Religion als Rauschmittel der Erfolgreichen. Zu einem Beitrag der panafrikanischen Zeitschrift „Chimurenga Chronic“

Nigerias geldgierige Prediger und die christliche Religion als Opium

Die Zeitschrift „Chimurenga Chronic“ aus Kapstadt bietet vieles, auch Religionskritik

Von Christian Modehn

„Chimurenga Chronic“ – den Namen werden wir uns merken müssen, wenn wir an den Kulturen Afrikas Interesse haben. Und das sollten wir, weil die meisten Europäer sicher einen enormen Nachholbedarf haben an Kenntnis und Verständnis. Afrika ist der nahe liegende Nachbar Europas; ein bis jetzt meist unbeliebter, weil unbekannter Nachbar, das muss sich ändern! Bis jetzt vertreiben wir schändlicherweise, gar nicht humanistisch und schon gar nicht christlich, diese unsere Nachbarn, siehe Mittelmeer, siehe Lampedusa usw.

„Chimurenga Chronic“ bietet monatlich ausführliche Informationen online; alle drei Monate auch als Printausgabe. Die „Chronic“ ist eine großartige Kulturzeitschrift, die seit 2010 in englischer Sprache in Kapstadt erscheint, von afrikanischen Autoren ausschließlich gestaltet. Beiträge kommen aus Kamerun, Mozambique, Benin, Nigeria usw. Ein tolles Panorama! Zur website dieser Zeitschrift klicken Sie bitte hier.

Die „Chronic“ belehrt schon beim ersten Hinblick, dass es „die“ afrikanische Kultur, „den“ afrikanischen Autor usw. selbstverständlich NICHT gibt. In Afrika gibt es, wie auch sonst und überall, alles Kulturelle nur im Plural, bezogen auf ein jeweiliges Land und eine jeweilige Kultur. Es ist der „Kulturstiftung des Bundes“ (Franckeplatz 2, 06110 Halle an der Saale) sehr zu danken, dass der Nr. 22 der  (gratis zu beziehenden!) Hauszeitschrift eine deutschsprachige Ausgabe dieser „panafrikanischen Gazette“ „Chimurenga Chronic“ beigelegt ist.

Aus der Fülle der Beiträge können wir von unseren religionsphilosophischen und damit immer auch religionskritischen Interessen nur auf einen Beitrag hinweisen: Yemisi Ogbe bietet eine gründliche und kritische Reportage über die bei uns schon etwas bekannte schrille Szene der Prediger und Kirchengründer im Umfeld von Lagos,Nigeria, die alle mit einer charismatischen und pfingstlerischen Spiritualität verbunden sind. Sie erreichen vor allem Menschen des aufstrebenden Mittelstandes in ihren riesigen Kirchengebäuden, auch viele Studenten; nur etwa 15 Prozent, so Yemisi Ogbe, seien arme Leute, „die jedes Wort als bare Münze nehmen, das der Prediger von sich gibt“. Auch die anderen glauben an das Wort der feingekleideten, „diamantbesetzte Uhren tragenden“ Predigern: Sie glauben daran, wenn ihnen Wohlstand und Luxus als Gottesgeschenk verheißen wird, wenn denn die Glaubenden selbst erst mal ordentlich spenden… für den Prediger und seine Familien. „Die (theologisch kaschierte) Wohlstandsdoktrin erweist sich für die Prediger selbst als äußerst profitable Ware“, so Yemisi Ogbe.

In der „Chronic“ von April 2014, in der deutschen Ausgabe auf Seite 11, wird nur ein Ausschnitt von dem Reichtum führender Prediger in Nigeria aufgelistet. Wir erwähnen Bischof David Oyedepo, von der Kirche Living Faith World Outreach Ministry, auch Winners Chapel genannt. Dieser Herr Bischof hat ein Vermögen von 150 Millionen US Dollar „erpredigt“. Seine Kirche, The Faith Tabernacle, bietet 50.000 Frommen Betern und damit immer auch Spendern Platz. Der „Pfingst-Bischof“ besitzt eine Universität, er hat Anwesen in London und den USA, einen Verlag, eine Druckerei, vier Privatjets usw. Das Vermögen des Predigers Chris Oyakhilome wird auf 50 Millionen US Dollar geschätzt; das des Predigers Temitope Balogun Joshua auf 15 Millionen US Dollar. Er beansprucht, schwerste Krankheiten heilen zu können. Das Vermögen des Predigers und Kirchengründers Matthew Ashimolowo wird mit 10 Millionen, das Vermögen des Predigers Chris Okotie mit 10 Millionen US Dollar angegeben. Wie gesagt, das alles in einem land, in dem Menschen vor Hunger sterben. In der letztgenannten Kirche sind besonders Mitglieder der high society aus Lagos Mitglieder, auch viele Prominente aus der äußerst aktiven „Nollywood“ Filmszene. All dies ist keine Phantasie: Andere religionssoziologische Studien haben ähnliches aus Nigeria berichtet.

Diese und weitere Fakten können hübsch detailliert nachgelesen werden auf Seite 11 der deutschen Ausgabe von „Chronic“ aus Kapstadt.

Bei der Lektüre dieses Beitrags von Yemisi Ogbe mit dem Titel „Nigerias Superstar-Gottesmänner  (mit dem englischen Obertitel „Gospel Christian Porn Rap“) wird deutlich, wie tief die Religionskritik hierzulande noch auf Europa fixiert ist; wie gering offenbar die reale Bedeutung der klassischen christlichen Kirchen (Katholiken, Lutheraner, Reformierte usw.) in manchen Teilen Afrikas ist. Und wie offenbar in Lagos und Umgebung in deutlichster Form Religion als Aufputschmittel für Erfolgreiche und als Goldquelle für die Prediger verwendet und mißbraucht wird. Vom Gott der Bibel, das sei am Rande bemerkt, ist da nicht mehr die Rede. Diese Christen nehmen es offenbar hin, dass Nigeria „zu den religiösesten Ländern der Welt“ (auch innerhalb des Islam?) gehört,so religionssiologische Studien;  gleichzeitig aber steht Nigeria an zweiter Stelle aller korrupten Staaten,  so „Transparency International“. Korruption und reicher Glaube der Sehr-Reichen sind hier also in einem „vorbildlichen“ Gemisch verbunden. Und Nigeria steht an 153. Stelle (von 186 Staaten) des Human Development Index. Das reiche „Erdöl-Land“ ist bettelarm, wenn man die Mehrheit der Bevölkerung betrachtet.

Wir meinen: Weniger fromme Scharlatane, weniger Religion in dem beschriebenen Sinne, mehr Aufklärung, mehr Bildung, mehr Gerechtigkeit und weniger verlogene Kirchen dieser Art würden den allermeisten bitterarmen Menschen in Nigeria sehr gut tun, all das wäre wichtiger. Wir sind gespannt, ob einmal über Religionskritik in Nigeria und anderen afrikanischen Ländern berichtet wird. Vielleicht auch in der guten Zeitschrift „Chronic“ aus Kapstadt.

copyright: christian modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Der „Fall Heizer“: Über die Macht der Institution.

Keine Chance für Kreative:

Was der „Fall Heizer“ (Tirol) offenbart: Perspektiven und Fragen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, das haben wir in unserem Studienkreis oft betont, ist immer auch Religionskritik aus der Kraft der Argumente.Dabei müssen selbst „kleinere Ereignisse“ gewürdigt werden, sie könnten sich oft zu Bewegungen größeren Ausmaßes entwickeln, sind zumindest „Symbole“ für das Verhalten religiöser Institutionen.

Martha und Gert Heizer haben in ihrer Wohnung in Absam, Tirol, einige Jahre lang regelmäßig Eucharistie gefeiert, ohne offiziellen Auftrag, ohne jegliche Form der Weihe durch die Hierarchie etc. Beide sind tief in der katholischen Tradition verwurzelt. Sie sind wichige Vertreter der Bewegung für eine „Kirche von unten“.

Die Heizers taten das, was die erste Generation der Christen nach dem Tod Jesu tat, nämlich Eucharistie in den Häusern zu feiern. Davon sprechen die Texte des neuen Testaments. Von zölibatären Priestern, die dieser Eucharistie vorstehen, ist da eher am Rande die Rede.

Die Hierarchie hat Martha und Gert Heizer jetzt wegen der privaten Eucharistiefeier exkommuniziert, also mit einer der schwersten Kirchenstrafen belegt. Harte Strafen im religiösen Bereich sind Ausdruck der Hilflosigkeit und Angst. Dabei beruft sich die Hierarchie ebenfalls ständig auf diese frühen neutestamentlichen Texte; einige wenige Verse sind sozusagen die Basis für ihren Anspruch, ausschließlich zu bestimmen, was und wer katholisch ist: Die Hierarchie unterstellt auch heute: Jesus von Nazareth habe „die“ Kirche begründet, die römisch – katholische ist gemeint eben in der hierarchischen Struktur und der Trennung von Laien und Klerus. Jesus von Nazareth soll also in der Sicht der Hierarchie der Gründer der heutigen Kirche sein: Dabei hat der arme Gekreuzigte nur vom baldigen Kommen des Gottes Reiches gesprochen! Das weiß allmählich jeder Oberschüler. Dieser Glaube der Hierarchie (Jesus von Nazareth als Kirchengründer) wird auch seit mindestens 200 Jahren von der kritischen theologischen Bibelwissenschaft abgewiesen sowie von einigen vernünftigen, aufgeschlossenen protestantischen Kirchen: Es waren doch die Gläubigen, die dann die Gemeinden formten und Kirchen gründeten. Von daher entsteht eine große Freiheit in der Lehre und der Gestaltung. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse sind der römischen und österreichischen usw. Hierarchie in dem Fall egal. Theologische Erkenntnisse sind offenbar eher banales Glasperlenspiel.

Die Hierarchie glaubt zudem aufgrund eines Bibelverses, dass Jesus von Nazareth den Fischer Petrus zum Papst (Petrus, der „Fels“) erwählt hat. Sie glaubt hingegen nicht, dass man mit der biblisch bezeugten Bergpredigt Politik oder gar Kirchenpolitik machen kann. Diese Bibelstellen sind dann doch etwas zu sehr radikal, … Mit anderen Worten: Die Hierarchie wählt also aus, welche Verse sie im Neuen Testament für sich selbst wichtig findet und welche nicht. „Häresie“, also „Auswahl“ aus bestimmten Bibelstellen, nannte man das früher.

Die Auswahl der relevanten Bibelstellen folgt einem einzigen Kriterium: Was dient der Macht des Klerus und was nicht. das ist die Frage, über die diskutiert werden könnte/müsste.

Wenn nun Laien, sogar Frauen, selbst in bescheidenem, privaten Rahmen, ihre Frömmigkeit pflegen und eben privat Eucharistie feiern, wird die Macht des Klerus in Frage gestellt. Denn noch einmal: Nur die zölibatären Priester dürfen Eucharistie feiern, so sagt das Kirchenrecht, das der Klerus geschaffen hat. Nur das Feiern der Eucharistie „können“ Priester, das unterscheidet sie, macht sie zu einem heiligen Stand. Darum wird die Eucharistie in der offiziellen Theologie in Rom auch nach wie vor für den einzigartigen Mittelpunkt des katholischen Glaubens gehalten, weil eben nur die zölibatären Priester „Messe können“. Darüber darf es keine Diskussion geben, jeder Kreative, jeder Abweichler wird rausgeschmissen, d.h. exkommuniziert. Hat Jesus eigentlich jemanden exkommuniziert? Weiß da jemand eine Antwort? Vielleicht Papst Franziskus, der die Barmherzigkeit so viel bespricht und wegen dieser schönen Worte so bewundert wird?

Die Heizers in Tirol stellen also die letzte verbliebene Kompetenz des Klerus in Frage. Das ist ihr Verbrechen. Weil ihr Tun revolutionär ist und die Kirche reformieren KÖNNTE.

Die Exkommunikation zeigt, dass die neutestamentliche Rede vom „allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“ im Vatikan kaum mehr als schönes Gerede ist. Schon das 2. Vatikanische Konzil, das so viel gerühmte, hat das allgemeine Priestertum aller Gläubigen nur UNTER Führung des Klerus überhaupt für der Rede wert gehalten.

Die Exkommunikation der Heizers zeigt weiter: Da wird ein Warnsignal gesetzt angesichts des Priestermangels und der heftig um sich greifenden Zusammenlegung von Pfarr – Gemeinden zu den (immer weiter klerikal geleiteten) Großgemeinden: Nur die Priester werden diese Großgemeinden mit der Eucharistie betreuen, sonst niemand. Bitte keine Laieneucharistie! Sie bleibt streng verboten für  glaubende Laien! Damit niemand auf die Idee kommt, sonntags ohne Priester in der priesterlosen Pfarrgemeinde Eucharistie zu feiern… Nebenbei: Allein das Wort „Laien“ ist probelmatisch: Diese Gläubigen werden im alltäglichen sprachlichen verständnis zu Nieten erklärt, zu Nichts-Wissern, zu Inkompetenten. Wenn „Laos“ (Laien)  aus dem Altgriechischen übersetzt Volk bedeutet, dann sind auch Kleriker Teil des Volkes, also Laien.

Die Exkommunikation erinnert an ein kürzlich zurückliegendes, leider schon wieder vergessenes Ereignis: 2007 hatten die niederländischen Dominikaner ein wichtiges, viel beachtetes Dokument („Kirche und Amt. Unterwegs zu einer Kirche der Zukunft“)  herausgegeben, das die „Laien“ aufforderte, in den katholischen Gemeinden Hollands eigenständig sonntags Eucharistie zu feiern, falls kein zölibatärer Priester zur Verfügung steht. Das Dokument wurde selbstverständlich von Rom sofort niedergeschmettert, die Dominikaner mussten Abbitte leisten ein entwürdigender Vorgang, der zeigte: Die Christen, selbst die Ordensleute, sind eher dumme Kinder gegenüber dem Vater, dem Papa, dem Papst, der Hierarchie. Jetzt geht der Niedergang der niederländischen katholischen (klerikalen) Kirche weiter.

Auch die Basisgemeinden in Lateinamerika sind durch die Exkommunikation der Heizers eindringlich gewarnt: „Denkt bloß nicht daran, in euren Hütten, in den Favelas oder in den entlegenen Dörfern Eucharistie selbst zu feiern“, heißt die Warnung: Wartet brav auf den zolibatären Priester, der euch zweimal im Jahr besucht. Das muss euch reichen für die Feier dieses Gottesdienstes, den die Herren im Vatikan für den einzigartigen Mittelpunkt des katholischen Glaubens halten. Ihr seid nur dumme Laien, ohne Kompetenz. Viele Katholiken wenden sich den so genannten Pfingstgemeinden evangelikaler Art zu, der Papst bedauert das. Aber die römische Kirche ist selbst „schuld“ an diesem Wechsel in andere Konfessionen.

Der „Fall von Martha und Gert Heizer“ ist alles andere als ein banales Ereignis am Rande. Wir haben den Eindruck: Mit der Exkommunikation fügt sich die katholische Hierarchie schweren Schaden zu. Vielleicht fördert auch dieses Ereignis das kritische Nachdenken usw.

Aus historischen Studien wissen wir: Die Kirchen wären nie vorangekommen, wenn es nicht immer Menschen gegeben hätte, die einige der bestehenden Kirchengebote überschritten hätten, also „praeter legem“ gehandelt hätten. Der jetzt so viel zitierte Franziskus von Assisi war so ein Gesetzesbrecher mit der Gründung seiner Armutsbewegung in einer feudalen Kirche. Ohne Gesetzesbrecher, die sinnloses Gesetz überspringen, zugunsten einer neuen Lebendigkeit, gibt es auch in der römischen Kirche kein Leben. Aber so viel Freiheit des Denkens gibt es selbst im Vatikan eines Papst Franziskus nicht.

Copyright: Religionsphilosophischer-salon-Berlin.

Sankt Karol Wojtyla trifft den Heiligen Johannes XXIII.

Sankt Karol Wojtyla trifft den heiligen Papst Johannes XXIII.

Von Christian Modehn

Am Sonntag, den 27. April 2014, wird Papst Johannes Paul II. in Rom heilig gesprochen. Der polnische Papst, sehr konservativ – theologischer Prägung und mit entsprechender Herrschaft über die Katholiken, wird zugleich mit Papst Johannes XXIII. (Papst von 1958 bis 1963) als himmlischer Fürsprecher weltweit, wie man sagt, “auf die Altäre erhoben”. Ein konservativer Papst und ein eher etwas aufgeschlossener, etwas jovialer, aber mutiger Papst werden also – diplomatisch klug – gleichzeitig heilig gesprochen. Auf diese Weise will Papst Franziskus den Eindruck erwecken, beide Strömungen hätten jetzt in der römischen Kirche eine Art Gleichberechtigung.

Als religionsphilosophisch und religionskritisch orientierter Studienkreis publiziert der Religionsphilosophische Salon Berlin noch einmal einen Beitrag von Christian Modehn, der im Mai 2011 im WDR gesendet wurde. Dieser Artikel hat nichts von seiner Aktualität verloren. Über die in Karol Wojtylas (Johannes Paul II.) Namen geschehenen Wunder wurde berichtet, nun also gibt es noch ein Wunder in Costa Rica. Dass Heiligsprechungen auch ohne die sonst nachzuweisenden Wunder jetzt im Fall Johannes XXIII. möglich sind, ist ein bedeutendes Ereignis: Das sonst so rigide Kirchenrecht  wird also von Papst Franziskus übergangen. Ein wegweisendes Ereignis bezogen auf die Relativität des Codex Iuris Canonici?

Die Allmacht des Papstes Franziskus, so schreibt zurecht Stéphane Le Bars in „Le Monde“ vom 26. April 2014, Seite 7, Rubrik cultures et idées, zeige sich in seiner Entschlossenheit, bestimmte Personen des Jesuitenordens, wie Pierre Favre, im Schnellverfahren auch ohne den Wundernachweis heilig zu sprechen. Die Frage aber bleibt: Wenn Heilige Vorbilder sein sollen für die so genannten normalen Katholiken, wie können Päpste, also privilegierte und rund herum verwöhnte Kleriker, dann wirklich Vorbilder sein? Was hat ein vor Hunger sterbender Katholik im Südsudan von einem Vorbild Papst Johannes Paul II.?

Aber abgesehen davon: Wie kann man im Ernst heute eine Theologie  – auch im Blick auf die Ökumene – vertreten,  die davon ausgeht, bestimmte verstorbene Herrschaften könnten an Gottes Thron Fürsprache halten für bestimmte fromme Leute? Darf man fragen, ob angesichts des heutigen und aufgelärt – kritischen Bewußtseins sich der Katholizismus vatikanischer Prägung mit solchen Überzeugungen nicht ein wenig lächerlich macht? Leben wirklich so viele Katholiken noch in einem mittelalterlichen Weltbild? Werden solche Fragen, theologische Fragen, im Ernst heute überhaupt noch diskutiert? Welcher deutsche katholische Theologieprofessor spricht darüber? Welcher Protestant beschwert sich über solche Glaubenshaltungen? Ist diese offenbar millionenfache Begeisterung für bestimmte heilige Herrschaften, denn in der Mehrheit sind es Männer, Kleriker, oder eben manchmal auch Nonnen oder Jungfrauen, eine Begeisterung für Idole, für Halbgötter, Übermenschen, bei denen es – wie im Falle des heiligen Scharlatans Pater Pio – eigentlich egal ist,was sie lebten, erlebten und angeblich erduldeten? Wo sind die Grenzen zwischen Heiligenkulten und Verehrung von Fußballgrößen? Bedient die katholische Kirche das recht schlichte Bedürfnisse nach Verehrung von Halbgöttern? Wer stellt als Theologe diese Fragen?

Noch ein aktueller Hinweis vorweg: Derjenige Prälat, der die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II.  im Vatikan mit allem Nachdruck “betrieben” hat, äußerte sich nun auch zu den hinlänglich bekannten Tatsachen, dass dieser Papst mit dem verbrecherischen Gründer der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, befreundet war. Wir haben diese Freundschaft Papst – Maciel anderweitig auf dieser website lang und breit als erste im deutschen Sprachraum überhaupt dokumentiert.  Nun sagt also der entscheidende Förderer der Heiligsprechung Johannes Paul II: (wir zitieren aus der französischen katholischen Tageszeitung LA CROIX (Paris) vom 22. 4. 2014 und hoffen auf die Sprachkenntnisse unserer Leser:

« Il n’y a aucune implication personnelle de Jean-Paul II », dans l’affaire du P. Marcial Maciel, fondateur des Légionnaires du Christ à la double vie sulfureuse, a assuré à la presse, mardi 22 avril au Vatican, Mgr Slawomir Oder, postulateur de la cause de canonisation du pape polonais, alors que certains accusent des hauts responsables sous son pontificat d’avoir couvert les agissements criminels du prêtre mexicain mort en 2008 et très bien introduit au Vatican”. Kurz übersetzt: Der entscheidende Prälat betont: “Es gibt gar keine Implikation (Einbeziehung) Johannes Paul II. in die Affäre von Pater Marcial Maciel in dessen (wir übersetzen wörtlich) schwefelhaltiges Leben” (mit diesen Worten schwefelhaltig beschreibt man also Verbrechen, die selbst Papst Benedikt XVI. schon als solche bezeichnet hat). An dieser Äußerung Msgr. Slawomir Oders fällt auf:

Ist es problematischer als Papst mit Marcial Maciel freundschaftlich über viele Jahre verbandelt gewesen zu sein oder ist es problematischer als Papst, als oberster Leiter der Kirche von dieser “schwefelhaltigen Gestalt” und seinem Treiben nichts gewusst zu haben? Schließlich lebte Maciel ja in der Nachbarschaft, er war Begleiter auf einigen Reisen des Papstes usw… Der in der Defensive argumentierende Prälat fügt hinzu, so „La CROIX: “Interrogé sur l’attitude de Jean-Paul II et de ses proches collaborateurs vis-à-vis du P. Maciel, Mgr Oder a précisé qu’une enquête avait été menée et que les documents relatifs à cette question avaient été étudiés de façon approfondie. Le résultat de cette recherche a donné une « réponse nette » sur le sujet : « Il n’y a aucune implication personnelle du pape », a-t-il assuré“, soweit La Croix. Selbst ausführliche Studien zu der Beziehung beider hätten also ergeben, es gäbe keine persönliche Verbundenheit, Betroffenheit, zwischen beiden. Soweit also zum Stand kritischer und objektiver Erforschung der Zeitgeschichte im Vatikan angesichts eines Papstes, den so viele offenbar als Heiligen ersehnen und – in Polen – brauchen.

Nach der Seligsprechung Johannes Paul II. im Mai 2011 notierten wir:

Beklemmend ist die Information, dass der Vatikan nichts dagegen unternahm, den unseligen Dikator Robert Mugabe aus Zimbabwe von der Seligsprechungszeremonie fernzuhalten. Die Erklärung des Vatikan- Sprechers P. Lombardi, der Vatikan unterhalte nun einmal diplomatische Beziehungen mit Zimbabwe, wirkt floskelhaft und allzu “diplomatisch”. Die Zeitung „Urgente 24“ berichtet, dass der blutrünstige Diktator nur wenige Meter von Benedikt XVI. entfernt der Zeremonie am 1. 5. beiwohnen konnte. (Übrigens: Er war bei der Heiligsprechung am 27.4. 2014 erneut als Ehrengast dabei, ein rüstiger greiser katholischer Diktator…) Mit dieser Ignoranz gegenüber dem leidenden Volk Zimbabwes und den kritisch engagierten Katholiken dort beweist der Vatikan einmal mehr, wie ernst es ihm ist mit dem Respekt der Menschenrechte. Aber schon Johannes Paul II., der Selige, hielt sich bei seinen zahlreichen Reisen gern im Kreise von Diktatoren Lateinamerikas auf, die Begegnung mit dem Katholiken und Dikator Pinochet in Chile ist nach wie vor im Gedächtnis.

Nun also noch einmal mein Kommentar zur Seligsprechung des polnischen Papstes vom Mai 2012:

Johannes Paul II. – ein problematischer Seliger

Noch nie verlief ein Seligsprechungsverfahren so schnell; selbst die Seligsprechung Mutter Theresas von Calcutta dauerte etwas länger. Zu einem offiziellen himmlischen Fürsprecher konnte Karol Wojtyla werden, weil die französische Nonne Marie Simon – Pierre durch den himmlischen Beistand Johannes Paul II. wunderbar von Parkinson geheilt wurde, heißt es.

Die Bedeutung des polnischen Papstes für den Zusammenbruch des Ostblocks ist unbestritten. Er hat seinen Landsleuten spirituelle Kraft und materielle Unterstützung gegeben. Er hat sich dort für die Menschenrechte eingesetzt. Das Gespräch der Kirche mit den Juden hat er voran gebracht; sein interreligiöser Dialog von Assisi (1986) wirkt bis heute.

Werden die bevorstehenden Jubel Feiern in einen Begeisterungstaumel ausarten? Denn ab jetzt können alle in den Seitenkapellen von Kirchen und Kathedralen vor dem Bild oder der Statue des neuen Seligen niederknien; sie werden angesichts dieses sakralen Rahmens eingeladen zu denken: Welch ein Vorbild! Welche eine verehrungswürdige Gestalt!

Aber schaut man kritisch auf das Wirken dieses Papstes, muss man fragen: War dieser „oberste Hirte“ jemals von einem toleranten Geist beseelt? Schon im Jahr 1979 schränkte er die Freiheit der theologischen Forschung ein und sprach Hans Küng den Titel „katholisch“ ab. Welchen Weg hat er seiner Kirche gewiesen, als er Frauen von allen Kirchenämtern „auf immer“ ausschloss? Und wie zukunftsweisend dachte er, als er in Lateinamerika Befreiungstheologen wie Leonardo Boff ausgrenzte und als Marxisten verunglimpfte. Da war er derselben Meinung wie US – Präsident Reagan, mit er gemeinsam alles “Linke” als “kommunistisch” diffamierte. Wie viele Priester, Nonnen und Laien wurden deswegen von rechtsextremen Diktatoren Lateinamerikas ermordet, weil man dies als eine Art gute Tat ansah? Wie menschenfreundlich war er doch, als er sich von den katholischen Diktatoren in Chile und in Argentinien feiern ließ. Nur in Polen durften Priester politisch tätig sein, im Rahmen der Befreiungstheologie war es “linken” Priestern verboten, als Politiker zu arbeiten. Als Freund von Recht und Gesetz ignorierte er die Opfer pädophiler Verbrechen: sein enger Freund und Berater, Pater Marcial Maciel von den Legionären Christi.  Und wie ökumenisch war Johannes Paul II., als er protestantischen Kirchen den gebührenden Titel „Kirchen“ offiziell verweigerte.

Johannes Paul II-Fans können also vor den Bildern und Statuen des neuen Seligen beten: „O himmlischer Wojtyla, hilf, dass auch wir alle die heimlichen Kunstgriffe des von Dir so geschätzten heiligen Opus Dei Gründers Jose Maria Balaguer lernen. Und vor allem: Hilf allen Afrikanern und halte sie davon ab, jemals Kondome zu verwenden. Und wir wollen wie Du, lieber Seliger, die moderne demokratische Gesellschaft als das größte Übel betrachten: nämlich, wie Du sagtest, als die Diktatur des Relativismus.“

Einige der solcherart meditierenden Katholiken werden sich dann von ihren Kniebänken erheben und vielleicht ahnen: Eine zwiespältige Person wurde da zum seligen himmlischen Vorbild ernannt. Und diese Gläubigen werden spüren: Mit dieser Seligsprechung setzt sich auch der engste theologische Berater des polnischen Papstes, Joseph Ratzinger, ein Denkmal. Denn fast alles, was Johannes Paul II. niederschrieb, war zuvor der Feder Kardinal Ratzingers geflossen. Insofern wäre es doch treffender, von einer doppelten Seligsprechung zu reden…

Soweit unser Kommentar zur Seligsprechung Johannes Paul II. aus dem Jahr 2011.

 

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Glauben ist einfach. Eine Ra­dio­sen­dung

Der hier vorliegende Text ist nur für die private Lektüre bestimmt. Er hat die Form, wie sie für Hörfunkproduktionen üblich ist.

HR Camino am 23. März 2014

Glauben ist einfach

Eine arme Kirche braucht keine mächtige Lehre

Von Christian Modehn

1. SPR.:

Schon drei Tage nach seiner Wahl zum Papst will der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio den Journalisten erläutern, aus welchen Motiven er sich gerade für den Namen Franziskus entschieden hat.

1. TON, Papst Franziskus, Vortrag vor Journalisten.

(1. SPR.:)

Der Papst rühmt Franziskus von Assisi als Kirchenreformer im Mittelalter, er spricht von dem armen Ordensgründer, dem Mann des Friedens und leidenschaftlichen Freund von Gottes guter Schöpfung. Und dann folgen die Worte, mit denen Papst Franziskus sein Herzensanliegen beschreibt.

1. O TON,  0 05“  Papst auf Italienisch, unmittelbar danach:

3. SPR.:

Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche für die Armen.

1. O TON: Beifall ca. 0 04“ freistehend.

2. SPR.:

Eine arme Kirche für die Armen: Diese Worte, inmitten der Pracht vatikanischer Paläste formuliert, wirken wie eine Provokation: Möchte Papst Franziskus die Kirche radikal verändern? Will er Kardinäle und Bischöfe, ja die gesamte Kirche auf einen bescheidenen Lebensstil verpflichten? Im November 2013 äußert er sich in seinem apostolischen Schreiben „Freude am Evangelium“ ausführlicher zu diesen Fragen, ein Hinweis ist dabei von besonderer Bedeutung:

3. SPR.:

Im Herzen Gottes gibt es einen so bevorzugten Platz für die Armen, dass Er selbst arm wurde. Der ganze Weg unserer Erlösung ist von den Armen geprägt.

1. SPR.:

Der Papst erinnert dabei an die Geburt Jesu in einer Krippe, an sein bescheidenes Leben als Handwerker in Nazareth, er nennt die „Bergpredigt“, in der Jesus die Armen selig preist. Aus diesem Profil Jesu ergeben sich für Papst Franziskus  Konsequenzen für heute:

3. SPR.:

Die Armen haben uns vieles zu lehren. Sie kennen dank ihrer eigenen Leiden den leidenden Christus. Wir sind aufgerufen, Christus in den Armen zu entdecken und die geheimnisvolle Weisheit anzunehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will.

1. Musikal. Zuspielung, ca. 0 10“ freistehend, beginnend nach 0 05“.

2. SPR.:

Der Papst aus Argentinien versucht im Vatikan bescheiden zu leben. Er wohnt nicht, wie bei seinen Vorgängern üblich, in einem Renaissance-Palast, sondern im Apartment eines modernen Gästehauses. Zum armen Lebensstil gehört aber auch, so meint er, die Pflege eines elementaren Glaubens; eine dringende Aufgabe, wenn  sich viele Menschen heute als religiöse Analphabeten betrachten und die schlichtesten Kenntnisse vom Christentum fehlen. Was der Papst unter dem einfachen Glauben versteht, beschreibt er in drei knappen Sätzen:

3. SPR.:

Jesus Christus liebt dich. Er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, Und jetzt ist er lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.

1.SPR.:

Der einfache Glaube bedarf keiner barocken Fülle;  spekulative Systeme mit feinsinnigen Prinzipien bleiben Sache der Spezialisten.  Heute gilt es, den Sinn für die Unterscheidung von wesentlich und nebensächlich zu wecken, auch in Glaubensfragen! Daran erinnert der Papst in seinem apostolischen Schreiben, wenn er von der „Hierarchie, der Rangordnung der Glaubenswahrheiten“ spricht. Der Papst weiß, dass sich das Zweite Vatikanische Konzil dafür eingesetzt hat und dabei vor allem den Vorschläge von Karl Rahner folgte, einem weltweit geschätzten Mitbruder des Papstes im Jesuitenorden. 1984 ist Karl Rahner im Alter von 80 Jahren verstorben. Er legte allen Nachdruck auf  den einen, entscheidenden Mittelpunkt des Glaubens:

2. O TON RAHNER: 0 57“.

Weil wir alle Religionsunterricht gehabt haben, kann es vielleicht so aussehen, als ob das Christentum, gerade das katholisch- kirchliche Christentum eine ungeheure Menge von Dingen sagt, einen indoktriniert und zu glauben befiehlt. In Wirklichkeit sagt das Christentum das Selbstverständlichste, das gleichzeitig unbegreiflich ist: In deinem Leben ist immer schweigend,  umfassend bergend, liebend das namenlose Geheimnis am Werk, ein Christentum, das eigentlich sehr einfach ist.

2. SPR.:

Wenn Karl Rahner auf das namenlose Geheimnis hinweist, denkt er an den schöpferischen Grund allen Lebens. Dabei hat er jenen Gott vor Augen, den Jesus von Nazareth bezeugte, als er Gott den liebenden Vater nannte. In dieser Gottesbeziehung, so meint Rahner, können die Gläubigen das Wichtigste finden, den  Sinn ihres Lebens, die Fülle des Daseins.

1. SPR.:

Christen, die sich um das einfache Wesen des Glaubens bemühen, wissen genau, welcher Kontrast sich dann auftut zum offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“, er umfasst 816 Seiten mit insgesamt 2.885 Paragraphen. Der Erwachsenenkatechismus der Deutschen Bischofskonferenz hat nur 462 Seiten. Dafür aber ist das offizielle kirchliche Rechtsbuch, der „Codex Juris Canonici“,  wieder so dickleibig wie der römische Katechismus. Angesichts dieser voluminösen Bücher entsteht der Eindruck, der Glaube sei etwas für Spezialisten und Menschen, die ausdauernd viel lesen und auf alle Fragen eine definitive Antwort erhalten wollen. Und gerade diese Haltung ist von einem einfachen Glauben weit entfernt, meint auch Papst Franziskus mit vielen anderen Theologen.

1. MUSIKAL. ZUSP. 0 08“ freistehend. Dieselbe Sequenz wie in 1. Musik.

2. SPR.:

Das Projekt, auf neue Art einen einfachen, insofern armen Glauben zu formulieren, weckt viel Interesse. Etwa bei Pater Heiner Wilmer; er ist in Bonn als Provinzial für seinen  Orden, die „Herz Jesu-Priester“, verantwortlich, eine internationale, theologisch aufgeschlossene Gemeinschaft.

3. O TON, Pater Wilmer, 0 27“.

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Glaube der Zukunft nur ein armer Glaube sein kann in einer armen Kirche. Und arm verstehe ich hier als Selbstbescheidung, als Konzentration auf das Wesentliche, und ich verstehe darunter ein Zurückdrängen von Nebensächlichkeiten. Auch nebensächlichen Schauplätzen, auf die wir uns immer zu sehr getummelt haben.

1. SPR.:

So können nebensächliche Lehren und wenig inspirierende Traditionen „zurückdrängt“ werden, wie Pater Wilmer sagt: Diese eher radikal anmutenden Vorstellungen sind der katholischen Kirche  gar nicht fremd. Im 20. Jahrhundert hat sie sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von vielen Traditionen befreit. Zum Beispiel war es bis 1960 in der katholischen Kirche streng verboten, die Messe in der Landessprache zu feiern. Durch die Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils wurden aber die Priestern verpflichtet,  die lateinische Sprache nur noch in Ausnahmefällen in der Messe zu gebrauchen. Einst gab es eine lange Liste der verbotenen Bücher, den Index. Seit 50 Jahren ist diese Einschränkung geistiger Freiheit aufgehoben und Katholiken können guten Gewissens verbotene Autoren wie Descartes und Kant, Heinrich Heine und Alexandre Dumas lesen. Erst seit etwa 50 Jahren ist die Feuerbestattung erlaubt. Zuvor wurde heftig gegen die Kremierung polemisiert. Schließlich hat Papst Benedikt XVI. sogar die alte Lehre aufgegeben, ungetaufte Säuglinge kämen nicht in den Himmel, sondern eine Art Vorhölle. Diese Hölle der unschuldigen Babys, der sogenannte Limbus, wurde abgeschafft.

2. SPR.:

Eine Glaubenslehre, die sich auf das Wesentliche besinnt,  kann gerade für skeptische und zweifelnde Menschen einladend sein. Auch deswegen fühlt sich Pater Heiner Wilmer ermuntert, in knappen Sätzen das Wesen des Glaubens zu umschreiben:

4. O TON, Pater Wilmer.

Also Glaube ist Vertrauen. Und der Gegenbegriff von Glaube ist nicht Unglaube, sondern Angst. Der gläubige Mensch ist jemand, der ein tiefes Vertrauen hat ins Leben, das Geheimnis seines eigenen Lebens.

1. SPR.:

Diese Vorstellung ist alles andere als ein frommer Wunsch, Christen leben aus der tiefen Erfahrung der Verbundenheit mit Gott. Das war zum Beispiel für den brasilianischen Theologen Paulo Evaristo Arns maßgeblich;  er hat daraus seine Lebensenergie gewonnen, als in den neunzehnhundertsiebziger Jahren die Militärs folternd und mordend jegliche demokratische Opposition ausschalteten. Als Mitglied im Franziskaner Orden leitete er viele Jahre auch das Erzbistum Sao Paulo, vorrangig kümmere er sich um die Opfer staatlicher Gewalt. Paulo Evaristo Arns hat auch als Kardinal bei vielen Gelegenheiten betont, was ihm der einfache Glaube bedeutet.

5. O TON, Kardinal Arns 0 35“.

Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen.

2. SPR.:

Dieser Weisung folgt heute der Jesuitenpater Frido Pflüger. Er hat viele Jahre in Uganda und Kenia gearbeitet. Im Rahmen des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes hat er dort für ein menschenwürdiges Leben ausgehungerter, sterbenskranker Flüchtlinge aus den benachbarten Krisengebieten gekämpft. Inzwischen leitet Pater Pflüger den Jesuitenflüchtlingsdienst in Berlin. Inmitten eines aufreibenden politischen Engagements hat er das Grundlegende, das Wesentliche des christlichen Glaubens vor Augen:

6. O TON, P. Pflüger.  0 51“.

Das erste Wesentliche ist für mich in meinem eigenen Leben,  dass ich diese Grundüberzeugung habe, dass mein Leben sinnvoll ist, dass mein Leben getragen oder gegründet ist auf einen Ursprung, der hält. Und das ist das Wesentlichste am christlichen Glauben, dass ich davon auch Sicherheit für mein eigenes Leben verspüre. Das heißt, das ist die Basis dafür, dass ich auch ausgreifen kann, dass ich was tun kann, dass ich einfach keine Angst haben muss um mein Leben. Egal, was ich mache. Ich sag es mal einfach so: Ich kann mein Leben auch in die Pfanne hauen für andere. Ich mach mir auch nicht viel Gedanken über das Spätere. Ich hab einfach so große Zuversicht, dass mein Leben nicht scheitern wird, dass mir das eine große Lebensgewissheit ist und Sicherheit für jetzt gibt.  Was mir diese Sicherheit dann gibt, ist mein Glaube an die Auferstehung, ja.

1. SPR.:

Wer andere Menschen, vor allem Leidende und Ausgegrenzte, so wichtig nimmt wie sich selbst, wird auch spirituell verändert und erlebt dabei eine Art spiritueller Überraschung: Es gelingen ihm eigene, persönliche Worte beim Beten:

7. O TON,   Frido Pflüger, 0 44“.

Auf der einen Seite kommt natürlich durch die Erfahrung von Leid und Not, auch Tod, andere Dimension ins Gebet. Weil das einfach Anliegen meines Gebets wird, Ja.  Dass ich die Menschen, die ich kenne und die in diesen Situationen leben, dass ich die automatisch einfach in mein Gebetsleben einschließe. Also, wie man so schön sagt, dass ich für sie bete. Das heißt: Dass sie in meinem Herzen sind, in meinem Herzen mit Gott ja. Und auf der anderen Seite gibt das Gebet natürlich trotzdem dann auch für mich Bestärkung, meinen Weg weiterzugehen. Und den Sinn für mein Leben zu bestärken, dass ich diese Dinge tun kann. Denn manchmal ist man auch einfach müde, und da brauche ich diese Kraft, dass ich mein Herz öffne für die Leute, ja.

1. MUSIK, ca. 0 08“  freistehend.

2. SPR.:

Manchmal wird das Sprechen vom einfachen Glaube poetisch und mystisch. Denn es gilt, ein besonderes Erlebnis zu Wort zu bringen: Menschen können das göttliche Geheimnis berühren und die Gegenwart des Unendlichen und Ewigen erfahren. Mystiker unterschiedlicher Traditionen haben vom göttlichen Seelenfunken gesprochen. Wenn christliche Theologen heute vom einfachen Glauben sprechen, können sie auf diese Einsicht der Mystiker kaum noch verzichten. Darin zeigt sich bereits eine ökumenische Übereinstimmung. Der protestantische Theologe Wilhelm Gräb von der Berliner Humboldt Universität betont:

8. O TON, Wilhelm Gräb:  0 31“.

Das Wesen des christlichen Glaubens ist, dass das Christentum die Menschwerdung Gottes behauptet, in dem Sinne, dass wir die Entgrenzung dieser Aussage verstehen: Nicht nur in dem einen Individuum des Jesus von Nazareth ist Gott Mensch geworden. Er wird es in jedem Menschen. Jedem Menschen wohnt eine göttliche Dimension inne, dass jeder Mensch in sich selbst unendlich wichtig ist, das ist das Wesen des Christlichen.

1. SPR.:

In alltäglichen Erfahrungen erleben Menschen diese göttliche Dimension, in der Liebe, der Solidarität, der Hingabe, der Treue. Diese Erfahrungen haben einen göttlichen Kern, meint Karl Rahner, deswegen sind sie die lebendige Mitte eines einfachen Glaubens.

9.  O TON, Rahner 0 37“

Alle subtile Theologie, alles Dogma, alles Kirchenrecht, alle Institution, alles Amt und alle seine Vollmacht; alle heiligen Liturgie und alle mutige Mission, haben nur das einzige Ziel: Glaube und Hoffnung und Liebe zu Gott und dem Menschen. Alle anderen Pläne und Taten der Kirche aber würden absurd und pervers, wollten sie sich dieser Aufgabe entziehen und allein sich selbst suchen.

2. SPR.:

Und Karl Rahner hat sich dieser Aufgabe nicht entzogen. Er hat gezeigt, wie es tatsächlich möglich ist, in wenigen Worten Glaube, Liebe, Hoffnung für die Menschen wachzurufen. Er sprach dabei von den „Kurzformeln des Glaubens“. Für den Theologen Heiner Wilmer sind diese Vorschläge Karl Rahners bis heute inspirierend:

10. O TON, Pater Heiner Wilmer, 1 28“  

Er meinte damit, kurze prägnante und zeitgemäß formulierte Texte, die den christlichen Glauben in kurzer, konzentrierter Weise auf den Punkt bringen. Und er hat einmal gesagt: Wichtig ist, dass wir das Nebensächliche und die Nebenthemen zur Seite schieben und uns auf die Hauptthemen konzentrieren. Und dann hat er gesagt: Was die Kurzformeln betrifft, so wäre es wichtig, dass eine Kurzformel unterschiedlich sein kann. Also: Für einen 16 Jährigen lautet eine Kurzformel des Glaubens vielleicht doch anders als für die 80 jährige Frau, die ein reiches Leben hinter sich hat. Oder eine Kurzformel des Glaubens lautet für jemanden, der in tiefer Not ist, anders, als für jemanden, dem es gerade in seiner jetzigen Lebensphase besser geht.  

Es kann nicht sein, dass wir nur noch in der Lage sind, in abstrakten philosophisch-theologischen Begriffen den Kern des Glaubens auszudrücken. Das ist unmöglich, sondern wir müssen neue Wörter finden, wir brauchen eine neue Sprache, die so ist, dass sie der Mensch, der heute lebt, es versteht.

1. Musikal. Zusp., maximal 0 08“ freistehend.

1. SPR.:

Der einfache Glaube entdeckt die geschwisterliche Gemeinschaft;  der Austausch wird wichtig, der Respekt vor der Gleichberechtigung aller Gläubigen: Für den Münchner Theologen Otto Hermann Pesch ergeben sich daraus klare Konsequenzen:

11. O TON, Otto Hermann Pesch, 0 45“.

Egal, wie man das Wort Hierarchie versteht: Herrschaft kann und darf es nicht bedeuten. Wenn es das tut, ist es Missverständnis und Missbrauch. Dass die Fakten oft anders sind, wird in diesem Sinne also dann als Defekt bezeichnet werden müssen, als ein Missbrauch, der geändert werden muss. Wenn sich eins im Vergleich zur Zeit vor dem Konzil bleibend im Bewusstsein der katholischen Gläubigen festgesetzt hat, dann ist es das Bewusstsein: Wir sind die Kirche. Und nicht wie früher: Wir haben an ihr Teil, während die Kirche die Hierarchie eben ist. Wir sind die Kirche!

2. SPR.:

Wenn aber alle Katholiken gleichberechtigt sind in der Kirche, sollte das auch Konsequenzen haben für den praktischen Alltag der Gemeinden, meint Pater Heiner Willmer. Kirchengebäude sollten nicht vorschnell aufgegeben und kleine Gemeinden nicht um jeden Preis mit anderen vereint werden. Pater Wilmer:

12. O TON Pater Wilmer, 0 42“.

Was wir bräuchten, wäre eine viel größere Ermutigung der Menschen: Hört zu: Ihr könnt auch Gottesdienst feiern, ihr könnt Liturgie gestalten ohne eine  Priester, ohne eine Pater, ohne eine Mönch. Auch sonntags. Und es findet immer am Sonntag, und auch in der Woche, eine Liturgie statt, immer, in jeder Kirche, die Kirchen bleiben auf. Die Messe ist ja nur eine Form, aber es gibt viele Formen, die gestaltet und gefeiert werden von Laien, von Männern, von Frauen, Kindern, Jugendlichen.

1. SPR.:

Diese Vision einer geschwisterlichen Kirche hat einige französische Katholiken inspiriert, in einer gänzlich neuen Form einen Katechismus zu veröffentlichen, kein abstraktes Lehrbuch, das von A bis Z alle nur erdenklichen Themen abhandelt. Sondern ein Buch, das zum Gespräch einlädt. Ein Team um Bischof Jacques Gaillot hat schon vor 20 Jahren einen „Katechismus der Freiheit“ herausgegeben. Gaillot kümmert sich als Bischof von Partenia besonders um Menschen am Rande der Kirche und der Gesellschaft.

13. O TON, Gaillot, 0 26“.

3. SPR.:

Wir haben uns gesagt, es sei doch wichtig einen Katechismus zu gestalten, der nicht dem üblichen Schema von Fragen und Antworten folgt. Sondern der Wert legt auf den Austausch. Wir haben also eine kleine Arbeitsgruppe gebildet aus Männern und Frauen und wir sagen den Lesern: Wir laden euch ein, mit uns gemeinsam zu suchen und nachzudenken. Wir geben nicht eine definitive Antwort. Wir wollen einen Blick auf die Zukunft öffnen.

2. SPR.:

Dieser Katechismus lebt vom Suchen der Menschen nach neuen Lebensformen. Viele Katholiken fragen sich: Was ist gilt, wenn ich mich um eine zeitgemäße, dem Evangelium entsprechende Ethik bemühe? In jedem Fall wünschen diese Menschen, dass die Sexualmoral den einzelnen in seiner Lebensgeschichte respektiert. Bischof Gaillot nennt ein Beispiel:

14. O TON Gaillot,  französisch: 0 28″

3. SPR.:

Wir müssen Frauen und Männer akzeptieren und verstehen, die homosexuell sind. Unter  meinen Freunden und auch in meiner Familie sind Homosexuelle. Wir müssen diese Menschen in ihrem Recht anerkennen. Mitleid allein zählt nicht. Es geht um die Gleichheit vor dem Recht! Darum erörtern wir auch die Zivilehe der Homosexuellen. Warum soll es das nicht geben? Eine demokratische Gesellschaft, die auf der Gleichheit vor dem Gesetz beruht, sollte das respektieren.

1. SPR.:

Ein Beispiel, wie ein einfacher Glaube mit schwierigen Themen der Sexualmoral umgehen kann. Aber, bei allem Respekt, meint Pater Wilmer, wir dürfen in der christlichen Moral nicht die anderen Schwerpunkte vergessen:

15. O TON, Pater Wilmer, 0 41“.

Wir haben leider in der Katholischen Kirche die Sexualmoral viel zu sehr in den Vordergrund gerückt und die anderen großmoralischen Themen, die Hauptthemen, sind ins Abseits gerückt, wie zum Beispiel die Frage nach der Gerechtigkeit unter den Völkern, nach einer fairen Verteilung der Güter, wie die Frage: Wo stehen wir auf und proben den Aufstand gegen einen Staat, der in überdimensionaler Weise von den Erträgen der Rüstungsindustrie lebt. Das wären wichtige Fragen der Moral, die in den Mittelpunkt gehören.

2. SPR.:

Ein armer, ein bescheidener und deswegen einfacher Glaube ist in ethischen Fragen alles andere als ärmlich oder dürftig. Er vermag ethische Weisungen nicht als Einschränkungen oder gar als Hindernisse für menschliches Glück darstellen, sondern als Einladung, zu wachsen und seelisch zu reifen.

16. O TON, Pater Wilmer, 0 28“

Wenn du dich um andere kümmerst, wirst du selbst groß. Wenn du auf andere zugehst, wächst du innerlich. Wenn du deinen eigenen Horizont sprengst und die Welt offen siehst, und auch auf Unbekanntes mutig zugehst, wirst du selbst in ungeahnter Weise wachsen und zu einer erstaunlichen Größe gelangen, die dich selbst verblüfft.

1. SPR.:

Eine arme Kirche fördert die persönliche Freiheit. Und damit bezieht sie sich auf die ersten christlichen Jahrhunderte. Da nahmen sich die unterschiedlichen Gemeinden die Freiheit, das Wesen des Christentums sehr unterschiedlich auszudrücken. Eine arme Theologie ist ja nichts Monotones, sagten sie, Theologie verbreitet keine Langeweile, sondern liebt die Vielfalt. Von dieser Pluralität sind wir weit entfernt, meint der katholische Theologe Michael Bongardt von der Freien Universität Berlin:

17. O TON, Bongardt, 0 42“.

Die ersten Tradition der Kirche in den frühen Konzilien  in der Formulierung des Glaubensbekenntnisses war eigentlich davon geprägt, dass man sich gerade nicht auf eine bestimmte Sichtweise festlegte. Es gab auch damals schon konkurrierende theologische Vorstellungen und in aller Regel hat die frühe Kirche sich nicht mit einer dieser Vorstellungen identifiziert und alle anderen für falsch gehalten. Sondern einen Rahmen gesetzt. Und gesagt: Innerhalb des Rahmens, den wir setzen, gibt es ganz viele Möglichkeiten, die in der Kirche erlaubt und erwünscht sind.

2 .SPR.

Nach grundsätzlicher Offenheit in wesentlichen Glaubensfragen sehnen sich heute Katholiken weltweit. Indische Katholiken z. B. lernen ihren Glauben mit Gespräch mit anderen Religionen deutlicher zu sehen. Wenn Gottes Wesen Liebe ist, dann sollte, so meinen sie, auch das Verhältnis zu den Hindus von einer großen Weite des Wohlwollens bestimmt sein. Daran erinnert der Jesuitenpater Sebastian Painadath , er leitet in Südindien einen Ashram, ein Haus der Begegnung von Christen und Hindus:

18. O TON Pater Painadath., 0 35″:

Liebe heißt, dass ich den anderen mit seiner Andersartigkeit annehme und bejahe und seine Freiheit respektiere, auch im religiösen Bereich. Ich darf nicht einen Muslim als potentiellen Christen betrachten, damit respektiere ich ihn überhaupt nicht. Der Muslim ist Muslim, Hindu ist Hindu. Und ich bin überzeugt, dass die Vielfalt der Religionen zum Heilsplan Gottes gehört. Wir dürfen nicht meinen, dass Gott es will, dass am Ende alle Menschen römisch katholisch werden oder so.

1. SPR.:

Glauben ist einfach, er ist bescheiden und arm, weil er das Wesentliche liebt: Papst Franziskus hat vieles angestoßen, als er gleich zu Beginn seines Pontifikates von der armen Kirche für die Armen sprach. In einem viel beachteten Interview mit den Redakteuren der Jesuitenzeitschriften Europas sagte er in aller Deutlichkeit:

2. SPR.:

Es gibt zweitrangige kirchliche Normen und Vorschriften, die früher einmal effizient waren, die aber jetzt ihren Wert und ihre Bedeutung verloren haben. Die Sicht der Kirche als Monolith, der ohne jeden Abstrich verteidigt werden muss, ist ein Irrtum.

1.SPR.:

Wer den Katholizismus heute beobachtet, ist erfreut über die neue Freiheit der Debatte, die Papst Franziskus zulässt. Aber man ist auch besorgt, über die Zukunft des Reformprojektes des Papstes. Darauf weist der katholische Theologe Professor Michael Bongardt von der Freien Universität Berlin hin:

19. O TON, Bongardt,  0 52“.

Gelingt es ihm auch über die persönliche Ebene hinaus, auch in den Strukturen der Kirche etwas so zu ändern, dass von diesem Stil, der bisher ein persönlicher Stil ist, auch etwas in der Kirche als Institution ankommt. Er hat da einiges in Gang gesetzt, aber am Ziel ist er da noch lange nicht. Und man wird auch sagen dürfen: Angesichts seines Alters und des Alters der Institution Kirche und ihrer eingefahrenen Gewohnheiten wird dieser Papst das Ziel auch nicht vollständig erreichen können. Es bleibt zu hoffen, dass er eine Bewegung in Gang setzt, die auch über seine konkrete Lebens- und Amtszeit hinaus etwas bewirkt.

 

 

2. Musik, als freistehend kurz und als Hintergrund für den Abspann.

…………….

Der deutsche Text des apostolischen Schreibens „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus ist im St. Benno Verlag Leipzig erschienen.

Die Musik wurde entnommen der CD:

„Musik für Horn und Orgel“, Manfred Dippmann und Reinhard Seeliger. An der Sonnenorgel der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Görlitz. Sie spielen das Stück Nr. 6 „Andante“ auf der CD,  von Camille Saint-Saens. LC 5736.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Bernhard zum 25. Todestag.

Den 25. Todestag des großen Dichters und Kritikers Thomas Bernhard können wir, vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, aus unserer Perspektive der Religionskritik, einem der wichtigen Themen der Philosophie, „naturgemäß“ nicht übersehen. Im Gegenteil, wir wollen gern an sein Werk erinnern und betonen: Thomas Bernhard ist angesichts – auch seiner religionskritischen Perspektiven – nicht tot.
Wir weisen noch einmal auf einen kleinen Beitrag hin, den wir anläßlich seines 80. Geburtstages 2011 publiziert haben.
Klicken Sie hier zur Lektüre.

Die „Legionäre Christi“ halten ihr „Generalkapitel“ in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.

Die „Legionäre Christi“ halten ihr „Generalkapitel“ in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.
Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine aktuelle Ergänzung, veröffentlicht am 28.6.2014:

Ende Juni 2014 wurde in der Presse dokumentiert, dass die Krise im Orden der Legionäre Christi keineswegs überwunden ist, wie manche Beobachter nach dem „Generalkapitel“ im Januar 2014 vermuteten. Es wurde von der Katholischen Presseagentur Wien mitgeteilt: „Der Vatikan begleitet den Erneuerungsprozess der „Legionäre Christi“ mit einem so genannten externen Assistenten. Der (neu gewählte) Generaldirektor (so nennt sich dieser Ordensobere immer noch offiziell! CM) der Ordensgemeinschaft, Eduardo Robles Gil, teilte am Montag, 23.6. 2014, auf der Website der „Legionäre“ mit, ein noch nicht näher benannter Beauftragter des Vatikan werde den Neuaufbau der Gemeinschaft „unterstützen“.

Das heißt wohl im Klartext: Der Vatikan, allen voran vielleicht Papst Franziskus selbst, betrachtet den Orden mit dem Milliardenvermögen, den vielen jungen Priestern und den einflussreichen Bildungszentren immer noch voller Skepsis.

Interessant und bedeutend ist, dass der mexikanische Kardinal Juan Sandoval Iniguez Anfang Januar 2014 den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, so wörtlich, einen Psychopathen und Schizophren öffentlich nannte (KNA 11. 1. 2014): Sandoval sagte, er habe bereits als Student in den späten 50er Jahren in Rom von Eskapaden Maciels erfahren. (Aber offenbar nichts dagegen getan, CM) Der Kardinal sagt: «Kann jemand (also Pater Marcial Maciel) 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert lang, ein Doppel- oder Dreifachleben führen? Nein», so Sandoval. Nur mit einer gespaltenen Persönlichkeit könne man «ein Leben als Heiliger, ein anderes als Ehemann, ein weiteres als Homosexueller, als großer Macher und als stiller Mensch führen». Der 80-jährige Kardinal äußerte sich anlässlich einer Vorstellung seiner Autobiografie.

Indem man nun von relativ hoher Seite Pater Maciel in die Ecke der Psychopathen schieben will, bleibt die Frage offen: Warum haben seine vielen engen Mitarbeiter im Orden und im Regnum Christi diese Pathologie nicht über alle die Jahre erkannt? Warum haben sie treu gehorcht, ließen sich (sexuell) benutzen und dienten ihm? Warum wagten sie nicht, diese Geisteskrankheit ihres Hochverehrten öffentlich zu machen, um ihren allseits geliebten, heilig mäßig genanten Vater zu heilen? Warum haben sich Kardinäle und selbst Papst Johannes Paul II. Jahre lang mit diesem Psychopathen und Schizophrenen gern umgeben? Ließen sich von ihm beraten und auf Reisen auf engstem gemeinsamen Raum begleiten (wie bei den Mexikoreisen des polnischen Papstes)? Warum war der Psychopath gern gesehenes Mitglied der Bischofssynoden in Rrom? Warum wurde dieser Psychopath von Papst Johannes Paul noch offiziell in Rom als „Vorbild der Jugend“ gepriesen? Warum wurde offenbar die Heiligsprechung der lieben Maciel Mutter vorbereitet? Haben sie diese psychische Krankheit Maciel gern übersehen, weil sie wussten: In diesem Orden des Psychopathen gibt es viele so dringend gebrauchte, stramme, gut aussehende dogmatisch-saubere junge Priester? Welche Rolle spielte dabei das große Geld der Legionäre, die ja gern Kardinäle im Vatikan großzügig beschenkten und in ihren römischen Instituten Priester aus aller Welt streng dogmatisch korrekt ausbilde(te)n? Erst kürzlich fand in der Legionäre-Christi-Universität zu Rom ein Kongreß wieder über den Exorzismus statt. Selbstverständlich wurde die Teufelsaustreibung anno Domini 2014 verteidigt und für korrekt befinden…. Drückte man also, noch einmal, alle kritischen Augen zu angesichts dieses machtvollen Ordens des Psychopathen? Darf man fragen, ob ein solches ignorantes Verhalten der kardinäel etc. sehr weit entfernt ist vom Verhalten der Mafia, die jetzt Papst Franziskus exkommuniziert?

………Jetzt folgt der ursprüngliche Beitrag………

Wir weisen darauf hin, dass Pater Klaus Mertes SJ in seinem neuesten, sehr empfehlenswerten Buch „Verlorenes Vertrauen“ (Herder Verlag) kurz auf den besonderen „Fall“ des Gründers der Legionäre Christi wenigstens kurz eingeht. Weitere Hinweise dazu am Ende dieses Beitrags.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich seit 2007 mit dem römisch-katholischen Orden der „Legionäre Christi“ befasst und seitdem einige Texte dazu publiziert. (Zur Lektüre klicken Sie hier) Religionskritik ist zentrales Thema von Philosophie und Theologie. Der machtvolle und einflussreiche Orden „Legionäre Christi“ hat uns interessiert, um die Machtverhältnisse in der Kirche zu untersuchen; um zu fragen, wie es gelingt, dass ein einzelner Mann, der Legionärs-Gründer, also der aus Mexiko stammende Pater Marcial Maciel, zu einem der einflussreichsten, mächtigsten und finanzstärksten Mitglieder der römischen-vatikanischen Bürokratie emporsteigen konnte. Und warum er von Papst Johannes Paul II. sehr hoch geschätzt, wenn nicht verehrt wurde: „Pater Maciel ist ein Vorbild der Jugend“, sagte der Papst… Er ignorierte dabei, dass Pater Maciel über Jahrzehnte Jungen und junge Männer, vor allem innerhalb seines Ordens, sexuell missbrauchte; die Opfer hatten dies dem Papst geschrieben, wurden aber nicht ernst genommen. Zudem war Pater Maciel mit einigen sehr wohlhabenden Frauen liiert, auch aus finanziellen Interessen; mit seinen Geliebten hatte er Kinder, die er seinerseits wieder missbrauchte, so berichten die eigenen Söhne. Von seinem Jahre langen Drogenkonsum als Ordensoberer wollten die Päpste seit Pius XII. nichts mehr wissen. Mitte der neunzehnhundertfünziger Jahre war er deswegen als Ordensoberer kurzzeitig suspendiert… Kehrte dann aber an die oberste Leitung seines Ordens zurück .. bis zum Jahr 2006. Er war also Ordensoberer seit der Gründung der Legionäre 1941, als 65 Jahre, das ist schon kirchenrechtlich gesehen ein außergewöhnliches Privileg, das nur durch heftige Kumpanei in den vatikanischen Behörden zu erklären ist, so kompetente Kritiker.
Über die Absetzung Marcial Maciels als Chef des Ordens durch Papst Benedikt XVI. und seinen Tod 2008 sowie über die päpstliche Untersuchung dieses Ordens durch eine päpstliche Kommission ist auf dieser website berichtet worden.
Diese Informationen wurden von sehr vielen LeserInnen als Information genutzt und geschätzt, zumal im deutschsprachigen Raum sonst fast keine kritischen und umfassenden Informationen zu dem Thema vorliegen, und wenn, dann haben sich die Autoren bei uns heftig bedient, um es milde auszudrücken. Offenbar wagt es auch niemand unter den Theologieprofessoren und Historikern, dieses Thema umfassend aufzugreifen. Selbst Filmemachern ist das Thema wohl zu heiß und zu gefährlich.
Natürlich kann man fragen: Gibt es (religions-) philosophisch gesehen nicht dringendere Themen? Sicher, die gibt es in großer Zahl. Etwa die Frage nach dem guten Leben, und, philosophisch gesehen, nach den Möglichkeiten der Erkenntnis, auch des Geheimnisses, das wir Leben nennen, ist für die meisten sehr viel dringender. Auch die Frage: Wie wir als Menschen der westlichen Welt moralisch bestehen können angesichts des Hungersterbens von vielen Millionen Menschen jährlich usw., und wir alle das ganz genau wissen, um nur von dieser einen Katastrophe der Menschheit zu sprechen. Diese Fragen wagt kein Kirchenfürst als das allerdringlichste aller dringlichen Themen auf die Tagesordnung der Kirchen sagen wir für ein Jahr zu setzen, und dabei alle theologisch-feinsinnigen Debatten auf Eis zu legen. Andererseits: Sehr viele Menschen haben unter Marcial Maciel und seinen ebenfalls pädophilen Mitbrüdern gelitten und wurden seelisch zerstört. Das darf auf keinen Fall vergessen werden. Darum muss von den Legionären gesprochen werden.
Der Orden der „Legionäre Christi“ hält seit dem 8. Januar 2014 in Rom sein „Generalkapitel“ ab mit 61 Delegierten des Ordens. Die spanische Tageszeitung El Mundo schreibt dieser Tage, 50 % der Delegierten dieser außerordentlichen Ordensversammlung gehören zur „alten Garde“, also den Getreuen des Gründers. (Quelle: http://www.elmundo.es/internacional/2014/01/08/52cd808e268e3e672e8b457f.html).
Die Ordensversammlung in Rom, so die offizielle Prognose, wird mindestens bis Mitte Februar 2014 dauern. Es soll eine neue Leitung gewählt werden, vor allem soll der Orden eine neue Konstitution, also eine neue Ordensregel, erhalten, die alte Ordensregel (obwohl erst von Papst Johannes Paul II. im November 2004 approbiert) sei viel zu diffus und den Weisungen für die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil nicht angepasst, sagte der provisorische, von Papst Benedikt XVI. eingesetzte Interim – Ordensobere Kardinal de Paolis (78) jetzt in einem Interview mit Radio – Vatikan. Wie konnte dieser Fehler passieren? War Papst Johannes Paul II. über dieses von ihm genannte „Vorbild der Jugend“ total falsch informiert? Wer im Vatikan hatte Interesse an er Verbreitung von „Falschinformationen“? In kritischen Kreisen fällt in dem Zusammenhang immer der Name Kardinal Sodano, einem alten Freund Maciels…
Der jetzige päpstliche Delegat, Kardinal de Paolis,, wurde vor kurzem von keinem Geringeren als Pater Federico Lombardi SJ, dem Pressesprecher des Papstes, für Radio Vatikan befragt. Ein auch journalistisch bemerkenswerter Vorgang…
In diesem Interview vom 8. Januar 2014, das nicht auf Deutsch vorliegt, ist u.a., kurz gefasst, interessant:
Der Name des Ordensgründers Pater Marcial Maciel wird überhaupt nicht mehr genannt. Dies entspricht dem Befehl des Papstes (Benedikt), auch alle Bilder des zuvor noch hoch verehrten Paters Maciel aus den Legionärs Häusern zu entfernen. Beobachter vergleichen diese faktische „Ausradierung“ des Ordensgründers mit einer Art Entstalinisierung. Aber insgeheim lebt der Geist des „Ausradierten“ natürlich fort. So sollen manche Legionärs Kreise noch voller Verehrung das Grab ihres „Vaters“ in seiner mexikanischen Heimat besuchen und entsprechende Fotos ehrfurchtsvoll verbreiten, sie glauben, es hätte ein ungerechter Krieg gegen Maciel stattgefunden, so berichtet die angesehene Wochenzeitung National Catholic Reporter Anfang Januar 2014, Quelle: Quelle: http://ncronline.org/news/accountability/former-legion-followers-criticize-oversight-order
Es wird jetzt vonseiten des päpstlichen Sonderbeauftraften für den Orden, Kardinal de Paolis, nicht vom „Charisma“ des Ordens gesprochen. Denn ein Charisma eines Ordens (etwa bei den Franziskanern das Vorbild des heiligen Franziskus von Assisi) bezieht sich immer auf die hervorragende Spiritualität des Gründers. Der aber hat im Fall der Legionäre „Untaten“ vollbracht, war also ein Verbrecher, wie Benedikt XVI. deutlich genug öffentlich sagte. Wenn also kein positives Charisma da ist, dann schlägt Kardinal de Paolis vor: Man spreche von Patrimonio, von Erbe, des Ordens. Patrimonio meint ja auf Spanisch auch Besitzstand. Und da hat der Orden ja wirklich sehr viel zu bieten, wir berichteten darüber. Die mexikanische kritische Presse hat erst im Januar 2014 erneut das weltweit verzweigte Milliardenvermögen des Ordens (in US Dollar) aufgelistet. Quelle: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Wenn also der Orden der Legionäre keine, vom Gründer her stammende besondere und religiös herausragende Spiritualität hat, sollte er dann nicht besser aufgelöst werden? Auch dazu melden sich einige zu Wort, es sind vor allem prominente ehemalige Legionäre, die das fordern, wie der Ex – Legionär, der jetzige Diözesanpriester Felix Alarcon (Madrid), der viele Jahre ein engster Mitarbeiter Maciels in der Ordenszentrale in Rom war. (Quelle: http://sociedad.elpais.com/sociedad/2014/01/08/actualidad/1389214965_028153.html)
Felix Alarcon, einer der besten kritischen Kenner des Ordens, er tritt übrigens für die Aufösung des Ordens der Legionäre Christi ein, er verwendet dafür den spanischen Begriff „eliminicaion“, also „Auslöschung“. Die EX – Mitglieder des Ordens sollten sich in den Bistümern melden und dort nach entsprechender Prüfung arbeiten… Quelle:http://www.periodistadigital.com/religion/mundo/2013/12/20/felix-alarcon-la-legion-tal-como-la-entendiamos-deberia-ser-eliminada-religion-iglesia-maciel-abusos-sacerdote-papa-vaticano.shtml
Besonders bemerkenswert ist es, dass Kardinal de Paolis in dem Interview kein Wort über die Opfer der Verbrechen Pater Maciels sagt. Er redet nur im ganz allgemeinen von Schuld und von Gewissenserforschung, aber ohne jeden Anhalt auf die Tatsachen der Verbrechen und das Leiden der Opfer. Verschwiegen wird auch, dass auch etliche andere Priester dieses Ordens in pädophile Aktivitäten verwickelt sind und waren; das hat sogar der Sprecher des Ordens, Benjamin Clariond, im Dezember 2013 öffentlich zugegeben. Er sprach von 35 betroffenen Priestern. Quelle: http://www.informador.com.mx/internacional/2013/501164/6/legionarios-de-cristo-aclaran-denuncias-por-abusos.htm
In dem Interview für Radio Vatikan ist von diesem weit verbreiteten pädophilen Treiben in einem Orden mit insgesamt nur ca 900 Priestern (!) keine Rede.
Insgesamt zeigen die jüngsten offiziellen Interviews und Texte: Die Opfer stehen überhaupt nicht im Mittelpunkt des Interesses. Es geht dem Orden und dem Vatikan jetzt einzig darum, möglichst weißgewaschen, weiterzumachen. Von Wiedergutmachungen für die Opfer ist bis jetzt keine Rede.
Am 3. November 2013 hat der zweite Mann im Orden, der Generalvikar Pater Sylvester Heeremann, in einem Interview mit Radio Vatikan davon gesprochen, dass inzwischen – durch die Gespräche mit dem vatikanischen Delegaten und seinen Mitarbeitern – ein „echter Kulturwandel“ im Orden stattfinde. Dabei ist interessant, dass Pater Heeremann die bisherige „Kultur“ des Ordens in einem übertriebenem Aktivismus sieht, geprägt von einem Denken in Effizienz, d.h. (materieller) Erfolg galt als höchste Tugend. Tatsächlich ist die Anzahl der Schulen, Universitäten und Seminare des Ordens beträchtlich. Und tatsächlich haben sie viele hervorragende Kenner der Wirtschaft und ihrer Konzerne in ihrem Orden, wie etwa den Mexikaner Pater Luiz Garza Medina, einst war er viele Jahre Finanzspezialist in der Ordensleitung in Rom, jetzt ist er Ordensoberer in den USA. Die Legionäre, so der Gesamteindruck vieler Beobachter, haben offiziell die Armut gelobt, sie setzen alles daran, sehr viele Spenden zu sammeln, auch bei den Armen, um Stiftungen und Banken weltweit zu gründen…Dazu siehe: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Um noch einmal auf die bisherige (?) „Kultur“ der Legionäre zurück zu kommen: Sie waren also Effizienz – Fanatiker, sie waren sozusagen die Spitze der Technokratie innerhalb der Kirche, ein Club, der ganz dem Zeitgeist erlegen war (und ist ?). Darüber hat bisher noch niemand ausführlicher geschrieben: Technokraten in der Kirche, wäre ein hübsches Thema auch für Papst Franziskus. Er hat sich übrigens vorbehalten, die neue Ordensregel dann irgendwann im Februar 2014 zu lesen. Es gibt keinen Zweifel bis jetzt, dass der Orden irgendwie fortbesteht.
Nicht nur deswegen ist die Frage dringend: Warum hat der Papst, warum hat der Vatikan, solch ein großes Interesse, dass der Orden der Legionäre Christi (bezeichnenderweise mit einem offiziell so auch genannten „Generaldirektor“ an der Spitze) in der Kirche weiter besteht? Denn daran lässt auch der päpstliche Delegat Kardinal de Paolis keinen Zweifel! Es ist – so vermuten einige – , vor allem eben doch das massenhafte Geld, über das der Orden verfügt, das so viel vatikanisches Wohlwollen heute vorherrscht. Und es sind auch die vielen jungen Priester, die der Orden immer noch für die eigenen Institutionen zur Verfügung stellt. In einer Kirche, die äußerst klerikal orientiert ist und vor allem Interesse hat, viele junge Priester zu haben, hat solch ein Orden eben große offizielle Sympathien; mag sein Ordensgründer auch über kein religiöses Charisma verfügen … und, wie Benedikt XVI. klar öffentlich sagte, eigentlich verbrecherisch gelebt haben.

Dieser Beitrag hat auf einer prominenten us-amerikanischen website Interesse gefunden, zur Lektüre klicken Sie hier.

Zur Stellungnahme von Pater Klaus Mertes SJ in seinem empfehlenswerten Buch „Verlorenes Vertrauen“ zu Marcial Maciel, Seite 89 ff. einige zusammenfassende Hinweise:
Pater Mertes nennt Marcial Maciel einen „Missbrauchstäter besonders großen Ausmaßes“ (S 89).
Er erwähnt, dass Papst Benedikt XVI. das im Legionärs Orden übliche Zusatzgelübde der so genannten „Nächstenliebe“ abschaffte, weil dieses Gelübde nichts anderes bedeutete, als dass die Mitglieder über alle Zustände und Mißstände im Orden (also auch über die Verbrechen Maciels) zum Schweigen verpflichtet waren, nichts sollte nach außen dringen. Pater Mertes schreibt treffend: „Dies ist ein eklatanter Missbrauch von Macht und ein zynischer Umgang mit dem Wort =Nächstenliebe=“. (S. 90). Die Nächstenliebe bestand also darin, alle Aktionen des viel geliebten „Vaters“, also des – so der offizielle kirchliche Titel: „Generaldirektors“ Maciel – zu verstehen und zu verzeihen.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon auch früher schon diese Frage aufgeworfen: Wie konnte die römische Bürokratie (in Sachen Lehre und Dogma) dieses Gelübde überhaupt „genehmigen“? Pater Mertes nennt dieses Phänomen, dass die Kirchenleitung gar nicht mehr das Mißbräuchliche in geistlichen Gemeinschaften und Orden erkennt, „eine Versektung der Kirche“ (S 90), d.h. die Kirche im ganzen nimmt sektiererische Züge an. Pater Mertes weist wieder treffend darauf hin, dass sich diese Gruppen, wie die Legionäre Christi, als Elite und Avantgarde verstanden haben und verstehen, sie würden sich „als künftige Führungselite sehen. Inzwischen sind viele von ihnen schon in kirchlichen Führungspositionen angekommen“ (S. 90).
Tatsächlich hat am 15. November 2013 Papst Franziskus einen Legionär Christi, Pater Fernando Vergez Alzaga, zum Bischof geweiht und ihn anschliend zum Generalsekretär des Vatikanstaats ernannt. Quelle: http://katholisch-informiert.ch/2013/11/papst-weiht-generalsekretaer-des-vatikanstaats-zum-bischof/
Ob der Vatikan für diese hohe Aufgabe tatsächlich unbedingt einen „Legionär Christi“ braucht, (wer hat möglicherweise den Papst dazu gedrängt?), ist naturgemäß völlig unbekannt. Ausgerechnet ein Legionär ist nun „für die Seelsorge unter den dort tätigen Mitarbeitern zuständig“, so die Pressemeldung.

Inzwischen ist in Paris ein Bericht eines EX Legionärs (Christi) erschienen, in dem angesehenen Verlag Flammarion: Der Titel:
„Moi, ancien légionnaire du Christ, 7 ans dans une secte au cœur de l’Eglise“ („Ich, ehemaliger Legionär Christi, 7 Jahre in einer Sekte im Herzen der Kirche“) Der Autor: Xavier Léger, en collaboration avec Bernard Nicolas, Editions Flammarion, 352 pages ; 21 euros

Zum Schluß weisen wir auf die unseres Erachtens erste (freie) literarische Auseinandersetzung mit Marcial Maciel hin (einen großen Spielfilm oder Krimi gibt es bis jetzt noch nicht): José Manuel Ruiz Marcos, „La Orden maldita“ (2007).

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Ein Jahr ohne Gott. Das spirituelle-philosophische Experiment eines amerikanischen Pastors

Ein Jahr ohne Gott
Das spirituelle Experiment des us-amerikanischen Pastors Ryan Bell
Von Christian Modehn

Er hat sich als Pastor in der eher konservativen Kirche der „Siebenten-Tages-Adventisten“ (in Los Angeles) für Kirchenreformen eingesetzt (das Übliche: Frauenordination, Gleichberechtigung von Homosexuellen in der Gemeinde) und wurde – auch wiederum schon üblicherweise – aus dem Pfarramt geworfen; weitere Degradierungen folgten – wiederum üblicherweise für diese dogmatischen Kreise: Er verlor auch seinen zusätzlichen Job an der Universität und seine Beratertätigkeit: Ryan Bell (42 Jahre) nützte diesen „Bruch“, diese Krise, zum Nachdenken: Er hat sich nun entschlossen, ein Jahr lang wie und als ein Atheist zu leben. Er möchte auf diese Weise „herausfinden, was ich eigentlich will“. Konkret möchte er von nun an keine Gebete mehr sprechen, keine Bibel mehr lesen, auf explizit religiös-christlichen Übungen verzichten. Hingegen sind Kontakte zu explizit atheistischen Kreisen vorgesehen, das Eintauchen, die Inkulturation in deren Milieu.
Einmal die „andere, oft als gegnerisch bezeichnete Seite“ kennen lernen: Das haben Christen bisher immer der anderen Seite, also den Atheisten, vorgeschlagen. „Komm und sieh, wie schön die Kirchen und ihr Glaube sind“, heißt die Einladung an Nichtreligiöse und „Heiden“. Sie sollen den religiösen Weg ausprobieren, der dann vielleicht in der Taufe seinen Höhepunkt findet.
Nun entschließt sich ein ehemaliger Pastor für den umgekehrten Weg, er will einmal probieren, wie es ist, als Atheist zu leben. Dagegen ist selbstverständlich gar nichts einzuwenden. Es ist sogar ein Zeichen spirituellen Mutes, wenn einmal dieses Experiment gestartet wird. Und man erfährt dabei, welche neuen Einsichten sich dabei ergeben, wie viel menschliche Herzlichkeit in den anderen Kreisen zu finden ist (hoffentlich), wie viel Wärme und Toleranz (hoffentlich). Ob man dabei intellektuell oder gesprächsweise entdeckt und Sicherheit gewinnt, dass Gott nun gerade doch NICHT ist, sei dahingestellt.
Möglicherweise kehrt der Theologe Ryan Bell nach einem Jahr um etliche neue Einsichten verwandelt in eine christliche Gemeinde zurück, oder er wird bekennender Atheist oder als bekennender Skeptiker auftreten: Warum nicht?
Das Experiment, ein Jahr lang als Atheist zu leben, könnte man eigentlich vielen Glaubenden empfehlen, warum nicht auch einmal den Kardinälen der römischen Kurie, die den Vatikan verlassen und in einer Pariser Vorstadt unter Atheisten Unterschlupf finden …Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn Glaubende es wenigstens mal eine Woche lang versuchen würden zu leben, „als ob es Gott nicht gäbe“, wie Dietrich Bonhoeffer einmal sagte. Es wäre doch lehrreich und hilfreich, wenn die Frommen sich fragten: Welchen Gott verehre ich wirklich? Folge ich einem netten Phantom? Einem geradezu lächerlichen Gottes-Monstum, der mir zu Diensten ist. Ist Fraglichkeit nicht eine oberste Tugend religiöser Menschen?
Philosophisch bleibt natürlich bei dem Experiment von Ryan Bell das Problem der Hermeneutik: Wie kann er als christlich geprägter Theologe überhaupt adäquat die innere Welt des Atheismus oder besser des Atheisten verstehen? Kann er seine mit-gebrachten Urteile und Vorurteilen so umwandeln, dass ein adäquates Verstehen gelingt? Aber wenn christliche Theologen behaupten, auch ein Heide könne das offizielle „Nizäno- konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“ aus dem Jahre 383 (sic) verstehen, warum dann nicht auch ein Christ die Texte atheistischer Meisterdenker?
Ob ein Mensch jemals Gott los wirklich wird, also grundsätzlich gottlos werden kann und keinen Gott mehr verehrt, wenn er sich zum Atheismus bekennt, ist eine ganz andere Frage. Über die wollen wir auch weiter diskutieren.

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