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Die rechtsradikale Partei Front National und Marine Le Pen sprechen von „christlichen Wurzeln Europas“: Hinweise auf gefährliche Propaganda.

12. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Wenn Rechtsradikale ihre christlichen Wurzeln pflegen

Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Von Christian Modehn       Mskr. abgeschlossen am 29.3. 2017. Der Beitrag erschien in leicht veränderter Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (Oberursel). Ausführlicher werden die ideologischen Wurzeln von Le Pen in einem anderen aktuellen Beitrag vom 13. 4. 2017 dargestellt, klicken Sie hier.

Der Wahl-Kampf in Frankreich wird gern als Wahl-Krampf bezeichnet angesichts der Korruptionsfälle so genannter Spitzenpolitiker. Auch gegen Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin der Rechtsextremen, wird entsprechend ermittelt. Selbst ihre Bindung an den Freund und Gönner Vladimir Putin verzeihen die Fans noch gern. So liegt Le Pen in Umfragen unter allen Kandidaten mit 26 % ganz vorne für den ersten Wahlgang am 23. April. Noch erstaunlicher ist: So viele Katholiken wie nie zuvor, 26 %, wollen Le Pens „Front National“ (FN) wählen, andere Umfragen nennen sogar 29 %. Schon bei den Regionalwahlen 2015 hatten 25 % der „praktizierenden Katholiken“ FN gewählt. Diese hohe Zustimmung unter Katholiken für den FN ist erstaunlich: Die bisher übliche Bindung an die bürgerliche Rechte bröckelt bei ihnen, zumal ihr Kandidat Francois Fillon (Les Républicains) von zahlreichen Finanz-Affären sehr belastet ist; er redete seinen katholischen Wählern ein, wie ethisch und christlich er doch sei… „Die Verbindung mit dem Katholizismus verhindert nicht mehr wie einst die Option für den FN“, betont der Politologe Claude Dargent.

Politologen nennen den FN nach wie vor rechtsextrem, selbst wenn sich Marine, seit 2011 Parteichefin, manchmal moderater äußert als ihr Vater Jean-Marie Le Pen. Er fiel als Gründer des FN (1972) durch antisemitische Hetze auf, mehrfach wurde er deswegen verurteilt. Marine Le Pen will einen „normalen“ FN präsentieren. Sie selbst nennt sich sogar „pro-zionistisch“: Gleichzeitig warnt sie aber vor jüdischen Finanzexperten! Absolut nationalistisch ist ihre „abschreckende und Frankreich total abschottende Ausländer- und Flüchtlingspolitik“.

Unter Katholiken hat Marine Le Pen Zustimmung gefunden, weil sie ständig die „christlichen Wurzeln Frankreichs“ beschwört: Deswegen will sie die Kirchen nicht attackieren, auch wenn „der Klerus nur in die Sakristei gehört“. Marine Le Pen (geb. 1969) nennt sich zwar katholisch, bekennt aber, den Glauben nur sehr selten zu praktizieren. Sie lobt die selbst von Bischöfen hoch geschätzte laicité, die Trennung der Religion vom Staat, betont dann aber: Die Muslime könnten diese laicité wegen ihrer Bindung an den alles bestimmenden Koran überhaupt nicht anerkennen. Deswegen passe „der“ Islam nicht nach Frankreich. Dabei wird die laicité von le Pen missdeutet: Die Trennung von Religion und Staat bietet gerade allen Religionen die Möglichkeit, sich zu entwickeln und friedlich miteinander zu leben.

Le Pen ist nicht offen rassistisch, sie verbreitet aber eine strafrechtlich nicht so gefährliche Anti-Islam-Ideologie. Ihr Ziel: Moderate Muslime dürfen nur noch privat oder in schlichten Moscheen beten, der Islam soll aus der Öffentlichkeit verschwinden. Er ist in Krisenzeiten „der Feind“, der „eine Okkupation im Land vorbereitet“.

Katholiken stimmen für den FN, weil sie ihre alte Liebe zur Nation wieder pflegen und die angeblich guten alten Zeiten erträumen können, in denen es noch keine gesetzlich erlaubte Homo-Ehe und Abtreibung gab. Ausschlaggebend ist die Angst vor dem (islamistischen) Terror und die Sehnsucht nach mehr Kontrolle und Sicherheit.

Der „Normalität“ des FN folgen auch progressive katholische Kreise, wenn etwa die katholische Wochenzeitung „LA VIE“ (Auflage 99.000) Anfang März auf ihrem Titelblatt Marine Le Pen riesig präsentiert. Das Interview mir ihr umfasst vier Seiten. Die Macht der ausführlichen Behauptungen liegt eindeutig bei der FN Führerin! Die Sympathien der Katholiken fürs Rechtsextreme werden vor allem von Marion Marechal-Le Pen verstärkt, der Nichte von Marine. Die erst 27 Jährige ist FN-Abgeordnete in der Nationalversammlung. Im konservativen katholischen Milieu groß geworden, besuchte Marion ein Mädchen-Gymnasium der mit Rom versöhnten traditionalistischen „Dominikanerinnen vom Heiligen Geist“. An den ebenfalls von reaktionären Katholiken organisierten Wallfahrten nach Chartres nimmt sie gern teil. Sie war die treibende Kraft, als sich eine breite katholische Massenbewegung 2013 mit dem FN in den Demonstrationen gegen die „Homoehe“ verbündete.

Dem FN nicht abgeneigt ist neben anderen Bischöfen Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras. Gegen diese Annäherung von Katholiken und FN war der Widerspruch unter den anderen Bischöfen schwach: Deutlich wurde nur ein Laie: Der Koordinator der katholischen Menschenrechtsorganisation ACAT, Jean-Etienne de Linares: „Die Verbindung von FN und Rassismus ist evident. Der FN spricht dem anderen (dem Muslim) den Wert als Mensch ab. Ich bedauere es, dass die Kirche nun aus dem FN eine respektable Partei macht“. Etwas zaghaft sagte dann später Erzbischof Laurent Ulrich (Lille): „Man kann nicht Christ und fremdenfeindlich sein“, den FN nannte er nicht.

Die Bischofskonferenz hat im Oktober 2016 einen Text veröffentlicht, der sich an „alle Bewohner des Landes“ richtete: Tatsächlich aber wurde diese Mahnung nur als Buch (Auflage 10.000 Exemplare) verkauft. Darin ist vom allgemeinen Zerfall der politischen Kultur die Rede. Aber mit keinem Wort wird eine der Hauptschuldigen genannt: Marine Le Pen und ihre Partei. Mit dem Satz: „Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bischöfe sagten, wen man wählen soll“, hat sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier (Marseille), aus der Affäre gezogen. Er hat bei der Vollversammlung der Bischöfe im März 2017 erneut vor einer muslimfeindlichen Politik gewarnt, jedoch Le Pen wieder namentlich nicht erwähnt. Radikaler denkt Bischof Jacques Gaillot (Partenia): Er unterstützt den trotzkistischen Präsidentschaftskandidaten Philippe Poutou von der „Neuen Antikapitalistischen Partei“.

Wen werden die Protestanten wählen? Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt 2 %. Bisher wählten sie eher links, aber auch bei ihnen ist (im lutherisch geprägten Elsass) eine starke Nähe zu Rechtsextrem zu beobachten. Der Präsident der Vereinigten (reformierten und lutherischen) Kirchen Frankreichs, Pastor Francois Clavairoly, hat hingegen ausdrücklich vor dem FN gewarnt!

Den aussichtsreichsten Kandidaten Emmanuel Macron („En Marche“) im entscheidenden zweiten Wahlgang (am 7. Mai) erleben viele Katholiken als zu wenig spirituell…Er verweist nur auf seine Ausbildung in einer Jesuitenschule in Amiens …Selbst wenn Macron im 2. Wahlgang zum Präsidenten gewählt wird: Die etwa 10 Millionen FN Wähler werden sich vom Ungeist dieser Partei kaum distanzieren.

 

Copyright: christian Modehn



Christen im Dialog mit Buddhisten: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

9. April 2017 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Weiterdenken: Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Warum Christen am Dialog mit Buddhisten interessiert sind.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Das Programm des Evangelischen Kirchentags in Berlin (im Mai 2017) begrenzt sich nach meinem Eindruck sehr stark auf innerkirchliche, politische und soziale Themen. Philosophie spielt als Thema keine Rolle, dies hängt wohl mit der radikalen Abwehr des freien, philosophischen Denkens durch Luther zusammen. Bedauerlich ist genauso, dass dem Dialog der Religionen wenig Raum gegeben wird. Dialog der Christen gilt in der globalen Welt nicht nur dem Gespräch mit Juden und Muslimen, sondern auch dem Austausch mit Buddhisten. Ich habe den Eindruck, dass ein breiter Strom evangelischer Theologie insgesamt wenig Interesse hat, mit dem Buddhismus, der in Europa unter jüngeren Leuten viel Zuspruch findet, ins lernbereite Gespräch einzutreten. Ist diese Einschätzung treffend? Wenn Ja: Woran liegt dieses offenkundige evangelische Desinteresse am Buddhismus?

Ja, woran liegt das, dass der Dialog mit den Religionen und Weltanschauungen kaum eine Rolle spielt, allenfalls der Dialog mit dem Islam und dem Judentum – aber dies dann auch nur aus religions- und sicherheitspolitischen Gründen!? Warum findet der Buddhismus so wenig Beachtung, ebenso wenig wie philosophische Lebens- und Weltdeutungen, atheistische Positionen und humanistische Weltanschauungen? Mit dem allem wird auch auf dem nächsten Kirchentag Ende Mai in Berlin kein energischer Dialog geführt werden.

Warum ist das so? Ich denke, weil man in den Kirchen und zumeist auch in der Theologie den christlichen Glauben gar nicht als eine Position in den alle Menschen angehenden Fragen der Lebensdeutung und Weltorientierung versteht und zu verteidigen unternimmt. Man tritt leider nicht dafür ein, dass zunächst einmal „Glauben“ überhaupt zu uns Menschen gehört: Erstens, sofern wir uns zum Ganzen der Wirklichkeit, das unser Wissen immer übersteigt, verhalten. Und zweitens: Sofern wir über unsere eigene Stellung in diesem Ganzen und damit über die Bestimmung unseres Daseins nachdenken. Da können wir auf den Ausgriff ins Metaphysische, auf das unserem Wissen Transzendente, insofern auf das, was uns auf Glauben angewiesen sein lässt, nicht verzichten. Das gilt für alle, auch für Atheisten. Auch sie vertreten, indem sie sagen, dass kein Gott sei, eine auf metaphysische Setzungen ausgreifende Glaubensposition.

Statt sich auf solche Debatten um die religiöse bzw. weltanschauliche Dimension unseres bewussten Lebens einzulassen, dogmatisiert man in den Kirchen lieber die Säkularisierungsthese, wonach die „Gläubigen“, also jene, die nach wie vor ihren Kirchen und Religionen anhängen, der immer größer werdenden Schar der religiös Desinteressierten und Atheisten gegenüberstehen. Man redet sich ein, dass die meisten Menschen an Religion gar nicht mehr interessiert seien und beschränkt sich deshalb, die „Gläubigen“ betreffend, auf innerkirchliche Themen, und zur Gesellschaft hin darauf, dass man politische und sozialethische Themen favorisiert.

Im Grund demonstriert dieses Verhalten der Kirchen, dass man es aufgegeben hat, den christlichen Glauben selbst als Religion, d.h. als eine das Verhältnis von uns Menschen zum Ganzen der Wirklichkeit und die Sinnbestimmung unseres Daseins reflektierende Lebens- und Weltdeutung zu behaupten, plausibel zu machen und zu verteidigen – im protestantischen Raum ist dies in der Tat noch stärker als im katholischen. Man traut sich keine rationalen Argumente für den Glauben mehr zu, beschränkt seine Zuständigkeit auf die – aus welchen lebensgeschichtlichen Motiven heraus auch immer – „Gläubigen“. Man sucht diese „Gläubigen“ in ihrem Glauben durch die Einschwörung auf die traditionellen Glaubensartikel zu bestärken und zielt auf Eindeutigkeit in ethisch-moralischen Konsequenzen, die das „christliche“ Leben verlange.

Es wird nicht eingestanden, geschweige denn ergebnisoffen diskutiert, dass auch der „christliche Glaube“, wie alle Religionen, ein wagender Versuch von uns Menschen ist, uns deutend zur transzendenten, weil aufs Ganze gehenden Wirklichkeit unseres Lebens in der Unendlichkeit des Universums zu verhalten, indem wir auf biblische, kirchliche, theologische, philosophische, literarische, ästhetische, symbolische und rituelle Überlieferungen zurückgreifen. Solange die Kirchen die Religionsunfähigkeit des christlichen Glaubens demonstrieren, kann gar keine Motivation entstehen, sich mit den vielen anderen menschlichen Versuchen – den religiösen, weltanschaulichen, philosophischen Unternehmungen – deutend zur transzendenten Ganzheit unseres Daseins in der unendlichen Welt zu verhalten und damit zu beschäftigen. Das macht dann auch den sog. interreligiösen Dialog zumeist so geistesarm, dogmatisch beschränkt, moralisch eng geführt und religionspolitisch in seiner Absicht durchschaubar.

Nun ist gerade der Buddhismus in seinen vielen Spielarten so etwas wie eine philosophische, auf das Selbst-Denken setzende Religion. Er kommt ohne einen Schöpfer- und Erlösergott aus. Der Buddhismus spricht die Menschen auf das an, was sie selbst durch entsprechende meditative Praktiken, die man erlernen kann, tun können, damit sie frei oder zumindest freier werden, gegenüber dem, was sie bedrückt und belastet, worunter sie leiden und womit sie in dieser Welt nicht fertig werden. Er offeriert sich offensiv als eine bestimmte Lebens- und Weltdeutung und zeigt weite Wege, auf denen man so in diese hineinfinden kann, dann man effektiv die Erfahrung macht, wie gut es einem tut, sich zu teilen.

Man kann den Buddhismus durchaus als eine „Religion ohne Gott“ bezeichnen, eine Auffassung von der Religion als einer lebensführungspraktisch orientierenden Lebens- und Weltdeutung, die auch im Westen, also im kulturellen Einflussbereich des Christentums, immer wieder vertreten worden ist und vertreten wird. Aber solange man sich im Christentum theologisch nicht darauf einlässt, den christlichen Glauben überhaupt als eine Möglichkeit der Lebens- und Weltdeutung unter anderen zu verstehen und stattdessen Argumente dafür aufzubieten unternimmt, worin denn die Vorzüglichkeit des Christlichen im Vergleich mit dem Lebens- und Weltdeutungskonzept des Buddhismus besteht, wird das interreligiöse Gespräch keine Belebung erfahren, auch und schon gar nicht auf Kirchentagen.

Buddhistisch geprägte Meditationsformen (etwa Zen) sind weit über explizit – buddhistische Kreise hinaus beliebt, werden als Lebenshilfe entdeckt. Es ist doch wohl keine Blamage, wenn sich die Christen eingestehen: Diese Meditationsformen, auch diese Praxis der Stille und des Schweigens, haben wir nicht in unserer Tradition! Ist es tatsächlich so, dass Christen auf dem weiten Feld des Religiösen ohnehin nicht „alles“ bieten können?

Ob wir vieles von dem, was die Zen-buddhistische Meditationspraxis zu bieten hat, nicht auch in christlichen Traditionen finden können, bin ich mir gar nicht so sicher. In den monastischen Praktiken und Exerzitien finden sich auch zahlreiche Anleitungen und teilweise strenge Regel, die in die Stille und innere Einsamkeit des Weges zu Gott führen sollen. Aber es ist dort eben immer der auf diese Weise vorgezeichnete Weg zu dem Gott, der in Christus sein menschliches Antlitz gezeigt hat. Die Wendung nach innen ist zielgerichtet die Hinführung zu dem Gott, der unendlich größer ist als jedes Menschen Herz. Er ist der Gptt, der die Welt und alle Kreatur geschaffen hat und, wie christliche Spiritualität sagt, „treu sorgend in seinen liebenden Händen hält“.

Ganz anders ist die Meditationspraxis im Zen-Buddhismus. Nicht nur, dass sie in ihren, an die westliche Kultur adaptierten Formen von dogmatisch-lehrhaften Anteilen losgelöst wird. Sie ist im Unterschied zu christlichen Praktiken der Stille und inneren Versenkung gerade nicht zielgerichtet. Sie lebt von dem performativen Selbstwiderspruch, dass es ihr Ziel ist, kein Ziel zu haben, ja gerade von jeder Form der Zielsetzung, des Sich-Ziele-Setzen-Müssens und sogar des sich Ziele-Setzen-Wollens, befreit.

Damit kommt der andere lebens- und weltanschauliche Hintergrund des Buddhismus zum Vorschein. In ihm geht es nicht darum, durch die Wege nach Innen, zu einer, durch die Gründung im Göttlichen gefestigten, personalen Identität zu finden, zu gesteigerter Selbstbestimmung und Freiheit. Der Weg im Zen-Buddhismus führt vielmehr gerade zur Befreiung vom Selbst, zum Loslassenkönnen auch noch vom eigenen Selbst und dessen Wollen.

Der Buddhismus stellt eine zur Christentumskultur alternative und damit heute hochgradig attraktive Lebens- und Weltdeutung vor. Als solche gilt es, sich mit ihm aus christlicher Sicht dann auch zu befassen und die Argumente, die für das eine oder das andere sprechen könnten, auszutauschen. Das wäre ein auch intellektuell attraktiver Religionsdialog.

Ohne die Unterschiede der kulturellen Wurzeln von Christentum und Buddhismus zu verwischen: Den Christen und ihren Theologen könnte es doch gut tun, auch das buddhistisch gepflegte Nicht-Wissen gegenüber dem alles Gründenden, dem letzten Bergenden, dem Göttlichen, einzugestehen. Vielleicht treffen sich sogar christliche Mystiker (Meister Eckart) und zen-buddhistische Meister in der aktuell bedeutsamen Erkenntnis: Das Göttliche ist eigentlich Nichts, also nichts Greifbares, nichts Verfügbares?

Wenn Christen und Buddhisten in einen Religionsdialog eintreten, dass liegt es nahe, dass sie zunächst einmal darin übereinkommen: Wenn sich beide zum Ganzen der Wirklichkeit und damit zur Stellung von uns Menschen in der Unendlichkeit der Welt verhalten, dann machen sie Aussagen über etwas, vom dem wir kein wirkliches Wissen haben. Wir können uns aber gleichwohl darüber Gedanken machen und um einer bewussten Führung unseres Lebens willen sollten wir uns auch diese Gedanken machen. Es ist vernünftig, an diese Transzendenz zu denken, die unserem Wissen unzugänglich ist und immer bleiben wird, die aber dennoch in die Immanenz unseres In-der Welt-Seins gehört.

Die große Alternative im Begreifen unserer Stellung in der Welt, die sich zwischen fernöstlichem, buddhistischen Denken und dem christentumskulturellen, westlichen Denken auftut, liegt allerdings eben gerade in der Stellung, die der humanen Selbstbeziehung, der individuellen Subjektivität in unserem Selbst- und Weltumgang zukommt. Die Entgegenständlichung der Transzendenz des Göttlichen ist beiden religiösen Denkformationen gemeinsam. Sofern sie sich nur recht verstehen, wissen sie: Würden sie die Transzendenz gegenständlich denken, dann würden sie diese in die Immanenz der Welt und ihrer Erfahrungsdinge hineinziehen!

Die Differenz zum Buddhismus sehe ich darin, dass im Christlichen mein Weg in die Transzendenz, zum Göttlichen, letztlich wieder zu mir selbst zurückführt, mich mir näher bringt, als ich mir in der reflexiven Selbstbeziehung je kommen könnte. Denken wir an Augustins Confessiones, die „Bekenntnisse“. In der Besinnung auf sich selbst und sein Dasein in der Welt findet der große, von der platonischen Philosophie tief beeinflusste, christliche Theologe zu dem Spitzensatz: „Unruhig ist, Gott, mein Herz, bis dass es Ruhe findet in Dir!“. Oder denken wir auch an den Theologen im NAZI-Widerstand, Dietrich Bonhoeffer, mit seinem Gedicht, verfasst 1944 in der Gefängniszelle in Tegel. Es beginnt mit der Frage „Wer bin ich“ und endet nach langer Suche mit dem Bekenntnis: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott, wer ich auch bin, Du weißt es, oh Gott!“

Anders läuft es, wenn ich es recht verstehe, im Buddhismus. Dort geht es nicht um die Erfahrung, dass sich mir die unbegreifliche Einheit der Wirklichkeit – und damit der Sinn und die Bestimmung meines eigenen individuellen Daseins in ihr – auf dem Wege meditativer Selbstversenkung erschließt. Es geht im Buddhismus vielmehr darum, dass ich frei werde von mir selbst und damit auch all dem, worauf mein Begehren geht, was mich an diese Welt bindet, in Freude und Leid. Dass in all den weltlichen Dingen nicht die letzte, alles bestimme Wirklichkeit liegt, somit auch nicht das, was über meine Lebenserfüllung entscheidet; sondern diese alles bestimmende Wirklichkeit liegt in dem, das unendlich über mich selbst hinaus ist. Diese Erkenntnis ist es, so scheint mir, worauf der Buddhismus hinaus will. Selbstauslöschung ist es wohl, was der Buddhist von der „Erleuchtung“ im „Nirwana“ erwartet.

Was für die eine und was für die andere religiöse Lebensdeutung spricht, welche rationalen Argumente sich für den einen oder den anderen „Glauben“ aufbauen lassen, was lebensführungspraktisch aus dem einen oder dem anderen Konzept folgt: Ich vermute, an diesen Themen sind durchaus viele Menschen, auch Christen, interessiert, auch auf dem Kirchentag im Mai in Berlin!

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon



Glauben und Wissen: Getrennt und doch verbunden. Zum Religionsphilosophischen Salon am 31. 3. 2017

3. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Hinweise und Thesen von Christian Modehn, vorgetragen im Religionsphilosophischen Salon am 31.3.2017.

1. Wer sich mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen philosophisch befasst, verirrt sich nicht etwa in „abstrakte Reflexionen“, die man gern irrelevant und lebensfern nennt.

Wir reden vielmehr vom Zusammenhang von Glauben und Wissen aus lebens-praktischen Interessen. Denn es geht bei dem Thema um die Frage: Wie gelangen wir in ein Leben, das möglichst frei ist von „inneren“, also geistigen Widersprüchen, etwa zwischen einer Praxis des Wissens und einer Praxis des Glaubens.

Im Blick auf die Geschichte ist klar: Viele religiös Glaubende haben diesen Widerspruch zwischen ihrem Glauben und ihrem wissenschaftlichen Wissen förmlich gesucht und gepflegt. Zu ihnen gehört etwa der Mathematiker und hochbegabte Erfinder Blaise Pascal (1623 – 1662), der seine Wissenschaft total von seinem Glauben trennte; der von einer Art Privatoffenbarung überzeugt war (am 23. Nov. 1654, passierte sein mystisches Ereignis; das „Memorial“ nähte er sich in seine Jacke ein). Pascal glaubte an einen Gott jenseits aller Vernunft, nur dieser Gott zeige sich „als Gott der Liebe und des Trostes“. Er betonte einen totalen Bruch zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott des christlichen Glaubens.

Diesen Bruch halte ich philosophisch (und theologisch) gesehen für falsch. Der Mensch ist nicht gespalten in Denken (Gott denken) und Fühlen (Gott fühlen).

2. Wenn wir Glauben als eine allgemeine, menschliche Haltung verstehen, wird deutlich:

Wir bewegen uns ständig in Glaubensformen, im vor-religiösen Sinne gemeint, etwa: “Ich glaube, mein Freund besucht mich morgen“. Das ist auch eine schwache Form von Wissen. Oder die Wissensform, noch vor-wissenschaftlicher, unbewiesener Art, etwa: „Ich weiß nach zwei Konsultationen, dass dieser Arzt kompetent ist“. Handelt es sich dabei nicht auch um den Glauben, dass dies in Zukunft auch so bleibt? Glauben und Wissen gehen ineinander über in der Alltagspraxis.

Von daher ist eine philosophische Analyse und dadurch eine tiefere Bestimmung von Glauben und Wissen geboten, als Lebensformen, in denen wir uns ständig, immer schon, bewegen. Philosophie zeigt sich bei diesem Thema einmal mehr als Reflexion des von uns „Immer-Schon- (unthematisch) Gelebten und eben dann als sprachliche Thematisierung dieser Inhalte und Strukturen.

3. Philosophie kann niemals populäre, also fest verwurzelte Gegensätze auf sich beruhen lassen, etwa den geglaubten Gegensatz von „Frieden und Krieg“ (aber: „Wie viele Kriege gibt es im Frieden ?“) oder „Liebe und Hass“ oder „Leben und Tod“ (wie viele Abschiede aller Art, Formen des Todes, haben wir im Leben nicht erfahren?) usw.

So kann Philosophie auch nicht den angeblichen Gegensatz von Glauben und Wissen einfach erhalten wollen. Philosophie muss zudem fragen: Wer hat Interesse daran, dass dieser abstrakte Gegensatz fortbesteht, bei dem heutzutage oft unterstellt wird: Wissen ist doch viel besser und wertvoller als Glauben. Das meinen bestimmte Kreise eines zweifellos heute vorhandenen militanten Atheismus, über den sehr viel weniger gesprochen wird als über den genau so unsinnigen militanten unreflektierten religiösen Glauben.

Es gibt jedenfalls auch die oft akzeptierte Behauptung: Religiöser Glauben ist viel besser als Wissen. Das meinen bestimmte Kreise des dogmatischen Fundamentalismus in den drei monotheistischen Religionen. Sie folgen unmittelbar den religiösen Weisungen ihrer religiösen Bücher, verfasst etwa 650 nach Chr. (Koran) bzw. 80 nach Christus (NT) und 600 vor Christus (Hebräische Bibel).

4. Wir leben also immer schon in allgemeinen, also in noch-nicht-religiösen Formen des Glaubens. Diese von uns oft selbstverständlich hingenommene und unreflektierte Glaubensform lebt ständig im Alltag. Dieser Glaube wird als Vertrauen erlebt, also etwa als unbegründete und beinahe selbstverständliche Zuversicht gegenüber einem Menschen, den man als gut erlebt und ihm deswegen glaubt. Als Zuversicht, dass der nächste Tag gelingt und vielleicht das ganze weitere Leben. Vertrauen und Zuversicht als oft unreflektierte Annahme von gründendem Sinn im ganzen ist als Glaube im Alltag vorhanden. Das ist die Basis des menschlichen Zusammenseins in der Gesellschaft. Dieser allgemeine Glaube (dieses Ur-Vertrauen) kann erschüttert werden, kann aber auch wieder „aufgebaut“ werden.

5. Ist im Wissen und in der Wissenschaft eine Glaubens-Haltung immer schon anwesend? Tatsache ist:

Glauben bzw. zuversichtliches Vertrauen halten das forschende Wissen auf Dauer lebendig. Sie sind so etwas wie die innere Dynamik, der geistige Atem, im Forschen, ohne die Forschen nicht gelingt. Wir glauben als Forscher, dass wir später durch die Forschung mehr und besser sehen und verstehen. Man denke an den Glauben innerhalb der medizinischen/pharmakologischen Forschung, tatsächlich nach langen Mühen ein besseres Medikament zu finden usw. Darin zeigt sich unthematisch auch ein Glauben an eine gute und bessere Zukunft der Menschen, wenn nicht der Menschheit. Mit diesem universalen humanen Glauben ist kein dummer Fortschrittsglaube gemeint, der da behauptet: Alles (man meint die Technik) wird immer weiter entwickelt und damit alles immer besser. D.h. zusammenfassend: Ohne eine Art zuversichtlichen Glauben gibt es kein geistvolles wissenschaftliches Leben. „Der allgemeine Glauben ist die Generalbedingung bewussten Lebens“, (Gerhardt, Glauben und Wissen, Reclam 2016, S. 45).

6. Auch im Glauben ist Wissen immer anwesend. Dabei verstehen wir Wissen immer als Vernunft, also als Kritik, als kritisches und selbstkritisches Reflektieren, als Aufklärung im philosophischen Sinne. Auch schon der allgemeine und alltägliche Glaube hat eine bestimmte Wissens-Form, er sagt sich in Sätzen aus, er sucht Kommunikation, er will den Widerspruch, will sich begründen. Die Alltagspraxis ist nie sprachlos, auch wenn oft unvernünftige ideologisch verblendete Thesen behauptet werden.

7. Zur wechselseitigen Beziehung von religiösen Glauben und dem Wissen. Es gibt Formen des Wissens, die sich als Wissen selbst deuten und so propagieren, tatsächlich aber Glaubensformen sind. Man denke an den Marxismus-Leninismus, als von den kommunistischen Herrschern definierte Wissenschaft, die zum Kommunismus führt durch die Lehre von der Dialektik oder der führenden Rolle der KP als dem Inbegriff des Wissens usw. In dieser sich wissenschaftlich gebenden Ideologie wurde letztlich ein Glaube (an den Weg zu Sozialismus und Kommunismus, durch die Partei geführt) als Wissenschaft ausgegeben und durch diesen Glaube wurden andere religiöse Glaubenshaltungen (etwa Kirchen) verdrängt und verfolgt. (Siehe etwa Michail Ryklin, Kommunismus als Religion, Frankfurt am Main, 2008). Auch der Positivismus eines Auguste Comte gab sich als Wissenschaft, mit der zu glaubenden Behauptung, dass Religion und Metaphysik als Haltungen von einst überwunden und beiseite gelegt sind und nun die positive Wissenschaft siegreich alles bestimmt. Ideologien geben sich gern als Wissenschaft. Auch der Faschismus hat mit einer angeblichen „Rassenlehre“ sich wissenschaftlich gegeben. Warum? Sicher auch, weil die Ideologen meinten, mit der Behauptung Wissenschaft zu sein, mehr Erfolg bei den Menschen zu haben. Diese glauben eben den angeblichen Wissenschaften eher…

8. Es gibt auch heute die Tendenz, Naturwissenschaft so zu verstehen, als ersetze sie als Naturwissenschaft eine in dieser Sicht völlig überholte religiöse Glaubenshaltung. Somit wird eine neue Ideologie geschaffen, die freilich nichts anderes ist als eine bestimmte Glaubens-Haltung. Da wird etwa durch Richard Dawkins und andere argumentiert: Naturwissenschaftliche Erkenntnis von heute widerlege als solche den (angeblich immer alten und deswegen veralteten) religiösen Glauben an Gott. Diese These ist als Ideologie zurecht zurückgewiesen worden, schon aufgrund der schlichten Erkenntnis, auf die schon Wittgenstein und andere umfassender als Dawkins reflektierende Denker hinweisen: Naturwissenschaft als Naturwissenschaft kann niemals letzte Sinnfragen, also auch religiöse Fragen, beantworten. Das ist einfach nicht ihr Thema. Ein Beispiel: Von Maschinenbauern als Maschinenbauern erwartet man auch nicht die Schaffung von Kunst-Skulpturen. Also: Atheismus lässt sich rein -naturwissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen.

Hingegen stellen sich Naturwissenschaftler als denkende Menschen, also ansatzweise dann als Philosophen, durchaus manchmal noch die Frage: Was darf ich –ethisch betrachtet – als Naturwissenschaftler erforschen? Ist etwa die Verbesserung der Atombomben auch ethisch noch vertretbar? Naturwissenschaftler, dann als umfassend denkende Menschen verstanden, gelangen also ins ethische Philosophieren, das bekanntlich nach Kant durchaus in Dimensionen eines vernünftigen religiösen Glaubens führen kann. Aber es ist nicht die Naturwissenschaft als Naturwissenschaft, die für oder gegen den religiösen Glauben spricht.

Heute erleben wir wieder die Sprüche: „Wenn die naturwissenschaftliche Forschung einmal begonnen hat, ist sie nicht zu stoppen“, jetzt etwa im Blick auf radikale Verlängerungen der Lebenszeit der (sehr wohlhabenden) Menschen formuliert. Diese wollen gern 150 Jahre und mehr gesund leben, die Forscher setzen alles dran, dies technisch-pharmakologisch zu erreichen. Angeblich weil „die Forschung“ (ist diese ein handelndes Subjekt, doch wohl nicht) nicht zu stoppen ist. Solche Sätze sind die Ideologie der Konzerne, die diese Forschung als Profit betreiben. Forschung lässt sich durchaus stoppen, wenn sich herausstellt, dass es für die Menschheit dringendere Aufgaben gibt: Etwa das Hungersterben von Millionen Jahr für Jahr zu stoppen, also strukturell zu überwinden. Hinter der totalen Freiheit der Forschung verbirgt sich eine Ideologie der reichen Welt, die sich nur um sich selbst kümmert, aber das gerechte humane Projekt völlig aus den Augen verliert…

Heute wird von verblendeten Machthabern, wie etwa von Mister Trump, aller wissenschaftlichen Erkenntnis zuwider behauptet: Der zunehmende CO2 Ausstoß gefährde das weltweite Klima nicht. Man sieht: Aus einer ideologischen, politisch bedingten Haltung wird auch heute ein irriger Glaube als Wissen propagiert. Wie etwa auch das Grundbekenntnis der neoliberalen Wirtschaftsunordnung: „Der so genannte freie Markt reguliert sich selbst, und wie von unsichtbarer Hand, an die man glauben soll, wird alles zum Besten aller geregelt“. Dass dabei zunächst die Reichen immer reicher werden, möge man glauben. Genauso wie: Die Gerechtigkeit für die Armen kommt später, viel später. Vielleicht. Es muss also die Glaubenshaltung (als Ideologie) inmitten des Wissens und der Wissenschaft freigelegt und geistig bekämpft werden.

9. Wie steht es mit dem Übergang vom religiösen Glauben ins Wissen? Religiöser Glaube, etwa im Judentum, Christentum und Islam stellt sich immer in Sätzen dar, als sprachliche Formulierung, als von religiösen und politischen Herrschern vorgegebene Dogmen. Dabei bezieht man sich auf mündliche Offenbarungen und heilige Bücher, diese werden dann als angeblich ewige Dogmen fixiert.

Nur ein sich selbst NICHT reflektierender Glaube kann die Inhalte dieser Offenbarungen und der heiligen Bücher als gültiges Wissen ungeprüft und ohne weiteres annehmen.

Es ist hingegen unvernünftig und damit für eine selbstkritische und reife Lebensgestaltung ausgeschlossen, wenn etwa aus der Lehre der Bibel von der Weltschöpfung in sechs Tagen als Wissen gefolgert wird: Also halten wir uns auch als Wissenschaft an diese religiöse Mitteilung, dass Welt und Mensch in sechs Tagen geschaffen wurden.

Hingegen gilt: Die besondere Qualität der religiösen Texte als Poesie (!) muss anerkannt werden. Es ist immer notwendig, diese Texte wissenschaftlich, also historisch-kritisch, zu lesen und zu verstehen und dadurch den Inhalt zu relativieren. Das Wissen und die Vernunft erkennt die besondere Qualität der religiösen Texte.

Nebenbei, aber sehr wichtig: Es gibt in den christlichen Konfessionen immer noch die Anerkennung wortwörtlich übernommener Bibel-Sprüche, etwa im Vatikan das Wort Jesu „Du bist Petrus der Fels und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen…“, aus diesem Spruch wird im Vatikan abgeleitet, dass alle Päpste Nachfolger Petri sind, also dem ausdrücklichen Willen Jesu entsprechen. So wird Jesus von Nazareth zum Kirchengründer und Förderer des Papsttums, inklusive der vatikanischen Paläste und der Glaubensbehörden (Inquisition). Andere Sprüche dieses Jesus von Nazareth werden im Vatikan hingegen niemals wortwörtlich übernommen, weil sie den vatikanischen Machttrieb stören, etwa der Spruch „Nennt euch nicht Meister… Der erste sei der Diener aller usw.“

Der Glaube bleibt also nur lebendig und menschlich „vertretbar“, wenn er vernünftige Kritik fördert und zulässt.

Man denke an die Hexenverfolgungen. Diese wurden nur beendet durch die Durchsetzungskraft der Vernunft! Der authentische religiöse Glaube etwa des Christentums wurde immer von der Vernunft gerettet. Friedrich von Spee SJ, der große Feind der Hexenverfolgungen, sagte: „Dienen wir der Gerechtigkeit, folgen wir der Vernunft. So haben wir keine Hexen mehr zu verbrennen“. Friedrich von Spee kämpfte gegen verrückte staatliche und kirchliche Lehren seiner Zeit. Er hat allein aus seinem Gewissen heraus gehandelt.

10. Wenn also im Wissen Glaubenshaltungen anwesend sind und der religiöse Glaube sich selbst als Wissen präsentiert: Die entscheidende Frage ist, noch einmal formuliert: Was ist das Kriterium, um im Wissen den möglicherweise berechtigten Glauben und im religiösen Glauben das möglicherweise berechtigte Wissen zu erkennen?

Diese Leistung der Unterscheidung kann selbstverständlich nur das Wissen sein, also die Kritik, die Aufklärung, die Reflexion. Wenn der religiöse Glaube sich selbst korrigiert, ist dies tatsächlich eine Leistung des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens. Alle Glaubens-Reformation ist also Ergebnis des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens, also handelt es sich nicht etwa um eine wunderbare Einsicht! Ohne Vernunft kein menschenwürdiger religiöser Glaube, das ist das gültige Prinzip auch für religiöse Menschen.

11. Ist Kritik und Wissen das entscheidende Kriterium, das auch im Feld des Religiösen tätig ist: Dann gilt das auch im Bereich der Esoterik. Also der subjektiven inneren Erlebnisse, in denen etwa jemand meint: Dieser oder jener Quarzstein mit seiner Ausstrahlung sei gut, um schlanker zu werden. Das kann man als einzelner zweifellos glauben, obwohl der Übergang in Wahnzustände überprüft werden sollte; die Vernunft wird nur dann zum Einsatz kommen, wenn nun der einzelne Quarz-Stein-Freund in der Öffentlichkeit überall (auf Kosten des Steuerzahlers) Quarzsteine aufstellen möchte oder so. Ich hätte viel heftigere Beispiele eines in meiner Sicht religiös esoterischen Wahns bringen können, die kennt jeder aus seinem Umfeld. Esoterik kann auch die großen Religionen bestimmen: Man denke an den Wunderglauben in der katholischen Kirche bis heute, wenn man etwa Marien-Erscheinungen in Fatima (1917 !) verehrt werden und die Gips-Madonna von dort durch die Straßen geschleppt werden, wie kürzlich in Berlin-Spandau geschehen. Die Präsenz der Madonna soll wirken und helfen. Glaube wird da zum offiziell geförderten Aber-Glauben. Und diesen Aberglauben als Aberglauben erkennt nur die freie Vernunft.

12. Ohne Vernunftkritik auch im religiösen Glauben ist alles im religiösen Glauben beliebig und verschwommen und deswegen nicht relevant. Ohne Vernunftkritik ist alles, auch im Glauben, nichts.

Aber Vernunft ist auch nicht alles, sie ist nicht das ganze Leben. Sie ist nicht Musik, Kunst, Liebe usw. Das Leben ist als Erleben mehr als Vernunft. Keine Frage! Aber Musik, Kunst, Liebe, Engagement, Mitgefühl usw. haben in sich selbst, förmlich wie eine immer begleitende Hintergrund-Musik, die stets unthematisch anwesende Vernunft. Sie allein ist in der Lage, Musik, Kunst, Liebe, Engagement usw. für einen selbst und für andere zu mehr Klarheit zu bringen und mit anderen darüber ins Gespräch zu treten. Bekanntlich sprechen wir hilflos oft von Erlebnissen der Musik, Kunst, Liebe, aber wir sprechen und bedienen uns dabei der Sprache, die alle verstehen, also in der Sprache der Vernunft.

13. Mir ist es wichtig, in dem Zusammenhang eine grundsätzliche Korrektur am üblichen Glaubens-Begriff innerhalb der christlichen Theologie vorzuschlagen.

Der religiöse Glaube findet bekanntermaßen auch deswegen im Augenblick wenig Respekt, weil religiös Glaubende zu viel religiösen Unsinn verbreiten und weil Religionen als fundamentalistisch-gewalttätige Organisationen sich machtvoll gebärden. Viele erleben Religionen und Kirchen einfach als unsympathisch.

Entscheidend ist: Der größte Fehler ist, wenn religiöser Glaube von Theologen, vor allem aus dem klassischen, „orthodoxen“ evangelischen Umfeld, als so genannter blinder und mutiger „Sprung“ in die göttliche Wirklichkeit hinein verstanden und propagiert wird. Dieses stark dominierende Erbe der dialektischen Theologie („Glauben heißt Augen zumachen und den Verstand stilllegen, also Springen) halte ich für verheerend. So wird der religiöse Glaube zur Sache einiger dummer Mutiger, der Unreflektierten oder der besonders Begnadeten: Sie haben halt die Gnade, in Gott hinein zu springen. Dadurch wird der religiöse Glaube zu einer Sache, die den selbstkritischen Menschen gar nicht mehr berührt. Gott wird zum Thema für einige Erwählte, eine Tradition, die beim alt gewordenen Augustinus ihren Ursprung hat, wahrscheinlich schon im Glaubensbegriff des Paulus.

Unsere Meinung ist: Wenn Gott zum Menschen „gehört“, muss er sich auch im menschlichen und das heißt beim Menschen eben im geistvollen, also vernünftigen, Leben zeigen. Gott gehört zum Menschen als Menschen, selbst wenn faktisch viele Menschen keinen religiösen Glauben „haben“. Sie sind „Atheisten“ in Anführungszeichen, weil sie ganz entscheidend nur Kirchen und religiöse Organisationen erleben, die schlicht und einfach eher abstoßend sind, und darin haben diese „Atheisten“ recht. Sie sind aber keine Atheisten, weil sie selbstverständlich wie alle Menschen einen absoluten Mittelpunkt in ihrem Leben haben, dem sie alles opfern, Zeit, Geld, Energie, etwa Sport, Musik, Geldverdienen. Dies sind alltägliche Götter nicht nur der „Atheisten“.

14. Ich schlage dringend vor, gerade im Reformationsgedenken: Wir sollten, viel stärker das Johannes Evangelium und die johanneische Theologie respektieren. Diese Position von Glauben als einer Form des Wissens wird meines Erachtens von der in den Kirchen, besonders der protestantischen Kirche, nicht viel beachteten Tradition des JOHANES gepflegt. Bisher folgen die Kirchen viel zu sehr dem Modell des paulinischen Denkens, auch Luther dachte offenbar sehr paulinisch.

Ich nenne nur einige schöne Zitate aus dem Kreis der „Johannes Schule“, die ansatzweise deutlich machen, das Glauben an Gott und Glauben an Christus WISSEN ist:

1 Joh. Brief 3, 14. „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben“.

1 Joh 5, 19: Wir wissen, wir sind aus Gott. Wir wissen, der Sohn Gottes ist in die Welt gekommen…“

Auch im Joh Ev 3,2 Nikodemus: Wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist“.

Der religiöse Glaube muss also auch im Sinne des Johannes Evangeliums definiert werden.

Glauben ist dann kein bloßes Fürwahrhalten von irgendwelchen möglicherweise obskuren Sätzen und Behauptungen. Glauben ist: Ein vertrauensvolles Wissen, ein Wissen ganz eigener Art, ein bewusstes Bezogensein auf einen Sinn stiftenden transzendenten Grund; also das Wissen von einem absoluten Sinnhorizont, in dem wir immer schon stehen. In dieser Haltung ist kein naiver Glaube mehr enthalten, sondern ein wirkliches Wissen. Es ist natürlich kein naturwissenschaftliches Wissen, aber ein Wissen, wie wir es im geistvollen Miteinander kennen, ein Wissen, das wir im Erleben der Kunst, der Liebe, in der Empathie usw. spüren und zu Wort bringen.

Damit plädiere ich für eine VIELFALT der Formen des Wissens. Wissen ist niemals nur naturwissenschaftliches Wissen. Wissen ist auch Bezogensein auf das Unendliche.

Aber der Mensch ist immer frei, sich zu dieser Erkenntnis auf eigene Art, frei, zu verhalten. Ich kann ja auch in einer aus dem Vertrauen gewonnenen Erkenntnis, dass mich dieser Mensch liebt, mich frei, zustimmend oder ablehnend, verhalten.

Es wird oft behauptet: Wenn Glaube auch eine bestimmte vertrauende Wissens-Form ist, dann verliert er seinen freien und möglicherweise gnadenhaften Charakter. Das ist in meiner Sicht nicht so: Ich kann mich zu meinem wissenden Glauben, immer kritisch reflektiert, auch frei verhalten. Ich kann die Annahme dieser anderen Wirklichkeit (Gott) als Geschenk, Gnade, erleben, die aber niemals ohne mein eigenes Bemühen, auch im Nachdenken, erreicht wird.

15. Wird der Glaube selbst als eine selbstkritische Wissensform erlebt und auch so bestimmt: Dann ist es nicht mehr möglich, alles Beliebig-Mögliche und Unwahrscheinliche dann noch „Glauben an Gott“ zu nennen. Denn dann kritisiert und korrigiert meine selbstkritisch reflektierende Vernunft meinen eigenen Glauben: Ich kann nicht mehr Wahnhaftes (Glauben an Hexen etwa) behaupten, von Jungfrauen schwärmen, die mich im Paradies erwarten; nicht mehr an Marienerscheinungen glauben, die in Fatima nur sichtbar waren den drei Hirtenkindern usw.

Der Glaube als Wissensform verliert dann seinen mysteriösen und esoterischen Charakter. Er wird inhaltlich einfach, man könnte sagen nackt, er legt immer mehr Kleider ab, um sich ganz auf das Wesentliche zu beziehen: Die Bindung und Verbindung an eine göttliche Wirklichkeit. Und das Wissen als vertrauendes Wissen gilt: Wenn die Welt und die Menschen von einer absoluten Wirklichkeit her stammen, die die Evolution in Gang setzte und als solche schöpferisch ist: Dann ist diese göttliche Wirklichkeit in mir und in jedem Menschen auch lebendig.

16. Daraus ergibt sich eine enge innere (!) Verbindung von Mensch und Gott, von Ich und Gott. Es ist dieses Erlebnis der Einheit, die allein wichtig ist. Da wird dann die Kirche nicht mehr so wichtig, sie ist ein Ort, in dem religiöse Menschen in der Unterschiedlichkeit miteinander sprechen und sich ermuntern, weiter zu wachsen auf diesem Weg.

17. Zusammenfassung der These: Es gilt, den religiösen Glauben der Christen zu befreien von der engen, bloß gläubigen, also nicht auch wissenden, also nicht auch selbst-kritischen Haltung. Christlicher Glaube an Gott ist eine Form des Wissens, des kritisches Wissen, des kritischen vertrauenden Wissens! Es gilt die verschiedenen Wissens-Formen zu entwickeln. Die göttliche Wirklichkeit ist als göttliche Wirklichkeit niemals zu umgreifen und zu definieren. Das heißt: Menschen können Gott nur berühren. Mehr nicht. Und Gott berührt dabei den Menschen. Das ist, wenn man das Wort will, das Geheimnis des Lebens.

Mehr brauchen die Menschen nicht. Die Kirchen haben das zu pflegen und zu feiern, im Fest, im Mahl und in der Solidarität. Und immer wieder zu besprechen. Mehr ist nicht not-wendig.

Einige Anregungen verdanke ich der Studie von Volker Gerhardt, „Glauben und Wissen“, Reclam 2016.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Zweifel und Skepsis müssen zweifelnd und skeptisch gesehen werden. Zum neuen Heft „Philosophie Magazin“ (1. 4.2017)

31. März 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat schon oft das „Philosophie Magazin“ aus Berlin empfohlen. Die neue Ausgabe (April/Mai 2017) ist nicht nur für – im engeren Sinne – philosophisch Interessierte wichtig, wer ist das auch bei der Weite der Philosophie… sondern eben für alle, die tieferes Nachdenken, Selbstkritik, Gesellschaftskritik leben und gestalten wollen. Das Heft bietet mehrere Beiträge zum Zweifel und zur Skepsis, als einer Haltung, die in Zeiten der ständig verbreiteten Lügen (diplomatisch verschleiernd „postfaktische Wahrheiten“ von den politisch mächtigen Herren der Definitionen genannt) förmlich zur Lebenshilfe werden kann. Dabei betont Chefredakteur Wolfram Eilenberger gleich am Anfang: Skepsis wehrt sich gegen Dogmatismus, aber auch „gegen die zersetzende Kraft eines totalen Skepizismus und der moralischen Beliebigkeit“ (S.3). Man wird wieder die Vielfalt der Themen, auch die Buchbesprechungen, mögen, die das Heft bietet. Diesmal finde ich besonders wichtig, dass aus dem ganz neuen Buch des Chefredakteurs des französischen „Philosophie Magazine“ (Michel Eltchaninoff) „Dans la tete de Marine Le Pen“ (2017) einige Passagen übersetzt sind. Deutlich wird, wie Marine Le Pen aus taktischen Gründen die heftige antisemitische und rassistische Sprache ihres Vaters, des Parteigründers Jean – Marie Le Pen, vermeidet; aber im ganzen doch eine radikale Anti-Muslim Position vertritt, ganz abgesehen von der Drohung, im Fall ihrer Wahl aus der EU auszusteigen.  Ihr Gerede vom ewigen Frankreich und der Nostalgie von der großen Nation folgen leider viele, darunter auch zunehmend Katholiken. Und die angeblich gut-bürgerlichen „Républicains“ (Francois Fillon und co) haben längst etliche Sprüche von Marine le Pen übernommen! Zum Thema Zweifeln bietet das Heft ein Essay und einen Hinweis auf die Geschichte des Denkens: Pyrhon,Descartes, Hume… Es sind Hinweise, wie wir trotz der not – wendigen Zweifel nicht den (geistigen) „Boden“ unter den Füßen verlieren. Sehr wertvoll und bestens für Gruppengespräche geeignet ist der Beitrag von Philipp Hübl „Wege aus der Verwirrung“, der u.a. dumme Sprüche von Mister Trump auseinandernimmt, etwa „Alles ist letztlich Ansichtssache“ (S. 52). Auf Mister Trump bezogen ist auch ein längerer Beitrag über den nun wieder hoch aktuellen George Orwell und seinen Roman „1984“. Das leider zu kurze Interview mit Noam Chomsky zu lesen ist ein Vergnügen, und hoch interessant, wie dieser universal gebildete Sprachphilosoph den klassischen „Gedanken einer menschlichen Natur“ verteidigt: „Wir sind weder Affen noch Katzen noch Stühle, also haben wir eine Natur, die uns unterscheidet. Wenn es keine menschliche Natur gäbe, gäbe es auch keinen Unterschied zwischen mir und einem Stuhl, eine absurde Vorstellung“ (S. 72). Bleibt zu hoffen, dass sich etliche „Naturalisten“ und solche, die permanent behaupten, „der“ Mensch sei „ein Tier“, diese Zeilen bedenken. Für uns am meisten inspirierend ist das Interview mit Lorraine Daston und Georg Mascolo über „Welchen Fakten können wir trauen?“. Man kennt ja die Sprüche, dass der Klimawandel halb so schlimm sei und noch viel mehr geforscht werden müsse, ehe man zu einem abschließenden Urteil kommen könne. Hingegen gilt: „Strategische Skepsis kann auch zu Zwecken der Gegenaufklärung genutzt werden“, sagt Lorraine Daston, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut. Im ganzen also erneut: Dieses Heft sollte niemand übersehen und verpassen….

copyright: Christian Modehn



„Ich selbst bin auch der andere“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

26. März 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Weiter Denken

„Ich selbst bin auch der andere“

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

„Andere“ Menschen – als „die Fremden“ vor allem – werden heute in vielen Staaten und Gesellschaften als Bedrohung erlebt. Dies kann man durchaus als die tiefste geistige Krise der Gegenwart betrachten: Man möchte „die anderen“ ausgrenzen und vertreiben. Populismus, „mein Land zuerst“ und Rassismus sind der politische Ausdruck dieser Haltung. Sie hat gewiss auch ökonomische Ursachen. Wie aber lässt sich argumentativ zeigen, dass die Zurückweisung der anderen und Fremden unser eigenes Leben selbst beschädigt?

Im Sommer 2015 waren wir positiv überrascht, angesichts der verbreiteten „Willkommenskultur“ in Deutschland. Wir beide haben damals auch einige Gespräche geführt und in der Reihe „Weiterdenken“ publiziert. Dabei ging es uns vor allem um 2 Dinge. Zum einen, dass die große Bereitschaft zur Aufnahme der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein Gebot der Menschlichkeit ist. Wir haben uns dessen versichert, dass in einer Weltlage, in der so viele Menschen vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit über die Balkanrute bzw. das Mittelmeer ins wohlhabende und politisch gefestigte Europa fliehen, es die Menschenrechte verlangen, Aufenthalts- und nach positivem Ausgang des Asylverfahrens auch Bleiberecht zu gewähren.

Inzwischen haben sich die positive Stimmung und die große Aufnahmebereitschaft vom Sommer 2015 verflüchtigt oder fast gar in ihr Gegenteil verkehrt. Die „Willkommenskultur“ wurde durch eine Politik der Abschottung ersetzt. Der zunächst vorherrschenden Aufnahmebereitschaft treten die Angst vor den Fremden, den ethnisch, kulturell und religiös anderen entgegen. Statt den Migranten mit offenen Händen und Herzen zu begegnen, greifen in vielen Ländern des „Westens“ Kulturrassismus, Xenophobie, Islamophobie und Homophobie um sich. Es scheint eine Wende auch im Innern sich zu vollziehen, ein erneuter Wertewandel, der von den liberalen Freiheitswerten einer offenen Gesellschaft wegführt.

Wie soll man sich das erklären? Plötzlich diese verbreitete Akzeptanz einer Rhetorik der Abgrenzung und Ausgrenzung, der Verunglimpfung von Minderheiten, der Missachtung anderer Ethnien, Religionen und Kulturen! Wie kommt es, dass dies alles auf einmal wieder so viel Zustimmung findet, in allen Schichten der Bevölkerung?

Soziologische Studien haben herausgefunden, dass es nicht stimmt, was zunächst vielfach behauptet wurde, dass die sozial Benachteiligten und Abgehängten den – beschönigend „Populisten“ genannten – Rechtsradikalen auf den Leim gehen. Fremdenhass und rassistische Vorurteile stoßen bis in die bürgerliche Mitte hinein auf Resonanz. Ich erlebe es im eigenen Bekanntenkreis. Der Kulturrassismus ist gewissermaßen hoffähig geworden. Selbst einige ansonsten durchaus seriöse Politiker, Journalisten und Intellektuelle suchen nicht nur Erklärungen für dieses Phänomen, sondern liebäugeln mit dessen Rechtfertigung.

Dabei müsste eigentlich allen klar sein, dass die Ausgrenzung der Fremden und erst Recht die pauschale Zurückweisung von Asylsuchenden einer eklatanten Verleugnung des aufgeklärten Menschenrechtsdenkens gleichkommt. Viele glaubten, auch ich, dass das Wissen um die ungeheuren Verbrechen, zu denen der antisemitische Rassismus geführt hat, ähnlichen Entwicklungen für immer Einhalt zu gebieten in der Lage sei. Schließlich ist die UN-Charta von 1948 mit ihrer Erklärung der Menschenrechte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gräuel auf den Weg gebracht worden.

Doch offensichtlich ist das schon wieder zu lange her oder es ist die Rede von der „Einzigartigkeit“ dieses Verbrechens zu oft und unbedacht wiederholt worden, so dass eine gewisse Blindheit gegenüber ähnlichen Entwicklungen, die längst wieder weltweit in Gang sind, eintreten konnte. Dabei haben hierzulande die liberalen Freiheitswerte für die meisten, nicht nur für Minderheiten, enorme Steigerungen an Lebensqualität bewirkt. Aber vielleicht sind auch diese Werte, wie die freie Selbstentfaltung in politischer, ökonomischer, religiöser und sexueller Hinsicht, wie die Gleichheit aller vor dem Gesetz, inzwischen schlicht zu selbstverständlich geworden.

Die Kämpfe, die deren Durchsetzung verlangt haben, werden vergessen und die Schätzung des Gewinns, der darin liegt, dass Menschen nicht mehr wegen ihrer politischen, religiösen oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden dürfen, geht verloren. Die Anstrengungen vor allem, deren es nach wie vor bedürfte, um diese Freiheits- und Gleichberechtigungsrechte zu bewahren und fortschreitend durchzusetzen, geraten aus dem Blick.

Stattdessen fordern viele jetzt wieder die Stärkung angeblich ererbter ethnischer, religiöser und kultureller Zugehörigkeitsgefühle, gilt ihnen die Nation wieder etwas, missbrauchen sie sogar das Christentum als kultureuropäischen Identitätsmarker. Damit befördern sie zugleich die Abgrenzung gegenüber den anderen, denen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft, ihrer Religion, ihrer ethnischen Einweisung nicht dazugehören und nicht dazugehören sollen – es sei denn, sie „integrieren“ sich, sie passen sich an, sich lassen sich „uns“ gleich machen. Das Fremde jedenfalls, das andere gegenüber dem eigenen, es soll verschwinden, und wenn es sich schon nicht wieder vertreiben lässt, möglichst unsichtbar werden. Man hält es nicht aus mit ihm. Dann passiert auch noch ein Terroranschlag und es wird die Angst „vor allen diesen Flüchtlingen“ immer größer. Was aber verbirgt sich hinter dieser Angst? Vom Nationalismus sprach ich schon. Sicher spielt auch ein elementarer Egoismus eine Rolle, verbunden mit der Furcht, den eigenen Wohlstand zu verlieren und die Unfähigkeit, die Freude im Miteinander Teilen zu erleben. Diese Fragen der Ethik sind ein eigenes, dringendes Thema.

Wir möchten an die philosophische Erkenntnis erinnern, die Hannah Arendt formuliert hat: „Ich selbst bin auch der andere!“ Das heißt: Ich erlebe mich in der Reflexion selbst als den anderen, den Befremdlichen, der sich gegenüber seinem Jetzt-Zustand noch anders, besser, entwickeln sollte. Wo aber gibt es noch Raum für diesen inneren Dialog?

Vielleicht ist für diesen inneren Dialog und damit die Verständigung über die eigenen Gefühle deshalb so wenig Raum, weil uns die Freiheitsgewinne zu selbstverständlich geworden sind. Die universalistischen Werte, wie Freiheit, Gleichheit, Menschwürde, wir betrachten sie gewissermaßen als unseren fraglosen Besitz. Sie sind für uns weithin nicht mehr das, was es durch uns selbst zu erkämpfen und zu verteidigen gilt, zudem für die meisten Menschen auf dieser Erde noch längst nicht eingelöst ist. Vergessen scheint, dass es die Werte sind, die für alle Menschen gelten, unabhängig von Ethnie, Rasse, Religion, Sexualität und Gender. Übersehen wird, dass sie uns verpflichten, andauernd, den Anderen und Fremden gegenüber, den Migranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden.

Sich selbst an der Stelle der anderen zu erkennen, den anderen als Teil von sich selbst zu sehen, diese Fähigkeit scheint uns in der Tat weithin verloren gegangen zu sein. Die Erinnerung an die verheerenden Folgen des rassistischen Antisemitismus ist verblasst, ebenso die an Flucht und Vertreibung, wie sie nach 1945 Millionen Deutscher zu Fremden im eigenen Land gemacht haben.

Bei meinem letzten Besuch in Südafrika, im Februar 2017, bin ich auf eine große, vom ANC und der von ihm getragenen Regierung beförderte, von Rundfunk und Fernsehen, dem Internet und den sozialen Medien betriebene Öffentlichkeitskampagne aufmerksam geworden. Unter Berufung auf die sog. UN-Durban-Declaration von 2002 hat die südafrikanische Regierung einen mehr als 60-seitigen „National Action Plan“ (2016-2022) aufgelegt, der dazu aufruft, Rassismus, die Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten, energisch zu bekämpfen. (http://www.gov.za/sites/www.gov.za/files/NAP-Draft-2015-12-14.pdf)

Detailliert wird dargelegt, was in den Jahren bis 2022 in den Schulen, Universitäten und Kirchen, den NGOs und durch alle aktiven Kräfte der Zivilgesellschaft unternommen werden sollte, um dem in der Gesellschaft nach wie vor herrschenden Rassismus, dann aber auch dem zuletzt besonders gewalttätig gegenüber Migranten aus dem ärmeren Norden Afrikas ausbrechenden Fremdenhass entgegenzutreten.

Festgestellt wird, dass Rassismus, Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten ein Problem aller Gesellschaften sei. Es sei jedoch, so heißt es weiter, nun eine ganz besondere Verpflichtung der jungen südafrikanischen Demokratie, für die Verteidigung der universalen Menschenrechte, die Anerkennung der unverletzlichen Würde und die rechtliche Gleichheit aller Menschen, unabhängig von rassischen, ethnischen, religiösen Zugehörigkeiten und sexuellen Orientierungen zu kämpfen.

Ungeheuer lebendig ist in Südafrika immer noch das Wissen um die kaum wieder gut zu machenden Schäden, die der Rassismus und die Angst vor dem kulturell und ethnisch anderen und Fremden in der Gesellschaft angerichtet haben, gipfelnd schließlich in der Politik der Apartheit. Fortdauernd sind die verheerende ökonomische Ungerechtigkeit und die ungleiche Verteilung der Bildungs- und Aufstiegschancen im Land. Dass eine von rassistischen Vorurteilen und der Angst vor dem anderen und Fremden gesteuerte Gesellschaft sich am Ende selbst zerstört, ist in Südafrika so sehr im öffentlichen Bewusstsein präsent, dass eine von der Regierung gestartete Initiative zur Bekämpfung des nach wie vor existierenden Rassismus und der zunehmenden Angst vor den Fremden, auf breite Zustimmung bei vielen Akteuren in den Kirchen und der Zivilgesellschaft stößt.

Die größte Südafrikanische Kirche, die der Methodisten, hat in ihrem theologischen Ausbildungsseminar in Pietermaritzburg gerade ein Forschungs- und Fortbildungsinstitut zur Bekämpfung von Rassismus, Xenophobie und sexueller Diskriminierung eingerichtet: Das „Khoza Mhojo Centre For Social Justice And Transformation“ (http://www.smms.ac.za/khoza-mgojo-centre/)

Nach den konfliktreichen kulturellen Debatten in Europa ist klar: Der aufgeklärte Mensch muss überhaupt keine Angst haben vor Gesprächen mit anderen, Fremden und Befremdlichen. Dialog und Geduld gehören dabei wohl zusammen. Grenzen der Gesprächsbereitschaft sollte man nicht zu schnell ziehen. Wann aber können sie, förmlich als letztes Mittel, hilfreich sein?

Angst vor dem Fremden ist völlig fehl am Platz, das ist klar. Denn die Wahrung und Verteidigung der eigenen kulturellen Identität westlicher Gesellschaften, die die universalistischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde in sich aufgenommen haben, ist nur möglich, wenn eben diese Werte nicht verleugnet oder gar missachtet werden. Allerdings bringt die Behauptung dieser vom Menschenrechtsdenken bestimmten kulturellen Identität auch Verpflichtungen mit sich, für alle, die sich in die von ihm bestimmte Praxis der Anerkennung einbezogenen finden. Das Menschrechtsdenken und seine universalistischen Werte verpflichten auch die, die zunächst als die „Fremden“ begegnen. Ihnen gilt das „Willkommen“. Wir brauchen das Gespräch mit ihnen, ohne das keine Begegnung, kein Kennenlernen stattfinden können. Das führt immer auch zu Auseinandersetzungen und Streit. Nicht alles will uns verständlich oder gar akzeptabel erscheinen. Doch es gilt die Anerkennung der anderen gerade in ihrem Anderssein zu lernen.

Dabei darf die Gesprächsbereitschaft, wie ich meine, so schnell kein Ende finden. Doch es gibt Grenzen. Diese sehe ich erst dort, wo diese Gesprächsbereitschaft von den anderen verweigert wird. Denn dann haben wir es mit einer Haltung zu tun, die die Bedingungen untergräbt, unter denen Offenheit für andere und Fremde möglich wird, die Liberalität im Umgang sogar mit dem uns Unverständlichen gewahrt bleiben kann. Die Grenzen der Freiheit liegen dort, wo diese anfängt, ihre Realisationsbedingungen selbst zu zerstören.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin und Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Das neue Buch von Jörg Lauster: „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“.

20. März 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Ein interessantes Exempel: Die „Liberale Theologie“ und Martin Luther:

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 20.3. 2017

Das Buch ist vom Format her klein, vom Inhalt her groß. Denn es bietet einige entscheidende und für viele sicher neue Anregungen, Luther und das Reformationsgedenken 2017, aus einer bisher kaum beachteten theologischen (nicht so sehr historischen) Perspektive zu sehen bzw. zu kritisieren. Jörg Lauster, Theologie – Professor an der Uni in München, ist der liberalen protestantischen Theologie explizit verpflichtet, einer Perspektive also, die auch für unseren Religionsphilosophischen Salon Berlin wichtig ist. Die zahlreichen regelmäßigen Interviews auf unserer website mit dem ebenfalls „liberalen Theologen“ Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Uni Berlin, sind dafür nur ein deutlicher Beleg, siehe etwa das Interview über die theologischen Grenzen des Kirchentages 2017, klicken Sie hier.

Jörg Lauster geht zurecht davon aus: „Luther war ein Kind einer uns sehr fernen und darum fremden Zeit…. Deswegen ist “Reformation Licht, aber auch Schatten“ (31).

Nur eine „denkende Frömmigkeit und Mut zum Gestaltwandel“ helfen weiter. Das sind keine frommen Sprüche, sondern sie führen zu konkreten Einsichten: Gültig ist der Impuls Luthers: Die Kirche als Institution darf niemals im Mittelpunkt des Glaubens des einzelnen stehen. „Christentum ist mehr als seine kirchlich sichtbaren Erscheinungsformen“ (35). Auch eine gewisse Deskralisierung der religiösen Welterfahrung kann als Folge der Reformation gedeutet werden. Das kritische Denken und die Errungenschaften der Philosophie der Aufklärung gehören wesentlich zum Leben liberal-protestantischen Glaubens. Nur kurz spricht Jörg Lauster ein Problem an, wenn er sagt: „Der Neuprotestantismus weiss sich ebenso der Aufklärung UND der Reomantik verpflichtet, um die Idee eines modernen Christentums realisieren zu können. Wie Aufklärung UND Romantik zusammengehen können, sollte in einer 2. Auflage näher erklärt werden.

Bedauerlich bleibt Luthers Abwehr des Humanismus (und der Philosophie, muss man ergänzen). So bleibt die lutherische Reformation „in ihrem Aufbruch auf halbem Wege stehen“ (29).

Leitend ist für Lauster die Erkenntnis: Die Reformation darf nicht (nur) als ein historisches Ereignis gedeutet werden. Reformation ist vielmehr „ein dem Christentum innewohnendes Prinzip eines ewigen Protests, der im 16. Jahrhundert zu seiner sichtbarsten Gestalt gelangte“ (34).

Von da aus ergibt sich eine Fülle von Vorschlägen für die Reformation der gegenwärtigen Kirchen. Bedauert wird ihr „Anstalts-Charakter“ (37), die Fixierung auf den Selbsterhalt der Kirchen. Der liberale Theologe weiß, dass es andere Formen des Christentums geben muss als die vertrauten und traditionellen (71), das dogmatische Katechismus – Christentum wird zurückgewiesen zugunsten der Achtsamkeit auf die je eigenen religiösen Erfahrungen. Lauster kritisiert eine gewisse Banalisierung des evangelischen Glaubens und der Kuschel-Gottesdienste; er bedauert den Mangel an umfassend kritischer theologischer Reflexion (78 f). Sehr richtig, aber leider wohl unrealistisch, ist sein Vorschlag: „Man könnte 2017 in einem feierlichen Akt den Namenstitel „lutherisch“ aus der Kirchenbezeichnung streichen. Es ist dies einer der wenigen Fälle, in denen eine christliche Kirche den Namen eines Menschen trägt. ein eklatanter Widerspruch in sich selbst“ (83).

Ich meine: Viel wäre schon gewonnnen, wenn wenigstens endlich die unsäglichen Namen evangelischer Kirchengebäude verschwinden würden, wir haben schon dringend gebeten, den Namen „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ oder „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche“ (beide in Berlin) abzuschaffen, selbst auf die Gefahr hin, dass dann eine Häufung von Bonhoeffer – oder Martin Luther King – Kirchen entstände, warum nicht auch einige Oscar – Romero – Kirchen? Die Katholiken in Deutschland wagen solch einen Titel doch nicht, sollen die Protestanten doch vorangehen. Jörg Lauster hat das richtige Gespür, dass irgendetwas Symbolisch – Spektakuläres doch am 31. 10. 2017 passieren müsste: Ein Verzicht auf Kaiser Namen für Kirchen wäre das allermindeste. Wird aber auch nicht passieren, weil die beharrenden bürokratischen Kräfte zu viel Macht und zu wenig Mut haben.

Das neue Buch von Jörg Lauster sollte schnellstens in vielen Gesprächskreisen diskutiert werden. Vielleicht bietet der Verlag Mengenrabatte an? Ich wollte nur etwas die Lust an der Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches wecken….

Bei einer zweiten Auflage würde ich mir noch die Auseinandersetzung mit der Frage wünschen: Wie kann eine liberal-theologische Deutung der Reformation auch das theologische Denken von Thomas Müntzer, dem Erzfeind Luthers, noch ausführlicher (als auf Seite 20 bzw. 28) einbeziehen? Wie also die Gott-Unmittelbarkeit des einzelnen mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit für die Ärmsten vermittelt werden kann; wie also „liberale Theologie“ und lateinamerikanische Befreiungstheologie möglicherweise nur zwei Seiten einer und derselben Thematik sind. Auch das Thema Menschenrechte könnte dann ausführlicher angesprochen werden.

Jörg Lauster, „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“. Claudius-Verlag, München, 2016, 142 Seiten, 12 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Philosophie als Lebenshilfe in turbulenten Zeiten

25. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Hinweise von Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 24.2.2015

Wir haben uns heute wieder ein aktuelles Thema vorgenommen. Die Einsicht heißt: Angesichts des Rechtspopulismus und Nationalismus fast überall in Europa und in den USA erleben sehr viele, dass Idee und Realität der Demokratie immer mehr bedroht sind. Dadurch sehen viele Menschen auch den Sinn ihres eigenen Daseins bedroht.

Welchen Beitrag kann Philosophie leisten für die Rettung und Neugestaltung einer Kultur der Demokratie? Ein weiteres Beispiel: Das Elend so vieler Millionen Menschen im Süden, also in Afrika Asien und Lateinamerika, ist objektiv erschreckend, es berührt aber so wenige. Die Gleichgültigkeit der reichen Welt, vor allem der schamlosen Super-Reichen, gegenüber dem Hungersterben, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Oder will man mit ein paar Spenden tatsächlich eine gerechte Welt aufbauen? Gleichzeitig werden immer mehr Waffen in Europa verkauft, immer mehr Kriege geführt. Das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer wird von den angeblich christlichen Europäern eher distanziert als bürokratisch-politisches Problem behandelt. Diese Welt, so könnte man meinen, ist strukturell „ver-rückt“. Und in dieser Welt sollen wir als Menschen uns als Menschen entwickeln … wie kann das noch gelingen?

Bei all diesen Herausforderungen kann Philosophie nicht unmittelbar, schon gar nicht technisch-praktisch, eingreifen.

Philosophie und damit deren lebendiger Vollzug, das Philosophieren, kann nur grundlegend und sozusagen an der Basis von Geist und Vernunft dem einzelnen und den Gruppen Aufklärung bieten. Philosophie kann prinzipiell von falschem Denken befreien, sofern sich die Menschen noch vom Denken und Korrekturen des eigenen Denkens leiten lassen. Ist die Unkultur massenhafter Verdummung, sorry, noch zu stoppen?

Philosophie ist eine akademische Disziplin an den Universitäten. Philosophie ist aber vom Ursprung in Griechenland her immer auch eine Reflexion auf Lebensformen. Philosophieren selbst ist dann für den einzelnen eine Lebensform. Vielleicht bietet die Reflexion auf diese Lebensform eine Möglichkeit, sich dann deutlicher auch politisch einzusetzen. Darauf hat eindringlich der Philosoph Pierre Hadot in zahlreichen Studien hingewiesen.

Eine Hinweis zu Sokrates (469 bis 399 vor Christus).

Von ihm selbst verfasste Schriften sind nicht überliefert, sein Denken, auch seine Biographie, können wir vor allem aus den Büchern Platons entnehmen. Die Dialoge unter dem Titel Apologie, Kriton und Phaidon sind sicher die bekanntesten Texte, die sein lebendiges Denken mitteilen. Die frühesten Dialoge sind Ion, Laches, Charmides und Euthypron, sie zeichnen in etwa ein Bild des historischen Sokrates….

Für unseren Zusammenhang ist wichtig: Sokrates war philosophisch aktiv in der Öffentlichkeit Athens, vor allem in der Zeit des Peleponnesischen Krieges (431 bis 404). Sokrates lebte in einer Zeit, als die Seemacht Athen gegen die Landmacht Sparta kämpfte. Die demokratische Verfassung Athens blieb zwar weithin erhalten, aber es gab kurze Intermezzi von oligarchischen Regierungen.

Wichtig ist: Sokrates glaubte an einige wenige allgemeine und allgemein gültige und verbindliche Erkenntnisse als Lebenswahrheiten. Er war von einer unbedingten Gültigkeit einer ethischen Praxis überzeugt: „Besser ist es Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun“.

Sokrates wehrte sich gegen populäre philosophische Lehrer, die man Sophisten nannte, spitzfindige, eher gerissene Denker, die den Leuten eher zu Munde redeten und eher mit Wortspielen Verwirrung stifteten. Sie behaupteten: Ethik ist nichts als ein Produkt von Menschen, die sich einfach wegen gemeinsam geteilter Überzeugungen durchsetzen. Neue Studien zur populären Bewegung der Sophisten zeigen zum Teil ein eher positives Bild der Sophisten. Bezeichnend vielleicht, dass Nietzsche die Sophisten lobte, Sokrates hingegen ablehnte.

In dieser Situation von Krieg und Unsicherheit entwickelte Sokrates seine Philosophie: Er setzt ganz auf den öffentlichen Austausch von Argumenten; er befragt die üblichen Überzeugungen und Traditionen seiner Gesprächspartner, sucht mit ihnen eine gültige Wahrheit zu entdecken. „Er ist überzeugt, seine Untersuchungen müssen eine lebenspraktische Relevanz haben“, betont der Züricher Michael Hampe. Dies gelingt nur, indem Sokrates seine Gesprächspartner existentiell und im Denken aufscheuchen will.

Sokrates fragt also: Kennst du dich aus in deinem Sprechen, weißt du, was du denkst? Im Dialog selbst zeigt sich, dass du unreflektiert bist. Sokrates will etwas in Bewegung bringen. Und dies ist die Seele. Denn die Seele selbst ist Bewegung, Lebendigkeit, sie sucht nach dem lebenswerten Leben. Darin wird der Logos entdeckt.

Im Zerfall und der Krise des Staates könnten eigentlich allgemein-vernünftige Argumente im Dialog helfen. Sokrates will nicht überreden, er will nicht die Massen manipulieren mit Sprüchen. Darin sieht er nur eine Form der Gewaltherrschaft.

Sokrates wendet sich in seinen Dialogen an den einzelnen. Er will im Gespräch beim anderen hervorbringen, was an Wahrheit in ihm steckt. Er nennt dies Maieutik, eine Art geistiger Entbindung.

Hanna Arendt sagt: „Sokrates will der Wahrheit des Bürgers auf die Welt helfen… Die Rolle des Philosophen besteht also darin, die Bürger permanent zu irritieren, in dem von Sokrates gebrauchten Bild: Wie eine lästige summende Bremse zu sein, also wie ein lästiges Insekt“ (63).

Dabei ist für Sokrates klar: Einzig das Wissen vom eigenen Nicht-Wissen ist der Schlüssel, um sich der Weisheit anzunähern. Die Weisheit im Sinne Platon ist ja das Göttliche selbst, also eigentlich ist vollkommene Weisheit für den Menschen, besonders für den Philo-Sophen, also den Freund der Weisheit, nicht erreichbar. Es geht auch in der Philosophie immer nur um Annäherung an die Weisheit.

Ich zitiere aus der Apologie, da lässt Platon Sokrates sagen (in einer Übersetzung von Friedrich Schleiermacher):

„Bester Mann, als ein Athener aus der größten und für Weisheit und Macht berühmtesten Stadt, schämst du dich nicht, für Geld zwar zu sorgen, wie du dessen aufs meiste erlangst, und für Ruhm und Ehre, für Einsicht aber und Wahrheit und für deine Seele, dass sie sich aufs beste befinde, sorgst du nicht und hieran willst du nicht denken? Und wenn jemand unter euch dies leugnet und behauptet, er denke wohl daran, werde ich ihn nicht gleich loslassen und fortgehen, sondern ihn fragen und prüfen und ausforschen. Und wenn mich dünkt, er besitze keine Tugend, behaupte es aber: so werde ich es ihm verweisen, dass er das Wichtigste geringer achtet und das Schlechtere höher“.

Was bedeutet das für uns heute?

In Zeiten der Krise gilt es, die Seele im Dialog zu heilen, also umfassend und offen miteinander sprechen. Der Dialog ist eine geistige Übung. Auch mit der Bereitschaft, dass wir und die Menschen um uns herum tatsächlich (noch) unreflektiert leben. In diesem Eingeständnis allein liegt geistiges und seelisches Wachstum.

Das Sich Orientieren beginnt mit dem Eingeständnis des Nicht-Wissens.

Ein Hinweis zu Marc Aurel

Marc Aurel (l21 bis 180 n.Chr.), er war römischer Kaiser seit 161 nach Chr. Er ist der bekannteste (Stoa) Philosoph als Herrscher.

Er regierte zu einer Zeit, als Kriege im ganzen Reich ausbrachen, zuvor hatten schon Überschwemmungen, Erdbeben, verheerend Feuer, Epidemien die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.

In dieser verworrenen und gefährlichen Situation auf der ganzen Erde war nur ein Philosoph aus der Schule der Stoa geeignet, die Nerven zu behalten.

Die Stoa ist eine anspruchsvolle philosophische Schule, sie lehrt zum Beispiel: Das einzige, was der Mensch verändern kann, wofür er also verantwortlich ist, dies ist die eigene Moral, also das Leben nach den Prinzipien des Guten. Alles andere, etwa die biologische Verfassung, den Zustand der Erde usw. kann der Mensch nicht verändern. Darum sollte er sich also keine Sorgen machen. Wir sollen nur erreichen wollen, was wir erreichen können. Wir sollen vermeiden, was man vermeiden kann. Übel ist nur das, was von uns selbst abhängt. Diese Haltung ist zugleich eine Therapie.

Wer dem Guten entsprechend lebt, kann dabei durchaus Auswirkungen in der Politik erzielen. Aber politisches Handeln ist niemals Ausdruck von Aktionismus. Der Philosoph handelt aus reflektierter Überzeugung, er weiß von den Möglichkeiten und Grenzen öffentlichen Handelns. Er kann sozusagen eine philosophisch-spirituelle Haltung ausbilden.

Die innere Sammlung, die möglichst angstfreie Reaktion auf die Vorkommnisse: Darauf kommt es an. Und daran hat Marc Aurel gearbeitet als Stoiker. Er ist ein Philosoph der tiefen Krise, der Verwirrung.

Inmitten der Kriege schrieb er für sich selbst als Stärkung und Klärung die „Selbstbetrachtungen“, es sind Kommentare zur eigenen seelischen Entwicklung, es sind Hinweise auf eigene Schwächen. Diese Sätze, so sagen Philosophen wie Pierre Hadot, kann jeder sich auch heute kritisch vergegenwärtigen, die grundlegenden Erkenntnisse und Maximen kann man täglich sprechen, mit anderen besprechen. Diese Aufmerksamkeit für sich selbst, diese Sorge um die eigene Seele, ist entscheidend in Zeiten der Erschütterungen.

In der höchsten Gefahr hilft die reflektierte Ruhe. Hilft das Selbstgespräch, die Selbstkritik. Die Erkenntnis, dass der einzelne Mensch in einem großen göttlich zu nennenden Zusammenhang steht. Dass der Mensch schon immer in einem oft übersehenen großen Sinnzusammenhag steht, den keine Politik verderben kann. Dann kann man auch dem eigenen Tod gelassen begegnen. Lebe so, dass du dich in der Allnatur, wie die Stoa sagt, also dem Göttlichen, gegründet und geborgen weißt.

Dabei werden in einigen Sätzen der „Selbstbetrachtungen“ durchaus explizit Verbindungen zum politischen Handeln angesprochen:

Im Siebenten Buch der Selbstbetrachtungen heißt es etwa unter Nr. 54: „Überall und jederzeit steht es bei dir, gegen deine Zeitgenossen Gerechtigkeit zu beweisen“.

Im Neunten Buch, Nr. 5: „Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut. Wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er es kann, der befiehlt es“.

Im Achten Buch, Nr. 7 „Einem vernünftigen Wesen geht es wohl, wenn es seine Triebe nur auf gemeinnützige Handlungen richtet“.

Im 10. Buch, Nr. 16: „Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes dich zu besprechen – vielmehr ein solcher zu sein“.

Nur so kann das Ziel erreicht werden, das Ziel, das die Stoa vorschlägt: Zur Seelenruhe finden. In der höchsten Krisenzeit kommt es darauf an, die Seelenruhe zu finden. Durch Üben. Durch Üben des Vernünftigen, der Philosophie, nicht der Sophisterei, nicht der Esoterik in den verschiedenen Formen…

Das ist entscheidend für die hellenistische Philosophie:

Der Diskurs über Philosophie ist noch nicht eine philosophische Lebensweise. Nur reden über Philosophie ist kein philosophisches Leben. Oder ein anderes Beispiel für alle, die als Beamte des Glaubens tätig sind: Nur reden von Gott ist noch kein gelebter Glaube an Gott.

Philosophischer Widerstand in Zeiten globaler Verwirrung:

Diese philosophische Arbeit beginnt z.B. mit der Begriffsanalyse und dem kritischen Hinsehen auf den Gebrauch der Alltagssprache. Philosophie ist überzeugt: Sprechen ist Ausdruck meines Lebens. Ändere ich mein Sprechen, kann ich mein Leben ändern. Ändert sich mein Leben, ändert sich mein Sprechen. Was tun etwa gegen die unflätige Rede etwa der Pegida-Leute, wenn sie von „Lügenpresse“ sprechen. Meinen sie dabei auch ihre eigenen Äußerungen? Kann man zeigen, dass ihr Sprechen eine vergiftete Gesinnung offenbart? Wollen sie sich als solche so in der Öffentlichkeit blamieren? Was soll der Spruch: „Wir sind das Volk“. Das ist eine totalitäre Anmaßung. Richtig ist nur und fürs Debattieren geeignet: Wir sind auch das Volk. Es gibt Pluralität. In der DDR-Opposition hatte der Spruch „Wir sind das Volk“ alle Berechtigung und Wahrheit: Die DDR Oppositon wehrte sich gegen die Anmaßungen einer SED Clique.

Wir müssen also elementare philosophische Sprachkritik betreibe, um eine Kritik unserer Lebensverhältnisse zu formulieren. Georg Christoph Lichtenberg sagt: „Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprachgebrauchs, also, die Berichtigung einer Philosophie, und zwar der allgemeinsten“.

Zum Beispiel Ludwig Wittgenstein

„Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache. (Philos. Untersuchungen, §109). „Die Philosophie verändert die Sehweise von uns, und die Einstellung zu unseren Sehweisen. (Rolf Wiggershaus, S. 52)

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen“ (Philos. Untersuchungen, § 309)

„Von allem Beiwerk gereinigt, könnten Wittgensteins Worte übrig bleiben, die von dem Wunder reden, nicht bloß so dahin lebend existiert zu haben, sondern reflektierend gelebt zu haben“ (Rolf Wiggershaus, S. 86).

Man kann in der Reflexion einige Slogans philosophisch „auseinander nehmen“ und deren Widersinn erkennen. Etwa angesichts dieser populären Sprüche:

„Ich (bzw. meine Gruppe, Partei, Kirche) habe den gesunden Menschenverstand“. „Es gibt keine Alternative: „There ist no Alternative“, das Dogma von Madame Thatcher und co. Nebenbei: Die AFD ist selbstverständlich auch keine Alternative…. „Die Wirtschaft folgt nur ihren eigenen Regeln“. „Die Armen sind selbst schuld, dass sie arm sind“. „Darf man im Umgang mit Menschen von „Obergrenzen“ sprechen?“ „Die „anderen“ sind für uns eine Gefahr“. „Gegner sind eigentlich Feinde“. „Die da“ und „wir“.

Die Arbeiten von Elisabeth Wehling, der Sprachforscherin in den USA, sind von großer Aktualität:

Ihr Thema ist „Framing“, also Einrahmung und Umrahmung eines Begriffes, der in einen bestimmten Kontext gestellt wird und schon einen Sinn des Wortes mit-vermittelt. Dadurch wird eine bestimmte und oft einseitige Richtung im Inhalt eines Begriffes gesetzt. Elisabeth Wehling sagt: „Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein Frame aktiviert“. Zum Beispiel das Wort Flüchtling: „Das ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet. Weil die Endung „-ling“ macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an „Schreiberling“ oder „Schönling“. Ein eigentlich positiv besetzter Begriff wie „schön“ wird durch die Endung „ling“ ins Negative verkehrt. Außerdem ist „der“ Flüchtling männlich – und damit transportiert dieses Wort sehr viele männliche Merkmale: „Der“ Flüchtling ist eher stark als hilfsbedürftig, eher aggressiv als umgänglich. Besser wäre es, neutraler, von den Flüchtenden zu sprechen, also dem flüchtenden Mann, der flüchtenden Frau, dem flüchtenden Kind. Das wäre eindeutiger. Und nicht abwertend.

Ein Frame ist ein Deutungsrahmen, in unserem Gehirn gibt es etliche; sie sind durch unsere Erfahrung mit der Welt entstanden, und sie helfen, Tatsachen zu bewerten und einzuordnen. Aktiviert werden sie durch Wörter. Denken wir an den Begriff „Euro-Rettungsschirm“: Elisabeth Wehling meint: Automatisch denkt jeder an den Regenschirm, der einen vor dem Nasswerden schützt. Hier wird auf ein natürliches Phänomen – den Regen – angespielt, vor dem die Bürger geschützt werden müssen. Verursacher und Verantwortung werden ausgeblendet. Kein Hinweis auf die Banken, die die Finanzkrise ursprünglich ausgelöst hatten. Oder auf die Regierungen. Mir geht es vor allem darum, dass wir Bürger uns im Alltag ab und an die Zeit nehmen, bei den wichtigen politischen Themen ganz gezielt darüber nachzudenken, welche Begriffe in aktuellen Debatten genutzt werden – zum Beispiel nach einer Talkshow oder nach der Lektüre eines Zeitungsartikels. Dann entwickelt man ein Gespür dafür, welche Haltung gerade dominiert, etwa wenn es um den Staat oder Steuern geht. Oder um geflüchtete Menschen.“

An der Sprache und dem Sprachrahmen wird heftig von Firmen manipuliert: „Heute stecken konservative Thinktanks wie die Heritage Foundation Millionen von Dollar in die Entwicklung von Frames“ (Wehlig).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer: Der Jahresreport 2016 von Amnesty International. Eine Pflichtlektüre!

22. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Interkultureller Dialog

Welche Geltung haben Menschenwürde und Menschenrechte heute? Amnesty International (A.I.) veröffentlicht dieser Tage einen Jahresrückblick 2016 zu dem Thema. Und dieser ist nicht nur Erinnerung; die widerwärtigen Fakten von 2016, aus weitesten Kreisen der Politik so vieler (sich oft noch demokratisch nennender) Staaten bestimmen noch das Leben im Februar 2017 und danach. Amnesty International lenkt die Aufmerksamkeit auf die wirklich dringenden Themen der Gegenwart. Wer sie verstehen will, sollte diesen Beitrag lesen. „Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer“, betont Amnesty International. Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Bitte besuchen auch die A.I. Website, bitte hier klicken.

Von Salil Shetty, internationaler Generalsekretär von Amnesty International

Die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, wurde 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Für Millionen Menschen war 2016 ein Jahr anhaltenden Elends und unablässiger Angst, weil Regierungen und bewaffnete Gruppen Menschenrechte auf vielfältige Art verletzten. Syriens einst bevölkerungsreichste Stadt Aleppo wurde durch Luftangriffe und Straßenkämpfe in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht, im Jemen gingen die grausamen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung weiter. In Myanmar spitzte sich die Misere der Rohingya immer weiter zu, in Burundi und im Südsudan kam es zu massenhaften rechtswidrigen Tötungen. In der Türkei und in Bahrain gingen die Behörden brutal gegen Andersdenkende vor, während in weiten Teilen Europas und der USA Hassreden zunahmen – die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer.

Es herrschte eine enorme Kluft zwischen Rhetorik und Realität, zwischen dem, was notwendig gewesen wäre, und dem was tatsächlich getan wurde, die einen immer wieder fassungslos machte. Nirgends zeigte sich dies deutlicher als beim UN-Gipfel zu Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im September 2016, als die teilnehmenden Staaten nicht in der Lage waren, eine angemessene Antwort auf die globale Flüchtlingskrise zu finden, die im Laufe des Jahres größer und dringlicher wurde. Während die Regierenden angesichts dieser Herausforderung versagten, saßen 75.000 Flüchtlinge in der Wüste im Niemandsland zwischen Syrien und Jordanien fest.

Die Afrikanische Union hatte für 2016 ein Jahr der Menschenrechte ausgerufen. Doch in diesem Zeitraum kündigten drei Mitgliedstaaten ihren Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof an und torpedierten damit die Hoffnung auf eine Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen. Der sudanesische Staatspräsident Omar al-Bashir konnte ungehindert und straflos durch Afrika reisen, während seine Regierung in Darfur mit Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Diskurs der Furcht und Uneinigkeit
Das möglicherweise größte der vielen politischen Erdbeben im Jahr 2016 war die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie folgte auf einen Wahlkampf, in dem Trump sich vielfach mit hetzerischen Äußerungen hervorgetan hatte, die von Frauen- und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren. Er versprach, etablierte bürgerliche Freiheiten rückgängig zu machen und eine Politik zu betreiben, die der Wahrung der Menschenrechte in höchstem Maße zuwiderläuft.

Trumps vergiftete Wahlkampfrhetorik war nur ein Beispiel eines weltweiten Trend hin zu einer Politik, die auf Wut und Spaltung setzt. In vielen Ländern stützten sich Machthaber und Politiker zum Erhalt ihrer Macht auf einen Diskurs der Furcht und der Uneinigkeit und wiesen die Schuld für die tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme ihrer Wählerschaft „den Anderen“ zu.

Trumps Vorgänger, Präsident Barack Obama, hinterließ in Bezug auf den Menschenrechtsschutz ein Erbe, das auch viele Fälle schweren Versagens umfasst. Dazu zählen die Ausweitung der geheimen CIA-Drohnenangriffe und die gigantische Massenüberwachungsmaschinerie, die der Whistleblower Edward Snowden öffentlich machte. Doch die Ankündigungen des neuen US-Präsidenten Trump lassen eine Außenpolitik befürchten, die sich über multilaterale Kooperationen hinwegsetzt und eine Ära vermehrter Instabilität und gegenseitigen Misstrauens einleitet.

Noch mangelt es an einem übergreifenden Diskurs, der die aufwühlenden Ereignisse des vergangenen Jahres einordnen könnte. Tatsache ist jedoch, dass die Weltlage zu Beginn des Jahres 2017 höchst instabil ist und wir voller Sorge und Unsicherheit in die Zukunft blicken.

Suche nach Sündenböcken
Vor diesem Hintergrund droht die Sicherheit der Werte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck gebracht wurden, zu schwinden. Die Erklärung, die nach einem der blutigsten Kapitel der menschlichen Geschichte geschrieben wurde, beginnt mit den Worten: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet (…)“.

Doch trotz der Lehren aus der Vergangenheit wurde die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Die Verachtung dieser Ideale war offenkundig in einem Jahr, in dem die gezielte Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien und im Jemen zur Routine wurde, in dem Flüchtlinge in Konfliktgebiete zurückgeschickt wurden, in dem die nahezu vollständige Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft in Bezug auf Aleppo an das Versagen in Ruanda 1994 und in Srebrenica 1995 erinnerte und in dem Regierungen in unzähligen Ländern weltweit massiv gegen Andersdenkende vorgingen.

Angesichts all dessen ist es alarmierend einfach, eine Schreckensvision der Welt und unserer Zukunft zu zeichnen. Die dringende und zunehmend schwierigere Aufgabe besteht jedoch darin, die globale Verpflichtung zu diesen grundlegenden Werten wiederzubeleben, von denen die Menschheit abhängt.

Zu den extrem beunruhigenden Entwicklungen 2016 zählen auch die Folgen eines neuen Handels, den Regierungen ihren Bürgern anbieten – sie versprechen ihnen Sicherheit und Wohlstand, wenn sie im Gegenzug dazu bereit sind, auf politische Teilhabe und bürgerliche Freiheiten zu verzichten.

Auf allen Kontinenten gingen Regierungen 2016 in drastischer Weise gegen Andersdenkende vor – manchmal offen und gewaltsam, manchmal subtiler und vermeintlich seriöser. Das Bestreben, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, nahm weltweit zu, sowohl was den Umfang als auch die Intensität betraf.

Drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle
Die Ermordung der indigenen Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres in Honduras im März 2016 machte exemplarisch deutlich, welche Gefahr Menschen droht, die sich mutig gegen mächtige staatliche und privatwirtschaftliche Interessen stellen. Nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch andernorts werden couragierte Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, die auf die Konsequenzen von Ressourcenabbau und Infrastrukturprojekten für Mensch und Umwelt hinweisen wollen, von Regierungen häufig als Bedrohung der wirtschaftlichen Entwicklung abgetan. Berta Cáceres, die sich für die lokale Bevölkerung und deren Land eingesetzt und zuletzt gegen ein Staudammprojekt gekämpft hatte, erhielt für ihr Engagement weltweit Anerkennung. Von den Mördern, die sie zuhause töteten, geht ein furchteinflößendes Signal an andere Aktivisten aus, insbesondere an diejenigen, die international nicht so bekannt sind wie Berta Cáceres.

In vielen Teilen der Welt zogen Regierungen Sicherheitsgründe heran, um ihr drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle zu rechtfertigen. In Äthiopien töteten Sicherheitskräfte Hunderte Protestierende und nahmen Tausende Menschen willkürlich fest, die überwiegend friedlich gegen rechtswidrige Landenteignungen in der Region Oromia demonstriert hatten. Die äthiopische Regierung nutzte das Antiterrorgesetz, um radikal gegen Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Oppositionspolitiker vorzugehen.

In der Türkei verschärfte die Regierung im Zuge des Ausnahmezustands nach dem Putschversuch im Juli 2016 ihr hartes Vorgehen gegen regierungskritische Stimmen. Sie entließ mehr als 110.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aufgrund angeblicher „Verbindungen zu terroristischen Organisationen oder Bedrohung der nationalen Sicherheit“, hielt 118 Journalisten in Untersuchungshaft und verfügte willkürlich die endgültige Schließung von 184 Medienunternehmen.

Im Nahen Osten und in Nordafrika war die Unterdrückung von Andersdenkenden endemisch. In Ägypten inhaftierten die Sicherheitskräfte willkürlich mutmaßliche Unterstützer der verbotenen Muslimbruderschaft sowie andere Regierungskritiker und Oppositionelle, folterten sie und ließen sie „verschwinden“. Die Behörden Bahrains gingen massiv gegen Regierungskritiker vor, indem sie diese mit zahlreichen Anklagen wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit überzogen. Im Iran warfen die Behörden Kritiker ins Gefängnis, zensierten alle Medien und verabschiedeten ein neues Gesetz, das praktisch jede Kritik an der Regierung und ihrer Politik unter Strafe stellt.

In Nordkorea intensivierte die Regierung ihre bereits extreme Unterdrückung der Bevölkerung durch die verschärfte Kontrolle der Kommunikationstechnologie. Häufig waren die strengen Maßnahmen ein Versuch, Regierungsversagen zu kaschieren, so zum Beispiel in Venezuela, wo die Regierung lieber Kritiker zum Schweigen brachte als die humanitäre Krise zu bekämpfen, die weiter eskalierte.

Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt
Außer direkten Bedrohungen und Angriffen war zu beobachten, wie etablierte bürgerliche und politische Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt wurden. So wurde zum Beispiel in Großbritannien ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet, das die Befugnisse der Behörden erheblich ausweitet. Sie können künftig die digitale Kommunikation und Daten abfangen, einsehen, zurückhalten oder in anderer Weise manipulieren, ohne dass ein stichhaltiger Verdacht gegen eine Person vorliegt. Indem Großbritannien eines der weltweit umfangreichsten Massenüberwachungssysteme einführte, näherte sich das Land einer Realität an, in der das Recht auf Privatsphäre schlicht nicht mehr anerkannt wird.

Der möglicherweise bösartigste Angriff auf die Menschenrechte bestand jedoch darin, dass Machthaber und Politiker zur Rechtfertigung ihrer repressiven Maßnahmen „die Anderen“ für tatsächliche oder vermeintliche soziale Probleme verantwortlich machten. Mit hasserfüllter, spaltender und hetzerischer Rhetorik bedienten sie die finstersten Instinkte der menschlichen Natur. Indem sie bestimmte Gruppen, häufig ethnische oder religiöse Minderheiten, kollektiv für soziale und wirtschaftliche Missstände verantwortlich machten, bereiteten sie den Weg für Diskriminierung und Hassverbrechen, insbesondere in Europa und den USA.

Eine Variante dessen stellte der eskalierende „Antidrogenkrieg“ des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte dar, der unzähligen Menschen das Leben kostete. Staatlich angeordnete Gewalt und Massentötungen durch Bürgerwehren forderten mehr als 5000 Tote, nachdem der Präsident mehrmals öffentlich erklärt hatte, dass Personen, die mutmaßlich in Drogenverbrechen verwickelt seien, getötet werden sollten.

Selbsternannte „Anti-Establishment“-Vertreter, die behaupteten, an sozialen und wirtschaftlichen Missständen seien sogenannte Eliten, internationale Organisationen und „die Anderen“ schuld, boten die falschen Rezepte an. Das Gefühl der Unsicherheit und Entrechtung, das sich aufgrund von Arbeitslosigkeit, unsicheren Arbeitsverträgen, wachsender sozialer Ungleichheit und dem Verlust staatlicher Versorgungsleistungen bei vielen Menschen einstellte, erfordert ein entschlossenes Handeln, Ressourcen und einen Politikwechsel der Regierungen, anstatt einfach nach Sündenböcke zu suchen.

Es war offensichtlich, dass viele desillusionierte Menschen weltweit die Antworten nicht in den Menschenrechten suchten. Doch die Ungleichheit und Vernachlässigung, die der Wut und Frustration zugrunde lag, war zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass Staaten die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ihrer Bürger nicht schützten.

Ganz normale Heldinnen und Helden
Doch 2016 war in mancherlei Hinsicht auch die Geschichte von Menschen voller Mut, Widerstandskraft, Kreativität und Entschlossenheit angesichts immenser Herausforderungen und Bedrohungen.

Auf allen Kontinenten gab es Beispiele dafür, dass Menschen auch immer Mittel und Wege finden, sich zu widersetzen und sich Gehör zu verschaffen, auch wenn staatliche Machtapparate sie unterdrücken. So gelang es Aktivisten in China trotz systematischer Drangsalierung und Einschüchterung, online an den Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 in Peking zu erinnern. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro machte der äthiopische Marathonläufer und Silbermedaillengewinner Feyisa Lilesa weltweit Schlagzeilen, als er an der Ziellinie mit einer Geste die staatliche Verfolgung der Oromo in Äthiopien anprangerte. An den Mittelmeerküsten Europas reagierten Freiwillige auf das Versagen der Regierungen beim Flüchtlingsschutz, indem sie Ertrinkende eigenhändig retteten. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent entstanden Bewegungen der Zivilgesellschaft, von denen einige vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären. Sie griffen Forderungen der Bevölkerung nach Rechten und Gerechtigkeit auf und verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Der Vorwurf, Menschenrechte seien ein Projekt der Eliten, ist nicht haltbar. Der menschliche Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit löst sich nicht einfach in Luft auf. In einem Jahr voller Spaltung und Entmenschlichung leuchteten Aktionen für die Menschlichkeit und die grundlegende Würde des Menschen heller als je zuvor. Diese leidenschaftliche Reaktion verkörperte auch der 24-jährige Anas al-Basha, bekannt als Clown von Aleppo, der sich entschloss, trotz der furchtbaren Bombenangriffe der Regierungstruppen in der Stadt zu bleiben, um Kinder zu trösten und ihnen eine Freude zu bereiten. Als er am 29. November 2016 bei einem Luftangriff getötet wurde, würdigte sein Bruder ihn mit den Worten, er habe Kinder „am dunkelsten und gefährlichsten Ort der Welt“ glücklich gemacht.

Zu Beginn des Jahres 2017 fühlt sich die Welt instabil an und die Angst vor der Zukunft nimmt zu. Doch gerade in solchen Zeiten werden couragierte Stimmen gebraucht, ganz normale Heldinnen und Helden, die sich gegen Unrecht und Unterdrückung erheben. Niemand kann es mit der ganzen Welt aufnehmen, aber jeder kann seine eigene Welt verändern. Jeder kann aufstehen gegen Entmenschlichung, indem er sich auf lokaler Ebene für die Wahrung der Würde und der gleichen und unteilbaren Rechte aller einsetzt und damit das Fundament für Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt legt. 2017 werden Menschenrechtsheldinnen und Menschenrechtshelden gebraucht.

 



Katholisch heißt immer noch (oft) fundamentalistisch denken: Eine vernünftige Nonne wird verteufelt.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Wie die katholische Dominikaner-Nonne Lucia Caram Hass und Morddrohungen auf sich zieht

Ein Hinweis von Christian Modehn

Was hat die Nonne Schwester Luzia Caram aus dem Dominikaner-Orden Furchtbares gesagt in einem Fernsehinterview in Barcelona Ende Januar 2017? „Ich glaube, dass Maria in Josef verliebt war. Dass sie ein normales Paar waren und aller Wahrscheinlichkeit entsprechend: Hatten sie auch sexuelle Beziehungen. Der Sex ist eine schöne Form, Gefühle auszudrücken und die Liebe. Aber für die Kirche ist dies ein schmutziges Thema und es wird versteckt. Ich aber glaube, Sex ist ein Segen. Ich glaube auch, dass wir uns getäuscht haben in unserer Art diese Dinge zu lehren: Wir wollten die Botschaft des Evangeliums in irgendeine bloß spirituelle Sache umwidmen (convertir). Und wir wollten die absurde Idee einschärfen, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist. (übersetzt nach Libération, Paris, vom 14. 2. 2017, übers.von Chr. Modehn).

Die Tageszeitung Libération zitiert den Erzbischof von Barcelona: «Il s’agit d’un grave scandale. C’est un affront intolérable contre un point fondamental de la doctrine catholique“.“ Es handelt sich um einen schweren Skandal. Es ist ein nicht hinzunehmender Affront gegen einen fundamentalen Punkt der katholischen Doktrin (sic!)“.

Der Wortführer der spanischen Bischofskonferenz, Jose Maria Gil Tamayo, kündigte an, dass die Kirche diesen „problematischen Fall“ studieren wird, diese Äußerungen einer Frau, „die die Reinheit der Botschaft Christi mit ihren Äußerungen beschmutzt“. Der Bischof der spanischen Diözese VIC sagte in Bezug auf die nicht – vollzogene Ehe von Maria und Josef: „Esta verdad de la fe fue recogida y proclamada de manera definitiva por el Concilio II de Constantinopla, siendo el primer dogma mariano y compartido por los cristianos católicos y ortodoxos“. „Diese Glaubenswahrheit wurde erkannt und proklamiert auf definitive Weise vom 2. Konzil zu Konstantinopel (es fand vor kurzem, im Jahr 553, statt, C.M:);  es ist das erste Marien-Dogma und es wird geglaubt (geteilt) von katholischen und orthodoxen Christen“, so El Mundo, 1.2.2017.

Inzwischen erhält die mutige und vernünftig denkende Nonne Morddrohungen von fundamentalistischen, d.h. dummen Katholiken. Diese Leute können Glauben und Vernunft nicht verbinden. Und können nur glauben, wenn überall Wunder passieren (im Falle der Ehe Marias mit Josef) und Sex nur verheimlicht wird.

Schwester Luzia, 51 Jahre, stammt aus Argentinien, sie lebt in der Nähe von Barcelona, in einem kontemplativen Kloster, das sich um ca. 1400 arme Familien helfend und beratend kümmert. Sie ist im ganzen Land bekannt und beliebt, weil sie auch eine eigene Koch-Sendung im „Canal Cocina“, Kanal Küche, hat, dieses Programm mit der kochenden und manchmal vor berechtiger theologischer Wut „kochenden“ Nonne wird auch in Lateinamerika viel gesehen. Ihr sehr altes, sehr ehrwürdiges und doch von einer modernen Nonne bewohnte Kloster in Manresa, bei Barcelona, hat den Namen „Convento Santa Clara“. Dies für alle, die unterstützenden Kontakt mit der Dominikanerin aufnehmen wollen.

Wir im Religionsphilosophischen Salon freuen uns natürlich bei allen Problemen, die sich die Nonne durch ihre treffenden Worte eingehandelt hat: Dass Schwester Luzia aus Barcelona das selbe sagt, was wir zum Thema Heilige Familie veröffentlicht haben, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Gleichzeitig ist es interessant zu sehen, wie stark der Katholizismus immer, noch bis in die höchsten Kreise, vom Fundamentalismus bestimmt ist, also etwa in der Ablehnung einer historisch-kritischen Bibelforschung.

Das Schlimmste ist wohl, dass ein freies und umfassend freies Wort in der römischen Kirche nicht möglich ist. Dies zu sagen ist im Reformationsjubiläum 2017 wohl besonders wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Gott ist nicht tot, vielleicht hat er nur neue Kleider? Ein Katechismus des Mitgefühls.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Theologische Bücher

Gottes „neue Kleider“. Der niederländische „Katechismus des Mitgefühls“.

Ein neuer Katechismus – eine Einladung, selber zu denken und den eigenen Glauben zu entwickeln.

In meiner Radiosendung im NDR (in der Reihe „Glaubenssachen“ am 19.2. 2016) mit dem Titel „Glauben ist einfach“ (klicken Sie hier) wurde der niederländische Katechismus des Mitgefühls kurz erwähnt. Einige HörerInnen waren daran so interessiert und fragten, ob es diesen menschenfreundlichen und un-dogmatischen Katechismus auch auf Deutsch gibt. „Leider nicht“, heißt meine Antwort. Ich habe aber 2010 einige ausführlichere Hinweise zu diesem bemerkenswerten Buch geschrieben, Hinweise, die ich hier noch einmal, am 21.2.2017, vorstelle:

Die 150 Abgeordneten des Niederländischen Parlaments (Tweede Kamer) erhalten dieser Tage (also 2010) einen Katechismus geschenkt. Ungewöhnlich, in einem säkularisierten Land wie Holland. Dabei handelt es sich nicht um den Versuch, klerikale Machtansprüche in der Politik durchzusetzen, das liegt den Autoren des ungewöhnlichen Katechismus auch völlig fern. Denn sie treten als „freisinnige, liberale Christen“ entschieden für die Trennung von Kirche und Staat ein. Aber ihnen liegt daran, mit allen Menschen, auch mit Politikern, in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten, nicht über Dogmen, wohl aber auch ethische Orientierungs  – Vorschläge!

Es ist schon komisch: Ausgerechnet in Holland erscheint dieser Tage ein neuer Katechismus. Ist das Wort „Katechismus“ nicht völlig out, völlig verbraucht, gerade in den Niederlanden, wo nur noch etwa 35 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche sind und die wenigsten Menschen von dogmatischen Lehren unterwiesen werden wollen? In dieser Situation muss man schon etwas Außergewöhnliches vorweisen: Der neue holländische Katechismus  konnte entstehen, weil die vier freisinnigen christlichen Kirchen Hollands angesichts des zunehmenden Einflusses konservativer und reaktionärer Kirchen deutlich ihre eigene Stimme erheben, die Stimme der Freiheit, die dem Nachdenken allen Raum lässt und eben keine fertigen „ewigen“ Wahrheiten präsentiert. Es sind keine Leitungsgremien, keine Bischöfe und keine Päpste, die diesen Katechismus verfasst haben, sondern zwei Pfarrer, die im ständigen Austausch mit der Kultur der Gegenwart stehen: Christiane Berckvens – Stevelinck, Theologin der Remonstranten Kirche, und Ad Ablass, Theologe der freisinnigen Strömung innerhalb der Protestantischen Kirche (PKN) legen ein Buch vor, das in 12 Kapiteln Grundworte der menschlichen Kultur erläutert, Grundworte, die ihre Wurzeln in den biblischen Traditionen haben.  Am Anfang steht die „Compassie“, das Mitleid, am Ende die dem Mitgefühl und der Empathie verwandte Liebe. Andere Themen sind Gleichheit, Verbundenheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, Freiheit, Berufung, Glaube und Gott. Das neue Buch nennt sich ausdrücklich „Katechismus des Mitleids“, ein zweifellos ungewöhnlicher, wenn nicht gar provozierender Titel. Aber er deutet das Ziel an: Die LeserInnen werden eingeladen, angesichts der humanen, ökologischen und politischen Katastrophen der Gegenwart das Mitleiden zu entwickeln, nicht nur als spirituelle Haltung, sondern vor allem als aufgeklärtes Handeln zugunsten der Leidenden. Aber dieser Appell zum Handeln ist nicht dick aufgetragen, vielmehr bieten die einzelnen Kapitel Informationen und meditative Impulse zu diesen Grundworten humaner Existenz. So ist ein Buch entstanden, das sich wohl am besten in einer eher „meditativen und behutsamen Lektüre“ erschließt. Nebenbei: Das Buch verdankt wesentliche Anregungen der britischen Philosophin und ehemaligen katholischen Nonne Karen Armstrong, die sich ausdrücklich für eine „Charta des Mitgefühls“ einsetzt. So gehört dieses Buch zu dem weltweit entstehenden Netwerk „Compassion“! Alle Kapitel des Katechismus werden „eingeleitet“ mit schönen Nachdrucken von Gemälden, Chagall ist genauso vertreten wie Rembrandt, Claudio Taddei genauso wie Caravaggio oder Ferdinand Hodler. Die eigens für das Buch gefertigten Gemälde der Künstlerin Brigida Almeida aus Utrecht beschließen jedes Kapitel. Im Text werden die Leser mit einer Fülle an Informationen aus der Literatur, dem Film, dem Theater konfrontiert, Informationen, die gleichermaßen die Schwierigkeiten wie die Chancen einer Lebenshaltung vorstellen, die sich von den 12 „Katechismus – Grundworten“ inspirieren lassen will, biblische Perspektiven sind jeweils ein Kapitel unter den anderen. Das ist der typische freisinnige Geist, dass keinem „Bibel – Fanatismus“ gehuldigt wird, sondern spirituelle Inspirationen auch im „weiten Feld“ der Religionen und Kulturen präsentiert werden. Sympathisch werden es Berliner finden, dass zum Thema Freiheit schon im Titel auf den berühmten Ausspruch John F. Kennedys verwiesen wird: „Ich bin ein Berliner“, ein Ausspruch, der heute als Bekenntnis gegen alle Formen des Totalitarismus verstanden wird. Äußerst sympathisch ist auch, dass das Kapitel über die Liebe mit einem Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld eröffnet wird, das die beiden Liebhaber David und Jonathan zeigt., sicher ist auch die Entscheidung für dieses Bild typisch für Freisinnige in Holland: Die Remonstranten waren ja die erste Kirche weltweit, die schon 1986 homosexuelle Paare –gleich welcher Konfession- in ihren Kirchen segnete. Sympathisch ist auch, dass der ungewöhnliche, progressive katholische Theologe Karl Rahner als Verteidiger der Mystik erwähnt wird.

Dies ist wohl der entscheidende Eindruck: Dieser auch vom Layout so schöne und freundliche Katechismus der freisinnigen Christen plädiert für die Mystik, sicher für eine moderne, eine durch die Aufklärung „hindurchgegangene“ Mystik: Aber doch wird aller Nachdruck gelegt auf das innere Erleben des Göttlichen, das sich im Handeln ausdrückt. In der Mystik sehen die Autoren ohnehin die Zukunft des Religiösen. Interessant könnte es sein, wie sich die freisinnigen Kirchen selbst zu Orten (multi-religiöser) Mystik entwickeln. Vielleicht ist diese Mystik das neue Profil der Freisinnigen und ihrer Gemeinden? Vielleicht können sie mit diesem Profil weitere undogmatische, aber mystisch Interessierte einladen? Die niederländischen Autoren sind jedenfalls überzeugt: Gott ist nicht tot, er zeigt heute nur neue, ungewöhnliche „Gesichter“. Er hat vielleicht neue Kleider angelegt, wie die Autoren schreiben.

„Catechismus van de compassie“. Erschienen im Verlag Skandalon, in Vught, Holland. ISBN 978-90-76564-94-4.

 



Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16. Februar 2017

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: „Nennt euch nicht Meister“. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel „Meine Lebensgeschichte“ zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem „Freidenkertum“ (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) „Versöhung von Christentum und Moderne“ ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: „Petri Stuhl-Feier“. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch „Der Papst. Sendung und Auftrag“ ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Was ist Populismus? In der Politik … und in den Kirchen.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Ein Hinweis auf das Buch „Was ist Populismus?“ von Jan-Werner Müller

Von Christian Modehn

Jan-Werner Müller arbeitet als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University (im Bundesstaat New Jersey, USA). Er nennt seine Studie zum Populismus (2016 bei Suhrkamp erschienen) ein Essay. Dabei handelt es sich weit mehr als um einen Versuch: Das Buch, 160 Seiten, ist eine grundlegende Einführung in ein nicht nur politisches, sondern im weiteren Sinne kulturelles Phänomen, den neuen Populismus. Die zahlreichen Belege und Literaturhinweise machen diese Studie noch wichtiger.

Um zur Lektüre und zur Debatte zu ermuntern, nur einige grundlegende Erkenntnisse, die Jan-Werner Müller vorstellt:

Das erste sehr ernste Problem ist: „Demokraten müssen schlicht akzeptieren, dass das Volk als solches sich nie fassen lässt“ (60). Denn wo zeigt sich „der wahre Wille des wahren Volkes“

Im Populismus wird eine Vorstellung von einem angeblich guten und reinen Volk propagiert, dieses Volk steht den angeblich nur korrupten und angeblich nur unmoralischen Eliten gegenüber (42). Das gewöhnliche Volk (mit dem vorausgesetzten angeblich gesunden Menschenverstand) ist das „eigentliche Volk“ (42).

„Populistische Regime“ (Müller nennt in dem Zusammenhang Putin und Orban) halten noch an einigen demokratischen Institutionen fest. Aber es handelt sich nicht um „funktionierende Demokratien“, sondern um „defekte Demokratien“ (75 f.)

Tendenziell ist Populismus immer antidemokratisch (91).

Populisten glauben und schreien es raus: “Wir sind das Volk“ im Sinne von „Nur wir allein sind das Volk“. Demokratisch und vernünftig akzeptabel wäre allein der Slogan: “Wir sind AUCH das Volk“ (63), vielleicht mit der Ergänzung:“ „Und Ihr habt uns vergessen“ (ebd.)

Nebenbei: Kurz vor dem Untergang der DDR Diktatur übernahm tatsächlich das Volk den Spruch „Wir sind das Volk“, um der Clique der SED Herrscher den Machtanspruch abzusprechen. Die DDR Opposition wehrte sich also zurecht gegen eine Diktatur. Heutige Populisten, etwa Wilders, Le Pen, FPÖ und Trump usw. wehren sich mit ihren totalisierenden Sprüchen gegen demokratische Regierungen… Sie reden dem Volk ein zu glauben: „Er, (der Führer), will, was wir wollen“ (47), so ein Slogan von Herrn Strache FPÖ. Warum also noch debattieren…der Volkswille ist doch im Führer repräsentiert (48).

Im Ganzen gesehen ist der Populismus anti-pluralistisch (44). Diese Abwehr der Pluralität in einer Gesellschaft und einem Staat (und einer Kirche könnte man hinzufügen) ist in der Sicht des politischen Philosophen Jan-Werner Müller am verheerendsten. Denn die anti-pluralistische (jegliche legitime Vielfalt abweisende) Haltung führt politisch zu „Alleinvertretungs-Ansprüchen“ (70), also zur Diktatur. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus; Unterdrückung der Zivilgesellschaft und wenn möglich der Medien“ (70). Typisch für diese Haltung ist das Trump Regime, es entspricht den drei genannten Taktiken des Populisten. Beamte werden ausgetauscht, der gesamte Staatsapparat wird in Besitz genommen usw.

Zum niederländischen Populisten Geert Wilders und seine Partei PVV nennt der Autor etliche Details: Wilders spricht von Freiheit und Toleranz, aber es ist er allein, der definiert, was diese Werte sind und wer zum „wahren niederländischen Volk gehört“ (27). Wilders propagiert die Ideologie, das Volk sei durch die gegenwärtige Regierung und ihre internationalen Verbindungen „beraubt“ worden: “Wir wollen unser Land zurück“( 34). Wilders redet dem Volk ein, selbst zum (unterlegenen) Volk zu gehören, dabei ist er seit 1990 ein Karrierepolitiker (51). Wilders bestimmt mit seinen islamfeindlichen Vorgaben bis heute die Richtung der niederländischen Politik, obwohl er nie offiziell Regierungsverantwortung übernahm“ (97)

Wie mit den Populisten umgehen? Der Autor hält es für falsch, die Ausgrenzung der Ausgrenzenden (Populisten) zu betreiben, er ist gegen das Motto „Mit denen reden wir nicht“ (96).

Statt moralisch Populisten zu diskreditieren, sollen Demokraten mit Populisten diskutieren, „um die Fakten zurecht zu rücken. Bei Volksverhetzungen durch Populisten hilft das Strafrecht“ (131).

Für unsere religionsphilosophischen Interessen ist es wichtig, sehr bald die Nähe der Kirchen zu populistischen Strömungen zu untersuchen. Die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, schätzt ja den Pluralismus in ihrer eigenen Organisation nur sehr bedingt und sehr begrenzt. Von daher gab (Nähe zum Faschismus Hitlers und Mussolinis) und gibt es immer wieder Unterstützung für populistische Regime: Siehe die Kirchen heute in ihrer Unterstützung für Orban in Ungarn oder für die polnische PIS Partei oder die Rolle der orthodoxen Staats-Kirche in Russland, gerade dazu hat der Religionsphilosophische Salon Berlin etliches publiziert.

Es wäre weiter zu untersuchen: Wie bestimmte zentrale moralische Positionen der Kirchen, etwa die ungebrochene heftige dogmatische Verteidigung „des“ ungeborenen Lebens und die Zurückweisung jeglichen gesetzlichen Schwangerschaftsabbruches (etwa in katholisch dominierten Ländern Lateinamerikas, wie in der Dominikanischen Republik oder in Nicaragua…) zur Unterstützung populistischer Systeme führen. Es wird in diesen kirchlichen Kreisen nicht gefragt, wann personales Leben beginnt, das Selbstbestimmungsrecht der Frauen soll mit Gewalt verhindert werden…

Die Liebe zu den Menschenrechten ist in den Kirchen sehr partiell, die Menschenrechte werden oft dann beschworen, wenn die Kirchenführer darin für sich selbst oder die Kirchen im ganzen einen Vorteil sehen.

Es wäre weiter zu untersuchen, was angesichts des Populismus die viel besprochene katholische „Theologie des Volkes“ und der „Volksreligion“ bedeuten kann. Und vor allem: Was bedeutet die Rede vom „neuen Volk Gottes“ als Definition der katholischen Kirche im 2. Vatikanischen Konzil (gegenüber dem üblichen, aber starren Leib-Christi-Begriff) heute. Welches Volk meinten eigentlich die Bischöfe beim Konzil? War es das Volk der gleichberechtigten Katholiken? Sicher nicht. Die nach wie vor undemokratisch regierende Kirchenführung, angeblich göttliches Recht und die Rolle des dominierenden und unkontrollierbaren KLERUS blieb im Volk-Gottes-Denken unangetastet. Und es ist bis heute so. War das eine Kichenreform im Konzil? Eher wohl nicht.

Die internationale kritische katholische Basis – Bewegung nannte sich meines Wissens zu Beginn: „AUCH wir sind Kirche“. Jetzt nennt sie sich durchaus „etwas“ absoluter gemeint: „Wir sind Kirche“. Wir sind die „Kirchenvolksbewegung“. Dieses sehr anspruchsvolle Motto „Wir sind Kirche“ ähnelt doch durchaus dem Motto der DDR-Opposition „Wir sind das Volk“. Von da aus weiter gedacht: Sieht sich also die kritische Kirchenvolksbewegung auch im Gegenüber zu einer Diktatur, wie einst die DDR-Opposition zur SED Führung?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon



Steve Bannon exkommunizieren ?

7. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.2.2017.

Der stärkste und militanteste Mann im Trump – Regime, den sehr viele einen Rassisten und faschistoiden Typen nennen, Steve Bannon, ist, bisher eher selten wahrgenommen, ein Katholik. Der Vorschlag des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ heißt: Der Vatikan könnte und sollte Steve Bannon exkommunizieren. Als juristischen Beitrag kirchlicherseits gegen Bannon, um dadurch auf dessen völlig inakzeptable ethische und politische Positionen aufmerksam zu machen, Meinungen und Positionen, die den Weltfrieden bedrohen. Im Canon 1369 des offiziellen „Codex Iuris Canonici“ heißt es innerhalb der Ausführungen zu den „Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche“ u.a. „Wer eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt oder Hass und Verachtung hervoruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden“. Diesen „Tabestand“ vor Augen hatte Papst Franziskus im Juni 2014 Mitglieder der süditalienischen Mafia exkommuniziert. Dieses Ereignis kommentierte Roberto Saviano mit Blick auf Italien in „Die Zeit“ vom 26. Juni 2014, Seite 5: „Die Exkommunikation ist als eine Geste von größtmöglicher Symbolkraft geeignet, die oftmals engen Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen“… Welche politischen Verbindungen würden „gekappt“ werden, wenn Bannon exkommuniziert wäre?

Diese Forderung einer öffentlichen Ausgrenzung, Exkommunikation, Bannons sollte ausgesprochen werden, auch wenn sie wenig Chancen auf eine Realisierung hat. Denn Steve Bannon hat zu viele mächtige Fürsprecher im Vatikan, auch unter zahlreichen reaktionären Kardinälen dort, siehe unsere Hinweise auf das Institut“Dignitatis Humanae“ in Rom und Brüssel. Man wundert sich dabei nur, mit wie vielen sekundären Themen sich der Vatikan befasst, wie dieses „ewige“ Thema der „Wiederverheiratet Geschiedenen“…

Die „New York Times“ hat dazu ein ausführliches Dossier veröffentlicht, wie sich Bannon im Vatikan beliebt machte. Klicken Sie hier.

Und die konservative katholische Wochenzeitung „National Catholic Register“ berichtete über Bannons Verbindungen zu einem reaktionären katholischen Studienzentrum in Rom und Brüssel, mit dem hübschen Namen „Dignitatis Humanae Institut“, der Titel erinnert an einen Text zur Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Zu weiteren Informationen über dieses „Forschungszentrum“ mit dem Namen „Institut der menschlichen Würde“ (vor allem für die Würde des Mister Bannon) klicken Sie hier. Wer die website dieses Instituts aufschlägt, ist sofort mit dem Katholiken Bannon konfrontiert. Zu den „Patrons“ des Instituts gehörte u.a Otto von Habsburg, sehr konservative Kardinäle, wie die Herren Kardinäle Brandmüller, BURKE oder Sarah, gehören zur Leitung; offizieller „Hausgeistlicher“ ist der umstrittene englische Franziskaner Michael Seed. Informationen auch über ihn, der für die Konversion von Tony Blair zuständig war… Klicken Sie hier.

Wir fragen uns im Religionsphilosophischen Salon Berlin:

Die Richter und Juristen im allgemeinen sind wohl noch eine starke Kraft in den USA, um gegen die totalitären Ansprüche des Trump-Regimes vorzugehen. Warum nicht auch die katholischen Kirchen-Juristen? Warum sollte also nicht die Frage diskutiert werden: Wann wird Steve Bannon, der mit universal geltenden Menschenrechten überhaupt nichts zu tun hat, siehe seine Beiträge in „Breitbart“, wann also wird dieser katholische Ober-Hetzer und katholische Feind des Demokratie nicht von Papst und US-Bischöfen EXKOMMUNIZIERT? Wir im Religionsphilosophischen Salon sind überhaupt keine Freunde von Exkommunikationen. (Es wurden allzu oft die falschen, nämlich die theologischen Abweichler und theologisch kreativen Ketzer exkommuniziert…).  Aber in größter Not haben Exkommunikationen auch heute einen symbolischen und vielleicht auch politischen Wert: Den Amis sollte der Papst also sagen: Dieser Typ Steve Bannon ist ab sofort nicht mehr katholisch. Bei den großen Mafia-Bossen in Italien hat Papst Franziskus diesen symbolischen Akt auch vollzogen. Die Mafiosi morden trotzdem weiter, aber die Öffentlichkeit weiß: Diese Typen gelten selbst im Vatikan nicht als katholisch. Sie sind Verbrecher. Beichten reicht dann für sie nicht mehr: Diese Typen müssen sich politisch-ethisch verwandeln d.h. zum Respekt vor der universal (!) geltenden Menschlichkeit und den Menschenrechten zurückkehren.

Aber vielleicht stehen viele führende Katholiken und Bischöfe in den USA insgeheim und offen auf Steve Bannons Seite? Das wäre eine Katastrophe, die kritischer Recherche-Journalismus natürlich dokumentieren müßte.

Thomas Assheuer bietet in „Die Zeit“ vom 9.Februar 2017, Seite 35, den wichtigen Hinweis auf eine Connection zwischen Steve Bannon und Alexander Dugin, Russland, der dort als Neo-Faschist betrachtet wird.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Ein anderer Kirchentag 2017. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

5. Februar 2017 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Die Fragen stellte Christian Modehn

Man muss kein Zukunftsforscher sein, erst recht kein Prophet, um zu sehen: Wenn der Kirchentag vom 24. bis 28. Mai 2017 in Berlin und Wittenberg stattfindet, wird es noch mehr irritierende politische Turbulenzen geben: Die Wahlen in Holland und Frankreich sowie die Landtagswahlen in Deutschland werden leider wohl starke rechts(extrem)lastige Ergebnisse zeigen. Und die Zustände in den USA unter Trump werden sich gewiss noch nicht gebessert haben. Diese Themen werden das Miteinander in der Demokratie auch hier weiter belasten. Und genau damit sollten sich die TeilnehmerInnen des Kirchentages befassen.  Also: Kann unter diesen aktuellen Umständen ein Kirchentag einfach so, wie vorgesehen, sein Programm „durchziehen“? Mit all den nun schon vertrauten eher üblichen Themen? Oder muss ein „Ruck“ durch den Kirchentag jetzt noch gehen? Sollte nicht das eine zentrale dringende Thema, nämlich die Verteidigung der Demokratie und des Friedens, das ganze Programm bestimmen?

Das Elend ist eben, dass man sich nicht mehr traut, vom protestantischen Prinzip zu reden, das durch die Reformation zur bestimmenden Kraft im Christentum geworden ist. Mit historischen Ausstellungen, finanziert von Auswärtigen Amt, wird die Reformation als historisches Ereignis, das keineswegs nur kirchliche, sondern enorme gesellschaftliche, politische und kulturelle Auswirkungen hatte, gefeiert. Wenn es um die theologische und kirchliche Gegenwartsbedeutung der Reformation geht, und erst recht, wenn es darum geht, zu sagen, wofür ein sich an der Reformation orientierendes Christentum in den atemberaubenden Konflikten und politischen Verwirrungen unserer Tage einzutreten hat, dann bleiben Theologie und Kirche jedoch merkwürdig stumm.

Man wiederholt formelhaft die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und dass die Kirche sich an Christus allein zu orientieren habe. Das erregt natürlich auch nirgendwo Widerspruch, auch in der Katholischen Kirche nicht. So begannen die höchsten Repräsentanten der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland das Reformationsjubiläumsjahr damit, dass sie gemeinsam eine Reise nach Jerusalem unternommen haben. So pilgert der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm am 6. Februar 2017 mit einer Delegation der EKD nach Rom, um mit dem Papst zusammen das Reformationsfest als „Christusfest“ zu begehen.

Man ergeht sich in innerkirchlicher Selbstbeweihräucherung, indem man die Überwindung theologischer Gegensätze feiert, die schon längst niemand mehr versteht, geschweige denn interessiert. Die kirchlichen Würdenträger auf evangelischer wie katholischer Seite zelebrieren ökumenische Verbundenheit in dem irrigen Glauben, gemeinsam könnten sie im Kampf gegen die säkulare Welt besser bestehen. Die Evangelischen sind dabei so sehr von der Angst ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung getrieben, dass sie sogar vor Unterwerfungsgesten der nach wie vor machtvoll auftretenden Katholischen Kirche nicht zurückschrecken. Sie fahren nach Rom, nachdem der Papst sich geweigert hatte, nach Wittenberg zu kommen. Wie soll angesichts so viel theologischer Selbstverleugnung der evangelischen Kirchenführer das protestantische Prinzip noch zur Geltung kommen können? Es wird auch auf dem Kirchentag dem innerkirchlich motivierten ökumenischen Einheitswahn zum Opfer fallen.

Natürlich wird man sich auf dem Wittenberger Kirchentag auch mit den gesellschaftlichen und politischen Konflikten und Herausforderungen der zerrissenen Weltgesellschaft beschäftigen. Es wird den ganzen Sommer über unzählige Foren in Berlin und Wittenberg auch zu Demokratie und Menschenrechten geben. Es werden der Trumpismus und die AFD wichtige Themen sein. Das steht alles außer Frage. Aber man wird nichts darüber hören, was das spezifisch Protestantische in der Stellungnahme ist, die angesichts der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation von Christen gefordert ist. Von einer protestantischen Identität will man um des lieben ökumenischen Friedens willen in den Leitungsgremien der EKD ebenso wenig etwas wissen wie unter den Cheforganisatoren des Evangelischen Kirchentages. Man übersieht dabei jedoch, dass es viele Menschen in der Evangelischen Kirche und vielleicht noch mehr in der Katholischen Kirche gibt, die sehnlichst darauf warten, dass das durch die Reformation ins Christentum eingeführte protestantische Prinzip sich in der Kirche wie dann erst recht in Politik und Gesellschaft heute erneut energisch Geltung verschafft.

Was es mit dem Protestantismus als Prinzip auf sich hat, hat als erster Paul Tillich in den 1920er Jahren ausgesprochen. Er meinte damit, dass die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangene Kirchenreform sich gegen alle ideologische Überhöhung menschlicher und weltlicher Macht ins Göttliche gerichtet hat. Protestantisch ist der Protest gegen eine Arroganz der Macht, die sich auf höhere Rechtfertigungen beruft als die, auf Zeit und nach demokratischen Regeln vergeben worden zu sein. Absolute, göttliche Rechtfertigung steht nur Gott zu. Kein Mensch darf sich auf sie berufen, um damit am vernünftigen Diskurs vorbei seine Entscheidungen zu legitimieren. Das protestantische Prinzip ist der permanente Einspruch gegen die ideologische, sich auf höhere Gewalt berufende Rechtfertigung der Macht. Es lässt, wie Tillich sagte, Priester zu Laien, Sakramente zu bloßen Worten, Heiliges zu Profanem werden. Es begründet das Priestertum aller Gläubigen. Es ist, in seinem politischen Konsequenzen, das demokratische Prinzip, die theologische Begründung des Rechts auf vernunftgeleitete, diskursiv ausgehandelte Selbst- und Mitbestimmung.

Es ist schon so: das protestantische Prinzip verbindet sich eng mit der reformatorischen Einsicht in die Rechtfertigung allein aus Glauben, damit, dass diese in letzter Instanz Gottes und nicht des Menschen Sache ist. Aber es greift über das Kirchliche ins Politische und Gesellschaftliche hinein. Es beschreibt, was es heißt, in Politik und Gesellschaft aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ zu leben. Aus der theologischen Lehre vom Priestertum aller Gläubigen folgen dann der demokratische Grundgedanke der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und ihr Recht auf Mitbestimmung in allen das Gemeinwesen bestimmenden Angelegenheiten.

Dieses protestantische Prinzip ist zu Zeiten der Reformation weder kirchlich noch staatlich verwirklicht worden. Anpassung an obrigkeitsstaatliches Denken und Demokratieverachtung waren in der ganzen Geschichte auch des Protestantismus ganz überwiegend seine mehrheitskirchlichen Kennzeichen.

Dennoch scheint mir dieses protestantische Prinzip, das jeden Menschen vor Gott gleichstellt, jedem Menschen einen unendlichen Wert zuspricht, die Arbeit für mehr Gerechtigkeit zur moralischen Pflicht zu machen und den Frieden zum Endzweck allen politischen Handelns zu erklären. Allein deshalb schon sollte es auch theologisch ins Zentrum des Reformationsgedenkens treten.

Dann müsste es auch auf dem Wittenberger Kirchentag darum gehen, theologisch Farbe zu bekennen und an der protestantischen Identität des Christentums zu arbeiten. Wir brauchen keinen ökumenischen Versöhnungsschleim. Die politischen, sozialen und ideologischen Gegensätze, die unsere Welt zerreißen, gehen auch durch die Kirchen. Wo diese meinen, ihnen enthoben zu sein, betreiben sie die ganz und gar unprotestantische Vergöttlichung und Immunisierung ihrer Macht.

Der Pluralismus ist auch im Christentum eine Realität. Und er kann auch etwas Gutes haben, nämlich, dass Christen sich darüber Klarheit verschaffen, wofür sie selbst stehen und einzustehen bereit sind, religiös und politisch. Und beides hat eben sehr viel miteinander zu tun.

Was nützt es auch angesichts unserer Welt, wenn die TeilnehmerInnen des Kirchentags noch einmal etwas mehr von der „Rechtfertigung aus Glauben allein“ erfahren? Was nützt, wenn sie abermals hören, wie nahe sich Protestanten und Katholiken schon (angeblich) gekommen sind? Wenn die Zivil- Gesellschaft und der demokratische Staat an so vielen Orten bedroht ist? Würde Luther heute nicht 95 Thesen zur Rettung der Menschenrechte veröffentlichen?

Ja, davon bin ich überzeugt, Luther würde heute seine Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben als die Botschaft einer Rechtfertigung des Existenz- und Lebensrechtes eines jeden Menschen, allein deshalb, weil er ein Mensch ist, von den Kanzeln predigen! Er würde seine Überzeugung auf die Marktplätze bringen, in TV-Debatten verteidigen und über unzählige Tweets allen, die ihm folgen, weltweit bekannt machen.

Selbstverständlich wollte er auch, dass der zum Gedenken der Reformation in Wittenberg gefeierte Kirchentag sich nicht wieder in die Lehrstreitigkeiten des 16. Jahrhunderts hineinbegibt. Die innerkirchlichen Auseinandersetzung, aber auch die ökumenischen Verständigungsbemühungen hätten ihn vermutlich überhaupt nicht interessiert. Für ihn war die Wiederentdeckung des Evangeliums von einer über Leben und Tod, ewiges Heil oder ewige Verdammnis entscheidenden Wahrheit von alleiniger Bedeutung. Entsprechend entscheidet heute die Anerkennung oder Verleugnung der Menschenrechte täglich über Leben und Tod, offene Zukunft oder endgültiges Verderben von Tausenden von Menschen. Sie bleiben an den Grenzzäunen wie sie überall, auch in Europa, errichtet werden, hängen, ersaufen im Mittelmeer – oder aber sie finden Aufnahme in Ländern, die ihnen das Überleben sichern, oder, noch besser, sie erhalten durch den Aufbau einer gerechteren Welt- und Friedensordnung die Chance, zum wirtschaftlichen Aufbau ihrer eigenen Länder beizutragen.

Ein Kirchentag, der die Entdeckung des protestantischen Prinzips der Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott und damit die unhintergehbare Bestätigung des unendlichen Wertes jedes Wesens, das Menschenantlitz trägt – unabhängig von dessen religiösen, politischen nationalen oder ethnischen Zugehörigkeiten – feiert und in seinen weltweiten politischen Konsequenzen diskutiert, wäre ein Kirchentag im Sinne Luthers.

Allerdings, keiner von uns hätte dabei die Chance, sich aufs hohe Ross eigener moralischer Rechtschaffenheit zu setzen. Wir sind auch da durch Luthers 95 Thesen gewarnt. Die erste seiner 95 Thesen lautete bekanntlich, dass unser ganzes Leben ein in der Buße, d.h. in kritischer Selbstbesinnung zu führendes Leben sei.

Wenn der Glaube also im Zusammenhang von Demokratie und Menschenrechten eine Rolle spielt: Welche Gestalt des Glaubens ist es dann? Vielleicht ein elementarer Glaube an die Gründung allen Lebens in einem Sinn? Mit anderen Worten: Sollte der protestantische Glaube heute nicht elementar einfach sein? Und wenig dogmatisch, dafür aber sinnstiftend?

Vom protestantischen Prinzip zu sprechen und nicht von einer „reformatorischen Theologie“ oder einem „reformatorischen Rechtfertigungsglauben“, zielt genau darauf, das Protestantische als eine bestimmte, sich von anderen unterscheidende, die protestantische Identität ausmachende Lebenshaltung und Sinneinstellung aufzufassen. Sie kann genauso gut in der katholischen Kirche lebendig sein und ist es unter katholischen Christen de facto auch. Ja, diese vom protestantischen Prinzip bestimmte Lebenshaltung ist an gar kein kirchliches Mitgliedschaftsverhältnis gebunden.

Das Protestantische als Lebenshaltung überschreitet das Kirchliche. Sie geht ins Gesellschaftliche und Politische, ist aber doch religiös grundiert. Sie kommt von einem religiös bestimmten Grundsinnvertrauen her. Das Protestantische ist eine Lebenshaltung, die sich darum bemüht, jeden Menschen in seinem unbedingten Lebensrecht anzuerkennen. Sie schöpft ihre Kraft aus der Gewissheit eigenen Getragen- und Gehaltenseins, eines Gottvertrauens, wie es freilich in den Erfahrungen des Lebens auch immer wieder brüchig werden kann.

Aber, um es noch einmal ins Theologische zu wenden. Das eben heißt Glauben: Glauben meint nicht das Für-wahr-halten von überlieferten Glaubensbekenntnissen und kirchlichen Dogmen. Glauben bedeutet, darauf sich zu verlassen, dass die eigene Existenz bedingungslos gerechtfertigt ist, von Gott gerechtfertigt ist, nicht durch eigene Leistungen und Machtbeweise behauptet werden muss. Anerkannt, akzeptiert bin ich, so wie ich bin. Mein Leben hat einen Sinn. Es ist für mich gesorgt!

Wer aus solchem Glauben lebt, wie kann der anders, als sich zu fragen, wie die Welt aussehen müsste, damit jeder Mensch aus solcher Sinnerfahrung leben kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.



Trump und der Roman „1984“: Dichtung wird Wahrheit?

24. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn.

In den Kommentaren zum Umgang der Trump-Administration mit Fakten wird immer häufiger auf den berühmten Roman „1984“ verwiesen. Es ist gut, sich erneut an den Roman von George Orwell zu erinnern:

Der Roman „1984“ erschien 1949. Er ist wieder ein Bestseller seit dem Regierungsantritt von Trump.

Der Roman 1984 zeigt eine gespaltene Welt, in der Kriege geführt werden, nur um die Gewalt im eigenen Machtbereich zu kaschieren. Das Ziel der Regierung etwa in London ist die totale Auslöschung des individuellen Bewusstseins. Die Partei befiehlt neue Wahrheiten: „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“. In dieser totalitären Welt gibt es keine Tatsachen mehr, keine historische Faktizität. Im „Wahrheitsministerium“ wird die Wahrheit vom Staat stets neu geschrieben. Wahrheit und Lüge haben die gleiche Wertigkeit. Am schlimmsten sind die „Gedankenverbrechen“, also wenn Menschen unabhängig zu denken. Dann gibt es nur die Zerstörung des Menschen durch eine perfekte Staatsmaschinerie. Soweit einige Hinweise zum Roman.

Dazu aktuelle Information aus dem TRUMP- Land:

Trump hat mit seinen facebok- und Twitter Accounts ein persönliches Netzwerk voller Fakes aufgebaut. Und Stephen Bannon ist sein oberster Stratege, er arbeitete für das Hetzblatt „Breitbart“.

In Umfragen und Studien lässt die Begeisterung für die Demokratie in den USA schon ständig nach. Darauf kann Trump indirekt und direkt zustimmend reagieren.

„Gottlob sind die USA weder die Weimarer Republik noch Italien in den 20er Jahren“, schreibt der „New Yorker“, die Wirtschaft sei stabil und wachse. Trump sei weder Adolf Hitler noch Benito Mussolini. „Aber er ist Trump, und das ist eine echte Gefahr.“ Die Argumente: Trump habe keinerlei Respekt vor der Demokratie und der Verfassung. Er präsentiere sich als starker Alleinherrscher. Er respektiere keinerlei Normen. Er lasse sich von Ultrarechten und Antisemiten unterstützen. Er rede rassistischen Methoden der Polizei das Wort. Er hetze gegen Minderheiten. Er schüre Angst. Und er verachte Medien und Journalisten zutiefst: „Die niedrigste Form menschlichen Lebens“, so nannte er sie im Augus 2016t. (Quelle: Stuttgarter Zeitung, 29. Dez. 2016)

Viel beachtet legte Professor Jeff Colgan von der Brown University eine Liste mit zehn Anzeichen einer demokratischen Erosion vor. Mit allem Vorbehalt formuliert, finden sich auch dort die Ausschaltung oder Missachtung von Medien, eine Dämonisierung der Opposition oder ihrer Anführer, Angriffe auf Minderheiten, das Benennen von Sündenböcken und die scharfe Betonung der inneren Sicherheit.

Colgan: „Alle daraufhin ergriffenen Maßnahmen werden mit der Überbetonung eines angeblichen Notstandes entschuldigt, begleitet von offenem Nationalismus und wachsender Polarisierung.“ Das findet sich bei Trump eins zu eins, man kann nicht sagen, dass er das im Wahlkampf sorgfältig versteckt hätte.

Die große Gefahr für die USA, meint Colgan, liege aber nicht in einer rapiden Änderung über Nacht. Sondern in einem schleichenden, fast unmerklichen, zersetzenden Prozess, von dem die Herrschenden mit aller Macht abzulenken versuchten.

Wie Autokraten durch die Kontrolle von Information überleben, hat George Orwell schon in seinem Roman „1984“ beschrieben. „Wer sich damit auskennt, wie Gesellschaften zerfallen und wie Diktaturen entstehen, weiß, dass dafür das Strangulieren einer freien Presse ein Schlüsselfaktor ist“, schrieb die Schriftstellerin Rebecca Solnit nun für den „Guardian“.

Die Neue Züricher Zeitung schreibt:

Der neue Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, beschränkte seinen ersten Auftritt am Samstag ebenfalls auf eine Medienschelte, über weite Teile zum gleichen Thema. Fragen akzeptierte er keine.

Spicer ist kein Neuling aus dem Umfeld von Trumps Unternehmen, sondern war ab 2011 Kommunikationschef der republikanischen Parteiführung. Das hinderte ihn nicht, entgegen aller Vernunft und allen Beweisen zu behaupten, die Zuschauerzahl – sowohl in Washington als auch am Fernsehen – sei bei Trumps Vereidigung größer gewesen als je zuvor. Erfasst werden kann das nur noch in Kategorien von George Orwells Doppeldenk aus dem Roman ‘1984’

Quelle: http://www.salzburg24.at/pressestimmen-zur-amtseinfuehrung-von-us-praesident-trump/4937880)

Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler, schreibt: „Es ist unheimlich, wenn man den Roman 1984 wieder in die Hand nimmt. […] Das Weltbild wird geschnitten, zensiert, selektiert usw. Fakten werden verändert. Das ist absolut der Vorgang, mit dem wir jetzt allmählich vertraut gemacht werden in der Wirklichkeit. Das ist unheimlich, wie Literatur zu Wirklichkeit wird“….

„Und wir alle sind willig, wir wollen das (Überprüftwerden). Das ist der Unterschied zu Orwell, dass wir nicht gezwungen werden, sondern wir wollen uns mitteilen über Facebook, über Fotos, unsere Lebensläufe. Wir wollen gesehen werden. Das ist auch freiwilliges Aufgehen in diesem Totalstaat“.

Elmar Schenkel. Er ist Literaturwissenschaftler quelle: http://www.mdr.de/kultur/themen/george-orwell-neunzehnvierundachtzig-100.html

 

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