„Beichtväter“ plaudern: Ein Skandal zur Schweigepflicht der Priester.

Das absolut geltende Beichtgeheimnis wird „ein bisschen“ gebrochen
Die Neuerscheinung „Je vous pardonne tous vos péchés“ von Vincent Mongaillard

Ein Hinweis von Christian Modehn am 13.3.2021. Am Ende dieses Beitrages siehe auch eine von vielen Stellungnahmen in Frankreich.

1.
Ein Skandal: 40 katholische Priester in Frankreich berichten jetzt vom Inhalt der Beichten, die sie von Frommen und weniger Frommen „gehört“ haben. Und diese Plaudereien sind so umfassend, dass sich daraus ein Buch von 480 Seiten machen ließ, das sehr preiswert für 14,90 € im Verlag „Edition de l Opportun“ (Paris) am 12.März 2021 veröffentlicht wurde, also im „Verlag des Günstigen“, der seinen interessanten Untertitel auf der Website mitteilt: „Découvrir, rire et surprendre“, also “Entdecken, Lachen, Überraschen bzw. Überrumpeln“. Ein Verlag, der durchaus seriös ist, auch wenn er in der intellektuellen Szene nicht so bekannt ist; zum Verlag gehört auch der auf Studenten spezialisierte Verlag „L Etudiant éditions“.

2.
Zum Lachen (rire) ist das Buch für die Katholiken und ihre Bischöfe und Theologen ganz und gar nicht. Denn es ist das Dokument eines ungeheuerlichen Tabubruches: Erst im Juli 2019 hatte Papst Franziskus eindringlichst gelehrt: „Das Beichtgeheimnis betrifft das Wesen der Kirche und des Christentums. Das Beichtgeheimnis muss durch den Priester absolut bewahrt werden“. Auch der offizielle Katechismus von 1993 betont im § 1467, „dass jeder Priester unter strengsten Strafen verpflichtet ist, über die Sünden, die seine Pönitenten ihm gebeichtet haben, Stillschweigen zu wahren…Dieses Beichtgeheimnis lässt keine Ausnahmen zu…“

3.
40 Priester haben sich jetzt diese Ausnahme erlaubt: Sie sprechen von den Sünden ihrer Pönitenten (Beichtenden), aber sie nennen keine Namen, die Priester wie die Beichtenden bleiben im Nebel des Anonymen. So entsteht trotzdem ein soziologisch interessantes Bild: Welche Sünden heute und in den letzten Jahren im Beichtstuhl einem Priester anvertraut wurden.

4.
Aber so 100 prozentig anonym sind dann doch die Berichte der Priester nicht: Die katholische Tageszeitung La Croix weist etwa darauf hin, dass auch Namen von Städten genannt werden, auch die Namen von weiteren Orten, „so dass gewisse Leute sich wiedererkennen oder erkannt werden“. Einer der plaudernden Priester berichtet etwa von Beichten, die er „gehört“ hat, bei großen Pfadfindertreffen im Wallfahrtsort Paray-le-Monial. Die Pfadfinder werden wohl in Zukunft nicht mehr so begeistert ihre Pfade zu einem Beichtstuhl finden…

5.
Das Buch von Vincent Mongaillard ist systematisch gegliedert, je nach der „Natur“, d.h. der Schwere und Bedeutung der Sünde. Der Autor ist als Journalist auf religiöse Themen spezialisiert in der eher populären Tageszeitung „Le Parisien“ (Auflage 2020 ca. 180.000 Exemplare) seit mehr als 20 Jahren tätig. Er betont in seinem Vorwort, die Bekenntnisse der Beichtenden seien präzise wiedergegeben. „Wir haben darauf geachtet, dass kein Sünden – Bekenntnis das hochheilige Geheimnis der Beichte verrät. Denn wir wollen nicht, dass wir, die „Wohltäter der Information“, nun förmlich entblößt dastehen aufgrund unseres profanen Werkes (Buches).“

6.
In jedem Fall ist das Vertrauen der Katholiken erschüttert, sie werden kaum noch den Drang verspüren, überhaupt noch zur Beichte gehen. Tatsächlich hat die Praxis des „Bußsakramentes“ in den Beichtstühlen seit Jahren rapide abgenommen. Während sich noch vor 50 Jahren lange Schlangen vor den Beichtstühlen bildeten, zumal vor Ostern, sind die Beichtzeiten in den Kirchen heute auf ein halbes Stündchen pro Woche geschrumpft.

7.
Insofern fördert dieses Buch den weiteren Niedergang der Beichte. War dies vielleicht auch die Absicht der 40 Priester, die da den Tabubruch begehen? Weil sie wissen, wie wenig seelische Hilfe tatsächlich eine Beichte im Beichtstuhl bieten kann, die meistens nicht länger als 3 Minuten dauert. Vielleicht sehen die anonym bleibenden Priester auch das Defizit der Beichte: Denn die Priester können dem Sünder nur empfehlen, die Schuld, die er gegenüber anderen Menschen auf sich geladen hat, zu korrigieren. Über die Motive der Priester, an dem Buch mitzuarbeiten, wird man noch weiter forschen, falls die Priester überhaupt noch einmal etwas sagen.

8.
Papst und Bischöfe werden die 40 Priester nicht zwingen können,ihre Identität preiszugeben. Die kirchlichen Autoritäten stehen also sehr hilflos da. Strafe ist aufgrund der Anonymität unmöglich. Und auch der Staat wird nicht eingreifen können, er lässt die Kirche doch ohnehin nach eigenen Gesetzen im Staat gewähren. Und dass sich ein Beichtender so präzise wiedererkennt, ist unwahrscheinlich.

9.
Warum also dieses Buch? Weil das Thema förmlich in der „Luft liegt“ bei all den nicht enden wollenden Affären zum sexuellen Missbrauch durch Priester. Im Tagesspiegel vom 13.3.2021, Seite 3, wird berichtet, dass ein Beichtvater einer jungen Frau die Abtreibung empfohlen hat, der Vater war ein anderer Priester. Im Beichtstuhl “brennt” es, wenn ein Priester dort das schlimmste aller Übel in der Sicht katholischer Moral empfiehlt: die Abreibung, eine Empfehlung, die übrigens schon der Priester – Vater der jungen schwangeren Frau gegeben hatte. Wieder einmal: Der gute Ruf des Klerus ist sogar wichtiger als der viel beschworene Lebensschutz. Wahrscheinlich geht de Beichtvater nach dieser Beicht – Empfehlung zu einer “Pro – Life – Demo….”

10.
Das Buch „Ich vergebe euch alle eure Sünden“ wird die letzten Phasen der Debatte über die Beichte erneut noch einmal beleben, das Buch wird zu der Frage führen: Wie kommt der Klerus eigentlich dazu, als Mittler zwischen dem einzelnen und Gott, zwischen dem Sünder und Gott, aufzutreten und bindend und lösend zu agieren? Zumal der Verdacht des sexuellen Missbrauchs jegliches Ansehen des Priesters verdorben hat. Und nun auch die 40 französischen Priester, die etwas aus dem Beichtstuhl plaudern…Das ist sozusagen ein weiterer „Gau“ im Katholizismus.
Die Debatte wird also noch mal über die anmaßenden Rechte des Klerus gehen, ein Thema, das seit der Reformation virulent ist. In ihrer wissenschaftlichen Studie. „Pratiques de la Confession“ (Praxis der Beichte), Edition du Cerf, Paris, 1983, weisen die Autoren darauf hin, dass über die Beichte bis dahin wenig studiert und publiziert wurde. Das Detailwissen ist im allgemeinen gering. Erst im 7. Jahrhundert wurde in Irland die individuelle Beichte eingeführt (S.17). Die Studie weist auch auf die klerikale Macht hin, denn bis ins 19.Jahrhundert war der Beichtvater meist der Gemeindepfarrer. Er kannte also viele seelischen Aspekte seiner Mitbewohner, hatte ein geheimes Herrschaftswissen. Er kannte die Familien, wusste, welche Kinder aus welchen „guten“ Familien vielleicht mit einem kirchlichen Stipendium zu fördern seien und welche nicht. Zu Ostern mussten ohnehin alle Angehörigen einer Pfarrei zur Beichte gehen, sie erhielten nach der Beichte ein Zettelchen oder ein Heiligenbild, das die erfolgte Beichte dokumenterte. Nur wer dieses Dokument vorweisen konnte, durfte an der Osterkommunion teilnehmen.

11.
Einem Bekannten kommt diese Buchpublikation etwas mysteriös vor. Ich will gern den – wahrscheinlich doch wohl unbegründeten – Verdacht eines auch mal anonym bleibenden Bekannten weitergeben: Nichts ist leichter für einen Autor, der etwas Aufsehen erregen und Geld verdienen will, als ein Buch zu schreiben, in dem anonym Priester von der Beichte plaudern und von den Süden der Beichtenden erzählen. Niemals wird bewiesen werden können, ob die Stories authentisch sind oder der Phantasie eines Kenners entsprungen sind.
Wie gesagt: Die Kirchenführung hat kein Mittel, die 40 Priester, falls es sie gibt, zum Sprechen zu bringen. Und der Staat auch nicht. Und auch den Autor kann wohl kein Staat zwingen, Namen zu nennen. Die Kirche kann höchstens die Zeitungsredaktion so lange bearbeiten, bis der Journalist seinen Job verliert…
Aus diesem Stoff ließe sich gut ein „Tatort“ oder ein ähnliches Krimi-Stück realisieren. Die Geschichte: Erst wenn der erste plaudernde Priester identifiziert ist und stirbt und dann auch der Journalist angeschossen wird, kommt die Sache „ins Rollen“. Diese Idee hat Christian Modehn am 13.3.2021 formuliert.

12.
„Ins Rollen“ ist die Beichte in jedem Fall gekommen, sie wird wohl “fortrollen”. Die Beichte wird als flüsterndes Gespräch bzw. Getuschel in eher unbequemen, manchmal etwas muffigen Beichtstühlen mindestens in Europa verschwinden.Weil auch das Bewusstsein schwindet, ob der Mensch nun Sünden begangen oder schwere Fehler gemacht hat. Der Gott mit dem drohenden Zeigefinger ist verschwunden.
Leider sind die besseren Seelsorger, also die Psychotherapeuten, absolut ausgebucht.

13.
In einigen Staaten wird darüber debattiert, ob das Beichtgeheimnis der Priester bei „schweren Verbrechen“ gelten kann, so in Australien (Vicoria) oder im Bundesstaat Louisiana, USA.
Nach kirchlichem Recht hat der „Beichtvater“, wenn ihm ein schweres Verbrechen gebeichtet wird, nur die Pflicht, den Übeltäter aufzufordern (!), sich den staatlichen Justiz – Behörden zu stellen. Eine sehr vornehme Art der Kirche, mit beichtenden Schwerverbrechern umzugehen. Dies gilt besonders auch fürs süditalienische Mafia-Milieu, die Maffia Bosse haben ja bekanntlich ihre eigenen Wallfahrtsorte und damit Orte des Beichtens, wie etwa die Kirche Notre Dame de Polsi in Calabrien. “Le Monde” berichtete darüber am 12.2.2021, Seite 19.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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Ein Beitrag des Radio – Senders Europe1 am 11.3.2021:

Dans “Je vous pardonne tous vos péchés”, Vincent Mongaillard a recueilli les confidences de 40 prêtres qui, tout en préservant l’anonymat des fidèles, ont accepté de lever le voile sur ce qu’ils entendent en confession. Si certains aveux prêtent à sourire, d’autres relèvent du Code pénal.
C’est une règle d’or depuis des siècles : face aux fidèles venus faire pénitence de leurs péchés, les prêtres sont tenus au secret. Les paroles chuchotées dans la petite alcôve d’un confessionnal sont protégées par le silence du clerc, quelle que soit la gravité du crime avoué. Dans Je vous pardonne tous vos péchés, publié ce jeudi par Vincent Mongaillard aux Éditions de l’Opportun, 40 prêtres dévoilent ce qu’ils ont pu entendre en confession au fil des années, tout en préservant l’anonymat de leurs ouailles.

Un travail de longue haleine pour le journaliste du Parisien, à qui il a fallu trois ans pour arriver à bout de ce livre.”On a établi un rapport de confiance avec ces prêtres et on a gardé que le prénom. Qu’ils se rassurent, ils ne seront pas excommuniés puisqu’ils ne brisent pas le secret de la confession. On ne peut pas identifier les pénitents”, assure-t-il au micro d’Europe 1. Mais comme il l’écrit, certains secrets sont plus lourds à porter que d’autres.

Un crime confessé devant le prêtre

Il y a en effet les petits péchés, comme ce chauffeur de taxi qui confesse prendre des chemins plus longs pour faire payer plus cher ses clients, ou encore ce septuagénaire qui raconte, 60 ans plus tard, avoir bu du vin de messe lorsqu’il était enfant. Il y a également ce jeune scout qui a tué une fourmi. Mais le livre évoque aussi des secrets très lourds. Ainsi, cet homme en détention provisoire qui a confessé son crime à un prêtre. Quelques mois plus tard, il plaide non coupable devant la justice des hommes et se voit acquitté. De quoi placer un énorme poids sur les épaules du prêtre, mais qui assume, comme tous les autres, le secret absolu de la confession.
Les prêtres encaissent en confession beaucoup de souffrance et doivent parfois improviser des solutions pour empêcher le pire. Vincent Montgaillard raconte comment l’un d’eux décide de récupérer l’arme d’un jeune homme de 20 ans qui vit en roulotte avec sa mère… dont il veut se débarrasser. Le prêtre finira par déposer le revolver au commissariat sans donner l’identité de son propriétaire.

C’est très dur pour eux parce qu’ils portent sur leurs épaules tous les vices, toute la misère de notre société. Certains vont vous dire que c’est le Seigneur qui fait le travail mais après une journée de confessions, ils sont épuisés. C’est extrêmement éreintant”, reconnaît l’auteur.
Des confessions plus cocasses
“Certains prêtres m’ont confessé que deux tiers des pêchés étaient liés au-dessous de la ceinture, à des histoires d’adultère, d’addiction”, a encore expliqué Vincent Montgaillard. Comme cette confession cocasse d’un couple : la femme raconte tromper son mari avec un ami du couple, mais juste après, le mari confesse lui aussi tromper sa femme avec un ami. Le prêtre comprend vite qu’il s’agit de la même personne. Mais l’avantage, c’est que tout, devant Dieu, est pardonnable.

John Rawls, der politische Philosoph, dem das Christentum wichtig ist.

Vor 100 Jahren, am 21.2.1921, wurde Rawls geboren. Am 24.11.2002 ist er gestorben.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Die Erinnerung an den großen us – amerikanischen Philosophen John Rawls, anlässlich seines 100. Geburtstages, hat einen besonderen Aspekt: Für religionsphilosophisch Interessierte sollte das Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“ wichtig sein, es wurde posthum 2006 in den USA veröffentlicht, 2010 ist es auf Deutsch erschienen. Dass Rawls als politischer Philosoph, zumal zum Thema Gerechtigkeit, viele kritische Impulse Anregungen gegeben hat, ist unter Philosophen bekannt.
Das Buch enthält einen längeren theologischen Text des jungen Studenten Rawls (21 Jahre) zum Thema Sünde und Glaube (S. 123 – 300). Dabei handelt es sich um seine Bachelor-Abschlussarbeit an der Princeton University. Rawls hatte damals sogar vor, Priester der Episkopal – Church, also der amerikanischen Anglikaner, zu werden.
Das Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“ bietet zugleich auch einen kurzen, aber aufschlussreichen persönlichen Essay „Über meine Religion“ aus dem Jahr 1997. Deutlich wird darin: Auch als Philosophieprofessor hat sich Rawls sein „tiefes religiöses Naturell“ (wie Thomas Nagel schreibt) bewahrt. Religion und Christentum werden nun in den philosophischen Begriffen der Vernunft formuliert und so auch bewahrt. Und das macht die Lektüre von Rawls Texten besonders anregend.
Umrahmt werden also die Rawls-Texte in dem Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“ von einer „Einleitung“, die Joshua Cohen und Thomas Nagel geschrieben haben sowie von einem längeren Aufsatz zum Verständnis theologischer Ethik beim jungen Rawls, verfasst von Robert Merrihew Adams. Sehr wichtig erscheint mir das Nachwort von Jürgen Habermas, er geht den Spuren der religiösen Ethik der „Frühzeit“ in der späteren bekannten umfassenden „politischen Theorie“ nach. Habermas drückte seine Hochachtung für Rawls etwa schon 2005 aus, in seinem Aufsatz „Religion in der Öffentlichkeit“.
2.
Auch wenn sich Rawls nach dem 2. Weltkrieg aufgrund persönlicher Erschütterungen wie auch im Bedenken des Holocaust von seiner konfessionellen Bindung (an die dogmatische Glaubenswelt der Episkopal – Church) befreite: Einige zentrale Grundeinsichten des Christentums wollte er später in der säkularen Sprache des Philosophen bewahren, das ist zentral! Jürgen Habermas weist auf dieses interessante Phänomen hin: „In der Werkgeschichte von John Rawls wiederholt sich eine philosophische Umformung religiöser Gedanken, wie sie als erster Kant vorgenommen hat“ (S. 327). Das deutet Habermas auch im Sinne von Kants Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie: Die Transzendenz nun “operiert in der Welt als eine die Ideen entwerfende, von Innen alles innerweltliche Geschehen transzendierende Kraft“ (S. 328). Auf diese „Umformung religiöser Gedanken“ sollte bei der Lektüre der großen Arbeiten von Rawls geachtet werden, wenn auch in dem grundlegenden Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) Religion als Stichwort direkt nicht vorkommt. Anders ist es dann in der Studie „Politischer Liberalismus“ (1993).
Rawls entscheidende Frage heißt: Wie können Menschen, die auf eine religiöse Lehre, wie etwa die Bibel, zum Mittelpunkt ihres Lebens erklären, „eine vernünftige politische Konzeption haben, die eine gerechte Gesellschaft stützt?“ (Politischer Liberalismus, S. 35), ein Thema, das nicht nur Habermas bis heute bewegt. Und uns heftig interessiert, jetzt, unter den Bedingungen des Islams in Europa oder angesichts der Attacken fundamentalistischer Christen auf das Weiße Haus am 6.1.2021.
3.
Rawls Liberalismus wehrt sich gegen die totale individuelle Freiheit des einzelnen, der sich – privilegiert – nur um sein „gutes“, d.h. materiell – gutes Leben kümmert.
Rawls Liberalismus argumentiert entschieden für allgemeine Grundwerte für alle und die Gleichheit der Chancen für alle. Mit dem Neoliberalismus à la Wallstreet usw. hat Rawls Liberalismus nichts zu tun.
4.
Die theologische Arbeit des jungen Rawls ist geprägt von Impulsen Kierkegaards und Bubers. Dieser Essay aus Jugendzeiten bietet viele theologische und philosophische Anregungen: Etwa: „Die Sünde ist vor allem Geltungssucht und Selbstsucht“ (S. 229). „Die Selbstsucht zielt darauf ab, andere Menschen zu benutzen… Der Kapitalist zum Beispiel scheint seine Angestellten lediglich zu benutzen, er behandelt sie wie Zahnräder an der Maschine, die sein Vermögen mehrt“ (S. 230). „Sünde ist eine Zurückweisung der Gemeinschaft“ (S. 241).
Joshua Cohen und Thomas Nagel äußern sich dazu in ihrer Einleitung zum Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“: „Stolz erscheint (im Werk des jungen Rawls) als Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Personen, das sich in der Forderung nach unterwürfiger Bewunderung ausdrückt. So verstanden festigt der Stolz bekanntere Laster wie Egoismus und die Verweigerung zu teilen… Egoismus und das Verlangen, Besitz anzuhäufen, gründen in dem sündhaften Festhalten an entstellten personalen Beziehungen, in denen es Höherstehende und Untergebene gibt. Das ist der Stolz der Kapitalisten, dessen Selbstsucht ein Widerschein der tieferen, viel zerstörerischen Geltungssucht ist“ (S. 27).
Der Philosoph Prof. Rainer Forst, einer der besten Kenner der Philosophie Rawls, schreibt in „DIE ZEIT“ (vom 11.2.2021): Rawls denkt die „äußerst seltene“ Verbindung, nämlich der Grundideen des Liberalismus (verstanden als Demokratie und Respekt der Menschenrechte) „mit der Grundidee des Sozialismus (dies ist die Würde des Menschen als frei von Ausbeutung und Marginalisierung) zusammen. Das Privateigentum an Produktionsmitteln gehört für Rawls nicht zu den primären Grundrechten. Und ausdrücklich hat Rawls den kapitalistischen Wohlfahrtsstaat als unzureichende Realisierung seiner Prinzipien zurückgewiesen.“
5.
Im Jahr 1997 schreibt Rawls dann in seinem persönlichen Rückblick „Über meine Religion“: Manche christlichen Glaubenssätze finde er, so wörtlich, „abscheulich“, “etwa die Lehren von der Erbsünde, von Himmel und Hölle, von der Erlösung durch den wahren Glauben auf Grundlage der Akzeptanz der priesterlichen Autorität“ (S. 306). „Der große Fluch des Christentums seit den Anfangstagen war die Verfolgung von Andersgläubigen als Ketzer“ (S. 307).
6.
Theologen und Repräsentanten kirchlicher Institutionen sollten sich mit dem knappen Text Rawls „Über meine Religion“ auseinandersetzen: Er ist typisch für den Abschied Intellektueller und auch „normaler“ Gläubiger von der traditionellen Dogmatik der etablierten Kirchen. Am treffendsten ist wohl die Analyse Rawls: “Das Christentum ist eine einzelgängerische Religion“, also eine Religion für Leute, die sich um sich selbst kümmern… (S. 307).
7.
Zum Schluss dieses fragmentarischen Hinweises die berühmten Sätze aus dem Buch „Politischer Liberalismus“: „Wenn eine gerechte Gesellschaft, auf vernünftige Weise gestaltet, nicht möglich ist: Dann ist die Frage, ob es sich für Menschen lohnt, auf Erden zu leben“ (dort S. 63).
Der alte katholische Katechismus stellte ganz am Anfang die Frage: Wozu sind wir auf Erden? Um Gott zu ehren, hieß die Antwort.
Rawls gibt auf diese Frage eine letztlich erschütternde, aber doch zum Handeln aufrufende Antwort: „Wir sollen eine gerechte Gesellschaft weltweit vernünftig aufbauen“. Man könnte diesen Satz einen kategorischen Imperativ nennen, an den sich so wenige PolitikerInnen und Bürger halten… Was wieder zu dem von Rawls beschriebenen Egoismus führt…

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Die Republik wehrt sich gegen radikale Muslime und ihre Gemeinden: Präsident Macron will eine andere „Laicité“ in Frankreich.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 15.2.2021. Mit einem Hinweis (Nr.12), dass auch christliche Kirchen heute das demokratische Zusammenleben gefährden…

Am 16.2.2021 haben die Abgeordneten der Assemblée Nationale das “Projekt des Gesetzes gegen den Separatismus” mit einer Mehrheit angenommen: 347 Stimmen dafür; 151 Stimmen dagegen; 65 Enthaltungen. Am 30. 3. 2021 wird es nochmals dem Senat zur Überprüfung übergeben. (Quelle: Europe 1, am 16.2.2021)

1.
Die Ängste der Franzosen sind verständlich, die Ängste vor weiteren Terroranschlägen von Leuten, die sich muslimisch nennen. Der Wille der Franzosen ist verständlich, wenn sie unbedingt ihre republikanischen und demokratischen Werte verteidigen und schützen. Wer die Menschenrechte verteidigt, ist bekanntlich nicht in einem eurozentrischen Denken befangen. Er/sie verteidigt schlicht und einfach die Menschenrechte, die universal für alle Menschen gelten. Da spielt die europäische Herkunft für die universale Geltung überhaupt keine Rolle.
2.
Dies muss beachtet werden, wenn auch berechtigterweise sofort der Einwand kommt: Die französischen Politiker (wie eigentlich die meisten Politiker in den wenigen verbliebenen Demokratien der Welt) glänzen ja seit Jahrzehnten nicht gerade als praktische Verteidiger der Menschenrechte, man denke an die Außenpolitik (etwa: Umgang mit Afrika) oder an die Flüchtlingspolitik. Man denke auch an die vielfach sehr unwürdigen Lebensverhältnisse in den Banlieus, wo vorwiegend die Ausgegrenzten, die Armen leben, Franzosen, auch Franzosen mit arabischer oder „schwarz-afrikanischer“ Herkunft.Die meisten von ihnen sind Muslime.
3.
Und jetzt sind wir beim aktuellen Thema:
Am 16. Februar 2021 sollen – nach langen, leidenschaftlichen Debatten im Parlament – sehr umfangreiche neue Gesetze beschlossen werden. Und sie sollen ganz besonders den muslimischen Mitbürgern gelten, auch wenn sie alle Religionsgemeinschaften in ein neues Verhältnis zum Staat setzen können. Die Regierung sieht viele dieser muslimischen Mitbürger als “Islamisten” in einem verwerflichen Verhalten befangen, das nennt die Regierung „Separatismus“. Also den Willen und die soziale wie politische Praxis, jenseits der geltenden Gesetze der Republik eigene, separatistische Wege zu gehen, also etwa die Gebote des Korans im politischen Leben für entscheidender zu halten als die Gesetze der Republik.
Separatismus wird so zum Begriff für die „Abspaltung“ von Muslimes von den Prinzipien der Französischen Republik. Und dieser Separatismus soll ein Ende haben, durch eine umfassende Fülle neuer Gesetze.
4.
Das Projekt begann mit dem eher noch harmlosen Titel: „Die Prinzipien der Republik stärken“. Es ist eine Art Lieblingsidee von Präsident Macron, schon vorgestellt in Vorträgen vor einem Jahr (Februar 2020) in Mulhouse und Les Mureaux. Und schon angedeutet in Macrons Buch „Revolution“ von 2016, LINK
5.
Die neuen Gesetze zur Überwindung des islamischen Separatismus sind grundlegend: Nur einige Beispiele: Es geht um umfassende Kontrolle jeglicher Aktivitäten muslimischer Gemeinden; fremde Staaten dürfen nicht (mehr) Grundstücke kaufen oder die Finanzierung von Moscheen betreiben. Bei grobem Fehlverhalten gegen diese Gesetze der Republik sind auch Schließungen der Gemeinden vorgesehen; ebenso ist geplant, die Internetaktivitäten der Muslime und ihrer Gemeinden zu beobachten, privater Unterricht „zu Hause“ wird verbote; Sportvereine, etwa von muslimischen Gemeinden veranstaltet, sollen vom Staat beobachtet werden.
Aber es werden auch Details beschlossen: Untersagt wird die ärztliche Feststellung der Jungfräulichkeit von jungen Musliminnen… (Die Beschneidung von Knaben bei Muslimen und Juden, die viele kompetente Menschen für eine fundamentalistische Deutung religiöser Gebote halten und für eine Verletzung der Menschenrechte halten, wird nicht verboten!)
6.
Viel Zustimmung finden die Gesetze gegen den Separatismus unter den immer sehr leidenschaftlichen Verteidigern einer möglichst religionsfernen Republik. Dies sind etwa die Freimaurer in ihrer bedeutenden Loge „Grand Orient de France“. Auch Rabbiner finden die Gesetze angebracht, aus bekannten Gründen: Weil sich muslimisch nennender Terrorismus auch in Frankreich gegen Juden und jüdische Einrichtungen wendet.
7.
Die Verantwortlichen der Religionsgemeinschaften konnten sich im Senat (dem „Oberhaus“) zu dem Gesetzesvorhaben äußern: Eher zustimmend zeigte sich der Oberrabbiner Haim Korsia. Sehr kritisch hingegen der Präsident des „Dachverbandes der Muslime in Frankreich (CFCM)“, Mohammed Moussaoui: Er befürchtet, dass nun „der Islam insgesamt unter Verdacht gestellt“ wird. Dabei betonte er gleich am Anfang: „Der Kampf gegen den Extremismus, der sich islamistisch nennt, ist auch unser Kampf“. Aber er erinnerte daran, dass die wahren Separatisten in Kreisen der Rechtsextremen zu suchen seien. Der Präsident der „Fédération Protestante de France“ (FPF), Pastor Francois Clavairoly, betonte auch: „Der Text erzeugt a priori einen Verdacht auf das Religiöse, das als eine potentielle Bedrohung wahrgenommen wird. Das zeigt sich besonders darin, dass der Präfekt (einer Region) die Öffnung eines religiösen Gebäudes autorisieren muss und dass diese Zustimmung alle 5 Jahre erneuert werden muss. Dies sind Verfügungen, die eine Regression für die Republik bedeuten…“
Der Präsident der französischen Bischofskonferenz , Bischof Éric de Moulins-Beaufort, betonte, dass das Gesetz zur laicité, das 1905 als Gesetz der Freiheit gemeint war, sich nun in ein Gesetz der Kontrolle, der Polizei und der Repression entwickelt“.
8.
50 Artikel auf etwa 80 Seiten umfasst das Gesetz, das eine “Stärkung der Republik” vorsieht.
Diese umfassenden Verbote des Staates, vor allem auf Muslime bezogen, sind ein entscheidender neuer Ansatz im Umgang mit der Laicité, also der alten gesetzlichen Trennung von Kirchen und Staat aus dem Jahr 1905: Damals sollte den Kirchen ein freier Raum zur Entfaltung gerade ohne jegliche Unterstützung des Staates gewährt werden. Jetzt geht es darum, im Namen dieser Laicité die muslimischen Religion zu kontrollieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts behaupteten noch radikale Republikaner: Katholiken hören mehr auf den Papst als auf die Gesetze der französischen Republik, was so falsch ja nicht war. Auch deswegen gab es die Trennung von Kirchen und Staat. Heute sollen Muslime von jeglicher (arabischer, türkischer, iranischer) „Fernsteuerung“ befreit werden, was dringend erforderlich ist, und sie sollen sich als französische Muslime ausschließlich den Gesetzen der Republik völlig anpassen. Und diese strengen „staatlichen Maßnahmen“ sollen dann den Frieden in Staat und Gesellschaft bringen: Ob das wohl gelingt, wenn die Betroffenen den Gesamteindruck habent, unter einem Generalverdacht zu stehen?
Ist denn nicht die Integration von Muslimen in die Republik auch und vor allem ein soziales, ein pädagogisches Projekt? Sollte nicht endlich die „égalité“ auch für die Armen, die Ausländer und Flüchtlinge (sehr oft Muslime) gelten? Von der „fraternité“ aller (!) Franzosen ganz zu schweigen. Aber nein, da versteift sich die Regierung auf neue Gesetze und entfacht eine ideologisch-religiöse Debatte, wo doch eine neue Sozial und Wohnungspolitik mindestens genauso dringend wäre.
9.
Interessant ist auch: Der französische Staat, der sich in seinen Gesetzen zur Laicité 1905 eigentlich verpflichtet hatte, also sich überhaupt nicht in die „inneren Angelegenheiten“ der Religionen einzumischen, mischt sich nun mit aller Bravour in das Leben der islamischen Gemeinden ein. Schon der staatlich forcierte Wille seit vielen Jahren, einen Dachverband aller muslimischen Gruppen zu schaffen, ließ ja auch die übliche Zurückhaltung der Regierung gegenüber Religionsgemeinschaften vermissen. Der Staat will mit einem muslimischen Dachverband eben die Muslime besser und leichter an den Verhandlungstisch bringen und … kontrollieren…
10.
Manche meinen zurecht, dass diese neuen Gesetze die rechtsextremen Wähler der Partei von Madame Le Pen beruhigen sollen, in der Hoffnung, dass die Rechtsextremen bei der nächsten Präsidentschaftswahl (2022) Macron wählen, weil er ja selbst eine nicht gerade muslimfreundliche Politik betreibt. Dass Macrons Gesetze für Madame Le Pen noch viel zu liberal sind, betont die Führerin der Rechtsextremen schon jetzt.
Die neuen Gesetze können also auch ein Stück Wahlkampf sein für Macrons Partei LREM (La République en Marche): Manche meinen: Mit ihm „marschiert“ die Republik in eine von neuen Gesetzen unterstützte Islamophobie. Ob dadurch der innere Friede und der Verzicht auf terroristische Gewalt gelingt, ist sehr die Frage.
11.
Eine Frage wird wieder in den öffentlichen Raum gestellt: Inwiefern sind im allgemeinen und tendenziell alle Religionen gefährlich für eine Gesellschaft und einen Staat, der die Menschenrechte an die oberste Stelle rückt. Die Abwehr der Menschenrechte ist als oberstes Gestaltungsprinzip auch in den inneren Strukturen im Katholizismus präsent: “Priesteramt ist nichts für Frauen”, “es darf keine „Homo-Ehe“ geben”…
12.
Auch christliche Kirchen, die sich mit ihren eigenen Moral-Gesetzen aufbauschen, können eine Gefahr sein für das humane Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft. Das lässt sich aktuell am eigensinnigen Verhalten vieler evangelikaler Gruppen in den Pandemie-Zeiten belegen: Diese frommen Leute meinten, auch in Frankreich, aufgrund ihres Glaubens gegen das Virus immun zu sein und sehr fröhlich in großen Gruppen Alleluja etc.in ihren Gottesdiensten singen zu dürfen. Und die sehr frommen Anhänger von Mister Trump, rechtsextreme Evangelikale, auch Katholiken, haben am 6.1. 2021 im Capitol von Washington bewiesen, zu welchen Untaten sie als fromme Gläubige tatsächlich bereit sind. Man denke auch daran, dass sich allen Ernstes viele us-amerikanische Bischöfe von Präsident Biden, dem praktizierenden Katholiken (!), distanzieren: Nur weil dieser die Abtreibung, gesetzlich geregelt, passend für eine pluralistische und nicht kirchen-hörige Demokratie findet. Diese evangelikalen und katholisch konservativen Kreise haben einen neuen Gott, er heißt “Pro life”. Diesem Gott wird alles geopfert, auch die Unterstützung für einen demokratischen Präsidenten…”Dies ist eine Schande für die us-amerikanische Bichofskonferenz”, sagen Beobachter.

Sind also auch christliche Konfessionen – bei allem Respekt für die Diakonie, die Caritas etc. – gefährlich für den demokratischen Staat und die demokratische, pluralistische Gesellschaft? Ja, durchaus, mit allen nötigen Nuancen. Darum sollten nachdenkliche Menschen, etwa Philosophen, dankbar sein, dass in Frankreich diese Debatten geführt werden.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Sizilien heute: Von Menschen die Helden sind, weil sie das Leben lieben, im Kampf gegen die Mafia.

Das neue Buch von Etta Scollo: Essays, Posie, Gesang.

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Stimmen von Sizilien“: Welch ein bescheidener Titel für ein wunderbares Buch! Natürlich ist „Voci di Sicilia“ kein „Reiseführer“ mit den üblichen Informationen. Etta Scollo, die bekannte Sängerin, erschließt uns vielmehr das „Innere“ der Insel, das Wesentliche, Menschliche ihrer Heimat: Sie wurde in Catania geboren, als Jugendliche ist sie nach Österreich, dann nach Deutschland gezogen. Aber sie kehrt immer wieder auf die Insel zurück, dieses Land, das seit Jahrtausenden sehr unterschiedliche Kulturen erlebt hat bzw. erleben musste. Und es sind wirklich „Stimmen“, die dieses originelle Buch bietet: Nicht nur Essays und Literatur, sondern auch Poesie, zumal gesungene Poesie von Etta Scollo. In den „Stimmen von Sizilien“ führt sie uns zu den Städten und Orten, die ihr wichtig sind, die aber insgesamt bedeutend sind, um die innere Lebendigkeit, man möchte sagen Aspekte der „Spiritualität“ Siziliens zu zeigen. Denn dass sich Europäer von dem Klischee befreien sollten: „Sizilien = Mafia“ steht wohl fest.

Von der Mafia ist in dem Buch auch die Rede, vor allem in zwei hoch interessanten Essays, die sich auf Palermo beziehen: Allein schon wegen des Essays des bekannten Juristen, Politikers und Bürgermeisters Leoluca Orlando (geb. 1947) sollte man das Buch kaufen und lesen. Der Bürgermeister von Palermo lebt wegen seines Kampfes gegen die Mafia unter permanentem Personenschutz. Aber wie er in dem Beitrag von dem neuen, dem demokratischen Palermo schreibt, das ist ein Ereignis, und der nicht auf Palermo spezialisierte Leser, wie ich, hofft manchmal nur, dass alle die demokratischen, d.h. gegen die Mafia gerichteten juristischen, pädagogischen, sozialen und politischen Aktionen tatsächlich immer noch Bestand haben. Manche Sätze in dem Beitrag Leoluca Orlandos sind förmlich Maximen, die universal in der Menschheit gelten sollen: „Ein Held ist einer, der auf außergewöhnliche Weise normal ist. Und ein Heiliger, fragt Orlando, und antwortet richtig und überraschend: „Ein Heiliger ist (auch nur) einer, der auf außergewöhnliche Weise normal ist“. Was soll bloß der Vatikan dazu sagen, fragt man sich. Leoluca Orlando ist wohl ein Held, er hat entscheidend dafür gesorgt, dass Palermo eine lebenswerte, liebenswerte Stadt geworden ist. Hervorragend, so schildert der Bürgermeister, ist der rechtlich gut, nämlich menschenwürdig gestaltete Umgang mit den neuen Bewohnern, den Flüchtlingen also, die in Sizilien anlanden… „Wer nach Palermo kommt, wer in Palermo lebt, wird Palermitaner“ (S. 108). Die Migranten sollen sich in Palermo zuhause fühlen „und daher die Verpflichtung spüren, ihr Zuhause zu verteidigen, ehe sie noch ihre Religion oder ihr Herkunftsland verteidigen…Das ist der kulturelle Wandel.“ (ebd). Der Bürgermeister ist den neuen Palermitanern dankbar, weil sie die Vielfalt der menschlichen Kulturen repräsentieren. Und in dieser Situation veranstaltet der Bürgermeister („bin nicht homosexuell, niemand ist vollkommen,“ schreibt er schmunzelnd, S. 109) die großen Gay-Prides in der Stadt…

Diese etwas ausführlicheren Hinweise zu einem Beitrag in „Voici di Sicilia“ könnten fortgesetzt werden zu allen anderen Texten (und Liedern!) im Buch. Den Artikel „Über die Globalisierung der Mafia und zu Palermo als einem Ort der Wahrheit“ von Staatsanwalt Roberto Scarpinato (S. 118 – 129) sollte jeder lesen, der sich auf den neuesten Stand der Kenntnisse zu den Mafia-Aktivitäten führen lassen will. „Die Deutschen haben die Mafia völlig vergessen“, schreibt Scarpinato, für Deutsche heißt Mafia, naiv möchte man sagen: Schutzgeldforderung erpressen und dann in Pizzerien investieren (S. 120). Dabei ist die Mafia heute ein internationales Dienstleistungssystem, das Schwarzgeld in Milliardenhöhe erzeugt. Berührend die Ausführungen über „Palermo als Ort des Geistes“ (S. 125 f). Hier ist „man gezwungen Entscheidungen zu treffen, die man in einer normalen Stadt normalerweise nicht trifft: Entscheidungen, die immer Leben oder Tod (durch die Mafia) betreffen“ (S. 127)

Mir fällt bei der Lektüre der verschiedenen Beiträge auf, dass immer wieder Autoren sich als „Atheisten“ bekennen, so auch Scarpianato (S. 129). Religionskritisch betrachtet, möchte ich behaupten: Dieser Atheismus der ja ursprünglich wohl notwendigerweise katholisch erzogenen Menschen ist ein Resultat der Perversion der Kirche, die nur allzu lange auf der Seite der Herrschenden, auch der Mafia vor allem, stand und wohl noch steht. Erwähnt wird der Name eines mutigen Anti-Mafia-Priesters, Pino Puglisi (S. 109 und 126): Er lebte von 1937 bis 1993, er wurde an seinem 56. Geburtstag vor seiner Haustür von der Mafia erschossen, seine letzten Worte waren, so sagte einer seiner Mörder aus: „Damit habe ich gerechnet“. Inzwischen wurde Pater Puglisi offiziell als „Seliger“ zur besonderen Verehrung durch die Katholiken, auch der katholischen Mafia-Leute, empfohlen…Mal sehen, ob das etwas nützt.
Von der widerwärtigen Arbeit in den sizilianischen Schwefelminen berichtet das Buch, zeigt uns den Friedhof der Kinder, die in den Minen schuften mussten und umkamen. Was sagte eigentlich die Kirche damals zu dieser Sklavenarbeit? Für philosophisch Interessierte finde ich den Beitrag der Dichterin und Philosophin Maria Attanasio (S. 186 – 193) besonders inspirierend. Sie berichtet nicht nur von ihrer Bindung an ihre Stadt Caltagirone, sondern auch von der Bedeutung des Schreibens, der Poesie als der Voraussetzung der Literatur, der Imagination im Umgang mit historischen Personen…Sie berichtet von Rosalia Montmasson, auch von der Mühe der Autorin, endlich die einzige Frau zu würdigen, die mit Garribaldi zusammen auf Sizilien kämpfte und von der Herrschaft der spanischen Bourbonen befreite (im Jahr 1860). Von Lampedusa spricht das Buch, etwa von dem Friedhof der Immigranten, besonders lesenswert der eindringliche Brief der Bürgermeisterin von Lampeusa, Giusi Nicolini, an die italienische Regierung und die EU, den Flüchtlingen zu helfen. Etta Scollo hat diesen Appell ins Musikalische übersetzt „Suite per Lampedusa“ (S. 208).

Die Beiträge in dem sehr empfehlenswerten Buch, auch die herausragenden Fotos, laden ein, Sizilien sozusagen mit Etta Scolo zu besuchen, die vielfältigen Stimmen dieses uralten und kreativen Landes zu vernehmen. Gerade jetzt, in Zeiten der Pandemie, führt das Buch „Voici di Sicilia“ zu einer -gedanklichen, auch akustischen – Reise nach Sizilien. Das Buch weckt die Phantasie, weckt auch das philosophische Fragen, etwa nach dem Sinn von Gerechtigkeit und Recht. Und das geht nicht ohne Mut, die Wahrheit freizulegen, die humane Ethik über alles zu stellen. Claudio Fava, Sohn des 1984 von der Mafia ermordeten Schriftsteller Giuseppe Fava, betont: „Hier, in Catania, wie in ganz Sizilien, brauchen wir Rückgrat und Wahrheit, um entschieden eine moralische Priorität ins Zentrum der politischen Aktion zu rücken: Politik nicht mehr als Basis für private Privilegien.“ (S. 32)

Viele Menschen in Sizilien – das zeigen die Beiträge – schätzen trotz aller Probleme die Schönheit ihres Landes, der Natur, des Meeres und des Lichts… Sie lieben das Leben und wollen sich die Sehnsucht nach der Gerechtigkeit nicht nehmen lassen.

Etta Scollo,”Voci di Sicilia. Eine Reise durch Sizilien”. Corso Verlag, Wiesbaden, 2020. Mit Antonio Maria Storch (Fotogr.) und Klaudia Ruschkowski (Hrsg. / Übers.), 256 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein Theologe der Poesie und Literatur: Jean-Pierre Jossua, Paris. Gestorben am 1.2.2021

Ein Hinweis von Christian Modehn

Geschieben am 3.2.2021:
Pater Jean-Pierre Jossua ist am 1. Februar 2021 gestorben, an den Folgen der Corona-Pandemie, er wurde 90 Jahre alt, die Impfung kam wohl zu spät?

Der Dominikaner Theologe Jossua war ein außergewöhnlicher Theologe, darauf habe ich früher schon hingewiesen (siehe unten meinen Beitrag vom 24.9.2020).

Außergewöhnlich, weil er seit ca. 40 Jahren kein Interesse mehr darin sah, über Kircheninterna viel zu reden und zu schreiben. Er hatte erkannt, dass es sehr viel Wichtigeres gibt. Etwas, das nachdenkliche Menschen bewegt, die spirituell interessiert, aber un-kirchlich sind im Sinne von “nicht mehr römisch – katholisch”.
Jossua widmete sich der Literatur, selbstverständlich auch der unkirchlichen, „atheistischen“. Er nannte seine Theologie „théologie littéraire“. Ein großartiger Titel. Allein vier Bände umfasst seine Studie „Für eine religiöse Geschichte der literarischen Erfahrung“, erschienen bei Beauchesne, Paris. Sehr viel mehr Bücher hat Jossua verfasst.

Von Jean-Pierre Jossua wissen in Deutschland vielleicht noch einige, die die progressive katholische theologische Zeitschrift CONCILUM noch kennen, zu deren „Direktoren“ er einst gehörte, als er sich mit den Kircheninterna abgeben musste. Aber auf Deutsch liegt meines Wissens kein größeres Werk von ihm vor, auch die deutschen Dominikaner haben ihn wohl vergessen?

Wie früher schon von mir geschrieben: Jean Pierre Jossua stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater wurde in Auschwitz 1943 von Deutschen ermordet. Er selbst rettete sich nach Argentinien und trat als Konvertit 1953 in den Dominikanerorden in Frankreich ein, der damals für viele kritische Intellektuelle ein spirituelles Obdach bot.
Jossua sah seine Aufgabe darin, das Religiöse, auch das Christliche, ins Gespräch mit der gegenwärtigen Kultur zu bringen, auch und gerade der kirchenfernen, der „laique“ Kultur. Solche gebildeten Theologen mit diesen weiten, vernünftigen Ansätzen und Zielen sind sehr sehr selten geworden. Es herrscht heute bekanntlich und überall zu spüren der kleinkarierte, ungebildete Klerikalismus vor.
Katholische, kritische Intellektuelle gibt es nicht mehr, auch nicht in den Orden. Oder?
Man möchte Jean-Pierre Jossua danken.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

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Dieser Hinweis wurde verfasst anlässlich des 90. Geburtstages von Jean-Pierre Jossua am 24. 9. 2020:

Ein französischer Theologe hat sich viele Jahre seines akademischen Lebens und Lehrens mit der Suche nach dem Unendlichen, dem Sinnvollen, dem Göttlichen befasst, aber, eben anders als die vielen anderen, gewöhnlichen, möchte man fast sagen. Jean Pierre Jossua hat das Unendliche, Gott, das Göttliche, in der modernen Literatur gesucht und auf ungeahnte Weise gefunden. Pater Jossua ist Dialogpartner für Dichter und Schriftsteller, er will sie nicht belehren, nicht bekehren, sondern das Gesagte verstehen und mit ihnen das Ungesagte entziffern
Der Dominikaner Pater Jean – Pierre Jossua (Jahrgang 1930) ist also eine Ausnahme-Gestalt, die leider in Deutschland weithin unbekannt ist: Und das gibt zu denken: Wie weit ist Theologie in Frankreich selbst unter deutschen Theologen „entfernt“ uns fremd? Lediglich in der internationalen theologischen Zeitschrift CONCILIUM hat Jean Pierre Jossua einige auf Deutsch erreichbare Aufsätze publizieren können. Die Liste seiner Arbeiten auf Französisch ist lang. Eine ausführliche biographische und theologische Würdigung wäre angebracht und dringend geboten, man fragt sich: Warum machen das eigentlich die Dominikaner in Deutschland nicht?

Jossuas Motto heißt: „Als Theologe die Literatur lesen. Und als Theologe literarisch schreiben…“ Beide Forderungen hat er in seinem umfangreichen Werk erfüllt.
Jean Pierre Jossua wurde am 24.9. 1930 in Paris in einer jüdischen Familie geboren, die ursprünglich aus Saloniki, Griechenland, stammt. Jean Pierre Jossua gelingt unter der Naziherrschaft die Flucht nach Argentinien, sein Vater wird in Auschwitz von Deutschen ermordet.

Nach einem Medizinstudium konvertiert Jean Pierre Jossua zum Katholizismus und tritt 1953 in den Orden der Dominikaner ein, der sich damals in Frankreich vieler theologisch progressiver Mitglieder rühmen konnte (konservativer auch), erwähnt seien nur die progressiven Patres Chenu oder Pater Congar, die beim 2. Vatikanischen Konzil von Bedeutung waren. Sie hatten eine Leidensgeschichte hinter sich, etwa wegen ihres mutigen Eintretens für die Arbeiterpriester, dieses „Experiment“ hat Papst Pius XII. dann verboten. Den üblichen vatikanischen geistigen Terror mussten sie aushalten, mit Schreibverboten etc. Wie und warum haben das Intellektuelle damals nur mit sich geschehen lassen? Vielleicht, weil sie die an katholische Kirche doch noch als eine „göttliche Stuftung“ glaubten?
Pater Jossua hat sich als Theologe UND Kenner der Literatur und Poesie vor allem dem Dialog mit den Schriftstellern und Poeten gewidmet. Sozusagen innerhalb der Theologie eine Art Nischenthema,leider.

Ich konnte 2011 mit Pater Jossua in Paris, im Dominikanerkloster St. Jacques im 13. Arrondissement, ein Interview führen. Das große Kloster und die einstige renommierte theologische Fakultät „Le Saulchoir“ ist heute eine bescheidene theologische Bildungsstätte des Ordens.
Pater Jossua hat auf die enge Verbindung von Poesie und Spiritualität hingewiesen: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“.
Schon 1970, beim internationalen Kongress der internationalen Zeitschrift „Concilium“ deutetd Pater Jossua seine besonderen, vom „Üblichen“ abweichenden theologischen Interessen an: „Streng genommen ist die Idee von einem Berufstheologen eine Blasphemie, steckt doch hinter dieser Idee der Gedanke, dass es im Christentum Fachmänner für Gott gibt“ (S. 54)… Am Ende seiner Vortrags in Brüssel zeigte der damals noch junge Theologen Jossua, welche Interessen ihn bewegen: Er sprach hochschätzend von „Charismatikern“ (geisterfüllten Menschen) „der Schwelle“, von Schriftstellern und Philosophen, die von außen das theologische Leben beobachten. Diese nannte Jossua durchaus auch Theologen,, „die“, so wörtlich, „kein kirchlicher Maßstab messen kann. Ich denke an Menschen wie Bergson, Simone Weil und viele andere“. (in: „CONCILIUM. Die Zukunft der Kirche“. S. 59, Benziger und Grünewald Verlag 1970).
Über diese Theologen der Schwelle“ hat Jossua seine „théologie littéraire“ entwickelt und regelmäßig davon über viele Jahre berichtet, abgesehen von zahlreichen eigenen Studien zum Thema. LINK

Von den zahlreichen Studien Jossuas soll hier nur erwähnt werden: „La passion de l infini: Littérature et théologie“. Nouvelles recherches. Paris 2011, Editions du Cerf.
Eines seiner letzten Bücher hat den für Jossua bezeichnenden Titel: „Chercher jusqu à la fin“, „Suchen bis zum Ende“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Von der Inquisition zur Mafia und wieder zurück: Über eine Studie von Leonardo Sciascia

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Was ist Inquisition? Sie ist nichts „Mittelalterliches“. Inquisition ist der Anspruch einer Organisation, total über Menschen verfügen zu können. Der Anspruch einer Organisation, die Wahrheit total zu besitzen, um die eigene angemaßte Macht bewahren zu können. Und daraus folgt: Der Anspruch, selbstständige, freie und dem System widersprechende Menschen zu quälen, zu foltern und auslöschen zu dürfen.
Diesen Anspruch praktizierte an prominenter Stelle Jahrhunderte lang die katholische Kirche: Viele andere totalitäre Organisation folgten dem Vorbild: Nazis, Stalinisten, die extremen Nationalisten… und aktuell: die Mafia.
2.
Es ist das Verdienst des sizilianischen Historikers, Journalisten, Autors und Politikers Leonardo Sciascia, eines prominenten Intellektuellen, das Wesen der katholischen Inquisition auf Sizilien im 17. Jahrhundert genau zu beschreiben. Aber nicht, um dabei nur die alte, vergangene Welten historistisch zu rekonstruieren, sondern um zu zeigen: Die Inquisition lebt – auch in Sizilien -, der Wille zu quälen und zu morden um des eigenen Machterhaltens zerstört das Zusammenleben der Menschen. Das Thema Inquisition gehört also nicht nur in die Religionsgeschichte, es gehört ins Zentrum der Debatten über die Menschenrechte. Sciascia, 1921 – 1989, hatte intensiv die Mafia auf dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten und auch einiger Prozesse erlebt, analysiert und verurteilt.
3.
Endlich liegt also in deutscher Sprache die Studie von Leonardo Sciascia über wesentliche Aspekte der Inquisition in Sizilien im 17. Jahrhundert, also unter spanischer Oberherrschaft vor. Sein Buch sollten alle lesen, die von dürren Lexikon-Artikeln bedient sind und mehr wissen wollen: Sciascia bietet anschaulich Details, zeigt Zusammenhänge, vermittelt insgesamt ein Einblick in die dunklen Zeiten der sich katholisch nennenden Herrscher.
4.
Mit seiner akribischen „detektivischen“ Genauigkeit will Sciascia den Blick auf die Inquisition schärfen. Die „Edition Converso“ hat seine umfangreiche Arbeit (aus dem Jahr 1967) mit dem Titel „Tod des Inquisitors“ in dem Buch „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ herausgegeben. Den „Tod des Inquisitors“ erscheint anlässlich des 100. Geburtstages Sciascias am 8. Januar 2021 in kurzer Zeit schon in 2. Auflage.
Die Studie gilt dem Leben und Leiden des Augustinermönchs Fra Diego La Matina, wie Sciascia in Rocalmuto geboren, im Jahr 1622. Auf dem Scheiterhaufen wurde er 1658 in Palermo als „Ketzer“ verbrannt. Die gemeinsame Herkunft hat das Interesse Sciascias für diesen herausragenden, aber in Deutschland bislang unbekannten Ketzer sicher verstärkt.
5.
Über die Inquisition der katholischen Kirche als Form der Verfolgung und Auslöschung von Irrlehrern ist allerhand schon bekannt. Es war immer die totale Herrschaft des Klerus, die sich auf der Seite göttlicher Weisheit wusste und Andersdenkende, Andersglaubende, verurteilte und auch vernichtete.
Was das Buch von Sciascia wichtig macht: Es bietet bewegende Details, etwa, dass der Akt der Verbrennung wie eine Art religiöses Volksfest begangen wurde. Die Kirchenoberen nannten ihr Morden feierlich „Glaubensakt“. Denn in letzter Minute konnten die „Ketzer“ immer noch zum wahren katholischen Glauben zurückkehren. Andere blieben standhaft, sie verbrannten bei lebendigem Leibe.Und die fromme schaulustige Menge beschimpfte diese „Ketzer“. Zuschauer waren also auch höchst willkommen, als der Augustiner Frau Diego verbrannt wurde. Es gab einen riesigen Aufbau nach Art eines Freiluft-Theaters, mit Getränken und Speisen, wurden zumal die klerikalen Herrschaften die Inquisitoren bestens versorgt. Und vor allem: Den Teilnehmern an diesem Mordsspektakel wurde der Ablass gewährt: Sie würden also in den Himmel kommen, das häretische Brand-Opfer natürlich nicht.
6.
Fra Diego, der Ketzer, gehörte als Diakon dem Reformorden der Augustiner an, den „Augustinern von Sant Adriano“ (S. 59). Er war schon mehrfach wegen Häresie aufgefallen, dreimal wurde er verhaftet, ins Gefängnis gesteckt, auf die Galeeren verurteilt. Einmal konnte er sogar aus dem Gefängnis der Inquisition fliehen, er wurde wieder verhaftet und nahm dann alle Kraft zusammen, den dort bestimmenden spanischen Inquisitor Don Juan Lopez Cisneros so schwer zu verletzen, dass er an den Folgen alsbald, am 4.4.1657, starb. Sciascia zeigt, mit welcher Verlogenheit dann die Propaganda der offiziellen Kirche diesen inquisitorischen Agenten von Verfolgung und Tötung mit Lobeshymnen überhäufte.
7.
Sciascia konnte trotz aller ausgiebiger Forschungen mangels eindeutiger Dokumente nicht zur Erkenntnis gelangt, was denn inhaltlich gesehen als Häresie Fra Diego vorgeworfen wurde (vgl. S. 97, auch S. 66). Sciascia kann nur aus einzelnen Hinweisen schließen, dass der Augustiner mit aller Leidenschaft für den Respekt des Evangeliums in seiner Kirche und in der weltlichen Herrschaft eintrat. Evangelium hieß für ihn immer: Das Tun der Gerechtigkeit, vor allem für die Armen. Seine letzten Worte kurz vor dem Flammentod werden überliefert: „Also ist Gott ungerecht“. Damit bezog sich Frau Diego auf die willkürliche Bibelinterpretation eines offiziellen Theologen, der mit ihm noch in letzter Minute sprach. Der junge Augustinermönch wird von Sciascia als Verteidiger humaner Werte dargestellt, der – letztendlich – schon damals die gemeinte Sache der Menschenrechte tausendmal wichtiger fand als Kirchenlehren. Fra Diego lebte in der Erinnerung weiter: Wiederum ein Augustiner, Fra Romualdo aus Caltanisetta, befasste sich mit dem „Ketzer“ Fra Diego, und nannte ihn, 50 Jahre nach dessen Hinrichtung, einen Märtyrer. So viel Lob für Fra Diego konnten die Kirchenoberen nicht ertragen, darum wurde der arme Fra Romualdo nun seinerseits am 6.4.1724 von der Inquisition verbrannt.
8.
Man sollte Sciascias Buch lesen und dabei auch seine Ironie, seinen Zorn gegen die Kirche, in den Zeilen und zwischen den Zeilen erkennen. Sciascia kennt auch die Kirche in der Mitte des 20. Jahrhunderts, er weist z.B. darauf hin, dass der Kölner Kardinal Joseph Frings auf dem 2. Vatikanischen Konzil heftig die Inquisition kritisierte (am8. November 1963). Er nannte die Inquisition und ihre personell bestens ausgestattete Behörde im Vatikan „eine Gefahrenquelle für die Gläubigen“ (S.103). Wohl wahr und …wie nett: „Eine Gefahrenquelle“, die man als Gläubiger also besser meidet und ergeben die allgemein vorgegebenen ethischen und dogmatischen offiziellen Lehren befolgt…

Leonardo Sciascia, Ein Sizilianer von festen Prinzipien. Edition Converso, Bad Herrenalb, 2021, aus dem Italienischen von Monika Lustig. 192 Seiten, 23 €.
Das Buch enthält darüber hinaus ein Grußwort der Übersetzerin Monika Lustig sowie die kleine, aber unglaublich bewegende Studie aus der Zeit der Pinochet – Diktatur in Chile mit dem Titel „Der Mann mit der Sturmmaske“. In diesem Beitrag Sciascias wird auch auf Verbindungen zur verbrecherischen, faschistischen, von Deutschen gegründeten „Colonia Dignidad“ hingewiesen. Erhellend ist auch ein umfangreicherer Essay über Sciascias Leben und Werk von Maike Albath mit dem Titel „Klarheit, Vernunft und Häresie“ sowie ein kurzer Essay von Santo Piazzese über „Die ironie – ein sizilianisches Instrument des Überlebens“.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Der Wahn der „Pro-Life“ Frommen in den USA und ihr Hass auf Präsident Joe Biden.

Katholische Bischöfe der USA gegen Präsident Joe Biden
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
„Gott sieht alles“: Kaum zu glauben, dass ein katholischer Erzbischof so viel theologische Naivität noch im Januar 2021 öffentlich bekennt: Diesen moralischen Spruch, mit erhobenem Zeigefinger gesprochen bei „Standpauken“ in vergangenen Jahrhunderten, erlaubt sich jetzt Erzbischof José Gomez von Los Angeles, USA: „Wir befinden uns alle unter dem wachsamen-strengen Blick Gottes“. Und diese Mahnung bezieht er auf den wenn nicht verhassten, so doch von ihm verachteten katholischen Präsidenten Joe Biden „Gott wird dich, den praktizierenden Katholiken Jo Biden, im Endgericht bestrafen“. Dies ist der Klartext des erzbischöflichen Urteils. Denn Biden begeht die in katholischer Sicht übelste aller nur üblen Sünden: Er verteidigt die gesetzlich geregelte Abtreibung! Erzbischof Gomez ist empört: Die politische Haltung Bidens „fördere die schlechte Moral, sie könnten das Leben und die menschliche Würde bedrohen“. Dies gelte „besonders schwerwiegend in Fragen der Abtreibung, der irrtümlichen Bewertung der Ehe (gemeint ist die sogenannte Homoehe, C.M.) und der Ordnung der Geschlechter“. Wer es immer noch nicht weiß, dem schlägt Erzbischof Gomez noch einmal die oberste katholische Glaubenslehre um die Ohren: „Die Frage der Abtreibung ist für die Bischöfe die erste aller Prioritäten“. (La Croix, 21.1.2021). Wie schön war es doch für diese Herren unter Präsident Trump, der immer wieder sagte: Ich verteidige immer Pro Life!
2.
Erzbischof Gomez, zugleich der Vorsitzende der Bischofskonferenz der USA, befeuert mit seinen Sprüchen nur die Abwehr von Präsident Biden durch konservativ – reaktionäre und, wie wir spätestens seit dem 6.1.2021 wissen, auch rechtsextreme US-Bürger. Sie sind alles andere als eine Minderheit. Die Waffen liegen ja bekanntlich in jedem „guten“ US-Haushalt bereit…
Man möchte vielleicht noch schmunzeln über das Aufwärmen dieses alten infantilen Gottesbildes, wenn die politische Lage nicht ernst wäre: Denn der politische Kampf der katholischen Hierarchen und ihrer Getreuen in den USA geht unter Präsident Biden weiter. Und er bündelt sich in einem einzigen permanent verwendeten Kampfbegriff und der heißt seit Jahrzehnten schon „Pro Life“. Diese beiden Worte sind nur ein Symbol für die kämpferische Ablehnung der umfassenden Selbstbestimmung der Frauen, für den Hass auf die umfassende Gleichberechtigung der Homosexuellen, für die Zurückweisung jeglicher Form der aktiven Sterbehilfe.
3.
„Pro Life“ ist Ersatz für einen spirituellen Gottesbezug, „Pro Life“ wird zum Kampfbegriff für das totale Verbot von Abtreibung, heute üblich im Katholischen Polen und in vielen so genannten katholischen Staaten Lateinamerikas. Diese Leute wehren Flüchtlinge ab, verhindern eine soziale Gesetzgebung, vernachlässigen die Armen, unterdrücken die sinnvolle Geburtenkontrolle, verstärken den Macho-Wahn, d.h. sie sind alles andere als „pro life“ eingestellt
4.
Ich habe auf dieser Website mehrfach darauf hingewiesen, dass Pro Life eine fixe Idee konservativer Katholiken weltweit ist.
Und dass sich hinter dieser fixen Idee der letzte Versuch des Klerus zeigt, noch einmal die Gesetze der Staaten, selbst der Demokratien, zu bestimmen. Der zölibatäre Klerus fordert die Verteidigung des ungeborenen Lebens immer noch so unverschämt, möchte man sagen, angesichts der tausendfachen Verbrechen an Kindern durch Priester, angesichts der üblen, verbrecherischen Behandlung von Kindern in kirchlichen Heimen in Irland und anderswo. Das geborene Leben haben Kleriker oft genug zerstört.
5.
All das ist tausendmal gesagt worden. Warum nun erneut darauf hinweisen? Weil es eine Tatsache ist, dass 2020 ca. 55 Prozent der Katholiken für Trump gestimmt haben, dass die fundamentalistisch – evangelikale Mentalität unter Katholiken sich immer mehr durchsetzt. Dass unter denen, die das Kapitol am 6.1.2021 besetzten, viele Katholiken waren. Sie werden sich durch die Worte von Erzbischof Gomez, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz der USA, bestätigt und ermuntert fühlen. In der Beilage zur Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Christ und Welt“ vom 21. 1. 2021, Seite 5 berichtet der prominente us-amerikanische Jesuit James Martin: „Während des US-Wahlkampfes haben katholische Würdenträger Joe Biden dämonisiert. Sie sind mitschuldig am Sturm auf das Kapitol.“ Pater James Martin erinnert weiter an ein Statement von Erzbischof Carlo Maria Vigano, er lebt als EX-Nuntius des Papstes in den USA: „Mr. Biden ist eine von der Elite manipulierte Marionette in den Händen von Leuten, die nach Macht dürsten…Die Wahl von Biden werde ein fast satanisches Zeitalter einleiten, das durch Ökumene, Umweltschutz, Pansexualismus und Immigrationismus (sic!) gekennzeichnet sei“. Pater James Martin nennt die Konsequenzen dieses Wahns, vertreten durch höchste Kleriker: „Wenn diese Partei des Todes, (also die Demokraten, C.M.), an die Macht kommt, dann muss man Widerstand leisten, mit allen Mitteln“.
6.
Die USA sind gespalten, und sie bleiben gespalten und die Menschen hassen einander, weil so viele prominente Kleriker viel Unsinn verbreiten. Wir sind gespannt, wie lange der kritische Pater James Martin noch so offen schreiben darf. Der Katholizismus erlebt aller Orten einen Rechtsrutsch, einen Schub ins Irrationale, in eine Glaubenshaltung, die sich von vernünftigen Begründungen verabschiedet. Und manch ein Christ, der noch auf ein vernünftiges Christentum hofft, denkt sehr oft: „O Gott, gebe es doch bloß weniger „Religion“, weniger spinöse Theologie und viel weniger absurde „fundamentalistische Frömmigkeit“.
7.
Wer sich für weitere Details interessiert sollte den Beitrag in der objektiven Zeitschrift „National Catholic Reporter“ lesen vom 21.1.2021 lesen: https://www.ncronline.org/news/politics/dueling-statements-us-bishops-pope-inauguration-day
8.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat geurteilt: Die Nichtgewährung einer realen Möglichkeit auf Schwangerschaftsunterbrechung im Falle eine Bedrohung der Gesundheit der Schwangeren oder einer ernsten Schädigung der „Leibesfrucht“ ist eine Missachtung des persönlichen und familiären Lebens.

PS.:
Es ist gewiss unnötig zu betonen, dass Kritiker der Pro-Life-Ideologie selbstverständlich das menschliche Leben lieben, das Leben in Gerechtigkeit und Würde für alle Geborenen. Kritiker der Pro-Life-Ideologie lieben auch das Leben der ungeborenen Menschen. Sie bestehen nur darauf, dass dieser Lebensschutz des Ungeborenen auch zeitlich genau bestimmt werden muss und in einem Gleichgewicht stehen muss mit der unterschiedlichen Situation der Frauen und deren Selbstbestimmung.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de