Houellebecqs Roman „Vernichten“: Von katholischem Erzbischof gelobt.

Pascal Wintzer (Poitiers) als Literaturkritiker
Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.2.2022; siehe auch den ausführlicheren Hinweis LINK.

1.
Es geschieht nicht gerade häufig, dass ein katholischer Bischof sich über einen neu erschienenen Roman eines umstrittenen Autors ausdrücklich „freut“: Erzbischof Pascal Wintzer (Poitiers) hat am 3.2.2022 in der Tageszeitung „La Croix“ (Paris) wie auch auf der Website des Erzbistums Poitiers (LINK: https://www.poitiers.catholique.fr/michel-houellebecq-aneantir/ ) eine ausführliche Leseempfehlung publiziert: Sie gilt dem kurz zuvor erschienen Roman „Anéantir“ („Vernichten“) von Michel Houellebecq. Das Buch hat eine Startauflage von 300.000 Exemplaren in Frankreich. Das Interesse ist enorm! Und Bischof Wintzer hat schon recht, wenn er Houellebecq „einen der ersten französischen Autoren von heute“ nennt, es gibt längst eine breite Houellebecq-Forschung in Frankreich.

2.
Bischof Wintzer sagt ausdrücklich, dass „man“ auch in dem neuen Roman das wiederfindet, was „man“ (also auch Wintzer) an Houellebecq schätzt: Der Autor „stellt uns vor die großen Verstörungen („dysfonctionnements) der Gegenwart“: Etwa die schlimmen Verhältnissen in den Pflegeheimen für alte und behinderte Menschen. Aber er zeigt in dem Roman auch die Kraft der familiären Bindungen, betont der Bischof. „Wie üblich, ist dies ein Roman einer inkarnierten, fleischlichen Menschlichkeit. Die Körper haben in dem Roman ihren Platz, auch das Vergnügen, der Schmerz und das Leiden…Houellebecq plädiert für das, was einzig den Menschen ehrt, die Beziehung“. Soweit der Bischof, der sogar noch schreibt: „Es ist wahrscheinlich übertrieben, Houellebecq einen Propheten zu nennen, die Zeitung Charlie Hebdo qualifizierte Houellebecq als einen Magier“. Und dann auch dieses persönliche Bekenntnis: „Warum liebt man es, Michel Houellebecq zu lesen, oder auch seinen Auftritten im Fernsehen zu folgen? Weil er Vergnügen bereitet. Zuerst das Vergnügen der Lektüre – und das ist ja auch das, was einen Geschmack am Leben schenkt, aber auch das Vergnügen an seinem schlauen und spöttischen Blick auf die Gesellschaft und auf den Leser selbst. Der Roman Anéantir (Vernichten) erfüllt diese Erwartungen!“

3.
Und am Ende seines lobenden Beitrags zu Houellebecq neuem Roman muss der Erzbischof doch noch einmal seiner Freude Ausdruck geben, den dieser wichtige Autor schreibe doch auch vieles über Religion bzw. die katholische Kirche. Und der Erzbischof zitiert aus einem gerade erschienen Sammelband über den Glauben im Werk Houellebecq, darin definiert er sein Katholischsein: „Ich bin Katholik in dem Sinne, dass ich das Entsetzen über eine Welt ohne Gott ausdrücke … aber einzig in diesem Sinne bin ich katholisch.“

4.
Erstaunlich bleibt, dass ein Erzbischof eine gewisse Berufung als Literaturkritiker entdeckt. Und dann noch seine Begeisterung über einen ja auch politisch zweifelsfrei umstrittenen Autor ausdrückt. Und dabei sogar übersieht, dass Houellebecq in einem Interview mit „Le Monde“ seine geistige Nähe und Verbundenheit mit theologisch – traditionalistischen und politisch reaktionären Kreisen offen bekannte. Dass diese Zusammenhänge Pascal Wintzer übersah, finde ich erstaunlich. Und genauso, mit welcher Leichtigkeit er als Bischof einer nicht gerade erotisch/sexuell-freizügigen Kirche dann doch die „fleischliche Lust“ einiger der Roman-Protagonisten offenbar richtig findet. Dies ist immerhin eine erfreuliche Einschätzung eines katholischen Bischofs.

5.
Bischof Pascal Wintzer wurde am 18. Dez. 1959 geboren, seit Januar 2012 ist er Erzbischof von Poitiers.

6.
Der genante Sammelband mit Studien zu Houellebecq: Misère de l’homme sans Dieu. Michel Houellebecq et la question de la foi. Champs, Essais, Flammarion, 2022, das Zitat ist auf S. 366.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der neue Roman von Houellebecq: „Vernichten“. Bekenntnisse eines Reaktionären.

Über den neuen Roman und die Religion Houellebecqs

Ein Hinweis von Christan Modehn.  Siehe auch: Ein katholischer Erzbischof lobt „Vernichten“: LINK

1.

Der neue Roman von Michel Houellebecq liegt jetzt auch auf Deutsch vor. „Vernichten“ ist der Titel. Was oder wer vernichtet wird, erscheint erst am Ende des umfangreichen Romans, der Titel lässt Schlimmstes erahnen. Der Titel „Vernichten“ bedient sich eines Verbs, einer Tätigkeit, der Eindruck ist: Es handelt sich um ein Geschehen, eben Vernichten, das zwangsläufig geschieht, schicksalsmäßig. Ein Ausrufungszeichen als Befehl findet sich hinter „Vernichten“ nicht. Ein Befehl würde noch Freiheit der Täter voraussetzen.

Dabei liest sich das neue Opus des „Stars“, manche sagen „Popstars“ der gegenwärtigen Literatur auch ausnahmsweise, möchte man sagen, manchmal wie eine Art Familiengeschichte mit Einsprengseln einer Art von „Liebesroman“ und kurzen Szenen einer Naturmystik und politischen Irritationen durch Terroranschläge… wobei das Elend der menschlichen Beziehungen selbstverständlich – wie üblich – weit ausgebreitet wird.

Es ist eine elende Welt vornehmlich der Reichen, die da vorgeführt wird, elend hinsichtlich der seelischen Verfassung, der Langeweile, des Scheiterns im Miteinanderleben in Beziehungen und Ehen. Dabei ist es keine Frage: Die sprachliche Gestalt, die „Komposition“ des Romans, der Mix aus Reportage und Elementen philosophischer Reflexion, diese Analysen des seelischen Zustandes einer gewissen Oberschicht können die LeserInnen an das umfangreiche Buch durchaus binden.

Der Roman enthält viele Fakten, das ist evident…Wenn Houellebecq etwa Kirchengebäude nennt, dann sind diese nicht fiktiv, sondern real; wenn er das Kapuzinerkloster der Traditionalisten in Morgon nennt (siehe die ausführlichen Hinweise in Fußnote 1, unten), dann gibt es dieses Kloster wirklich; wenn er von der katholisch-rechtsextremen Bewegung „Civitas“ Bewegung spricht, dann gibt es diese wirklich. Er kennt diese Leute! Man denke bloß nicht, dieser Text, Roman genannt, sei im ganzen Fiktion. Dieser Roman hat auch den Charakter eines religionskritischen Sachbuches. „Die Ordnung der Welt ändet sich also gerade“ (S. 225) könnte als Leitwort gelten.

2.

In Frankreich ist „Anéantir“ seit dem 7.1. 2022 in den Buchhandlungen, Startauflage 300.000. Auch Raubkopien hat es vorweg gegeben. Das Interesse an Houellebecqs Werk ist enorm, trotz oder auch wegen seiner oft ins politisch Rechte und Rechtextreme abdriftenden Statements. Es ist ja bekannt, dass sich Houellebecq etwa in seinen als Essays titulierten Schriften deutlich absetzt vom Geist der modernen Aufklärung, auch vom Protestantismus und der Renaissance, so etwa erneut in seinem vierten Essayband „Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen“(2020). „Die Linken“ sind die Feinde des Autors, das bekam einmal mehr deutlich zu spüren Daniel Lindenberg (Prof. für Politologie und Mitglied der Sozialistischen Partei P.S.), als er in seinem Buch „Le rappel à l ordre“ („Der Ruf zur Ordnung“) von 2002 Houellebecq ein diffuses reaktionäres Denken nachweisen konnte. In seiner Erwiderung anlässlich der Annahme des „Schirrmacher Preises“ 2016 fand Houellebecq äußerst scharfe und polemische Worte gegen Daniel Lindenberg. Houellebecq ist eben nicht nur Literat, schon gar nicht ein „klassischer Dichter“. Er hat sich einem gesellschaftlichen Projekt mit aller Kunst und Leidenschaft und Ironie verschrieben, und das Projekt heißt: Rückkehr zu den alten Werten, etwa der „intakten“ Familie, dem Respekt der religiösen (nicht nur der politischen!) Lehren des traditionellen Katholizismus. Das wird etwa deutlich in einem langen Interview, das Houellebecq dem Journalisten Geoffroy Lejeune von der extrem rechten Wochen-Zeitschrift „Valeurs Actuelles“ im Jahr 2019 gab. Darin sagte Houellebecq offenbar allen Ernstes: „Zu den Zeiten, als der Islam verborgen war, wo es einen Islam im Keller gab, da lief alles gut. Jetzt, machen die Muslime Probleme. Weil man ihnen sagt, sie könnten sichtbar sein. Um das zu regeln, wäre es besser, die katholische Religion würde stärker werden („reprenne le dessus“)“.

Der Schriftsteller Thomas Lang schreibt dazu: „Bemerkenswert scheint mir einerseits der grundlegende Konsens zwischen dem Journalisten und Houellebecq in der Sehnsucht nach einer unangreifbaren Institution, die im Besitz der Wahrheit ist und Trost spenden kann. Andererseits findet sich auch wieder die Konfrontationsstellung unterschiedlicher Richtungen. Rechts gegen links, christlich gegen muslimisch, das sind die besten Voraussetzungen für die Ausweitung einer Kampfzone“ (zit. in „Volltext“, Wien, Heft 4 (2020, S. 7). Die katholische Kirche braucht Houellebecq für seine politischen Ideen und Nostalgien als Stützen der Moral und des Staates. Das ist die alte, aber immer noch nicht vergessene  französische Konzeption der „Action Francaise“, die sich zu Beginn der Zwanzigsten Jahrhunderts als politische Ideologie katholischer Franzosen etablieren wollte, die keinen religiösen und biblisch geprägten Glauben hatten, wohl aber eine politische Liebe zur Institution Kirche als Hüterin der alten Ordnung. „Jesus Nein, hierarchische Kirche Ja“, war die Devise, die auch Houellebecq zentral findet, Jesus ist ihm viel zu links, viel zu revolutionär…(Siehe dazu: Yann du Cleuziou: Apologie du catholicisme dans les romans de Houellebecq, https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-02296265/document).

3.

Der maßgebliche Literaturkritiker von „Le Monde“, Jean Birnbaum, hat im Dezember 2021 mit Houellebecq einige Stunden in dessen Arbeits-„Studio“ in Paris sprechen dürfen. Auf drei Seiten berichtet er ausführlich von dem Besuch, der ganz dem  neuen Buch gilt (Le Monde, 7. Janvier 2022,  Seite 1-3 in der Abteilung „Le Monde des Livres“). Der Titel des Beitrags sagt schon Entscheidendes über den neuen Roman: „Houellebecq, die Versuchung des Guten“.  Dazu passend, auf Seite 1, ein Zitat des Schriftstellers: „Mit guten Gefühlen macht man gute Literatur“. Diese Aussage mag überraschen! Houellebecq sagt: „Es gibt (bei mir) kein Bedürfnis, das Böse zu feiern, um ein guter Schriftsteller zu sein. Und es gibt wenige Übeltäter in dem Roman „Anéantir“. Damit bin ich sehr zufrieden. Der größte Erfolg wird sein, wenn es überhaupt keine Übeltäter mehr gibt“.

Während des Gesprächs mit dem Redakteur von „Le Monde“  fällt Houellebecq plötzlich ein, so heißt es dann in der Zeitung:  „Das ist verrückt, seit vier Stunden diskutieren wir und man hat noch immer nicht von Zemmour (einem der rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten 2022) gesprochen“. Darauf der Redakteur: „Das ist stimmt. Man kann es immer noch tun“. Aber wollen Sie das wirklich?  „Non“ antwortet Houellebecq sehr knapp „a mi-voix“, heißt es, „halblaut“. Dem Journalisten fällt nichts anderes ein als das eine Wort zu sagen: „Bon“, also: “Na gut“. Keine Nachfrage also, eine verpasste Chance mehr Klarheit über die Beziehung Houellebecq – Zemmour zu erfahren.

4.

Jean Birnbaum erwähnt im Gespräch auch die ihn emotional berührenden Aussagen im Roman. Houellebecq antwortet darauf mit einem Hinweis zum eigenen Erleben beim Schreiben: „Jene Passagen im Roman, die Sie berührt haben, die habe ich nicht gedacht, die haben sich mir aufgedrängt. Wenn Sie das ernst nehmen, was ich schreibe, dann muss man eine irrationale Voraussetzung annehmen, nach der die Personen im Roman wie von selbst handeln… Oft glaubt der Autor, die Persönlichkeiten im Roman zu kontrollieren, aber die Persönlichkeiten drängen ihr Sein dem Autor auf“. Houellebecq erlebt sich offenbar wie einer Art „Diktat“ ausgesetzt. Aber: Wer „diktiert“ da eigentlich? In den biblischen Schriften, die ja auch manche für „inspiriert“, säkular gesagt von anderem „diktiert“ halten, war es Gott, der da die Feder führte…. In jedem Fall sieht sich Houellebecq offenbar wie ein Meister der Weisheit, der Gesehenes, Gehörtes, kundtut.

5.

Über seine spirituelle Suche hat Houellebecq oft gesprochen, auch über seine Versuche, sich in den katholischen Glauben zu vertiefen. Auch in dem Roman „Vernichten“ ist oft von der Bedeutung des katholischen Glaubens die Rede: Cécile, die Schwester des Protagonisten Paul Raison, ist eine tief-fromme praktizierende Katholikin, der es sogar gelingt, ihren eher skeptischen Bruder zur Weihnachtsmesse in die Dorfkirche im Beaujolais mitzunehmen. Die Reflexionen Pauls über die Bedeutung Gottes angesichts des menschlichen Leidens könnte man wohl auch als persönliche Fragen Houellebecqs denken (S. 261)..

Der Katholizismus ist jedenfalls immer ein Thema bei Houellebecq, auch wenn er in „Vernichten“ durch ausführliche Beschreibungen des Wicca-Kultes wohl andeutet: Es könnte auch eine andere, eine neue (alte) Religion in Europa wichtig werden. Bekannt ist zudem, dass er die Gastfreundschaft der Benediktinermönche von St. Martin de Ligugé (bei Poitiers) erlebt hat (im Gästezimmer 11). Die Mönche berichteten später, sehr aufmerksam die Romane Houellebecqs zu lesen.  Und die Zeitschrift „Le Point“ schrieb  am 21.4.2015, in ihrer Klosterbuchhandlung hätten die Mönche auch die (damalige) Neuerscheinung des Houellebecq Romans „Soumission“  („Unterwerfung“) zum Kauf angeboten.

Für den Redakteur von Le Monde berichtet Houellebecq: Zu Weihnachten (2021) hätten ihm, so wörtlich, „reaktionäre Katholiken“, „die Freunde geworden sind“, Grüße und Nachrichten geschickt. „Darin sagten sie, dass sie für mich gebetet hätten, das ist bewegend, finden Sie nicht auch? Es gibt Leute, die interessieren sich für meine Seele. Das deute ich als Zeichen von sehr starker Freundschaft. Sie hoffen, dass ich von der Gnade berührt werde“. Bemerkenswert ist, dass Houellebecq selbst offenbar ohne ironischen Unterton (ohne ein „so genannte“) von seinen „reaktionären katholischen Freunden“ spricht. Diese Haltung dieser Katholiken findet er offenbar gut, in diesem Freundes-Milieu fühlt er sich wohl. Hat Houellebecq endlich seine katholische Ecke gefunden, wo er sich wohlfühlt?

Ob die reaktionären Katholiken, auch in moralischer Hinsicht nicht gerade liberal, mit Houellebecqs Satz (gesprochen vom Protagonisten Paul) einverstanden sind: „Dafür waren Nutten da, um einem wieder Leben einzuhauchen“ (S. 307)? Wahrscheinlich sehen reaktionäre Katholiken auch über die Sex-Szenen im Roman „Vernichten“ hinweg, wichtig ist ihnen die politische Haltung Houellebecqs, da ist er wohl einer der ihren…

Tatsache ist: Reaktionäre Kreise im französischen Katholizismus sehr viel zahlreicher und „bunter“ und einflußreicher als etwa im deutschen Katholizismus.  Es sind in Frankreich nicht nur die zahlreichen traditionalistischen Pius-Brüder von Mgr. Lefèbvre und deren Gemeinden, es sind die Katholiken aus den Kreisen „Manif pour tous“, von der Zeitschrift Valeurs Actuelles, die Katholiken, die von „Bevölkerungsaustausch“ wegen der Muslime in Frankreich schwadronieren usw., von „Civitas“ war schon die Rede.

6.

Der Schriftsteller Thomas Lang hat in der Zeitschrift VOLLTEXT manche Aussagen Houellebecqs zur Politik treffend „schwammig“ (S. 6) genannt. Schwammig sind auch einige Ausführungen des Schriftstellers in dem genannten Gespräch mit Jean Birnbaum von Le Monde. Darin ist erstaunlich, wie milde Houellebecq die bekannten Nazi-Autoren der Okkupationszeit bewertet. Er sagt: „Man war im 20. Jahrhundert fasziniert von der Transgression, dem Bösen. Von daher auch das Wohlgefallen gegenüber Autoren wie Morand, Drieu, Chardonne. Und dann das Urteil Houellebecqs: „Autoren, die ich mittelmäßig finde“.

Morand und Drieu waren von ihrer formalen schriftstellerischen, sprachlichen Leistung her gesehen sicher viel mehr als mittelmäßig. Aber sie waren viel weniger als mittelmäßig, nämlich schändlich, in ihrer antisemitischen Nazi-Ideologie. Von der Nazi-Ideologie der Autoren spricht Houellebecq vornehmerweise nicht. Oder „Le Monde“ zitiert unvollständig.

7.

Was oder wer ist also „Vernichtet“, um den Titel des neuen Romans aufzugreifen? Das werden die LeserInnen entdecken. Aber betrachtet man die Grundüberzeugung und die herrschende „Stimmung“ von Houellebecq dann steht fest: Vernichtet ist die alte europäische Ordnungswelt. PolitikerInnen, die angeblich noch diese alte Werte bzw. Unwerte -Ordnung reanimieren wollen, werden von Houellebecq in „Vernichten“ freundschaftlich mit dem Vornamen angespochen, eben Marine Le Pen, im Jahr 2022 Chefin der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (früher „Front National“). Sie heißt im Roman nur freundschaftlich „Marine“.

Wichtiger als Ergänzung zum Thema „Vernichten“ dürften die Ausführungen Houellebecqs sein anlässlich der Verleihung des „Oscar-Spengler Preises“ 2018, ein Preis, der auch stark von rechten CDU und auch AFD Politikern inszeniert und finanziert wird. Bei der Entgegennahme des Preises in Brüssel sagte Houellebecq: „Bezogen auf die Demographie und die Religion ist es evident, dass ich zu den exakt identischen Schlussfolgerungen wie Spengler komme: Der Westen befindet sich in einem Zustand sehr fortgeschrittenen Niedergangs.“ Das hat man schon oft gehört von Houellebecq…

8.

… Es ist das Jammern des Reaktionären heute…Ob es weiterhilft in der umfassenden Krise der Gesellschaften und Staaten ist sehr fraglich, meine Antwort heißt nein. Trotzdem werden wieder viele tausend Menschen auch den neuen, den etwas freundlicher gestimmten Houellebecq-Roman lesen. Weiterführende Impulse für eine humanere Welt (der Menschenrechte) werden sie von dem umfangreichen Buch nicht erhalten. Politische Prognosen eines „Weisen“ oder gar prophetische Perspektiven wird man auch diesem Houellebecq – Roman nicht entnehmen können. Da verbreitet ein „weltberühmter Autor“ nur auf seine Art „Stimmung“ für eine autoritäre Gesellschaft und einen entsprechenden Staat der „uralten Werte“. Und viele, werden dies, leider, glauben.

Fußnote 1:

Im November 2017 hatte Houellebecq ein Interview („Testament“ genannt), ursprünglich für den SPIEGEL gegeben, das dann von der reaktionären Wochenzeitung „Valeurs actuels“ übersetzt  wurde . LINK Houellebecq betont in dem Interview: „Die Integration der Muslime könnte nur funktionieren, wenn der Katholizismus (in Frankreich) wieder Staatsreligion (Religion d Etat) wird“.  Diese Forderung „Katholizismus als Staatsreligion“ wird von der rechtsextremen Partei „Civitas“ vertreten. Ein Kapuziner aus dem traditionalistischen Kloster in Morgon ist offizieller „Partei-Kaplan“ (aumonier genannt) von „Civitas“.   Von diesem Kloster ist in „Vernichten“ die Rede, Houellebecq kennt diese Leute offenbar. Es lohnt sich, zum Studium die website dieser Mönche anzusehen! LINK: Das Houellebecq-Zitat zur katholischen Staatsreligion ist auf Deutsch erreichbar (gelesen am 15.1.2022): LINK

Die reaktionären und traditionalistischen Katholiken von Civitas gehören auch zu den heftigen „Impfgegner“ in Frankreich, sie nennen die staatliche Impfkampagne „Plandémie satanique“. Diese Tatsachen werden ausführlich ausgebreitet in der religionswissenschaftlich-politologischen Studie „Le Nouveau Péril sectaire“, von Jean-Loup Adénor und Timothée de Rauglaudre, erschienen in den Editions Laffont, 2021, 21,50 EURO.

Michel Houellebecq, „Vernichten“. Roman.  2022, Dumont – BuchVerlag Köln. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. 621 Seiten, 28 Euro. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Flaubert, antiklerikal und religiös

Hinweise aus Anlass seines 200. Geburtstages

Von Christian Modehn am 5.12.2021

1. Gustave Flaubert (12.Dez.1821 – 8.Mai 1880) und sein großes Werk, einschließlich seiner umfangreichen Korrespondenz, werden umfassend studiert. Dabei ist die Frage: „Welche Bedeutung haben für Flaubert Spiritualität und christliche Religion?“ von zentraler Bedeutung. Aber dieses Thema wird meines Erachtens in Deutschland nicht so oft diskutiert. Man darf sich jedenfalls nicht mit dem populären Spruch begnügen: „Flaubert war antiklerikal“.Oder auch: “Sein Dienst an der Kunst ist letztlich nichts anderes als eine neue Religion“, so in: „Französische Literaturgeschichte“, Stuttgart 1991, S. 269). Es stimmt schon: Kunst, prinzipiell unvollendet und auch unvollendbar, entzieht sich – wie das Göttliche – dem abschließenden Definieren. Die Sehnsucht nach dem Unendlichen („aspiration“, sagt Flaubert) gilt es zu pflegen, auch dies betont Flaubert. „Selbst wenn die Religionen als Institutionen verschwinden, das religiöse Gefühl wird in anderen Formen überleben“, schreibt Gisèle Seginger in ihrem Aufsatz „Flaubert, de la religion à l art“, in „Revue d Histoire et de Philosophie religieuses“, 1998, S. 303). Es bleibt für Flaubert, so kühl und distanziert und ironisch seine Romane erscheinen, entscheidend: Es gibt ein menschliches Bedürfnis, sich einer religiösen Wirklichkeit anzuvertrauen. Damit ist nicht der dogmatisch eindeutige Gott der Kirchen gemeint. Religiöses Vertrauen kann sich vielfältig äußern, es wird sichtbar in der Bindung an heilige Orte, heilige Quellen, heilige Gestalten etc.

2. Es ist wohl typisch für Flaubert: Die Frage, ob Gott „existiert“, ob „ER“ „bewiesen“ werden kann, braucht dann gar nicht gestellt zu werden. Das religiöse Gefühl ist für Flaubert entscheidend, es hat in der menschlichen Natur seinen Grund. Flaubert verurteilt also nicht Religionen von vornherein. Auch wenn Flaubert als Leser der Religionskritiker Quinet, Michelet und Renan die überlieferten Dogmen und Symbole kritisiert: Das Bedürfnis des Menschen, etwas Unendliches zu spüren, wird von ihm dann doch respektiert. Dies könnte man eine Form des humanistischen Atheismus nennen; dieser Atheismus ist alles andere als banal oder materialistisch. Im Gegenteil: Er sieht im Menschen ein „unendliches Streben“ anwesend  – als Streben nach einer (nicht göttlichen) Unendlichkeit.

Er kämpft aber leidenschaftlich gegen den so genannten „Neo-Katholizismus“, der sich in seiner Zeit beim erstarkenden französischen Katholizismus in neuen Formen des Kultes zeigte, etwa für das „Herz Jesu“ oder für Marien-Erscheinungen in La Salette: Flaubert kommentiert: „Dies erinnert mich an die Tages de Heidentums“…

3. Die Religion(en) im Frankreich des 19. Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert äußern sich zwar einige Autoren, die explizit die Rückkehr zu einem etwas reformierten katholischen Glauben unterstützen. Wirksamer sind wohl Autoren, die das Religiöse neu denken wollen „außerhalb der etablierten Religionen“, wie Viktor Hugo sagt. Die Überzeugung setzt sich durch: Religiöse Gefühle, allen Menschen je unterschiedlich gemeinsam, zeigen sich auch in der Kunst, der Literatur, der Philosophie, in den Ekstasen des Eros…

4. Flaubert hat die Geschichte der Religionen gründlich studiert, das zeigt seine „Correspondance“, vor allem aber das Werk, an dem er eigentlich zeit seines Lebens arbeitete:  „Die Versuchung des heiligen Antonius“ (begonnen 1849, verändert publiziert 1874).

Flaubert schwankt in gewisser Weise zwischen einer gewissen Bejahung des Religiösen und dessen Abwehr und Ablehnung. Er verteidigt das Christentum sogar, wenn er sich z.B. entschieden gegen den Materialismus einiger „sozialistischer Denker“ wendet. Diese Sozialisten wollen nach seiner Meinung das religiöse Gefühl auslöschen, damit aber werde eine entscheidende Dimension des Menschen ignoriert, die religiöse. Flauberts Verachtung für „den Sozialismus“ ist ein eigenes Thema, zudem er seine Sozialismus-Kritik mit seiner Zurückweisung der Gleichheit (égalité) verbindet. Dass es eine wesentliche Gleichheit, auch rechtliche Gleichheit, aller (!) Menschen philosophisch evident begründen lässt, weiß Flaubert offenbar nicht oder er lehnt dies wider besseren Wissens ab.

5. Für Flaubert ist entscheidend, dass der Künstler sich von allen dogmatisch-kirchlichen Glaubenshaltungen befreit! Er muss aber sensibel werden für die Erfahrung des Unendlichen  ohne einen „persönlichen Gott“. Dies hat für Flaubert persönliche Konsequenzen: Rückzug aus der Welt, Kontemplation der Natur und der Dinge der Welt; die Anerkennung der Realität, „die so ist, wie sie ist“. Soll man diese Haltung der „Anerkennung der Welt, so, wie sie ist“, eine verkappte Form von Positivismus nennen? Bekanntlich wehrt sich Flaubert gegen alles Bewerten, Moralisieren und Belehren durch den Schriftsteller! Aber ist diese Haltung nicht auch eine problematische Form des „Belehrens“, des „Besserwissens“?

6. Befremdlich wirken heute seine „Drei Geschichten“, aus der späten Schaffensphase, erschienen 1877. Eine Geschichte berichtet vom heiligen Julian, genannt St. Julian der Gastfreie“ in der Heiligenlegende. Ein ihm gewidmetes Glasfenster befindet sich in der Kathedrale von Rouen, der Heimat Flauberts. Julian, so erzählt Flaubert seine Heiligenlegende, tötet irrtümlich seine Eltern, aufgrund von Verwechslung.  Aber Julian entschließt sich, einen Aussätzigen in sein Haus aufzunehmen, mit dem er eine intensive, auch körperliche Nähe entwickelt. Dieser Arme, der Aussätzige, verwandelt sich dann im Miteinander zu Christus. Eine Art Erlösung geschieht: Die Verbundenheit mit Christus wird bei Flaubert deutlich als leibliche Nähe und körperliche Verbundenheit beschrieben: Manche Interpreten sehen in dem Miteinander von Julian und seinem „Gast“ sogar homosexuelle Anspielungen…

7. So komplex auch die Spiritualität Flauberts ist: Was ihn immer bestimmte, war die Verachtung der Dummheit, war der leidenschaftliche Kampf gegen Borniertheit und Engstirnigkeit. Sie zeigt sich vor allem in der „Provinz“, als „provinzielles Denken“, aber nicht nur dort. Diese Dummheit nahm er auch in den etablierten und herrschenden dogmatischen Religionen wahr. Gibt es eine Religion, eine Spiritualität, die nicht borniert, engstirnig und dumm ist? Das ist die Frage, die bleibt, über den großen Gedenktag am 12. Dezember…

8. Und darüber hinaus bleibt die Forderung Flauberts, des großartigen Meisters der Sprache, genau auf die Alltagssprache zu achten, die sich heute, etwa in den Nachrichten des Fernsehens, in ihrer Verfallsform ständig zeigt: Haben wir schon einmal gezählt, wie oft innerhalb weniger Stunden irgendein Politiker oder Wirtschaftsspezialist oder Kommentator die Worte „Maßnahme“, „durchführen“, „Betreuung“, „Wissen“ um…“ verwendet, grässliche Worte eines bürokratischen Denkens, das vorgibt „etwas zu tun“, de facto aber nur Ankündigungen behauptet! Diese und andere Wörter dürfen dem bekannten „Wörterbuch des Unmenschen“ zugeordnet werden. Der Niedergang der demokratischen Kultur in Deutschland (Rechtsextremismus, Neofaschismus offen und versteckt, immer aber unterschätzt, allgemein gefährlicher Egozentrismus in der Ablehnung der allgemeinen Impfpflicht) wird im Verfall der Sprache und des Sprechens sichtbar.

9. Wird die Sprache vom Schmutz der Phrasen, Floskeln und Gemeinplätze befreit, wird dann auch die Demokratie gerettet? Man sollte es probieren und auf die Wörter aus dem Wörterbuch des Unmenschen verzichten.

10. Um noch einmal zur Religion zurückzukehren: Wird die dogmatische Sprache von den uralten Formeln, befreit, die heute Leer-Formeln sind, könnte dann ein vernünftiger christlicher Glaube, ohne Klerikalismus und Kleriker-Herrschaft, noch eine Chance haben? Sicherlich! „Man“ kann das ja mal probieren und beginnen, die klerikale Kirchensprache zu entrümpeln. Um den umfangreichen mittelalterlichen theologischen Sprachschrott abzulagern, wird im Vatikan ein eigener großer Palast zur Verfügung gestellt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Eric Zemmour, der rechtsextreme jüdische Präsidentschaftskandidat und seine katholischen Freunde.

In Frankreich könnte 2022 ein Rechtsextremer Präsident werden.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3.12.2021. Es ist in der religionssoziologischen Forschung üblich, bestimmte Phänomene, Parteien und Personen auch hinsichtlich ihrer weltanschaulichen, religiösen Bindung zu beschreiben.

1.

Er wird in der französischen Presse oft nur „essayiste“ genannt. Damit erinnert man an seine frühere journalistische Tätigkeit, etwa in der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“. Aber „essayer“ bedeutet auch „versuchen“: Und das probiert Zemmour mit aller Bravour und Unverschämtheit, bisher erfolgreich: Er tritt nun an,  im nächsten Jahr, im April 2022, Staatspräsident Frankreichs zu werden. Und dies will er mit noch extremeren Forderungen erreichen, extremer, als die Positionen der extrem rechten Marine Le Pen (früher „Front National“, jetzt „Rassemblement National“). Noch extremer als Le Pen? Das funktioniert also, und zwar ziemlich erfolgreich.

2.

Rechte politische Milieus sind von Eric Zemmour fasziniert,  die Finanzwelt interessiert sich für ihn sehr und, wen wundert es bei dem Zustand des französischen Katholizismus, einflussreiche konservative Katholiken schmeicheln ihm.

Welches Frankreich will Zemmour schaffen? Es ist das nationalistische, nach außen hin katholische, anti-muslimische und ausländerfeindliche Frankreich als stolzer Nation. Der Historiker Jacques Semelin scheibt in „Le Monde“ (3. Dec. 2021, S. 33). „Zemmours Rhetorik ist die der Identität, der andere (der Fremde) soll bekämpft und ausgelöscht werden, der andere ist „zu viel“: Hier stehen also die weißen Franzosen gegenüber `denen da`, den anderen, den Fremden. Ich sehe einen analogen Diskurs in Ex-Jugoslawien, bei den nationalistischen Serben gegen die muslimischen Bosnier…Die Geschichte zeigt, dass diese identitäre Gegenüberstellung von denen da und wir, den Fremden und den Franzosen also, ein Land in den Bürgerkrieg und ins Massaker reißen kann“.

3.

Die Anhänglichkeit konservativer bzw. traditionalistischer Katholiken in Frankreich an den rechtsextremen Zemmour wird nun immer deutlicher untersucht.

Die so genannten „Eveilleurs“, Mitglieder eines katholischen Vereins, hatten am 19. Oktober 2021 Zemmour erneut zum Vortrag mit über eintausendfünfhundert Teilnehmern eingeladen, nach Versailles, in die alte französische Königsstadt, ins Zentrum des bourgeoisen Katholizismus. Laurence Trochu, Präsidentin des „Mouvement conservateur“, der mit der Partei die Republikaner verbunden ist, betont: „Erich Zemmour hat den Mut, unser ererbtes kulturelles Modell des Christentums zurückzufordern und zu verteidigen“. Das heißt: Die alte Welt des herrschenden Christentums soll wiederkehren, die vertrauten angeblichen Werte der Familie mit dem Oberhaupt „Mann“ und der häuslichen Gattin. Die „Homoehe“ ist für diese Katholiken – wie für Zemmour – eine Schande, die abgeschafft werden muss, auch der Schwangerschaftsabbruch sollte eingeschränkt werden; der unbedingte Schutz jeglichen Privateigentums (an Produktionsmitteln) ist sowie unbestritten und vor allem: Frankreich muss katholisch bleiben. Und das bedeutet: Für den Islam, also für Muslime, sollte es eigentlich nur einen sehr eingeschränkten Platz geben. Man muss die muslimische „Machtergreifung“ verhindern, heißt es bei Zemmour immer wieder. (Über die prominente Unterstützung für Zemmour durch konservative Katholiken, wie sie in Versailles am 19.Okt. 2021 sichtbar wurde: siehe Fußnote 1 am Ende dieses Beitrags)

4.

Mit etlichen Netzwerken eines „politischen Christentums“ hat sich Eric Zemmour von Anfang eng verbunden: Also mit den Parteien rund um die strengen Katholiken Philippe de Villiers oder Marion Marechal (der Nichte von Marine Le Pen) oder Jean-Frédéric Poisson oder Christine Boutin….  Auch der katholische Politiker Jean-Paul Bolufer gehört nun zu Zemmours Wahlkampf-Team, er ist eng mit den Traditionalisten verbunden aus dem Aktions-Kreis „ICHTHUS“.

Sie alle und ihre Anhänger sind mit Zemmours Zielen eng verbunden. Diese Parteien oder Gruppen sind im Umfeld der Demonstationen, „Manif pour tous“  genannt, entstanden, also der Massenbewegungen gegen die gesetzliche Einführung der Ehe für Homosexuelle. Die Demonstrationen begannen 2013, zum Teil mit offizieller Unterstützung einzelner Bischöfe (wie Msgr. Rey von Toulon). Von Anfang an kam es zu Gewalttätigkeiten der rechtsradikalen Demonstranten gegen Homosexuelle und deren Treffpunkten, rassistische Sprüche wurden dabei verbreitet… Eine gute Übersicht zur „Manif pour tous“ bietet die website: https://fr.wikipedia.org/wiki/La_Manif_pour_tous.

5.

„Jetzt sind erst einige katholische Bewegungen aus dem Umfeld der Demonstrationen „Manif pour tous“ eng mit Zemmour verbunden. Aber hinter den Kulissen fragen sich viele über ein mögliches Bündnis“, schreibt die katholische Tageszeitung La Croix, Paris, am 2.12.2021. „Die politischen Bewegungen, die aus den Aktivitäten der „Manif pour tous“ gegen die Homo-Ehe entstanden sind, die sind gescheitert in ihrem Bemühen, ihre Überzeugungen in den besehenden politischen Parteien durchzusetzen. Eric Zemmour kann für diese Gruppen nun einen glaubwürdigen politischen Ausweg bedeuten“, sagt der Politologe Emilien Houard-Vial, Paris.

6.

Für Zemmour ist das Christentum nichts anderes als eine Art Stabilisator des alten europäischen Herrschaftssystems. „Um Franzose zu werden, muss man sich prägen lassen vom Katholizismus, der Frankreich gemacht hat“, sagt etwa Zemmour, für die sehr konservative katholische Zeitschrift „France catholique“. Er betont: „Man muss sich auch vom christlichen Universalismus und von diesem Mitleid für die Schwachen bestimmen lassen, selbst wenn ich dem misstraue!“. Das moderne Christentum sieht Zemmour sehr kritisch, es sei eine „verrückte Maschine geworden der Nächstenliebe…“ Für ihn ist es eine kulturelle Katastrophe, wenn das Christentum nur noch Solidarität und Brüderlichkeit bedeutet, sagte er schon 2018 der konservativen Zeitschrift „France Catholique“. Später hat Zemmour seine heftige Kritik an Papst Franziskus geäußert, und damit wohl auch noch mal Sympathien gefunden in katholisch-reaktionären Kreisen. In der sehr rechtslastigen Zeitschrift „Valeurs actuelles“ (6. Oct. 2020) sagte er anlässlich der Enzyklika „Fratelli tutti“, „Alle sind Brüder“: Da verkünde der Papst einen naiven Idealismus, er mache linke Politik, und sei nicht mehr katholisch. Außerdem verachte der Papst Frankreich, er verteidige nicht das katholische Erbe.

Als ihn der Europa-Abgeordnete Raphael Glucksmann kritiserte, er sei doch nur für die Kirche, aber gegen Christus, antwortete Zemmour: “Ja, sicherlich, das sage ich klar und deutlich“.

Damit wird einmal mehr die Position der alten reaktionären „Action Francaise“ (ihre Zeitschrift bis 1992 „Aspects de la France“) vertreten, die zu Beginn des 20.Jahrhundert als nationalistische und antisemitische katholische Bewegung einen großen Einfluss ausübte, nicht zuletzt eben durch ihre Parole, sie finde die Kirche wichtig als Institution für die Förderung der Moral, sie finde aber nicht Jesus Christus bedeutsam. 1926 wurde die „Action francaise“ vom Papst verboten. Nebenbei: In diesen Kreisen sind auch die heftigen Feinde der staatlichen Impf-Politik gegen Corona zu finden. Es ist wohl nur als Witz zu bezeichnen, dass sich ausgerechnet der Rechtextremist Eric Zemmour, jüdischen Glaubens wie er selbst immer betont, nun auf eine antisemitische katholische Bewegung positiv bezieht. Man könnte sehr zynisch sagen, es bahne sich nun eine neue rechtsextreme jüdisch-katholische Zusammenarbeit an.

Ludovine de la Rochère, Geburtssname Ludovine Mégret d’Étigny de Sérilly, als „praktizierende Katholikin“ seit 2013 Präsidentin der Bewegung „Manif pour tous“, kann Zemmour nur zustimmen: „Er will einen Teil des  christlichen Erbes verteidigen, das mit dem Auftreten des Islam in unserer Gesellschaft fraglich wurde“…. Allerdings wollen selbst die konservativsten Katholiken darauf achten, dass Monsieur Zemmour doch bitte etwas Rücksicht nimmt auf die Schwächsten in der Gesellschaft.

7.

Der rechtsradikale jüdische „Essayist“ als Politiker ist angetreten, um Frankreich, das christliche, zu verteidigen und wieder aufzubauen, Dass dieses christliche Frankreich lange Zeit antisemitisch war, interessiert ihn als Juden offenbar kaum. Er hat sich u.a. zu der völlig unqualifizierten These verstiegen, das nazifreundliche Regime von Vichy hätte versucht, Juden zu retten…Tatsache ist: Juden in Frankreich wurden nicht dank der Vichy-Regierung gerettet, sondern trotz Pétain und seiner rechtsextremen Freunde.

8.

Marine Le Pen und ihre sich nun seit einigen Monaten etwas milder gebende Partei „Rassemblement national“ sieht sich bedroht in ihren Ansprüchen, selbst 2022 Präsidentin zu werden: Zemmour stört. „Soll er sich doch meiner, der Le Pen Partei anschließen, heißt es von ihr. Wird er aber kaum machen, dazu ist er radikaler als Madame Le Pen. Für die Demokraten ist dies vielleicht eine Hoffnung: Eine gespaltene Rechtsextreme ist eine Chance für den Sieg von Demokraten. Nur traurig, dass sich im französischen Katholizismus, anders als in Deutschland, so viele Gruppen und Parteien mit einer explizit antiislamischen Haltung organisieren in Verbindung mit einer allgemeinen Ablehnung der universal geltenden Menschenrechte, etwa für Homosexuelle. Aber in der Hinsicht folgen diese katholischen Kreise auch den aktuellen Weisungen des Vatikans zur umfassenden UN-Gleichberechtigung Homosexueller auch heute noch.

9.

Und wie reagiert die jüdische Gemeinschaft in Frankreich, mit 600.000 Juden in Frankreich sicher eine der bedeutendsten europäischen Gemeinschaften, sie debattiert natürlich heftig über den Juden Erich Zemmour. Die Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ schrieb kürzlich (Quelle. https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/der-spalter/):

„Zemmour spaltet nicht nur die französische Zivilgesellschaft, sondern auch die jüdische Gemeinde. Etliche sefardische Juden unterstützen ihn. Sie fühlen sich bedroht in ihrer Lebensweise.

Und auch Gilles-William Goldnadel, ein franko-israelischer Anwalt und Kolumnist, verteidigt Zémmour und dessen patriotischen Widerstand. Francis Kalifat hingegen, der Präsident der französisch-jüdischen Dachorganisation CRIF (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France), ruft dazu auf, Zemmour nicht eine einzige Stimme zu geben. Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia nannte ihn vor einigen Tagen in einem Interview mit France 2 gar einen Antisemiten“.

10.

Ein Jude als Antisemit, wie der Oberrabbiner sagt, das ist gewiss eine Neuigkeit.  Beklagt wird zurecht in der französischen jüdischen Gemeinschaft vor allem, dass die „Große Synagoge“ in Paris Eric Zemmour am 1. Juni 2021 zu einer Debatte mit dem ehemaligen Großrabbiner Gilles Bernheim eingeladen hatte. (Quelle: http://www.slate.fr/story/119925/zemmour-kippa-precheur-petainiste).

11.

Seine jüdische Herkunft (aus Algerien) hat Zemmour tatsächlich nie verleugnet und auch die religiöse Bindung ans Judentum bei seinen Eltern betont, er erklärte in einem Interview etwas konfus. „Ich bin ein Mensch des Alten Testamentes, der eine Kultur des Neuen Testamentes erhalten hat. Aber zur Existenz Gottes bin ich sehr am Zweifeln, darüber weiß ich nichts. Ich bin ja nicht im Katholizismus aufgewachsen, und ohne Glauben ist es für mich schwer, dem Credo zuzustimmen. Bei den Riten aus meiner Kindheit ist dies anders. Wenn ich mich darin vertiefen und mich an meine verstorbenen Eltern erinnern will, gehe ich in die Synagoge. Dagegen, ich spüre sehr, ist es so, dass meine ganze Kultur das Christentum ist, davon bin ich imprägniert.“ (Quelle. https://www.france-catholique.fr/Zemmour-Je-suis-impregne-du-christianisme.html). Aber wie gesagt, es ist ein Christentum, das von der Degradierung und dem Ausschluss des anderen, des Fremden, bestimmt ist. Es handelt sich also doch nicht bei Zemmour um ein authentisches Christentum! Alles nur Sprüche, Fassade, Polemik, Wahlpropaganda….

Dabei gehörte doch die Familie Zemmour selbst einmal zur Gruppe der Fremden, der anderen. Das hat Eric Zemmour vergessen. Siehe dazu:

« Moi, mes parents viennent d’Algérie, comme je dis toujours, je ne suis pas un Français de souche, (…), je ne prétends pas être Français depuis 1000 ans », a-t-il déclaré. Zemmour fait savoir qu’il avait appris « à être Français ».  « Simplement, j’ai appris les codes de cette assimilation à la française et je croyais que tout le monde marchait comme moi », a indiqué le polémiste.

(Quelle: https://observalgerie.com/2020/05/28/faits-divers/france-eric-zemmour-evoque-ses-origines-algeriennes/.  28. Mai 2020)

FUSSNOTE 1:

Am Abend des 19. Oktober 2021 in Versailles eine Liste konservativer Katholiken und deren Organisationen: : „Dans le sillage de Zemmour, un élément est visible : le nombre de catholiques conservateurs qui le suivent, l’entourent et le promeuvent. Ce soir, on reconnaît aux premiers rangs Charlotte d’Ornellas, journaliste de Valeurs actuelles, Gabrielle Cluzel, rédactrice en chef du site Boulevard Voltaire, Jean-Frédéric ­Poisson, dirigeant de VIA – la voie du peuple (ex-Parti chrétien-démocrate), Laurence ­Trochu, présidente du Mouvement conservateur (anciennement Sens commun), l’essayiste Patrick Buisson et le chanteur Jean-Pax Méfret, barde de l’Algérie française et de la lutte contre le communisme dans les années 1980. Enfin, l’homme qui assure la sécurité d’Éric Zemmour est Albéric Dumont, porte-parole officiel de la Manif pour tous. À Versailles, bastion de la bourgeoisie catholique, cette présence ne doit pas surprendre : l’association locale à l’origine de l’événement, les Éveilleurs, a invité Zemmour quatre fois depuis 2015 ! Mais l’engouement pour « le Z » dépasse l’ancienne cité royale, et la question de savoir si cet intérêt ira au-delà des classes aisées pour percer dans les milieux populaires sera l’un des enjeux de la présidentielle. « De plus en plus de personnes l’écoutent », se félicite Pierre Nicolas, cofondateur des Éveilleurs“.

(Quelle: „La Vie“, 27.10.21, https://www.lavie.fr/actualite/societe/mais-qui-sont-ces-catholiques-qui-suivent-eric-zemmour-78654.php)

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

„Unsere Kirche ist ein Ort schwerer Verbrechen“: Die katholischen Bischöfe in Frankreich finden zur Vernunft und zu etwas Mitgefühl.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.11. 2021.

1. Sie haben doch noch „die Kurve geschafft“, die katholischen Bischöfe in Frankreich: Das heißt: Sie haben die traditionelle und Jahrzehnte übliche Verleugnung und Vertuschung der Tatsachen aufgegeben, der Tatsachen, dass es in ihrer französischen Kirche nachweislich und bewiesen seit 1950 etwa 300.000 Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester und Ordensleute gibt bzw. gegeben hat. Vom 2. bis zum 8. November 2021 trafen sich alle französischen Bischöfe im Marienwallfahrtsort Lourdes, am letzten Sitzungstag hat die Bischofskonferenz hoch offiziell sehr Erstaunliches erklärt. Man kann dies – verglichen mit den Bischofskonferenzen anderer Länder – als kleinen Sieg der Vernunft und des Mitgefühls deuten.

2. Die Bischöfe erkennen unumwunden die Freilegung der Verbrechen an, die eine neutrale Studien-Kommission, abgekürzt CIASE, unter Leitung des Juristen Jean-Marc Sauvé, erarbeitet hat. Von den freigelegten Tatsachen erschüttert, konnte die Bischofskonferenz gar nichts andres sagen: „Es gilt ein kirchliches System zu reparieren, das sich pervertierte und das derartige Fakten möglich gemacht hat, die nicht gesehen und nicht gehört sein sollten“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort.

3. Eine halbe Million Euro wollen die Bischöfe den Opfern „pädokrimineller Gewalt durch Kleriker“ als Entschädigung zur Verfügung stellen, eine Summe, die bei der viel besprochenen Armut der französischen Kirche erstaunt. Aber die Bischöfe wollen ausdrücklich auf Kollekten, also Spenden der Laien in dieser Sache, verzichten und stattdessen Kirchen-Immobilien verkaufen oder aus irgendwelchen „Reserven“ Geld locker machen.

Außerdem soll es eine unabhängige „nationale Instanz“ geben, unter Leitung eines Juristen, eines Laien, diese Instanz soll im Gespräch mit den Opfern die Entschädigung bestimmen, ausdrücklich spricht die Bischofskonferenz von „Entschädigung“. Der kirchlich übliche Wille zu „kleinen Schritten“ der Hilfe, eher widerwillig geleistet hat, scheint zumindest in Frankreich vorbei zu sein. Zu umfassend sind die pädokriminellen Verbrechen, die gerade in letzter Zeit im kirchlich einst so hoch gelobten Milieu der ganz frommen Katholiken, der Charismatiker und der neuen geistlichen Gemeinschaften, freigelegt wurden.

Ihre Neuorientierung bewerten die französischen Bischöfe, so wörtlich, als Befreiung, sie sehen ihre „institutionellen Verantwortlichkeit und auch die systemische Dimension im Auftreten sexueller Gewalt“… „Unsere Kirche ist ein Ort schwerer Verbrechen“, so die Bischofskonferenz!

4. Die Sensation also ist: Die französische Kirche, die sich seit der Revolution von 1789 sehr weitgehend in einer Anti-Haltung zur Republik (und damit zur Demokratie) befunden hat, folgt nun den Weisungen der neutralen, nicht klerikal besetzen und nicht klerikal gesteuerten Forschungsgruppe CIASE. Kirchliche Erneuung folgt sozusagen republikanischen Erkenntnissen! Diese Tatsache ist sensationell. Schon jetzt melden sich Katholiken, etwa aus Chile, sie loben die französischen Bischöfe wegen ihrer Vernunft und verlangen dies auch von ihren Bischöfen. Ob sich polnische Bischöfe so verhalten wie ihre französischen Kollegen? Wohl kaum.

Die französischen Bischöfe bitten sogar um eine vatikanische Equipe von Visitatoren, sie sollen den Fortgang beim Schutz vor klerikaler Pädokriminalität überprüfen und die geleisteten Entschädigungen für die Opfer.

Am 9. Dezember 2021 wird Papst Franziskus die mutigen, zur Vernunft bekehrten französischen Bischöfe empfangen: Wird er sie weltweit als entscheidendes Vorbild loben oder als „regionale Besonderheit“ abtun? Bei Papst Franziskus ist alles möglich, je nach Laune bzw. Angst vor seinen Feinden im Vatikan, möchte man sagen.

5. Denn eines ist klar: Die tausendfachen pädokriminellen Verbrechen durch Kleriker in Frankreich von 1950 bis 2020 sind systembedingt, sie haben mit dem System der katholischen Kirche zu tun, mit der nach wie vor absoluten Hochschätzung des immer männlichen Klerus, mit dem schlicht und einfach nur verrückt zu nennenden Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, der absolutistischen Entscheidungsgewalt eines sehr alten Herren, des Papstes, und natürlich… des Zölibat-Gesetzes, das eben junge Männer in den Priesterberuf zieht, die insgesamt unreife Personen sind, und diese gibt es unter Heterosexuellen wie Homosexuellen.

6. Beklagt wird, dass die Debatten und Entscheidungen der Bischofskonferenz in Lourdes hinter verschlossenen Türen, ohne Öffentlichkeit, stattfanden, dass nur gelegentlich die eingeladenen Laien und einige wenige Opfer den Debatten folgen konnten. Die katholische Kirchenführung als klerikale Hierarchie bevorzugt es halt immer noch, unter sich zu bleiben und unter sich Entscheidungen zu treffen. Demokratie sieht anders aus. Aber die katholische Kirche beharrt ja bis heute voller Stolz darauf, eben alles andere als eine Demokratie zu sein. Wie lange sie in dieser Haltung noch Respekt und Zustimmung erlangen kann unter Menschen, die aufgeklärt und demokratisch denken und handeln, ist die Frage: Die Antwort heißt: Wohl nicht mehr lange.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das „Erdbeben“ in Frankreichs katholischer Kirche: Mindestens 3000 Priester als „Täter“…

Ein Hinweis von Christian Modehn

Etwa 3.000 Priester und Ordensmitglieder in Frankreich haben zwischen 1950 und 2020 sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen begangen. Die meisten Untaten wurden zwischen 1950 und 1970 begangen, meist mit der Tendenz der Kirchenoberen, die Täter zu „decken“.  Drei Jahre hat die unabhängige Kommission in Archiven geforscht, Interviews gemacht…

Die genauen Ergebnisse der unabhängigen (!) Kommission unter Jean-Marc Sauvé (Beamter, ehem. Vizepräsident des Staatsrates, Jahrgang 1949) werden in einer umfassenden Studie (etwa 2.500 Seiten) erst am 5.10.2021  vorgestellt. Aber diese Zahl wurde schon am 2.10. 2021  veröffentlicht. Sie  übertrifft alle Befürchtungen der französischen Bischöfe. Kirchenkreise sprechen von „Erdbeben“, „wie eine Bombe“,  „Abbrennen“ der Kirche (déflagration)…

Siehe dazu den Beitrag „Das Langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich“, verfasst von Christian Modehn im September 2021. LINK

Quelle: https://www.la-croix.com/Religion/Abus-sexuels-lEglise-premieres-revelations-rapport-Sauve-2021-10-03-1201178591.

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Der Beitrag wird fortgesetzt….

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die neuste Umfrage über „Religion/Gott in Frankreich“ (August 2021)

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.9.2021

Am 23.9.2021 wurden über AFP (aufgrund einer repräsentativen Umfrage, veranstaltet von IFOP am 24.und 25.8.2021) neue Informationen zu „Religion/Gott in Frankreich“, speziell angesichts der COVID 19 Pandemie, publiziert.

1.  51 Prozent der Franzosen glauben 2021 nicht an Gott.

2011 sagten nur 41 %, nicht an Gott zu glauben. 1947 sagten 66 %, sie würden an Gott glauben. Vor 64 Jahren glaubten also nur 34 % er Franzosen nicht an Gott. Am größten ist jetzt die Gruppe der Gläubigen bei Menschen über 65 Jahre. (ABER: Was heißt das konkret, inhaltlich: An „Gott“ glauben…)

2. Die aktuelle Pandemie hat keinen Einfluss auf die religiöse Praxis (gehabt). Das sagen 91 % der Befragten: Sie hätten sich wegen Corona nicht stärker den Religionen angenähert.

Das ist vielleicht die wichtigste Aussage der Umfrage: Und auch in Deutschland haben viele Beobachter die Erkenntnis, dass durch Corona die Religiosität NICHT zugenommen hat. Aber vielleicht lehrte (privat) die Not, dann doch beten im stillen Kämmerlein, wie es Jesus von Nazareth vorschlug.

3. Eine weitere Erkenntnis der Umfrage in Frankreich: In den Familien wird immer weniger über Religion gesprochen: Es sind nur 38 % der Befragten, die über Religion in der Familie sprechen.

4. Religionen können dazu beitragen, jungen Menschen Werte zu vermitteln, wie Respekt, Toleranz, Großzügigkeit, Verantwortlichkeit: Das sagen jetzt 68 % der Franzosen. Im Jahr 2009 waren es noch 77 %, die das glaubten.

5, Für 47 % der Franzosen sind die Werte und die Botschaft des Christentums immer noch von aktueller Bedeutung.

6. 41 % der Franzosen glauben, dass Papst Franziskus eher gut die Werte des Katholizismus verteidigt, 44 % meinen, er verteidige sie weder gut noch schlecht und 15 % meinen, er verteidige die katholischen Werte eher schlecht.

Quelle; REFORME, Protestantische Wochenzeitung, Paris.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.