Die Pyramide des lieben Gottes. Über die Macht und das System in der katholischen Kirche. Mskr. einer Ra­dio­sen­dung im WDR, 2009.

Lebenszeichen WDR 3
Die Pyramide des lieben Gottes
Über die Macht und das System in der römischen Kirche
Von Christian Modehn. Sendung 1.11.2009.

Ein Motto, am 19. Juni 2024 von C.M. notiert:

Die Pyramide ist immer das Bild, um Diktaturen zu beschreiben. Der Faschismus Italiens z.B. war als Pyramide konzipiert und organisiert, an der Spitze konzentrierten sich alle Gewalten. So ähnlich ist auch der Vatikan, die Leitung der katholischen Kirchem bis heute organisiert. Alles dreht sich um den – bis jetzt noch – allmächtigen Papst. (vgl. den Aufsatz „Antithese des Faschismus“, von Roberto Scarpinato, in „Lettre International“, Nr. 145, S. 7).

1. Spr.: Berichterstatter
2. Spr.: Zitator

32 O TÖNE zus. 17 10“. 185 Zeilen = ca. 12 Min.

Dieser Text enthält auch zwei bemerkenswerte O TÖNE von Kardinal Ratzinger, vor allem seine Empfehlung, dass doch Theologiestudenten bitte förmlich wie Spitzel ihre Professorenbeobachten sollten, vgl. O TON 16.

1.O TON, 010“, Pesch
Egal, wie man das Wort Hierarchie versteht: Herrschaft kann und darf es nicht bedeuten. Wenn es das tut, ist es Missverständnis und Missbrauch.

1. SPR.:
Otto Hermann Pesch, katholischer Theologe in München, plädiert für menschenfreundliche Strukturen in der römischen Kirche:

2. O TON, 0 14“, Pesch
Dass die Fakten oft anders sind, muss in diesem Sinne also dann als Defekt bezeichnet werden, als ein Missbrauch, der geändert werden muss.

1.SPR.:
„Ändern“ wollten Papst und Bischöfe ihren Umgang mit der Macht tatsächlich schon einmal: Vor fast 50 Jahren, beim Zweiten Vatikanischen Konzil, verpflichteten sich die „Oberhirten“, ihre Vorherrschaft zu begrenzen.

3. O TON, 0 21“, Pesch
Wenn sich eins im Vergleich zur Zeit vor dem Konzil bleibend im Bewusstsein der katholischen Gläubigen festgesetzt hat, dann ist es das Bewusstsein: Wir sind die Kirche. Und nicht wie früher: Wir haben an ihr Teil, während die Kirche die Hierarchie eben ist. Wir sind die Kirche!

1.SPR.:
Worte, auf die sich Kirchenreformer bis heute wie auf eine göttliche Utopie berufen. Unmittelbar nach dem Konzil wurden zahlreiche Landessynoden und Beratungen in den Bistümern veranstaltet. Dort versammelte sich das „Volk Gottes“ im Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Den Weg der Kirche mitzubestimmen, sollte kein frommer Wunschtraum der Laien bleiben.

4. O TON, 0 15“, Pesch
Auf der anderen Seite fällt auf, dass man aus Furcht vor Demokratisierung der Kirche mit dem Volk-Gottes-Begriff in den lehramtlichen Äußerungen nach dem Konzil sehr zurückhaltend geworden ist.

1. SPR.:
Das Prädikat „zurückhaltend“ findet Otto Hermann Pesch dann doch zu beschönigend. Er entschließt sich, deutlicher zu werden:

5. O TON, 0 17“, Pesch
Manche sprechen ja regelrecht schon von einer Art roll back hinter das Konzil zurück., Man fürchtet, dass doch wieder daran gearbeitet wird, faktisch doch wieder die alten Überordnungs- und Unterordnungsverhältnisse, oder wenn sie wollen, Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen.

1. SPR.:
Die Hoffnungen auf eine möglichst herrschaftsfreie Kirche ließen sich nicht verwirklichen. Kritische Theologen wissen spätestens seit dem Regierungsantritt Benedikts des XVI: Papst und Bischöfe bevorzugen wieder verstärkt uralte Modelle geistlicher Herrschaft. Professor Otto Hermann Pesch:

6. O TON, 0 37“ , Pesch
Der Ausdruck Hierarchie für die kirchliche Ämterverfassung kommt zum ersten Mal auf im 5. und 6. Jahrhundert im Zusammenhang mit einem berühmten Buch eines Verfassers namens Dionysius vom Areopag. Und der hat ein Buch geschrieben über die himmlische Hierarchie, und das bedeutet die Abstufung, der Stufenweg, von Gott zur Schöpfung und der Stufenweg von Gott zu den Menschen. Und dieser Hierarchie, der himmlischen Hierarchie, muss auch die kirchliche Hierarchie entsprechen. Das heißt, auch da muss es dann auch die Abstufungen geben.

1. SPR.:
So gibt es also auch seit dem 4. Jahrhundert eine regierende Spitze und eine gehorsame Basis. Dieses Modell ist nicht von Weisungen des Evangeliums inspiriert, sondern vom Meisterdenker Platon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Der Kopf als „Ort“ des Geistes sei wichtiger als der übrige Körper, meinte der griechische Philosoph, und so seien auch die führenden Häupter wichtiger als der Leib mit seinen niederen Organen. Diese untergeordneten Glieder sind für die geweihten Amtsinhaber „natürlich“ das Volk, die „Laien“. Das griechische Wort laikós (Betonung hinten!) bedeutet ja: Zum Volk gehörig. Auch mit dem Urbild des altägyptischen Sakralbaus, der Pyramide, konnte sich das Papsttum anfreunden: An der obersten Spitze thront mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist der Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden. Mit diesem eher unbescheidenen Denken hat sich der katholische Theologieprofessor Josef Imbach aus Basel befasst:

7. O TON, 0 46, Imbach
Faktisch wird das so gehandhabt, dass man von diesem pyramidalen Denken ausgehen muss. Aber theologisch hat dieses pyramidale Denken eigentlich keinen Rückhalt. Wenn wir auch die Konzilstexte in Betracht ziehen, letztes Konzil, und natürlich auch die Anfänge der Christenheit, dann stellen wir da schon ein anderes Denken fest. Wenn wir dann zurückschauen auf die frühe Christenheit, die haben schon gestritten, aber das Communio prinzip, das war natürlich maßgebend, das Gemeinschaftsprinzip, Austausch usw. Von daher ist das pyramidale Denken theologisch gar nicht haltbar.

1. SPR.:
Zeitgemäße theologische Kritik hat für viele Kirchenführer in Rom keine Bedeutung, meinen etliche Beobachter. Und mit dem Kirchenmodell des Neuen Testaments, der „brüderlichen Gemeinschaft“, wollten sie auch nicht so viel zu tun haben. Statt dessen bestimmten autoritärer Umgang, Kontrollen, Überprüfungen, Treue – Eide, Zensurbestimmungen das kirchliche Leben.
Nur ein Beispiel: Der Minoritenpater Josef Imbach, Professor an der Päpstlichen Fakultät San Bonaventura, wurde vom vatikanischen Machtapparat gemaßregelt: Auf Betreiben der römischen Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger musste er im Jahr 2002 seinen Lehrstuhl aufgeben. Der Grund: Er hatte die Lehre über die von Gott gewirkten Wunder modern interpretieren wollen. Ein fairer Prozess nach demokratischen Grundsätzen wurde ihm wie so vielen anderen „verdächtigten“ Theologen nicht zugestanden. Inzwischen arbeitet der Katholik Josef Imbach an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Basel. Aber viel schwerwiegender als die eigenen Erfahrungen sei die Personalpolitik des Papstes, meint der angebliche Irrlehrer.

8. O TON, 0 24“, Imbach
Da werden Bischöfe ernannt von Rom. Welche Personen kommen da in Frage? Personen, die von vornherein sich die römische Denkart voll und ganz zu eigen gemacht haben. Dann ist es klar, dass dann der Weltepiskopat einheitliche Positionen von vornherein vertritt, eben aufgrund dieser Auswahlkriterien.

1. SPR.:
Die Stromlinienförmigkeit der „Oberhirten“ weltweit spiegelt sich auch in den Synoden wieder, das hat der frühere Leiter des Karmeliterordens, Pater Camillo Macisse, beobachtet und aufgeschrieben:

2. SPR. (bitte deutlich machen als Zitierung):
Sogar die Bischofssynoden in Rom werden von der Kurie des Papstes kontrolliert und in den Diskussionen und in ihren Ergebnissen genau überwacht. Einige Bischöfe haben die Heftigkeit der Kontrollmaßnahmen beklagt, die von Neokonservativen mit einer anachronistischen Theologie ausgeübt werden. Wer es wagt, diese Autoritäten zu kritisieren, wird bedroht, angeklagt, verurteilt.

1.SPR.:
Auch die gesamte theologische Lehre und Forschung steht unter der Kontrolle der Ortsbischöfe oder des Vatikans selbst. In Deutschland dürfen nur Theologen an eine katholische Fakultät berufen werden, die die offizielle Genehmigung, das nihil obstat der Kirche haben; eine Politik des Verdachts, die Joseph Ratzinger schon als Kardinal offiziell verteidigt hat:

9. O Ton mit Applaus 0 21“, Ratzinger
Deswegen verursachen wir manchmal mit dem nihil obstat Ärger, es zieht sich hin usw., aber ich nehme diesen Ärger auf mich. Weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir eben Ärger eben einkaufen müssen. Beifall.

1. SPR.:
Fröhlichen Beifall für eine harte Linie spenden hier Mitglieder des ultra konservativen „Linzer Priesterkreises“. Ganz anders ist dem katholischen Theologen Josef Imbach zumute:

10. O TON, 0 28“, Imbach
Das ist der Tod der theologischen Forschung. Denn wer irgendwie eine akademische Laufbahn einschlagen möchte, wird sich natürlich von vornherein hüten müssen, irgendwelche heißen Eisen auch nur anzurühren. Und so wird auch hier langfristig eben dirigiert. Und das ist natürlich katastrophal für die theologische Forschung. Es ist nicht so, dass alles gesagt wurde, was hätte gesagt werden sollen. Es ist so, dass sich niemand zu sagen traut, was zu sagen ist.

1.SPR.:
Theologen an katholischen Fakultäten wagen es nicht mehr, für das Priestertum der Frauen einzutreten. Ihnen kommt es nicht mehr in den Sinn, die buddhistische Meditation als einen Weg zur Erlösung offiziell anzuerkennen. Und sie haben den Mut verloren, z.B. eine authentisch –afrikanische Liturgie zu entwickeln…Über den Umgang mit den Theologen hat der amerikanische Dominikanerpater Matthew Fox dem Papst geschrieben:

2. SPR.
Ihre Behandlung von Gelehrten ist Bücherverbrennung faschistischer Regime nicht unähnlich. Auch Ihre Entscheidung, autoritäre Persönlichkeiten zu belohnen ist problematisch. Denn diese sind oft krank, gewalttätig, sexuell besessen.

1.SPR.:
Matthew Fox, der radikale Kritiker, wurde aus seinem Orden ausgeschlossen. Eine Diskussion führte der Vatikan nicht mit ihm. Im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 wird die Herrschaft von Papst und Bischöfen bezeichnenderweise als „heilige Gewalt“ beschrieben. Rom setzt seine Linie mit allen Mitteln durch, zum Beispiel wenn Bischofskonferenzen einmal eigene Reformvorschläge veröffentlichen wollen. Als vor zwei Jahren im brasilianischen Aparecida (sprich: Appareßida mit Betonung auf dem i!) Bischöfe aus ganz Lateinamerika behutsam die Basisgemeinden unter Führung von Laien fördern wollten, korrigierte der Vatikan vor der Veröffentlichung kurzerhand das Papier. Der katholische Theologe und Lateinamerika Experte Gerhard Kruip hat diesen Vorgang unmittelbar beobachtet, wie ein progressives Reformpapier „gesäubert“ wurde:

11. O TON, 0 40“ Kruip
Die Änderungen sind erfolgt aus einem großen Misstrauen heraus gegenüber kritischen Kräften innerhalb der katholischen Kirche. Die Änderungen sind geprägt von einer Haltung der Ängstlichkeit. Man betont immer wieder den hierarchischen Aspekt der Kirche! Man betont immer wieder die Kontrolle, die die Bischöfe ausüben müssen über ihre Ortskirchen, man ist insgesamt skeptisch gegenüber allem, was ein Neuaufbruch sein könnte. Wenn es vorher hieß, die Basisgemeinden sind ein Zeichen der Vitalität der lateinamerikanischen Kirche: Dann ist das nachher unter die Bedingung gestellt worden, dass die Basisgemeinden treu zur katholischen Lehre und zum jeweiligen Ortsbischof stehen.

1. SPR.:
Pfarrer sind die Stellvertreter der Bischöfe in den Gemeinden und damit ebenfalls Glieder der Hierarchie. Weil aber der Mangel an Priestern auch in Europa immer größer wird, haben viele tausend Gemeinden keinen eigenen Pfarrer mehr. Aber anstatt kompetente Laien, Frauen und Männer, mit der Leitung der Gemeinden zu beauftragen, werden die wenigen verbliebenen Priester mit immer mehr Aufgaben belastet, berichtet der Baseler Theologe Xaver Pfister:

12. O TON, 0 30“ Pfister
…wobei bei uns jetzt Pfarreien zusammengelegt werden! Da muss immer ein leitender Priester dabei sein. Wenn ein Regionaldekan in 17 Pfarreien die Pfarreiverantwortung hat, dann ist dem Buchstaben Genüge getan, aber dem Leben überhaupt nicht. In dieser Zeit ist ganz klar die Tendenz, dass der Bischof Kirche repräsentiert und jede Pfarrei vom Bischof her ihre Form hat und nicht eine Vielfalt hat.

1. SPR.:
Diese Entwicklung ist in ganz Europa und auch in Amerika zu beobachten. Den autoritären Führungsstil der Kirchenführung erleben Betroffene als heftigen Widerspruch zur Kultur ihrer Länder:

13. O TON, 0 29“, Pfister
Man hat keine Mühe damit, dass etwas entschieden wird, wenn das einmal einsichtig ist. Aber man möchte eigentlich eine Einsicht haben und ernst genommen sein als Mensch, der handelt, weil er etwas einsieht. Und der nicht handeln muss, weil es ihm etwas aufoktroyiert ist oder befohlen ist. Das ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt, dass man demokratisch verhandeln kann und aushandeln kann, dass das so gehandhabt wird.

1. SPR,;
Xaver Pfister sagt, er habe unter den so wenig demokratischen Maßnahmen der kirchlichen Hierarchie über viele Jahre schwer gelitten. Als langjähriger Leiter der Pressearbeit im Bistum Basel ist er schließlich an Depressionen erkrankt, darüber hat er später ein Buch geschrieben. Wie er freimütig bekennt, hat ihn auch das Erleben kirchen-amtlicher Autorität psychisch geschädigt.

14. O TON, Pfister, 0 32“
Ich hatte da zu wenig Rollendistanz gehabt, und ich hab mich von meinem Naturell her ganz reingegeben, und immer wieder was Neues probiert und noch mal probiert. Da kommt mal an eine Grenze. Es fehlt auch die nüchterne Bilanz: Was ist der Spielraum, was ist möglich, was ist erwartbar. Aber es gibt eine Grenze. Und jetzt beschränke ich mich darauf meine Überzeugung zu sagen.

1. SPR.:
Der stille Rückzug der Reformer stört die meisten „Hierarchen“ wenig. Gemeint sind mit dem Wort Machthaber in der Kirche, geweihte Männer, die die Herrschaft des Klerus über die Laien verteidigen. Wer noch katholisch sein will, soll gehorsam sein und dem „Mitarbeiter der Wahrheit“ Folge leisten! Diesen anspruchsvollen Wahlspruch hatte sich Joseph Ratzinger als Kardinal in München ausgesucht: An seinem Motto „Mitarbeiter der Wahrheit“ hält er auch als Papst unbeirrt fest, meint der katholische Theologe Herman Häring aus Tübingen.

15. O TON, 0 40“, Häring
Nach meinem Wissen gibt es keinen Fall, also keinen Kollegen, keine Kollegin, kein betroffenes Kirchenmitglied, das vorher Sanktionen erfahren hat und bei dem, bei der er sich mal entschuldigt hätte oder was revidiert hätte. Es wurde auch nichts zurückgenommen. Für ihn war katholischer Glaube von Anfang an ein autoritätsgebundener Glaube. Mich hat er immer erinnert an ein Kirchenlied, das wir als Kinder gesungen haben: Fest soll mein Taufbund immer stehen, ist der erste Vers, und der zweite: Ich will die Kirche hören. Nicht: ich will die Bibel oder Christus, sondern die Kirche. Und das war für ihn dann schon immer der Rahmen.

1. SPR.:
Schon als Kardinal ermunterte Joseph Ratzinger besonders „rom-treue“ Theologiestudenten, ihre möglicherweise häretischen Theologieprofessoren aufzuspüren und zu benennen. Von „Spitzeln“ wollte er bei einem Vortrag im Jahr 1990 doch lieber nicht sprechen.

16. O TON, 0 34“, Ratzinger
Mir scheint, dass also ein erster Punkt der ist, dass solche Theologiestudenten in aller Offenheit dies dem Bischof offenbaren in einer Weise, die ihm auch verständlich macht, dass es hier nicht um Denunziation oder irgendetwas geht, sondern wirklich um die Not des Gewissens und um die Verpflichtung des Glaubens, den Dienst der Kirche und die Verkündigung ihres Glaubens rein zu halten.

1.SPR.:
Der „reine Glaube“ wird als ein wertvoller Schatz gedeutet, als „Glaubensdepositum“, wie man in Rom sagt, als ein dogmatisches System, das es zu hüten und pflegen gilt: Der katholische Theologe Hermann Häring:

17. O TON, 0 15“, Häring
Für ihn ist der Glaube halt von Anfang an sozusagen das Glaubensdepositum gewesen. Man denkt automatisch an Fort Knox, mit Goldbarren, die drin liegen, und da ist alles, und das muss unberührt bleiben, und da kann man mal was abrufen.

1. SPR.:
Was einmal als Dogma formuliert wurde, behält nach amtlicher Lehre ewige Gültigkeit. Revisionen und Korrekturen sind unerwünscht. Eines von vielen Beispielen ist die Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert, der zufolge alle Menschen mit der Geburt als Sünder definiert werden, für den Philosophen Herbert Schnädelbach ein eher abstoßender Gedanke:

18. O TON, 0 34“, Schnädelbach
Das geht ja vollkommen gegen den Augenschein. Also, wir haben das Glück, drei sehr niedliche Enkel zu haben Und wenn ich mir jetzt vorstelle und gucke mir die an und sehe wie die aufwachsen. Und dann zu sagen: So sind das sind geborene Sünder und die müssen erst mal getauft werden. Das ist ja eine Geschichte, die hat die Menschen Jahrhunderte tyrannisiert. Da wurden Halb- und Totgeborene noch schnell getauft, dann gab es diese Lehre von der Vorhölle für die ungetauften Kinder alle sind. In dieser ganzen Debatte wird ja klar gemacht, sie sind unfähig zum Guten. Und das ist ja etwas, wo gegen man sich auflehnen kann.

1.SPR.:
Denn ohne Taufe, also ohne die entscheidende Mitwirkung der Kirche, bleibt jeder Mensch ein unwürdiger Sünder… Zwar lehnen sich auch Theologen gegen diese Lehre und andere Dogmen auf. Sie ganz abzuschaffen, dürfen sich Theologen nicht erlauben. Selbst bei vorsichtigen Interpretationen uralter Traditionen stoßen sie in Rom keineswegs auf offene Ohren, meint Otto Hermann Pesch:

19. O TON, 028“
Wenn da eine offenere Gesprächsatmosphäre wäre, auch mit dem Risiko, dass man einen Konfliktfall im Moment nicht beilegen kann, sondern darauf vertraut, dass in der öffentlichen Disputation innerhalb der Kirche sich dann die Wahrheit herausstellt, wenn solches Vertrauen mal wachsen und ein Papst auch mal sagen würde: Habt keine Angst vor dem Streit in der Kirche bei einer so wichtigen Sache wie den Dingen, die christliche Glaube vertritt, ist doch natürlich, dass man darüber sich streitet, wie das richtig zu verstehen ist. Habt keine Angst, wenn es solchen Streit gibt, als ob dann der Untergang der Kirche bevorstünde, wenn so etwas mal von päpstlicher Seite aus gesagt würde, das würde Mut machen.

1.SPR.:
Aber das bleibt ein frommer Wunsch. Die meisten Oberhirten halten sich lieber an die Gruppen und Zirkel treu ergebener Schäfchen. Hubert Gindert vom sehr konservativen „Forum deutscher Katholiken“ hat diese Vorliebe Roms mit Kardinal Ratzinger besprechen können:

20. O TON, 0 14“
Er hat sich einmal geäußert, ihm kommt es nicht auf die große Zahl an. Nein, ihm kommt es drauf an: Gibt es innerhalb der Volkskirche, gibt es also hier missionarische Bewegungen, missionarische Zellen.

1. SPR.:
Die Kirche als kleine Herde der hundertprozentig treuen Seelen: das ist das Kirchenbild heutiger Hierarchen. Kritische Beobachter fürchten, die römische Kirche könnte sich bald dem intellektuellen Niveau einer großen Sekte nähern. Der Baseler katholische Theologe Xaver Pfister hat diese Mentalität der Behüter und Bewahrer genau beobachtet:

21. O TON 0 14“
Wir müssen die sammeln, die noch übrig sind. Und die sollen zusammenbleiben und die sollen eine Heimat finden. Und in dieser Einseitigkeit, denke ich, ist das wirklich der Selbstvollzug des Endes.

1. SPR.:
Aber selbst vom Schwund an Gläubigen lassen sich Bischöfe wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht irritieren. Sie sind eher stolz darauf, dass noch einige Kreise der offiziellen Lehre treu ergeben sind und dies auch lautstark bekennen, wie Pater Klaus Einsle vom Orden der Legionäre Christi:

22. O TON, 0 30“ Einsle
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses Verhältnis und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.

1. SPR.:
Wie das Lehramt denken und alle Glaubenssätze möglichst unverändert bewahren: Darin sieht auch die weltweite Gemeinschaft der konservativen Neokatechumenalen Gemeinschaften ihre Aufgabe, betont der Missionar Bruno Caldera:

23. O TON, 0 14“ Caldera
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige ist, der uns lehrt. der jenige, der uns lehrt, der uns die Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.

1. SPR.:
In den Kreisen der neuen geistlichen Gemeinschaften, also der Neokatechumenalen und Legionäre, der Charismatiker und Opus Dei Mitglieder, fühlten sich konservative Amtsträger sehr wohl, betont der katholische Theologe Pfarrer Ferdinand Kerstiens aus Marl. Er hat sich als Mitglied im „Freckenhorster Kreis“, einem Forum von Kirchenreformern, mit diesen „Bewegungen“ auseinander gesetzt.

24. O TON, 0 17″ Kerstiens
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.

1. SPR.:
Angesichts der machtvollen Hierarchie ist die römische Kirche heute gespalten: Selbstbewusste, kritische Gläubige sehnen sich noch immer nach dem geschwisterlichen „Volk Gottes“. Ihnen steht die einflussreiche Gruppe derer gegenüber, die den Ruhm des Papsttums und der Hierarchie wie ein Glaubensbekenntnis verstehen:

25. O TON, 0 22“, Meisner
Der Petrus von heute heißt Benedikt XVI. Sein Verkündigungsdienst ist heilsnotwendig für Kirche und Welt. Mit hoher Authentizität verkündet der Papst die rettende Kraft des Evangeliums, um dann einen überzeugenden Weg zum Heil aufzuweisen.

1. SPR.:
Kardinal Joachim Meisner bei einer Messe zu Ehren des Papstes in der Berliner Sankt Hedwig – Kathedrale im April 2007:

26. O TON, 0 33“. Meisner
Papst Benedikt XVI ist es gegeben, die den Menschen heil machende Botschaft des Evangeliums in ihrer Schönheit, in ihrer Faszination und Harmonie aufzuzeigen, so dass man ihn Mozart unter den Theologen nennt.
Seine Worte klingen wie Musik in den Ohren und Herzen des Menschen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen.

1. SPR.:
Diese „hinreißende Musik“ päpstlicher Stellungnahmen enthält aber auch kritische Töne, zum Beispiel den Vorwurf: In den Staaten der westlichen Welt herrsche „der Relativismus“.

27. O TON, 0 24“, Meisner
Als Diktatur des Relativismus bezeichnet der Papst das Grundübel unserer westlichen Gesellschaften, für die es keine oberste und unveräußerlichen Wahrheit und Werte mehr gibt, für sie ist alles gleichgültig, was die Menschen dann gegenüber der Frage nach gut und böse gleichgültig macht.

1. SPR.:
Relativismus bedeutet für die modernen demokratischen Gesellschaften das Ringen verschiedener, aber gleichberechtigter Positionen um die Wahrheit. Niemand „hat“ die Wahrheit, alle suchen sie. Relativismus und Demokratie sind untrennbar! Die Frage drängt sich auf: Ist die Zurückweisung des Relativismus durch den Papst zugleich eine Zurückweisung der Demokratie? Ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst hat Kardinal Ratzinger mit dem damaligen italienischen Senatspräsidenten Marcello Pena über den Relativismus in den westlichen Gesellschaften diskutiert, dabei nannte er ein typisches Beispiel:

2. SPR.:(Zitat Ratzinger)
Dass Homosexualität, wie die Katholische Kirche lehrt, eine objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz bedeutet, wird man bald nicht mehr sagen dürfen.

1. SPR.:
Ein wenig irritierend ist die Aussage Kardinal Ratzingers! Könnte denn für die Kirche eine Zeit kommen, in der eine freie kirchliche Stellungnahme nicht mehr möglich sei? Befürchtete der damalige Kardinal Ratzinger etwa eine „Diktatur“ der Demokraten? Eine Angst, die er übrigens mit vielen muslimischen Machthabern gemeinsam hat, wie kürzlich der Publizist Alan Posener zeigte, in seinem Buch „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikan auf die moderne Gesellschaft.“

2. SPR.:
Der Vatikan ist sich mit fundamentalistischen islamischen Staaten immer einig, wenn sie sich gemeinsam gegen kritische, angeblich blasphemische Karikaturen wehren. In diesen Fällen treten sie gemeinsam für die Einschränkung der freien Meinungsäußerung ein.

1. SPR.:
Die Entwicklung solcher Denkmodelle findet der protestantische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf aus München alles andere als erstaunlich:

28. O TON, 0 37“, Graf
Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer: die wahre Demokratie, die rechte Demokratie, nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird.

1. SPR.:
Die römische Kirche kann zwar nicht mehr die Gesetze der Staaten bestimmen. Aber sie kann in der Gesellschaft versuchen, ihre traditionellen Moralvorstellungen durchzusetzen, etwa zu Fragen der Schwangerschaft. Die katholische Ethik gilt den Konservativen innerhalb der Hierarchie als die letzte Bastion, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf:

29. O TON, 0 40“. Graf.
Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum. Hier RAUS GEHEN

1. SPR.:
Hingegen meint der katholische Theologe Hermann Häring, Relativismus und Katholizismus seien durchaus zu versöhnen:

30. O TON, 1 03“. Häring
Ich bin Relativist, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Das verstehe ich wohl. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen, aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.

1. SPR.:
Aber von jüdischer Weisheit lässt sich der Vatikan nicht so häufig inspirieren: Vielfalt der Meinungen zuzulassen, könnte ja bedeuten, den demokratischen Staat nachzuahmen und demokratische Prinzipien für die Kirche selbst anzuerkennen. Tatsächlich gleicht der Vatikan eher einem spätantiken Feudalstaat. Dort vereinte der eine Herrscher alle Gewalten in seiner Person. Der Vatikan glaubt, diese Rolle habe der Papst von Anbeginn gehabt. Aber gibt es wirklich eine ungebrochene Linie vom ersten Papst, dem Fischer Petrus vom See Genezareth, hin zu Benedikt XVI. in seinem Palast? Der katholische Theologe Otto Hermann Pesch warnt vor einer allzu weitgehenden Interpretation:

31. O TON, 0 30“. Pesch
Wie kommt es dann, dass die Nachfolger des Petrus bis hin zu Clemens absolut legendarische Figuren sind. Auf festem Boden einer römischen Gemeinde mit ganz bestimmter Leitungsstruktur sind wir wieder erst mit dem ersten Clemens, der nach Corinth schreibt, aber nicht mit Weisungsbefugnis, sondern mit Ermahnung. Dieser Clemens ist nun mitnichten Papst Clemens der Erste, sondern Mitglied des römischen Presbyteriums.

1. SPR.:
Der Papst als der erste unter vielen anderen Bischöfen inmitten vieler Gemeinden: Ist diese frühchristliche Tradition wirklich nicht mehr gültig? Könnte sich der Stellvertreter Christi auf Erden nicht daran orientieren, fragt Otto Herman Pesch:

32. O TON, 0 43“.
Er sollte sein Amt verstehen und auch ausüben, wie es allein vom Neuen Testament her begründet werden kann, nämlich als Petrusdienst. Man sagt heute schon mal ganz gerne Petrusdienst und meint das Petrusamt, das ist aber in der Form dann etwas eine Schönfärberei. Petrusamt heißt Vollmacht des Papstes in jede einzelne Diözese hineinregieren zu können, nach gutem Ermessen, um nicht zu sagen nach Gutdünken. Petrusdienst heißt, dass der Papst als Bischof von Rom und eben Haupt des Bischofskollegiums einen Dienst tut, da, wo er helfen muss und helfen kann.

1. SPR.:
Der Papst als bescheidener Helfer, als Ratgeber, als Freund und Begleiter: Das ist keine Utopie, sondern biblischer Auftrag. Ein Zitat aus dem Markus Evangelium:

2. SPR.:
„Wer bei euch groß sein will, der sei der Diener aller“.

1. SPR.:
Joseph Ratzinger hat bei einem Vortrag im österreichischen Aigen vor 15 Jahren einmal angedeutet, dass es den Amtsträgern nicht in erster Linie auf Macht und Einfluss ankommen sollte:

33. O TON, 0 43“ Ratzinger,
Auch in der Kirche ist nicht das entscheidende, welche Funktion einer einnimmt. Sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist nicht, dass man Kardinal wird oder ich weiß nicht sonst etwas wird, sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist, dass wir Gott nahe und ihm ähnlich werden, dass wir heilig werden. Und wenn ein Bischof oder Kardinal es nicht wird, dann nützt ihm seine ganze Würde nichts, dann ist er wirklich eben bei den geringsten im Reich Gottes, wo wir immer noch hoffen, dass er wenigstens noch drinnen ist. Lachen und Beifall.

1. SPR.:
Kritische Äußerungen zum Umgang mit päpstlicher Macht hat man von Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. nicht gehört. Darum sind sich viele kritische katholische Theologen in aller Welt einig: Das vom Vatikan geförderte System kann nur zu einer in sich geschlossenen Herrschaftselite führen, zu Abwehr, Ausgrenzung und neurotischem Freund – Feind – Denken. Trotzdem: Mit dieser Vorherrschaft maßgeblicher kirchenamtlicher Kreise wollen sich Kirchenreformer nicht abfinden, falls ihnen nicht zuvor die so viel beschworene „Freude am Glauben“, also die positive Zustimmung, katholisch zu sein, verloren geht. Pater Josef Imbach:

34. O TON, 0 32“, Imbach
Wie können wir eigentlich froh unseren Glauben leben, wenn es in unserer Kirche so unfroh zu- und hergeht? Der französische Schriftsteller Paul Claudel hat einmal gesagt: Dort, wo die meiste Wahrheit ist, ist auch die meiste Freude. Ja, wenn sie sich dann so umschauen innerhalb unserer Kirche, dann muss ich mich ja fragen, wie viel Wahrheit ist eigentlich in unserer Kirche, in meiner Kirche?

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LITERATUR:
Graf, Friedrich-Wilhelm: Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58478-7

Graf, Friedrich-Wilhelm: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51750-1

Häring, Hermann: Im Namen des Herrn. Wohin der Papst die Kirche führt. Gütersloher Verlagshaus. 2009, 192 Seiten.

Imbach, Josef: „Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens.
Woran die Kirche heute krankt“. 248 Seiten, Patmos Verlag Düsseldorf, 2.
Aufl., 2005,

Modehn, Christian: „Alles, was rechts ist.. Politisch theologische Optionen Joseph Ratzingers“, S 143 – 162. in: Sommer, Norbert. und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Pesch, Otto-Hermann: Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd. 1/1: Die Geschichte der Menschen mit Gott, Ostfildern 2008

Posener, Alan: „Benedikts Kreuzzug. Der Kampf des Vatikans gegen die moderne Gesellschaft“ (Ullstein 2009)

Sommer, Norbert und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Wer tötete Erzbischof Romero? Über die Mitschuld des Vatikans

Wer tötete Erzbischof Oscar Romero? Über die Mitschuld des Vatikans.

Einige Hinweise und kritische Fragen von Christian Modehn. .

Ein Vorwort, geschrieben am 21.3. 2020:
Schon wieder ein Gedenktag, also ein Tag des expliziten Denkens an einen Menschen, einen wegweisenden, vorbildlichen. Am 24. März 1980 ist Erzbischof Oscar Romero in San Salvador, im zentralamerikanischen Staat El Salvador, von rechtsextremen Militärs, Angehörigen der ebenso rechtsextremen, von den USA unterstützten Regierung, erschossen worden, am Altar, während der Messe. Oscar Romero war die wichtigste Stimme der vielen Armen und Unterdrückten in seinem Land. Er stand ihnen tatkräftig, man darf sagen aufopfernd zur Seite. All das ist noch bekannt? Wahrscheinlich noch in Lateinamerika, in seiner Heimat San Salvador. Es hat sehr lange gedauert, ehe sich der Vatikan und die Päpste entscheiden konnten, diesen vorbildlichen, schon Lebzeiten wie einen Heiligen verehrten Oscar Romero, tatsächlich öffentlich zu ehren und heilig zu sprechen. Denn dies ist ein politischer Akt!
Und vergessen wir nicht die bleibende, fundamentale Erkenntnis Erzbischof Romeros: Es ist die maßlose Gier der Herrschenden, also der (Super-)Reichen, nach „immer mehr“, nach immer mehr Geld, nach immer mehr Eigentum, nach immer mehr Privilegien, die tödlich ist für die Menschen. Diese Gier der „kalten Herzen“ hat ein menschenwürdiges Leben der meisten Menschen in El Salvador unmöglich gemacht. Diese Gier hat Erzbischof Romero getötet. Und: Diese maßlose Gier der „kalten Herzen“ wurde nicht überwunden, sie regiert weltweit. Das ist ein Thema des Gedenktages!

In diesen Zeiten der Corona-Pandemie haben „wir“ andere Sorgen, als an einen heiligen Befreiungstheologen in El Salvador zu denken, könnte man meinen. Aber vielleicht ist es gerade eine sinnvolle Erweiterung unseres Denkens und Fühlens in diesen Tagen, mal längere Zeit „etwas anderes“ zu denken und auch anderes zu lesen als die vielen erschütternden Neuigkeiten rund um die Pandemie. Ich empfele also die Lektüre nicht nur meines kritischen Hinweises, sondern auch die Lektüre des Buches von James R. Brockman „Oscar Romero. Anwalt der Armen“. Erschienen im TOPOS Verlag! Brockman war Jesuit (gestorben 1996); er kannte Oscar Romero persönlich; konnte auch dessen Tagebuchaufzeichnungen lesen, daraus ist eine umfangreiche Biographie entstanden, alles andere als eine übliche kirchenfromme „Heiligenlegende“! Sondern eine Art politischer Biographie eines Mannes, der sich von einem „klassisch Konservativen“ zu einem Befeiungstheologen und Verteidiger der Armen entwickelte. Ich möchte auch noch auf meinen Beitrag hinweisen: Erzbischof Romero und das Opus Dei.
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Für ausführliche biographische Informationen über Oscar Romero kann jetzt online ein neu erschienenes Buch gelesen werden:“Oscar Romero und die Kirche der Armen“.

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Zur Einstimmung ein allgemeiner Hinweis aus der Ethik: Wenn dort von Verantwortung und Verantwortlichkeit gesprochen wird, ist nicht nur die „responsability“, sondern auch die „accountability“ gemeint. Im Englischen wird diese Unterscheidung gern gemacht. „Accountabilty“ meint dabei vor allem die „soziale Verantwortung“, also das Verantwortlichsein dafür, was in einem bestimmten Umfeld durch das eigene Tun (oder durch das eigene Unterlassen) geschieht oder nicht geschieht. Der Berliner katholische Ethiker, Prof. Andreas Lob Hüdepohl, schreibt: „Verantwortlich ist der, der durch sein Handeln und Verhalten einen beklagenswerten Zustand selbst herbeigeführt oder zumindest zugelassen und nicht verhindert hat, obwohl es in seiner Macht gestanden hätte“ (Zitat in: „Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie“, Herder 2015, S. 296). Diese allgemeinen Hinweise haben ihre Gültigkeit auch im Umgang des Vatikans und vieler Bischöfe, auch in El Salvador, mit dem mutigen Menschenrechtskämpfer und Befreiungstheologen, dem „Märtytrer wegen seines befreidenden Glaubens“, Erzbischof Oscar Romero.

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Der Haupttext:

1.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin befasst sich auch mit Religionskritik. Deswegen werden manchmal auch Hinweise publiziert und dabei Fragen gestellt, die in der eigentlich dafür zuständigen kritischen Theologie und deren Publikationen einen Platz haben sollten, aber leider nicht haben. Offenbar sind den immer noch kirchenamtlich-gebundenen katholischen Theologen diese Themen „zu heiß“, also zu gefährlich (auch für die eigene Karriere). Zur politischen „Neutralisierung“  Oscar Romeros durch das Opus Dei (in Rom) jetzt klicken Sie bitte hier zur Lektüre des umfangreichen Beitrags.

Die folgenden Hinweise beziehen sich auf ein wichtiges, bisher kaum diskutiertes Thema: Auf die Mit-Schuld des Vatikans und des heiligen Papstes Johannes Paul II. an der Ermordung von Erzbischof Oscar Romero am 24. März 1980. Leitend ist dabei die allgemein bekannte und unumstrittene Erkenntnis, dass Ideologien und religiöse Propaganda das reale politische Handeln der Menschen prägen, inspirieren, anfeuern und auch bestimmen. Dafür gibt es zahlreiche historische Beweise, etwa im Zusammenhang der Kreuzzüge, der missionarisch-kolonialistischen Eroberung Amerikas oder jetzt der Niederschlagung von Menschenrechtsbewegungen in den Ländern, die islamistisch beherrscht, d.h. tyrannisiert werden.

Es geht also um die indirekt wirkende, sicherlich schwer zu „fixierende“, aber doch faktische Mitschuld der „offiziellen Kirche“ an der Ermordung Erzbischof Romeros. Anlässlich seiner (35 Jahre ! nach seinem Tod erreichten) Seligsprechung am 23. Mai 2015 in San Salvador wird diese Frage sicher vermehrt öffentlich diskutiert: Wer tötete – eigentlich- den Erzbischof, also den frommen Priester, den Verteidiger der Armen, den Kritiker des rechtsextremen Militärregimes, den Befreiungstheologen? Diese Frage bleibt auch nach seiner offiziellen Heiligsprechung im Jahr 2018 durch Papst Franziskus.

2.

Über die tatsächlichen Mörder als Individuen kann man sich umfassend informieren, etwa schon auf wikipedia: „Am 23. September 2004 wurde Álvaro Saravia, Leiter des Sicherheitsstabs von D’Aubuisson und Kommandeur der Todesschwadronen, in einem Zivilprozess in Kalifornien in Abwesenheit als einer der Drahtzieher des Mordes an Romero von Richter Oliver Wanger schuldig gesprochen. Danach müsste er 10 Millionen US-$ an einen anonymen Hinterbliebenen Romeros zahlen. Es ist international das erste Mal, dass im Fall Romero irgendjemand verurteilt wurde.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%93scar_Romero#Hergang_und_T.C3.A4ter). Hingegen: Das Parlament El Salvadors erließ 1993 eine Generalamnestie für die Verbrecher des Bürgerkrieges….

Es ist dort aber auch weithin unstrittig, dass Oscar Romero auf Veranlassung des Mayors des El Salvadorianischen Heeres, Roberto d Aubuisson, durch einen Scharfschützen am Altar während der Messe getötet wurde. D Aubuisson ist der spätere Gründer der rechtsextremen ARENA Partei, die noch heute, 2015, eine sehr starke politische Kraft (in der Opposition) ist. Sie vertrat und vertritt eindeutig die Interessen der wenigen etablierten Herrschenden, die sich im Bürgerkrieg gewaltsam gegen alle Respektierung der Menschenrechte für die armen Indígenas durchsetzten; diese Clique ist mitverantwortlich, dass mindestens 75.000 El Salvadorianer im Bürgerkrieg – auf bestialische Art – getötet wurden, darunter auch viele Priester, Gemeindemitarbeiter und zuerst und vor allem: sehr viele Arme… und Erzbischof Romero.

D` Aubuisson (1944-1992) ist Katholik gewesen; er hat, für Mitglieder der gehobenen Klassen wie überall üblich, katholische Privat-Schulen (der Maristen und Jesuiten) besucht. Außerdem hat er im Jahr 1972 an der berüchtigten us – amerikanische „School of the Americas“ studiert; dort wurden rechtsextreme Militärs aus ganz Lateinamerika für den Krieg gegen die Kommunisten in Lateinamerika ausgebildet. Für die USA gab es seit dem Sieg Castros auf Kuba und dem Sieg der Sandinisten in Nicaragua und später dann dem Sieg Allendes in Chile nur eine Idee: Den Kommunismus, wo immer er sich (angeblich) versteckte mit brutaler Gewalt auszulöschen, also Menschen zu töten. Jegliche Forderung nach sozialer Gerechtigkeit wurde als kommunistisch diffamiert und Menschen, die diese Forderungen vertraten, ausradiert. Weite Kreise der offiziellen Kirche haben dieser Ideologie den theologischen Segen gegeben. Sie haben sozusagen den blinden Wahn der USA religiös-ideologisch befeiert. Das hatte Auswirkungen: Oscar Romero war als Erzbischof von San Salvador weitgehend von seinen bischöflichen Kollegen im Land isoliert, auch sie betrachteten sein Engagement als marxistisch und diffamierten ihn sogar im Vatikan.

3.

Wer die Frage „Wer tötete Erzbischof Romero?“ umfassend beantworten will, kann also, das ist evident, nicht nur punktuell auf die Tat des Scharfschützen schauen oder nur die individuelle Gestalt Romeros sozusagen als jetzt „seliges“ bzw. heiliges Individuum betrachten. „Wer tötete Erzbischof Romero?“ Das kann nur beantwortet werden, wenn das extrem ideologisierte und religiös aufgeladene politische – geistige Klima in El Salvador und Lateinamerika insgesamt in den Jahren zwischen 1970 und 1980 (dem Todesjahr Romeros) und darüber kritisch analysiert wird.

Solche kritischen Fragen müssen gestellt werden, weil bei allem Jubel über den „seligen Oscar Romero“ das kritische Denken nicht eingeschläfert werden kann. Und spannend bleibt, wie die reaktionäre ARENA Partei sich am Tag der Seligsprechung verhalten wird und wie das Opus Dei reagieren wird, das neuerdings die absurde These weltweit verbreitet, Erzbischof Romero sei eigentlich einer vom Opus Die gewesen. Damit will diese rechte katholische Geheimorganisation den bleibenden politischen Anspruch Romeros neutralisieren, sie will den Befreiungstheologen Romero zu einem braven, frommen Bischof herabsetzen. Lesen Sie dazu einen ausführlicheren Beitrag und klicken Sie hier.

4.

Papst Johannes Paul II. (seit 1978 Papst) aus dem kommunistisch regierten Polen stammend, erklärte zumal in den ersten Jahren seiner Herrschaft, den Anti-Kommunismus zu einer Art Dogma für die ganze Kirche. Den Antikommunismus (so, wie er ihn verstand) zu bekämpfen war für ihn eine völlige Selbstverständlichkeit, die er später bei seinen Besuchen bei den rechtsradikalen Diktatoren in Chile, Argentinien und in Paraguay (General Stroessner) usw. dokumentierte.

Das bedeutete: Es gab für Johannes Paul II. – zumal zu Beginn seiner Herrschaft – nur „den“ (einen), eben den teuflischen Marxismus als Kommunismus. Linke Positionen, die an die tatsächliche, bereits immer schon tötende Gewalt der bestehenden (diktatorischen) Regierungen erinnerten, konnte er nicht akzeptieren. Der polnische Papst glaubte: Wenn eine rechte/rechtsextreme Militärregierung sich fromm-katholisch und der rechten päpstlichen Lehre nach außen hin folgsam zeigt, ist das in Ordnung und unterstützenswert. Der Diktator Pinochet in Chile war ja bekanntlich ein fleißiger Kirchgänger, ihm reichte der Papst bei seinem Besuch in Chile gern die Kommunion… Deswegen sprach der polnische Papst auch den bekanntermaßen äußerst rechtslastigen Franco-Freund und Opus Dei Gründer Josemaria Escriva in kürzester Zeit, entgegen allen Regeln und kirchlichen Gesetzen, nach dessen Tod heilig.

Diese offizielle pauschale, deswegen unkritische antikommunistische „Stimmung“ im Vatikan und damit die offizielle römische Befürwortung bzw. kirchliche Unterstützung alles Antikommunistischen bekam Erzbischof Romero im Vatikan selbst 1979 ausdrücklich zu spüren. Der damals schon von rechtsradikalen Militärs und Paramilitärs (Todesschwadronen) bedrohte Erzbischof Romero wollte 1979 dringend dem Papst vom Bürgerkrieg in diesem katholischen Staat berichten. Aber er wurde nicht zum Gespräch mit Johannes Paul II. vorgelassen. Erst als sich Romero wie ein einfacher Gläubiger in die Gruppe der Wartenden bei einer so genannten Generalaudienz einreihte und dabei dann den Papst direkt um ein persönliches Gespräch bat, wurde er gnädigerweise danach zum Papst vorgelassen. Der Theologe und Lateinamerika-Spezialist Dr. theol. Willi Knecht hat diese Situation dokumentiert: „während der Generalaudienz, als Romero die Hand des Papstes ergriff und sich vorstellte. Ehe Romero mehr sagen konnte, warnte ihn der Papst: „Hüten Sie sich vor dem Kommunismus“! „Aber (wollte Romero sagen) …“ Und der Papst sagte erneut: „Hüten Sie sich vor dem Kommunismus!“ Über die würdelose Umgangsform des Papstes mit Erzbischof Romero am folgenden Tag kann die Journalistin María López Vigil, (in: „Piezas para un retrato“, UCA Editores, San Salvador 1993) berichten, weil sich ihr Erzbischof Romero kurz danach anvertraut hat; ein Zitat aus dem längeren Beitrag, den Willi Knecht dokumentiert: „Während sie sich gegenüber sitzen, beharrt der Papst auf einer einzigen Idee: „Sie, Herr Erzbischof, müssen sich um eine bessere Beziehung zur Regierung ihres Landes bemühen!“ (Der Papst hält also die regierenden Mörderbanden in El Salvador für eine legitime Regierung, CM). Monseñor Romero hört ihm zu und seine Gedanken schweifen nach El Salvador und er denkt daran, was die Regierung seines Landes mit dem Volk seines Landes anstellt. Die Stimme des Papstes bringt ihn zur Wirklichkeit zurück. “Eine Harmonie zwischen Ihnen und der Regierung von El Salvador ist das, was Christen in dieser Zeit der Krise am meisten befolgen müssen“. Bischof Romero hört weiter zu. Es sind Argumente, mit denen er bis zum Überdruss schon von anderen kirchlichen Würdenträgern angegriffen worden war. (Quelle: http://williknecht.de/index.php/kirche/kirche-3/81-en-memoriam-oscar-romero-seine-audienz-beim-papst-1979-16)

5.

Der Lateinamerika – Spezialist Dr. theol. Willi Knecht kommentiert diese unglaublich arrogante Belehrung des heiligen Papstes: „In der vom Militär kontrollierten Presse von El Salvador (und von Lateinamerika) wurde diese Zurechtweisung Oscar Romeros durch den Papst als „grünes Licht“ (als Erlaubnis) interpretiert, Oscar Romero nun endlich zum Schweigen bringen zu können – ohne dass der Vatikan deshalb intervenieren würde. Auch Regierungskreise der USA haben dies als Bestätigung bzw. Rechtfertigung aufgefasst, nun mit allen Mitteln gegen die von Oscar Romero geführte Kirche in El Salvador vorgehen zu dürfen“. (Quelle ebd,). Der Slogan „Sei ein Patriot und töte einen Priester“ hatte sich inzwischen in den Köpfen der Todesschwadronen festgesetzt…

Mit anderen Worten: Der blinde Antikommunismus des polnischen Papstes, artikuliert wie ein Dogma, hat das gesellschaftliche Klima in El Salvador soweit mit-bestimmen können, dass Erzbischof Romero am 24. März 1980 erschossen wurde. Die Täter fühlten sich subjektiv als Wohltäter des Vaterlandes, als Hüter der rechten (katholischen) Ordnung, ja als treue Nachahmer päpstlicher Weisungen.

Noch einmal: Innerhalb katholisch-theologischer Reflexionen ist diese Erkenntnis bisher nicht verbreitet worden, weil sie peinlich ist: Die Erkenntnis heißt: Das vom Vatikan und Papst Johannes Paul II. erzeugte pauschale antikommunistische Klima mit dem Verdacht des Marxismus und Kommunismus bei angeblich „linken“ Priestern und Theologen, ist, mitschuldig und mitverantwortlich für die Ermordung Erzbischof Romeros und später dann (1989) für die Ermordung von Romeros Freunden, der Jesuiten an der katholischen Universität San Salvador. Am 23. Mai 2015 wird also ein Erzbischof von der Kirche selig gesprochen, als Märtyrer, als Glaubenszeuge, der einer blinden Ideologie der Kirche selbst seinen grausamen Tod zu „verdanken“ hat. Dass der Vatikan niemals Erzbischof Romero und seiner Theologie und seiner Pastoral traute (etwa die Einrichtung eines Büros für Menschenrechtsfragen), zeigt sich daran, dass 1995 ein spanischer Priester des Opus Dei Erzbischof von San Salvador wurde. Er hat, das sagen alle Historiker, das Werk Romeros im Erzbistum vernichtet.

Werden diese Perspektiven am 23. Mai 2015 in San Salvador von dem päpstlichen Delegaten angesprochen? Wird sich die römische Kirche zu einem Schuldbekenntnis aufraffen und sagen: Ja, auch wir, im Vatikan und den vatikanischen Behörden, wir sind zumindest indirekt mitschuldig am Tod Oscar Romeros, weil wir die tödliche ideologische Verblendung mit gefördert und wie ein Glaubensbekenntnis verbreitet haben?

6.

In dem Zusammenhang ist ein Beitrag eines anderen Lateinamerika-Spezialisten wichtig, des Theologen aus dem Dominikanerorden, Pater Ignace Berten. Er schreibt in seinem Beitrag „La théologie de la libération: Est-elle encore d actualité?  (in „Lumiere et vie, heft 273, 2007, Seite 97), aus dem ich übersetze: „Die Befreiungstheologie stört vor allem die Machthaber vor Ort, die sie als subversiv denunzieren. Die Regierung der USA, der CIA und die =Schule der Americas=, die lateinamerikanische Militärs in ihrem subversiven Kampf ausbilden, realisieren Strategien des Kampfes gegen die Befreiungstheologie… Es gibt eine gewaltige Repression …selbst gegen Bischöfe, die dann ermordet werden. Bischof Romero ist wahrscheinlich das stärkste Symbol dieser Generation von Märtyrern“. Und der Theologe Pater Berten fährt fort.“Aber die Theologie der Befreiung hat auch zu kämpfen mit dem Mißtrauen und der Repression (sic!) aufseiten der Kirche, vor allem in den sehr konservativen Flügeln, bei denen Msgr. Lopez Trujillo die markanteste und aktivste Gestalt ist. In Rom ist man besorgt über die Gefahr des Kommunismus, und in dieser Sorge verbündet sich der Vatikan mit der Sorge der USA: Gemeinsam glaubt man, dass die Theologie der Befreiung eine Art Umschlagstelle sein könnte, um kommunistische Regime in Lateinamerika zu etablieren…“   An dieser Stelle wäre weiter über die politische Naivität des Vatikans im allgemeinen nachzudenken, man könnte an Pius XII. erinnern (der den Nazi-Faschismus weniger schlimm fand als den Stalinismus) oder an die heutige ideologisch geformte Zurückweisung der Gender-Theorien.  Indem der Vatikan und die meisten Bischöfe eine rechtslastige-konservative Schlagseite hatten und haben, werden sie Bündnispartnern von Systemen, bei denen sie christlichen Glauben vermuten, wie den USA, die aber nichts als Machtpolitik, sagen wir für die damaligen USA durchaus Imperialismus im Sinn haben. Auf die so genannten theologischen Forschungszentren, die in den USA seit 1970 entstanden waren, weist Franz Hinkelammert hin: Es entstand das „Department of theology“ im „American Enterprise Institute“, Leitung Michael Novak: „Sein Ziel war die Bekämpfung der Befreiungstheologien Lateinamerika“. Dann wurde das „Institute for Religion und Democracy“ geschaffen, geleitet von Peter Berger mit demselben Ziel. /in: Theologies de laliberation, L Harmattan, Paris, 2000). Die Bücher von Micheel Novak wurde ins Spanische übersetzt und fanden weite Verbreitung auch in kirchlichen Kreisen…

Zurück zu Erzbischof Romero: In diesem Sinne, also einer Mitschuld des polnischen Papstes an der Ermordung Romeros, schreibt der Lateinamerika Spezialist Dr. theol. Willi Knecht sehr treffend persönliche Gedanken anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II.: „Auch der Papst wird sich nun vor seinem Gott verantworten müssen – wie jeder von uns. Und er wird diesem Gott, dem Gott von Abraham und von Jesus, erklären müssen, warum er Menschen wie Bischof Romero seinen Mördern überließ und warum er einen Befürworter von Massenmorden – Josemaría Escrivá – zum Heiligen erhebt. (gemeint ist der Gründer der katholischen Geheimorganisation Opus Dei, CM). Menschen wie Oscar Romero und alle Ausgestoßenen dieser Welt mögen bei Gott dann Fürsprache für Karol Wojtyla einlegen. Möge Gott ihm seine Gnade erweisen und ihn bei sich aufnehmen!“

Quelle: http://williknecht.de/index.php/kirche/kirche-3/81-en-memoriam-oscar-romero-seine-audienz-beim-papst-1979-16

7.

Diese Erkenntnis einer Mitschuld führender vatikanischer und bischöflicher Kreise, an der Niederschlagung und Ausgrenzung von Befreiungstheologen wäre natürlich noch viel weiter zu dokumentieren und auszuführen. Es wäre an den kolumbianischen Kardinal Lopez Trujillo zu erinnern: „Er sagte in einer Gruppe, er werde mit den Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez, Leonardo Boff und Jon Sobrino ein Ende machen“ (so Jon Sobrino SJ, in „Die Freiheit der Theologie“ (Mainz 2008, S. 29). Der kolumbianische Kardinal hat nie die Vorwürfe einer engen Zusammenarbeit mit kolumbianischen Drogen-Bossen wirksam entkräften können, er war später organisatorisch für die gesamte lateinamerikanische Bischofskonferenz CELAM zuständig und schließlich in Rom als oberster Kardinals-Beamter für Familienfragen verantwortlich; zudem war er ein Freund des polnischen Papstes usw.

An den damaligen ADVENIAT Chef, Bischof und Kardinal und Opus Dei Mitglied Franz Hengsbach (Essen) wäre zu erinnern, vor allem an seinen politisch äußerst rechtslastigen Studienkreis „Kirche und Befreiung“, der ebenfalls den blinden Antikommunismus wie ein Dogma propagierte und als Kampfmittel gegen die Befreiungstheologie einsetzte. Engster Mitarbeiter des sogen. Studienkreises war der Lopez Trujillo Intimus Pater Roger Vekemans SJ. Es gab eine widerliche Nähe zu den Militärdiktaturen Bischof Hengsbachs, die meines Wissens von ADVENIAT bis heute nicht öffentlich in Publikationen von dort aufgearbeitet wird bzw. aufgebarbeitet werden darf: Hengsbach empfing von dem damaligen bolivianischen Diktator Banzer eine hohe staatliche Auszeichnung. Dieser Adveniat-Chef Hengsbach sagte 1977: „Die so genannte Befreiungstheologie führt ins Nichts“ (siehe, „Konflikt um die Theologie der Befreiung“, Benziger, 1985, Seite 55). Wenn diese Befreiungs-Theologie und damit die Theologen ins Nichts führen, dann kann man sie doch auslöschen, wäre die ungesagte Konsequenz. Sozusagen als geistlicher Kampf gegen den Nihilismus. Ist das nicht die Konsequenz solcher Behauptungen?

8.

Vor allem wäre auf die enge Verquickung des Vatikans und der antikommunistischen Militär-Zentralen in den USA zu verweisen, auf die enge Freundschaft Johannes Paul II und Staatspräsident Reagans. Erwähnt werden muss hier das berühmte „Dokument von Santa Fé“ (USA), es enthält Empfehlungen an die Reagan-Administration, wie mit US-Waffen die lateinamerikanischen Militärs am besten die Befreiungstheologie bekämpfen und auslöschen können.

In seiner Studie „Johannes Paulus II., de onfeilbare“ (Johannes Paul II., der Unfehlbare) schreibt der belgische Vatikanspezialist und Theologe André Truyman (sein Buch erschien 2003 in Leuven): „Am wichtigsten ist, dass der konservative Katholik Wojtyla und der konservative Protestant Reagan einander fanden in ihrem Hass gegen den verwerflichen atheistischen Kommunismus. Das war für beide in den Worten Reagans das „das teuflische Reich“ ( S. 129). Demgegenüber schrieb noch Erzbischof Romero an den damaligen us amerikanischen Präsidenten Carter, „er solle doch damit aufhören, weiterhin Waffen und militärische Berater nach El Salvador zu senden“.

In dem Buch „El Salvador-Massaker im Namen der Freiheit“ (Rowohlt Verlag, 1982, hg. u.a. von Helmut Frenz) wird von Eliteeinheiten des el salvadorianischen Militärs berichtet, die die blutrünstigen Massaker an den Armen verursachen. „Solche Massaker sind nicht zufällig, sondern das konsequente Ergebnis der Anti-Guerilla-Ausbildung in den USA, dort werden zur Zeit (also 1981) 1.500 salvadorianische Soldaten ausgebildet… Präsident Reagan hat erklärt, er werde einen Sieg der Befreiungsbewegung in El Salvador niemals zulassen. Wenn er dieses Versprechen erfüllen will, muss er zum Mittel des Völkermordes greifen“ (S. 32).

9.

Die Seligsprechung bzw. dann auch die Heiligesprechung von Erzbischof Oscar Romero ist also überhaupt kein Endpunkt, kein feierliches Halleluja, dem dann ein begeisterter Heiligen-Kult folgen kann! Die Seligsprechung bzw. Heiligsprechung ist vielmehr der Beginn einer umfassenden historisch-kritischen Aufarbeitung der jüngsten Kirchen- und Papstgeschichte, unter Einbezug aller Verblendungen, die im Vatikan als Dogma ausgegeben wurden. Ob diese Arbeit wohl geleistet wird? Gibt es dazu den Willen und den Mut?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die neuen geistlichen Gemeinschaften in der katholischen Kirche. Und ihre psychisch kranken Gründer.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum Pfingstfest 2020

Es nimmt kein Ende: Der sexuelle Missbrauch vielfältigster Art begangen und verheimlicht von den Gründern der so viel gerühmten neuen charismatischen Gemeinschaften in Frankreich ist grenzenlos. Der Ruf dieser angeblich vom heiligen Geist gesteuerten Gemeinschaften ist dahin. Hoffentlich. Aber die vielen enttäuschten verbliebenen Getreuen glauben immer noch, wie üblich, an „Einzelfälle“. Die katholische Wochenzeitung LA VIE (Paris) nennt Mitte Mai 2020 wieder nur einige prominente Namen prominenter charismatischer Gemeinschaften.
Ich zitiere wörtlich: „Thierry de Roucy (Gemeinschaft „Points-Cœur“), Ephraïm et Philippe Madre (Gemeinschaft „Béatitudes“), Thomas et Marie-Dominique Philippe (Gemeinschaft „Frères de Saint Jean“), et leurs « enfants spirituels », Jean Vanier (internationale Behinderten-Gemeinschaft „Arche“)… et maintenant Georges Finet (Gemeinschaft „Foyers de Charité“)“. Vergessen wurde Père Pierre-Marie, Gründer und Chef von „Saint Gervais“ in Paris mit seiner seiner „Mönchs (Nonnen) Gemeinschaft „Jerusalem“ usw. usw. Diese Gemeinschaften sind auch im deutschsprachigen Raum vertreten!

1.
Warum sollte sich eine breitere, kulturell und religiös interessierte Öffentlichkeit ausgerechnet für „neue geistliche Gemeinschaften“ in der römisch-katholischen Kirche interessieren? Weil diese so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“ im Unterschied zu den klassischen Orden (Benediktiner, Franziskaner, Jesuiten etc.) auch heute noch viele junge Leute als Mitglieder haben, also den real existierenden Katholizismus stärken. Weil sie auch oft als Ordensgemeinschaften organisiert sind, immer aber, um einen progressiven Anschein zu erwecken, auch Laien in ihrer klerikal bestimmten Gemeinschaft haben, wie das Opus Dei, die Legionäre Christi, die Neokatechumenalen usw.
Und diese streng reglementierten Organisationen sind nicht nur wegen ihrer beträchtlichen Anzahl weltweit der ganze große Stolz der Führer dieser Kirche. Sie gelten auch als die Hoffnung überhaupt für die Kirchenführer, Papst, Bischöfe etc. Denn diese wissen unausgesprochen: Mit dem Katholizismus in bisheriger Gestalt geht es eigentlich zu Ende. Die alte klerikale Struktur des Katholizismus sollen die sich „neu“ nennenden geistlichen Gemeinschaften retten. Denn sie zeigen in ihren Aktivitäten, die theologisch überhaupt nicht neu sind, weil sie de facto aber das alte klerikale System fortschreiben: Dass diese alte und eigentlich starre Kirche noch lebt im Sinne des puren offiziellen Vorhandenseins. Die Bischöfe sind stolz, dass diese „treuen“ Katholiken sich noch für dieses ihrige System der dogmatischen Kirche vorbehaltlos engagieren.

2.
Und diese „neuen geistlichen Gemeinschaften“ der katholischen Kirche sind eigentlich ein großes Problem, manche sagen wertend eine Schande.
Ich nenne nur einige wenige Beispiele:
Die Johannes – Brüder, eine international verbreitete Priestergemeinschaft, auch in Deutschland und Österreich tätig, kam angesichts des Verhaltens ihres Gründers, des Dominikanerpaters Marie Dominique Philippe, in solche Turbulenzen, dass sie eine Art „Neugründung“ ihrer Gemeinschaft forderte. Pater Philippe hatte u.a seinen Bruder, ebenfalls einen Dominikanermönch, also Pater Thomas Philippe, hinsichtlich dessen sexuellen Missbrauchs Jahre gedeckt, wenn nicht unterstützt.
Pater Thomas Philippe OP war als Täter des sexuellen Missbrauchs auch dem Gründer der berühmten ARCHE – Gemeinschaften, JeanVanier, als solcher gut bekannt. Der so heilig wirkende, milde und sanfte und hoch verehrte Buch-Autor Jean Vanier aber schwieg zum Missbrauch seines Freundes Pater Philippe, weil er selbst, Vanier, seinen eigenen Missbrauch pflegte, diesmal, zur Abwechslung möchte man fast sagen, mit etlichen Damen aus seiner berühmten katholischen Gemeinschaft für geistig Behinderte und dabei allerhand sexuelle Abhängigkeiten praktizierte, die wiederum sein Freund Pater Thomas Philippe deckte. Die französische Presse hat darüber ausführlich berichtet!

Die charismatische Gemeinschaft „Pain de Vie“, Brot des Lebens, auch in Deutschland, auch in Berlin vertreten, wurde schon 2015 wegen allerhand korrupter Vorkommnisse es Gründerehepaares von den französischen Bischöfen aufgelöst.

In dem international verbreiteten charismatisch –reaktionären Orden aus Argentinien, von Papst Benedikt XVI. stark gefördert, mit dem Namen „Institut des fleischgewordenen Wortes“ /Abkürzung: IVG/, auch im Bistum Berlin tätig, sind seit 2020 viele „Fälle“ von sexuellem Missbrauch bekannt geworden. Auch durch den Gründer Carlos Miguel Buela.

Diese Liste ließe sich fortsetzen. Die neuen geistlichen Gemeinschaften sind, wenn man nur mal ehrlich wäre, eine Katastrophe für den freien Glauben der Katholiken. Man denke auch an die theologisch äußerst begrenzte Gemeinschaft Neokatechumenat und deren spirituelle und finanzielle Herrschaft über die Mitglieder….

3.
Diese offiziell so viel geliebten, und klerikal hofierten neuen geistlichen Gemeinschaften geraten also in die wirksame kirchenunabhängige Kritik. Die Erkenntnis der wenigen Journalisten, die ihre Recherche noch diesen einflussreichen Gemeinschaften widmen, betonen: Diese Gemeinschaften sind eigentlich, wertend, theologisch betrachtet, eine öffentliche Schande: Denn etliche ihrer Gründer, schon zu Lebzeiten von Päpsten wie Heilige verehrte Gestalten, sind des sexuellen Missbrauchs, des geistlichen Missbrauchs, der Übergriffigkeit in jeder Hinsicht, der finanziellen Manipulation, der moralischen Verworfenheit überführt: Man denke an den Gründer des Ordens Legionäre Christi, Pater Maciel: Er hatte sich mehrere Liebhaberinnen „zugelegt“, er missbrauchte seine Novizen und Seminaristen wie auch die eigenen unehelichen Kinder, übernahm gern Millionenbeträge der steinreichen Gattinnen usw.

4.
Das heißt: Die neuen „Helden“ des Katholizismus aus diesen neuen geistlichen Gemeinschaften sind eigentlich sehr traurige, sehr abstoßende Gestalten, wenn nicht Verbrecher, wie der Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel. Dieser von einem Verbrecher begründete Orden besteht übrigens nach wie vor… sicher auch, weil er viel Geld und viele Beziehungen in der Hierarchie hat…

5.
Der religionsphilosophische Salon Berlin musste sich förmlich notgedrungen im Rahmen der philosophisch und theologisch immer notwendigen AKTUELLEN Kritik der Religionen befassen, also auch der Kirchen, also auch der römisch katholischen Kirche.
Bekannt und weit verbreitet sind ja die gründlichen Hinweise des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ zum Orden der Legionäre Christi, zu den Neokatechumenalen oder zu diversen reaktionären neuen Ordensgemeinschaften.

6.
Aus aktuellem Anlass: Auf eine andere neue geistliche Gemeinschaft, international verbreitet, aber vorwiegend in Lateinamerika tätig, muss nun hingewiesen werden: „Sodalicium“ („Kameradschaft) ist der Name.
Denn da ist nun einmal Sensationelles passiert: Der peruanische Kardinal Pedro Barreto Jimeno fordert jetzt, dass die in Peru und in vielen lateinamerikanischen Ländern sehr starke Gemeinschaft SODALICIUM aufgelöst, aufgehoben und damit verboten wird. Diese 1971 in Peru gegründete Priester – und Laiengemeinschaft ist nicht nur theologisch reaktionär, etwa in der Verachtung der Glaubenswelten der indigenen Völker in Peru auch kulturell gefährlich. Der Gründer dieser Gemeinschaft, der Laie Luis Figari, wurde der häufigen sexuellen und spirituellen und körperlichen Gewalt gegen seine eigenen Mitglieder überführt. Figari leitete lange Jahre diese Gemeinschaft, 2015 wurde er sogar von seinem eigenen Nachfolger als untragbar empfunden. Und – wie üblich – wurde ihm angesichts der Verbrechen an Kindern in Zukunft ein Leben des Gebets nahe gelegt. Wie üblich damals in der Kirche, wurde der Täter nicht den Justiz-Behörden übergeben. Das wurde später selbst dem Vatikan zu viel, er setzte einen vom Papst bestimmten Leiter dieses Clubs ein. 2017 hat sogar die peruanische Justiz eine Untersuchung eingeleitet „wegen sexuellen, physischen und psychischen Missbrauchs“.

7.
Kardinal Barreto SJ (Huancayo, Peru) spricht Klartext: „Der Gründer des Sodaliciums ist ein perverse Person und eine solche Person kann nicht die Heiligkeit des Lebens vermitteln“, bekanntlich ein zentrales Ziel der Kirche. Darum fordert Kardinal Barreto: Dieses Sodalicium, diese Ordens – und Laiengemeinschaft soll aufgelöst werden. Und Barreto betont: Darin ist er sich mit Papst Franziskus einig. Mit dem neuen Erzbischof von Lima, Carlos Castillo Mattasoglio, habe der Papst dieses Thema im Vatikan besprochen.
Man muss wissen: Dieser katholisch reaktionöre „Club“ Sodalicium hatte lange Jahre bezeichnenderweise die Unterstützung des expliziten Opus – Dei Kardinals von Lima, Cipriani, gehabt, der als reaktionärer Kirchenfürst einer der heftigsten und förmlich unerträglichen Feinde der Befreiungstheologie und der Basisgemeinden war. Man darf sagen: Auch seinetwegen ist der Gründer der Befreiungstheologie, der peruanische Welt-Priester Gustavo Gutierrez, in den Dominikaner Orden eingetreten, um sich dadurch vor den Attacken Ciprianis zu schützen. Dieser Cipriani wurde, wie zu erwarten, vom polnischen Papst und Opus Dei Freund, Johannes Paul II. zum Erzbischof von Lima ernannt. Ciprinai durfte trotz heftigster Kritik an seiner Theologie bis zur altersbedingten Pensionierung in Perus Kirche herrschen.

8.
Wird nun wird also in Peru „aufgeräumt“? Wird die einflussreiche Organisation Sodalicium aufgelöst? Das wäre ein Wunder!
Denn die Macht dieser Gemeinschaft ist groß. Kann sie sich doch rühmen, dass kein geringerer als der damalige Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Bergoglio, heute Papst Franziskus, sie im Jahr 2004 in Argentinien zugelassen habe. Warum wohl? Weil diese Gemeinschaft noch junge Priester hat! Und nichts ist wertvoller im klerikal verfassten Katholizismus: Als Priester zur Verfügung stellen zu können. Die Qualität dieser geistlichen Herren ist dann erst mal egal. Siehe: https://sodalitium.org/the-sodalitium-in-argentina/

9.
Wer noch weitere Informationen wünscht über das Sodalicium und seinen perversen Ordensgründer, der kann hier noch Hinweise finden. Schon im Jahr 2015 hat Pedro Salinas, ein ehemaliges Mitglied der Gemeinschaft Sodalicium sein Buch veröffentlicht: „Mitad Monjes, Mitad Soldados“ (Halb Mönche, halb Soldaten). Darin spricht er als Insider ausführlich von der unmenschlichen Herrschaft im Orden, er berichtet vom sexuellen Missbrauch durch den Gründer Luis Fernando Figari usw. Salinas, Pedro, 2015. „Mitad Monjes, Mitad Soldados“, 324 Seiten. ISBN 978-612-319-028-6.

10.
Der Sozialwissenschaftler und Theologe in Mainz, Veit Strassner, hat in der Herder Korrespondenz http://www.con-spiration.de/texte/2007/strassner.html 2007 u.a. geschrieben: „Das Sodalitium hatte 1971 der peruanische Laientheologe Luis Fernando Figari als Reaktion auf die entstehende Befreiungstheologie gegründet; es wurde 1997 von Johannes Paul II. als Gesellschaft Apostolischen Lebens für Laien und Priester approbiert. Es wird oft als peruanische Parallele zum Opus Dei gesehen und spricht vor allem Katholiken der Mittel- und Oberschicht an. Das mittlerweile in neun Ländern vertretene Sodalitium ist in Peru besonders stark. Es unterhält die kirchliche Nachrichtenagentur ACI Prensa, durch die es versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen; es trägt so zur weiteren Polarisierung bei. So versäumt es ACI Prensa beispielsweise selten, von der „Teología Marxista de la Liberación“ zu sprechen, wenn von der Befreiungstheologie die Rede ist.“
Das Sodalicium hat gemeinsam mit dem Opus Dei die religiöse und kulturelle Arbeit im Süd-Anden-Raum zerstört, also den Versuch, die Religiosität und Menschenwürde der dort lebenden Indigenas zu respektieren und zu fördern. Veit Strassner schreibt: „Im Jahr 2006 nahm die Entwicklung eine dramatische Wende: In den Prälaturen Juli und Ayaviri wurden Bischöfe des Opus Dei beziehungsweise des Sodalitium eingesetzt. Beide sind davon überzeugt, dass sich die Kirche in dieser Region in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr um soziale Belange gekümmert und darüber die Evangelisierung vernachlässigt habe. Der Inkulturation kritisch gegenüberstehend, bezeichnen sie die indigene Bevölkerung der Südanden mit ihren ihr eigenen, traditionellen Frömmigkeitsformen als „heidnisch“, „götzendienerisch“ und „sündig“ und deshalb einer neuen, wahrhaftigen Evangelisierung bedürftig…

11.
Vor knapp einem Jahr hat die in Peru lebende Journalistin Hildegard Willer geschrieben: „Spätestens seit 2015 wusste jeder in Peru, was hinter der Fassade der einflussreichen katholischen Gruppierung vor sich ging: Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis zu Vergewaltigungen.
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten in jahrelangen Recherchen Zeugenaussagen ehemaliger Sodalicio – Mitglieder zusammengetragen und veröffentlicht.
Als die beiden Journalisten deshalb vor einem Jahr im Fernsehen sahen, wie der Erzbischof von Piura, Mitglied des Sodalicio der ersten Stunde, neben einem lächelnden Papst Franziskus posierte, als ob nichts geschehen sei, griffen sie zu ihren „Waffen“: Paola Ugaz zur Kurznachricht Twitter und Pedro Salinas zum Meinungsartikel. Dort verglich Salinas Bischof Eguren mit dem wegen seiner Nähe zum Kinderschänder Pater Karadima umstrittenen chilenischen Bischof Juan Barros, der im Juni 2018 schließlich zurücktrat.
Neben der Vertuschung der Straftaten des Sodalicio steht Eguren auch im Verdacht, am Handel mit Ländereien in Piura beteiligt zu sein. Dementsprechende Anschuldigungen waren in zwei voneinander unabhängigen Publikationen gemacht worden“. (Zit. von der bewährten und gründlichen Informationsstelle PERU in Freiburg im Breisgau: http://www.infostelle-peru.de/web/missbrauchs-aufklaerer-wegen-verleumdung-verurteilt/. Hildegard Willer scheibt weiter: Bischof Reinhold Nann von Caraveli, Peru, betont: „Ich weiß nicht, warum der Vatikan so lange braucht, um das Sodalicio aufzulösen“. Bisher läuft ein parlamentarisches Untersuchungsverfahren, sowie ein Strafverfahren gegen das Sodalicio in Peru“.

Zum Rücktritt des Soldalicio – Bischofs von Piura, Peru, im April 2024:     LINK

12.
Über Luis Figari informiert das spanische WIKIPEDIA kritisch, das us- amerikanische WIKIPEDIA ausführlich. Google bietet zu Luis Figari 2,6 Millionen Einträge.

13.
Eine zusammenfassende Würdigung: Etliche dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften im Katholizismus wurden von seelisch Kranken, Exzentrikern, Egomanen, Geldgierigsten etc. gegründet. Sie haben ihre ahnungslosen naiv-gläubigen Mitglieder an diese Mentalität gewöhnt und an ihre Organisation gebunden.

Eine lebendige Kirche, also eine, die den Menschen dient und alle Starrheit überwindet, kann von diesen Kreisen mit ihren kranken Gründern nicht aufgebaut werden.
Manche kritischen Beobachter sagen: „Diese arroganten, aber theologisch meist ungebildeten Leute in diesen neuen geistlichen Gemeinschaften vertreiben durch ihre Aktvitäten noch die letzten progressiven Katholiken. Aber vielleicht ist das so gewollt für eine Kirche auf dem Weg zu einer Sekte“. Das ist wohl so. Man sehe sich nur die Entwicklung Kirchenstatistiken der letzten Jahrzehnte in Europa und Lateinamerika an.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ernesto Cardenal gestorben: Der Poet, Mönch, Priester, Politiker ist am 1.3. 2020 in Managua, Nicaragua, gestorben.

Hinweise von Christian Modehn

In die sich auch in Deutschland bildende Trauergemeinde reiht sich auch der „Haupt-Geschäftsführer“ des katholischen Hilfswerkes für Lateinamerika „ADVENIAT“ (Essen) ein.
Pater Michael Heinz svd schreibt in einer knappen offiziellen Erklärung: „Mit dem Tod von Ernesto Cardenal verlieren wir einen bedeutenden Fürsprecher und Anwalt der Armen. Mit ihm ist eine einflussreiche Stimme für Frieden und Gerechtigkeit in Lateinamerika verstummt.“ „Völlig verstummt“ ist Cardenal, wie alle großen Poeten, sicher nicht; seine Werke, seine Bücher, stehen nach wie vor zur Lektüre auch auf Deutsch bereit.
Bedenklicher, wenn nicht gar zynisch, ist die Formulierung von Pater Heinz: „…verlieren wir“… Wer ist dieses „Wir“: Offenbar auch das katholische Hilfswerk Adveniat? Es ist wohl so, dass die heutigen Verantwortlichen von „Adveniat“ jetzt Ernesto Cardenal als einen der „ihren“ betrachten.
Aber bei so viel Vereinnahmung des Dichters, Priesters, Kulturministers und Befreiungstheologen durch „Adveniat“ heute wäre es dringend geboten gewesen: Zu erinnern, wie dieses Hilfswerk für Lateinamerika früher den Aufstand, die Revolution in Nikaragua gegen den Diktator Somoza bewertet hat. Vor allem, wie Adveniat“ dann mit seinem tatsächlich hoch umstrittenen „Studienkreis Kirche und Befreiung“ unter der Leitung des Adveniat-Chefs damals, Bischof Franz Hengsbach, Befreiungstheologen wie Ernsto Cardenal pauschal und dumm als „Kommunisten“ schlecht zu machen versuchte und mit allen Mitteln der Medien (auch dann mit Hilfe der Reagan-Regierung) verteufelte. Das ist alles bekannt und wissenschaftlich nachgewiesen und dokumentiert worden!

Man lese etwa in der Zeitschrift der Jesuiten „ORIENTIERUNG“ (Zürich) von Ende Dezember 1977 nach, LINK, wie es heftige, aber wirkungslose Proteste vonseiten prominenter Theologen in Deutschland gegen diese Verbindung von „Adveniat“ mit den reaktionären katholischen Kräften in Lateinamerika gab. Bischof Hengsbach, Adveniat-Chef, ließ es bekanntlich auch nicht nehmen, vom bolivianischen Diktator Banzer eine hohe Ehrung entgegen zu nehmen usw…

Es hätte anlässlich des Todes von Ernsto Cardenal den „Geschäftsführern“ und „Hauptgeschäftsführern“ von Adveniat gut getan, sich für diese mit viel Spenden-Geldern betriebene Campagne gegen die Befreiungstheologen – auch gegen Ernesto Cardenal – zu entschuldigen. Dass dem Priester Ernesto Cardenal 1985 die Ausübung des priesterlichen Amtes verboten wurde in einer gemeinsamen Aktion von Papst Johannes Paul II. mit dem erklärten Gegner der Befreiungstheologen Kardinal Joseph Ratzinger (Chef der Glaubenskongregation) ist bekannt. Priester, die in Polen das kommunistische Regime kritisierten, wurden auch finanziell kirchlich sehr deutlich unterstützt. Priester, die das Elend des armen Volkes in Nicaragua endlich beseitigen halfen, wie Ernsto Crdenal, wurden vom Vatikan bestraft, lächerlich gemacht und verunglimpft, isoliert.

Heute ist es allen katholischen Führern in Nicaragua peinlich, dass ausgerechnet der damals größte Feind Cardenals, Erzbischof Obando von Managua, den heutigen Diktator Daniel Ortega ins Präsidentenamt gehieft hat. Warum? Weil Daniel Ortega dem Kardinal im Falle seiner Wahl versprach, ein totales Verbot der Abtreibung in Nicaragua zu betreiben. Das tat dann Ortega auch als Präsident sofort. Nebenbei: Bekanntlich ist der absolute Schutz des ungeborenen Lebens vielen katholischen Führern bis heute absolut wichtiger als der Schutz des geborenen Lebens.

Dass sich Cardenal von dem einstigen revolutionären Führer und heutigen Diktator Ortega deutlich distanzierte, hat sich allgemein herumgesprochen.
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal, sind viele Werke Cardenals noch zu „haben“. Dass Cardenal eng mit dem Mystiker Thomas MERTON verbunden war, kann hier nur erwähnt werden. LINK.
Kurzum: Etwaa mehr Selbstkritik hätte den Geschäftsführern von Adveniat jetzt gut getan, haben sie Angst vor Spenden-Einbußen?

Ein Lektüre-Tipp in dem Zusammenhang: „Wer tötete Erzbischof Romero? Klicken Sie hier.

PS.: Ich habe am 23. 11. 1975, S. 373, einen etwas längeren Beitrag über Ernesto Cardenal „Mönch – Dichter – Revolutionär“ in der katholischen Wochenzeitung des Herder Verlages „Christ in der Gegenwart“ veröffentlichen „können“, muss ich sagen, dank der eher „liberalen“ Haltung des Chefredakteurs Manfred Plate.
Und dann noch am 25.2.1979 einen zweiten Beitrag „Den Stacheldraht zerschneiden“, ebenfalls in „Christ in der Gegenwart“, S. 65 f. Freiburg i.Br.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es ist vorbei – Die katholische Kirche in Europa

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Ein Vortrag, anlässlich des definitiven Nein von Papst Franziskus zur Aufhebung des Zölibates und des erneuten Nein zur Zulassung von Frauen zum Priesteramt im Februar 2020).

Das Motto für diesen Beitrag, treffend im Hegel-Gedenken 2020: „Denkende Menschen als Laien zu behandeln, ist das Härteste“ (bezogen auf die katholische Kirche) In: „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ III, Frankfurt 1971, S. 297).

Ich wurde nach der Publikation dieses Beitrags gefragt: Welche Quellen, welche Studien, denn besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang.
Ich möchte auf den bekannten französischen Historiker, Soziologen und Philosophen Marcel Gauchet hinweisen, besonders auf dessen viel beachtetes, grundlegendes Buch „Le Désenchantement du monde“ (1985).Darin zeigt er: Es gibt eine Art „Sortie de la religion“, einen massenhaften Auszug aus der institutionellen Religion, besonders der Kirchen. Die religiösen Strukturen, Organisationen, finden keine Akzeptanz mehr (zumindest in Europa), hingegen wird der persönliche, der eigene religiöse Glaube bewahrt und gepflegt!
„Es gibt überhaupt keinen Gegensatz zwischen dem „Verlassen der religiösen Strukturen“ (sortie de la religion), und dem Fortbestehen der persönlichen religiösen Gläubigkeit“ (in: Philosophie Magazine, Paris, September 2009, Seite 54).

Mein Vortrag:

Die zentrale Erkenntnis: Eine religiöse Epoche geht zu Ende durch das sehr vielfältige, sehr zahlreiche innere wie äußere Abstandnehmen etwa vom Katholizismus. Diese Erkenntnis wird auch von Marcel Gauchet unterstützt und ausführlich dargestellt. Dieses Ende einer religiösen Epoche ist noch nicht „angekommen“ bei den meisten Theologen, geschweige denn bei den Herren der Kirchenleitungen, etwa in Deutschland oder Rom. Dies zu sagen bedeutet: Eine Tatsache sagen. Und das hat mit Polemik absolut NICHTS zu tun.

1.
Eine Epoche geht jetzt zu Ende. Das spüren viele, das wissen einige: Religionssoziologen, Theologen Philosophen: Ein Umbruch, ein Epochenwandel, geschieht: Die Zeit der über Jahrhunderte dauernden, weithin machtvollen Präsenz der katholischen Kirche in den allermeisten Ländern Europas (und Nordamerikas und sogar Lateinamerikas) ist vorbei. Auf „Wunder“ eines „Rückschritts zu alten Zeiten“ sollte man auch in dem Zusammenhang eher nicht setzen… Der Katholizismus ist in den genannten Regionen vielleicht institutionell und finanziell noch stark, wie ein Gerüst noch vorhanden. Aber der Katholizismus, so wie er sich heute offiziell darstellt, bewegt nicht mehr das Leben der Menschen. Die Vitalität und Kreativität ist dahin. Das ist eine auch soziologisch bewiesene Aussage. Denn nur noch explizit konservative bzw. reaktionäre Kreise stützen mit aller Polemik das alte katholische System, das entscheidend vom Klerus beherrscht wird. Nur autoritätshörige Menschen fühlen sich in einem autoritären System wohl.
Es gibt sie noch, die katholischen Gruppen und Organisationen, die, selbst autoritär strukturiert, gerade das Autoritäre, das Erstarrte, das Unwandelbare des klerikalen Katholizismus lieben und es mit allen (auch finanziellen) Mitteln verteidigen. Sie haben oft im Zusammenhang mit rechten/rechtsextremen Politikern die Netzwerke bis in den Vatikan ausgebaut. Sie verteufeln auf unverschämte Weise die letzten noch progressiven, d.h. auf lebendigen Wandel setzenden Katholiken, wie den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Er wird von dem reaktionären Organ kath.net als Wolf im Schafspelz dargestellt. Das ist sozusagen katholisch-reaktionäres AFD Niveau….Aber: Abgesehen von diesem einen Beispiel: Auf sie, als die „Treuen“, hören die Päpstes, die höchsten Kardinäle, die Bischöfe etc. Diese Kreise sind die leidenschaftlichen Apologeten des „ewigen Gestern“: Opus Dei, neokatechumenale Gemeinschaften, katholische Charismatiker, Legionäre Christi, Freunde Fatimas, Freunde Pater Pios, die betuchten Kreise um Fürstin Thurn und Taxis in Regensburg etc. Sie vertreiben auf ihre Art die wenigen Katholiken, die noch -naiv – an eine demokratisch strukturierte Kirche glaub(t)en.
Diese Apologeten des Autoritären sorgen also dafür, dass es mit der katholischen Kirche in Europa zu Ende geht. Selbst wenn diese Apologeten noch kleinere Massenveranstaltungen organisieren, weiß jeder Beobachter: Es sind nur noch die engen Kreise der „Treuen“, die sich da versammeln. Sie sorgen dafür, dass die klerikal-katholische Kirche auf den Stand einer Sekte geführt wurde und wird: In sich abgeschlossen und fern vom modernen Geist. Ohne kulturelle Relevanz. Das Schlimme für diese Kreise ist nur: Ihre heiligmäßigen Stars, wie der „Vorbild Katholik“ Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, wird als sexueller Mißbrauchstäter post mortem entdeckt und als Beschützer eines „pädophilen“ Täters aus dem Dominikaner-Orden. Zuvor wurde der Gründer der „berühmten“ Mönchsgemeinschaften „Jerusalem“ in Paris, Père Pierre-Marie, ebenfalls wegen heftiger „Übergriffigkeiten“ belastet, abgesehen von den Mißbrauchsfällen in charismatischen Gemeinschaften wie den weltweit verbreiteten „Johannes-Brüdern“ und so weiter. Von den Finanzskandalen im Vatikan und anderswo soll hier gar nicht erst die Rede sein. Genauso wenig von der Verlogenheit höchster Vatikan-Mitarbeiter, etwa Kardinäle, die selbst homosoexuell, aber allen noch katholischen Homosexuellen mit ihrer verlogen-rigiden Moral das Leben schwermachen, die international verbreitete soziologische Studie zu dem Thema, Titel des Buches „Sodom,“ von Frédéric Martel, ist ja bekannt.
Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche ist also bei Lichte und klarem Verstande besehen dahin. Was kann für eine Glaubens-Gemeinschaft aber dramatischer sein als der Verlust der Glaub-Würdigkeit?
Die folgenden Hinweise sind nicht Ausdruck von Polemik. Sie beschreiben „nur“ das Ende einer „katholischen Welt“ in Europa und in Amerika.

2.
Erinnerung an einige Fakten: Es gibt immer weniger das alles entscheidende „Personal“, also den zölibatären Klerus, der im Sinne der dogmatischen Lehre der Kirche für die Leitung der Gemeinden Verantwortung übernehmen will. Der zölibatäre Klerus verschwindet, stirbt aus. Damit zusammenhängend: Der Niedergang der Gemeinden. Es gibt keine „Seelsorge“ mehr, falls sie jemals von Klerikern qualifiziert, therapeutisch, geleistet wurde…Die Priester sind „Messe-Leser“ geworden. Sie hetzen von einer Kirche zu anderen, um Messen zu lesen. Zu Luthers Zeiten sprach man von „Leut-Priestern“…Auch die Orden verschwinden. Das ist evident. Deren Klöster sind sehr oft Altersheime für greise Mönche und Nonnen. Und leerstehende Klöster werden verkauft, oft gewinnbringend in Luxus-Hotels umgebaut, wie in Rom, Prag, Gent und vielen anderen anderen Städten. Die sterbenden Mönche und Nonnen werden so noch einmal steinreich. Das sind evidente Tatsachen.

3.
Eine Epoche geht zu Ende: Das kann eine Form von Melancholie wecken, sozusagen als „Verlust der Kindheit“. Entscheidender ist wahrscheinlich das langsame Verschwinden kommunikativer Orte: Gemeinden hätten ja eigentlich Treffpunkte für spirituelle und nicht-spirituelle Menschen sein können. Die Gesellschaft wird ärmer an kommunikativen Möglichkeiten.

4.
Das Ende der Epoche ist vor allem von der Kirchenführung selbst verursacht worden. Es ist also keineswegs der viel beschworene Ungeist der Moderne, der die Kirche „bedroht“. Es ist die Unfähigkeit der Klerus-Kirche selbst in ihrer rigiden Bindung an die Dogmen und Gesetze, die die Kirche insgesamt ins Abseits geführt hat.

5.
Es wird viel zu wenig beachtet, vor allem in den noch verbliebenen, minoritären „Reform-Gruppen“ zugunsten eines „modernen Katholizismus“: Der Niedergang des Katholizismus ist bedingt nicht zuerst durch die klerikale Abwehr von Struktur – Reformen! Sondern durch die Sturheit des Klerus, auch tief greifende Änderungen bzw. Abschiede von irgendwann einmal fixierten Dogmen (und Traditionen) zu leisten. Die ganze Last der alten Formulierungen uralter Dogmen wird mitgeschleppt, sie bestimmt das Glaubensbekenntnis und die Sprache der Gottesdienste. Denn die Messen in „Landessprache“ verwenden ja nur unverständliche Übersetzungen aus dem lange Zeit für die meisten ebenso unverständlichen Latein. So entsteht die treffende Überzeugung, dass dem Katholizismus jegliche geistvolle Lebendigkeit, d.h. jegliche Kreativität und jeglicher Raum für Freiheit, auch des Experimentes, fehlt. Wenn man von „Synoden“ oder „synodalem Weg“ im offiziellen Katholizismus spricht, meint man ja nicht etwa demokratisch entscheidende Gremien, sondern tatsächlich nette Beratungszirkel, die die Letztentscheidung dem Klerus bzw. dem Papst in Rom überlassen muss. Der Begriff Synode in katholischen Zusammenhang ist also eine bewusste Irreführung und Täuschung, auf die einige gutwillige bzw. naive Laien immer noch reinfallen. Der in Deutschland begonnene, förmlich aus Verzweiflung geborene „synodale Weg“ ist eine solche letztlich wirkungslose Beschäftigungstherapie zum Frust-Abbau. Dabei wird er wieder nur neuer Frust erzeugen. Man denke an den rabiaten Umgang von Papst Franziskus mit den Voten der so genannten Amazonas Synode: Da war den meisten TeilnehmerInnen völlig klar: Wenigstens im Amazonas Raum sollte es sofort verheiratete Priester geben. Aber nein: Der angebliche Reformpapst Franziskus nimmt Rücksicht auf die Reaktionären im Vatikan und sagt: NEIN!

6.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Dafür ist vor allem verantwortlich die völlig unzeitgemäße Ablehnung von allen kirchlichen Ämtern für FRAUEN. Diese Ignoranz den Frauen gegenüber ist in der katholischen Kirche seit Bestehen dieser Organisation das größte Übel. Fünfzig Prozent der Menschheit sind ausgeschlossen von leitenden kirchlichen Ämtern. Wenn der Klerus auch heute noch behauptet: Jesus habe nur Männer als Apostel berufen, ist das eine Lüge, eine Ideologie, ein Fundamentalismus, ein Biblizismus, Thesen also, die keiner wissenschaftlichen historisch-kritischen Bibelwissenschaft standhalteb. Das weiß der Teil des gebildeten Klerus. Aber er verteidigt wider besseren Wissens seine Männer – Macht. Der Ausschluss von Frauen vom kirchlichen Priester – und Bischofsamt ist Ausdruck der Männerherrschaft, bzw. Greisenherrschaft, die kein gebildeter Mensch in Europa auch nur im entferntesten akzeptieren kann. Wie spirituell reich wäre die Kirche, wenn Frauen auch mitbestimmen könnten. Die offizielle Ideologie lässt sich auch nicht mit poetischen Formulierungen schön reden, Frauen seien doch so mütterlich, so zärtlich etc. in der Kirche und sie könnten doch auch sonst so viele nette Dinge in der Kirche FÜR den Klerus tun, „haus halten“, Blumen schmücken, kochen und beten.
Damit zusammenhängend: Diese Kirche hat die Lernbereitschaft von der Gender – Debatte versäumt. Und genauso hat die Kirche die umfassende Akzeptanz der homosexuellen Liebe und des homosexuellen Lebens verpasst. Auch in der Frage wird es keine definitive Meinungsänderung des ja mehrheitlich selbst homosexuellen Klerus geben. Diese Herren müssen nach außen hin immer brav heterosexuell erscheinen…Je homophober, desto schwuler ist der Typ selbst, heißt eine psychologische Erkenntnis.

7.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Beschleunigend hat der tausendfach belegte und dokumentierte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester gewirkt. Ein Ende der Freilegungen ist ja noch nicht in Sicht, man denke an Polen, Italien, Spanien, da melden sich eher zaghaft die Opfer, deren wahrhaftige Aussagen vom dortigen Klerus noch einmal bezweifelt werden.
Aber der sexuelle Missbrauch durch den Klerus hat viele Bistümern an den finanziellen Ruin geführt. Und in Deutschland haben laut repräsentativer Umfrage nur 17 % der Bevölkerung noch ein Vertrauen in die römisch-katholische Kirche. Also: Es ist vorbei…

8.
Die „religiöse Landschaft“ verändert sich. Wird Spiritualität, Frömmigkeit, Verbindung mit dem Göttlichen, wenn überhaupt nur in der privaten Sphäre gelebt? Das wäre ja prinzipiell kein Nachteil, weil dadurch wirklich jeder und jede seine eigene Spiritualität entfalten könnte. Andererseits: Der Austausch mit anderen, also eine Form der Gemeinde, bleibt wichtig. Es können sich interessierte Menschen zur „Feier von Brot und Wein“, also zur Eucharistie, außerhalb der Kirchengebäude treffen, privat oder in angemieteten Salons, Galerien, Cafés…Der Geist des Evangeliums, der Geist der Bergrpredigt, darf nicht ausgelöscht werden im Abschied von der Kirche als Organisation.

9.
Und warum sollte das Ende der Epoche des Katholizismus nicht auch eine Stunde der Ökumene sein? Vielleicht könnten sich Katholiken in protestantischen Gemeinden wohl fühlen und dort das Gemeindeleben mitprägen? Ich denke dabei nicht an die evangelikalen oder pfingstlerischen Kirchen, denn dann käme man von einem Dogmatismus in einen anderen. Das darf um der seelischen Gesundheit der Glaubenden nicht sein. Aber es gibt sie ja noch, die liberal-theologischen Gemeinden oder liberal-theologischen protestantischen Kirchen.

10.
Eine katholische Epoche geht zu Ende. Das könnte man und sollte man auch positiv wenden: Die Menschen, die Katholiken zumal, bekommen wieder ihre Köpfe frei für die wirklich dringendsten Fragen der Menschheit heute: Öko – und Klimakrise; Rassismus, Antisemitismus, Abwehr des Neofaschismus, Aufbau einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, Gerechtigkeit für die Ärmsten der Armen etc. Das sind ja die dringenden Frage, und nicht: Ob der Papst unfehlbar ist oder nicht. Diese Themen sind „vorbei“….Gegenüber den Herausforderungen unserer bedrohten Welt sind klerikal angerichtete Probleme eher doch nur „Kinkerlitzchen“. Die man solche behandeln sollte. Oder theologisch formuliert: Zuerst geht es um das Reich Gottes, als Symbol für eine gerechte und friedliche Welt humaner Menschen. Und dann, an 2. Stelle, geht es um Fragen der Kirche. Aber wie sagte der Theologe Alfred Loisy so treffend: „Jesus verkündete das Reich Gottes. Und gekommen ist die Kirche“. Fromm gesprochen: Geben wir wieder Jesus den Vorrang, dem Lehrer der Weisheit, dem Propheten und dem Lehrer einer von Gott gegebenen Vernunft.

11.
In Afrika und einigen Ländern Asiens wird der römische Katholizismus sicher nich als übliche Instutution überleben. Die dortigen Menschen wurden im 19. Jahrhundert von konservativen Missionaren „bekehrt“, sie halten an der alten Theologie und vor allem den Kirchengesetzen weithin fest, bestes Beispiel ist der reaktionäre Kardinal Sarah aus Guinea, ein Freund von Ex-Papst Benedikt XVI. So wird der Vatikan noch die Zentrale der Macht des Katholizismus bleiben, aber die vielen Millionen treu römisch-katholischen Mitglieder werden in Afrika und Asien und vielleicht noch in Lateinamerika leben. Für junge Männer und Frauen etwa in Indien oder auf den Philippinen ist die Klerus/Nonnen – Karriere immer auch noch interessant: Sie bedeutet ja auch sozialen Aufstieg. In einen katholischen Kloster in Indien oer auf den Philippinen oder in Indonesien verhungert man als Mitglied bekanntermapen nicht, hingegen auf den entlegenen Dörfern. Dieser Klerus, die Mönche und Nonnen dort geloben zwar offiziel die Armut, sie sind aber selber vergleichsweise reich..Das Klerus/Kloster – System wird alo außerhalb Europas überleben. Man denke daran, dass heute viele Ordensgemeinschaften die Hälfte ihrer – nicht greisen – Mitglieder bereits in Asien haben; etwa die in Deutschland entstandene Gesellschaft vom Göttlichen Wort (SVD). Insofern können die Herren der Kirche im Vatikan sich doch nach gewohnter Art ruhig zurücklehnen und sich sagen: Es bleibt alles beim alten, es geht weiter wie bisher. Europa wird dann eine „quantité négligeable“. Aber spätestens in 30 – 40 Jahren (wenn das ökonomische Wachstum anhält) werden sich für den Katholizismus in Asien oder Afrika die gleichen Probleme stellen, die heute in Europa das Ende der katholischen Epoche bewirkt haben.

12.
Es ist vorbei … mit dem römischen Klerus-Katholizismus:Dies ist als wissenschaftlich begründete Überzeugung auch ein Weg ins Offene. In eine andere Zukunft. Das sollte man nicht vergessen. Die schönen Messen von Mozart, Haydn und anderen, die Barockkirchen, die Welt religiöser (katholischer) Kunst, sicher auch einige schöne Gebäude von Klöstern usw. … alles das bleibt ja, befeit von kirchlichem Zugriff. Auch das kann insgesamt eine Befreiung sein … für die Suche nach der eigenen, nach „meiner“ Spiritualität. Für den einen können es Wallfahrten sein, für die andere kürzere Aufenthalte in christlichen oder buddhistischen Klöstern, für andere der soziale Einsatz für Benachteiligte, für andere die Teilnahme in einem Chor für religiöse Musik, für andere die Debatte über Mystik und so weiter. Diese Wahl neuer, je eigener Spiritualität ist alles andere als „Ersatz“ für die alte vorgeschriebene religiöse Praxis. Sie kann zur Freiheit führen, auch zur Freiheit eines je eigenen Verhälnisses zum Göttlichen.

PS: Die empirischen Belege aus religionssoziologischen bzw. theologischen Studien sind bekannt: Zum ständigen Rückgang der sich als katholisch bekennenden Bevölkerung, zum ständigen Rückgang der Teilnahme an der Sonntagsmesse oder der Beichte, zum ständigen Rückgang der Zahlen der Taufen, dem ständigen Rückgang der Priesterweihen, der ständigen Zunahme der Kirchenaustritte etwa in Deutschland oder Österreich, das hohe Durchschnittsalter des noch „aktiven“ Klerus wärezu bedenken; oder die ständige Aufgabe von Klöstern und so weiter.
Dass die Katholiken, die in Europa die römische Kirche verlassen und die übliche vorgeschriebene religiöse Praxis aufgeben, sagt ja keineswegs, dass sie militante „Atheisten“ sind. Über diese neuen Kreise der frei „schwebenden“ ausgetretenen Katholiken müssten eigene Thesen verfasst werden. Für sie und mit ihnen zusammen gibt es bisher noch keine eigenen spirituellen Orte. Ein religionsphilosophischer Salon ist ein solcher Ort!

Ich habe schon früher einige Fakten und Interpretationen zum Thema vorgestellt: Etwa zur katholischen Kirche in Frankreich, klicken Sie hier. Oder zum Zustand der Kirche angesichts eines überholten Weltbildes, bitte hier klicken.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das kalte Herz bestimmt die imperiale Lebensweise

Hinweise von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 14.2.2020 (kurz vor der Corona-Pandemie)

Zunächst einige Hinweise zum Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff :

1.
Das Märchen ist auf reale ökonomische und politische Verhältnisse bezogen, die Geschichte spielt im Nordschwarzwald zu einer bestimmten Zeit. Darin werden die Unzufriedenheit, der Neid, die Gier von Peter Munk geschildert. Er will aus seiner Köhlerexistenz herauskommen, mit allen Mitteln. Darum lässt er sich wie die wenigen Wohlhabenden, Erfolgreichen, in seiner Umgebung, ein kaltes Herz einpflanzen: Das Herz ohne Mitgefühl,letztlich ein mörderisches Herz. Das kalte Herz (aus Marmelstein) ermöglicht ihm für damalige Verhältnisse eine herrschende, „imperiale Lebensweise“, mit unermesslich vielem Geld, mit allen materiellen Möglichkeiten. Tatsache ist, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schwarzwald maßlos „abgeholzt“ wurde, viele Bewohner nach Amerika auswanderten, um einbesseres Lebe zu haben. Aber dieses kalte Herz bringt Peter Munk nur Isolation von seiner vertrauten Umgebung, Langeweile und Überdruss.
2.
Wichtig ist: Das kalte Herz in Peter Munk ist nicht total kalt, verdorben. Nach dem Mord an seiner Frau meldet sich sein Gewissen, es wird treffend „Stimme“ genannt. Er folgt der Stimme und kann sich mit Hilfe des „Glasmännleins“ aus seiner seelisch versteinerten befreien: Er zeigt „Reue“ für seine Untaten. Und lebt schließlich wieder glücklich in seiner alten vertrauten Welt: “Es ist doch besser zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben und ein kaltes Herz“ heißt die Lebens-Weisheit am Ende der Erzählung.
3.
Den Hinweis auf eine Verbindung des Märchens „Das kalte Herz“ mit der heutigen Lebensform in der reichen Welt (Imperiale Lebensweise genannt) verdanke ich dem Journalisten und Autor Ulrich Grober in seinem Buch „Der leise Atem der Zukunft“ (München 2018), dort das Kapitel „Das kalte Herz Syndrom“.
Damals wie heute herrscht als zentrale Lebensform die Gier, das unbändige Haben-Wollen, die Habsucht. Hier geht es um die Gier in der reichen Welt Europas und Amerikas.
4.
Mit dem Begriff „Imperiale Lebensweise“ ist die Art der Lebensgestaltung gemeint, von Philosophen, Soziologen, Psychologen und Politologen untersucht, die für die meisten Menschen in der reichen Welt, also Europa, USA, aber für die so genannten Eliten in den Ländern des Südens, üblich und schon selbstverständlich geworden ist. Dabei wird im Laufe dieser Hinweise deutlich: Die imperiale Lebensweise hat die Menschen, also auch uns, fest im Griff. Philosophie kann helfen, die jeweilige Gegenwart auf den Begriff zu bringen, die Gegenwart zu verstehen und damit die Existenz des einzelnen zu erhellen.
5.
Zunächst will ich nicht ein Märchen erzählen, sondern von einem Bekenntnis, das einer der besonders „Maßlosen und Gierigen“ öffentlich ausgesprochen hat: Die Rede ist von Thomas Middelhoff. „Maßlos und gierig“ nennt sich Middelhoff im Rückblick selbst, insofern ist er ein Verwandter von Peter Munk im „Kalten Herz“. Unter anderem veröffentlichte PUBLIK FORUM (21/2019, das Interview führte Gaby Herzog) einige selbstkritische Äußerungen des Ex-Millionärs. Thomas Middelhoff, geboren 1953, Chef von Bertelsmann und dann Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor. Obwohl Arcandor einen hohen Verlust von 746 Millionen Euro verzeichnet hatte, verlangte Middelhoff 2,2 Millionen Euro Bonus. Üblich wurde für ihn der Hubschrauber – Flug zwischen Dienststelle und Wohnung. Als der Konzern Insolvenz anmelden musste, wurden Hunderte der Angestellten entlassen. 2014 wurde Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Und vorzeitig entlassen! Seitdem ist er eher mittelständisch reich.
6.
Einige Zitate aus einem Interview:
„Damals habe ich das »Ich bin wichtig«-Prinzip gelebt. Ich habe für mich in Anspruch genommen, als erster Passagier an Bord eines Flugzeuges zu gehen und dort in der ersten Reihe zu sitzen, damit niemandem entgehen konnte, wie überaus wichtig ich war.
Später war sogar die Business-Class unter meiner Würde. Da bin ich nur noch im Privatjet unterwegs gewesen. Ich war in meinem Größenwahn kaum noch zu stoppen.
Ich war maßlos und gierig.
Anders als man mutmaßen mag, war meine Gier nach öffentlicher Anerkennung immer stärker als die monetäre Gier.
Für den Verkauf des US-Medienkonzerns AOL habe ich einen Bonus von hundert Millionen Euro kassiert – und das Geld an der Steuer vorbeigeschleust. Das war mein Anfang vom Ende. Diese unfassbare Summe hat meinen Verstand vernebelt. Ich habe in dieser Zeit den Bezug zum normalen Leben verloren… Als ich im Gefängnis war, habe ich mich so geschämt, dass ich mir nicht mehr in die Augen sehen konnte.
Den Narzissmus habe ich gebändigt, indem ich Demut gelernt habe. Das war in meiner Zeit im offenen Vollzug, wo ich in einer Behindertenwerkstatt in Bethel gearbeitet habe. Die Menschen dort klagen nicht, weder über ihre Behinderung noch über ihre Herausforderungen im Alltag. Jetzt bin ich der Meinung, dass ein paar Monate soziale Arbeit zur Ausbildung eines Managers gehören sollten.
Ich traure meiner hundert Fuß langen Yacht und dem 100.000 Quadratmeter Grundstück in St. Tropez nicht nach…Es wurde alles immer größer und absurder. Ich wohne jetzt in einer Dreizimmerwohnung in Hamburg. Das ist völlig ausreichend“ .
7.
Thomas Middelhoff ist zweifellos nur einer von vielen aus den international vernetzten Kreisen der „Top-Manager“ (man denke an die Bankenpleite an der Wallstreet etc.) , manchmal sind diese Herren erwiesenermaßen Verbrecher. Ein bisschen kalt würde ich als Meinungsäußerung das Herz von Herrn Middelhoff immer noch zu nennen wagen. Weil er die Entlassungen so vieler „einfacher“ Karstadt Mitarbeiter auch jetzt richtig findet und nur als „strategische Entscheidung“ einordnet, für die er sich dann doch „schämt“. Was ist da schon Scham? Wie wäre es mit Entschuldigung und Wiedergutmachung? Durch seine Bücher und Fernsehauftritte erzeugt Middelhoff jetzt doch wieder viel Aufmerksamkeit, und er steht endlich doch wieder im gierig begehrten Mittelpunkt…
Die heutige Lebensform des Westens, des reichen Nordens dieser Erde wird zurecht imperial bezeichnet. Der Begriff „Imperiale Lebensweise“ bezeichnet den maßlosen, überproportionalen Zugriff von uns Menschen des globalen, des reichen Nordens dieser Erde, also den Zugriff auf die Natur, die natürlichen Ressourcen und die Arbeitskraft. Reich durch Gier zu sein ist ein allgemeiner, unbefragter zentraler erstrebenswerter Wert bzw. Unwert. Die Gier ist dafür der Motor. Ohne Gier kein Kapitalismus.
8.
In der literarischen, philosophischen und religiösen gibt es den Kontrastbegriff: „Das gute Herz“, steht im Mittelpunkt einer humanen Ethik. Im „Herzen“ wird die Stimme des Gewissens vernehmbar, siehe Kant. „Nur mit dem Herzen sieht man gut“, heißt das berühmte Wort von Saint-Exupéry. Das gute Herz als Inbegriff des guten Menschen wurde vor allem im 19. Jahrhundert viel besprochen und in der Poesie gestaltet. In der katholischen Kirche wurde dann die Verehrung des Herzens Jesu in den Mittelpunkt der Frömmigkeit gestellt. Das gütige Herz Jesu als Inbegriff für gütigen Jesus Christus.

Dabei zeigte und zeigt sich die römische Kirche leider in ihrer Morallehre eher sehr selten gütig zu den Menschen und dem freien Denken freier Menschen. Der Katholizismus ist seit dem 4. Jahrhundert unverzichtbarer Teil des Imperiums und er wurde aufgrund der „Konstantinischen Schenkung“ selbst zum neuen Imperium. Der Katholizismus hat also das römische Imperium abgelöst, er wurde selbst imperiale Macht. Die Gewandung der Bischöfe ist eine treue Fortsetzung kaiserlichen Ornats, etwa mit Stäben, Zepter etc. Um 750 wurde diese Ideologie der Schenkung Kaiser Konstantins an die römische Kirche allgemeine Überzeugung. Sie wurde schon im 15. Jahrhundert von Nikolaus von Cues und dem Humanisten Lorenzo Valla als Fälschung evident nachgewiesen. Aber die Kirchenführung hielt an der gefälschten Schenkungsurkunde fest und verfolgte die Kritiker…

In der Literatur des 20. Jahrhunderts steht das Herz immer wieder Mittelpunkt, man denke an den wichtigen Roman „Das Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, 1902 veröffentlicht. Dieser Roman, er ist auch ein Dokument, ist die Beschreibung des Rassismus europäischer, belgischer Herrenmenschen, Könige, in Afrika .

9.
Die Frage ist: Können heute Menschen ihr kaltes Herz umtauschen zugunsten eines guten Herzens? Oder anders gefragt: Gibt es Veränderung, gibt es Bekehrung?
Die Idee und die Praxis der imperialen Lebensweise als Allein-Herrschaft über die Güter der Welt ist „wie eine Zwangsvorstellung in die Alltagspraxis der Menschen eingeschrieben“, betonen die Autoren des Lexikons „ABC der globalen Unordnung“, Seite 126.
10.
Für diese imperiale Lebensweise im Alltag einige Beispiele, jeder und jede wird da bei ausreichender Selbstkritik seine eigene Gier-Geschichte erzählen können.
Man kann ja schlicht bei dem „heiligen Lebensmittelpunkt“ der Menschen heute beginnen, dem Auto.
In der Studie „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen (Oekom Verlag, München) wird auf den vom Gier bestimmten Umgang mit dem AUTO hingewiesen.. Ich will nur daran erinnern, dass die zunehmende Auto-Produktion eben auch zunehmend mehr Rohstoffe braucht, etwa ganz wichtig: das Eisenerz. Da ist der Weltmarkt – Preis durch das Diktat der Imperien der reichen Welt gesunken, so dass etwa die Produktionsmenge in den Minen im brasilianischen Mariana gesteigert werden musste: Die Rückhaltebecken für die Abwasser der Bergbaumine wurden deswegen überlastet. Am 5. November 2015 brachen die Dämme der Becken und das toxische Gift verwüstete die ganze Umgebung, der Fluss Rio Doce wurde verseucht, bis hin zum Atlantik; viele Menschen starben, dies ist die schlimmste Umweltkatastrophe Brasiliens… Diese Katastrophe haben schnell die imperialen Menschen aus ihrem verdrängt. Sie reden lieber vom Fußball, von Bayreuth und Wagner oder dem Abgang eines mittelmäßigen Politikers hierzulande als von den von wirklichen Katastrophen der Menschheit. Sich darüber hilflos wenigstens aufzuregen ist normal.
Die Autoren des Buches „Imperiale Lebensweise“ schreiben: „Die Katastrophe im brasilianischen Mariana offenbart die schmutzige Kehrseite der glänzenden Karossen, die auch die Lebensbedingungen von Menschen in Brasilien zerstören und unsägliches Leid produzieren“ (S. 133).
11.
Weitere Beispiele für die imperiale Lebensweise der Menschen der reichen Welt, die Liste ist lang, jeder und jede kann sie ergänzen.
Wir können als Teilhaber der reichen Welt (in die wir ohne Verdienst zufällig geboren wurden) prinzipiell alle Produkte aller Länder, auch der armen Länder, kaufen, und zwar zu Konditionen, die nur wir diktieren: Kirschen aus Chile im Dezember; Mangos aus Burkina Faso, Fisch aus Afrika usw.
Wir „Imperialen“ (oder Imperialisten?) verfügen über so viele Lebensmittel, dass laut „SZ“ vom 28. Dezember 2019, (Seite 11): 1,7 Millionen Tonnen Brot und Backwaren jedes Jahr weggeschmissen werden, das ist etwa ein Drittel der Produktion. Zur gleichen Zeit das Paradox: Den hungernden Menschen etwa in Afrika gönnen wir „Imperialen“ gelegentlich einige bescheidene Spenden, etwa über „Brot für die Welt“. Das Motto vieler Hilfsorganisationen ist: „Mit einem Euro Spende können Sie einer ganzen Familie Reis pro Tag zur Ernährung ermöglichen“.
Wir, die imperialen Herren und Damen, der reichen Welt können reisen, wohin wir wollen. Ein Pass genügt und alle Grenzen stehen uns überall offen. Wir haben die neuen sozialen Medien (IPhones, Internet usw.) 100prozentig zur Verfügung. Ohne die Rohstoffe des Südens kommt unsere High-Tech-Industrie nicht aus. Die seltenen Erden werden im Süden, etwa in Afrika, unter entsetzlichen Arbeitsbedingungen, auch von Sklaven-Kindern, gewonnen. Zusammengebaut werden die Handys, Computer etc. dann wieder in Billiglohnländern. Der Gewinn bleibt freilich den Bewohner der imperialen Welt. Es gibt also, das sagen alle klugen Beobachter, einen digitalen Kolonialismus.
Auch die Kultur dieser „einen“ Welt wird vom Impererium aus bestimmt. Von „Hollywood“ war schon oft die Rede. Und das Wissen, weltweit erreichbar über wikipedia, ist ein Wissen, das vorwiegend von wikipedia Autoren des reichen Nordens verfasst wird: Von 70.000 weltweit aktiven Wikipedia AutorInnen stammen nicht einmal 1000 aus Afrika, insgesamt 14.000 leben mit der ihnen eigenen Perspektive in den Ländern des globalen Südens. Das Internet und das dort verbreitete, allen ständig zugängliche Wissen ist also noch nicht entkolonisiert.
Imperiale Lebensweise beginnt also im Alltag als Prämisse unseres Alltags, als unreflektierte Selbstverständlichkeit.
12.
Grundlegend ist dabei die Hierarchie: Wir sind die Herren, die anderen sind die Untergebenen, die Unterlegenen, die Diener.
Wir als die Herrenmenschen sind wirklich fast immer die Männer! Die Männer sind noch immer, weltweit betrachtet, fast die Alleinherrscher. Etwas pauschal gesagt: Die Frauen kümmern sich um das Leben, das Lebendige, die Männer (nur) ums Geld. Erst wenn die Herrenmenschen Feministen werden, kann sich die imperiale Lebensform verbessern.
13.
Es ist wichtig zu begreifen, dass die heutigen Soziologen die imperiale Lebensweise einen Zwang bzw. eine Zwangsvorstellung nennen, also eine Haltung, der sich kaum ein Mensch hier entziehen kann. Denn die Gier nach Geld wird letztlich um ihrer selbst willen betrieben. Geld als Form des schlichten Tausches in der Gesellschaft ist für die gierigen Banker und Milliardäre völlig uninteressant. Geld ist in sich selbst „Vermögen“, es ermöglicht nämlich angeblich totale Freiheit, siehe den Wahn des Managers Middelhoff. Deswegen geht es allein um die stetige Anhäufung von immer mehr Geld, koste es, sozial und ökologisch gesehen, was es wolle. Diese Haltung ist verbrecherisch. Sie wird leider von gewählten Männern, die sich Politiker nennen dürfen, gestützt, Trump, Bolsonaro usw.
14.
Es hat sich also ein imperiales Subjekt, ein imperialer Menschentyp, herausgebildet. Das anzuerkennen, fällt vielen schwer. Dieses imperiale Subjekt steht in dialektischer Verbundenheit mit den imperialen Strukturen, dem Imperialismus. Darum geht es jetzt:
15.
Imperium und Imperialismus sind uns seit langem bekannte Begriffe, die die objektive Seite der politisch-ökonomischen Verhältnisse beschreiben.
Wir werden jetzt in Deutschland mit Nachdruck endlich erinnert an die deutsche Kolonialherrschaft, betrieben vom Wilhelminischen Kaiserreich, man denke an die von Gier beherrschte Afrika Konferenz in Berlin 1884-1885. Man denke an die Verbrechen der Deutschen (in KZs für „Neger“!) in Deutsch-West-Afrika, heute Namibia. Dieser Massenmord wird jetzt endlich von der deutschen Regierung als Völkermord anerkannt. Aber bislang ohne spürbare Konsequenzen für die Leid tragenden Völker dort. Die Berliner und die evangelische Kirche kommen nicht auf den Gedanken, die zentrale Kirche West-Berlins von dem Namen des maßlosen Kolonialherren, Kaiser Wilhelm I., zu befreien. Diese Kirche heißt nach wie vor Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche. Erinnerung an diesen Kolonialherren ja; aber bitte nicht länger eine Ehrung eines Kolonialherren als Titel für eine Kirche! Oder will man nur auf die uralte Bindung der Kirche an die Herrschenden, die Kaiser etc. deutlich machen?
16.
Die Tatsache, dass die Menschen in den reichen Ländern der Welt zu Imperien gehören, ist also unbestritten. Man denke an die nahezu absolute ökonomische Vorherrschaft dieser Staaten, an die militärische Vorherrschaft und Willkür, an die Beeinflussung politischer Entscheidungen auch in den armen Ländern, an das Abhängigmachen der Armen (auch der Flüchtlinge) von der Willkür der Reichen. Die Gier der reichen Staaten und der international, global, agierenden Milliardäre ist allumfassend.
17.
Das CREDO dieser Herrschaften lautet: Wirtschafts-Wachstum muss ständig sein: Das heißt, ganz kurz gesagt: Das vorhandene Geld fließt in Investitionen, diese Produkte werden durch Investitionen ermöglicht, so wird die Nachfrage erhöht. Das Geld fließt also weiter in die Kassen der Unternehmen. Diese geben weiter Aktien aus, und die Aktionäre haben die selbstverständliche Erwartung, dass die Aktienkurse steigen, dass also die Unternehmen Gewinn einstreichen. Dadurch sind die Unternehmen schon durch die Aktien-Bindung auch an stetiges Wachstum gebunden. Dies ist die Spirale des Zwanges zum Wachstum ohne Ende; dies wird ermöglicht durch die selbstverständliche Gier nach Gewinn, also Geld. Habgier ist förmlich zur „Tugend“ bzw. treffender zur Untugend in dieser Wirtschaftsform aufgestiegen. So kann der Journalist Christoph Fleischmann (WDR) in seinem empfehlenswerten Buch „Gewinn in alle Ewigkeit“ (Köln, 2010, Seite 237) schreiben: „Heute scheint es der Gesamtheit der Menschen schlicht nicht mehr möglich, anders als habgierig zu handeln, also immer mehr materielle Güter anzuhäufen – ohne Ziel und Ende. Die Habgier, die einstige Todsünde, ist also nicht mehr moralisch zu qualifizieren. Sie ist einfach die der kapitalgetriebenen Wirtschaft entsprechende Haltung“. Der Soziologe Max Weber sagte, im Kapitalismus gebe es nur sachliche, nicht mehr ethisch zu bewertende Erwägungen… Bester Ausdruck dafür sind die Finanzmärkte: Sie funktionieren weithin durch Betrug, Kriminalität und Geldwäsche. Beispiel: CUM-EX: In Kooperation mit Banken vor allem in London: Man lese die durchaus erschütternden, wenn nicht uns revoltierenden Bekenntnisse eines Insiders der großen Investment Bank „Merill Lynch“: https://www.zeit.de/2020/05/cum-ex-files-merrill-lynch-investmentbank-steuerbetrug
Es geht bei diesem merkwürdigen „CUM – Ex“ darum, ganz kurz gesagt, mehrfach Steuererstattung zu erhalten, obwohl man nur einmal Steuern bezahlt hat. Dem deutschen Staat sind dadurch 10 Milliarden Euro Schaden entstanden.
18.
Die Gier der Banken/Bankkunden/Bankmanager und der Konzerne ist grenzenlos und muss wegen des Wachstums grenzenlos sein: Diese Herren haben eine militant agierende Lobby: „Was wir heute haben, ist keine Marktwirtschaft mehr, sondern eine Machtwirtschaft, in der Konzerne und Unternehmensverbände teilweise die Gesetze schreiben, statt dass die Gesellschaft den Rahmen vorgibt“. So Gerhard Schick in „Chrismon,“ 02/2020. S 26. Gerhard Schick von der „Bürgerbewegung Finanzwende“. Die Gier (die imperiale Lebensweise) ruiniert die Seele.
19.
Wir sollten erkennen, was mit uns –seelisch, existentiell, auf dem Spiel steht. Mit aller Klarheit hat Erich Fromm darauf hingewiesen: Es geht um ein Entweder Oder, es geht um die Lebensform des Seins oder um die Lebensform des Habens, der Gier. Die Gier als Lebensform beschreibt der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm eindringlich, vor allem sein allseits bekannten Werk „Haben oder Sein“ von 1976.
Ich beziehe mich hier nur auf einige zentrale Aussagen, die Fromms engster Mitarbeiter, Rainer Funk, in seinem empfehlenswerten Buch „Mut zum Menschen“, 1978, zusammengestellt hat.
Es gibt für Erich Fromm zwei unterschiedliche Formen, Weisen, der Existenzgestaltung: Die eine folgt dem HABEN, also dem Klammern, Besitzen, der Gier; die andere folgt dem SEIN, der Lebendigkeit, der Lebensfreude, der Solidarität, der Verbundenheit aller Wesen untereinander.
Für das Haben als Existenzform gilt: “Ich bin, was ich habe. Mein Besitz begründet mich und meine Identität“ (312). „Die Gier führt zum Kampf darüber, am meisten zu bekommen, so gibt es Wettkampf und Antagonismus“ (316). Gier ist also dem Wesen nach auf Krieg angewiesen.
Die andere Haltung, die Lebendigkeit, die Freude am Dasein auch der anderen, also die Orientierung am SEIN „vereint und solidarisiert, indem man teilt und mitteilt“ (317).
20.
Nebenbei: Gier war ja schon ein zentraler Begriff der christlichen Moral-Lehre: Gier bzw. Habgier ist dort eine der sieben Todsünden: Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier…Der Mönch Johannes Cassian (360-435, in Frankreich) nennt 8 Hauptsünden, also Laster. Habgier und Zorn verbindet er: Der Zornige will den anderen in seiner Wut förmlich auffressen, vernichten; das verbindet ihn mit dem Gierigen als dem Geld-Gefräßigen. Ob die Herren der Kirche jemals ohne Gier lebten und leben, ist sehr die Frage. Man denke an die Finanz-Spekulationen des Vatikans, oder der Ordensgemeinschaften, an die enormen Waldbesitzungen der Stifte und Klöster in Österreich etc.
21.
Gibt es eine Überwindung der Gier, der mentalen Grundlage des Kapitalismus? Lässt sich der Kapitalismus als Resultat des gierigen Immer mehr Wachsens überwinden oder wenigstens stark einschränken oder, noch etwas bescheidener formuliert, so sehr ankratzen, dass er seinen nach außen gestellten falschen Charme verliert? Ankratzen lässt sich der Kapitalismus durch die vielen Basisbewegungen und NGOs, die von mutigen, reflektierten Menschen betrieben werden hinsichtlich einer besseren Landwirtschaft, oder der humaner Formen des Zusammenlebens, der Solidarität mit den Arm-Gemachten, den Minderheiten, den Flüchtlingen etc.
Den Kapitalismus einschränken: Das kann niemand mehr so recht von der SPD erwarten, die ja eigentlich diese Einschränkung auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Ich meine, auch als Journalist: Die unabhängige kritische Presse ist darum enorm wichtig geworden. Die tief schürfende Recherche der Journalisten erzeugt manchmal Beben in den Regierungen und Lobbyisten-Kreisen. Wir sollten diese freie Presse unterstützen, sei es in Form der gedruckten Zeitungen, etwa der TAZ oder der SZ; oder in Form der Internet-Dienste, wie CAMPACT, Campact e.V, in 27283 Verden / Aller. www.campact.de
22.
Was hat Gier bzw. imperiale Lebensweise mit Spiritualität zu tun? Gier als die wichtigste UN-Tugend im Kapitalismus führt zur Anbetung, d.h. zur Vergöttlichung des Marktes und der Wachstumsökonomie. Darüber hinaus gibt es nicht, heißt das Credo! Der Kapitalismus erzeigt also eine eigene starke Glaubenshaltung. Christen werden diesen ANTI-Gott als solchen bezeichen. Dieser Götzendienst sollte beendet werden. Das IMMER MEHR wollen ist eine versteckte, aber perverse Form des Transzendierens: Als Überschreitung alles Gegebenen in die Unendlichkeit des horizontal Vielfältigen. Wahre Transzendenz aber ist vor allem vertikal, sie führt in eine andere, in eine höhere Qualität im Überschreiten. Religiöse Transzendenz ist noch einmal anders: Sie entdeckt im Geist, in der Seele, in der „Stimme“, wie Hauff schreibt, also im Innern das Transzendente. Da beginnen alle Revolutionen. Da gibt es Ressourcen, Revolutionen human zu gestalten … weil die Gier eingeschränkt wurde.
23.
Ich frage mich, ob wir Menschen als Menschen die Gier völlig überwinden können. Kann die Gier vernünftig gestaltet und eingehegt werden, als ein vitaler humaner Impuls wirken, sozusagen von der Seele und der Vernunft gesteuert? Bei einer milden Form der gier, nämlich der Neugier, mag das gelingen, diese Balance zu finden. Neugier kann auch die berechtigte Sehnsucht nach Kommunikation sein. Als ein interessiertes Streben nach außen, als Suche nach Kontakt mit Menschen und Dingen.
24.
Auswege?
Erstens: Gier wird auch Habgier bzw. noch treffender Hab-Sucht genannt. Die genaue begriffliche Analyse leistet die philosophische Besinnung. Sie wird zur kritischen Phänomenologie der gegenwärtigen Gesellschaft („Imperiale Lebensweise“).
Zweitens: Wenn es sich um eine SUCHT des Habens handelt, dann ist Gier eine Krankheit. Sie muss zur Einschränkung bzw. Heilung psycho-therapeutisch analysiert und behandelt werden. Menschen, die als ihr Lebensideal das Streben nach Geld um des Geldes betrachten, sind also seelisch krank. Ähnlich ist es mit Ruhm-Sucht, Machtgier, Sex-Sucht usw. Alle dies sind Formen der Gier. Und damit wird deutlich, dass unsere westliche, reiche kapitalistische Gesellschaft schwer krank ist. Die Sorge um sich selbst weht sich gegen alle Exzesse, aber auch gegen alle rigide Entsagung, sie sucht immer wieder eine neue Balance. Hoffentlich helfen dabei Therapeuten, die nicht ihrerseits wieder geld-gierig sind.
Drittens müssen kriminell Habgierige von den Justizbehörden bestraft werden. Habgier hat die Tendenz zum Kriminellen.
Viertens: Nur der noch so bescheidene politische Einsatz eines jeden, seinem Gewissen folgend, kann die imperiale Lebensweise ankratzen.
Fünftens muss überlegt werden: Wenn Habgier bzw. die Sucht des Habens therapeutisch eingeschränkt wird und wenn es Lebensfreude („Sein“ im Sinne von Erich Frmm) bereitet, kritisch an der Umgestaltung von Politik und Ökonomie im Sinne der Menschenrechte mitzuwirken: Dann können spirituelle und philosophische Hilfen wichtig werden. Ohne eine Neu/Wieder-Entdeckung der Seele und ihrer spirituellen Kraft werden Habgier und Habsucht nicht eingeschränkt werden können. Es ist der Ruf der Seele, der Peter Munk gerettet hat, weil er dem (Gewissens) Ruf folgte! Um vom Märchen von Wilhelm Hauff noch einmal zu sprechen.
Sechstens: Wer auch das Neue Testament als ein Buch der Weisheit (!) gern mal wieder zur Hand nehmen möchte: Dem empfehle ich die meditative Lektüre im Lukas Evangelium, im 16. Kapitel, die Verse 21 ff. „Die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus.“ Der bekannte evangelische Theologe Helmut Gollwitzer hat zu dem Thema 1968 ein Buch veröffentlicht: „Die reichen Christen und der arme Lazarus“. Wird antiquarisch noch preiswert angeboten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Evangelikale sind ein politisches Problem!

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Wenn wenigstens 3 oder 4 Millionen Evangelikale in den USA als Wähler von Trump sich ihrer kritischen Vernunft bedienen würden, könnten sie Trump, den Psychopathen, bei den Wahlen 2020 verhindern. Sind sie dazu bereit um des Friedens willen? Oder siegt bei ihnen wieder mal die Bindung an fromme Sprüche?

Dieser Hinweis versteht sich auch als Aufforderung, endlich viel umfassender die Evangelikalen und Pfingstler wahrzunehmen und kritisch zu studieren und diese Studien weit zu publizieren. Damit die Öffentlichkeit begreift, was heute fundamentalistische christliche Kirchen, also Evangelikale und Pfingstler, für einen politischen Schaden anrichten! Der christliche Glaube gerät durch diese sehr einflussreichen Kreise wieder in den Ruf, Opium des Volkes zu sein.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin warnt schon seit einigen Jahren vor den politischen Gefahren der evangelikalen Kirchen und Bewegungen. Das ist eine philosophisch notwendige Form der Religionskritik. Ich bin bekanntlich nicht der einzige, der evangelikale Kirchen, Gemeinden oder evangelikale Vereine etc. für politisch gefährlich hält.
Maßstab auch dieser Religionskritik kann nur die sich kritische reflektierende Vernunft sein, die der Erklärung der Menschenrechte verpflichtet ist. Ein Maßstab aus der Dogmatik einer bestimmten Religion oder Kirche kann also gar nicht in Frage kommen.

1.
Privat und in ihren Gottesdiensten können Evangelikale selbstverständlich sagen, singen und lehren, was ihnen alles so einfällt. Sollen sie doch privat die Bibel lesen als einen journalistischen, exakten Tatsachenbericht, sollen sie doch privat jeden Bibel-Vers wortwörtlich deuten. Dass diese naive Lektüre alles andere als theologisch angemessen und klug ist, dies ist ein anderes Thema. Zumal jeder, der jeden Vers der Bibel wörtlich liest, also auf die angemessene historisch-kritische Forschung am Bibeltext verzichtet, in vielfache intellektuelle und persönliche Widersprüche gerät. Aber wer mit solchen intellektuellen Widersprüchen in seiner Privatsphäre zurecht kommt, kann das tun.
Ich habe also nichts gegen Leute, die in privaten Zirkeln die Erde als eine Scheibe feiern oder glauben, die Erde sei von einem Vater-Gott im Himmel in sechs Tagen erschaffen worden.
2.
ABER: Diese Gruppen und Kirchen sollen diesen Glauben nur für sich behalten. Er darf niemals die Welt, die Gesellschaft, den Staat gestalten und schon gar nicht bestimmen. So, wie die Zeugen Jehovas ihre sehr umstrittene Bibel-Deutung für sich behalten. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken, etwa Gesetze im Bundestag vorzuschlagen, die dann festlegen: Wer denn zu den 144.000 Gerechten und himmlisch Geretteten gehören darf; dies ist ja bekanntlich ein Lieblingsthema der Zeugen Jehovas. Sie behalten diese Meinung freundlicherweise für sich. So wie die Christian Science, die Gemeinschaft „Christliche Wissenschaft“, ihre esoterische Überzeugung von Heilung und Gesundheit nicht für die ganze Gesellschaft und als staatliches Gesetz fordert! Und das ist gut so.
3.
Aber die Evangelikalen, die sich im Umfeld der protestantischen Kirchen ansiedeln und oft Bündnispartner unter den ebenso sehr zahlreichen Pfingstgemeinden haben, diese Evangelikalen aber wollen Staaten und Gesellschaften in ihrem Sinne bestimmen. Und sie tun das. Und zwar mit aller medialen Energie. Dass es auch einige verstreute „linke“, selbstkritische Evangelikale geben mag, soll nicht bestritten werden. Aber die große Hauptströmung der Evangelikalen (ca. 330 Millionen Mitglieder im Jahr 2019) formuliert aus ihren eigenen Glaubensüberzeugungen und naiven Bibellektüren auch politische Maximen. Diese vielen Millionen evangelikaler Christen wollen mit ihrer Denkform letztlich herrschen, natürlich auch über andere und Andersdenkende.
4.
Evangelikale und Pfingstler finden etwa in den USA ihre mächtigen Gönner und Freunde, vor allem in Millionärs- und Milliardärs Kreisen. Diese neigen bekanntlich zu einer absoluten Verteidigung ihres für sie selbst schon kaum noch überschaubaren, aber heiligen „Privat-Eigentums“. Denn nichts ist angenehmer für Ultrareiche, als sich mit dem schönen Schein von bloß verbal bezeugter Frömmigkeit zu schmücken, aus der aber keine sozialen Verpflichtungen folgen. Im Gegenteil, diese Evangelikalen und Pfingstler sagen: „Wenn du reich bist, ruht der Segen Gottes auf dir“. Diese Kirchen(führer) verbreiten also ihre inzwischen fest etablierte „Theologie des Wohlstandes“ („Prosperty Gospel“). Diese Theologie wirkt sich oft aus als Verhinderung des sozialen Wandels und der politisch-ökonomischen Strukturreformen. Evangelikale sind aber politisch gesehen noch viel gefährlicher, weil sie nicht nur die Innenpolitik, die Öko-Politik und die Kulturpolitik (wie in Brasilien jetzt unter Bolsonaro) prägen und mitbestimmen, sondern auch die Außenpolitik, etwa in den USA.
5.
Diese Zusammenhänge werden jetzt einmal mehr in den USA deutlich, dort sind die Hochburgen evangelikalen und pfingstlerischen Agierens und massiven missionarischen und propagandistischen Werbens und Einfluss Nehmens! Darauf weist jetzt Malte Lehming in einem Beitrag des „Tagesspiegel“ (vom 30.1.2020, Seite 6) hin. Er zeigt, dass Präsident Trump von evangelikalen Ratgebern umgeben ist: Etwa von Paula Michelle White-Cain, die spirituelle Beraterin von Trump. Sie soll Trump die Wiederwahl zum Präsidenten 2020 im evangelikalen Milieu sichern! Dass diese Dame dreimal verheiratet war, stört die frommen US – Evangelikalen nicht. Sie hassen ja nur die Homosexuellen! Erwähnt werden muss auch der sehr einflussreiche Pastor Robert Jeffress, ein treuer Freund von Trump!. Dass der Vizepräsident Mike Pence und Minister Pompeo nicht nur „stramm“ evangelikal, sondern auch noch Mitglieder der politisch gefährlichen Bewegung „Christians United For Israel“ (CUFJ) sind: Diese CUJF zählt in den USA 8 Millionen Mitglieder. Diese Pro-Israel Christen geben sich lautstark als pro-jüdisch, aber dies aus dem christlichen Motiv: Dass das „Tausendjährige Reich Jesu Christi“ endlich komme, wie sie es in ihrem wörtlichen Bibelverständnis des NT, vor allem aus dem Buch der Johannes-Apokalypse, erschließen: Demzufolge wird Christus dieses tausendjährige Reich erst dann schaffen, wenn er in Jerusalem aus dem Himmel herabsteigen und wieder wirken kann: Dafür aber darf Jerusalem bzw. der Staat Israel in irdischer Form nicht mehr vorhanden sein. Diese angebliche Bekräftigung, die Liebe zu den Juden und zum Staat Israel steht also im Dienst so genannter christlicher Prinzipien. Letztlich denken diese Kreise: Israel wird verschwinden, darum fordern sie auch die Juden – Mission, so wollen sie in ihrem Wahn Raum schaffen für die Wiederkunft Christi! Dieses lyrische Symbol der Wiederkunft Christi verstehen sie selbstverständlich, naiv wie immer, als Faktum! Und Präsident Trump folgt dieser Linie, er braucht ja Wähler 2020! Trumps sehr anstößige, maßlose, Frieden verhindernde Vereinbarung mit Netanjahu am 28.1.2020 gehört auch zu dieser religiösen Ideologie. Vorausgegangen war ja bekanntlich die offizielle Verlegung der US Botschaft in Israel nach Jerusalem. Man lese dazu die Studie des Religionswissenschaftlers Prof. Hans G. Kippenberg (Bremen-Erfurt) „Außenpolitik und heilsgeschichtlicher Schauplatz. Die USA im Nahostkonflikt“ in dem Buch „Apokalyptik und kein Ende“, Göttingen 2007. Auf Seite 290 zitiert Kippenberg entsprechende kritische Äußerungen von jüdischen Forschern zu diesem sich pro-Israel gebenden Konzept, das tatsächlich aber verdeckt antisemitisch ist. Siehe auch meinen Beitrag über die Johannes Apokalypse. LINK.
6.
Diese Lehre von der Wiederkehr Christ in Jerusalem wird also wortwörtlich, „einfach so“, aus einem Buch des 1.Jahrunderts ins 21. Jahrhundert übertragen! Wer gegen solchen Unsinn protestiert, wird von Madame White-Cain verurteilt: „Die Gegner von Trump (also die Demokraten im weitesten Sinne) gehören einem dämonischen Netzwerk an, das im Namen Jesu zerschlagen werden muss. Es ist der Wille Jesu Christi, dass Trump Präsident ist…“ (siehe Tagesspiegel, a.a.O).
7.
Evangelikalen/Pfingstler kämpfen, nicht nur in den USA, letztlich gegen die UN Erklärung der Menschenrechte, etwa gegen die Gleichheit aller Menschen. Sie kämpfen also gegen die Anerkennung homosexuellen Lebens und Liebe und der Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern; gegen Abtreibung. Sie wollen einen anderen, nämlich biblischen Biologieunterricht, der die Evolutionslehre ausschließt usw. Und fast alle Frommen, auch sehr viele Katholiken natürlich, fallen weltweit darauf rein, den Kampf für das ungeborene Leben wichtiger zu finden als den Kampf für das leidende, hungernde, aber geborene Leben der Milliarden arm gemachter Menschen zu kämpfen.
8.
Der Beweis ist längst da: Die US Politik unter Trump ist auch evangelikal gesteuert, selbst wenn Katholiken wie Steve Bannon noch etwas in diesem Milieu mitmischen: Er denkt aber in vielen Fragen, zumal, was das zu fördernde Ende der Welt angeht, grundsätzlich nicht anders als die Evangelikalen.
Selbst Spuren von Religiosität wurden bei Trump im Wahlkampf 2016 nicht wahrgenommen, so Vittorio Hösle in seinem neuen empfehlenswerten Buch „Globale Fliehkräfte“, Freiburg 2019, S. 89. Bei den weißen Evangelikalen wählten 81 % Trump, im Mäz 2018 hatten 75 % der weißen Evangelikalen ein positives Bild von Trump, so Vittorio Hösle, der als Philosoph in den USA lehrt. Er schreibt: „Vermutlich ist der betont antirationalistische Zug der evangelikalen Theologie, das Gefühl, die Wendung im eigenen Herzen könne von der Welt sowieso nicht verstanden werden und sie transzendiere alle Vernunft, für diese politische Orientierung mitverantwirtlich“ (S. 89)
9.
In früheren Hinweisen des religionsphilosophischen Salons wurde daran erinnert, dass jetzt in Brasilien unter Bolsonaro auch Evangelikale und Pfingstler an der Macht sind. Dass in Afrika, etwa in Nigeria, die Pfingstkirchen eine Art florierender Staat neben der schwachen Regierung bilden, in Guatemala oder auch Honduras kam es unter evangelikalen Präsidenten zu heftigen Verfolgungen und Ausrottungen der Indigenas usw. Das alles taten die Evangelikalen dort mit Unterstützung der USA, das alles ist längst erwiesen.
Selbst in Holland vertreten einige Evangelikale heute antidemokratische Positionen, etwa in Fragen der völligen Gleichberechtigung von Homosexuellen. Die freisinnigen und liberalen Kirchen wehren sich gegen diesen aus den USA importierten Wahn.
10.
Man sollte endlich wahrnehmen: Bestimmte Traditionen bestimmter christlicher Kirchen sind politisch gefährlich: Es gibt ideologisches Gift im Christentum. Ist Gottesdienst wirklich nur ein Halleluja Singen und eine Art von Tralala und ein gehorsames Lauschen auf stundenlange Monologe der „Prediger“, die danach heftig um Spenden bitten? Warum lassen sich so viele Leute von den Sprüchemachern, den so genannten „Evangelisten“, berieseln? Bisher haben viele Beobachter diesen „Fundamentalismus“ eher in extremen muslimischen Kreisen allein gesucht oder in konservativen katholischen Gruppen, wie dem Opus Dei oder in den so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat oder den Legionären Christi. Meine Hinweise hier sind der Kürze wegen eher allgemein, sie wollen nur sehr deutlich einen gefährlichen Trend beschreiben und philosophisch bewerten.
11.
Es wird also endlich Zeit, dass eine breite Öffentlichkeit viel stärker die Entwicklung der Evangelikalen und Pfingstler beobachtet, studiert und mit ihnen, falls möglich, in ein kritisches Gespräch tritt.
Eine Frage könnte dann sein: Wovor haben Sie so diese schreckliche Angst, dass Sie sich als Evangelikale so heftig, man möchte sagen neurotisch, an die Buchstaben eines uralten Textes klammern und nicht vertrauen, dass auch die Vernunft diesen Text erschließen kann. Glauben diese Kreise im Ernst, dass eine Bibeldeutung wider alle Regeln des vernünftigen Verstehens die grundlegende Sicherheit im Leben gibt? Sicherheit im Leben gegen alle Vernunft! Das ist ein altes Thema, ein alter Irrtum der Theologie schon in früheren Jahren, man denke an Kierkegaard oder an die frühe dialektische Theologie von Karl Barth. Ist denn das kritische Denken, ist denn die Vernunft nicht auch von Gott gegeben, wenn man es mal klassisch theologisch sagen will? Warum glauben Evangelikale nicht wirklich umfassend an eine gute Schöpfung des ganzen Menschen, also auch der göttlichen Gabe der Vernunft? Ihren Verstand setzen diese Kreise ja ständig ein, wenn es darum geht, Geschäfte zu machen, die Medien zu bedienen…
Sie argumentieren ja auch auf ihre Weise, wenn sie ihre Lehre politisch einsetzen, siehe Trump, siehe Bolsonaro…
12.
Im Grunde müssen einem die „einfachen“ Mitglieder dieser Evangelikalen Kirchen, die Mitläufer, leid tun: Sie brauchen offenbar schon aufgrund ihrer oft miserablen gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung dieses religiöse Opium, das ihnen die (oft äußerst wohlhabende) Führer und Prediger einreden.
Was kann umfassende Aufklärung wirklich noch leisten, wenn die sozialen und politischen Verhältnisse so bleiben, wie sie sind? Und also „Evangelikale förmlich erzeugen. Religiöser Wandel steht in dialektischer Beziehung zu gesellschaftlichen und ökonomischen Reformen.
13.
Man kann gespannt sein, ob und wie die Evangelikalen in Deutschland und ihre Sprecher, Pastoren, auf diese Entwicklung ihrer „Glaubens-Geschwister“ etwa in den USA und Brasilien kritisch reagieren.
14.
Befreiung vom evangelikalen Glauben
Auch dafür gibt es immer wieder überraschende Berichte. So berichtet der Soziologe Philip Francis in seinem Buch „When Art Disrupts Religion“ (Oxford University Press 2017), dass ein Mann, der etliche Stunden Werke des Künstlers Rothko betrachtet hatte, von seiner evangelikalen Weltanschauung befreit wurde. Der Mann sagte:“Ich saß fünf Stunden lang da, und alles (Evangelikale) löste sich auf“. Evangelikale würden das wohl ein Wunder nennen? Und man wünscht sich mehr solcher Wunder.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin