Die liberale Theologie lebt. Literarische Zeugnisse für eine neue religiöse Perspektive

Die liberale Theologie lebt. Zeugnisse aus Kunst, Musik, Literatur, Film … für eine neue religiöse Perspektive

Von Christian Modehn

Zu diesem Artikel, der hoffentlich bald umfangreich wird und Diskussionen fördert, aber immer Essay bleibt, wurde ich angeregt ausgerechnet von dem obersten römischen dogmatischen Glaubenswächter Kardinal Gerhard Ludwig Müller (zuvor Erzbischof von Regensburg und bleibender Ratzinger-Getreuer): Er hat in der katholischen Tageszeitung „Deutsche Tagespost“ einfach verkündet: „Die Lebenswirklichkeit ist keine Offenbarungsquelle“, so in einem Interview vom 28. März 2015, das weltweit verbreitet wurde, unter anderem auch auf der konservativen www.kath.net. http://www.kath.net/news/50039

Eine neue liberale (protestantische, vielleicht später auch einmal explizit katholische) Theologie plädiert genau für das Gegenteil: Die Lebenswirklichkeiten eines jeden Menschen, das Aussprechen seiner Lebenserfahrungen, verbal oder non-verbal, sind Offenbarungsquellen, also mitten im geistvollen Leben „lebt“ das Göttliche/Gott und Menschen finden dafür den ihnen eigenen Ausdruck..

Das heißt: In jedem Leben offenbart sich auf eine individuelle Art und in persönlichen Worten Gott. Und jeder drückt diese Wirklichkeit anders aus, als Kunst, als Musik, als Poesie, als politisches radikales Engagement, als stilles Dulden, als Schweigen, als hilfloses Suchen usw. Und das hat bitte jeder und jede, selbst Kardinal Müller, zu respektieren. Er sitzt doch nicht auf dem Thron der Weisheit. Da haben ihn einige Fromme hingesetzt, damit sie zu etwas Exklusivem aufschauen können..

Dabei wird liberale Theologie vorschlagen, dass die unterschiedlichen (religiösen) Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Das ist der Sinn der christlichen Gemeinde: Religiöse Menschen miteinander in ein (selbst)kritisches Gespräch einladen, damit sie besser und tiefer ihre eigene Lebensphilosophie, die nun einmal jeder hat, bzw. ihren je eigenen Glauben wahrnehmen. Diese Theologie hat Schleiermacher vertreten. Eine solche Gesprächsrunde (also Kirche) will niemals Missionierung betreiben, sondern die Vielfalt der Meinungen wird als Geschenk erlebt.

Diese Erkenntnis verdanke ich dem Berliner Theologen Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, er ist mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin freundschaftlich verbunden und hat dieser website schon zahlreiche Interviews gegeben. Sie sind unter www.religionsphilosophischer-salon.de nachzulesen, klicken Sie hier.

Als Motto soll über unserem (Langzeit)-Projekt ein Wort von Wilhelm Gräb stehen: „Vom heutigen Glauben und dem, was die Menschen als ihren eigenen Glauben zuzumessen bereit sind, gilt es auszugehen. Es gilt, den Glauben zu durchdenken, der ein souveräner Glaube ist, ein Glaube, den die Menschen selbst hervorbringen, aus den Bezügen ihres Lebens“. (in: dem empfehlenswerten Buch von Wilhelm Gräb, „Glaube aus freier Einsicht“. Gütersloher Verlagshaus 2015, S. 12 f.)

Zur Methode unseres Projekts:

Es gilt, zahlreiche Lebensberichte, „Lebensbeichten“ oder bloße Interviews aufmerksam zu lesen und herauszuspüren, wie sich da, jeweils persönlich sehr verschieden, der Sinn des eigenen Lebens oder der erlebte Sinn von Welt ausspricht oder der Wille, sich an die eigene Basis-Überzeugung „absolut“ zu halten. Es soll sozusagen, die bei immer schon gelebte Spiritualität dokumentiert werden. Eine solche Dokumentation von individuellen Lebens-Sinn-Geschichten ist keine Vereinnahmung in eine Kirche hinein. Diese Dokumentation ist nichts als die Wahrnehmung aus einer liberal-theologischen und dann auch religionsphilosophischen Perspektive, dass die Lebenswirklichkeit eben doch die Offenbarungsquelle des Göttlichen ist. Das gilt, selbst wenn manche Menschen sicher aus Abwehr gegenüber allem Kirchlichen von Göttlichem in ihrem Leben eher nicht sprechen wollen, weil Gott zu sehr mit der Institution Kirche konnotiert ist. Trotzdem kann ein Betrachter „von außen“ dann doch Gott/Göttliches im jeweiligen Leben wahrnehmen und als solches benennen, ohne diese Sprache dann den anderen aufzudrängen.

1.

Sehr viel Aufmerksamkeit verdient das Interview in „DIE ZEIT“ vom 26. 3. 2015 (Seite 45) mit dem Autor und Theatergründer (in Maputo) HENNING MANKELL. Das Interview bezieht sich vor allem auf die Krebserkrankung Mankells. Angesichts des eigenen Todes sagt er:
„Dass ich mich vor dem Sterben nicht fürchten muss. Man geht über in etwas anderes. In meinem Fall: in die Dunkelheit, für religiöse Menschen in das Paradies, was auch immer. Wir gehen in verschiedene Richtungen, aber wir gehen…“

Dann erinnert sich Mankell an Johann Sebastian Bach, der eines Tages nach Hause kam und seine Frau sowie zwei Kinder waren gestorben. „Wie Luther war Bach ein Mann, der die Erotik liebte, und auch für mich ist die Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich“.

Das Wundervollste im Leben: Gibt es etwas Größeres als dieses? Erlebt ein Mensch bei dem Wundervollsten das, was in anderer Sprache Transzendenz genannt wird?

Susanne Mayer, die Journalistin, fragt direkt nach: „Mehr als Schreiben?“

Mankell antwortet: Schreiben ist die Nummer zwei. Erotik ist fundamental“.

Zuvor hatte Mankell auf die Frage, woher bei ihm die Kraft kommt, so viel zu arbeiten und in Afrika Gutes

zu tun, geantwortet: „Woher kommt das? Von Luther und Calvin. Ein bisschen von beiden. Ich meine, ich möchte die Welt ein bisschen besser zurücklassen, als ich sie vorfand“. Auf diese provozierende Antwort eines „an sich“ bekennenden Agnostikers: „Luther und Calvin…“ geht die Journalistin leider nicht näher ein. Das wird verdrängt, diese überraschende Antwort überhört.

PS. von Christian Modehn: Das habe ich oft beobachtet, dass JournalistInnen, die mit Religionen, Kirchen usw. nicht so viel „am Hut haben“, überraschende religiöse Antworten übergehen und gleich zum nächsten „Punkt“, zur nächsten Frage, weitergehen.

2.

Über Musik (verbal) zu sprechen, ist eine besondere Schwierigkeit, nicht nur für Menschen, die Musik hören. Mehr noch für Künstler, die Musik „spielen“. Der besonders bedeutende Pianist der Gegenwart ist Grigory Sokolov. Er gibt prinzipiell keine Interviews, nur wenige Zitate (aus Gesprächen) werden in Reportagen über seine Konzerte wiedergegeben. In „Die Zeit“ vom 16. April 2015 sagte Sokolov: „Die Musik hört niemals auf. Sie bleibt , sie ist immer da“. Nebenbei: Bei seinen Konzerten verlangt Sokolov, dass die Beleuchtung stark reduziert wird, es entsteht also eine eher meditative Dunkelheit. „Die Zeit“- Autorin Christine Lemke-Matwey spricht gar davon, dass die Berliner Philharmonie dann „in eine Höhle verwandelt wird“, in „einen Uterus des Noch-nicht-Seins“. Sie relativiert diese Einschätzung jedoch – korrekterweise ?- durch eine prosaische Erklärung des Künstlers, bei vollem Licht werde „alles alles einfach zu heißt“…

3.

Der Dichter (und Philosoph) Friedrich Hölderlin verlässt im Jahr 1798 seelisch stark belastet (verzweifelt) Frankfurt am Main und findet Zuflucht in einem Haus am Rande von Bad Homburg, das ihm sein Freund Isaac von Sinclair vermittelt hat. Hölderlin findet dort Ruhe und „Kraft zum Leben“: „Da gehe ich dann hinaus, wenn ich von meiner Arbeit müde bin, steige auf den Hügel und setze mich in die Sonne. Und sehe über Frankfurt in die weiten Fernen hinaus. Und diese unschuldigen Augenblicke geben mir dann wieder Mut und Kraft zu leben und zu schaffen“. Der Autor Gunter Martens fährt dann fort: „Hölderlin schließt diesen Brief an seine Schwester mit der Bemerkung, solche Naturgänge seien, „so gut, als ob man in der Kirche gewesen ist“ (RoRoRo Monographie, Hölderin, Seite 95) Hölderlin erlebt „Mut zum Leben“ in der meditativen Betrachtung der Natur „als ob man in der Kirche“, er meint: in einem Gottesdienst gewesen ist“: Denn was soll eigentlich ein Gottesdienst bewirken: Stärkung, Heilung, Befreiung. Also eine Form irdischer Erlösung. Erlösung im Himmel allein ist ja Gott sei Dank obsolet geworden. Wenn das ein Gottesdienst nicht (mehr) leistet, etwa aufgrund ritueller Erstarrung oder hermetischer/esoterischer Sprache oder allzu banaler Alltagsfloskeln, dann kann eine meditative Naturerfahrung auch dieselben heilsamen Wirkungen haben. Kommt es nicht in den Evangelien Jesu einzig auf diese Heilung, also Erlösung, an. Die kann doch wohl nicht die Kirche allein vermitteln! Insofern ist das knappe Zitat Hölderlins ein Beispiel für eine Spiritualität, an die sich viele Menschen halten, damals wie heute. Und Hölderlin bietet ein weiteres Element für einen Essay einer umfangreichen, literarisch-empirischen liberalen Theologie. Dabei muss ein Hölderlin Kapitel natürlich sehr umfangreich sein, weil er sich explizit vom dogmatisch erstarrten Christentum absetzte und in der dichterischen Erfahrung das Mythische als solches wiederbelebte als mögliche Existenzform.

4.

Erneuter Eintrag zur musikalischen Erfahrung:

An den Komponisten Karlheinz Stockhausen muss erinnert werden. „Ich bin im Bergischen Land in der Nähe des Altenberger Doms aufgewachsen. In dieser frühgotischen Zisterzienser-Kirche gibt es eine große Michael-Figur, die mich schon als kleines Kind fasziniert hat. Ich habe zu ihr gebetet und von ihr geträumt. Michael ist in meinem ganzen Leben so immer die erste und höchste geistige Macht gewesen, an die ich mich wandte“(Stockhausen im Jahr 2005). Besondere Beachtung verdient wohl Stockhausens sieben Teile umfassende Oper „LICHT“. Günter Peters schreibt: „Stockhausen verstand seine Werke als Folge von Annäherungen an das Absolute. In einer musikalischen Welt, die sich nicht durch Ausschlüsse, sondern durch Nachbarschaften und Einschübe definiert, sind die Übergänge vom Physischen zum Spirituellen, von der Realität zur Transzendenz fließend… Stockhausen glaubte fest an einen alles umschließenden Gott, in dessen jenseitiges Reich er nach dem Tod auffahren würde…“ (in: Musikfest Berlin 2015, hg. von den Berliner Festspielen. Seite 11).

 

FORTSETZUNG FOLGT.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Aktualisiert am 2. August 2017 durch CM

Vernünftig mit dem Unvernünftigen umgehen. Ein Gastbeitrag zum Thema Esoterik von Hartmut Caemmerer

Wir freuen uns, wieder einen Gastbeitrag im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon veröffentlichen zu können: Zum komplexen Thema Esoterik/Exoterik bietet Hartmut Caemmerer einen unterscheidenden Durchblick. Es handelt sich um Thesen, die naturgemäss eher knapp ausfallen und auch als Gesprächseinleitung gemeint sind. Sie haben unseren Dialog am 24. 4. 2015 sehr belebt. Manche wollen die Thesen noch einmal nachlesen, weiterbedenken, weiterdiskutieren. Hartmut Caemmerer, seit etlichen Jahren mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin verbunden, hat diese Thesen noch einmal zur Verfügung gestellt. Dafür besten Dank. Unser Gesprächskreis lebt von der Vielfalt der Meinungen und der Vielfalt der Publikationen im Rahmen der Philosophie/ des Philosophierens oder einer „liberalen Theologie“. CM

Einige Thesen zum rationalen Umgang mit dem Irrationalen, mit Esoterik und Hochreligionen.

Von Hartmut Caemmerer, vorgetragen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24. 4. 2015 als Einleitung in ein Gespräch.

1. Esoterische Lehren unterscheiden sich von denen der Hochreligionen (exemplarisch: Christentum und Buddhismus) hinsichtlich der Einbeziehung irrationaler Gehalte nicht grundsätzlich, wenn auch im Einzelnen quantitativ und qualitativ durchaus (z.B. starke narrative Elemente im Christentum, nicht in der Esoterik). Beide arbeiten stark mit Symbolen, Bildern, notwendig unpräzisen Begriffen u.ä.

2. Innerhalb des Irrationalen ist zu unterscheiden zwischen dem Antirationalen, das objektiven Tatsachen und Denkgesetzen (Alltagserfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen) widerspricht, und dem schlicht Nicht-Rationalen wie Gefühlen, Empfindungen, inneren und äußeren Wahrnehmungen, Symbolen, Bildern u.a.m.

3. Von einem rationalen Standpunkt aus, sind antirationale Vorstellungen und Aussagen grundsätzlich nicht akzeptabel. Darüber hinaus ist gedankliche Kohärenz innerhalb der schlicht Nicht-Rationalen Gehalte zu fordern.

4. Diese Kohärenzforderung stößt allerdings leicht auf Schwierigkeiten, da mentale, psychische, spirituelle Bewusstseinsinhalte oft in sich widersprüchlich, vielschichtig oder vage sind, so dass sie sich präziser Rationalität in unterschiedlich starkem Maße entziehen.

5. Eine mittelbare, oft sehr effektive Kohärenzprüfung ergibt sich aber aus der Konfrontation mit Erklärungshypothesen aus anderen, säkularen Wissensbereichen. Die Erklärung einer Missempfindung aus Familienkonflikten oder körperlichen Beschwerden ist u.U. wesentlich plausibler als aus dem Wirken einer spirituellen Kraft.

6. Wegen der Hinweise zu 4. ist darüber hinaus Übereinstimmung mit gesellschaftlichen und personalen Wertmaßstäben (Wertrationalität) zu fordern bzw. zu prüfen; wie

-(gesellschaftlich:) eine demokratisch-egalitäre Grundeinstellung, Toleranz,  kommunikative Offenheit;

-(personal:) Wahrhaftigkeit, Intention zu größtmöglicher Rationalität; Authentizität, Integrität.

7. Diese Wertkriterien sind z.T. ihrerseits in der Anwendung problematisch. Die Unterscheidung eines wahrhaftig bekannten Glaubenssatzes, eines authentischen symbolischen Erlebens von einer Aussage bzw. von einem Erlebnis, die sich mehr einer Gruppenkonformität oder einer Gruppensuggestion verdanken, dürfte oft sowohl für den Betreffenden selbst als auch für den Außenstehenden (u.U. äußerst) schwierig sein.

8. Aufgrund der Hinweise in 4. bis 7. ist die Einschätzung einer hinreichenden Rationalität religiöser oder esoterischer Aussagen unvermeidlich bis zu einem gewissen Grade relativ und subjektiv. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welche Auffassungen und Überzeugungen er für sich selbst als hinreichend rational übernehmen kann.

9. Die Akzeptanz von Irrationalität bei anderen kann (und sollte) großzügiger gehandhabt werden, als bei sich selbst. Nicht jeder ist zu einem anspruchvollen Rationalitätsniveau in der Lage; viele sind auch nicht sonderlich daran interessiert. Auch mit solchen Menschen kann aber der geistige Austausch (trotz kritischer Vorbehalte) anregend und lehrreich sein, jedenfalls dann wenn ihre Einstellungen und Verhaltensweisen den unter 6. genannten Wertmaßstäben genügen.

copyright: Hartmut Caemmerer.

 

 

 

Georg Elser – der einzelne und seine (Ohn)Macht. Hinweise und dringende Fragen zum Film

Georg Elser – der einzelne und seine (Ohn)Macht

Hinweise, dringende Fragen und radikale Vorschläge anlässlich des Films

Von Christian Modehn

Einige Szenen, einige Aussagen, kann niemand vergessen, der oder die den Film ELSER (mit Christian Friedel in der Hauptrolle) gesehen hat. Diese Szenen/Aussagen/Bilder bleiben im Gedächtnis, das ist wohl das Beste, was man von einem kinofilm sagen kann. Sie werden weitere Diskussionen und hoffentlich auch Veränderungen in der deutschen Erinnerungs-Kultur auslösen.

Vorweg noch ein Hinweis zur Dringlichkeit des Themas, darum diese Ergänzung vom 29.4.2015: Mit Nachdruck erinnert der Film ELSER an die Mitläufer, die Weggucker, die Unschuldslämmer, die Dummen, die Feigen, die Frommen, die Egoisten und alle die anderen, die sich dem Verbrechen der Nazis nicht entgegenstellen, also an die Mehrheit der Deutschen damals. Und heute? Die Juristin Doris Dierbach ist die Anwältin von zwei Nebenklägern im NSU Prozeß nach mehr als 200 Verhandlungstagen. In „DIE ZEIT“  (vom 29. April 2015, Seite 4) antwortet auf  sie die Frage, ob Sie denn nun besser verstehe, warum 10 Menschen (von den Nazis) ermordet wurden: „Wir wissen heute mehr darüber, was sich abgespielt hat. Aber es steigt auch die Verständnislosigkeit. Ich hätte nie geglaubt, dass es in unserem Land eine so manifeste Nazi-Szene gibt. Ich verstehe heute auch besser, warum der NSU so lange unerkannt bleiben konnte: Weil so viele in diesem Umfeld diese Mentalität teilen“. Und ihr Kollege, der Jurist Thomas Bliwier, auch er Anwalt von zwei Nebenklägern, weist im gleichen Interview darauf hin, dass diese Nazis (NSU) Leute sich im Laufe der Jahre immer mehr radikalisierten. „Aber niemand schritt ein, weil das Umfeld das gar nicht problematisch fand“.

Es gibt angesichts der hier nur angedeuteten deutschen Zustände allen Grund, sich näher mit dem Film ELSER zu befassen:

Die Poesie

Als Georg Elser zum ersten Mal von den Nazis verhört wird und – so will es die Bürokratie – seinen Namen und sein Geburtsdatum nennen muss, antwortet er nicht direkt. Er beginnt leise, in sich gekehrt, das Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ (Text und Musik von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, 1838) zu summen: Das ist bittere Ironie. Denn kein Land ist 1939 katastrophaler als das Hitler „Reich“. Andererseits: Poesie zeigt sich hier als Quelle des Widerstands, des seelischen Halts, als Methode, an den ewigen Wert des Menschen zu glauben, auch in dem Ausgeliefertsein an die Nazis – Bestien. Und eben als Erinnerung, dass es einmal … „das schöne Land“ gab. Die Mitläufer und alle vom Wahn Geblendeten haben dieses schöne Land, die „Heimat“, so viel beschworen, aufgegeben, verraten, zugunsten des Todes-Landes Nazi-Reich.

Das Gebet

Georg Elser, der Freigeist, betet in einer Gefängnis-Zelle. Beten sprengt den Raum. Elser sieht unter den vielen Graffitis an der Wand seiner Zelle ein Wort: JESUS CHRISTUS. Das gekrakelte Wort wird zu seiner Ikone. Er betet „Das Vater Unser“. Was denn sonst? Das Gebet, das alle religiösen Menschen immer sprechen können. Und das „Dein Reich komme“, also das Gottes Reich, können sogar Atheisten und Humanisten ersehnen und poetisch sprechen: Siehe etwa Ernst Bloch. Damit zusammenhängend: Szenen aus besseren Zeiten zeigen Georg Elser beim Schwimmen im Bodensee, wunderbare Bilder, die deutlich machen: Elser spürt inmitten der Natur, im Eintauchn ins Wassers, im Blick auf die umgebenden Berge, eine tiefe Lebensbejahung und eine Form von transzendenter Geborgenheit. Das ist religiös. Mehr braucht der Mensch kaum.

Der einzelne

Georg Elser handelt als verschwiegener, hoch begabter einzelner. Er muss Hitler aus dem Weg räumen. Er unterstützt nicht die Schlägereien, in die Kommunisten die Nazis etwa in der Dorfkneipe verwickeln. Das ist für ihn bloß wirkungsloser Aktionismus. Er will das System stürzen. Zurecht. Das ist das einzige, was weiterhilft. Keine homöpathischen Protestworte also, sondern radikales Handeln. Das kann auch der einzelne. Georg Elser tat es leid, dass sein leider erfolgloses Attentat doch auch Unschuldige (und leider nicht Hitler) in den Tod gerissen hat. Als Gefangener versucht er, seine Entschuldigung und sein Mitgefühl den Opfern und Hinterbliebenen noch mitzuteilen. In der Philosophie wird der Tyrannenmord als „ultima ratio“ ethisch verteidigt. Mord und tötende Gewalt sind als absolute Ausnahmen alles andere als alltägliche Vollzüge, wie manche Fundamentalisten heute meinen. Elser will Hitler nicht aus ideologischen, religiösen Gründen ermorden, sondern aus menschlichen. Er will die Menschheit retten, indem er Hitler tötet.

Der Liebende

Georg Elser wird als der erotisch Liebende gezeigt. Die Liebe zu den Frauen ist für ihn -poetisch gesprochen- ein Vorschein des Glücks. Interessant ist, dass der Film Elser nur als den erotisch Liebenden, nicht als den sexuell Aktiven, zeigt. Er will eine Welt, in der Liebe wieder ohne Gewalt möglich ist. Eine erotische Welt also. Rebellion lebt aus der Kraft der erotischen Liebe.

Das System rechnet nicht mit dem einzelnen

Die ihn verhören, quälen und erniedrigen aus Sadismus und im Auftrag Hitlers sind fassungslos, dass ein einzelner überhaupt noch auf die Stimme seines Gewissens hören kann. Die Nazis rechnen auch nicht damit, dass ein einzelner „kleiner Mann“ so umfassende technische Kompetenz besitzen kann, um Bomben mit Zeitzünder zu bauen! Das Verbrecher-System, wie vielleicht jedes System und Regime, rechnet vor allem gar nicht mehr damit, dass es noch Individuen mit einem lebendigen Gewissen gibt, dass es noch Menschen gibt, die ihre eigene Vernunft gebrauchen; die nicht nachplappern, die nicht um der Karriere willen schweigen und das Verschwinden der Nachbarn, der Juden, übersehen: es könnte ja den hoch heiligen Job kosten. Das Nazi-System wie jedes System glaubt, dass immer nur Organisationen mittels unfreier, gehorsamer (Partei-) Mitglieder handeln. Das Nazi –System glaubt also, dass die Gleichschaltung der Bürger, das Ausradieren ihres kritischen Bewusstseins, durch die Allmacht der Apparate und Organisationen total sein kann. Darin sind wohl alle Systeme und Regime verwandt..

Der 20. Juli

Die prominenten Widerstands-Kämpfer des 20. Juli 1944 stehen gegenüber Georg Elser eigentlich seit diesem Film sehr blass und als verspätete Akteure da. Sie kamen zu spät, viel zu spät. Elser lehrt: Nur rechtzeitiges Verändern eines verbrecherischen Systems ist überhaupt sinnvoll..

Wird man in Zukunft den Erinnerungstag, den 20. Juli, auf andere Weise begehen. Wird Georg Elser, der „einfache Mann“, in die Runde der zum Teil adligen Herren und Helden des 20. Juli einbezogen? Wie viele Schulen werden nach Elser benannt werden? Immerhin sind 56 Straßen und Wege nach Georg Elser benannt. Allerdings: Keine Straße im Zentrum des damaligen Faschismus, in Berlin. Wann wird man eine der vielen nach Bismarck benannten Alleen und Straßen z. B. zu Elser Straßen umbenennen?

Warum wurde Georg Elser so lange vergessen/verdrängt?

Dies ist die entscheidende Frage, die kritische Historiker bitte klären sollten: Falls das längst geschehen ist, bitte mich zu informieren! Meine Frage: Warum wollte die Bundesrepublik seit 1945 nichts von Elser wissen? Wollte die DDR etwas von ihm wissen? Gab es vielleicht eine stillschweigende Diffamierung in der BRD, Elser sei ja Kommunist gewesen, was ja nicht stimmt? Passte Elser also nicht ins Weltbild des Kalten Krieges?

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Für eine Philosophie des Weins: Der religionsphilosophische Salon am 29. Mai 2015

Der Religionsphilosophische Salon im Mai 2015:

Wir treffen uns am Freitag, den 29. Mai, um 19 Uhr, ausnahmsweise nicht in der uns vertrauten, angenehmen Galerie Fantom, sondern in der schönen, geräumigen Weinhandlung (speziell auch Weine aus Katalonien) in Neukölln, in der Jonasstr. 32, nahe U- Bhf. Leinestr.

Die Weinhandlung von Wolfgang Baumeister heißt „Sinnesfreude“. Bei dem Namen bieten sich philosophische Fragen von selbst an. Und wir wollen die Herausforderung annehmen: Hat Philosophieren etwas mit Sinnesfreude zu tun? Selbstverständlich, aber wie? Braucht das Denken den (sanften) Rausch? Es geht also um eine kleine Philosophie des Weins – bei einem Glas Wein. Und sicher geht es auch auch um Verbindungen zu religiösen Traditionen. Darum werden wir uns an Platon, Dionysos, Hölderlin erinnern, und vielleicht auch an biblische Motive … sowie persönliche Einsichten beim Wein; darüber wird uns auch Wolfgang Baumeister berichten.

Nebenbei: Kein anderes Getränk hat so schöne philosophische, literarische, künstlerische und religiöse Ideen hervorgebracht wie der Wein. Wir wollen uns also in dem Salonabend der einmaligen Qualität des Weins nähern, auch im Philosophieren: „Der Wein ist Symbol des Festes“. „Der Wein lässt die Herrlichkeit der Welt, der Schöpfung, schmecken“.

Christian Modehn bietet einige Hinweise zu einer Wein-Philosophie. Besonders die Vorschläge des Dichters Friedrich Hölderlin finden Beachtung, ohne dabei Dionysos oder den Weinliebhaber Jesus von Nazareth zu vergessen.

Weitere Hinweise zu diesem etwas ungewöhnlichen Thema folgen. Nebenbei: Die „Sinnesfreude“ ist – für alle Neukölln-Fernen – z.B. mit der U Bahn bestens erreichbar.

Als kleinen Eintrittsobulus denken wir an 5 EURO.

Anmeldungen werden erbeten, weil dann auch inspirierende Informationen vorweg zugesandt werden. christian.modehn@berlin.de

Aktualisiert am 27. Mai 2015 durch CM

Wenn ich Nein sage: Mittelpunkt der Lebensphilosophie

Wenn ich Nein sage: Mittelpunkt der Lebensphilosophie

Hinweise anlässlich einer Begegnung mit der Amsterdamer Philosophen-Gruppe aus der Gemeinde „de Vrijburg“ am 17.4.2015 in Berlin.

Von Christian Modehn

Das Nein-Sagen ist meines Erachtens bisher kein explizites Thema in den Philosophien. Wenn ich mich da irre, bitte ich um korrigierende Mitteilungen. Natürlich wird das Nein im Zusammenhang der Dialektik, des Skeptizismus, des Nihilismus diskutiert. Uns interessiert hier das viel elementare Neinsagen als Praxis im Dasein in der Welt, als Vollzug der „Lebensphilosophie“.

Es gibt philosophiehistorische Hinweise, die auch Bausteine bieten könnten für ein systematisches Bemühen um eine Philosophie des Nein. Der bekannte Bonner Philosoph Heinz Robert Schlette bietet in seinem Buch „Notwendige Verneinungen“ (DJRE Verlag, Königswiner, 2010) einige Hinweise: Die Philosophie der Aufklärung hat sich als NEIN- Sagen verstanden, betont er. Ohne das Nein zum autoritären Regime, zum ancien régime, hätte es keine Französische Revolution gegeben. Später wird Albert Camus den rebellischen Menschen (l homme révolté) als den Menschen definieren, der Nein sagt.

Wer das NEIN als Grundvollzug des Philosophierens thematisiert, folgt einer Erkenntnis, die manche vielleicht selbstverständlich, „banal“ finden. Philosophieren bezieht sich aber immer auf das angeblich Selbstverständliche, angeblich so Vertraute, und es zeigt dann aber, wie befremdlich und neu das Vertraute dann doch in vertiefter Reflexion ist.

Es gehört zum Kern des Humanen: Der Mensch kann Nein sagen. Und er kann Nein sagen, weil er reflektiert. D.h., weil er sich auf das bezieht, was er ist, weil er sich selbst „betrachten“ kann als ein Wesen, das sich immer schon in der Welt aufhält und immer schon vor Entscheidungen gestellt ist und sich auch entschieden hat für eine bestimmte Lebenspraxis. In dieser Wahl einer bestimmten, individuellen Lebenspraxis oder eines bestimmten individuellen Lebensentwurfes wird selbstverständlich immer als Voraussetzung dafür NEIN gesagt zu mehreren Möglichkeiten. Mit der Entscheidung selbst wird dann – oft auch nur vorübergehend- Ja gesagt zu einem Lebensentwurf.

In dieser Reflexion wird schon deutlich: Vieles, was uns umgibt, vieles, was uns bestimmt, vieles, was wir bereits selbst leben, ist eigentlich von uns selbst abzulehnen. Weil es nicht unseren aufrechten tiefen Selbstbild entspricht, nicht unsere tief sitzende wahre Vorstellung vom eigenen Leben in Freiheit und Würde fördert. Die Frage ist, warum so viele Menschen diese – traurig stimmende – Erfahrung machen und doch nicht in der Lage sind und die Kraft haben, NEIN zu sagen. Sie folgen vielleicht aus Bequemlichkeit der Anpassungsbereitschaft an die Masse und weigern sich, ihr eigenes und persönliches Nein zu sagen. Sie weigern sich damit aber auch, eigenständige Personen zu werden.

Um so mehr verdienen Menschen, wie jetzt aus aktuellem Kino-Anlass, etwa Georg Elser alle Hochachtung und Zuneigung. Georg Elser hatte die Kraft, gegen alle, die aus Ignoranz, Hass oder Bequemlichkeit Ja sagten zum Wahnsinn der Nazi-Deutschen, eben auch praktisch NEIN zu sagen.

Wichtig ist: Das Neinsagen geschieht nicht um des Neinsagens willen;  das gilt nur für Menschen, die dem Nihilismus verpflichtet sind. Bei den anderen, wohl den meisten, steht das Neinsagen im Dienst eines größeren Ja. Ein Ja zu einer anderen Welt, zu einem besseren Ich. Das Neinsagen ist eine Art geistige Bewegung, die mich zu einer authentischeren Existenz hin führt.

Wer das Nein auf diese Weise schätzen und praktizieren lernt, erlebt wohl ein bewusstes Leben. Ich nehme die Zustände des eigenen Lebens wie der Welt wieder wahr in ihrer Ambivalenz und auch in ihrem negativen Charakter. Ich sehe: Was bisher als normal gilt, muss nicht wahrhaft gut sein und menschenwürdig. Im Nein wird eine Grenze angesprochen. Diese Grenze will ich nicht überschreiten. Sie ist nicht akzeptabel. Ich sage: Das geht zu weit.

Um das Menschliche und Geistvolle in mir zu schützen, muss ich Nein sagen können. Nein sagen zu einer Politik, die von Gerechtigkeit spricht, tatsächlich aber nur das Wohlergehen der ohnehin schon Reichen fördert. Das Neinsagen müssen wir pflegen zu allen propagandistischen Verlogenheiten, etwa wenn groß tönend die Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet werden sollen, aber praktisch politisch Monate lang nichts geschieht, diesen armen Menschen umfassend beizustehen.

Wir haben den Eindruck: Das Nein Sagen ist andererseits auch allgegenwärtig in den Gesellschaften, in den Staaten, in den Religionen wohl hoffentlich auch. Es gibt ja auch so wenige Erfahrungen, wo ein halbwegs nachdenklicher Mensch heute noch Ja sagen kann etwa bei himmelschreienden Zuständen in der Gesellschaft, im Staat, den Kirchen als bürokratischen Institutionen usw.

Die Frage bleibt brisant auch angesichts der vielen radikalen, nihilistischen Neinsager aus Kreisen, die eher den Gesamtzusammenhang unserer halbwegs noch zivilisierten Rest – Welt in die Luft sprengen wollen. Auch dieses zerstörerische Nein, das schon kein positives Ja mehr als Zielpunkt ist, das ist gegenwärtig. Dazu gilt es Nein zu sagen, indem man diesen Menschen zeigt, dass eine humane Gesellschaft auch noch ihnen – nach Abkehr vom Wahn – Raum zum Leben bietet…

Die Frage ist also philosophisch brisant: Wie kann ich die richtige Unterscheidung treffen und erkennen, ob ein Nein berechtigt ist, mehr noch: richtig und gut, in dem Sinne, dass es neue humanere Lebensmöglichkeiten erschließt?

Ich habe einen eher „einfachen“ Vorschlag, der sich der Philosophie Kants verdankt: Das Kriterium, ob (m)ein Nein zu bestimmten Zuständen moralisch berechtigt ist, ist der Kategorische Imperativ: Also die Auseinandersetzung mit der Frage: Kann mein Wollen, mein Nein Sagen, auch meine entschiedene Zurückweisung einer Haltung, einer Sache, also meine Lebensmanxime, allgemeines Gesetz werden?

Das kann man natürlich an zahllosen Beispielen des Nein Sagen praktisch durcharbeiten. Nehmen wir als eine beliebige Möglichkeit etwa die Meinung: Tempobegrenzung auf Autobahn sei falsch. Wir sagen dazu Nein, weil es ohne Tempobegrenzung zu viele Unfälle gibt. Und die elitäre Auto-Lobby: Sie tritt für die absolute Tempofreiheit ein, die wiederum von der Regierung (die Autoindustrie schafft ja Arbeitsplätze etc) gestützt wird…Oder: Die Vertreibungen von Mietern aus Wohnungen, aus spekulativen Gründen, seien korrekt, weil sie doch nur Ausdruck des so genannten freien Marktes sind: Wir meinen dazu aus philosophischer Sicht: Da muss Nein gesagt werden, weil auf diese Weise Menschen aus ihrer angestammten Heimat vertrieben werden, sie werden wie Objekte behandelt; kein Spekulant möchte das selbst erleben, siehe Kant: Kategorischer Imperativ. Es könnte eine neue Kultur des NEIN entwickelt werden, wenn die selbstkritische Reflexion einen höchsten Stellenwert hätte, und nicht der ökonomische Profit….

Wir leben aber in einer Welt mit vielen großen weltweiten Bewegungen des NEIN (die den Hintergrund eines großen Ja haben, im Sinne eines Humanismus). Man könnte an die Occupy-Bewegungen denken, an Basisinitiativen, soziale Netzwerke, auch an „Podemos“ in Spanien. Viele folgen noch den Inspirationen von Stephane Hessel und seinem Aufruf „Empört euch“.

Diese und viele andere soziale Bewegungen sagen Nein zu einer weltweit propagierten Ideologie: Es gebe keine Alternative mehr zu der jetzt so bestehenden Welt. Das ist ja das Glaubensbekenntnis von Madame Thatcher gewesen: There is no alternative, abgekürzt: TINA

Philosophien können nicht in die unmittelbare Lebensberatung einsteigen, sie setzen auf die Selbsterkenntnis des einzelnen angesichts der beschriebenen Erfahrungen. Dennoch: Wo und wie kann ich mich in meinem NEIN wirksam gesellschaftlich und für mich seelisch/geistig stabilisierend einsetzen?

1. Jeder und jede sollte sein eigenes soziales und politisches Nein leben, ein konkretes Nein. Und dieses Nein ausdrücken in einer Gemeinschaft, die zu seiner/ihrer persönlichen Biographie passt: Also: Ein Arzt kann sein Nein am ehesten ausdrücken, wenn er sich für medizinische Bewegungen einsetzt, die dem Hungertod Widerstand leisten usw. Was er in diesen Widerstandsbewegungen erlebt, kann ihm persönlich weiterhelfen, er macht neue Erfahrungen, lernt neue Menschen kennen. Das Neinsagen eröffnet einen kreativen Raum eines interessierten Lebens.

2.Tatsächlich ist ein noch umfassenderes Engagement möglich: Warum kann man sich nicht in die Welt der Online Kampagnen einschalten? Siehe etwa change.org .

Wichtig ist, noch einmal gesagt, die Erkenntnis: Wir leben oft unthematisch immer schon im Ja. D.h. wir sagen zu unserem Leben, wie es nun einmal ist, (oft notgedrungen) Ja. Dies ist die Basis allen Lebens und dann auch aller Lebensfreude. Dieses Ja zu vertiefen, zu erweitern, kommunikativ zu pflegen, ist Aufgabe des je neu gesprochenen und gelebten NEIN….

Noch ein Wort zum Thema „Religion und Nein sagen“. Auch das religiöse Leben lebt seit alten Zeiten vom Nein Sagen. Die 10 Gebote sind ja auch Ausdruck des Nein Sagens, ganz elementar: „Du sollst nicht töten“.

Es gibt aber auch gängige und schon selbstverständliche religiöse Werte, die man im Sinne des Nein kritisch hinterfragen muss: Ich denke etwa an den Begriff und den Wert der Toleranz. Er ist nicht mehr als eine erste Stufe im Miteinander der Gesellschaft. Und deswegen als Anfang sicher wichtig. Toleranz heißt aber auch weitergehend, dass ich nicht alles tolerieren darf. Ich kann die Feinde der Toleranz nicht tolerieren.

Aber: Es kommt auf Respekt an, respektieren kann ich nur einen, der den Respekt respektiert. Wir müssen gemeinsam den Respekt lernen.

Nebenbei: Wir Deutsche wissen oft gar nicht, dass wir im Grundgesetz Paragraph 20, Absatz 4, ein Widerstandsrecht haben gegen jene, die die demokratische Ordnung zerstören wollen. Der Absatz heißt: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Wir müssen in einer philosophischen und theologischen Spiritualität auch lernen, zu Gott Nein zu sagen: Also: Nein sagen zu den vielen infantilen Gottes-Bildern. Nein sagen zu dem ideologisch missbrauchten Gott. Insofern geht es auch um ein Ja zur Blasphemie!

Zum Schluss ein Hinweis auf KANT: „Eine Regierung, die ihre Bürger wie unmündige Kinder behandelt, selbst wenn es unter dem Titel der Fürsorglichkeit geschieht, ist für Kant der Inbegriff der Despotie“ (in Enzyklopädie Philosophie, S 2993, Beitrag Matthias Kaufmann). Unmündige Kinder sind jene, die nicht qualifiziert Nein sagen können, sondern alles annehmen, was „Vater Staat“ oder „Mutter Kirche“ befehlen…

Diese wichtige Erkenntnis muss selbstverständlich auch auf die Religionen und Konfessionen angewendet werden:

Viele fromme und auch atheistische Seelen leben auch zweifellos im Zustand der Despotie. Und sie merken es nicht einmal, sondern sind glücklich von Klerikern, Rabbiner, Imams, Gurus, Meistern usw. beherrscht (oder bemuttert) zu werden. Es ist der Fehler religiöser und weltanschaulicher Institutionen und der mit ihnen verbundenen staatlichen Systeme, dass sie aus Gründen des Machterhalts das NEIN SAGEN nicht als einen der höchsten (auch religiösen) Werte lehren, verbreiten, besprechen, pflegen. Wann werden Gottesdienste gefeiert, die die Spiritualität und Mystik des Nein pflegen und feiern?

Ein wahres Ja zum Leben, zu einem freien und humanen Leben, erreichen wir nur im ständigen Nein. Auch zu vielen Aspekten, die wir leben, um ein größeres Ja zu gewinnen, zu dem wir dann eines Tages – um des wachsenden geistvollen Lebens willen – wieder Nein sagen….

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein spiritueller Meister: Roger Schutz (Taizé) zum 100. Geburtstag. Eine Ra­dio­sen­dung

Er ist nur unter dem Namen Frère Roger weltweit bekannt: Der protestantische Gründer eines ursprünglich protestantischen, dann ökumenischen Klosters in Taizé, Frankreich. Am 13. Mai vor einhundert Jahren wurde er in der Schweiz geboren. Die Ra­dio­sen­dung in der Reihe Glaubenssachen von NDR Kultur erinnert an wichtige Beiträge dieses ungewöhnlichen Mönchs, der Kontemplation und Einsatz für eine gerechtere Welt stets als Einheit lebte. Ist sein inzwischen weltberühmtes Kloster Taizé inzwischen zu einem katholischen Ort geworden?

Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn am Sonntag, 10. Mai 2015 um 8.40 auf NDR Kultur.

Aktualisiert am 27. April 2015 durch CM

Vom Recht und von der Pflicht zum Widerstand. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken: Vom Recht und von der Pflicht zum Widerstand

Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin.

Die Fragen stellte Christian Modehn

In den Kinos läuft jetzt der „Georg Elser-Film“. Der Regisseur Oliver Hirschbiegel zeigt sehr dicht am tatsächlichen Leben jenen Mann, der sehr früh die Verbrechen des Nationalsozialismus erkannte und mit seinem klug inszenierten Attentat auf Hitler am 8. November 1939 leider dann doch scheiterte.

Nun ist sicher nicht jeder zum Tyrannenmörder berufen. Aber anlässlich des zweifellos großartigen Films könnte sich doch jeder fragen: Gehört zum geistvollen Leben eines jeden Menschen nicht immer auch der Widerstand? Das Nein, um die Menschenrechte in dieser Welt zu schützen und durchzusetzen?

Was an Georg Elser besonders beeindruckt: Er hat als Einzelner gehandelt. Gewiss, er sympathisierte mit der Kommunistischen Partei. Er ging, obwohl Protestant, in München in die katholische Messe. Da waren politische und auch religiöse Prägungen. Dann zeigt der Film aber, wie da ein Mensch nicht nur sieht, was alle sehen konnten: Die Kriegsvorbereitungen, die Verfolgung der Juden, die Hetze gegen die Kommunisten, sondern den Entschluss fasst, zu handeln. Es stand keine Organisation hinter ihm, schon gar keine der Kriegsgegner, obwohl das die Nazis sofort behauptet haben. Er hat aus eigener Einsicht gehandelt, getragen, so könnte ich auch sagen, von einem souveränen Glauben, vom Vertrauen in die Rechtfertigung seines zugleich Schuld auf sich ladenden Handelns. Er hat das durch Hitler und seine Gangster-Bande vor aller Augen verübte Unrecht erkannt und sich deshalb zum Attentat entschlossen, wäre dieses gelungen, es hätte möglicherweise der Holocaust so nicht stattgefunden und der Krieg wäre früher zu Ende gewesen.

Wir wissen das nicht. Aber Menschen wie Georg Elsner oder Dietrich Bonhoeffer zeigen unmissverständlich, dass verantwortliches Handeln aus eigener Einsicht in seine Notwendigkeit möglich ist, wobei wir von Bonhoeffer genau wissen, wie sehr er auch theologisch um die Rechtfertigung, ja, um das göttliche Gebot seines Tuns gerungen hat.

Im November 1939 wusste längst jeder in Deutschland, was mit den Juden geschieht und der verbrecherische Krieg hatte bereits begonnen. Doch zum Widerstand waren nur wenige bereit. Warum? Ich denke, nicht nur deshalb, weil es Mut dazu brauchte, sondern auch, weil es an der Bereitschaft und der Entschlossenheit fehlte, aus eigener Einsicht in das, was Recht ist, zu handeln – und auf die Kraft des Glaubens zu vertrauen.

Ob solche Bereitschaft und Entschlossenheit zu handeln in den politischen, gar gewaltbereiten Widerstand führen muss, ist allerdings eine sehr schwierige Frage. Denn das Widerstandrecht setzt die Aufhebung demokratischer Verfassungszustände voraus. In demokratischen, rechtsstaatlichen Verhältnissen, wie wir sie heute haben, ist die Religion zwar zur öffentlichen Stellungnahme und zur Einmischung in die gesellschaftlichen Belange berechtigt, ja, ich würde sogar sagen, verpflichtet. Es kommt ihr aber nicht zu, die demokratischen Prozesse der Willensbildung, Gesetzgebung und Machtausübung zu umgehen, gar den Einsatz von Gewalt auch nur zu erwägen. In Diktaturen, die das Recht mit Füßen treten und das Leben von Menschen fordern, ist das völlig anders.

Dennoch, auch in demokratischen Verhältnissen geschieht immer wieder so viel Unrecht, das unseren Widerstand herausfordert. Denken wir nur an unser viel zu restriktives Asylrecht, an die vielen Flüchtlinge, die dennoch in unser Land kommen und dann auch hier bei uns wieder um ihr Leben fürchten müssen.

Wir haben uns dieser Tage an die Ermordung des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer vor 70 Jahren erinnert. Haben religiöse Menschen, zumal in den christlichen Traditionen, nicht eigentlich eine besondere Sensibilität für politische und soziale Missstände? Ist die Verteidigung der Menschenrechte für sie genauso wichtig wie das Nachsprechen der uralten Glaubensbekenntnisse?

Die Religion hat viele Gesichter. Das war auch zu Bonhoeffers Zeiten so, als die Mehrheit der Protestanten „Deutsche Christen“ waren und aus deutschnationaler Gesinnung Hitler folgten. Bonhoeffer gehörte zur Bekennenden Kirche. Auch die Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche bedeutete jedoch keineswegs die Bereitschaft zum oder gar die Teilnahme am politischen Widerstand. Vielen in der Bekennenden Kirche ging es lediglich um die Wahrung kirchlicher Selbständigkeitsinteressen. Bonhoeffer war anders. Er schloss sich dem politischen Widerstand an, was ihn dann auch zur Mitbeteiligung an dem Attentat auf Hitler führte.

Es war für ihn durchaus schwierig, diese Entscheidung ethisch zu verantworten. Aber er hat sie getroffen, weil er sich, auch eigene Schuld auf sich ladend, um des allgemeinen Wohls und der Rettung unschuldigen Lebens willen, dazu herausgefordert sah. Sein Widerstand war ihm in einem göttlichen Auftrag begründet. Aber er meinte eben deshalb, die Situation, in der es Widerstand bis hin zum Attentat auf Hitler zu leisten galt, als eine Ausnahmesituation auffassen zu müssen. Dass es eine Ausnahmesituation war, ist für uns heute klar. In der Situation selbst war das keineswegs eindeutig, sondern verlangte ein waches, kritisches politisches Bewusstsein. Ein solches Bewußtsein, das können wir Heutigen immer noch von Bonhoeffer lernen, gehört zur Religion dazu, wenn diese zu einem kritischen, prophetischen Handeln befähigen soll.

In Bonhoeffers Augen fehlte es den Kirchen an politischer Wachsamkeit und öffentlich-gesellschaftlicher Mitverantwortung. Auf die bürgerliche Behäbigkeit der Kirchen zielte ja auch die Religionskritik, die er in seinem Briefen aus dem Gefängnis vorgetragen hat. Seine Religionskritik war Kritik an einer selbstgenügsamen Kirche, die im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt ist, sich um das Seelenheil zu kümmern vorgibt, während sie die zum Himmel schreienden Missstände in Politik und Gesellschaft übersieht, ihre Stimme nicht erhebt, obwohl die Würde von Menschen missachtet und die Menschenrechte mit Füßen getreten werden..

Mit seinem prophetischen Auftreten ist Bonhoeffer bis heute ein positives Beispiel – auch wenn unser Widerstand gegen eine falsche Politik, sofern wir uns zu diesem aus eigener, freie Einsicht herausgefordert sehen, „durch die Institutionen hindurchgehen“ muss. In einem demokratischen Rechtsstaat ist der politische Widerstand gegen üble Zustände, selbst wenn er sich auf Gottes Willen berufen kann, auf die Schaffung von Mehrheiten und den argumentativ erzeugten Konsens angewiesen.

Offenbar muss die „schweigende Mehrheit“ lernen: Widerstand zu leisten, Nein sagen zum Unrecht, ist eine positive, durchaus auch eine vitale Kraft im Leben. Erschließt sich der Sinn des Lebens und meines Lebens vielleicht erst im Nein? Im Widerstand gegen das Unrecht?

Der Sinn des Lebens erschließt sich mir, wenn ich ganz bei einer Sache bin, wenn ich mich engagiere und das Gefühl gewinne, etwas Wichtiges und Gutes zu tun. Manchmal empfinde ich dieses Gefühl besonders intensiv, wenn ich gegen Widerstände angehen muss, eben weil dies zugleich anstrengend und immer auch gefährlich ist. Besonders, wenn ich mich dabei auf mich allein gestellt finde. Dann gerate ich auch leicht in Unsicherheit: Ist es wirklich richtig, was du da tust? Du könntest ja auch irren. Sehen denn alle anderen gar nicht, dass sie in die falsche Richtung gehen? Oder ist es gerade umgekehrt, dass ich derjenige bin, der sich verirrt hat wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn.

Sich der „schweigenden Mehrheit“ anzuschließen ist in der Regel der bequemere Weg. Aber wachsam zu sein, wo Gefahr droht, gegen Missstände vorzugehen, auch dort, wo ich dadurch in Konflikte mit der herrschenden Meinung oder etablierten Machtstrukturen gerate, macht oft wichtige Veränderungen erst möglich. Nur, ich muss es noch einmal sagen, gerade der Widerstand gegen die massiven Unrechtverhältnisse in unserer Welt kann bei zeichenhaften Handlungen nicht stehen bleiben. Er verlangt den Eintritt in demokratische Prozesse und die Mitarbeit in Institutionen.

Denken wir nur an die nach wie vor Elend, Hunger und Tod verursachenden wirtschaftlichen Verhältnisse der Ungleichheit, wie sie nicht zuletzt durch ein völlig undurchschaubares Finanzsystem gesteigert werden. Das verlangt unseren Widerstand. Aber wenn dieser nicht nur eindrückliche Zeichen setzen will, wie es zuletzt die Occupy-Bewegung getan hat, dann muss versucht werden, auf die Ordnungsstrukturen, die den Weltmarkt regulieren, Einfluss zu nehmen, was wiederum den Aufbau global wirksamer politischer und ökonomischer Institutionen verlangt.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 2. August 2017 durch CM