop Rembert Weakland of Milwaukee, Wisconsin, retired on 24 May 2002 following the revelation that he had used $450,000 in archdiocesan funds to settle a lawsuit accusing him of sexual harassment. In a statement one week later, he admitted the falsity of his previous assertion that income he had earned outside of his priestly occupation (and turned over to the Church) exceeded the $450,000.[43] In 2009 he confirmed that he was gay, but did not reveal any details of his relationships.[43][44][45][46]

The auxiliary Roman Catholic Bishop of Cape Town, South Africa, Reginald Cawcutt, resigned in July 2002 following allegations that he outed himself as gay on a sometimes-sexually charged website set up for gay priests. Bishop Reginald Cawcutt blamed the scandal on the conservative US organization Roman Catholic Faithful which infiltrated the now closed website, called St. Sebastian’s Angels, and traced posting addresses.[47]

In 2003, Cardinal Hans Hermann Groër was removed from office by Pope John Paul II for alleged sexual misconduct with younger men who were students in his care. Officially, the Pope accepted the resignation letter which Groër had written on the occasion of his 75th birthday. This made Groër, who had adamantly refused to ever comment in public on the allegations, one of the highest-ranking Catholic clerics to become caught up in the sexual abuse scandals.[48]

In 2005, Juan Carlos Maccarone, the Bishop of Santiago del Estero in Argentina was forced to resign after images were released of him engaged in sexual activity with another man. Suggestion was made that the former state governor Carlos Juarez had been involved in the release after criticism of the governor’s human rights record.[49]

Francisco Domingo Barbosa Da Silveira, the Bishop of Minas in Uruguay, was forced to resign in July 2009, following a gay sex scandal in which he had faced extortion.[50][51]

In February 2013, Cardinal Keith O’Brien, leader of the Catholic Church in Scotland, was forced to resign as archbishop three months ahead of planned retirement because of allegations of inappropriate acts with four priests during the 1980s, but also more recently. O’Brien had been a vocal critic of the UK Government’s plans to introduce same-sex marriage.[52]

In October 2016, a group in favour of same-sex marriage in Mexico called the Pride National Front (FON) alleged that a number of Catholic leaders were homosexual. The list included Hipólito Reyes Larios, Archbishop of Xalapa in Veracruz.[53]

Es fehlt in der Liste der Erzbischof von Posznan, Polen, Julius Paetz (dort Erzbischof von 1996-2002), CM.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der unbekannte (?) Priester Peter H.(ullermann)

Sexueller Missbrauch: Der unbekannte (?) Priester Peter H.(ullermann).

Ein Hinweis von Christian Modehn, am 23.1.2022

Die Studie über den sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum München- Freising, veröffentlicht am 20.1.2022 in München, erstaunt mich auch hinsichtlich der Geheimhaltung des Namens eines in dem „Gutachten“ oft erwähnten Priesters. Er wird in der Presse (wie etwa in der SZ am 22.1.2022, Seite 2) nur geheimnisvoll Peter H. genannt. Er spielt eine sehr zentrale Rolle für die Frage: Was wusste Erzbischof Ratzinger von München, als er Peter H. in sein Bistum aufnahm? Machte sich Ratzinger schuldig, einen schon damals bekannten Missbrauchstäter in sein Bistum auzunehmen? Bisher will EX-Papst Benedikt davon nichts gewusst haben bzw. damit nichts zu tun zu haben. „Schuld“ hat, wie üblich in hierarchischen Systemen, ein Untergebener, der damalige Generalvikar, übernommen.

ABER: Man muss nur das Buch des Vatikan-Spezialisten Marco Politi lesen „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (auf Italienisch 2011, auf Deutsch 2012), um schnell die Identität von Peter H. festzustellen.

Auf Seite 343 ff. der deutschen Ausgabe von Politis Buch wird klar von Peter Hullermann gesprochen, übrigens auch mit einem Verweis auf einen Bericht im „Spiegel“ vom 22.3.2010. Politi bezieht sich auf den Übergang des Kaplans Peter Hullermann von seinem Heimatbistum Essen ins Erzbistum München, dieser Übergang wurde am 15.1. 1980 in München beschlossen. Damals war Ratzinger Erzbischof von München.

Der Klarname von Pfarrer Peter H., also Peter Hullermann, wird auch in der umfangreichen Studie des us-amerikanischen Info-Dienstes Alchetron.com verwendet. https://alchetron.com/Peter-Hullermann

Und auch die englische Wikipedia bietet einen Peter Hullermann Beitrag https://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Hullermann

Hat die deutsche Presse Angst vor Klarnamen?

Als background für Austrittswillige: Wer aus der katholischen Kirche austritt, der ist vom ewigen Heil ausgeschlossen, das behauptet noch, kaum zu glauben, das 2. Vatikanische Konzil. LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/14529_wer-aus-der-katholischen-kirche-austritt-achtung-da-passiert-was-himmlisches_alternativen-fuer-eine-humane-zukunft

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der neue Roman von Houellebecq: „Vernichten“. Bekenntnisse eines Reaktionären.

Über den neuen Roman und die Religion Houellebecqs

Ein Hinweis von Christan Modehn.  Siehe auch: Ein katholischer Erzbischof lobt „Vernichten“: LINK

1.

Der neue Roman von Michel Houellebecq liegt jetzt auch auf Deutsch vor. „Vernichten“ ist der Titel. Was oder wer vernichtet wird, erscheint erst am Ende des umfangreichen Romans, der Titel lässt Schlimmstes erahnen. Der Titel „Vernichten“ bedient sich eines Verbs, einer Tätigkeit, der Eindruck ist: Es handelt sich um ein Geschehen, eben Vernichten, das zwangsläufig geschieht, schicksalsmäßig. Ein Ausrufungszeichen als Befehl findet sich hinter „Vernichten“ nicht. Ein Befehl würde noch Freiheit der Täter voraussetzen.

Dabei liest sich das neue Opus des „Stars“, manche sagen „Popstars“ der gegenwärtigen Literatur auch ausnahmsweise, möchte man sagen, manchmal wie eine Art Familiengeschichte mit Einsprengseln einer Art von „Liebesroman“ und kurzen Szenen einer Naturmystik und politischen Irritationen durch Terroranschläge… wobei das Elend der menschlichen Beziehungen selbstverständlich – wie üblich – weit ausgebreitet wird.

Es ist eine elende Welt vornehmlich der Reichen, die da vorgeführt wird, elend hinsichtlich der seelischen Verfassung, der Langeweile, des Scheiterns im Miteinanderleben in Beziehungen und Ehen. Dabei ist es keine Frage: Die sprachliche Gestalt, die „Komposition“ des Romans, der Mix aus Reportage und Elementen philosophischer Reflexion, diese Analysen des seelischen Zustandes einer gewissen Oberschicht können die LeserInnen an das umfangreiche Buch durchaus binden.

Der Roman enthält viele Fakten, das ist evident…Wenn Houellebecq etwa Kirchengebäude nennt, dann sind diese nicht fiktiv, sondern real; wenn er das Kapuzinerkloster der Traditionalisten in Morgon nennt (siehe die ausführlichen Hinweise in Fußnote 1, unten), dann gibt es dieses Kloster wirklich; wenn er von der katholisch-rechtsextremen Bewegung „Civitas“ Bewegung spricht, dann gibt es diese wirklich. Er kennt diese Leute! Man denke bloß nicht, dieser Text, Roman genannt, sei im ganzen Fiktion. Dieser Roman hat auch den Charakter eines religionskritischen Sachbuches. „Die Ordnung der Welt ändet sich also gerade“ (S. 225) könnte als Leitwort gelten.

2.

In Frankreich ist „Anéantir“ seit dem 7.1. 2022 in den Buchhandlungen, Startauflage 300.000. Auch Raubkopien hat es vorweg gegeben. Das Interesse an Houellebecqs Werk ist enorm, trotz oder auch wegen seiner oft ins politisch Rechte und Rechtextreme abdriftenden Statements. Es ist ja bekannt, dass sich Houellebecq etwa in seinen als Essays titulierten Schriften deutlich absetzt vom Geist der modernen Aufklärung, auch vom Protestantismus und der Renaissance, so etwa erneut in seinem vierten Essayband „Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen“(2020). „Die Linken“ sind die Feinde des Autors, das bekam einmal mehr deutlich zu spüren Daniel Lindenberg (Prof. für Politologie und Mitglied der Sozialistischen Partei P.S.), als er in seinem Buch „Le rappel à l ordre“ („Der Ruf zur Ordnung“) von 2002 Houellebecq ein diffuses reaktionäres Denken nachweisen konnte. In seiner Erwiderung anlässlich der Annahme des „Schirrmacher Preises“ 2016 fand Houellebecq äußerst scharfe und polemische Worte gegen Daniel Lindenberg. Houellebecq ist eben nicht nur Literat, schon gar nicht ein „klassischer Dichter“. Er hat sich einem gesellschaftlichen Projekt mit aller Kunst und Leidenschaft und Ironie verschrieben, und das Projekt heißt: Rückkehr zu den alten Werten, etwa der „intakten“ Familie, dem Respekt der religiösen (nicht nur der politischen!) Lehren des traditionellen Katholizismus. Das wird etwa deutlich in einem langen Interview, das Houellebecq dem Journalisten Geoffroy Lejeune von der extrem rechten Wochen-Zeitschrift „Valeurs Actuelles“ im Jahr 2019 gab. Darin sagte Houellebecq offenbar allen Ernstes: „Zu den Zeiten, als der Islam verborgen war, wo es einen Islam im Keller gab, da lief alles gut. Jetzt, machen die Muslime Probleme. Weil man ihnen sagt, sie könnten sichtbar sein. Um das zu regeln, wäre es besser, die katholische Religion würde stärker werden („reprenne le dessus“)“.

Der Schriftsteller Thomas Lang schreibt dazu: „Bemerkenswert scheint mir einerseits der grundlegende Konsens zwischen dem Journalisten und Houellebecq in der Sehnsucht nach einer unangreifbaren Institution, die im Besitz der Wahrheit ist und Trost spenden kann. Andererseits findet sich auch wieder die Konfrontationsstellung unterschiedlicher Richtungen. Rechts gegen links, christlich gegen muslimisch, das sind die besten Voraussetzungen für die Ausweitung einer Kampfzone“ (zit. in „Volltext“, Wien, Heft 4 (2020, S. 7). Die katholische Kirche braucht Houellebecq für seine politischen Ideen und Nostalgien als Stützen der Moral und des Staates. Das ist die alte, aber immer noch nicht vergessene  französische Konzeption der „Action Francaise“, die sich zu Beginn der Zwanzigsten Jahrhunderts als politische Ideologie katholischer Franzosen etablieren wollte, die keinen religiösen und biblisch geprägten Glauben hatten, wohl aber eine politische Liebe zur Institution Kirche als Hüterin der alten Ordnung. „Jesus Nein, hierarchische Kirche Ja“, war die Devise, die auch Houellebecq zentral findet, Jesus ist ihm viel zu links, viel zu revolutionär…(Siehe dazu: Yann du Cleuziou: Apologie du catholicisme dans les romans de Houellebecq, https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-02296265/document).

3.

Der maßgebliche Literaturkritiker von „Le Monde“, Jean Birnbaum, hat im Dezember 2021 mit Houellebecq einige Stunden in dessen Arbeits-„Studio“ in Paris sprechen dürfen. Auf drei Seiten berichtet er ausführlich von dem Besuch, der ganz dem  neuen Buch gilt (Le Monde, 7. Janvier 2022,  Seite 1-3 in der Abteilung „Le Monde des Livres“). Der Titel des Beitrags sagt schon Entscheidendes über den neuen Roman: „Houellebecq, die Versuchung des Guten“.  Dazu passend, auf Seite 1, ein Zitat des Schriftstellers: „Mit guten Gefühlen macht man gute Literatur“. Diese Aussage mag überraschen! Houellebecq sagt: „Es gibt (bei mir) kein Bedürfnis, das Böse zu feiern, um ein guter Schriftsteller zu sein. Und es gibt wenige Übeltäter in dem Roman „Anéantir“. Damit bin ich sehr zufrieden. Der größte Erfolg wird sein, wenn es überhaupt keine Übeltäter mehr gibt“.

Während des Gesprächs mit dem Redakteur von „Le Monde“  fällt Houellebecq plötzlich ein, so heißt es dann in der Zeitung:  „Das ist verrückt, seit vier Stunden diskutieren wir und man hat noch immer nicht von Zemmour (einem der rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten 2022) gesprochen“. Darauf der Redakteur: „Das ist stimmt. Man kann es immer noch tun“. Aber wollen Sie das wirklich?  „Non“ antwortet Houellebecq sehr knapp „a mi-voix“, heißt es, „halblaut“. Dem Journalisten fällt nichts anderes ein als das eine Wort zu sagen: „Bon“, also: “Na gut“. Keine Nachfrage also, eine verpasste Chance mehr Klarheit über die Beziehung Houellebecq – Zemmour zu erfahren.

4.

Jean Birnbaum erwähnt im Gespräch auch die ihn emotional berührenden Aussagen im Roman. Houellebecq antwortet darauf mit einem Hinweis zum eigenen Erleben beim Schreiben: „Jene Passagen im Roman, die Sie berührt haben, die habe ich nicht gedacht, die haben sich mir aufgedrängt. Wenn Sie das ernst nehmen, was ich schreibe, dann muss man eine irrationale Voraussetzung annehmen, nach der die Personen im Roman wie von selbst handeln… Oft glaubt der Autor, die Persönlichkeiten im Roman zu kontrollieren, aber die Persönlichkeiten drängen ihr Sein dem Autor auf“. Houellebecq erlebt sich offenbar wie einer Art „Diktat“ ausgesetzt. Aber: Wer „diktiert“ da eigentlich? In den biblischen Schriften, die ja auch manche für „inspiriert“, säkular gesagt von anderem „diktiert“ halten, war es Gott, der da die Feder führte…. In jedem Fall sieht sich Houellebecq offenbar wie ein Meister der Weisheit, der Gesehenes, Gehörtes, kundtut.

5.

Über seine spirituelle Suche hat Houellebecq oft gesprochen, auch über seine Versuche, sich in den katholischen Glauben zu vertiefen. Auch in dem Roman „Vernichten“ ist oft von der Bedeutung des katholischen Glaubens die Rede: Cécile, die Schwester des Protagonisten Paul Raison, ist eine tief-fromme praktizierende Katholikin, der es sogar gelingt, ihren eher skeptischen Bruder zur Weihnachtsmesse in die Dorfkirche im Beaujolais mitzunehmen. Die Reflexionen Pauls über die Bedeutung Gottes angesichts des menschlichen Leidens könnte man wohl auch als persönliche Fragen Houellebecqs denken (S. 261)..

Der Katholizismus ist jedenfalls immer ein Thema bei Houellebecq, auch wenn er in „Vernichten“ durch ausführliche Beschreibungen des Wicca-Kultes wohl andeutet: Es könnte auch eine andere, eine neue (alte) Religion in Europa wichtig werden. Bekannt ist zudem, dass er die Gastfreundschaft der Benediktinermönche von St. Martin de Ligugé (bei Poitiers) erlebt hat (im Gästezimmer 11). Die Mönche berichteten später, sehr aufmerksam die Romane Houellebecqs zu lesen.  Und die Zeitschrift „Le Point“ schrieb  am 21.4.2015, in ihrer Klosterbuchhandlung hätten die Mönche auch die (damalige) Neuerscheinung des Houellebecq Romans „Soumission“  („Unterwerfung“) zum Kauf angeboten.

Für den Redakteur von Le Monde berichtet Houellebecq: Zu Weihnachten (2021) hätten ihm, so wörtlich, „reaktionäre Katholiken“, „die Freunde geworden sind“, Grüße und Nachrichten geschickt. „Darin sagten sie, dass sie für mich gebetet hätten, das ist bewegend, finden Sie nicht auch? Es gibt Leute, die interessieren sich für meine Seele. Das deute ich als Zeichen von sehr starker Freundschaft. Sie hoffen, dass ich von der Gnade berührt werde“. Bemerkenswert ist, dass Houellebecq selbst offenbar ohne ironischen Unterton (ohne ein „so genannte“) von seinen „reaktionären katholischen Freunden“ spricht. Diese Haltung dieser Katholiken findet er offenbar gut, in diesem Freundes-Milieu fühlt er sich wohl. Hat Houellebecq endlich seine katholische Ecke gefunden, wo er sich wohlfühlt?

Ob die reaktionären Katholiken, auch in moralischer Hinsicht nicht gerade liberal, mit Houellebecqs Satz (gesprochen vom Protagonisten Paul) einverstanden sind: „Dafür waren Nutten da, um einem wieder Leben einzuhauchen“ (S. 307)? Wahrscheinlich sehen reaktionäre Katholiken auch über die Sex-Szenen im Roman „Vernichten“ hinweg, wichtig ist ihnen die politische Haltung Houellebecqs, da ist er wohl einer der ihren…

Tatsache ist: Reaktionäre Kreise im französischen Katholizismus sehr viel zahlreicher und „bunter“ und einflußreicher als etwa im deutschen Katholizismus.  Es sind in Frankreich nicht nur die zahlreichen traditionalistischen Pius-Brüder von Mgr. Lefèbvre und deren Gemeinden, es sind die Katholiken aus den Kreisen „Manif pour tous“, von der Zeitschrift Valeurs Actuelles, die Katholiken, die von „Bevölkerungsaustausch“ wegen der Muslime in Frankreich schwadronieren usw., von „Civitas“ war schon die Rede.

6.

Der Schriftsteller Thomas Lang hat in der Zeitschrift VOLLTEXT manche Aussagen Houellebecqs zur Politik treffend „schwammig“ (S. 6) genannt. Schwammig sind auch einige Ausführungen des Schriftstellers in dem genannten Gespräch mit Jean Birnbaum von Le Monde. Darin ist erstaunlich, wie milde Houellebecq die bekannten Nazi-Autoren der Okkupationszeit bewertet. Er sagt: „Man war im 20. Jahrhundert fasziniert von der Transgression, dem Bösen. Von daher auch das Wohlgefallen gegenüber Autoren wie Morand, Drieu, Chardonne. Und dann das Urteil Houellebecqs: „Autoren, die ich mittelmäßig finde“.

Morand und Drieu waren von ihrer formalen schriftstellerischen, sprachlichen Leistung her gesehen sicher viel mehr als mittelmäßig. Aber sie waren viel weniger als mittelmäßig, nämlich schändlich, in ihrer antisemitischen Nazi-Ideologie. Von der Nazi-Ideologie der Autoren spricht Houellebecq vornehmerweise nicht. Oder „Le Monde“ zitiert unvollständig.

7.

Was oder wer ist also „Vernichtet“, um den Titel des neuen Romans aufzugreifen? Das werden die LeserInnen entdecken. Aber betrachtet man die Grundüberzeugung und die herrschende „Stimmung“ von Houellebecq dann steht fest: Vernichtet ist die alte europäische Ordnungswelt. PolitikerInnen, die angeblich noch diese alte Werte bzw. Unwerte -Ordnung reanimieren wollen, werden von Houellebecq in „Vernichten“ freundschaftlich mit dem Vornamen angespochen, eben Marine Le Pen, im Jahr 2022 Chefin der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (früher „Front National“). Sie heißt im Roman nur freundschaftlich „Marine“.

Wichtiger als Ergänzung zum Thema „Vernichten“ dürften die Ausführungen Houellebecqs sein anlässlich der Verleihung des „Oscar-Spengler Preises“ 2018, ein Preis, der auch stark von rechten CDU und auch AFD Politikern inszeniert und finanziert wird. Bei der Entgegennahme des Preises in Brüssel sagte Houellebecq: „Bezogen auf die Demographie und die Religion ist es evident, dass ich zu den exakt identischen Schlussfolgerungen wie Spengler komme: Der Westen befindet sich in einem Zustand sehr fortgeschrittenen Niedergangs.“ Das hat man schon oft gehört von Houellebecq…

8.

… Es ist das Jammern des Reaktionären heute…Ob es weiterhilft in der umfassenden Krise der Gesellschaften und Staaten ist sehr fraglich, meine Antwort heißt nein. Trotzdem werden wieder viele tausend Menschen auch den neuen, den etwas freundlicher gestimmten Houellebecq-Roman lesen. Weiterführende Impulse für eine humanere Welt (der Menschenrechte) werden sie von dem umfangreichen Buch nicht erhalten. Politische Prognosen eines „Weisen“ oder gar prophetische Perspektiven wird man auch diesem Houellebecq – Roman nicht entnehmen können. Da verbreitet ein „weltberühmter Autor“ nur auf seine Art „Stimmung“ für eine autoritäre Gesellschaft und einen entsprechenden Staat der „uralten Werte“. Und viele, werden dies, leider, glauben.

Fußnote 1:

Im November 2017 hatte Houellebecq ein Interview („Testament“ genannt), ursprünglich für den SPIEGEL gegeben, das dann von der reaktionären Wochenzeitung „Valeurs actuels“ übersetzt  wurde . LINK Houellebecq betont in dem Interview: „Die Integration der Muslime könnte nur funktionieren, wenn der Katholizismus (in Frankreich) wieder Staatsreligion (Religion d Etat) wird“.  Diese Forderung „Katholizismus als Staatsreligion“ wird von der rechtsextremen Partei „Civitas“ vertreten. Ein Kapuziner aus dem traditionalistischen Kloster in Morgon ist offizieller „Partei-Kaplan“ (aumonier genannt) von „Civitas“.   Von diesem Kloster ist in „Vernichten“ die Rede, Houellebecq kennt diese Leute offenbar. Es lohnt sich, zum Studium die website dieser Mönche anzusehen! LINK: Das Houellebecq-Zitat zur katholischen Staatsreligion ist auf Deutsch erreichbar (gelesen am 15.1.2022): LINK

Die reaktionären und traditionalistischen Katholiken von Civitas gehören auch zu den heftigen „Impfgegner“ in Frankreich, sie nennen die staatliche Impfkampagne „Plandémie satanique“. Diese Tatsachen werden ausführlich ausgebreitet in der religionswissenschaftlich-politologischen Studie „Le Nouveau Péril sectaire“, von Jean-Loup Adénor und Timothée de Rauglaudre, erschienen in den Editions Laffont, 2021, 21,50 EURO.

Michel Houellebecq, „Vernichten“. Roman.  2022, Dumont – BuchVerlag Köln. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. 621 Seiten, 28 Euro. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Russisch-orthodoxe Putin-Kirche: 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion dem Herrscher ergeben.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.12.2021

1. Vor 30 Jahren, am 26. Dezember 1991, wurde offiziell die Sowjetunion beendet, die Rote Fahne wurde durch die Russische Flagge ersetzt. Verschwunden ist der Ungeist der Sowjetzeit bis heute nicht. Wie sollte auch Menschen so schnell Demokraten werden können, Menschen, die von der kommunistischen und stalinistischen Diktatur drangsaliert wurden und zuvor Jahrhunderte unter der Zarenherrschaft, als „Leibeigene“, galten. Die europäische Aufklärung hatte bekanntlich nur eine Minderheit der Russen geprägt. Selbst Dostojewski war im Alter ein Verteidiger der „russischen Idee“ zur Rettung Europas.

2. Über das offizielle Ende der UDSSR vor 30 Jahren wird viel veröffentlicht. Ein wichtiger, in Deutschland leider eher als marginal betrachteter Aspekt, ist die „Russisch-Orthodoxe Kirche“ mit dem Patriarchen von Moskau. Diese sich stolz „rechtgläubig“ nennende kirchliche Organisation hat seit 1992 eine rasante Entwicklung gestalten können: 30.000 Kirchen wurden im ganzen Land eröffnet, es gibt mehr als 50 theologische Seminare zur Ausbildung der Popen, sehr viele Russen nennen sich „russisch-orthodox“. Der Wunderglaube ist weit verbreitet. Die Reliquien des heiligen Nikolaus, als Leihgaben nach Moskau gebracht, wollten unbedingt zweieinhalb Millionen Menschen sehen. Allerdings ist der Anteil der regelmäßigen Teilnehmer an den Sonntags-Liturgien eher sehr gering (Fußnote 1, siehe unten). Kein Wunder, die weihrauch- geschwängerten Gesänge und Gebete werden in der heute kaum verständlichen  „Kirchenslawischen Sprache“ vorgetragen, kaum jemand unter denGläubigen versteht das, so bleibt nur das permanente Rufen „Herr erbarme dich“ und das ständige demütige Sich-Bekreuzigen. Das Bekenntnis zur Kirche ist einerseits Folklore. Andererseits lässt sich die Russisch-orthodoxe Kirche sehr gern als ideologische- nationalistische Stütze von Putin und dem Putin-Regime gebrauchen. Zumindest die oberen Bischöfe und der Patriarch vor allem haben davon enorme finanzielle Vorteile, der Patriarch selbst gilt als Multi-Millionär (zu den Auseinandersetzungen darüber: https://g2w.eu/news/697-russland-russische-orthodoxe-kirche-weist-behauptungen-ueber-reichtum-von-patriarch-kirill-zurueck). Über die wirtschaftlichen „Akivitäten“ der Russisch-Orthodoxen Kirchenführer berichtete schon im Frühjahr 2004 Aleksandr Soldatov in Lettre International, S. 78f. Von merkwürdigen kirchlichen Wirtschaftsunternehmen ist in dem wissenschaftlichen Beitrag die Rede, etwa vom kirchlchen Trinkwasser „Heiliger Quell“, es wedn Unmengen von sogen. Messwein produziert, auch habe sich ein weites Netz von „Milchkiosken“  und „orthodoxen Apotheken“ in Moskau gebildet…

3. Die Russisch-Orthodoxe Kirche soll sozusagen die traditionellen Werte Russlands vertreten und verteidigen, das religiöse Opium liefern, von dem dann das Putin Regime sehr gern Gebrauch macht zur Festigung des eigenen Systems. Putin will in seiner zur Schau gestellten Nähe zur Kirche als Mann des russischen Volkes erscheinen. Darum nimmt er immer wieder an den Liturgien teil, etwa zu Ostern in „Christus Erlöser Kathedrale“. Die Freundschaft zwischen Patriarchen und Herrscher lohnen sich für die Kirche: Priester geben nun Kurse zur „Orthodoxen Kultur“  in den Schulen. Ganz sanfte Distanz deutet sich an, wenn nun der Patriarch doch davon absehen will, in Zukunft auch die Massenvernichtungswaffen Russlands zu segnen. Hingegen  sollen die Soldaten und ihre Herren Generäle den kirchlichen Segen nach wie vor erhalten.

Der Historiker Heinrich August Winkler betont den geschichtlichen Hintergrund für dieses „Kirche-Staat-Verhältnis“: „Anders als im europäischen Okzident des Mittealteres hatte es in Russland keine Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt gegeben. Vielmehr blieb die geistliche Gewalt der weltlichen stets untergeordnet, weshalb die orthodoxe Kirche nie zu einem Korrektiv der jeweiligen Staatsmacht wurde.“ („Werte und Mächte, C.H. Beck Verlag München 2019, S. 638).

Nebenbei: In Paris wurde 2016 die neue russische Kathedrale Sainte Trinité eröffnet, eine imposante Architektur mitten in Paris.

4. Leider ist die Kenntnis der aktuellen religiösen Zustände, also das Leben der Russisch-orthodoxen Kirche, in West-Europa, auch in Deutschland, sehr unterentwickelt. Diese Kirche ist Staatskirche, bzw. präziser, eine Art Putin-Kirche, ihm, dem Herrscher, fast völlig ergeben. Kürzlich wurde in Moskau eine monumentale neue Kathedrale für die Russische Armee eingeweiht. Ein riesiges Mosaik als Wandschmuck zeigt den Diktator Stalin, anlässlich der Militärparade zum Sieg der Armee über Nazi-Deutschland. Eigentlich hätte nach kirchlicher Vorstellung auch Putin auf diesem Gemälde „verewigt“ werden sollen, aber der fand dann doch diesen Ruhm im Augenblick für etwas übertrieben.(So im Artikel des Russland Spezialisten Emmanuel Grynszpan am 4. Mai 2020 für die Genfer Tageszeitung Le Temps: https://www.letemps.ch/monde/staline-va-orner-murs-dune-cathedrale-orthodoxe-moscou).

5. In jedem Fall zeigte das Moskauer Patriarchat durch die Komposition des Mosaiks eine gewisse Nähe ausgerechnet noch zum Stalinismus, was erstaunlich ist, wurden doch viele tauend Priester und Gläubige unter Stalin, dem ehemaligen Priester-Kandidaten aus Georgien, aufs übelste verfolgt und gequält und umgebracht. Aber Stalin ist bei der akuellen Verehrung seiner Person wieder „am Kommen“.

Und nebenbei: Einigen russisch-orthodoxen Kirchenführern (wie die Patriarchen Pimen I. oder Alexius II.) wurde nach 1989 mit guten Belegen eine Mitarbeit für den KGB-Agenten nachvollziehbar vorgeworfen. Die Sehnsucht der römisch-katholischen Kirche nach einer freundschaftlichen Ökumene mit „den“ Orthodoxen, auch mit dem Moskauer Patriarchat, müsste hier ausfühlicher kritisch dargestellt werden. Die Führer der meisten orthodoxen Kirchen sind theologisch extrem konservativ, in der Sexual – Ethik schlicht und einfach verkalkt, sagen Beobachter. Mit diesen Herren eine tiefe, freundschaftliche und lernbereite Ökumene zu pflegen, führte die römisch-katholische Kirche noch weiter in konservative Positionen jenseits heutiger Lebenserfahrungen und Lebensdeutungen. Selbst Papst Franziskus sucht immer wieder die Nähe zum Moskauer Patriarchen. Franziskus trifft sich oft mit dem führenden Mitarbeiter des Patriarchen, mit Erzbischof Hilarion.

6. Aber „die Zeiten ändern sich“…Der Parteiführer der immer noch bedeutenden „Kommunistischen Partei Russlands“, Guennadi Ziouganov, nennt sich jetzt „gläubiger orthodoxer Christ“ und … treu ergebener Putin Oppositioneller. (Quelle: Emmanuel Grynszpan, 2020.)

7. Von Kritikern an diesem System einer regimefreundlichen orthodoxen Kirche wäre ausführlich zu berichten. Etwa von dem Diakon Andrei Kouraiev:“ Für den Patriarchen Kyrill zählt einzig sein Ansehen bei den Führern der Macht, der Sicherheit und den Ideologen des Patriotismus“. An den ermordeten oppositionellen Priester Alexander Men erinnern noch einige Oppositionelle…

8. HINWEISE AUF FRÜHERE, NACH WIE VOR RELEVANTE TEXTE des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin zum Thema „Russische Orthodoxie“:

Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin: Veröffentlicht 2012. Siehe: LINK

Wer sind die Gotteslästerer?, Veröffentlicht 2013: LINK

Fußnote 1: In der Zeitschrift “Archives de Sciences sociales des Religions” (juillet-septembre 2021) berichtet Kristina Kovalskaya zu der Frage: Wie genau ist die Russisch-orthodoxe Kirche Russlands heute statistisch erfasst?  Bis jetzt werden von der Kirchenleitung selbst nur die Anzahl der Priester, die Anzahl der Gemeinden und die Zahl der Riten bzw. Liturgien genannt. Die Politiker der Regierung sagen einfach nur wie üblich: „Die Orthodoxie ist die Religion der Mehrheit in Russland“. Die wirkliche „innere“ Verbundenheit dieser Mehrheit mit der Kirche wird dabei nicht erfasst. Fest steht wohl: Zwischen 63 und 69 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als „russisch – orthodox“, dabei sind unter diesen Leuten auch Nicht-Getaufte oder Menschen, die sich als Ungläubige verstehen. Man spricht unter Religionssoziologen dabei von „kulturellen Orthodoxen“. Wirklich verbunden mit dem kirchlichen Leben (d.h. wenigstens einmal pro Monat (!) Teilnahme an der Liturgie in der Kirche) sind hingegen nur 13 Prozent der Russisch-Orthodoxen. Quelle. Religioscope, 6 décembre 2021!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin