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Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer: Der Jahresreport 2016 von Amnesty International. Eine Pflichtlektüre!

22. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Interkultureller Dialog

Welche Geltung haben Menschenwürde und Menschenrechte heute? Amnesty International (A.I.) veröffentlicht dieser Tage einen Jahresrückblick 2016 zu dem Thema. Und dieser ist nicht nur Erinnerung; die widerwärtigen Fakten von 2016, aus weitesten Kreisen der Politik so vieler (sich oft noch demokratisch nennender) Staaten bestimmen noch das Leben im Februar 2017 und danach. Amnesty International lenkt die Aufmerksamkeit auf die wirklich dringenden Themen der Gegenwart. Wer sie verstehen will, sollte diesen Beitrag lesen. „Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer“, betont Amnesty International. Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Bitte besuchen auch die A.I. Website, bitte hier klicken.

Von Salil Shetty, internationaler Generalsekretär von Amnesty International

Die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, wurde 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Für Millionen Menschen war 2016 ein Jahr anhaltenden Elends und unablässiger Angst, weil Regierungen und bewaffnete Gruppen Menschenrechte auf vielfältige Art verletzten. Syriens einst bevölkerungsreichste Stadt Aleppo wurde durch Luftangriffe und Straßenkämpfe in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht, im Jemen gingen die grausamen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung weiter. In Myanmar spitzte sich die Misere der Rohingya immer weiter zu, in Burundi und im Südsudan kam es zu massenhaften rechtswidrigen Tötungen. In der Türkei und in Bahrain gingen die Behörden brutal gegen Andersdenkende vor, während in weiten Teilen Europas und der USA Hassreden zunahmen – die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer.

Es herrschte eine enorme Kluft zwischen Rhetorik und Realität, zwischen dem, was notwendig gewesen wäre, und dem was tatsächlich getan wurde, die einen immer wieder fassungslos machte. Nirgends zeigte sich dies deutlicher als beim UN-Gipfel zu Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im September 2016, als die teilnehmenden Staaten nicht in der Lage waren, eine angemessene Antwort auf die globale Flüchtlingskrise zu finden, die im Laufe des Jahres größer und dringlicher wurde. Während die Regierenden angesichts dieser Herausforderung versagten, saßen 75.000 Flüchtlinge in der Wüste im Niemandsland zwischen Syrien und Jordanien fest.

Die Afrikanische Union hatte für 2016 ein Jahr der Menschenrechte ausgerufen. Doch in diesem Zeitraum kündigten drei Mitgliedstaaten ihren Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof an und torpedierten damit die Hoffnung auf eine Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen. Der sudanesische Staatspräsident Omar al-Bashir konnte ungehindert und straflos durch Afrika reisen, während seine Regierung in Darfur mit Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Diskurs der Furcht und Uneinigkeit
Das möglicherweise größte der vielen politischen Erdbeben im Jahr 2016 war die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie folgte auf einen Wahlkampf, in dem Trump sich vielfach mit hetzerischen Äußerungen hervorgetan hatte, die von Frauen- und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren. Er versprach, etablierte bürgerliche Freiheiten rückgängig zu machen und eine Politik zu betreiben, die der Wahrung der Menschenrechte in höchstem Maße zuwiderläuft.

Trumps vergiftete Wahlkampfrhetorik war nur ein Beispiel eines weltweiten Trend hin zu einer Politik, die auf Wut und Spaltung setzt. In vielen Ländern stützten sich Machthaber und Politiker zum Erhalt ihrer Macht auf einen Diskurs der Furcht und der Uneinigkeit und wiesen die Schuld für die tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme ihrer Wählerschaft „den Anderen“ zu.

Trumps Vorgänger, Präsident Barack Obama, hinterließ in Bezug auf den Menschenrechtsschutz ein Erbe, das auch viele Fälle schweren Versagens umfasst. Dazu zählen die Ausweitung der geheimen CIA-Drohnenangriffe und die gigantische Massenüberwachungsmaschinerie, die der Whistleblower Edward Snowden öffentlich machte. Doch die Ankündigungen des neuen US-Präsidenten Trump lassen eine Außenpolitik befürchten, die sich über multilaterale Kooperationen hinwegsetzt und eine Ära vermehrter Instabilität und gegenseitigen Misstrauens einleitet.

Noch mangelt es an einem übergreifenden Diskurs, der die aufwühlenden Ereignisse des vergangenen Jahres einordnen könnte. Tatsache ist jedoch, dass die Weltlage zu Beginn des Jahres 2017 höchst instabil ist und wir voller Sorge und Unsicherheit in die Zukunft blicken.

Suche nach Sündenböcken
Vor diesem Hintergrund droht die Sicherheit der Werte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck gebracht wurden, zu schwinden. Die Erklärung, die nach einem der blutigsten Kapitel der menschlichen Geschichte geschrieben wurde, beginnt mit den Worten: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet (…)“.

Doch trotz der Lehren aus der Vergangenheit wurde die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Die Verachtung dieser Ideale war offenkundig in einem Jahr, in dem die gezielte Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien und im Jemen zur Routine wurde, in dem Flüchtlinge in Konfliktgebiete zurückgeschickt wurden, in dem die nahezu vollständige Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft in Bezug auf Aleppo an das Versagen in Ruanda 1994 und in Srebrenica 1995 erinnerte und in dem Regierungen in unzähligen Ländern weltweit massiv gegen Andersdenkende vorgingen.

Angesichts all dessen ist es alarmierend einfach, eine Schreckensvision der Welt und unserer Zukunft zu zeichnen. Die dringende und zunehmend schwierigere Aufgabe besteht jedoch darin, die globale Verpflichtung zu diesen grundlegenden Werten wiederzubeleben, von denen die Menschheit abhängt.

Zu den extrem beunruhigenden Entwicklungen 2016 zählen auch die Folgen eines neuen Handels, den Regierungen ihren Bürgern anbieten – sie versprechen ihnen Sicherheit und Wohlstand, wenn sie im Gegenzug dazu bereit sind, auf politische Teilhabe und bürgerliche Freiheiten zu verzichten.

Auf allen Kontinenten gingen Regierungen 2016 in drastischer Weise gegen Andersdenkende vor – manchmal offen und gewaltsam, manchmal subtiler und vermeintlich seriöser. Das Bestreben, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, nahm weltweit zu, sowohl was den Umfang als auch die Intensität betraf.

Drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle
Die Ermordung der indigenen Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres in Honduras im März 2016 machte exemplarisch deutlich, welche Gefahr Menschen droht, die sich mutig gegen mächtige staatliche und privatwirtschaftliche Interessen stellen. Nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch andernorts werden couragierte Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, die auf die Konsequenzen von Ressourcenabbau und Infrastrukturprojekten für Mensch und Umwelt hinweisen wollen, von Regierungen häufig als Bedrohung der wirtschaftlichen Entwicklung abgetan. Berta Cáceres, die sich für die lokale Bevölkerung und deren Land eingesetzt und zuletzt gegen ein Staudammprojekt gekämpft hatte, erhielt für ihr Engagement weltweit Anerkennung. Von den Mördern, die sie zuhause töteten, geht ein furchteinflößendes Signal an andere Aktivisten aus, insbesondere an diejenigen, die international nicht so bekannt sind wie Berta Cáceres.

In vielen Teilen der Welt zogen Regierungen Sicherheitsgründe heran, um ihr drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle zu rechtfertigen. In Äthiopien töteten Sicherheitskräfte Hunderte Protestierende und nahmen Tausende Menschen willkürlich fest, die überwiegend friedlich gegen rechtswidrige Landenteignungen in der Region Oromia demonstriert hatten. Die äthiopische Regierung nutzte das Antiterrorgesetz, um radikal gegen Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Oppositionspolitiker vorzugehen.

In der Türkei verschärfte die Regierung im Zuge des Ausnahmezustands nach dem Putschversuch im Juli 2016 ihr hartes Vorgehen gegen regierungskritische Stimmen. Sie entließ mehr als 110.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aufgrund angeblicher „Verbindungen zu terroristischen Organisationen oder Bedrohung der nationalen Sicherheit“, hielt 118 Journalisten in Untersuchungshaft und verfügte willkürlich die endgültige Schließung von 184 Medienunternehmen.

Im Nahen Osten und in Nordafrika war die Unterdrückung von Andersdenkenden endemisch. In Ägypten inhaftierten die Sicherheitskräfte willkürlich mutmaßliche Unterstützer der verbotenen Muslimbruderschaft sowie andere Regierungskritiker und Oppositionelle, folterten sie und ließen sie „verschwinden“. Die Behörden Bahrains gingen massiv gegen Regierungskritiker vor, indem sie diese mit zahlreichen Anklagen wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit überzogen. Im Iran warfen die Behörden Kritiker ins Gefängnis, zensierten alle Medien und verabschiedeten ein neues Gesetz, das praktisch jede Kritik an der Regierung und ihrer Politik unter Strafe stellt.

In Nordkorea intensivierte die Regierung ihre bereits extreme Unterdrückung der Bevölkerung durch die verschärfte Kontrolle der Kommunikationstechnologie. Häufig waren die strengen Maßnahmen ein Versuch, Regierungsversagen zu kaschieren, so zum Beispiel in Venezuela, wo die Regierung lieber Kritiker zum Schweigen brachte als die humanitäre Krise zu bekämpfen, die weiter eskalierte.

Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt
Außer direkten Bedrohungen und Angriffen war zu beobachten, wie etablierte bürgerliche und politische Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt wurden. So wurde zum Beispiel in Großbritannien ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet, das die Befugnisse der Behörden erheblich ausweitet. Sie können künftig die digitale Kommunikation und Daten abfangen, einsehen, zurückhalten oder in anderer Weise manipulieren, ohne dass ein stichhaltiger Verdacht gegen eine Person vorliegt. Indem Großbritannien eines der weltweit umfangreichsten Massenüberwachungssysteme einführte, näherte sich das Land einer Realität an, in der das Recht auf Privatsphäre schlicht nicht mehr anerkannt wird.

Der möglicherweise bösartigste Angriff auf die Menschenrechte bestand jedoch darin, dass Machthaber und Politiker zur Rechtfertigung ihrer repressiven Maßnahmen „die Anderen“ für tatsächliche oder vermeintliche soziale Probleme verantwortlich machten. Mit hasserfüllter, spaltender und hetzerischer Rhetorik bedienten sie die finstersten Instinkte der menschlichen Natur. Indem sie bestimmte Gruppen, häufig ethnische oder religiöse Minderheiten, kollektiv für soziale und wirtschaftliche Missstände verantwortlich machten, bereiteten sie den Weg für Diskriminierung und Hassverbrechen, insbesondere in Europa und den USA.

Eine Variante dessen stellte der eskalierende „Antidrogenkrieg“ des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte dar, der unzähligen Menschen das Leben kostete. Staatlich angeordnete Gewalt und Massentötungen durch Bürgerwehren forderten mehr als 5000 Tote, nachdem der Präsident mehrmals öffentlich erklärt hatte, dass Personen, die mutmaßlich in Drogenverbrechen verwickelt seien, getötet werden sollten.

Selbsternannte „Anti-Establishment“-Vertreter, die behaupteten, an sozialen und wirtschaftlichen Missständen seien sogenannte Eliten, internationale Organisationen und „die Anderen“ schuld, boten die falschen Rezepte an. Das Gefühl der Unsicherheit und Entrechtung, das sich aufgrund von Arbeitslosigkeit, unsicheren Arbeitsverträgen, wachsender sozialer Ungleichheit und dem Verlust staatlicher Versorgungsleistungen bei vielen Menschen einstellte, erfordert ein entschlossenes Handeln, Ressourcen und einen Politikwechsel der Regierungen, anstatt einfach nach Sündenböcke zu suchen.

Es war offensichtlich, dass viele desillusionierte Menschen weltweit die Antworten nicht in den Menschenrechten suchten. Doch die Ungleichheit und Vernachlässigung, die der Wut und Frustration zugrunde lag, war zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass Staaten die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ihrer Bürger nicht schützten.

Ganz normale Heldinnen und Helden
Doch 2016 war in mancherlei Hinsicht auch die Geschichte von Menschen voller Mut, Widerstandskraft, Kreativität und Entschlossenheit angesichts immenser Herausforderungen und Bedrohungen.

Auf allen Kontinenten gab es Beispiele dafür, dass Menschen auch immer Mittel und Wege finden, sich zu widersetzen und sich Gehör zu verschaffen, auch wenn staatliche Machtapparate sie unterdrücken. So gelang es Aktivisten in China trotz systematischer Drangsalierung und Einschüchterung, online an den Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 in Peking zu erinnern. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro machte der äthiopische Marathonläufer und Silbermedaillengewinner Feyisa Lilesa weltweit Schlagzeilen, als er an der Ziellinie mit einer Geste die staatliche Verfolgung der Oromo in Äthiopien anprangerte. An den Mittelmeerküsten Europas reagierten Freiwillige auf das Versagen der Regierungen beim Flüchtlingsschutz, indem sie Ertrinkende eigenhändig retteten. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent entstanden Bewegungen der Zivilgesellschaft, von denen einige vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären. Sie griffen Forderungen der Bevölkerung nach Rechten und Gerechtigkeit auf und verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Der Vorwurf, Menschenrechte seien ein Projekt der Eliten, ist nicht haltbar. Der menschliche Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit löst sich nicht einfach in Luft auf. In einem Jahr voller Spaltung und Entmenschlichung leuchteten Aktionen für die Menschlichkeit und die grundlegende Würde des Menschen heller als je zuvor. Diese leidenschaftliche Reaktion verkörperte auch der 24-jährige Anas al-Basha, bekannt als Clown von Aleppo, der sich entschloss, trotz der furchtbaren Bombenangriffe der Regierungstruppen in der Stadt zu bleiben, um Kinder zu trösten und ihnen eine Freude zu bereiten. Als er am 29. November 2016 bei einem Luftangriff getötet wurde, würdigte sein Bruder ihn mit den Worten, er habe Kinder „am dunkelsten und gefährlichsten Ort der Welt“ glücklich gemacht.

Zu Beginn des Jahres 2017 fühlt sich die Welt instabil an und die Angst vor der Zukunft nimmt zu. Doch gerade in solchen Zeiten werden couragierte Stimmen gebraucht, ganz normale Heldinnen und Helden, die sich gegen Unrecht und Unterdrückung erheben. Niemand kann es mit der ganzen Welt aufnehmen, aber jeder kann seine eigene Welt verändern. Jeder kann aufstehen gegen Entmenschlichung, indem er sich auf lokaler Ebene für die Wahrung der Würde und der gleichen und unteilbaren Rechte aller einsetzt und damit das Fundament für Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt legt. 2017 werden Menschenrechtsheldinnen und Menschenrechtshelden gebraucht.

 



Katholisch heißt immer noch (oft) fundamentalistisch denken: Eine vernünftige Nonne wird verteufelt.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Wie die katholische Dominikaner-Nonne Lucia Caram Hass und Morddrohungen auf sich zieht

Ein Hinweis von Christian Modehn

Was hat die Nonne Schwester Luzia Caram aus dem Dominikaner-Orden Furchtbares gesagt in einem Fernsehinterview in Barcelona Ende Januar 2017? „Ich glaube, dass Maria in Josef verliebt war. Dass sie ein normales Paar waren und aller Wahrscheinlichkeit entsprechend: Hatten sie auch sexuelle Beziehungen. Der Sex ist eine schöne Form, Gefühle auszudrücken und die Liebe. Aber für die Kirche ist dies ein schmutziges Thema und es wird versteckt. Ich aber glaube, Sex ist ein Segen. Ich glaube auch, dass wir uns getäuscht haben in unserer Art diese Dinge zu lehren: Wir wollten die Botschaft des Evangeliums in irgendeine bloß spirituelle Sache umwidmen (convertir). Und wir wollten die absurde Idee einschärfen, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist. (übersetzt nach Libération, Paris, vom 14. 2. 2017, übers.von Chr. Modehn).

Die Tageszeitung Libération zitiert den Erzbischof von Barcelona: «Il s’agit d’un grave scandale. C’est un affront intolérable contre un point fondamental de la doctrine catholique“.“ Es handelt sich um einen schweren Skandal. Es ist ein nicht hinzunehmender Affront gegen einen fundamentalen Punkt der katholischen Doktrin (sic!)“.

Der Wortführer der spanischen Bischofskonferenz, Jose Maria Gil Tamayo, kündigte an, dass die Kirche diesen „problematischen Fall“ studieren wird, diese Äußerungen einer Frau, „die die Reinheit der Botschaft Christi mit ihren Äußerungen beschmutzt“. Der Bischof der spanischen Diözese VIC sagte in Bezug auf die nicht – vollzogene Ehe von Maria und Josef: „Esta verdad de la fe fue recogida y proclamada de manera definitiva por el Concilio II de Constantinopla, siendo el primer dogma mariano y compartido por los cristianos católicos y ortodoxos“. „Diese Glaubenswahrheit wurde erkannt und proklamiert auf definitive Weise vom 2. Konzil zu Konstantinopel (es fand vor kurzem, im Jahr 553, statt, C.M:);  es ist das erste Marien-Dogma und es wird geglaubt (geteilt) von katholischen und orthodoxen Christen“, so El Mundo, 1.2.2017.

Inzwischen erhält die mutige und vernünftig denkende Nonne Morddrohungen von fundamentalistischen, d.h. dummen Katholiken. Diese Leute können Glauben und Vernunft nicht verbinden. Und können nur glauben, wenn überall Wunder passieren (im Falle der Ehe Marias mit Josef) und Sex nur verheimlicht wird.

Schwester Luzia, 51 Jahre, stammt aus Argentinien, sie lebt in der Nähe von Barcelona, in einem kontemplativen Kloster, das sich um ca. 1400 arme Familien helfend und beratend kümmert. Sie ist im ganzen Land bekannt und beliebt, weil sie auch eine eigene Koch-Sendung im „Canal Cocina“, Kanal Küche, hat, dieses Programm mit der kochenden und manchmal vor berechtiger theologischer Wut „kochenden“ Nonne wird auch in Lateinamerika viel gesehen. Ihr sehr altes, sehr ehrwürdiges und doch von einer modernen Nonne bewohnte Kloster in Manresa, bei Barcelona, hat den Namen „Convento Santa Clara“. Dies für alle, die unterstützenden Kontakt mit der Dominikanerin aufnehmen wollen.

Wir im Religionsphilosophischen Salon freuen uns natürlich bei allen Problemen, die sich die Nonne durch ihre treffenden Worte eingehandelt hat: Dass Schwester Luzia aus Barcelona das selbe sagt, was wir zum Thema Heilige Familie veröffentlicht haben, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Gleichzeitig ist es interessant zu sehen, wie stark der Katholizismus immer, noch bis in die höchsten Kreise, vom Fundamentalismus bestimmt ist, also etwa in der Ablehnung einer historisch-kritischen Bibelforschung.

Das Schlimmste ist wohl, dass ein freies und umfassend freies Wort in der römischen Kirche nicht möglich ist. Dies zu sagen ist im Reformationsjubiläum 2017 wohl besonders wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Gott ist nicht tot, vielleicht hat er nur neue Kleider? Ein Katechismus des Mitgefühls.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Theologische Bücher

Gottes „neue Kleider“. Der niederländische „Katechismus des Mitgefühls“.

Ein neuer Katechismus – eine Einladung, selber zu denken und den eigenen Glauben zu entwickeln.

In meiner Radiosendung im NDR (in der Reihe „Glaubenssachen“ am 19.2. 2016) mit dem Titel „Glauben ist einfach“ (klicken Sie hier) wurde der niederländische Katechismus des Mitgefühls kurz erwähnt. Einige HörerInnen waren daran so interessiert und fragten, ob es diesen menschenfreundlichen und un-dogmatischen Katechismus auch auf Deutsch gibt. „Leider nicht“, heißt meine Antwort. Ich habe aber 2010 einige ausführlichere Hinweise zu diesem bemerkenswerten Buch geschrieben, Hinweise, die ich hier noch einmal, am 21.2.2017, vorstelle:

Die 150 Abgeordneten des Niederländischen Parlaments (Tweede Kamer) erhalten dieser Tage (also 2010) einen Katechismus geschenkt. Ungewöhnlich, in einem säkularisierten Land wie Holland. Dabei handelt es sich nicht um den Versuch, klerikale Machtansprüche in der Politik durchzusetzen, das liegt den Autoren des ungewöhnlichen Katechismus auch völlig fern. Denn sie treten als „freisinnige, liberale Christen“ entschieden für die Trennung von Kirche und Staat ein. Aber ihnen liegt daran, mit allen Menschen, auch mit Politikern, in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten, nicht über Dogmen, wohl aber auch ethische Orientierungs  – Vorschläge!

Es ist schon komisch: Ausgerechnet in Holland erscheint dieser Tage ein neuer Katechismus. Ist das Wort „Katechismus“ nicht völlig out, völlig verbraucht, gerade in den Niederlanden, wo nur noch etwa 35 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche sind und die wenigsten Menschen von dogmatischen Lehren unterwiesen werden wollen? In dieser Situation muss man schon etwas Außergewöhnliches vorweisen: Der neue holländische Katechismus  konnte entstehen, weil die vier freisinnigen christlichen Kirchen Hollands angesichts des zunehmenden Einflusses konservativer und reaktionärer Kirchen deutlich ihre eigene Stimme erheben, die Stimme der Freiheit, die dem Nachdenken allen Raum lässt und eben keine fertigen „ewigen“ Wahrheiten präsentiert. Es sind keine Leitungsgremien, keine Bischöfe und keine Päpste, die diesen Katechismus verfasst haben, sondern zwei Pfarrer, die im ständigen Austausch mit der Kultur der Gegenwart stehen: Christiane Berckvens – Stevelinck, Theologin der Remonstranten Kirche, und Ad Ablass, Theologe der freisinnigen Strömung innerhalb der Protestantischen Kirche (PKN) legen ein Buch vor, das in 12 Kapiteln Grundworte der menschlichen Kultur erläutert, Grundworte, die ihre Wurzeln in den biblischen Traditionen haben.  Am Anfang steht die „Compassie“, das Mitleid, am Ende die dem Mitgefühl und der Empathie verwandte Liebe. Andere Themen sind Gleichheit, Verbundenheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, Freiheit, Berufung, Glaube und Gott. Das neue Buch nennt sich ausdrücklich „Katechismus des Mitleids“, ein zweifellos ungewöhnlicher, wenn nicht gar provozierender Titel. Aber er deutet das Ziel an: Die LeserInnen werden eingeladen, angesichts der humanen, ökologischen und politischen Katastrophen der Gegenwart das Mitleiden zu entwickeln, nicht nur als spirituelle Haltung, sondern vor allem als aufgeklärtes Handeln zugunsten der Leidenden. Aber dieser Appell zum Handeln ist nicht dick aufgetragen, vielmehr bieten die einzelnen Kapitel Informationen und meditative Impulse zu diesen Grundworten humaner Existenz. So ist ein Buch entstanden, das sich wohl am besten in einer eher „meditativen und behutsamen Lektüre“ erschließt. Nebenbei: Das Buch verdankt wesentliche Anregungen der britischen Philosophin und ehemaligen katholischen Nonne Karen Armstrong, die sich ausdrücklich für eine „Charta des Mitgefühls“ einsetzt. So gehört dieses Buch zu dem weltweit entstehenden Netwerk „Compassion“! Alle Kapitel des Katechismus werden „eingeleitet“ mit schönen Nachdrucken von Gemälden, Chagall ist genauso vertreten wie Rembrandt, Claudio Taddei genauso wie Caravaggio oder Ferdinand Hodler. Die eigens für das Buch gefertigten Gemälde der Künstlerin Brigida Almeida aus Utrecht beschließen jedes Kapitel. Im Text werden die Leser mit einer Fülle an Informationen aus der Literatur, dem Film, dem Theater konfrontiert, Informationen, die gleichermaßen die Schwierigkeiten wie die Chancen einer Lebenshaltung vorstellen, die sich von den 12 „Katechismus – Grundworten“ inspirieren lassen will, biblische Perspektiven sind jeweils ein Kapitel unter den anderen. Das ist der typische freisinnige Geist, dass keinem „Bibel – Fanatismus“ gehuldigt wird, sondern spirituelle Inspirationen auch im „weiten Feld“ der Religionen und Kulturen präsentiert werden. Sympathisch werden es Berliner finden, dass zum Thema Freiheit schon im Titel auf den berühmten Ausspruch John F. Kennedys verwiesen wird: „Ich bin ein Berliner“, ein Ausspruch, der heute als Bekenntnis gegen alle Formen des Totalitarismus verstanden wird. Äußerst sympathisch ist auch, dass das Kapitel über die Liebe mit einem Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld eröffnet wird, das die beiden Liebhaber David und Jonathan zeigt., sicher ist auch die Entscheidung für dieses Bild typisch für Freisinnige in Holland: Die Remonstranten waren ja die erste Kirche weltweit, die schon 1986 homosexuelle Paare –gleich welcher Konfession- in ihren Kirchen segnete. Sympathisch ist auch, dass der ungewöhnliche, progressive katholische Theologe Karl Rahner als Verteidiger der Mystik erwähnt wird.

Dies ist wohl der entscheidende Eindruck: Dieser auch vom Layout so schöne und freundliche Katechismus der freisinnigen Christen plädiert für die Mystik, sicher für eine moderne, eine durch die Aufklärung „hindurchgegangene“ Mystik: Aber doch wird aller Nachdruck gelegt auf das innere Erleben des Göttlichen, das sich im Handeln ausdrückt. In der Mystik sehen die Autoren ohnehin die Zukunft des Religiösen. Interessant könnte es sein, wie sich die freisinnigen Kirchen selbst zu Orten (multi-religiöser) Mystik entwickeln. Vielleicht ist diese Mystik das neue Profil der Freisinnigen und ihrer Gemeinden? Vielleicht können sie mit diesem Profil weitere undogmatische, aber mystisch Interessierte einladen? Die niederländischen Autoren sind jedenfalls überzeugt: Gott ist nicht tot, er zeigt heute nur neue, ungewöhnliche „Gesichter“. Er hat vielleicht neue Kleider angelegt, wie die Autoren schreiben.

„Catechismus van de compassie“. Erschienen im Verlag Skandalon, in Vught, Holland. ISBN 978-90-76564-94-4.

 



Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16. Februar 2017

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: „Nennt euch nicht Meister“. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel „Meine Lebensgeschichte“ zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem „Freidenkertum“ (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) „Versöhung von Christentum und Moderne“ ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: „Petri Stuhl-Feier“. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch „Der Papst. Sendung und Auftrag“ ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Was ist Populismus? In der Politik … und in den Kirchen.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Ein Hinweis auf das Buch „Was ist Populismus?“ von Jan-Werner Müller

Von Christian Modehn

Jan-Werner Müller arbeitet als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University (im Bundesstaat New Jersey, USA). Er nennt seine Studie zum Populismus (2016 bei Suhrkamp erschienen) ein Essay. Dabei handelt es sich weit mehr als um einen Versuch: Das Buch, 160 Seiten, ist eine grundlegende Einführung in ein nicht nur politisches, sondern im weiteren Sinne kulturelles Phänomen, den neuen Populismus. Die zahlreichen Belege und Literaturhinweise machen diese Studie noch wichtiger.

Um zur Lektüre und zur Debatte zu ermuntern, nur einige grundlegende Erkenntnisse, die Jan-Werner Müller vorstellt:

Das erste sehr ernste Problem ist: „Demokraten müssen schlicht akzeptieren, dass das Volk als solches sich nie fassen lässt“ (60). Denn wo zeigt sich „der wahre Wille des wahren Volkes“

Im Populismus wird eine Vorstellung von einem angeblich guten und reinen Volk propagiert, dieses Volk steht den angeblich nur korrupten und angeblich nur unmoralischen Eliten gegenüber (42). Das gewöhnliche Volk (mit dem vorausgesetzten angeblich gesunden Menschenverstand) ist das „eigentliche Volk“ (42).

„Populistische Regime“ (Müller nennt in dem Zusammenhang Putin und Orban) halten noch an einigen demokratischen Institutionen fest. Aber es handelt sich nicht um „funktionierende Demokratien“, sondern um „defekte Demokratien“ (75 f.)

Tendenziell ist Populismus immer antidemokratisch (91).

Populisten glauben und schreien es raus: “Wir sind das Volk“ im Sinne von „Nur wir allein sind das Volk“. Demokratisch und vernünftig akzeptabel wäre allein der Slogan: “Wir sind AUCH das Volk“ (63), vielleicht mit der Ergänzung:“ „Und Ihr habt uns vergessen“ (ebd.)

Nebenbei: Kurz vor dem Untergang der DDR Diktatur übernahm tatsächlich das Volk den Spruch „Wir sind das Volk“, um der Clique der SED Herrscher den Machtanspruch abzusprechen. Die DDR Opposition wehrte sich also zurecht gegen eine Diktatur. Heutige Populisten, etwa Wilders, Le Pen, FPÖ und Trump usw. wehren sich mit ihren totalisierenden Sprüchen gegen demokratische Regierungen… Sie reden dem Volk ein zu glauben: „Er, (der Führer), will, was wir wollen“ (47), so ein Slogan von Herrn Strache FPÖ. Warum also noch debattieren…der Volkswille ist doch im Führer repräsentiert (48).

Im Ganzen gesehen ist der Populismus anti-pluralistisch (44). Diese Abwehr der Pluralität in einer Gesellschaft und einem Staat (und einer Kirche könnte man hinzufügen) ist in der Sicht des politischen Philosophen Jan-Werner Müller am verheerendsten. Denn die anti-pluralistische (jegliche legitime Vielfalt abweisende) Haltung führt politisch zu „Alleinvertretungs-Ansprüchen“ (70), also zur Diktatur. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus; Unterdrückung der Zivilgesellschaft und wenn möglich der Medien“ (70). Typisch für diese Haltung ist das Trump Regime, es entspricht den drei genannten Taktiken des Populisten. Beamte werden ausgetauscht, der gesamte Staatsapparat wird in Besitz genommen usw.

Zum niederländischen Populisten Geert Wilders und seine Partei PVV nennt der Autor etliche Details: Wilders spricht von Freiheit und Toleranz, aber es ist er allein, der definiert, was diese Werte sind und wer zum „wahren niederländischen Volk gehört“ (27). Wilders propagiert die Ideologie, das Volk sei durch die gegenwärtige Regierung und ihre internationalen Verbindungen „beraubt“ worden: “Wir wollen unser Land zurück“( 34). Wilders redet dem Volk ein, selbst zum (unterlegenen) Volk zu gehören, dabei ist er seit 1990 ein Karrierepolitiker (51). Wilders bestimmt mit seinen islamfeindlichen Vorgaben bis heute die Richtung der niederländischen Politik, obwohl er nie offiziell Regierungsverantwortung übernahm“ (97)

Wie mit den Populisten umgehen? Der Autor hält es für falsch, die Ausgrenzung der Ausgrenzenden (Populisten) zu betreiben, er ist gegen das Motto „Mit denen reden wir nicht“ (96).

Statt moralisch Populisten zu diskreditieren, sollen Demokraten mit Populisten diskutieren, „um die Fakten zurecht zu rücken. Bei Volksverhetzungen durch Populisten hilft das Strafrecht“ (131).

Für unsere religionsphilosophischen Interessen ist es wichtig, sehr bald die Nähe der Kirchen zu populistischen Strömungen zu untersuchen. Die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, schätzt ja den Pluralismus in ihrer eigenen Organisation nur sehr bedingt und sehr begrenzt. Von daher gab (Nähe zum Faschismus Hitlers und Mussolinis) und gibt es immer wieder Unterstützung für populistische Regime: Siehe die Kirchen heute in ihrer Unterstützung für Orban in Ungarn oder für die polnische PIS Partei oder die Rolle der orthodoxen Staats-Kirche in Russland, gerade dazu hat der Religionsphilosophische Salon Berlin etliches publiziert.

Es wäre weiter zu untersuchen: Wie bestimmte zentrale moralische Positionen der Kirchen, etwa die ungebrochene heftige dogmatische Verteidigung „des“ ungeborenen Lebens und die Zurückweisung jeglichen gesetzlichen Schwangerschaftsabbruches (etwa in katholisch dominierten Ländern Lateinamerikas, wie in der Dominikanischen Republik oder in Nicaragua…) zur Unterstützung populistischer Systeme führen. Es wird in diesen kirchlichen Kreisen nicht gefragt, wann personales Leben beginnt, das Selbstbestimmungsrecht der Frauen soll mit Gewalt verhindert werden…

Die Liebe zu den Menschenrechten ist in den Kirchen sehr partiell, die Menschenrechte werden oft dann beschworen, wenn die Kirchenführer darin für sich selbst oder die Kirchen im ganzen einen Vorteil sehen.

Es wäre weiter zu untersuchen, was angesichts des Populismus die viel besprochene katholische „Theologie des Volkes“ und der „Volksreligion“ bedeuten kann. Und vor allem: Was bedeutet die Rede vom „neuen Volk Gottes“ als Definition der katholischen Kirche im 2. Vatikanischen Konzil (gegenüber dem üblichen, aber starren Leib-Christi-Begriff) heute. Welches Volk meinten eigentlich die Bischöfe beim Konzil? War es das Volk der gleichberechtigten Katholiken? Sicher nicht. Die nach wie vor undemokratisch regierende Kirchenführung, angeblich göttliches Recht und die Rolle des dominierenden und unkontrollierbaren KLERUS blieb im Volk-Gottes-Denken unangetastet. Und es ist bis heute so. War das eine Kichenreform im Konzil? Eher wohl nicht.

Die internationale kritische katholische Basis – Bewegung nannte sich meines Wissens zu Beginn: „AUCH wir sind Kirche“. Jetzt nennt sie sich durchaus „etwas“ absoluter gemeint: „Wir sind Kirche“. Wir sind die „Kirchenvolksbewegung“. Dieses sehr anspruchsvolle Motto „Wir sind Kirche“ ähnelt doch durchaus dem Motto der DDR-Opposition „Wir sind das Volk“. Von da aus weiter gedacht: Sieht sich also die kritische Kirchenvolksbewegung auch im Gegenüber zu einer Diktatur, wie einst die DDR-Opposition zur SED Führung?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon



Steve Bannon exkommunizieren ?

7. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.2.2017.

Der stärkste und militanteste Mann im Trump – Regime, den sehr viele einen Rassisten und faschistoiden Typen nennen, Steve Bannon, ist, bisher eher selten wahrgenommen, ein Katholik. Der Vorschlag des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ heißt: Der Vatikan könnte und sollte Steve Bannon exkommunizieren. Als juristischen Beitrag kirchlicherseits gegen Bannon, um dadurch auf dessen völlig inakzeptable ethische und politische Positionen aufmerksam zu machen, Meinungen und Positionen, die den Weltfrieden bedrohen. Im Canon 1369 des offiziellen „Codex Iuris Canonici“ heißt es innerhalb der Ausführungen zu den „Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche“ u.a. „Wer eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt oder Hass und Verachtung hervoruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden“. Diesen „Tabestand“ vor Augen hatte Papst Franziskus im Juni 2014 Mitglieder der süditalienischen Mafia exkommuniziert. Dieses Ereignis kommentierte Roberto Saviano mit Blick auf Italien in „Die Zeit“ vom 26. Juni 2014, Seite 5: „Die Exkommunikation ist als eine Geste von größtmöglicher Symbolkraft geeignet, die oftmals engen Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen“… Welche politischen Verbindungen würden „gekappt“ werden, wenn Bannon exkommuniziert wäre?

Diese Forderung einer öffentlichen Ausgrenzung, Exkommunikation, Bannons sollte ausgesprochen werden, auch wenn sie wenig Chancen auf eine Realisierung hat. Denn Steve Bannon hat zu viele mächtige Fürsprecher im Vatikan, auch unter zahlreichen reaktionären Kardinälen dort, siehe unsere Hinweise auf das Institut“Dignitatis Humanae“ in Rom und Brüssel. Man wundert sich dabei nur, mit wie vielen sekundären Themen sich der Vatikan befasst, wie dieses „ewige“ Thema der „Wiederverheiratet Geschiedenen“…

Die „New York Times“ hat dazu ein ausführliches Dossier veröffentlicht, wie sich Bannon im Vatikan beliebt machte. Klicken Sie hier.

Und die konservative katholische Wochenzeitung „National Catholic Register“ berichtete über Bannons Verbindungen zu einem reaktionären katholischen Studienzentrum in Rom und Brüssel, mit dem hübschen Namen „Dignitatis Humanae Institut“, der Titel erinnert an einen Text zur Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Zu weiteren Informationen über dieses „Forschungszentrum“ mit dem Namen „Institut der menschlichen Würde“ (vor allem für die Würde des Mister Bannon) klicken Sie hier. Wer die website dieses Instituts aufschlägt, ist sofort mit dem Katholiken Bannon konfrontiert. Zu den „Patrons“ des Instituts gehörte u.a Otto von Habsburg, sehr konservative Kardinäle, wie die Herren Brandmüller, BURKE oder Sarah, gehören zur Leitung; offizieller „Hausgeistlicher“ ist der umstrittene englische Franziskaner Michael Seed. Informationen auch über ihn, der für die Konversion von Tony Blair zuständig war… Klicken Sie hier.

Wir fragen uns im Religionsphilosophischen Salon Berlin:

Die Richter und Juristen im allgemeinen sind wohl noch eine starke Kraft in den USA, um gegen die totalitären Ansprüche des Trump-Regimes vorzugehen. Warum nicht auch die katholischen Kirchen-Juristen? Warum sollte also nicht die Frage diskutiert werden: Wann wird Steve Bannon, der mit universal geltenden Menschenrechten überhaupt nichts zu tun hat, siehe seine Beiträge in „Breitbart“, wann also wird dieser katholische Ober-Hetzer und katholische Feind des Demokratie nicht von Papst und US-Bischöfen EXKOMMUNIZIERT? Wir im Religionsphilosophischen Salon sind überhaupt keine Freunde von Exkommunikationen. (Es wurden allzu oft die falschen, nämlich die theologischen Abweichler und theologisch kreativen Ketzer exkommuniziert…).  Aber in größter Not haben Exkommunikationen auch heute einen symbolischen und vielleicht auch politischen Wert: Den Amis sollte der Papst also sagen: Dieser Typ Steve Bannon ist ab sofort nicht mehr katholisch. Bei den großen Mafia-Bossen in Italien hat Papst Franziskus diesen symbolischen Akt auch vollzogen. Die Mafiosi morden trotzdem weiter, aber die Öffentlichkeit weiß: Diese Typen gelten selbst im Vatikan nicht als katholisch. Sie sind Verbrecher. Beichten reicht dann für sie nicht mehr: Diese Typen müssen sich politisch-ethisch verwandeln d.h. zum Respekt vor der universal (!) geltenden Menschlichkeit und den Menschenrechten zurückkehren.

Aber vielleicht stehen viele führende Katholiken und Bischöfe in den USA insgeheim und offen auf Steve Bannons Seite? Das wäre eine Katastrophe, die kritischer Recherche-Journalismus natürlich dokumentieren müßte.

Thomas Assheuer bietet in „Die Zeit“ vom 9.Februar 2017, Seite 35, den wichtigen Hinweis auf eine Connection zwischen Steve Bannon und Alexander Dugin, Russland, der dort als Neo-Faschist betrachtet wird.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Ein anderer Kirchentag 2017. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

5. Februar 2017 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Die Fragen stellte Christian Modehn

Man muss kein Zukunftsforscher sein, erst recht kein Prophet, um zu sehen: Wenn der Kirchentag vom 24. bis 28. Mai 2017 in Berlin und Wittenberg stattfindet, wird es noch mehr irritierende politische Turbulenzen geben: Die Wahlen in Holland und Frankreich sowie die Landtagswahlen in Deutschland werden leider wohl starke rechts(extrem)lastige Ergebnisse zeigen. Und die Zustände in den USA unter Trump werden sich gewiss noch nicht gebessert haben. Diese Themen werden das Miteinander in der Demokratie auch hier weiter belasten. Und genau damit sollten sich die TeilnehmerInnen des Kirchentages befassen.  Also: Kann unter diesen aktuellen Umständen ein Kirchentag einfach so, wie vorgesehen, sein Programm „durchziehen“? Mit all den nun schon vertrauten eher üblichen Themen? Oder muss ein „Ruck“ durch den Kirchentag jetzt noch gehen? Sollte nicht das eine zentrale dringende Thema, nämlich die Verteidigung der Demokratie und des Friedens, das ganze Programm bestimmen?

Das Elend ist eben, dass man sich nicht mehr traut, vom protestantischen Prinzip zu reden, das durch die Reformation zur bestimmenden Kraft im Christentum geworden ist. Mit historischen Ausstellungen, finanziert von Auswärtigen Amt, wird die Reformation als historisches Ereignis, das keineswegs nur kirchliche, sondern enorme gesellschaftliche, politische und kulturelle Auswirkungen hatte, gefeiert. Wenn es um die theologische und kirchliche Gegenwartsbedeutung der Reformation geht, und erst recht, wenn es darum geht, zu sagen, wofür ein sich an der Reformation orientierendes Christentum in den atemberaubenden Konflikten und politischen Verwirrungen unserer Tage einzutreten hat, dann bleiben Theologie und Kirche jedoch merkwürdig stumm.

Man wiederholt formelhaft die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und dass die Kirche sich an Christus allein zu orientieren habe. Das erregt natürlich auch nirgendwo Widerspruch, auch in der Katholischen Kirche nicht. So begannen die höchsten Repräsentanten der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland das Reformationsjubiläumsjahr damit, dass sie gemeinsam eine Reise nach Jerusalem unternommen haben. So pilgert der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm am 6. Februar 2017 mit einer Delegation der EKD nach Rom, um mit dem Papst zusammen das Reformationsfest als „Christusfest“ zu begehen.

Man ergeht sich in innerkirchlicher Selbstbeweihräucherung, indem man die Überwindung theologischer Gegensätze feiert, die schon längst niemand mehr versteht, geschweige denn interessiert. Die kirchlichen Würdenträger auf evangelischer wie katholischer Seite zelebrieren ökumenische Verbundenheit in dem irrigen Glauben, gemeinsam könnten sie im Kampf gegen die säkulare Welt besser bestehen. Die Evangelischen sind dabei so sehr von der Angst ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung getrieben, dass sie sogar vor Unterwerfungsgesten der nach wie vor machtvoll auftretenden Katholischen Kirche nicht zurückschrecken. Sie fahren nach Rom, nachdem der Papst sich geweigert hatte, nach Wittenberg zu kommen. Wie soll angesichts so viel theologischer Selbstverleugnung der evangelischen Kirchenführer das protestantische Prinzip noch zur Geltung kommen können? Es wird auch auf dem Kirchentag dem innerkirchlich motivierten ökumenischen Einheitswahn zum Opfer fallen.

Natürlich wird man sich auf dem Wittenberger Kirchentag auch mit den gesellschaftlichen und politischen Konflikten und Herausforderungen der zerrissenen Weltgesellschaft beschäftigen. Es wird den ganzen Sommer über unzählige Foren in Berlin und Wittenberg auch zu Demokratie und Menschenrechten geben. Es werden der Trumpismus und die AFD wichtige Themen sein. Das steht alles außer Frage. Aber man wird nichts darüber hören, was das spezifisch Protestantische in der Stellungnahme ist, die angesichts der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation von Christen gefordert ist. Von einer protestantischen Identität will man um des lieben ökumenischen Friedens willen in den Leitungsgremien der EKD ebenso wenig etwas wissen wie unter den Cheforganisatoren des Evangelischen Kirchentages. Man übersieht dabei jedoch, dass es viele Menschen in der Evangelischen Kirche und vielleicht noch mehr in der Katholischen Kirche gibt, die sehnlichst darauf warten, dass das durch die Reformation ins Christentum eingeführte protestantische Prinzip sich in der Kirche wie dann erst recht in Politik und Gesellschaft heute erneut energisch Geltung verschafft.

Was es mit dem Protestantismus als Prinzip auf sich hat, hat als erster Paul Tillich in den 1920er Jahren ausgesprochen. Er meinte damit, dass die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangene Kirchenreform sich gegen alle ideologische Überhöhung menschlicher und weltlicher Macht ins Göttliche gerichtet hat. Protestantisch ist der Protest gegen eine Arroganz der Macht, die sich auf höhere Rechtfertigungen beruft als die, auf Zeit und nach demokratischen Regeln vergeben worden zu sein. Absolute, göttliche Rechtfertigung steht nur Gott zu. Kein Mensch darf sich auf sie berufen, um damit am vernünftigen Diskurs vorbei seine Entscheidungen zu legitimieren. Das protestantische Prinzip ist der permanente Einspruch gegen die ideologische, sich auf höhere Gewalt berufende Rechtfertigung der Macht. Es lässt, wie Tillich sagte, Priester zu Laien, Sakramente zu bloßen Worten, Heiliges zu Profanem werden. Es begründet das Priestertum aller Gläubigen. Es ist, in seinem politischen Konsequenzen, das demokratische Prinzip, die theologische Begründung des Rechts auf vernunftgeleitete, diskursiv ausgehandelte Selbst- und Mitbestimmung.

Es ist schon so: das protestantische Prinzip verbindet sich eng mit der reformatorischen Einsicht in die Rechtfertigung allein aus Glauben, damit, dass diese in letzter Instanz Gottes und nicht des Menschen Sache ist. Aber es greift über das Kirchliche ins Politische und Gesellschaftliche hinein. Es beschreibt, was es heißt, in Politik und Gesellschaft aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ zu leben. Aus der theologischen Lehre vom Priestertum aller Gläubigen folgen dann der demokratische Grundgedanke der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und ihr Recht auf Mitbestimmung in allen das Gemeinwesen bestimmenden Angelegenheiten.

Dieses protestantische Prinzip ist zu Zeiten der Reformation weder kirchlich noch staatlich verwirklicht worden. Anpassung an obrigkeitsstaatliches Denken und Demokratieverachtung waren in der ganzen Geschichte auch des Protestantismus ganz überwiegend seine mehrheitskirchlichen Kennzeichen.

Dennoch scheint mir dieses protestantische Prinzip, das jeden Menschen vor Gott gleichstellt, jedem Menschen einen unendlichen Wert zuspricht, die Arbeit für mehr Gerechtigkeit zur moralischen Pflicht zu machen und den Frieden zum Endzweck allen politischen Handelns zu erklären. Allein deshalb schon sollte es auch theologisch ins Zentrum des Reformationsgedenkens treten.

Dann müsste es auch auf dem Wittenberger Kirchentag darum gehen, theologisch Farbe zu bekennen und an der protestantischen Identität des Christentums zu arbeiten. Wir brauchen keinen ökumenischen Versöhnungsschleim. Die politischen, sozialen und ideologischen Gegensätze, die unsere Welt zerreißen, gehen auch durch die Kirchen. Wo diese meinen, ihnen enthoben zu sein, betreiben sie die ganz und gar unprotestantische Vergöttlichung und Immunisierung ihrer Macht.

Der Pluralismus ist auch im Christentum eine Realität. Und er kann auch etwas Gutes haben, nämlich, dass Christen sich darüber Klarheit verschaffen, wofür sie selbst stehen und einzustehen bereit sind, religiös und politisch. Und beides hat eben sehr viel miteinander zu tun.

Was nützt es auch angesichts unserer Welt, wenn die TeilnehmerInnen des Kirchentags noch einmal etwas mehr von der „Rechtfertigung aus Glauben allein“ erfahren? Was nützt, wenn sie abermals hören, wie nahe sich Protestanten und Katholiken schon (angeblich) gekommen sind? Wenn die Zivil- Gesellschaft und der demokratische Staat an so vielen Orten bedroht ist? Würde Luther heute nicht 95 Thesen zur Rettung der Menschenrechte veröffentlichen?

Ja, davon bin ich überzeugt, Luther würde heute seine Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben als die Botschaft einer Rechtfertigung des Existenz- und Lebensrechtes eines jeden Menschen, allein deshalb, weil er ein Mensch ist, von den Kanzeln predigen! Er würde seine Überzeugung auf die Marktplätze bringen, in TV-Debatten verteidigen und über unzählige Tweets allen, die ihm folgen, weltweit bekannt machen.

Selbstverständlich wollte er auch, dass der zum Gedenken der Reformation in Wittenberg gefeierte Kirchentag sich nicht wieder in die Lehrstreitigkeiten des 16. Jahrhunderts hineinbegibt. Die innerkirchlichen Auseinandersetzung, aber auch die ökumenischen Verständigungsbemühungen hätten ihn vermutlich überhaupt nicht interessiert. Für ihn war die Wiederentdeckung des Evangeliums von einer über Leben und Tod, ewiges Heil oder ewige Verdammnis entscheidenden Wahrheit von alleiniger Bedeutung. Entsprechend entscheidet heute die Anerkennung oder Verleugnung der Menschenrechte täglich über Leben und Tod, offene Zukunft oder endgültiges Verderben von Tausenden von Menschen. Sie bleiben an den Grenzzäunen wie sie überall, auch in Europa, errichtet werden, hängen, ersaufen im Mittelmeer – oder aber sie finden Aufnahme in Ländern, die ihnen das Überleben sichern, oder, noch besser, sie erhalten durch den Aufbau einer gerechteren Welt- und Friedensordnung die Chance, zum wirtschaftlichen Aufbau ihrer eigenen Länder beizutragen.

Ein Kirchentag, der die Entdeckung des protestantischen Prinzips der Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott und damit die unhintergehbare Bestätigung des unendlichen Wertes jedes Wesens, das Menschenantlitz trägt – unabhängig von dessen religiösen, politischen nationalen oder ethnischen Zugehörigkeiten – feiert und in seinen weltweiten politischen Konsequenzen diskutiert, wäre ein Kirchentag im Sinne Luthers.

Allerdings, keiner von uns hätte dabei die Chance, sich aufs hohe Ross eigener moralischer Rechtschaffenheit zu setzen. Wir sind auch da durch Luthers 95 Thesen gewarnt. Die erste seiner 95 Thesen lautete bekanntlich, dass unser ganzes Leben ein in der Buße, d.h. in kritischer Selbstbesinnung zu führendes Leben sei.

Wenn der Glaube also im Zusammenhang von Demokratie und Menschenrechten eine Rolle spielt: Welche Gestalt des Glaubens ist es dann? Vielleicht ein elementarer Glaube an die Gründung allen Lebens in einem Sinn? Mit anderen Worten: Sollte der protestantische Glaube heute nicht elementar einfach sein? Und wenig dogmatisch, dafür aber sinnstiftend?

Vom protestantischen Prinzip zu sprechen und nicht von einer „reformatorischen Theologie“ oder einem „reformatorischen Rechtfertigungsglauben“, zielt genau darauf, das Protestantische als eine bestimmte, sich von anderen unterscheidende, die protestantische Identität ausmachende Lebenshaltung und Sinneinstellung aufzufassen. Sie kann genauso gut in der katholischen Kirche lebendig sein und ist es unter katholischen Christen de facto auch. Ja, diese vom protestantischen Prinzip bestimmte Lebenshaltung ist an gar kein kirchliches Mitgliedschaftsverhältnis gebunden.

Das Protestantische als Lebenshaltung überschreitet das Kirchliche. Sie geht ins Gesellschaftliche und Politische, ist aber doch religiös grundiert. Sie kommt von einem religiös bestimmten Grundsinnvertrauen her. Das Protestantische ist eine Lebenshaltung, die sich darum bemüht, jeden Menschen in seinem unbedingten Lebensrecht anzuerkennen. Sie schöpft ihre Kraft aus der Gewissheit eigenen Getragen- und Gehaltenseins, eines Gottvertrauens, wie es freilich in den Erfahrungen des Lebens auch immer wieder brüchig werden kann.

Aber, um es noch einmal ins Theologische zu wenden. Das eben heißt Glauben: Glauben meint nicht das Für-wahr-halten von überlieferten Glaubensbekenntnissen und kirchlichen Dogmen. Glauben bedeutet, darauf sich zu verlassen, dass die eigene Existenz bedingungslos gerechtfertigt ist, von Gott gerechtfertigt ist, nicht durch eigene Leistungen und Machtbeweise behauptet werden muss. Anerkannt, akzeptiert bin ich, so wie ich bin. Mein Leben hat einen Sinn. Es ist für mich gesorgt!

Wer aus solchem Glauben lebt, wie kann der anders, als sich zu fragen, wie die Welt aussehen müsste, damit jeder Mensch aus solcher Sinnerfahrung leben kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.



Trump und der Roman „1984“: Dichtung wird Wahrheit?

24. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn.

In den Kommentaren zum Umgang der Trump-Administration mit Fakten wird immer häufiger auf den berühmten Roman „1984“ verwiesen. Es ist gut, sich erneut an den Roman von George Orwell zu erinnern:

Der Roman „1984“ erschien 1949. Er ist wieder ein Bestseller seit dem Regierungsantritt von Trump.

Der Roman 1984 zeigt eine gespaltene Welt, in der Kriege geführt werden, nur um die Gewalt im eigenen Machtbereich zu kaschieren. Das Ziel der Regierung etwa in London ist die totale Auslöschung des individuellen Bewusstseins. Die Partei befiehlt neue Wahrheiten: „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“. In dieser totalitären Welt gibt es keine Tatsachen mehr, keine historische Faktizität. Im „Wahrheitsministerium“ wird die Wahrheit vom Staat stets neu geschrieben. Wahrheit und Lüge haben die gleiche Wertigkeit. Am schlimmsten sind die „Gedankenverbrechen“, also wenn Menschen unabhängig zu denken. Dann gibt es nur die Zerstörung des Menschen durch eine perfekte Staatsmaschinerie. Soweit einige Hinweise zum Roman.

Dazu aktuelle Information aus dem TRUMP- Land:

Trump hat mit seinen facebok- und Twitter Accounts ein persönliches Netzwerk voller Fakes aufgebaut. Und Stephen Bannon ist sein oberster Stratege, er arbeitete für das Hetzblatt „Breitbart“.

In Umfragen und Studien lässt die Begeisterung für die Demokratie in den USA schon ständig nach. Darauf kann Trump indirekt und direkt zustimmend reagieren.

„Gottlob sind die USA weder die Weimarer Republik noch Italien in den 20er Jahren“, schreibt der „New Yorker“, die Wirtschaft sei stabil und wachse. Trump sei weder Adolf Hitler noch Benito Mussolini. „Aber er ist Trump, und das ist eine echte Gefahr.“ Die Argumente: Trump habe keinerlei Respekt vor der Demokratie und der Verfassung. Er präsentiere sich als starker Alleinherrscher. Er respektiere keinerlei Normen. Er lasse sich von Ultrarechten und Antisemiten unterstützen. Er rede rassistischen Methoden der Polizei das Wort. Er hetze gegen Minderheiten. Er schüre Angst. Und er verachte Medien und Journalisten zutiefst: „Die niedrigste Form menschlichen Lebens“, so nannte er sie im Augus 2016t. (Quelle: Stuttgarter Zeitung, 29. Dez. 2016)

Viel beachtet legte Professor Jeff Colgan von der Brown University eine Liste mit zehn Anzeichen einer demokratischen Erosion vor. Mit allem Vorbehalt formuliert, finden sich auch dort die Ausschaltung oder Missachtung von Medien, eine Dämonisierung der Opposition oder ihrer Anführer, Angriffe auf Minderheiten, das Benennen von Sündenböcken und die scharfe Betonung der inneren Sicherheit.

Colgan: „Alle daraufhin ergriffenen Maßnahmen werden mit der Überbetonung eines angeblichen Notstandes entschuldigt, begleitet von offenem Nationalismus und wachsender Polarisierung.“ Das findet sich bei Trump eins zu eins, man kann nicht sagen, dass er das im Wahlkampf sorgfältig versteckt hätte.

Die große Gefahr für die USA, meint Colgan, liege aber nicht in einer rapiden Änderung über Nacht. Sondern in einem schleichenden, fast unmerklichen, zersetzenden Prozess, von dem die Herrschenden mit aller Macht abzulenken versuchten.

Wie Autokraten durch die Kontrolle von Information überleben, hat George Orwell schon in seinem Roman „1984“ beschrieben. „Wer sich damit auskennt, wie Gesellschaften zerfallen und wie Diktaturen entstehen, weiß, dass dafür das Strangulieren einer freien Presse ein Schlüsselfaktor ist“, schrieb die Schriftstellerin Rebecca Solnit nun für den „Guardian“.

Die Neue Züricher Zeitung schreibt:

Der neue Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, beschränkte seinen ersten Auftritt am Samstag ebenfalls auf eine Medienschelte, über weite Teile zum gleichen Thema. Fragen akzeptierte er keine.

Spicer ist kein Neuling aus dem Umfeld von Trumps Unternehmen, sondern war ab 2011 Kommunikationschef der republikanischen Parteiführung. Das hinderte ihn nicht, entgegen aller Vernunft und allen Beweisen zu behaupten, die Zuschauerzahl – sowohl in Washington als auch am Fernsehen – sei bei Trumps Vereidigung größer gewesen als je zuvor. Erfasst werden kann das nur noch in Kategorien von George Orwells Doppeldenk aus dem Roman ‘1984’

Quelle: http://www.salzburg24.at/pressestimmen-zur-amtseinfuehrung-von-us-praesident-trump/4937880)

Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler, schreibt: „Es ist unheimlich, wenn man den Roman 1984 wieder in die Hand nimmt. […] Das Weltbild wird geschnitten, zensiert, selektiert usw. Fakten werden verändert. Das ist absolut der Vorgang, mit dem wir jetzt allmählich vertraut gemacht werden in der Wirklichkeit. Das ist unheimlich, wie Literatur zu Wirklichkeit wird“….

„Und wir alle sind willig, wir wollen das (Überprüftwerden). Das ist der Unterschied zu Orwell, dass wir nicht gezwungen werden, sondern wir wollen uns mitteilen über Facebook, über Fotos, unsere Lebensläufe. Wir wollen gesehen werden. Das ist auch freiwilliges Aufgehen in diesem Totalstaat“.

Elmar Schenkel. Er ist Literaturwissenschaftler quelle: http://www.mdr.de/kultur/themen/george-orwell-neunzehnvierundachtzig-100.html

 

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



Zuflucht beim Philosophen: Der Apostel Paulus in Ephesus.

14. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Luther hat wohl von dem berühmten Philosophen in Ephesus mit dem nicht gerade sympathischen Namen Tyrannus nichts gewusst. Sonst wäre sein negatives Urteil über die Philosophie im allgemeinen anders ausgefallen. Vielleicht hätten Luther und die spätere philosophiefeindliche Kirche gewusst: Philosophen waren selbst dem Apostel Paulus behilflich. Und: Die christliche Lehre lässt sich auch, freilich immer neu und deswegen immer anders, philosophisch aussagen. Das hat Luthers großer Meister Paulus ja tatsächlich selbst auf dem Areopag in Athen bewiesen.

Aber der Reihe nach: Jedenfalls war der Philosoph Tyrannus alles andere als ein „Alleinherrscher“ (im Denken), wie sein Name nahe legen könnte. Er war großzügig, gastfreundlich und tolerant. Und es gab diesen Philosophen Tyrannus wirklich: Im neutestamentlichen Buch der „Apostelgeschichte“ wird von der dritten Missionsreise des Paulus berichtet, die ihn nach Ephesus führte. Dort predigte er als Jude, der an den auferstandenen Jesus Christus glaubt, „drei Monate lang in der dortigen Synagoge“ (so Apg. 19, Vers 8). Dies muss um das Jahr 53 gewesen sein, also etwa 20 Jahre nach dem Tod Jesu von Nazareth. Zu der Zeit war die eher überschaubare Gruppe der ursprünglich jüdischen Jesus-Freunde noch stark in den Synagogen verwurzelt. Aber es gab dann schon in Ephesus um das Jahr 53 doch konfessionellen Streit, so berichtet später der Autor der Apostelgeschichte: In der Synagoge von Ephesus zeigten sich einige Juden angesichts der Predigten des jüdischen Jesus-Freundes Paulus „verstockt“, sie redeten „übel von der Lehre des Paulus“, berichtet die Apostelgeschichte, die mindestens 20 Jahre später, also sicher nach 70, verfasst wurde, zu einer Zeit also, als die ersten Christen sich von den Synagogen immer mehr lösten. Und was tat der Apostel Paulus im Jahr 53 in Ephesus, in dieser lebendigen Kulturmetropole? Er wandte sich in seiner Not, an einen Philosophen, eben an den genannten Tyrannus, und er fand bei ihm Zuflucht, zwei ganze Jahre lang!  Ob der Philosoph von Ephesus tatsächlich Tyrannus hieß oder ob da eine gewisse Distanz des Autors der Apostelgeschichte der Philosophie im allgemeinen zum Ausdruck kommt, ist ungewiss. Jedenfalls hat es diesen Obdach gewährenden Philosophen gegeben. Dazu muss man wohl wissen, dass damals Philosophen eigene, oft geräumige Häuser hatten als Treffpunkte für die philosophische Debatte unter der Anleitung eines Meisters. Der Philosoph Tyrannus stellte sich also der Konkurrenz, und ließ Paulus „täglich in seiner Schule“ predigen. „Und das geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in der Provinz Asien wohnten, das Wort Gottes hörten, Juden und Griechen“, so heißt es im 19. Kapitel, Vers 10. Dass damals schon eine Art hysterischer Pauluskult existierte, eine Art Heiligenverehrung zu Lebzeiten, wird ebenfalls in Vers 11 und 12 berichtet: Die fromm gewordenen Christen nutzten die abgelegten Kleidungssstücke des Apostels Paulus und „hielten diese (wie Wundermittel) über die Kranken und … die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister wichen aus“. Was dazu der Philosoph Tyrannus gesagt hat, wird nicht überliefert, aber er ließ den Apostel und dessen Kreis in seinem Haus gewähren. Das nennt man Toleranz!

Es ist schon erstaunlich, dass von dem gastfreundlichen Philosophen in Ephesus, also von Tyrannus, nichts weiteres im Detail berichtet wird. Kein Wort der Anerkennung, nichts! Selbst die heute vorliegenden historisch-kritischen Kommentare zur Apostelgeschichte erwähnen ihn oft sogar nicht. Es muss schon der frühen Kirche peinlich gewesen sein, dass ausgerechnet eine philosophische Schule zum Ort der Missionspredigt des Apostels Paulus werden konnte.

Im Kolosserbrief des Neuen Testaments, (der nicht von Paulus stammen kann, der Text wurde erst 10 Jahre nach dessen Tod geschrieben, also um das Jahr 80,) wird schon ausdrücklich vor „der“ Philosophie gewarnt. Im 2. Kapitel des Kolosserbriefes heißt es: “Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus“: Hier wird Philosophie als Leistung der Menschen radikal der viel wertvolleren Botschaft der Kirche als „Gottes Wort“ gegenübergestellt, wie es denn auch im folgenden Vers heißt: “Denn in ihm, in Christus, wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Vers 9). Mit anderen Worten: Wer Christus folgt, braucht keine Philosophie, und er braucht nicht zu fragen, ob denn die Bibel vom Himmel gefallen ist oder nicht auch eine Variante von Menschenwort ist, eben: Menschenwort von frommen Leuten. So ereignete sich schon im Kolosserbrief eine verhängnisvolle Begrenzung des christlichen Glaubens, die sich dann immer mehr durchgesetzt hat, bis hin zu der bis heute vertrauten Kirchenlehre: „Die Philosophie ist bloß die Magd (ancilla) der Theologie“…

Dabei hat der authentische Apostel Paulus durchaus viel von Philosophie verstanden. Bekanntlich stammte er als römischer Bürger aus Tarsus, dort erlebte er die Vielfalt philosophischer Schulen. Auf die Stoa und den Neoplatonismus haben sich später viele so genannte Kirchenlehrer bezogen und deren Begriffe (und Inhalte) übernommen. Schließlich mussten sie das Evangelium im Kontext der damaligen Kulturen aussagen. Und dieser Mix aus Neuplatonismus und jüdischem Denken wurde dann in den Glaubensbekenntnisse und frühen Dogmen festgeschrieben. Das mag für das 4. oder 5. Jahrhundert sinnvoll gewesen sein; problematisch ist, dass die Bindung an die Sprache des Neuplatonismus bis heute in den allgemeinen Glaubensbekenntnisse weiter gepflegt wird, obwohl heute kaum nich jemand in neuplatonischen Vorstellungen denkt. Wer kann sich etwas vorstellen, dass der Logos als „gezeugt aber nicht geschaffen“ zu denken sei, um nur ein Beispiel aus dem allgemeinen Glaubensbekenntnis zu nennen. Die Kirchen tun auch heute so, als gäbe es nur eine mögliche Philosophie, die für ihr Glaubensbekenntnis akzeptabel ist, nämlich die neuplatonische oder die stoische…Was sollen sich da die Inder oder Chinesen bloß denken, wenn sie etwa katholisch werden oder den Lehren Calvins folgen müssen? Es sind die Verfügungen der Hierarchie, die diese Bindung an eine veraltete Philosophie verewigt haben. Aber das ist ein anderes Thema…

Entscheidend ist: Mit seiner philosophischen Kenntnis konnte Paulus in Athen auf dem wichtigen (Gerichts-)Platz, dem Areopag, eine philosophische Predigt halten (Apg., 17, 16 ff). Interessant bis heute sind die Aussagen des Paulus dort: Alle religiösen Menschen verehren über ihren konkreten Gott noch einen unbekannten (größeren) Gott…Und Gott wohnt „NICHT in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“. Gott braucht nicht den Dienst (den Kult) von Menschen; er ist nicht ein Gott, „der etwas nötig hätte“, „da er doch selbst jedermann Leben und Odem und alles gibt“, so in Vers 25. Das ist philosophische Religionskritik, die Paulus da bietet. Und weiter: Gott ist der Schöpfer der Welt. DESWEGEN können die Menschen als Menschen Gott suchen und finden. Und dann die entscheidenden Aussagen: “Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns, denn in Gott leben, weben und sind wir, wie auch einige Dichter bei euch (Athenern) gesagt haben: Wir Menschen sind seines, also Gottes, Geschlecht…Wir sind göttlichen Geschlechtes“.

Welche Weite des Denkens spricht da: Der Mensch, jeder Mensch kann als Mensch Gott suchen und finden, so die Behauptung des Paulus. Seine Gnadenlehre, seine Kirchenfixierung wie im Römerbrief, dem Lieblingstext des Reformators Luthers, bleibt hier außen vor! Das heißt: Es gibt und darf theologisch auch eine Theologie geben, die für die Universalität der Gottes-Beziehungen aller Menschen eintritt und nicht kleinlich den Zugang zu Gott von der Kirchenbindung (Taufe, Rechtfertigung usw.) abhängig macht. Allerdings spricht Paulus am Ende seiner Areopag Rede dann doch von Jesus als dem von Gott Auferweckten und Auferstanden. Offenbar waren des Paulus Worte hier so ungeschickt und schon wieder so dogmatisch, dass einige Zuhörer darüber spotteten und andere sagten: “Wir wollen dich darüber ein andermal hören“…

Warum fehlten dem Apostel Paulus diese Worte: Wenn wir Menschen in Gott sind und mit ihm verbunden, eins,  sind, dann sind wir über den Tod hinaus in Gott bewahrt. Also auferstanden?

Weiter hilft die Erkenntnis, die etwa Pierre Hadot, einer der besten Kenner der griechischen und römischen Philosophie, verbreitet: Auch das Christentum ist eine philosophische „Schule“ unter anderen philosophischen „Schulen“, wobei das Christentum dann selbst mehrere Schulen umfasst. Das Christentum wurde in der Frühzeit von anderen philosophischen Schulen so wahrgenommen. Später wurden die philosophischen christlichen Schulen zu Kulttempeln mit abgehobenen und ausgesonderten Klerikern, Bischöfen usw. an der Spitze: Der treffende Gedanke des Paulus in Athen, dass Gott NICHT in Tempeln wohnt, wurde verdrängt und vergessen. Der Klerus muss sich präsentieren in seiner Macht. Dazu wurden dann schon ab dem 4. Jahrhundert prachtvolle Tempel, Kirchen, errichtet. Dass Gott zuerst und vor allem in den Herzen der Menschen wohnt, trat in den Hintergrund. Einige Philosophen und viele Mystiker-Philosophen haben diese Einsicht bewahrt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Wer sich abschottet, der stirbt. Zum „Philosophie Magazin“, Ausgabe Februar-März 2017

12. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer heute für eine immer größere Abschottung und Abgrenzung von „den anderen“, den „Fremden“, eintritt, schließt sich selbst ein, begibt sich in einen Raum, in dem es auf Dauer nichts mehr zu atmen gibt: Weil die anregende frische Luft fehlt, die es nur im Austausch, also in der Offenheit gibt. Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur des „Philosophie Magazin“, bringt diese Erkenntnis auf den Punkt: „Nur wer offen ist, kann dicht bleiben“ (Seite 3). Diese „Mitte“ zwischen Offenheit und Abgrenzung erst formt die eigene Identität; diese Mitte ist je neu in unterschiedlichen Situationen zu finden. Jede Selbstbegrenzung ist allerdings immer schon – zumindest geistig – über die eigenen Grenzen hinaus, also auf die anderen bezogen. Abschottung, Nationalismus usw. sind ein Selbst-Widerspruch, und somit Unsinn.

Aber wie das so ist mit den philosophischen Erkenntnissen: Sie können als Maxime der eigenen Lebenshaltung nur dargestellt und empfohlen, nicht aber politisch durchgesetzt werden. Gegen bornierte Dummheit, als bequemer Gehorsam gegenüber populistischen Sprüchen der Politiker, hat Philosophie nur die Macht des Arguments und des Dialogs. Wer sich heute mit den sehr rechtslastigen Freunden der Abgrenzung, die sich etwa auch „Identitäre“ nennen, auseinandersetzt, der erlebt einmal mehr die politisch-praktische Schwäche des Denkens, der Philosophie. Vielleicht sollte sie sich mit Künstlern verbinden und verbünden: Der radikale demokratische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, Russland kritisiert den Wahn des Putin-Regimes mit dem schmerzhaften Einsatz seines eigenen Körpers (bis hin zum Zunähen der eigenen Lippen). Über ihn wird im „Philosophie Magazin“ berichtet.

Die Februar Ausgabe (2017) des inzwischen vielfach geschätzten philosophischen Magazins kann, wie immer bei der Philosophie, dem Leser, der Leserin, nur zu denken geben. Und das ist viel. Philosophie kann die üblichen Begriffe stören und den angeblichen gesunden „Verstand des Volkes“ bloßstellen. Nur so können Neu-Orientierungen beginnen. Und dazu bietet das neue Heft ein weites Feld fürs eigene Nachdenken: Sind die ganz großen Pop-Diven die letzten mythischen Lebewesen? Sind Björk, Adele, Beyoncé und die anderen etwa die Göttinnen der (angeblich) säkularen Welt? Kann die so vielfach geliebte japanische Cyber-Celebrity Hatsune Miko die japanische, zenbuddhistisch inspirierte Spiritualität neu beleben? Dass alles Illusion ist, das alles Leibliche und Greifbare, also Menschliches vergeht? Dieses Thema, die neuen Götter und Engel, die sich in der POP-Szene tummeln, könnte weiter ausgebreitet werden: Sind die säkularen Menschen also doch irgendwie (noch) fromm, brauchen sie HalbgöttInnen und Schutzpatroninnen (wie Beyoncé)? Können diese mythische und göttliche Rolle nur Frauen übernehmen? Ist die klassische, männlich geprägte Religion irgendwie dann doch am Ende, trotz oder besser wegen der aggressivsten Männlichkeit, etwa in fundamentalistisch islamistischen Kreisen? Wenn man Göttinnen (des Pop) erzeugen kann, darf man dann auch menschliches Leben künstlich erzeugen, wird gleich im Anschluss im Heft gefragt. Ist das menschliche Leben ein „Designobjekt“ (S. 36) ?

Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Frankreich (im Mai ) ist die Reportage über die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz besonders interessant: Sie besucht die Stadt Sarcelles in der Nähe von Paris; dort hat sie als Jugendliche gelebt, dort gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Juden und Muslims. Heute werde dort der Schein des guten Zusammenlebens aufrecht erhalten, meint Frau Illouz: Religiöse Juden und religiöse Muslime sind vereint in der Ablehnung des Laizismus, der als Trennung von Religionen und Staat immer noch ein entscheidendes (und in unserer Sicht richtiges) kulturelles und religiöses Merkmal Frankreichs ist. Beim Kampf (Demonstrationen und Polemiken) gegen die „Ehe für alle“ waren religiöse Führer aller Religionen (bis auf Protestanten, also Reformierte und Lutheraner) ökumenisch vereint.

Die Ehe für alle ist dann – Gott sei dank – doch Gesetz geworden. Für die konservativen Religionen, auch in Deutschland, ist das Thema allerdings nicht beendet….

Im offensichtlichen Sinne philosophisch sind die Beiträge über Epikur, da breitet Pierre Vesperini, Experte für antike Philosophie, die These aus: Epikur habe in seinem berühmten Garten so etwas wie einen religiösen Verein geleitet; eine These, der im Heft auch widersprochen wird. Dabei spricht vieles für die These des Philosophen Pierre Vesperini, Epikur habe wie die anderen großen Philosophen in Athen eine spirituelle Schule geleitet und sich selbst als religiösen Meister gesehen. Die religiöse Bedeutung der antiken Philosophieschulen hat ja auch Pierre Hadot in seinem umfangreichen Werk hervorgehoben, er ist sicher einer der besten Kenner. Etwa wenn er von den religiösen Exerzitien und geistlichen Übungen im Umfeld der griechischen Philosophen spricht. Der Beitrag verführt dazu, die Verbindungen der frühen Kirche mit der griechischen Philosophie weiter zu studieren: Etwa: Der Apostel Paulus hat in Athen den Dialog mit Philosophen auf dem Areopag gesucht, und in ihrem Sinne (so berichtet die Apostelgeschichte) allen Ernstes betont: „Da wir Menschen nun göttlichen Geschlechts sind…“ eine Formulierung, die auch an Epikur und andere erinnert. In der Theologie und der Philosophie ist leider auch die Tatsache der praktischen Hilfsbereitschaft der Philosophen für die frühe Kirche vergessen: Paulus hat nämlich in Ephesus zwei Jahre Unterkunft bei dem Philosophen Tyrannus gefunden und in dessen Schule gepredigt (!), weil der Apostel in der Synagoge nicht mehr reden konnte und wollte… (APG., 19, 8 ff.)

Erfreulich und inspirierend ist weiter, dass ein Interview mit dem umfangreichen Werk des Philosophen Hermann Schmitz (Kiel) bekannt macht: Schmitz ist der Begründer der „neuen Phänomenologie“: Sie will die Vielfalt subjektiver Erlebnisse, vor allem die unwillkürlichen Lebenserfahrungen, zur Sprache bringen und kritisch untersuchen, ein bislang oft übersehenes, schwieriges Unternehmen.

…..diese wenigen Hinweise können zeigen: Es lohnt sich wieder, das Philosophie Magazin zu lesen.

www. philomag.de

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

 



Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

10. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

Hinweise von Christian Modehn, veröffentlicht am 18. Dezember 2015.

Man muss  sich jedoch auch im Jahr 2017 mit der aktuellen Entwicklung der sich allmächtig fühlenden PIS Partei in ihrer Verquickung mit der katholischen Kirche befassen. Hilfreich dabei sind die Analysen des polnischen Politologen (und EX-Jesuiten) Stanislaw OBIREK, jetzt Professor in Warschau. Er ist leider in Deutschland noch ziemlich unbekannt. Wann werden Bücher von Obirek übersetzt? Der MDR hat einige seiner kritischen Gedanken zu PIS und polnischem Katholizismus publiziert, ein sehr wichtiges Interview, klicken Sie hier.

Wichtig ist auch der Beitrag von Florian Kellermann „Wie Pech und Schwefel“ über die engste Einheit von katholischer Kirche (Klerus) mit dem PiS System. Der Beitrag erschien in der Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“, also in „Christ und Welt“ vom 2. Februar 2017, Seite 5). Die zentrale Aussage: Mit Hilfe eines nationalistisch-reaktionären Klerus wird die polnische Gesellschaft und der polnische Staat in ein autoritäres System umgebaut. (Erneut gilt es, philosophisch, religionswissenschaftlich, soziologisch und historisch die ideologische Nähe von hierarchischem Klerus bzw. absolut hierarchisch organisierter Kirche zu autoritären Regierungsformen zu untersuchen: Das Spanien unter Franco, die Diktatur in Portugal, Mussolini, die faschistoiden klerikalen Politiker in Kroatien einst, die Verbundenheit von Diktatoren Lateinamerikas mit der Kirche wären erneut zu studieren). Und es erstaunt, dass der angeblich progressive Papst Franziskus den PiS Freund Marek Jedraszewski zum (politisch so bedeutsamen) Erzbischof von Krakau ernannte… Die wenigen noch mutigen demokratischen Richter und Oppositionspolitiker verdienen mehr Beachtung und Respekt, natürlich die wenigen katholischen Priester und Theologen, die den PiS Wahn nicht mitmachen.

Wichtig wäre, wenn umfassend freigelegt werden könnte in einer objektiven Recherche: Warum kann weder die Leitung des Redemptoristen-Ordens in Rom noch der Vatikan (der Papst) den nationalistischen und antisemitischen Redemptoristenpater Tadeusz Rydzyk vom Posten des Medien-Imperiums Radio Maryja entfernen? Und natürlich diesen Hetz-Sender abschalten?  Nebenbei: Theologische Links-Abweichler werden sofort vom römischen System bestraft und „still gelegt“, nicht hingegen Hetz-Propagandisten wie Pater Rydzyk und sein Medien-Imperium, das sozusagen ein Sprachrohr der PiS Regierung ist.

Auch am Beispiel des heutigen Polen wird deutlich: Der wahre oberste Gott, dem alle demokratischen Grundrechte geopfert werden, heißt: Absolutes Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung. Und absolutes Verbot jeglicher Gender-Offenheit. Diese beiden Themen sind die hochheiligsten Götter so vieler Katholiken in Polen (und anderswo). Die Kirche ist offenbar theologisch und spirituell so arm, dass sie alle Energie in den Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche und in den Kampf gegen Gender-Debatten setzt. Welche theologische Blamage (eventuell kommt noch der äußerst beliebte und geförderte Marien-Kult hinzu, als Beispiel für die gehorsame Frau an Heim und am Herd…)

Mein Hinweis, verfasst am 18.12.2015: Die klerikale Macht ist wieder da: Mitten in Europa. Einige wenige Kilometer von Berlin entfernt: In Polen. Seitdem Jaroslaw Kaczynski als Führer der Partei PiS die Politik in Polen jetzt bestimmt, „der mächtigste Mann in Polen“ (SZ 18.12.2015), gilt: „Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, das war gestern. Auch die Medien werden gerade auf PIS-Linie gebracht…“ So Barbara Oertel in der „TAZ“ vom 18. Dezember 2015, Seite 1. Dieses treffende Urteil wird geteilt von der Presse in Europa, auch von dem früheren Staatspräsidenten und Solidarnosc-Gründer Lech Walesa. Er sagte, „wenn Jaroslav Kaczynski nicht die Angriffe auf die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts einstelle, werde ich mich noch einmal an die Spitze des Protestes stellen und den Kampf anführen“, so die SZ vom 18. Dezember 2915, Seite 4. Ob Herr Walesa alles demokratisch-liberal besser machen würde, sei dahingestellt. Aber immerhin: Er wehrt sich gegen seinen „Erzfeind“ Kaczynski.

Das neue Regime, gegen das sich erste Massenproteste in Polen organisieren, hat eine in Polen altbewährte ideologische und kaum einzuschüchternde machtvollste Stütze: Die katholische Kirche. Auch wenn die Säkularisierung als Kirchendistanz der Jugend dort zunimmt: „Polnisch ist identisch mit katholisch“. Zumindest am Stammtisch und an Wallfahrtsorten gelten solche Sprüche … und am Wahltag.

Die Trennung von Kirche und Staat, diese große und unaufgebbare Errungenschaft der europäischen Aufklärung, soll in Polen offenbar wieder verschwinden. Reaktionäres wird offen als Bekenntnis aufgesagt, Formulierungen werden üblich, die vor der Französischen Revolution von Macht versessenen Klerikern propagiert wurden: Konkret: Die Lehren der Kirche, der römischen, sollen über die Nation und die Politik bestimmen. „Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von PiS, Jaroslaw Kaczynski kürzlich. Und Ronald Düker berichtet darüber in „Die Zeit“ (vom 17.Dezember 2015, Seite 47), er zitiert den PIS Chef: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebe, dem solle die Hand verdorren“.

„Wer seine Hand gegen den Koran und den Propheten erhebt, dem soll die Hand verdorren“, heißt es in Saudi-Arabien; dem wird dort sogar die Hand sehr oft abgeschlagen. Kacznyski von PIS orientiert sich in seinem politischen Denken offenbar am saudischen, iranischen,am IS-Vorbild usw. „Bravo“, fundamentalistischer Islamismus ist nun in gewisser Weise in einer römisch-katholischen Variante zu haben. In Polen. Nur noch dort ist das in Europa noch möglich. Das einst ebenso ultra-katholische Irland ist inzwischen – nach der Vielzahl pädophiler Verbrechen durch dortige Priester – zur Vernunft, d.h. zur kritischen Demokratie gekommen, ohne Kircheneinfluss!

Was ist passiert in Europa, dass Politiker in Polen so viel Hetze und so viel Schwachsinn sagen dürfen? Natürlich, auch die Vorgänger-Regierung hat wie üblich vieles versprochen und fast nichts gehalten. So ist die Frustration groß. Aber muss man deswegen anti-demokratisch wählen?

Wann wacht Europa auf und sagt: Lieber PIS Chef, du gehörst nicht mehr zur Gemeinschaft der Europäer dieses 21. Jahrhunderts. Du hast dich im Jahrhundert geirrt, geh zurück in dein 13. Jahrhundert. Verschwinde in einem dunklen Kloster der Trappisten oder Karthäuser. Dort heißt die Ordenregel: „Schweige“.

Was der PIS Chef jetzt sagt, ist das Resultat Jahre langer Infiltration, wenn nicht von Gehirnwäsche, durch den in volkstümlichen Kreisen allmächtigen offiziellen römisch-katholischen Radiosender MARYJA, der sich inzwischen ein umfangreiches Medien-Imperium zugelegt hat, bis hin zu den auch anderswo immer beliebten katholischen Journalisten-Schulen. Dieses MARYJA Imperium ist antisemitisch, homophob, anti-ökumenisch, das sagen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, auch im freien „Teil“ Polens, Radio Maryja wehrt sich gegen die liberale Demokratie. Es folgt darin den ständig wiederholten Urteilen des polnischen Papstes Johannes Paul II., der immer wieder sagte: Der Kommunismus sei genauso gefährlich wie die moderne, westliche liberale Demokratie, die in der Sicht dieses Papstes angeblich nur relativistisch und damit nicht kirchen-hörig sei. Große Verteidiger der westlichen liberalen Demokratie waren selbst die Päpste nach dem 2. Vatikanischen Konzil nie, man denke nur daran, dass im offiziellen Römischen Katechismus, den Kardinal Joseph Ratzinger verfasste (1994), kein Wort zur DEMOKRATIE vorkommt. Auf mehr als 800 Seiten wird von allen möglichen Themen (etwa Naturrecht, natürlich Jungfrauengeburt seitenweise) gesprochen, nur nicht von Demokratie. Hat man das jemals wahrgenommen? Haben die Religionskritiker sich nicht die Mühe gemacht, den Katechismus zu lesen? Dort ist die Theologie Ratzingers offizielle römische Lehre geworden.

In Polen hat man jedenfalls das gesehen, diese Leerstellen zu Demokratie im Katechismus. Und davon profitiert. Pater Tadeusz Rydzyk aus dem Redemptoristen Orden (also dem Erlöser-Orden!) hat als Chef des Maryja-Imperiums sehr wohl verstanden, dass Katholizismus sich nicht mit liberaler Demokatie reimen darf. Seine polemischen Sendungen, seine Zeitungen und Fernsehberichte, sie alle haben für das klerikale Macht-System plädiert, für den Volkskatholizismus, der keinen Verstand braucht, sondern nur Wallfahrten und Marien-Lieder. Der PIS Chef glaubt das alles und seine vielen PIS Getreuen ebenso. Herr Kaczynski, Chef der möchtgen PIS-Partei, sagt: „Ohne Pater Rydzik von Radio Maryja hätte PIS die Wahl nicht gewonnen“. Kann klerikale Macht deutlicher sein?

Es gab immer wieder zaghafte Versuche von einigen wenigen noch demokratisch-klugen polnischen Bischöfen, gegen das MARYJA Imperium vorzugehen. Nur am Rande, um zu zeigen, dass schon vor 10 Jahren, heftigste und gut begründete Kritik an dem HETZ-Sender Radio Marya vorgetragen wurden. Ich habe in einer Radiosendung für NDR INFO 2006 einige Aspekte dokumentiert: Der polnische Redemptoristen-Pater Rydzyk hat im schwäbischen Immenstadt, bei dem Katholischen Sender Radio Horeb, das Journalistenhandwerk gelernt! Jetzt findet Radio Maryja die ganze Gunst der ultrakonservativen Regierung, bezogen auf das Jahr 2006 der Sendung: Die polnisch-deutsche Politologin Katharina Stankiewicz beobachtet Radio Maryja seit einigen Jahren: Sie sagte im Jahr 2006:

„Wenn man sich den Sender anhört und die Sendungen anhört, dann hört man sehr radikale Aussagen. Man hört regelmäßig antisemitische Aussagen. Nun ist es nicht so leicht, dem Sender direkt vorzuwerfen, er würde antisemitisch eingestellt sein. Das ist so, weil es in den Sendungen einen ganz breiten Raum für die Hörer gibt, die eben regelmäßig anrufen und sehr viel Zeit haben, um eben zu sprechen. Und antisemitische Äußerungen werden eben als solche stehen gelassen, werden auch mit dem Gebet eingeleitet und auch gutgeheißen, also ich finde das insgesamt doch sehr problematisch“. Inzwischen hat sich (2006) Marek Edelman, der einzige Überlebende Kommandant des Jüdischen Aufstands im Warschauer Getto in einem Offenen Brief gegen Radio Maryja gewandt: „Einige Sendungen unterscheiden sich nicht vom Niveau der Nazizeitung „Der Stürmer“. Der Sender verbreitet Fremdenhass und Antisemitismus“.

Auch die polnischen Bischöfe wollten überlegen, wie sie Radio Maryja zur Vernunft rufen können. Erzbischof Henryk Muszynski hat die irrige Propaganda von Radio Maryja erkannt, er sagte 2006 als Erzbischof von Gnesen: : „Man kann nicht das Problem von Radio Maryja wegwischen, wegdiskutieren. Meine Meinung ist ganz klar, wir brauchen ein religiöses Radio. Aber man sollte Religion und Politik trennen“… Was aber nicht passierte!

Die Ordensleitung der Redemptoristen in Rom wurde eingeschaltet, sie sollte den „Mitbruder“ bremsen, sogar der Vatikan sollte den Macht besessenen Pater zur Raison bringen. Alles umsonst. Der reaktionäre Rydzyk kann weiter hetzen gegen alle demokratischen Kräfte. Entscheidend für Papst und Bischöfe ist ja: Dieser Pater verteidigt die offizielle katholische Lehre, die rigide Moral, den alten Glauben, dann soll er doch weitermachen. Antidemokratischer Geist ist doch nicht so wichtig bei so viel korrekter Frömmigkeit! Solange Radio Maryja die meisten Polen katholisch bestärkt, ist der Sender eben gut und nützlich für die Kirche und die Macht der Kirche. Darum kann dieser Hetz-Sender weiter exstieren. Kirchliche Interessen gehen wieder einmal vor den Interessen der Menschenrechte!

Jetzt sieht man beim Sieg der PIS Leute 2015, was Hochwürden Pater Rydzyk alles bewirkt hat…

Noch stehen wir am Anfang, die offensichtliche klerikale Macht in Polen zu beobachten. Dank sei der „Zeit“, dass sie als eine der ersten großen Medien in Deutschland auf diese Zusammenhänge aufmerksam machte. Wann werden sich die deutsche Bischöfe melden und wenigstens pro Forma fragen bei den polnischen Bischofskollegen: Na, wie wollt ihr denn die Demokratie in Polen retten? Werden die deutschen Bischöfe das tun? Dann würden sie Demokratie wichtiger nehmen als volkstümliche, antisemitische usw. Frömmigkeit a la Rydzyk…

Es ist eine Schande, dass sich jetzt in Europa eine Kulturrevolution vollzieht, in reaktionärstem katholischen Geist. Man lese bitte den ganzen Artikel in „Die Zeit“: Die Hauptaussage: Es findet in Polen eine kulturelle Säuberung statt!

Eine Schande, dass der Katholizismus 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil eine solche Fratze zeigt. Die katholischen Polen um PIS (wo bitte sind die anderen, die demokratischen Katholiken, zeigen sie sich, haben sie Angst) tun nichts für die Flüchtlinge. Sie lassen Deutschland in gewisser Weise allein. Diese polnischen Regierungen und das polnische Volk haben Milliarden Euro von Westeuropa erhalten. Ohne die Zahlungen stände Polen heute ökonomisch sehr erbärmlich da. Wäre nicht wenigstens solidarische Dankbarkeit eine katholische Tugend? Wo man doch jetzt in PIS Kreisen so viel von katholischen moralischen Tugenden spricht. Aber es ist einfacher, an Marienwallfahrtsorten Marien-Lieder zu schmettern als dem Ruf der alttestamentlichen Propheten zu entsprechen: „Tut Recht den Armen. Helft den Leidenden, den Fremden“. Der PIS – Katholizismus ist eine reaktionäre, politisch befangene gefährliche Ideologie. Vom biblischen Glauben ist dort offenbar nichts vorhanden. Alles ist frommes Getue zu politischen Zwecken, der Stärkung der Nation, der Abgrenzung, der Freund-Feind-Bilder, der Verdummung der Bürger.

Der Religionsphilosophische Salon ist vom Thema her sozusagen verpflichtet, Religionskritik zu üben. Damit diese nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Reformation in Spanien: Casiodoro de Reina: „Einfach nur Protestant sein“.

4. Januar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Perspektiven und Probleme

Von Christian Modehn.    Dieser Beitrag erschien Ende 2016 in kürzerer Fassung in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK-FORUM

Kaum sind Juden und Muslime vertrieben oder zur Konversion gezwungen, da wird in Spanien die Inquisition gegen „alles Lutherische“ aktiv. Der erste Bericht von Protestantenverfolgung datiert aus dem Jahr 1524 in Valencia. Vor allem die Gebildeten, im Adel und im Klerus, verlangen nach einer biblischen Spiritualität; sie weisen den volkstümlichen Aberglauben zurück. Und sie sind gut informiert: Über die zahlreichen Häfen gelangen reformatorische Schriften ins Land, viele Bücher von Reformatoren werden jedoch von der Inquisition entdeckt und sofort verbrannt, wie in San Sebastian.

Dabei sind Spanier an Erasmus von Rotterdam genauso interessiert wie an den Schriften Luthers. Vor allem in Klöstern des damals sehr einflussreichen Hieronymiten-Ordens verfügen die Mönche über erste spanische Ausgaben des Neuen Testaments. Im Kloster San Isidro del Campo bildet sich um die Cripiano de Valera, Juan Pérez de Pineda und Antonio del Corro eine Art Begeisterung für reformatorische Schriften. Einer der maßgeblichen reformgesinnten Mönche im Kloster San Isidro in Sevilla ist der Hieronymit Casiodoro de Reina. Er weiß, dass sich nur kleine Zirkel (etwa in Valladolid) und Gruppen in Klöstern für Reformation und Humanismus interessieren. Strukturierte evangelische „Gemeinden“ gibt es nicht.

Casiodoro de Reina wurde 1520 in der Nähe von Badajóz geboren. Freie theologische Debatten sind verboten. Kaiser Karl V. will Spanien mit aller Gewalt als letzte katholische Bastion verteidigen. Reformgesinnte Mönche, wie der prominente Casiodoro, werden verdächtigt, insgeheim Juden geblieben zu sein. Er sieht für sich keine Chancen zum Überleben. 1557 flüchtet er nach Genf, weitere Mönche, auch aus anderen Klöstern, folgen ihm. Casiodoro de Reina, obwohl eher mit Luther vertraut, flieht ins Zentrum Calvins: Für ihn spielen die unterschiedlichen reformatorischen Lehren keine große Rolle. Er ist ein Reformator, der „nur“ evangelisch sein will mit starker Bindung an den Humanismus von Erasmus. Casiodoro lehrt: „Niemand darf wegen seines persönlichen Glaubens verfolgt oder gar verbrannt werden“, kritische Worte gegen Calvin, der die Verbrennung des theologischen „Abweichlers“ Michel Servet, auch er ein Spanier, 1553 betrieben hatte. „Genf hat sich in ein neues Rom verwandelt“, urteilt Casiodoro. Auch die von führenden Reformatoren heftig kritisierten „Wiedertäufer“ sind für ihn „Brüder im Glauben“. Als „liberaler Protestant“ muss er Genf verlassen, nachdem er 1559 ein offenes „Glaubensbekenntnis“ publiziert hat. Seit der Zeit leidet Casiodoro unter der Engstirnigkeit aller christlichen Kirchen, auch wenn er, von der materiellen Not gedrungen, Pastorenämter unterschiedlicher Konfessionen annimmt. Als unbequemer Denker kann er in keine (geistliche) Heimat finden. Der spanische Katholizismus hat ihn, im Symbol seines Bildes, öffentlich verbrannt; im Rahmen der volkstümlichen Spektakels „Autodafé“. König Philipp II. setzt sogar Spione gegen ihn ein, ein Kopfgeld lässt er ausschreiben. Er erhält den offiziellen Ehrentitel „Chef-Häretiker“ … und bedankt sich für diese Verurteilung mit einer Studie über „Die Kunst der spanischen Inquisition“. Um 1557 ist der protestantische Glaube in Spanien öffentlich ausgelöscht, die dort lebenden Protestanten sind verbrannt. In Pamphleten dokumentieren die Evangelischen in westeuropäischen Ländern diese Schandtaten.

Von Genf gelangt er zum ersten Mal nach Frankfurt am Main, dann zieht er weiter nach London, wo ihm Königin Elisabeth I. großzügigerweise den Aufbau einer spanisch sprechenden „Flüchtlingsgemeinde“ gestattet. 1562 wird er sogar zum Pastor der „Kirche von England“ ordiniert. In London heiratet er. Hier beginnt er mit der Übersetzung der gesamten Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Spanische. Unter den zerstrittenen Protestanten in London wird er verleumdet und muss nach Antwerpen fliehen. Bettelarm kann er dort weiterarbeiten. Seine Übersetzung der spanischen Bibel wird 1569 in Basel veröffentlicht, wegen des Titelblattes mit dem Bären spricht man nur von der „Biblia del Oso“. Die dogmatischen Calvinisten in Genf sind empört, dass Casiodoro diese große Arbeit ohne ihre Zustimmung gemacht hat.

Immer auf der Suche nach einer Bleibe, um seine Studien fortzusetzen, irrt er quer durch Europa, man sieht ihn in Heidelberg, sogar in Frankreich, in Basel. Als Handwerker kann er sich am Leben halten. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in Frankfurt am Main, er wird Bürger dieser Stadt. Für die Gemeinde der spanischen Flüchtlinge wird er zum lutherischen Pastor ordiniert. Er stirbt am 15. März 1594. Zu dieser Zeit hat die Inquisition alle Spuren protestantischen Lebens in Spanien total ausgelöscht.

Noch während des Bürgerkrieges wurden die wenigen Evangelischen verfolgt, sie mussten flüchten. Nach dem 2. Weltkrieg waren alle nicht-katholischen Bibelübersetzungen verboten. Protestantisches Leben musste sich in privatem Rahmen abspielen, evangelische Gebetsstätten duften nach außen nicht erkennbar sein. Erst nach dem Ende der Franco Diktatur können dort Evangelische frei leben. Heute nennen sich etwa 400.000 Spanier „Protestanten“.

Literaturhinweis: Manuel de Leon, 1946 Historiker, er hat u.a. publiziert: „Los protestantes y la espiritualidad evangélica en la España del siglo XVI” 2 tomos, 1600 páginas, Der Text ist im Internet als PDF Datei verfügbar: http://www.saavedrafajardo.org/Archivos/Libros/Libro0778.pdf

Zur Bibelübersetzung von Casiodoro de Reina: http://www.protestantes.net/enciclopedia.asp?id=620

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Was ist uns noch heilig? Hinweise von Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon am 14. 12. 2016.

18. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Vorwort zu einem etwas längeren „Hinweis“, der für den Religionsphilosophischen Salon am 16.12. 2016 vorbereitet wurde.

Wir treffen uns hier in einer Zeit, in der so wenig, fast nichts möchte man meinen, als heilig, d.h. als erhaben und unantastbar gilt und als das „Unantastbare“ und „Erhabene“ auch respektiert wird. Das „Contra-Heilige“ als das Unmenschliche und Unheil zeigt seine widerwärtige Fratze. Es bedroht uns im Alltag. Aber es ist keine anonyme Urgewalt eines anonymen Bösen. Es sind vielmehr Menschen, die sich in ihrer Freiheit für das Böse entscheiden, also gegen die Heiligkeit ihrer eigenen Person und der Heiligkeit und Unantastbarkeit aller anderen Menschen. Wenn Unheil religiös motiviert wird, muss diese so genannte Religion als Ideologie zurückgewiesen werden. Nur Religionskritik rettet das Heilige heute. Aber wenn sich das Unheilige und das Unheil offenbar immer mehr bemerkbar machen: So wollen es eben die Machthaber, die Börsenjongleure, die Waffenhändler, die Menschenhändler, die Nationalisten allerorten, die einzige ihren privaten (materiellen oder ideologisch verblendeten) Vorteil suchen. Denen sind wir offenbar hilflos ausgesetzt und deren Wahn und Inkompetenz ertragen wir leidend: Aber dagegen müssen wir uns mit schwachen Kräften wehren, und diese Widerstandskräfte finden wir in der Vernunft, der Religionskritik, der Ideologiekritik, der Fürsorge, der Vorsicht, der Achtsamkeit und Empathie und im politischen Widerstand. Die Gewalt der Waffen muss die „letzte Möglichkeit“, dann aber rechtzeitig eingesetzt werden. Heiliges wird heute im Widerstand gewonnen und geschützt.

Mit dem offensichtlichen Verlust des Heiligen als des unbedingt zu Schützenden-Menschlichen ist also nicht etwa der mögliche Verlust des verzückten Erschauerns beim Betreten einer gotischen Kathedrale gemeint. Vielmehr, noch einmal gesagt, ist gemeint: Es ist der Verlust des Respekts vor dem absolut unantastbaren Leben eines jeden Menschen. Diesen totalen Verlust sehen wir entsetzt und verzweifelt im Blick auf das Abschlachten in Syrien, etwa in Aleppo. Dieser Name Aleppo wird in gewisser Weise ein so ungeheuerliches, die Menschheit entehrendes Symbol bleiben wie der Name Auschwitz. In mehreren Hinsichten haben Aleppo und Auschwitz etwas gemeinsam: Es handelt sich um die totale Niederlage der humanen Vernunft, um die Niederlage einer Politik auch von Staaten, die sich demokratisch nennen. Aleppo als Symbol der Niederlage der Menschlichkeit und der Menschheit zeigt: Die so oft propagierte Erinnerung an Auschwitz hat nichts bewirkt, zumindest nichts bei den Politikern. Dabei ist Aleppo uns geographisch gesehen so nahe, es liegt fast in unserer Nachbarschaft: 2.594 Kilometer Luftlinie sind es von Berlin nach Aleppo, das sind 1000 Kilometer WENIGER als von Berlin ins beliebte „Ferienparadies“ Gran Canaria.

Unser heutiges Thema in unserem religionsphilosophischen Salon „Was ist uns noch heilig“ hat also eine starke, auch politische Aktualität. Und wenn wir etwas Heiliges für uns noch entdecken, wird dies etwas Sinnstiftes, etwas „Trotz allem“, sein, etwas, das uns einen bleibenden Horizont des Guten erschließt, vielleicht etwas Ewiges, grundlos Gründendes, das „da“ ist, auch wenn es so wenige Menschen respektieren. Dazu mehr unter Nr. 8.

  1. Profanes und Heiliges. Wenn Menschen „Heiliges“ machen.

Es gibt unterschiedliche Erfahrungen, die uns „nach“ dem Erleben besonderer Art zur sprachlich gestalteten Überzeugung führen: „Da ist mir etwas Heiliges begegnet. Ich habe Heiliges erlebt“. In unserer Welt-Erfahrung müssen wir das Heilige nicht von vornherein zu hoch ansetzen, nicht in den fernen Himmel schieben. Sondern das Heilige hier bei uns auf einfache, ich möchte sagen, fast alltägliche Art „erden“. Diese alltägliche Erfahrung des Heiligen kann die Erfahrung von grundlegender Geborgenheit sein und angstfreier Ruhe und von Trost; aber auch von Erschütterung; von dem Gefühl, etwas Außergewöhnlichem, Glanzvollem oder auch Schauderhaftem begegnet zu sein. Und das ist schon ein intensives Erleben, auf das später noch im Zusammenhang mit Rudolf Otto hingewiesen wird.

Immer ist es wohl so, dass wir das Erlebnis des Heiligen dann doch in Abgrenzung vom Alltäglichen und Gewöhnlichen verstehen, als das Andere zum üblichen und monotonen Lauf des Lebens, das sich zwischen Aufstehen und Waschen und Essen und Arbeiten und Schlafen abspielt, wenn wir an unsere feine bürgerliche Existenz denken und nicht dem Alltagsrhythmen der Ausgehungerten ausgesetzt sind, etwa in den Slums afrikanischer Großstädte. Diese Menschen erleben den Alltag oft nur als Schreckliche, das möglicherweise in den Hungertod führt.

Die Reflexion auf das Heilige muss also stets politisch-kritisch bleiben, muss wissen: Wenn wir hier im reichen Europa über das Heilige nachdenken, ist diese Reflexion in gewisser Weise auch Teil des Luxus, an dem wir hier – mit welchem Recht eigentlich gegenüber den Verhungernden? – teilhaben…

Das Heilige ist also für uns auch als das Andere zu verstehen gegenüber dem Banalen und Primitiven, dem Hässlichen und Gewalttätigen, dem Ordinären, dem herrschsüchtigen Denken, das nur an eigenen materiellen Vorteilen Interesse hat. Diese Welt kann man das Profane nennen.

Aber das ist nur die eine Seite: Profan kommt ja aus dem Lateinischen, das Wort enthält zwei Begriffe: Pro und Fanum, also: örtlich verstanden, „vor“ dem Heiligtum gelegen. Also, in diesem Denken, noch außerhalb einer abgesonderten sakralen und besonderen Welt gelegen. Profan bedeutet darum auch alles, was mit Wissenschaft zu tun hat, also mit Logik, Technik und Denken und Rechtsprechung, Essen, Reisen usw. Und dieses genannte Profane, Weltliche, Laizistische, ist schützenswert! In diesen Bereichen sollen Gesetze gelten, die für alle Menschen gelten und für alle nachvollziehbar sind. Profanes ist also keineswegs Banales.

Aber wie zeigt sich denn in unserem alltäglichen Umgang in der profanen Welt, im Umgang mit den Menschen und den Dingen, dieses Andere, das wir das ganz Andere, das Heilige bezeichnen?

Ich meine, Zugänge zum Heiligen sollten wir in unserem tätigen Leben in der Welt suchen, immer dann, wenn wir etwas Bestimmten höchste Aufmerksamkeit und höchstes Interesse zuwenden, wo wir sagen, dieses Ding oder jener Mensch hat für uns höchste Bedeutung: „Dem opfern wir fast alles. Dem wollen wir uns hingeben, verbunden sein. Für das wollen wir uns aufopfern. Das wollen wir unbedingt schützen…“

Diese „Hochschätzungen“ sind natürlich ihrerseits gefährlich, weil sie zu Vergötterungen von Dingen und Menschen führen. Man denke an das heilige Auto, das heilige Fußball“spiel“, die heiligen Ikonen, also diese Stars und Sportler und beinahe vergötterten Politiker. Das sah man beim Hitler-Wahn, das sieht man wieder, wenn man Vergötterungen von Wählern des Herrn Trump bei öffentlichen Massenveranstaltungen sieht, da wird ein „Heilsbringer“ gefeiert.

Die Menschen überhaupt leisten sich ständig diese Vergötterungen des Dinghaften oder der Menschen, diese behindern die Freiheit, schränken ein, verhindern das fragende Suchen nach dem, was wirklich den Titel „heilig“ verdient. Trotzdem kommen wir ohne von uns selbst gesetzte zentrale Mittelpunkte in unserem Leben nicht aus. Aber diese Mittelpunkte als nicht-heilige Lebens-Zentren sollte es immer im Plural geben und sie sollten im Laufe des Lebens sich oft ändern, um unserer eigenen Freiheit willen. Selbst Gott, der uns immer nur als selbstverständlich wandelbares Gottesbild gegeben ist, wandelt sich hoffentlich für uns in unserem Leben … zu immer größerer (mystischer) Reife…

Heiliges ist also zunächst etwas, das von uns Menschen konstruiert , „gemacht“, wird. Und dieses von uns gemachte „Heilige“ muss kritisch befragt werden und mit dem authentisch Heiligen konfrontiert werden. Nur deswegen kann man und muss man philosophisch selbstverständlich Heiliges kritisieren und Scharlatane, oft vom Vatikan „Heiliggesprochene“, entlarven, wie den Volksheiligen und angeblich stigmatisierten Padre Pio in Süditalien oder Theresa Neumann von Konnersreuth, um nur mal zwei populäre Beispiele aus dem katholischen Raum zu nennen.

2.  Wenn Heiliges profaniert wird und Profanes heilig wird.

Wichtig ist, dass es Übergänge gibt vom Profanen zum Sakralen und vom Sakralen zum Profanen. Auf diese Übergänge hat der italienische Philosoph Giorgio Agamben in seinem Aufsatz „Lob der Profanierung“ hingewiesen. Wichtig bei seinen Überlegungen scheint mir in unserem Zusammenhang zu sein: Agamben unterscheidet Profanierung von Säkularisierung: Wenn ein Herrscher, etwa König Ludwig XIV., sich göttliche Qualitäten zuspricht, was der Fall war, ist das eine Säkularisierung, also eine Verschiebung des Göttlichen von Gott auf einen menschlichen Herrscher. Die Aura des Göttlichen mit allem Pomp usw. wird dem Menschen übergeben. Die Aura des Göttlichen besteht also beim Menschen fort.

Hingegen: Wenn Heiliges profaniert wird, dann wird es in den allgemeinen menschlichen Gebrauch gesetzt: Man denke an eine Kirche, die ausgeräumt und in eine Buchhandlung oder eine Kneipe umgebaut wird. Da wird etwa eine tatsächlich heute als hässlich empfundene (evangelische) Beton-Kirche von 1955 nicht mehr für Gottesdienste benutzt, die Bänke und der Altar werden entnommen und es zieht eine Buchhandlung oder eine Kneipe ein. Manche Gemeindemitglieder sehen dann noch immer die alten Gemäuer, vielleicht ein buntes Fenster von einst mit dem heiligen Geist (eine Taube) in roten Farben, während sie gemütlich ihr Bierchen trinken. Manche werden dabei nostalgisch…Dies sind die heute so zahlreichen Profanierungen. Hingegen kann eine profanierte (zum Beispiel verfallene) Kirche auch wieder zurückverwandelt werden in ein so genanntes Gotteshaus. Agamben will darauf hinaus: Es gibt Wechselbeziehungen zwischen Sakral und Profan. Wenn das Sakrale profaniert wird, dann wird das im Sakralen Erlebte aus der Ecke des Besonderen, des Heiligen, befreit und dem allgemeinen Gebrauch zurückgegeben, siehe Profanierung von Kirchen (Gotteshäusern) oder Formen des Spiels als Profanierung des Ritus. Die Frage ist: Wo und wann gibt es in unserem Leben diese Übergänge?

Nebenbei: Nur der Kapitalismus schafft etwas Heiliges und Unberührbares. Dies ist der Konsum und das ständige Wachstum der Wirtschaft /Geldvermehrung der Kapitalisten: Diese absolute und alternativlos genannte, also heilige Struktur des Kapitalismus darf laut Kapitalisten nicht profaniert, also aufgelöst werden: Ein profanierter heiliger Kapitalismus wäre das Ende des Kapitalismus…

Weitere Beispiele für den Übergang von Profan zu Heilig: Eine lang andauernde Wanderung durch die Natur und die umgebenden kleinen Dörfer kann von den Teilnehmern als Weg zum Wesentlichen, zur meditativen Haltung, also als Pilgerweg verstanden und gedeutet werden. Oder: Ein schlichter Kellerraum kann von Jugendlichen als Treffpunkt gewählt werden, in denen sie Poesie, Musik, vielleicht Gebete, vortragen und dann gemeinsam meditieren. Und so bekommt der profane Kelleraum eine oft kurzfristige heilige Bedeutung, der Ort wird schützenswert. Jesuanisch gesagt: „Wo zwei oder drei Menschen in „meinem Namen“ versammelt sind (also unter göttlicher Obhut stehen), bin ich mitten unter ihnen“…

3.  Wenn Katholiken „Heiliges“  und Heilige schaffen.

Es ist wichtig, auf konfessionelle Unterschiede hinzuweisen: Protestantische Kirchen gelten für Protestanten selbst nicht als heilig, diese Gebäude sind also leichter zu profanieren als katholische Kirchen, die als Gotteshäuser gelten, also als eigens geweihte, Gott übergebene, Gebäude. Die Weihe von katholischen Gebäuden und katholischen Personen, etwa Priesterweihe oder Jungfrauenweihe oder auch die Weihe von Altären für den Gottesdienst, ist in innerhalb der katholischen Kirchen selbstverständlicher Teil der Lehre. Sie schafft damit den abgegrenzten sakralen Raum, vor allem auch mit eigenen „sakralen“ Rechten, die gegenüber bürgerlichen Rechten den Vorzug haben (sollen, behaupten die Kleriker)! Man denke an die eigene Rechtsprechung für katholische Laienmitarbeiter, die innerhalb der Kirche nicht offen homosexuell-„verpartnert“ leben dürfen: Sonst werden sie von der Kirchenführung entlassen. Die staatliche Rechtsprechung in Deutschland respektiert –für mich unverständlicherweise – diese katholischen Sonderrechte.

Die katholische Kirche schafft also heilige Räume und heilige Orte und heilige Menschen, die abgesondert sind von der profanen Welt. Nach Umbau oder Zerstörung von Kirchen muss diese Kirche, wenn sie wieder für Gottesdienste genutzt werden soll, neu geweiht werden: Denn sie war profan, muss also explizit in die Sakralität zurückgeführt werden. Es ist interessant, dass aufzugebende katholische Kirchen niemals direkt in Moscheen umgewandelt werden dürfen. Das wirft ein Licht auf den viel beschworenen Dialog der Religionen. Da hat das katholische Rechtsbuch, der „Codex Iuris Canonici“ § 1222, Klarheit geschaffen: Der Bischof kann die Kirche einem profanen Gebrauch übergeben, aber so wörtlich, einem „nicht unwürdigen Gebrauch“. Das wird gleich zweimal in Absatz 2 dieses Paragraphen, gesagt.

Ein Beispiel: In Amsterdam, an der zentral gelegenen Rozengracht, gab es bis 1971 die katholische Kirche „de Zaaier“, der Sämann, von Jesuiten geleitet. Diese Kirche wurde 1927 errichtet, 1971 dann verkauft, aber nicht an eine muslimische Gemeinschaft, sondern an das Teppichzentrum „Nederlandse Tapijt Centrale“. Und erst durch diese offenbar „würdige“ (?) (kommerziell ertragreiche?) Zwischennutzung konnte die ehemalige Kirche dann weiterverkauft werden an die türkische muslimische Gemeinschaft, die nun über den Umweg sozusagen, die „Fatih Moschee“ dort zur Verfügung hat. Wer das Gebäude von außen betrachtet, wird angesichts der beiden Türme immer noch an die Kirche „Der Sämann“ erinnert… und Innen entdecken Kenner immer noch Elemente der katholischen Kirche.

Die katholische Kirchenführung kann durch ihr eigenes Gesetz Dinge und Menschen der profanen Welt entnehmen und in einen Sonderraum, einen heiligen Raum, überführen. Theologen werden zu Priestern geweiht. Darum ist auch der Austritt aus der heiligen Priesterschaft eine Profanierung. Der „Ex-Priester“ gilt als „Abgesprungener“, als Herausgefallener aus der heiligen Priesterwelt, mit ihren eigenen Gesetzen. Er muss sich nun selbst sehr profan um seinen Lebensunterhalt kümmern und lebt nicht mehr (rundum gesichert) von Spenden (Kirchensteuern) der Gläubigen.

In meiner Sicht ist also das Heilige keineswegs nur das Seltene und Außergewöhnliche oder das Wunderbare, das uns mit Blitz und Donner und Katastrophen förmlich aus der Balance wirft und uns den Boden entzieht und in himmlische Sphären versetzt. Dieses verstörende Monströse oder auch, je nach dem, strahlend Glänzende, kennen wir eher aus science-fiction-Filmen als aus der Realität. Oder stimmt das doch nicht so ganz?

4. Rudolf Otto: Das Numinose und das Heilige

Für das Heilige als einer objektiven „Sonderregion“ in unserer Welterfahrung tritt Rudolf Otto ein, der protestantische Religionswissenschaftler, in seinem ziemlich weltbekannten Buch „Das Heilige“ von 1917: Der Untertitel ist bezeichnend: “Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“.

Irrational meint bei Rudolf Otto eine Art Gefühl des großen Zusammenhangs. Dieses Gefühl hat nicht die Bedeutung, gegen die vernünftige Einsicht zu sein. Otto will das Rationale am Heiligen erweisen. Er möchte angesichts der profanen und banal erlebten Welt einen Sonderbereich in dieser Welt förmlich erweisen und dadurch als etwas ganz Eigenes retten: Nämlich das Heilige, das er für alle (!) Religionen geltend behauptet. Dabei sieht er durchaus Entwicklungen im Sinne des Fortschritts: Es gibt für ihn primitiv Erfahrenes Heiliges und „den Vollklang“, wie er sagt (S. 134), also die höchste Entwicklung, die er – wie zu erwarten – im Christentum sieht. Wichtig ist seine These; Religiöses und Heiliges sind für ihn etwas „Artbesonderes“, also ganz Einmaliges und Abgesondertes. Darüber wird zu diskutieren sein!

Weil aber das Heilige als Begriff vielfältige und populäre Inhalte hat, spricht Otto eher auch vom Numinosen, als einer besonderen Qualität in Objekten der Außenwelt, also außerhalb des Ichs, des Subjekts usw. erscheinend. Das Numinose ist für Rudolf Otto das schauervolle Geheimnis, das Wild-Dämonische, das zur Verzückung und Ekstase führt. Der Mensch erlebt sich angesichts dieser schauervollen Welt (die, so wörtlich, „Gänsehaut“ erzeugt) als klein, als kreatürlich, als unbedeutend usw. Wenn der Mensch dieses abgegrenzte Heilige erlebt: Dann erfasst ihn ein Schauer, ein Zittern, er erlebt Furcht und fühlt sich gleichzeitig angezogen von dem Ungeheuerlich-Wunderbaren. Otto spricht von dem Tremendum und dem Fascinosum. Es ist eine Art Gruseln, das sich beim Menschen zeigt…

Das Numinose hat noch keine Struktur, die zum Denken führt und es ist noch offen in Fragen der Ethik, also schwankend in der Weisung, was denn gut und böse ist für den Menschen. Während das über das Numinose hinaus gewachsene Heilige (vor allem im Christentum erlebt) selbst als der Spitzen-Begriff durchaus zur Reflexion einlädt und auch ethisch das Gute fördert. Otto nennt das Numinose das Gestaltlos Göttliche. Das Heilige hingegen ist so tief, dass es sich jeder verstandesmäßigen Erfassung entzieht. Das Heilige ist also sprachlich nur anzudeuten.

Das Heilige zu erleben ist für Otto eine Art Vorgegebenheit eines jeden menschlichen Lebens, er spricht vom „Apriori“, von einem von vornherein und immer schon Gegebenen im Geist des Menschen. Otto bezieht sich dabei vor allem auf Texte der Religionsgeschichte und dort besonders der Bibel. Er meint, auch der Gott der Bibel habe diesen erschütternden und faszinierenden Charakter.

Ein Hauptproblem sieht Rudolf Otto selbst: Er behauptet zu wissen, dass Menschen, die die Beschreibungen der Bibel von dem Heiligen nicht aus eigenem Erleben kennen, durch sein Buch auch nicht klüger werden, d.h. durch sein Buch auch nicht zum Heiligen hin geführt werden. Otto geht so weit, gleich am Anfang, auf Seite 8 seines Buch „Das Heilige“ zu schreiben: „Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten nicht weiter zu lesen“. Das ist in meiner Sicht, gelinde gesagt, ein grober philosophischer Mangel, dass offenbar das Heilige als das Heilige selbst dem Heiligkeits-Entwöhnten Menschen nicht argumentativ gezeigt werden kann.

In jedem Fall hält Otto das Aufzeigen des Numinosen und dann des Heiligen für so wichtig, um überhaupt von Gott reden zu können: Denn Gott, der biblische Gott, an den er vornehmlich denkt, zeigt sich für ihn im Milieu des Heiligen als der Heilige. Ohne das Erleben des Heiligen, wie es Otto sieht, kann es für ihn keinen christlichen Glauben geben. Darüber wäre zu diskutieren.

Auch vom Buddhismus spricht Otto – ein bisschen: Das Geheimnis in der Lehre des Buddhismus sagt er im Blick auf „buddhistische Mystiker“ sei die Leere, das Nichts. Und Otto behauptet gar: Wer keine innere, religiöse Fühlung hat, dem kann das buddhistische Nichts wie Irrsinn erscheinen (Das Heilige, S. 35). Angesichts der Bauwerke, der Tempel im Buddhismus, stelle sich das Gefühl des Magischen ein; besonders „in den seltsam eindrücklichen Buddha-Gestalten frühchinesischer Kunst“. Und diese Wirkung sei erlebbar auch ohne Kenntnis des Mahayana Buddhismus, schreibt Otto (S. 86). Es entsteht das Gefühl des Erhabenen und Vergeistigt -Überlegenen, diese Gestalten sind transparent auf einen ganz anderen hin. (S. 87). Zum Heiligen im Buddhismus siehe weiter unten den eigenen Beitrag des Buddhismus Lehrers Michael Peterssen. (siehe Nr. 9)

5. Der „heilige Schauer“ und das Unverständliche als Weg zum Heiligen?

Ich muss sagen, dass ich diese Konzeption Rudolf Ottos vom Heiligen als einer fixen Gegebenheit, außerhalb des Menschen gelagert und durch apriorische Strukturen im Geist des Menschen erreichbar, (heute) nicht (mehr) für relevant halte. Das ist alles irgendwie „Buchweisheit“, voller Behauptungen, auch wenn er als Religionswissenschaftler durchaus auch Kenntnisse auf Reisen erworben hat, etwa im indischen Raum. So sehr man das Ziel der Studien Ottos auch anerkennen mag, in einer weithin angeblich säkularen Welt das Heilige als eigene Kategorie zu retten. Der von ihm genannte „heilige Schauer“ wird heute eher im Horrorfilm erlebt und dann aber als gemachter Hollywood Schauer und nicht als Sakrales oder wenigstens Numinoses. Der damals wie heute erfahrenen “Entzauberung“ der Welt wollte Otto eine Wiederverzauberung durch das Heilige entgegensetzen. Aber dieses Heilige rückt er in die Ecke des Unverständlichen. Das wird deutlich, wenn man Ottos Lobeshymnen auf die lateinische Messe liest oder auf die Verwendung des Altslawischen in der russisch-orthodoxen Liturgie, die kein Teilnehmender versteht und eigentlich als mysteriös im Weihrauch erstickend erlebt. Das Unverständliche mit dem Heiligen zu verbinden ist problematisch. Der Katholizismus hat die lateinische Sprache aus der Messe weithin vertrieben. Das göttliche Geheimnis ist so groß, dass es sich nicht in unverständlichen Sprachen verstecken muss. Nur die reaktionären (meist antidemokratischen, wie in Frankreich) Pius-Brüder halten an der lateinischen Sprache in der Messe fest: Heiliges ist, so sagen manche Kritiker, dann eben unverständlich genutscheltes Latein des Priesters…

Ich verweise weiterführend auf die römische Liturgie: In der dort zentralen „Wandlung“ des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Christi: Da werden diese beiden Elemente vom Priester, der als einziger „wandeln“ darf, längere Sekunden ganz sichtbar hochgehalten, die Gemeinde der Laien kniet nieder, Ministranten läuten ihre Glöckchen, alle Musik verstummt, es ist ein Moment der Stille, wo Christus, so die Lehre, selbst in diese Kirche gelangt. Da erleben etliche Menschen sicher Heiliges, mag sein.

Reste des heiligen Brotes, also des Leibes Christi, werden als solche im Tabernakel verwahrt, sie dürfen nicht als Reststückchen nach dem Gottesdienst wie in den evangelischen Kirchen aufgegessen werden. Den Wein als Blut Christi trinkt der katholische Pfarrer übrigens immer für sich allein. Auch die größeren Wein-Reste… Das ist das Privileg des Klerus. Jan Hus (und Luther) kämpfte im 14. Jahrhundert schon um den Laienkelch, um die Sonderstellung des Klerus aufzuheben, hat aber nichts genützt. Hus wurde 1415 verbrannt…

6. Wo und wann wir Heiliges im Alltag erleben und pflegen sollten

Wichtiger scheint mir, nach der Anwesenheit von Erfahrungen der Heiligkeit heute zu suchen: Dies nicht, um einer neuen Religiosität auf die Spur zu kommen, sondern um philosophisch im Denken zu erleben: Menschen suchen auch heute aus dem Alltag herauszufinden in die besonderen, die einmaligen und erhebenden Dimensionen. Ob diese dann immer hilfreich und heilsam sind für ein mündiges Leben, ist eine andere Frage. Aber es gibt diese erhabenen, vielleicht auch schauervollen oder faszinierenden Momente im Leben.
Das kann die Musik sein. Sie erhebt in eine andere Welt. Dazu gibt es zahllose Stellungnahmen „großer“ Musiker. Jeder von uns hat seine Lieblingsmusik(en), die man immer wieder hört und dabei, wenn die Musik wertvoll ist, immer wieder Neues entdecken lässt.

Die Kunst. Da denke ich besonders an die Kunstwerke in unseren Wohnungen: Sie sind ja meist bewusst ausgewählte Kunstwerke, alles andere als bloße Garnierung kahler Wände. Da haben wir uns einen meditativen Blickfang geschaffen, vor dem wir betrachtend doch manchmal verweilen und in die Welt des Kunstwerkes hineingeführt werden, .d.h. also aus der profanen Wohnung herausgeführt werden. Ich denke jetzt auch, und das ist keineswegs als Plädoyer für Kitsch gemeint, an den kleinen Hausaltar: Das haben ja auch viele, vielleicht eine Ecke mit den Fotos der verstorbenen Eltern, mit einer Kerze. Oder ein religiöses Symbol, eine Christusdarstellung oder eine Buddha-Figur, die man solche schätzt und nicht als Accessoire missversteht.

Die Natur. Da brauche ich gar nicht viel zu sagen: Normalerweise verreisen wir in die Natur, suchen in er Natur Entspannung und Ruhe und eben nicht machen wir Urlaub in den Hochhaussiedlungen oder in den verfallenen Straßen von Detroit oder in der Nordstadt von Dortmund. Wir suchen die Natur als Wald, als Wasser, als Quelle, als Lebensquelle, wenigstens als Park.

Der Sonntag. Das wäre auch ein bedenkenswertes Thema, passend zur Frage nach den Unterbrechungen in der Profanität: Sollen wir einen Tag bewahren in der Woche, an dem Nichts-Tun gilt und Sich Besinnen und Feiern? Vielleicht muss der Sonntag aus der Profanität befreit werden? Erst wieder neu erfunden werden? Meine Meinung: Ohne den Sonntag gibt es eigentlich keine Gliederung der Woche und damit des Monats mehr, und in dem Sinne auch keinen Alltag, weil eben dann alles Alltag geworden ist. Und „Alltag“ steht dem Begriff des (hier negativ gefärbten) bloß Profanen sehr nahe.

Auf heilige Orte, so genannte Wunderorte , will ich jetzt nicht eingehen, also nicht von wunderbaren Erscheinungen Marias in Fatima und Lourdes reden. Da ist alles eher mysteriös und sehr „gemacht“ vom Klerus. Bekanntlich wurden die dortigen Seherkinder sehr schnell in entfernte Klöster usw. abgeschoben. 2017 sind es 100 Jahre her, dass Maria höchst persönlich vom Himmel herabstieg und den Kindern in Fatima „erschien“. Ich empfehle als Lektüre: Jürgen Alberts, Fatima. Rowohlt Verlag, auch antiquarisch.

7. Das Zentrum aller Heiligkeits-Debatten: Die Sakralität der Person

Mir ist in der Philosophie am wichtigsten, von der Sakralität der Person zu sprechen. Darüber hat der jetzt in Berlin lebende Soziologe und Philosoph Hans Joas ein Buch unter dem gleichen Titel veröffentlicht (Suhrkamp Verlag 2011), er bezieht sich dabei auf Einsichten des französischen Religionssoziologen Emile Durkheim (1858-1917) (im Joas-Buch ab Seite 82ff). Seine These: In der Moderne sollten wir an die hoch heiligen Menschenrechte glauben und an die in ihnen grundsätzlich immer mit gemeinte absolute und unantastbare und deswegen heilige Menschenwürde eines jeden Menschen. (Dass Menschenrechte permanent auch von so genannten Demokratien wie den USA missbraucht wurden und werden, brauche ich hier nicht eigenes zu betonen. Menschenrechte gelten selbstverständlich auch im Falle ihres ständigem Missbrauchs. Logik gilt ja auch, wenn fast niemand mehr 4 dividiert durch 0,274 berechnen kann…) Die Qualifizierung des Menschen als einer „sakralen Person“ darf keineswegs als Plädoyer für eine neue Konfessionalisierung des menschlichen Wesens oder als eine religiöse Verschleierung oder Überhöhung des Daseins verstanden werden. Sakralität, so betont Joas, hat etwas mit Heiligem zu tun, und die Erfahrung und Geltung des Heiligen liegt allem Religiösen (schon gar dem konfessionell Religiösen) voraus! Wenn Kant in seiner Philosophie, etwa in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“, von der „Würde“ des Menschen spricht, erwähnt er auch die „Heiligkeit“ des menschlichen Wesens. „Würde“ hat keinen Preis, sie kann nicht erworben, schon gar nicht gekauft, kann auch nicht durch Willkür anderer beseitigt werden. Menschliche Würde ist mit dem Dasein selbst immer und überall da, sie steht für sich selbst, sie ist nicht menschlich verfügbar: Wer in dieser Weise von der unantastbaren Menschenwürde spricht, der denkt, so Kant, wie von selbst auch an die Heiligkeit, im Sinne des Erhabenen, also des über den Menschen und ihrem Zugriff Stehenden. Im Erleben der eigenen Person wie der Personenwürde anderer tritt deutlich zutage, was man das Heilige nennen könnte: Nur ein Beispiel: Im ungerechten Leiden anderer Personen, etwa der gefolterten Widerstandskämpfer gegen diktatorische Gewaltherrschaft, können Menschen erleben, wie sich in ihnen vor allem in der Empathie mit den Opfern eine starke Überzeugung auch emotionaler Art bildet. Sie ist so etwas wie eine umfassend intellektuelle Kraft. Sie sagt absolut Nein zu dem Unrecht, zur Folter, zur Qual. Warum? Weil da die Heiligkeit und Unverletzbarkeit der Person, ihre Unantastbarkeit, verteidigt werden soll.Dieser Einsatz für die Sakralität ist nichts anderes als das konkrete Engagement für die Menschenrechte; diese sind selbstverständlich stetig weiter zu entwickeln, wie auch die Demokratie niemals etwas Fertiges ist.

Hans Joas lässt sich von dem französischen Soziologen und Ethnologen Emile Durkheim (1858 – 1917) inspirieren, der in seinen zahlreichen Studien, vor allem im Erleben des antisemitischen Dreyfus – Skandals, von der universalen Menschenwürde als der „Religion der Moderne“ sprach (etwa in seinem Aufsatz „Der Indvidualismus und die Intellektuellen“, von 1898). Durkheim schreibt: „Die menschliche Person wird als heilig betrachtet, sozusagen in der rituellen Bedeutung des Wortes. Sie (die Person) hat etwas von der transzendenten Majestät, welche die Kirchen zu allen Zeiten ihren Göttern verleihen…Wer auch immer einen Menschen oder seine Ehre angreift, erfüllt uns mit einem Gefühl der Abscheu, in jedem Punkt analog zu demjenigen Gefühl, das der Gläubige zeigt, der sein Idol profaniert sieht“. (Joas, S. 82f). Die Sakralität ist für Durkheim die allgemeine, die menschliche Spiritualität! Sie gilt für Gläubige und konfessionell nicht – gläubige Menschen… Die Frage ist natürlich, wie es gelingen kann, in der zunehmend anonym werdenden Massengesellschaft Menschen darauf aufmerksam zu machen: Ihr seid eigentlich von sakraler, also heiliger Würde? Diese Einsicht – auch pädagogisch für alle Altersklassen – zu vermitteln ist genauso wichtig wie das Engagement für die universale Geltung der Menschenrechte und damit der Demokratie. Menschenrechte sind also nicht nur eine „Verhandlungsmasse“ auf politischer Ebene, oft vom Kalkül bestimmt und aufgrund ökonomischer Zwänge allzu häufig verraten und vernachlässigt. Menschenrechte haben eine eigene „Aura“; sie bleiben selbstverständlich der vernünftigen Argumentation verpflichtet. Aber es ist die Vernunft selbst und nicht irgendeine religiöse Phantasie, die die Erkenntnis erschließt: Die Menschenrechte sind etwas Besonderes „Sakrales“ und absolut zu Verteidigendes.

Wie weit die (immer weiter zu entwickelnden) Menschenrechte zum Kernbestand religiösen Glaubens werden können, ist eine dringende Frage: Die Menschenrechte gehören ins Zentrum der Religionen, sie sollten in Predigen erschlossen und den Menschen gelehrt werden. Wir meinen: Nicht das tausendfache Alleluja in den charismatischen Kirchen und Pfingstgemeinden hilft aus der tiefen Krise, sondern sich das Besinnen auf die gemeinsame, gemeindliche Gestaltung de Menschenrechte. Das gilt natürlich auch für Deutschland, angesichts des Elends so vieler Armer, so vieler Flüchtlinge usw.

Ich meine: Wir brauchen heute weniger Religion und mehr Auseinandersetzung mit den Menschenrechten, mehr das Erleben, dem anderen und den anderen ins Antlitz zu schauen, ihn zu schätzen und zu pflegen… dies täte uns (auch den Kirchen) gut. Die Kirchen verlassen dabei nicht „ihren“ Bereich. Denn, siehe oben, die Menschenrechte sind heilig. Es gilt also, eine neue Form der Heiligkeit zu pflegen. Am 14.12. 2016 ist im Alter von 95 Jahren ein mir gut bekannter Kardinal und Befreiungstheologe aus Sao Paulo, Brasilien gestorben. Kardinal Paulo Evaristo Arns hat mir in einem Interview 1985 in gewisser sein bleibendes Vermächtnis mitgeteilt, das auch philosophisch bedeutsam ist: „Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“ (Kardinal Arns, Sao Paulo).

8. Der alles gründende, sich entziehende Grund als das wahre Heilige

Dieses Heilige zeigt sich, wenn man die grundlegende philosophische Frage bedenkt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?Also: Warum ist Etwas und dann das Ganze, in dem sich das Etwas „aufhält“? Warum bin ich, warum sind wir als Teil dieses Ganzen, das wir nur nennen, nicht aber als ganzes umgreifen und damit definieren können? Aber wir stellen doch diese Frage, auch wenn wir keine definitive Antwort und Definition erhalten. Wir stellen die Frage nach dem Gründenden. Ist denn etwas denkbar, ohne „etwas Gründendes“, das als solches ganz anders sein muss als alle Einzelteile (Etwas) in dieser Welt. Diese Frage führt zu dem Erstaunlichen. Manche nennen dies, im Unterschied zu einem Rätsel, das als (wissenschaftliches) Rätsel immer „auflösbar“ ist, das bleibende Geheimnis.

Aber das ist nur die „Objekt-Seite“ dieser Frage, die ins bleibende Geheimnis und damit ins Heilige führen kann..

Es gibt auch die subjektive Seite: Denn immer bin ich es, der diese Frage stellt. Und zwar kraft meiner Vernunft (Geist), vielleicht angestoßen durch Gefühle, die aber dann Wort werden sollten kraft der Vernunft. Also ich denke diese Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“. Ich bin also in der Vernunft über das „Etwas“ schon hinaus, bin nicht eingebunden in die Objekt-Welt der vielen Etwas. Und ich erlebe in bestimmten Momenten, auch in der Kunst, der Musik, manchmal der Religion, wie dieses in der Vernunft angestrebte Gründende tatsächlich als solches „hervorbricht“. Wie also dieses bleibende Geheimnis sich mit mir (und jedem Menschen kraft der Vernunft) verbindet. Und vielleicht verbündet. Wie also dann doch eine schwache Antwort auf die genannte Frage erscheint: Wir Menschen sind auf das bleibende Geheimnis bezogen. Wir werden es nie greifen. Aber wir leben und denken in dessen Nähe. Vielleicht der bleibenden Nähe des Göttlichen. Um das wiederum zu wissen, muss diese (göttliche) Nähe bereits immer schon in uns sein. Manche sagen Göttliches, Gott, ist Mensch (geworden).

9. Ein weiter führender Hinweis von Michael Peterssen, Lehrer für Buddhismus in Berlin und Teilnehmer in unserem Salon, verfasst nach unserem Gespräch im Salon: „Zu unserem Thema fiel mir aus buddhistischer Sicht als erstes ein, wie ein chinesischer Herrscher der Legende nach einen buddhistischen Mönch fragte, was denn der Kern seiner Botschaft sei. Der soll daraufhin kurz und bündig geantwortet haben: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Im Buddhismus ist sehr wenig von heilig die Rede, und so musste ich gestern Abend eine Menge „Übersetzungsarbeit“ leisten. Im Laufes des Gespräches ist mir dann aber aufgefallen, dass es im Buddhismus doch einiges gibt, was der Sache nach heilig genannt werden könnte, z.B. kanonische Schriften (z.B. darf man die bei traditionellen tibetischen Buddhisten auf keinen Fall auf den nackten Boden legen); Sprachen wie Sanskrit, Pali, Sino-Japanisch; die Drei Juwelen, d.h. den Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der (ordinierten) Praktizierenden; Tempel; Altäre; alles, was mit der Erleuchtung / dem Erwachen zu tun hat. Ich habe neulich mal nachgerechnet und festgestellt, dass ich zusammengenommen wohl etwa drei Jahre meines Lebens auf Seminaren im Schweigen verbracht habe. Obgleich ich vielerlei Meditationserfahrungen hatte, so hatte ich interessanterweise nie das Gefühl, etwas Heiligem oder Überweltlichem begegnet zu sein. Ich habe diese Erlebnisse immer als das Erschließen  einer anderen, sicherlich wertvollen  Dimension meines Daseins in dieser Welt verstanden“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



„Warum ist es gut, Schönes zu pflegen?“

18. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Weiterdenken: Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb:

Die Fragen stellte Christian Modehn

Zumal in der Weihnachtszeit sind wir hier in Westeuropa von glitzerndem Glanz umgeben, von funkelnden Dingen, die als schön gelten sollen sowie von Liedern, die in ihrer Schlichtheit oft eher infantil wirken („Leise rieselt der Schnee…“). Aber Schönes ist etwas ganz anderes als Kitsch, der im Dienst des Konsums steht. Das Schöne, etwa das Erleben einer gotischen Kathedrale, weist offenbar über den Alltag hinaus? Aber wohin?

„Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen!“ Das war die Botschaft des Engels an die Hirten auf den Feldern Bethlehems, die dort ihre Herde hüteten. Wohlgefallen, das ist es aber auch, was sich im Erleben von Schönem einstellt. Dahin geht unser aller Sehnsucht gerade in diesen Tagen wieder. Wir erhoffen es von Weihnachten, für Stunden wenigsten, dass der Stress aufhört, dass wir Ruhe finden, dass wir zusammenkommen, dass wir intensiver erleben, wie schön es doch sein kann, auf dieser Welt zu sein.

Dass Gott in die Welt kommt, dass er Mensch wird, feiern wir an Weihnachten. Die Bedeutung, die in dieser Idee des Christentums liegt, ist eben die eines letztlich harmonischen Zusammenklangs zwischen jedem einzelnen Menschen und dem Ganzen des Universums. Diese Harmonie haben die Hirten empfunden als sie vor dem göttlichen Kind im Stall von Bethlehem niederknieten. Er klingt in unserem eigenen Herzen nach, wenn wir an der Krippe stehen und mit Paul Gerhardt singen: „Ich steh an deiner Krippen hier, oh Jesu, du mein Leben…“.

So geht es uns in der Begegnung mit Schönen, dass wir einen wunderbaren Zusammenklang von Differentem erleben. Farben, Töne, Räume spannen sich auf und fügen sich zusammen, und dies so, dass sie zugleich in uns selbst ein Wohlgefallen erzeugen. Ein Wohlgefallen an dem, was wir sehen und hören und schmecken, an einem Bild, einem Oratorium, einem festlichen Essen. Ein Wohlgefallen, das uns aber zudem in unserem Inneren berührt.

Das Schöne, das unser Wohlgefallen erregt, zeigt uns, dass es Resonanzverhältnisse gibt zwischen uns und der Welt. Wir sind der Welt offensichtlich nicht gleichgültig. Sie kommt uns vielmehr entgegen. Wir passen in die Welt und die Welt passt zu uns. Es gibt kein größeres Wohlgefallen für uns Menschen als dieses, gemeint zu sein, anerkannt, wertgeschätzt, geliebt. Das aber geschieht im Erleben von Schönem.

Deshalb ist für Christen auch Weihnachten das schönste aller Feste. Denn da feiern wir eben dies, dass jeder Mensch so gemeint ist, wie er ist, anerkannt, wertgeschätzt, unendlich geliebt. Deshalb, weil in ihm Gott zur Welt kommt. Nicht nur damals im göttlichen Kind, in der Krippe des Stalls von Bethlehem, sondern in jedem Menschen, der das Licht der Welt erblickt. Das ist das Wunder von Weihnachten: „Das ewig Licht geht da hinein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein.“

Weihnachten weist über den Alltag hinaus, klar. Doch entführt uns die christliche Botschaft nicht andere, jenseitige Welten, sondern sie rückt diese Welt, die im Grau des Alltags sich bewegt, und erst recht diese Welt, in der die Menschen einander das Leben zur Hölle machen, wie jetzt gerade wieder auf besondere schreckliche Weise ins Aleppo, ins Licht ihrer ungeahnten, göttlichen Möglichkeiten, dass Friede werde und allen Menschen ein Wohlgefallen.

Wer Schönes erlebt, im Betrachten von Kunst etwa, ist auf sich selbst konzentriert, kann sich dabei seines Lebens wieder erfreuen. Aber: Wer sich selbst aufs ästhetische Erleben fixiert, vergisst oft die anderen. Mit anderen Worten: Braucht die Ästhetik immer die Korrektur durch die größere Ethik?

Wer Schönes erlebt, erfährt sein Leben so wie es von Gott, dem Schöpfer, gemeint war. Deshalb haben die großen Theologen seit alters die Menschwerdung Gottes in der Geburt des göttlichen Kindes als die Vollendung der Schöpfung verstanden. Jetzt erst, mit der Einkehr Gottes in die Welt, wird die Trennung des Menschen von seinem Schöpfer, in die er durch seinen rücksichtslosen Selbstdurchsetzungswillen geraten war, überwunden. Jetzt kommt ihm die Welt wie von alleine entgegen und er merkt, dass er in sie hineinpasst. In der Begegnung mit Schönem, in der Kunst, in der Musik, bei einem gelungenem Fest, erleben wir dies und wird uns bewusst wie sonst nie, dass es ein wunderbares Geschenk ist, das Leben zu haben.

Umso schmerzlicher, so denke ich, empfinden wir doch gerade in solchen Momenten des Glücks auch, wie unverdient dieses Geschenk ist. Ebenso spüren wir in solchen Momenten den Schmerz über das Elend und die Not, die Grausamkeit und den frühen Tod, den so viele Menschen erleiden müssen.

Ich denke insofern gerade nicht, dass die Ästhetik, die uns das Wohlgefallen am Dasein ermöglicht, von der Ethik, die uns in die Verantwortung für eine durchaus verbesserliche Welt stellt, fernhält. Im Gegenteil, die Ästhetik, das Wohlgefallen am Dasein, das die Begegnung mit Schönem in uns erzeugt, kann zugleich unsere Bereitschaft wie unsere Kräfte stärken, denen zu helfen und uns für die einzusetzen, die in schlimmen Verhältnissen um ihr Leben kämpfen müssen.

So sehr uns also in einer Welt voller Hässlichkeit und Gewalt das Erleben des Schönen (in der Kunst, der Musik usw.) auch zu trösten vermag: Ist das wahre Schöne nicht immer vor allem beim Menschen zu entdecken, also bei mir selbst und den anderen. Und es ist überhaupt nicht zynisch gefragt, wenn man auch und gerade beim Armen von dessen (verborgener) Schönheit spricht, wie dies etwa die biblischen Erzählungen bezeugen?

Die Hirten auf den Feldern rings um Bethlehem waren keine reichen und keine mächtigen Leute. Doch gerade sie haben sich von der Botschaft, die vom Frieden auf Erden und dem Wohlgefallen, das allen Menschen versprochen ist, zu sagen wusste, auf den Weg zum Stall von Bethlehem locken lassen. Was sie dort sahen, war ebenfalls nichts, das auf Macht und Reichtum hätte schließen lassen können. Ein kleines, schwaches Kind lag da, in einem Futtertrog.

Doch es war dieses kleine schwache Kind, das die Künstler aller Zeiten als Inbegriff menschlicher Schönheit wieder und wieder ins Bild zu setzen wussten. In Bilde dieses Kindes, auf Stroh gebettet oder auch auf den Armen der Mutter Maria, zeigten insbesondere die mittelalterlichen Meister und auch noch ein Rembrandt, wie schön der Mensch ist, gerade dann, wenn wir ihn in seiner elementaren Bedürftigkeit sehen, in seiner unendlichen Angewiesenheit auf Liebe.

Die Schönheit legt sich auf das Gesicht eines Menschen dann, wenn er in seiner Empfänglichkeit sichtbar wird, erst Recht aber, wenn er Dankbarkeit ausspricht, für das wunderbare Geschenk des Lebens.

Keiner hat für diese Dankbarkeit trefflichere Worte gefunden als Matthias Claudius. In seinem Wandsbeker Boten, natürlich mit einem Weihnachtslied, von dem er allerdings zugleich meinte, dass es „täglich zu singen“ sei:

Ich danke Gott, und freue mich
Wie ’s Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe;Daß ich die Sonne, Berg und Meer,
Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen,

Und daß mir denn zumute ist,
Als wenn wir Kinder kamen,
Und sahen, was der heil’ge Christ
Bescheret hatte, Amen!

 

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb



Kardinal Arns: Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums

15. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Der brasilianische Kardinal Paulo Evaristo ARNS ist am 14.12.2016 gestorben. Er war einer der wesentlichen Freunde der Befreiungstheologie, ein Anwalt der Armen, ein progressiver Theologe auch als Kardinal. Deswegen war er unter dem polnischen Papst Johannes Paul II. und den reaktionären Kardinälen wie Hengsbach und Lopez Trujillo, beide Opus-Dei (Freunde), eher sehr unbeliebt. Kardinal Arns wurde wegen seines politischen Engagements zugunsten der Menschenrechte der Armen verleumdet von Bischöfen und Prälaten, aber auch von konservativen Politikern. Sie hatten ein gemeinsames grundlegendes, aber falsches Credo: „Befreiungstheologen sind linke Theologen also Marxisten also Kommunisten“. Diese neurotische Angst machte sie blind, für die umfassende Befreiung der Armen einzutreten,. Und die gerechte Gesellschaft als eine materielle Gestalt christlicher Erlösung zu begreifen. So blieben Leute wie Johannes Paul II. befangen in einer spiritualistischen Sicht der Erlösung; zudem hatten sie Angst vor den Basisgemeinden als den Orten des allgemeinen Priestertums, wo Laien eben kompetent werden für die Leitung der gemeinden… Diese Ängste vor den Basisgemeinden hatte Arns nicht! Er hat unter der römischen und z.T. konservativ-brasilianischen Kirchenführung gelitten; er hat darunter gelitten, dass die römische Kirche die Menschenrechte innerhalb ihrer eigenen Organisation nicht akzeptiert.

Als sein nach wie vor aktuelles, bleibendes Vermächtnis, auch religionsphilosophisch interessant, kann sein Statement gelten, das mir, damals als Journalust, Kardinal Arns für den Hörfunk der ARD Mitte der 1980 Jahre gab:

Kardinal Arns: „Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.