Monatsarchiv



Mit Hegel Gott denken

24. Juli 2009 | Von | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Mit dem Philosophen  Hegel Gott denken  – Möglichkeiten und Grenzen

Ein Salonabend im Hause Hegel

Eine imaginäre Begegnung anläßlich eines klassischen Themas, das viele heute für überholt halten. das aber doch einen philosophischen Reiz nicht verloren hat…

Von Christian Modehn

Im Wein liegt Wahrheit, und mit der stößt man überall an.« Ein Bonmot, das sich in ganz Berlin herumgesprochen hat. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat es formuliert, und es wird ihm immer vorgehalten, wenn er, bei einigen Gläsern Wein, abends zum Salon einlädt. Treffpunkt ist seine Wohnung »Am Kupfergraben Nr. 4«, ganz in der Nähe der Prachtstraße »Unter den Linden« mit der Universität.

Die heutige Runde will darüber nachdenken, wie die Vernunft einen Beitrag leisten kann zur Versöhnung der zerstrittenen und zerrissenen Gesellschaft: Manche Leute halten sich streng an die dogmatische Wahrheit, andere lassen jedem seine Überzeugung, sind für die Toleranz. Etliche setzen nur auf Spiritualität, die anderen auf den Atheismus. Viele wollen Gott nur im Gefühlsrausch erleben, andere möchten einen klaren Kopf bewahren, wenn sie beten.

»Gibt es bei diesen zerstrittenen Positionen einen vernünftigen Ausweg, eine Versöhnung?« Mit diesen Worten begrüßt Hegel seine Gäste, zwei Theologen und drei Philosophen. Sie wissen längst, dass Hegel der Vernunft sehr viel zutraut: Nur sie darf Staat und Gesellschaft bestimmen, nur sie soll den Menschen leiten in seinen Entscheidungen. Und schließlich sollte die Vernunft auch die Religionen bestimmen. »Darum schlage ich für unsere heutige Sitzung in unserem Salon das Thema vor: Wie lässt sich Gott denken, ja mehr noch, lässt sich vielleicht die Existenz Gottes in der Philosophie beweisen?«

Mit dieser Frage haben die Gäste beinahe gerechnet, denn die Erkennbarkeit Gottes im Denken ist eines der Lieblingsthemen des Meisterdenkers Hegel. Um das Wohlwollen seiner Gäste zu gewinnen, erhebt Hegel das Glas und sagt: »Auf die Erkenntnis der Wahrheit.«

Die Gäste wissen natürlich, dass Hegel, durchaus unbescheiden, dazu neigt, sein eigenes Denken als »die« Wahrheit zu bezeichnen. Und das empfinden viele als »anstößig«, weil er in höchster geistiger Anstrengung die Erkennbarkeit Gottes zur Grundlage seiner Philosophie macht. Wird sich auch in dieser Runde Gott im Denken beweisen lassen? Ein spannendes Thema, das vielleicht einen eher lockeren Einstieg verdient, meint der evangelische Theologe und Psychologe Günter Funke: »Gottesbeweise sind einfach wunderbare intellektuelle Spiele. Das hat mit der Freude am Denken zu tun. Und warum soll man sich nicht mal hinsetzen und sagen: Versuchen wir es mal.«

Hegel möchte diese etwas flapsige Äußerung schon fast »anstößig« finden und laut widersprechen, aber er besinnt sich und erklärt sanft: »Nach Möglichkeiten von Gottesbeweisen zu suchen ist alles andere als ein Spiel. Erst, wenn wir sicher Gott erkennen, finden wir Halt und Sinn. Die Erkenntnis Gottes ist im Denken des Menschen begründet. Denn mit unserer Vernunft überschreiten wir das Endliche und Begrenzte. Wir sind kraft unserer Vernunft über alle Einschränkungen der Welt hinaus auf den Unendlichen, auf Gott, bezogen.«

Die Gäste im Hause Hegel schauen sich an und denken: Da hat uns also Hegel gleich ins Zentrum seiner Philosophie geschleudert: Denn er begründet in allen Teilen seines weitreichenden Systems, warum der Mensch die geistige Kraft hat, die Grenzen des Weltlichen und Bedingten zu überschreiten. Der Mensch sei wesentlich Geist, das unterscheide ihn vom Tier. Und der Geist lehrt Leben, Lieben und Hoffen. Darum dürften die Naturwissenschaftler auch nicht das letzte Wort haben. Sie könnten gar nicht verstehen, was unsere menschliche Wirklichkeit ist, was Person und Ethik, soziales Leben und Politik, Kunst und Religion bedeuten. Überall da wirke der Geist, und der habe so viel Energie, die Welt auf Gott hin zu öffnen. »Und genau da sind wir wieder bei unserer Sache«, sagt der Philosoph Volker Gerhardt: »Ich glaube, dass wir heute das Thema des Göttlichen oder Gottes ganz selbstverständlich auf die Tagesordnung der Philosophie setzen.«

Hegel atmet auf: Seine Gäste wollen sich also nicht »aus Eitelkeit«, wie er gern sagt, am Weltlichen und Irdischen festklammern. In aller Deutlichkeit schärft er ein: »Wenn wir nach Gott im Denken fragen, dann ist das alles andere als eine plötzliche Erleuchtung, alles andere als ein persönliches Wunder. In der Arbeit der Vernunft gelangen wir zum Erleben des Schönen, Wahren, Guten, zu geistigen Wirklichkeiten.«

Voller Bedacht trinkt Hegel einen Schluck Riesling. Die Gäste beobachten, wie er sich den guten Tropfen auf der Zunge zergehen lässt. Als Schwabe ist er ein Weinkenner … dann fährt er fort:

»Den philosophischen Weg zu Gott nenne ich Gottesbeweis. Und der Beweis beginnt damit, dass wir feststellen: In unserer Vernunft überwinden wir alles Begrenzte, Endliche, Weltliche.«

Die Philosophen in der Runde können dem nur zustimmen. Ohne kritisches Denken gibt es nur diffuse Gefühle, Vorurteile, Illusionen. Die entscheidende Frage muss jetzt diskutiert werden: Warum ist alles Weltliche überhaupt da? Warum gibt es Werden und Vergehen? Darauf will der Philosoph Edmund Runggaldier, ein Jesuit, eingehen: »Der Ausgangspunkt ist zunächst einmal die Erfahrung, dass es Veränderung gibt, und die Überzeugung, dass es für jedes Phänomen eine Ursache braucht. Aus diesen Überzeugungen schließe ich auf etwas, das dahinter ist. Wie ist es zur Entstehung dieses Kosmos gekommen? Wenn es stimmt, dass etwas nötig ist, damit etwas entstehen kann, dann muss es doch etwas geben, das Grund dafür ist, dass der Kosmos tatsächlich zu existieren begonnen hat.«

Die »Gottesbeweise« wollen zeigen, dass dieser »Urgrund« ganz anders ist als der Ursprung einer Sache, er ist kein raum-zeitlich bestimmbarer Gegenstand. Auf das Stichwort »Urgrund« hat ein anderer Philosoph in Hegels Salon nur gewartet: Der Philosoph Michael Theunissen erinnert daran, dass der »Urgrund«, das Göttliche, nicht als eine jenseitige und himmlische, ferne und fremde Wirklichkeit gedacht werden sollte. »Eine von Hegels wichtigsten Einsichten ist: Das Endliche, Weltliche, kann nicht in sich selbst stehen, es verweist auf ein absolutes Sein, das es trägt. Das Endliche ist nicht aus eigener Kraft lebendig, es trägt sich nicht selbst. Wir müssen das Absolute annehmen als den Grund unserer selbst, so dass das Absolute die Substanz unserer eigenen Wirklichkeit ist.«

Hegel lächelt zufrieden. Besser hätte er es auch nicht sagen können. Alle geistige Energie im Menschen stammt vom Schöpfer des ganzen Universums. Dass der biblische Schöpfungsbericht nicht wörtlich zu nehmen ist, versteht sich in diesem Kreis von selbst! Trotzdem hält man fest: Mensch und Gott sind aufs Innigste verbunden. Wir leben aus der geistigen Kraft, die uns geschaffen hat. Von dieser Einsicht ist Günter Funke ganz begeistert: »Dieses Leben, das uns im Leben hält, haben wir uns selber nicht gegeben, nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzglas machen, weil das Leben immer schon da ist. Das heißt: Wir können im Reagenzglas dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen, weil er in allem Lebenschaffen immer schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.«

Ein Gast saß bisher schweigsam und in sich gekehrt in der Runde. Jetzt will er unbedingt das Wort ergreifen. Eine leichte Empörung kann er nicht verbergen. Pater Klaus Schlapp ist Zisterziensermönch in der alt-katholischen Kirche: »Ich glaube nicht, dass man die Gottesfrage gedanklich klären kann. Wie kann man die Gefühle einer Mutter zu ihrem Kind philosophisch erklären? Wie kann man die Liebe Gottes zu den Menschen philosophisch erklären? Und die Objektivität des Glaubens, die steht in Ihnen, in Ihren Herzen. Das ist nicht etwas, was ich wissenschaftlich weitergeben kann. Oder auch philosophisch klären kann. Wie kann man Gott mit Logik erfassen? Ich denke, da werden wir immer wieder scheitern. Ich kann Gott immer dann erfassen, wenn ich selbst aufhöre, irgendetwas zu wollen.«

Für die Philosophen in Hegels Salon ist dieses Bekenntnis eine Provokation. Aber das Misstrauen der Frommen gegenüber der Philosophie könne doch überwunden werden, meint Edmund Runggaldier: »Sollte meine Vernunft ständig gegen diesen Glauben an Gott sprechen, so wäre ich innerlich zerrissen. Und das wäre ungesund und äußerst unangenehm. Ein vernünftiger Glaube hilft, eine einheitliche, konsistente Auffassung der Wirklichkeit zu haben. Und diese einheitliche Auffassung hilft mir auch, den Alltag leichter zu bewältigen, ohne dass ich schizophren sein müsste: hier Rationalität der Wissenschaft, dort Irrationalität des Glaubens. Diese Spaltung wäre äußerst ungesund.«

Die Gotteserkenntnis führt also zu einer Stimmigkeit in meinem Leben, sie fördert das seelische Wohlbefinden und die Ausgeglichenheit des Geistes.

Selbst bei einem guten Tropfen kann Pater Schlapp seinen Unmut nicht überwinden: Muss man denn gleich von einem »Gottes-Beweis« sprechen, fragt er ein wenig mürrisch. Hegel möchte am liebsten zornig werden:

»Wie oft habe ich schon gesagt, dass Philosophie nicht Mathematik ist und dass deswegen ein philosophischer Beweis nicht die Qualität eines mathematischen Beweises hat. Wir Philosophen haben nichts mit Geometrie zu tun!«

Hegels Argument wird von dem Philosophen Günter Figal unterstützt: »Beweis ist vielleicht das falsche Wort in dem Zusammenhang. Beweisen kann man nicht, was letztlich nur durch eine intensive Erfahrung zugänglich ist. Man kann es erläutern und ausdeuten und kann zeigen, dass das, was da erläutert wird, eine Sache ist, die nicht etwa durch die Erläuterung von uns erfunden worden ist. Wenn man das einen Beweis nennt, wäre ich einverstanden.«

Hegel ist froh darüber, dass einer seiner Gäste auch neue Argumente für Gott vorstellen will; er setzt beim Suchen und Sehnen nach einem sinnvollen Leben an. Der Philosoph Volker Gerhardt betont: »Meines Erachtens ist das Wesentliche in dieser Demonstration der Unverzichtbarkeit Gottes dadurch gegeben, dass wir nicht ohne Sinn handeln können. Wir sind auf etwas bezogen, was uns etwas bedeutet. Und das geht über unsere jeweilige Handlungsperspektive hinaus, und es geht auch über unser individuelles Dasein hinaus. Wie wollen wir Kinder erziehen und ihnen den Ernst des Daseins beibringen, wenn wir zugleich immer sagen: Ja, aber es ist alles ohne Bedeutung, denn letztlich hat ja alles keinen Sinn. Ich glaube, das kann jeder einsehen, dass wir den Sinn brauchen. Und wenn wir uns dann fragen, was einen solchen Sinn garantieren kann, dann sind wir bei dem, entschuldigen Sie die Formulierung, was man die Funktion Gottes nennen kann, da ist er unverzichtbar.«

Die Gäste Hegels kommen darin überein: Im Denken lässt sich Gott als ein tragender Lebenssinn, als absolutes Geheimnis »berühren«. Das ist doch viel! Bevor es zur weiteren Debatte kommt, bittet Karl Friedrich Rumohr, ein Freund Hegels, in die Küche: Rumohr hat eines der ersten großen Kochbücher verfasst. Jetzt serviert er einen deftigen Gemüse-Fleisch-Salat. Und während die Gäste speisen, gibt er, selbstverständlich mit Zustimmung des Gastgebers, einen kleinen Witz preis: »Ein Sohn fragt seinen Vater: Hat Gott die Welt wirklich erschaffen und fertiggestellt? – Ja, mein Sohn, das hat er. – Aber Vater: Was macht Gott denn jetzt ständig im Himmel nach der Fertigstellung der Schöpfung? – Mein Sohn, höre! Gott sitzt Modell für das Absolute im Denken Hegels.«

Hegel schmunzelt, und mit einer gewissen Betroffenheit schauen die Gäste in die Runde: Weiß Hegel nicht vielleicht doch zu viel von Gott? Kann er zu Recht sagen, Gott im Denken als den Dreifaltigen zu erkennen? Ist der Unendliche nicht vor allem Geheimnis? Reicht es nicht zu wissen, dass Gott da ist? Wird der bewiesene Gott nicht zu einem Gegenstand, den man handhaben kann? Der evangelische Theologe Günter Funke meldet sich energisch zu Wort: »Der Mensch möchte verfügen. Und er fügt dann Gott ein in seine Konstrukte. Viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern, dann werden die Vorstellungen überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.« Philosophie, so lässt sich Hegel belehren, sollte vor allem interessiert sein, vor übereilten Festlegungen zu bewahren, den Raum des göttlichen Geheimnisses zu öffnen. Der Gastgeber erinnert an die Überzeugungen seiner Jugend: »Schon als junger Philosoph in Tübingen habe ich gelehrt: Die Lebendigkeit, das Leben selbst, ist die innere Quelle, Gott zu erfahren. Ich lasse mich deswegen auch heute gern von der Musik von Johann Sebastian Bach ansprechen, weil sie so deutlich den Übergang des Menschen zu Gott und die Hinwendung Gottes zum Menschen ausdrückt.«

Die Runde in Hegels Salon ist von der Begeisterung fürs Denken erfasst, aber sie möchte jeglichen blinden Eifer vermeiden. Darum muss der praktische Stellenwert der Gottesbeweise noch erklärt werden. Denn so könnte sich niemand mehr der Beziehung zu Gott entziehen. Dann »müssten« sich alle Menschen notwendigerweise an Gott halten, wenn sie nicht als Dummköpfe gelten wollen. Und die Philosophen könnten sich als »Gottesbeweiser« in den Dienst der Kirchen stellen. Sie wären dann philosophische Missionare.

Aber alle Tatsachen sprechen dagegen. Es gibt Atheisten genauso wie fromme Leute, die ohne jeglichen Gottesbeweis offenbar glücklich leben. Die »Gottesbeweise« bieten also persönliche Gewissheit, aber keine mathematisch zwingende Erkenntnis. Sie sind vor allem für jene Menschen von Nutzen, die schon einen gewissen Sinn für eine göttliche Wirklichkeit haben. Auf diese entscheidende Nuance weist Edmund Runggaldier hin: »Zunächst geht es darum zu klären, wie wir Theisten die Wirklichkeit deuten, damit unser Glaube konsistent sei. Denn wenn er widersprüchlich ist, dann kann er nicht stimmen. Erst in einem weiteren Schritt kann ich mich dann bemühen, einem Nichtgläubigen zu erklären, was die Gründe sind, die mich dazu bewegen, trotz der Religionskritik zu meinem Glauben zu stehen.«

Philosophische Argumente zur Gottesfrage behalten aber doch ihre aktuelle Gültigkeit, ruft Hegel in die Runde: »Im Erkennen Gottes beziehen wir uns auf eine göttliche Welt, in der alle Menschen sozusagen Kinder Gottes sind. Das heißt: Alle Menschen sind in gleicher Weise wertvoll und bedeutend. Und das gilt absolut, ist unumstößliche Wahrheit. Philosophische Gotteserkenntnis ist durchaus politisch zu verstehen im Sinne einer gerechten, brüderlichen Gesellschaft.«

Bevor die Runde ein letztes Gläschen trinkt, will Volker Gerhardt noch auf die spirituelle Bedeutung philosophischer Gotteserkenntnis hinweisen: »Ich denke, dass man heute vom Individuum her auf den Glauben zugeht. Deswegen braucht man die Kirche nicht notwendigerweise als einzelner Mensch. Man braucht keine Dogmen, sondern man kann aus der persönlichen Erfahrung heraus im Denken seine Beziehung zu Gott finden.«

Hegel hebt das Glas und sagt zum Schluss: »Trotzdem brauchen wir eine Gemeinschaft, eine Gemeinde der kritisch Denkenden, eine philosophische Gemeinschaft im Salon oder im philosophischen Café. Diese neue Gemeinde der Philosophen bestärkt uns auf dem Weg der Vernunft.«



Was ist die Zeit – in unterschiedlichen Kulturen

20. Juli 2009 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog

Was ist die Zeit?
Andere Länder, andere Zeiten
Zwischen Zukunftsstress und ewiger Gegenwart
Von Christian Modehn

„Wenn es jemand eilig hat, zeigt er nur, dass er keinen Anstand besitzt und von teuflischem Streben besessen ist“, sagen Menschen aus dem Volk der Kabylen in Algerien, „und Uhren sind deswegen die Mühlen des Teufels“. Ein paar tausend Kilometer weiter, in indischen Kleinstädten, können sich Freunde verabreden, um stundenlang zusammen zu sitzen, ohne dass jemand ein Wort sagt: Das gemeinsame Schweigen wird wie ein Stillstehen der Zeit erlebt und hoch geschätzt, es ist alles andere als peinlich. Nur die Gegenwart zählt! Darüber könnte einer der Gründerväter der USA nur lachen: Benjamin Franklin hat schon im 18. Jahrhundert eingeschärft: „Zeit ist Geld“! Die zur Verfügung stehenden Stunden, Wochen und Jahre muss jeder Menschen so produktiv wie möglich nutzen. Es ist normal, dass der Terminkalender zum Kompass des Lebens wird. Die katastrophale Gier nach Geld ist die Konsequenz des Mottos von Benjamin Franklin.
Touristen aus Deutschland nehmen kulturelle Unterschiede wahr, wenn sie z.B. in den kleinen Städten Spaniens oder Lateinamerikas mit „Einheimischen“ sprechen: „Manana“, „morgen“, heißt die gängige Entschuldigung, die oft auch ein Übermorgen meint, wenn das Auto eben nicht sofort repariert wird oder eine nötige Bescheinigung nicht sogleich zu haben ist. Menschen unterschiedlicher Kulturen haben unterschiedliche Bewertungen der Zeit. Aber Europäer und Nordamerikaner sind überheblich, wenn sie meinen: So wie wir die Zeit erleben und gestalten, sollten es alle Menschen überall und immer tun.
Seit einigen Jahren wird viel über die „Geographie des Zeitbewusstseins“ diskutiert. Der us – amerikanische Psychologe Robert Levine spricht von einer „Landkarte der Zeit“. Bei jedem Staat und darin noch einmal zu jeder dort lebendigen Kultur lässt sich genau beschreiben, wie die Menschen dort ihre Lebenszeit deuten und gestalten. Zwar sind alle Menschen grundsätzlich und unaufhebbar in das Fließen der Zeit hineingestellt. Sie entkommen nicht dem unaufhaltsamen Verschwinden und Werden der Wochen und Monate. Nirgendwo wird so deutlich erfahren, wie fremdbestimmt, d. h. wie wenig autonom wir gerade in dieser „Verkettung an die Zeit“  sind. Aber jede Kultur reagiert darauf mit einem spezifischen Verhalten.
Japan hat heute „den schnellsten Lebenstakt“, hat Robert Levine in seinen Forschungen festgestellt. Zukunft wird als bevorstehende Arbeit erlebt, Vergangenheit ist getane Arbeit. Selbst wenn Angestellte nicht unter Zeitdruck stehen, so erledigen sie auch dann alle Tätigkeiten so schnell wie möglich, hat Robert Levines beobachtet. Natürlich müssen bei derartigen „Kulturvergleichen“ Klischees vermieden werden. Andererseits betonen auch zahlreiche Kulturanthropologen und Ethnologen, dass es zahllose Deutungsmöglichkeiten der Zeit in den Ländern dieser Erde gibt. In Japan arbeiten die meisten Menschen deswegen so schnell und ausdauernd und verzichten gern auf gesetzlich garantierten Urlaub, weil sie sich den ungeschriebenen Normen ihrer Gruppe einfügen wollen. Zum hochgeschätzten Kollektiv zählt auch die Firma, mit der man sich möglichst ein Leben lang identifiziert. Ihr opfert man auch die Freizeit, man schläft wenig, gönnt sich keine Pause: Gegen die immer größere Gefahr, durch Überarbeitung, „Karoshi“, zu sterben, werden Hotlines eingerichtet. Wer sich Zukunft nur als die ewig wiederkehrende Geschäftigkeit vorstellen kann, neigt zum Suizid: Japan hat eine der höchsten Selbstmordraten der Welt.
Aber direkt neben den stressbestimmten Mega – Cities Asiens gibt es die buddhistischen Traditionen, etwa die Zen – Meditation, das stille Sitzen: Es ist das Eintauchen in eine umfassende Ruhe, die Konzentration auf die Gegenwart, den jeweiligen Atemzug. Man weilt ganz in der Gegenwart. „Diese gelassene Gegenwart ist nicht ins Vorher und Nachher zerstreut“, betont der koreanische Philosoph Byung-Chul Han. „Und virulent ist im buddhistisch motivierten Denken nur die Frage nach dem Jenseits der Zeit“, schreibt der Japanologe Peter Pörtner, „gut ist nur das Ende der Zeit, das Höchste Gut ist das Nirvana“.
Es ist offensichtlich, dass Menschen mit meditativer religiöser Praxis zu einem tiefen Erlebnis der Gegenwart gelangen. Gegenwart ist für den völlig an der Arbeitszukunft orientierten Menschen nur eine ewig wieder verschwindende Sekunde auf dem Zifferblatt der Uhr. Die arbeitsbesessenen Manager sollten sich z.B. nach Cusco, Peru, begeben und dort bei den indianischen Völkern erfahren, was ein ruhiges, gesammeltes Erleben der Gegenwart bedeutet. Die Quetschuas und Aymaras sind nicht so schnell aus der Balance ihres Lebens zu bringen, selbst wenn für sie aufgrund der ökonomischen Unterrückung ständig unvorhergesehene Schwierigkeiten eintreten. Der Philosoph Josef Estermann hat die Philosophie der autochthonen Bewohner des Andengebietes in Peru und Bolivien untersucht. Diese Menschen leben stark in ihrer religiösen Gewissheit, dass die Zeit des Heils und der Erlösung sich bereits in der Vergangenheit ereignet hat, also vor der Ankunft der Kolonisten und Missionare. Nicht auf eine neue, bessere Zukunft hoffen sie, sondern auf die Wiederherstellung der Heilszeit von einst. Nur weil sie sich mit dieser vergangenen Heilszeit auch im Ritus verbunden fühlen, können sie die Mühen und Leiden der Gegenwart annehmen: Eines Tages wird noch einmal das einst verlorene Paradies machtvoll wiederkehren.
Ob es an der „indianischen“ Prägung der Mentalität vieler Mexikaner liegt, dass dieses Land in der Tabelle Robert Levines zum „Lebenstempo in 31 Ländern“ an letzter Stelle steht? Das gemessene Tempo der Menschen beim Gehen ist in Mexiko noch betulicher als in Syrien, Brasilien oder Indonesien. Solche Erkenntnisse können fürs interkulturelle Leben wichtig sein: In einem Land, das wie Brasilien „jeden Anspruch auf Orientierung an der Uhr aufgegeben hat“ (so meint Levine), ist es nicht nur unfein, sondern geradewegs sinnlos, zu Einladungen pünktlich zu erscheinen. Wenn alle unpünktlich sind, muss sich der fremde Gast anpassen…Am schnellsten laufen die Menschen in der reichen Welt Europas und Nordamerikas: Am schnellsten gehen, so Levine, die Schweizer, gefolgt von den Iren, den Deutschen und den Japanern. Es besteht ganz offensichtlich ein Zusammenhang zwischen Lebenstempo und ökonomischem Wohlstand. So laufen denn auch in einem armen Land wie Papua – Neuguinea die Leute in der Hauptstadt Port Moresby schneller als in den kleinen Städten und Dörfern. Im ostafrikanischen Burundi kommen viele Bauern ganz ohne Uhren aus: Sie treffen ihre Verabredungen nach dem Rhythmus der Natur: „Man verabredet sich z.B.: „Wenn die Kühe draußen auf der Wiese zum Trinken sind, sehen wir uns“, berichtet Robert Levine, also irgendwann (!) vormittags. Man erwartet einander und hat Zeit füreinander.
Wie lange wird das noch so funktionieren? Die Uhr zwingt global alle Menschen, die offene Zukunft zu „bewältigen“, d.h. effektiv und produktiv zu auszufüllen. Signale, die unser Körper aussendet,  dass wir ruhen oder nachdenken sollten, müssen beim Diktat der Uhr und der Terminkalender überhört werden. Ob wir in 20 Jahren noch eine vielschichtige und bunte „Landkarte der Zeit“ haben, ist die Frage.

Dieser Beitrag erschien in Publik Forum.
Literaturhinweis:
-Robert Levine, Eine Landkarte der Zeit. 320 Seiten, 13. Auflage 2007, Piper Verlag, München, Zürich.
-Josef Estermann, Andine Philosophie. Eine interkulturelle Studie zur autochthonen andinen Weisheit. 353 Seiten, IKO- Verlag, 1999.
-Byung – Chul Han, Philosophie de Zen-Buddhismus. 135 Seiten, Reclam Verlag Stuttgart, 2002
-Peter Pörtner, Aspekte der Zeiterfahrung in Ostasien. In: Die Zeit im Wandel der Zeit. Intervalle,  Heft 6, dort S 77-97. kassel university press, 2002.



Manuela Kalsky, eine multireligiöse Theologin

20. Juli 2009 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog

»Ich bin vieles zugleich – und das ist bereichernd«
Manuela Kalsky – ldie utherische Theologin Manuela Kalsky leitet ein katholisches Institut und lebt eine vielfältige religiöse Identität

Von Christian Modehn

»Ich lebe seit vierundzwanzig Jahren als Deutsche in Amsterdam, spreche also eine andere Sprache. Außerdem bin ich als lutherische Theologin Leiterin des Studienzentrums des katholischen Dominikanerordens in Nijmegen. Ich habe keine eindeutige Identität, ich bin vieles zugleich.« Und dann fügt Manuela Kalsky hinzu: »Ich finde es bereichernd, Unterschiedliches zu verbinden und ein ausgrenzendes Denken – ein Denken im Entweder-oder-Schema – zu überwinden.«

Die vielfältig geprägte, »multiple« religiöse Identität – so der Fachausdruck – ist ein neues Thema in Europa. Die Theologin Manuela Kalsky stellt es in den Mittelpunkt ihrer Arbeit: »Ich habe nicht gedacht: So, jetzt erweitere ich mal meine religiöse und kulturelle Identität! Nein, das geschieht ganz einfach im alltäglichen Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Es ist eine allgemeine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist.«

Christlich geprägte Europäer und Amerikaner waren bislang überzeugt, dass nur einige wenige mystisch begabte Mönche unterschiedliche religiöse Traditionen in einer Person vereinigen könnten, so wie beispielsweise Bede Griffith oder Henri Le Saux. Oder der katalanische Priester Raimon Panikkar, der einmal erklärte: »Ich bin als Christ nach Indien gegangen, habe mich als Hindu gefunden und kehre als Buddhist zurück, ohne doch aufgehört zu haben, ein Christ zu sein.«

Für Manuela Kalsky wird die heute vielfach gelebte multiple religiöse Bindung in Westeuropa schlicht unterschätzt. Im Jahr 1961 in Salzgitter geboren, studierte sie evangelische Theologie in Marburg und Amsterdam, promovierte und beschäftigt sich seitdem vor allem auch mit der theologischen Frauenforschung. Ihre Kontakte zum Studienzentrum der Dominikaner für Theologie und Gesellschaft in Nijmegen wurden intensiver, und da der Orden ökumenisch arbeiten will, war ihre Berufung als lutherische Theologin zur Leiterin des Zentrums vor zehn Jahren nur folgerichtig. Dort hat Kalsky inzwischen eine multimediale Website eingerichtet, auf der sich Menschen über ihre neuen religiösen Erfahrungen austauschen können. 96 000 Besucher zählte die Seite www.reliflex.nl im vergangenen Jahr.

»Ich sage ja nicht, dass eine ursprüngliche, zum Beispiel jüdische oder christliche Identität fürs Leben nicht ausreicht; das muss letztlich jeder selbst beurteilen«, sagt die 47-jährige Theologin. »Ich plädiere lediglich dafür, dass Menschen, die aus unterschiedlichen religiösen Quellen leben, nicht gleich als oberflächliche Shopper im religiösen Supermarkt oder als Synkretisten diffamiert werden dürfen.« Die Globalisierung vollziehe sich eben auch im religiösen Bereich. Globalisierung meint hier positiv die weltweite interreligiöse Kommunikation.

Warum können Christen zum Beispiel nicht eingestehen, dass sie in ihrer eigenen Tradition nur ansatzweise Unterweisungen zum Gebet in der Stille und zur Meditation finden und deswegen viel von Zen-Buddhisten lernen und annehmen können? Warum können Buddhisten nicht von christlichen Befreiungstheologen den Einsatz für die Armen und Notleidenden als wesentlichen Ausdruck einer religiösen Weltanschauung übernehmen?

Christen können in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen auch ihre Verbindung mit Jesus von Nazareth neu sehen: »Nicht mehr der Glaube an Jesus steht dann im Mittelpunkt, sondern der Glaube mit ihm an ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit«, sagt Manuela Kalsky. Eine multiple Spiritualität sei prinzipiell tolerant. Aber selbstverständlich bringe jeder Mensch prägende Erfahrungen aus seiner ursprünglichen religiösen Tradition mit: »Vielschichtigkeit will nicht sagen, dass es keine Kontinuität gibt. Ich persönlich glaube noch immer an einen mich tragenden Gott, an eine unterstützende Kraft in meinem Leben, wenn’s schwierig wird, aber auch wenn es Erfolge zu feiern gibt. ›The wind beneath my wings‹, um es mit Bette Midler zu sagen.« Mit diesem Gottesbild sei sie aufgewachsen, es begleite sie noch heute, erzählt die evangelische Theologin. »Aber eine Haltung der Offenheit ist entscheidend: Wir sollten erst Fragen stellen und zuhören, bevor wir mit dem Erstellen von Kriterien religiöser Rechtmäßigkeit beginnen. Wie erfahren Menschen ihre Zugehörigkeit zu mehreren Religionen? Warum fügen sie Elemente aus unterschiedlichen Religionen zusammen?«

Diese ganze moderne Thematik will Manuela Kalsky zusammen mit dem Dominikanischen Studienzentrum weiter vertiefen: »Uns geht es um die Suche nach einer neuen Gemeinschaft, die auch die Nichtglaubenden, die Atheisten, mit einbezieht. Die Trennlinie verläuft nämlich nicht zwischen Atheisten, Agnostikern und religiösen Menschen, sondern zwischen Menschen, die sich für das gute Leben für alle einsetzen, und den anderen, die ausschließlich ihr eigenes Wohlbefinden im Blick haben.«



Nietzsche – spricht zu den Christen

18. Juli 2009 | Von | Kategorie: Religionskritik

Einige Freunde haben mich gebeten, einen kleinen Beitrag über Nietzsche aus dem Jahr 2001 noch einmal zugänglich zu machen, es handelt sich um den Versuch, einige wichtige Gedanken Nietzsche vor  allem gegenüber spirituell und kirchlich Interessierten –provokativ – deutlich zu machen.

»Man muss Jesus als das wärmste Herz denken«
Was Friedrich Nietzsche den Christen heute schreiben würde

Von Christian Modehn

100 Jahre bin ich nun tot. Aber meine Ideen, meine Vorschläge, meine Polemiken: Sie leben, sie sind wichtiger denn je. Nicht nur Martin Heidegger hat betont, dass man sich an mein Denken noch erinnern wird, wenn mein Name längst vergessen ist. Aber ich bin nicht vergessen. Ich bin heute wie früher auch umstritten, und das freut mich. Ihr wisst, dass ich nie zur Bescheidenheit neigte. Ängstlichkeit lag mir fern, und Autoritäten hab’ ich meist verabscheut. Ich wusste, was ich kann; und ich weiß, dass ich heute Euch Christen etwas zu sagen habe. Darum wende ich mich an Euch. Ihr wisst, dass ich deutliche Worte liebe und manchmal übertreibe, einfach nur, um die Wahrheit besser hervortreten zu lassen. Darum freue ich mich über Eure Toleranz und vor allem über Euren Mut, mitzudenken und keine falschen dogmatischen Barrieren aufzustellen. Denn ich hatte immer ein deutliches Gespür dafür, Dinge zu sagen, die niemand sonst so treffend formuliert hat. Typisch Nietzsche, werdet Ihr denken … Euer Neid sei Euch verziehen. Dass ich mich manchmal als Prophet fühlte, als Künder neuer, epochaler Wahrheiten, mag ein bisschen übertrieben gewesen sein, aber ganz Unrecht hatte ich ja oft nicht.

Darf ich darum zuerst an einen Satz aus meinem Zarathustra-Buch erinnern? »Ich beschwöre Euch, meine Brüder (und Schwestern), bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche Euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.«  Ihr wisst, das ist mein Programm: »Bleibt der Erde treu!« Wie oft habe ich als Sohn eines evangelischen Pfarrers erleben müssen: Fromme Leute, die ihre ganze Existenz auf dieser Welt schon auf den Himmel ausrichteten. Sie hatten kein Gespür für die schöne Welt, für die Natur, den Leib, die Sexualität, die Lust, ja, durchaus auch den Spaß; sie hatten keinen Sinn für die Befreiung und Entwicklung des ganzen, des leibhaftigen Menschen. Sie gönnten sich nichts, sie waren Asketen und schwärmten nur vom Himmel. »Bleibt der Erde treu«, heißt mein Programm. »Schaut nicht hinauf in den Himmel«, hat das nicht schon Jesus den Jüngern im Moment seiner Himmelfahrt zugerufen? Ich meine nach wie vor: Bleiben wir irdisch, bleiben wir menschlich, hüten wir uns, auf der Seite Gottes zu stehen und als Agenten seiner Wahrheiten aufzutreten. Hat nicht Joseph Ratzinger schon in München das Kardinals – Motto gewählt: „Mitarbeiter der Wahrheit“? Welch ein Wahn, würde ich sagen…Wer uns von der Erde loslösen und in himmlische, charismatische, fromme, transzendente Regionen entführen will, der vergiftet uns: Das wollte ich mit meinem Wort »Giftmischer« sagen. Geistliche Meister des Jenseits vergiften unser Leben, nehmen uns langsam dosiert unsere Lebensenergie weg. Sie verderben unser Dasein, weil sie uns in der angeblich ewigen Spaltung von Diesseits und Jenseits festlegen wollen. Das Diesseits ist das Jammertal, das unsichtbare Jenseits das Paradies, diese Ideen leben noch heute. Warum hat eigentlich der Vatikan so sehr gegen die Befreiungstheologie polemisiert und ihre Verteidiger schikaniert? Weil diese Christen der Erde treu bleiben wollten. Weil „Seelsorge“ als der einzige Auftrag der Kirche endlich, endlich, zurückgewiesen wird. Weil es auf Leibsorge ankommt, auf eine bessere Gesellschaft. Weil die Befreiungstheologen Nahrung für alle und gerechte Verhältnisse einklagen und das zumindest genauso wichtig fanden wie die Welt der Dogmen. Oder irre ich? Ein Papst, der einmal eine Enzyklika mit dem Titel »Bleibt der Erde treu« schreibt, wird sicher danach auf allen sakralen, barocken Pomp verzichten und anstelle von kostspieligen Weltreisen Gesundheitsprogramme in Afrika, vor allem die Aids-Prophylaxe, massiv und wirksam fördern. Jetzt werden Aids betroffene Afrikaner von vielen Katholiken nicht mit Leben schützenden Kondomen versorgt, sondern in Sterbekliniken aufs Jenseits vorbereitet. Sehr löblich, diese Sterbebegleitung, aber sollte man nicht zuerst das Leben schützen? Den Homosexuellen verbietet der Papst zu lieben, also im umfassenden Sinne zu leben; sie sollen sozusagen ihre Lebensenergien unterdrücken, als »Nobody« leben. Wer der Erde treu bleibt und auch seinem Leib, wird Sexualität als Form der lebendigen Transzendenz erleben. Wie schreibt doch der Professor für evangelische Theologie Manfred Jossutis so schön, in meinem Sinn denke ich: »Menschliche Sexualität hat eine transzendierende Tendenz. Wer die Sexualität verweltlicht, fördert die Verarmung des menschlichen Lebens.« Deswegen noch einmal: Hören wir auf mit der Trennung von Diesseits und Jenseits, von schlechtem Weltlich-Menschlichen (Sexuellen) einerseits und gutem und reinem Jenseitigen. Bleiben wir vielmehr der Erde – ganzheitlich – treu!

Ihr wisst, dass ich, Friedrich Nietzsche, mich gerade in der letzten Phase meines klaren Daseins, also vor meinem Zusammenbruch 1889, besonders entschieden gegen die Macht der Kirchen gewandt habe. Ich kam in »Rage«, wie die Franzosen sagen. Ich war ein Philosoph mit Wut im Bauch, aber das immer nur als Durchgangsstadium hin zu einer »Fröhlichen Wissenschaft«, wie ich sagte, zu einer Philosophie als fröhlicher Lebenskunst. Das war mein Lebensziel. Tatsächlich sah ich mich aber selbst am Sterbebett des Christentums sitzen; die Institution Kirche war für mich »fragwürdig und furchtbar«, sie war für mich »zum Grab Gottes geworden«. Denn ich spürte intensiv: Die alte religiöse Welt geht zu Ende, die alte Glaubenswelt bricht zusammen, die früher den Menschen Halt und Richtung gab. Aber ich habe dann doch das Ende des institutionalisierten Christentums als Hoffnung und Befreiung gedeutet, weil alle Energie nun auf die Erde, auf das glückliche Leben im Hier und Jetzt gerichtet werden kann. »Weil wir unser Dasein heiligen können«, wie ich sagte, weil wir als Menschen von unendlichem Wert werden. Darum habe ich ja den Vorschlag gemacht, dass wir Menschen zu Übermenschen werden müssten. Der Übermensch: Ein Wort, das leider oft völlig missverstanden wurde, vielleicht habe ich mich aber nicht immer klar genug ausgedrückt. Aber PhilosophInnen wie Annemarie Pieper (Basel) oder Günter Figal (Freiburg) und andere haben Euch darauf hingewiesen: Mit dem Übermenschen meine ich, dass wir auf eine neue Art leben sollten, dass wir sozusagen den »alten Menschen«, von dem ja auch schon das Neue Testament voll ist, hinter uns lassen. »Übermensch ist ein Name für die menschliche Freiheit«, sagt Günter Figal. Der Übermensch hat nichts mit der »Herrenmoral« zu tun; er ist vielmehr der Mensch, der sich gegen den um sich greifenden Nihilismus wendet und seinem Leben selbst einen Sinn gibt. Er ist dabei, die Einheitlichkeit im Leben zu schaffen, Göttliches und Menschliches als Einheit zu gestalten.

Denn Ihr müsst wissen: Ich habe dem Begriff des Übermenschen, des »freien Menschen«, der aus seinem Leben ein »Kunstwerk« macht, stets den »letzten Menschen« gegenübergestellt. Der »letzte Mensch« ist für mich der alltägliche Mensch, der sich um nichts anderes kümmert als um das banale Leben. Er ist sozusagen der Materialist, der keine Fragen mehr nach dem Sinn und Zweck des Ganzen stellt. Der »letzte Mensch« ist von mir durchaus im qualitativen Sinne gemeint, so etwa, wenn Ihr abschätzig sagt: »Na, der ist ja der Letzte.« Für mich ist dieser klein karierte Menschentyp Inbegriff des Nihilismus, von dem ich immer wieder gesprochen habe. Ich habe ja unsere Epoche insgesamt als nihilistisch bezeichnet. Ich hatte die tiefe Erfahrung der modernen Menschen gespürt und gesagt: Unsere Epoche ist nihilistisch. Die tragenden Werte, der gründende Sinn, der transzendente Horizont, alles das ist »nichts«. Vor allem der alte Gott im Himmel, der Herrscher, der Richter, der Ursprung der Moral, dieser Gott gilt nichts mehr, lebt nicht mehr, weckt keine Lebensenergie. Ich habe den »tollen Menschen« in meinem Buch »Fröhliche Wissenschaft« diese Erfahrung in Form einer Parabel sprechen lassen, fast wie einen biblischen Text. Ich habe gesagt, dass Menschen den bisher geglaubten Gott getötet haben, eben weil sie nicht länger die Zerrissenheit von Diesseits und Jenseits ertragen konnten. Ich habe den »tollen Menschen« sagen lassen, dass mit dem Tod Gottes ein Chaos eintreten wird, von Absturz, Kälte, Finsternis habe ich gesprochen als Konsequenzen dieses Erlebens, dass der »alte Gott« nichts mehr gilt. Der bisher übliche transzendente Horizont ist »weggewischt«. Wir nach dem „Tod Gottes“ ein neuer, ein „göttlicher Gott“ erscheinen, wie Martin Heidegger sagte? Die Frage ist offen. Sehnen sich die Menschen nach einen „göttlichen Gott“? Sehnen sich die Christen nach dem göttlichen Gott oder bevorzugen Sie Pater Pio und den Landpfarrer Johannes Vianney und Lourdes und Fatima und den Papst-Kult???

Darüber hinaus sage ich, Friedrich Nietzsche, gar nicht so viel Neues zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Der Nihilismus ist – zumindest in Europa und Amerika, in Japan und Australien – die allgemeine Religion geworden. Aber Ihr versteht mich völlig falsch, wenn Ihr denkt: Der Nietzsche will doch nur, dass es bei diesem Nihilismus bleiben soll. Das Gegenteil ist wahr: Ich habe mich immer gegen den platten Nihilismus, gegen die banale Weltlichkeit gewehrt. Der letzte Mensch, der Nihilist, »macht alle klein«, habe ich im Zarathustra geschrieben, einen hartnäckig dahinvegetierenden »Erdfloh« habe ich ihn abschätzig-übertreibend genannt. Ihm habe ich, ich komme noch mal darauf zurück,  den Übermenschen gegenübergestellt, den freien Menschen, von dem ich schrieb: In ihm selbst »tanzt der Gott«. Im Leben erlebt er Göttliches, Heiliges…

Ich meine also: Wir müssen unsere Transzendenz nach innen verlegen, der göttliche Funke ist in der Seele, als Lebensspender, gewiss auch als Trost, vor allem aber als Energie zu lachen und zu leiden, zu lieben und zu tanzen. Diese Umkehrung der Transzendenz vom fernen, äußeren Gott in den inneren Gott: Davon sprechen ja auch schon einige Theologen. »In einer säkularisierten Welt hat die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst und seiner Leib-Geistigkeit einen neuen Rang erhalten. Dem kann nur der Gott-in-uns, nicht der Gott-außerhalb-von-uns eine Entdeckungsreise wert sein«, schreibt zum Beispiel der katholische Theologe und Jesuit Hans Waldenfels. Aber wahrscheinlich stehen wir noch am Anfang dieser Entdeckungsreise zum neuen Gott in uns.

Wie sehr meine Lehre vom Übermenschen als dem »freien Geist« schon angekommen ist, zeigt mit das zunehmende Interesse der Europäer und Amerikaner am Buddhismus. Sich selber meditativ auf den Weg machen, die große Harmonie suchen, das Ziel der Erleuchtung als der vollendeten Menschlichkeit anstreben: Buddha-Sympathie und Nietzsche-Sympathie reimen sich gut, das ist viel zu wenig beachtet! Und vielleicht, das fällt mir jetzt ein, ist »der Heilige« für Euch der Übermensch, mit dem Ihr Christen leben könntet. Nur wünsche ich mir einmal Heilige nicht der Lebens- und Lustentsagung, sondern Heilige sozusagen des prallen, auch erotischen Lebens. Die »heilige Hure« war bisher nur ein Film. … Wenn es wenigstens ein erotisches Paar gäbe, das heilig gesprochen wäre …

Ihr seht, der alte Nietzsche hat noch was zu sagen und Euch Fragen zu stellen. Vielleicht lest Ihr mal wieder mein umfangreiches Werk? Und lasst Euch nicht abschrecken von Widersprüchen, die ich in meinem Eifer als »experimentierender Philosoph« verfasst habe. Die Nazis haben mein Denken missbraucht; dass ich alles andere als ein Antisemit bin, das haben ja nun zahlreiche Studien belegt; nur so ganz herumgesprochen hat es sich bei Euch noch nicht. Hört endlich auf, den Nazi-Ideologen mehr zu glauben als den wissenschaftlich arbeitenden Philosophen.

Zum Schluss will ich Euch noch auf eine bislang unbekannte Seite von mir aufmerksam machen: Ich bin nämlich, wie der katholische Theologe Eugen Biser, einer meiner Interpreten, schreibt, »ein kritischer Nachahmer Jesu«. Wenn ich auch das institutionalisierte Christentum meiner Zeit als eine lebensverneinende Macht verurteilte, so habe ich doch stets für Jesus von Nazareth viel Sympathie gehabt. Man muss ihn sicher als »wärmstes Herz« denken, als den »edelsten Menschen«. Seine Botschaft der Ganzheitlichkeit lautet: »Das wahre Leben, das ewige Leben, ist gefunden. Es wird nicht verheißen, es ist da! Es ist in Euch: Als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluss, ohne Distanz.« Diese Erfahrung der innersten Nähe des Göttlichen »hat kein Gestern und kein Übermorgen, es kommt nicht in tausend Jahren. Es ist eine Erfahrung in einem Herzen, es ist überall da, es ist nirgends da …« Schaut Euch die Jesus-Bilder an, die den Mann aus Nazareth wie einen heiligen Narren zeigen, etwa die Arbeiten von Otto Dix, George Rouault oder Herbert Falken, dann ahnt Ihr, was es mit meiner Jesus-Vorliebe auf sich hat. »Für mich gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz«, das habe ich schon vor 120 Jahren geschrieben: Inzwischen ist eine heftige Diskussion im Gange, wie Jesus-nah denn die Kirchen sind. Heute frage ich, Friedrich Nietzsche: Was hat der Petersdom mit Jesus zu tun? Was haben die Milliarden Kirchensteuereinnahmen mit dem Mann aus Nazareth gemeinsam? Was hat die Hütte von Bethlehem mit den Palästen der Kirchenbürokratie zu tun? »Ja, aber«, schreien sie bereits, die Pröpste und Prälaten. Mit diesem ewig wiederholten »Ja, aber« der Kirchenbeamten werdet Ihr Christen Euch auseinander setzen. Ich denke nur, dass ich als Philosoph für Euch nur eines tun kann: Ich kann zu denken geben.

copyright:Christian Modehn

»Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ›Ich suche Gott! Ich suche Gott!‹ – Da dort gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ›Wohin ist Gott?‹ rief er, ›ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet –, ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet –, wer wischt dies Blut von uns ab?

Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat –, und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‹ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ›Ich komme zu früh‹, sagte er dann, ›ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert –, es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen.«

Aus der »Fröhlichen Wissenschaft« von 1882



Polens Katholische Kirche – Angst vor der Freiheit

17. Juli 2009 | Von | Kategorie: Religionskritik

Blickpunkt Diesseits
Angst vor der Freiheit
Religion in Polen

Eine Buchbesprechung von Christian Modehn

Moderationshinweis:
Seit dem Tod des „polnischen Papstes“  vor 4 Jahren wird über die Katholische Kirche in unserem Nachbarland eher selten berichtet. Aber gilt auch heute noch die beinahe selbstverständliche Überzeugung, „die“ Polen seien besonders fromm und den Bischöfen gehorsam ergeben? Versteht sich die Kirche tatsächlich noch immer als der einzige Hort „polnischer Werte“?  Gibt es inzwischen Menschen, die aus der Kirche austreten und sich Atheisten nennen? Mit diesen und anderen religionspolitischen Fragen setzt sich das neue Jahrbuch des „Deutschen Polen Instituts“ in Darmstadt auseinander. Christian Modehn hat das Buch gelesen.

Das Deutsche Polen Institut hat als unabhängiges wissenschaftliches Informations- und Dokumentationszentrum Journalisten und Publizisten aus Polen eingeladen, zentrale Aspekte des religiösen Lebens zu untersuchen. Die Autoren wissen sich einem objektiven und kritischen Blick verpflichtet, sie stehen nicht im Dienst der Katholischen Kirche. Als einziger deutscher Autor schreibt Dieter Bingen, der Direktor des Darmstädter Instituts, einen grundlegenden Essay. Er zeigt, wie sich die Hierarchie und weite Teile des Klerus immer noch schwer tun, die neue politische Situation nach der Wende anzuerkennen. Einerseits sieht sich die Kirche als triumphierende Siegerin über den Kommunismus. Dabei haben aber die Bischöfe zu Zeiten des Kommunismus keineswegs die Gewerkschaft Solidarnosc vorbehaltlos unterstützt. Sie wollten es sich nicht mit den damals Mächtigen verderben. Auf der anderen Seite gibt es unter vielen Bischöfen heute ein tiefes Misstrauen gegenüber den liberalen Werten der Demokratie. Diese „Oberhirten“ sehen in Westeuropa und der EU nur den Feind, der polnische Werte zerstören will, und die gründen in der Folgsamkeit gegenüber allen Lehren der Kirche. Darum ist ihr Kampf gegen Frauenrechte und gegen die Gleichberechtigung von Homosexuellen von polemischen Querschlägen bestimmt. Bischöfe beschreiben die Demokratie  häufig als „Zivilisation des Todes“. Nur eine Minderheit unter den Bischöfen setzt sich von diesen Positionen ab. Dieter Bingen zitiert polnische Intellektuelle, die die Kirche vor der „totalitären Versuchung“  warnen und dringend für eine Kirche des Dialogs plädieren.  Diese Offenheit fehlt allerorten: Monika Walus, eine theologische Publizistin, berichtet z.B., dass Katholische Theologinnen keine Chancen haben, als Dozentinnen  an einer kirchlichen  Hochschule zu arbeiten. Frauen werden nur als untergeordnete Mitarbeiterinnen des Klerus geduldet.  Die Anzahl der Nonnen geht ständig zurück. „Ob dies ein Warnsignal ist, dass immer weniger Frauen ihren Platz in der Kirche sehen?“, fragt Monika Walus, die sich selbst als „Hausfrau und Theologin“ vorstellt.   Noch nennen sich über 90 Prozent der Polen katholisch. Die Kirche fühlt sich in einer Art Monopolstellung. Katholisch – rechtsextremer Politiker fordern:  Angesichts dieser Statistik müsse die Moral der Kirche auch zum Gesetz des Staates werden. Andere reaktionäre Kreise schlagen allen Ernstes vor, Christus zum König der Polen zu erklären. Das ultra konservative und antisemitische Radio Maryja mit seinem Medienimperium genießt unter Polen so viel Ansehen, dass selbst Papst Benedikt XVI. der Volksverhetzung kein Ende setzen kann. Aber die Autoren des Jahrbuches Polen berichten auch, dass sich immer mehr junge Leute vom Religionsunterricht abmelden. In den großen Städten nehmen immer weniger Katholiken an den Messen teil. Diese Menschen bekennen: „Wir können Gott nicht in dieser Kirche finden“. Der Publizist Andrzej Oseka zeigt aber, dass es heute immer noch eine Art Spießrutenlauf ist, sich öffentlich zum Atheismus zu bekennen. „Das öffentliche Bekenntnis  zum Unglauben ist in Polen gleichbedeutend mit der genauso gefährlichen Aussage, man sei vom AIDS Virus infiziert“, schreibt Andrzej Oseka. Das neue Polen – Jahrbuch ist auch deswegen sehr zu empfehlen, weil es grundlegende Informationen zu den zahlenmäßig kleinen orthodoxen und protestantischen Kirchen bietet sowie vom mühevollen Aufbau der bescheidenen jüdischern Gemeinden berichtet. Jetzt gibt es wieder 12 Synagogen im ganzen Land, inzwischen sind wieder mehrere orthodoxe Rabbiner tätig. Gelegentlich gibt es Gespräche zwischen Katholiken und Juden, aber insgesamt fördert die katholische Kirchenführung nicht die Auseinandersetzung mit „den anderen“.  „Man kann das auch als eine bittere Niederlage des für polnische Verhältnisse aufgeschlossenen Theologen Karoly Wojtyla, des Papstes Johannes Paul II.,  bezeichnen“, meint Dieter Bingen, der Direktor des Deutschen Polen Institutes.

Hinweis:
Jahrbuch Polen 2009: Religion. Herausgegeben vom Deutschen Polen Institut, Harrassowitz Verlag, 2009, 217 Seiten, 11. 80 Euro.



Krise des Kapitalismus – buddhistische Vorschläge

17. Juli 2009 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog

LEBENSZEICHEN
Erleuchtet Wirtschaften
Buddhistische Antworten auf den Kapitalismus
Von Christian Modehn

Musik – Take, buddh. Musik, ca. 0 05″ freistehend. Dann herunterziehen:

1. SPR.:
Immer sanft und manchmal betulich, meist friedlich und selten politisch: So stellen sich viele Europäer den Buddhismus vor. Aber der Schein trügt. Die ethischen Weisungen Buddhas sind radikal:

1. O TON:  0 08″
Fördere das Wohl anderer. Und schau dir ganz genau an, was du tust. Im Sinne von: Welchen Samen säst du? Und dann überleg dir, welche Früchte wirst du ernten.

1. Musik – Take aus China, 0 03″  freistehend, herunterziehen:

1. SPR.:
Die „Ernte“ fällt kläglich aus:  Kriege, Hungersnöte, Umweltkatastrophen allerorten. Immer mehr Arme kämpfen in einer „florierenden“ Wirtschaft ums Überleben. Manche Buddhisten haben den Mut, dafür die entscheidende Ursache zu nennen:

2. O TON, 0 21″
Die moderne Ökonomie ist die Ökonomie des Liberalismus, wo man sagt: Das Individuum sorgt nur für sich selbst. Und die Bewegung der menschlichen Motivation ist die egoistische Motivation. Und das nun wiederum ist sozusagen die exakte Antithese dessen, was im Buddhismus gesagt wird.

1. SPR.:
Ihre wichtigste religiöse Erfahrung machen Buddhisten mitten in der Welt:
3. O TON, 0 05″
Das, was der Buddha sozusagen Erleuchtung genannt hat, das ist: Mein Wohl hängt am Wohl der anderen.

wieder hochziehen:
1. Musik – Take aus China, 0 03″  freistehend. herunterziehen:
ÜBERBLENDET IN:
2. musikal. Zuspielung, Buddhistische Litanei aus Thailand. freistehend ca. 0 07″

1. SPR.:
Ein Gesang, der viele hundert Jahre alt ist: Buddhistische Mönche vom Kloster Chiang Mai in Thailand wünschen allen Wesen Glück und Zufriedenheit. Wieder und wieder bitten sie um die rechte Erkenntnis, um Weisheit und Einsicht.

2. musikal. Zuspielung, Buddhistische Litanei aus Thailand. freistehend ca. 0 05″

1. SPR.:

Die wichtigste buddhistische Einsicht ist mehr als zwei ein halb tausend Jahre alt: Siddharta Gautama Buddha erkannte, dass unser Leben in der Welt vor allem Leiden ist, Schmerz, Krankheit, Elend, Angst. Er sah aber auch, dass es einen Ausweg, eine Erlösung, gibt: In der Meditation, im stillen Sitzen und beim Achten auf den Atem kann der Mensch die innere Harmonie, die Heilung des „Herzens“ erfahren. In einem geläuterten Bewusstsein hat alles Gute seinen Ursprung, auch gerechtes Wirtschaften. Die „innere Welt“ prägt letztlich die Gesellschaft. Darum wollen Buddhisten jetzt gezielt die Politik, vor allem auch die Wirtschaft, mit gestalten. Weltweit sammeln sich die Freunde des Erleuchteten in einer Bewegung, die „Engagierter Buddhismus“ heißt. Man könnte sogar von einer buddhistischen Reformation sprechen. Denn es werden ja nicht neue Lehren erfunden, sondern uralte Weisheiten aktualisiert. Der Buddha lehrte:

2. SPR. (Zitator):
Die unglücklich sind in der Welt, sie alle sind es durch das Verlangen nach eigenem Glück. Die glücklich sind in der Welt, sie alle sind es durch das Verlangen nach dem Glück der anderen.

1. SPR.:
Modern übersetzt: Der Mensch geht in die Irre, wenn er sich als den Mittelpunkt der Welt sieht, wenn er am krampfhaften Kult um das eigene Ich festhält. Davor warnen engagierte Buddhisten:

4. O TON, 0 41″
Es gibt drei Gifte, die unseren alltäglichen psychischen Prozess vergiften. Das erste ist die Gier, wir wollen etwas ergreifen, was man letztlich doch nicht festhalten kann. Wir grenzen uns ab gegenüber den Zugriffen anderer, und schlimmstenfalls wird es zum Hass. Wir negieren die gegenseitige Abhängigkeit aller Menschen. Und die dritte Sache: All dies beruht auf einer grundlegenden Unkenntnis über unsere psychische Struktur, über unser Ego. Und diese grundlegende Unwissenheit ist das Nichtwissen darüber, dass wir von der Natur abhängen, dass wir Menschen untereinander abhängen. Und wir tun so, als wären wir alle ein Ego, und haben so kleines Ego-Territorium und bauen ein Zäunchen drum herum.

1. SPR.:
Karl- Heinz Brodbeck ist seit vielen Jahren praktizierender Buddhist. Und er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften in Würzburg und Autor. In seien Büchern wendet er uralte Einsichten Buddhas auch auf die Wirtschaft an: Wer sein eigenes Ego, seine Gier, seine Machtgelüste,  nicht durchschaut, kann keine gerechte Wirtschaftsordnung schaffen:

5. O TON, 0 32″
Wir erkennen die unheilsame Wirkung:  Wer nur etwas mehr Geld verdienen will, der will immer noch mehr und immer noch mehr. Und aus dieser Haltung entstehen dann eben diese negativen Verhaltensweisen. Also muss man schon sagen, dass es gilt, hier mit einer kritischen Haltung gegenüber diesen Denkformen anzusetzen. Nichts gegenüber der Person, die sich so verhält. Denn diese Person lebt ja in einer Art Schleier, in einer Art Vernebelung des Bewusstseins. Sie wissen gar nicht um die unheilsame Konsequenz.

1. SPR.:
Karl – Heinz Brodbeck hat eine „Buddhistische Wirtschaftsethik“ veröffentlicht. Darin dokumentiert er auch Beispiele für diese „Vernebelung des Bewusstseins“ unter Wirtschaftsführern. Deren Sprache ist verräterisch: Etwa wenn Ausgegrenzte und Verlierer zum „Wohlstandsmüll“ deklariert werden. Oder wenn Manager „ihren Kampfeswillen und einen Killerinstinkt“ bewahren sollen. Die Tugend des Teilens nennt ein Spezialist für Wirtschaftsfragen die „Sünde gegen die Marktwirtschaft“.
Buddhisten sind geduldige Reformer. Das entspricht ihrer Tradition: Der „Weg der Mitte“ zwischen radikalen Lösungen, das Streben nach Harmonie ist ihr Programm. Wenn Buddhisten also Manager verändern wollen, dann nur durch das Argument, durch die Selbsterkenntnis, die Einsicht. Revolutionären Ideologien setzen sie eine Evolution des Bewusstseins entgegen. Der Buddha sagte:

2. SPR.(Zitator):
Was unheilvoll und verwerflich ist im Gedanken, führt zu Unheil und Leiden, wenn sich die Gedanken praktisch ausgestalten. Darum bleibt die Erkenntnis: Gebt diese unheilvollen Gedanken auf.

1. SPR.:
Aber unheilvolle Gedanken lassen sich nicht im Schnellverfahren bearbeiten oder gar vertreiben. Seelische Erneuerung braucht Zeit. In Berlin haben Arne Schaefer und Irmi Jeuther vor 3 Jahren ihre eigene buddhistische  Organisationsberatung geschaffen. Sie trägt den Titel „Lotus-Consult“. Der Name ist Programm, meint die Psychologin Irmi Jeuther:

6. O TON, Neue Länge: jetzt  1 05“.
Die Lotusblüte, und so ist es auch in den Überlieferungen, ist eine Blume, die sehr schön ist und auch für Reinheit steht. Und die aus dem Sumpf wächst, aus dem Schlamm, aus dem Schmutz. Und das steht dafür, dass in jedem von uns was ganz Reines steckt, das, was Gutes möchte für alle Wesen. Und nebenbei gibt es eine ganze Menge Konflikte, schlechte Eigenschaften. Trotzdem gibt es da einen Kern, der einfach rein ist und der was Gutes möchte. Und mit der Grundhaltung gehen wir mit den Menschen um und mit der Grundhaltung arbeiten wir.
Beim Wirtschaften normalerweise sagt man ja: Ich will für mich Gewinn haben. Und da muss ich in Konkurrenz treten mit anderen Unternehmen und ich muss dafür sorgen, dass ich besser bin und damit gleichzeitig mir auch wünschen, dass die anderen schlechter sind. Und wir gehen mit einer ganz anderen Einstellung da dran, wir sagen: Es gibt genug Ressourcen, dass es für alle reicht. Und wir können es uns durchaus leisten, Gewinn und Erfolg für alle zu wünschen.

1. SPR.:
Irmi Jeuther ist seit 20 Jahren praktizierende Buddhistin. Sie arbeitet als Beraterin und Coach im Lotus-Consult. Arne Schaefer, Buddhist und Diplompsychologe, leitet das Beratungszentrum.

7. O TON, 0 32″.
Wenn ich den Status Quo unserer jetzigen Gesellschaft nehme als Konsumgesellschaft, habe ich das Gefühl, wir sind einerseits, was materiellen Reichtum anbelangt, wirklich ein unglaublich reiches Land. Aber was andere Werte anbelangt, ein verarmtes Land. Wenn ich sage, an der Stelle möchte ich wirksam werden und ich möchte die Menschen ermutigen, nicht zu glauben, wenn sie anfangen zu teilen und großzügig zu sein und ihren Reichtum teilen, dass sie deswegen ärmer werden. Im Gegenteil, sie werden noch reicher werden, das ist eine andere Art von Reichtum, von dem wir heute keinen Begriff mehr haben.

1. SPR.:
Einen anderen Reichtum produzieren: Daran arbeiten buddhistische Ökonomen heute weltweit. Vor allem der US – Amerikaner Geshe Michael Roach hat dieses Thema mit Nachdruck in die Öffentlichkeit gebracht. Er gründete das „Enlightened Business Institute“, „Das Erleuchtete Wirtschafts – Institut“. Inzwischen kann man seine Vorschläge für „erleuchtetes Wirtschaften“  über Amerika hinaus auch in China, Südafrika, Kroatien und eben auch im Berliner Lotus Institut studieren. Das Konzept basiert auf einem Ausspruch des Buddha.

2. SPR. (Zitator):
Alles, was du tust, hat Auswirkungen auf dein künftiges Leben. Nichts bleibt folgenlos. Gutes Leben gibt es nur für den, der auch ethisch gut handelt.

1. SPR.:
„Nichts bleibt folgenlos“ – Ein Prinzip, das als kritische Frage formuliert werden muss: Wo handeln wir diesem Prinzip zuwider? Darüber diskutieren die Mitarbeiter von Lotus-Consult, wenn sie mit den Schwierigkeiten von Firmen und Betrieben konfrontiert sind.

8. O TON, 1 32″
Im Coaching geht es ganz oft darum: Ich habe gerade keine Kunden oder mir laufen die Kunden weg. Ich hab gerade große Schwierigkeiten, Geschäftsbeziehungen aufzubauen. An was kann das denn genau liegen? Dann geht es ganz oft darum, dass man möglicherweise oft durch sein Sprechen dafür gesorgt hat, dass Menschen auseinander kommen oder dass Menschen Streit haben. Und dann ist eine Aktivität, Menschen zusammenzubringen, Kontakte zu knüpfen und dafür zu sorgen, dass andere zusammenkommen mit dem Zusammenkommen auch Erfolg haben.
Wir arbeiten auch mit Leuten, die keine Arbeit haben.
In unserer Gesellschaft ist es so, wenn jemand gescheitert ist, wenn jemand keine Arbeit hat, dann ist es ein großes Problem im Selbstwertgefühl. Weil dieser Mensch ist praktisch nicht viel wert. Und das stimmt mit unserer Sichtweise überhaupt nicht überein, weil jeder Mensch ein ganz kostbares Wesen ist und viele kostbare Eigenschaften und Fähigkeiten hat, und geht es drum, zu schauen, sie bei sich zu entdecken und drauf zu schauen und zu überlegen, was kann ich damit machen, wie kann ich meinen Mitmenschen nutzen, auch wenn ich jetzt gerade mal keinen Job habe. Und da gibt es oft eine ganze Menge Möglichkeiten, die man da rausfinden kann. Und wenn jemand mal anfängt, so zu denken: Was kann ich jetzt aus meiner Situation tun, um anderen zu nutzen, dann kommt auch wieder Energie zustande und Kraft und Mut und dann gibt es auch gute Möglichkeiten, wieder Arbeit zu finden und Geld zu verdienen.

1. SPR.:
Buddhistische Wirtschaftsberater geben keine esoterischen Geheimtipps. Ihre Ethik ist rational geprägt, dem vernünftigen Argument verpflichtet. Selbst dem philosophisch Ungeübten verdeutlichen sie ihre Einsicht mit Beispielen aus dem alltäglichen Leben:

9. TON, O 46:
Alles, was ich tue, wirkt sich aus. Und wenn ich zu dieser Frau auf der Straße freundlich bin, wirkt sich das ganz sicher auf die Frau aus, und da glaube ich, brauchen wir das Potential an Freundlichkeit, das wir haben, auf keinen Fall unterschätzen. Und gleichzeitig wirkt es sich auch auf mich aus. Das ist der Kern der Sache. Jede Handlung, jedes Denken, jedes Sprechen von meiner Seite wirkt sich auf mich aus und wird konserviert als geistiger Eindruck und prägt dadurch mein Erleben, mein künftiges Erleben. Also: Jedes positive und heilsame Handeln verändert unsere ganze Welt. Wir schaffen uns unsere Welt und unser Leben dadurch, wie wir handeln und welches Denken und welches Sprechen wir pflegen.

1. SPR.:
Lotus-Consult berät auch Firmen, die nicht mit harten Ellenbogen oder im permanenten Gewinn-Streben wirtschaften wollen.  Ein Hamburger Kunde ist etwa die „Kommunikationsberatung Ludwig und Partner“. Die buddhistischen Unternehmensberater bestärken diese PR-Firma auf ihrem Weg einer sozial differenzierten Preispolitik. Auch in Zeiten wachsender Konkurrenz bietet die Firma kleinen, eher schwächeren  Interessenten ihre PR Dienste zu günstigen Konditionen an. Das Unternehmen leitet Beate Ludwig:

10. O TON, 026″
Wir wollen unsere Dienstleistungen oder unsere Fähigkeiten, die wir haben, auch wirklich denen zur Verfügung stellen, die sie gebrauchen können. So, und manch einer hat eben mehr Geld, der andere hat weniger. Es muss in Relation stehen, und es mehr klar definiert sein, was man davon erwarten darf. Aber das haben wir immer gemacht und  werden wir auch weiter machen. Wenn ich mich redlich benehme, wenn ich großherzig bin, wenn ich aufrichtig bin,  so kommt es dann auch zurück.

1. SPR.:
Gutes Tun zahlt sich garantiert aus, macht reich, auch wenn der materielle Gewinn nicht sofort zu spüren ist. In jedem Fall stellt sich seelische Harmonie ein, das Gefühl von Sinn, von Zufriedenheit.  Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft werden von buddhistischen Unternehmern nicht mit trauriger Opfermine geleistet, man jammert nicht über einen  „Verzicht“. Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft sind vielmehr das Klügste, was sie für ihr eigenes Fortkommen tun können. Denn Mitgefühl zahlt sich aus! Das ist der Grundsatz des „erleuchteten Wirtschaftens“. Dabei bedeutet Erleuchtung  nicht etwa mystische Verzückung oder überirdisches Erleben. Erleuchtung ist eher ein ungeschminkter Realismus, meint Arne Schaefer vom Berliner Lotus Consult:

11. O TON, 0 34″.
Was ich mit dem Geld mache, das ist das Entscheidende, oder welche Bedeutung ich ihm gebe, das ist das Entscheidende. Insofern ist Geld ein Zahlungsmittel, was allgemein anerkannt ist, natürlich. Aber die Frage ist: Was mache ich dann mit diesem Geld, das ist das Entscheidende. Wo kommt Geld her, wo geht Geld hin. Was kann ich dafür, dass Geld weiterhin zu mir kommt. Und wenn ich diese Frage gründlich untersuche, dass ich möchte, dass mein Erfolg anhält, dass es weiterhin fließt, dann werde ich zwangsläufig zu dem Aspekt kommen, dass ich teilen muss, dass ich mein Geld auch wieder weggeben muss, dass ich mein Geld auch an der richtigen Stelle wieder weggeben muss. Und dann wird es weiter fließen.

1. SPR.:
Eine Erfahrung buddhistischer Unternehmer klingt ungewöhnlich: Es lohnt sich, lukrative Angebote schon einmal auszuschlagen. Denn wer einen fetten Fisch auch mal von der Angel lässt, wird nachdenklicher, er konfrontiert sich und alle Mitarbeiter mit der Frage: Was wollen wir eigentlich mit unserer Firma bewirken? Die Unternehmerin Beate Ludwig:

12. O TON: 0 31″.
Wir hatten neulich auch eine Diskussion, da ging es um eine Ausschreibung von einer Centralen Marketing Organisation, und da war ein Projekt ausgeschrieben, und da ging es um Eier und Hühner, und zwar Käfighaltung. Und da haben wir dann gesagt, ja,  das wollen wir nicht, also werden wir uns da nicht bewerben, sondern wir würden lieber für glückliche Hühner arbeiten. Es muss eine gemeinsame Ausrichtung geben, es muss auch so eine Art Aura geben, dessen was wir alle gemeinsam wollen.

1. SPR.:
Oberstes Ziel buddhistischen Wirtschaftens bleibt es, die vom Egoismus beherrschte Wirtschaftsform in ein mitfühlendes Handeln zu verwandeln. Der Wirtschaftswissenschaftler und engagierte Buddhist Karl Heinz Brodbeck hat konkrete Vorschläge:

13. O TON, 0 27″.  Jetzt 0 47“.
Wenn ich mit Menschen aus dem Management zu tun habe: Dann  sage ich: Ich verlange nicht, dass er den Job aufgibt, es sei denn er ist Berufsmörder, dann würde ich sagen: Es gibt nur eine Lösung, gib deinen Beruf auf, die Waffen weglegen. Und auch einem Waffenhersteller würde ich sagen, es gibt nur eine Chance, mach die Fabrik dicht, denn das ist äußerst unheilsam, was du machst. Ja.
Es gibt viele Möglichkeiten bei alternativen Entscheidungen eine zu wählen: Ich tu ein bisschen mehr für meine Mitarbeiter. Ich bringe etwas mehr Fairness rein. Ich beachte, dass immer noch Frauen diskriminiert werden. Ich achte darauf, dass  bei einer Verwendung von Produkten aus anderen Ländern, dass da nicht Kinderarbeit dahinter steckt. Man kann durch etwas Achtsamkeit viele kleine Veränderungen vornehmen, wenn jemand jetzt nicht bereit ist, sich großartig zu engagieren.

1. SPR.:
Achtsamkeit ist die Voraussetzung  für erleuchtetes Wirtschaften. Hell -waches, selbstkritisches Bewusstsein: Das ist Achtsamkeit. Sie ist die Aufmerksamkeit auf das, was um mich herum geschieht, was die anderen Menschen denken und tun. Es gilt auch das  „Achten – Auf“ mein eigenes Denken und Handeln zu schulen: Behüte ich und pflege ich die Dinge, die wertvoll sind und geschützt werden müssen?

14. TON, 0 50″.
Ich arbeite sehr viel zusammen mit einer Software Firma, die in Kärnten ansässig ist und dort propagieren sie alternative Investments. Jemand will Geld anlegen, jemand will nicht auf Rendite verzichten, dann kann man sagen: Dann investiere wenigstens in solchen Bereichen, wo ich sicher sein kann, dass man keinen allzu großen Schaden anrichtet. Man investiert nicht in die in die Waffenindustrie, man investiert nicht in Firmen, die exzessive Tierversuche machen, wo Frauen diskriminiert werden, wo Kinderarbeit ist. Allein diese Negativ-Abgrenzung bringt schon. Und der Anleger, der so was tut, verzichtet evtl. auf 1 –  2 Prozentpunkte. Andererseits aber hat er das Gefühl, ich mein Geld so angelegt, wo die Sache auf eine Art arbeitet, wo der Schaden, der angerichtet wird, nicht allzu groß ist.

3. musikal. Zusp., Klangschalen, ca. 0 07″ freistehen lassen

1. SPR.:
Wer einen anderen Geist in seinem Betrieb durchsetzen will, braucht seelische Reserven. Das wissen die Mitarbeiter vom Berliner Lotus-Consult. Sie wollen zwar mit ihrer Firma keine buddhistische Mission betreiben, geben aber auf Anfrage gern Hinweise für eine spirituelle Neuorientierung.

15. O TON, 0 26″.
Was wir unseren Klienten empfehlen, ist es tatsächlich, eine Struktur sich am Tage zu geben, wo sie die Möglichkeit haben, Achtsamkeit zu üben, darüber zu reflektieren, bin ich mir eigentlich im Klaren darüber, wie Ursache und Wirkung zusammenhängen. Und bin ich mir eigentlich im Klaren darüber, wie ich meine Werte lebe. Das kann die Stille Meditation sein, täglich 10- 15 Minuten. Was wir dazu empfehlen, ist auch eine Körperübung, sei es Yoga, sei es Taichi.

1. SPR.:
Buddhistischen Ratschläge klingen manchmal ähnlich wie die alten Empfehlungen der christlichen Gewissenserforschung: Wer ein neues, ein ethisch – wertvolles Wirtschaften einübt, sollte sich regelmäßig Rechenschaft geben über seine guten und seine schlechten Taten:

16. O TON, 0 27″.
Es ist ein Hilfsmittel, was wir das Malbuch nennen, es ist ein Notizblock, wo wir sechs mal am Tag schauen, was habe ich denn z.B. um das Wohl anderer zu fördern an diesem Tag Positives getan. Und an welcher Stelle habe ich vielleicht dieses Prinzip nicht so sehr beachtet. Und was möchte ich heute noch tun, damit ich an der Stelle nachsteuern kann. Wir werden tatsächlich eine andere Welt erleben, wenn wir dies konsequent üben.

NEU Musik zur Meditation, INSGES. 1 34“!!!
schon in den O TON vorher etwas reinziehen. Dann 0 06“ freistehend,
dann wieder reinziehen in folgenden O TON

17. O TON, NEU 0 48“.
Diese geistige Übung ist wirklich etwas, was Buddhismus auszeichnet. Und die Leiderfahrungen sind auch notwendig.
Unser Zen – Meister hat immer gesagt: Eine schlechte Situation, ist eine gute Situation, weil wir anfangen uns zu hinterfragen, was unserer Gewohnheiten sind, wie wir unser Leben leben.
Und wenn ich an dem Punkt bin, dann halte ich inne, und das ist entscheidend. Es geht darum, die Dinge anzunehmen, sie zu akzeptieren, was nicht heißt: Dinge nicht zu verändern, die ich verändern kann. Das ist ganz wichtig. Es geht um ethische Verantwortung, es geht darum, einerseits darum eine Erkenntnis, Erfahrung zu machen, aber eben auch daraus verantwortlich zu handeln. Ich werde es lernen, dass mein persönliches Glück nur möglich ist, indem andere Menschen in meinem Umfeld glücklich sind. Anders geht es nicht.

NEUE MUSIK wieder einblenden, ca. 005“ freistehend.

1. SPR.:
Auch wenn die jüdisch-christliche Tradition, eine der Grundlagen unserer Zivilisation, die Verehrung des Goldenen Kalbes, des Mammons und des Wuchers als Sünde vehement abgelehnt hat: Unsere kapitalistische Form
des Wirtschaftens ist nun einmal vom Geld und Geldgewinn geprägt. Kann aus buddhistischer Sicht der Profit ethisch akzeptabel sein? Darüber wird unter den Freunden des Erleuchteten diskutiert. Wer Unternehmen berät, um sie erfolgreicher zu machen, wird wohl kaum prinzipiell immer größere Gewinne verteufeln können. Und so vertritt Arne Schaefer vom Lotus-Consult  auch eine eher großzügige Position:

18. O TON, 0 22″
In unserem Sinne erfolgreich, heißt auch am Geschäft erfolgreich zu sein, weil nur ein gesundes Unternehmen, was auch erfolgreich ist, kann wiederum auch andere Menschen erfolgreich machen. Je stärker ein Unternehmen wächst, sei es in Umsatzahlen, sei es in Mitarbeiterzahlen, da ist nichts verkehrt dran. Wir arbeiten daran, die Menschen zu unterstützen, dass sie so erfolgreich sind. Die Frage ist immer, was ist der Weg, der sie dazu führt. Und der sollte niemals auf Kosten anderer Menschen oder unserer Umwelt gehen.

1. SPR.:
Mit anderen Worten: Du darfst Gewinne erzielen. Nur eine Bedingung muss erfüllt sein: Die Methoden deines Geld-Verdienens müssen ethisch einwandfrei sein. Diese Position finden einige andere engagierte Buddhisten zu liberal. Der Ökonom Professor Karl Heinz Brodbeck schreibt:

2. SPR. (Zitator)
Das Geld ist wesentlich nur die Art und Weise, wie wir unsere gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit gestalten und abwickeln und wie wir unsere Tauschprozesse organisieren. Aber in einer Gesellschaft verblendeter Menschen, die nur der eigenen Gier gehorchen, wird Geld zum Wert, sogar zum höchsten Wert, der unter allen Umständen Respekt verlangt. Geld wird zum Gott, zum obersten Wert, dem alle Opfer gebracht werden. Die  permanente Vermehrung des Geldes wird zum obersten Ziel allen Lebens.

1. SPR.:
Die globalen wirtschaftlichen Entwicklungen gehorchen offenkundig der Grundstruktur menschlicher Gier. Das Magazin „Der Spiegel“  beschrieb unlängst, wie Internationale Finanzinvestoren riesige Firmen, ja ganze Wirtschaftszweige aufkaufen, auch in Deutschland. Vor allem Milliardäre, so der „Spiegel“,  investieren dafür in sogenannte Hedge-Fonds:

2. SPR. (Zitator):
Diese Fonds sollen aus dem vielen Geld der Milliardäre noch mehr machen, noch viel mehr. Mindestens 20-prozentige Renditen gehören bei diesen Fonds zum guten Ton. Im Jahr 2006 dürften die Internationalen Finanzinvestoren  Firmen im Wert von 600 Milliarden Dollar aufgekauft haben, darunter auch ganze Straßenzüge mit Wohnungen.

1. SPR.:
In den meisten Fällen sind die Zukäufe der Finanzinvestoren für die betroffenen Bewohner oder die Angestellten der aufgekauften Firmen von Nachteil.  Mieter müssen sich auf kräftige Preiserhöhungen gefasst machen, Arbeitern und Angestellten droht die Entlassung. Nur die Finanzinvestoren werden scheinbar glücklich dabei: Aber auch hier gelten Buddhas Sätze:

2. SPR.:
Nichts bleibt folgenlos. Gutes Leben gibt es nur für den, der auch ethisch gut handelt.

1. SPR.:
Die Führer der großen Religionen haben zu neuesten Phänomenen maßloser Gier noch nicht laut und deutlich Stellung bezogen, meint der Wirtschaftswissenschaftler Karl – Heinz Brodbeck,:

19. O TON
Spekulanten, die wirklich in dieser ganz knallharten Motivation sagen:
Wir schlachten ein Unternehmen aus, wir übernehmen die, dann werden Leute entlassen. Ohne Skrupel, das ist eine Haltung, die tatsächlich nur mit einer Terminologie des Kriminalrechts zu umschreiben ist. Es ist eine besondere Art von Verbrechen, die aber bei uns mit dem Nadelstreifen und mit der Hochglanzbroschüre dargestellt wird als eine kluge Form des Investments. Davon müssen wir wegkommen.

1. SPR.:
Die große Gier wird angefeuert von der Ideologie des permanenten Wirtschaftswachstums. Sie wird längst als „absolute Tatsache“ propagiert, die wir hinzunehmen hätten! Auch dagegen wehren sich erleuchtete Ökonomen wie Brodbeck.  Sie betonen: So wie die erwachsenen Menschen und die lebendige Natur nicht immer weiter wachsen können, so kann auch ein ökonomisches System nicht endlos weiter expandieren. Denn die Konsequenzen des permanenten Wirtschaftswachstums sind nicht mehr zu übersehen: Natur-Katastrophen, Mangel an Trink – Wasser, Niederbrennen tropischer Wälder usw. Aber was können Europäer tun, wenn sie sich auch für ärmere Länder  einen besseren Lebensstandard wünschen?

20. O TON  0 48″
Wenn jetzt diese Länder in Form in Form einer nachholenden Industrialisierung wachsen müssen, wachsen heißt dann dort ganz einfach, lebensnotwendige Dinge aufzubauen, Schulen, Straßen, elementare Nahrungsmittelversorgung und solche Dinge: Dann bedeutet das: Der dort notwendige Mehreinsatz von Ressourcen muss in europäischen Ländern generiert werden durch Ersparnis von Ressourcen, die Ressourcen, die wir haben viel effizienter nutzen, dass was frei wird, dass wir dann diesen Ländern auf dem Wege eines Transfairs oder einer gemeinsamen Planung zukommen lassen. Das wird natürlich nicht möglich sein in einer Ökonomie, deren Leitstern die Rendite ist, deren Prinzip der Individualismus ist, darüber habe ich keinerlei  Zweifel.

4. Musikal. Zuspielung, ca. 0 07″ freistehen lassen.

1. SPR.:
Buddhisten halten eine andere Welt für möglich, weil sie der Menschheit immer noch den Gebrauch der Vernunft zutrauen! Deswegen fordern sie unermüdlich eine ethische Neu-Orientierung. Ein globaler Ansatz in einer globalisierten Welt – ein buddhistischer Lebensentwurf mit universalem Anspruch.  Der Unternehmensberater Arne Schäfer:

21. O TON, 0 25″.   JETZT 0 42“
Uns geht es um Erfüllung, und Erfüllung ist für mich, einmal natürlich: Das zum Leben zu haben, was ich brauche, um wirklich leben zu können. Aber auch in einer Umwelt zu leben, die Frieden und Mitgefühl lebt. In der ich mich wirklich geborgen fühle, wo ich nicht Angst habe, dass der Nachbar mir einen Prügel über den Kopf zieht, weil er neidisch ist oder weil es ihm nicht zu gut wie mir. Sondern wo ich mit dem Nachbarn Arm in Arm an einem Tisch sitze und wir gemeinsam die Ernte genießen, die wir eingefahren haben.
Der Buddhismus an der Stelle ist für mich eine Weisheits –  Lehre, die sicherlich heilsam ist. Aber ich würde es nicht auf den Buddhismus allein begrenzen wollen. Was wir da lehren, ist letztendlich nichts, was der Buddhismus für sich gepachtet hat, sondern wir wollen Kongruenz, also Menschen, die mit ihren Werten hundertprozentig übereinstimmen und sich dessen bewusst sind, was sie tun in ihrem Leben.

1. SPR.:
Wer als Buddhist an dieser gerechteren Welt arbeitet und dabei die Hoffnung nicht aufgibt, der ist bereits selbst schon „erleuchtet“. Er erkennt: Im Alleingang kann niemand dieses Projekt weiterbringen. Der buddhistische Wirtschaftswissenschaftler Karl Heinz Brodbeck:

22. O TON, 1 13″.  Jetzt 1 55“.
Ich kann unmöglich aus meiner Perspektive, die ja auch nur ein Teil, ein winziger Teil,  einer großen Kommunikationsgemeinschaft ist, sagen: Aus meinem Erkenntniszentrum heraus kann ich die  Welt retten. Das ist unmöglich, das würde auch nie ein Buddhist behaupten. Man kann nur in dem lokalen Bereich, in dem man tätig ist, Empfehlungen geben. Das heisst, für mich auch in der Sparte, in der ich tätig bin, in der Ökonomie, kann ich kritisch unterwegs sein und meine Ökonomen Kollegen immer wieder und wieder darauf hinweisen, dass viele ihrer Voraussetzungen nicht funktionieren. Um eine Parole der Globalisierungskritiker aufzugreifen: Streue Sand ins Getriebe der Wissenschaftsmaschinerie. Ich weiß durchaus um meine Grenzen, die mir gegeben sind. Aber man darf nicht erwarten, dass ein Mensch die Lösung vorschlagen kann. Das ist mir wichtig. D.h. Ich sehe mich genau um, wo um mich herum passieren Alternativen. Man könnte auf viele globalisierungskritische Bewegungen hinweisen, auf Initiativen von Kirchen, von anderen religiösen Gruppen. Ich glaube, daraus könnte insgesamt, wenn sie sich verständigen, wenn wir den interreligiösen Dialog hinkriegen, dann könnte daraus insgesamt eine Gesamtbewegung entstehen. Wenn man die Religion an ihre Wurzeln erinnert. Wenn man den Islam daran erinnert, dass im Koran ein Zinsverbot steht, wenn man die katholische Kirche wieder daran erinnert, dass sie mal so etwas wie eine Wucherkritik ausformuliert hat als wissenschaftliche Theorie. Und wenn man andere religiöse Traditionen auf ähnliche Vermächtnisse ihrer eigenen reichen Kultur hinweist. Dann glaube ich können aus vielen solchen Quellen vielleicht Dinge erwachsen, die die gesamte, die globale Entwicklung langfristig verändern.

EVTL. hier noch mal die neue Musik, vor 17. OTOn,. Ins Ende des O Tons reinziehen! Un noch mal freistehen lassen für die ABSAGE:

STOP:

www.lotus-consult.de mit dem Hinweis:
rof. Karl-Heinz Brodbeck:
www.khbrodbeck.homepage.t-online.de



Vatikan – ein Blick hinter die Mauern

17. Juli 2009 | Von | Kategorie: Religionskritik

WDR
Diesseits von Eden:

Hirten, Prälaten, Bürokraten
Wo der Papst regiert: Ein Besuch in der Vatikanstadt
Von Christian Modehn

Moderationshinweis:
Am 11. 2. hat einer der ungewöhnlichsten Staaten der Welt sein 80 jähriges Bestehen gefeiert: Nicht nur ein Kleinstaat, wie Andorra, sondern noch kleiner als ein Kleinst- Staat wie etwa die Republik San Marino. Unser Staat verfügt zwar nur über knapp einen halben Quadratkilometer Fläche und zählt 550 Bürger. Aber in diesem Winzling von Staat ist sehr viel politische und religiöse Macht versammelt. Sie wissen es bereits: Wir meinen die Vatikanstadt: In einem Vertrag mit dem Faschisten Benito Mussolini war es Papst Pius XI. im Jahr 1929 gelungen, einen souveränen Staat zu errichten. Christian Modehn hat sich in dem päpstlichen Zwergstaat umgesehen.
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Jeder Rombesucher muss die Republik Italien verlassen, wenn er dem Papst auf dem Petersplatz zujubeln will: Denn der Segen „Urbi et Orbi“ wird auf ausländischem Territorium, auf dem Gebiet der Vatikanstadt, gespendet. Und die umfasst z.B. den Petersdom, die Sixtinische Kapelle, die vatikanischen Gärten, einige Kirchen, Paläste und Verwaltungsgebäude sowie auch noch exterritoriale Gebiete wie die luxuriöse Sommerresident Castel Gandolfo. Wenn der oberste Hirte vom Petersdom aus seinen frommen Schäfchen den Segen erteilt, bleibt er selbstverständlich das politische Oberhaupt seines souveränen Staates, der Vatikanstadt. Aber die Rompilger sollten trotz Weihrauch und lateinischen Gesängen einen klaren Kopf behalten: Denn das vatikanische Staatsoberhaupt ist mit einer weiteren umfassenden Macht ausgestattet: Die Päpste ließen es sich vor 80 Jahren von Mussolini verbriefen, dass sie sogar als einzelne Personen auch „Völkerrechtssubjekte“ sind, also geradezu unantastbare Würde weltweit genießen. Als Inhaber des „Heiligen Stuhls“ sind die Päpste von höchster moralischer und religiöser Autorität. Die Appelle z.B. beim Segen Urbi et Orbi stammen also vom Heiligen Stuhl, nicht vom vatikanischen Staatsoberhaupt. Auch Benedikt XVI. fühlt sich in dieser doppelten Rolle als Politiker und religiöser Führer zugleich  recht wohl.
Wer einmal wissen möchte, in welchem Umfeld der Papst lebt, muss hohe Festungsmauern  aus dem 16. Jahrhundert überwinden. Denn das ganze Gebiet der Vatikanstadt ist von meterhohem Gestein umgeben, es ragt bis zu 20 Meter in die Höhe. Die Berliner Mauer wirkt demgegenüber wie ein politischer Witz. Die Botschaft ist deutlich: Besucher sind in der Vatikanstadt nicht erwünscht. Zahlungskräftige Touristen sind lediglich in den vatikanischen Museen willkommen, nicht im Innern des Staatsgebietes. Es wäre darum sinnlos zu versuchen, als frommer Christ aus den Vatikanischen Museen auszubrechen, um ins freie Gelände der Vatikanischen Gärten zu gelangen. Und wer einmal die Gnade empfangen hat, im Vatikanischen Archiv Akten zu studieren, sollte bei der strengen Bewachung besser nicht die Tür öffnen, die ins Innere der päpstlichen Herrschaft führt. Erfolgreicher könnte der Versuch sein, mit einem Rezept ausgestattet, die Apotheke innerhalb der  Vatikanstadt zu konsultieren. Man sollte den kontrollierenden Schweizer Gardisten an der „Porta Santa Ana“ allerdings nicht verraten, dass man „die Pille“ oder gar „Kondome“ zu kaufen wünscht. Die gibt es nämlich nicht in der päpstlichen Pharmazie. Und so wäre dieser Versuch, ins Innere der Papst Stadt einzudringen, zum Scheitern verurteilt. Erfolgreich könnte vielleicht das Ersuchen sein, unbedingt Geld zu wechseln bei der Vatikanbank IOR, schließlich, so wurde berichtet, hätten ja auch machtvolle Familien aus Neapel und Sizilien ihr Geld dort anlegen wollen.
Man sollte gar nicht erwarten, Frauen im Innern des Papststaates zu treffen: Die wenigen Nonnen des Staates müssen sich um Essen und Wäsche ihrer geistlichen Herrn kümmern, einige andere Damen sind im Radio Vatikan mit der Weitergabe päpstlicher Lehren befasst. Wer Tierliebhaber ist, sollte versuchen, auf dem Vatikan Friedhof nach der letzten Ruhestätte des einst so beliebten, weil so umtriebigen Katers Rambo zu fragen: Er ist das einzige nicht getaufte Wesen, das in vatikanischer, d.h. katholischer  Erde ruht.
Der ganze Staat zählt kaum 40 Straßen. Eine Gasse führt zum Beispiel zur Obersten Glaubensbehörde. Dort verfolgte ihr damaliger Chef Kardinal Joseph Ratzinger angebliche Ketzer wie Hans Küng oder Leonardo Boff. Die geistlichen Bürokraten dort im Range eines Erzbischofs verdienen 3.500 Euro netto monatlich. „Wer in einem Interview aber irgendein Geheimnis verrät und dann namentlich zitiert wird“, berichtet der Publizist Alexander Smoltczyk, „kann sein Entlassungsschreiben sofort abholen“. Innerhalb der vatikanischen Mauern ist Selbständigkeit im Denken absolut  unerwünscht. Ein hoch angesehener Insider, Prälat Walter Brandmüller, kann es sich leisten, öffentlich zu sagen: “Man profiliert sich niemals, die Regel heißt: Bloß nicht aufffallen“. Der Vatikan Prälat betont sogar: “Das Ideal des kurialen Funktionärs ist die graue Maus“.
Innerhalb der Mauern überwacht ein klerikaler Mitarbeiter den anderen. Ausschweigungen, auch sexueller Art, sind unter diesen repressiven Bedingungen absolut tabu. Solche Freiheiten dürfen sich Kurienmitarbeiter nur außerhalb der Mauern, also im Sumpf der Metropole Rom, leisten. „Der einzige Unterschied, der bei den Vatikanprälaten zählt, ist die Frage, ob man hetero – oder homosexuelle Vorlieben hat“, berichtet Alexander Smoltczyk. Ältere Herrschaften aus dem Vatikan befriedigen ihre Lust, so wird berichtet,  eher in Luxus Restaurants in der römischen Altstadt. Alexander Smoltczyk nennt die Adressen. Aber diese Freiheiten nehmen sich alle Beteiligten selbstverständlich in absoluter Verschwiegenheit. Verlogenheit wird zum Prinzip, schließlich will man ja noch möglichst lange dem Hof, dem päpstlichen, dienen. Beförderungen spricht der Papst nach eigenem Gutdünken aus, er herrscht wie ein absoluter Fürst. Sehr treffend nennen alle Lexika die Vatikanstadt eine absolute Monarchie. Menschenrechte klagt der Papst nur bei anderen Staaten ein, auf seinem eigenen Territorium vereinigt er in seiner Person alle drei politischen Gewalten.
Der unangemeldete und unerwünschte Besuch im Innern des Papststaates ist eigentlich schnell beendet. Die Türen zu den Behörden in den Renaissance Palästen öffnen sich nur Eingeweihten, und die müssen geweiht sein. Aber der verstohlene Blick in die Gemächer hoch oben zeigt: Da wird das Evangelium verwaltet, inmitten antiker Möbel, von Seidentapeten umgeben und barocker Kunst verziert. „Wer angesichts des Vatikans noch römisch – katholisch bleibt, der  muss schon sehr, sehr tapfer sein“,  sagt ein Insider, natürlich anonym. Aus Angst.

Abmoderation:
Zahlreiche Informationen verdankt unser Autor dem neuen Buch von Alexander Smoltczyk, der in Rom als Journalist arbeitet. Er hat seiner Studie den Titel „Vatikanistan“ gegeben. Er will damit gewisse Anklänge an zentralasiatische Regime wecken, die, wie Usbekistan, nicht gerade Vorbilder der Demokratie sind. Wir können diese Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt ausdrücklich empfehlen. Das Buch mit Lesebändchen (!) hat 352 Seiten und kostet 17,95 €, erschienen ist es im Heyne Verlag in München.



Nachbarn – mehr als ein Nebeneinander

15. Juli 2009 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog

Europa im Hausflur
»Das Fest der Nachbarn« – damit die Stadt menschlicher wird

Von Christian Modehn

Sieben Jahre wohne ich in dem Hochhaus zusammen mit 80 anderen Mietern. Im Fahrstuhl schauen die meisten eher weg, wenn jemand einsteigt. An der Haustür ist ein zaghaftes Nicken schon eine Meisterleistung der Kommunikation. Seit ein paar Monaten ist das anders: Ich kenne die Namen einiger Mitbewohner; eine afrikanische Familie hat mich zum Aperitif eingeladen; als ein Pärchen verreiste, habe ich die Blumen gegossen; an einem Sonntag hat mich ein älteres Ehepaar gebeten, sie zur Ambulanz zu begleiten: Allmählich wird das Leben hier menschlicher, freundlicher.«

Gisèle Perroux, 46 Jahre, sie lebt in Paris und ist Versicherungsangestellte, Single, wie die meisten Bewohner ihres Hauses. Vom Charme der Seine-Metropole ist hier, im 13. Stadtbezirk, wenig zu spüren: Ein Wohn-Turm steht neben dem anderen, es gibt wenig Grünflächen, durch die Straßen donnert der Verkehr, die typischen »Pariser Bistros« muss man anderswo suchen. Auf engstem Raum wohnen hier 300 000 Menschen zusammen aus 45 Nationen. »Vor einem Jahr hatten wir in unserem Hausflur ein kleines Fest veranstaltet: Mit einem Plakat an der Eingangstür hatte ich alle Mieter eingeladen, am Abend zu einer kleinen Stehparty zusammenzukommen: Immerhin: 30 Nachbarn fanden sich ein; vier Leute brachten Rotwein mit, eine Familie aus Spanien hatte gleich drei Flaschen Sherry dabei, ich hatte für etwas Käse gesorgt, eine Dame aus Vietnam brachte Frühlingsrollen: Drei Stunden feierten wir gemeinsam.«

Gisèle Perroux hatte im Radio von einer neuen »Bürgerbewegung« gehört. Sie heißt »Immeubles en fete«, »Wenn Mietshäuser feiern«: Einmal im Jahr, immer im Mai, werden die Bürger in ganz Frankreich eingeladen, den Tag der guten Nachbarschaft zu feiern. In diesem Jahr, am 25. Mai, haben mehr als drei Millionen Menschen in 210 verschiedenen Städten zusammen gefeiert. »Bei unserem Haus-Fest in der Rue Barni hatten wir sogar einen Akkordeonspieler dabei, wir haben im Hof etwas gegrillt, eine marokkanische Familie war ganz glücklich, dass sie dabei sein konnte, zum ersten Mal hat sie sich mit jungen Chinesen aus unserem Haus unterhalten. Eine pensionierte Lehrerin hat mit meinem Sohn lange Zeit diskutiert; sie will ihm jetzt Nachhilfeunterricht in Mathematik geben. Ich konnte von meiner Vorliebe für die Homöopathie vielen Nachbarn erzählen«, berichtet Carole Minois aus Lille. Sie ist begeistert: »Das Leben in unserem Haus macht wieder Spaß.«

Für die Initiatoren von Immeubles en fete ist das schon eine Überraschung: Viele tausend Franzosen lassen sich von der Idee ansprechen, etwas Sinnvolles für ein menschlicheres Zusammenleben in den Städten zu tun. Vor fünf Jahren hatte der Sozialwissenschaftler Atanase Périfan ganz bescheiden in seinem Wohnbezirk in Paris seine Nachbarn zum gemeinsamen Fest eingeladen. Bürgermeister hörten von der Initiative, Journalisten meldeten sich, Städteplaner, Pfarrer, Ärzte, Lehrer, alle wollten Näheres wissen. Sie alle fanden die Idee »ganz toll«. Ein Jahr später war Immeubles en fete längst in ganz Frankreich bekannt: Im Jahr 2002 waren bereits 126 Städte beteiligt, ein Jahr später machten auch Städte in Belgien, Spanien, Rumänien, Österreich, Irland, Italien mit. Immer mehr Europäer lassen sich von der französischen Kunst, zu improvisieren, begeistern: Einen ganzen Abend im Haus zu feiern, im Flur, im Hof, im angrenzenden Garten oder auf der Straße. Jeder bringt etwas mit. Wichtig ist nur, dass sich jemand für diese Feier verantwortlich fühlt.

Immeubles en fete« ist inzwischen ein professionell arbeitender Verein mit eigenen Büros in Paris. Atanase Périfan versorgt mit seinem kleinem Team aus sechs hauptamtlichen und vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern inzwischen europaweit die Bürger mit allen nötigen Informationen. Der Verein ist politisch unabhängig und weltanschaulich neutral. »Wir wollen von der Basis her, von den Interessen der Bewohner, das Leben in der Stadt etwas menschlicher machen. Jammern nützt nichts, auf bessere Zeiten warten auch nichts. Wir Bürger können jetzt was tun, können jetzt unser Zuhause freundlicher gestalten, können uns aus den Zwängen der Anonymität und des Individualismus befreien. Unser Motto heißt: Wir überlassen unser Viertel nicht der Gleichgültigkeit. Wir ermuntern die Menschen, den anderen wieder wahrzunehmen, aus der Einsamkeit der eigenen vier Wände herauszukommen.«

Im August 2003 sind bei der großen Hitzewelle in Paris einige tausend alte Menschen in ihren Wohnungen umgekommen, sie sind verhungert, verdurstet, haben den Schlaganfall nicht überstanden. Angesichts der Opfer der Hitzewelle wurde den Franzosen einmal mehr bewusst, wie es um die Menschlichkeit in den großen Städten bestellt ist. Darum fördern jetzt Politiker aller Parteien die große Volksbewegung »Immeubles en fete«. Die Bürgermeister sind voll des Lobes für diese Basisbewegung, die den Städten »das menschliche Herz« wiedergeben kann. Und Sozialwissenschaftler fragen sich, warum eigentlich noch niemand vorher auf diese Idee gekommen ist: »800 000 Singles wohnen in Paris, dass die Einsamkeit groß ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Viele ältere Leute haben niemanden. Die gute Nachbarschaft wieder zu entdecken ist geradezu lebensrettend, sie führt zur Vitalisierung des urbanen Lebens«, sagt Robert Rochefort, er ist Direktor des »Pariser Studienzentrums für die Lebensbedingungen in den großen Städten«.

Um die aufwändige Werbung und die nötige Lobbyarbeit zu fördern, haben sich Firmen als Unterstützer gemeldet. In den Filialen der Supermarktkette Monoprix liegen Informationen aus; auch das katholische Verlagshaus Bayard-Presse mit seiner Tageszeitung La Croix macht ordentlich Werbung. Der menschliche Zusammenhalt ist in Metropolen wie Paris mit seinen 9 Millionen Einwohnern, Marseille oder Lyon (jeweils mit mehr als einer Million Bewohner) längst zerbrochen. Verbindung mit den Kirchengemeinden haben nur noch verschwindende Minderheiten, die Kneipe als Treffpunkt ist für viele längst zu teuer. Die gute Nachbarschaft kann das soziale Netz wieder stärken, das Gefühl der Verantwortung wecken: So wird selbst eine schlichte Sozialwohnung ein Stück Zuhause, vielleicht sogar »Heimat«.

Kontakt: Immeubles en fete. 1 bis, Rue Descombes, F-75017 Paris; www.immeublesenfete.com



Die Nacht in Berlin – Hinweise zu einer Spiritualität

15. Juli 2009 | Von | Kategorie: Denkbar

Nachtgestalten oder
Was hat die Nacht mit Spiritualität zu tun?
Ein immer noch aktueller Beitrag von 2002
Von Christian Modehn

Um halb neun nimmt der geübte Berliner Nachtschwärmer sein erstes Glas Prosecco ein. Im Cafe Strandbad, Bezirk Mitte, ist er unter Gleichgesinnten: Junge Leute erwarten hier ihre Freundinnen und Freunde. Nach festen Regeln und Riten haben sie sich aufs Ausgehen vorbereitet: Nach dem Bad, so gegen acht, gilt es, sich zu entscheiden, welche Shirts und Jeans, welche »Club-Wear« man heute tragen kann. Dann schlendert der Nachtschwärmer durch die Straßen von Prenzlauer Berg und Mitte. In diesen Berliner Bezirken gibt es wahrscheinlich hundertmal so viele Bars und Restaurants, Kneipen und Musik-Clubs wie Lebensmittelgeschäfte.

Alle Nachtschwärmer lieben das Halbdunkel, die irritierenden Lichter, das Nicht-Eindeutige, die Schatten. Sie glauben, nachts auf andere Art wach zu sein, vielleicht hellhöriger, sensibler. Sie fühlen sich spät abends und nachts erst richtig frei, ohne den Panzer aus Konventionen und Lügen und Versteckspielen, die den Tag bestimmen.

Sebastian Bretthauer betrachtet im Cafe Strandbad das Geschehen an den Nachbartischen: Er ist mit den Hauptachsen und Seitenstraßen des Berliner Nachtlebens sehr gut vertraut, er kennt alle angesagten Läden und Clubs in der neuen Berliner »Mitte«. Als Kulturwissenschaftler hat er über die Berliner Nächte ein Buch veröffentlicht. Das Thema entspricht genau seinen persönlichen Interessen: »Ich bin ja eigentlich seit meinem 17. Lebensjahr nachts unterwegs, oft drei Mal in der Woche. Mir reichen fünf Stunden Schlaf. Zwischen drei und halb vier gehe ich wieder nach Haus. Die Nacht ist ein anderer Erlebnisraum. Ich komme raus aus der Routine, raus aus dem, was mich einzwängt. Ich kann unbefangener anderen Menschen begegnen. Die Nacht ist für mich ein offener Raum.«

Die Stunden der Nacht als einen offenen Raum erleben, eine paradoxe Aussage: denn der Blick im Dunkeln reicht ja längst nicht so weit wie bei strahlendem Tageslicht. Aber der Geist ist nicht mehr so abgelenkt von den vielfältigen Äußerlichkeiten, er kann sich nach innen wenden, den Gefühlen mehr Raum geben. Darum können sich Menschen in den schummrigen Cafes oder schwach beleuchteten Bars für tiefere Gespräche öffnen. Die eng beieinander sitzenden Gruppen sind von bergender Dunkelheit umhüllt. Pärchen können sich, eng umschlungen, ihre Liebe ins Ohr flüstern oder gar Versagen und Untreue beichten. Der Einzelgänger sitzt versunken vor seinem Glas Bordeaux, vielleicht folgt er philosophischen Eingebungen. Die Nacht ist so beliebt, weil alles Definieren und Präzisieren, so selbstverständlich, »bei Lichte besehen«, entfällt. Bastian Bretthauer: »Also niemand ist durch Zufall nachts unterwegs. Es ist die Lust auf Kommunikation, die uns raustreibt. Die Nacht ist wie eine Kupplerin. Sie ist die Kontaktmacherin. Sie eröffnet die Möglichkeit des Eros, der Liebe. Schranken fallen, wir haben nicht so viele Berührungsängste. Wir streicheln uns, die leibliche Ebene spielt eine Rolle. Ein großer Unterschied zu all der Kopflastigkeit des Tages.«

So gegen halb eins verlassen die Nachtschwärmer die Cafes. Jetzt beginnt sozusagen der Hauptteil, die Tour durch die Clubs, die Musik-Clubs, die man früher noch Diskotheken nannte. Bastian Bretthauer geht gern ins Oxymoron, einen Club mitten in den Hackeschen Höfen: Hier sind die DJs nicht einer bestimmten Musik-Farbe verpflichtet. Manchmal treten hier leicht bekleidete Damen auf kleine Podeste und bieten Gogo-Dancing, nicht Striptease, sondern eine erotische Form von »Tanz-Gymnastik«. Ein gewisses erotisches Ambiente gehört in vielen Clubs dazu. »Ich liebe manchmal auch diese Mischung von Gedränge, Geschiebe im Nachtleben. Ich kann beim Tanzen die Körper der anderen spüren. Man kommt sich nahe. Aber aus der Nacht muss man sich richtig verabschieden. Manchmal mache ich auf dem Weg nach Hause einen Umweg. Dann erscheint mir die Stadt etwas verzaubert, etwas verwunschen. Sie wird sozusagen erträglicher als am Tage.«

Aber um halb zwei denkt kein richtiger Nachtschwärmer schon an den Heimweg. Zwei, drei weitere Clubs werden besucht, je nachdem, wo man sich mit weiteren Freunden verabredet hat und vor allem: wie viel Geld man ausgeben kann. In dem beinahe schon traditionsreichen Techno-Club mit dem Namen WMF verbringt Nexi gern seine Nächte. Wenn er nicht tanzt, »legt er regelmäßig auf«, wie es im Jargon der DJs heißt. Und »Auflegen« ist beinahe etwas Kultisches. Manche können nur Musik hören, wenn »ihr DJ« auflegt. Tanzen ist für viele Besucher der Clubs der Höhepunkt der Woche: Abtanzen, den Frust rauslassen, leer werden, nur den Rhythmen folgen, ganz Musik sein: Das sind Gefühle, die nur jemand versteht, der die Nächte durchgetanzt hat. Die Älteren erreichen die Jüngeren vielleicht auch deswegen nicht mehr, weil sie nicht wissen, was heute Musik, was Tanzen bedeutet. »Natürlich powere ich mich aus«, sagt Nexi, »beim Tanzen übertreibe ich auch, ich überdehne meine Kräfte. Ich bin dann ganz erschöpft, vielleicht schadet das dem Körper. Aber es ist auch ein Stück Befreiung, so, als würde man den Panzer des Alltags abstreifen.«

Berliner Nachtschwärmer können am Wochenende quer durch die Stadt mit der U-Bahn fahren: Am Nollendorf Platz, in Schöneberg, treffen sich zu tausenden jüngere Leute; Menschen, die glauben, nur nachts authentisch, »sie selbst« sein zu können. Hier haben die Schwulen ihre Bars und Diskotheken. Manche sprechen bereits – nach amerikanischem Vorbild – von einem »gay village«, einem schwulen Dorf.  Es ist kurz vor zwei; von nächtlicher Beschaulichkeit ist nichts zu spüren: Bei warmen Temperaturen stehen viele Besucher der Kneipen Hafen oder TOM noch auf der Straße, sie halten sich an ihren Bierflaschen fest. Hans Peter Hauschild geht gelegentlich in die schwule Szene. Er hat keine Scheu, darüber offen zu sprechen; er ist Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität und ein überzeugter Katholik. Nur mit der offiziellen kirchlichen Verurteilung homosexuellen Lebens und Liebens kann er sich nicht abfinden. Er hat sich als schwuler Nachtschwärmer seine persönliche Theologie entwickelt: »Für mich ist Christsein eine sinnliche Angelegenheit. Ich will dem körperlichen Verlangen des anderen nachgeben, ich will mich mit ihm herauslocken lassen aus den engen Grenzen unseres Ich. Entscheidend ist, was der andere sich wünscht. Für mich ist Christsein auch eine sinnliche Sache. In der Nacht entstehen Gespräche, Kontakte, auch Liebesbeziehungen. Das ist der mystische Charme dieser nächtlichen Orte.«

Hans Peter Hauschild (gestorben 2003)  meint sogar, diese körperliche, erotische Kommunikation entspreche dem Grundimpuls des christlichen Glaubens: »Denn der Gott der Bibel nennt den Körper heilig; mehr noch: Gott selbst wird Fleisch, er wird Mensch.«

Es gibt Menschen, für die die Nacht alles andere als ein erfreulicher Lebensraum ist: Gleich hinter dem Nollendorf Platz beginnt der Straßenstrich; hier verkaufen Frauen ihre Körper, weil sie zur Prostitution getrieben werden, von Zuhältern oder/und dem Zwang, harte Drogen zu konsumieren. Eine Welt, die Wolfina aus eigenem Erleben kennt: So gegen drei Uhr nachts wartet sie auf den Nachtschwärmer bereits im Cafe Babelfisch. Sie ist die langen Nächte gewöhnt. Wolfina stammt aus Kroatien, sie hat sieben Jahre ohne Unterbrechung freiwillig als Prostituierte gearbeitet. Seit etlichen Monaten ist sie »ausgestiegen«. Im Cafe Babelfisch gibt es einen kleinen, separaten Speiseraum. Dort erinnert sich Wolfina an die sieben Jahre dauernden Nächte, als sie äußerst eintönig, eingezwängt in einen unabänderlichen Rhythmus leben musste: »Ich habe vormittags geschlafen, um sieben abends bin ich arbeiten gegangen. Morgens um fünf kam ich nach Hause. Aber die Arbeit war in der Nacht. Da habe ich meine Maske aufgetragen, um als Hure zu erscheinen, um die Rolle spielen. Denn die Gäste wollten Huren finden. Sie freuten sich, wenn ich sexy aussah und ich sie freundlich anstrahlte.«

Wie viele andere Prostituierte, die ausschließlich nachts arbeiten, hatte Wolfina kaum noch gesellschaftlichen Kontakt: Kino oder Theaterbesuche waren nur ganz selten möglich. Freundschaften konnten erst gar nicht entstehen; denn wer will schon eine Hure zum Geburtstag einladen? Einsamkeit war für die Nachtarbeiterin Wolfina das größte Problem; da nützte auch der Gedanke nur wenig, dass es den Kunden auch nicht viel besser erging: »Das waren meistens reiche Menschen. Sie hatten keine Liebe zu Hause. Es waren einsame Menschen. In der Bar hatten sie die Illusion, Liebe kaufen zu können.«

Wolfina gab ihren Job auf. Sie entdeckte wieder den Tag, lernte den Sonnenschein lieben, das Licht. Ihr gelang es auch, clean zu werden und den Alkoholkonsum aufzugeben. Sie ließ sich vom christlichen Glauben begeistern. Ihr neuer Name, der Taufname, ist Vera. Heute lebt sie in Amsterdam, glücklich darüber, dass sie eine sinnvolle Tätigkeit gefunden hat. »Jetzt habe ich auch in der Nacht zu tun mit drogensüchtigen Frauen. Ich will Ihnen Mut machen, sie sollen nicht vergessen, dass sie Menschen sind. Die Energie dafür kommt für mich aus Glauben. Die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen habe ich lieb. Ich gebe im Rahmen meiner Arbeit Kaffee gratis, Kleidung gratis. Auf diese Art danke ich Gott für mein neues Leben.«

Mit dem Taxi geht es um vier Uhr früh ins Sankt Gertrauden-Krankenhaus. Dort halten sich seit einigen Jahren ganz besondere Nachtwächterinnen und Nachtwächter auf; Menschen, die einmal im Monat bis in den frühen Morgen »ehrenamtlich« am Bett eines Schwerkranken oder einer Sterbenden ausharren. Sie wollen die Schwestern und Pfleger ein wenig entlasten. Am wichtigsten ist ihnen aber, dem Patienten die Sicherheit zu geben: Du bist nicht allein in diesen langen, manchmal schmerzvollen Stunden. Marianne Kälberer hat diesen Dienst der Nachtwache ins Leben gerufen; sie hat schon hundert Mal an den Betten ausgeharrt, immer darauf bedacht, das rechte Maß zwischen Distanz und Nähe zu finden. Auf dem Flur der chirurgischen Station können wir mit Marianne Kälberer sprechen, eher im Flüsterton, um niemanden zu stören: »Wenn ich den Patienten sanft die Hand halte, dann vereinnahme ich den Menschen nicht. Ich spüre genau, ob er das wünscht. Wichtig ist, dass der Patient nicht allein ist in seinen Ängsten. Manchmal wünschen die Kranken ein Gebet, ein Vaterunser vielleicht, dann spreche ich es Ihnen leise ins Ohr. Manchmal kann ich Ihnen Erfrischungsgetränke reichen. Manchmal bin ich in den letzten Stunden dabei. Durch die Begegnung mit dem Sterben werde ich auch an meinen eigenen Tod erinnert. Eine sehr wichtige Erfahrung.«

Fünf Uhr früh: unterwegs in einer Stadt, die sich auf den Morgen vorbereitet. In der Telefonseelsorge sind Menschen die ganze Nacht hindurch bereit, einem fremden Menschen die eigene Zeit zu schenken. Dorothea sitzt im Konferenzraum der Berliner Telefonseelsorge im Bezirk Neukölln. Sie will ihren Familiennamen öffentlich nicht preisgeben, als Mitarbeiterin der Telefonseelsorge ist sie selbst zur Anonymität verpflichtet. Dorothea hat ihre Nachtschicht in einer Stunde beendet: So zwischen eins und drei hat sie mehrere Tassen Kaffee getrunken, um fit zu bleiben und die nötige Sensibilität zu bewahren. Denn kurz nach Mitternacht rufen ständig Menschen an, die sich völlig verloren und verlassen fühlen. »Nachts liegen die Gefühle offen. Probleme werden nachts viel massiver erlebt. Empfindungen werden nachts stärker empfunden. Die Ausweglosigkeit, die Isolation, werden nachts greifbar.«

Dorothea hat sich über etliche Kurse eineinhalb Jahre lang auf ihren ehrenamtlichen Dienst in der Telefonseelsorge vorbereitet. Heute macht sie etwa alle drei Wochen einmal ihren Nachtdienst; sie weiß, dass sie gebraucht wird: Etwa 30 000 Menschen haben im letzten Jahr bei der Telefonseelsorge Berlin um Hilfe gebeten, von ihnen etwa die Hälfte nachts: »Es ist die Sorge um die Seele des anderen, die mir persönlich wichtig ist. Gerade in der Nacht der Verlassenheit. Ich will den anderen annehmen, wie er ist. Nicht, wie ich die Dinge sehe, ist entscheidend, sondern der Gesprächspartner am Telefon soll selbst Möglichkeit und Auswege entdecken. Viel ist schon gewonnen, wenn er nach einem Gespräch in den Schlaf findet, um die Nacht durchstehen zu können. Am Morgen wird dann neu überlegt, wie Krisen bestanden werden können.«

Die Nacht geht zu Ende. Vor einigen Jahren gab es in den katholischen Kirchen Berlins noch Frühmessen, sie begannen um sechs oder um halb Uhr sieben früh. Aber diese Zeiten sind vorbei. Der Berliner Nachtschwärmer kann sich also nirgendwo sammeln und ausruhen. Er streift durch die Stadt, vorbei an Kneipen, die »rund um die Uhr« offen haben, er wird von schwankenden Alkoholikern angepöbelt. Liebespaare verabschieden sich auf der Straße mit endlosen Küssen.

Um sieben Uhr früh halten die Schwestern des Karmeliterordens in ihrem Kloster das Morgengebet, die Laudes. Vierzehn Karmelitinnen leben in Charlottenburg; sie haben sich nicht von den Menschen abgesondert. Den ganzen Tag über empfangen sie Gäste, Menschen mit seelischen Problemen oder religiösen Fragen. Auch für längere Zeit können Gäste im Kloster wohnen, jeder ist zu den Gebetszeiten eingeladen. Mehrmals am Tag kommen die Ordensfrauen zum Gebet zusammen, ihr Abendgebet halten sie um 9.00 Uhr. Gerade diese nächtliche Stunde der Meditation erlebt die Priorin des Klosters, Schwester Maria Theresia, besonders intensiv: »Für andere beten, das heißt zunächst einmal, von anderen wissen. Und zwar direkt, persönlich; seine Lage muss ich mir selbst unter die Haut gehen lassen. Das ist Solidarisierung. Unser Gebet am Abend hat diese Richtung, dass wir andere mit unserem Gebet erreichen wollen. Ich will nicht sagen, dass wir Wunder bewirken. Aber Gott erhört Gebete. Das erlebe ich, wenn Menschen berichten: Ja, ich habe mich gestärkt erfahren. Beten für die anderen in den Stunden der Nacht ist so etwas wie das Halten einer Hand. Das bedeutet: Ich denke an dich. Du bist nicht mehr so verlassen.«

Die Karmelitinnen haben zwei Ordensgründer aus Spanien: Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz; beide lebten zwar im 16. Jahrhundert, aber ihr Denken ist durchaus modern: Schwester Maria Theresia: »›Wir sind immer in der Nacht‹, sagt Johannes vom Kreuz. Wenn wir sagen, wir erfahren Gott, so wie wir die Dinge erfahren, dann ist das falsch. Wer den wirklichen Gott sucht, erlebt eher die Leere. Gott entzieht sich. Entscheidend ist Sehnsucht, immer weiter einen Schritt auf Gott zuzugehen. Wie auf einen Horizont in der Ferne. Aber dieser Horizont entzieht sich immer wieder. Das ist meine Theologie vom dunklen Gott, vom Gott, der in der Nacht spricht.«

Schwester Maria Theresia vom Berliner Karmelitinnen-Kloster ist eine Seelsorgerin: Jeden Tag wenden sich Menschen an sie, die mit religiösen Frage nicht klarkommen. Etliche nennen sich selbst Atheisten. Viele leiden unter der Sinnlosigkeit des Lebens. Immer wieder wird die Ordensfrau gefragt, ob denn auch Beten, vor allem das Beten in den langen Nächten der Verzweiflung, hilfreich sein kann: »Das beste Nachtgebet ist das, wo ich mich selbst am besten sammeln kann. Wo ich selbst am meisten drin bin. Das Nachtgebet ist oft kein Gebet im üblichen Sinne. Es ist eher ein Fallenlassen, ein Loslassen. Oft merke ich dann gar nicht, dass ich bete.«

Die dunkle Nacht mit den anderen teilen: So hat Schwester Maria Theresia einmal ihre wichtigste Aufgabe beschrieben: Bei ihren vielfältigen Begegnungen mit skeptischen, ungläubigen Menschen hat sie gelernt, persönlich zu sprechen und dabei auf den traditionellen religiösen Jargon zu verzichten: »Die Nacht ist ja nicht immer gleich, es gibt die Phase des Dunkelwerdens, es gibt das Licht manchmal mitten in der Nacht, es gibt die Sterne, es gibt das Morgengrauen. Das sind Bilder, die uns wichtig sein können. Unsere Nacht ist ja nicht immer gleich dunkel. Das sollten wir bedenken, in Situation der Verzweiflung. Das absolut Schwarze ist nur eine Idee, eine Theorie. Hell und Dunkel sind immer zusammen. Nur müssen wir lernen, das Gleichgewicht zu finden. Wir sollten lernen, uns darüber auszutauschen. Warum suchen wir nicht gemeinsam nach dem Stern in der Nacht, nach dem Sinn, der uns trägt? Warum wird in den christlichen Gemeinden so selten über diese tiefen Fragen gesprochen, warum ist vieles so erstarrt?«

Der Nachtschwärmer verabschiedet sich vom Kloster: Er muss sich wieder an die Dunkelheiten des Tages gewöhnen, an die Kriegsberichte und neuesten Arbeitslosenzahlen, an die Umweltkatastrophen und Hungersnöte. Er ist froh, dass er wenigstens in der Nacht so viel Licht sah. Und er ärgert sich über alle naiven Unterstellungen, die da lauten: Nachtkultur sei nichts anderes als »Spaß«.



Mit mehreren Religion verbunden

13. Juli 2009 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog

WDR
Lebenszeichen am 11. 6. 2009

„Ich bin multireligiös“
Menschen, die mit mehreren Spiritualitäten verbunden sind

Von Christian Modehn

Der folgende Beitrag ist der Text der Radiosendung

24 O TÖNE

4 Musikal. Zusp.

„Ich persönlich habe meine geistige Heimat in einer evangelischen Gemeinde gefunden und überlege seit einiger Zeit dort einzutreten, bin aber offiziell auch in einem Sufi – Orden und ich fühle mich auch der Yogatradition ganz verbunden, das ist auch mein Lebensweg“.

Marina Alvisi wollte schon als junge Frau kreativ sein. Einige Jahre hat sie als Architektin gearbeitet und versucht, ihre künstlerische Phantasie mit den technischen Vorgaben harmonisch zu vereinen. Nach dem Umzug von Oberbayern nach Berlin hat sie ihre wahre Begabung entdeckt: Wie eine Komponistin fügt sie jetzt unterschiedliche Motive zusammen, wobei ihre „Melodien“ verschiedenen religiösen Traditionen entstammen. Mit ihrem Mann, dem Inder Anthony Lobo,  hat sie eine Yogaschule gegründet. Im Alltag bezieht sie sich auf mehrere spirituelle Quellen:

„Wir stehen auf, in der Früh begibt sich jeder in einen anderen Raum. Und jeder macht seine Übungen. Anthony macht seine Yoga Übungen, Pranayama. Ich beginne aber mit Sufi Meditationen, mit Sufi Mantren stimme ich mich auf mich ein und auf den Tag ein. Und dann beginne ich mit meinen Yogaübungen. Dann treffen wir uns um 9 Uhr zum gemeinsamen Frühstück und bevor wir frühstücken, beten wir gemeinsam und lesen aus der Bibel, sprechen dann ein bisschen darüber beim Frühstück. Und in den Yogastunden kommt genau dann das durch, was wir für uns auch Tagesthema war in den Schriften, in der eigenen Erfahrung und das lassen wir mit einfließen“.

1. musikal. Zusp., ind. Musik

Wer Marina Alvisi nach ihrer „Konfession“ fragt, muss sich auf  einen neuen Begriff einlassen. Sie nennt sich „multireligiös“, mit mehreren religiösen Traditionen gleichzeitig verbunden. Die mystische Sufimeditation befreit sie von starren Dogmen und allzu „menschlichen“ Gottesbildern; die Yoga – Praxis fördert die Einheit von Körper und Geist; und im Christentum gelangt sie zur göttlichen Quelle von allem, der Liebe. Und diese drei Formen von Spiritualität helfen, richtig zu leben:

„Heute betrachte ich diese drei Traditionen, in denen ich mich bewege, wie gute Mahlzeiten. Und ich muss immer selber prüfen, so, was ist denn heute dran. Ich esse doch auch nicht jeden Tag das gleiche. Manchmal esse ich mehr Salat, manchmal esse ich mehr Kartoffelbrei oder Getreide oder Reis, je nach dem, wie es mir heute geht und wie meine innere Stimmung ist“.

Unterschiedliche spirituelle Traditionen, gut ausgewählt und mit Bedacht praktiziert, erschließen die unausschöpfliche Tiefe der göttlichen Wirklichkeit. Wie in einem Kunstwerk fügen diese Menschen verschiedene Elemente zur Einheit zusammen. Theologen sprechen darum in einem positiven Sinn von Patchwork – Religiosität. Wer Geschmack an mehreren Religionen findet, sollte sich seine Vorliebe nicht schlecht reden lassen, meint der Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt – Leukel. Als katholischer Theologe hat er selbst die Grenzen konfessioneller Kirchlichkeit kennen gelernt, als ihm die Bischöfe in Bayern die Lehrbefugnis verweigerten wegen seiner Interessen am interreligiösen Dialog. An der Universität von Glasgow, Schottland, konnte er hingegen SEIN Thema, die „multireligiöse Bindung“,  weiter bearbeiten. Inzwischen ist er Mitglied der schottischen Episcopal Church.  Seit kurzer Zeit lehrt er in Münster, diesmal an der Evangelisch – Theologischen Fakultät. Dieses Auf und Ab im eigenen Leben ist für Perry Schmidt Leukel aber kein Grund, sich den Geschmack an der Vielfalt der Religionen verderben zu lassen.

„Man hat dafür auch den Begriff geprägt,  dass Menschen heute zunehmend Religion à la carte haben. Andere haben darauf hingewiesen,  auch von soziologischer Seite, dass jemand, der also kein fertiges Menu im Restaurant bestellt, sondern sein Essen à la carte aussucht, ja durchaus in der Regel bereit ist, mehr auszugeben und eventuell auch bewusster wählt. Wenn jemand à la carte isst, heißt das ja nicht,  dass er als Vorspeise, als Hauptgericht, als Nachtisch dreimal nur Süßspeise wählt. Das kann durchaus gelegentlich Mal der Fall sein. Es kann aber durchaus sein, dass jeder von allem, was es gibt, jeweils die gesündesten Dinge aussucht. Und ich denke, das gilt auch für diese Patchwork – Religiositäten“.

Was kann für diese Menschen mit einer Patchwork – Religion  gesund und hilfreich sein? Für Marina Alvisi kommen abstrakte Lehrsätze oder dogmatische Prinzipien dabei nicht in Frage. Sie geht durchaus wählerisch mit den Religionen um:

„Der wirkliche Glauben einer jeden Religion, so verstehe ich es und so habe ich es gelernt in diesen Jahren, wird und wurde immer bewahrt im mystischen Weg, in der mystischen Tradition. Also es gibt in jeder Kultur die Religion, das ist die offizielle für alle Menschen. Und es gibt den inneren Weg, den geistigen Weg, und den nennen wir in aller Regel den mystischen Weg. Und der mystische Weg hat immer den echten Glauben bewahrt, das, worum es wirklich geht, die Essenz der Kultur und der Religion“.

1. musikal. Zusp. Noch einmal  freistehend

Wer diese religiöse Offenheit liebt, ist lernbereit, er nennt sich auch gern „spirituell flexibel“. Diese Menschen sind leidenschaftlich interessiert an den unterschiedlichen mystischen Traditionen. Sie meinen: Diese „Tiefenerfahrung“ kann das Leben nicht nur „bereichern“, sie kann sogar das geistige Leben retten, betont Beatrix Jessberger. Sie hat heute ihre innere Mitte gefunden:
„Das hat natürlich biographische Gründe, also ich hab es nicht gesucht, sondern das ist auf mich zugekommen. Und zwar komme ich aus Bayern, aus Franken, und in meiner Familie war es so, dass Katholizismus und Faschismus sich verbunden hatten. Und von daher hatte das Christentum keine moralische Autorität mehr für mich. Und ich musste zu anderen Religionen, um wieder Zugang zu Religion überhaupt zu bekommen. Und in London bin ich aufgewacht. Ich war Psychotherapeutin damals und im Spital hatten wir eine Gruppe, und es war Commonwealth, mit Menschen aus verschiedenen Ländern haben wir zusammengearbeitet und verschiedenen Religionen und haben uns darüber ausgetauscht. Da ist für mich der ganze Himmel aufgegangen, nicht nur eine Welt. Dann habe ich evangelische Theologie studiert und während des Studiums bin ich auch in den jüdisch – christlichen Dialog eingetreten und habe mit Hilfe jüdischer Mystik überhaupt mein Examen geschafft“.

Beatrix Jessberger wurde als Pfarrerin ordiniert. In Berlin hat sie Gemeinden begleitet, die vor allem an herkömmlicher evangelischer Frömmigkeit interessiert waren;  so wollten sie ihre überlieferte protestantische „Identität“ bewahren. Mit ihrem Interesse, auch mit anderen Religionen in ein lernbereites Gespräch einzutreten, stand Beatrix Jessberger ziemlich allein da:

„Ich hab dann einen Mordseinbruch gehabt, weil ich nicht wusste, wohin mit meinen Erfahrungen. Die hatten im evangelischen Bereich keinen Raum. Und da bin ich in die Klöster gegangen und habe mit Zen- Meditation angefangen. Und mir hat das wirklich geholfen, nicht wieder ein fertiges System vorgesetzt zu bekommen, sondern erst mal leer werden zu können, frei werden zu können, damit ich Gottes Stimme hören kann und damit ich eine Hörende werde, da hat Zenbuddhismus irrsinnig geholfen. Und da bin ich immer auch Lernende, in diesem Kontext“.

Heute arbeitet Beatrix Jessberger als Pfarrerin der Reformierten Kirche in der Nähe von Sankt Gallen in der Schweiz: Dort kann sie ihre persönliche gestaltete, keinesweges erstarrte, sondern „flexible Frömmigkeit leben und anderen mitteilen.

„Ich bin einzigartig in meinem Evangelischen, und gleichzeitig habe ich die Weite und Offenheit auch von buddhistischer Seite, die habe ich auch in mir. Wir tragen die verschiedenen Religionen auch in uns, als Potenz, als Möglichkeit, und je nach dem, was sich entfaltet oder was entfaltet wird, leben wir das auch“.

2. musikal. Zusp.
Du wirst nicht sterben,
nicht wie ein Bach in der Wüste versickern.
Du wirst die Grenze durchbrechen,
du wirst ein neues Ufer erreichen.
Du wirst neu denken und fühlen
mit neuem Leib, mit neuer Seele,
im neuen Himmel, auf neuer Erde.
Arm und reich,
stark und schwach,
Tage und Nächte,
Lust und Schmerz
werden verblassen.
Du wirst nichts wollen!
Du wirst nur SEIN.
Du wirst dich wie ein Wassertropfen
mit dem Meer verbinden.

2. musikal. Zusp.

Eine Meditation, die Beatrix Jessberger immer wieder liest, wie ein Gebet ist, das die Grenzen EINER Konfession überschreitet…

Christen, die sich mit mehreren Religionen verbunden wissen, wollen auch die Chancen einer globalisierten Kultur wahrnehmen. Denn die meisten spirituellen Traditionen sind heute an allen Orten präsent. Wer über den eigenen Kirchturm hinaus schaut, entdeckt in der Nachbarschaft Moscheen, Pagoden, Hindu – Tempel, Synagogen, oft sogar Zentren afro-kubanischer oder afro – brasilianischer Kulte. Diese religiösen Traditionen müssen nicht als befremdlich abgewiesen werden, in der Haltung der Offenheit kann es zu einem Dialog kommen. Aber für viele Menschen ist Dialog mehr als Austausch von Informationen, Dialog ist für sie immer auch Lernbereitschaft. Die Zentren buddhistischer Meditation wollte Stefan Matthias nicht nur als staunender Besucher erleben.

„Es gab einfach auch eine Suche in meiner Jugend oder in der frühen Zeit als Erwachsener, wo ich an die Zen Meditation gekommen bin. Und da etwas gefunden habe, was ich woanders nicht gefunden hatte. Und es dieses Sich -Einlassen in die Stille. Und dort erst mal die Begegnung mit sich selbst, die dadurch ermöglicht wird. Und hier öffnen sich schon Welten der Selbstbegegnung und der Selbsterfahrung. Und das halte ich für äußerst wichtig, dass es einen Raum, wo ich wirklich mich selbst zulassen kann, wie ich bin, und viel über mich selbst lerne. Aber natürlich, dieses Lernen im Zen, in der Meditation, geht darüber hinaus, wo man sieht, dass das Ich und die Person, für die ich mich halte, nicht das letzte, der letzte Grund sind, sondern, dass es eben etwas darüber hinaus gibt, und auch für diesen Bereich sich zu öffnen ist ein wesentliches Anliegen gerade der Zen Meditation“.

Stefan Matthias ist bei allem Respekt vor der Zen Meditation nicht buddhistischer Mönch geworden. Er hat evangelische Theologie studiert und arbeitet jetzt als Pfarrer und Meditationslehrer in Berlin.  Wie ein  Zen – Meister warnt er vor religiösen Fixierungen und Festlegungen dogmatischer Art:

„Jedes Gottesbild ist unzureichend, und das ist ja eine ganz selbstverständliche Erkenntnis. Gott ist nicht in ein Bild einfangbar! Und das relativiert natürlich jeweils meine eigene Religion. Also ich bin kein Vertreter, der sagt: Wir brauchen eine feste Identität, dann wissen wir, wer wir sind. Sondern ich möchte lernen, wer ich bin, in der Begegnung mit der Welt, mit dem Leben im Augenblick, mit der Begegnung mit anderen Personen. Und ich möchte mir diese Flüssigkeit erhalten und ich denke diese Flüssigkeit macht unsere Identität aus. Und nicht das Jeweilige, woran wir uns mal gern auch für eine Weile festhalten, aber was uns letztlich dann einengt und blockiert“.

Die „Religionskomponisten“ markieren einen grundlegenden Umbruch in der religiösen Praxis: Diese Menschen wollen nicht nur die Vielfalt religiöser Traditionen respektieren, sondern sie selbst in ihr eigenes Leben integrieren. Dabei wissen sie als Mystiker genau, dass es dabei gerade nicht auf die eigene  Leistung ankommt: Der Yogalehrer Anthony Lobo:

„Aber dann habe ich gelernt durch diese viele Jahre, dass diese Erfahrung von Gott kann man nicht erzwingen, dass Gott zu uns kommen soll. Mystische Zustand kann man nicht erzwingen, denn ist eine Gnade Gottes. Und im Bakhti Yoga sagen sie auch, dass das ein Geschenk ist, das kann man nicht erzwingen durch körperliche oder geistige Übungen, sondern das wird immer ein Geschenk“.

3. musikal. Zuspielung

Multireligiöse Mystiker halten nichts von Propaganda und Werbekampagnen. Sie treten nicht ständig in die Öffentlichkeit. So ist ihre genaue Anzahl schwer zu ermitteln. Immerhin haben sie in Holland ihren eigenen Internetaufritt, und im englisch – sprachigen Raum gilt „Multireligiös“ bereits als Trend, hat der Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt Leukel beobachten können:

„Früher war der Gedanke eines Entweder Oder. Entweder die eine Religion ist wahr, oder die andere Religion ist wahr. Wenn ich jetzt Wahrheit in der anderen Religion entdecke, dann muss ich konvertieren, weil dann kann wohl meine eigene nicht mehr wahr sein. Heute, auch theologisch, rechnen wir mehr und mehr damit, dass sich geistliche, spirituelle Wahrheit in verschiedenen religiösen Traditionen findet. Und das ermöglicht dann auch den Gedanken, dass, wenn ich von einer anderen religiösen Tradition angezogen bin im konstruktiven Sinne, wenn ich die Erfahrung mache, das, was ich von anderen Religionen lerne, hilft mir in meinem eigenen privaten Leben, in meinem Glaubensleben, dass ich dann so etwas wie eine multireligiöse Identität entwickle“.

Mit der Spiritualität „flexibel“ umzugehen hat in einigen Regionen des Katholizismus durchaus Tradition: In Lateinamerika z.B. hatten spanische Missionare die einheimischen, die „indianischen Völker“ der Qetschuas und Aymaras zum Teil unter massivem Druck getauft. Bis heute gehen diese indianischen Katholiken in Peru und Bolivien sonntags brav zur Kirche, sie halten sich an Christus und die Heiligen. Aber sie verehren weiterhin auch ihre traditionellen Gottheiten, wie die Pachamama, die Fruchtbarkeitsgöttin“, die heilige „Mutter Erde“. Der  niederländische Augustinerpater Hans van den Berg beobachtet als Religionswissenschaftler seit vielen Jahren diese ungewöhnliche Praxis in Bolivien:

„Man opfert z.B. der Erde, der Pachamama, und die Produkte, die man von der Erde bekommt, die bringt man nach Hause. Die Riten finden immer statt im Haus oder in der Nähe des Hauses oder auf dem Felde. Die Leute, die z.B. das ganze Arbeiten auf dem Felde mit Riten begleiten, machen zu gleicher Zeit die religiösen Riten des Christentums bei Geburt und Trauung und Tod. Das ist eine Synthese, die die gemacht haben,  zwischen alt herkömmlicher Religion und christlicher Religion. So muss man eigentlich von einer „Quetschua – Christlichen“ oder „Aymara- Christlichen“  Religion sprechen“.

Ob im Glauben des einzelnen das Christliche oder Indianisch- Traditionelle überwiegt,  lässt sich „exakt“ gar nicht beschreiben. Wer kann schon in die religiöse Seele eines Menschen schauen? Die katholische Hierarchie in der Anden- Region zeigt sich deswegen auffallend tolerant:

„Mitte des 17. Jahrhunderts hat man sich irgendwie damit abgefunden, na ja: So schlimm ist es auch nicht: Lassen wir das einfach so bestehen! Nachher gibt es auch keine klare Aussprache von der Kirche bis Heute, das diese Art von Religion verbietet. Man hat es einfach so akzeptiert und darum kann das bis heute so bestehen, ja“.

Auch katholische Missionare, die in Asien „unwissende Heiden“   bekehren wollten, entwickeln jetzt auf ihre Weise eine „flexible“  Spiritualität: In Japan und Indien oder auf Taiwan lassen sich Ordensleute auf die dortigen religiösen Weisheitslehren ein. Der Jesuitentheologe Luis Gutheinz steht seit vielen Jahren in Taipeh auf Taiwan im Gespräch mit den Freunden des Meisters Lao Tse aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Er plädiert in seinem Buch „Tao Te King“  für einen bescheidenen, rücksichtsvollen und naturverbundenen Lebensstil. Das Tao, der Weg, gilt als Ursprung allen Seins. Alles Feste, Erstarrte und Tote kann es überwinden. Pater Gutheinz:

„Wir sind jetzt dabei als Christen, uns zu öffnen, aus der früheren Dominanz auch im theologischen Denken. Und ganz im Sinne des taoistischen Sich -Zurücknehmens, Hinhörens, des Hohlwerdens, imstande zu sein, etwas näher an die Gegenwart Gottes heranzukommen, die ja bereits im Tao Te King gesprochen hat. Wir sind dabei, uns in Demut der Wirklichkeit radikaler zu stellen, und die Wirklichkeit, von Gott her gesehen, besteht ja darin, dass er immer schon da ist; überall dort, wo Gutes, Schönes, Wahres gesagt wird, ist ER da“.

Pater Gutheinz hat keine Scheu, Weisheitslehren des TAO mit seinem katholischen Glauben zu verbinden. Er praktiziert z.B. seit etlichen Jahren das meditative Schattenboxen, das Tai Chi Chuan:

„Es ist ein Schwingen von Yin und Yang, eine Dynamik mit diesen zwei Aspekten, die das ganze Tao, das unsagbare Geheimnis, in seiner Dynamik, konkret im menschlichen Leben anwesend sein lässt. Und die Übung, die tägliche Übung, in  diesen Bewegungen, die durch Jahrhunderte von Meistern ausgefeilt wurden, ergibt ein Wohlsein in diesem Geheimnis“.

Lao Tse spricht:
Wer seine Sinne aufschließt,
sich hingibt den äußeren Dingen,
hoffnungslos lebt er dahin bis an sein Ende.
Je weiter man hinausgeht.
desto weniger weiß man.
Darum geht der Weise nicht ins Äußere.
Und doch ist er ein Wissender.
Er blickt nicht nach außen in die Welt
und kann doch der Dinge Namen nennen.
Kürzungsmöglichkeit Ende)

Bei seinem Meister Lao Tse hat Pater Gutheinz entscheidende Lebenshilfe gefunden:

„Wenn man Tao Te King liest und sich hinein nehmen lässt in seine Bewegung, dann wird der Tod, das Sterben, je länger, je mehr, so paradox es klingen mag, ein wichtiges Element des Lebens. Sterben ist nicht denkbar ohne Leben, Tod gehört wesentlich zu vollerem Leben. Und glücklich ist jene Person zu preisen, die das heute schon lernt. Der Tod ist im Letzten nicht dieses Negative. Sondern dass das Letzte im Tod immer volleres Leben ist. Dafür danke ich dem Autor von Tao Te King!“

Lao Tse spricht:
Dreißig Speichen umringen die Nabe eines Rades.
Aber wo NICHTS ist, liegt der Nutzen des Rades.
Aus Ton formt der Töpfer den Topf.
Wo er hohl ist,
liegt der Nutzen des Topfes.
Tür und Fenster höhlen die Wände.
Wo es LEER bleibt
liegt der Nutzen des Hauses.

3. musikal. Zusp.

Inzwischen reagieren die Führer der alten, fest umschriebenen religiösen Identität sehr gereizt auf so viel interreligiöse Lernbereitschaft. Papst Benedikt XVI. hat im November 2008 betont, ein „interreligiöser Dialog im Sinne von persönlicher Lernbereitschaft aufseiten der Christen“ sei „nicht möglich“. Entsprechend verwarnte der Vatikan einmal mehr engagierte Theologen, so kürzlich den in Washington lehrenden vietnamesischen Peter Phan: In seinen Büchern zum Dialog mit dem Buddhismus relativiere er die absolute Wahrheit des Christentums, heißt es! Klare konfessionelle Grenzen wünschen sich auch konservative Mullahs in Indonesien: Sie wollen den Muslimen die Yoga Praxis verbieten: Wer Mantren singe, schwäche seinen islamischen Glauben… Die Führer der Religionen wollen Untertanen, die der einen konfessionellen Wahrheit sozusagen hundertprozentig entsprechen. Aber dies ist ein Ansinnen, das Religionswissenschaftler, wie Professor Schmidt Leukel, geradewegs naiv finden:

„Denn welcher Mensch kann denn von sich sagen, dass er oder sie in seinem Leben eine komplette religiöse Tradition verinnerlicht hat? Ist es nicht so, dass jeder von uns sich immer nur die Dinge aus einer Religion aneignet, die er oder sie als besonders hilfreich in seinem Leben auch erlebt hat. Niemand von uns glaube ich, lebt das ganze Christentum. Kein Muslim lebt den ganzen Islam, sondern bestimmte Aspekte, mit denen wir konfrontiert wurden und die wir als hilfreich erfahren haben und die uns prägen. D.h. Religion, Religiosität, scheint mir immer irgendwo Patchwork Religiosität zu sein. Nur mit dem Umstand, dass heute für viele Menschen die Patches zunehmen, aus unterschiedlichen religiösen Traditionen stammen und nicht mehr nur aus einer einzigen“.

Immer mehr Menschen werden sich persönlich auf mehrere Religionen einlassen, darin sind sich die Beobachter einig. Und Perry Schmidt Leukel meint sogar, die Bereitschaft des einzelnen, von anderen Religionen zu lernen, dürfe von nichts und niemandem auch nur eingeschränkt werden:

„Wenn jemand ernsthaft sein Leben als religiöser Mensch zu leben versucht, in einer anderen Religion etwas findet, was man persönlich als gut, als wahr, als heilig betrachtet. Dann hat dieser Mensch ja gar nicht die Freiheit, dieses abzulehnen. Es ist schlicht und ergreifend keine spirituelle Option zu sagen: Ich erkenne dort eine Wahrheit, aber nein: Davon will ich nichts wissen, weil diese Wahrheit steht in einer anderen Religion. Dieses ist nicht möglich. Es ist in gewisser Weise eine spirituelle Verpflichtung, all das in mein Leben zu integrieren, was gut, wahr und heilig ist. Paulus schreibt einmal: Prüfet alles, das Gute behaltet“.

Das Wort des Apostel Paulus hat der katholische Priester Herman Verbeek aus Groningen, Holland, ernst genommen. Er hat unter den verschiedenen Spiritualitäten auch die atheistische Lebenseinstellung geprüft und dabei festgestellt: So „ganz falsch“ seien die religionskritischen Warnungen vor einem naiven, allzu menschlichen Gottesbild nicht, meint Herman Verbeek:

„Ich mag das Wort Gott nicht. Es ist ein germanisches Wort. „Gott“  kann man nicht singen. Sie hören mich nie Gott sagen, auch nicht in der Kirche, auch nicht in der Liturgie. Ich rede auch nicht von Gottesdienst. Wir feiern, wir kommen zusammen, wir besinnen uns, wir haben Meditation, wir singen, wir haben Fest usw. Man soll sich nie ein Gottesbild machen, auch nicht mit Sprache, auch nicht mit Lehre. Bevor man es weiß, hat man ein Eigenbild, ein Abgott gemacht. Der eigentliche Gott ist Geld. Geld, Leistung, Konsum, Wachstum. Das ist so pervers, dass Gott rollen muss, wie Geld. Also, das sind natürlich die wirklichen Götter, die hier herrschen“.

Tatsächlich haben in Holland multireligiös interessierte Menschen die Möglichkeit, sich im Rahmen einer christlicher Kirche zu treffen. Die „Freisinnigen protestantischen Kirchen“ in Holland sind zwar im Rahmen der Reformation Calvins entstanden, sie haben sich aber von klassischen dogmatischen Bindungen gelöst. Eine dieser freisinnigen Kirchen Hollands ist die „Remonstrantische Bruderschaft“, ein Titel, der an den „Widerspruch“ gegen alte Dogmen erinnert. Die Remonstranten haben heute 12.000 Mitglieder. Johan Blauuw ist Pfarrer der Remonstranten:

„Ein personaler Gott: Ich denke, dass wohl die Mehrheit der Remonstranten daran nicht glaubt. Aber das Schöne an der Remonstrantischen Bruderschaft ist auch wieder, dass es Leute gibt, die wohl darin glauben. Und die tolerieren einander nicht nur. Nein, davon sagt man einfach: Ja, Sie glauben an einen persönlichen Gott, ja, für mich nicht, für mich ist es mehr ein Weltengrund, ein Grund der Dinge oder so. Und das ist vielleicht der Spagat, den die Freisinnigen machen, wollen wir doch auch zur gleichen Zeit auch Kirche sein in der christlichen Tradition. Und das gibt in der Ökumene so dann und wann einige Probleme mit unseren Auffassungen“.

Aber die Remonstranten lassen sich nicht einschüchtern,  sie bleiben offen für religiös flexible Menschen, betont der Vorsitzende dieser Kirche, Wibren van der Burg:

„Wir sind davon bereichert worden, dass wir immer Leute von anderen Religionen innerhalb unserer Kirche haben. Und zum Beispiel gibt es auch Leute, die bei uns interessiert sind im Zenbuddhismus und Islam. Und auch Elemente davon mitnehmen. Zum Beispiel gibt es auch Leute bei uns, die jetzt den Ramadan mitfeiern. Sie lassen sich davon inspirieren, und sagen: Ja, das will ich auch mitmachen“.

4. musikal. Zusp.

In einer multireligiös geprägten Kirche kommen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft nahe; dort können aus Fremden tatsächlich Freunde werden. Wer als Christ selbst Anteile des Islams oder des Buddhismus lebt, wird schon aus Dankbarkeit Muslimen oder Buddhisten respektvoller und freundlicher begegnen. Er kann sich eher in die Mentalität der anderen hineindenken, er kann Sympathien entwickeln und im Mitgefühl leben. Der evangelische Pfarrer Stefan Matthias, erklärt diese friedfertige Spiritualität gern mit dem Bild der Zweisprachigkeit:

„Ich bin westlich aufgewachsen, westlich sozialisiert mit all den Werten unserer Kultur und natürlich auch vom Christlichen her. Von daher werde ich nie ein Buddhist sein, wie ein Buddhist, wenn er im buddhistischen Kontext aufgewachsen ist.  Aber ich glaube schon, dass man eine zweite, oder vielleicht auch eine dritte Sprache erlernen kann und diese Sprache nicht etwas Fremdes bleibt. Sondern dass diese Sprache wirklich angeeignet werden kann. Und man dann sich auch in einem anderen Weltdeutungssystem und Wertesystem aufhalten kann. Und dass man dadurch wechseln kann, so wie man auch, wenn man zwei Sprachen gut beherrscht, zwischen Sprachen wechseln kann. Und jede dieser Sprachen hat einen eigenen Charakter, und man kann vielleicht mit der einen Sprache was anderes besser ausdrücken als mit der anderen“.

Religiös zwei- oder dreisprachige Menschen könnten in Deutschland als Übersetzer im Disput der Religionen tätig werden. Sie sind in der Lage, Missverständnisse zu beseitigen, Befremdliches zu erklären, Brücken zu bauen zwischen verfeindeten Gruppen. Sie könnten aufgrund eigener Erfahrungen daran erinnern, dass sich ein wirklich „göttlicher Gott“  niemals mit einer einzigen Konfession identifizieren kann.

Erkennen die großen religiösen Institutionen diese Chance? Der Religionswissenschaftler Perry Schmidt Leukel:

„Die Herausforderung scheint mir wirklich die zu sein: Können die christlichen Kirchen mit diesem zunehmenden Phänomen multireligiöser Spiritualität oder Identität umgehen? Sind sie darauf vorbereitet? Wie reagieren Sie darauf, dass in Ihrer eigenen Mitte Menschen sind, deren persönliche Religiosität bereits von mehreren Religionen geprägt ist? Wie gehen Kirchen damit um, wie gehen sie darauf ein. Das ist noch eine vollkommen offene und bisher weitgehend ignorierte Fragestellung“.

4. musikal. Zusp.

Zum Thema empfehlen wir als Vertiefung: „Multiple religiöse Identität“, Mit dem Untertitel „Aus verschiedenen religiösen Traditionen schöpfen“. Das Buch ist im Theologischen Verlag in Zürich 2008 erschienen. Herausgegeben von Reinhold Bernhardt und Perry Schmidt – Leukel. Es hat 340 Seiten und kostet 24 Euro.



Karl Rahner – ein freier Denker, im guten Sinne: Ein Modernist

8. Juli 2009 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Karl Rahner : Katholisch und ein freier Geist
Ein Hinweis zur Modernität eines Theologen, für den „Modernismus“ kein Schimpfwort sein sollte
Von Christian Modehn

Dieser Beitrag erschien 2004 in adREM, der Monatszeitschrift der niederländischen Kirche der Remonstranten (einer Freisinnigen Protestantischen Glaubensgemeinschaft), www.remonstranten.org,   in leicht gekürzter Fassung. Continue reading “Karl Rahner – ein freier Denker, im guten Sinne: Ein Modernist” »



Mai 68 im „katholischen Berlin“

7. Juli 2009 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

MAI 68 in Berlin – religionskritische Überlegungen.

Ein kleiner Auszug aus meinem Beitrag über meine Erfahrungen im Mai 68
in Berlin und später … Continue reading “Mai 68 im „katholischen Berlin“” »



Die Legionäre Christi – ein machtvoller Orden in der Krise

7. Juli 2009 | Von | Kategorie: Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Die Konkurrenz zum OPUS DEI: Und genauso reich und einflussreich:

Die Legionäre Christi

Publik-Forum Nr. 12 26.6.2009
»Delikate Zeiten«

Die schrecklichen Taten des Ordensgründers werfen dunkle Schatten auf die katholische Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi. Jetzt schickt Rom eine Untersuchungskommission.  Die definitiven Namen der seit Mitte Juli 2009 vom Papst berufeneen 5 „Visitatoren“  siehe am Ende dieses Beitrags.  Continue reading “Die Legionäre Christi – ein machtvoller Orden in der Krise” »



Freisinnige Christen, Glauben ohne Dogma

7. Juli 2009 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Lebenswelten NDR am 5. Juli 2009 um 17.05

Glauben ohne Dogma
Die Remonstranten – eine freisinnige protestantische Kirche
Eine Reportage von Christian Modehn

Vorbemerkung:
Angesichts des zunehmenden Fundamentalismus und der machtvollen Klerikalisierung in sehr vielen großen christlichen Kirchen ist es wichtig, auf eine Kirche der ganz besonderen, der ganz anderen Art aufmerksam zu machen: DIE REMONSTRANTEN. Continue reading “Freisinnige Christen, Glauben ohne Dogma” »