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Themen der Salonabende von Juni 2016 bis Mai 2014.

5. Juli 2016 | Von | Kategorie: Themen bisheriger Salon-Gespräche

Themen unserer Salon Abende von Juni 2016 bis Mai 2014

Wir werden oft gefragt, welche Themen unser Religionsphilosophische Salon denn z.B. in den letzten 2 Jahren diskutiert hat, mit entsprechenden Publikationen auf der website www.religionsphilosophischer-salon. de

Unser Salon wurde 2007 gegründet, seitdem gibt es monatliche Salonabende sowie Ausflüge im Sommer, kleine Weihnachtsfeiern usw.

Also: Eine Übersicht nur von Juni 2016 bis Mai 2014:

Beim religionsphilosophischen Salon vom Freitag, den 24. Juni 2016 in der Weinhandlung SINNESFREUDE in Neukölln, waren 20 TeilnehmerInnen dabei. Ein  Abend auch anläßlich des Festivals „48 Stunden Neukölln“ zum Thema „Übersättigung, Sattsein, Hungern“. Ein zentrales politisches, aber auch philosophisches Thema, von der gastronomischen Seite einmal ganz abgesehen… Für weitere Informationen zu dem Abend klicken Sie bitte hier.

Zum Salon am 20.5. 2016 trafen sich 22 TeilnehmerInnen zum Thema: Der Skeptiker ist ein verfehlter Mystiker“. Ein Zugang zum Denken des ungewöhnlichen Philosophen Emil Cioran. Ein Salonabend in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9. mit dem Berliner Philosophen und Autor Dr. Jürgen Große.

Am Salonabend am 29.4. 2016 nahmen 18 Personen teil. Unser Thema: „Der Mensch ist ein Grenzgänger“. Philosophische, theologische und politische Überlegungen zur aktuellen und uralten (immer aber falschen) Tendenz, sich selbst und andere in Grenzziehungen einzumauern. Zur Lektüre einiger Thesen klicken Sie bitte hier.

Am Salonabend am 18. März 2016  mit dem Thema „Für eine Philosophie der Auferstehungbeteiligten sich 25 Personen, etliche Interessierte mussten leider wegen des begrenzten Platzes und wegen der immer erforderlichen, aber nicht immer gelingenden Übersichtlichkeit und Konzentriertheit der Gespräche (eben in kleinerem Kreis) abgewiesen werden. Wir freuen uns, dass auf diese Weise die Salonkultur, typisch für Berlin einst, lebendig ist. Deutlich wurde in dem kontroversen Gespräch am 18. März 2016: Das Thema Auferstehung Jesu von den Toten und die Möglichkeit „unserer“ Auferstehung darf nicht den dogmatischen Kreisen überlassen bleiben; das Thema ist ein philosophisches, kritisch-theologisches, poetisches und künsterisches Thema, das jeder und jede selbstverständlich auf seine, ihre eigene Art selbstkritisch beantwortet…

Auch der Salon am 26. Februar 2016 fand ebenfalls ein sehr großes Interesse, zum Thema „Privateigentum und Gemeinwohl“, zugleich eine Kritik des unkontrollierten und politisch gewollten exzessiven Reichtums vieler Millionäre und Milliardäre. Für einige kritische Hinweise zum Thema klicken Sie hier:  Für die Lektüre des Beitrags von Elisabeth Hoffmann (Berlin) über die Commons klicken Sie bitte hier.

Der Philosophische Salon am Freitag, den 22. Januar 2016, hatte das Thema: „Was ist wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?“ 18 TeilnehmerInnen beteiligten sich an dem Gespräch. Für einen Hinweis zum Thema klicken Sie bitte hier. Den Vortrag von Edgar Dusdal zum Thema „Sicherheit contra Freiheit ?“, vorgetragen in unserem Salon am 22.1. 2016, können Sie nachlesen, bitte hier klicken.

Am Salon rund um das Thema der „Authentizität“ im eigenen Leben, der Wahrhaftigkeit, des „Echten“ und der „Reinheit“ des Weines am 11.12.2015 beteiligten sich 17 Personen, in der schönen Weinhandlung „Sinnesfreude“ von Wolfgang Baumeister in der Jonasstr. 32 in Neukölln.

Am Religionsphilosophischen Salon im November 2015 (am 27. 11.) beteiligten sich 26 TeilnehmerInnen. Gesprächspartner war diesmal der Theologe und Prof. em. Johan Goud aus Den Haag, Niederlande. Das Thema Autobiografie und Theologie“. Wir näherten uns der Frage: Wie kann ich in meinem eigenen Leben, dann in der Reflexion auf mein Leben, möglicherweise auch in der schriftlichen Form meiner „Autobiografie“, Spuren des Göttlichen, des Gründend- Sinnstiftenden, wahrnehmen? Wir danken Prof. Johan Goud, dass er uns auf diese Spur des Fragens gebracht hat! Danach erschien in der Zeitschrift PUBLIK FORUM ein Interview mit Prof. Goud. Für die Vertiefung weiterer Fragen zu dem Abend und dem Thema klicken Sie bitte hier.

Zu unserem Gespräch im Salon am 30. Oktober  2015 waren 20 TeilnehmerInnen gekommen. Angesichts der Diskussionen über Flüchtlinge in Europa (vor allem in Deutschland) wollten wir uns mit dem grundlegenden ethischen und damit philosophischen Thema der ANERKENNUNG des anderen/der anderen, des Fremden usw. auseinandersetzen. Grundlage dafür ist ein fundamentaler Text von Hegel („Herr und Knecht“). Mit uns diskutierte Frau Dr. Dorothee Hasskamp, Historikerin, Journalistin und Mitarbeiterin beim Jesuiten Flüchtlingsdienst Berlin. Nochmals besten Dank, dass Frau Hasskamp bei uns war. Meinen kleinen einleitenden Vortrag zu Hegel können Sie nachlesen, klicken bitte hier.

Beim Salonabend am 25. September 2015 waren 15 TeilnehmerInnen dabei. Wir diskutierten ziemlich kontrovers, also richtig, weil auf der Suche nach besserer Erkenntnis, über das allseits gelobte, aber selten kritisierte Buch von Navid Kermani „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“.

Beim Salonabend am 28.8. 2015 waren 26 TeilnehmerInnen dabei. Das große Interesse, die Vielfalt der Standpunkte, die „Betroffenheit“ der Teilnehmer zeigen, dass das Thema „Ethik ist wichtiger als Religion“ (so eine neue Publikation des Dalai Lama) von größter Bedeutung ist. Einige Thesen zum weiteren Diskutieren lesen Sie bitte hier. Die Diskussion darüber muss weiter gehen und gerade religiöse Kreise erreichen. Wir wundern uns, dass christliche und muslimische und jüdische Akademien/Gemeinden/Bildungszentren usw. diese Thesen des Dalai Lama nicht längst diskutieren! Haben sie Angst vor der Auseinandersetzung?

Am Donnerstag, den 20. August 2015, machten wir wieder einen philosophisch-theologischen Sommer-Ausflug, diesmal nach Jüterbog. 10 Teilnehmer waren dabei, durch fachkundige Führungen in den Kirchen Liebfrauen und St. Nicolai sowie im Kulturzentrum Mönchenkloster konnten wir u.a. auch über den Reformator Thomas Müntzer und den Ablasshandel sprechen sowie über die Umwidmung ehemaliger religiöser Gebäude.

Der Salon am 24. Juli 2015 (14 TeilnehmerInnen) hatte das Thema: Über die Tugend des Ungehorsams.

Der Salon am 26. Juni 2015 (13 Teilnehmer) hatte das Thema: „Glück oder Sinn?“ Worauf kommt es im Leben an?

Am 29. Mai 2015 hatten wir ein eher ungewöhnliches Thema: „Philosophie des Weines“. Von Hölderlin angeregt war das Motto: „Der Wein – eine Gabe der Götter“. 20 TeilnehmerInnen trafen sich in der großzügigen, fein gestalteten Weinhandlung „Sinnesfreude“, unter der kompetenten Leitung von Wolfgang Baumeister.

Im Religionsphilosophischen Salon im April 2015  (Thema: Die Beziehung von Esoterik und Exoterik) waren 14 Teilnehmerinnen dabei, mit einem wichtigen einleitenden Vortrag von Hartmut Caemmerer.

Im März 2015 sprachen wir über „Gott anklagen angesichts des Leidens“: Erfahrungen des islamischen Mystikers ATTAR (Autor “Das Buch vom Leiden”) in Konfrontation mit Hiob und Nietzsche.

Auch unser Salon am 27. Februar 2015 fand reges Interesse, 22 TeilnehmerInnen waren dabei. „Einige Aspekte zur Aktualität der islamischen Philosophie“ .

Beim Salon am 16. Januar 2015 waren 12 TeilnehmerInnen dabei. Das Thema war: “ICH BIN DER ANDERE”.

Am „Welttag der Philosophie“, am 20. November 2014, trafen wir uns   im Kulturzentrum „Afrika-Haus“ in der Bochumer Str. 25 in Berlin Tiergarten. Wir hatten ein inspirierendes Gespräch mit der Philosophin und Autorin Dr. Barbara Muraca, Uni Jena, über „Gut leben angesichts des Endes der Wachstumsgesellschaft“.

Auch der religionsphilosophische Salon am 31.10. 2014 fand ein ungewöhnlich starkes Interesse mit 24 TeilnehmerInnen. Das Thema war: “Glücklich sterben? Zur Frage des ärztlichen Beistandes bei Suizidwünschen schwerkranker Patienten“.

Zum Religionsphilosophischen Salon am Freitag, den 26. September 2014, kamen 15 TeilnehmerInnen. Das Thema war: „Sprache der Musik-Sprache der Transzendenz? mit dem Musiker, Komponisten und Saxophonisten Joachim Gies (Berlin).

Bei unserem Salonabend am 29.8. 2014 waren 20 TeilnehmerInnen dabei. Zum Thema „Zen-Buddhismus- eine Religion ohne Gott“ hielt der vielfach geschätzte Buddhalehrer Michael Peterssen, Berlin, einen einleitenden Vortrag; er wurde von allen Teilnehmern als sehr erhellend, sehr inspirierend wahrgenommen.

Der Salon zum Thema „Wie ist religiöses Leben ohne Gott möglich?“ anlässlich des neuen Buches von Ronald Dworkin: „Religion ohne Gott“ (Suhrkamp 2014) am 25. Juli 2014 hat sehr viel Interesse gefunden, mit 22 TeilnehmerInnen.

In unserem Salonabend am 27. Juni 2014 mit 15 TeilnehmerInnen sprachen wir über das Thema: „Spielerisch leben – spielerisch glauben?“

Im Mai 2014 hatten wir das Thema im Anschluss an Meister Eckart: „Gott um Gottes willen lassen“.

Hinweise zu früheren Themen folgen…..

Christian Modehn, Initiator des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“

 



Wegen der Wahrheit in der Kirche muss man streiten, nicht morden. Ein Hinweis auf den Philosophen Hieronymus von Prag.

3. Juli 2016 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Religionskritik

„Um die Wahrheit des Glaubens muss in aller Freiheit gestritten werden“. Ein Buch über den Prager Philosophen Hieronymus von Prag.

Von Christian Modehn

Die Erinnerung an die Reformation, die 1517 deutliches und wirksames Profil gewann, geht über die Erinnerung an Martin Luther hinaus. Endlich! Und zurecht! Denn Luther hatte z.B. auch viele Vorläufer, die hierzulande angesichts der Jahrhunderte langen Luther-Dominanz (und Luther-„Verehrung“) eher am Rande stehen oder in Vergessenheit belassen wurden.

Immer geht es diesen gebildeten Theologen und Philosophen, diesen Reformatoren, um eine heftige Kritik am Klerus, es geht immer um ein Insistieren auf dem Evangelium als der maßgeblichen Orientierung auch für Päpste und Prälaten. Wer sich das ganze Ausmaß des heftigsten und legitimen Antiklerikalismus schon seit Petrus Valdes (Waldenser) und dem dann ins römische System wieder integrierten Franz von Assisi seit dem 13. Jahrhundert anschaut, stellt immer noch voller Erschütterung fest: Das klerikale System mit dem allmächtigen Papst an der Spitze, hat alle Kirchenreformer, vom Evangelium bewegte Männer und Frauen, unterdrückt, meistens getötet, ausgelöscht, verbrannt. Dieser Dogmen-Wahn ist ja bis heute nicht verschwunden, der Wahn, den Katholiken auch heute immer noch hinnehmen und ertragen, dass nämlich der Klerus die Wahrheit besitzt und über die göttliche Wahrheit verfügt. Kirchenbehörden mit Milliardenetats wagen es allen Ernstes, den armen Jesus von Nazareth authentisch zu lehren… Dieser Wahrheitswahn, der bei angeblichen Ketzern wert legt auf die Wiederholung bestimmter traditioneller Floskeln und dogmatische Formeln, lebt bis heute. Er zeigt sich nur etwas milder als vom 13. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Gott wird damit förmlich in ein Gefängnis des Denkens eingesperrt… Mit Luther begann tatsächlich eine radikale Wende, die dann aber zur Abhängigkeit der lutherischen Kirche von den Fürsten führte. Aber das ist ein anderes Thema.

Über den böhmischen Reformator Jan Hus sind in den letzten Monaten einige Schriften publiziert worden. Nun wird erfreulicherweise, sozusagen auch als Vertiefung, an seinen Freund und Mitstreiter, den Philosophen Hieronymus von Prag (um 1379 bis 30. Mai 1416) erinnert. Das lesenswerte Buch „Hieronymus von Prag“ ist im Südverlag in Konstanz erschienen, es ist für weite Kreise bestimmt. Die Autoren sind Jürgen Hoeren und Winfried Humpert. Eugen Drewermann hat ein ausführliches Vorwort verfasst zu dem treffenden Motto „Wenn Menschen selber zu denken wagen“. Hieronymus war mehrfach philosophischer Magister, ein umfassend gebildeter Denker; unter anderem auch Magister an der Universität von Köln, er verbreitete und verteidigte die Philosophie von John Wyclif.

Hieronymus von Prag war ein wahrer Europäer: Von Prag aus reiste er bis nach England, wurde dort mit der Klerus/Kirchenkritik des Theologen Wyclif vertraut, dann zog es ihn über Krakau bis nach (Weiß) Russland, nach Wilna und Witebsk. Dort lernte er einige Aspekte der orthodoxen Kirche schätzen, froh darüber, dass dort beim Abendmahl Brot UND Wein gereicht wird: Der reformatorische Kampf um den Laienkelch war ja keine nebensächliche Marotte, sondern das Eintreten für die Gleichheit von Priestern und Laien. Priester haben ja bekanntermaßen in der Eucharistie das Privileg, aus dem Kelch den Wein („das Blut Christi“, heißt es offiziell bis heute) zu trinken…Laien müssen sich mit dem Brot, d.h. der winzigen Hostie, begnügen…

Hieronymus von Prag wollte seinen Freund, Jan Hus, beistehen, als dieser beim Konstanzer Konzil die Sache der böhmischen Reformation verteidigte. Hieronymus wurde gewarnt, er fuhr trotzdem zum Konzil am Bodensee und wurde selbstverständlich ins Gefängnis gesteckt, unter erbärmlichsten Bedingungen wurde er festgehalten. Zermürbt von der Allmacht des Klerus, hat Hieronymus dann erst seine Thesen der Kirchenreform widerrufen, aber später hat er doch seine Lehre vorgetragen. „Er beharrte auf seiner Position und bestand darauf, in keinem Punkt geirrt zu haben. Er bekräftigte seine Übereinstimmung mit Jan Hus. Dieser sei ein guter, gerechter und heiliger Mann gewesen, der nie den Tod verdient hätte. Hieronymus kritisierte auch den Pomp und Lebensstil der Prälaten“ (S. 68).

Im Mai 1416 wurde Hieronymus öffentlich bei lebendigem Leibe verbrannt. Als Laie musste er sich aller seiner Kleider dabei entledigen. Priester, wie Jan Hus, wurden nicht nackt verbrannt. Doch eine freundliche Geste der Henker, oder?

Jedenfalls war Hieronymus von Prag ein hoch gebildeter, bestens argumentierender Philosoph, vor allem ein sympathischer Mensch, ein Freund. Das Buch ist auch deswegen so wertvoll, weil es eine ausführliche Würdigung eines Zeitgenossen des Hieronymus bietet, verfasst von dem Humanisten Poggius Florentinus bzw. Poggio Bracciolini (1380 bis 1459), der den Prozess gegen Hieronymus in Konstanz beobachtete und einem Freund (Leonardo Arentino) einen ausführlichen, eher objektiv gestimmten Bericht schickte (Seite 69 bis79, ins Hochdeutsche von Jürgen Hoeren überragen). Darin heißt es: „Hieronymus verwies darauf, dass sich in der Kirchengeschichte selbst die allergelehrtesten und heiligsten Männer in den Dingen des Glaubens nicht immer einig gewesen seien, sich entzweit hätten. Das aber hätte nicht zur Schwächung des Glaubens, sondern zur Findung der Wahrheit geführt“ (S. 75). Aber diese Worte fanden keine Beachtung bei den „Alleswissern“ beim Konzil.

Offenbar sind so wenige auch philosophische Texte von Hieronymus von Prag erhalten, dass das Buch dann doch eher noch auf das weite Umfeld der böhmischen Reformation, der Hussistenkriege und die Kirche der Böhmischen Brüder hinweist bzw. ausweicht.

Eugen Drewermann erläutert eindringlich u.a. einige Aspekte auch zu John Wyclif. Bei einer zweiten Auflage sollte die unzutreffende Behauptung Drewermanns zu Thomas Müntzer (nicht „Münzer“, wie Drewermann schreibt) korrigiert werden, Drewermann behauptet: „Münzer säte Gewalt“ (S. 15). Aber: Er hat nicht Gewalt propagiert, auch nicht gesät! Er sah nur die Bauern in einer ausweglosen Lage unterstützt, in die sie durch die Gewalt der Fürsten gekommen waren. Wenn einer Gewalt gesät hat, dann waren es und sind es bsi heute die Herrscher. Müntzer wollte die Bauern nur unterstützen und inspirieren in ihrem Kampf; er dachte dabei  – aus heutiger Sicht: leider – apokalyptisch, wie auch Luther und die anderen Müntzer – Feinde apokalyptisch dachten. Was dieses grausige neutestamentliche Buch „Apokalypse“ für Unsinn bewirkt hat, wäre eine eigene Untersuchung wert, zumal heute wieder angesichts dieser Welt das Stichwort Apokalypse allerorten fllt.

Jedenfalls: Das von Drewermann verbreitete, übliche Müntzer – Vorurteil ist übrigens längst widerlegt, man lese etwa die ausführlichen Müntzer Studien von Hans-Jürgen Goertz.

Nebenbei: Müntzer hielt sich übrigens Ende 1524 bis Anfang 1525 auch in Süddeutschand, Schwaben, auf: Vielleicht wäre dies ein Thema für den Südverlag in Konstanz.

Jürgen Hoeren und Winfried Humpert, „Hieronymus von Prag. Der Philosoph im Schatten von Jan Hus“. Südverlag Konstanz 2016, 112 Seiten.

copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Religiöse Erfahrungen im Konzert: Zu einem Interview mit Andreas Scholl in der TAZ

3. Juli 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Liberale Theologie heute: Literarische und künstlerische Zeugnisse

Andreas Scholl: „Bach wollte Seelen retten mit seine Musik“

Ein Hinweis zur Präsenz der „liberalen Theologie“ und eine Erinnerung daran, dass die heutige westliche Gesellschaft so umfassend säkularisiert nicht ist, wie oft von Soziologen behauptet wird. Solange noch Musik, Bach-Musik z.B., gehört und erlebt wird, gibt es Erfahrungen von Gott, auch im Konzertsaal. Vielleicht dort noch eindringlicher als in einer Kirche/einem Gottesdienst mit moralisierenden Predigten.

Liberale Theologie geht davon aus, etwas vereinfacht gesagt, dass in jedem (!) Menschen Erfahrungen des Transzendenten, des göttlichen Geheimnisses, möglich sind.

Diese Erfahrungen äußern sich selbstverständlich nicht nur in explizit religiösen Texten oder gar in Theologien, schon gar nicht (allein) in den vorgeschriebenen Dogmen der Kircheninstitutionen aus dem 3. Jahrhundert. Gotteserfahrungen sprechen sich aus in Lyrik, Kunst, Musik, Literatur, also in Kunst. Dies in der Vielfalt wahrzunehmen und zu dokumentieren ist der Sinn dieser Rubrik im Religionsphilosophischen Salon Berlin.

Der weltbekannte Countertenor Andreas Scholl wurde in der TAZ /(vom 2. Juli 2016 S. 24) von Philipp Gessler über den eigenen, persönlichen Glauben befragt. Dieses Interview ist im ganzen unbedingt lesenswert.

Ich zitiere nur aus einer zentralen Passage. Darin sind zwei Aspekte interessant: Einerseits die Interpretation des Werkes von Bach als „Seelenrettung“. Und zweitens, hier noch interessanter, was eigentlich die Hörer einer Bach Kantate oder eine Passion etwa im Konzertsaal erleben können.

Die Frage heißt: „Sie haben viel geistliche Musik gesungen…oft Bach, dessen Stücke sie zum Teil als Predigt interpretiert haben… Sind sie ein gläubiger Mensch?“ Andreas Scholl antwortet: „Ein gläubiger Menschen bin ich schon, katholisch erzogen… Bachs Musik transzendiert auch die christliche und protestantische Seite. Bach wollte Seelen retten mit seiner Musik“

Das sollte theologisch verstanden werden: Musik ist eine Form der Gottesbegegnung, ja sogar der Heilszusage… Das ist eine Interpretation der Musik von J.S.Bach, die wohl weithin geteilt wird.

Andreas Scholl fährt fort zu unserem zweiten Aspekt:

Das Ritual des Konzerts heute ersetzt eigentlich den Gottesdienst, in dem die Musik stattgefunden hat. Heute sitzen wir in einem Konzertsaal. Ich habe die Aufgabe etwas vorzusingen… Was mache ich hier eigentlich? … Es gibt aber auch die Absicht eines Komponisten… Es gibt drastische Worte, es gibt ein theologisches Konzept bei Bach: Wir sind alle Sünder… Ich kann mich als Sänger, während ich diese Musik singe, nicht davon distanzieren“.

Dann kommt Andreas Scholl noch einmal auf den zweiten Aspekt zu sprechen, auf die Gotteserfahrungen im Konzertsaal: „Ich muss vermitteln: Leute, was hier passiert, ist wichtig, ihr müsst mir zuhören. Nicht ich bin wichtig, die Botschaft ist wichtig. Und dann kann auch jemand, der eigentlich mit christlicher Religion nichts zu tun hat, diese Dringlichkeit und dieses Bedürfnis wahrnehmen und eine religiöse Erfahrung im Konzert haben und bewegt werden, emotional, intellektuell….dass wir die menschliche Seele bewegen sollen, also die Emotion, aber auch den Geist, den Intellekt. …Bach schafft das“.

Zum Schluss des lesenswerten Interviews sagt Andreas Scholl: “Das Konzert, da kommen wir wieder zurück auf die Religiosität, auf die Spiritualität, hat die Aufgabe, transformierend zu wirken. Das heißt: Das Publikum betritt den Saal. Und wenn das Publikum den Saal wieder verlässt, ist es verändert“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 



Walross wird vom Erzbischof gesegnet

2. Juli 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Satire, Religionskritik

Das Walross Raisa (Hamburg) erhält den Segen des Erzbischofs

Ein theologischer Hinweis von Christian Modehn

Auf dieser website haben wir seit 2010 diese kritikwürdigen Segnungen von Tieren, Autos, Oldtimern und Handys, Waffen, Gebäuden, durch die römisch-katholische Hierarchie dokumentiert, zur Lektüre klicken Sie hier.

Nun also ein weiteres Beispiel für eine in unserer Sicht irregeleitete, populistische, infantil wirkende kirchliche Praxis. Ein weiteres Kapitel, passend in die Vorbereitungen des Reformationsgedenkens 2017: Da sage einmal ein katholischer Bischof angesichts dieser Segnungen oder des Ablasses usw., er hätte von Luther gelernt …

Nun also zur Segnung des Walrosses Raisa am 29.6.2016. Warum diese Sach – und Tiersegnungen in unserer Sicht irregeleitet und geradezu zynisch sind, wird weiter unten erklärt.

Das Walross Raisa, eingesperrt im Hamburger Tierpark Hagenbeck, kniet förmlich und brav nieder in seinem steinigen Zoo-Gehege, assistiert und beruhigt von einer freundlichen Tierpflegerin, die offenbar die Rolle eines Ministranten übernommen hat: Das Walross empfängt den bischöflichen Segen, wie üblich mit Weihwasser, gespendet von keinem Geringeren als dem katholischen Erzbischof Stefan Hesse, ebenfalls Hamburg. Er hat sich für diese Form von Gottesdienst Zeit genommen, begleitet er doch Schüler im Zoo, damit sie lernen, mit Tieren respektvoll umzugehen, doch bitte schön auch im Zoo …

Der Bischof, wie bei wichtigen Amtshandlungen und Gottesdiensten üblich, steht da in vollem Ornat, mit Kreuz und Bischofskäppi, dem so genannten Pileolus, in violetter Farbe, natürlich angetan im Talar mit den 33 roten Knöpfchen, die an die 33 Lebensjahre des armen Mannes von Nazareth, Jesus, erinnern. „Möge Raisa glücklich sein und die Zoo-Fans weiterhin begeistern“: War dies vielleicht das Segens-Gebet? Oder gar: „Großer Gott wir danken wir für dieses ansehnliche Walross?“ Genaues wissen wir nicht. Jedenfalls wissen wir: Das Walross war lange Zeit das Symbol des NDR. Wurde nun gar der NDR symbolisch gesegnet, hoffentlich auch die Redaktion von Panorama..

In jedem Fall muss die viel dringendere, aber weiterführende Frage gestellt werden: Haben die Bischöfe auch die fertig gestellten Flüchtlingsunterkünfte gesegnet, damit sie mit Gottes Beistand Sicherheit gewähren angesichts der Attacken der sehr rechtslastigen und fremdenfeindlichen (oft christlichen) Gruppen? Ich habe von solchen Segnungen von Häusern bedrohter Menschen nichts gehört. Jedenfalls kann sich das Walross Raisa nun selig freuen, vielleicht ein bisschen katholisch fühlen. Gab es einen Festtagsschmaus? (um entsprechende Fotos zu betrachten: Etwa „Der Tagesspiegel“ vom 30. Juni 2016, Seite 24).

Meine theologische Meinung ist klar: Die römische Kirche will sich mit solchem Trallala anbiedern, sie will modern wirken, wenn sie alles nur Denkbare und Tierische segnet, also ausdrücklich in den schützenden Bereich göttlicher Wirklichkeit stellt. Waffen wurde ja immer schon gesegnet, mit denen katholische Franzosen im Ersten Weltkrieg ihre katholischen (oder evangelischen) Glaubensbrüder erschossen haben oder eben umgekehrt. Bald werden wohl Wahlurnen in Österreich gesegnet, damit bei einer Zweiten Präsidentenwahl alles bestens, göttlich, klappt. Warum sollten nicht auch Computer gesegnet werden, auf den der Osservatore Romano vorbereitet wird. Oder die Kontoauszüge der Milliarden-Euro-reichen Erzdiözese München?

Indem prinzipiell die gesamte Weltwirklichkeit, auch die Tiere, auch die Handys usw. gesegnet werden, sollen sie förmlich eintreten in den katholischen segnenden Raum. Man muss kein Religionskritiker sein, um zu sehen, wie mit diesem Segnungs-Wahn ein letzter verzweifelter Herrschaftsanspruch der Kirche über die Welt symbolisiert wird. Das ist unausgesprochen anwesend: Alles untersteht Gott, und die Kirche ist es, die dieses Unterstelltsein unter Gott feiert und verfügt.

Das alles wäre als skurrile Form der Theologie zu belächeln und als philosophisch-theologische Satire zu behandeln, wenn nicht explizit und ständig bestimmte Katholiken aus dem Segens-Bereich herausfallen würden, über den die katholische Kirche zu verfügen meint. Schon in früheren Beiträgen haben wir darauf hingewiesen, dass katholische homosexuelle Paare KEINEN Segen der sonst alles und jedes segnenden Kirche erhalten. Homosexuelle Liebe ist nicht gesegnet, also nicht gewollt. Homosexuelle Ehen natürlich ebenfalls nicht. Es ist diese dogmatische- fundamentalistische Dreistigkeit, mit der die segnenden Hierarchen bestimmte Menschen aus dem göttlichen Bereich des Segens ausschließen. So, wie sie wiederverheiratet geschiedene heterosexuelle Paare von der Teilnahme an der Kommunion ausschließen. Das liegt alles auf derselben Linie des theologischen Machtwahns der Hierarchie.

Wer spricht heute noch davon? Die Theologen an den Unis schweigen dazu, wahrscheinlich sind sie dankbar, dass gerade ihre bestens ausgestatteten Büros gesegnet wurden oder ihre Kugelschreiber. Wann werden endlich Banken gesegnet, wann die wallstreet? Sind wirklich schon alle Parteibüros aller Parteien gesegnet? Welche Parteien sind vom Segen ausgeschlossen? Ist der Bundestag gesegnet, wenn ja, von wem? Arbeitet Kanzlerin Merkel in ihrem Amt unter katholischem Segen? Fragen über Fragen…

Uns interessiert das Thema einzig aus religionskritischem Interesse. Es gibt wahrlich sehr viel Wichtigeres. Die Segnung des Walrosses Raisa zeigt nur, welchen doch zeitaufwendigen Blödsinn manche Hirten (Bischöfe) begehen. Man wird sich entschuldigen, die lieben Kinder aus katholischen Schulen wollten das doch so.

Nebenbei: Falls es noch katholische homosexuelle Paare gibt, die trotz dieses Ausschlusses von Segnungen immer noch katholischen Segen für ihre Liebe und ihre homosexuelle Ehe wünschen: Da gilt unser Vorschlag: Sie mögen sich bitte bei einer der üblichen Autosegnungen einfach in ein Auto setzen. Sie werden dann, so Gott will, mit dem Auto irgendwie indirekt mit-gesegnet. Sie sollen sich bitte nur nicht küssen, wenn der Bischof, Weihwasser spritzend, an dem Auto vorbeigeht. Ich verbürge, dass diese indirekte Segnung im Auto zwar unerlaubt, aber gültig ist, um eine feine Nuance des Katholischen Kirchenrechts zu verwenden.

Noch ein Hinweis: Wer als homosexuelles Paar in seiner Ehe dann doch noch unbedingt gesegnet sein möchte, kann sich gern sich an protestantische Kirchen wenden, in ökumenischem Geist segnet etwa die Remononstranten Kirche in Holland seit 1987 (!) homosexuelle Paare, gleich welchen christlichen Bekenntnisses. So ist das: Die einen segnen halt ihre Walrösser, die anderen alle liebenden Menschen. So einfach ist es manchmal in der Ökumene.

Einige LeserInnen fragten: Habt Ihr etwas gegen Tiersegnungen? Der heilige Franziskus soll doch den Vögelchen so hübsch gepredigt haben… Natürlich ist es wichtig, eine Spiritualität und Philosophie der „Mutter Erde“ zu pflegen. Aber diese Schöpfungsspiritualität hat sehr viel mit Politik zu tun: Wir meinen: Der beste „Tiersegen“ ist heute umfassender Tierschutz und Bewahrung der vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten; der beste Segen für Tiere ist artgerechte Tier-Haltung, ist drastische Reduzierung des Fleischkonsums, ist Neugestaltung unserer Ernährung, Ende der Tierquälerei, und Ende der Abholzung von Regenwald am Amazonas und anderswo, bloß um Viehfutter für die reiche Gesellschaft des Nordens zu erzeugen. Ein echter Segen für Tiere wäre auch: Ende der maßlosen und Milliarden Euro (für Tiernahrung) verschlingenden Verwöhnung von Schoßhunden und süßen Kätzchen in den reichen Ländern. Stattdessen: So viel gute Nahrung und so viel Geld bitte den Hungernden, den Menschen, geben. Wir könnten uns auch „normal“ an unseren Tierchen erfreuen… wenn wir denn schon keine Menschen haben (wollen), die sich um uns „kümmern“ oder um die wir uns sorgen wollen.

Wenn schon Tier/Sach/Auto-Segnungen durch Erzbischöfe und Co.: Dann bitte vor allem Segnungen von expliziten Sozialprojekten, wie den ultra bescheidenen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland, die den göttlichen Segen und absoluten Schutz brauchen, angesichts rechtsextremer Gewalt. Solche Segnungen können geschehen in einem offenen ökumenischen und inter-religiösen Vollzug. Dafür gibt es noch kein Modell, wurde noch nicht probiert.

Und vor allem noch einmal: Es gibt heute in dieser Welt sehr, sehr viel Dringenderes zu tun, als Walrösser zu segnen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Von der Macht der Kommunikation: Ein Sonderheft über Hannah Arendt.

29. Juni 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Von der Macht der Kommunikation: Hannah Arendt

Eine neue Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“. Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer Hannah Arendt liest, wird ins (selbst)kritische Denken geführt, nicht ins spekulative Kreisen um das Ego und das weltlose Subjekt. Für Hannah Arendt ist Philosophieren immer auch mit dem Streiten für die Demokratie verbunden. Ist es diese Sehnsucht nach einem radikalen-tätigen, aber stets erhellenden Denken, die so viele LeserInnen heute zu Hannah Arendt führt?

Die neue Sonderausgabe über Hanna Arendt der hier schon vielfach empfohlenen Zeitschrift PHILOSOPHIE MAGAZIN bietet wichtige neue Erkenntnisse, die zum weiteren Forschen und Lesen einladen. Das Sonderheft, jetzt ganz frisch im Zeitschriftenhandel zu haben, wurde von Catherine Newmark redaktionell inspiriert und verantwortet. Und es ist nicht übertrieben: Damit ist ihr ein kleines Meisterwerk gelungen. Dieses Sonderheft wird weite Verbreitung finden, es wird einen sicheren Platz haben unter den schon zahlreichen Einführungen ins Denken und Handeln Hannah Arendts. Es ist diese Verbindung von wichtigen Arendt-Texten mit neuen Interpretation und kritischen Hinweisen, die dieses Heft so wertvoll macht.

Hannah Arendt war eine Meisterin der Freundschaft und der liebenden Beziehungen, dazu schreibt Michel Legros einen schönen Beitrag unter dem schon Wesentliches sagenden Titel „Zwischen zwei Menschen entsteht eine Welt“. Auch auf die viel besprochene Liebe zu Martin Heidegger wird hingewiesen.

Als sie in den USA, zuerst viele Jahre als Staatenlose in rechtlicher Schutzlosigkeit lebend, dann doch Karriere machte, gab es viele, die ihr Denken und ihre Schriften als „Journalismus abgetan haben“, wie ihr einstiger Schüler, der Dirigent und Autor Leon Botstein im Interview mit Catherine Newmark berichtet. Wie das Exil und die von den Nazis erzwungene Flucht aus Deutschland Arendts Denken beeinflusste, zeigt die Philosophin Stefania Maffeis (FU). „Der philosophische Standpunkt des Exils ist jener der Lücke und des Bruchs. Er steht nicht auf dem sicheren Boden der unhinterfragten Wahrheiten der Vergangenheit und kann auch seine zukünftigen Ziele nicht vorhersehen“ (S.55).

Es sind die Interviews, die Catherine Newmark leitet, die in dem Heft in meiner Sicht besonders herausragen. Die Gründerin des Hannah Arendt Zentrums an der Uni Oldenburg, Antonia Grunenberg ist auch vertreten. Sie stellt sich auch der eher spekulativen Frage, wie denn etwa Hannah Arendt auf den IS reagiert hätte: „Sie hätte mehr darüber nachgedacht, wie sich die westlichen Gesellschaften verteidigen gegen diese Gefahr, ob sie einknicken oder ihre plurale Öffentlichkeit leben und öffentlich verteidigen“, so Antonia Grunenberg (S. 74). Erneut und sehr zurecht wird in dem Heft auf die eigenständige Leistung Arendts hingewiesen, dass sie eben als eine der wenigen „PhilosophInnen“ über die Geburt nachgedacht hat: Mit jedem neuen Menschsein wird jeweils ein Anfang gesetzt, und deswegen „können Menschen die Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen“ (Arendt).

Besonders umstritten ist auch heute die viel zitierte Einschätzung Arendts, der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann sei eine typischer Vertreter für die Sichtbarkeit der „Banalität des Bösen“. Da finde ich die Hinweise der Philosophin Susan Neimann sehr erhellend: Hannah Arendt habe viele historische Details über Eichmann im Jahr 1961 eben gar nicht kennen können, als sie in Jerusalem den Eichmann-Prozess beobachtete. Noch wichtiger aber erscheint mir der Hinweis von Susan Neiman:. „Das Böse ist (für Hannah Arendt) nicht dämonisch und allumfassend, sondern nur die Summe von menschlichen Handlungen, oft gedankenlosen“ (S. 107). Neiman meint, Arendt habe in dieser „Relativität des Bösen“ eine Art philosophische Theodizee gesehen (S. 107). Praktisch heißt das: Mit besserem Denken und besserem Handeln können wir Menschen gegen das Böse vorgehen. „Die These von der Banalität des Bösen mag zwar historisch für Eichmann nicht zutreffend gewesen sein, aber für Millionen von anderen Menschen stimmt sie schon, Menschen , deren Absichten nicht dämonisch böse waren. Sondern irgendwo zwischen relativ niedrig und deutlich gut rangieren, aber ohne die es keinen Holocaust gegeben hätte“ (ebd.).

Eine andere, wenn man so will, schärfere, Vernunft-skeptische Position vertritt die Philosophin Bettina Stangneth, die kürzlich das Buch „Böses Denken“ (bei Rowohlt) veröffentlichte. Sie sagt: „Das Denken ist ein Werkzeug. Und mit Werkzeugen kann man bekanntlich alles Mögliche anstellen – so wie man mit einem Hammer einen Nagel einschlagen oder aber die Schwiegermutter erschlagen kann, deshalb versuche ich, mehr über das böse Denken zu lernen“. Aber darüber wäre viel zu diskutieren, ob Denken überhaupt ein Werkzeug ist und ob nicht auch derjenige, der Böses denkt und Böse tut, sich meistens, wenn nicht gehirngeschädigt, doch wohl frei für diese Tat entschieden hat. Und er erlebt dieses Böses-Tun dann doch als seine Form des Ego-Glücks und des für ihn subjektiven „Guten“. Womit gesagt sein soll, dass auch der Böse letztlich an eine Priorität des Guten (formal) gebunden ist, aber diese Fragen führen über das Heft hinaus.

Politisch sehr aktuell und sehr inspirierend ist das moderierte Gespräch Gesine Schwans mit Volker Gerhardt, die sich beide in den meisten Fragen zum Thema „Öffentlicher Streit in der Demokratie“ einig sind. Sie sind sich auch einig, wenn es um die These von Hannah Arendt geht „Macht gründet auf Kommunikation“. Da wird sehr zurecht von beiden Philosophen daran erinnert, dass die Kanzlerin Merkel – etwa auch in der Flüchtlingspolitik – „gerade nicht kommunikativ war“, so Gesine Schwan (S. 142). …“und unsere Kanzlerin ist ganz besonders avers gegen öffentliche Kommunikation und gegen die Kommunikation von Alternativen“ (ebd). Volker Gerhardt sagt: „Die Politiker (Deutschlands, Europas) konnten schon seit langem wissen, was auf Europa zukommt, aber sie haben die Bürger nicht auf den bevorstehenden Ansturm eingestimmt… Aus der Sicht Hannah Arendts haben die Offenheit und die immer auch visionäre Kraft des Arguments gefehlt“ (S, 142).

Insofern möchte man utopischerweise hoffen, dass dieses Heft über Hannah Arendt auch von Politikern gelesen und besprochen wird. Gibt es das eigentlich, dass PolitikerInnen über ihre gemeinsame philosophische Lektüre öffentlich sprechen? Oder sind sie nur im hektischen Geschäft des politischen Tuns (oder sollte man Handeln sagen ?) befasst?

Weil man diese Frage offenbar mit Nein beantworten muss: Da sieht man, wie sehr Philosophie wieder in die Mitte der Gesellschaft, auch der Politik, gehört.

Zum Heft selbst eine kleine kritische Anmerkung: Ich hätte mir einen eigenen Beitrag gewünscht zu der Tatsache, dass Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus von 1964 ausdrücklich darauf besteht, sie sei keine Philosophin mehr sei, sondern eine Theoretikerin der Politik (S. 17). Diese ausdrückliche Abwehr seit ihrer Zeit in den USA, eben nicht mehr als Philosophin zu gelten, hat sicher ihre Gründe: Erkenntnis der Abgehobenheit „der“ (klassischen) Philosophie? Arendt schrieb ja noch bei Heidegger eine Doktorarbeit über die „Liebe bei Augustin“. Ein hübsches Thema? Spielt etwa auch das Erleben der Spätphilosophie Heideggers (nach 1945) eine Rolle, dieses angeblich so unpolitische Stammeln von Seins – Erfahrungen, so dass Hannah Arendt nicht mehr als Philosophin, zu diesem „Club“ gehördend, gelten wollte?

Die Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“ über Hannah Arendt hat den Titel „Die Freiheit des Denkens“. Es ist im Juni 2016 erschienen, hat 146 Seiten, zahlreiche Fotos und Graphiken,Literaturhinweise usw. Es kostet nur 9,90 Euro. Leserservice für Bestellungen: philomag@pressup.de  Tel. 040 386666309.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Berlin.

 

 



Satt, übersättigt, hungrig. Ein Philosophischer Salon in Berlin-Neukölln.

26. Juni 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Philosophische Bücher

Satt und übersättigt und hungrig

Philosophische Hinweise. Von Christian Modehn

Anlässlich des Religionsphilosophischen Salons am 24.6. 2016 in der Weinhandlung Sinnesfreude Neukölln

Vom 24. bis 26. Juni findet wieder das allmählich schon berühmte, wichtige Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ statt. Diesmal zum Thema „Satt und Übersättigt“. Das Programm ist so umfassend, dass alle an Kunst Interessierten allein in diesem Teil des nördlichen Neukölln schnell selbst, voll der Kunst, übersättigt sein könnten.

Philosophie als lebendige Form des freien Philosophierens stellt sich schlechthin jedem Thema. Das ist unsere Überzeugung. Hinzu kommt: Es gibt inzwischen eine eigene philosophische Disziplin, die Gastro-Sophie, die vor allem und entscheidend von dem Philosophen Harald Lemke (Hamburg) entwickelt wird, in zahlreichen Publikationen und mit einer eigenen website: http://www.haraldlemke.de/ Wenn es schon eine Disziplin „Sportphilosophie“ seit Jahren gibt, dann erscheint eine Gastrosophie viel dringender, weil allgemeiner orientiert. Zum Schluss dieses Beitrags weise ich auch auf das Übersättigtsein durch die Fülle etwa christlicher Lehren und Lehrgebäude hin, sozusagen als Beitrag zu einer neuen Gastro-Theologie.

Einleitend möchte ich, von Lemkes Forschungen inspiriert, nur auf zwei philosophie-historische Aspekte hinweisen. Von Epikur, dem Meister der Diät und eben kein „Epikuräer“, soll hier nicht die Rede sein, darüber haben wir früher schon einmal in unserem Salon gesprochen und entsprechende Hinweise publiziert. Hier soll an Immanuel Kant erinnert werden, der schlank und rank geblieben war sein langes Leben lang; wahrscheinlich, weil er nur einmal am Tag, eben mittags, ein langes ausführliches gutes Mahl zu sich nahm. Früh morgens um 5 weckte ihn der Diener Lampe, brachte ihm Tee und die Tabakspfeife, das war es denn auch bis mittags.

Auch wenn Kant in seiner ästhetischen Philosophie das Essen trennt von der Erfahrung der Schönheit, weil das ästhetisch Schöne für ihn zweckfrei ist, so ist das Speisen für Kant persönlich und dann auch für eine Philosophie des Miteinanders, der Freundschaft, wichtig: Als ein gemeinschaftlicher Vollzug. Gemeinsames Essen soll eine Erfahrung von Freundschaft sein. Es geht Kant auch nicht immer um große philosophische Debatten beim Mittagessen, sondern durchaus um die Freude und Lust, dem Magen etwas Schönes anzubieten.

An den Philosophen Ludwig Feuerbachs wäre zu erinnern, den Autor des großen und immer noch wichtigen Buches „Das Wesen des Christentums“ von 1841. Allgemein bekannt ist ja das Zitat Feuerbachs: „Der Mensch ist, was er isst“. Damit will Feuerbach, kurz gefasst, sagen: Der Mensch ist nicht durch Geist zuerst bestimmt. Essen ist der fundamentale Wesenszug des Menschen. Arme sind arm und oft krank, weil sie zu wenig bzw. qualitativ zu schlecht essen. „Weil du arm bist, musst du früher sterben“: Dieser Spruch hat leider heute immer noch Gültigkeit, man denke etwa an die Lebenserwartungen der Hungernden in Niger, Tschad und anderswo… Feuerbach vertrat also eine materialistisch gefärbte Anthropologie und wurde deswegen von der Uni gefeuert, weil er meinte: Vor aller Philosophie ist der Mensch auf das Essen angewiesen, er ist ein essendes Wesen. Das heißt: Er ist angewiesen auf die äußere Natur. Der Mensch kann nicht aus sich existieren. Diese äußere Natur muss der Mensch erhalten und mit anderen teilen, wenn er denn will, dass alle Menschen eben Menschen bleiben können. Feuerbach sagt religionskritisch sehr treffend in einem materialistischen Sinne: „Heilig sei uns darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser!“

Das Sattsein und Übersättigtsein des einzelnen.

Philosophisches Nachdenken zu dem Thema, wie auch sonst, kann dabei niemals die empirische Situation und die soziale-historische Welt beiseite lassen. Wir sind hier in Deutschland fast immer alle satt und sehr viele sind sogar übersättigt oder zu übergewichtig. Aber Tatsache ist auch, dass es etwa in Berlin Kinder gibt, die ohne eine Mahlzeit in die Schule kommen. Viele tausend Menschen, Opfer der rigiden HARTZ IV Gesetze, können sich nur ernähren, weil es die berühmten TAFELN gibt. Der deutsche Staat wird seinem Anspruch, Sozialstaat zu sein, längst nicht mehr gerecht.

Auf Weltebene, nur einige Hinweise: 2,1 Milliarden Menschen auf der Welt sind zu dick: Auch in Afrika steigen die Zahlen der Adipösen rasant an, während viele Tausend gleichzeitig hungern. „Die Welt“ schreibt am 10.6.2014: 48 Prozent der Ägypterinnen sind fettleibig, 42 Prozent der Südafrikanerinnen. In Deutschland, zum Vergleich, sind es 23 Prozent, in den USA 34 Prozent der Frauen. Die Fettleibigkeit ist Resultat u.a. eines zu starken Zuckerkonsums auch in Zucker-Getränken, die von Europa aus in diesen Ländern verbreitet werden.

Gleichzeitig sind die TV Sendungen im reichen Norden, Europa und Amerika, zum Thema Kochen geradezu inflationär und die Zahl der Zeitschriften zum Essen ist nicht mehr überschaubar. Weil wir Europäer fast alle Küchen und Rezepte durchprobiert haben, macht sich jetzt die peruanische Küche in Deutschland breit. Schön für die hier lebenden peruanischen Köche. Problematisch, wenn man bedenkt, wie wenige Menschen in Peru tatsächlich diese peruanische Küche genießen können: Ein Zitat aus dem katholischen Sozialhilfswerk „fe y alegria“: „Ein Viertel der peruanischen Bevölkerung (30 Millionen) lebt in der Hauptstadt Lima. Rund 54 Prozent der Peruaner leben am Rande des Existenzminimums, nahezu 20 Prozent in absoluter Armut“. (Quelle: http://www.editionschwarze.de/Armut_und_Elend_in_Peru/armut_und_elend_in_peru.html)

Feinstes Speisen wird hierzulande als Luxus-Erfahrung eingestuft; die Kreise, die sich das leisten können, wollen ja in den Restaurants nicht etwa ihren ohnehin sehr seltenen Hunger stillen, sondern sich sehen lassen, gesehen werden und nebenbei ein Häppchen – halb – verzehren. Die Bewertung der stetig zunehmenden Zahl von Luxus-Restaurants mit Sternen ist dafür der beste Ausdruck. Der verwöhnte Gaumen braucht immer neue Reize. Dabei soll keineswegs eine moralisierende Haltung eingenommen werden; gelegentliche Freude am Luxus soll nicht verurteilt werden. Jeder, selbst der Arme, hat irgendwo seinen (kleinen) Luxus als Ausdruck von Lebensfreude. Ethisch schwierig wird es, wenn die Superreichen, sie stellen etwa 0,5 Prozent der Weltbevölkerung dar, also die Milliardäre, deren Zahl stetig steigt, absolut nur den eigenen Luxus frönen und jegliche wirksame (!) soziale Verantwortung von sich weisen. Und sich etwa gegen Form von Reichensteuer erfolgreich wehren, weil eben die Gesetz- gebenden Parlamentarier es sich mit diesen Kreisen nicht verderben wollen.

Der Philosoph Lambert Wiesing, Uni Jena, schreibt im neuen Heft „Philosophie Magazin“, Juni 2016, S. 74: Luxus ist ein Gegenstand, „der mit einem irrationalen, unvernünftigen, übertriebenen Aufwand hergestellt wurde. Notwendig und zweckmäßig ist ein Luxus niemals. Luxus ist unvernünftig und aufwendig“. Dann wird Luxus aber doch in gewisser Weise gelobt: Man entziehe sich im Luxus-Genuss dem Effizienz-Denken. Darin liege ein Trotz und ein Sichverweigern. Luxus Liebhaber also als Rebellen? Das wäre neu! Es bilde sich so ästhetische Freude, meint der Philosoph. Wie unterschiedlich diese Freude für einen Milliardär ist, der nur noch um des suchtvollen Haben-Wollens Geld und Güter anhäuft und wie anders die Freude bei einem Bettler aussieht, der sich einmal am Tag den Luxus gönnt, eine Curry-Wurst zu kaufen, sei dahin gestellt. Wir leben jedenfalls in einer Gesellschaft, die den Luxus, das Überflüssige, liebt; eben weil es zu viele Leute nicht wissen, wie sie ihr sich stetig vermehrendes Geld aus Finanzkapital Erträgen, nicht aus eigener Arbeit!, ausgeben können.

Die Industrie, die Luxusgüter, diverse „tod (!)- chice“ Accessoires oder Parfums oder edelste Cognacs herstellt, gilt als die stabilste und ertragreichste weltweit. Aber, sie beschäftigt, relativ gesehen, nur wenige Mitarbeiter. Eine Überwindung der Arbeitslosigkeit durch Zunahme der Luxus-Güter-Industrie ist also ein abwegiger Gedanke.

Der einzelne satte Mensch: Bei dem Thema wäre daran zu erinnern, dass Sattsein bedeutet, nicht zu hungern, also ein Leben führen zu können, das kein Elend kennt, das die Kräfte des Körpers erhält und so ein gemeinschaftliches Leben ermöglicht. Die Freude am Essen, die Freude am gemeinsamen Essen, ist die erste Dimension, die es zu pflegen gilt. Gleichzeitig aber ist klar, dass Essen und Sattwerden kein Endziel im Leben ist, sondern nur die Ermöglichung eines humanen, gemeinschaftlichen Lebens. Hingegen kann Hungern eine zentrale Erfahrung sein: Gemeint ist die biblische Lehre vom Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit. Die so viel Hunger und Durst ertragen um einer gerechten Weltordnung willen, die werden im Evangelium selig genannt, also als vorbildliche Menschen gepriesen. Wer hungert und dürstet heute unter nach der Gerechtigkeit auf dieser Welt und setzt diesen Hunger, diesen Durst, in politisches Handeln um? Es sind wohl Menschen wie Rupert Neudeck oder Menschen, die sich in humanen NGOS engagieren.

Vom Fasten wäre zu sprechen, der Diät, der Freude am einfachen Essen, von der philosophisch gebotenen Abwehr des fast food. Diese Abwehr bedeutet: Selbst bei einfachen Speisen, dem berühmten „Schwarzbrot der Mystiker“, gibt es genussvolles Miteinander Essen. Von der Bewegung des besseren gemeinsamen Essens, im „slow food“, wäre zu sprechen. Langsamkeit beim Essen ist sicher auch ein medizinischer und kommunikativer Gewinn. Die Frage bleibt jedoch, was genau wir denn nun slowly essen, etwa eine prachtvolle seltene Fischsorte aus dem Viktoriasee in Afrika? Können wir bei dem Gedanken an hungernde Fischer dort noch happy slowly genießen? Vielleicht sollte man endlich, dies wäre eine neue Idee, die zu besprechen wäre, den Community-Food entwickeln, etwa in neu zu gründenden Speisestuben in den Städten, wo Menschen, besonders Nachbarn aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, täglich mit einander kochen und preiswert essen. So könnte Kommunikation in der Stadt erlebt werden. Kirchengemeinden könnten ihre ins religiöse Getto abgedrängten Abendmahl – bzw. Eucharistie – Zelebration überwinden und neuen Schwung des Humanen erhalten, wenn sie ihre halbwegs erträglich -„gemütlichen“ Gemeinderäume und dort vorhandenen Küchen von allen nutzen ließen… aber das geschiehrt eben nicht, Bürokratie herrscht überall. Das ist ein anderes, ein religionskritisches Thema, das sich mit der kaum vorhandenen Bereitschaft zu grundlegendem Wandel in den Kirchen befassen müsste.

Die zentrale Frage ist: Wie kommt der einzelnen zu einer neuen Lebensform, die dem hier Beschriebenen in etwa nahe kommt? Es gibt das Plädoyer für eine Selbstbindungskultur, von ihr spricht der Philosoph Volker Heidbrink (Uni Kiel) ebenfalls im „Philosophie- Magazin“ vom Juni 2016: „Wir brauchen eine stärkere Selbstbindungskultur, eine stärkere Selbstbindungskompetenz. Menschen müssen erkennen können, wie sie sich selbst binden. Und vor allem in Situationen, in denen sie leicht schwach werden. Der Konsument zum Beispiel kauft im Supermarkt häufig die konventionellen Produkte, weil sie billiger sind. Dieser Konsument muss sich viel stärker binden. So wie Odysseus sich hat fesseln lassen, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen. Odysseus ist der Prototyp dieser intelligenten Selbstbindung. Eine solche Bindung ist im Grunde ein Hilfskonstrukt zur Unterstützung einer nicht funktionierenden Kultur der Eigenverantwortlichkeit“. Darauf antwortet der Schriftsteller Bernhard Schlink: „Das Interessante an dem Mythos ist: Odysseus kann sich nicht selbst an den Mast binden, er muss von den Gefährten an den an den Mast sich binden lassen. Er will gebunden wrden, aber er kann, was er will, nicht ohne die anderen bewerkstelligen…“

Es muss aber auch auf den entscheidenden Hintergrund für unser Sattsein in Europa und Amerika hingewiesen werden, dabei sind die Milliardäre aus dem kommunistischen China in ihrer totalen Luxus-Verschwendungssucht mitgemeint: Wir leben in einer Gesellschaft, in Staaten, die uns ständig, von den globalisierten Ökonomien angefeuert, überall einreden und propagieren: Wir müssen immer weiter wachsen. Wir müssen ständig wirtschaftlich wachsen. Stillstand oder Abnehmen seien tödlich.

Dieser Ideologie (die Philosophin Barbara Muraca spricht deswegen von Götzen, in ihrem wichtigen Buch „Gut leben“, Seite 50) kann sich kaum jemand entziehen. Dieser Götze hat ein Dogma: Es gibt zum ökonomischen Wachstum keine Alternative. TINA heißt diese Göttin: There is no alternative. So glauben die Menschen hier, man müsste ständig wachsen, weiter wachsen und größer werden. Und das kann schnell auch körperlich verstanden werden. Denn die andere Seite der Wachstumsgesellschaft ist der Konsumismus, die Idee, wir Menschen seien in erster Linie Konsumenten. Überall werden wir als Konsumenten angesprochen, zum Verzehr aufgefordert, zum Kaufen … damit die Konzerne Profit machen. Sparen lohnt nicht mehr, also konsumieren wir. Dabei werden eigentlich Menschen, die die Jugendzeit hinter sich gelassen haben, Er-Wachsene genannt. Sie haben sozusagen den Status der körperlichen Reife erreicht, den man nur noch hüten und pflegen sollte. Ohne dabei dem Wahn zu verfallen, körperlich noch mehr er-wachsen sein zu wollen, als man ohnehin ist. Wachsen ist für einen Er-wachsenen nur ein geistiges Wachsen, nur ein Reifen und Weiterreifen, im ganzen Leben. Die Idee des Wachstums hat also nur unter einer, der geistigen Perspektive, Sinn. Wachsen als ständige Erweiterung der Leibesfülle ist medizinisch Unsinn. Aber diese Erkenntnis ist schwer, weil wir nun einmal in einer absoluten Konsumgesellschaft leben. In manchen fast food Lokalen bestellen manche Over-Eater nicht einen Becher Hähnchenflügel, sondern einen ganzen großen Eimer, so wörtlich, für sich allein. Man möchte die Welt verschlingen, um aus ihr herauszutreten und fettleibig zu verschwinden…

Dabei ist klar, dass wir wenigen Reichen diese unsere gemeinsame Erde schon ausgeplündert haben. Wenn tatsächlich unseren europäischen bzw. deutschen Lebensstil und Konsumstil alle Menschen jetzt praktizieren würden, dann bräuchten wir nicht nur eine Erde, sondern gleich sechs Erden. Der Untergang könnte fast programmiert sein. So dunkel ist das Thema Sattsein und Übersättigtsein. Nur ein schlichtes Beispiel: Für ein Kilogramm Rindfleisch werden 15.000 Liter Wasser benötigt: Für einen Hamburger werden 2.400 Liter Wasser benötigt, denken wir dabei an die Wasserknappheit, die beginnt schon in Spanien, in den ausgedorrten Regionen Andalusiens, wo die Gemüse-Produktion das Wasser frisst…damit wir im Dezember frische Tomaten essen anstatt eingelegten Kohl aus hiesigen Gebieten.

Philosophisch gesehen ist dieser Vorgang sehr interessant: Wir definieren uns als Subjekte. Das sind die individuellen Herrscher, die der Welt, auch der Natur gegenüber-stehen. Und über diese Natur können wir verfügen, meinen wir, denn wir können sie uns aneignen, wir können sie wörtlich fressen. Denn diese Natur ist das andere zum Menschen, das Unterlegene, über das die Menschen herrschen können. Dabei wird nicht mehr gesehen, dass die Menschen TEIL der Natur sind. Wir gehören zur Natur, sie ist die Mutter allen Lebens. Und das muss auch spirituell neu eingeübt werden. Etwa in den Gottesdiensten: Da sollte man nicht so viel „Großer Gott wir loben dich“ singen, sondern „Du liebe Mutter Erde, wir ehren dich“. Aber so viel politische Vernunft ist den Kirchen kaum noch zuzutrauen, sie sind eben ad (in)finitum dogmatisch erstarrt.

Wenn man sich dieser hier beschriebenen Perspektive anschließt: Dann geht s nicht mehr nur um slow food als Überwindung des fast food, es kommt auf das andere Essen an und das gelingt nur, wenn sich eine Neu-Definition des Menschen als Teil der Natur durchsetzt. Wir sind nicht isolierte Subjekte, sondern immer schon mit anderen, mit Welt auch, verbunden. Dies ist der Ausgangspunkt aller Reflexion über „den“ Menschen.

Nebenbei zur Vertiefung: Bezeichnenderweise werden Praktiker wie Theoretiker, die die Verwüstungen der ökonomischen Wachstums-Ideologie kritisieren, also die Verwüstungen in Natur und Umwelt und Gesundheit, die diese Wachstums-Ideologie anrichtet, Vertreter der „Dé-croissance“ genannt. Dieses französische Wort könnte man als „Ent-Wachstum“ bezeichnen, als Zurücknahme des Wachstums. Man denke an den maßgeblichen französischen Denker wie Serge Latouche oder den deutschen Theoretiker Niko Paech. Sie gehen gegen die kollektive Vorstellung an, Wachstum sei immer und überall gut. Dass von dieser Herrschafts-Ideologie nur die 10 % der Reichen dieser Welt profitieren, die anderen aber hungern und krepieren, wird verschwiegen von den Ökonomen des Wachstums.

Ich finde es hoch interessant, dass sogar der sehr konservative Finanzminister Schäuble in einem Interview mit der ZEIT vom 9. Juni 2016 betont: „ Ich sage es meinen G7 Kollegen: Eigentlich brauchen wir doch gar nicht mehr so viel Wachstum, lasst uns doch lieber die aufstrebenden Ökonomien des Süden stärker fördern. Das wollen die G7 Kollegen allerdings nicht hören“. Wird Schäuble ähnliche vernünftige Worte noch von sich geben?

Also: Auch ökonomisch ist Ent-Wachstum angesagt, Diät sozusagen. Und diese Diät muss noch gefunden werden und besprochen werden und ausprobiert werden. Wie sieht eine Gesellschaft aus, die nicht ständig wachsen will? Dieser Gedanke ist revolutionär, er wird deswegen von den herrschen Cliquen, den Profiteuren, die nur an ihren eigenen Gewinn denken, verschmäht als Unsinn. Dabei werden die insgesamt desaströsen Konsequenzen unseres Wachstumswahns nicht gesehen….

Ein anderes Thema wäre die Reflexion zu der Aussage: „Ich habe das satt“. Ich habe meinen bisherigen Job satt, meine Partei, meine Kirche usw. Dann wird der Ausstieg vorbereitet aus einer satten Umgebung hin in eine noch ungewisse „hungernde“ Zukunft. Aber viele Menschen, die den Spruch „Ich habe das satt“ nicht länger bloß sagen wollten, sondern in den „Hunger“ gingen, sind über ihre Entscheidung doch recht froh geworden. Lieber mal hungern als vor Sattsein gelangweilt dahin dämmern.

Übersättigt im Wissen

Das Dringende gilt es zu erkennen. Aber was ist das Dringende?  Die Antwort liegt auf der Hand: Was der Menschheit zum Überleben hilft. Jetzt folgt ein besonders problematischer Teil: Wir erleben alle ein große Breite der Übersättigungen, der Überinformationen, oft mit dramatischen Ausgängen: Nur einige zufällig gewählte Beispiel: Etwa in Molenebeek und den Anschlägen in Brüssel: Da wussten die vielen getrennt arbeitenden Dienste von Polizei usw. offensichtlich viel zu viel, sie konnten das überbordende Wissen nicht koordinieren. Auch zum Mörder der Homosexuellen in Orlando, Florida. Da wusste man einiges vom Täter, beobachtete ihn aber nicht, das Wissen taugte nichts. Auf facebook werden wir mit Informationen überschüttet. Alles sind kurze Meldungen, manchmal 100 am Tag. Wir werden mit Stichworten überflutet. Selbst wer seriöse Zeitungen und Bücher liest: Wir werden dort überschüttet mit Informationen, haben zehn Minuten nach der Lektüre von Schlagzeilen schon wieder vergessen, worum es eigentlich geht. Diese Halbbildung ist inszeniert. Die reaktionäre Boulevard – Presse, Bild in Deutschland, in England Sun und Daily Mirror oder Die Krone in Österreich, wollen den halbgebildeten, vieles und letztlich dann doch nichts lesenden und nichts verstehenden Menschen. Dieser lässt sich aufhetzen, populistisch verblöden, er wählt dann FPÖ, AFD, Le Pen, PVV in Holland und stimmt für den Brexit. Dies ist eine Meinungsäußerung!

Auch seriöse Vielleser klagen über die Überfütterung, Übersättigung: Ein Zitat von Emil CIORAN im Interview mit Hans Jürgen Heinrichs, „Ich habe ungeheure viel gelesen, aber das aus Verzweiflung nur, um nicht zu denken. Ich habe Philosophie studiert, aber ich vermied das Philosophieren, ich wollte nur anhäufen, Bekenntnisse und Bücher, eine Furcht vor dem Leben. Ich habe dann aber bemerkt, dass die Wahrheit nicht in den Büchern ist, sie ist in den Empfindungen, nicht in den Büchern, nicht in den Ideen…“

In seinem neuesten Buch mit dem Titel „Überlebenswichtig. Warum wir einen Kurswechsel zu echter Nachhaltigkeit brauchen“ sagt der brasilianische Religionswissenschaftler Leonardo Boff: „Wir sind in der größten Krise der Menschheit, was die Gerechtigkeit angeht, die Pflege der Natur, das Überleben der Erde. Diese globale Krise ist eine Krise auf Leben und Tod. Angesichts dieser Krise hilft nur die Einführung neuer Parameter, neuer Werte“.

Es gilt also, angesichts dieser tödlichen Krise der Menschheit vor allem das Wichtige zu lesen, den Quatsch der Kleinigkeiten beiseite zu lassen. Boff zitiert das berühmte Dokument „ERD Charta“, darin heißt es: „Wir haben die Wahl, entweder bilden wir eine globale Partnerschaft, um für die Erde und für einander zu sorgen. Oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt des Lebens zugrunde zu richten“ (S. 11). Unsere Erkenntnis, unser Studium, unsere geistige Energie sollte auf diese Priorität gerichtet sein. Damit wird überhaupt nicht gegen das Wissen und Wissenwollen und die allseits hoffentlich blühende Wissenschaft gesprochen. In der von Boff zitierten und gelobten „ERD Charta“ heißt es: „In die formale Bildung in das lebenslange Lernen muss das Wissen, müssen die Werte und Fähigkeiten integriert werden, die für eine nachhaltige Lebensweise nötig sind“.

Es wird auch von mir nur verlangt, dass jenes Wissen vertieft und verbreitet wird, dass der Menschheit eine allseits humane Zukunft bringt. Der große Philosoph Ivan Illich (Cuernava, Mexiko) sprach von „Lebensdienlichkeit der Forschung“. Das bedeutet auch, dass viel mehr in dieser Hinsicht relevante Themen geforscht und verbreitet werden. Dass etwa die Pharmaforschung auch die Krankheiten der Menschen in Afrika in den Blick nimmt und preiswerte Medikamente zur Verfügung stellt. Das bedeutet, dass etwa Theologen nicht zum 1000. Mal  die Tugendlehre des Thomas von Aquin erforschen. Sondern sich etwa fragen, wie können Menschen in einer multireligiösen Welt  zu einander finden … und dafür praktische Beispiele erkunden.

Oder in der Philosophie: Nicht zum 1000. mal über Descartes schreiben, sondern den Menschen das Philosophieren und Fragen und Zweifeln beibringen in neuen philosophischen Akademien.

Das heißt: Wir müssen aus dem üblichen Überfressensein durch übliche Anhäufung selbst abwegiger wissenschaftlicher, aber bloß noch marginal relevanter Erkenntnisse herausfinden zu Wissenschaften, die dem Überleben der Menschheit und den Menschenrechten dienen. Das klingt jetzt alles sehr funktional, erinnert vielleicht an staatliche Eingriffe in die Forschung: Aber das ist überhaupt nicht gemeint. Natürlich sollen sich etwa Historiker mit der ganzen Breite der Geschichte befassen. Aber Konzentration auf das Wesentliche im Sinne der „Rettung der Menschheit“ wäre doch ein hübsches Diskussionsthema.

Hier wird also ein Filter empfohlen, um der Überfressenheit der Wissenschaften und Philosophien etwas Einhalt zu gebieten. Dieser Filter, dieses Sieb, dieses Kriterium, ist die Frage: Welchen Beitrag leistet mein angehäuftes Wissen, das ich in mich hineinfresse, für die Menschheit? Für die Gerechtigkeit, für das Überleben der Mutter Erde, für den Frieden, die Fragen nach der Gerechtigkeit, der bedrohten Demokratie, der Sorge um die Mitmenschen.

Zur Gastro-Theologie:

In der alten Welt der umfassenden christlichen Belehrung, und die dauerte in Europa bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, war ein guter Christ ein solcher, der umfassend viel vom Glauben wusste. Glaubenswissen wurde von der Hierarchie und deren Mitarbeitern förmlich eingehämmert. Der offizielle Katechismus der katholischen Kirche, erschienen 1993, verfasst unter Leitung von Kardinal Ratzinger und Kardinal Schönborn, Wien, umfasst mehr als 800 eng bedruckte Seiten. Das alles sollte ein Katholik eigentlich wissen. Glaube wurde so noch einmal als Annahme einer äußeren Lehre, von außen, von den Autoritäten vorgegeben, verstanden. Welche religiösen Erfahrungen sich im einzelnen zeigten, was er/sie wirklich innerlich glaubte, woran das Herz wirklich innerlich glaubte, das galt als zweitrangig, interessierte offiziell nicht, höchstens als Wiedergabe des eingepaukten Wissens. Glaube wurde also vor allem im katholischen Raum als Übernahme eines Herrschaftswissens verstanden: Der Papst weiß, was Glauben heißt, nur er und seine alles prüfenden und beurteilenden bischöflichen Untergebenen. Sie stellen dann auch die Ketzer fest, die zu viel Eigensinn haben in der Zusammenstellung des je eigenen religiösen „Menus“. Dieses Menu hat sich das „fromme Volk“ ohnehin doch selbst zusammengestellt, und eben Maria mehr verehrt als die Trinität. Die Zeugnisse der barocken Kunst in den Kirchengebäuden geben davon ein Zeugnis, dass de facto jeder sich seinen eigenen Glauben zusammenstellte. Er durfte es nur den Autoritäten gegenüber nicht sagen. Es gab also immer individuelle Auswege aus der dogmatischen/moralischen Übersättigung.

Wer aber, etwa als Theologe, diese offiziellen Lehren tatsächlich übernahm, in seinen Kopf stopfte, fühlte sich schnell sehr satt, wenn nicht übersättigt. Manche hatten es dann mit diesem Glauben satt, der ja immer auch als ausgetüftelte, angeblich  „ewige“ Moral „des“ Menschen daher kam. Und sie suchen sich einen einfachen Glauben, liebten etwa die Bergpredigt, die Gleichnisse Jesu, einige Psalmen usw. Die Mystik und die Mystiker wurde für viele ein Ausweg angesichts des Übersättigtseins durch die Dogmen und die Moralvorschriften.

Glauben ist einfach, dafür haben wir im Religionsphilosophischen Salon schon oft deutlich plädiert und entsprechend publiziert.

Auch das neueste Interview mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb, Humboldt Uni, geht in diese Richtung. Ich empfehle dringend die Lektüre dieses Interviews vom Juni 2016, klicken Sie hier.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

 

 

 

 

 

 

 



Von den Lebensfragen ausgehen: Das zentrale Projekt der Theologie. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

24. Juni 2016 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Theologie in Zeitgenossenschaft: Von den Lebensfragen der Menschen ausgehen

Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin. Im Juni 2016

Die Fragen stellte Christian Modehn

In einigen Wochen werden Sie als Professor für Praktische Theologie an der Humboldt Universität emeritiert. Der Form Ihrer Theologie, der liberalen Theologie und z.B. auch der Schleiermacher-Forschung, aber auch der Begegnung mit (süd-)afrikanischen Theologen, entspricht es, mehr auf künftige Aufgaben zu schauen als den Rückblick zu pflegen. Wenn man also die religiöse Befindlichkeit der Menschen in Deutschland betrachtet und vielleicht speziell in Berlin, dann fällt die zahlenmäßig starke Anwesenheit von Menschen auf, die sich als konfessions-“frei“ oder atheistisch bezeichnen. In welcher Beziehung sollte eine liberale Theologie, ein liberal denkender Christ, zu diesen Menschen stehen?

Eigentlich geht es mir nach wie vor darum, an einer Theologie zu arbeiten, in der Menschen als Menschen zum Vorschein kommen, unabhängig davon, ob sie sich selbst als Christen oder Atheisten, Protestanten oder Katholiken, Muslime, Buddhisten oder Esoteriker bezeichnen bzw. von anderen so bezeichnet werden. Denn die Religion, die für mich das Thema der Theologie ist, fasse ich als etwas auf, das konstitutiv zum Menschsein gehört. Sie ist für mich dort besonders im Spiel, wo wir fragen, was uns als Menschen ausmacht. Wir Menschen sind schließlich solche Wesen, die gar nicht umhin können, die Frage nach sich selbst zu stellen. Wir fragen, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen und worin sich uns die Zwecke unseres Daseins versammeln.

Das sind die elementaren Menschheitsfragen. Die Religionen haben Antworten auf diese Fragen entwickelt. Doch die Zeiten, in denen damit den sog. Gläubigen verbindliche, absolute Wahrheit behauptende Vorgaben gemacht wurden, sind längst vorbei. Dieser geistigen Lage trägt die liberale Theologie Rechnung. Sie geht von der religiösen Dimension als zugehörig zum Menschsein aus, behandelt aber die Glaubenslehre des Christentums als ein Deutungsangebot, das uns Lebensdienliches über uns zu verstehen gibt, das uns gut tut, aber auch in Freiheit angeeignet sein will.

Entscheidend für das Gespräch über die Religion und ob man sich selbst auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion versteht, ist der Austausch über die Plausibilität der Lebensdeutung, die eine Religion anbietet, ob diese mir einleuchtet und mir hilft, mein Leben gut zu führen.

Wenn man die Situation der Kirchen und Gemeinden betrachtet, da ist ein starkes Betonen von Traditionen und Rechtgläubigkeit zu beobachten. Was sagt eine neue liberale Theologie zu der Frage: Was ist denn wirklich dringend und absolut vorrangig in der Gestaltung von Kirche und Gemeinde, in der Lehre und im Leben?

Kirchen und Gemeinden täten gut daran, sich nicht vorrangig über die Tradition von Lehre und Bekenntnis zu definieren. Dort finden sich nur Antworten auf Lebensfragen, die vergangene Generationen gestellt haben. Die Tradition macht keine normativen Vorgaben, sondern wird zum Medium im interpretativen Umgang mit dem, was Menschen heute in religiöser Hinsicht bewegt und beschäftigt. Vorrangig muss es in den Kirchen und Gemeinden darum gehen, von den existentiellen, sozialen und politischen Lebenserfahrungen bzw. Lebensfragen der Menschen auszugehen. Nicht Traditionsbestände gilt es zu vermitteln, es gilt, keine Glaubensvorgaben zu machen, sondern Freiräume zu schaffen, damit Menschen in ihrer Menschlichkeit zum Vorschein kommen können – in ihrer Angewiesenheit aufeinander, in ihrer Sehnsucht nach Liebe und nach Anerkennung.

Dann werden Kirchen und Gemeinden zu inspirierenden Orten für die Religion der Menschen. Denn die Religion der Menschen lebt nicht aus der Akzeptanz kirchlich vorgegebener Lehren und Lebensregeln. Sie lebt dort, wo Menschen Gelegenheit finden, zu sagen und in dem aufeinander zu hören, was sie bedrückt und belastet, was sie beglückt und freut, was ihr Leben mit Sinn erfüllt und ihnen die Gewissheit gibt, nicht vergeblich zu leben.

Wie können Kirchen, gerade im Reformationsgedenken 2017, realisieren, dass auch der Humanismus Teil des protestantischen Lebens damals war? Sollten nicht die Protestanten den humanistischen Geist, die Nähe zu Kunst und Wissenschaft, zur gesellschaftskritischen Philosophie weiter vertiefen und dadurch eine neue Weite und Großzügigkeit gewinnen?

Leider findet man auch unter den Protestanten kaum noch welche, die sich so nennen. Das Reformationsgedenken ist total in die Hände der kirchlichen Hierarchie geraten. Diese feiert sich selbst und sieht im ökumenischen Zusammenschluss eine Chance, die christliche Tradition gegen die Übermacht einer angeblich säkularen Moderne zu verteidigen. Was ich gänzlich vermisse, ist, dass eben jene protestantische Freiheit, die doch den Grundimpuls der Reformation ausmachte, sich auch heute wieder meldet. Das würde bedeuten, nicht danach Ausschau zu halten, wie die theologischen Fragestellungen der Reformation sich so nachstellen lassen, dass wir Heutigen vielleicht doch noch etwas mit ihnen anfangen können. Es käme statt dessen darauf an, zu sehen, dass die gelebte Religion die Kirchen verlassen hat, dass heute sehr viel energischer die aufs Ganze gehenden Sinnfragen in Kunst, Philosophie und Wissenschaft artikuliert und verhandelt werden. Das Christentum ist mit seinem trotzigen Vertrauen auf die den Lebensmut auch noch im Desaströsen erhaltende Macht der göttlichen Liebe jedenfalls auch außerhalb der Kirchen höchst präsent.

Doch in Kirchen und Gemeinden könnte ebenfalls wieder deutlicher hervortreten, dass das Christentum eine Lebensdeutung zu bieten hat, die uns in aller Freiheit dazu verhilft, dass wir als Menschen zum Vorschein kommen – Klarheit darüber gewinnen, was wirklich wichtig ist und wofür es sich lohnt zu leben.

Copyright: Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Spanien heute: Ein gespaltenes Land. Hinweise, nicht nur anlässlich der Wahlen am 26. Juni 2016

11. Juni 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Von Christian Modehn

Zu einer Koalition konnten sich die Parteien nach den Wahlen vom 20. Dezember 2015 nach vielen Verhandlungen nicht aufraffen. Zu heftig sind die ideologischen Differenzen und die ökonomischen Präferenzen. Da bleibt man lieber getrennt in einem vielfältig (sozial, regional, politisch) gespaltenen Land (manche sprechen auch angesichts der Kulturen/Sprachen/ Autonomie Vielfalt von DIE Spanien im Plural) und ideologisch unter sich und sucht eben nicht das Gemeinsame, sondern das jeweils Eigene. Und dieses Eigene hält man für die absolute und einzige Wahrheit, wobei die Arroganz der PP meines Erachtens besonders auffällig ist: Diese Volkspartei gilt unter Intellektuellen auch als Sammelbecken der Vor-Gestrigen, der Freunde Francos usw. Eduardo Subirats, Prof. für Spanisch in Princeton, USA, nennt in Lettre International (Ausgabe Sommer 2015, Seite 131) diese PP „eine national-katholische Partei“; er meint, mit dieser Partei „waren kriminelle Organisationen verbunden“ (ebd.) Diese PP (sie hatte sogar kürzlich die absolute Mehrheit erreicht), entließ etwa den fähigen und mutigen Richter Baltasar Garzón: Denn er brachte die schändlichen Mordtaten der Franco-Leute vor Gericht „und ließ die entsprechenden Zeugen vorladen“(ebd). „Auf einmal musste sich Spanien mit seinem moralischen Elend auseinandersetzen“ (ebd). Garzón wollte die Opfer rehabilitieren, aber er wurde von der PP (als der de facto Franco-Partei) entlassen. Nebenbei: Garzón ist Träger des „Kant-Weltbürgerpreises“.

Nun also am 26. Juni ein neuer Anlauf. Alle hoffen auf deutlichere Mehrheiten, die dann eine Regierung ermöglichen könnten…Tiefenpsychologen werden bei so viel Wahrheits-Wahn der Parteien, selbst wenn man dort bisher noch keine extreme Rechte explizit organisiert findet, eines Tages erkunden: Hat dieses unversöhnte Gegeneinander nicht nur mit den tiefsten Verletzungen des Bürgerkriegs immer noch zu tun? Sondern eben auch mit Restbeständen der typisch katholischen Haltung, eben „die“ Wahrheit zu besitzen. Diese Propaganda, dass es irgendwo die eine wahre (totale) Wahrheit gibt, hat sich wohl tief in katholische, also auch spanische Seelen, eingeprägt. Die meisten Spanier sind eben in einem Milieu groß geworden, in dem die eine heilige katholische (Staats-)Religion (seit 1492) absolut herrschte. Versöhnte Verschiedenheit (und damit Koalitionsfähigkeit) ist kein sehr spanischer Gedanke. Ist dieser Mangel bedingt durch das Fehlen konfessioneller Pluralität, etwa auch durch das Fehlen der Reformation? Ich denke, so ist es.

Heute nennen sich nach repräsentativen Umfragen von 2014 nur noch 67 Prozent der Spanier katholisch, vor einigen Jahren waren es noch fast 100 Prozent. Der Rest nennt sich heute „indifferent“ bzw. nicht-gläubig. „Ateos“, Atheisten, ist ein sehr häufig gehörtes Bekenntnis im heutigen Spanien unter Jugendlichen, Intellektuellen und Arbeitern. „Andererseits haben jedoch die katholischen Volksfeste (semana santa, Karwoche) seit den siebziger Jahren ein außerordentliches Revival erlebt“, schreibt Manuel Arias-Maldonado von der Universität Malaga (in „Lettre International“, Ausgabe Winter 2015, Seite 136). Und er fährt fort: „Dies ist eine Pop-Religiosität, zu der vage Glaubensvorstellungen und Desinteresse am Dogma gehören…“ Im ganzen besehen aber sei die katholische Kirche heute, trotz einer immer noch engen (finanziellen) Förderung der Kirche durch den Staat, „kein Protagonist in den öffentlichen Auseinandersetzungen“. Man hört von den überwiegend konservativ bis reaktionär (siehe etwa den Erzbischof von Valencia) eingestellten Bischöfen nur etwas, wenn sie massiv und polemisch gegen Homo-Ehe und für die rigide Neuregelung der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch eintreten. Auch wenn einzelne Theologen, wie Juan José Tamayo (Madrid), vielfach in der Presse (El Pais, als es noch progressiv war) mit vernünftigen Beiträgen vertreten sind und die CARITAS angesichts der Armut im Land ein hohes Ansehen genießt: Die römische Kirche im ganzen hat nicht den Ruf, ein kreativer und innovativer Teil der spanischen Gesellschaft zu sein. Entsprechend gering ist auch die Teilnahme an der Sonntagsmesse. Dieses Kriterium gilt ja immer noch als Maßstab für die „Religiosität“ eines Landes (was natürlich hoch problematisch, wenn nicht falsch ist). 60 % der sich katholisch nennenden Spanier gehen jetzt niemals zur Messe, 14,5 % mehrere Male im Jahr, und 13 % an jedem Sonntag, die übrigen gelegentlich. Wobei regionale Unterschiede zu beachten sind: In Barcelona etwa, wie in ganz Katalonien, sind es kleine Minderheiten von Katholiken, die sonntags noch zur Kirche gehen. Es gibt allüberall in den Städten riesige Kirchen, z.T. schöne Barockkirchen, aber sie sind weithin Museen de facto geworden (die Kathedralen verlangen passenderweise für die musealen Kunstschätze Eintritt. In die Kathedrale von Malaga kommt man nur gratis hinein, wenn man sich als Beter für den eng umgrenzten Beter-Bereich deklariert. Man stelle sich das vor: Es gibt tatsächlich reservierte Gebets-Nischen/Kapellen in den Kathedralen, aber das ist ein anderes Thema…)

Die gesamte Kathedrale wird als Gotteshaus, als Gebetsraum gar nicht mehr dargestellt, und dies von der Kirche selbst.

Die offensichtliche Distanz vieler spanischer Katholiken hat entschieden mit historischen Erfahrungen zu tun. Die Katalanen z.B. waren mehrheitlich als Republikaner die heftigsten Gegner des sich immer katholisch gebenden Franco-Regimes, von der offiziellen Kirche wurde der Diktator in höchsten Tönen gepriesen, als Held gegen den obersten aller Feinde, den Bolschewismus. Faschismus ist weniger schlimm als Bolschewismus, hieß das Glaubensbekenntnis der Prälaten und Päpste bis 1989.

Der Führer von Spanien, General Franco, Diktator von 1939 bis 1975, lebt in gewisser Weise immer noch, zumindest in Kastilien: Nicht nur im „Tal der Gefallenen“ wird seiner gedacht, in diesem Ort nördlich von Madrid, mit der Franco Gruft und dem riesigen, weithin sichtbaren Kreuz, ist eine Art Pilgerstätte für Rechte und Rechtsextreme entstanden. Der Ort ist eine Art Verherrlichung des Diktators. Aber darüber hinaus tragen mehrere hundert Straßen tragen seinen, Francos, Namen. An die Opfer, die Regimegegner, die „roten Republikaner“, sicher mehr als 100.000 Ermordete während des spanischen Bürgerkriegs, wird kaum erinnert, auch nicht an die Arbeitslager für die Linken nach 1945,

650.000 Republikaner flüchteten damals ins Ausland. 30.000 Babys von „linken Müttern“ wurden von Francos Leuten diesen entwendet und „braven“ Familien übergeben. Immer wieder werden Massengräber entdeckt. Der Spanische Bürgerkrieg und das Franco-Regime (bis 1975!) haben tiefste Verletzungen im Volk hinterlassen. Immerhin gibt es jetzt eine „Plattform gegen die Straflosigkeit“.

Haben die vielen Millionen Touristen, die etwa aus Deutschland nach Spanien fahren, etwas von der Kultur bzw. Unkultur (Bürgerkrieg usw.) Spaniens erfahren? Sind sie als Europäer neugierig auf das, was ihre Gastgeber, die Spanier, bewegt und schmerzt? Ich vermute: Eher nein heißt die Antwort. Man fragt sich mit Manuel Arias-Maldonado ohnehin, was die Millionen und Abermillionen Menschen/Touristen an der spanischen Mittelküste suchen, „welche auch aufgrund der Immobilienblase ein für alle mal ZERSTÖRT ist“ (S. 135). Ist das alles mit dem wahnhaften Sonnen-Kult verbunden? Dies wäre eine hübsche Frage an die Kulturwissenschaftler…

Aber einige grundlegende Kenntnisse über Spanien sollte doch jeder Tourist erwerben. Sehr empfehlenswert ist das Buch des zurecht viel beachteten spanischen Autors Juan Goytisolo „Spanien und die Spanier“, erschienen als Suhrkamp Taschenbuch schon 1982, aber in der historischen Analyse nach wie vor gültig. Die Kapitel über die kulturell dunklen, engen, klerikalen Zeiten Spaniens vom späten 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert sind erhellend, weil sie die Allmacht der katholisch-bornierten Herrscher zeigen und die Vernachlässigung jeglicher Bildung und Entwicklung im Volk…Über das Grauen des Bürgerkrieges ist immer noch sehr lesenswert der Bericht des französischen Katholiken und Schriftstellers Georges Bernanos „ Les Grands Cimetières sous la lune“ (Die großen Friedhöfe unter dem Mond), erschienen 1938. Bernanos war als rechtslastiger Katholik nach Spanien gegangen, wurde aber im Erleben der Abschlachtungen zu einem Feind des Franco-Regimes.

Und die Philosophie in Spanien heute?

Eine schwierige Frage. Der Philosophie-Professor Jesus Padilla-Gálvez (Toledo) hat in der Zeitschrift „Information Philosophie“ im Dezember 2005, (S.72-76) einen bereits im Titel viel sagenden Beitrag veröffentlicht „Das Elend der Philosophie in Spanien“. Er kritisiert eine starke Stagnation im Forschen und Denken, er kritisiert die bürokratischen Strukturen in den Universitäten usw. Ob sich da einiges zum Besseren gewandelt hat, wäre weiter zu untersuchen. Immerhin gibt es eine populäre Philosophie Zeitschrift http://www.filosofiahoy.es/Filosofia_Hoy_Apertura.htm

Aber im ganzen, so wird auch von Philosophen in Spanien berichtet, spiele Philosophie im kulturellen Leben Spaniens – leider !- eher eine sehr marginale Rolle, viele Philosophie-Professoren glänzen mit Zeitungsbeiträgen und Essais. Die katholische Kultur, bis 1975 absolut dominant, hatte ja auch die Philosophie immer schon zur ancilla theologia, zur bloßen Dienerin der Theologie und der Kirche erklärt.

Es könnte sein, dass mit der zunehmenden Säkularisierung das Selber-Denken, also das Philosophieren, dann doch an Bedeutung gewinnt. Vielleicht hat die spanische Tradition der „Tertullias“ (eine Art „Stammtisch“) noch eine Zukunft, vielleicht sogar die philosophischen Salons und philosophischen Cafés. Themen gibt es genug, vor allem das aller dringendste Problem: Wie können die vielen Tausend jungendlichen Arbeitslosen ins Arbeitsleben und damit ins soziale Leben integriert werden? Kann es sich Europa leisten, dass viele tausend junge Arbeitslose in Spanien ohne Lebens-Perspektive auskommen müssen? Natürlich nicht, aber es wird zu wenig dagegen unternommen. Sind Spanier dazu bestimmt, verurteilt, „letztendlich nur noch als Kellner die Millionen Touristen zu arbeiten“, wie dies ein Philosoph etwas zynisch bemerkte?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Die AFD – ihre Widersprüche, ihr Zorn. Ein philosophischer Hinweis.

6. Juni 2016 | Von | Kategorie: Forschungsprojekte, Perspektiven und Probleme, Philosophische Bücher, Religionskritik

Zugleich eine begründete Meinungsäußerung von Christian Modehn

Philosophisch gesehen ist es evident: Wer sich selbst in seinen verbalen Äußerungen (sie sind bekanntlich immer Ausdruck des eigenen Denkens) widerspricht und die allgemeinen, für alle geltenden Gesetzen der Logik ignoriert, der lebt nicht-konsistent, der zeigt sich zerrissen, doppelbödig, widersprüchlich. Deswegen sollten solche Leute eigentlich ihre nicht-konsistenten Äußerungen korrigieren; es sei denn, sie wollen esoterische Weisheiten verbreiten, die nur Eingeweihten zugänglich sind. Damit gehören sie zu einer kommunikativ „abgekoppelten“ Sekte.

1. Sprechen, falls logisch, ist der Allgemeinheit verpflichtet

Leute, die in politischen Debatten bewusst logische Inkonsistenz zeigen und praktizieren, sind im sonstigen Leben  zumeist – notgedrungen von der Lebenspraxis – doch logisch konsistent. Sie benutzen wie alle anderen technische Geräte, verwenden im Alltag die allgemeinen üblichen Begriffe, um sich bei anderen verständlich zu machen. Aber sie schützen ihre politische Haltung vor der Logik, werfen Nebel um sich, bleiben bewusst unpräzise, wecken Ahnungen, wenig Einsicht. Logik hat immer mit Allgemeinheit zu tun.

2. Gilt die These: AFD gehört nicht zu Deutschland, aber AFD-Wähler durchaus“?

Die Führer der AFD behaupten als zentrale These, die so einfach klingt und deswegen so viel Wirkung erzielt in Kreisen, die gerne ohne lange nachzudenken autoritären Sprüchen folgen: Diese AFD Kernthese also heißt: „DER Islam gehört nicht zu Deutschland. Aber damit (so wird beschwichtigend gleich hinzugefügt, CM) ist nichts gegen einzelne Muslime gesagt“. Diese Aussage darf man nicht schnell übergehen wie es viele Journalisten tun, sondern eben auf seine Konsistenz prüfen: Gemeint ist nämlich: Die einzelnen Muslime dürfen bei einer Zurückdrängung und dann wohl auch bei einem Verbot DES Islam durchaus hier weiterleben. Sie dürfen wohl privat ihren Koran lesen und nicht nach außen hin erkennbaren Moscheen auch beten.
Diese These ist irrig und falsch: Der einzelne religiöse Mensch, eben auch ein Muslim, kann ohne den institutionellen Rahmen seine Religion, also ohne Gemeinde, ohne Lehrer, ohne Pfarrer wie auch immer, nicht als solcher leben. Auch der einzelne fromme Muslime, den die AFD ja freundlicher nicht vertreiben, sondern leben lassen will, braucht logischerweise die islamische Institution. Er braucht, wenn man den von der AFD verwendeten pauschalen Ausdruck verwendet, DEN Islam.

Zur weiteren Klärung des Problems: Die AFD Führer sollten sich mit dem Satz als „Gedankenspiel !“  auseinandersetzen, der der gleichen (un)logischen Struktur folgt: Der Satz heißt: „Die Partei AFD passt nicht zu Deutschland. Hingegen kann das einzelne AFD Mitglied und der einzelne AFD Sympathisant durchaus in Deutschland leben“.  Kann man AFD-Mitglied sein, ohne Bindung an die AFD-Führer, ohne Verbindung zur AFD Institution? Eher wohl nicht.

3. Ohne Islam gäbe es kein Europa, ebenso ohne Judentum und ohne Humanismus gäbe es kein Europa.

Zur üblichen und schon floskelhaften Beschwörung „des“ christlichen Abendlandes durch die AFD Führer: Da wird das christliche Abendland nur als polemischer Gegen-Begriff zum verhassten Islam verwendet. Diese Ideologie des gepriesenen „Abendlandes“ beruht auf historischer Unkenntnis: Wesentliche Erkenntnisse verdanken die Abendländer der intellektuellen Leistung des Islam, etwa in der Zeit von al andalus. Die Philosophie des Aristoteles (kaum zu überschätzen für die Entwicklung des modernen Europa) oder die Grundlagen der Medizin usw. verdanken „wir“ „dem“ Islam. Und das Abendland war also nie „nur“ christlich, sondern verdankt den muslimischen Gelehrten viel, und das Abendland ist auch noch humanistisch, seit der Renaissance. Und es ist jüdisch geprägt, die Zehn Gebote sind bekanntlich jüdischen Ursprungs, die Prophetische Rede von Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen ist jüdisch. Europa ist auch jüdisch. Diese zweifelsfreie Erkenntnis wird von AFD Leuten und deren Führern nicht genannt. Und Journalisten sollten in ihren Interviews – zwischen den Zeilen – auf das hören, was von AFD nicht gesagt wird. Und wer „das Christentum“ authentisch verstehen will, weiß, dass die Liebe zum Fremden zum KERN des Christentums gehört. Wer sich zum christlichen Abndland bekennt, bekennt sich automatisch zur Liebe gegenüber den Fremden und Flüchtlingen. Wenn die AFD dieses authentische Christentum nicht mag, und vieles spricht dafür, dass sie es nicht mag, dann sollte sie wie Herr Gauland (AFD) ehrlich sein und sagen: „Wir von der AFD sind nicht christlich, sondern heidnisch“

Nebenbei: Zwar utopisch, aber möglich: Es könnte ja sein, dass eines Tages AFD Leute auch irgendwo als Fremde im Ausland auftauchen und um Asyl bitten: Was machen sie dann, wenn sie im Zufluchtsland hören: „Die AFD passt nicht in unser Land“.

Immanuel Kant hat, immer logisch völlig überzeugend, empfohlen zur Überprüfung der eigenen ethischen Haltung sich selbst zu fragen: „Ist meine Maxime („Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) als Gesetz für alle möglich?“ Kant hätte diese genannte Maxime als Unsinn und Irrsinn zurückgewiesen.

Also noch einmal: Die Führer der AFD haben vom Christentum keine Ahnung, sie bedienen sich des „Christlichen Abendlandes“ nur, um ihre ANTI-Islam-Haltung polemisch und dem Scheine nach ein bisschen hübsch- freundlich und fromm zu kaschieren. Es gibt keine Wertschätzung des christlichen Abendlandes bei den AFD Führern. Das ist ideologische Propaganda. Frau von Storch hätte – als explizite Pro-Life-Verteidigerin – am liebsten auf Frauen und Kinder an der Grenze geschossen (wurde später von ihr irgendwie revidiert und wie immer von der „Lügen-Presse falsch verstanden).

Politische Gegner werden Feinde, und in der AFD selbstverständlich – so lange „man“ noch nicht an der Macht ist – bloß bedrängt usw. In der FPÖ hingegen wurde nach dem knappen Wahlsieg des Demokraten Alexander van der Bellen gesagt: „Na wartet ab, wenn wir FPÖ Leute erst mal die Macht haben, dann, ja dann…“  wird’s keine Demokratie mehr geben, möchte man sinngemäß fortsetzen. Der AFD Philosoph Marc Jongen hat in einem Interview mit der „ZEIT“ (vom 25. Mai 2016, Seite 42 im Feuilleton, nicht in der ZEIT Rubrik Politik, auch seltsam …) frei und offen das demokratische System –etwa Österreichs – MORSCH genannt. In Österreich habe man noch alle Ressourcen gegen die FPÖ zusammengekratzt, „bevor es (das System) um so eindrucksvoller (eben morsch) einstürzen wird“. Zu der Aussage vom Zusammenbruch des angeblich morschen demokratischen Systems wird von den Journalisten nicht weitergefragt….Später wird AFD Jongen noch in der ZEIT sagen, dass aufgrund eines deutschen Passes niemand automatisch Deutscher sein sollte. Wie denn sonst? Offenbar ist in der Sicht des AFD Jongen ein Deutscher nur, wer sein deutsches „reines Blut“ nachweisen kann. Das führt gedanklich in die Nähe von 1933 usw ist meine Meiungsäußerung. Und wenn die demokratische Legislative der Bundesrepublik das Gesetz verabschiedet hat, dass mit dem deutschen Pass jemand Deutscher ist, dann ist an diesem Rechtsverhältnis NICHTS zu deuteln. Genau diese demokratische Überzeugung aber will die AFD aushebeln.

4. Das diffuse Plädoyer für den Zorn. Zugleich ein Hinweis zum Thema Sloterdijk und die AFD

Ein neuer, klug klingender Begriff taucht unter AFD Führern oft auf, der Begriff „Thymos“, der gern von der AFD-Philosophen mit „Zorn“ übersetzt wird. Dabei ist diese enge Bedeutung eher selten, Thymos heißt eigentlich im Alt-Griechischen Gemüt und Lebenskraft, nur selten Leidenschaft und Zorn.

Aber seit dem Buch „Zorn und Zeit“ mit dem Untertitel „Politisch-psychologischer Versuch“ (erschienen bei Suhrkamp, 2006) wird viel von Thymos und der wichtigen Rolle des Zorns im „(deutschen) Volk“ schwadroniert, auch in den Kreisen der intellektuell noch etwas interessierten AFD Führung. Sloterdijk ist in seinen Thymos-Reflexionen von 2006 von Francis Fukuyama angeregt worden, der schon 1989 (!) den Begriff einführte in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“. Marc Jongen, der AFD-Philosoph, zeigt in dem ZEIT Interview vom 25. Mai 2016 Verständnis für die rebellische Form des Thymos : „Wenn die Regierung den Bürgern von oben etwas aufdrückt, dann kommen notwendigerweise rebellische Energien noch“. Und es ist im Zusammenhang klar, dass er mit den „rebellischen Reaktionen“ die AFD Aktionen und wohl auch Pegida Attacken meint. Denn er fährt fort: “Wäre es denn wünschenswert, wenn es gar keine Abwehrreaktionen gäbe?“ Da wird wieder nicht nachgefragt: Denn mit dem eher noch ein bisschen freundlichen Wort „Abwehrreaktionen“ sind wohl auch Attacken gegen Flüchtlingsheime und Drohungen gegen demokratisch gewühlte Politiker gemeint. Dabei wird von Jongen indirekt behauptet: Nur die AFD (bzw. wohl auch Pegida) gestalten die richtigen Abwehrattacken gegen die Demokratie, die „von oben etwas aufdrückt“, so Jongen. Demokratie wird in diesen undemokratischen Kreisen bereits als etwas erlebt, das „von oben aufdrückt“…

Die in der AFD verhassten Linksradikalen („sie reißen alle Grenzen ein“, so wörtlich Jongen) gelten in der AFD als „verirrte Abkömmlinge des Christentums“, sie sind die eigentlichen Übeltäter. Warum? Weil sie das deutsche Volk und die deutsche Nation in ihren Grenzen nicht mehr lieben. Volk und Nation werden wieder zum Maßstab von anständig und unanständig. Man erinnere sich bitte …

Jongen ist zwar im ZEIT Interview ein bisschen sauer, dass Sloterdijk offenbar die AFD kritisiert. Der Sloterdijk Assistent, wohl ein intimer Kenner seines einstigen Meisters, meint dann aber doch glücklich: „Mein Eindruck ist, dass seine, Sloterdijks, Äußerungen zur Flüchtlingskrise so fern zu dem nicht stehen, was ich sage und was auch die Position der AFD ist. Und das ist letztlich wichtiger und auch wirksamer (!) als seine oder meine persönlichen Befindlichkeiten“. Mir ist nicht bekannt, dass Sloterdijk sich gegen diese Einbeziehung seines Denkens zur Flüchtlingsfrage in die AFD Ideologie öffentlich gewehrt hat.

Auf diese aktuelle Bedeutung des Sloterdijkschen Thymos-Begriffs weist jetzt Ijoma Mangold in DIE ZEIT vom 2. Juni 2016, Seite 37, hin. Der ZEIT-Journalist zeigt in seinem sehr lesenswerten Artikel, dass AFD und Pegida gern vom „Ausnahmezustand“ sprechen, als dem Moment, wo die geltenden Gesetze der Demokratie eben nicht mehr gelten und eben besonders Berufene, eben die AFD etc., in tiefster Not zur Rettung des Volkes die Macht ergreifen. Mangold schreibt: „Sie (die AFD Leute) sprechen gern vom Ausnahmezustand, denn der beendet qua Gewalt die (angeblichen, in der AFD Sicht) bloß künstlich-abstrakten Rechtsverhältnisse. Der Ausnahmezustand, der Ausbruch des Volkszorns (also Thymos, siehe Sloterdijk), ist der feuchte Traum aller Rechten. Der Vordenker der neuen Rechten, Götz Kubitschek, spricht vom Ernstfall. Marc Jongen, Solderdijks Assistent bis vor kurzem, bezeichnet das mit dem griechischen Begriff Thymos und fügt hinzu, dass es sich dabei hoffentlich um einen gerechten Zorn handelt“. (Vielleicht irrt diese AFD/Pegida-Masse auch in ihrer Wut, rechnen damit AFD Führer?

Man sieht, wie dieser schwammige und diffuse Thymos Begriff und diese Thymos, also Wut Ideologie, durch Sloterdijk 2006 verbreitet, Wirkungen im rechtslastigen Lager hat. Auch Martin Lichtmesz, ein rechter Ideologe, sprach nach der Wahl des Bundespräsidenten in Österreich im Mai 2016 diese verschwommen-drohenden Worte: „Ein Freund meinte, sein Thymos Spiegel wäre gerade am Platzen“ (Heißt das, er wäre bereit, seinen Zorn öffentlich auszutoben?) “Der Rekurs auf den Volkszorn ist immer eine verhohlene Gewaltanwendung. Wenn dem Volk erst mal der Geduldsfaden reißt, dann schützen euch eure Schein-Wahlergebnisse auch nicht mehr“: Mit diesen Worten fasst Ijoma Mangold die Thesen der Thymos-Besessenen neu rechten Ideologen zusammen.

5. Nietzsche wieder einmal der Meisterdenker ganz rechts

Es wäre wichtig, erneut auf das allen rechtslastigen und populistischen Zorn stimulierende Buch „Zorn und Zeit“ von Sloterdijk näher einzugehen. Schon dieser Titel hat ja für Philosophen einen gewaltigen Anspruch, er erinnert an Martin Heideggers grundlegendes Werk „Sein und Zeit“ (1927). Heidegger wollte den Sinn von Sein aus der Zeit verstehen. Sloterdijk will jedenfalls hohe Ansprüche wecken und möchte wohl unsere Zeit im Horizont des Zorns neu lesen oder, wer weiß das schon genau bei der Unschärfe der Formulierungen, den Sinn von Zorn aus unserer Zeit verständlich machen… Sloterdijk lobt den Thymos im Blick auf die frühe griechische Mythologie: Homers Thymos-Lehre wird freundlich zugestimmt, von den mythischen Helden ist die Rede, die zum Hüter des Zorns auserkoren sind. Und Heidegger wird fiktiv in das Thymos-Geschehen eingereiht: Sloterdijk legt dem Meister aus Messkirch die vielleicht sogar treffenden thymotischen Worte in den Mund: “Auch kämpfen heißt danken“ (S. 24). Nebenbei: Heidegger konnte (dem Sein) danken, dass er nur am Schreibtisch „kämpfen“ musste in seinem antisemitischen Wahn ab 1933… Aber man könnte den Satz auch allgemeiner verstehen: Der thymotische Mensch kämpft also für seine Sache und ist dankbar, dass er kämpfen, also auch töten und ausmerzen kann. Für Sloterdijk hat die platonische Philosophie (leider) „die Austreibung des großen (!) Zorns aus der Kultur“ begonnen… O ihr Helden des Homer, möchte man weiter fantasieren, was wart ihr doch für thymotische Kämpfer. Ihr hattet wenigstens noch den „Mannesmut“ (so Sloterdijk, S. 26) und wart nicht in die furchtbaren (menschlichen) „demuts-trunkenen Subkulturen“ versackt, „in denen schöne Seelen sich (in der Demokratie, CM) gegenseitig (bloß) Friedensgrüße schicken“(so Sloterdijk, S. 31). O ihr thmyotischen und mythischen Kämpfer, möchte man im Sinne Slotderdijks weiter schwadronieren, ihr hieltet – den Göttern sei Dank – nichts von Frieden und Friedensgrüßen….Kein Wunder also, wenn Sloterdijk explizit den Egoismus lobt als „die beste der menschlichen Möglichkeiten“. (Seite 31).

Und dann kommt die zentrale Aussage. Sie zeigt Sloterdijks meist in der Schwebe belassene, oft aber auch offene Vorliebe für Nietzsches radikales „Reformatorentum“, wie er sagt. Dieses bedeutet für Sloterdijk: Nietzsche vollbringt eine wertvolle Leistung, er schafft neue, eben „nicht-metaphysische, nicht-christliche moralische Gesetze“ (so Sloterdijk in seine Buch „Philosophische Temperamenten, 2009, Seite 116f.). Sloterdijk schreibt in „Zorn und Zeit“: „Erst Nietzsche hat in dieser Frage wieder für klare Verhältnisse gesorgt“. Das heißt im Sinne des Übermenschen, wie es Nietzsche in seinen sehr späten Werken lehrte, etwa im „Antichrist“ (verfasst 1888) heißt es gleich am Anfang: „Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: Erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen (den Schwachen und Missratnen) noch dazu helfen, zugrunde zugehen. Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit allen Mißratnen und Schwachen – das Christentum…“

Aber solche unmittelbaren Nietzsche-Zitate erspart sich Sloterdijk in seinem Plädoyer für den Egoismus „als der besten Möglichkeit“. Er lässt mit großen Worten und großer Geste vieles schön schwammig und ahnungsvoll offen. Marc Jongen etwa, der AFD Philosoph, versteht seinen Meister in Karlsruhe. Jongen sagt: „Es wäre abwegig zu meinen, der Zorn (Thymos) haben seine besten Zeiten bereits hinter sich“. Also:Der Zorn gegen das angebliche „morsche demokratische System“ wird bald stärker werden.

Sind Demokraten nun noch mehr gewarnt? Oder versuchen demokratische Politiker jetzt, bloß um zu verhindern, dass die AFD die Mehrheit erlangt, die AFD ihrerseits zu imitieren und Forderungen der AFD zu übernehmen? Man hat stark diesen Eindruck in der Flüchtlingspolitik jetzt, Juni 2016. Offenbar fehlt den Politikern und den Bürgern der demokratische Thymos. Und es fehlt das Bewusstsein, dass Politik eben auch etwas mit Moral und Menschenrechten zu hat.

6.Nietzsche -ein philosophisch-politischer Schwerpunkt ab sofort 

Die bisherigen Hinweise machen deutlich: Die so freundliche, so wohlwollende Rezeption zentraler Behauptungen des Spätwerkes Nietzsches zur neuen In(Un)-Humanität durch die neue Rechte, auch durch die AFD, angefeuert durch die eher undeutlichen Aussagen Sloterdijks zu Nietzsche, muss weiter bearbeitet werden. Nietzsche ist „am Kommen“, das ist keine Frage. Er ist ohnehin schon der Meisterdenken der Nouvelle Droite, die es bekanntlich seit 1970 in Frankreich gibt; es ist Nietzsche, den die extreme Rechte in ihre eigene Weltanschauung als Chefdenker eingliedert.

Dabei darf es nicht bleibe: Als erste Einführung zur kritischen Nietzsche Lektüre empfehle ich in dem Buch von Vittorio Hösle „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H.Beck Verlag, München, 2013), das Nietzsche Kapitel mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral“ (Seite 185-207). Nietzsche und mit ihm seine Freunde und Deuter heute in der AFD und anderswo, so die Erkenntnis, wehren sich gegen die universalistische Moral, also gegen die allgemeinen und für alle (auch für Flüchtlinge) geltenden Menschenrechten. Es wird ein Regime etabliert von wertvollen und weniger wertvollen Menschen, die Ideologie der Herrenmenschen.

7.Wer wird die universalen Menschenrechte verteidigen?

Es geht also heute an erster Stelle für alle Demokraten darum, dass nicht noch die Geltung der Menschenrechte ertrinkt, untergeht und verschwindet. Dies zu debattieren hat absoluten Vorrang, auch in den Kirchen. Aber wie kann eine multinationale Organisation, wie die römische Kirche, im Ernst die Menschenrechte verteidigen, wenn sie in sich selbst, in ihrer eigenen Struktur, die Menschenrechte und damit die Demokratie nicht realisieren will (weil Gott es nicht will, wie es im Vatikan fundamentalistisch heißt..). Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan bekanntlich NICHT unterzeichnet. Alle netten, menschenfreundlichen Aktionen von Papst Franziskus sollten auch in diesem Licht gesehen werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.
Dieser Beitrag ist eine begründete Meinungsäußerung.



Die verschmähte Poesie: Die Gebete

1. Juni 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wieder wird in Berlin (wie in vielen anderen Städten) ein Poesie-Festival veranstaltet (vom 3. bis 11. Juni 2016. Eine wunderbare Chance, sich mit einer Literatur vertraut zu machen, die heutzutage nicht gerade sehr viele Menschen zum Lesen und Nachdenken bewegt. Ob Poesie immer schwierig sein muss, ist ein wichtiges Thema. Uns interessiert hier ein anderer Aspekt.

Zuerst einige Andeutungen zum Problem, bevor das eigentlich Plädoyer formuliert wird.

Eigentlich gehört zu Poesie auch das Gebet. Man denke bitte an die 150 Psalmen der Bibel. Dieser Zusammenhang galt, so denke ich, bis ins 19. Jahrhundert, war eher selbstverständlich, wenn auch dabei poetische Texte geschaffen bzw. propagiert wurden, die eher für den frommen, begrenzten Alltagsgebrauch im Gottesdienst bestimmt waren. Für diese Erbauungs-Poesie war das Reimen das Allerwichtigste: „Maria du feine, du bist ja die Reine“, „Gott du bist groß, drum lass uns nicht los“ usw. Solche Gebete werden als Lieder heute noch in katholischen Kirchen gesungen und in evangelikalen Songs als „Sacro-pop“ geschmettert. Dagegen ist im Rahmen kultureller und religiöser Freiheit gar nichts zu sagen. Nur haben eben diese schlichten Ergüsse den Gedanken blockiert, es gebe auch anspruchsvolle Poesie, die sich als Auslegung sehr persönlicher religiös gestimmter Lebensdeutung versteht. Insofern haben die frommen Reimereien vieles seriöse Nachdenken übers Beten verhindert. Und das Gebet ALS Poesie ins Irreale abgeschoben.

Aber weil nun einmal in unserer angeblich säkularisierten Kultur die Gottesfrage nicht ins persönliche Fragen und Erleben gerät, sondern meist in der Abstraktion, auch soziologisch, diskutiert wird, gibt es auch kaum eine schöpferische poetische Leistung, die von sich sagt: Das ist meine religiöse, das ist meine aus der glaubend-zweifelnden-suchenden Daseinsauslegung folgende Poesie. Das sind meine Gebete.

Weiter kommt hinzu, dass viele allgemein Gebildete eben religiös und theologisch katastrophal ungebildet sind (und sich dessen auch nicht schämen) und sagen und glauben, Gott Vater habe einen Bart, der heilige Geist sei eine Taube und zur Trinität gehören Maria, Josef und Anna. In einer Kultur zerbrechender religiöser Aufgeklärtheit und Kenntnis kann Gebet als Poesie gar nicht entstehen.

Wenn es heute Chancen gibt, poetische Texte zu erleben und dann auch zu schreiben und ins Gespräch zu stellen, dann ist eine Voraussetzung unabdingbar: Gebete sind Äußerungen von verschiedenen Menschen, von leibhaftigen Subjekten. Gebete sind nicht hübsch verpackte dogmatische Wahrheiten, wie sie im Katechismus stehen. Gebete, wenn sie denn ernst genommen werden sollen in der allgemeinen Kultur der Poesie, sind nur als Sprache des einzelnen denkbar, mit aller Freiheit, die das Sich-Aussagen nun einmal mit sich bringt: Also, wenn man so will, heute fällt Gebet als Poesie wie alle Poesie aus dem Rahmen des Gewöhnlichen. Auch Gebete ALS Poesie sind provokativ.

Einige Hinweise zur Sache selbst:

Nicht nur da, wo religiöse Poesie, wo Gebet drauf steht, ist Gebet enthalten. Oft stimmt das Gegenteil. Die sprachliche Weite des Gedichts öffnet beim Leser möglicherweise Inspirationen, Gefühle und Erkenntnisse des Transzendenten. Nicht religiöse Gedichte können religiös sein, das ist ein eigenes Thema, auf das hier hingewiesen wird. Deutlich ist die Aussage von Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Die Auferstandenen“:

Wo sind

Die Auferstanden

Die ihren Tod

Überwunden haben

Das Leben liebkosen

Sich anvertrauen

Dem Wind.

Kein Engel

Verrät

Ihre Spur.

Selbst in der Abweisung von Transzendenz und Göttlichem, von bergendem Sinn, wie auch immer, drückt sich die Sehnsucht aus, die Sehnsucht nach unerreichbarer Ganzheitlichkeit, die Sehnsucht nach Liebe, die gilt, nach Sinn, der auch in der Verzweiflung noch trägt. Da ist das Schreien der Entrechteten, der Geplagten, der Gequälten. Man lese die Neuschöpfungen der Pslamen durch Ernesto Cardenal, geschrieben im Widerstand gegen das Somoza-Regime in Nikaragua.  Klage und seelische Not wird ausgesprochen auch im sehr frommen amerikanischen, aber viel gehörten Song von Elvis Presley „Precious Lord, take my hand…“

„Ich bin müde, ich bin schwach,

Bin getragen

Durch den Sturm, durch die Nacht…

Nimm meine Hand, Precious Lord,

und führe mich nach Hause“.

Anders klingt da schon die Verzweiflung, die sich an Gott wendet (!), im Psalm 22, den, so wird berichtet, noch Jesus von Nazareth, der Gerechte und schuldlos Verurteilte, am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? ich heule; aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht…“

Früher kannten viele religiöse Menschen „ihre“ Psalmen und „ihre“ oft doch ansprechenden Paul-Gerhardt-Gedichte auswendig. Gebet als Poesie war Lebenshilfe. Muss man doch nicht immer gleich als Opium verdächtigen! Diese Verbundenheit mit religiöse Poesie ist wohl verschwunden. Ein auswendig gekanntes Gedicht kann doch auch Ausdruck des eigenen Lebens sein. Und was erleben Menschen, die die Songs von Madonna oder Prince mit-singen? Erleben sie auch Erhebendes in dieser Poesie? Wurde diese Frage schon einmal –empirisch- untersucht?

Der protestantische Theologe Prof. Wilhelm Gräb (Humboldt-Universität Berlin) schließt sich der Neuinterpretation des Gebets ALS persönlicher Poesie an: Er sagt in einem Interview für den Religionsphilosophischen Salon Berlin: Kann Poesie die Form des Betens sein?

Wilhelm Gräb: Da das Beten einen Form gesteigerter Selbstbesinnung und damit der Ausdrücklichkeit in der Bewusstheit unseres Lebens ist, kann es sich besonders gut in metaphorischer Sprache artikulieren. Metaphern bereichern unser Leben. Sie schreiben der Wirklichkeit einen Mehrwert zu. Sie drücken unsere Ängste und Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte aus. Insofern ist die Metaphorik religiöser Sprache gut geeignet, unsere tieferen Empfindungen und unser Wirklichkeitserleben auf dichte Weise zur Sprache zu bringen. Sie holt den Überschuss an Sinn ein. Die vom Reichtum der Metaphern lebende Poesie der Sprache öffnet die Dimension der Tiefe, aus der heraus unser Leben in einen letzten Deutungszusammenhang einrückt. So kann gerade die poetische, dichte Sprache zur Sprache des Gebets werden… Wer sein Leben vor Gott durchdenkt, dem fügt es sich ein in das Ganze eines Sinnzusammenhanges, der auch noch die negativen Erfahrungen mit einem positiven Vorzeichen versehen lässt. Das ist oft ein Ringen, eine Durchdenken von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, aber vor Gott immer in der Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge. Beten ist ein getröstetes Denken“.

Gebet als Poesie – es entspringt wie alle Poesie einer Frage-ewegung. Das heißt: Im Gebet ist die göttliche Wirklichkeit, das absolute Geheimnis, das Göttlich, wie auch immer, eher sehr selten bereits vorausgesetzt. Gott kann nur als Frage formuliert werden, weil er bereits „in uns“ (im Geist) die treibende Dynamik der Frage ist. Der Mensch kann nur nach etwas fragen, wenn er es ansatzweise, ahnungsweise, bereits irgendwie als Vorverständnis kennt, siehe Gadamer, „Wahrheit und Methode“. Diese elementare Einsicht vergessen leider manche Leute.

Wenn ein religiöser Mensch seine Poesie als Bezug zum Göttlichen sagt, dann spricht er seine Beziehung aus, seine Liebe, seinen Wut, sein Ringen, wie das der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis in einem seiner Lieder „Die zegt God te zijn“ aussagt:

„Der da sagt, Gott zu sein.

So lass er doch zum Vorschein kommen

was wir denn an seinem Namen haben

Soll er doch auftreten, damit wir ihn sehn.

Die Stimme aus der Feuerwolke in der Ferne

reicht nicht aus

für diese Erde aus Scherben und Rauch

wo uns kein Leben gegönnt wird“ (Übers. Christian Modehn).

In den Gedichten von Huub Oosterhuis (Amsterdam) wird die „Kultur des poetischen Gebets“ gepflegt: „Beten ist aber viel mehr als Suchen. Beten ist eher Warten. Suchen ist immer noch Aktion und Ungeduld. Warten hingegen ist Aufmerksamkeit“ (Huub Oosterhuis)

Ein besonderes Thema ist die Poesie des Gebets als Bittgebet: Ich spreche mich dem Unendlichen gegenüber aus in der Form einer Bitte. Wenn diese Bitte nicht kleinlich egozentrisch und albern ist, sondern eine Bitte um Frieden, um den Sieg der Vernunft in einer politischen Situation, wo der Wahn um sich greift, dann ist Bitten als Sich Wenden an die göttliche Wirklichkeit durchaus auch anthropologisch noch sinnvoll. Marina Alvisi in Berlin, Yogalehrerin und spirituelle und theologische Meisterin, sagte mir in einem Interview für das Kulturradio des RBB: „Das Bittgebet ist für mich wirklich ein Gespräch mit dem Geliebten, mit dem, der mir am nächsten ist und nach dessen Nähe ich mich sehne die ganze Zeit. Gott ist für mich das Allerliebste. In der Liebesbeziehung spreche ich einfach mit dem anderen Partner. Also ich sage zu meinem Geliebten auch: Du, bitte komm, hilf mir doch. Ich schaffe es nicht allein, komm her, ich brauch dich jetzt, ja. Obwohl man beieinander ist, obwohl man sich kennt. Und trotzdem, bittet man sich gegenseitig um Unterstützung, um Hilfe. Und Gott ist quasi der Geliebte. Es ist wirklich diese Sehnsucht nach Gottes Nähe. Wenn ich danach schreie, dann spüre ich oft auch diese innere Antwort wirklich als tiefe Empfindung, also als Entlastung, dass man sich gereinigt fühlt, dass man sich mehr angekommen fühlt, dass man sich selber wieder besser spürt. Du spürst es im Herzen. Die Antwort ist da, der Ruf ist erhört. In Form von einer starken Liebe, von einer starken Ruhe. Das ist einfach was Intensives“.

Natürlich gibt es auch andere Perspektiven: Wer glaubt, weiß sich in Gott geborgen, er braucht also gar nicht um weitere Geborgenheit zu bitten. Der Mystik-Spezialist Alois M. Haas (Zürich) schreibt: „Meister Eckart lehrt: Wer da um etwas anderes als nur um Gott bittet, der bittet unrecht. Wer immer um irgendetwas anderes bittet, der betet einen Abgott an“.

Ob explizit religiös oder nicht: Poesie ist die Sprache der Lebendigen, derer, die lebendig, geistvoll, bleiben wollen und dies auch aussagen in Versen und Fragen. Dieses Verständnis von Poesie ist entscheidend, betont der Pariser Theologe und Dichter (und Dominikaner-Pater) Jean Pierre Jossua: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegtheit geworden. Sie könnte für sie gar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich könnte man sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen“.

Ist Poesie, ist Lyrik, also immer „irgendwie“ ein Gebet? Darüber ließe sich diskutieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Rupert Neudeck und Albert Camus.

1. Juni 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Philosophische Bücher

Rupert Neudeck: Von Albert Camus inspiriert

Ein Hinweis von Christian Modehn

In den zahllosen wichtigen Erinnerungen an den großen Humanisten Rupert Neudeck wird meines Erachtens oft vergessen: Rupert Neudeck wollte nicht nur in der Tat den radikalen ethischen Forderungen des Jesus von Nazareth entsprechen, den ursprünglichen, noch kirchlich nicht verfälschten Lebensweisheiten Jesu, wie sie im Neuen Testament, etwa in der Bergpredigt oder den „Endzeitreden Jesu“, deutlich werden. Wichtig ist: Rupert Neudeck lebte auch aus dem Geist des humanistischen Philosophen Albert Camus. Das Denken Albert Camus war ihm, darf ich sagen, genauso wichtig wie die Bibel. Humanismus ist eben niemals nur „atheistischer Humanismus“. Humanismus ist in der weitenTradition vielmehr immer auch eine Verbindung von religiösem-etwa auch christlichem- und philosophischem Denken. Das hat Rupert Neudeck als Einheit gelebt. Dafür sind ihm so viele so dankbar. Er ist ein Lebens-Retter.  Insofern ist Rupert Neudeck auch ein Mensch, der zeigt: Auch philosophische Vorschläge und philosophische Erkenntnisse können ein Leben gestalten. Philosophieren hat mit dem Leben zu tun. Sie ist keine graue Theorie…

Über „Die politische Ethik bei Jean Paul Sartre und Albert Camus“ wurde Rupert Neudeck 1972 in Münster zum Doktor der Philosophie promoviert.

Im Jahr 2013 hatte ich erneut Gelegenheit, Rupert Neudeck in Berlin (anläßlich einer Konferenz über das „ROTE KREUZ“) zu sprechen und für die ARD Sender zu interviewen. 2013 war das Jahr der Erinnerung an Albert Camus (geboren 1913).

Nur drei zentrale Zitate Rupert Neudeckes zu Albert Camus:

1. „Ich erzähle immer die Geschichte, dass wir unseren Mitarbeitern bei Cap Anamur, wenn sie rausgegangen sind nach Kambodscha, Somalia, Uganda, immer ein Buch mitgegeben haben, und das geradezu das Vademecum der humanitären Arbeit ist, nämlich die „Die Pest“ von Camus, von Albert Camus“.

….. Der Roman „Die Pest“ handelt von menschlicher Solidarität in verzweifelter Lage: Rupert Neudeck:

2. „Wenn man diese Parabel gelesen hat, verstanden hat, dann weiß man die Richtung, in die man gehen muss. Und die Richtung ist nicht, dass man auf etwas verzichten muss, sondern das einzige, wozu wir in der Lage sein müssen, ist, dass wir uns schämen müssen, allein glücklich zu sein.“

Aus den Vorschlägen Albert Camus` zieht Rupert Neudeck diese Konsequenzen:

3. „Wenn wir uns ehrlich vor Augen was wir sind, was für Waschlappen wir sind, dann ist es schon etwas ganz Erfreuliches, wenn man nicht aufgibt. Wenn man nicht sagt: Macht alles keinen Sinn. Ich denke, dass es nicht stimmt, dass alles auf der Welt zum heulen ist und kaputt geht. Das ist nur eine Hälfte der Realität, es gibt eine andere, in der uns was gelingt, in der Solidarität gelingt, in kleinen Einheiten, in Kommunen, Gemeinden Dinge passieren, die großartig sind. Diese Geschichten vom Gelingen, die brauchen wir, um uns nicht immer wieder zu verzehren im Wortsinn“.

Zwei kurze, zentrale Zitate von Albert Camus, die Rupert Neudeck genau gesprochen hätte:

– „Schöpferisch sein, bedeutet zweimal zu leben“.

– „Ich empöre mich. Also sind wir!“

Zur Vertiefung in die Spiritualität von Albert Camus finden Sie u.a. in einem Beitrag des NDR, klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



An Michel Foucault erinnern: Von der Zerstörung der üblichen Evidenzen.

30. Mai 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn. Anläßlich von Michel Foucaults Todestag am 25.6.1984.

Michel Foucault (gestorben am 25.6. 1984in Paris , geboren am 15.10.1926 in Poitiers) ist einer der besonders anregenden Denker der Gegenwart. Er war und ist umstritten. Seine Thesen und grundlegenden Einsichten, etwa zum Humanismus und zur Frage nach dem „Wesen DES Menschen“, wurden heftig kritisiert. Oft hat man in der Polemik nicht genau hingeschaut, was er eigentlich meinte.

Foucault bleibt also ein Anreger, einer der aufweckt aus Selbstverständlichkeiten; er unterstützt subversive Formen des Lebens und Denkens. Er selbst sah sich als „Zerstörer der (üblich gewordenen) Evidenzen“, er suchte Formen der Lebenskunst in der „Nach-Moderne“. Dabei hat er sich als umfassend (historisch, psychologisch, philosophisch) gebildeter Denker selbst gewandelt, entwickelt, korrigiert.

Seine erste größere Arbeit erschien 1961. Sie bezog sich auf die Ausgegrenzten, Kranken, Unvernünftigen, für wahnsinnig gehaltenen Menschen:Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ , „Folie et déraison“.

Die dort aufgeworfenen Fragen bleiben aktuell: Wer definiert den Wahnsinn, das Aus-dem-Rahmen-Fallen? Wer lässt es zu, dass diese Menschen eingesperrt werden? In Fez z.B gab es, so Foucault, schon im 7. Jahrhundert Hospize für Wahnsinnige. Ist die Mehrheit vernünftig und als „nichtwahnsinnige“ Mehrheit etwa auch gesund? Woher kommt dieser Anspruch? Ist die Mehrheit, etwa in der Politik, die heute wieder die Nation als absoluten Wert hochspielt, ist diese Mehrheit etwa gesund, d.h. rational auf der Höhe der Menschlichkeit? Angesichts der Kriege, die Nationalismus IMMER erzeugt, kann man da „im Ernst“ noch von gesunden und vernünftigen Politikern und Bürgern sprechen? Sind Politiker, die Kriege führen, etwa Assad in Syrien, die Mörderbanden in der arabischen Welt usw., sind die alle gesund, also nicht-wahnsinnig? Warum werden diese Kategorien in dem Zusammenhag nicht angewendet? Wer verbietet diese Anwendung? Ist die Ausgrenzung bestimmter, tatsächlich schwer belasteter seelisch Kranker, auch ein Alibi für die Mehrheit, sich selbst für vernünftig zu halten? In diesen störenden Fragen sah auch Michel Foucault die Notwendigkeit neuer Philosophie: “Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, anders zu machen und anders zu werden als man ist“ (zit. in „Metzler Philosophen Lexikon“, Beitrag Foucault, Michel, von Thomas Schäfer, Seite 224). Und noch einmal zur Bedeutung der Philosophie: „Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt und nach anderen Spielregeln sucht“ (ebd. 228).

Foucault stellt die Frage nach der Ausgrenzung und Abschiebung der anderen, der Minderheiten, der Schwachen und Kranken aus dem großen Rahmen der sich vernünftig wähnenden Gesellschaften und Staaten. Die Frage der Ausgrenzung der Armen stellte er meines Wissens leider nicht. Dabei ist diese Ausgrenzung, Degradierung, Verachtung, Abschiebung der Armen auch in den reichen Gesellschaften des Westens und der Demo-kratien“, wo die Armen eben nicht herrschen, ein Skandal, an den sich die Mehrheit gewöhnt hat. Wahrscheinlich sind westliche „Demo-Kratien“ auf dem Weg zu Pluto-Kratien“… Die „Säuberung“ der Städte  in Deutschland von den Armen, besonders in den touristisch attraktiven und Geld bringenden Innenstädten, ist längst leider selbstverständlich. In Paris wohnt im Zentrum kein Armer mehr, in London nicht, in Manhattan nicht, in München nicht und in Berlin, wenn diese Politik sich fortsetzt, bald auch nicht mehr. Es sind längst Gettos entstanden. Zu diesen Hinweisen inspiriert die Lektüre von Michel Foucault.

Er stellt die Frage: Ist Vernunft vielleicht immer ausgrenzend und repressiv? Ist etwa die oft nur vorgebliche sorgende Haltung der Staaten für die Bürger nichts als eine pastorale Attitude? Bezogen auf die christliche Gemeinde hat er sich 1979 zur „pastoralen Macht“ geäußert, wo die selbst ernannten, nicht von den Gläubigen gewählten Führer und Herrscher sich als Hirten ausgeben und die Gläubigen eben zu Schäfchen machen, die sich unterdrücken lassen. Diese Arbeit Foucaults sollte theologisch endlich bearbeitet werden, zur Lektüre dieses Foucault Beitrages klicken Sie hier.

Foucault war ein Denker, der mit allem Nachdruck das Interesse auf den einzelnen, den singulären Menschen lenkte. Er wollte den einzelnen förmlich retten vor der Gewalt der (Denk) Systeme. “Das einzige was für ihn, Foucault, existiert, sind Singularitäten“, so Paul Veyne, Historiker und (explizit heterosexueller) Freund von Michel Foucault in dem Buch „Foucault. Der Philosoph als Samurai“ (Reclam, 2009, Seite 50). Auch wenn Foucault die metaphysischen und letzten und endgültigen Wahrheiten als Skeptiker entschieden zurückwies, so hat sicher Paul Veyne recht, wenn er Foucaults letztlich immer offene Haltung dann auf den Punkt bringt und damit meines Erachtens zugleich eine gültige Aussage zur Skepsis „insgesamt“ macht: “Ein Skeptiker hält es nicht für unmöglich, dass die Welt sehr anders ist, als wir sie wahrnehmen“(ebd. 51).

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Katholikentag in Leipzig: „Ich bin normal“. Es gibt (fast) keine „Atheisten“ in den „neuen Bundesländern“.

29. Mai 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Von Christian Modehn, zum ersten Mal veröffentlicht am 24. 5. 2016. Auf das Buch „Forcierte Säkularität“ wird am Ende des Beitrags hingewiesen (2.6.2016)

Etliche LeserInnen haben gefragt, ob man diesen Beitrag in drei Thesen zusammenfassen kann:

1.“Angesichts der religiösen Gleichgültigkeit derer, die sich (im Osten wie im Westen) in ihrer Lebensphilosophie als `normal` definieren und angesichts der Unkenntnis in Fragen des Christlichen bei den normalen Christen, ist weiterführend: Sich miteinander über die vielfältigen Dimensionen des „normalen Lebens“ austauschen und selbstkritische Fragen stellen. Wie man hört, ist es auch auf dem 100. Katholikentag in Leipzig nicht gelungen, Nähe, Freundschaft, Dialog mit den so genannten Nicht-Religiösen zu bewirken. Die Gründe dafür finden Sie weiter unten in dem Beitrag“.

2. „Und im Blick auf die katholische Hierarchie, die sich selbstherrlich immer noch als Meisterin „der“ Lehre betrachtet: Sie soll nur dazu ermuntern, dass jeder selbst die Anwesenheit des Göttlichen, des persönlich „absolut Wichtigen“ usw. in sich selbst entdeckt und Kirche als Ort des Austauschs darüber erlebt. Die dicken und angestaubten Handbücher der Dogmatik und Moral sollten beiseite gelegt werden. Denn „Glauben ist einfach“ mit einem einfachen, für alle nachvollziehbaren Inhalt. Siehe etwa die Gleichnisreden Jesu“.

3. Wenn die Kirchenführer und die mit ihnen verbundenen, also gehorsamen Laien den Dialog mit Nichtglaubenden, Atheisten, „Normalen“ wirklich und im Ernst, und nicht als Spiel bzw. Propaganda, wollen: Dann muss das ein Dialog auf Augenhöhe sein, bei dem alle, selbstverständlich auch die Bischöfe und die Laienfunktionäre, etwas lernen von den Gesprächspartnern. Wie diese von den Theologen natürlich auch. Dialog heißt von einander lernen. Wer das nicht will, sollte sich in seiner Gruppe (Sekte?) einschließen und viel Geld sparen und dies den Armen in Afrika geben …und seinem eigenen, geistigen Ende entgegensehen. Leben ist voneinander Lernen…   CM.

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Wer in diesen Tagen spontan unterschiedliche Menschen unterschiedlichen Alters anspricht, etwa in Leipzig oder in den östlich gelegenen Stadtbezirken Berlins, und sie nach ihrer weltanschaulichen oder religiösen Bindung/Orientierung befragt, erhält oft das stillschweigende und manchmal peinliche „Schulterzucken“ als körperlichen Ausdruck für das „Ich weiß es (selbst) nicht“. Oder er/sie hört die knappe Antwort: „Ich bin normal“. Dieses „Ich bin normal“ als Antwort auf die Frage nach der persönlichen Religion habe ich schon vor 15 Jahren oft gehört, als ich für die ARD Filmaufnahmen zum Thema „Glauben in der EX-DDR“ machte, etwa in Berlin-Lichtenberg, Treptow, Pankow oder Rostock, Leipzig, Dresden…

Ich finde das Bekenntnis „Ich bin normal“ hoch interessant und bedenkenswert. Es ist das Bekenntnis zur bislang wenig erforschten „Religion der Normalen“. Und dies sind natürlich nicht die Christen, nicht die Juden, nicht die Muslime, nicht die Buddhisten: Denn diese Religionen sind kleine Minderheiten in den neuen Bundesländern. Können denn Minderheiten „normal“, also auch „üblich“, gar gewöhnlich sein? Wer dort sagt, „ich bin normal“, fühlt sich ganz selbstverständlich als Mehrheit der angeblich an keine Ideologie Gebundenen. Er schließt also auch die aktive Mitgliedschaft in humanistischen oder freidenkerischen oder atheistischen Gruppen und Verbänden aus. Man will sich also nicht festlegen, weder für Gott noch gegen Gott. Man lebt sein Leben offenbar einfach so dahin, „ganz üblich“, ganz normal, meint man, mit allem Kummer, allem Alltag, allen kleinen und großen Freuden. Es ist deswegen meines Erachtens Unsinn, „die“ Menschen in der ehemaligen DDR pauschal „Atheisten“ zu nennen. Atheisten sind Menschen, die sich mit der Frage nach einem letzten, tragenden Lebenssinn auseinandergesetzt haben, die gefragt haben, die gezweifelt haben. Und dann eben Nein sagen, Nein sagen zu einer göttlichen Wirklichkeit. Die „Normalen“ tun das überhaupt nicht. Sie leben in der als Frage gar nicht auftauchenden Überzeugung: Es lohnt sich nicht, tiefer auf das eigene Leben zu schauen, es lohnt sich nicht grundsätzlicher, vielleicht sogar philosophisch, weiter zu fragen. Auf diese Fragen wird meines Erachtens auch gar nicht ausdrücklich verzichtet, man lehnt diese Fragen ja gar nicht explizit ab: Sie kommen im Alltag einfach nicht vor. Das eben ist normal. Es ist letztlich eine Welt ohne Transzendenz. Es ist ein Leben, das einfach von tiefer Müdigkeit geprägt ist, von einer Abweisung tieferer Neugier. Man ist offenbar satt und zufrieden, obwohl sozial eher auf der unteren Stufe steht oder sich dort fühlt. Darum sagt man sich: Sollen doch die verrückten Minderheiten tiefer fragen, die Gothics oder die Astrologen, die Zeugen Jehovas oder die Christen. Die Mehrheit der Normalen schließt sich in sich selbst ein.

Also heißt das Motto: „Bleiben wir in der Welt“. Das Wort Immanenz (anstelle von „Welt“) wird vermieden. Denn es ist nur in dialektischer Abhängigkeit von Transzendenz sinnvoll zu verwenden. Man bleibt als Normaler sozusagen in der flachen Ebene des Vertrauten und Gewöhnlichen. Bloß nichts Spinöses, bloß nichts Religiöses, das reimt sich. Man interessiert sich dafür nicht, aus purer gepflegter Unkenntnis, aus Müdigkeit: „Der Alltag ist schwierig genug“. Der Himmel ist darum auch kein tiefgründiges Symbol, sondern eben nur die riesige, oft blau erscheinende Wölbung über uns, wo die Wolken so hübsch dahin ziehen usw. Und wenn Tote zu beklagen sind, tröstet man sich mit der umgebenden Pflanzenwelt, der Natur, die blüht, verwelkt und eben auch vergeht: „So geht es uns eben auch. Basta“. Gott sei Dank, möchte man sagen, wird das eigene Menschenleben nicht am Beispiel der anderen Natur, also der Tierwelt, durchbuchstabiert, da geht es ja bekanntlich, in der Wildnis, fast nur ums Fressen und Gefressenwerden.

Diese knappen Interpretationen des „Ich bin normal“ sind keineswegs zynisch gemeint. Es sind Hinweise auf einen überwältigend mehrheitlichen Lebensstil, der sozusagen in der Welt aufgeht. Und der auch das vitale Interesse hat, möglichst viel von dieser Welt zu Lebzeiten noch („wann denn sonst?“) „mitzubekommen“.

Diese Haltung (sich mit der Welt zu begnügen) ist ja auch in der tatsächlichen Lebenspraxis normal für sehr viele, die auch Mitglieder der Kirchen sind und sich gläubig oder eben humanistisch/atheistisch nennen. Insofern ist der Wunsch nach einem gewissen Welt-Genuss für alle oder die meisten eben „normal“. Für die oben genannten „Normalen“ ist nur die überirdische, religiöse oder atheistische Lehre nicht normal.

Warum aber lehnen diese mehrheitlich Normalen dann aus Unkenntnis die Religionen, Philosophien, Atheismen ab? Wenn sie diese religiöse Welt einmal von außen betrachten, was ja manchmal vorkommt, erscheint sie den Normalen als aufgesetzt, befremdlich, „gewollt“. Das heißt ja nicht, dass diese Normalen nicht auch gern allerhand Mysteriöses mögen, etwa Science-Fiction oder ähnliche Verzauberungen im Fernsehen und im Computer-Spiel. Und man liebt die Musik, nicht unbedingt die h-moll-Messe, sondern eher die Songs und Lieder, ja auch dies: die deutschen Schlager. Aber das ist nun einmal das entspannende Tralala am Abend beim Glas Bier. Das ist die schlichte, die normale Lebenswelt. „Ich bin normal“ – diesem Bekenntnis ist – nun doch bewertend – eine gewisse Biederkeit, „Kleinbürgerlichkeit“ nicht abzusprechen. Zu dieser Mehrheit der Menschen gehören in den neuen Bundesländern etwa um die 75 Prozent (15 Prozent der Menschen dort sollen evangelisch sein, 5 Prozent katholisch). Damit ist nicht gesagt, dass es viele Nicht-Religiöse gibt, die durchaus Interesse an Formen der etablierter erscheinenden „Hoch-Kultur“ haben, also Oper, Konzert, Theater usw. Aber der „Osten“ Deutschlands, sicher auch bald der „Westen“  ist religiös äußerst verstummt, verschwiegen, nicht anspruchsvoll, nicht metaphysisch interessiert. Nur eben politisch oft ausrastend, weil man die Selbst-Reflexion, die Selbstkritik ja nicht so mag. Als Normaler hat man das ja auch nicht nötig, glaubt man. Gefährlich werden etliche „Normale“ im Hass gegen jene, die nicht so sind, wie man selber ist, also die Fremden, die Flüchtlinge. Darin zeigt sich die Begrenztheit des Normalen als eine schandhafte Borniertheit. Die Normalen sind also nicht so normal, wenn denn zum Menschsein immer (!) elementar Respekt, Nicht-Totschlagen, Nicht die Häuser der Armen/Flüchtlinge anzünden, Nicht-Pöbeln und Diffamieren usw. usw. gehört. Die guten Normalen (die all das nicht tun in ihrem biederen Alltag) befinden sich also auch in schlechter Gesellschaft der gewalttätigen Leute, die sich normal („Deutsch“, „Nationalist“) verstehen.

Aber täuschen wir uns nicht: Hinsichtlich der möglichst genießenden, möglichst immer lustvollen Lebensgestaltung, sind sich „Normale“ wie auch kirchliche Gebundene Menschen sicher einig, und dies gilt auch für etliche Christen in „Westdeutschland“. Es gibt also doch eine gemeinsame Basis sehr vieler, die hier in Deutschland leben, egal ob im Osten oder im Westen, egal ob sie eine Transzendenz, einen Gott, für wichtig halten oder nicht. Es ist dann doch das allgemeine Aufgehen im Alltag, mit gelegentlichen Unterbrechungen, die man Event, Fest usw. nennt, also Urlaub, Wochenende, Sport,  Schlagerfestival. Und vor allem Fußball, dies ist der absolute Gott, dem man alles opfert: Zeit, Geld, intellektuelle (Gedächtnis) Anstrengung („wer hat von Bayern München im Jahr 2012 Tore geschossen?“) usw. Mögen die obersten Fußball Manager noch so korrupt sein, am Gott Fußball wird festgehalten. Wenn in den Kirchen Korruption frei gelegt wird, bekommen diese normalen Herrschaften -zurecht- Tobsuchtsanfälle. Bei korrupten Fußball-Millionäre (Managern) nicht so sehr; dem Fußball bleibt man treu. Sonst hat man ja nichts. Fußball bietet offenbar mehr als der religiöse Gott. Meint man. Das Fernsehen (auch ARD und ZDF) fördert heute diesen Fußball-Gott maßlos, zum Schaden des öffentlichen Bildungsauftrags der beiden Sender, aber das nur nebenbei.

Sind eigentlich also die meisten Menschen „normal“ im beschriebenen Profil? Das scheint mir so zu sein. Denn die metaphysischen Aufschwünge, die glühenden Glaubensgespräche, sind auch unter Christen eher selten. Man geht vielleicht noch zur Messe, hört etwas vom armen Jesus von Nazareth, „all das war ja früher so“ und ist danach wieder „normal“. Wie sollte man auch die Bergpredigt heute leben können, leben wollen? Selbst diese Frage wird kaum gestellt. Selbstverständlich gibt es viele solidarische Christen, solidarisch mit Armen, Flüchtlingen, aber es ist die Minderheit.

Der Unterschied ist: Viele westliche christliche Normale (oder eben die wenigen Christen im Osten) sind zwar auch die das Leben-normal-Genießenden;  aber sie haben oft noch einen spirituellen (man könnte auch sagen ideologischen) Überbau, den sie noch etwas fragmentarisch kennen: Etwa die Grundlehren des Christentums, das Vater Unser, das klassische Glaubensbekenntnis. Aber selbst dieses ganz elementare ideologische Gerüst der Christlich-Normalen gerät bekanntermaßen immer mehr ins Wanken. Fragen Sie mal einen katholischen Rheinländer, was Fronleichnam bedeutet. Oder einen Protestanten in Hamburg, „wer“ denn zur Trinität gehört. Sonst eigentlich gebildete Menschen meinen im Ernst, mit ihrem Wissen in religiösen und theologischen Fragen auf infantilem Kinderniveau bleiben zu dürfen. Und sie schämen sich dafür nicht einmal. Und verbreiten ihre Weisheiten leidenschaftlich -dumm in Diskussionen: „Gott ist doch bärtig“…

Damit will ich sagen: Diese religiösen Lehren, die noch bei den „christlich Normalen“ vorhanden sind, haben tatsächlich schon etwas Künstliches. Denn diese Lehren sind aufgesetzt und angelernt und deswegen eben schnell wieder vergessen. Sie haben die Seele und den Geist nicht in Bewegung gebracht. Im Blick auf den Tod sagen viele christliche Normale oft dieselben Sprüche wie die weltlich Normalen: „So geht es halt in der Natur“. Von der Freude, gemäß der einst gelernten Auferstehungs-Lehre, dann bei Gott zu sein, habe ich in letzter Zeit wenig gehört.

Der einzige Unterschied noch zwischen christlichen Normalen und weltlichen Normalen ist: Die christlichen Normalen haben oft noch einen Bezug zu einer größeren und großen Gruppe, Gemeinde genannt. Das ist von größter Bedeutung für die Kommunikation gerade in der Anonymität der Städte. Aber die katholische Kirche in Deutschland (und ganz Europa) unternimmt alles, diese Kommunikation in einer wunderbar bunt zusammengewürfelten Gemeinde stark einzuschränken, indem die Gemeinden zu administrativen Großräumen „zusammengelegt“ werden. Denn die Priester (die wenigen, die bald kaum noch vorhanden sind, also de facto „aussterben“, das sagen Religionssoziologen) sind für die Hierarchie wichtiger, als die Orte der Kommunikation zu pflegen: Nur ein Priester darf Gemeinden leiten, und seien es 10 Gemeinden gleichzeitig. Ein Skandal ist diese „Herrschafts-Theologie“ auch für alle, die an sozialer Kommunikation interessiert sind.

So wird also, soziologisch betrachtet, ganz Deutschland allmählich „normal“, sehr weltlich, sehr „flach“, nicht „metaphysisch“. Und das heißt: Die Traditionen der überlieferten Transzendenz von einst verschwinden. Und sie sind oft schon verschwunden. Und darin sind die Kirchen selbst schuld: Sie halten in blinder Sturheit an den Jahrhunderte alten Formeln und Floskeln der alten Transzendenz-Deutung in Gebet, Theologie und Gottesdienst auch heute fest. Man stelle sich vor: Die Sprache der römischen Messe, bis heute weltweit zwanghaft von Rom vorgeschrieben, stammt aus dem 11. Jahrhundert in Rom: Das offizielle Glaubensbekenntnis kommt aus dem 4. Jahrhundert und wird immer noch so gesprochen wie zu Zeiten des heiligen Augustinus. Einige Prälaten sind sogar noch stolz darauf auf diese musealen Begriffe. Man muss schon Neoplatoniker werden, um diese mysteriösen Worte ohne lange Bedenkzeit zu verstehen, etwa: „Gezeugt, nicht geschaffen“ sei der Logos…Die übliche religiöse Lehre ist keine Auslegung unseres Lebens mehr. Deswegen ist sie so langweilig, so irrelevant.

Hinzu kommt bei den nicht religiösen wie christlichen Normalen eben auch die Abwehr der Institution Kirche, darüber sind tausendfach kluge Bücher geschrieben, Reformvorschläge unterbreitet worden: Nichts hat sich geändert.

Nicht nur eine neue Sprache ist wichtig, sondern vor allem eine neue,  inhaltlich neue Theologie! Das heißt: Die Kirchen sollten endlich vieles beiseitelassen. Sollten sich endlich von unverständlichen Traditionen befreien. Und der Mut ist wichtig, der Mut zum experimentellen, neuen poetischen Sprechen in der Gottesrede. Die katholischen Theologieprofessoren, bestens bezahlt als Beamte, erstarren heute vor Angst, die Inhalte des Christlichen neu und sebstverständlich auch anders zu sagen. Aber sie haben Angst vor der Hierarchie. Sie repetieren und paraphrasieren weitgehend den alten Formelkram und betreiben kaum interdiszipliär Theologie als immer neue Rede von Gott. Und das erzeugt dann eben die desinteressierte Normalität derer, die von Transzendenz nichts mehr wissen wollen.

Die beiden großen Kirchen, Protestanten und Katholiken, haben sich noch nicht versöhnt und als gleichberechtigt anerkannt. Sonst würde man ja etwa beim Katholikentag in Leipzig (4 Prozent Katholiken dort, also 26.000 Katholiken, oft aus dem Westen zugezogen) den vernünftigen Vorschlag einer neuen Ökumene hören: Lasst uns, Protestanten und Katholiken, von nun an und ab sofort (worauf warten wir eigentlich?) möglichst alles gemeinsam machen. Also: Besuchen wir sonntags wechselseitig unsere Gottesdienste, pflegen wir den Kanzeltausch, laden wir einander ständig zum gemeinsamen Abendmahl, der Kommunion, ein. Lassen wir den Schrott (das sind bekanntlich unbrauchbar gewordene, verfallene Gegenstände) der Traditionen beiseite.

Es könnte sein, dass sich dann die nichtreligiösen Normalen (in Leipzig z.B. fast alle, nämlich 480.000 der Einwohner) wundern und staunen, dass dieser alte Kirchenclub doch noch etwas Vitalität und Mut hat. Gerade im (bevorstehenden) Reformationsgedenken. Vielleicht würden diese „normalen“ Kreise ihre von Fragen befreite Müdigkeit überwinden.

Und alle Normalen, ob religiös oder nicht, könnten sich sagen: Wenn wir schon diesen Titel „normal“ gemeinsam als Basis der Menschen beanspruchen, dann wollen wir uns eben, normalerweise, gemeinsam für die Menschenrechte einsetzen, für die Flüchtlinge, die Fremden, die Armen und gegen die dummen Sprüche der so harmlos genannten Populisten und ihrer Parteien argumentieren und kämpfen. Lasst uns also gemeinsam Menschen werden. Eben endlich wahrhaft Normale, könnte man ja sagen.

Monika Wohlrab-Sahr, Prof. für Soziologie an der Universität Leipzig, hat mit anderen Soziologen 2009 das hoch interessante, leider kaum beachtete Buch „Forcierte Säkularität“ veröffentlicht (Campus Verlag). Darin werden ausführliche Interviews mit Menschen in den neuen Bundesländern dokumentiert und auch bewertet. Interessant ist, dass zum Schluß des Buches von „eigenen Transzendenzen“ der Menschen in dem Gebiet der ehemaligen DDR gesprochen wird. Die Säkularität ist also soziologisch gesehen nicht als total zu bewerten, geht ja auch nicht, philosophisch gesehen. In dem Buch werden explizit „mittlere Transzendenzen“, also  „Gemeinschaft und Ehrlichkeit, aber auch „Arbeit als idealisierter Bezug“ (S. 351) genannt. Ausdrücklich wird von Bezogenheit auf Werte gesprochen, aber auch von der Schwierigkeit, emotional und intellektuell die seit 1989 neue ökonomische (!) und politische Situation zu verarbeiten. Warum haben die Kirchen im Osten Deutschlands also so wenig Anklang gefunden, trotz der demokratischen Leistungen in der Wendezeit? „Die Kirchen des Ostens leiden unseres Erachtens an dem Gestaltwandel, den sie im Zuge der Einbindung in die kirchlichen Strukturen der Bundesrepublik Deutschland mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durchgemacht haben. Die Kirchen im Osten bekommen zu spüren, dass dieser Prozess von vielen ehemals Aktiven als Abkehr von einer kirchlichen Gemeinschaft (!) hinzu einer Organisation (!) erfahren wird, von der sich die an gemeinschaftliche Strukturen Gewöhnten entfremdet fühlen … In gewisser Weise sind die Kirchen die Leidtragenden einer gesellschaftlichen Transformation, zu der sie als Kirchen selbst beigetragen haben“ (S. 352). Darüber sollte man sprechen und sich deutlich fragen, ob Kirche als Gemeinschaft, selbstverständlich als offene, undogmatische Gemeinschaft, und nicht moralisierende, sondern solidarische, wie in den Jahren der Wende, wiederzugewinnen ist. Und ob nicht im Westen seit Jahren bereits diese Gemeinschaftserfahrung von der Hierarchie selbst bereits gestört und zerstört wird (siehe „Gemeindezuzsammenlegungen“ etc.)

Einige Zitate aus einem Interview mit Prof. Monika Wohlrab-Sahr, das ich im März 2010 mit ihr in Leipzig führte, die Aussagen sind immer nich treffend:

1.“In einem Teil dieser Gespräche haben wir eine Frage gestellt an die Familien, was glauben Sie, kommt nach dem Tod. Und in diesem Zusammenhang fällt eben diese Äußerung: Ich würde mir das offen lassen. Das ist gewissermaßen so eine Zwischenstellung zwischen einer klar entweder atheistischen oder christlichen Positionierung und in der Mitte eben diese Haltung: ich lass mir das offen. Man sagt klar nicht mehr dezidiert: Da kommt gar nichts. Also man ist nicht mehr klar atheistisch positioniert. Eine Tür steht offen im Hinblick auf das, was da vielleicht kommen könnte. Aber es deutlich eine Grenze da gegenüber einer klar inhaltlichen Füllung“.

2. „Es gibt aber natürlich auch Umfrageergebnisse, die sich auf 19 bis 29 beziehen. Da ist deutlich, dass sich eine spirituelle Öffnung andeutet. Oder eine Öffnung gegenüber religiösen Denkräumen. Das zeigt sich auf statistischer Ebene insbesondere daran, dass diese Altersgruppen wieder stärker von sich sagen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Also die Zahlen sind stark angestiegen. Und interessant ist, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder der Glaube dass da was könnte, um es mal vorsichtig auszudrücken, nicht unbedingt was zu tun hat mit christlicher Orientierung oder hinduistischer Orientierung, also mit einer inhaltlichen rel. Orientierung! Sondern eher einen Denkhorizont aufstößt“.

3. „Dieses Spekulieren über das Leben hat etwas mit Transzendenz zu tun. Das Leben ist nicht begrenzt auf das, was hier und jetzt erfahrbar ist. Ob da was Göttliches mitspielt, da wäre ich vorsichtig. Ich hab den Eindruck, dass eher gedacht wird in Vorstellungen, es gibt vielleicht eine höhere Macht, aber dass diese höhere Macht doch in der Abstraktion belassen wird und nicht personlaisiert im Sinne einer christlichen Gottesvorstellung etwa gedacht wird“.

4. „Die SED hat es doch geschafft, einen Gegensatz zu erzeugen zwischen Religion und Wissenschaft insbesondere, den man bis in die Gegenwart spürt. Das man sehr viel stärker, glaube ich, als es im Westen der Fall ist, hier auf ein Selbstverständnis stößt der ostdeutschen Bevölkerung: Wer ein klar denkender, rationaler Mensch ist, dass der eigentlich mit Religion nichts zu tun haben kann, in den mittleren und älteren Generationen fühlt man das nach wie vor sehr stark“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Humanistin predigt in protestantischem Gottesdienst in Amsterdam

28. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Freisinnige Christen - eine freisinnige Kirche: Die Remonstranten

Ein Hinweis und ein Impuls von Christian Modehn

Am Sonntag, den 29. Mai 2016, predigt die neue Direktorin des Humanistischen Verbandes der Niederlande, Christa Compas, im Sonntagsgottesdienst der protestantischen Gemeinde der Remonstranten in Amsterdam, die Kirche heißt „de Vriburg“. „Gebt mir Brot und auch Rosen“ ist das Thema. Christa Compas ist Politologin und in vielfältiger Weise auch für die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft aktiv. Der „Humanistische Verband Hollands“ ist eine bekannte Organisation, in der sich agnostische und atheistische Menschen zusammenfinden; sie haben z.B. eine eigene Universität in Utrecht. Uns freut es sehr, dass die Remonstranten eine prominente Humanistin zur Predigt im Sonntagsgottesdienst einladen. Und fragen uns natürlich, ob solches in Deutschland, etwa in Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD), möglich wäre. Vonseiten des HVD bestimmt… Übrigens: Eine führende Mitarbeit des theologischen Instituts der Remonstranten in Amsterdam, Christa Anbeek, war als Theologin auch Dozentin an der genannten humanistischen Universität in Utrecht. Sicher kommen sich auf diese Weise, durch gemeinsame christlich-humanistische Veranstaltungen, Glaubende und Skeptiker (Agnostiker, Atheisten…) näher und entdecken: Was uns verbindet ist größer als das,was uns trennt: Uns verbindet die Sorge um die Menschen, etwa, dass sie alle  „Brot und Rosen“ haben und diese teilen und sich daran erfreuen, um den Titel der Predigt von Christa Compas in der Amsterdamer Kirche noch einmal aufzugreifen.

Ich möchte hoffen, dass der universale humanistische Geist (der ja nie ein explizit antireligiöser und atheistischer war und ist) allmählich als gemeinsame menschliche Basis wieder entdeckt und gepflegt wird. Die entscheidende Erkenntnis: Zuerst kommt der allen gemeinsame Humanismus. Und erst dann die speziellere Interpretation des Menschen, die religiöse oder eher agnostische.  Aber dies ist die zweite Ebene! Und sie sollte auch als solche (eben nicht so dringende Dimension) gelebt und gelehrt werden, gerade jetzt.

Weitere Informationen zur Predigt von Christa Compas und der protestantischen Kirche de Vrijburg in Amsterdam finden Sie hier.

Christian Modehn, religionsphilosophischer salon berlin



„Meine Verantwortung“ … und MEXIKO. Zum „Philosophie Magazin“, Ausgabe Juni 2016

27. Mai 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27. Mai 2016

Das „Philosophie Magazin“ wurde vom Religionsphilosophischen Salon Berlin schon mehrfach empfohlen. Auch die Ausgabe Juni/Juli 2016 bietet wieder Impulse zum Weiterdenken und Weiterlesen.

Vor allem das Schwerpunktthema Verantwortung bringt mehr Klarheit in die jetzt heftigen, zum Teil politisch-polemischen Debatten. Wolfram Eilenberger, Chefredakteur der Zeitschrift, erinnert daran, dass Verantwortung als expliziter Begriff in der Ethik erst recht spät, vor 200 Jahren, ausführlicher dargestellt wurde. Eilenberger meint: Genaue Umgrenzungen von persönlicher Schuld und Mitschuld, Zuständigkeit für Fehler usw. sind in der komplexen Lage von Handlungszusammenhängen oft gar nicht zu definieren. Wenn keine absolut festen Grenzen gezogen werden können für die eigene Verantwortlichkeit oder auch Mitschuld, so ist das „nicht etwa als hemmende Einschränkung, sondern als bedingende Möglichkeit der eigenen Moralität zu sehen“ (S. 47). Zur Verantwortungs-Ethik (als Gegenbegriff zur „Gesinnungsethik“) gehören die drei, wohl nicht immer gleichzeitig zu realisierende Haltungen, die Max Weber formulierte: “Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß“.

Sehr wichtig ist das Interview, das Svenja Flaßpöhler mit dem Berliner Philosophen Stefan Gosepath (FU) führte unter dem treffenden Titel „Es gibt eine globale Hilfspflicht“ (S. 55 ff.) Stefan Gosepath widerlegt die immer wieder propagierte Behauptung, die Distanz zu Leidenden in weiter Ferne erzeuge hier für uns keine Verantwortung zu helfen. „Alle, die in der Lage sind, humanitäre Strukturen aufzubauen, haben die Pflicht dazu“. Ein Beispiel: „Egal , wie weit weg Sie von der Kreuzung wohnen, bei der z.B. ständig Unfälle passieren“. „Wir bräuchten eine Weltorganisation, die dafür sorgt, dass diese Hilfspflicht befolgt wird. Diese Organisation müsste besser aufgebaut sein als die UN. Wir haben eine globale Armut und einen globalen Reichtum. Der Ausgleich ist am besten durch Steuern zu realisieren“. „Wir bräuchten z.B. eine Flüchtlingssteuer als Teil dieser allgemeinen Hilfssteuer“ (S. 56). Das sind neue Vorschläge zu dem, was man auch „Fernsten-Liebe (Verantwortung) und nicht Nächsten-Liebe“ einst nannte, von philosophischer Seite; darüber sollte eine breite Diskussion beginnen. Stefan Gosepath weist am Beispiel der überschaubaren Hilfe hierzulande auf die weiterreichende Verantwortung hin: Kann eine arme Familie für ihre Kinder nicht mehr selber sorgen, dann ist hier die Gesellschaft – selbstverständlich – gefordert. Daraus folgt: „Wenn diese Selbstsorge bei den Armen dieser Welt nicht mehr funktioniert, und zwar im eklatanten Sinne nicht funktioniert, wenn Menschenleben gefährdet sind und Menschenrechte verletzt werden, dann ist die Weltgemeinschaft gefordert“ (57). Gegenüber den sehr rechtslastigen Populisten, die egozentrisch auf sich selbst und nur die eigene Nation starren und nicht den fernen Leidenden als Menschen anerkennen und umfassend helfen wollen, sagt Gosepath: „Was ist, wenn du selbst Pech haben wirst in Zukunft? Morgen stürzt du von der Leiter und hast dir das Bein gebrochen. Darf ich dann sagen: Pech gehabt, du bleibst da liegen?“ (ebd.)

Spannend ist auch das Gespräch des Schriftstellers und emerit. Rechtsphilosophen Bernhard Schlink mit dem Philosophen Ludger Heidbrink (Kiel) zum Thema „Macht uns das System verantwortungslos?“ Dabei wird an die zunehmende Übergabe aller Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung auf den einzelnen durch den Staat heute gedacht. Der einzelne muss sich absolut, man möchte sagen total, um sich selbst kümmern. Warum soll er sich dann bei so vielen Belastungen noch um den Staat kümmern, der doch die Verantwortung auf ihn übertragen hat“, fragt Schlink (S. 62). „Der entfesselte Kapitalismus hat dazu geführt, dass das Interesse dafür, was über den eigenen Horizont hinausgeht, drastisch abnimmt“ (ebd.). Schlink meint weiter, der Staat und die Gesellschaft seien nur zum Respekt der Gerechtigkeit und der Einhaltung von Verträgen und Gesetzen verpflichtet. Barmherzigkeit sei Sache des einzelnen, etwa des religiösen Menschen. “Aber das (gemeint ist Barmherzigkeit CM) geht über das, wozu Staat und Gerechtigkeit verpflichtet sind, hinaus“ (S. 65). Die Frage ist, ob ein Leben gemäß den Menschenrechten nicht auch den Aspekt der Barmherzigkeit (als über alle gesetzlichen Vorschriften hinausgehende Zuwendung zu den Armen etwa) kennt.

Das „Philosophie Magazin“ hat, in Kooperation mit der französischen Ausgabe, keinen sehr engen Philosophie-Begriff! Das zeigt sich erfreulicherweise diesmal wieder in einer ausführlichen kritischen Reportage über die verheerenden politischen und moralischen Zustände in dem mehrheitlich katholischen Mexiko: Wofür kämpften die verschwundenen 43 Studenten, die Ende 2014 entführt und hingerichtet wurden von Verbrechern aus dem Umfeld der Drogenmafia in Zusammenarbeit mit der ebenso korrupten Polizei im Bundesstaat Guerrero? Dieser Frage geht der Reporter Michel Eltchaninoff nach und zeigt dabei die desolaten und verheerenden Zustände in Mexiko selbst. Der grausige Mord an den 43 jungen Rebellen bzw. Revolutionären alter kommunistischer Prägung „hat das Land Mexiko letztlich nicht verändert“, sagt der Soziologe und Anthropologe Roger Barta von der Uni UNAM, Mexiko-Stadt. „Er bedauert, dass bislang noch keine glaubhafte Alternative zu diesem politisch-mafiösen System des Staates Mexiko zutage getreten ist“ (S. 40).

Was ist also in Mexiko heute bestimmend? Vor allem „Gewalt (22.000 Menschen sind mindestens seit 2006 `verschwunden`, also wohl umgebracht worden, S. 35) und „Migration von Massen in die USA, Ressourcenplünderung, korrupter Staat und zuckersüßer TV Eskapismus“ (S. 41). Man möchte hinzufügen: Und eine katholische Kirche prägt Mexiko, die in ihren Bischöfen weithin aufseiten der Mächtigen steht. Und die nach wie vor behauptet, mit volkstümlichen Festen (dia de los muertos, Prozessionen und Heiligenkulte sowie ausufernde Marien-Verehrung usw.) das moralische Gewissen der Bevölkerung UND der Herrschenden zu formen. Volksreligion ist aber doch oft Folklore und Tralala und, sagen wir, Saufgelage; das sollte man doch endlich auch theologisch zugeben, selbst wenn Papst Franziskus anstelle der kritischen Befreiungstheologie die alte Volksreligion so liebt. Oder es ist bei den Ingenas, etwa in Peru, der Bezug zur alten, vor-kolonialen Volks-Religion, eine Art Flucht ins Uralte (in die katholische Messe gehen sie trotzdem, parallel zu den Quetschua-Kulten).

Dass dieses Projekt einer die Gewissen bildenden Volksreligion offenbar gescheitert ist, sollte einmal dargestellt werden. Die der Volksreligion nahe stehenden Mörderbanden in Staat, Polizei, Gesellschaft und vor allem in den Verbrecher-Banden (Drogen) haben sich – als selbstverständliche Teilnehmer volksreligiöser Zeremonien – durch diese Religion jedenfalls nicht moralisch prägen lassen. Ich meine: Anstelle dieser ganzen Kulte sollte die Kirche bei ihren immer noch gut besuchten Veranstaltungen die Menschenrechte lehren und „einpauken“ und als Kirche selbst vorbildlich leben.

Man wünscht sich, bei diesen sehr sinnvollen politisch-soziologischen Reportagen im „Philosophie Magazin“, dass  auch gezeigt wird: Was ist eigentlich philosophisch in Mexiko los? Lesen die Philosophen (an der Uni) dort auch nur Platon und Kant, oder gibt es eigenständiges mexikanisches Philosophieren? Immerhin hätte doch der weltbekannte, in Mexiko lebende argentinische Philosoph Enrique Dussel vorgestellt werden können. Aber da kann ja in einer nächsten Ausgabe noch geschehen zum Thema Enrique Dussels: „Philosophie der Befreiung“.

Für weitere Informationen zum neuen Heft des Philosophie Magazin klicken Sie bitte hier.

Wir empfehlen dringend zur Vertiefung das Heft „Mittelamerika“ der Edition „Le Monde Díplomatique“, (auf Deutsch erschienen 2016), besonders zu Mexiko: Seiten 84 bis 112. Im Zeitschriftenhandel ist das wertvolle Heft für 8,50 zu haben!!

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin