dia de los muertos: Das Fest der Toten in Mexiko. Ein Hinweis

Es ist heute problematisch, die Toten in Mexiko zu feiern. Tausende werden pro Jahr ermordet in einem brutalen Krieg der Banden, der Drogenbosse und der unfähigen Polizei. Journalisten sind oft die bevorzugten Opfer dieser bestialischen Mörder. Selbst katholische Priester werden erschossen, und das in einem angeblich katholischen Land. Nun wird deutlich, wie oberflächlich die religiöse Bildung ist, wenn es sie denn für die weitesten Kreise überhaupt gibt, in Mexiko, und nicht nur dort. Ein gewisser spiritueller Rettungsanker in diesem Land des Mordens ist der traditionelle Totenkult, der „Dia de los Muertos“ am 1. und 2. November. Indigene Bräuche werden mit Volksritualen des Katholizismus verbunden. Diese volkstümlichen Feiern finden immer noch viel Anklang. Es ist den Religionspsychologen überlassen, das Ausmaß des „Aberglaubens“ in diesen Volksfesten zu beschreiben. Der Theologe Alfons Vietmeier aus Mexiko-Stadt hat in einer Beitragsreihe über Mexiko für diese website auch über den „dia de los muertos“ publiziert. Wir erinnern noch mal, wegen vielfältiger Nachfragen, an das Thema … lesen Sie diesen Beitrag und klicken hier.

Buchmesse und Niederlande: Religion und Literatur in Holland. Ein Beitrag von Prof. Johan Goud

Die Buchmesse in Frankfurt am Main hat in diesem Jahr die Literatur in den Niederlanden und in Flandern gewissermaßen zum Schwerpunkt gewählt. Was Religionen und Kirchen betrifft, haben die Niederlande nicht gerade den Ruf, ausgesprochen kirchengebunden und gläubig zu sein. Statistisch gesehen gilt Holland als eines der am meisten säkularisierten Länder Europas, wenn man das denn statistisch überhaupt erfassen kann. Wer schaut schon die Seele der Menschen?  Die religiöse Frage hat sich aber in ihrer ganzen Vielfalt nur verlagert, etwa auch in die Literatur und die Poesie. Ein Beitrag der Zeitschrift PUBLIK-FORUM bietet eine gute Übersicht zur Pluralität des Religiösen in der heutigen niederländischen Literatur. Autor ist Prof. em. Johan Goud, Den Haag, Theologe, Philosoph und Pastor der Remonstranten-Kirche. Den Beitrag können Sie in PUBLIK-FORUM lesen, wenn Sie hier klicken.

Zu Publik-Forum: www.publik-forum.de

Leibniz – ein Denker für die Gegenwart? Ein religionsphilosophischer SALON zum Welttag der Philosophie

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin im November 2016 wollen wir uns auf einige wichtige Aspekte des universal gebildeten Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz kritisch einlassen. Die Veranstaltung findet am FREITAG, 18. November 2916 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf statt. Herzliche Einladung. Weitere Infos folgen.

Von Luther (fast) nichts gelernt: Zum „Reformationsgedenken“ 2016-2017

Von Luther (fast) gar nichts gelernt.

Ein Hinweis von Christian Modehn, erneut publiziert als Meditation zum Ostersonntag 2017

1983, anlässlich des 500. Geburtstages von Martin Luther, hatte ich u.a. einen Dokumentarfilm fürs ERSTE (SFB) realisiert mit dem Titel „Wir haben von Luther gelernt“. Den Titel hatte ich vorgeschlagen. Mit dem „Wir“ waren die Katholiken im allgemeinen gemeint.

Das Zweite Vatikanische Konzil war damals erst knapp 20 Jahre vergangen und es herrschte in weiten Kreisen der europäischen katholischen Theologie eine Art Aufbruchsstimmung. Die meisten waren enthusiastisch, freuten sich, dass die Messen nun (wie bei Luther) in der jeweiligen Landessprache gehalten wurden. Dabei vergaß man, dass die Texte der deutschen Messe zum Teil wortwörtlich aus dem Lateinischen übersetzt wurden und auch auf Deutsch kein größeres Verständnis weckten. Man freute sich aber, dass 300 Jahre nach der Aufklärungsphilosophie die Katholische Kirche sich bequemte, auch die Religionsfreiheit anzuerkennen. Man freute sich auch, dass sich der Papst in Zukunft etwas beraten lassen wollte. Vom wem? Von anderen Klerikern. Man freute sich, dass es Synoden in den Bistümern gab: In den Synoden durften Laien zwar mit großem Engagement endlos debattieren und einiges beschließen: Aber die Beschlüsse galten nichts, sie mussten vom Klerus, von Rom usw., genehmigt werden. Und genehmigt wurde kein Reformvorschlag, etwa zum Priesteramt der Frauen. Höchstens, dass die Kerzen zur Fronleichnamsprozession auch die Farbe gelb haben dürfen. Es wurden „Kirche von unten“ – Gruppen gebildet, die aber niemals eine anerkannte Position etwa der Mitbestimmung bekamen. Insgesamt aber gab es eine allgemeine (sich nicht selbst kritisch reflektierende) Mentalität, eine Art Glaube, dass der Katholizismus sich reformiert habe und „modern“ werde. Also auch von den reformatorischen Grundideen Luthers gelernt habe.

Ich selbst bin dieser allgemeinen euphorisch gestimmten Haltung gefolgt. Hans Küngs Bücher hatten Massenauflagen erreicht, viele Enthusiasten glaubten dummerweise, es werde alsbald einen Hans-Küng-Katholizismus geben, also einen vernünftigen, modernen, kritischen. Inzwischen hatten sich reaktionäre Kräfte im Katholizismus gesammelt, nicht nur um Erzbischof Lefèbvre, sondern auch im Opus Dei, bei den Neokatechumenalen usw., die die Traditionen lieben und alles andere als einen modernen Katholizismus wollen. An diese Kreise, die so treu klerikal sind, hält sich Rom mit großer Vorliebe. Diese Kreise haben auch Geld. … und viele junge Priester.

Zurück zu 1983: Viele enthusiastische Katholiken ließen sich in die Irre der blinden Euphorie führen. Bald merkten sie, dass Rom eben doch Rom bleibt, und der Katholizismus nur ein paar Äußerlichkeiten verändert, schweren Herzens. Denn Veränderungen sind immer auch Machtverzicht des allmächtigen Klerus.

Nur einige Beispiele, die zeigen: „Wir (Katholiken) haben von Luther nichts gelernt und wollen es auch nicht“. Wobei sich das Lernen von Luther auch auf die von ihm inspirierte Kirche bezieht.

Die Liste ist lang und wird hier nur unvollständig präsentiert:

– Die Zölibatsverpflichtung für Priester besteht trotz der richtigen Erkenntnisse Luthers nach wie vor im Katholizismus.

– Die (Männer) Orden (Luther war Augustiner) haben ihre alte klerikale Struktur ungebrochen bewahrt. Deswegen sind sie in Europa heute so wenig einladend für junge Leute, dass die Orden und Klöster bald verschwinden.

– Die oberste Entscheidung in der Kirche liegt nach wie vor ALLEIN beim Papst und beim Klerus. Es gibt keine synodale Struktur, wenigstens Ansätze für eine synodale demokratische Struktur im Katholizismus. Alle Synoden, an denen auch einige wenige zuverlässige Laien teilnehmen dürfen, gewähren diesen kein Stimmrecht.

– Laien sind immer noch das gehorsame Fußvolk, das dem Klerus folgen soll. Manche freuen sich, großartige Rebellen zu sein, weil es als konfessionsverschiedenes Ehepaar eben bei einem unbekannten Priester die Kommunion empfängt…

– Es gibt immer im Jahr 2016 bei Papst Franziskus, dem „Progressiven?“ die Praxis und Theologie des Ablasses.

– Es wird immer noch eine Heiligenverehrung gefördert, die magische Elemente wie zu Zeiten Luthers hat: Etwa die Verehrung von Knochen(resten) angeblich heiliger Menschen. Man nennt das Reliquienkulte, wie kürzlich noch im Petersdom, als die Knochen des heiligen Scharlatans Padre Pio zur Verehrung ausgestellt wurden.

– Es wird katholischerseits immer noch geglaubt, die Heiligen im Himmel seien Fürsprecher für uns hier auf Erden. Diesem (Aber) Glauben kann man ja folgen, aber was ist dann noch der Unterschied zur Esoterik, die die Katholische Kirche bekanntlich verdammt.

– Mit der freien theologischen Forschung hapert es immer noch: Theologen etwa an staatlichen Universitäten in Deutschland, finanziert von Steuergeldern, werden nur mit Zustimmung der Bischöfe berufen. Was wäre, wenn Politologen an der Universität vom Außenministerium berufen würden usw.

– Das Papsttum tritt immer noch in dieser doppelten Gestalt auf. Einerseits geistliches Oberhaupt; andererseits Staatschef des Staates Vatikan, mit allen diplomatischen Rechten und Privilegien. Der Nuntius ist der Kontrolleur des Papstes in den Staaten. Der Staat Vatikan hat seine Banken, seine Mafia usw. Alles das ist endlich etwas bekannter geworden. Was ist der Unterschied zum Rom, das Luther kannte? Wer stellt diese Frage?

– Laien haben keinerlei Mitentscheidungsrecht für die sie unmittelbar bewegenden Fragen, etwa die heute übliche und rasante Zusammenlegung von Pfarreien aufgrund des Priestermangels. Geld genug ist ja in Deutschland bekanntlich bei den Milliarden-Etats da. Nur weil zölibatäre Priester fehlen, werden Pfarreien zusammengelegt. Der Klerus bestimmt allein. Und Laien müssen auf gewisse pastorale Nähe und Dienste verzichten, falls denn Priester überhaupt noch als Seelsorger angesprochen werden können. Diese Zusammenlegung von Pfarrgemeinden einzig und allein deswegen, weil es so wenige zölibatäre Priester gibt, ist wohl einer der größten katholischen Skandale heute überhaupt. Denn nicht im entferntesten wird daran gedacht, Laien die Verantwortung für die Sonntagsgottesdienste und die Sonntagsmesse zu geben. So würden alle Gemeinden lebendig bleiben und Nähe und Nachbarschaft bestände weiter. Wenn der Klerus vom „allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“ noch gelegentlich spricht, dann sind das leere Worte, die keine praktische Bedeutung haben.

Ich breche hier die Liste der Beispiele ab, die zeigen, dass der Katholizismus bis heute tatsächlich und nachweisbar fast nichts von Luther gelernt hat.

Mir tut es im nach hinein leid, dass ich mit dem Filmtitel von 1983 aus heutiger Sicht eine falsche Fährte gelegt habe. Heute müsste man einen Film mit dem Titel machen: „Wir haben von Luthers praktisch gar nichts gelernt“. Und der Klerus will es auch nicht, müsste man treffender weise dazusetzen. Das heißt ja nicht, dass es da und dort einige vernünftige Kleriker gibt, die das System durchschauen und Änderungen. Aber sie haben keinen Mut, dies öffentlich zu sagen!

Das gilt, trotz aller öffentlichen Ökumene, all der Begegnungen und Dispute, die alle das Ergebnis haben: „Noch ist die Zeit nicht reif für eine Kircheneinheit oder einer Einheit in Verschiedenheit“. Immer wieder ist zu hören: „Wir müssen weiter beten“. Die Frage. Wie lange darf man beten, wenn sich trotz heftigen (?) Betens keine Ergebnisse zeigen?

Aber kann Luther umfassender Lehrmeister der Ökumene“ heute sein? Das ist die andere Seite des Themas. Er kann es sicher nicht im umfassenden Sinne sein. Zu viele „Schattenseiten“ und Denk-Fehler Luthers sind mittlerweile allgemeines Wissen geworden: Etwa Luthers (damals sicher weithin übliche) Form der Verachtung der Juden; vor allem Luthers Ablehnung der positiven Leistungen der Philosophie; damit zusammenhängend: Seine Zurückweisung des Humanismus. Sowie, sicher zentral, sein Fixiertsein auf einzelne Traditionen, etwa im Neuen Testament: Da besonders auf den Paulus des Römerbriefes und Galaterbriefes. Mit den verheerenden Konsequenzen, die zur unsinnigen und noch immer gültigen Opfertheologie führten („Gott lässt seinen Sohn Christus sich abschlachten für die Rettung der Welt“) und auch die nicht akzeptablen Ansätze der Prädestinationslehre, die dann von Calvin noch ins Extreme gefasst wurde.

Also, so furchtbar Vieles gibt es nun von Luther (und Calvin) auch nicht zu lernen, nicht nur für Katholiken, sondern für alle spirituell interessierten Menschen. Und es verwundert, aus der philosophischen und christlich – humanistischen Ecke betrachtet, die die unsere ist, mit welcher Bravour dann doch noch ab dem 31. 10. 2016 ein Jahr lang eben Luther in allen nur denkbaren Variationen gefeiert werden soll.

Das ist die entscheidende Frage: Wird es aus der Kraft dieser so intensiven (und teuren) Formen des Erinnerns eine dringend erforderliche neue Reformation geben, eine solche, die die Menschheit heute tatsächliche und wirksame Schritte tun lässt zur Beendigung des Mordens in den Kriegen weltweit, zur Einschränkung des Waffenhandels, zur Beendigung eines blind – wütenden totalen und kaum noch zu kontrollierenden Kapitalismus? Vor allem: Wird man mit Luther und der neuen Reformation auch den Wahn des neuen Nationalismus beseitigen können? Wird es eine Gesellschaft geben, die den anderen, den Fremden, voll respektiert und schätzt? Werden das die Kirchen etwa in Deutschland leisten können, diese kreative Leistung vollbringen, die Mut erfordert, in den Auseinandersetzungen mit den Regierungen standfest zu bleiben und nicht weich zu werden angesichts der vielen Privilegien, die diese deutsche Gesetzgebung immer noch finanziell den Kirchen bietet?

Die wichtigste neue Reformation ab 31.10 2016 wäre wohl das mutige Beiseitelegen vieler dogmatischer Traditionen, die nur noch als Last des Vergangen mitgeschleppt werden, an die aber kein vernünftiger Christ mehr sich halten will: Von der Opfertheologie war die Rede, sie versteht kein Mensch mehr, der ein irgendwie vernünftiges Gottesbild hat; von der Zurückweisung der alten Erbsündelehre müsste die Rede sein; von dem Credo, das immer noch so viele unverständliche Floskeln enthält, etwa „der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus“, und dieser „sei gezeugt, aber nicht geschaffen“ usw…Kurz und gut: Die neue Reformation wäre theologisch gesehen eine Übernahme zentraler Erkenntnisse der liberalen Theologie. Aber darauf zu hoffen, dass diese Leistung geschieht, diese Reduzierung der Berges von uralten und veraltetem Dogmen-Wissens auf eine einfache (jesuanische) Weisheit: Darauf hoffen wohl nur sehr wenige (liberale) Theologen und Religionsphilosophen.

Nachtrag am 26. 11. 2016: Wie es mit der Unmöglichkeit für grundlegende Reformen in der römischen Kirche, selbst unter Papst Franziskus, aussieht, dokumentiert Julius Müller-Meiningen in „Christ und Welt“ vom 24. 11. 2016 auf Seite 2. Nur ein zentrales Zitat, das eigentlich auch im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 wenig Hoffnungen macht auf größere katholische Reformen: „Die Kritiker des Papstes Franziskus haben schon längst ein Ziel erreicht: Sie haben seinen Spieraum begrenzt. Innerkirchlich dreht sich die Diskussion auch drei Jahre nach der ersten Vatikan-Umfrage zum Thema Ehe und Familie immer noch um die Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten…“  „Dogmatische Verbissenheit alter Kardinäle“, „rigide Engstirnigkeit im Vatikan“, „Leben der Kleriker dort wie auf einem anderen Planeten“: Diese Worte hört man, wenn man sich unter „Vatikanologen“, also journalistischen Vatikan-Spezialisten, umhört. Nello Scavo, Journalist bei der katholischen Tageszeitung Avvenire, hat 2015 in Italien (Edizione Piemme Spa, Milano) ein Buch publiziert, das 2016 in Paris (im katholischen Verlag Bayard) unter dem Titel „Les ennemis du Pape. Ceux qui veulent le reduire au silence. Ceux qui veukent le discrediter. Ceux qui veulent sa mort“, auf Deutsch: „Die Feinde des Papstes. Die ihn zum Schweigen bringen wollen. Die ihn diskreditieren wollen. Die seinen Tod wollen“. Auf Seite 376 nennt Nello Scavo den us-amerikanischen Kardinal Raymond Leo Burke mit den drohenden Worten:“Ich werde dem Papst widerstehen im Fall der Öffnung zugunsten der Wiederverheiratet-Geschiedenen und der Gays. Ich kann gar nicht anders handeln“. Und der reaktionäre Kardinal Burke hat jetzt, im November 2016, gehandelt. Zusammen mit den greisen Kardinälen Meisner und Brandmüller hat er die rechte katholische Lehre des päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ öffentlich in Zweifel gezogen. Wird Papst Franziskus allmählich von einigen seiner Kardinäle zum Ketzer erklärt?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Stille und Spiritualität Erfahrungen in leeren Kirchen. Eine Ra­dio­sen­dung.

Stille und Spiritualität: Erfahrungen in leeren Kirchen
Von Christian Modehn

Die Sendung lief auf NDR Kultur am Sonntag, dem 02. Oktober 2016, von 08:40 bis 09:00 Uhr.

Zum Hintergrund: Der Besuch leerer Kirchen, also außerhalb der Gottesdienst-Zeiten, hat seinen eigenen Reiz. Nicht nur, um unser Interesse an Kunst und Architektur zu befriedigen. Das stille Verweilen in Kirchen „ohne viel Betrieb“ kann eine Form der inneren Sammlung werden. Gerade in den Dörfern, etwa Brandenburgs und Mecklenburgs, sind bis in den Herbst viele alte kleine Dorfkirchen auch während der Woche geöffnet. Sie sind oft der einzige „Schmuck“ in den Dörfern, die oft verlassen wirken, wenn nicht gelegentlich wie ausgestorben. Wegen der Kirchen machen die durchfahrenden Reisenden öfter mal einen „Kirchen-stopp“. Der spirituelle Geist kann in den renovierten, oft auch nur „halb-fertigen“ Kirchen geweckt werden. Darauf macht der Text aufmerksam, die Sendung ist über den NDR Glaubenssachen auch noch zu hören. Für Philosophen und Theologen stellt sich die Frage: Werden diese ruhigen Räume, diese Orte von Religion, Geschichte, Kultur und Politik (man denke an die Verwüstungen in Kriegen, an die Nazi-Zeit, an die Vernachlässigung vieler Kirchbauten in der DDR-Zeit usw.) heute umfassend genutzt? Als Orte dann nicht nur der privaten Stille, sondern auch der angeleiteten Meditation, des Gesprächs, der Initiativen, der interreligiösen Begegnung, der philosophischen Debatte? Die entscheidende Frage ist: Hat die Kirche etwas daraus gelernt, dass sich in den gelegentlichen Sonntagsgottesdiensten in den Dorfkirchen um 10 Uhr sonntags (oder manchmal um 14 Uhr) nur höchstens 10 Personen versammeln? Wie können neue religiöse Feiern in alten Kirchen so gestaltet werden, dass die Menschen, auch die Atheisten, gerne mitfeiern, mitdenken, mitsprechen? Diese Frage ist meines Erachtens bis jetzt weithin ohne Antwort. Die Kirchen „fahren“ (oder besser „humpeln“ ?) lieber auf den uralten Gleisen alter Liturgien weiter, Neues macht Arbeit. Das Ergebnis dieser altgewohnten Veranstaltungen ist ihnen offenbar egal. Irgendeiner wird dann in 10 Jahren auch in den renovierten Dorfkirchen das Licht ausmachen. Und was ist dann?   Christian Modehn

Der Pressetext als Hinweis auf die Sendung:

Bei jedem Wind und Wetter sind sie spannungsgeladene Räume: Kirchen, Kathedralen und Kapellen. Sie inspirieren auch außerhalb der Gottesdienste, wenn man allein in ihnen verweilt, still sitzt oder andächtig umhergeht. Man nimmt die Vielfalt der Bilder oder die Pracht der Fenster intensiv wahr. In der schlichten Dorfkirche genauso wie in einem gotischen Dom. Diese Räume sprechen in der Stille, aber geben keine definitiven Antworten. Sie stellen Fragen, weisen ins Weite, öffnen den Geist.

 

 

Das Böse in der Welt und der allmächtige, gütige Gott: Pierre Bayles Fragen.

Ein Hinweis anläßlich des Geburtstages von Pierre Bayle am 18. November 1647 (gestorben am 28.12.1706)

Von Christian Modehn

Pierre Bayles Buch „Dictionnaire philosophique“ war eines der am meisten gelesenen Bücher im 18. Jahrhundert. Viele Philosophen der Aufklärung haben dort ihre eigenen Ideen und Vorstellungen entdeckt bzw. vertiefen können.

Eines der Hauptthemen von Pierre Bayle als Philosoph ist die Frage nach dem Bösen in der Welt. Sein Dictionnaire befasst sich ausführlich mit dem Thema. Es geht um die unbestreitbare Aussage: Das Böse, auch das moralisch Böse, existiert in der Welt; daran gibt es keinen Zweifel. Wenn man diese Erkenntnis innerhalb der christlichen Religion mit der göttlichen Wirklichkeit als Schöpfergott verbindet, kommt man zu den für Gott notwendigen Prädikaten: Gott ist gütig. Und. Gott ist allmächtig. Diese beiden notwendigerweise göttlichen Eigenschaften lassen sich aber nicht gleichzeitig widerspruchsfrei denken bezogen auf das Böse. Wäre Gott allmächtig, hätte er das Böse nicht zugelassen, selbst wenn man den Ursprung des Bösen in der Freiheit des Menschen sieht: Warum hat der allmächtige Gott dann die Freiheit als Bedingung des Bösen zugelassen, also auch geschaffen? Will Gott vielleicht nur seine Allmacht (der Erlösung dann) demonstrieren, wenn er die sündigen Menschen dann doch wieder retten will? Und wo bleibt die Güte in einer Welt des Bösen? Der vollständig gütige Gott könnte nicht mehr auch der gerechte Gott, weil er auch die Bösen gütig (also ungerecht) behandeln würde. Und auf seine Allmacht verzichtet, Böse zu bestrafen.

Pierre Bayle zeigt, wie die Vernunft angesichts der Gottesfrage nicht weiterkommt.

Manche Interpreten meinen: Bayle wollte so den Glauben, als blinden, unvernünftigen Sprung in den Glauben, rechtfertigen. Dabei ist bekannt, dass Bayle selbst als Calvinist nicht allzu viele religiöse persönliche Leidenschaften hatte.

Andere, wie die Bayle Interpretin Elisabeth Labrousse, plädieren für eine skeptische Deutung: Bayle wollte zeigen, dass Menschen wichtige religiöse Fragen gar nicht erkennen können. Er wollte für Bescheidenheit und Toleranz eintreten.

Bayle war (und ist) ein viel beachteter Philosoph (er war auch Theologe). Königin Sophie Charlotte in Berlin schätzte ihn und besuchte ihn, den protestantischen Flüchtling aus Frankreich, sogar in Rotterdam; Leibniz sah in ihm wohl einen der entscheidenden, anregenden Gegner. Im Schloß Charlottenburg zu Berlin diskutierte er mit König Sophie Charlotte über Bayle … das waren noch Zeiten …

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

Böse Diktatoren und grausame Herrscher: Zur Aktualität des Schriftstellers de Sade.

Hinweise zum „Marquis de Sade“

Von Christian Modehn

Haben die grausamen und bösen Herrscher heute, die sich Politiker nennen und als solche auch in der internationalen Gemeinschaft behandelt werden, haben diese Herren also de Sade gelesen? Wahrscheinlich nicht. Aber sie handeln wie der Marquis aus dem 18. Jahrhundert: Er hat offenbar in seinen Texten seelische Dimensionen freigelegt, die nicht nur ihn allein betreffen, sondern eben auch andere Menschen, Herrscher, Übermenschen, Halbgötter. Angesichts der bestialischen Brutalität so vieler, etwa in Syrien jetzt, in Yemen, im Südsudan oder am Kongo usw., von der indirekten Grausamkeit der Waffenproduzenten usw. ganz zu schweigen, ist eine Reflexion auf die (viel beachtete) Schriftstellerei des Marquis de Sade vielleicht hilfreich. Denn Hintergrund seiner grausamen Lebenspraxis und „Philosophie“ ist die Erfahrung der total bösen Welt bzw. Natur und dem entsprechend: die Erfahrung eines Gottes, der selbst grausam ist. Und was tun solche Menschen, die solches erleben und meinen erkannt zu haben, etwa als Herrscher und Dikatoren: Sie folgen eben dieser bösen Natur, diesem bösen Gott, diesem göttlichen Bösen … und gerieren sich selbst grausam. Wie Diktatoren und gewalttätige Herrscher das göttlich empfundene Böse verehren, wäre ein eigenes Thema.

Aufgrund zahlreicher Diskussionen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin wird hier noch einmal ein Text über de Sade vorgestellt und zur Diskussion empfohlen, verfasst Ende 2014.

Vor 200 Jahren, am 2. Dezember 1814, ist der Marquis Donatien Alphonse François de Sade im Alter von 74 Jahren im Hospiz zu Charenton gestorben.

Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ ein Anlass, an den sich Philosophen nennenden Schriftsteller und sein umfangreiches Werk zu erinnern: „Sein Angriff auf Gott übertrifft an Unerbittlichkeit alles Dagewesene“, so die Philosophin Susan Neiman in ihrem Buch „Das Böse denken“ (Suhrkamp Verlag, 2006, Seite 286). De Sades Werk (und sein Leben) können – wenn man denn sehr starke Nerven hat – Einsichten gewähren in die widerwärtigsten Aspekte und Abgründe der menschlichen Existenz. „Sade wollte, dass seine Leser (durch die geschilderte Flut von Schreckensbildern,CM) leiden“ (S. 259). „Für diesen Philosophen haben sogar deskriptive Schilderungen normative Kraft“ (S. 262). Und diese Beschreibungen sind fast immer ausführliche Darstellungen von Qualen und Leiden, die Herrenmenschen, Männer, gelegentlich auch Frauen (Juliette usw) unschuldigen Opfern der eigenen Lust wegen antun. De Sade kennt absolut kein Mitleid, keine Empathie; die Protagonisten seiner umfangreichen Texte töten und zerfleischen z.B. ihre eigenen Kinder, aus dem einzigen Grund, „ihre Orgasmen zu steigern“, betont Susan Neiman (ebd.).

Interessant und weiter zu diskutieren ist ein Hinweis zur aktuellen Bedeutung des „Philosophen“, den jetzt der de Sade Biograph, der Historiker Prof. Volker Reinhardt mitteilt: „Mit dem Grauen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und der stalinistischen Gulags … gewannen die de Sadeschen Visionen einer entmenschlichten Welt unheilvolle Aktualität. Ähnlichkeiten zwischen den Folterschlössern seiner Romane und den Vernichtungslagern der SS traten im Licht der historischen Erfahrung gespenstisch hervor. In Auschwitz wie in Silling (einem der Lust-Folterorte de Sades, CM) galt das Töten wehrloser Opfer als verdienstvolle Tat, der ein höherer Befehl zugrunde lag. Für die „Libertins“ (also jene sich absolut frei=unverantwortlich  fühlenden „Philosophen“ des 18. Jahrhunderts CM) in den Werken de Sades war es der Wille der Natur, der die Schwachen ausgelöscht sehen wollte“ (Volker Reinhardt, De Sade. C.H. Beck Verlag München 2014, S 414f).

„Die Natur“ deutet de Sade als System allgemeiner Unordnung, Brutalität und Ungerechtigkeit. Es gibt für ihn keinen göttlichen Plan im Ganzen der Welt. Die einst religiös verklärte „Vorsehung“ (also das Gelenktsein der Welt durch einen guten Gott auch in allen Schicksalsschlägen) wird nun „barbarisch“ (siehe S. Neiman, S. 275) genannt. In einer solchen sinnlosen wie grausamen Welt/Natur, meint de Sade, sei es für den gebildeten Menschen nur konsequent, dieser Natur eben zu entsprechen und also seinerseits grausam zu leben und zu handeln. Brutalsein heißt also nur Natürlichsein in dieser oberflächlichen „Philosophie“. In einer eigentlich bösen Schöpfung ist es sozusagen das Beste, wenn der Mensch böse handelt. Dass dabei nur die Wahnvorstellungen einer kleinen Clique von absoluten Herrschern und Herrenmenschen bedient werden, kann de Sade nicht wahrnehmen. Mir scheint, er kann seinen eigenen hermeneutischen Standpunkt nicht reflektieren; das ist ein entscheidender Mangel für einen, der sich Philosoph nennt.

Georges Minois fasst in seiner umfangreichen Studie „Geschichte des Atheismus“ (Weimar 2000, S. 443) dieses besondere Profil des Schriftstellers de Sade zusammen: „Das Abgleiten zur Moral des Übermenschen ist hier offenkundig, jedoch mit jenem =sadistischen= Akzent, bei dem das individuelle Glück im Unglück der anderen besteht. Der Mensch, der mit der Natur im Einlang lebt, ist der böse Mensch. Es ist die Natur, die die Verbrecher hervorbringt“.

Wenn man aber noch –traditionsbedingt – die Natur/Welt für eine Schöpfung Gottes hält, dann muss man – so de Sade – selbst Gott für eine „ungebrochen bösartige Macht“ (so die Interpretation von Susan Neiman) halten. De Sade schreibt: Ein solches göttliches Wesen muss „äußerst rachsüchtig, barbarisch, ungerecht und grausam sein … grausamer noch als jeder Sterbliche (Zit. von Susan Neimann, S. 283). Der Gott de Sades ist ein grausamer Gott. De Sade lässt über seinen Protagonisten Saint Fonds den Gott sagen: „Hat euch das immer wiederkehrende Unheil, mit dem Ich das Universum überflute, nicht davon überzeugt, dass ich einzig Aufruhr und Chaos liebe und ihr mir nacheifern müsst, um mir zu gefallen“ (zit in S. Neiman, S. 285).

Der „Philosoph“ de Sade lehnt Gott total ab, ist aber doch bereit, diesem grausamen sozusagen „atheistisch fromm“ zu entsprechen: Indem er – in seiner Praxis und schlimmer noch in seinen unerträglichen Texten – selbst grausam wird.

Wenn sich die Frage nach der Geltung von Tugenden und ethisch gutem Leben stellt, so bietet de Sade eine – es sei erlaubt dies zu sagen – eine postmoderne Antwort: „Tugend und Laster sind einzig eine Frage der Sitten und Gebräuche eines Landes, nichts anderes“ (interpretiert Susan Neiman diese Überzeugung de Sades, S. 279). Noch einmal: „Tugend und Laster sind lediglich eine Sache der Meinung und der Geographie“ (S. 278). Bei dieser total gewollten und behaupteten (!) Relativität gibt es also keinen verpflichtenden Grund, selbst tugendhaft zu sein, im Gegenteil: Bei dem bösen Gott und der ohnehin grausamen Natur soll der Herrenmensch bitte schön seinerseits grausam sein. Das ist seine wahre Tugend. „Juliette (die grausame Protagonistin eines der berühmten Romane) vergottet die Sünde“ (S. 282).

Dass die Welt insgesamt von Grausamkeit geprägt ist, bedarf keiner Verdeutlichung, wenn es um eine bloße Phänomenbeschreibung geht. Bei de Sade kommt eine neue Dimension hinzu: Die letztlich totale Zerstörung selbst wird als Projekt und als Ziel behauptet. Und in der grausamen Zerstörung wollen bestimmte Herrenmenschen noch ihre letzte Lust erleben. Und dieser Aspekt interessiert die Menschen. „Wie jedem großem Verbrecher gelingt es de Sade, uns durch sein Werk zu faszinieren, und es sieht nicht so aus, als würde es an Anziehungskraft verlieren“ (S. 286).

Interessant ist, dass die Philosophin Susan Neiman de Sade mutig einen „großen Verbrecher“ nennt. Dem stimmen einige französische Schriftsteller und Künstler überhaupt nicht zu. Volker Reinhardt skizziert im Schlusskapitel seiner genannten, umfangreichen Studie von 2014 einen breiten Strom von französischen Autoren (Nietzsche kannte den Marquis offenbar nicht. Volker Reinhardt weist auf durchaus inhaltlich ähnliche Perspektiven hin).

Diese französischen Schriftsteller gehören, voller Wohlwollen und Sympathie für den Marquis, zur positiven Wirkungsgeschichte des „großen Verbrechers“ (Neiman). Allein die Tatsache erweckt schon Erstaunen, dass die Werke de Sades in der berühmten „Bibiothèque de la Pléiade“ (im durchaus „berühmten“ und hochangesehenen Verlag Gallimard, Paris) vorliegt, sozusagen neben den Werken von André Malraux und Milan Kundera steht. Darf man fragen, ob dorthin de Sade gehört? Aber etliche große Autoren wie Baudelaire, Apollinaire, Bréton usw. haben de Sade als Helden der Freiheit und Emanzipation gefeiert und von dem „guten Menschen de Sade“ allen Ernstes gesprochen. Selbst Albert Camus, sonst kritisch gegenüber Gewaltideologien wie dem Stalinismus, wollte de Sade „Ehre erweisen“. Viele die sich mit diesem gewalttätigen „Philosophen“ befasst haben, sagt Volker Reinhardt (S. 392) „haben seine (de Sades) Sprache und Ideen entschärft, indem sie ihn für ihre eigenen Vorstellungswelten und Theorien vereinnahmt haben“ Reinhardt spricht sicher zu Recht bei diesen von Sympathien für de Sade dahinschmelzenden Autoren von „selektiver Lektüre und der „Kunst des zielgerichteten Weglassens“ (ebd.).

Der Historiker Volker Reinhardt hat zweifelsfrei recht, wenn er nicht als Moralapostel auftritt, sondern den Menschen de Sade und sein Werk verstehen will. Sicher sind die entsetzlichen Dimensionen, die er beschreibt, doch Teil der menschlichen Psyche. Und wer verstehen will, muss auch die historischen Umstände seiner Zeit, auch der früheren Zeit der Kirche, verstehen: Haben wir vergessen, wie der Dominikanermönch Las Casas voller Abscheu die Morde an den „Indianern“ durch die spanischen Eroberer, allesamt strenge Katholiken, beschreibt? Haben wir vergessen, wie die Opfer der Inquisition nach langem Foltern auf den Scheiterhaufen verbrannt wurden? Über erotische Empfindungen der Henker ist dabei kaum die Rede. Dies ist der Unterschied zu de Sade. Er erlebte einen Staat und eine Kirche, die voller Lüge und voller Gewalt waren. Beides hat der heranwachsende junge de Sade gesehen und gern übernommen.

Der Marquis wuchs in einer Region auf, die weitgehend noch zum Herrschaftsgebiet des Papstes gehörte, es handelte sich um das „Comtat Venaissin“, das nach dem Sieg über die ketzerischen Katharer (Albigenser, die „Reinen“) im 13. Jahrhundert dem römischen Oberhaupt zufallen war. Wie die Katharer, so Reinhardt, meinte de Sade, noch gegen die Diktatur des offiziellen Christentums, der Kirche, vorgehen zu müssen.

Der kleine Marquis Donatien Alphonse François de Sade (geboren am 2. Juni 1740) wurde vor allem von seinem Onkel, dem Weltpriester Abbé Jacques Francois de Sade, erzogen, dieser war, wie Reinhardt schreibt, „den fleischlichen Genüssen überaus zugetan“. In seinen ersten literarischen Texten verarbeitet der junge Marquis seine Erfahrungen mit dem auf Lust und Pfründen bedachten Klerus; de Sade zeigt sich, so Reinhardt, „als konsequenter Gegner des Christentums, das er als Betrug im Dienste der Mächtigen demaskieren will“ (S. 47). „Der Klerus ist für den Marquis eine gigantische Hilfstruppe der Despoten zur Verdummung und Ausbeutung der Masse, die es ihren Blutsaugern durch ihren stumpfen Abergauben nur zu leicht macht (ebd).

Die „Wurzeln“ für die spätere radikale Gottesleugnung des Marquis wurden also in praktischen Erfahrungen in der Jugend schon gelegt. „Bruder Raffael etwa, der einflussreichste unter den mörderischen Mönchen des Horror Klosters Saite Marie des Bois genießt die besondere Gunst des Papstes, damit ähnelt der Mönch von ferne dem Abbé de Sade…“(S. 49).

Später studierte der junge Marquis im hoch angesehenen und sehr teuren Jesuitenkolleg Louis le Grand in Paris, dort wurde er in die Welt des Theaters eingeführt und erlebte zum ersten Mal die Qualen christlicher Blutzeugen, der Märtyrer, aber auf der Bühne. Kaum verheiratet, in einer arrangierten Ehe, kümmert sich der Marquis um „Lust-Stützpunkte“ (S. 76) in Versailles und anderswo, wo er seine Damen zwingen will, heilige Gegenstände, Kreuze usw. zu entehren. Wenn die gekauften Damen sich weigerten, vollzog er selbst allein die Profanierungen (78). Er hatte eine tiefe „Wut darüber, (religiös) in die Irre geführt und mit der falschen Religion abgespeist worden zu sein. Damit protestierte der Marquis gegen eine Gesellschaft, die sich mit dem wirkungslosen, bedeutungslosen Gott eingerichtet hatte, sein Atheismus war auch eine „Rebellion gegen die Gesellschaft“ S. 79). Diese verlogene Gesellschaft hindert den Marquis daran, so meinte er, seine eigenen sexuellen Gelüste umfassend ungestört auszuleben.

Zur weiteren Biographie verweisen wir gern auf das Buch von Volker Reinhardt, dabei wird deutlich, wie stark der Marquis einerseits von Lügen lebte, etwa auch im Umfeld der Französischen Revolution in Paris. Er selbst wollte unbedingt durch Lügen sein eigenes Leben schützen. Den Nihilismus, den er gegenüber seinen Opfern anwandte, galt nicht für ihn selbst. Der nihilistische Denker wollte sehr gern gut leben. Das Leben war ihm doch ein positiver Wert…

Jedenfalls erobert sich de Sade seine absolute Herrschaft über die dann nur als Dinge, als Gegenstände, verstandenen Menschen.

Eine von vielen Fragen zu de Sade bleibt weiter offen: War er psychisch krank und wenn ja, was wahrscheinlich ist, wie bestimmt war die seelische Krankheit.

Fest steht: Das Leiden der sexuellen Opfer wurde von de Sade als Lustmaximierung erlebt (S. 39). Reinhardt spricht auch von einem „völligen Mangel an Empathie“ (S. 81). „De Sade nahm mit seiner üblichen Gleichgültigkeit für das Leiden der anderen den gesundheitlichen Ruin und sogar den Tod seiner Lustobjekte in Kauf“ (S. 121). Hatte sein Gehirn vielleicht bestimmte physische Schäden, aufgrund derer er sozusagen von einer moralischen Verantwortung entlastet werden könnte?

Wie weit kann das Ausleben der Lust gehen: Das ist die Kernfrage der Texte de Sades. Hintergrund für diese (kranke) Lebenspraxis ist die Überzeugung: Der Mensch ist nur Materie, sonst nichts (S. 180). Eine Überzeugung, die man auch heute oft hört. Diese Natur zwingt förmlich bestimmte Menschen dazu, Laster zu haben. Dies ist das Glaubensbekenntnis des Herrn de Sade. „Der Mensch ist ein zum Egoismus verdammtes Triebwesen“ (S. 278).

Soll dieser Egoist nur aufpassen, dass er nicht von anderen Egoisten erschlagen wird, um es einmal in einer schlichten utilitaristischen „Ethik“ zu sagen. Dass de Sades Denken auch heute nicht von gestern ist, haben diese knappen Hinweise sicher gezeigt. Über die aktuelle Gewalt in der Welt, den Städten, könnte durchaus einmal im Zusammenhang mit de Sade gesprochen werden. Warum hat P.P. Pasolini 1975 den Film „Die 120 Tage von Sodom“ realisiert? Was spürte er, wie stark war sein Wissen, dass die von de Sade beschriebene Grausamkeit heute lebt? Wie außergewöhnlich und „einmalig“ ist die von de Sade beschriebene Grausamkeit? Braucht „man“ die Schilderungen solcher Monstrositäten, um an die eigenen Möglichkeiten der eigenen Verirrung erinnert zu werden? Haben diese bestialischen Schilderungen de Sades als Schilderungen dann einen gewissen Charakter der „Reinigung“? Sind etwa Menschen, die de Sade gelesen haben, dadurch bessere Menschen geworden? Darüber wurde bisher nicht berichtet.

Die Bücher von Volker Reinhardt und Susan Neiman liegen zur weiteren Diskussion vor. Über den radikalen Atheismus des Marquis wäre noch ausführlicher zu sprechen. „De Sade und die Gottesfrage heute“ wäre ein Thema auch für (christliche) Akademien. Die Frage ist: Wie kann Gott als gut bezeichnet werden in einer Welt der Grausamkeit (auch heute)? Ist Gott nun gut oder grausam? Ist er beides? Oder sind es zwei Götter? Ist die Frage nach Gott in dem Zusammenhang vielleicht gar abwegig? Aber: Diese Frage bewegt die Menschen seit Urzeiten. Sie könnte doch wieder einmal gestellt werden, ohne dogmatische Scheuklappen oder vorgegebene Katechismuswahrheiten.

In unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ werden wir diese Frage aufgreifen.

Copyright: Christian Modehn Berlin, Religionsphilosophischer Salon Berlin