Wer aus der Kirchengemeinde austritt, wird zu einer Zahl in einer Statistik!

Informationen zur katholischen Gemeinde „St. Matthias“ in Berlin – Schöneberg
Ein Hinweis von Christian Modehn am 16.4.2024

Siehe auch den Hinweis zum Thema, publiziert am 29.5.2023: LINK:

1.
Religionsphilosophen interessieren sich auch für den religiösen Umbruch in diesem Land. Also für die Austritte aus den Kirchen, etwa aus der katholischen Kirche in Berlin. Und soziologisch und theologisch wichtig ist eigentlich immer die Frage: Wie geht die Gemeinde selbst mit den vielen „Ausgetretenen“ um: Interessiert sie sich noch ein bißchen für die einstigen Mitglieder oder sind sie der Gemeinde und dem Pfarrer – offen gesagt – schnurzegal: In diesem Ungeist werden die Ausgetretenen dann zur statistischen Zahl reduziert und „abgehakt“.

2.
Dieses in Berlin und in ganz Deutschland weithin „pastorale“ „Uns doch egal“ wird sich auf Dauer nicht halten lassen, wenn denn die Gemeinden in absehbarer Zeit dem zahlenmäßigen und deswegen finanziellen Verschwinden nahe sind … und die dann wirklich etwas armen verbliebenen afrikanischen oder indischen Pfarrer in Schöneberg und anderswo sich um einen Zusatzjob kümmern müssen. Dann erinnert man sich – hoffentlich schuldbewusst – an die Zeiten der Ignoranz gegenüber den „Ausgetretene“. Und auch das ist wahr:
Die aus Deutschland oder sogar aus Berlin stammenden katholischen Pfarrer sind in ca. 20 Jahren bis auf eine kleine Minderheit reaktionärer Priester – meist Neokatechumenale – ausgestorben.

3.
Wir haben am 29.5. 2023 einen Beitrag publiziert, speziell über diese katholische Gemeinde St. Matthias in Berlin – Schöneberg. Sie nennt sich allerdings klassisch „Pfarrei“, um nicht mit evangelischen „Gemeinden“ verwechselt zu werden, denn in einer „Pfarrei“ herrscht eben, der Name sagt es, der klerikale Pfarrer.
Zu unserem Beitrag : LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/16579_austritte-aus-der-katholischen-pfarrei-st-matthias-in-berlin-schoeneberg-ein-beispiel-fuer-religioesen-wandel-in-deutschland_aktuelles

4.
In diesem Beitrag von 2023 haben wir eine Statistik publiziert über die Austritte von dortigen Gemeindemitgliedern aus dieser katholischen Orts – Gemeinde in Berlin – Schöneberg..
Aktuell wird nun im März 2024 eine neue Statistik vorgelegt:

Die „Pfarrnachrichten St. Matthias,“ Nr.1-2024, 71. Jahrgang, bieten auf Seite 40 diese Statistik zu den „Austritten“:

2018: 150 Austritte
2019: 207 Austritte
2020: 312 Austritte
2021: 297 Austritte
2022: 475 Austritte
2023: 411 Austritte

In den 6 Jahren von 2018 bis 2023 „gab es“ also insgesamt 1.852 Austritte aus der Gemeinde St. Matthias Berlin – Schöneberg.
In diesen Jahren fanden in dieser Pfarrei 28 Wiederaufnahmen in die katholische Kirche statt, offenbar bedingt durch Eheschließungen oder Berufsoptionen in katholischen Betrieben.
In diesen Jahren gab es dort 15 Jahren Konversionen zur Katholischen Kirche.

Man kann also sagen: 43 PLUS steht 1.852 MINUS an Gemeindemitgliedern gegenüber.

5.
Welche „glorreiche Zukunft“ dieser Pfarrei bevorsteht – die dabei durchaus typisch ist für die meisten anderen Pfarreien/Gemeinden im Erzbistum Berlin -, sollen Mathematiker genau berechnen, die dann bitte auch auf die Alters – und Sterbestruktur der Gemeinde beachten müssen.
Sozusagen über den mathematischen Daumen gepeilt, ist in 20 Jahren – zahlenmäßig – fast Schluss mit der Pfarrei St. Matthias. Für Orgelkonzerte und Ausstellungen kann die Kirche dann noch genutzt werden, falls der Staat Geld spendiert zum Erhalt, zu der einen Messe am Sonntagabend reist ein Priester (wahrscheinlich ein Inder) aus der Kathedralkirche St. Hedwig an.

6.
Um solche wissenschaftlich noch dringend zu erstellenden religionssoziologischen Prognosen sollte sich die Kirchenleitung kümmern. Dies macht sie aber nicht. Sie ist so gläubig, dass es immer wieder heißt: „Wird schon gut gehen“. Religionssoziologische Fakten und Prognosen ignoriert  diese Kirche.

7.
Dabei sind die personellen Veränderungen bemerkenswert: In der Groß – Pfarrei St. Matthias mit vier verschiedenen Kirchen und Gottesdienststätten ist noch ein einziger aus Deutschland (aus Münster) stammender Priester tätig, die anderen, jüngeren Priester kommen aus Indien, Ghana, Polen…Der aus Deutschland stammende Pfarrer ist 64 Jahre alt, zehn Jahre wird er wohl noch durchhalten…Dann kommt, wie schon heute, nur der „klerikale Ersatz“ aus den einstigen Missionsländern. Die Kirche in Deutschland tut so, als würden diese Priester dort nicht gebraucht. Aber diese Pfarrer aus den armen Ländern werden hier gut bezahlt, bringen also der armen Kirche dort auch etwas Geld. Und man verschleiert in Deutschland und ganz Europa den Fortbestand des Klerikalismus damit, dass man großspurig sagt: „Die einst Missionierten werden zu Missionaren hier. Ist doch wunderbar!“ Wirklich wunderbar??

8.
Denn es gibt doch noch hierzulande LaientheologInnen und auch andere interessierte Laien, Männer und Frauen, die gern „priesterlose“ Gemeinden leiten würden und selbstverständlich auch Eucharistie feiern könnten und sollten, wenn Rom dies denn zuließe. Aber indem man in Rom ständig betont: Die Eucharistiefeier ist der absoluteste Höhepunkt des katholischen Lebens und nur zölibatäre Priester können diesen absolutesten Höhepunkt zelebrieren, zementiert Rom ad aeternum die klerikale, angeblich zölibatäre Kirche. Das heißt: Erst wenn man aufhört, die Messe als den absolutesten aller Zentren der katholischen Praktiken zu verstehen, wird es eine Reform geben, die den Namen verdient. Oder man sagt richtig: Eucharistie kennen selbstverständlich auch Laien feiern.

9.
Hier aber wollten wir eigentlich nur auf die kalte Art hinweisen, mit der diese St. Matthias Gemeinde – und sicher viele andere – mit ein paar Zahlen mit ihren „Ausgetretenen“ umgeht. Kein Wort der Trauer, kein Wort des Dankes, dass „diese Leute“ so viele Jahre brav ihre Kirchensteuer zum Erhalt dieses klerikalen Systems bezahlt haben; keine Nachfrage nach den Motiven des Austritts…Nichts, gar nichts, wird erläuternd und bedauernd dazu publiziert, Diese Ignoranz ist, offen gesagt, human und christlich gesehen schrecklich. Und man wundert sich eigentlich, warum nicht noch viel mehr Katholiken ihre Kirchenmitgliedschaft, oft als so genannte „Karteileichen“, aufgebe. Karteileiche ist das gängige administrative Unwort für Katholiken, die zahlen, aber nichts – in der Sicht des Klerus – zählen.

10.
Ein Kirchen-Austritt aus dieser Gemeinde wird verständlich, wenn man sich das theologische Profil von St. Matthias anschaut, wie es sich nach außen darstellt: Nur einige Beispiele: Die Wochenzeitung „Tagespost“ (reaktionär katholisch aus Würzburg) wird selbstverständlich regelmäßig in der Kirche zum Verkauf angeboten, die Neokatechumenalen bieten Glaubenskurse an, etwa speziell für Männer, mit dem Thema „Als Mann und Frau schuf er sie“. Man bezieht sich auf einen bekannten Spruch aus der Bibel, um aus dieser rein faktischen Beschreibung von Zweigeschlechtlichkeit Homosexualität und homosexuelles Lieben abzuwehren…). Die umstrittene reaktionären “Pfadfinder Europas” haben in St. Matthias Fuß gefasst.
Im Pfarrnachrichten-Blatt zu Ostern 2024 schreibt Pfarrer I.R., Paul Berger über Ostern und die Auferstehung: „Ich freue mich, (im Himmel, post mortem) meine Eltern, meine Verwandten, meine Freunde wiederzusehen und ewig mit ihnen in Gemeinschaft zu leben. Und ewig ist nicht langweilig, zwei Verliebte, die Zeit miteinander verbinden, langweilen sich nicht“.
Tiefer kann das theologische Niveau eines Hochwürden i.R. nicht abrutschen: Und das wird auch noch publiziert! Hat dieser Herr Pfarrer nie drüber nachgedacht, welcher Symbolsprache sich die Berichte von der Auferstehung Jesu bedienen? Ist er wirklich purer Fundamentalist hinsichtlich der „leiblichen Auferstehung“? Offenbar!

11.
Was spricht eigentlich dagegen, wenn bei diesem Aberglauben jemand behauptet: „Im Himmel ist ewig Jahrmarkt.“ Meine Frage wäre dann nur.: „Immer am Wochenende? Und ist Petrus, der alte Fischer, auch irgendwo dabei? Und wo findet nachmittags die wunderbare Brotvermehrung statt?“ Vor allem: Wo treffe ich denn in himmlischen Weiten meine Tante Olga?

Die Berliner, nicht nur in Schöneberg, haben ein so unsägliches theologische „Niveau“ nicht verdient…Kein Wunder also, wenn sie austreten und diesen fundamentalistisch gläubigen Katholiken ihren fundamentalistischen Glauben überlassen. Ein paar Jahre wird s ja noch „klappen“ mit der alten Masche.

12.
Dass diese katholische Gemeinde mitten im „Gay-Bezirk“ Berlins keinerlei Inkulturation mit ihren Bewohnern und Gay-Katholiken pflegt und praktiziert, ist bekannt, darauf habe ich in dem ersten Beitrag schon hingewiesen. Und von der nun möglichen Segnung homosexueller Paar auch in dieser St. Matthias Kirche habe ich bisher noch nichts gelesen.
Diese Pfarrei lebt irgendwie in der Hinsicht auf dem Mond. Und mißachtet gern die Grundlagen moderner Theologie.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Vom Geschmack der Vernunft. Ein Salongespräch im Hause Immanuel Kants in Königsberg

Immanuel Kant ist bekannt für sein höchst anspruchsvolles Werk über menschliches Erkennen und vernünftiges Handeln. Doch der Philosoph der Aufklärung führte auch ein gastfreundliches Haus. Der Denker, der am 22.04.1724 in Königsberg geboren wurde, war ein Freund kritischer Dispute, am liebsten in Gesellschaft bei gutem Essen und Wein. Leidenschaftlich verteidigt er z. B. die Revolution in Frankreich.

Zu einem ungewöhnlichen Mahl hat Kant heute Philosophen und Theologen eingeladen. Sie wollen wissen, was menschliche Freiheit eigentlich bedeutet oder „vernünftige Religion“. Auch eine andere Idee des Gastgebers wird zum Tischgespräch: Ist eine universale Friedensordnung möglich? Ein – auch unterhaltsames – Salongespräch mit Immanuel Kant anlässlich seines 300. Geburtstags.

“Vom Geschmack der Vernunft. 
Tischgespräche im Hause Immanuel Kants”


Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn am 21.4.2024 um 9.00 Uhr, RBB Radio 3. 


LINK
Auch Podcasts

Pater Wolfgang Ockenfels, Dominikaner, gehört nicht mehr zur AFD nahen Stiftung „Desiderius Erasmus“.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 13.3.2024

Dieser Beitrag gehört in den großen Zusammenhang „Katholiken und AFD“.

Siehe auch unseren ausführlicheren Hinweis vom 7.2.2023: LINK

1.
Der Obere der Dominikanerprovinz Pater Peter L. Kreutzwald (jetzt in Mainz) teilt dem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ am 11.3.2024 per email zur Tätigkeit von Prof. em. Wolfgang Ockenfels, Dominikaner in Bonn, mit:
„Im Nachgang zu unserem Mailkontakt von Juli 2018 wird daher vermutlich eine neue Information für Sie sein, dass Pater Wolfgang nach eigener Aussage nicht mehr dem Kuratorium der Desiderius-Erasmus-Stiftung angehört.“ Weitere Informationen dazu schreibt P. Kreutzwald nicht.

2.
Wir hatten auch bei der Bischofskonferenz (beim Pressesprecher Herrn M. Kopp) nachgefragt, ob er angesichts der Veröffentlichung der Bischöfe zu „Katholiken und AFD“ mitteilen kann: Gehört P. Ockenfels auch jetzt noch zum Kuratorium der AFD Stiftung? Dazu wollte am 8.3.2024 Herr Kopp nichts mitteilen. P. Ockenfels antwortete nicht auf unsere entsprechende Frage vom 8.3.2024.

3.
Der Religionsphilosophische Salon hat im Rahmen seiner Studien zu „Katholiken und sehr rechtslastige bzw. rechtsextreme Parteien“ seit 2018 einige Hinweise publiziert, auch über die offensichtliche Verbundenheit von Pater Ockenfels mit der AFD (Stiftung). Denn ohne eine geistige/politische Verbundenheit mit der AFD wird ja wohl niemand zum Kuratorium der AFD nahen Erasmus Stiftung gehören (wollen). Ein Link zu unseren damaligen Hinweisen: LINK.

4.
Bei wikipedia z.B. ist die Nachricht noch nicht angekommen, dass Pater Wolfgang Ockenfels nicht mehr zum Kuratorium der AFD nahen Erasmus – Stiftung gehört (wikipedia gelesen am 13. 3. 2024, um 10 Uhr).

5.
Details nennt der Dominikaner – Provinzial P. Kreutzwald in seiner e-mail vom 11.3.2024 wie gesagt nicht: Fragen wie: Ob P. Ockenfels vielleicht sogar unter einem gewissen Druck des Ordens oder der Bischöfe (eher sehr unwahrscheinlich) oder aus Altersgründen oder aus tatsächlicher Ablehnung der Ideologie der AFD aus dem Kuratorium ausgeschieden ist. Pater Ockenfels sagte früher, die AFD sei eine demokratische Partei und er „praktiziere nur Dialogbereitschaft“.

6.
Interessant wäre es, die von P. Ockenfels als Chefredakteur (von 1985- 2022) geleitete sozialwissenschaftliche Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ auf AFD Nähe und auch auf Verbundenheit mit sehr konservativen katholischen Positionen (Opus Dei, Neokatechumenale usw.) zu untersuchen.

7.
P. Ockenfels hatte als Chefredakteur von “Die Neue Ordnung” etwa Felix Dirsch publizieren lassen, auch im Dezember 2020. Felix Dirsch schreibt auch auch für die “Junge Freiheit” und die AFD nahe Zeitschrift „Sezession”, außerdem ist er Tempelritter OMCT und Mitglied bei der Palladia…“ so berichtet wikipedia, gelesen am 11.3.2024. Dirsch zitiert in seinen Beiträgen auch oft den rechtsradikalen „Identitären“ „Martin Lichtmesz…“

8.
„Die Neue Ordnung“ wird vom „Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg e.V. “ herausgegeben, in Walberberg (bei Bonn) befand sich eine inzwischen aufgelöste philosophisch- theologische Hochschule des Dominikanerordens. Pater Peter Kreutzwald, der Provinzial der Dominikaner in Mainz, schreibt dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 14.3.24: “Die Publikation „Die Neue Ordnung“ wird nicht von unserer Provinz herausgegeben. Herausgeberin ist das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg e.V. mit Sitz in Bonn, das keine Institution der Provinz ist. Daher bin ich für Fragen zu Interna der Zeitschrift nicht der passende Ansprechpartner.”

9.

Der Journalist und Spezialist für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Opus Dei, Peter Hertel, nennt Pater Wolfgang Ockenfels mehfach in seiner Studie “Glaubenswächter” (Echter Verlag)  aus dem Jahr 2000!  Damals war P. Ockenfels aktiv bei den “Christdemokraten für das Leben” (S. 91) , weitere Hinweise zur Tätigkeit beim “Rheinischen Merkur,” bei “Komma”, “Radio Horeb” usw…. (S. 138). Weiteres dann auch bei wikipedia…Das Buch von Peter Hertel ist noch antiquarisch zu haben, aber es bezieht sich, wie gesagt, auf die vergangenen Engagements von Ockenfels.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. www.religionsphilosophischer-salon.de

Die weiße Flagge des Papstes: Für den Sieg Putins?

Ein Hinweis  von Christian Modehn am 11.3.2024.

Darüberhinaus stellen wir die 16. der “Unerhörten Fragen”:
„Warum hisst der Papst nicht selbst die weiße Fahne in seinem Vatikan und ruft endlich den Reform-Katholiken entgegen: Ihr habt recht, Ihr habt mit euren richtigen Reform-Vorschlägen gesiegt. Meine theologischen Positionen waren falsch“…

1.
„Die weiße Fahne hissen“ – das bringt Papst Franziskus jetzt in die Debatten ein auf der Suche nach einem gerechten Frieden für die Ukraine. Der Papst wünscht offenbar, dass die Ukraine die weiße Flagge hisst. Eine Niederlage wäre das, für die Ukraine und die demokratische Welt. Die Idee der weißen Flagge hat uns aber nicht losgelassen und wir bedenken dieses Symbol eben in anderem Zusammenhang auch, darum diese 16. „Unerhörte Frage“.
Man könnte nun meinen, diese 16. Frage in unserer Reihe „Unerhörte Fragen“ sei nun wirklich unerhört und etwas frech. Denn angesichts der Äußerungen des Papstes für das Schweizer Fernsehen RSI im März 2024 geht es um Leben und Tod, nicht um die ewige Leier der ständig besprochenen theologischen Querelen. Ihnen ist im katholischen Zusammenhang sicher nur mit Ironie noch beizukommen.

Darum vorweg diese Informationen: Was sagte der Papst, veröffentlicht am 11.3.2024, im Interview für den Schweizer Sender RSI: Die Ukraine (und damit der Westen) möge doch die „Weiße Flagge“ der Unterwerfung hissen und diese offenbar ehrerbietig Putin entgegen halten… Was der greise Papst Franziskus da so alles plaudert, ist verstörend und zumal für die UkrainerInnen und ihre UnterstützerInnen ein Skandal.

2.
Man muss sich zunächst fragen: In welcher Funktion spricht da eigentlich Franziskus/Mario Bergoglio? Spricht er als Papst, also als oberster Seelsorger und Hirte der Katholiken? Oder spricht er – seiner immer problematischen Doppelrolle entsprechend – als Chef des Staates Vatikanstadt: Diese politische Rolle als politischer Wahl – Monarch eines Zwergen – Staates (ca.700 Bürger) nützt der spirituelle Chef „Papst“ öfter aus, um sich weltpolitisch einzuschalten. Und um aufgrund seiner Heiligkeit („Heiliger Vater“) und des ehrwürdigen Ambiente des Vatikans von vielen noch ernst genommen zu werden. Sollen die Leute denken: Der „heilige Vater“ sagt etwas, o Gott, da muss man in die Knie gehen, wird schon stimmen, was er sagt… Aber hat der greise Wahlmonarch im Vatikan wirklich so viele intime und geheime Kenntnisse des Weltgeschehens, dass er meint, sich in die Debatten kompetent einmischen zu dürfen? Oder setzt er nur auf seine angeblich Autorität als „heiliger Vater“…Vielleicht sollte man mal den Dalai Lama fragen, wie es mit der Ukraine weiter geht. Und vielleicht sagt er dann nach altbekannter Manier die wegweisenden Worte: „Die Liebe ist das Höchste“.
Nebenbei: Papst Pius XII. schaltete sich öffentlich viel zu selten ein, um den Massenmord an den europäischen Juden zu verhindern. Vielleicht will da der Staatschef Papst Franziskus irgendwas „gut machen“? Bloß wem nützt er tatsächlich? Im Falle der Interview-Äußerung eindeutig dem Diktator Putin.

3.
Der „Spiegel“ berichtet, das genannte Interview mit dem Schweizer Fernsehen RSI wurde bereits im Februar 2024 geführt, es soll aber erst am 20.März 2024 gesendet werden.
Man darf sich fragen: Hatte der Papst vor diesem Interview mit dem russischen Patriarchen und Putins Chefideologen Kyrill telefoniert? Im März 2022 sagte Kyrill nach dem Telefongespräch mit dem Papst: Er hoffe, „dass so bald wie möglich ein gerechter Frieden erreicht werde“ (SZ, 24.3.2022). Der Papst ist bekanntermaßen von Kyrill I . sehr angetan, der Papst will unbedingt die Ökumene mit Russland, mit den Orthodoxen, fördern; der Papst war sich nicht zu schade, schon 2016 den Patriarchen Kyrill ausgerechnet in KUBA zu treffen, in diesem kommunistischen Regime fühlte sich der ehemalige KGB Mitarbeiter Kyrill besonders wohl.
Wie wäre es, wenn der Papst mal nach Kiew fährt? In der hübschen Mongolei war er im vergangenen Jahr einige Tage lang (offenbar in Erwartung, dort den Patriarchen Kyrill zu treffen), in diesem Jahr will der Papst nach Belgien reisen, warum also nicht alsbald mal nach Kiew?? „Falls er dort von russischen Attacken ermordet wird, hätte er große Chancen, sofort als Martyrer zu gelten und damit den wichtigsten Schritt zur Heiligsprechung erreicht zu haben“, das schreibt uns ein Freund aus Kiew, sichtlich erregt über die Äußerungen des Papstes.

4.
Der Papst sagte also in dem Interview mit dem Sender RSI den Ukrainern und dem Westen: „Schämt euch nicht, zu verhandeln, bevor es noch schlimmer wird“. „Wenn man sieht, dass man besiegt ist, dass es nicht gut läuft, muss man den Mut haben, zu verhandeln”, Er sei der Ansicht, dass derjenige Stärke zeige, „der die Situation erkennt, der an das Volk denkt, der den Mut hat, die weiße Flagge zu hissen und zu verhandeln.“ Welche Verdrehung der Tatsachen: Die Ukraine ist doch nicht besiegt! Und Putin lehnt echte Verhandlungen, die den Namen verdienen, ab. Friede heißt für ihn: Die besetzten Gebiete der Ukraine zu Russland zuschlagen und dann weiter gegen Europa zuschlagen.

5.
Woher nimmt Papst Franziskus seine Kenntnis, um zu behaupten: Die Ukraine sollte den Mut haben, eine »weiße Fahne« zu hissen und ein Ende des Kriegs mit Russland auszuhandeln. Der Papst denke, »dass der Stärkste derjenige ist, der die Situation betrachtet, an die Menschen denkt, den Mut der weißen Fahne hat und verhandelt«, sagte Franziskus in dem Interview mit dem Schweizer Sender RSI. (Quelle, Spiegel online. 9.3.2024).
Denkt der Papst in den Kategorien der schlichten Alltagsweisheit „Der Klügere gibt nach“? Dies ist ein Spruch, der seine Gültigkeit etwa hat, wenn sich zwei Nachbarn streiten über die Farbe des Gartenzaunes. Aber gilt diese Alltagsweisheit noch angesichts eines Diktators Putin? Hätte Papst Pius XII. etwa den wenigen Widerstandskämpfern gegen die Nazis zurufen sollen: Der Klügere gibt nach, hört auf mit eurem Widerstand“?

6.
Über diese Vorschläge des Papstes im März 2024 kann sich nur Russland freuen, und auch die mit Russland verbundenen rechtsradikalen und linksradikalen Parteien in Europa: Die Diktatur Putins reagierte prompt und hoch erfreut: “Einer der wenigen zustimmenden Kommentare zu den Vorschlägen des Papstes kam aus Moskau. Dort erklärte die Sprecherin des Russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, Franziskus habe eigentlich nicht Kiew, sondern dem Westen geraten, Verhandlungen zu beginnen. Leider habe der Westen das ukrainische Volk und den Weltfrieden geopfert, um seine Ziele zu erreichen. Nun bittet der Papst “den Westen, seine Ambitionen aufzugeben und einen Fehler zuzugeben”, sagte Sacharowa laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass; sie fügte hinzu, Russland habe nie Verhandlungen blockiert.“ (Quelle: am 10.3.2024: https://www.katholisch.de/artikel/51745-viel-kritik-am-werben-des-papstes-fuer-weisse-fahne-der-ukraine).

7.
Nun zu unserer 16. der „unerhörten Fragen“: 
Sollte Papst Franzislkus nicht am besten sofort eine große weiße Fahne im Vatikan anfertigen lassen (ein großes päpstliches Laken reicht nicht) und diese weiße Flagge im Apostolischen Palast auch Richtung Deutschland oft schwenken?? Und laut verkünden, am besten mehrfach: „Ich ergebe mich, ich bin auch theologisch etwas veraltet und nicht mehr mutig: Und ich sage nun als Papst feierlich: Die Reformkatholiken in Europa haben recht: Ab sofort wird dieser theologische und menschliche Unsinn “Zölibatsgesetz” für Priester abgeschafft. Und: Ab sofort sind die Frauen voll respektierte, vollständig gleichwertige Mitglieder der römisch – katholischen Kirche. Frauen können selbstverständlich auch ab sofort Priesterinnen werden.“

8.
Der Papst hat also seine Niederlage gegenüber den Reformkatholiken weltweit zugegeben, die weiße Flagge schwenkend ruft er: „Ich hisse meine weiße Flagge auf dem Petersplatz. Jetzt kann die Kirche endlich eine Gemeinschaft werden, die den Namen Kirche Jesu Christi wirklich etwas mehr verdient.

9. Am 15.3.2024 ergänzt: Dr. Regina Elsner, Mitarbeiterin am “Zentrum für Osteuropa “in Berlin (ZOIS) hat einen ergänzenden interessanten Beitrag verfasst in “Christ in der Gegenwart”: LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Alfred Grosser – Jude, Agnostiker, ein Freund der Christen: Ein freier Geist.

Am 7.Februar 2024 ist der Politologe und Förderer der deutsch-französischen Beziehungen in Paris gestorben.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Ein viel zu kurzer Hinweis auf einen Denker der Weite, der Toleranz, der Freundschaft: Alfred Grosser, Politologe und Förderer deutsch – französischer Begegnungen, ist am 7. Februar 2024 in Paris im Alter von 99 Jahren gestorben. Er ist einer der wichtigen Brückenbauer im deutsch-französischen Gespräch: Professor Alfred Grosser arbeitete als Politologe an der berühmten Fakultät für Politologie in Paris, in Frankreich nur „Science Po“ genannt. 1925 wurde Grosser in Frankfurt am Main geboren, als Jude musste er 1933 nach Frankreich flüchten.
Über Details zu seinem Leben und Arbeiten kann man sich etwa bei wikipedia weiter informieren und seine Bücher – auch auf Deutsch – wieder einmal lesen.

2.
Für uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ist es besonders wichtig, noch einmal an das große Interesse zu erinnern, das Grosser am Dialog mit religiös Glaubenden hatte, vor allem mit Christen. Alfred Grosser war mit einer Katholikin verheiratet, eine sozusagen auch inter – religiös fruchtbare Mischehe. Dabei sagte Grosser immer klar, was ihn an den Christen stört, etwa in seinem Buch “Les Fruits de leur arbre”, “Die Früchte von ihrem Baum“. Das Buch hat den Untertitel: „Ein atheistischer Blick auf die Christen“ ( Presses de la Renaissance, 2001).

3.
Humanistische Moral am wichtigsten!
In dem genannten Buch geht es Grosser auch positiv um eine Verbindung von humanistisch – atheistischer Moral mit christlicher Moral: Die Begegnung kann fruchtbar werden, wenn beide ethischen Entwürfe absolute Sicherheiten und absolute Dogmen zurückweisen und den Respekt für den anderen, den Fremden, als absoluten Mittelpunkt sehen. In dieser Haltung wird jeglicher ethische Relativismus überwunden, meinte Grosser. Darum unterstützte er auch die soziale Arbeit des katholischen Priesters Abbé Pierre und seines Hilfswerkes EMMAUS: Grosser schreibt: „In den Augen der Nicht – Gläubigen vertrat Abbé Pierre ein wirklich gelebtes Christentum“, so in dem Buch „Wie anders ist Frankreich?“ (C.H.Beck Verlag , 2005, S. 135). In diesem Buch spricht Grosser, freimütig und kenntnisreich, vom Zustand der Katholischen Kirche in Frankreich: „Sie scheint in mancher Hinsicht dem Untergang nahe“ (S. 185), er denkt dabei vor allem an den Mangel an qualifiziertem, aufgeschlossenen Personal, also an Priestern. Und Grosser hat selbstverständlich den Mut, auch den damaligen Pariser Kardinal Lustiger zu kritisieren, hinsichtlich seines sehr konservativen autoritären, so wörtlich von Grosser „überheblichen“ Herrschens in der Pariser Kirche (S. 186).
Aber es ist auch ein Beispiel für die Weite eines Teils der katholischen Presse in Frankreich, dass Alfred Grosser regelmäßig Kommentare für die katholische Tageszeitung „LA CROIX“ in Paris schrieb.

4.Kritik am Staat Israel:
In seinem Buch „Wie anders ist Frankreich? “ spricht Alfred Grosser auch von der Beziehung zu den Palästinensern: „Wenn Christen ihre Nächstenliebe auf die hungernden und hoffnungslosen Palästinenser ausdehnen, werden sie da zu Antisemiten? Wie in Deutschland der Rat der Juden, so erliegen in Frankreich die zentralen jüdischen Organisationen ständig der Versuchung, diese Frage zu bejahen. Als sei der Zionismus die einzige Verkörperung des Judentums…“
Und der SPIEGEL schreibt am 8.2.2024: LINK„: In den letzten Jahrzehnten positionierte sich Grosser vor allem als streitbarer Israelkritiker. Immer wieder mahnte er scharf die Haltung deutscher Regierungen mit Israel an, die er als zu unkritisch in Bezug auf Israels Umgang mit den Palästinensern empfand. Eine Rede Grossers zu einer Gedenkfeier an die Pogromnacht in der Frankfurter Paulskirche drohte 2010 zum Eklat zu werden. Mitglieder des Zentralrats der Juden hatten gedroht, den Raum zu verlassen, falls Grosser »ausfallend gegenüber Israel« werden würde. Der Skandal fiel dann aus, der Zentralrat blieb im Raum. Trotzdem forderte Grosser die »Anerkennung des Leidens der anderen« und konkretisierte, was er damit meinte: Man müsse – auch von jüdischer Seite – ein Minimum von echtem Mitgefühl zeigen »für das große Leiden in Gaza“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Menschen schaffen das Göttliche, die Götter, Gott.

Ludwig Feuerbach: Die große philosophische Wende.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 31.1.2024.

Ein Vorwort:

Die meisten Christen und ihre Theologinnen behaupten in irgendeiner Weise immer noch: Das Christentum und die Kirchen, auch in ihrer klerikalen Verfassung, sind das Werk Gottes selbst: ER als Gott hat dieses Christentum geschaffen. Der Anteil der Menschen bei diesem „Schaffen“ wird dann meist heruntergespielt etwa im Sinne „der Mensch als Werkzeug in Gottes Hand“.
Hier wird eine zentrale Erkenntnis des Philosophen Ludwig Feuerbach aufgegriffen und weiter entwickelt. Das heißt: Es sind wirklich die Menschen, die Gott schaffen. Aber welche Qualität haben die Menschen in diesem schöpferischen Prozess?
Dieser Beitrag ist ein am 31.1.2024 überarbeiteter Text von Christian Modehn, der Text wurde schon am 30.8. 2020 im www.religionsphilosophischer-salon.de publiziert. Bis zum 31.1.2024 hatte dieser Beitrag von 2020:  1035 Seitenaufrufe und 359 Postviews.

1.
Gleich nach Hegels Tod (1831) ereignet sich eine Art Bruch in der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, also auch hinsichtlich der Vorstellung von Gott eine Umkehrung dessen, was für Hegel zentral und wichtig war: Nicht mehr Gott wird als die schöpferische Kraft von allem, auch vom Geist des Menschen, erkannt und anerkannt, sondern Gott wird zum Geschöpf des Menschen erklärt. Der bekannteste Philosoph, der diese „Umstülpung“ dieses philosophischen Grundsatzes leicht zugänglich ausbreitete und verbreitete, ist Ludwig Feuerbach: Am 28. Juli 1804 in Landshut geboren, studierte er zunächst Theologie, wechselte dann aber zur Philosophie, hörte 1824/25 in Berlin bei Hegel auch dessen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie; Feuerbach wurde Privatdozent in Erlangen. Diese Stellung wurde ihm nach seiner provozierenden Schrift von 1830 „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ wieder genommen, so dass er bis zu seinem Tod am 13.9.1872 (in Rechenberg bei Nürnberg) als freischaffender philosophischer Publizist und Religionskritiker – zum Teil sehr bescheiden – lebte, von 1868 an als Mitglied der SPD von seiner Partei unterstützt wurde.

2.
Ludwig Feuerbach, theologisch sehr gut gebildet, beruft sich für seine philosophischen Thesen auf die christliche Lehre von der Menschwerdung Gottes: Diese „Inkarnation“ Gottes in dem Menschen Jesus von Nazareth wird in der klassischen Theologie bis heute als „Beweis der Liebe Gottes zum Menschen“ gedeutet. Für Feuerbach ist dieser Mensch werdende Gott der Liebe aber keine selbständige Wirklichkeit mehr. Vielmehr liebt der Mensch, wenn er auf dieses Bild der Menschwerdung des liebenden Gottes schaut, nur die Liebe, „und zwar die Liebe zum Menschen“. Der Inhalt der christlichen Religion ist also die Liebe unter den Menschen. Daraus macht Feuerbach ein politisch-religiöses Programm: “ Sein Prinzip ist: Der Glaube an den Menschen als die letzte und höchste Bestimmung des Menschen und ein diesem Glauben gemäßes Leben…“ „Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt, der ist Christ, der ist Christus selbst“. Ein Wort Feuerbachs, das heute jeder reflektierte Theologe unterschreiben kann.
Feuerbach, der religiöse Religionskritiker, will dem Leben selbst eine religiöse Bedeutung geben…und nur dem Leben. Problematisch erscheint sein ethisches Prinzip „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“, „homo homini Deus“. „Dies ist der Wendepunkt der Weltgeschichte“ (“Das Wesen des Christentums“, Reclam Verlag, Stuttgart, 1971, S.401)

3.
Mit seinem ersten großen Buch „Das Wesen des Christentums“ von 1841 erreichte er weiteste Kreise. Seine Thesen wurden förmlich intellektuelles Allgemeingut und sie wurden wie Slogans verbreitet: „Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie“, anstelle von „Gott ist die Liebe“ muss es heißen „Die Liebe ist göttlich“. Vor allem geradezu populär die These: „Religiöse Vorstellungen sind nichts anderes als Projektionen des Menschen“. „Nicht Gott schafft den Menschen, sondern der Mensch schafft sich seinen Gott“. Karl Marx hat diese zentrale Thesen Feuerbachs gekannt und auf seine Art ins Soziale und Ökonomische erweitert. Ebenso Max Stirner, Friedrich Engels und viele andere wurden durch Feuerbach zur Ablehnung einer eigenständigen göttlichen Wirklichkeit geführt. Sigmund Freud schreibt in „Zur Psychologie des Alltagslebens“ im Sinne Feuerbachs: „Ich glaube in der Tat, dass ein großes Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die modernsten Religionen hineinreicht, nichts anderes ist, als in die Außenwelt projizierte Psychologie“.
Der Mensch muss auf dem langen geschichtlichen Weg zur Selbsterkenntnis sein eigenes Wesen außer sich selbst setzen, indem er Göttliches produziert. „Der Mensch – dies ist das Geheimnis der Religion – vergegenständlicht sein Wesen und macht dann wieder sich selbst zum Objekt dieses vergegenständlichten Wesens“.

4.
Für ein philosophisches Gespräch mit Ludwig Feuerbach scheint mir die grundsätzliche Frage wichtig zu sein: Woher hat der Mensch die Kraft und die Begabung, aus seinem menschlichen Geist sich Gott/Göttliches/Absolutes zu schaffen und zu projizieren? Mit anderen Worten: Der Mensch als endlicher und begrenzter Geist ist aufgrund seiner geistigen Struktur in der Lage, über sich selbst hinaus zu gehen, über sich hinaus zu denken, seine Grenzen zu überschreiten, um einen Gott etc. zu setzen, d.h. zu „projizieren“. Man könnte dann mit Hegel die Frage stellen: Ist diese Kraft, ist diese Begabung des Schöpferischen IM Menschen nicht eine Gabe eines unendlichen Schöpfers oder eines schöpferischen Prinzips. Aber Hegel formuliert da nur eine Grundüberzeugung einiger christlicher Theologen, die nicht fundamentalistisch denken.

5.
Zurück zu Feuerbach: Insofern führt die Anthropologie dann wieder zu einer philosophischen Theologie als der Voraussetzung dieser Leistungen der Anthropologie. So dass man sagen kann: Der schöpferische Gott schafft den schöpferischen Menschen, der mit seinem von Gott als dem Schöpfer gegebenen Geist eben auch Gott schafft: Aber dieses „Gottschaffen” ist letztlich als Tat (und „Wunsch“) des schöpferischen Gottes gemeint. Gott will sozusagen, dass die Menschen für sich ihren Gott schaffen…Die Offenbarung Gottes, sein Sprechen zu den Menschen, ist dann nicht unmittelbar Tat Gottes sozusagen vom Himmel herab, ist nicht Sprechen Gottes als Gott, sondern Tat des Menschen. Die Bibel also ist Menschenwort, „Werk des Menschen“, aber: Ein Werk der von Gott geschaffenen Menschen…So ist Religion, so ist der Begriff Gott, also Tat des Menschen UND Gottes zugleich! Um es mit Hegel zu sagen: Der Geist des Menschen ist auch ein und derselbe Geist Gottes.

6.
Man hat den Eindruck: Die Theologen (und Religionsphilosophen) sollten viel intensiver Feuerbach studieren und debattieren. Der Mensch als ein Wesen, das Religionen und sogar Gott, Göttliches, schafft, wäre ein zentrales Thema. Diese Leistung kann der Mensch nur vollbringen, weil der Mensch als Geschöpf einer unendlichen „göttlichen Kreativität“ selbst Anteil an dieser „göttlichen Kreativität“ hat, das ist die Konsequenz der These einer „göttlichen Kreativität“, einst „Schöpfer der Evolution“ genannt. Sind dann z.B. alle Religionen der Religionsgeschichte Ausdruck des göttlichen Geistes? Auch alle „Götzen“, die sich Menschen schaffen, gehören dann zum Thema. Gibt es im Laufe dieser Entwicklung der Religionsgeschichte aber Kriterien zur Bewertung der „Qualität“ dieser Religionen? Diese Kriterien können natürlich nicht aus der Welt der Religionen selbst stammen. Diese Kriterien können nur aus der allgemeinen Vernunft der Menschen selbst kommen, etwa formuliert in den universell geltenden Menschenrechten. Dann heißt die Frage: Fördert eine bestimmte Religion die Menschenrechte – oder nicht. Ein Maßstab, ein Kriterium, das heute bei der Zunahme und Macht fundamentalistischer Religionen und Konfessionen von besonderer Bedeutung ist.

7.
Es sollte weiter gefragt werden, welche Bedeutung in diesem Zusammenhang dann die Erkenntnis Karl Rahners hat, wenn er, zentral in seinem Denken, von der „transzendentalen Offenbarung“ spricht. Denn Rahner geht auch davon aus, dass im Geist der Menschen Gottes Geist selbst wirksam ist, und zwar auch hinsichtlich der schöpferischen religiösen Kraft des Menschen.
Karl Rahner schreibt: “Die transzendentale Frage in der Theologie bedeutet: Welche Bedingungen müssen im Geist des Menschen gegeben sein, damit das Wort der Bibel überhaupt verstanden wird?” Rahner geht noch weiter: „Der Mensch kann die Bibel nur deswegen verstehen, weil Gott, als göttliche Gnade, bereits im Menschen anwesend ist, als innere, als subjektiv erlebte, als „transzendentale Offenbarung“ . Rahner will zeigen, dass „der Glaube an Jesus Christus nicht als eine bloß von außen kommende, auch noch so erhabene Zutat zur unabwälzbaren Existenz des Menschen erscheint. Sondern wir wollen den Glauben an Jesus Christus in der innersten Mitte der Existenz auffinden, wo er schon wohnt, bevor wir, hörend auf die Botschaft der Kirche, diesen Glauben satzhaft reflektieren“ (1).
Und an anderer Stelle schreibt Rahner: „Ich bin der Überzeugung, dass das Christentum eben nicht nur eine von außen her kommende Lehre ist, die dem Menschen eingetrichtert wird. Sondern, dass es wirklich ein Christentum von Innen heraus, von der innersten persönlichen, menschlichen Erfahrung her, gibt und geben muss. Das Christentum ist nicht eine Lehre, die von aussen einem erzählt, dass es so etwas gibt wie Gnade, Erlösung, Freiheit, Gott, so wie einem Europäer mitgeteilt wird, dass es Australien gibt. Sondern das Christentum ist wirklich die Auslegung dessen, was in der innersten Mitte des Menschen (an einer vielleicht verdrängten, vielleicht nicht reflektierten Erfahrung doch) schon gegeben ist“. (1), Karl Rahner, „Ich glaube an Jesus Christus“, Benziger Verlag, 1968, S. 29.
LINK

8.

Es bleiben zu Feuerbachs „Wesen des Christentums“ viele Fragen, z.B.: Wenn Feuerbach sagt: „Der Mensch ist dem Mensch Gott“ und man diese These nicht nur als Bonmot auffasst: Wie soll denn der Mensch den anderen, die anderen Menschen, als Gott „verehren“? Doch wohl nicht in einem nun wieder kultisch-religiös zelebrierten „Gottesdienst“.
Die von Feuerbach vorgebrachte These „Der Mensch ist dem Menschen Gott“ hat nur Sinn, wenn man die Realität der Menschenrechte einbeziehst und sagt: Die universell geltenden Menschenrechte verdienen höchsten Respekt unter allen Menschen. Und das ist keine theoretische Leistung, sondern eine immer praktische politische Tat zugunsten der vielen Menschen heute, die noch keinen realen Anteil an den Menschenrechten haben.

Siehe auch: Einen etwas ausführlicheren Hinweis von Christian Modehn zur Philosophie Ludwig Feuerbachs: LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Russischer Widerstand gegen Putins Chefideologen, den Patriarchen Kyrill I.

Immer mehr Gläubige trennen sich von der Russisch-Orthodoxen Kirche und ihrem Patriarchen Kyrill I.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.1.2024.

Ergänzung am 28.5.2025: Russisch-orthodoxe Geistliche und Laien veröffentlichten acht Thesen gegen den Angriffs-Krieg Russlands in der Ukraine. Die rund dreißig Verfasser wollen anonym bleiben, weil sie noch in Russland leben und Sanktionen oder Verfolgung befürchten. Der wichtige Text einer kleinen Gruppe russisch -orthodoxer Priester vor allem, die in Russland leben, wurde am 7. Januar 2025 veröffentlicht. Die Zeitschrift “Stimmen der Zeit” veröffentlicht diesen Text in ihrer Ausgabe vom Juni 2025 für alle Leser gratis! Siehe den ganzen Text unten FUßNOTE 1. 

1. Der Widerstand gegen den Putin – Patriarchen KyrillI. im Jahr 2024! 
Patriarch Kyrill I. von Moskau ist einer der heftigsten Unterstützer des Krieges Putins gegen die Ukraine. Das wurde auch auf dieser website seit Monaten dokumentiert. LINK. Und gegen Kyrill I. gibt es nun Widerstand auch im Klerus und eine zunehmende Distanz der Gläubigen von dieser Russisch-Orthodoxen Kirche. Dies ist ein Zeichen der Hoffnung. Dass dadurch auch Putins Allmacht etwas schwächer wird.

Zur Erinnerung:

“Der Bund Russlands mit der Ukraine ist gottgewollt”, so Putin in der DUMA 2012.  2013 sagt Putin in Kiew: “Gott will eine Vereinigung der Ukraine mit Russland. Kein Politiker kann sich dem Willen Gottes widersetzen”.   “Somit sah sich Putin als Schwert Gottes, Putin, dieser Mystiker, mit einem Finger auf dem Atomknopf , die anderen Finger fromm gefaltet”, so Peter Lachmann, in “Lettre International”, Herbst 2022, S. 126.

Putin wird unterstützt vom Moskauer Patriarchat, “für das auch die Grausamkeiten des Zaren niemals ein Ärgernis darstellten, weil die Zaren-Herrschaft von Gott komme, so wie die des neuen Para- Zaren Putin. Für Patriarch Kyrill hat der Krieg um das Heilige Russland metaphysische Bedeutung, die Rückeroberung der Ukraine sei eine Sache der ewigen Erlösung. Das ist das theologische Erbe von Byzanz, als dessen Erbe und Fortsetzung  die russisch-orthodoxe Kirche sich sieht”, so Peter Lachmann, ebd. (Peter Lachmann ist ein deutsch-polnischer Dichter, Essayist, Theaterregisseur und Übersetzer.)

Peter Lachmann weist in dem Beitrag auch darauf hin, dass Psychologen Putin als “notorischen Lügner” erleben. und deuten. Notorische Lügner seien “den eigenen Lügen gewissermaßen ausgesetzte Subjekte, deren Hirn anders funktioniere…Das emotionale Vakuum sei bei Putin vollkommen, das Dauerlügen werde zum Zwang” (a.a.O., S. 127).

2.
Patriarch Kyrill I. hat bekanntlich den christlichen Glauben zu einer Putin-Ideologie verfälscht. „In einem Interview mit der Exilzeitung Verstka sagte ein Priester, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, dass seit Beginn des Krieges Kirche und Staat in ihren Ansichten fast identisch geworden sind und die Diözesanversammlungen sich in parteipolitische Veranstaltungen verwandelt haben. Laut dem Erzpriester des Erzbistums der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa, Dimitry Sobolevskiy, ist die Kirche für die meisten Russen inzwischen nur ein weiterer Teil des Staatsapparats“ (Quelle: „Demokratie und Gesellschaft“, (FES), 22.1.2024, Beitrag von Daria Boll – Palievskaya, Journalistin und Russland-Spezialistin, Redakteurin der unabhängigen Online Zeitung: Russland.news.)

3.
Etliche Priester dieser Kirche kritisieren ihren Chef, den Ideologen Patriarch Kyrill I. Seit dem Krieg Putins gegen die Ukraine haben etwa 300 russische Priester und Diakone einen offenen Brief gegen den Krieg und gegen den Patriarchen veröffentlicht. Und der Erfolg? Das Projekt „Christen gegen den Krieg“ (in russischer Sprache) hat viele Fälle der Verfolgung dieser mutigen Priester veröffentlicht. Einer der bekanntesten liberal gesinnten Geistlichen in Russland, Pater, bzw. wie man in der Orthodoxie sagt , „Vater“ Alexej Uminski von der Dreifaltigkeitskirche in Moskau, wurde am 13. Januar 2024 seines Amtes enthoben. Pater Uminski weigerte sich öffentlich das ideologisch gefärbte Gebet zu sprechen: „Gott, gib uns den Sieg durch deine Macht“: Gemeint ist natürlich der Sieg Russlands über die Ukraine. Mehr als 12.000 Russen haben in einem Schreiben an Patriarch Kyrill ihre Unterstützung für den Priester Uminski ausgedrückt. Ihm droht nun der Ausschluss aus der Russisch-Orthodoxen Kirche.

4.
Die totale Ergebenheit des Patriarchen und seines klerikalen Clans wird von Putin belohnt: Die weltberühmte „Dreifaltigkeits-Ikone“ von Andrei Rubljow wurde aus dem Museum entfernt und dem Patriarchat übergeben. Eine Aktion mitten im Winter, die die Qualität dieses alten Kunstwerkes stören und zerstören kann.

5.
Was sind die Lichtblicke im System Putin?
Innerhalb der Russisch – Orthodoxen Kirche wird der Widerspruch gegen den Ideologen Kyrill I. immer größer. Und auch das ist erfreulich: „Scheinbar so mächtig wie nie zuvor und beinahe mit dem Kreml verschmolzen, verliert die Kirche in der russischen Gesellschaft immer mehr an Ansehen“, schreibt Daria Boll-Palievskaya. „Laut den offiziellen Statistiken des russischen Innenministeriums besuchten in diesem Jahr 1,4 Millionen Menschen die orthodoxen Weihnachtsgottesdienste, verglichen mit 2,3 Millionen im Jahr 2020 und über 2,6 Millionen im Jahr 2019. Die Berufung zum Priester wird ebenfalls immer weniger beliebt. Allein im letzten Jahr mussten drei Priesterseminare schließen.“ LINK zu Daria Boll – Palievskaya.
Nebenbei: Die russischen Gläubigen, die sich von der Putin – Kirche distanzieren und trennen, können selbstverständlich ihre private Spiritualität bewahren und persönlich pflegen, dafür braucht es bekanntlich – theologisch gesehen – keine „heilige Liturgie“ in altslawischer Sprache mit Popen, die Kriegspropaganda betreiben oder in ihren Predigten harmlose spirituelle Allgemeinheiten verbreiten, fromme Floskeln halt.

6.
Man muss sich als Religionsphilosoph also freuen, dass eine politische Organisation, die sich Kirche nennt, die Russisch – Orthodoxe Kirche, immer mehr an Ansehen in der Bevölkerung verliert. Das hilft vielleicht auch, die All – Macht Putins einzuschränken.

7.
Traurig ist nach wie vor nur die Tatsache, dass der „Ökumenische Weltrat der Kirchen“ (ÖRK) in Genf noch immer nicht die Russisch – Orthodoxe Kirche aus ihrem Weltrat rausgeschmissen hat, das fordern bekanntlich seit Monaten viele kompetente Theologen. Glauben die Herren und Damen im Weltrat der Kirchen in Genf (ÖRK) im Ernst, mit Herrn Kyrill I. einen Friedens – Dialog führen zu können?

8.
Am 30. Dezember 2023 verurteilte der Generalsekretär des ÖRK, Pastor Jerry Pillay, die, so wörtlich, „Terrorkampagne“ Russlands gegen zivile Ziele in der Ukraine. Von dem Krieg Russlands gegen die Ukraine sprach Pillay nicht. Für die Welt – Ökumene in Genf handelt es sich also um Terror, nicht um Krieg. Auch nannte Pastor Pillay vom ÖRK keine Namen, nicht den Namen Putins und auch nicht den Namen Kyrill I.. Pillay sagte nebulös, man bemühe sich, „auch weiterhin nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie der ÖRK mit und über seine Mitgliedskirchen den Dialog und den Frieden fördern und für eine Beendigung der Gewalt und Angst sorgen kann, unter der die Menschen in der Ukraine aufgrund der russischen Invasion leiden.“ (Quelle: https://www.oikoumene.org/de/news/wcc-denounces-russian-campaign-to-terrorize-people-of-ukraine)

9.
An einen Rauswurf des einstigen KGB Manns, des Herrn Patriarchen Kyrill I., aus dem eigentlich doch angesehenen ÖRK ist also gar nicht zu denken. Man bemühe sich ja im ÖRK um Dialoge, nebulös formuliert, allerdings ohne sichtbare Erfolge, wie jeder weiß.
Nach dem Ende der Putin Diktatur kann man die Russisch – Orthodoxe Kirche wieder in dieses Ökumenische Weltgremium aufnehmen. Selbst der Freund aller Orthodoxen, Papst Franziskus, spricht nach meinem Eindruck nicht mehr so vieles so Wohlwollendes (und Naives) über die Russisch – orthodoxe Kirche und seinen Patriarchen. Den der Papst sooo gern besuchen würde…

10.
Über die immer wieder viel besprochenen Dialoge mit den Russisch – Orthodoxen in den ökumenischen Gremien „vor Ort“, in den Städten, Bistümern, Landeskirchen Deutschlands hört man gar nichts. Offenbar ist man friedlich ökumenisch mit den Russen vereint? Und feiert hübsche Liturgien in alt-slawischer Sprache, wie immer schon…Auf der Website des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg (OERBB.de) wird die Russisch Orthodoxe Kirche immer noch als Mitglied dieses „Rates“ erwähnt. Über den Krieg Russlands gegen die Ukraine erfährt man da überhaupt nichts…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.


Der Text oppositioneller russisch – orthodoxer Priester in Russland vom 7. Januar 2025, veröffentlicht in den “Stimmen der Zeit”, im Juni 2025, einer  Zeitschrift der Jesuiten:

Christus und dem Evangelium treu bleiben: Ein russischer Aufruf gegen den Krieg in der Ukraine.
Ein theologisches Protestdokument russisch-orthodoxer Christen aus Russland, veröffentlicht am 7.Jan. 2025.
Russisch-orthodoxe Geistliche und Laien veröffentlichten acht Thesen gegen den Krieg Russlands in der Ukraine. Die rund dreißig Verfasser wollen anonym bleiben, weil sie noch in Russland leben und Sanktionen oder Verfolgung befürchten. Johannes Oeldemann, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn und Leiter des Stipendienprogramms der Deutschen Bischofskonferenz für orthodoxe Theologen, hat den russischen Aufruf ins Deutsche übersetzt und ordnet ihn einleitend historisch und theologisch ein.
Von Johannes Oeldemann, Stimmen der Zeit 150 (2025) 415-426, Lesedauer: ca. 18 Minuten

Seit mehr als zehn Jahren – beginnend mit der Krim-Annexion und der Besetzung einiger Territorien im Osten der Ukraine im Frühjahr 2014 – befindet sich die Ukraine im Verteidigungskampf gegen russische Truppen, die die territoriale Integrität dieses jungen Staates (seit 1991) mit einer alten Tradition untergraben. Mehr als drei Jahre sind inzwischen seit der umfassenden Invasion russischer Truppen in die Ukraine vergangen, mit der Präsident Putin das Ziel verfolgt, die staatlichen Strukturen in der Ukraine vollständig zu zerschlagen und das Land in die Russische Föderation einzugliedern. Auf beiden Seiten sind inzwischen Zehntausende Soldaten getötet und Hunderttausende verletzt worden. Während in der Ukraine durch rücksichtslose Angriffe auf Wohngebiete – wie zuletzt auf die Teilnehmer der Palmsonntagsgottesdienste in der Stadt Sumy – inzwischen auch Tausende Zivilisten getötet wurden, hält sich die Zahl der zivilen Opfer in Russland in Grenzen. Dafür liegt Schätzungen zufolge die Zahl der gefallenen Soldaten auf russischer Seite etwa doppelt so hoch wie auf ukrainischer Seite. Viele russische Familien sind damit inzwischen ebenfalls „Opfer“ dieses Krieges geworden. Daher kann man sich fragen, warum es in Russland keine Proteste gegen diesen Krieg gibt.
Die Antwort auf diese Frage lautet, dass offener Protest gegen den Kurs der Regierung in Russland schlicht lebensgefährlich ist. Wer in Russland seine Stimme gegen den Krieg erhebt, wird vom Staat verfolgt, angeklagt und kommt ins Gefängnis oder – schlimmer noch – in eines der berüchtigten Lager. Kritische Medien gibt es in Russland selbst kaum noch. Die wenigen unabhängigen Zeitungen, Sender und Internetportale sind inzwischen alle ins Ausland verdrängt worden. Auch die Russische Orthodoxe Kirche unterstützt den „patriotischen“ Kampf vorbehaltlos. Patriarch Kirill hat wiederholt seine Unterstützung für Präsident Putin demonstriert und den Kampf der russischen Soldaten gar als „heiligen Krieg“ bezeichnet. In orthodoxen Gottesdiensten in Russland wird regelmäßig für den Sieg gebetet und Priester, die das Wort „Sieg“ in dem entsprechenden Gebet durch „Frieden“ ersetzt haben, wurden suspendiert. Angesichts der Unterdrückung aller oppositionellen Stimmen in Russland überrascht es umso mehr, das am 7. Januar 2025, dem Tag des orthodoxen Weihnachtsfestes in Russland, ein Aufruf russischer Priester und Laien veröffentlicht wurde, in dem diese sich mit starken Worten gegen den Krieg positionieren.
Dieser Aufruf, der von den Autoren als „Glaubensbekenntnis“ bezeichnet wird, wurde in Russland über einen Telegram-Kanal verbreitet und außerhalb Russlands von der oppositionellen „Novaya Gazeta“ publiziert. Der Text ist in acht Artikel gegliedert, die – jeweils unter Rückgriff auf biblische Zitate – auf das Gottesbild, das Verständnis des Reiches Gottes, die Würde des Menschen, die Gleichheit aller Völker vor Gott, das Leben nach den Geboten Christi, die christliche Nächstenliebe, das Verständnis von Kirche und den Dienst der Kirche an der Versöhnung eingehen. Neben biblischen Texten greift der Text, wie in der orthodoxen Theologie üblich, auch auf Zitate der Kirchenväter zurück. Bemerkenswert ist, dass auch die im Jahr 2000 publizierten „Grundlagen der Soziallehre der Russischen Orthodoxen Kirche“ zitiert werden, die maßgeblich vom heutigen Patriarchen mitformuliert wurden. Dadurch konfrontiert der Text die Kirchenführung mit ihrer eigenen Positionsbestimmung. Der Text schließt mit dem Jesaja-Zitat „Doch das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit“ (Jes 40,8). Es dürfte kein Zufall sein, dass dies dieselben Worte sind, mit denen auch die „Barmer Theologische Erklärung“ schließt, mit der sich die Bekennende Kirche in Deutschland 1934 gegen die nationalsozialistische Ideologie positionierte.
Ist dieser russische Aufruf eine orthodoxe „Barmer“ Erklärung? Hinsichtlich seiner Intention und der Autorenschaft ist dieses russische Glaubensbekenntnis mit Barmen vergleichbar. In seiner Struktur und Sprache unterscheidet es sich zwar von der Barmer Theologischen Erklärung, entspricht damit aber viel mehr einem genuin orthodoxen Zugang zum Thema. Anders als in Barmen ist nicht bekannt, wer die Autoren dieses Textes sind. Es heißt, dass eine Gruppe von etwa dreißig Personen – überwiegend Priester, aber auch einige Laien – hinter dem Text steht. Ihre Namen sind nicht bekannt, weil das für sie und ihre Familien lebensbedrohlich wäre. Vielleicht stehen, anders als in Barmen, keine großen Namen dahinter. Dieser Text lebt nicht von der Autorität seiner Autorinnen und Autoren, sondern einzig aus der Kraft seiner Worte. Wie die Verfasser in der kurzen Einleitung schreiben, macht jede und jeder, der diese Thesen mit anderen teilt, sich ihren Inhalt zu eigen. Die Verbreitung der Thesen wird als Bekenntnisakt bezeichnet. Insofern trägt der Text – wie Barmen – Bekenntnischarakter. Ob er für die russische Orthodoxie eine vergleichbare Bedeutung wie die Barmer Theologische Erklärung für die evangelischen Christen in Deutschland erlangt, wird letztlich erst die Wirkungsgeschichte dieses Bekenntnistextes zeigen.
„Christus und dem Evangelium treu bleiben“
Ein Aufruf von Geistlichen und Laien der Russischen Orthodoxen Kirche, 
die zwar in Russland bleiben, aber den Krieg ablehnen
– veröffentlicht am 7. Januar 2025, dem Tag des Weihnachtsfestes in Russland

Dieses Glaubensbekenntnis wurde von Kirchenleuten, Klerikern und Laien, verfasst, die größtenteils in Russland leben und sich genötigt sahen, auf jegliche Hinweise auf die Autorenschaft zu verzichten. Jeder, der die hierin enthaltenen Thesen teilt und bereit ist, sie an andere weiterzuleiten, sei es mündlich oder schriftlich, öffentlich oder auf privatem Weg, kann sich als Teilnehmer an diesem Bekenntnisakt betrachten.
Die Phänomene, auf die in diesen Thesen Bezug genommen wird, haben in unserer Kirche seit langem zugenommen. Das Schweigen der Kirchenleute kann als Zustimmung oder Akzeptanz empfunden werden, und deshalb haben wir kein Recht zu schweigen.
Wir, Kleriker und Laien, Kinder der Russischen Orthodoxen Kirche – einschließlich derer unter uns, die derzeit in verschiedenen Ländern verstreut sind und anderen Jurisdiktionen angehören – glauben und bekennen, dass wir alle, unabhängig von den irdischen Umständen und den Forderungen irdischer Machthabender, aufgerufen sind, vor der Welt Zeugnis für die Lehre Jesu Christi abzulegen und immer abzulehnen, was mit dem Evangelium unvereinbar ist. Keine irdischen Ziele oder Werte können von Christen über die oder anstelle der Wahrheit gesetzt werden, die in der Lehre, dem Leben und der Person Jesu Christi offenbart wurde.

1. ÜBER GOTT: Über das Gebot „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“
Wir Christen glauben an Gott, „den Schöpfer des Himmels und der Erde, alles Sichtbaren und Unsichtbaren“ [Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Anm. des Übers.], an Gott, den „Unaussprechlichen, Unerkennbaren, Unsichtbaren, Unbegreiflichen, Ewigen, Unveränderlichen“, „vor Dem Himmel und Erde, das Meer und alles, was in ihnen ist, erbeben“ (Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus, Ordnung des Sakraments der Heiligen Taufe).
Frappierend ist die Leichtfertigkeit, mit der nicht nur Politiker und Journalisten, sondern auch Kirchendiener den Namen Gottes in ihrer Rhetorik verwenden und dem Schöpfer des Universums unerschrocken zuschreiben und vorschreiben, auf welcher Seite Er in irdischen Konflikten zu stehen und welche der irdischen Herrscher Er zu unterstützen hat.
Dieser Gebrauch des Namens Gottes für politische Zwecke ist nichts anderes als ein Verstoß gegen das Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“ (Ex 20,7).

2. ÜBER DAS REICH GOTTES: Über die Unzulässigkeit der Vermischung dessen, was „Gottes“ und „des Kaisers“ ist, sowie die Unzulässigkeit der Verwandlung der Kirche in ein Instrument irdischer Machthabender
Das Wirken Christi beginnt mit der Verkündigung des Reiches Gottes (Mt 4,17). Die Botschaft von diesem Reich ist das Herzstück seiner Verkündigung: „Sucht aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“ (Mt 6,33). Christus lehrt, dass dieses Reich sich von allen irdischen Staaten unterscheidet: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36). Wir Christen sind seine Bürger: „Unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). Wir beten zu Gott: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ (Mt 6,10). Weil er von diesem Reich gepredigt hatte, verurteilten die irdischen Machthaber und ihre Diener Christus zum Tode mit den Worten: „Jeder, der sich selbst zum König macht, lehnt sich gegen den Kaiser auf. […] Wir haben keinen König außer dem Kaiser“ (Joh 19,12-15).
Wir wissen, dass der Staat und die Institutionen zur Unterstützung von Recht und Ordnung in dieser Welt notwendig und unvermeidlich sind. Sie schaffen die Voraussetzungen für ein normales Leben der Gesellschaft, indem sie menschliche Aggression und Kriminalität niederhalten. Deshalb antwortet der Apostel Paulus denen, die ihn gefragt haben, dass Gott die Macht als eine Institution des Rechts und der Ordnung eingesetzt hat, die diejenigen zurückhält, die Böses tun:
„Es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott ist; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. […] Denn sie (die staatliche Gewalt) steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. […] Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut“ (Röm 13,1-4).
Der Wert dieser irdischen Macht ist praktisch und vergänglich; sie ist nicht dazu da, das Paradies auf Erden zu errichten, sondern um diejenigen, die Böses tun, daran zu hindern, die Erde in eine Hölle zu verwandeln.
Ohne die praktische Bedeutung der irdischen Macht und die Pflichten des Christen gegenüber der Gesellschaft aufzuheben, unterscheidet Christus klar zwischen der irdischen Macht und dem Reich Gottes, zwischen der Beziehung des Christen zu irdischen Machthabenden und zu Gott: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21). „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen“ (Mt 4,10). Deshalb ist jegliche Vermischung dessen, was „Gottes“ und was „des Kaisers“ ist, von Vollmachten und Aufgaben der irdischen Machthabenden mit der Macht und Herrschaft Gottes, unvereinbar mit der Lehre Christi.
Umso unvereinbarer mit der Treue zu Christus ist ein Zustand, in dem die Kirche zu einer ideologischen Abteilung des Staatsapparates wird, die als „Klammer“ [ein von der politischen Nomenklatura in Russland gern benutzter Begriff, Anm. d. Übers.] die politischen Bedürfnisse eines bestimmten Regimes bedient.

3. ÜBER DIE MENSCHENWÜRDE: Über die vorgebliche „Häresie der Menschenverehrung“ und die Unzulässigkeit, den Menschen als Verbrauchsmaterial zu missbrauchen
In der Heiligen Schrift lesen wir, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde (Gen 1,26). Etwas Ähnliches wird in der Heiligen Schrift weder über die Nation noch über den Staat noch über eine Partei gesagt.
Wir lesen, dass Gott sich nicht schämt, die Menschen „Kinder“ und „Brüder“ zu nennen, denen er gleich wird, um sie von der Sklaverei der Sünde und des Todes zu befreien (Hebr 2,11-18). Im Glaubensbekenntnis bekennen wir, dass Gott Mensch geworden ist, „um uns Menschen und um unseres Heiles willen“. Aber weder die Heilige Schrift noch das Glaubensbekenntnis sagen uns, dass Gott Mensch geworden ist um der Größe oder des Heils einer Nation, eines Staates oder einer Partei willen.
Nach dem Wort Christi können nicht nur weltliche und soziale Regelungen, sondern sogar die wichtigsten religiösen Regelungen und Gebote nicht als Selbstzweck betrachtet werden, sondern sind um des Menschen willen da: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27).
Deshalb steht für die Jünger Christi der Mensch über jeder Nation, jedem Staat und jeder Partei – und das ist keine „globale Häresie der Menschenverehrung“, sondern eine Folge der christlichen Lehre, dass der Mensch das Ebenbild Gottes ist.
Der Missbrauch des Menschen als Instrument, als ein „Rädchen oder Schräubchen“, als Verbrauchsmaterial für den Staat oder andere irdische Institutionen ist mit der Lehre Christi unvereinbar.

4. ÜBER DIE GLEICHHEIT DER VÖLKER VOR GOTT und die Unzulässigkeit der nationalen Selbstverherrlichung
Im Neuen Testament lesen wir, dass im neuen Menschen, im Gegensatz zum alten, „nicht mehr Griechen und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbaren, Skythen, Sklaven, Freie, sondern Christus alles und in allen ist“ (Kol 3,11). In der Welt des Neuen Testaments kann es keine Nationen geben, die Gott gefallen oder missfallen: „Gott ist nicht parteiisch, sondern in jedem Volk ist ihm willkommen, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist“ (Apg 10,34-35).
Jede Erniedrigung einiger Völker und jede Erhöhung anderer, jede Form von nationalem Messianismus und nationaler Selbstverherrlichung ist mit der Lehre Christi unvereinbar, insbesondere jene, die unter der Losung „Gott ist mit uns!“ einem Volk das Recht zuschreibt, über das Schicksal anderer Völker zu entscheiden.
Deshalb können wir nicht akzeptieren, dass christliche Werte und Sinngehalte einer geopolitischen Agenda untergeschoben werden, einer Ideologie, die den Glauben an Christus durch den Glauben an die „russische Welt“, an die besondere Bestimmung des russischen Volkes und des russischen Staates, ersetzt.
Eine solche Verfälschung reduziert Gott auf eine nationale Gottheit, verengt die Orthodoxie auf eine nationale russische Religion und einen der Aspekte des nationalen Selbstbewusstseins. Sie zerstört die Lehre vom universalen Charakter der Kirche und führt zu einem Bruch mit anderen orthodoxen Ortskirchen. Aber die Kirche Christi ist größer als jede Ortskirche, auch als die Russische Orthodoxe Kirche.
Bei einer solchen Verfälschung wird die kirchliche Terminologie für politische Zwecke verwendet. An die Stelle der Lehre von der Einheit der Orthodoxen Kirche wird die Lehre von der „Einheit der Russischen Kirche“ gesetzt, und die Worte über die „Dreieinigkeit des russischen Volkes“, die in kirchennahen Dokumenten erklingen, passen die theologische Terminologie der heiligen Väter an die Bedürfnisse des politischen Diskurses an und geben dem politischen Konzept den falschen Anschein einer kirchlichen Doktrin.
Es ist ein Ausdruck von Hochmut und geistlicher Selbstüberschätzung, die eigene Nation als „universalen Herrscher“ [katechon – „Aufhalter“ des Antichrist, Anm. d. Übers.] zu bezeichnen, der die Welt vor dem Bösen schützt, und als „letzte Festung, die die Welt vor dem Kommen des Antichrist bewahrt“. Im Dasein jedes Volkes kämpfen Gott und der Teufel, und für jedes Volk ist der Ausgang dieses Kampfes bis zum Jüngsten Gericht unbekannt.

5. ÜBER DAS LEBEN NACH DEN GEBOTEN CHRISTI und dessen Ersatz durch den „Kampf für traditionelle Werte“
Christen sind aufgerufen, durch ihr eigenes Leben Zeugnis von den moralischen Lehren Christi abzulegen, wie sie im Neuen Testament dargelegt sind. Aber nirgendwo im Neuen Testament wird gesagt, dass Christen den „Außenstehenden“, also jenen, die keine Kirchenmitglieder sind, Werte – welche auch immer: moralische, familiäre, häusliche, politische oder religiöse – aufzwingen sollen.
Der Apostel Paulus regelt zwar die Lebensnormen der ersten christlichen Gemeinden, zwingt die Christen aber nicht, diese Normen den „Außenstehenden“ aufzuzwingen, und fordert sie darüber hinaus auf, den Umgang mit den „Außenstehenden“, die nicht nach diesen Normen leben, nicht zu brechen: „Denn sonst müsstet ihr ja aus der Welt auswandern […]. Was geht es mich denn an, die Außenstehenden zu richten? Habt ihr nicht die zu richten, die zu euch gehören? Die Außenstehenden aber wird Gott richten“ (1 Kor 5,10-13).
Selbst die wichtigsten moralischen Werte des Christentums sollen wir nicht mit Gewalt, sondern nur durch unser eigenes Beispiel verkünden.
Der erbitterte „Kampf“, um den „Außenstehenden“ die „traditionellen Werte“ durch Zwang und gerichtliche Verfolgung, repressive Gesetze und Denunziationen aufzuzwingen, ist nichts anderes als ein Versuch, den Schwund wahrhaft christlicher moralischer Werte wie Liebe, Freiheit, Mitgefühl und Barmherzigkeit im inneren Leben der Kirche selbst zu verschleiern.
Wir können eine Predigt, in der „traditionelle“ und „nationale“ Werte die Moral des Evangeliums, die Gebote Christi und Christus selbst ersetzen und verdrängen, nicht als christlich ansehen.

6. ÜBER DIE CHRISTLICHE NÄCHSTENLIEBE und deren Ersatz durch die Predigt von Gewalt und „Heiligem Krieg“
Christus sagt zu seinen Jüngern: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12); „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten […]? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 5,44-48).
Von den Aposteln bis zu den Asketen unserer Zeit, wie dem heiligen Siluan vom Berg Athos, haben die Nachfolger Christi bezeugt und bezeugen, welch bedeutende Stellung die Lehre von der Feindesliebe in der christlichen Ethik hat. Christus lehrt seine Jünger: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin! Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel“ (Mt 5,39-40).
Wir wissen, dass die Anwendung von Gewalt manchmal der einzige Weg sein kann, um noch schlimmere Gewalt zu verhindern. Aber auch eine solche Gewalt, die als das geringere Übel gewählt wird, ist immer noch Gewalt, zwar ein geringeres, aber dennoch ein Übel.
Jede Predigt, die Gewalt verherrlicht, sei diese Gewalt politisch oder sozial, öffentlich oder häuslich, ist mit der Lehre Christi unvereinbar.
Der schlimmste Fall von Gewalt ist der Krieg. Wir wissen, dass Staaten manchmal gezwungen sind, Krieg zu führen, also Gewalt und Mord zu begehen, um noch schlimmere Gewalt und noch schlimmeren Mord zu verhindern. Doch auch in diesem Fall bleibt Gewalt Gewalt und Mord eine Sünde.
Wir können denjenigen dankbar sein, die – da sie sich dem Bösen widersetzt haben und dies manchmal um den Preis des eigenen Lebens – durch Gewaltanwendung noch schlimmere Gewalt verhindert haben.
Aber diese Dankbarkeit kann und darf nicht in eine Verherrlichung, Romantisierung oder Heroisierung des Gewaltaktes selbst münden. Für den Christen ist diese Dankbarkeit unweigerlich mit der Trauer darüber vermischt, dass die Gewalt in unsere Welt gekommen ist und dass sie durch Gewalt gestoppt werden musste.
Sowohl die Kirchenväter als auch das Kirchenrecht bezeugen die Sündhaftigkeit des Mordes, unabhängig von dessen Motiven. In der Regel des heiligen Basilius des Großen heißt es: „Wer seinem Nächsten einen tödlichen Schlag versetzt, ist ein Mörder, ob er nun zuerst zuschlägt oder zurückschlägt“ (Regel 43). Im Blick auf diejenigen, die bei der Abwehr eines Angriffs den Räuber töteten, schreibt Basilius vor, dass Kleriker ihres Amtes enthoben und Laien von der Kommunion ausgeschlossen werden, „denn die Schrift sagt: ‚Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen‘ (Mt 26,52)“ (Regel 55). Der heilige Basilius rät, dass Soldaten, die im Krieg einen Mord begehen, für drei Jahre von der Kommunion ausgeschlossen werden sollen, „weil sie unreine Hände haben“ (Regel 13).
Die kirchliche Tradition verbietet es Priestern nicht nur, Waffen zu benutzen, sondern sie auch nur in die Hand zu nehmen, und sie verbietet es denen, die im Krieg gemordet haben, Priester zu werden.
Manchmal hören wir, dass in Bezug auf die Teilnehmer an Kriegshandlungen die Worte Christi zitiert werden: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“. Aber das ist eine völlige Verzerrung der Bedeutung der Worte Christi, die aus dem Kontext des Evangeliums gerissen wurden. Im Johannesevangelium sagt Christus: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde“ (Joh 15,12-14). Dies ist ein Aufruf an die Nachfolger Christi, dem Beispiel des Meisters zu folgen, der sein Leben für seine Jünger, seine Freunde, hingab. Aber er gab sein Leben nicht im Krieg, indem er andere tötete, sondern am Kreuz, indem er für unsere Sünden starb. Diese Worte beziehen sich nicht auf diejenigen, die töten, sondern auf diejenigen, die getötet werden.
Es ist kein Zufall, dass sich die Prediger der Lehre vom „heiligen Krieg“ meist nicht auf das Neue Testament, sondern auf das Alte Testament berufen, und zwar genau auf die Aspekte, die die Predigt Christi als vergangen hinter sich lässt.
Einen Krieg als „heilig“ zu erklären, ist mit der Lehre Christi unvereinbar, selbst wenn es sich um einen Verteidigungskrieg handelt. Erst recht, wenn es sich um einen Angriffskrieg handelt.

7. ÜBER DIE KIRCHE CHRISTI: Über die „Vertikale der Macht“ und das Vergessen des Synodalprinzips als Entstellungen des kirchlichen Lebens
Christus sagt über Seine Kirche: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).
Indem er das Leben der Kirche und die Welt der irdischen Mächte einander gegenüberstellt, sagt er seinen Jüngern, wie seine Kirche beschaffen sein soll: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein“ (Mt 20,25-27).
Die verschiedenen Ämter in der Kirche bedeuten nicht die Herrschaft der einen über die anderen, sondern verschiedene Arten des Dienstes, die der ganzen Gemeinde vermacht und anvertraut sind. Der Apostel Petrus schreibt: „Dient einander […], ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“ (1 Petr 4,10), und fügt, an die Hirten gerichtet, hinzu: „Weidet die euch anvertraute Herde Gottes […] nicht aus Gewinnsucht, sondern mit Hingabe; seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde“ (1 Petr 5,2-3).
Daher ist weder die Überhöhung der Oberen noch die Erniedrigung der Untergebenen, weder die Identifizierung der Kirche mit dem Klerus, die die Laien herabsetzt, noch die Umwandlung der geistlichen Hierarchie in eine bürokratische „Vertikale der Macht“ [ein zentraler Begriff der politischen Nomenklatura in Russland, Anm. d. Übers.] mit der Lehre Christi vereinbar.
Für die orthodoxe Tradition ist es inakzeptabel, den Vorsteher zu einem „kirchlichen Autokraten“ etwa nach Art des römischen Papstes im mittelalterlichen Abendland zu machen, dessen Meinungen, Äußerungen und Entscheidungen weder einer Diskussion noch der Kritik unterliegen. Das Wort des Vorstehers ist nicht identisch mit dem Wort der Kirche.
Es ist für die Kirche nicht normal, dass das Prinzip der Synodalität weder substanziell noch wenigstens formell beachtet wird, wenn nicht einmal die vom Kirchenstatut vorgeschriebenen Bischofssynoden einberufen werden; wenn die wichtigsten Entscheidungen für das Leben der Kirche allein vom Vorsteher getroffen werden; und wenn der Widerspruch von Klerikern gegen Handlungen, Worte und die Politik ihres Vorgesetzten mit einem Meineid gleichgesetzt wird und eine Suspendierung oder Amtsenthebung nach sich zieht (eine Strafe, die das Kirchenrecht nur für die schwersten Vergehen von Klerikern vorsieht).

8. ÜBER DEN VERSÖHNUNGSDIENST als die wahre soziale und politische Sendung der Kirche
Christen sind aufgerufen, der sie umgebenden Welt durch ihr Leben und ihre Beziehung untereinander ein Beispiel zu geben – in Vergebung, Versöhnung und brüderlicher Liebe: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6,14-15); „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe (Mt 5,23-24); „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden“ (Röm 12,18); „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,35).
Indem die Kirche Menschen verschiedener Nationalitäten, sozialer Schichten und politischer Parteien in Christus vereint, ist sie dazu berufen, der Versöhnung zwischen verfeindeten Nationen, gesellschaftlichen Gruppen und Parteien zu dienen. Christus selbst sagt über diese Mission: „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden“ (Mt 5,9). Die Lehre von der friedensstiftenden Mission der Kirche wird u.a. in den „Grundlagen der Soziallehre der Russischen Orthodoxen Kirche“ dargelegt, die im Jahr 2000 von der Bischofssynode angenommen wurden:
„Die Orthodoxe Kirche erfüllt ihre Mission der Versöhnung unter einander feindlich gesinnten Nationen und ihren Vertretern. Dementsprechend bezieht sie keine Stellung in interethnischen Konflikten, mit Ausnahme von Fällen offensichtlicher Aggression oder Ungerechtigkeit seitens einer der Parteien“ (Grundlagen der Soziallehre der Russischen Orthodoxen Kirche, II.4).
„Angesichts der politischen Meinungsverschiedenheiten, Widersprüche und Kämpfe predigt die Kirche Frieden und Zusammenarbeit unter den Menschen, die unterschiedlichen politischen Ansichten anhängen. Sie duldet auch verschiedene politische Überzeugungen in der Mitte des Episkopats, des Klerus sowie der Laien, mit Ausnahme solcher, die offensichtlich zu Taten führen, die der orthodoxen Glaubenslehre und den moralischen Normen der kirchlichen Tradition widersprechen“ (Grundlagen der Soziallehre der Russischen Orthodoxen Kirche, V.2).
Gerade mit dem Argument, dass die Kirche mit der Mission der Vermittlung und Versöhnung unter verschiedenen politischen Kräften betraut ist, wird das Prinzip „Kirche steht außerhalb der Politik“ begründet. Die Kirche kann nicht als Vermittlerin zwischen verschiedenen politischen Kräften dienen, wenn sie eine dieser Kräfte ausdrücklich unterstützt. „Untersagt ist die Teilnahme der Kirchenleitung und der Geistlichen, folglich auch der ganzen Kirche, an der Tätigkeit politischer Organisationen, an wahlvorbereitenden Prozessen wie etwa der öffentlichen Unterstützung politischer Organisationen, die an Wahlen teilnehmen, oder einzelner Kandidaten, an Wahlkampfwerbung usw.“ (Grundlagen der Soziallehre der Russischen Orthodoxen Kirche, V.2).
Wenn Vertreter der Kirche zum Hass gegen andere Völker und Länder aufstacheln, anstatt den Frieden zu predigen, politische Einmütigkeit predigen, anstatt zwischen den politischen Kräften zu vermitteln, Gewaltakte gegen Andersdenkende ideologisch rechtfertigen, anstatt Versöhnung zu predigen – dann ist das eine Perversion nicht nur des Grundsatzes „Kirche steht außerhalb der Politik“, sondern auch und vor allem der Mission, zu der Christus seine Jünger ruft.
Der Versuch, das kirchliche Gebet als Instrument zur Überprüfung der Loyalität gegenüber irdischen Machthabenden zu missbrauchen, die Suspendierung und Amtsenthebung aufgrund von Gebeten für Frieden und Versöhnung – das ist nichts anderes als die Verfolgung von Christen wegen ihrer Treue zum Wort Christi.
***
Wir erinnern uns, dass Christus zu seinen Jüngern sagte: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden“ (Mt 5,13). Wir sehen, wie die heuchlerische Kluft zwischen Wort und Tat unsere Kirche in Verruf bringt. Erinnern wir uns an die Worte des Apostels Paulus: „Du belehrst also andere Menschen, aber dich selbst belehrst du nicht? Du predigst: Du sollst nicht stehlen! Und du stiehlst? Du sagst: Du sollst die Ehe nicht brechen! Und du brichst sie? Du verabscheust die Götzenbilder, begehst aber Tempelraub? […] Denn euretwegen wird unter den Heiden der Name Gottes gelästert, wie geschrieben steht“ (Röm 2,21-24).
Doch „das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit“ (Jes 40,8), und wir bekennen unsere Treue zu diesem Wort.
Russisches Original des Aufrufs auf: <https://telegra.ph/Hranit-vernost-Hristu-i-Evangeliyu-01-10>. Deutsche Übersetzung vom Autor dieses Beitrags.

………………………….