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Theologie der Befreiung: Neue Erkenntnisse zur Option für die Armen, zur Rolle des Hilfswerkes ADVENIAT usw. .

9. Mai 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Perspektiven und Probleme

Neues zur lateinamerikanischen Theologie der Befreiung

Hinweise von Christian Modehn am 9.5.2016 anlässlich eines Buches von Kardinal Aloisio Lorscheider, Brasilien.

Theologen und Bischöfe, vor allem aus der katholischen Kirche, neigen bekanntermaßen dazu, ehrlich und ungeschützt erst dann bestimmte Wahrheiten auszusprechen, wenn sie pensioniert sind und im Ruhestand leben, zurückgezogen von allen offiziellen Ämtern. Also außerhalb der Schusslinie der römischen Glaubenskongregation leben…

Kardinal Aloisio Lorscheider aus dem Franziskaner-Orden hatte höchste amtliche Funktionen inne: Er nahm am 2. Vatikanischen Konzil teil, war Generalsekretär und Vorsitzender der bedeutenden brasilianischen Bischofskonferenz (bis 1978) und Vorsitzender der gesamt-lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM von 1976 bis 1979; er führte 1979 den Vorsitz der Generalversammlung in Puebla, Mexiko, und nahm auch an der späteren CELAM- Konferenz in Santo Domingo teil. Er war Theologiedozent in Rom, seit 1973 Erzbischof von Fortaleza, danach in Aparecida. 2004 wurde sein altersbedingter Rücktritt vom Papst angenommen. Er ist sozusagen ein Top-Kenner der kirchlichen Verhältnisse in Lateinamerika. Er ist schon und gerade als Bischof immer ein Freund der Befreiungstheologie gewesen, er lobte und unterstützte die Basisgemeinden. Einen solchen aufrechten, immer selbstkritischen, bescheiden lebenden lateinamerikanischen Bischof findet man nicht so oft…

Kurz vor seinem Tod im Jahr 2007 (geboren wurde Aloisio Lorscheider 1924 in Südbrasilien) gab der pensionierte Erzbischof noch 2006 ein längeres Interview für eine Gruppe von Christen in Fortaleza. Dieses wichtige theologische Zeugnis ist jetzt, 9 Jahre nach der brasilianischen Veröffentlichung, auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Lasst euer Licht leuchten“. Der Untertitel ist schon treffender bzw. provozierender und weniger lyrisch: „Rückblicke in die Zukunft der Kirche“. Erschienen in der edition ITP-Kompasse, Münster. Das Buch hat 184 Seiten, es wurde von Conrad Berning übersetzt. Es enthält auch wichtige kurze Stellungnahmen kompetenter Befreiungstheologen und Freunde des Kardinals.

Das Interview selbst ist in meiner Sicht sehr inspirierend, weiterführend, weil da von einem Insider in aller Deutlichkeit druchaus neue Fakten zur Theologie der Befreiung genannt werden, die sicher das weitere Interpretieren dieser nach wie vor lebendigen Theologie (obwohl von Rom oft genug kaputt geredet) bestimmen sollte.

Ich nenne in aller Kürze nur einige Tatsachen, die Kardinal Lorscheider in dem Buch mitteilt:

Zu seinem Umgang mit Basisgemeinden in Fortaleza, Nordostbrasilien: „Ich höre dort einfach nur hin. So gestaltet sich heute der Weg der Kirche. Dieses Miteinander ist uns abhanden gekommen“ (S. 28).

„Bischöfe und Priester müssten sich in der historisch-kritischen Methode der Bibelinterpretation weiterbilden. Dies geschieht in der Tat jedoch nicht“. (S. 42).

Rom will keine Diskussion zum Zölibat:
„Als ich als einer der Präsidenten des CELAM nach Puebla zur Generalversammlung der Bischöfe fuhr, erhielten wir die Order, nicht über den Zölibat zu diskutieren und über die Frage, ob die Theologie mehr spekulativen oder mehr einen praktischen Charakter besäße. Trotzdem sprach Bischof Hypólito aus Nova Iguacu das Problem des Zölibates in Puebla an“ (S. 46).

„Tatsache ist, dass wir 20 Jahrhunderte lang keine Frauen im Priesteramt hatten. Aber auch wenn es das in zwanzig Jahrhunderten nicht gab, ist es kein Grund, dass es heute nicht anders werden könnte“ (S. 49).

Zur Wahl des polnischen Kardinals Wojtyla zum Papst 1978: „Die Deutschen (Kardinäle) hatten dabei großen Einfluss. Auch wegen der damaligen Sorge um den Marxismus. Innerhalb Europas galt Karol Wojtyla als eine der Koryphäen im Kampf gegen den Marxismus….Es gab im Konklave eine gewisse fundamentalistische Tendenz. Man wollte Sicherheiten… Der Vorgänger, Papst Paul VI., wurde von einigen als ambivalent gesehen, weil er nicht genau wisse, was er wolle“ (S. 57). Überhaupt müsste man weiter untersuchen, wie die panische Angst des Klerus vor „dem“ Sozialismus seit Pius XII. allbestimmend wurde, bis hin zur Rücksichtnahme gegenüber dem Faschismus (als dem angeblich gerungeren Übel). Diese panische Angst vor dem (angeblich atheistischen) Sozialismus bestimmte den Umgang mit Befreiungstheologen, diese Haltung war sicher auch von den Mächtigen in den USA erwünscht, siehe die Beziehungen Reagan-Papst Johannes Paul II. Leider wird das Thema in dem Buch nicht vertieft.

Der Beitrag des belgischen, in Brasilien lebenden Theologen José Comblin unterbricht das Interview mit Lorscheider. Comblin schreibt, dass Kardinal Lorscheider als Celam Chef den reaktionären kolumbianischen Generalsekretär des CELAM Bischof Lopez Trujillo „ertragen“ musste. „Lorscheider allein weiß, wie viele Demütigungen er von Trujillo hinnehmen musste und zu ertragen hatte“ (S. 59). Auch das gehört dazu: Lorscheider spricht in dem Buch davon, dass er seit langer Zeit schon schwer herzkrank ist: „Ich habe vier Bypässe und einen Herzschrittmacher“ (S. 31). Darf man vermuten, dass u.a. der Umgang mit reaktionären Kirchenfürsten wie Lopez Trujillo krank machen kann?

Ich meine: Lopez Trujillo, dem Opus Dei sehr nahe stehend und in etliche nie geklärte Finanzgeschäfte mit dem CIA und den Drogenbossen verwickelt, wurde durch römische Protektion dann sogar Chef des CELAM (1979-1983) und später Chef der obersten päpstlichen Familienbehörde im Vatikan. Dort verbreitete er viel Merkwürdig-Dummes, etwa, dass Kondome Löcher enthielten, deswegen kämen Kondome als Schutz gegen AIDS überhaupt nicht in Frage. Solch ein Mann war Chef des päpstlichen „Familienministeriums…“   Sein schädlicher Einfluss kann kaum überschätzt werden, dazu sollten endlich religionswissenschaftlich-politologische Studien über Herrn Lopez Trujillo verfasst werden, Theologen sind für diese Studien zu befangen und eben kirchen-abhängig….

Zurück zum Interview mit Kardinal Lorscheider: „Wir Bischöfe müssen auch Ankläger ungerechter Strukturen sein, nicht nur Verkünder der frohen Botschaft“ (S. 66).

Besonders wichtig sind die Hinweise Lorscheiders zur viel besprochenen Option für die Armen, die sozusagen ein Motto ist in weiten Kreisen der lateinamerikanischen Kirche: Die Frage wird gestellt: „Sie meinen also, diese Option sei weniger pastoral und evangeliengemäß als vielmehr strategisch-politisch motiviert?“ Die Antwort von Kardinal Lorscheider: „Ja, das glaube ich. Diese Option war mehr strategisch-politisch innerhalb des damaligen politischen Kontextes“ (S. 68). Zuvor weist Lorscheider auf die in kirchlichen Kreisen starke Angst vor dem Kommunismus und dem Marxismus hin. Mit der kirchlichen Option für die Armen wollte die Kirche also Marxismus und Kommunismus schwächen. Dass in den Evangelien die Armen selig gepriesen werden, war den Bischöfen also aus strategischen Gründen erst mal nicht so wichtig.

Interessant sind die Hinweise von Kardinal Lorscheider zum katholischen Hilfswerk ADVENIAT (auf Seite 69).

Es wurde ja immer von Adveniat heftig und polemisch bestritten, dass unter dem damaligen ADVENIAT Chef, Bischof bzw. dann Kardinal Franz Hengsbach aus Essen, (zudem dem Opus Dei nahe stehend, Ehrendoktor der Opus die Uni Navarrra in Pamplona, er erhielt auch einen Preis von Diktator Banzer in Bolivien usw.) eine entschiedene und finanzstarke Institution GEGEN die Befreiungstheologie gearbeitet hat. Also aus Spendengeldern der braven deutschen Katholiken finanziert. P.S.: Ich selbst habe als Journalist, Mitarbeiter im WDR Fernsehen,  die Wut von ADVENIAT Leuten zu spüren bekommen, als ich in einem Bericht dies nachwies (durch ein Interview mit dem damaligen Weihbischof und Opus Dei Mann Karl Josef Romer, Rio de Janeiro). Solche berufsschädigenden Attacken von Adveniat wurden selbstverständlich nie zurückgenommen, niemand hat sich für diese blödsinnige Kritik, durch KNA obendrein treu verbreitet, bei mir entschuldigt…

Nun also sagt einer, der es wissen muss, nämlich Kardinal Lorscheider: „Wir wussten, dass von Deutschland aus, vor allem von ADVENIAT, Druck gegen die Befreiungstheologie aufgebaut wurde. Das ging sogar so weit, dass der Erzbischof und spätere Kardinal Hengsbach aus Essen, dem Sitz Adveniats, eine ganze Studienreihe mit diversen Büchern und Publikationen gegen die Befreiungstheologie organisierte. Einige Bischöfe Lateinamerikas standen auf seiner Seite. Es gab dann in Deutschland eine REGELRECHTE VERSCHWÖRUNGSWELLE, ausgehend von der Gruppe um Hengsbach. Sie verfügten über viel Geld…“ Eines der anti-befreiungstheologischen Büchern von Hengsbach trägt den Titel: „Utopie der Befreiung“, Mitherausgeber ist der oben genannte Bischof Lopez Trujillo…

Die 4. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischof 1992 in Santo Domingo nennt Erzbischof Lorscheider – als Teilnehmer dort – „einen Reinfall“, “weil Rom begann, massiv zu dominieren“ (S. 69). „Reinfall“ auch noch einmal auf Seite 71. „Ich habe mich dort (in Santo Domingo) geschämt, ich sehe noch einen Theologen in unserer Gruppe, der wusste gar nichts. So waren auch die anderen, alle waren sehr schwach“ (71).

Was will Rom, d.h. der Vatikan eigentlich in der gesamten Kirche und der Welt erreichen? „Das Hauptinteresse Roms ist immer, die Kirche zu verteidigen“ (S. 70)

Welche Gruppen und Klassen spricht die Kirche heute noch an? „Es gibt viele in der Kirche, die fühlen sich am wohlsten in der High Society. Unsere Kirchgänger sind nicht die Armen“ (s. 72).

Kardinal Ratzinger hat in seinem zähen Kampf gegen die Befreiungstheologie immer den Begriff Heil (umfassend) gegen die Befreiung (nur politisch, wie er meint) ausgespielt. Dagegen betont Kardinal Lorscheider: „Aber wir wollen eine Befreiung, die zugleich Heil bedeutet, d.h. den Blick auf den Körper und die Seele richten. Wir wollen, dass es dem Menschen materiell gut geht und spirituell auch….Gnade zusammen mit menschlicher Leistung“ (S. 76).

Zur Theologie heute insgesamt: „Zur Zeit befinden wir uns theologisch in einem Stillstand. Unsere Theologen sind nicht müde, aber ziemlich verzweifelt und verängstigt“ (S. 78).

Mit einer philosophischen Weisheit sollen diese Hinweise beendet werden. Lorscheider sagt im Blick auf die Kirche und den Vatikan: „Das Sich-Hinterfragen ist eine der Voraussetzungen, um sich entwickeln zu können“ (S. 99).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

5. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Pfingsten 2016: Wie der heilige Geist heute zu politischer Kritik ermuntert

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen  gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in den aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere; sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden. Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein im Umrissen sichtbare neue Welt ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden. In der Religionsphilosophie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten, hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grundstürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen,nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher;  sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: eher nicht, es ist zu spät. Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 



Der Islam in Spanien heute. Ein aktueller Buchhinweis

2. Mai 2016 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog, Philosophische Bücher

Islam in Spanien heute: Ein neues Buch von Ignacio Cembrero

Hinweise von Christian Modehn. Siehe auch den Beitrag über die Mezquita, die „Moschee-Kathedrale“ in Cordoba, klicken Sie hier.

Spanien: Das Land, in dem einige Jahrhunderte (von 711 bis 1492) Muslime, Christen und auch Juden halbwegs friedlich unter muslimischer Herrschaft zusammenlebten, bis die katholische „Rückeroberung“ definitiv erfolgreich war. Spanien: Das Land also mit etlichen Jahrzehnten durchaus auch multi-kultureller (und philosophischer !) Blüte unter islamischer Herrschaft („al andalus“). Das Land, das nur wenige Kilometer von der islamischen Welt (Marokko) entfernt ist; das Land, das zwei kleine Enklaven auf marokkanischem Boden besitzt, Melilla und Ceuta; Spanien, das Land, in dem es am 11. März 2004 („11-M“ als Symbol in Spanien) ein schreckliches islamistisches Attentat am Hauptbahnhof Atocha, Madrid, gab; das Land, in dem heute 2 Millionen Muslime leben (etwa 4 Prozent der Bevölkerung): Dieses nicht mehr nur katholische Land ist nicht nur von zunehmender Kirchendistanz und vom Atheismus geprägt, sondern eben auch vom Islam, diese Tatsache ist hierzulande relativ unbekannt. „Das Niveau der Islamophobie ist in der spanischen Gesellschaft eher schwach und die radikalen antiislamischen Parteien sind irrelevant“, sagt der Cembrero in seinem Buch, (S.18). Lediglich in Katalonien spielt die rechtsextreme Partei PxC („Plataforma per Catalunya“) eine gewisse Rolle auf lokaler Ebene (S. 97 und 99).

Allen, die Spanisch lesen können, empfehle ich das neue Buch des Journalisten und Islam-Spezialisten Ignacio Cembrero. „La Espana de Alà“, erschienen im April 2016 im Verlag „La esfera de los libros“, Madrid, 389 Seiten, 21,90 Euro. Ignacio Cembrero ist Journalist, hat in Paris Politikwissenschaften studiert, für „El Pais“ und „El Mundo“ gearbeitet, er wurde für seine Studien und Veröffentlichungen mehrfach ausgezeichnet.

Aus der Fülle der Informationen, die dieses im Reportage-Recherche-Stil geschriebene Buch enthält, nur einige Hinweise: Bei einer Pressekonferenz am 24. April 2016 hat Ignacio Cembrero festgestellt: „Die Ankunft von Immigranten (aus der islamischen Welt) ist eher eine Chance als eine Bedrohung für Spanien. Sie bringt Dynamik ins Land und ist eine Art Anregung für das Land, das sie aufnimmt, aber ein Verlust für die Länder, aus denen die Immigranten kommen“. „Sie sind bei uns willkommen nicht aus altruistischen Gründen, sondern weil wir sie brauchen“, sagt Cembrero im Vorwort seines Buches (S. 17). Die islamische Bevölkerung in Spanien ist zahlenmäßig viel schwächer als in anderen europäischen Ländern, und auch die Anzahl der Konflikte mit dieser Bevölkerung ist im ganzen gesehen geringer als etwa in Frankreich oder Belgien, so der Autor. Den höchsten Anteil an islamischen Bürgern Spaniens haben die Enklaven Ceuta und Melilla.

Zum ersten Mal wird aber auch eine bislang geheim gehaltene Karte veröffentlicht, die das Innenministerium erarbeitet hat. Diese Karte dokumentiert die Regionen, in denen es Konflikte mit islamischen Bevölkerung gibt, da steht Barcelona und Katalonien an der Spitze.

Wenn es nun eine gewisse Radikalisierung der jungen islamischen Bevölkerung gibt: Dann sieht der Autor die Gründe in der Schwierigkeit, eine Identität zu finden: Diese jungen Leute fühlen sich weder als Spanier noch als Algerier oder Marokkaner. Was ihnen eine eigene, von anderen abgegrenzte Identität gibt, ist die muslimische Religion. Dabei ist der – auch finanzielle – Einfluss islamischer Staaten auf das religiöse Leben der Muslime in Spanien beachtlich, wobei die verschiedenen theologischen Schulen miteinander konkurrieren. 20.000 SpanierInnen (christlicher Herkunft) gelten als Konvertiten zum Islam. „Früher wären diese Leute bei der politischen Linken gelandet, aber heute sind es junge Menschen mit einem Leben ohne bestimmte Strukturen, die nun die islamische Religion förmlich umarmen (einige in der radikalen Form), um auf diese Weise die Globalisierung zu bekämpfen….“

Langsam stellt sich Spanien auch in seinen Hotels und Restaurants auf die muslimische Bevölkerung und die muslimischen Touristen ein (immerhin ca. 2,6Milionen jährlich, S: 329); so gibt es etwa zwei HALAL Hotels (S. 320) und Imbisse (Burger King), die die Halal- Gesetze respektieren. (S.25).

Interessant sind auch die Hinweise, die der Autor zu Melilla und Ceuta bietet, dort sind mehr als die Hälfte der Bürger (also Spanier) islamischen Glaubens. Das Zusammenleben dort ist im ganzen von Respekt und Toleranz geprägt. Muslime haben dort ihre eigenen Parteien (S. 296), und bilden die zweitstärkste politische Kraft (als Opposition) noch vor den Sozialisten PSOE ( S. 296). Die (auch ökonomische) Zusammenarbeit mit Marokko ist alles andere als zufriedenstellend; die Abwehr von Flüchtlingen durch den monströsen Grenzzaun bekannt. „Die Wirtschaftsleistung in beiden Enklaven geht immer mehr zugrunde“ (S. 316). „Aber es werden von spanischer Seite keine hilfreichen Verhandlungen mit der EU geführt“, meint der Autor, um die Zukunft der Enklaven auch wirtschaftlich zu retten. „Die beiden Enklaven werden eines Tages ganz von der muslimischen Bevölkerung bestimmt sein, aber die beiden Städte könnten dann schon (wirtschaftlich) ruiniert sein“ (ebd.).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 



Muslime dürfen in der Moschee-Kathedrale von Cordoba nicht beten

1. Mai 2016 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog, Philosophische Bücher

Eine Moschee als eine Kathedrale: In der Mezquita von Cordoba dürfen nur Christen beten.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Siehe auch den Hinweis zum Islam in Spanien heute. Klicken Sie hier.

Nur zweimal haben im vergangenen Jahrhundert Katholiken und Muslime gemeinsam in der „Mezquita-Catedral“, der „Moschee-Kathedrale“, in Cordoba gebetet: Am Freitag, den 13. September 1974, geschah das kleine Wunder: Zum ersten Mal seit 1236 konnten Muslime wieder in der prachtvollen Moschee beten. Im Jahr 1236 hatte König Ferdinand III. die kirchliche Übermacht über die Moschee errungen, auch deswegen wurde er im Jahr 1671 heilig gesprochen, seitdem durfte Allah in der einstigen Moschee nicht mehr angerufen werden. Ferdinand wird immer mit einem Schwert ausgestattet als Drachentöter (der Muslime) dargestellt.

Im Herbst 1974 fand jedenfalls ein erster „Islamisch-christlicher Kongress“ in Cordoba statt, unter den Teilnehmern waren Theologen und Politiker „von beiden Seiten des Mittelmeeres“. Der damalige Bischof von Cordoba, José Maria Cirard Lachiondo, (1917- 2008), hatte den muslimischen Teilnehmern das Gebet in dem Gebäude gestattet, das eben seit 1236 fest unter katholischer Leitung und Herrschaft steht. Um 800 wurde die Moschee errichtet. „1974 wurde aber wieder gemeinsam zum gemeinsamen Gott gebetet“, schrieb damals die bekannte Zeitung ABC (Madrid): Man befinde sich auf einem gemeinsamen Weg, dem Weg des Glaubens an Gott“ schrieb der Schriftsteller José Antonio Carro Celada.

Am 24. März 1977 gab einen zweiten islamisch-katholischen Kongress in Cordoba. Die Christen seien bewegt gewesen vom Gebet der Muslims, berichtete Bischof Cirard Lachiondo, und das Echo in der muslimischen Welt auf diese Tagung und die gemeinsamen Gebete war außerordentlich. „Die Muslime haben voller Respekt und in der Gesinnung des Gebets auch die christliche Liturgie begleitet, in der das Evangelium verkündet wurde“. Am 14. September 1977 feierte der Bischof auch eine Messe, an der die Muslims teilnahmen: „Sie und wir beten denselben Gott an“, sagte der Erzbischof.

„Aber dies war nur die Blume eines einzigen Tages“, bemerkt in poetischer Form, aber voller Bitterkeit, der Journalist Ignacio Cembrero. Das heißt: Heute sind die Katholiken wieder die alleinigen Herren eines Gebäudes, das als Moschee erbaut wurde und nach außen hin als Moschee erscheint mit einer in die Mitte hinein gepflanzten Kirche, Seitenaltäre voller Heiligenbilder wurden in die Moschee eingefügt. Jetzt ziert auch ein kitschiges Gemälde der (im Herbst 2016) dann offiziell heiligen Mutter Teresa, der großen Nächsten-Liebenden, den katholischen Raum. Das Gebäude wird in offiziellen katholischen Publikationen seit Jahren nur noch „catedral“ genannt.

Der Journalist Ignacio Cembrero hat vor einigen Tagen eine große Reportage vorgelegt über den Islam in Spanien, „La Espana de Alà“ ist der Titel seiner Studie, sie umfasst 389 Seiten und ist im Verlag „la esfera de los libros“ in Madrid erschienen, das Buch kostet 21,90 EURO. Über die kurze Zeit eines Miteinanders von Katholiken und Muslims im gemeinsamen religiösen Gebrauch der Mezquita-Moschee von Cordoba wird auf den Seiten 332 ff. berichtet. Nicht erwähnt wird, dass der dialogfreundliche Erzbischof von Cordoba bereits 1978 diese Stadt verlassen hat und ins urkatholische, vom Opus Dei beherrschte Pamplona, Navarra, versetzt wurde. Erwähnt wird hingegen, dass im Jahr 2006 die Mesquita-Catedral als Eigentum der Kirche offiziell eingetragen wurde, das Haus heißt jetzt offiziell: „Santa Iglesa Catedral de Cordoba“. Inzwischen wurde eine Basis Organisation gegründet, die an das „patrimonio de todos“, das Erbstück von allen, erinnert: Im Sinne der UNESCO-Erklärung ist diese Mezquita-catedral ein Weltkulturerbe (seit 1984), ist also interkulturell und interreligiös zu verstehen. Bischof Juan Antonio Asenjo wehrte sich gegen die Umwandlung der Kathedrale in ein interreligiöses Gotteshaus. Er glaubte darauf verweisen zu können, dass die Moschee über den Fundamenten von einer einst christlichen, westgotischen Kirche errichtet wurde. Deswegen könne jetzt nicht wieder eine aktive Moschee dort etabliert werden. Die einstige Moschee soll also wie ein Museum bleiben. Der Islam ist vorbei, heißt so das offizielle katholische Wunschdenken?

Der heutige Bischof von Cordoba (Demetrio Fernandez Gonzalez) betont, so zitiert Ignacio Cembrero: “Ein  gemeinsames Gebet von Muslims und Christen ist nicht möglich“ (Seite 337). Der Bischof meint im Blick auf das 2. Vatikanische Reformkonzil (1962-65), dass darin die Katholiken aufgefordert nur allgemein aufgefordert werden, Muslims zu respektieren. Der Journalist Ignacio Cembrero schreibt auf Seite 334:“ Los guardias de seguridad no les permiten rezar y a vezes se lo impiden por la fuerza“: „Das Wachpersonal erlaubt den Muslims nicht zu beten und manchmal verhindern sie das Gebet mit Gewalt“.

So also sieht der auch von offizieller römischer Seite so viel beschworene Dialog zwischen Katholiken und Muslimen aus in dem muslimisch-katholischen Gebäude, der mezquita-catedral zu Cordoba, Andalusien, Spanien.

Eine wichtige Beobachtung: Der Flyer, die der Besucher der Mezquita-Kathedrale beim Kauf einer Eintrittskarte in allen möglichen Sprachen erhält, spricht eine deutliche Sprache: Es wird eindringlich darauf verwiesen, dass die Muslime im 8.Jahrhundert die ursprüngliche Kathedrale San Vicente „zerstörten“, „um eine Moschee zu bauen“. Es wird auch daran erinnert, dass während der Bauphase unter Alhakén II. byzantinische, also christliche Künstler und Architekten, das Bauwerk gestalteten. Es gab also einmal eine islamisch-christliche gemeinsame künstlerische Arbeit! Aber dann glaubte der heilige König Ferdinand III. nach der Eroberung (der Flyer spricht von „Wiedergewinnung“) die Moschee nur dadurch in „Besitz zu nehmen“, dass er die Moschee einer, so wörtlich, „Purifikation“, also einer Reinigung, unterzog, also das Gebäude vom Geist der Muslime befreite, säuberte: „Jeder Stein wurde Christus geweiht“, heißt es in dem offiziellen kirchlichen Flyer. Schließlich wird behauptet: Der Besuch der Kathedrale (der Flyer spricht auf die Gegenwart bezogen immer nur von Kathedrale, nicht von Mezquita!) sei, so wörtlich, ein „Mittel gegen den Pessimismus“, warum eigentlich? Schließlich soll die „Nostalgie nach Gott“ geweckt werden, dem christlichen Gott, natürlich. Die langatmigen Hinweise auf diese „Mutterkirche des Bistums Cordoba“, auf das Domkapitel, den „Lehrsitz des Bischofs“ dort, zeugen von einer strengen klerikalen Mentalität der Kirchenführung dort. „Wir Kleriker sind die Herren des Gebäudes“, das ist die Botschaft!

Das neu erschienene Buch „La Espana de Alà“ bietet einen weiteren interessanten Hinweis zur Bedeutung von „al andalus“ in der islamistischen, terroristischen Szene. Als Elitesoldaten  der USA im Mai 2011 das Versteck von Osama bin Laden attackierten, „entdeckten die Militärs unter seinen 39 Büchern auch ein Buch über das muslimische Spanien, Christianity and Islam in Spain von Charles Reginald Haines“, so Cembrero. „Bin Laden hat es wohl gefallen, dass von 756 bis 1031 in Cordoba ein unabhängiges Kalifat etablierte“.  Und für Bin Laden war es die große Katastrophe, dass  dieses Kalifat in Spanien scheiterte. „Die Vertreibung der Muslime aus Spanien war für ihn die Katastrophe, die sich niemals an anderen Orten (etwa Palästina) wiederholen darf“ (S. 320). Die Videos, die für den terroristischen Einsatz für al quaida werben, haben denn auch den bezeichenden Titel „al andalus“. (S. 321). Auch der IS spricht in ähnlicher Weise von einer ersehnten Wiederkehr des „al andalus“, in einer Videobotschaft vom Mai 2015 wurde von Raqqah aus die Rückeroberung von al andalus angekündigt (S. 321).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



„Der Mensch ist ein Grenzgänger“. Hinweise zu einem religionsphilosophischen Salon

1. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Der Mensch ist ein Grenzgänger: Philosophische Hinweise aus aktuellem politischem Anlass

Diese 19 Thesen wurden im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 29.4. 2016 vorgetragen und diskutiert.

Von Christian Modehn.

1. Unser philosophischer Ansatz angesichts der aktuellen Verwirrungen hinsichtlich der Grenzen heute: Wir gehen von einer philosophischen Analyse des Daseins aus, um von dort aus begründet die Wirklichkeit der Grenzen zu verstehen. Jede Person ist immer eine bestimmte, d.h. eine begrenzte. Sie muss sich um sich selbst kümmern, will sie selbst ihr eigenes leben „führen“. Das heißt auch, dass wir uns um unserer selbst willen auch abgrenzen sollen. Wir können uns nicht selbst total ent-grenzen, indem wir uns etwa für unsere Arbeit auflösen, Wir müssen unsere persönliche Eigenart und Einmaligkeit pflegen und schätzen.

2. Jeder einzelne Mensch ist also – vermittelt durch sein Bewusstsein und Selbstbewusstsein – immer ein einzelner, begrenzter. In dieser Einmaligkeit hat er, wie es in der Erklärung der Menschenrechte heißt, eine absolute Würde und einen absoluten Wert. Aber diese Begrenztheit, Bestimmtheit des einzelnen, wächst, wandelt sich im Laufe des Lebens. Diese Wandlung, Reifung, ist nur durch Überschreitung seiner bisherigen Begrenztheiten möglich. Wir sind immer mehr als nur einzelne; wir sind keine Inseln, so sehr wir uns auch „abkapseln“, „ein-igeln“: Wir teilen immer gemeinsame Sprachen, leben im Mitsein mit anderen in der einen Welt: Also Kommunikation, Lernen, Verwerfen bisheriger Überzeugungen ist die ständige Grenzüberschreitung geistvollen Lebens. Wir sind immer schon, sofern wir leben, Grenzgänger im Sinne von „Grenzen Überwinder“. Und stehen so von vornherein vor der Aufgabe der Pflege des eigenen, nun einmal begrenzten Wesens und der GLEICHZEITIGEN Offenheit für die ständige Grenzenüberwindung. Die Reflexion auf unser Bewusstsein zeigt: Wir sind immer schon ins Grenzenlose des Bewusstseins verwiesen. D.h.: Der Mensch ist in seinem Geist immer schon „offene Grenze“, „offene Begrenztheit“. Wir sind mit der Grenzen sprengenden Weite des Bewusstseins konfrontiert, wenn wir wahrnehmen, dass wir VOR aller Reflexion auf uns selbst, also noch vor dem Wissen und dem Selbstbewusstsein, bereits und immer schon auf eine weite „Ebene“ des Bewusstseins als einer ständig fließenden Gefühlswahrnehmung verwiesen sind. Diese immer anwesende weite Ebene des Bewusstseins noch vor aller Reflexivität ist für uns immer vorgegeben, nicht machbar, „ungreifbar“ und nicht zu umgreifen. „Ich weiß mit unerschütterlicher Gewissheit, dass ich bin, und dies kraft meiner Selbstvertrautheit. Aber weder weiß ich mit ebensolcher Gewissheit, woraus und woher ich bin, noch weiß ich, wozu und woraufhin ich bin“. So Saskia Wendel in ihrem Buch „Religionsphilosophie“, Reclam, S. 36, darin folgt sie den Einsichten des große Philosophen Dieter Henrich. Das heißt, im wachen Selbstwahrnehmen und der elementaren Selbstvertrautheit bin ich über mein kleines Ego, auch über mein im Augenblick aufblitzendes Selbstbewusstsein bezogen auf eine offene Dimension, die größer ist als ich und mein Ego. Ich bin sozusagen verwiesen in einen ganz anderen, einen gründenden Grund. Mit den Worten von Dieter Henrich: „Ich bin in meiner eigenen Beschränktheit also Begrenztheit verwiesen auf mein Bewusstsein, aus etwas begründet zu sein, dem eine ganz andere Verfassung (anders als meine Begrenzheit CM) zuzuschreiben ist“. Ludwig Wittgenstein wird in seinem späteren Werk zeigen, dass die Tendenz der Naturwissenschaften, uns in ihre enge wissenschaftliche und „beweisbare“ Welt einzuschließen, falsch ist, sie führt geradewegs in ein „Gefängnis“. “Der tiefe Denker bringt uns zu der Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht gesagt werden kann“, so Wittgensteins Freund Drury über Wittgenstein. Das wahre Wesen kann nicht (definierend) gesagt werden, aber es zeigt sich. Das heißt: Im geistigen Erkennen werden immer schon Grenzen gezogen, um sie zu überwinden. (zu Wittgenstein, siehe Friedo Rocken, Religionsphilosophie, S. 34 ff.)

3.Entscheidend ist: Das menschliche, geistvolle Leben ist ständige Suche nach der Balance im Umgang mit Grenzen.

Erst in der Auseinandersetzung mit meiner Grenze (über die ich immer schon hinaus – lebe und hinaus – schaue) wächst ein immer wieder neues lebendiges, strukturiertes Ich. Auch das Sich Abgrenzen geschieht nur um der Lebendigkeit des eigenen Daseins willen. Im Dasein geschehen ständig Grenzverschiebungen des eigenen Selbstverständnisses.

4. Geistige (und politische) Erstarrung tritt ein, wenn ein Mensch sich definitiv in bestimmte Grenzen, die er etwa in der Jugend festgelegt hat, für die ganze Lebenszeit einschließt. Da werden die anderen zu Fremden und Feinden. Darüber später mehr im Zusammenhang des Nationalismus.

5. Sich selber bestimmen und sich abgrenzen ist ein ständiger Prozess des gleichzeitigen Sich-Öffnens und damit alte Grenzen Überwindens. Das verlangt Unterscheiden lernen. Und diese Unterscheidung wird geleistet, indem ich nur bestimmte neue Wirklichkeiten in mein strukturiertes Bewusstsein einlasse, andere eben nicht. (Ich kann mich z.B. begrenzen, indem ich Pop-Musik absolut nicht hören will). Ich muss mich auch mit Grenzen sprengenden, oft unerwarteten Ereignissen auseinandersetzen, darf sie nicht abwehren und aus-grenzen, etwa wenn sie mein bisheriges Dasein in seinen alten Grenzen erschüttern: Etwa das Leiden von Angehörigen, eigene Krankheiten, Rentnersein, Alleinsein usw.

6. Dabei muss vor einem zeitlosen Verständnis von Definition, also Festlegungen des Selbst, Begrenzungen des Selbst, gewarnt werden: Auch in den Naturwissenschaften sind Definitionen immer vorläufige Grenzziehungen; um so mehr im geistigen, philosophischen Zusammenhang: Da hat eine und dieselbe „Sache“ immer mehrere gleichberechtigte „Definitionen“, auch im Laufe der eigenen Lebenszeit: Der Mensch als animal rationale, Da-Sein, Subjekt, Person, „Ebenbild Gottes“ sind alle zeitlich bedingte und deswegen begrenzte „Definitionen“, an die man sich selbstverständlich nicht dogmatisch binden darf. Die jeweiligen Inhalte ändern sich, je nach dem, wie ich meine geistigen Grenzen weite und öffne, auch bezogen auf die Inhalte von Staat, Heimat, Nation, Fremde usw.

7. In der Auseinandersetzung mit der Kunst, der Literatur, der Religion geschieht Erweiterung der je eigener Grenzen. Wer die Schönheit islamischer Kunst wahr – nimmt, ihre Symbole, Farben, ihre Abstraktheit, wird auch sein begrenztes Verstehen „des“ Islam überwinden. Das heisst: Wir überschreiten unsere Grenzen, wenn wir als einzelne Menschen mit unserem nun einmal begrenzten Weltbild ein Kunstwerk eines einzelnen Malers betrachten, der vielleicht vor 500 Jahren lebte, aber ein universal ansprechende Werk geschaffen hat, man denke etwa an Mona Lisa, vielleicht auch Nofretete: Beim Betrachten dieser Kunst geschehen Grenzüberwindungen unseres begrenzten Menschenbildes. Kunst ist immer lokal bezogen und auch global.

8.Wichtig zur Religion: Der einzelne kann heute nicht mehr nur einer und das heißt immer einer begrenzten Religion/Spiritualität „angehören“. Er sollte die eigene jeweils vertraute Religion/Weltanschauung, auch Atheismus, entgrenzen im Dialog. Entgrenzte Religion/Weltanschauung wird „multireligiös“. Wir sind immer schon, oft unbewusst, multi-religiös, indem etwa fromme Christen doch an die Astrologie glauben oder zu Maria beten usw. Heute kommt es auf eine anspruchsvollere multireligiöse Entgrenzung an, etwa durch Übernahme buddhistischer Meditationspraxis.

9.Dialog geschieht ständig, Dialog ist Überwindung meiner bisherigen Grenzen und dies ist mehr als Konfrontation und Dahersagen unterschiedlicher Meinungen, was leider meistens in „Dialog – Konferenzen“ geschieht. Dialog ist vielmehr Öffnung und Lernen und reflektierte, kritische Übernahme (!) des bisher Fremden. Das nennt man „Grenzen überwindendes Wachstum“.

10.Wer nur das begrenzte Ich (im Sinne von unwandelbar, immer dasselbe erleben, sich klammern an seinen Besitz, „Stammtisch-Ideologie“ usw.) fördert, möchte eine Gemeinschaft von vielen Ichs, aber kein vielfältig geprägtes Wir. Die populistischen (oft rechtsextremen) „Kameradschaften“ sind nur EGO – Ansammlungen zur Verteidigung des routinierten Immer Selben, d.h. des Erstorbenen. Sie suchen aber auch ideologische Grenzen überschreitend Bündnispartner, etwa AFD und FPÖ, Le Pen und Putin usw. Hintergrund ist die Angst vor Verlusten, auch materiellen Verlusten. Diese Angst drückt sich aus als Hass und unsägliche verbrecherische Aggression gegenüber Fremden und Flüchtlingen, etwa in der Gewalt gegen die Unterkünfte usw.

11. Bestimmung im Leben bleibt hingegen immer die Lebendigkeit, als immer zu suchende, nie total zu erreichende Balance zwischen der immer notwendigen Abgrenzung (gegen den Selbstverlust) und dem Austausch als Grenzüberschreitung. Vorbild dafür die NGOs, die bezeichnenderweise die Titel haben „Ärzte OHNE GRENZEN“, „Reporter OHNE GRENZEN“, „Ingenieure OHNE GRENZEN“ usw. „Philosophen OHNE GRENZEN“ sind jene, die die universal und immer gültigen Menschenrechte verteidigen.

12. Durch die Ankunft von Flüchtlingen wird das Thema Grenzen plötzlich politisch neu äußerst brisant. Dieses Ereignis der Fluchtbewegungen ist wohl DAS bestimmende Ereignis der nächsten Jahrzehnte. Die Fluchtbewegungen sind auch Resultat verfehlter, geistig begrenzter Politik des Westens, siehe George W. Bushs Irak-Krieg; siehe das kurzsichtige Verhalten Obamas, nicht schon sehr früh Assad schon auszuschalten usw…

13.Es ist seit Anfang 2016 längst Tatsache, dass sich heute Europa, die EU, einmauert, also neu ein – grenzt. Dabei droht die EU zu zerfallen. (Mauernbau ist in jeder Weise tödlich auch für die Mauerbauer selbst, siehe DDR – Führung). Auch die einzelnen europäischen Länder mauern sich ein, siehe etwa jetzt Österreich, dort wird z.B. sogar am Brenner-Pass ein „Grenzmanagment –Leitsystem“ (mit Zaun) errichtet. „Grenzmanagment –Leitsystem“: Dieser Begriff der bürokratischen Gewalt sagt alles über die nationalistische Mentalität. EU Staaten haben im Alleingang nationale Grenzen als wichtiger durchgesetzt als die Verbundenheit mit der EU. Die stramm rechtslastigen Parteien fördern in ihrer populistischen Propaganda stark den Nationalstaatsgedanken. So sagte Alexander Gauland in einem Interview mit DIE ZEIT vom 14.4. 2016 Seite 7 auf die Frage: Wo ist ihr Limes, also ihre Grenze, heute: „Der Limes ist an jeder nationalen Staatsgrenze. Dass Österreich in der Lage war, die Balkanroute zu schließen, war eine große Tat“. Dann auf die Frage: Nun sitzen aber die Flüchtlinge in Griechenland fest, wo ist denn da der Vorteil? Da heißt die Antwort Gaulands: „Dass die Flüchtlinge nicht in Deutschland sind und nicht in Österreich sind, ist der Vorteil“. Damit ist indirekt gesagt: Also kann es doch durchaus zu Auseinandersetzungen kommen zwischen Griechenland und Deutschland, wenn dieses alte/neue nationalistische Denken sich weiter durchsetzt.

Das Wort Ober-Grenze markiert in aller Deutlichkeit die bewusste Eingrenzung und Abgrenzung eines Nationalstaates, das Sich-Verklammern angstvoller Art in die eigenen Begrenztheiten, das Wort Obergrenze markiert, ideologiekritisch betrachtet, eine gewisse Hoffnungslosigkeit eines europäischen Nationalstaates. Das Wort Obergrenze wird sicher zum Unwort des Jahres 2016 erklärt werden. Zu diesem Begriff gibt es bei Google bereits 2,3 Millionen Einträge, gezählt am 26.4.2016.

14. Es wird wieder die Vorstellung vom „Nationalstaat“ in ganz Europa und weltweit herrschend. Die Geschichte zeigt: Jeder Nationalstaat muss per definitionem kriegerisch und gewalttätig sein. Wir erleben einen Rückfall ins 19. Jahrhundert. „Der Nationalismus wurde zum treibenden Faktor bei einer Neuordnung der politischen Grenzen, die nicht selten mit Krieg und Vertreibung verbunden war… Der Nationalismus legte auf eine einheitliche Sprache wert, es wurde eine mentale Nationalisierung der Bürger gepflegt bei der Durchsetzung nationaler Zugehörigkeiten“, so Herfried Münkler u.a. in „Politische Theorie und Ideengeschichte“, Beck Verlag, 2016, S. 75,

15. Die europäische Politik heute folgt ängstlich den Ängstlichen und uninformierten Populisten, die nur in ihren vertrauten und vermauerten mentalen Grenzen verweilen wollen. Damit wird die zu Beginn genannte Balance zwischen Selbstbewahrung UND Öffnung einseitig und gefährlich in die Richtung der Selbstbewahrung verlagert. Es gibt keine Balance mehr im Umgang mit Grenzen.

16. Die vielen noch kommenden Flüchtlinge (in Libyen warten noch ca. 1 Million Menschen auf die Flucht) zeigen mit aller Deutlichkeit: Die Menschen in Afrika z.B. sind heute nicht länger bereit, ihre extreme Armut in ihren Ländern zu ertragen. Das mögliche Ertrinken im Mittelmeer erscheint ihnen als ein geringeres Übel, als in den Ländern Afrika vor Hunger dazudämmern… Die Balance muss wieder gefunden werden. Die Tatsache, dass Europa auf Dauer mit Flüchtlingen leben wird, ist anzuerkennen. Das bedeutet nicht, dass nun total offene Grenzen geschaffen werden soll, das würde zu einem Selbstverlust Europas führen, aber es kommt auf eine Öffnung gegenüber den Flüchtlingen an, die den Menschenrechten entspricht und nicht dem nationalen Egoismus der Bewahrung des alten Besitzstandes.

17. Aus der Verklammerung des EGO-Europa, der sich Abschließenden und erneut Begrenzenden, gilt es sich wieder zu befreien, indem man sich an die Grundstruktur des Daseins erinnert: Ohne Öffnung als ständige eigene Grenzüberschreitung gibt es kein geistvolles, menschenwürdiges Leben für den einzelnen Menschen, die Gesellschaft, den Staat. Die Flüchtlinge sind nun einmal da! Und weitere werden kommen. Wir sollten die Chance ergreifen, mit ihnen zu leben, sie zu integrieren und auch eigene Selbstverständlichkeiten (unseren Wohlstand, warum und wodurch haben wir ihn eigentlich (?) in Frage zu stellen… Wenn sich rechtsextreme Populisten auf das (tatsächlich angebliche) christliche Abendland berufen, sollte man sie an die philosophische Einsicht (und religiöse Einsicht) von Selbstliebe und der gleichzeitigen Nächstenliebe erinnern.

18. Zwei Aufgaben sind besonders dringend: Qualitative Verbesserungen der politisch-sozialen Verhältnisse etwa in Afrika, mit der Erkenntnis der Mitschuld Europas an diesen Verhältnissen. Kritik an den verbrecherischen Politikern in Afrika selbst. Veränderung einer kolonialen Wirtschaftspolitik Europas, die immer noch die Wirtschaften dieser afrikanischen Länder schwächt und die Menschen ins Elnd führt. Die Flüchtlinge kommen nach Europa, auch wegen der heutigen kolonialen Wirtschaftspolitik Europa. Zynisch gesagt: Europa ist selber schuld, dass diese Menschen ihre Länder verlassen müssen.

Es geht also um die weitere Aufnahme der Bedrohten und Verfolgten in Europa. Im Sinne der Weitung des eigenen Bewusstseins, auch der Anerkennung, dass wir Einwandererland sind, dass wir viele Menschen „brauchen“, wenn sie denn die universal gültigen Menschenrechte verstehen lernen und anerkennen.

19. Das Thema „Wir sind Grenzgänger“ gehört in die Mitte einer Philosophie der Lebens-Kunst, des Leben-Könnens. Deutlich ist meiner Meinung nach: Weder die angstvolle Verkapselung (Borniertheit) noch die totale Freigabe jeglicher Grenze (Auflösung des Selbst, des Eigenen) entsprechen der Balance zwischen Selbstsein und Offensein. Diese Balance muss immer neu gesucht und miteinander besprochen werden. Wenn man in der Sprache der Theorie der philosophischen Ethik will: Es kommt auf einen Ausgleich an zwischen der Gesinungsethik und der Verantwortungsethik. Wobei bei der Verantwortungsethik eine gewisse Vorsicht geboten ist: Hinter einer nach außen dargestellter Verantwortungsethik kann sich ideologische nationale Borniertheit verbergen.

Copyright: Christian Modehn

 



Das reaktionäre Christentum der AFD: Hinweise zu Beatrix von Storch

28. April 2016 | Von | Kategorie: Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Das reaktionäre Christentum der AFD: Einige Hinweise zu Beatrix von Storch und ihrem katholischen Netzwerk

Von Christian Modehn

Die „Alternative für Deutschland“ will eine heftige und undifferenzierte Kritik an „dem“ Islam zu einem Schwerpunkt ihres Parteiprogramms machen. AFD Vizechefin Beatrix von Storch sagte der „FAS“: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland, der Islam ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar“ . Symbole des Islams sollten deswegen aus der Öffentlichkeit verschwinden usw.

Damit werden einige Millionen Menschen islamischen Glaubens, viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger (!), zu unerwünschten (eigentlich wertlosen ?) Menschen erklärt. Das erzeugt verständlicherweise Zorn unter Muslims. Genau das will der „IS“ bewirken, dass Europa in einer Art Bürgerkrieg Islam contra Christentum, zerfällt. Die AFD handelt also im Sinne des IS. Die AFD stiftet Unfrieden, schafft Feindbilder mit Sprüchen, die am Stammtisch willkommen sind in der drögen, unreflektierten Sprüchemacherei.

Über die pauschale Islam-Feindlichkeit der AFD und ihrer Gönner und Freunde (auch in der FPÖ, mit der die AFD sich freundschaftlich gut versteht und FPÖ Leute einlädt) wird noch viel diskutiert, hoffentlich im Sinne der Aufklärung.

Wir finden es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Feindbilder-Produktion, diese pauschale Abweisung „des“ Islams eine (von mehreren) Ursachen hat: In dem extrem konservativen christlichen Weltbild der Frau von Storch und ihres ebenso reaktionären christlichen, oft katholischen Netzwerkes, in dem sie lebt.

Es handelt sich um Hinweise, die einer weiteren Recherche bedürfen. Leider wird dieses reaktionäre Bild vom Christentum bei Frau von Storch und anderen AFD Leuten zu selten öffentlich gemacht.

Die „Alternative für Deutschland“ (AFD) sammelt auch jene Menschen, die sich von der philosophischen Aufklärung und den universal für alle Menschen geltenden Menschenrechten verabschieden oder nie davon auch nur gehört haben; denen ein autoritäres Weltbild heilig ist und eben auch ein System von Werten heilig ist, die auf die „wesentliche“ Ungleichheit unter den Menschen setzen. Das Christentum und die humane Botschaft des Neuen Testaments werden zwar zitiert, aber ideologisch missbraucht. Es wird eine inhumane Stimmung erzeugt, die den Respekt lächerlich macht vor der Befreiung der Frauen, den Respekt vor der Gleichstellung homosexueller Menschen, den Flüchtlingen als Menschen, die hier zu einer offenen, humaneren Gesellschaft beitragen. Der AFD-Geist des so genannten Patriotismus liebt die engen Grenzen und die eigene intellektuelle Begrenztheit.

Für diesen Trend, sich aus der europäischen Aufklärung und den Werten der universal geltenden Menschenrechte zu verabschieden, stehen natürlich einige sich intellektuell gebende Führer-Gestalten, die dem Volk die Stichworte und Brüllworte (Pegida) liefern. Dabei sind sie selbst nicht zimperlich. Beatrix von Storch sagte angesichts der damals noch offenen Grenzen für Flüchtlinge und Asylsuchende: Im Fall eines verbotenen Grenzübertritts dieser Menschen, trotz des „Halte-Signals“, sei es erlaubt, auf diese Menschen zu schießen. Später bewies Frau von Storch freundlicherweise so viel Humanität, dass sie sagte: Auf Kinder dürfe man von Europa oder Deutschland/Österreich aus nicht schießen, hingegen auf die Mütter dürfe man durchaus schießen. Es ist merkwürdig, dass diese Aussagen in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit geraten sind und nicht bei jeder Gelegenheit dieser Frau in Talkshows etc. zunächst einmal, als Opening, vorgehalten werden. Sie ist ja wohl immer noch Abgeordnete im Europa-Parlament, da sind Erinnerungen an faschistoid klingende Äußerungen durchaus wichtig…Nebenbei: Eine Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Für Frau von Storch hätte es doch reichen müssen, wenn bei unerlaubtem Grenzübertritt nur auf Störche nicht geschossen wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Interessant ist, dass die gedankliche und öffentlich formulierte Möglichkeit des Schießens auf Menschen von einer Person gefordert wird, die leidenschaftlich für den Schutz des ungeborenen Lebens eintritt und bei entsprechenden PRO-Life Demonstrationen dabei ist. Man sieht darin die völlig wahnhafte Bedeutung dessen, was Schutz des ungeborenen Lebens und eben konsequenterweise Nicht-Schutz des geborenen Lebens (vor allem der Fremden, Flüchtlinge usw.) bedeutet. Wie überhaupt, etwa in den USA, Pro-Life-Aktivistinnen zu heftigsten körperlichen Attacken greifen, wenn sie etwa Ärzte strafen und misshandeln, die Abtreibungen vornehmen. Diese auch kirchlich geförderte und immer wieder als Vorbild hingestellte „Pro Life Bewegung“ ist also nichts als eine christlich kaschierte Variante eines gewalttätigen Denkens, siehe die Schießempfehlung der pro-life-Aktivistin von Storch. Über Parallelen dieses Denkens zu fundamentalistischen, sich muslimisch nennenden Kreisen der Islamisten, wäre weiter nachzudenken…

Über Frau von Storchs Biografie kann man einige Informationen im Netz lesen. Wir beschränken uns nur auf den Aspekt, dass diese Dame mit ihrem angeblich christlichen Gerede die Botschaft des Christentums verfälscht. Dies ist eine Meinungsäußerung. Ich trete normalerweise nicht für absolute dogmatische Korrektheit ein, ich schätze die große Vielfalt von Glaubensformen im Christlichen. Aber im Falle des AFD – Christentums, so denke ich, sollte rechtzeitig öffentlich ein Nein gesagt werden, bevor noch mehr eher ungebildete Leute in ihrer autoritären Haltung denken: Was die 2. Vorsitzende und 2. Führerin der AFD da sagt über das Christentum, ist doch eigentlich richtig. Darum sollten aufgeklärte Leute diese AFD Christen im öffentlichen Gespräch bloß stellen. Ignorieren bzw. Gesprächsverweigerung – wie jetzt beim Leipziger Katholikentag – nützt nichts.

Einige Hinweise zur Person: In der ultrakonservativen website kath.net wurde schon am 28. Mai 2014 Frau von Storch als, so wörtlich, „engagierte evangelische Christin“ vorgestellt.

Frau von Storch ist mit vollen Namen Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg. Sie entstammt also dem Hochadelsgeschlecht Oldenburg und ist die älteste Tochter des Ingenieurs Huno Herzog von Oldenburg (geb. 1940) und seiner Frau Felicitas (geb.1941), geb. Gräfin Schwerin von Krosigk. Die adlige Dame ist mit dem chilenischen Kaufmann Sven von Storch verheiratet.

Und ab hier wird deutlich, dass die Bedeutung der 2. AFD Vorsitzenden sich nur aus ihrem Eingebundensein in ein weites Netzwerk äußerst konservativer Leute verstehen lässt. Ihr Mann Sven von Storch wurde Direktor des Instituts für Strategische Studien Berlin (ISSB). Er ist Mitgründer der Internet- & Blogzeitung „Die FreieWelt.net“ und seit Dezember 2008 ihr Herausgeber. Herr von Storch ist zudem Mitgründer und Vorsitzender von AbgeordnetenCheck.de und EUCheck.org, sowie seit Dezember 2013 Präsident der NGO, Coalición Ciudadana, in Santiago de Chile. Dies berichtet die Selbstdarstellung in der rechtslastigen „Freie Welt“, einer Art AFD-Organ, das selbstverständlich auch Beiträge von der Gattin Beatrix veröffentlicht (1). Über die Chile-Connection des Herrn von Storch wäre weiter zu forschen, zumal in Chile heute bezeichnenderweise das allerstrengste Abtreibungs-Verbot Lateinamerikas gilt, nicht nur ein Erfolg rigider zölibatärer Prälaten, sondern ein Erfolg dortiger NGOS und Pro Life Leuten…

Wie stark dieses Medium „Freie Welt“ mit ultrakonservativen Kreisen im deutschen Katholizismus verbunden ist, zeigen etwa Interviews mit dem konservativen katholischen Publizisten Manfred Spieker (2). Er ist immer wieder Gastredner des reaktionären „Forum deutscher Katholiken“, einer Gegenveranstaltung zu den Katholikentagen. An diesem Forum deutscher Katholiken hat übrigens früher Kardinal Joseph Ratzinger teilgenommen…

Noch heftiger sind die Äußerungen (in dem blog des Herrn von Storch) von Mathias von Gersdorff, der aus dem Adelsgeschlecht derer von Gersdorff stammt und auch, wie der Gatte von Storch, in Chile geboren wurde. Er äußert sich sehr polemisch und rabiat über den Zustand des deutschen Katholizismus, etwa zum Leipziger Katholikentag 2016: „Das Bild, das die katholische Kirche in Deutschland damit gibt, ist desolat. Eine Kirche, die völlig dabei ist, ihre katholische Identität zu verlieren. Es zeigt sich einmal wieder: Das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“, der Veranstalter des Katholikentages, trägt dazu bei, den katholischen Glauben in Deutschland zu vernichten“. (3) Typisch ist, dass der deutsche Hochadel in Ablehnung des eher progressiven „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ und seiner Katholikentage ganz auf die reaktionäre Alternativveranstaltung „Forum deutscher Katholiken“ setzt und dort wiederum auf reaktionäre Gruppen wie die „Legionäre Christi“ oder das „Regnum Christi“: Hubert Gindert, der Organisator dieser alternativen „Katholikentage“, sagte mir schon 2006 in einem Interview für den Deutschlandfunk: „Ich würde sagen, nach meiner Beobachtung, dass es eine über proportionale Zahl von katholischen Adeligen in den neuen geistlichen Gemeinschaften sich findet, zum Beispiel also bei Regnum Christi: Fürst Löwenstein, der also immer durch unsere Kongresse führt, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Löwenstein, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch Mitglied in Regnum Christi, ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnissmäßig stark repräsentiert ist“. Nebenbei: Inzwischen ist der Priester Paul Habsburg aus dem Orden der Legionäre Christi mit dem exakten Namen: Paul Rudolph Joseph Michael Antal Petrus Maria von Habsburg-Lothringen, offizieller Titel ist Paul, Erzherzog von Österreich, geboren 1968, für die Neuevangelisierung Deutschlands tätig. Ein anderer Legionär Christi aus dem Hochadel ist der ehemalige Provinzial für Deutschland und jetzige Generalvikar des Legionärs Ordens in Rom, Pater Sylvester Heeremann, er entstammt dem alten niederländischen Adelsgeschlecht Heereman von Zuydtwyck, sein Vater ist Chef von „Malteser international“…

Der oben erwähnte Mathias von Gersdorff gehört auch insofern zum Netzwerk derer von Storch/Oldenburg, als er das deutsche Büro der sehr extrem traditionalistischen internationalen katholischen Bewegung „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, in Deutschland mit Sitz in Bad Homburg, leitet, zugleich ist er “selbstverständlich“ Aktivist zum Schutz des ungeborenen Lebens. Damit hat er erst mal alle Sympathien vieler katholischer Prälaten und Kardinäle und evangelikaler Führer. Man kann als Reaktionär eben nichts Besseres und diplomatisch/finanziell Wirkungsvolleres tun, als „pro life“ zu sein… Diese Haltung muss man nicht einmal in reaktionären Kreisen begründen. So einfach ist das. Und es ist bezeichnend, dass von Gersdorff sein Buch über den Gründer der weltweiten reaktionären Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum Plinio Correa de Oliveira in der ebenfalls reaktionären Trappistenabtei Mariawald in der Eifel vorstellte, zahlreiche Kardinäle haben sich für dieses Buch über Plinio Correa de Oliveira ausdrücklich bedankt, wie Kardinal Raymond Burke, Walter Brandmüller, Paul Josef Cordes usw… Diesen Plinio Correa de Oliveira folgten zahlreiche Bischöfe, die sich als reaktionäre Gruppe („Coetus internationalis“) auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) sammelten, zu ihnen gehörte der Brasilianer Bischof Geraldo de Proenca Sigaud svd, ein militanter Gegner von Erzbischof Helder Camara, und erwartungsgemäß eben Erzbischof Marcel Lefèbvre gehörte zu diesem reaktionären Club, der den Reformern das Leben sehr schwer machte.

Zum weiten Netzwerk von Beatrix von Storch gehört auch Paul von Oldenburg, auch er ein alter Adliger: Ich zitiere aus wikipedia: „Paul von Oldenburg ist Sohn von Friedrich August von Oldenburg und Marie Cäcilie von Preußen. Die Häuser Oldenburg und Hohenzollern sind protestantisch, aber Paul von Oldenburg ist konvertiert und verheiratet mit María del Pilar Méndez de Vigo y Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, mit der er fünf Kinder hat“.

Die Cousine Paul von Oldenburgs ist Beatrix von Storch. Und mit ihr ist er in Brüssel am Kämpfen: Sie für die AFD und er, Paul von Oldenburg, als Lobbyist für die „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“. Diese drei Begriffe sind raffiniert gewählt: Der Tradition entsprechend soll die klassische (Hetero)-Familie mit der üblichen Rolle der Frau-Mutter gepflegt werden und dabei das Privateigentum durch den fleißigen Mann vermehrt werden. Wer die Familie pflegt und das Privateigentum als göttliche Gabe der Fleißigen und Adligen sieht, der will auch sicher sein, dass die Erbschaftsgesetze zugunsten der Reichen so erhalten werden müssen, dass der alte Adel durch Heirat/Familiengründung niemals verarmt. Paul von Oldenburg ist auch aktiv für das „Herz-Jesu-Apostolat – für die Zukunft der Familie“. Diese Kreise finden volle Unterstützung katholischer Hierarchen. Man denke etwa, mit welcher Begeisterung viele französische Bischöfe an Massendemonstrationen gegen die „Homoehe“ teilnahmen und dabei genau dieselben Argumente vertraten wie diese Herz-Jesu-Fanatiker und Freunde von „Tradition, Familie und privateigentum“, die auch in Frankreich vertreten ist.

Der politische Mittelpunkt dieser Bewegung ist die Ablehnung der wesentlichen Gleichheit der Menschen. Natürlich ist jeder einzelne Mensch in seinem Aussehen usw. vom anderen verschieden und eben nicht gleich. Diese Banalität meinen diese Herrschaften natürlich nicht: Sie behaupten, es gibt wesentliche Unterschiede unter den Menschen, sozusagen Abstufungen von Wertvollen und weniger Wertvollen. Darin entsprechen sie ganz der Logik der „Neuen Rechten“, also einer weit verzweigten präfaschistischen Philosophie, die in den 1980 Jahren von Frankreich aus sich weit verbreitete. Das künftige Parteiprogramm der AFD, das die Rechercheplattform www. Correctv.org publiziert hat, ist wohl von diesem Geist der Ungleichheit der Menschen bestimmt. Und das ist der entscheidende Punkt, an dem alle, denen Menschenrechte und Demokratie noch etwas bedeuten, aufwachen und handeln sollten.

Der reaktionäre Papst Gregor XVI. (1831-1846 als Papst) wird in diesen Kreisen gern erwähnt, er sagte im Sinne der „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“: „Es gibt eine von Gott gewollte Ungleichheit im Recht, Besitz, in der Macht“. Wer für die absolute und heilige Bedeutung des Privateigentums (contra Gemeinwohl) eintritt, will eine hierarchische Gesellschaft der Ungleichen.

In welchen Kreisen also bewegen sich Frau von Storch und ihr Cousin? Gustavo A. Solimeo zum Beispiel ist Mitglied der us-amerikanischen „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“, er sagt: „Ungleichheit der Menschen ist ein Naturgesetz. Gott erschuf alles mit Ungleichheit. In allen Bereichen der Schöpfung gibt es Ungleichheit. Nur soziale Ungleichheit erlaubt sozialen Fortschritt: Je mehr Abstufungen es auf einer Gesellschaftsstufe gibt, desto leichter ist es, voranzukommen und gesellschaftlich aufzusteigen“.

Die bestens vernetzte Clique um Beatrix von Storch will ein anderes, nicht mehr so menschenrechtsfreundliches  Deutschland (dies ist meine begründete Meinungsäußerung!), und auch ein anderes, eben ein autoritäres Europa, und das wird nach außen hin taktisch geschickt, im Namen des Christentums gefordert. Deswegen auch die freundschaftliche Verbindung mit der FPÖ. Die europäische Flüchtlingspolitik heute ist bereits eine Angst-Reaktion auch der deutschen Regierung auf die „Macht“ der rechtslastigen und rechtsextremen Populisten, auch von der AFD. Sie bestimmen bereits indirekt die Politik.

Wir sollten nicht zulassen, dass diese Kreise mit ihrer umfassenden Lobby und ihrem Geld auch das Gesicht des Christlichen immer weiter prägen. Und das Christliche förmlich vergiften, weil sie es von universaler Menschenfreundlichkeit „befreien“. Dass es de facto AFD nahe Positionen in den Kirchen gibt, und seit langem schon gibt, ist eine Tatsache, siehe eben die Höherschätzung des ungeborenen Lebens vor dem geborenen Leben etwa der Flüchtlinge, die aufgrund heftigster unmenschlicher Politik Europa etwa in Ideomeni, an der Grenze zum abgeriegelten Mazedonien, jetzt krepieren. Es wird eine kalte Politik des alten europäischen Egoismus betrieben, weil viele Politiker vor dieser AFD Partei Angst haben bzw. auch Angst haben, wegen der Erfolge dieser AFD Partei den eigenen Job zu verlieren. Es geht um die Angst, die Angst vor dem Verlust des „Eigenen“, des Besitzes, der angeblich eigenen Kultur, wenn man sie denn überhaupt hat. Nur deswegen sind ja auch die „Wahlerfolge der AFD oder der Le Pen Partei oder der FPÖ oder des Katholiken Wilders (PVV) in Holland zu erklären.

Die Kirchen sollten beginnen, sich von dem AFD – Geist in ihren eigenen Reihen zu befreien. Nur dieser enge, theologisch auch dumme Ungeist in den Kirchen selbst hat ja die AFD-Erfolge mit möglich gemacht.

(1) http://www.freiewelt.net/autor/?tx_ttnews[swords]=sven%20von%20storch

(2) http://www.freiewelt.net/interview/ehe-und-familie-sind-fuer-politik-ein-blinder-fleck-10065130/

(3) Dieser Beitrag ist erschienen auf mathias-von-gersdorff.blogspot.de

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



„Am wichtigsten ist die Religion der Menschlichkeit“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

27. April 2016 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Die Fragen stellte Christian Modehn

Veröffentlicht am 24. April 2016

In Ihrem Interview im März 2016 mit dem Titel „Für die Grenzgänger“ haben Sie zum Schluss dafür plädiert, viel stärker in theologischen Debatten wie im Alltag des religiösen Lebens die „Religion der Menschlichkeit“ als allgemeine spirituelle Basis anzuerkennen.

Etliche LeserInnen haben darauf reagiert und wollen weitere Erläuterungen zu diesem Thema, das entscheidend ist für die Zukunft einer ständig Gewalt bereiten Menschheit wie auch angesichts der immer noch zerstrittenen christlichen Kirchen.

Die erste Frage ist: Kann denn unsere Beziehung zu den Menschenrechten, etwa in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948), tatsächlich einen spirituellen Charakter bekommen? Sind die Menschenrechte nicht auf die Anerkennung „bloß“ durch den Verstand begrenzt? Wie kann ich eine möglicherweise ganzheitliche „emotionale“ Beziehung, zu ihnen aufnehmen?

Das Schicksal anderer Menschen ist uns nicht gleichgültig. Wir empfinden Mitleid, wenn wir die Bilder vom Grenzzaun in Idomeni sehen. Das Leiden anderer Menschen rührt uns an. Es treibt uns über uns selbst hinaus, und wir wollen etwas dagegen tun. Historisch gesehen waren es die Gräueltaten durch das nationalsozialistische Deutschland, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ beschließen ließ. Darin heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ (Art. 1), sodann : „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ (Art. 3) und dies „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ (Art. 2) .

Das sind Aussagen, die, wie es in der Präambel heißt, ein „Ideal“ formulieren, auf dessen Anerkennung und Durchsetzung in der Gemeinschaft der Völker und Staaten hinzuarbeiten sei. So ist es nicht, noch nicht. Aber so soll es sein, ist damit gesagt. Es wird im Indikativ formuliert, der aber imperativisch gemeint ist. Lasst uns also, so die Aufforderung an die unterzeichnenden Staaten, als Vereinte Nationen auf nationaler und internationaler Ebene die rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass solche Verhältnisse, in denen jeder Mensch sein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten garantiert bekommt, überall auf der Welt Wirklichkeit werden.

Höchst interessant bleibt dennoch die Beobachtung, dass die Erklärung der Menschenrechte in Art. 1 eine Aussage über die allen Menschen angeborene Würde und das ihnen damit gleichermaßen zukommende Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit macht. Das ist kein auf Erfahrungswissen gründender Satz. Es ist auch kein moralischer Imperativ. Er formuliert auch keineswegs nur, wie in der Präambel gesagt wird, ein Ideal, dem es nachzueifern gelte. Dieser Satz stellt vielmehr eine Behauptung auf über das, was der Mensch ist bzw. über das, was ihm allein aufgrund seines Menschseins an Würde und Rechten zukomme. Zu dieser Behauptung berechtigt keine Erfahrung, kein Wissen. Unser Verstand dürfte uns ihr daher kaum zustimmen lassen.

Deshalb bin ich der Meinung, dass es sich hier um einen Glaubenssatz handelt. Die Zuerkennung der Menschenwürde und der sich aus ihr ergebenden Menschenrechte lebt vom Glauben an die Menschlichkeit des Menschen, jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten. Von daher legt es sich für mich dann auch nahe, in unserer Beziehung zu den Menschenrechten eine spirituelle Dimension mit einer stark emotionalen Verankerung zu erkennen.

Es war das Erschrecken über das Fürchterliche, das Menschen einander antun können, das zur „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ geführt hat. Ihr Ziel war es, diejenigen unveräußerlichen Rechte festzuschreiben, auf die sich jeder Mensch, allein aufgrund seines Menschseins, sollten berufen können. Deshalb fordert die Präambel auch, sie in nationale und internationale Rechtsordnungen aufzunehmen. Aber in dem allem, das zu ihrer Durchsetzung und Einhaltung unabdingbar ist, gilt es zu sehen, dass sie auf einem emotional grundierten, humanitären Glauben an die Menschlichkeit jedes Menschen aufruhen.

Auf ein verstandesmäßiges Wissen um das, was der Mensch ist, können die Menschenrechte sich niemals gründen. Was wir vom Menschen wissen ist ja eben dies, dass er zu den schlimmsten Gräueltaten gegen seinesgleichen ebenso fähig ist, wie dass er sich anrühren lassen kann vom Leid anderer und ihnen zu helfen bereit ist. Nein, die Menschenrechte ziehen ihre politische Kraft allein aus dem Glauben an sie. Ich möchte diesen Glauben zunächst einen humanitären Glauben nennen. Dieser wird, wenn Menschen es mit ihm auf eine sie selbst in ihrem Handeln verpflichtende Weise ernst nehmen, zu einem moralischen Glauben. Er ist dann aber ebenso auch für eine religiöse Deutung offen. Auf sie stoßen wir, wenn wir die Frage zulassen, was uns dazu fähig macht, dass wir im anderen ein uns gleiches Wesen erkennen, wir uns mit ihm verbunden fühlen, in unserer elementaren Bedürftigkeit, im Angewiesen-Sein aufeinander, im Gefühl einer Zusammengehörigkeit, das über alle kulturellen Differenzen und politischen Gegensätze hinweg, ja, trotz Krieg und Terror, für uns doch die Welt im Innersten zusammenhält. Das Von-Woher dieses Gefühls ist für mich das Göttliche auf dem Grund jeder Menschenseele. Wo dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit in der einen Menschheitsfamilie, von dem der humanitäre und moralische Glaube an die Menschenrechte lebt, sich Ausdruck verschafft, dort kann aus diesem Glauben auch ein religiöser Glaube werden.

Die zweite Frage: Wenn die Menschenrechte auch das christliche Bekenntnis gründen, wie Sie im März sagten, und wenn sie auch den Mittelpunkt der christlichen Lehre darstellen: Wie sollte denn mit den Menschenrechten in den Kirchen, etwa auch in Gottesdienst, Gemeinde und Predigt, (vorrangig) umgegangen werden?

Die Kirchen haben sich ja lange Zeit sehr schwer getan, die Menschenrechte anzuerkennen. Vielleicht lässt sich dieser Sachverhalt aber auch als Hinweis darauf verstehen, dass die den Menschenrechten zugehörende spirituelle Dimension zwar von ihnen erkannt wurde, allerdings dann die Befürchtung aufkam, es könnte der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen an die Stelle des Glaubens an Gott treten. Inzwischen haben die Kirchen jedoch nicht nur in ein positives Verhältnis zu den Menschenrechten gefunden, sie reklamieren jetzt sogar, sie erfunden zu haben. Wurden sie von den christlichen Kirchen im Zusammenhang ihrer ersten Ausformulierungen, die im Zusammenhang der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution standen, als Ausdruck eines frevelhaften Aufstandes des sich autonom setzten Menschen abgelehnt, so werden sie heute schöpfungs- und rechtfertigungstheologisch begründet. Die Unverletzlichkeit der Menschenwürde und sein unveräußerliches Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit sind dann theologisch deshalb anzuerkennen, weil Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat und sein unbedingter Liebeswille sogar noch dem Sünder gilt. Da ist keiner –sollten seine Untaten noch so zu Buche schlagen – dem die Anerkennung der Menschenwürde und der daraufhin auch ihm zukommenden Menschenrechte entzogen werden darf.

Die Reformulierung der christlichen Lehre auf der Basis und in der Aufnahme der Menschenrechte ist einer der erstaunlichsten Vorgänge in der neueren Religionsgeschichte. Darauf lässt sich heute aufbauen. Die Affirmation der Menschenrechte, wonach diese Rechte jedem Menschen unveräußerlich zugehören, gilt es offensiv als den heutigen Sinn des christlichen Schöpfungs-und Rechtfertigungsglaubens auszulegen. Dass jeder Menschen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit seiner Person hat, folgt für Christen daraus, dass sie an Gott den Schöpfer und an Jesus Christus, den Mensch gewordenen Gottessohn glauben, wie dann an den Heiligen Geist, in dem sie die Verbundenheit aller Menschen untereinander leben. Der Mensch gewordene Schöpfergott ist in der Welt nicht anders als im Geist der gegenseitigen Anerkennung der Menschen und ihres je eigenen Rechts auf Leben, Freiheit und Sicherheit gegenwärtig.

Die dritte Frage: Wenn die Menschenrechte tatsächlich eines Tages hoffentlich Geist und Seele der Menschen, auch der Politiker, prägen und bestimmen, fehlt dann nicht aber doch etwas? Fehlt die Wirklichkeit Gottes? Oder wäre gar der wahre Respekt der Menschenrechte schon eine Form des Gottes-Dienstes?

Der Glaube an den Menschen und seine unveräußerlichen Rechte ist wirklich ein Glaube, kein sachhaltiges, verstandesmäßiges Wissen. Ich habe ihn zunächst einen humanitären Glauben genannt, der seine Herkunft im Erschrecken darüber hat, was Menschen einander an Schrecklichem antun können. Dem setzt der humanitäre Glaube dort, wo er zu einem existentiell verbindlichen, moralischen Glauben wird, sein trotziges Dennoch entgegen und die mutige Hoffnung darauf, dass die Menschlichkeit im Umgang der Menschen miteinander sich schließlich durchsetzen wird. An diesem Moment des Kontrafaktischen des humanitären Glaubens tritt zugleich aber auch die spirituelle Dimension in unserer Beziehung zu den Menschenrechten hervor. Denn der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen und die ihm unveräußerlich zukommenden Rechte schreibt jedem Menschen eine unbedingte Bedeutung zu. Jeder Mensch wird als einer geglaubt, der nie schon aufgeht in dem, was von ihm vorhanden ist, somit auch nicht in dem, was von ihm sichtbar wird, nicht in seinen Wohltaten und nicht in seinen Untaten, wie bewundernswert oder wie verabscheuungswürdig auch immer sie zu Buche schlagen mögen.

In jedem Menschen ist mehr, ist eine Transzendenz, etwas letztlich Unbegreifliches. Das eben bringt die christliche Rede dadurch zum Ausdruck, dass sie den Menschen ein Kind Gottes nennt, von Gott geschaffenen, in Sünde verstrickt, aber noch in seiner sündhaften Verkehrung von Gott unendlich geliebt. Jeder Mensch ist, in religiöser Sprache ausgedrückt, ein solcher, auf den Gott seine Hand gelegt hat. Unantastbar ist die Würde jedes Menschen für den, der an die Menschlichkeit (Gottes) glaubt. Unveräußerlich sind die Rechte jedes Menschen, sein Recht auf Leben, auf Freiheit, auf persönliche Sicherheit, für den, der seinen Glauben an die Menschlichkeit (Gottes) in der Liebe zu den Menschen lebt.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin und Religionsphilosophischer Salon



Eine humanistische christliche Kirche und ihr Initiator Jacobus Arminius

26. April 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Remonstranten Forum Berlin

Eine humanistische christliche Kirche des freien Geistes: Der Reformator Arminius und die Remonstranten.

Veröffentlicht in leicht veränderter Form innerhalb der Reihe „Reformation am Rande“ in der Zeitschrift PUBLIK – FORUM am 15. April 2016. Wir veröffentlichen diesen Beitrag, weil er auf eine bislang einmalige Verbindung von Humanismus bzw. freiem Geist (d.h. auch Liberalität und Anti-Dogmatismus) UND biblisch inspriertem Glauben hinweist. Die Gestalt des Arminius und die Kirche der Remonstranten (die sich bescheiden „Bruderschaft“ nennt) verdient Beachtung auch in philosophischem Zusammenhang.

Von Christian Modehn

Die Reformation hat sich in den Niederlanden nur zögerlich durchgesetzt. Aber schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam es unter den Calvinisten zu Spaltungen und Verfolgungen. Es ging dabei, modern formuliert, um die Gültigkeit eines humanistisch geprägten Glaubens in einer sich dogmatisch verhärtenden calvinistischen Kirche. Es waren vor allem Flüchtlinge, die zuerst den reformierten Glauben im Sinne Calvins in den Niederlanden verbreiteten. Die erste Synode fand 1574 statt, dabei formulierten sie auch ihr Glaubensbekenntnis mit der zentralen Lehre Calvins über die Prädestination (Vorherbestimmung): Gott hat in aller Ewigkeit verfügt, welcher Mensch erlöst und welcher verdammt ist. Aber nur Gott weiß, so Calvin, wer gerettet wird und wer nicht. »Die Theologen nach Calvin legten aber immer mehr Nachdruck auf die Verdammung bestimmter Menschen«, schreibt der Theologe Marius van Leeuwen. So entstand »ein strenges, Angst machendes Glaubenssystem«. Dem widersprach entschieden der holländische Theologe Jacobus Arminius: 1559 in der Provinz Utrecht geboren, studierte er unter anderem in Genf bei Calvins Nachfolger Theodor de Bèze. Danach wurde er in Amsterdam Pfarrer und 1603 Theologieprofessor in Leiden. Humanistisch geprägt, konnte er die pessimistische Lehre seiner Kirche nicht unterstützen: Sie gestehe dem Menschen keine Freiheit zu, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Wenn Gott alles vorherbestimme, herrsche Defätismus und vielleicht sogar Unmoral, weil letztlich alles gute Handeln wertlos sei. Das Plädoyer von Arminius für die menschliche Freiheit fand schärfsten Widerstand. Leider konnte Arminius seine Theologie nicht umfassend darstellen, er starb schon 1609. Aber sein großer Freundeskreis verteidigte diesen von humanistischem Geist geprägten Glauben. 44 Theologen verfassten 1610 ihre grundlegende Schrift »Einspruch«, »Remonstratie«: Sie erzeugte so viele leidenschaftliche Debatten, dass ihre Anhänger Remonstranten genannt wurden. Die orthodoxen Calvinisten definierten sich als »Contra-Remonstranten«. Die Synode in Dordrecht 1618 sollte mehr Klarheit bringen, aber es kam zu keiner Versöhnung: Die Minderheit der Remonstranten musste Holland verlassen, unter anderem flohen viele auch nach Friedrichstadt bei Schleswig. Der Politiker Johan van Oldenbarneveld, der noch für Toleranz kämpfte, wurde 1619 enthauptet; der berühmte Rechtsphilosoph und Remonstrant Hugo Grotius wurde verhaftet, konnte aber nach drei Jahren fliehen. Erst zehn Jahre später beruhigte sich die Lage, und die »Ketzer«, die Remonstranten, konnten wenigstens ihre kleinen Kirchen aufbauen, meist versteckt hinter normalen Hausfassaden. Doch ihre Wirkungsgeschichte ist beachtlich: Seit dieser Zeit sind die Niederlande religiös pluralistisch und tolerant, es gab ja immer viele Katholiken im Süden des Landes. »Toleranz ist eine Forderung der Intelligenz und Einsicht. Wer intolerant ist, der ist unwissend«, sagt der remonstrantische Theologe Johan Goud. Die Remonstranten sind in den Niederlanden immer eine zahlenmäßig kleine Kirche geblieben, haben aber ihr eigenes Profil weiter gepflegt: Als »Freisinnige« förderten sie sehr früh die historisch-kritische Bibelforschung, sie deuten „Gottes Wort“ als ein Zeugnis, ein Buch, von Menschen (!) auf der Suche nach Gott. Sie halten Fragen und Disputieren für entscheidend, schätzen und fördern den je-eigenen, den individuellen Glauben über alles. Auch das 2006 neu geschriebene Glaubensbekenntnis versteht sich nur als ein Vorschlag, es gibt kein alle Mitglieder bindendes Credo. Im Geist der Menschenrechte waren die Remonstranten die erste Kirche, die Homosexualität als eine normale Variante der Sexualität verstanden und deswegen seit 1988 homosexuelle Partnerschaften und Ehen in ihren Kirche segnen. Im Geist der Offenheit ist selbstverständlich jeder, gleich welchen Glaubens, eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen. Aufgrund ihrer Theologie sind Remonstranten gefragte Gesprächspartner für Agnostiker, Atheisten und unreligiöse Humanisten. Aufs Ganze gesehen, sind die Remonstranten eine stark rational und vom philosophischen Disput geprägte Kirche. Immer wird die Balance gesucht zwischen Humanismus und biblischer Tradition. In Amsterdam haben die Remonstranten einen eigenen Lehrsstuhl. Weil aber Frömmigkeit heute zunehmend als starke Emotion gewünscht und erfolgreich propagiert wird, sind ihre vierzig niederländischen Gemeinden (mit insgesamt 6000 Mitgliedern und Freunden, also Menschen, die noch gleichzeitig Mitglied ihrer Herkunftskirche bleiben wollen) eher überschaubare Orte für intellektuell Interessierte.

Als Mitglied im „Ökumenischen Weltrat der Kirchen“ in Genf, den die Remonstranten von Anfang an unterstützen, sind sie inmitten zahlreichster streng-orthodoxer, pfingstlerisch-bewegter, evangelikal-frommer usw. Kirchen eine gewisse Ausnahmeerscheinung des freien Geistes der Liberalität bzw. des Humanismus und der entschiedenen Abweisung von Dogmatismus und Homophobie. Inzwischen haben sich einige andere Kirchen mit viel Mühe durchgerungen, durchaus remonstrantische Positionen zu übernehmen, etwa im Blick auf die Akzeptanz homosexueller Lebensgemeinschaften bei Lutheranern und Reformierten.

 



Panama Papers und Legionäre Christi

7. April 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien

Die Panama Papiere und die Legionäre Christi

Ein Hinweis von Christian Modehn

Religionskritik ist eine philosophische Aufgabe, gemäß den guten Traditionen der Aufklärung. Bisher ist es den Forschungen des Religionsphilosophischen Salons Berlin nicht gelungen zu klären, (Stand 6.4.2016), in welcher Weise auch kirchliche und andere religiöse Institutionen von den Briefkastenfirmen in Panama profitieren. Das ist eigentlich ein Thema für einen investigativen Journalismus, der sich mit Religionen selbstverständlich kritisch und im Abstand befasst…Gibt es diesen umfassend kritischen, kirchenunabhängigen Journalismus en in Deutschland? Carsten Frerk vom Humanistischen Verband Deutschlands hat das viel Wichtiges Erhellendes publiziert.

Man muss sich nur mal die Mühe machen und die Bücher des mexikanischen investigativen Journalisten Raul Olmos lesen (2015 publiziert: „El Imperio financiero de los Legionarios de Cristo“, Grijalbo), um festzustellen: Eigentlich ist das Thema Steueroasen bzw. Panama-Papiere auch ein Thema, das den einflussreichen und äußerst finanzstarken, gleichzeitig theologisch äußerst konservativen katholischen Orden der Legionäre Christi betrifft. Details zu diesem Orden und zu Pater Marcial Maciel, ihrem, gelinde gesagt, „unmoralischen“ (so nannte ihn Papst Benedikt XVI.) Gründer und Freund von Papst Johannes Paul II., kann man in meinen Beiträgen seit 2009 auf dieser website nachlesen.

Im Dezember 2015 wurde ein neuer Beitrag über das Buch von Raul Olmos publiziert, auch zur Tatsache, dass diesem Orden, extra,  von Papst Franziskus der päpstliche Ablass gewährt wurde. Klicken Sie hier.

Jetzt nur so viel, noch einmal, zu den Recherchen von Raúl Olmos, es sind Ergebnisse fünfjähriger Arbeit. Zweifelsfrei, und von den Legionären Christi selbst unwidersprochen hingenommen, ist das Recherche-Ergebnis: Dieser Orden (mit nur ca. 1000 Mitgliedern) verfügt über ein Vermögen von mehreren Milliarden Dollar. „Die Legionäre Christi könnten bei ihrem Finanz-Vermögen den ganzen Hauhalt des Vatikans finanzieren… Der Orden der Legionäre Christi verfügt über mindestens 500 Organisationen und Unternehmen, die viel Vermögen erzeugen“, so Raul Olmos in „Aristegui CNN“ am 27.1.2016. Olmos noch einmal wörtlich: „Diese Unternehmen haben nichts mit einer pastoralen Aufgabe zu tun haben, Unternehmen wie etwa in Panama, die schon von Marcial Maciel gegründet wurden. Es handelt sich dabei auch um Unternehmen imaginärer Art („empresas fantasma“, sagt Olmos), es gibt Unternehmen auf einer Insel, und dies wegen der Steuerflucht oder um Geld zu waschen“ („es para evasion fiscal o lacado de dinero“, so Olmos wörtlich).

In einem weiteren Beitrag, publiziert in Eldiario, Madrid, vom 6.1.2016, wird Raul Olmos genauso deutlich: „Im übrigen arbeitet der Orden mit Steuerparadiesen zusammen, etwa mit Jersey oder Panama bis in die Schweiz. Der Orden der Legionäre Christi hat seine Milliarden investiert in die United Technologies Corporation und Ametec Inc.; in die Alkoholproduktion, wie Diageo und Constellation Brands und Heineken sowie in die Produktion von Antibabypillen, wie Johnson & Johnson sowie Pfizer, um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Frage, die immer noch nicht umfassend beantwortet wurde: Warum wurde der Orden de Legionäre Christi nach den Enthüllungen zahlreichen sexuellen Missbrauchs, nicht nur durch den Ordensgründer, sondern durch etliche andere Legionäre Christi, nicht aufgelöst, wie man es im 17. Jahrhundert schon einmal mit dem Orden der Piaristen, der Priester der frommen Schulen für einige Jahre getan hatte, weil auch dieser Orden des heiligen José de Calasanz von pädophilen Vergehen geprägt war.

Bei den Legionären kommt hinzu: Sie haben aufrund der Geldgier Pater Maciels Millionen durch Erbschaften und Schenkungen erhalten. Wer würde diese Milliarden dann erhalten, wenn der Orden aufgelöst worden wäre? Die verbliebenen Mitglieder? Oder vielleicht der Vatikan? Aber der Vatikan und mit ihm der Papst haben doch selbst ein Milliarden schweres Vermögen, allein schon durch den Immobilienbesitz in der „heiligen Stadt“ Rom… Nebenbei: Trotzdem sollen die Katholiken aber bitte brav für den Vatikan weiter spenden, den so genannten „Peterspfennig“ entrichten. Und auch die Legionäre Christi erlauben es sich noch, um Spenden zu bitten, etwa durch Einlagen in Kirchenzeitungen.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Die Macht des Todes überwinden. Auferstehung für Aufgeklärte

3. April 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Die Macht des Todes überwinden: Auferstehung für Aufgeklärte

Von Christian Modehn

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Dieses Manuskript ist die Grundlage für eine Radiosendung im RBB Kulturradio am Ostersonntag 2016. Die Sendung selbst bezieht sich auf ein gekürztes und leicht verändertes Manuskript. Das Manuskript der Sendung kann bestellt werden: religion@rbb-online.de

Mein Text ist der Versuch, wie der Untertitel sagt, auf Möglichkeiten hin zu weisen, wie „Aufgeklärte“, also (selbst-) kritische und eben nicht „traditionell – religiöse“ Menschen von heute die Auferstehung Jesu und die eigene Form des „Über den Tod hinaus“ verstehen können und möglicherweise für sich selbst als Impuls und Orientierung ergreifen. Es kommt ja bekanntlich darauf an, auch und gerade im christlichen Glauben bei Vernunft zu bleiben oder, wie man früher sagte, „den Verstand eben nicht an der Kirchentür abzugeben“.

Die Macht des Todes überwinden. Auferstehung für Aufgeklärte:

Musikal. Zuspielung, Mozart, Quintett g Moll, Adagio.

Das Adagio aus dem g moll Quintett von Mozart – eine Musik zum Osterfest: Wer den Klang in Worte fassen möchte, wird wohl sagen: Inmitten der Dunkelheit wächst die Hoffnung. Diese Erkenntnis hat den Mozart-Kenner und Theologen Karl Barth immer tief bewegt:

„In dieser Musik geschieht eine Wendung, in deren Kraft das Licht aufsteigt. Der Schatten fällt, ohne zu verschwinden. Die Freude überholt das Leid, ohne den Schmerz auszulöschen. Da kommt das Ja stärker als das Nein zum Klingen“.

Musikal. Zuspielung, Mozart, Quintett g Moll, Adagio. Noch einmal 0 05“ freistehen.

Ostern ein Fest des Lebens, das jeder auf seine Art begehen kann: Der Osterspaziergang wird zur spirituellen Erfahrung, weil sich die Natur wieder voller Leben zeigt. Und wer Ostern als das Fest des Friedens feiert, erinnert sich an die Verse des schweizerischen Dichters Kurt Marti:

„Das könnte manchen Herren so passen,

wenn mit dem Tode alles beglichen:

Die Herrschaft der Herren,

die Knechtschaft der Knechte

bestätigt wäre für immer.

Aber es kommt eine Auferstehung,

die anders, ganz anders wird, als wir dachten.

Es kommt eine Auferstehung, die ist

der Aufstand Gottes gegen die Herren….

und gegen den Herrn aller Herren: den Tod“.

Ostern … ein Fest, das Mut macht, weiter zu sehen, weiter zu gehen, aufzubrechen, meint die Dichterin Marie Luise Kaschnitz:

„Manchmal stehen wir auf,

Stehen wir zur Auferstehung auf,

Mitten am Tage.

Mit unserm lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut…

….. Manchmal stehen wir auf. …“

Ostern hat seinen Ursprung in außergewöhnlichen Erfahrungen der ersten Christengemeinden. Sie haben ihre Einsichten im Neuen Testament aufgezeichnet. Wer die Erzählungen von der Auferstehung Jesu liest, ist verwirrt von der Fülle außergewöhnlicher Begebenheiten: Da treten Engel auf und Jünglinge in weißen Gewändern; Jesu Grab, so heißt es, sei leer; dann erscheint der Auferstandene seinen Getreuen in einer Art überweltlichen Leiblichkeit. Aber es wäre falsch, diese Texte als nebulöse Phantastereien beiseite zu legen. Denn Ostern wird zwar in der Sprache der Poesie beschrieben, aber im Hintergrund stehen wirkliche Erfahrungen. Die Osterberichte beziehen sich auf eine Tatsache: Jesus von Nazareth wurde als Rebell zum Tode verurteilt, er ist einsam am Kreuz gestorben. Und seine Getreuen, die Jünger, sind vor Angst davon gelaufen.

„Was ist eigentlich geschehen zwischen dem historisch bezeugten Jesu Tod am Kreuz und den späteren Erscheinungen des Auferstandenen, also zu Ostern? Was ist in dieser Zeit mit den Jüngern geschehen? Die Antwort heißt: Ihr Selbstverständnis war zutiefst erschüttert, sie waren traumatisiert“, betont der Theologe Christoph Türcke. „Aber nach etlichen Tagen, vielleicht auch Wochen oder Monaten, wir wissen es nicht genau, kam der Umschwung. Die abtrünnigen, untergetauchten Gefolgsleute Jesu traten als seine anhänglichsten Gewährsleute hervor. Die Panik war von ihnen abgefallen“.

Von der Angst befreit, erinnern sich die Jüngerinnen und Jünger an das gemeinsame Leben mit Jesus, an seine Worte und Taten: Wie sie Jesus als den Gerechten erlebten, den Freund der Menschen; den spirituellen Meister, der Gott als grenzenlose Liebe bezeugte. So kommen sie zu der Überzeugung: Dieser Jesus kann nicht im Tod versinken, war er doch so eng mit Gott verbunden. Diese Erkenntnis der Jünger sollte ernst genommen werden, betont der religionskritische Philosoph Kurt Flasch:

„Dass an der Entstehung der christlichen Bewegung intensive seelische Erfahrungen beteiligt waren, ist historisch plausibel, genauso wie es plausibel ist, dass die christliche Bewegung später kaum durch Lügen von Theologen oder durch den Diebstahl des Leichnams Jesu entstanden ist“.

Wie in einer Art Geistesblitz, einer Erleuchtung, wird den Jüngern Jesu die Einsicht von der Auferstehung Jesus zuteil. Mit wenigen Worten, in einer Art Kurzformel, bekennen sie schon wenige Monate nach Jesu Tod ihren gemeinsamen Glauben: „Jesus von Nazareth wurde von Gott zum Leben erweckt, er ist von den Toten auferstanden“.

Eines der ältesten – und schönsten – Osterlieder, aus dem 11. Jahrhundert, bezeugt diesen elementaren Glauben:

Musikal. Zuspielung, Lied: „Christ ist erstanden“.

Die historisch-kritische Bibelwissenschaft hat in den letzten Jahrhunderten viel Klarheit zur Auferstehung Jesu gebracht. Eine naive Bibellektüre, die jeden Vers wie einen Zeitungsbericht deutet, hat keine Berechtigung mehr. Warum sollten auch wissenschaftliche Erkenntnisse in der Religion und den Heiligen Texten weniger gelten als in der Medizin, der Physik oder der Psychologie? Die wichtigste Erkenntnis fasst Christoph Türcke, sozusagen stellvertretend für viele andere Theologen, kurz und bündig zusammen:

„Es gibt keine neutralen Beobachter der Auferstehung Jesu. Es gibt keinen Historiker, der das Auferstehungsgeschehen beobachtetet hat“.

Aber es ist auch eine Tatsache, dass sich unter den Jüngern Jesu die gemeinsame Überzeugung durchsetzte: Jesus von Nazareth lebt auf neue, bislang unbekannte Weise. Er hat den Tod überwunden. Und davon sprechen die ersten Christen voller Symbole und Metaphern. Vierzig oder fünfzig Jahre sind seit dem Tode Jesu vergangen, als die vier Evangelisten die Überzeugung der Gemeinden von der Auferstehung niederschreiben. Und die Autoren weichen dabei inhaltlich stark von einander ab, nennen etwa eine unterschiedliche Anzahl der Engel, die am Grab die Auferstehung verkünden. Aber diese Vielfalt sei doch ganz normal, betont der Philosoph Kurt Flasch:

„Dass Erzählungen mit der Zeit anwachsen und sich verändern, das ist auch heute noch die Regel. Erzähler fügen zunehmend etwas hinzu, was nach ihrer Ansicht gesagt werden muss, um die Botschaft gegen neue Zweifel zu sichern. So wuchsen die Erzählungen eben auch im orientalischen Alltag“.

In den Evangelien sind es Frauen, Jüngerinnen Jesu, die als erste voller Sorge zu seinem Grab eilen. Dort vernehmen sie von einem Engel, also dem Symbol für die innere Erkenntnis, dass die Macht des Todes besiegt ist, also eine neue Welt begonnen hat. Der Evangelist Matthäus lässt den Engel sagen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Ich weiß, ihr sucht Jesus den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Denn er ist auferstanden“.

Und diese Überzeugung haben Christen schon im 6. Jahrhundert in ihren Gesängen zum Ausdruck gebracht. Die katholische Ordensfrau und weltbekannte Sängerin Marie Keyrouz aus dem Libanon interpretiert einen uralten Oster-Hymnus in arabischer Sprache:

Gesang Soeur Marie Keyrouz, aus dem Libanon:  „Der Engel sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Freue dich, dein Sohn ist auferstanden. Er lebt!“

„Ostern ist ein Fest, das so viel den Frauen verdankt“, betont der Theologe und Psychologe Eugen Drewermann: „Denn allein die Frauen sind offenbar fähig und würdig, den Sieg des Lebens über den Tod zu sehen und sichtbar zu machen. Die Wirklichkeit des Ostermorgens kann man nur mit den Augen des Herzens wahrnehmen. Frauen scheinen seit alters her die berufenen Priesterinnen dieser Geheimnisse des Unsichtbaren zu sein“.

Feministische Theologinnen haben diese Hinweisen weiter vertieft und politisch aktualisiert. Doris Strahm aus Zürich meint: „Von der Auferstehung der Frauen reden, bedeutet, von der Auferstehung der gebrochenen Körper der Frauen reden, von Frauen, die dürsten nach einem Leben in Würde und Gerechtigkeit. Das heißt aber auch die Heiligkeit des weiblichen Körpers zu bestätigen, der seit Jahrhunderten abgewertet, ausgebeutet, vergewaltigt und nach Männerwünschen zurechtgebogen wird und sich nach Heilung, nach Selbstbestimmung und Befreiung sehnt. Von der Auferstehung zu reden, bedeutet für mich, auch von der Schönheit des Frauenkörpers seiner Lust und erotischen Leidenschaft zu reden, sie als Teil der Heiligkeit des menschlichen Lebens zu bejahen“.

Mit besonderer Aufmerksamkeit berichten die Evangelisten von Maria Magdalena, sie geht als erste zum Grab Jesu und vernimmt dort die Auferstehungsbotschaft. Einst war Maria von Magdala seelisch erkrankt, von bösen Geistern beherrscht, wie man damals sagte. Sie wandte sich an Jesus, als er in Galiläa wie ein Prophet und Heiler umherzog: Und er hat, so wird berichtet, Maria von Magdala angehört, er hat sie respektiert und in liebevoller Zuwendung geheilt. Wer so viel verwandelnde Kraft und positive Energie von Gott her hat, der kann nicht sterben. In dieser Überzeugung sagt ihr der strahlende Engel am Grab: Jesus lebt. Von diesem Bild lässt sich Eugen Drewermann inspirieren: „Die Wahrheit unseres Lebens liegt in dieser Vision des Engels, der bekleidet ist mit dem Lichtglanz des Himmels, angetan mit dem Strahlengewand der Sonne und der Wolken. Dies ist das Bild, das wir in uns tragen, mitten in der scheinbaren Hoffnungslosigkeit. So können wir einander wahrnehmen, dass nicht Alter und Verfall die letzte Auskunft über unser Leben ist, sondern etwas Unvergängliches in uns aufleuchtet, etwas Nie – Verlöschendes, eine Vision von Liebe. Wir folgen seit Ostern den Fußspuren einer unzerstörbaren Hoffnung“.

Die Ostererzählungen haben die Phantasie späterer Generationen nicht zur Ruhe kommen lassen. Beliebt war seit dem 2. Jahrhundert zum Beispiel das so genannte Petrusevangelium: Dem Autor zufolge, schweben zwei Jünglinge vom Himmel hernieder auf das Grab Jesu zu, und die Wächter sind machtlos: Das Grab öffnet sich … und dann geschieht etwas Wundervolles:

„Die beiden himmlischen Jünglinge verlassen wieder das Grab und stützen dabei einen weiteren Mann, und ein Kreuz folgt ihnen hinterher. Der Kopf der ersten beiden Jünglinge reichte bis zum Himmel. Das Haupt dessen aber, der von ihnen gehalten wurde, überragte sogar den Himmel. Und eine Stimme hörten sie vom Himmel her fragen: Hast du von dem Entschlafenen verkündet? Und die Antwort kam vom Kreuz: Sie lautete: Ja“.

Diese Erzählung wirkte auf viele Christen schon damals wie ein mysteriöses Märchenbuch. Deswegen wollten sie das Petrus-Evangelium nicht als einen maßgeblichen, „kanonischen“ Text im Neuen Testament betrachten.

Trotz der vielfältigen und überschwänglichen Erzählungen vom Ostergeschehen haben die ersten Christen doch ihren klaren Verstand bewahrt. Man muss nur genau hin schauen, wenn man ihre Antworten sucht auf die so Frage: War denn das Grab Jesu leer? Oder befand sich sein irdische Körper noch darin? Tatsächlich ist es so: Die Botschaft der Engel, also das Vernehmen einer inneren göttlichen Stimme, steht im Mittelpunkt der Evangelien. Übereinstimmend sagen die Engel: Jesus lebt, er ist auferstanden. Die Botschaft vom leeren Grab ist demgegenüber zweitrangig. Der katholische Theologe Hans Kessler und Autor einer umfassenden Studie schreibt:

„Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“.

Jesus hat als Mensch wie alle anderen Verstorbenen mit seinem toten Körper im Grab gelegen. Trotzdem gilt die Überzeugung: Er ist er auferstanden, er lebt. Denn er wurde schon zu Lebzeiten als die menschliche Verkörperung des Göttlichen erlebt. Natürlich gehörte schon für die ersten Christen ein Stück Mut dazu, diese Überzeugung öffentlich zu äußern. Aber sie wussten: Wenn es um die so genannten letzten Fragen geht, also um den Tod und das Überschreiten dieser Grenze, stehen alle vor einer Alternative: Entweder Ja oder Nein zur Überwindung des Todes zu sagen. Von dieser Einsicht ist der Philosoph und Naturwissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker überzeugt:

„Wenn der dunkle Engel kommt, werden wir in unserem je eigenen Tod uns entschieden haben müssen: Zwischen der Verzweiflung vor der abgrundtiefen Nacht des Nichts. Oder der Hoffnung auf ein unvorstellbares Licht“.

Von diesem unvorstellbaren Licht waren die ersten Christen so berührt, dass sie sogar von Erscheinungen des Auferstandenen in ihren Häusern berichten. Sie projizieren dabei ihrem Glauben nach außen, sie erschaffen förmlich eine gott-menschliche Gestalt, sprechen gar von leibhaftigen Begegnungen. Aber diese Erzählungen dürfen – wieder einmal – nicht wörtlich verstanden werden, betont der katholische Theologe Karl Rahner: „Der Auferstandene darf als einer, der den Tod überwunden hat, nicht unserem menschlichen Stoffwechsel untertan sein; er darf nicht wieder in der Zeitlichkeit sein; er darf nicht von physikalischen Größen, wie dem Berührtwerden, abhängig sein“.

Aber die ersten Christen haben eigene Interessen, wenn sie von den Erscheinungen des Auferstanden in ihrer Mitte sprechen: Denn, so heißt es, Jesus sendet die Jünger in die Welt, zur Predigt, im Rahmen einer Kirche. Darauf weist der bekannte katholische Theologe Edward Schillebeeckx hin: „Diesen Berichten geht es unverkennbar um die Begründung und die Legitimierung der Kirche, die sich langsam bildet. Es geht um die Begründung der kirchlichen Sendung in der Welt. Die Gemeinde legt Jesus die Worte in den Mund, dass die Kirche nun Jesu Mission fortführen soll“.

Musik, Gesang Iegor Reznikoff,

Ein einziges Wort, das Ostern ausdrückt: Das Alleluja… Gesungen von Iegor Reznikoff, dem französischen Sänger. Wenn er in gotischen Kathedralen auftritt, kommen nicht nur kirchlich gebundene Menschen zusammen.

Das Alleluja haben die ersten Christen nie als eine bloße Floskel verstanden. Ihr Alleluja hatte einen konkreten Inhalt: Weil Jesus auferstanden ist, werden die Menschen als die Söhne und Töchter Gottes ebenfalls auferstehen. Der Apostel Paulus hat diese Einsicht seiner Gemeinde in Korinth einschärfen wollen:

Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferstanden. Er ist der Erste der Entschlafenen, die auferstanden sind.

Dieser Gedanke bewegt bis heute die Theologen, Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand betont: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.

Aber das neue, das „auferstandene“ Leben geschieht bereits jetzt, mitten im Alltag. Die christlichen Mystiker weisen mit Nachdruck darauf hin, der mittelalterliche Dominikaner-Mönch Meister Eckart sagt:

„Wer Gottes Nähe, also den göttlichen Funken in sich selbst spürt, ist dem Strom der Zeit, also schon der Welt, enthoben“.

Er braucht den Tod keineswegs als Absturz ins Nichts zu fürchten… Für Meister Eckart ergibt sich daraus eine praktische Lebenseinstellung: Der Mensch konzentriert sich nun auf Wesentliches, bevorzugt alles, was sinnvolles Leben reicher macht. Er lebt im Abstand von den Dingen, lässt das Klammern und Besitzenwollen. Meister Eckart sagt: „Ein solcher Mensch findet zur Gelassenheit und inneren Ruhe. Er ist frei“.

Musik Intermezzo, Gesang Iegor Reznikoff,

Christen weisen jede Ideologie zurück, die da meint: Der Mensch könne durch eigenes egoistisches Tun den Eintritt in die göttliche Welt beschleunigen, etwa durch ein Selbstmordattentat, Dieser mörderische Jenseitsfanatismus hat nichts mit Glauben zu tun..

Wer Auferstehung heute mitten im eigenen Leben erfahren will, wird von den ersten Christen ganz schlicht aufgefordert, zu lieben. Im Ersten Johannesbrief des Neuen Testamentes heißt es: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinüber gegangen sind, weil wir die Brüder und Schwestern lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod“.

Mit Liebe ist erotische Liebe genauso gemeint wie selbstlose Nächstenliebe. In der Liebe stehen die Menschen aus dem Egoismus auf; sie wachsen über sich hinaus. Es gibt diese Menschen, die schon jetzt wie Auferstandene leben. Sie haben sich von allen Ängsten um ihr eigenes kleines Leben befreit und handeln zum Wohl der Leidenden und werden so transparent fürs Gott. Zum Beispiel gehört Erzbischof Oscar Romero im zentralamerikanischen Staat El Salvador zu diesen „Auferstandenen“. Mitten im Bürgerkrieg seines Landes kämpfte er leidenschaftlich gegen die Militärs zugunsten des verarmten indianischen Volkes. Kurz vor seiner Ermordung durch die Militärs im Jahre 1980 sagte Oscar Romero: „Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube. Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ich sage Ihnen dies in aller Bescheidenheit. Als Bischof bin ich aufgrund göttlichen Auftrags verpflichtet, mein Leben hinzugeben für jene, die ich liebe. Sofern Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann möge mein Tod zur Befreiung meines Volkes dienen und ein Zeugnis der Hoffnung auf die Zukunft sein“.

Dorothee Sölle, die feministische und politische Theologin, hat oft Zentralamerika besucht. Dort konnte sie erleben, wie der Auferstehungs-Glaube unter den Armen alles andere als beruhigendes Opium ist: „Die vielen tausend Menschen, die in Lateinamerika jährlich am Todestag Oscar Romeros Gottesdienste feiern, rufen immer wieder einander zu: Oscar Romero lebt. Er ist bei uns. Er ist auferstanden in seinem Volk, er ist presente, anwesend. So werden die Auferstehung Jesu und die Auferstehung ihres Bischof Oscar Romero eins“.

Auferstehung jetzt heißt das Motto der Menschen, die sich nicht der Verzweiflung aufgeben in einer offenbar unheilbar zerrisenen Welt. Die Theologin Doris Strahm hat beobachtet:  „In der ganzen so genannten Dritten Welt sind es vor allem die Frauen, die aufstehen für das Leben, die täglich für das Überleben ihrer Kinder kämpfen müssen und mit ihrem Körper für das Leben sorgen, es nähren und schützen. Überall auf der Welt sind es in der Mehrzahl Frauen, denen die Erhaltung und Bewahrung des Lebens aufgebürdet wird; die, wie die Frauen am Grab Jesu, Zeugnis ablegen von der Auferstehung, von neuem Leben inmitten von Verzweiflung und Erfahrungen des Todes“.

Längst ist die Auferstehung Jesu ein Symbol, das weit über die Kirchen hinaus die Menschen bewegt. Künstler der Moderne lassen sich davon inspirieren, wie Vincent van Gogh. In einem Brief aus dem Jahr 1888 schreibt er:

„Christus allein bekräftigt unter allen Philosophen das ewige Leben als eine fundamentale Gewissheit. Er bekräftigt die Nichtigkeit des Todes und deswegen auch die Notwendigkeit und die Berechtigung heiterer Gelassenheit und Aufopferung. Er hat in heiterer Ruhe gelebt, er war sozusagen auch der größte aller Künstler: Denn er hat den Marmor, den Ton und die Farbe verschmäht und stattdessen in lebendigem Fleisch, also mit Menschen, gewirkt“.

Den auferstandenen Christus wollte van Gogh nicht figürlich malen, aus Respekt vor der heiligen gott-menschlichen Gestalt. Darum malte van Gogh die Sonne als das universell gültige Symbol des Auferstandenen: In der mittelalterlichen Gertrauden Kapelle von Güstrow, Mecklenburg, ist die Skulptur „Das Wiedersehen“ von Ernst Barlach ausgestellt. 1926 geschaffen, wird die Begegnung des ungläubige Thomas mit dem auferstanden Jesus gezeigt. Thomas, so berichten die Evangelisten, will nur an die Auferstehung glauben, wenn er die Wunden des Gekreuzigten berührt hat. Barlach zeigt, wie sich dieser Thomas an dem aufrecht stehenden Christus festhält, vor Angst noch erstarr und erkrümmt. Der Auferstandene gibt ihm das Rückgrat wieder, er wirkt gesammelt, von erstaunlicher Schlichtheit. Der Kunstkritiker und protestantische Theologe Horst Schwebel sagt: „Die Augen des Christus gehen jedoch über den Gebeugten Thomas hinweg ins Leere. Christi Gesicht drückt Mitgefühl und Teilnahme aus. Er wird dem Gebeugten zur Stütze…Es ist Christus, der als Bruder dargestellt wird, der dem anderen hilfreich zur Seite steht“.  So wird anschaulich, welchen Sinn das alte, fast abgegriffene Wort Erlösung hat: Ostern als Fest der Erlösung bringt Licht in die Dunkelheit, ein Licht, das nicht erlöschen kann, weil es göttlich ist. Die Auferstehung fördert also eine Lebensphilosophie. Sie beschreibt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

…….

Ein Hinweis auf die hier zitierte LITERATUR:

Albert Boime, Vincent van Gogh, Die Sternennacht. Fischer Taschenbuch, 1989.

Katharine Ceming u.a. Die Verbotenen Evangelien, Apokryphe Schriften. Marxis Verlag, 2010.

Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin. C.H.Beck Verlag 2013.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hans Küng, Musik und Religion, Piper Verlag München, 2010.

Elisabeth Moltmann- Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit 2005.

Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Horst Schwebel, Die Kunst und das Christentum, Geschichte eines Konflikts. Verlag C.H.Beck, München 2002.

Doris Strahm: http://www.doris-strahm.ch/Strahm_1_03.pdf –

 

 

 



Camilo Torres lebt: Seine Bedeutung 50 Jahre nach seinem Tod.

29. März 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Camilo Torres lebt: 50 Jahre nach seinem Tod

Ein Interview mit Juan Camilo Biermann López. Er ist Wissenschaftler am „Centro de Pensamiento Camilo Torres Restrepo de la Universidad Nacional de Columbia“.

Ein Vorwort von Christian Modehn am 29.3. 2016: Angesichts der schwierigen und immer wieder scheiternden Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla dort ist es wichtig, an einen Priester, Theologen und Soziologen zu erinnern, der in Kolumbien 1966 als Mitglied einer damals noch ganz anderen „Befreiungsbewegung“ von Regierungstruppen erschossen wurde. Camilo Torres Restrepo gilt heute bei denen, die sich um eine objektive Sicht bemühen, als wichtiger Soziologe und als Befreiungstheologe, der mit der Allmacht eines konservativen Systems in Kirche und Staat zu kämpfen hatte. Camilo Torres war ein Intellektueller, der dem Evangelium gemäß die Armen über alles liebte und sich deswegen den Zorn einer reaktionären Kirchenführung zuzog. Dass er sich einst auch in Berlin aufhielt, darauf haben wir – danke der Hinweise von Juan Camilo Biermann Lopez – schon hingewiesen. Wir sind dankbar für das Exklusiv-Interview mit dem jungen kolumbianischen Historiker Juan Camilo Biermann Lopez.

Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin.

Anlässlich des 50. Todestages von Camilo Torres gibt es jetzt ein breites Interesse unter den KolumbianerInnen an seiner Person und seinem Denken? Gibt es möglicherweise eine neue, nicht-polemische Einschätzung seiner Person?

Jede Dekade der Erinnerung an den Tod von Camilo Torres Restrepo (im folgenden wird der Name der Einfachheit halber oft mit den Buchstaben CTR abgekürzt) führt zu einer Zunahme des Interesses an seinem Leben und Werk. (In der Fußnote wird eine Übersicht geboten, mit der man gut einschätzen kann, wie viele Zeitschriften-Beiträge außerhalb und innerhalb Kolumbiens über CTR geschrieben wurden. In dieser Übersicht kann auch man erkennen, dass sich in den Gedenk-Jahren 1976, 1986, 1996 und 2006 die Zahl der Publikationen über ihn ständig vermehrt hat. Diese Daten entnehme ich einem Buch, das kürzlich unter dem Titel „ Bibliografía general sobre Camilo Torres Restrepo“, veröffentlicht wurde, verfasst von Professor Alberto Parra Higuera von der Universität Hamburg). Aber in dieser Geschichte der Erinnerungen ist das Gedenken an den Tod von CTR vor 50 Jahren durchaus größer als zuvor. Der erste, eher oberflächliche Grund für das große Interesse an CTR ist, dass es jetzt nun einmal um die Erinnerung an den Tod vor genau 50 (!) Jahren geht. Jetzt sind die Menschen, die ihn kannten und seiner Generation angehörten, schon gestorben oder eben sehr alt. Diese Tatsache erleichtert es, dass man jetzt Themen behandeln kann, die vorher noch Groll erweckten oder von einigen Bereichen der kolumbianischen Gesellschaft als Störung empfunden wurden. Ein noch wichtigerer Grund für die Erinnerung an CTR jetzt ist die Tatsache, dass die kolumbianische Regierung und die Guerilla der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Columbia) einen Ausweg suchen, indem man über den bewaffneten Konflikt verhandelt. Obwohl die FARC und der ELN (Ejército de Liberación Nacional; zum ELN gehörte CTR am Ende seines Lebens, der Übers.) zwei verschiedene Guerilla-Organisationen sind. So haben diese Friedensdialoge die Frage nach einem möglichen Dialog zwischen der Regierung und dem ELN aufgeworfen. So kommt der Gestalt von CTR von neuem eine Bedeutung zu, da er ja die intellektuell bedeutendste Figur des ELN war. Und sein politisches Projekt, das reflektiert wurde in „Plataforma del Frente Unido del Pueblo“ kann die Basis sein, um die Verhandlung zu beginnen. Einen dritten Grund für das starke Interesse an CTR ist darin zu sehen, dass seine sterblichen Überreste noch immer verschwunden sind. Das aber ist ein Verbrechen der Menschlichkeit und es gibt einen Gerichtsprozess, der international gültig ist. Und der hat die kolumbianische Regierung verpflichtet, nach den sterblichen Überresten von CTR zu suchen, um diese dann den Verwandten zu übergeben. Jedoch haben die Kommunikationsmedien ein wenig diese Tatsche verdreht, sie haben behauptet, dass der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos die Überreste von CTR suchen lässt wie in einer Art freundschaftlichen Geste gegenüber dem ELN.

Jede neue Erinnerung bringt neue Interpretationen und Forschungen über Leben und Werk von CTR mit sich. Es ist sehr schwierig, dass in eine Land, das mehr als 50 Jahre den Krieg erlebt, nun mit Leichtigkeit erkannt wird: Camilo Torres Restropo war mehr als ein Guerillero. Es gibt viele Sektoren, auf der Linken wie auf der Rechten, die das Bild von Camilo Torres als einem Guerilla-Priester aufrechterhalten wollen, obwohl klar ist: Priester sein und Guerillerosein bedeuten heute etwas anderes als vor 50 Jahren, als CTR sich der ELN anschloss. Vonseiten verschiedener Universitäten und religiöser und akademischer Kollektive haben wir versucht, neue Erkenntnisse anzubieten, damit CTR nicht nur als Guerilla-Priester gesehen wird. Vielmehr soll man auch anerkennen, dass er Beiträge geliefert hat etwa zu Themen der Stadt-Soziologie. Wichtig ist seine christliche Solidarität mit den Ärmsten der Armen, seine akademische Arbeit mit dem Ziel, die Gesellschaft zu verändern usw. Trotzdem, das wiederhole ich, haben es diese Erkenntnisse schwer, anerkannt zu werden. Denn die Gesellschaft ist sehr polarisiert. Und wenn man dann anerkennt, dass Camilo Torres mehr ein sozialer und politischer Führer war denn ein Guerillero: Dann kann man seinen Tod nicht mehr als einen Sieg des kolumbianischen Militärs über „die Guerillas“ betrachten. Dann kann man Camilo Torres Tod eher interpretieren als ein Beispiel mehr für die Tatsache, dass sich der kolumbianische Staat der bewaffneten Gewalt zuwandte als einer Antwort auf die Gruppen, die politische Veränderungen herbeiführen wollten zugunsten der marginalisierten Gruppen.

Haben die Führer der Katholischen Kirche in Kolumbien die theologische und hohe menschliche Qualität von Camilo Torres inzwischen anerkannt?

Bevor ich diese Frage direkt beantworte, ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass CTR sein Priesteramt aufgab, weil die hohe Hierarchie zu der Zeit (damals geleitet von Kardinal Luis Concha Cordoba) ihn verpflichtete, zwischen der priesterlichen Tätigkeit und der politischen Aktivität zu wählen. Es ist schon komisch: Eine Figur wie Monsignore Angel Builes Gomez hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versichert: „Liberale zu töten ist keine Sünde“, er hat vonseiten der Kirche konservative gewalttätige Gruppen unterstützt. Und jetzt ist dieser Prälat ein Kandidat für die Kanonisierung, also die Heiligsprechung im Vatikan. Hingegen gilt CTR nach wie vor als eine Art „outsider“ der katholischen Kirche in Kolumbien. Mehr Informationen über Builes und seine Heiligsprechung bietet: http://www.las2orillas.co/el-obispo-mas-violento-de-colombia-puede-terminar-de-santo/ )

Das zeigt, dass die katholische Kirche in Kolumbien verbunden war mit den Gruppen, die an der politischen Macht waren und die nicht interessiert waren, auf ihre Privilegien zu verzichten.

Trotzdem und über diese Tatsachen hinaus, gibt es doch einige Gestalten in der kolumbianischen Kirche von heute, die versuchen, das Vermächtnis von CTR zu befreien, neu zu lesen, und neu zu sehen, indem man ihn als einen engagierten Christen präsentiert, engagiert für die ganz armen Menschen. Das beste Beispiel dafür ist Bischof Jesus Dario Monsalve aus der Stadt Cali. Er hat nicht nur von der Regierung verlangt, dass sie sich um die sterblichen Überreste von CTR kümmert und diese ausliefert, er hat auch zahlreiche Events gestaltet um dessen Andenken zu ehren. Das hat dazu geführt, dass Bischof Monsalve Drohungen erhalten hat und dass er von der Rechten als ein Freund der Guerilla qualifiziert wurde, was in Kolumbien schon etwas sehr Schwerwiegendes bedeutet.

Dann beantworte ich also die Frage: Es fehlt noch ziemlich viel an Einsicht, dass die hohe Hierarchie in Kolumbien die Leistungen und die hohen menschlichen Qualitäten von Camilo Torres anerkennt. Sie tut das deswegen nicht, weil dies bedeuten würde: Dass die Kirche eben auch Fehler und Fehleinschätzungen begangen hat und dass sie nicht verstanden hat, was CTR damals als Thema aufwarf, das noch immer gültg ist, nämlich die Solidarität der Kirche mit den Ärmsten der Armen. Hingegen ist das Bild von CTR anerkannt von den Basisgemeinden, das sind Gruppen von Christen, die ihn verehren und in ihm einen „Martyrer“ sehen.

Ist der Gedanke der Hingabe für das leidende Volk DAS Lebensmotiv von Camilo Torres? Ist sein Eintreten für die ELN ein Akt der Verzweiflung gewesen?

Ich glaube das Lebensmotiv bzw. die zentrale Idee seines Lebens war die „amor eficaz“, also die wirksame Liebe. Und die ist sehr viel umfassender als nur die Sorge um die Menschen, die leiden. Diese wirksame Liebe ist die Basis seiner Haltung als Christ, als Akademiker, als Priester, als politischer Führer und … endlich auch als Mensch! Das ist sehr wichtig, da nur dieses Verständnis es erlaubt, in CTR nicht einen Marxisten zu sehen. Sondern er hat begriffen, dass der Marxismus helfen kann, die christliche Liebe eben als eine wirksame Liebe zu gestalten, und zwar dank einer wissenschaftlichen Methode, die das Verständnis und die Umformung der Gesellschaft garantiert zugunsten der breiten Mehrheit.

Wenn man von der wirksamen Liebe ausgeht, dann bietet CTR drei große Aufrufe bzw. Appelle.

Es ist der Aufruf zur Einheit der Volksklasse (clase popular), also der armen Bevölkerung. Es ist der Aufruf zur Solidarität mit dieser Klasse. Und der Aufruf, diese Klasse zu organisieren. Wenn CTR von dieser clase popular sprach, bezog er sich auf die Armen auf dem Land und in den Städten. Es handelt sich um einen sehr weiten Begriff, er ist ein bisschen zwiespältig, denn CTR benutzte zu seiner Zeit diesen Begriff, um von der großen Mehrheit der Leute damals verstanden zu werden. Und dann wollte er damit auch den Unterschied zwischen der Volksklasse und der herrschenden Klasse etablieren, diese herrschende Klasse wurde auch die Oligarchie genannt.

Diese drei Aspekte und Aufrufe fassen sehr gut zusammen, was seine politische Arbeit in den letzten 2 oder 3 Jahren seines Lebens betrifft. Im übrigen suchte er mit diesen drei Appellen alle Parteien, die nicht so mächtig waren und alle Menschen innerhalb der herrschenden Macht-Parteien (also der liberalen und der konservativen Partei) zu vereinen. Er wollte diese Menschen vereinigen ringsum eine „Frente Unido del Pueblo“, eine vereinte Front des Volkes. Aus verschiedenen Gründen fand diese Koalition von Parteien keinen großen Erfolg, vor allem deswegen, weil die Idee verteidigt wurde, nicht an den Wahlen teilzunehmen (man nennt das Absentismus). Und das in einem Moment, als die Präsidentschaftswahlen näher rückten und es Parteien gab (wie die Kommunisten oder die Christlichen Demokarten), die sehr interessiert waren, an diesen Wahlen teilzunehmen.

Ich glaube nicht, dass Camilo Torres Entscheidung dem ELN beizutreten aus Verzweiflung geschah. Ich glaube, es war eine Entscheidung, die er unter großem Druck getan hat, da es ja bekannt ist, dass er im Jahr 1965 zahlreiche Todes-Drohungen erhalten hat. Es ist wichtig, um besser seine Entscheidung zu verstehen, im ELN mitzumachen: Zu dieser Zeit damals war die sozialistische Revolution als nahe bevorstehend erwartet worden. Der Triumph der Revolution in Cuba überzeugte viele, dass sie glaubten: Der bewaffnete Weg sei tauglich, um an die Macht zu kommen, besonders in Ländern wie Kolumbien, wo die Oligarchie überhaupt nicht bereit war, irgendetwas von der eigenen Macht anderen Gruppen der Gesellschaft zu überlassen.

Woran man sich immer erinnern muss ist: Die Idee der Guerilla in den 1960 Jahren ist sehr verschieden von der aktuellen Guerilla!! In der Dekade der 1960 Jahre hatte die Guerilla überhaupt keine Verbindung mit dem Drogenhandel. Zudem, auch wenn der sowjetische sozialistische Block existierte, gab es keine ideologische Rechtfertigung, um die bewaffnete Revolution zu verteidigen. Aber alle diese Zusammenhänge haben sich geändert. Das Problem heute ist: Viele Forscher und vor allem viele Massenmedien präsentieren die Guerilla der 1960 Jahre so, als wäre sie identisch mit der Guerilla von heute. So wird die Gestalt von Camilo Torres falsch verstanden und stigmatisiert!

Ist der ELN, der sich Camilo Torres angeschlossen hatte, überhaupt vergleichbar mit heutigen „Guerilla-Bewegungen“ in Kolumbien?

Es sind wenige Dinge, die noch heute mit dem ELN zur Zeit von CTR gemeinsam sind. Ich glaube, ein Element, das sich durchgehalten hat, ist die Verachtung für den Geistige (la intelectual). Die Guerilla des ELN ist eine solche, die vor allem von Campesinos geformt ist, die ohne große ideologische Bildung sind. Sie entscheiden sich, beim ELN mitzumachen, nicht nur, um „die Revolution zu machen“, sondern um etwas zum Leben zu haben. Ich beziehe mich nicht darauf, dass der ELN ein irreguläres Söldner Heer ist. Ich beziehe mich auf eine ideologische Schwäche, sie hält sich im ELN. Wenn der ELN noch Personen anzieht, dann wegen der Möglichkeit, sich vor den Misständen der Regierung zu verteidigen und um die Territorien zu kontrollieren, zu denen das Militär der Regierung nicht viel Zugang hat.

Kann die Beschäftigung mit der „ganzen“ Person von Camilo Torres ein Beitrag sein, dass Kolumbien zum inneren Frieden und zur Gerechtigkeit findet?

Es wäre geradezu ideal , wenn die Gestalt des Camilo Torres mehr Berücksichtigung fände in der aktuellen politischen Debatte in Kolumbien. Trotzdem: Es ist schwierig. Denn die großen Massenmedien und die katholische Kirche Kolumbiens stellen ihn nicht so dar, dass er mehr ist als einn „Guerilla-Pfarrer“. Man darf auch nicht vergessen, dass CTR in einer reichen kolumbianischen Familie geboren wurde und dass er in seinem Leben nicht nur ein großes Interesse und eine Sorge für die Armen hatte, sondern dass er auch die die Oligarchie attackiert hat. Deswegen wird er von vielen wie ein Verräter betrachtet.

Ich glaube, dass Camilo Torres eine Persönlichkeit ist aus der Generation der 1960 Jahre. Diese Generation suchte die Veränderung Kolumbiens. Es gibt mehrere andere auch, die wie CTR dachten. In diesem Sinne glaube ich, dass man damit beginnen muss, sich nicht nur auf Camilo Torres zu konzentrieren. Man sollte ihn hingegen als Mitglied einer Generation sehen (einer Generation, die für viele als gescheitere Generation gilt)… Diese Generation suchte die Veränderung, die Gerechtigkeit, die Gleichheit. Und noch heute sind seine Ideen gültig, weil er zeigte: Der Konflikt in Kolumbien wird von strukturellen Ursachen bestimmt, und diese Ursachen verpflichten uns auch …zu strukturellen Veränderungen.

Copyright: Juan Camilo Biermann López und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Siehe auch das Dokument: Publicaciones sobre CTR 1957-2015.doc

 



Winfried Kretschmann hält sich an den Theologen Karl Rahner

20. März 2016 | Von | Kategorie: Denkbar

Winfried Kretschmann hält sich an den Theologen Karl Rahner.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der in einigen nachdenklichen kritischen Kreisen immer noch geschätzte, um 1970 noch weltberühmte progressive katholische Theologe Karl Rahner aus dem Jesuitenorden (1904 bis 1984) bestimmt mit seinen theologisch-kritischen Aussagen offenbar jetzt (Mitte März 2016) den pragmatischen Umgang Winfried Kretschmanns (Die Grünen) mit dem neuen Koalitionspartner, der CDU. Ministerpräsident Kretschmann erinnerte schon wenige Stunden nach seiner Wahl, am 14. 3. 2016, an Karl Rahner, ein Zeichen für die theologische Kenntnis des katholischen Politikers.

Karl Rahner sagte: „Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest“.

Offenbar ist Kretschmann nüchtern genug, relativ dogmenfrei eben auch mit der CDU eine Koalition einzugehen. Wir würden uns wünschen, diesen Spruch Karl Rahners auch aus dem Munde vieler führender SPD Politiker zu hören, bezogen auf eine gemeinsame Koalition mit der Partei Die Linke und den Grünen auf Bundesebene. Vielleicht wird dies angesichts der AFD auch not-wendig, sich von Dogmen zu trennen, die Koalitionen bisher verhindern…

Und wir wünschen uns auch – allerdings völlig illusorisch – dass sich die obersten dogmatischen Glaubenswächter in Rom, etwa Kardinal Müller von der so genannten Glaubenskongregation, an die Weisheit Karl Rahners halten. Rahner folgend, wären dann eigentlich alle Kardinäle und Bischöfe, alle Beamten der Glaubenskongregation irgendwie leicht oder heftig betrunken. Sie klammern sich ja förmlich an die Dogmen wie Rettungsanker und kommen kaum die Beine, im Sinne des fortschreitenden Unterwegsseins… Ja, selbst die Päpste und die bischöflichen Teilnehmer der dogmatisch-ängstlich geprägten Welt-Bischofs-Synoden wären dann eigentlich betrunken, weil sie sich an Dogmen klammern, und deswegen, beschwipst, kaum ernst zu nehmen sind in ihrer Erstarrung.

Dieses Zitat von Karl Rahner geistert jetzt förmlich durch das gesamte www.

Mir hat dieses Zitat Rahners der Wiener katholische Theologe Prof. Paul Michael Zulehner in einem Interview 2013 in Berlin mitgeteilt. Das Zitat Zulehners wurde dann von mir in einer Sendung für den HR 2013 verwendet (für die Reihe Camino):

9.O TON in der HR Sendung vom 26.5.2013:

Paul M.Zulehner: „Wir müssen weg von unseren alten, bekannten abgedroschenen Aussagen und von dem, was wir für richtig gehalten haben, auch weg von der Macht versessenen Kirche, als wären wir diejenigen, die das Heil der Menschen in der Hand haben. Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten und nur Betrunkene halten sich daran fest, hat Karl Rahner mal ein bisschen salopp über die Dogmen gesagt….“    Soweit Prof. Paul M. Zulehner.

Es wäre eigentlich wichtig, wenn das hoch geschätzte Rahner Archiv in Freiburg die exakte Belegstelle des Rahner Wortes mitteilen könnte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 



Für die Grenzgänger: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

17. März 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Weiter Denken

Für die Grenzgänger.

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Sinn und Berechtigung der Grenzen ist jetzt „das“ Thema politischer Debatten: Die Erfahrung geschlossener Grenzen in Europa wird nicht nur von den Flüchtlingen als massive Einschränkung der Menschenwürde erlebt. Ein grundsätzliches Verstehen der Grenzen kann nicht auf theologische Überlegungen verzichten. Der christliche Glaube spricht vom begrenzten, vom „endlichen“ Leben immer nur im Zusammenhang von der Überwindung dieser Begrenzungen. Gott selbst sprengt die enge Befangenheit; er schenkt die Weite, selbst die Überwindung der absoluten Grenze im Leben, dem Tod. Sind Christen also Grenzgänger im Sinne von „Grenzen-Überwinder“?

Der Sinn der Religion, so könnte man geradezu sagen, ist der, dass sie sich an Grenzen abarbeitet, an unüberwindlichen Grenzen allerdings, an denen, die uns aufgrund unserer Endlichkeit gesetzt sind. Unser Leben ist begrenzt und diese Grenzen sind uns unverfügbar. Wir werden geboren und wir müssen sterben. Beides liegt nicht in unserer Hand. Was wir aber können, das ist, dass wir den Sinn zu erkennen versuchen, der unserem Leben in den uns gesetzten Grenzen zukommt. Warum bin ich auf der Welt? Was soll das Ganze, wenn irgendwann doch alles aus und vorbei ist und das Leben genauso ohne mich weitergeht.

Der christliche Glaube kann, wie jede Religion, die Grenzen, die uns mit unsere Endlichkeit gesetzt sind, auch nicht überwinden. Aber er kann unserem endlichen Dasein eine unendliche Bedeutung geben. Das tut der christliche Glaube, wenn er sagt, dass jeder Mensch als Gottes geliebtes Geschöpf auf die Welt kommt und seine Bestimmung darin hat, für das Ganze der Schöpfung von unschätzbarem Wert zu sein.

So nimmt die Religion die größtmögliche Distanz zu unserem begrenzten Leben ein. Sie anerkennt die Grenzen, die uns gesetzt sind, aber sie lässt den Sinn, der unserem Leben gegeben ist, nicht in diesen Grenzen aufgehen. Sie lockt in das Vertrauen darauf, dass jeder Mensch, wo auch immer er auf die Welt gekommen ist, welcher Kultur und Religion auch immer sie zugehören mag, welche Chancen und Möglichkeiten auch immer ihr mitgegeben sind, ein unbedingtes Recht darauf hat, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Weil die Religion jedem Menschen in den gesetzten Grenzen seines endlichen Daseins eine unendlich Bedeutung gibt, deshalb, genau deshalb existieren für sie keine unüberwindlichen Grenzen zwischen Staaten, Kulturen und auch nicht zwischen Religionen.

Diese Religion der Menschlichkeit ist „in aller Menschen Herz nur Eine“ (Herder). Wer diese Religion hat, für den schreit das Elend der Flüchtlinge an den jetzt (auch mit deutscher Hilfe)geschlossenen Außengrenzen Europas nicht nur zum Himmel, sondern ins eigene Herz.

Finden diese religiösen Überlegungen eine Bestätigung in der je eigenen Erfahrung von Musik, Kunst, Literatur, Erotik, Solidarität? Erleben dort Menschen, wie sie ihr wahres Leben finden, also über ihr kleines Ich hinauswachsen in immer neue Weiten hinein? Ist Grenzüberschreitung also auch eine anthropologische Konstante?

Wir machen immer wieder solche Erfahrungen, in denen uns die unendliche Bedeutung des Lebens, das uns gegeben ist und an dem wir mit allen unseren Sinnen teilhaben, aufgeht. Das sind die Augenblicke, zu denen wir mit Goethes Faust sagen möchten: „verweile doch, du bist so schön“. Es sind die Augenblicke, in denen uns die Ewigkeit ins Herz gegeben ist. Dann weitet sich unser Sinn, dann haben wir das Gefühl, wir könnten, wie es ein Psalmbeter gesagt hat, mit unserem Gott auch „über Mauern springen“ (Psalm 18,30). Solche Aussichten ins Unendliche können sich uns eröffnen, wenn wir mit dem „Seestück“ Caspar David Friedrichs, den Wolkenbildern Gerhard Richters oder den Farbkollagen Marc Rothkos über die Grenzen unserer sinnlichen Wahrnehmung hinausgetrieben werden. Ebenso erleben wir durch die Musik, wie sich unsere Sinne weiten und die Ahnung von einem Sinn, der dem unendlichen Ganzen einer Welt, zu der wir mit unseren begrenzten, endlichen Dasein gehören und die uns bedeutungsvoll in sich einbezieht, in uns aufsteigt – nicht zu schweigen von der erotischen Verschmelzungserfahrung, in der wir leibhaftig die Grenzen unseres Ichs transzendieren.

Von einer anthropologischen Konstante würde ich im Blick auf unser Grenzverhalten deshalb sprechen, weil wir Menschen eben nicht nur endliche, begrenzte Wesen sind, sondern darum wissen und uns zu diesen Grenzen verhalten. Dieses Grenzverhalten, ja, Grenzgängertum, ist in Wahrhaftigkeit gelebte Religion.

Wenn die gegenwärtigen radikalen Grenzschließungen in Europa, dieses Sich-Abkapseln vor den Fremden, schlimme seelische Auswirkungen (Angst, Egoismus) auch in Europa selbst haben: Könnten die Kirchen andere Akzente setzen? Wie könnten sie die Menschen ermuntern, sich nicht angstvoll eingrenzen zu lassen? Ist die Abgrenzung der christlichen Konfessionen voneinander dabei auch noch ein starkes Hindernis, diesen Weg zu gehen?

Die Kirchen haben starke Akzente gesetzt – jedenfalls solange sie sich hier in Deutschland im Einklang mit der Politik Angela Merkels wissen konnten. Merkels Satz „wir schaffen das“ hat ja geradezu zivilreligiöse Bedeutung gewonnen. Der Kanzlerin „freundliches Gesicht“ und die nach Deutschland offenen Grenzen konnten ansatzweise so etwas wie ein neues deutsches Identitätsbewusstsein begründen – ähnlich wie das „Sommermärchen“ von 2006. Da konnten die Kirchen sich gut anschließen und verstärkend in diese Richtung wirken. Jetzt gilt es aber aufzupassen, dass dieses zivilreligiöse Legitimationsmuster einer menschenrechtsorientierten Politik der Flüchtlingsaufnahmebereitschaft nicht zur schlechten Ideologie wird, die über eine in Wirklichkeit inhumane Praxis der längst geschlossenen Grenzen nur noch hinwegtäuscht.

Jetzt müssen die Kirchen, auch unter Inkaufnahme der Gefahr, dass in den Gemeinden harte Kontroversen entstehen (denn unser Land und auch die Christen in ihm sind in dieser Frage gespalten), klar ihre Stimme erheben und kompromisslos für offene Grenzen eintreten. Im September letzten Jahres, als die deutsche Bundesregierung Busse nach Ungarn schickte, um die gestrandeten Flüchtlinge abzuholen, waren sich die beiden großen Kirchen in ihrer Unterstützung dieser Flüchtlingspolitik sichtbar einig. Der Einsatz vieler Gemeinden in beiden Kirchen war beeindruckend.

Wenn es gelänge, diesen Elan erneut an den Tag zu legen, dann könnte das auch die Ökumene beflügeln. Die Überwindung der getrennten Kirchen, ja, was meine Hoffnung ist, auch der getrennten Religionen, wird nicht durch theologische Diskurse und die Arbeit an Lehrkonsensen gelingen, sondern durch die Einsicht, dass die Religion der Menschlichkeit, die ihre Bekenntnisgrundlage in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948) hat, jedem Menschen sein Recht auf Leben und seinem Platz im Leben gibt. Aus dieser humanreligiösen Einsicht wächst die Kraft, die Grenzen zwischen Staaten, Kulturen und Religionen zu überwinden.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Zu Peter Sloterdijk: Kritik des zynischen A-Humanismus: Von Herrenmenschen und solchen, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“.

13. März 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Zu Peter Sloterdijk: Kritik des zynischen A-Humanismus: Von Herrenmenschen und solchen, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“

Eine Meinungsäußerung zu Auslassungen von Peter Sloterdijk in dem Blatt CICERO

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin am 3.2.2016.

Wir wurden oft nach einer Stellungnahme zu den Äußerungen von Peter Sloterdijk in CICERO gefragt. Wir weisen noch einmal auf den Beitrag hin, der am 3. Februar 2016 schon veröffentlicht wurde, der nun aber noch einmal – am 13. 3. 2016, bisher unverändert – zur Lektüre empfohlen wird, nicht zuletzt im Umfeld der drei Landtagswahlen am 13.3.2016.

Das Interview mit dem Philosophen Peter Sloterdijk in der Monatszeitschrift CICERO, Februar 2016, Seite 19 ff., hat viele erregte und widersprechende Kommentare gefunden. Zum Teil wurden die Aussagen Sloterdijks schlichtweg für unverschämt, polemisch, viel zu pauschal, hetzend usw. empfunden. Diese Meinungsäußerungen sind im Großen und Ganzen sicher treffend.

Tatsächlich sind die Auslassungen Sloterdijks für einen philosophisch interessierten Leser seiner Bücher ein gewisser Schock. Manchmal hat Sloterdijk doch Vernünftiges gesagt. In welchen Kreisen fühlt sich Sloterdijk nun definitiv wohl?

Einerseits weckt er beim Lesen des CICERO-Interviews Sympathien, wenn er zu Beginn angesichts des Terrors zu „Gelassenheit“ auffordert als einer „moralischen Aufgabe“, also für den reflektierten d.h. doch wohl kritischen Abstand vom Ereignis (Terror) wirbt. „Wir haben keine anderen Waffen als Aufklärung und Ruhe“, heißt es auf Seite 20 oben. Treffende Worte für einen Philosophen. Wenn er nur das Thema vertieft hätte….

Aber diese Einsichten werden förmlich von Sloterdijk selbst zerstört, wenn er sich zu pauschalen und unbegründeten Aussagen hinreißen lässt. Man fragt sich dann, ob er die Mahnung zu Ruhe und Aufklärung zuvor überhaupt ernst gemeint hat.

Unsinnig und unbegründet ist es, wenn er behauptet, dass der Islam „von seiner inneren Gestalt her nicht wirklich staatsfähig ist“, Seite 20. Warum soll denn „der“ Islam sich nicht entwickeln, wie einst das gar nicht so demokratie-staatsfähige Christentum? Warum ist es ausgeschlossen, dass der islamische Glaube als private Frömmigkeit in einer Demokratie gelebt wird? Wer will darauf verzichten zu hoffen (und daran zu arbeiten), wenn denn diese Welt noch eine insgesamt friedliche und tolerante Zukunft haben soll?

Woher weiß Sloterdijk, dass , so wörtlich, der Islam „fast ohne Theologie auskommt“? Er will „den“ Islam offenbar für blöd erklären, für frommes Gesäusel halten und eine Sache der Gewalt… Dass es islamische Mystik, also eine Form der Theologie, gibt, hat er wirklich nie gehört? Hat Sloterdijk von den zahlreichen theologischen Schulen etwa seit dem 10. Jahrhundert gehört, ohne die christliche Theologie (und Philosophie !) später kaum möglich wäre? Hat er erfahren, dass es heute in vielen europäischen Ländern muslimische TheologInnen und entsprechende Lehrstühle an Universitäten gibt? Woher kommt diese Ignoranz? Warum verbreitet eine Zeitschrift wie CICERO unbesehen und ohne Korrektur so viel Unsinn? Will sie mit diesen falschen Behauptungen die LeserInnen aufhetzen? Will sie ihrem Ruf, sehr rechts und sehr konservativ zu sein, einmal mehr entsprechen?

Über die klug zwischen den Zeilen angedeutete Vorliebe Sloterdijks für Carl Schmitt (gegen den jüdischen Philosophen Walter Benjamin) wäre vieles zu sagen. Schlimm ist, wenn ein doch eigentlich reflektierender Philosoph wie Sloterdijk die wirre Behauptung, sehr ähnlich den populistischen Sprüchen von Pegida und AFD, in die Welt setzt: “Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveranitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“ (Seite 21). Wir werden also überrollt? Herr Sloterdijk sollte also besser auswandern, um sein Leben zu retten vor den muslimischen Horden, am besten zu seinen Gesinnungsgenossen unter den Regierenden in Ungarn oder Polen? Im Ermst: Wir werden zerstört, vernichtet, bloß weil die Kanzlerin früher einmal, jetzt schon wieder nicht offenbar, die Menschenrechte aller, aber auch aller, Menschen auf Leben und Schutz höher schätzte als die materiellen Wohlstands-Interessen der eigenen Nation? Menschenrechte stehen über den Gesetzen einer jeden Nation, das sollte ein Philosoph eigentlich wissen. Aber Sloterdijk denkt offenbar die Gedanken des 19. Jahrhunderts, als alle Welt die Nationen so toll fand, die Staaten, mit ihren Grenzen, um die man national(istisch) selbstverständlich kämpfen muss, siehe Erster Weltkrieg: Die Verteidigung des alten und stets zur Kriegshetze neigenden eng umgrenzten National-Staates lässt sich Sloterdijk nicht entgehen. Er liebt die Grenze, die Staaten von Staaten trennen: Man wehrt sich von einander ab, man hasst sich, man ist neidisch, man führt ganz selbstverständlich um der Grenzen willen Krieg. Führende AFD Damen sprachen bereits konsequenterweise vom Schusswaffen-Gebrauch an der deutschen Grenze gegen Flüchtlinge, selbstverständlich nicht gegen Kinder, sondern humanerweise nur gegen die Mütter. Eigentlich sollte es für Sloterdijk hoch blamabel sein, sich de facto in solchen Kreisen zu bewegen.

Über den grundlegenden philosophischen Sinn von Grenzen wäre weiter zu sprechen, bekanntlich gab es für den Philosophen Hegel und andere große (das Adjektiv sei hier mal eraubt) Philosophen die Grenzen nur, um sie zu überschreiten. Das eingegrenzte, d.h. eingepferchte Dasein in eine Art Insel des Eigenen ist purer philosophischer Blödsinn. Wir leben als nun einmal zwar als individuell-begrenzte endliche Menschen, sind aber doch immer auch grenzenlos: allein schon durch die Sprache, die wir mit allen Menschen teilen, durch die gemeinsame Kunst, die Kommunikation, in der wir über uns hinauswachsen, uns transzendieren, also Grenzen überschreiten.

Wahrlich verstörend und eine Beleidigung für Humanisten sind die Sätze auf Seite 22, zweite Spalte, in denen der Philosoph Sloterdijk offenbar in der ihm zugewiesenen Rolle des großen Meisters und Alles-Wissers pauschal die Integration für ein „unerreichbares Ziel“ hält, so wörtlich. Er plädiert für eine gleichgültig nebeneinander her lebende „Koexistenz“, „eine freundliche Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass es zu viele Leute gibt, mit denen fast nichts gemeinsam hat“. Von friedlicher Koexistenz sprach man zu Zeiten des Kalten Krieges, als es Feindbilder gab.

Der Leser denkt, ja, so ist es wirklich: Mit diesem Sloterdijk will ich nichts gemeinsam haben. Bestenfall eben diese von ihm beschriebene Koexistenz. Aber schwerwiegender ist die Arroganz des besseren, des wervolleren Menschen, des Herrenmenschen, der da spricht: Etwa: Mit diesen blöden Leuten, den Flüchtlingen, den Muslims, den anderen, den Ungebildeten und Armen, Kranken, Stinkenden, will ich bitte schön fast nichts gemeinsam haben und eben in einer  Koexistenz nebeneinander her leben, nebeneinander, d.h. in Ignoranz, in Verachtung ohne Tätlichkeiten, bloß nicht im Dialog, schon gar nicht in Hilfsbereitschaft. Dieser zentrale, verstörend-unvernünftige Satz ist zu deuten als Ausdruck eines zynischen A-Humanismus. Von christlichen Traditionen, den guten, den wahrlich humanen trotz aller Verfehlungen, wollen wir nicht reden. Dafür hatte Sloterdijk pauschal ja nie viel übrig in seinem Denken.

Vielleicht sollte man also einen Sammelband im Sloterdijkschen Stil herausgeben mit dem Titel: „Kritik des zynischen A-Humanismus. Für ein egoistisches Leben angesichts von Überrollungen“.

Heftig wird der Schlusssatz der genannten Sloterdijk Äußerung, der sich auf den elitär-herrschaftlichen Autor Stefan George beruft und noch einmal zeigt, wie tief die Verachtung Sloterdijks für die Flüchtlinge (und ihre dummen Helfer und ihre menschlich denkenden, vielleicht noch christlich angehauchten Politiker) ist: Sloterdijk sagt tatsächlich: “Wer kennt nicht die Momente, in denen man mit Stefan George sagen möchte: `Schon eure Zahl ist ein Frevel`? Eine antihumane Ungeheuerlichkeit! Aus der esoterischen Sprache Stefan Georges übersetzt: „Ihr Flüchtlinge seid schon in eurer großen Anzahl ein Frevel für uns Herrenmenschen. Ihr nehmt uns unseren Luxus. Ihr stört. Weg mit euch, Ihr Armen, Gequälten, Geschundenen. Geht zurück, nach Syrien, in den Iran usw. Lasst euch dort oder auf dem Rückweg und Hinweg erschießen, ist doch egal. Ersauft doch im Mittelmeer. Ihr frevelhaft Überzähligen. Wir haben als Herrenmenschen mit euch nichts gemein“.

Das Tragische, um nicht zu sagen geistig Katastrophale und ist: Sloterdijk, der ja immer noch eine gewisse Beachtung findet in der Öffentlichkeit – bis jetzt –, wirkt mit seinen Hetzreden aus der Zeitschrift CICERO (was hat der römische Humanist und Philosoph CICERO eigentlich mit einem solchen widerlichen Interview zu tun, könnte man fragen) in die Regierungskreise, CDU CSU vor allem, hinein. Aber die ängstlichen, auf Wählerstimmenden schielenden Politiker haben längst begonnen, ihre Grenzen zu sichern, sich einzumauern, ngst zu verbreiten und den alten Nationalstaat wieder auferstehen zu lassen. Wie es mit den auf Grenzen fixierten Nationalstaaten einmal zuging, möge man bitte den Geschichtsbüchern entnehmen, und vorzugsweise die Jahre 1914 bis 1918 studieren oder 1933 bis 1945.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon



„Mit Platon in Palästina“. Das neue Buch von Carlos Fraenkel.

10. März 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

„Mit Platon in Palästina“.

Das neue Buch von Carlos Fraenkel hat den Untertitel: „Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Dieses Buch liest man mit Begeisterung, weil man entdeckt: Philosophie ist tatsächlich mehr als die allzu oft „abgehobene“ Forschung und die elitäre Debatte in den notwendigerweise begrenzten Räumen der Universitäten. Der Philosoph Carlos Fraenkel (geb. 1971), aufgewachsen in Brasilien und Deutschland, jetzt Professor an der McGill University in Montreal, hat Philosophie an der Basis erprobt, unter benachteiligten arabischen Studenten der al-Quds Universität in der Nähe von Jerusalem oder mit Studenten (der Alauddin state Islamic University) auf der eher entlegenen Insel Sulawesi, Indonesien, aber auch mit philosophischen „Laien“, wie Fraenkel sagt, hat er philosophiert, etwa in Brooklyn mit ultra-Orthodoxen Juden, mit Mitgliedern des Mohawk-Volkes oder in Brasilien mit Oberschülern. Es ist schon erstaunlich, wenn nicht vorbildlich, wenn ein junger Philosoph sich „in die Fremde“ begibt, weil er zurecht vermutet, dass er fragend und suchend dort vielleicht mehr lernt als in ein paar Monaten in einer kanadischen Bibliothek. Diesen „Ortswechsel“ der Philosophie sollte man viel breiter diskutieren … Das Thema „Philosophie in Brasilien“ (S. 91- 111) könnte wenigstens am Rande noch einmal aktuell werden, wenn in 2016 dort die Olympiade stattfinden soll. Es wird sich doch nicht jeder und jede hoffentlich nur für den Sport in Brasilien interssiere…

Der Anfang einer Basis-Beziehung der Philosophie ist gemacht, durch Carlos Fraenkel! In Deutschland, so mein Eindruck, sicher auch in Frankreich, überlässt man das Philosophieren an der Basis bisher den freien, d.h. frei- beruflichen Philosophen. Bestens bezahlte Universitätsprofessoren lassen sich an der Basis äußerst selten „blicken“, verachten gar diese elementare Form der Philosophie, und das ist das Philosophieren. Hoffentlich lesen die etablierten deutschen Professoren das Buch von Fraenkel und lassen sich zu neuem Denken bewegen! Sie sollten doch mal nach Holland schauen: Dort gibt es seit vielen Jahren, immer im April, den „Monat der Philosophie“ („Maand van de filosofie“) unter reger Beteiligung der denkenden „Laien“, begleitet von Universitätsprofessoren; eine leider weithin unbekannte Erfolgsgeschichte. In diesem Jahr 2016 ist das Thema in Holland, klug gewählt, „Grenzen“. Ich habe vor einigen Jahren über diesen „maand van de filosofie“ berichtet, ohne sichtbare Wirkungen. Leider! Zur Lektüre dieses Beitrags von 2011 klicken Sie bitte hier.

Was Carlos Fraenkel in den mehrwöchigen Workshops erlebt hat, welche Themen debattiert wurden, beschreibt er im ersten Teil des Buches in sehr lebendiger, gut nachvollziehbarer Sprache. Man nimmt förmlich teil an der leidenschaftlichen Abwägung der Argumente, sieht aber auch, wie schwer oft kulturelle oder religiöse Traditionen das kritische Denken „bremsen“. Carlos Fraenkel hat das große Glück, sehr gut die muslimischen Philosophen des 10. Jahrhunderts – natürlich auf Arabisch – interpretieren zu können, genauso wie die jüdischen Philosophen aus der Zeit, als etwa in al andalus (Anadalusien) ein tolerantes Miteinander von Muslims, Juden und Christen möglich war. Dass er die europäischen und amerikanischen Philosophen kennt, ist sowieso klar. Erfreulich in unserer Sicht ist, dass die lateinamerikanische Theologie der Befreiung wenigstens erwähnt wird. Da hätte man sich „mehr“ gewünscht, zumal es auch die „Philosophie der Befreiung“ gibt… In seinen Workshops ist Fraenkel nicht als Besserwisser aufgetreten, sondern als Gesprächspartner. Er wollte das gemeinsame Suchen und Fragen einüben, eine Kultur fördern und pflegen, die das Debattieren als einen der höchsten Werte schätzt: Nur wer in der Debatte seine eigenen Überzeugungen kritisch betrachtet, stagniert nicht, er wächst und nähert sich der je größeren Wahrheit.

Im zweiten Teil seines Buches plädiert Fraenkel, die „Basis-Erfahrungen“ im Hinterkopf, dafür dass die Förderung einer Debattenkultur weltweit so wichtig ist. Und er sieht zurecht, dass da die Philosophen eine riesige Aufgabe hätten, wenn sie denn diese Debattenkultur an der Basis fördern und begleiten würden. Fraenkel zeigt, wie jeder Mensch naturgemäß seine festen Überzeugungen hat, ja diese durchaus braucht zur Orientierung im alltäglichen Leben. Aber das Festklammern an den überlieferten Überzeugungen ist gefährlich, weil das geistige Leben im sturen Nachsprechen traditioneller (Glaubens)-Formeln erstarrt. Auf die Debattenkultur kommt es an, durchaus auch auf Streit, als Austausch von Argumenten. Fraenkel schreibt, bei allem Respekt vor der Relativität der je eigenen Meinungen, dass man nur in der Streitkultur „der Wahrheit näher kommen kann“ (S. 194).

Man würde sich wünschen, wenn Fraenkel in einem nächsten Buch die Frage aufgreifen könnte: Was aber tun wir mit Menschen, die sich jeder Debatten-Kultur entziehen? Die sich selber aussperren aus der Öffentlichkeit? Man muss ja nicht nur an IS denken, sondern an die vielen anderen ideologisch und/oder religiös-fundamentalistisch Verblendeten. Wird man diese Menschen erst dann wieder in eine Debattenkultur einbeziehen können, wenn sich die materiellen/sozialen Verhältnisse so weit verbessert haben, dass sie sich ökonomisch gerecht behandelt fühlen? Welche Fehler werden gemacht, wenn man rechtslastige Kreise von öffentlichen Debatten bewusst ausgrenzt? Verstärkt man dadurch das sektiererische Sich- Abgrenzen dieser Leute?

Aber abgesehen von diesen „schweren“ Debatten-Projekten: Es wäre viel gewonnen, wenn die liberalen, gebildeten Schichten überhaupt viele freie (natürlich angenehm gestaltete) Räume vorfänden für die Pflege der Debatten, gerade in Großstädten wäre das so geboten! Warum kann es nicht „Häuser der Philosophie“ geben, wo sich doch mit großer Selbstverständlichkeit „Literaturhäuser“ längst etabliert haben? Warum könnten da nicht erfolgreiche Verlage als Initiatoren auftreten? Es muss ja nicht gleich ein Haus sein, eine hübsche Etage wäre schon prima….

Diese Fragen werden zurecht angestoßen durch die Lektüre des wichtigen Buches von Carlos Fraenkel, das ja den Untertitel hat: “Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“. Über den Begriff „Nutzen“ könnte man in diesem philosophischen Zusammenhang natürlich weiter diskutieren: Ist Philosophie einsetzbar in gewisse „Nützlichkeits-Erwägungen“, oder ist sie eher hilfreich, inspirierend, erschütternd? In der englischen Ausgabe kommt das Wort „Nutzen“ auch nicht vor. Gut so.

Carlos Fraenkel, „Mit Platon in Palästina. Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“. Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fienbork. Carl Hanser Verlag, 2016, 240 Seiten, 19,90 €.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.