Wer heute Heimat sagt, meint die Nation

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. In letzter Zeit wird in Deutschland wieder heftig und häufig von Heimat gesprochen und für das (deutsche) Recht auf Heimat eingetreten! Bezeichnenderweise seit 2017. Nach Ankunft der Flüchtlinge wurde gleich unterstellt, die Flüchtlinge aus Afghanistan oder Syrien hätten ihre „Heimat verlassen“: Da wurde mit dem Wort Heimat die übliche Assoziation geweckt: Sie hätten im Grunde doch wohlbehütete Regionen voller Freundlichkeit und Wonne verlassen, also Heimat im emphatischen deutschen Sinne. Sozusagen den mit Heimat meist imaginierten „Brunnen vor dem Tore“ des Romantikers Wilhelm Müller. Nur: Kann es Heimat mit dem „Brunnen vor dem Tore“ jetzt in Kabul oder Aleppo geben? Nein, die Flüchtlinge haben ihr Herkunftsland verlassen, um sich aus dem tödlichen Chaos dort zu retten. Wer von vornherein den Flüchtlingen den so tief traurigen Verlust ihrer Heimat unterstellt, will sie am liebsten gleich wieder in die doch hübsche, sichere, eigene Heimat Syriens, des Irak usw. wieder zurückschicken. Denn lieber Flüchtling: „Dein ständiges Leben in dieser deiner Heimat ist dein gutes Recht!“ Übersehen wird: Ehe dieses Chaos dort wieder einmal Heimat werden kann, vergehen Jahrzehnte bei dem Tempo einer angeblich auf Frieden bedachten (Welt)

Politik. Wichtiger aber ist in dem deutschen Argument: Auch meine Heimat ist mein gutes Recht! Meinen wunderbaren Ort mit meinem relativen Luxus und den Restbeständen eines Sozialstaates lasse ich mir doch nicht von euch Flüchtlingen und Fremden (und Muslims obendrein) nehmen.

2.

Der Begriff Heimat wird also jetzt propagiert und mit bestimmten präzisen politischen Interessen beladen, voller Ideologie und versteckten Ressentiments. Auch der kurz vor dem Hungertod stehende Afrikaner in seiner Heimat Tschad möge doch in dem chaotischen Wüstenstaat als seinem Zuhause bleiben, weil er doch in seiner Heimat „groß geworden“ ist. Dass er dort verhungert, finden wir Europäer alle schlimm, sagen das auch, tun aber tatsächlich Wirksames nichts dagegen. Eher geben wir unser Geld für Libyen aus, wo die Flüchtlinge aus Afrika wie Sklaven missbraucht werden. Aber die verbrecherischen Verhältnisse in Libyen halten jedenfalls die Fremden fern…

Heimat, so meint man in Deutschland, sei nun einmal die Region, in der Menschen geboren wurde. Der Wechsel in andere „Heimaten“ wird so ausgeschlossen. Nur DDR Deutschen wurde bis zum Mauerbau schweren Herzens in der BRD eine neue, antikommunistisch glänzende Heimat bereitet. Bauprogramme hießen bekanntlich „neue Heimat“: Das waren winzige Wohnungen für kinderreiche Familien.

3.

Und es waren nachweislich die Bayern und ihre Partei, die CSU, die begannen, wieder die Heimat als sehr hohen Wert zu propagieren. Markus Söder (CSU) zeigte sich beim „politischen Aschermittwoch 2018“ wie ein bayerischer Heimatminister. Ihm ist klar: Heimat hat sehr wohl mit Grenzziehung zu tun: „Wir überlassen Bayern nicht den anderen“, ruft Söder. Und übrigens: „Ich bin der Markus, da bin i dahoam, und das will ich auch bleiben!“ (Der Tagesspiegel, 14.2. 2018). Wen meint Herr Söder unter den „anderen“, denen er sein Heimatland nicht „überlassen“ will? Sicherlich auch die in Bayern mächtiger werdende AFD. Die AFD Leute will Herr Söder lieber in seine CSU integrieren, damit diese Partei wieder richtig zahlenmäßig stark wird …und die CSU dann zur halben AFD wird. Aber auch: Die „anderen“, das sind für Söder auch die Fremden und Flüchtlinge, die „uns“ „unser“ so hübsches und sauberes und gerechtes Bayern zerstören….

4.

Heimat ist ein exklusiv deutscher Begriff. Das Wort kommt in anderen europäischen Sprachen in dieser Prägnanz, also ohne weitere Umschreibungen, nicht vor. Ein gewisser Kult um die deutsche Heimat wurde vor allem in der Romantik betrieben, also seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die singenden Wandergesellen aus ihrem Zuhause, Heimat genannt, in die Fremde aufbrachen, um alsbald wieder in dieses gelobte Land zurückzukehren, zum Lindenbaum, wo man so schön in dessen Schatten träumte.

5.

Wer möchte diese traumhafte Idylle prinzipiell schlecht machen? Sie hat damals vielleicht wie Opium beruhigt? Aber die romantische Heimatidylle ist nur ein Bild, ein Traumbild der Geborgenheit und wunderbaren Beziehung zwischen Natur, Mensch, Kunst, Kirche, Gott, einer Welt, in der sich der Romantiker befand. Und in dieser Welt eingezwängt war, darum wanderte er ja so viel…

6.

Heimat wurde oft als politische Zielvorstellung missbraucht. Das war extrem bei den Nazis der Fall. Alle Nazi – Organisationen hatten letztlich das Ziel, die „Verwurzelung“ der „echten deutschen Herrenmenschen“ in ihrer Heimat durchzusetzen. Heute gibt es bezeichnenderweise in der rechtsradikalen Pegida Bewegung auch „Heimatschutz“ Leute. Nils Minkmar schreibt in „Spiegel Essay“: „Für die Nationalsozialisten war Heimat ein Bollwerk gegen alles Fremde, Städtische, Andersartige. Wer heute über Heimat reden will, muss daher diese unselige Verklärung von Natur und Gemeinschaft kennen“. Wie viele Nazi-Propaganda Filme hatten eigentlich das Wort Heimat im Titel?

Nebenbei: Seit Mitte der fünfziger Jahre nutzte auch die allein herrschende SED den Heimat – Begiff für ihre Propaganda, um irgendwelche heimatlichen Gefühle der DDR Bevölkerung zu wecken. „Bauen wir die Heimat“ auf, hieß es im bekannten „Choral“ der FDJ, den Erich Honecker noch als Greis mit erhobener Faust sang. Bis 1961 verließen viele DDR Deutsche sehr gern diese erzwungene Heimat.

7.

Heutige Politiker in Deutschland, wenn sie nicht ganz ungebildet sind, kennen natürlich diese heftigsten Verbindungen des Heimat-Begriffes mit der Nazi-Ideologie. Natürlich darf man nicht alle Begriffe, weil von Nazis verdorben, beiseite legen. Aber die inhaltlichen Bestimmungen des Heimatbegriffs sind so eng, so miefig, dass der Begriff besser heute nicht mehr verwendet werden sollte. Zumal wir erleben, dass Menschen mehrere Heimaten haben bzw. als Flüchtlinge haben müssen. Heimat ist also der Ort, wo ich, wo wir menschlich leben können, dies muss nicht eine bestimmte Stadt, die Geburtsstadt, sein. Wenn Heimat als der Ort der Geburt und der Kleinfamilie definiert wird, ist sie automatisch etwas sehr Statisches, nicht Entwicklungsfähiges, nicht Lebendiges.

8.

Aber „Heimatfans“ schüchtern ihre Kritiker gern ein, indem sie von dem „Wesen des Menschen“ schwärmen, der nun einmal „seinen heimatlichen Platz“ braucht etc. Aber: Heimatpropaganda ist etwas andere als die vernünftige Anerkennung, dass Menschen kulturelle und sprachliche Herkünfte haben.

9.

Die naturwüchsige Heimatbindung, kritisch reflektiert, soll überwunden werden, über die naturhaften, sozusagen automatischen “Heimat“ – Bindungen sollen wir ins Offene gelangen, Teil der „einen“ Menschheit werden. Wir sind eben nicht nur Niederbayern oder Ostfriesen, sondern auch Menschen dieser EINEN Menschheit, die den Menschenrechten zu entsprechen haben und nicht nur den hübschen kulturellen und kirchlichen Bräuchen unserer Region, man denke an die Tier – und Autosegnungen im katholischen Raum. Nebenbei: Katholische homosexuelle Paare werden nicht katholisch gesegnet, hingegen Handys und Walrösser, wie kürzlich vom Hamburger Erzbischof vollzogen…

Das miefige Milieu der Heimatverbundenen kann tödlich sein, das hat der Film „Jagszenen aus Niederbayern“ einst gut herausgearbeitet. Und philosophisch hat Martin Heidegger in seinem späteren Werk, seit 1930, gezeigt: Die ihm eigene philosophisch behauptete Heimatliebe ist auch im Denken regressiv, sie führt zu Bindungen an ein ereignishaften SEYN, dessen Schickungen sich niemand entziehen kann. Sehr viele Briefe, etwa an den Theologen Bernhard Welte, hat Heidegger noch in den fünfziger Jahren „mit landmannschaftlichen Grüßen“ unterzeichnet. Und er hat in seinen „Schwarzen Heften“ sich unverfroren und seelisch erkaltet zur NSDAP Ideologie bekannt. Als Heimatfreund fiel ihm in den Jahren der Ausrottung der Juden nichts ein, kein Bedauern, kein Protest, kein Schmerz. Seinem Bruder Fritz hingegen gratulierte er immer zum Namenstag und schrieb Erbauliches aus der Familie. Kein Wort des Heimatfreundes Heidegger aus seiner behaglichen Schwarzwald-Hütte zur Judenverfolgung, zum tausendfachen Morden und Metzeln in dem von Deutschen losgetretenen Krieg! Heidegger ist das klassische Beispiel, wie Heimatliebe zu einer gewissen geistigen Starre führt, milde ausgedrückt.

10.

Horst Seehofer CSU soll nun Minister eines sehr aufgeblähten Innenministeriums werden. Er soll ausdrücklich die Pflege der Heimat fördern, gleichzeitig aber auch die Sicherheitsaufgaben und Flüchtlingsintegration (!) betreuen, auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt soll der Heimatminister/Innenminister fördern. Es ist bezeichnend, dass in dieser Zeit der viel besprochenen Flüchtlingskrise ein Heimatministerium eingerichtet wird! Für wen eigentlich? Für die AFD Wähler, damit sie sehen: Auch die CSU liebt unsere Berge und Weiden und Kühe. Und die Deutschen im allgemeinen sollen wissen: Meine kleine Heimat ist so unglaublich wichtig und wert zur Verteidigung, genau so wichtig, wie die „Kleine Kneipe in unserer Straße, wo das Leben noch lebenswert war“, wie es in einem alten beliebten Schlager heißt. Kurz: Die Idylle soll wiederkehren und mit ihr letztlich auch die Nation, die man ja als Summe vieler regionaler Heimaten verstehen kann. Es wird also von Heimat gefaselt, gemeint ist aber das Erstarken der Nation (trotz aller formalen und wirkungslosen Bekenntnisse in Deutschland zu Europa und seinen – abendländischen – Werten). Die Nation aber muss sich wehren, Nation ist immer tendenziell schon Nationalismus und damit Krieg, das ist evident. Heimat bereitet also Nationalismus vor, bzw. verstärkt ihn auf die süße romantische Art. Die AFD und auch Gruppen in der CDU/CSU denken bereits nationalistisch, das macht die Situation in Deutschland und Europa so gefährlich…

11.

Soll der neue Heimat/Bundesinnenminister aus Oberbayern etwa (neue) Heimat schaffen? Oder ist nur gemeint, dass die ökonomisch und kulturell „abgehängten“ Regionen und Provinzen stärker gefördert werden sollen? Das wäre ja sinnvoll. Dabei ist es aber   problematisch, immer wieder zu hören: Diese armen ländlichen Regionen seien eigentlich so etwas wie der Inbegriff von Heimat. Und man wolle diesen armen, „abgehängten“ Menschen etwa in der nördlichen Oberpfalz oder in Franken, in Pommern oder in der Oberlausitz, wieder echte Lebensaussichten und Arbeitsaussichten und damit Heimatgefühle gewähren. Aber was vermag ein solcher Heimatminister angesichts der politisch schon nicht mehr kontrollierbaren Macht der internationalen Konzerne? Kann der Heimatminister für die Heimat verbundenen Franken etwa Arbeit beschaffen, sie vor dem Pendler Dasein ins ferne Nürnberg oder München bewahren? Und vor allem, wenn man schon den Heimat begriff noch mal politisch abklopft: Haben denn Menschen in Großstädten etwa keine „Heimatgefühle“? Werden im Zuge der Vertreibung von Mietern durch Investoren nicht auch Heimatvertriebene in einer Stadt wie Berlin erzeugt? Etwa der Rentner, der seit Jahrzehnten in Prenzlauer Berg wohnt, nun aber nach Modernisierung und damit Unbezahlmachung seiner Wohnung etwa ins ferne und fremde Spandau umziehen muss? Wenn das überhaupt klappt und die Heimatvertriebenen in den Großstädten nicht auf der Straße landen. Es gibt „Heimatvertriebene“ heute aus den angestammten Bezirken der Großstädte. In Paris haben die Reichen Jahrzehntelang ihre ärmeren angeblichen Mit – Bürger der Metropole Paris aus der Stadt vertrieben und in die Weite der hässlichen und grausamen Banlieue geschickt. Dort kocht die Wut der Vertriebenen, zurecht…, aber bislang wirkungslos.

12.

Was ist das eigentlich ein deutscher „Heimat“ – Staat für die Deutschen, wenn dieser Staat vielen tausend Menschen, Bürgern und europäischen Gästen und Flüchtlingen, keinen Wohnraum bietet und sie auf den Straßen leben und frieren lässt? Wie wagen es Politiker überhaupt noch, sich sozial und christlich zu nennen, angesichts der Unfähigkeit, wenigstens Menschen in Deutschland menschenwürdig leben und wohnen zu lassen, also die viel behauptete „Heimat“ zu bieten?

13.

Heimat ist heute ein gefährlicher, ein ideologisch aufgewärmter Begriff der Romantik, sehr gelegentlich für träumerische Reisen bei Schubert Liedern ganz hübsch. Aber dann muss doch wieder die Vernunft herrschen: Heimat ist heute ein politisch reaktionärer Begriff. Ein Begriff, der Nation meint. Das ist der Kern der Debatte..

14.

Wir sollten unsere Heimat als humanes Miteinander pflegen, in unseren Sprachen, in der miteinander geteilten Kunst, in der Gesellschaft der „vielen“ Kulturen. Möglicherweise auch in den Gemeinden der Religionsgemeinschaften und Kirchen, wenn sie sich nicht ihrerseits auch “heimatlich” abschließen und „die anderen“ zwar nicht verbal, aber de facto ausgrenzen.

15.

Darüber sollte weiter diskutiert werden: Heimat, die nicht in Nationalismus umschlägt, gibt es heute nur im kosmo-politischen Denken und kosmopolitischen Leben.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Schöne unbekannte Klänge: Chinesische Musik in Berlin

Ein Konzert zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 mit Muhai Tang in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wie viele interessierte, gebildete Europäer kennen und schätzen die chinesische Musik, die klassische Gestalt dieser Musik? Also nicht die aktuellen Songs, Schlager (?), die man in chinesischen Restaurants in Deutschland als Geräuschkulisse nebenbei hört? China wird auch ökonomisch immer wichtiger. Aber wer kennt die Kulturen Chinas? Die Kenntnis der Philosophien soll jetzt auch an der FU Berlin vertieft werden mit einem „deutsch – chinesischen Alumni – Netzwerk“.

Aber bleiben wir bei der Musik: Wer etwa das durchaus kompetente und gut gestaltete großformatige „Das Reclam Buch der Musik“ , 514 Seiten stark, Ausgabe von 2001, aufschlägt, wird mit 50 (fünfzig) Zeilen über „Musik in China“ abgefertigt, S. 478 f. Der viel besprochene „Eurozentrismus“ ist hier einmal mehr sichtbar.

Umso mehr verdient es viel Anerkennung und Beachtung, dass anlässlich des Chinesischen Neujahrsfestes das berühmte „Shanghai Chinese Orchestra“ in mehreren Städten Deutschland chinesische Musik präsentierte unter Leitung des hierzulande bekannten Dirigenten Muhai Tang. Das Programm in der Berliner Philharmonie am 19.2. 2018 hat zweifellos viele Besucher begeistert. Leider blieben etliche Sitzplätze leer, Ausdruck des eurozentrischen Vorurteils?

Die musikalische Leistung fand ich hervorragend, mich überraschte, wie schnell es Wechsel und Sprünge gab von einer eher meditativ sanften Phase in eine beinahe bombastisch erscheinende, durchaus dröhnende Lautstärke. Ist das chinesische Dialektik, musikalisch ausgedrückt? Mit Fragen verließ ich das Konzert, und das ist auch gut so für weiteres Forschen.

Vom Moderator hätte ich mir mehr musikwissenschaftliche Erklärungen gewünscht. Denn viele Besucher werden die alten Instrumente wohl nicht nur zum ersten Mal gesehen, sondern als sichtbar vor Augen auch gehört haben. Was für ein Erlebnis, allein die Solisten an diesen Instrumenten zu erleben. Ich fragte mich, welche Rolle denn der – im Konzert eingesetzte – (europäische ) Flügel in der (klassischen) chinesischen Musik spielt? Die Jesuiten am Pekinger Kaiserhof im 17. Jahrhundert haben dieses Instrument noch nicht mitbringen können. Aber sie machten dort eine Melange aus chinesischer und europäischer Musik, die leider (hier) kaum aufgeführt wird…

Der glanzvolle Dirigent war der auch in Deutschland, vor allem in Berlin, schon bekannte Dirigent Muhai Tang. Geboren in Shanghai, begann er seine internationale Karriere mit Herbert von Karajan 1983 in Berlin, seitdem ist er in vielen Ländern hoch geschätzt. Muhai Tang dirigierte das berühmte “Shanghai Chinese Orchestra”. Er betonte in einem Interview zu diesem aktuellen Anlass: „Tatsächlich habe ich durch mein Studium in Europa auch eine neue Perspektive auf meine eigene Kulturgeschichte entwickelt. Als chinesische Künstler sollten wir ein neues Selbstverständnis entwickeln, wenn wir uns mit Europäern über Kunst und Kultur austauschen, wir sollten Wissenslücken gegenseitig stopfen, das Verständnis untereinander pflegen und voneinander lernen. Es gibt noch nicht viele westliche Musiker, die sich in der chinesischen Musik auskennen – aber wir selbst dürfen auch nicht das Gefühl haben, der Westen sei uns überlegen. Die letzten Jahrzehnte haben da schon einen Riesenfortschritt gebracht. Die vor uns liegenden Konzerte der aktuellen Tournee zum chinesischen Neujahr sind da ganz wichtig, der Welt auch ein neues kulturelles Selbstverständnis Chinas darzustellen“.

Die Musik zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 wurde von den „China Tours“, Deutschlands wichtigem Spezialisten für China-Reisen, und der Wu Promotion, Chinas führender Konzertagentur, präsentiert.

Im kommenden Jahr, so mein Wunsch, sollte vielleicht schon im Umfeld der Aufführungen über die Vielfalt klassischer chinesischer Musik informiert werden.

Dabei kann man sich schon heute auf einige wesentliche Worte von Konfuzius über die Musik einstimmen, Worte des chinesischen Philosophen, die in China und in der ganzen Welt Beachtung finden sollen: „Die Musik ist es, woran die Heiligen sich freuen, und man kann damit die Gesinnung der Menschen bessern! Sie beeinflusst die Menschen tief, sie ändert die Bräuche und wandelt die Gewohnheiten. Darum bewirkten die früheren Könige durch sie ihre Erziehung“.

Das Zitat ist dem Buch „Weisheit und Ritual. Die Geschichte des Konfuzianismus“ von Daniel K. Gardner entnommen, erschienen im Reclam Verlag 2016, als Übersetzung aus dem Englischen. Das Zitat steht auf Seite 41f.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

“Was die Seele eines Menschen gesunden lässt.” Weiterdenken. Von Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb im Februar 2018.

Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin.

Theologisches Denken ist sicher immer auch ortsbezogen. Immer mehr Menschen leben in Berlin, die Stadt wächst. Und mit dem Wachstum haben viele Bewohner auch ihre Probleme, man beachte die Knappheit und den hohen Preis von Wohnraum. Es gibt hier Auseinandersetzungen mit rassistischen Dimensionen. Zudem zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass sehr viele Menschen das Leben in Berlin auch seelisch als sehr belastend empfinden. Da stellt sich für Theologen und Pfarrer die Frage: Welche neuen Formen der Begleitung und Hilfe für Menschen in Berlin sind wichtig? Ich möchte das alte klassische Wort der Seelsorge aufgreifen und Sie fragen: Wie sollte Seelsorge heute durch Christen, durch Pfarrerinnen und Pfarrer angemessen gestaltet werden?

Die Herausforderungen, vor denen die christliche Seelsorge im heutigen Berlin steht, sind enorm. Auf der einen Seite nehmen die Probleme, die den Menschen auf der Seele liegen, immer weiter zu. Zumindest empfinden viele ihre Lage als schwierig, angesichts all dessen, was Sie gerade angesprochen haben. Und vieles mehr wäre noch zu nennen, was für eine zunehmende Zahl von Menschen den Eindruck verstärkt, sie seien abgehängt und würden schlicht übersehen. Auf der anderen Seite haben die Kirchen kaum noch eine tragfähige soziale Basis. Eine immer weiter dahinschwindende Minderheit der Berliner Bevölkerung gehört einer der beiden großen Kirchen an (Stand 2017: 16% Evangelisch; 9% Katholisch). Von einem relevanten Beitrag der kirchlichen Seelsorge zur Grundversorgung in therapeutischer Lebenshilfe kann da eigentlich kaum noch die Rede sein.

Nehmen wir die religiöse Situation in Berlin in den Blick, so sind allerdings auch die vielen christlichen, aber auch muslimischen und anderen Religionsgemeinschaften verbundenen Migrantengemeinden zu erwähnen, die für viele Menschen eine enorm wichtige seelsorgerliche Aufgabe wahrnehmen. Ich denke, wir müssen es uns überhaupt abgewöhnen, was die Präsenz des Christentums und der Religionen in Berlin anbelangt, nur an die Mitglieder der Ev. Landeskirche und des katholischen Bistums zu denken. Die religiöse Landschaft ist viel bunter als gemeinhin bekannt. Erst recht erscheint sie in ihrer ganzen Vielfalt, wenn wir auch noch denjenigen, die keiner organisierten Religionsgemeinschaft angehören, nicht pauschal die Religionslosigkeit bescheinigen.

Wenn nun aber die Frage die ist, wie in einer solchen urbanen Situation christliche Seelsorge angemessen geschehen kann, dann wird dies eine Seelsorge sein müssen, die sich wirklich um die Seele sorgt, die jedes einzelnen Menschen. Es sollte ihr darum gehen, das zu tun, was die Seele eines Menschen gesunden lässt. Das bedeutet, für andere da zu sein, sie zu stärken, damit sie ihr Leben besser bewältigen, mit den oft schwierigen inneren und äußeren Umständen besser zurecht zu kommen. Weder sollten religiöse Zugehörigkeiten oder Nicht-Zugehörigkeiten eine Rolle spielen, noch gar der Zweck verfolgt werden, eine Glaubensbotschaft auszurichten oder Menschen für die eigenen Glaubensgemeinschaft gewinnen zu wollen.

Eine Seelsorge, die sich wirklich um die Seele sorgt, hilft Menschen, dass sie zu sich und zueinander finden. Sie lässt sie erfahren, dass sie anerkannt, wertgeschätzt, geliebt sind. Sie sorgt für eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts, auch noch in Situationen kultureller oder religiöser Fremdheit.

Wenn man sagt, eine „Kernaufgabe“ der Kirche ist die Begleitung von Menschen, Seelsorge genannt. Dann ergibt sich die Frage: Was muss besser werden, dass Pfarrerinnen und Pfarrer wirklich als kompetente gebildete Seelsorger wahrgenommen werden. Sollte etwa die psychologische Ausbildung innerhalb der Theologiestudien also eine viel größere Rolle spielen?

Ich bin gar nicht so sehr dafür, sofort in andere Disziplinen auszuweichen. Die Theologie kann, wenn sie sinnvoll betrieben wird, enorm hilfreich sein für eine gute Seelsorge. Dann versetzt sie nämlich in eine kritische Distanz zum eigenen Glauben, zu den eigenen Einstellungen zum und Vorstellungen vom Leben. Dann macht sie fähig, sich in den Referenzrahmen anderer Menschen hineinzuversetzen.

Die Theologie ist ja eine hermeneutische Wissenschaft. Auch wenn sie die Kunst des Verstehen überwiegend auf Texte, und dabei auf vielfach sehr fremde und schwer verständliche Texte anwendet, so sind dies doch Fähigkeiten, die auch im Umgang mit Menschen und den „Texten“, die ihr Leben sind, sich als sehr brauchbar erweisen.

Ich plädiere also für eine Theologie, die Daseinshermeneutik und Religionshermeneutik betreibt. Sie schafft die besten Voraussetzungen dafür, Menschen in ihren Lebenslagen verstehen und ihnen zu einem hilfreichen Begleiter in den sie herausfordernden Lebensfragen werden zu können.

3.Neue Formen der Seelsorge brauchen vielleicht auch neue Orte der Seelsorge: Ins Gemeindehaus finden wenige, es ist diese berühmte „Schwellenangst“, die suchende und fragende Menschen hindert, in „Gemeindebüros“ zu gehen. Sollte sich das Modell der offenen Gesprächssalons, etwa in Galerien oder Kneipen, in Berlin nicht viel stärker durchsetzen: Also die Kirche verlässt ihre übliche „Binnenräume“ und ist zum Gespräch mit allen Menschen bereit.

Zur Kirche, zu den Pfarrern und Pfarrerinnen, kommt schon lange kaum noch jemand, wenn etwas auf der Seele lastet. Das Amt allein trägt die Seelsorge nicht mehr. Es ist die Person des Pfarrers, der Pfarrerin, die, ausgestattet mit seelsorglicher Gesprächskompetenz, dort den seelsorglichen Kontakt zu Menschen finden, wo dieser sich zwanglos ergibt. Das eben geschieht bei Gelegenheit, bei zufälligen Begegnungen, im Supermarkt und in der S-Bahn. Wichtig ist die persönliche Beziehung, ein Vertrauensverhältnis. Dass die Kirche aus sich herausgehen muss, will sie den Kontakt zu den Menschen finden, ist klar. Angesichts der Vielfalt der Lebenswelten, kulturellen Milieus und sozialen Zugehörigkeiten, ist das heute eine ganz besondere Herausforderung. Die Pfarrer und Pfarrerinnen können ihr selbstverständlich nur partiell begegnen. Seelsorge geschieht aber glücklicherweise immer dann, wenn Menschen bereit sind, aufeinander zu hören, sich in den anderen einzufühlen, die andere in dem zu verstehen, was sie bedrückt und womit sie alleine nicht fertig wird. Die Seelsorge ist tief eingelassen in unsere zwischenmenschlichen Beziehungsverhältnisse. Das zu wissen, kann den professionell in der Seelsorge Tätigen die Angst vor Überforderung nehmen. Es kann sie ebenso dazu ermutigen, sich für das seelsorgerliche Gespräch offen zu halten, wo immer es sich in den alltäglichen Zusammenhängen und Begegnungen ergibt.

Mit den Menschen das Leben zu teilen, selbst dort zu sein, wo es geschieht, im Glück wie in der Not, schafft die besten Voraussetzungen für eine gute Seelsorge, auch im scheinbar so unkirchlichen, urbanen Berlin.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

„In Polen stirbt jetzt auch der christliche Glaube“

Über das Verschwinden des authentischen Christentums in Polen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Über die aktuellen politisch – kulturellen Zustände in Polen, über den offensichtlichen empörenden Abbau demokratischer Grundwerte, wird in Deutschland relativ viel berichtet. Eher sehr selten wird in diesem Zusammenhang auch ausführlich die Rolle der katholischen Kirche (insbesondere des katholischen Klerus) vorgestellt und kritisch gewürdigt. Die bekannten „Polen Analysen“ des „Deutschen Polen Instituts in Darmstadt“ haben jetzt (am 22. 2. 2018) zwei aktuelle Beiträge veröffentlicht: Eine Übersicht, verfasst vom dem seit vielen Jahren das katholische Polen beobachtenden Theo Mechtenberg und einen Beitrag des überaus mutigen und allein auf weiter Flur stehenden kritischen Theologen Ludwik Wisniewski (Lublin) aus dem Dominikaner Orden. Beide Beiträge sind sehr zur Lektüre empfohle:  http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen213.pdf.

Es bleibt abzuwarten, wie beide Beiträge auch in der sich katholisch nennenden Presse in Deutschland beachtet werden, etwa auch in Kreisen des deutschen Dominikaner Ordens…Wird es Solidaität mit Pater Wisniewski im internationalen Dominikaner Orden geben?

Ich zitiere aus dem Text, den die “Polen Analysen” veröffentlicht haben, nur zwei typische Sätze von Pater Wisnieswski, die deutlich zeigen mit welcher berechtigten Bravour er seine Argumente veröffentlicht (in der immehin immer noch bestehenden demokratisch gesinnten Wochenzeitung “Tygodnik Powszechny” vom 21.1. 2018):

“Das Christentum rotten wir selbst aus, (durch unser rechtsextrem – ideologisch verseuchtes Denken), wir, die Geistlichen und die eifrigsten Mitglieder der katholischen Kirche”.

“Ich klage Radio Maryja sowie die mit diesem Presseimperpium verbundenen Zeitschriften an, dass sie das Christentum und die Kirche in Polen vernichten”. (Radio Maryja ist ein sich katholisch nennendes rechtsextremes Radio des Redemptoristen  Paters Tadeuz Rydzyk, der ein engster Freund des PIS Regimes ist).

Eine regelmäßige Besucherin und Freundin unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“ hat ergänzend zwei Beiträge zum Thema für uns aus dem Polnischen übersetzt: Einen Beitrag von Pater Wisniewski und einen Beitrag des international bekannten polnischen Autors Andrzej Stasiuk.

Die acht Krankheiten des polnischen Katholizismus

Von Ludwik Wisniewski, Theologie im Dominikanerorden, Lublin, verfasst im Jahr 2017.

Die Krankheiten des polnischen Katholizismus

  1. Wir ertrinken im Manichäismus (radikale Gegenüberstellung von Gutem von Bösen, CM)
  2. Wir haben den Dialog vergessen
  3. Es wuchert das Sektierertum
  4. Wir sind in äußersten Klerikalismus verfallen
  5. Wir haben die Kirchen politisiert
  6. Wir haben die Kirche nationalisiert
  7. Wir akzeptieren intellektuelle Sterilität
  8. Wir haben uns am Triumphalismus berauscht.

Unser polnischer und katholischer Triumphalismus besteht darin, dass wir uns verhalten, als wir Besitzer der Wahrheit, Besitzer der Religion, die Besitzer Gottes und der Kirche.

Das Evangelium ist für uns Science-Fiction“:

Eine Kritik des Autors Andrzej Stasiuk (2015)

„Polnische Bischöfe lehren immer noch, dass Onanie eine Sünde ist und die Muttergottes die Königin von Polen. Mit der unterschwelligen Drohung, dass, wenn du nicht an den polnischen Gott glaubst, du deine Identität verleugnest. So, als wäre polnische Identität irgendein Superideal der Menschheit. Und wenn sie es nicht ist, was dann? Der Schöpfer bietet uns größere und wichtigere Dinge an als Polnischsein. Aber es stellt sich heraus, dass wir, sobald wir etwas anderes denken, schlicht und einfach Ungläubige sind. Wir stecken immer noch in so einem nationalen Stammestotemkult. Das ist natürlich interessant, weil sehr archaisch, heidnisch. Aber sie sollen uns nicht einreden, dass das Christentum ist. Das ist der Kult der Vorfahren. Anstelle von Kommunion aus dem Leib und Blut Christi ist es das Essen von Leichen. Das Evangelium ist für uns Science-Fiction“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Herzlichkeit der Vernunft. Eine Buchempfehlung

Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge im Gespräch

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag wurde als kurze und knappe Rezension in PUBLIK – FORUM veröffentlicht.

Die Autoren, auch international geschätzte Intellektuelle, lassen die LeserInnen teilnehmen an ihren privaten Gesprächen. Diese Plaudereien auf hohem Niveau beginnen etwa bei Reflexionen über Sokrates, Voltaire und Kleist, gelangen aber schnell zu einer Fülle philosophischer, juristischer und politischer Fragen. Bei allem Charme des oft assoziativen Miteinander – Denkens werden grundsätzliche Erkenntnisse vorgestellt: Keine Ideologie, keine Religion sollte in der Gesellschaft maßgeblich sein; auf die Maßstäbe der Vernunft sollten alle achten: Sie sei keineswegs kalt oder abstrakt, sondern in ihrer Klarheit auch menschenfreundlich, eben herzlich. Die Vernunft begleitet das schwierige Leben auf der Suche nach Maß und Mitte. Dauerhaften Trost, so Ferdinand von Schirach, können wir in der Literatur finden. Manche Sätze dieses kleinen, aber großen Buches wirken wie gute Spruchweisheiten: „Das Eigentliche ist das Trotzdem: Trotz Sterblichkeit und Bösartigkeit können wir lieben“.

Das Buch ist im Luchterhand Verlag erschienen, es hat 192 Seiten und kostet 10 EURO

Gibt es Fortschritt? Ein Salongespräch am 23.2.2018.

Gibt es Fortschritt in meinem Leben?

Hinweis von Christian Modehn zum Salongespräch am 23.2.2018

Einige Hinweise zur Diskussion: Es ist fast obszön, gerade heute von Fortschritt zu sprechen, auch als Fortschritt im ethischen Verhalten der Menschheit. Wenn man das permanente Grauen von Krieg und Verletzung der Menschenrechte vor Augen hat.

Selbst wenn der Fortschritt als dauernde, maßlose Steigerung und Optimierung des Technischen (immer “bessere” Atombomben) philosophisch zurecht heftig kritisiert wird, bleibt doch die Frage: Kann eine kritische philosophische Ethik diesen “Fortschrittsrausch” noch steuern und bremsen? Gibt es also auch “guten” Fortschritt? Wie sollen wir den unterstützen?

Vor allem: Gibt es so etwas wie “Fortschritt” auch in unserem individuellen Leben? Wären dann die Begriffe Reifen und Erwachsenwerden hilfreich? Warum ist es gut und fortschrittlich, auch einmal stillzustehen, nicht mehr „weiter zu gehen“, sondern zu verweilen und nicht permanent auf der ewig weiter in die Zukunft strebenden Zeitlinie weiter zu schreiten. Warum wird der Begriff Fortschritt heute so diskriminiert? Weil die großen Organisationen, Parteien, die ständig von Fortschritt sprachen, die Grundidee eines auch ethischen Fortschritts verraten haben? Dies ist keine Frage mehr, sondern etwa im Blick auf den Kommunismus eine Tatsache.

Warum gibt es Fortschritt in den Religionen? Etwa in der Akzeptanz der historisch-kritischen Forschung bei der Interpretation von Bibel und Koran? Vor allem: Wie hoch ist der Fortschritt einzuschätzen, wenn sich immer mehr Menschen, auch religiöse, von infantilen Gottesbildern lösen? Ist der aktuelle Bezug, Rückgang,  auf die alte, auch mittelalterliche Mystik in dem Falle auch Fortschritt? Ist also der Rückgang in die Vergangenheit also nicht immer Regression? Warum ist die heute übliche rechtspopulistische und rechtsradikale Regression als Überwindung demokratischer Errungenschaften so gefährlich? Leben wir bereits in politisch regressiven Zeiten? Wer leistet da Widerstand? Selbst wenn viele TeilnehmerInnen seit Jahren den Begriff Fortschritt nicht mehr verwendet haben, so lohnt sich doch die Mühe einer grundlegenden, philosophisch fragenden Auseinandersetzung. Fortschritt geschieht in bewusster Entscheidung, ist also von der eher naturwüchsigen “Entwicklung” zu unterscheiden. Deutlich also ist: Auf die Idee des Fortschritts als Realisierung des ethisch Besseren können wir nicht verzichten, wissen dabei aber, dass es den “totalen”, insgesamt guten Weltzustand durch “Fortschritt” erzeugt nicht gibt. Religiös wird dieser insgesamt heilsame und rettende Zustand mit dem Bild „Reich Gottes“ beschrieben, auch Walter Benjamin spricht vom Kommen des Messias und der messianischen Zeit. Das Reich Gottes bleibt theologisch und religionsphilosophisch also eine zentrale anzustrebende Idee, aber mit dem Wissen, dass dieses Reich Gottes nie von uns „total“ geschaffen werden kann UND gleichzeitig jedoch in dem Wissen, dass wir (und jeder Mensch!) den Auftrag haben , danach dann doch tätig zu streben. Dieses stetige Streben hat mit “Sisyphus” nichts zu tun. Weil allein schon dieses  Streben (also dieses gute, also fortschrittlich – gute Handeln) erlösende, befreiende, Sinn stiftende Momente in sich birgt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Fragen geben Halt im Leben!

Ein neues Buch des Remonstranten Theologen Koen Holtzapffel, Rotterdam: „Houvast“ („Halt“)

Von Christian Modehn

Die Bibel ist kein Kompendium, in dem endgültige Antworten zu finden sind. Diese Erkenntnis breitet der Remonstranten – Theologe und Pastor in Rotterdam Koen Holtzapffel in seinem neuen Buch aus, es hat den Titel „Houvast aan de vraagzijde van het bestaan“ („Haltfinden an der Fragedimension der Existenz“). „Ich nehme Abstand von dem Vorschlag („suggestie“), dass die gläubigen Menschen sozusagen auf der Antwortseite des Daseins stehen und die Nicht-Gläubigen auf der Seite des Fragens… Das will ich überwinden und sowieso den bekannten Unterschied zwischen Glauben und Unglauben“.

Diese hierzulande hoch interessante Position muss erläutert werden: Der christliche Glaube ist keine Bindung des einzelnen an vorgegebene Dogmen aus alten Zeiten. Die Kirchengemeinden (der freisinnigen, theologisch liberalen) Remonstranten sind Orte, in denen der einzelne seinen eigenen Glauben entdecken, als einen solchen leben kann … und mit anderen besprechen und vertiefen kann.

Die leitende Maxime heißt: Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann Antworten. Aber diese rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Klar ist auch, dass ein Leben in dieser Fragebewegung nicht immer bequem ist. Deswegen klammern sich so viele voller Angst dann doch an vorläufige Antworten und erklären das Vorläufige zum Endgültigen. Und dann beginnt – fundamentalistisch – der Streit um die einzige Wahrheit, diese kann nur jemand behaupten, der irgendwann in der Fragebewegung stehen und stecken bleibt. Und mit der einzigen Wahrheit (in Religionen, Nationen, Kulturen usw.) zieht die kriegerische Haltung in die Gesellschaft ein. Das erleben wir heute global. Das heißt ja nicht, dass es einige wenige universale humane Antworten der Vernunft gibt, die für alle Menschen und alle Staaten gelten: Dies sind die für alle Menschen geltenden Menschenrechte, aber auch diese Menschenrechte entwickeln sich durch Fragebewegungen stets weiter. Der Kategorische Imperativ von Kant ja nicht entdeckt, sondern nur formuliert, gehört auch dazu.

Die Remonstranten sind wahrscheinlich die einzige christliche Kirche, in der das Fragen heilig ist; weil das Fragen das Leben des Geistes (und der Seele) selbst ist und der Geist (und die Seele) nun heilig sind; was bedeutet, dass das Leben als leibliches, aber immer doch notwendigerweise Geist geprägtes leibliches und materielles Leben auch heilig ist.

Es ist für mich eine gute Entscheidung, dass die Remonstranten in Holland das für sie immer übliche Jahresthema diesmal, für 2018, der Frage als einem – auch spirituellen, religiösen Vollzug – alle Aufmerksamkeit widmen. Bei dem „Tag der Beratung“ miteinander („Beraadsdag“) am 10. März 2018 in Hengelo geht es auch um das Thema: Wie kann das Fragen tatsächlich Halt, vielleicht einen ersehnten letzten und tiefsten Halt bieten? Es ist wohl so, meint Koen Holtzapffel, dass zu der Fragebewegung auch ein Vertrauen gehört, ein Vertrauen, dass in der Fragebewegung ein möglicher Sinn sich für mich erschließen kann. Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Autor, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohlltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.) Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich festgehalten“. Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott.

Aber ein Gott, von dem man nie etwas bemerkt, wird irrelevant. Bisweilen gibt sich mein Gott doch gründlich zu erkennen, lässt sich verstehen mit Herz und Seele. In Liebe und Licht, in Friede und Anteilnahme für einander. Auch in dem Menschen Jesus gibt er sich zu erkennen. Wo Nächstenliebe und (erotische) Liebe ist, da ist Gott: Ubi caritas et amor, Deus ibi est“ (S. 122)

In einem Beitrag für die Monatszeitschrift ADREM vom Juni 2017 sagt Holtzapffel: „Ich hoffe, das unsere Gemeinden Orte sind, wo über Lebensfragen nachgedacht wird. Als Pastor (Prediger) habe ich keine direkten Antworten, aber ich sehe mich als jemanden, der den Frageprozess beobachtet. Und ich sehe mich als jemanden, der die Lebensfrage hinter den Fragen entdecken kann und auch mit der Tradition verbindet… Aus der großen soziologischen Untersuchung „God in Nederland“ geht jetzt hervor, dass sehr viele Menschen meinen, dass die Sinnfragen nicht mehr in der Kirche behandelt werden. Bei uns Remonstranten ist das anders, da haben diese Fragen ihren Raum“.   Und er nennt über die Remonstranten Gemeinden hinaus in dem Buch mehrere, in ganz Holland bekannte Beispiele: Etwa das Kulturzentrum de „Rode Hoed“ in Amsterdam oder das „Uytenbogaertcentrum“ in Den Haag, das der Theologe und Philosoph Johan Goud aufgebaut hat.

 Houvast. Aan de vraagzijde van het bestaan. Von Koen Holtzapffel. 144 Seiten. ISBN 978 90 211 4491 7). Dieses Buch ist im August 2017 erschienen im Verlag Meinema, Utrecht.

 

 

Wenn Europa islamisch wird: Die Ängste der jüdischen Forscherin Bat Ye´Or

Zur neu erschienenen Autobiographie der umstrittenen Islam – Forscherin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Warum ist es wichtig, die Ideen und Vorstellungen von Bat Yeor kritisch zu beobachten. Diese Ergänzung schreibe ich am 26.2. 2018, um noch einmal auf das sich wissenschaftlich gebende “Gift” hinzuweisen, das heute in recjtsradikalen Kreisen verbreitet wird. Bat Yeor ist tief in diesen Kreisen verwurzelt, etwa bei Renaud Camus, selbst wenn sie scheinheilig diese Verbindungen öffentlich eher herunterspielt.

Der Text vom 26.2.2018, Autor: Christian Modehn

“Die Auseinandersetzung mit Bat Yeor ist auch wichtig, weil ihre globalen und längst als falsch erwiesenen nur Angst erzeugenden Thesen zur „Ersetzung der europäischen Bevölkerung durch die Muslime“ Eingang finden in höchste Kreise der katholischen Kirche Frankreichs. Der neue Erzbischof von Strasbourg Luc Ravel spricht auch öffentlich von dem „grand remplacement“, dem großen Ersetzen (Austausch), der „französischen“, also der angeblich christlichen Bevölkerung Frankreichs durch die, wie er sagt, so geburtenfreudigen Muslime. Darin folgt der Erzbischof Ravel von Strasbourg wiederum dem rechtsextremen Schriftsteller Renaud Camus, der zu dem Thema bereits 2010 ein Buch publizierte, das auch auf Deutsch erschienen ist bezeichnenderweise im Verlag von Götz Kubitschek.

Renaud Camus bezieht sich auch in neuesten Interviews (siehe unten) ausdrücklich positiv zustimmend auf Bat Yeor. Renaud Camus publiziert auch in der rechtsextremen französischen website „riposte laique“. Wikipedia France hat darauf hingewiesen, dass der rechtsextreme Autor Renaud Camus sich bemüht, eine französische Sektion der deutschen „Bewegung“ PEGIDA (zusammen mit dem Bloc Identitaire) zu lancieren. Der Bloc Identitaire war massiv, gelinde gesagt, bei den landesweiten Demonstrationen gegen die gesetzliche Ehe für alle in Frankreich aktiv. Dabei wurden diese Demonstrationen von katholischen reaktionären Gruppen in enger Verbundenheit mit den rechstextremen Kreisen unterstützt, selbstverständlich auch von einigen genauso denkenden französischen Bischöfen. Quelle: http://ripostelaique.com/author/bat-yeor    http://ripostelaique.com/author/renaud-camus   https://www.renaud-camus.net )

Zur Verbindung Pegida und Renaud Camus (und damit indirekt zu Bat Yeor): https://www.nouvelobs.com/rue89/rue89-politique/20150119.RUE7514/renaud-camus-lance-pegida-en-france-et-recupere-l-islamophobie-allemande.html  ”

Der am 16. Februar 2018 publizierte Text von C.M:

Bat Ye´or , die inzwischen 84 jährige Forscherin zum Islam und zur Rolle des Judentums und Christentums in islamischen Ländern einst und heute, hat auch außerhalb der Kreise interessierter Spezialisten, nicht nur in Deutschland, Aufmerksamkeit gefunden: Und zwar als bekannt wurde, dass der rassistische Massenmörder Anders Breivik aus Norwegen in seinen Schriften mehrfach Verweise und Namensnennungen auf Bat Yeor niedergeschrieben hatte. Über diese Verbindungen ist viel diskutiert worden. Wichtig ist auch das lebhafte Interesse an Bat Yeors Schriften in rechtsextremen Kreisen. Sie finden dort Argumente für ihre eigene pauschale Islam – Verurteilung bzw. Bekämpfung. Darum ist für demokratische Kriese die Auseinandersetzung mit Bat Yeors Büchern nach wie vor dringend. Jetzt hat die Forscherin ihre Autobiographie in Paris veröffentlicht.

Deutlich ist tatsächlich, dass die Forscherin Bat Yeor bzw. Gisèle Littmann, eigentlich aber wohl Gisèle Orebi, mit ihren zahlreichen Büchern (einige sind auch auf Deutsch publiziert worden) zum Thema Islam die These vertritt: In den Zeiten eines machtvollen Islams haben Juden und Christen praktisch keine menschenwürdigen Lebenschancen gehabt, sie waren und sind Menschen zweiter Klasse, meist sind sie aus den islamischen Ländern geflohen. So auch Bat Yeor, die aus einer jüdischen Familie in Ägypten stammt und aus Angst um Leib und Leben diese Heimat 1957 Richtung England verließ. Diese Erfahrung mag prägend sein für das Denken von Bat Yeor. Heute lebt sie in der Nähe von Genf. Biographie wird also zur Perspektive der Forschung!

Bat Yeor hat auch dadurch eine geradezu weltweit Bedeutung erlangt, als der Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem letzten Roman „Unterwerfung“ explizit die Forscherin erwähnt, in der französischen Ausgabe von „Soumission“ auf Seite 157. Da sagte einer der dort erwähnten Gestalten: „In einem gewissen Sinne hat die alte Bat Yeor nicht Unrecht mit ihren Wunsch – bzw. Wahnvorstellungen eines Komplottes in Eurabia“: Damit bezieht sich Houellebecq auf einen Begriff, den Frau Bat Yeor für ihre Prognose benutzt: Dass Europa eines Tages bald arabisch –muslimisch beherrscht werden könnte, wenn denn die Menschen in Europa, so wörtlich, die jüdisch – christliche Kultur, als ihre Kultur, vernachlässigen…

Als Buch erschien Eurabia 2005. Daraus haben viele Leser die von ihnen stillschweigend geradezu ersehnte und so oft propagierte Konsequenz gezogen: Der Islam als solcher ist gefährlich für Europa. Man muss sich erinnern, dass die rechtsextremen Parteien Front National, FPÖ oder AFD heute nicht etwa antisemitisch gegen die Juden sind, sondern die jüdisch- christliche Kultur (scheinheilig) verteidigen gegen die Gefahr „des“ Islams. Aus alten Antisemiten wurden nun Anti-Islam-Kämpfer und Freunde von Judentum und Christentum. Was für ein „Witz“, aber das nebenbei.

Die Rezeption Forschungen und Interpretationen von Bat Yeor ist heute besonders heftig in rechten und rechtsextremen Kreisen in der westlichen Welt, gerade in Frankreich ist sie heute eine Art „Vordenkerin“. Dies ist wohl die Grund, dass Le Monde vom 16.2. 2018 gleich zwei ganze volle Seiten der Veröffentlichung der Autobiographie der jüdischen Islam-Forscherin widmet, mit einem langen Beitrag des für diese Fragen sehr kompetenten Journalisten Jean Birnbaum. Das Buch „Politische Autobiographie“ ist Ende Januar 2018 in den éditions „Les Provinciales“ erschienen. Und es ist bezeichnend: Wer dieses Buch im Netz sucht, gelangt schnell bei Bestellungswünschen zu Verlagen der Rechtsextremen. Einen Hinweis auf die Bücher der Autorin in französischer Sprache finden Sie am Ende des Beitrags. „Bat Yeor ist zur Stütze des Hasses auf den Islam geworden“, sagt jetzt Ivan Jablonka, der in Frankreich schon vor einigen Jahren eine ausführliche Studie über die islamfeindliche jüdische Forscherin geschrieben hat. Diese Zusammenhänge werden in Le Monde dokumentiert!

Es gibt bei einigen kritischen Beobachtern in Frankreich bereits eine gewisse Scheu, die Thesen von Bat Yeor grundsätzlich abzuweisen, das ist interessant in der politischen Szenerie Europas: Aufgeklärte Islamkenner fürchten sich bereits, für eine gewisse Berechtigung der Thesen von Frau Bat Yeor einzutreten, weil sie fürchten, dadurch ins rechtsextreme Lager gesteckt zu werden. Aber sind diese Thesen überhaupt berechtigt? Entsprechen sie dem Niveau hermeneutischer Arbeit? Sicher NICHT. Wer wirklich kompetent ist als Islam-Forscher, auch das zeigt Le Monde, sagt: Diese Dame denkt in ihren „Pamphleten“, so die Qualifizierung in Frankreich, unhistorisch, sie vergisst, dass in der von ihr beschriebenen mittelalterlichen Welt der Islam-Herrschaft überall sonst auch die herrschende Konfession intolerant war. Wie tolerant waren denn die Katholiken gegenüber den „Indianern“ in Amerika usw…Le Monde zeigt ferner eine gewisse Inkompetenz der Forscherin, wenn sie etwa im Interview gefragt wird: Welche heutigen Islam-Forscher sie denn tolerant und wichtig finde. Da fällt Frau Bat Yeor nur ein einziger Name ein, der Name des aus dem Islam konvertierten Algerier Boualem Sanal. Unreflektiert und pauschal und angstbestimmt auch ihre Aussagen zur Vorliebe des Massenmörders Breivik für ihre Werke: „Ich habe mit dem Mörder Breivik nichts zu tun… Mich in dem Zusammenhang zu erwähnen ist nur eine Rache der linken (!) norwegischen Regierung. Ich habe deren Nachsicht gegenüber dem Islamismus angeklagt. Für die Regierung ist dies ein Grund, mich zum Schweigen zu bringen“.

Kein Wunder auch, dass Madame Bat Yeor sehr den Roman „Unterwerfung“ von Houellebecq schätzt. Gegenüber Le Monde sagt sie: „Houellebecq hat einen großen Roman geschrieben, sehr einfach, genial, wie eine pointillistische Malerei. Er zeichnet letztendlich Eurabia. Ja, der Roman ist sympathisch“.

Interessant ist, dass in Frankreich zumindest einige Katholiken in Deutschland Bat Yeor schätzen, weil sie auch auf die miserable Behandlungvder Christen, etwa der Kopten, in islamischen Staaten aufmerksam macht. Man wird gespannt sein, wie sich der auch theologich sehr konservative Autor Martin Mosebach nach seiner Reise zu den koptischen Märtyrern von Ägypten zu Frau Bat Yeor äußert… In konservativen Kreisen des deutschen Katholizismus, wie in der Zeitschrift „NEUE Ordnung“, hg. von dem Dominikaner Pater Wolfgang Ockenfels, wird eher zustimmend über Bat Yeor geschrieben, so etwa im Jahrgang 2012 von Hans Peter Raddatz. Die umfassende und umfassend kritische Debatte über die Thesen von Frau Bat Yeor alias Gisèle Orebi oder auch Gisèle Littmann könnte in Deutschland eigentlich beginnen. Vielleicht mit einem Blick nach Norwegen (Breivik) und in die sehr heftige Szene der rechtsextremen französischen katholischen Sympathisanten dieser Forscherin. Die Rezeptionsgeschichte eines Denkens sagt doch schon vieles..

Eine Liste der Bücher in französischer Sprache: https://www.amazon.fr/s/ref=dp_byline_sr_book_1?ie=UTF8&text=Bat+Ye%27or&search-alias=books-fr&field-author=Bat+Ye%27or&sort=relevancerank

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Bischof Laun: Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs.

Ein Freund von Papst Benedikt XVI. dreht durch

Ein Hinweis von Christian Modehn

… Und wieder einmal zeigt sich: Religions/Kirchenkritik ist eine Hauptaufgabe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie…

Der Segen für katholische Homosexuelle –Paare „ist ein Segen für die Sünde. So, wie man auch kein KZ segnen darf“: Mit diesen Worten hat der seit Oktober 2017 im altersbedingten Ruhestand (also mit 75 Jahren) lebende Weihbischof Andreas Laun von Salzburg sich gegen jegliches Ansinnen gewehrt, Bischöfe, wie Kardinal Marx, könnten in Ausnahmefällen den Segen für homosexuelle Paare zulassen, weitere Details hier lesen.

Dieser Vergleich des Theologen Laun: „Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs oder Bordelle“ ist ein Riesen – Skandal für die Kirche insgesamt. Laun zeigt, welche Typen in der Hierarchie sitzen! Eine Schande für die römische Kirche, denn Bischof Laun, geboren 1942, hatte zahlreiche hohe Funktionen im Vatikan und in Salzburg (dort für die Arbeitsgruppe Familie !) inne. Er wurde 1995 vom polnischen Papst zum Weihbischof von Salzburg ernannt und war seither über Österreich hinaus tätig in Sachen „Verteidigung der uralten Moral und Dogmatik“. Schon früher hat er mit heftigen Verurteilungen um sich geschlagen, so noch 2017, als er öffentlich betonte, Homosexuelle seien gestörte und kranke Menschen. Gegen die katholische Konfliktberatung für Schwangere hat er polemisiert; er konnte förmlich tun und lassen und sagen, was er in seinem Hass von sich geben wollte: Niemand in der römischen Kirche hat ihn gebremst und abgesetzt und in ein Altersheim versetzt. Auch im deutschen Fernsehen war er Gast bei Talk Shows. Aufgrund dieser infamen Äußerungen werden ihm wieder die Talk-Show-Türen offen stehen?

Zweierlei zeigt sich, typisch, für den geistigen Zustand der römischen Kirche:

1. Solch ein Mann wie Laun kann Jahre lang Bischof sein. Er hatte also Freunde und Unterstützer im klerikalen Milieu bis in den Vatikan.

2. Es ist weiter hoch interessant, dass sich Kardinal Ratzinger als Chef der obersten Glaubenskongregation noch kurz vor seiner Wahl zum Papst 2015 lobend über das reaktionäre Kirchenblatt „Kirche heute“ aus Altötting geäußert hat, dort ist Laun als maßgeblihcer Herausgeber tätig. Darin lobt Kardinal Ratzinger nicht nur einen der Finanziers, Albert Graf von Brandenstein-Zeppelin, der durch ein Buch unter dem aktuellen Titel „Die Stellung der Gottesmutter in der Welt – und Heilsgeschichte“ hervorgetreten ist (ein Buch aus der auch Joseph Ratzinger freundlichen reaktionären Gustav Siewerth – Akademie). Mit dieser Siewerth Akademie war der Theologe Ratzinger auch verbunden, aber das ist ein anderes Thema…

Kardinal Ratzinger lobt also im Januar 2005 dieses Blatt „Kirche heute“ , auch den dort als Herausgeber wirkenden Weihbischof Laun, dessen theologisches Profil Ratzinger zweifellos gut kannte: Der oberste Glaubenswächter sagte also: „KIRCHE heute erhebt zu brennenden und unbequemen Themen die Stimme. Dies gilt etwa für Fragen des Lebensschutzes und der Förderung von Ehe und Familie. Hier hat sich vor allem Weihbischof Dr. Andreas Laun aus Salzburg mit seinen Beiträgen große Verdienste erworben“. Quelle: http://www.kath.net/news/mobile/10634

Bischof Laun war als Lebensschützer auch bei den Pro – Life Demos in Berlin dabei, in freundlicher Gesellschaft mit AFD Leuten! Später hat dann Erzbischof Koch von Berlin den Pro Life Leuten mit einem Grußwort beigestanden. Für weitere Infos zur bischöflichen Leidenschaft fürs UNgeborene Leben, hier klicken.Über die Beziehungen Launs zur FPÖ wäre weiter zu sprechen….

Man sieht also: Das ungeborene Leben ist „absoluter“ Mittelpunkt dieser Theologen, das geborene Leben, etwa der Homosexuellen darf aber nicht eigens gesegnet werden, es ist ja Sünde. Wie kann nur Gott so viel Sünde schaffen auf dieser Welt, dürfte man fragen. Nebenbei: Gesegnet werden von Priestern selbstverständlich Autos,  Handys, Pferde und allerhand Getier. Selbstverständlich macht man das! Tiergottesgottesdienste füllen die Kirchen…Der Hamburger Erzbischof hat vor kurzem das Walross Raissa im Zoo gesegtnet.

Später hat dann Bischof Laun Papst Benedikt – wie einen Freund – verteidigt, als Benedikt XVI. sich in Regensburg (am 12.9.2006) inhaltlich und formal völlig vergriffen hatte in der Einschätzung (Verurteilung) des Islams. Der ORF berichtete von der sturen, man möchte sagen auch dort schon offensichtlichen verkalkten Denkhaltung Launs:

„Bischof Laun zu Papstrede in Regensburg über bzw. gegen Muslime:
Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun reagiert auf den jüngsten Konflikt mit einer Maßregelung des Islam. Dieser müsse als Dialogpartner “noch lernen, ruhig und sachlich zu reagieren und genau hinzuhören”, so Laun im Interview mit der Zeitung “Österreich” (Sonntag-Ausgabe). Die Reaktionen aus der islamischen Welt nach den Äußerungen des Papstes sind für Laun “unangemessen”. Er verstehe nicht, warum “der Islam mit Aggression auf einen interessanten Vortrag antwortet”. “In Kenntnis der Geschichte” seien die nunmehrigen “Behauptungen” der Muslime “merkwürdig”. Man müsse auch über manche Stellen im Koran diskutieren dürfen, so Laun. Und weiter: “Den Kreuzzügen vorausgegangen ist eine gewaltige militärische Expansion des Islam auf Kosten der Christenheit. In diesem Sinne waren die Kreuzzüge eine Reaktion und nicht ein Willkürakt.” Quelle ORF .

Der Skandal ist: Es wird deutlich und freigelegt, welche Männer die römische Kirche prägen. Es ist dieser unkontrollierte Klerikalismus, der die römische Kirche kaputt gemacht hat und kaputt macht. Es gab Proteste gegen Bischof Laun, aber es waren mutige Laien, auf die der Klerus selbstverständlich nicht hört. Das ist der Zustand der römischen Kirchen 2018! Ein Skandal folgt dem nächsten. Aber der Klerikalismus (also auch die Abwehr von Demokratie in dieser Kirche) ist und bleibt oberste, unverzichtbare Herrschaftsform.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Zum Thema Fortschritt: Vieles muss besser werden.

Hier finden Sie einen link zur Ra­dio­sen­dung über den Fortschritt von Christian Modehn im Programm NDR Kultur vom 21.1.2018.  Der Beitrag mit dem Titel “Vieles muss besser werden” enthält einige Thesen, die zur Diskussion anregen zur Frage: Welchen Sinn hat es heute noch, die Idee des Fortschritts weiterzudenken?

Ist es zu spät für Reformen im Katholizismus?

Ein neues Buch von Martin Werlen, Benediktiner im Kloster Einsiedeln, Schweiz

Ein Hinweis von Christian Modehn

Martin Werlen ist in katholischen Kreisen ein bekannter und von der Auflagenzahl seiner Bücher her auch ein erfolgreicher theologischer Autor. Er befasst sich mit der Frage, wie die katholische Kirche aus der allseits bekannten vielfältigen Krise herausfinden kann. Dass Martin Werlen an grundlegende Reformen glaubt und nicht die immer selben Traditionen als Ausweg beschwört, macht ihn sympathisch auch für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon, der aus der kritischen Ferne das Geschehen der Religionen, auch des Katholizismus, beobachtet.

Das neueste Buch von Werlen, es ist wohl das vierte aus dem Herder Verlag, hat den Titel „Zu Spät“, im Untertitel treten zwei Präzisierungen auf „Eine Provokation für die Kirche“ sowie „Hoffnung für alle“.

Tatsächlich ist Martin Werlen förmlich fixiert auf das beliebte Bild: “Es ist fünf vor zwölf“, mit dem in Gesellschaft und Kirche bevorstehendes Ende angedeutet werden soll. Noch ist einiges zu retten, in letzter Minute, das will diese Metapher wohl sagen. Der Theologe Martin Werlen trifft nach einigen sicher zutreffenden Analysen zum Zustand der katholischen Kirche, vor allem wohl in der Schweiz und in Westeuropa, die überraschende Entscheidung: “Es ist schon fünf nach zwölf“. Das heißt, wir sind schon über den entscheidenden Punkt, nämlich die Uhrzeit 12, hinaus. Die Katastrophe hat also begonnen, um im Bild zu bleiben. Aber gerade diese Erfahrung des “Zu spät” sieht Werlen als Chance für die Kirche. Es entsteht nämlich förmlich eine Leere, ein Abbau der Strukturen, eine neue Freiheit ohne die Last der störenden Traditionen, diese Situation fünf NACH zwölf findet Werlen gut und erfreulich. „Das entlastet“, sagt er auf Seite 139 kurz und bündig. Und er zeigt, wie in seiner Sicht die Bibel dieses „Zu spät“ als Chance beschreibt.

Man kann darüber streiten, ob diesem Bild “fünf vor oder fünf nach Zwölf” nicht zu viel Ehre angetan wird. Ich bin der Überzeugung, dies ist der Fall. Denn bei dem Bild ist ja nicht klar, ob die Zwölf Uhr Marke sich auf den Mittag oder die Nacht bezieht. Ist es kurz vor oder kurz nach 12 Uhr mittags, ist also auch nach guter Mönchstradition (Kampf gegen die acedia) die belastende Zeit des Mittagsdämons überschritten. Ist 12 Uhr Mitternacht, “Null-Uhr”,  gemeint, geht es ja danach schon wieder weiter Richtung Sonnenaufgang. Die Nacht ist zur Hälfte vorbei. Fünf nach Mitternacht ist also eher ein Lichtblick und in gewisser Weise erfreulicher als fünf vor zwölf Uhr nachts. Aber das meint Werlen vielleicht auch, spielt dann aber doch noch zu wenig mit dem Zeit-Bild…

Aber lassen wir das: Das Buch ist in 77 eher locker aneinander gereihte Kapitel unterteilt. Diese sind stark geprägt von einem höchst merkwürdigen Ereignis, das dem Mönch im Hotel einer namentlich nicht genannten Großstadt passierte: Dort ging des Nachts um drei Uhr (!) „mit großem Knall“ (Seite 62 und öfter) das Glas im Badezimmer total zu Bruch. Wie dies passierte wird – mir jedenfalls – nicht deutlich beschrieben, es haftet diesem “großen Knall” etwas Mysteriöses, man möchte sagen Wunderbares, an: Denn dieser Scheiben-Bruch zwingt den Mönch in ein anderes Zimmer im Hotel umzuziehen. Dieser Ortswechsel wird wiederum mit den Erfahrungen des Propheten Jona in Verbindung gebracht. Eine merkwürdige, wenn nicht verstörende Beziehung, so als wäre Martin Werlen eine Art neuer Jona…

Wie bei so vielen theologischen Büchern von Theologen, die sehr zurecht den Zustand der römischen Kirche beklagen und Reformen einfordern, werden auch von Werlen keine Namen, keine Orte, keine präzisen und kontrollierbaren Angaben gemacht. So klagt er über einen – in meiner Sicht – verkalkten Nuntius in der Schweiz, nennt aber nicht den Namen. Er nennt nicht den Namen der Großstadt, wo der große Knall passierte. Er spricht kurz von der katholischen Kirche in Holland. Dort haben tatsächlich sehr viele Katholiken die Kirche verlassen, sicher auch, weil Rom mit den demokratischen Katholiken der Niederlande eben sehr undemokratisch umging und umgeht. Das ist für Demokraten unerträglich! Aber hat Rom damit dort „Totenstille“ (S. 75) geschaffen? Von wegen: Man kann doch nicht behaupten, die vielen tausend katholischen Holländer, die sich von Rom zurecht verabschiedeten, seien in eine „Totenstille“ eingetreten. Diese Menschen haben aber doch auch ihre eigene, private Spiritualität bewahrt und fühlen sich nun frei, vielleicht auch im Aufbau unabhängiger ökumenischer Gemeinden, wie dies Huub Oosterhuis oder die Dominikus Kirche in Amsterdam versuchen. Überhaupt wird ein Austritt aus der römischen Kirche von dem Mönch Werlen an keiner Stelle auch nur erwähnt, er denkt eher daran, in die totale Einsamkeit einer Kartause zu ziehen…

Wie so oft wird leider nicht thematisiert, dass es die Lehre, das Dogma, die frauenfeindliche und homosexuellen feindliche Moral –Ideologie ist, die die Menschen aus der römischen Kirche treibt. Diese Lehren müssen weg um der Menschen(rechte) willen. Das heißt für die Reformer: Die Lehre müsste reduziert und modernisiert werden. Die Glaubensbekenntnisse müssten von der Sprache des 4. Jahrhunderts befreit werden, die Kirchenlieder müssten entstaubt werden, das sind Aufgaben, die natürlich das starre römische System nicht leisten kann. Weil es sich nicht von alten, einmal formulierten Dogmen verabschieden kann. Es ist der vatikanische Wahn, dass einmal dogmatisch Formuliertes so auf ewig bestehen bleiben muss. Erich Fromm nannte diese Haltung “nekrophil”… Diese Fixierung treibt die Leute aus der Kirche. Insofern ist es wirklich viel zu spät, auf eine von alten Lehren und Ideologien befreite römische Kirche zu hoffen.

PS:  Ich habe leider den leichten Eindruck, dass dieses Buch in einem enormen Tempo geschrieben wurde. Hat der Verlag auf einen weiteren Bestseller gedrängt? Denn sonst wäre diese Melange aus eher schlichten Bibel-Meditationen und theologischem Essay anders gestaltet worden. Wie kommt sonst mit einem einzigen Satz dieser (von sehr vielen Scharlatan genannte) Pater Pio ins Buch, gleich danach wird komischerweise Dietrich Bonhoeffer erwähnt (Seite 148)? Vom Zölibatsgesetz meint Werlen zurecht, es sein kein Dogma, übersetzt Dogma aber als „Glaubensfrage“ (Seite 93). Dogma ist hingegen keine Frage, sondern eine definierte Lehre. Ziemlich unvermittelt wird auf Seite 78 f. plötzlich die Kolonial – Geschichte des Kongo innerhalb einer theologischen Reflexion eingebaut. Interessant ist Pater Werlens Idee, der ja selbst lange Abt im Barock Kloster Einsiedeln war, dieses monumentale „Gebäude abzureißen   und etwas Modernes zu errichten – in aller Schlichtheit, wie es dem Evangelium entsprechen würde“ (S. 90). Muss man aber deswegen ein barockes Gebäude abreißen? Ein Museum wäre doch hübsch… Sollen doch die Mönche nach Zürich ziehen in eine Mietswohnung oder in Berlin Pankow oder Hamburg Sankt Pauli ein Klösterchen eröffnen….Und ich finde es alles andere als mutig, wenn Werlen (s. 67 f.) schreibt, er hätte “gern” ein homosexuelles Paar in einem Restaurant nach der Unterzeichung des Partnerschaftsvertrages gesegnet. Ein Kirchengebäude als Gemeindekirche oder gar die schöne Klosterkirche inmitten der anwesenden und interessiert dreinschauenden Mönche wäre in aller Öffentlichkeit meines Erachtens die theologisch richtige Lösung gewesen, auch für die offenbar verschüchterten beiden katholischen Schwulen, die bloß keinen Ärger machen wollten und die Segnung der Partnerschaft (Ehe) in der Kneipe diskret vorzogen.

Mich erinnert diese Beschreibung an die Segnung von Hetero-Ehen in der dunklen Sakristei einer katholischen Kirche, bloß weil ein Ehepartner evangelisch war. Das passierte früher in Berlin. Oder ich denke an die diskriminierende Bestattung von Suizid-Toten am Rande eines Friedhofes. Das ist alles Diskriminierung, wenn nicht Rassismus, das gilt vielleicht auch für die so gemütliche Kneipen- Segnung homosexuell Liebender.

Pferde und Autos und Handys werden bekanntermaßen öffentlich vor den Kirchen von römischen Priestern gesegnet, nicht aber alle Liebende..

Was nach der Lektüre dieses Buches bleibt: Die Idee, dass erst die Leere (fünf NACH zwölf) die Freiheit der Spiritualität schenkt. Und: Ich nehme diese Überzeugung wieder einmal mit: Wer sich in der römischen Kirche als Reformer outet, ist und bleibt doch noch sehr gebremst in seinen Vorschlägen. Er hat immer noch Angst, die viel besprochene „Provokation“ (so der Untertitel) umfassend kritisch und faktengestützt zu beschreiben. Trotz aller Bezüge zum Propheten Jona.

Martin Werlen, Zu Spät. Herder Verlag, 2018. 192 Seiten. 18€.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Mit Schopenhauer glücklich leben?

Hinweise auf das Buch „Die Kunst, glücklich zu sein“ von Arthur Schopenhauer

Von Christian Modehn

Ausgerechnet auch noch dieses: „Schopenhauer und das Glück“. Der alte Pessimist: Hatte der denn überhaupt ein gewisses Verständnis fürs glückliche Leben? Offenbar ein bißchen! Nur sind leider seine Hinweise dazu erst post mortem gefunden und dann nach mühevoller Recherche zusammengestellt worden. „Ein echtes Kleinod“ nennt der Philosoph Franco Volpi den nun vorliegenden Schopenhauerschen Glückstext, „ein Kleinod, das bisher im Nachlass verborgen und unbeachtet geblieben ist“.

Der italienische Philosoph Volpi hatte zuerst die Ergebnisse der mühevollen Suche nach Quellen und Notizen in Italien publiziert, sie liegen auch auf Deutsch (C. H. Beck Verlag) vor – in einer bemerkenswerten Auflagenhöhe. Die Leute suchen offenbar immer wieder theoretische Glückserkenntnis – ausgerechnet bei Schopenhauer. Warum bloß?

Der Text selbst ist auch in der Beck-Broschüre als wissenschaftlicher Quellentext publiziert mit entsprechenden Fußnoten etc. Deutlich wird zudem, wie sehr der gut Spanisch lesende Schopenhauer auf das ziemlich berühmt (– berüchtigte) Buch des natürlich umstrittenen Jesuiten Baltasar Gracian „Oraculo manual“ zugriff und sich von diesem Meister der kurzen, sehr pragmatischen und manchmal egozentrischen Lebensregeln beeinflussen ließ. Ausgerechnet einen Jesuiten nennt Schopenhauer seinen „Lieblingsschriftsteller“, so in dem Text S. 4. Es sind wie bei dem Spanier 50 „Lebensregeln“ unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Qualität sowie Quantität und unterschiedlicher Verständlichkeit versammelt. Aber diese intime Bindung Schopenhauers an einen Jesuiten ist der einzige Verweis auf „Christliches“ bzw. „Katholisches“. Er spricht in dem Text stets von „Schicksal“, offenbar eher antik-griechisch gemeint und nicht in Bezug zu einem Gott oder dem Gott der Bibel. Darin gibt es ja bekanntlich, in den Weisheitsbüchern des AT oder in der Bergpredigt Jesu etwa, auch radikale inspirierende Beiträge zur Glücksphilosophie. Aber das war dem Herrn Schopenhauer wohl alles zu fern und fremd und beschwerlich.

Eudämonologie nennt Schopenhauer seinen knappen Text, also Glückslehre, eudaimonia ist ja bekanntlich Glück im Griechischen.

Was fällt in diesen Notizen auf? Was ist bemerkenswert?

Der Autor bietet Empfehlungen, wie ein Leben gelingen könnte, wenn es nicht nach dem schnellen, materiellen Glück strebt. Sondern sich ganz um die Vermeidung von Schmerzen kümmert. Die Vermeidung von Schmerzen ist sozusagen der Mittelpunkt dieses Denkens. Das ist sozusagen ein materialistischer Aspekt seines Denkens, der freilich nicht ausgeführt in die Richtung einer politisch-sozialen Überwindung der Schmerzen der Elenden. Davon sprach dann später Marx. Schopenhauer ist ein biederer, reicher Bürger.

Und damit zusammenhängend: Ganz zentral ist für Schopenhauer die Pflege der Gesundheit. Sie ist für ihn die alles entscheidende Basis und Voraussetzung für ein glückliches Leben.

„Wir sollen bestrebt sein, den hohen Grad vollkommener Gesundheit zu erhalten, dessen Blüte die Heiterkeit ist“ (Seite 48 in der Lebensregel Nr. 13) Die radikalen Freunde der Sportstudios werden vielleicht Schopenhauer zu ihrem Patron erklären, jene Leute also die nach vollkommener Gesundheit permanent streben und dafür alles tun und alles andere aufgeben.

Gesundheit als oberstes Glück also. Von rauschhaften Erfahrungen des Sich Fallenlassens ist selbstverständlich keine Rede. Von Ekstasen in der Erotik oder möglicherweise in der Mystik ebenso wenig. Es sind trockene Empfehlungen für ein trockenes Dasein in aller akzeptierten Begrenztheit der Bescheidenheit.

Als Gewährsmänner gelten ihm nur antike Philosophen, die Stoa und geschätzte 10 mal Aristoteles, aus der „Nikomachischen Ethik“: „Nicht nach Lust, sondern nach Schmerzlosigkeit strebt der Kluge“ (zit. S. 51) „Indien“ und Buddha werden explizit nicht erwähnt, sind aber vielleicht eine Melodie im Hintergrund.

Also: Heiterkeit mit der Basis „Gesundheit“ wird vom Eudämonologen Schopenhauer empfohlen, ein „Gut“ (Wert , CM ??), das man erwerben kann (S. 48). Heiterkeit als Lebenshaltung des Glücklichen wird gebunden an „den hohen Grad vollkommener Gesundheit“, die es „zu erhalten“ gilt. Ohne Gesundheit kein Glück: Ein ziemlich maßlose und dumme Behauptung des Glücksphilosophen: Natürlich will jeder und jede immer und ewig gesund sein. Aber welcher Gesunde ist schon total (auch geistig) gesund und nicht vielmehr halb krank? Und die Kranken selbst? Kennen die nicht oft den Sinn des Lebens besser als die Gesunden? Schopenhauer fällt es nicht ein, die Erfahrung des Sinns des Lebens als das höchste Glück zu sehen, schon gar nicht die Liebe, das Liebe-   Geben und das Liebe Empfangen. Insofern ist unser so genannter Eudämologe Schopenhauer höchst oberflächlich. Seine Glückslehre ist keine Hilfe, die sie ja eigentlich sein will.

Interessant und bedenkenswert sind sicher seine Hinweise: Dass wir nicht dem oberflächlichen Erfolg nachstreben sollten, sondern eher mit Wenigem zufrieden sein sollten. Aber wer weiss das nicht schon ohnehin? Schopenhauer nennt diese Haltung die „Jagd nach dem positiven Glück“ (S. 59, 61 usw.) Zynisch der Hinweis: Wem es schlecht geht, sollte öfter die „betrachten, welche schlimmer dran als wir“ (S. 64). Man soll die Armseligen also betrachten, anschauen, vielleicht fixieren, aber nicht etwa ihnen politisch oder sozial beistehen. Auf den Gedanken kommt unser Eudämonologe nicht.

Alles in allem ist dies ein nur für Historiker und Schopenhauer Historiker interessantes Buch. Sonst ist es höchst überflüssig. Man wundert sich, dass so viele diese problematischen, z.T. falschen Einsichten kaufen und offenbar lesen. Wer heute Philosophie mit dem Thema Glück verbinden möchte, sollte Menschen befragen, Menschen, die ihr Leben hingeben in der Hilfe für andere, in den Altersheimen und Asylen, in den Bahnhofsmissionen und Obdachlosenunterkünften, in der Hilfe für die Krepierenden in Afrika und anderswo. Dort sind Auskünfte, auch philosophische, zu holen, was denn Glück in diesem kurzen elenden Leben bedeuten könnte. Lassen wir philosophisch Schopenhauer als Meister des Glücks beiseite. Es gibt bessere. Die Philosophen sollten sie nur endlich einmal suchen in der Welt der Aktivisten und Engagierten. „Philosophen verlasst auch mal eure Unis und geht in die problematische Welt, also dahin, wo das Leben lebt, möchte man sagen, nach dieser geistig frustrierenden Lektüre dieses für heute eher überflüssigen Schopenhauer Textes. Natürlich muss Schopenhauer Forschung sein. Dank ihrer erleben wir ja diese Texte. Aber Philosophie und philosophische Publikationen dürfen nicht stagnieren und nur für Historiker interessante Texte unters Volk bringen. Es gibt auch philosophisch Wichtigeres und Hilfreicheres heute! „Philosophen macht endlich was Neues, was der heutigen Welt entspricht und hilft“, möchte man nicht ganz unzornig rufen…

Arthur Schopenhauer, Die Kunst glücklich zu sein. Hg von FrancoVolpi. C.H. Beck Verlag München. 5. Aufl. 2013. 105 Seiten. 7.95€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wolfgang Ullrich: “Werte muss man sich leisten können”.

Wolfgang Ullrich war in unserem reigionsphilosophischen Salonam 26.1.2018 unser Gast. Er hat am 3.1.2018 in der NZZ einen Beitrag über Werte veröffentlicht, der in gewisser Weise viele Aspekte seines Buches “Wahre Meistewerte” (Wagenbach Verlag) zusammenfasst. Lesen Sie bitte über den Link diesen wichtigen Text … und danach sicher das Buch. CM.

Woher kommt das Neue?

Das Februar Heft des Philosophie Magazins

Ein Hinweis von Christian Modehn

In einer Zeit politischer Stagnation in Deutschland, also der Abwehr, qualitativ Neues als das Bessere, d.h. das Gerechtere politisch zu gestalten, ist die Reflexion auf das Neue in unserem Leben vielleicht ein Impuls, mindestens weiterzudenken… Wir leben bekanntlich in einer Epoche des Stillstands und des Verdrängens von Neuem, sozial Besseren,  in der das politische Dogma von Frau Merkel „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“ offenbar ungebrochen durchgesetzt werden soll.

Das „Philosophie Magazin“, dieses alle zwei Monate erscheinende, 100 Seiten starke Heft, hat seit Jahresbeginn eine neue Chefredakteurin, Svenja Flaßpöhler. Da lag es nahe, einmal nach Ansätzen für eine Philosophie des Neuen zu fragen. Diesem Thema sind etliche Beiträge gewidmet.

Ich hätte mir gewünscht, anstelle des uns ohnehin ständig in allen Medien begleitenden Interviews mit Reinhold Messner sehr viel mehr zu lesen von dem jungen Philosophen Christian Neuhäuser zu seinem uns bedrängenden Thema „Sich gegen Armut einzusetzen, ist eine Bürgerpflicht“. Richtig, es ist aber auch eine Staatspflicht, falls die herrschenden Parteien mit einem C und einem S (=sozial) im Titel es ernst meinen in ihrer Verantwortung für alle Menschen, die sich in unserem Land aufhalten.

Sehr schön, dass auch einmal ein Philosoph eingeladen wurde,  eine Reportage zu schreiben: Hartmut Rosa (Jena) berichtet ausführlich von seiner Studienfahrt nach China, ein gelungener und schön geschriebener Essay, der die natürlich immer nur partiell wahrnehmbaren kommunistisch – kapitalistischen Realitäten in China heute spiegelt. Ich würde mir solche Reportagen von Philosophen regelmäßig wünschen: Warum nicht auch als Stadt – bzw. Städte-Erkundung, es muss ja nicht immer die Distanz des Flaneurs vorherrschen.

Zum Hauptthema. Sehr inspirierend die Gegenüberstellung kontroverser Meinungen etwa zu den Fragen „Gibt es überhaupt etwas Neues?“ oder „Ist das Neue immer das Gute?“. Bekannt ist sicher ist die Meinung von David Edgerton, dass etliche aktuelle technische Innovationen schon zu Beginn des 20. Jahrhundert gedacht und z. T. entwickelt wurden. Edgerton beklagt zurecht, dass die Welt des Neuen heute fast immer neue technische Welt heißt und dadurch zu „eindimensionalen Vorstellungen von der Zukunft“ führt. Dass der Zufall eine große Rolle in der Naturwissenschaft spielt, wenn sie nach Neuem sucht, betont Hans Jörg Rheinberger. Naturwissenschaftler wollen Bedingungen schaffen, dass „der Zufall wirksam werden kann“. Die Liebe, wenn nicht die Sucht nach Neuem fördert die Mode – Industrie, ob nun für arme Massen gemacht oder als Einzelstück für Menschen mit exklusiven Ansprüchen. In der Mode, auch dieses Thema wird im Heft angesprochen, ist wohl die „Neophilie“, von der Sloterdijk spricht, also die (krankhafte ?) Liebe zu allem Neuen entscheidend. Im Interview mit dem Philosophen Markus Gabriel betont der Unternehmer Frank Thelen, der besonders in junge Technologie – Unternehmen investiert: Angesichts der nicht mehr zu stoppenden Entwicklung immer neuer, hochintelligenter Roboter werden sehr bald äußerst viele Menschen arbeitslos werden: „Das bedeutet, dass wir in den nächsten 10 Jahren krasse ethische Entscheidungen zu treffen haben“. Was er mit „krass“ meint, wird im Interview versäumt durch Nachfrage zu erläutern. Thelen fährt dann fort: „ Das bedeutet aber auch, dass wir uns als Menschheit neu erfinden müssen. Dazu benötigen wir zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen“ (Seite 62). Die neue lange Freizeit, in die dann wohl bald die bisher Tätigen gestürzt werden, zu gestalten, wäre auch ein philosophisch – praktisches Thema für angehende Philosophen etwa, die dann in Gesprächskreisen zu sinnvollen Diskussionen mit den von Robotern Freigesetzen einladen. Ob dabei Roboter den Wein und das Wasser in diesen Runden servieren, wird man sehen.

Merkwürdig abrupt und in sich stehend, d.h. nicht weiter befragt, ist das höchst verstörende Bekenntnis des Unternehmers Frank Thelen „Die Diktatur ist viel besser als Demokratie“ (S. 63, Spalte 3). Was soll dieser wahnwitzige Satz, ist meine kommentierende Frage, selbst wenn Thelen diesen Satz dann kurz erläutert, dass in China, (einer Diktatur, CM), „alles ganz schnell geht, weil man das einfach durchsetzen kann“, so Thelen. Kommt es also vor allem darauf an, „alles (also wohl auch alles ökonomisch viel Profit Bringende) schnell durchzusetzen”? Zum Schluss dieses Statements mildert Thelen sein Bekenntnis etwas ab, in dem utopischen Wunsch, dass es doch gute Diktatoren geben sollte. Ist das alles vielleicht nur Ironie? Der Textlage entsprechend sicher nicht! Der Philosoph Markus Gabriel (Bonn) hält ultra-kurz, aber treffend dagegen: „Einen benevolenten Diktator gibt es nicht“. An dem Punkt ist es wieder bedauerlich, dass nicht weiter nachgefragt wurde. Jedenfalls ist es für mich ein ziemliches Problem, von einem offenbar erfolgreichen Unternehmer zu lesen „Die Diktatur ist viel besser als die Demokratie“, um neue Technologien durchzusetzen.

Dass mich persönlich die Art und der Inhalt stören, wie einige Philosophen und Psychologen –auch in den Heften von Philosophie Magazin – mit der Gottesfrage umgehen, gehört zur philosophischen Debatte, selbstverständlich. Da wird doch nun im vorliegenden Heft im Ernst gefragt, ob sich der Psychologe Steven Pinker „im Alter von 13 Jahren zum Atheismus konvertiert habe?“ (Seite 69). Kann man sich im Alter von 13 Jahren bewusst und reflektiert, das ist ja wohl Konversion, für den Atheismus entscheiden?  Und Herr Pinker antwortet schlicht und ergreifend nur: „Ja“. Danach erläutert er noch die Religion als eine „biologische Notwendigkeit“, eine Behauptung, die auch einfach so stehenbleibt… Die Spuren des Göttlichen, Gottes, der Transzendenz, in unserer nun einmal postsäkularen Gesellschaft zu suchen, in den heutigen Philosophien, aber auch in der heutigen Kunst, Musik, Poesie, in der politischen Aktion usw. wäre ein Thema für viele Hefte des Philosophie Magazin. Denn bekanntlich lebt Philosophieren als lebendiger Vollzug von Philosophie nicht nur dort, wo Philosophie draufsteht. Dieses Thema nun mit einer neuen Chefredakteurin aufzugreifen, wäre etwas Neues für das Philosophie – Magazin.

www.philomag.de

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin!

Marx ohne Marxismus. Und Jesus ohne Kirchen?

Ein Hinweis von Christian Modehn im „Marx Jahr 2018“: .

Es ist nicht nur eine Art philosophischer Spekulation, Jesus von Nazareth als den (angeblichen) Begründer etwa der katholischen Kirche bzw. des Christentums zu deuten im Vergleich mit der üblichen Vorstellung: Karl Marx sei der Begründer “des“ Marxismus bzw. der Marxismen: Leninismus, Trotzkismus, Stalinismus mit Ulbricht, dann Honecker, Mielke und Co: Sie alle beriefen sich ja „irgendwie“ (notgedrungen) auf Marx. Am 5.2.2018 wurde unten noch ein Hinweis auf die Forschungen des Marx – Spezialisten Gerd Koenen zum selben Thema publiziert.

Jesus von Nazareth hat nichts Schriftliches hinterlassen. Es ist bekanntermaßen nicht einfach, aus den vier Evangelien – Texten (verfasst etwa 40 Jahre nach Jesu Tod) einen historischen Jesus zu rekonstrieren. Aber ein Profil und eine Sammlung ursprünglicher Worte und Taten Jesu zeigen sich doch. Auch das ist klar für eine historisch – kritische Bibelwissenschaft! Aber: Das ist der Unterschied zu Karl Marx, dessen Schriften einer unmittelbaren Lektüre eines jeden zur Verfügung stehen, ohne Rücksichtnahme auf entstellende Deutungen der Marxisten, Stalinisten etc. Meine These ist also – hermeneutisch etwas ungewöhnlich – den unmittelbaren Blick zu üben, also ohne die übliche “Brille” der dogmatischen Marxisten und dogmatischen Kirchen – Deuter Marx und Jesus zu sehen. Um so wieder einen frischen, lebendigen Blick auf das Originelle im Denken wiederzuerlangen. Dogmatische katholische Theologie auch an den Universitäten vollzieht sich ja immer mit der “Brille” des Verstehens, die die Kirchenführung den Theologen aufsetzt. Wer sich von dieser “Brille” befreit, wird bestraft, siehe Küng, Boff, Schillebeeckx usw…

Zur Erinnerung: Jesus von Nazareth wurde von der Gemeinde post mortem zum gott-menschlichen Christus erklärt. Allen voran und zuerst publizistisch wirksam geschah dies in den „Paulus – Briefen“ seit dem Jahre 50, verfasst von dem Apostel Paulus, der ja bekanntlich den historischen Jesus von Nazareth gar nicht erlebt hatte. Paulus ist insofern einer der wichtigsten Begründer des kirchlichen Christentums als einer eigenständigen Religion. Andere Theologien der frühen Kirche, etwa die Evangelisten, kamen später hinzu, in dem Bemühen, aus Jesus von Nazareth den Kirchengründer mit einer dogmatischen und hierarchischen Kirchenstruktur zu machen.

Dieses Phänomen ist wichtig und bedenkenswert: Wie aus Jesus von Nazareth als einer radikalen, prophetischen Gestalt, die noch eine, wie sich später herausstellte, irrtümliche Annahme zum Weltende hatte, wie also aus einer nur schwer greifbaren, schon gar nicht kirchen-gründerfreundlichen Gestalt eine überragende welthistorische religiöse Figur wurde. Aus bestimmten religionspolitischen und machtpolitischen Prämissen wurde Jesus also zur „Gründergestalt“ von Institutionen. Diese Gestalt wurde dann im Laufe von 2000 Jahren zu einer gottmenschlichen Gestalt der vielfältigsten Interpretationen in mehreren hundert christlichen Kirchen.

Warum sage ich das alles? Ähnlich ist es auch Karl Marx ergangen. Auch er dachte gar nicht so systematisch und auch er dachte nicht an eine Weltordnung „Marxismus“ genannt unter Führung einer autoritären, also nicht-demokratischen Partei, wie dies jetzt Gareth Stedman Jones in seiner großen Marx-Studie zeigt. Auch er wurde als “göttliche” Figur in den kommunistischen Staaten ausgestellt und aufgestellt. Von ihm durfte man nicht zu viel wissen, als braver Sozialist, siehe etwa die Unterdrückung der Frühschriften von Marx im Kommunismus…Auch der historische Jesus von Nazareth wurde als Herausforderung an die Kirchen-Führer erlebt. Die “Ketzer – Geschichte” ist ein Beweis für die Unfähigkeit, den historischen Jesus als Anspruch und Kritik zuzulassen.

Und hier könnte auch an einen Vergleich von Paulus mit Friedrich Engels erinnert werden: Er formte nach dem Tode seines Freundes Karl Marx aus dessen vielen Texten und Fragmenten eine relativ geschlossene Ideologie. Also kann man wohl sagen: Ohne Engels hätte es wohl keinen Marxismus gegeben, so wie es ohne Paulus keine Kirche gäbe.

Und dann haben alle die vielen Marx Nachfolger sich ihren Marx geformt. So wie alle Jesus-Nachfolger sich ihren Jesus formten. Was hat etwa der Jesus des Franz von Assisi mit dem Jesus des Papstes Innozens III. oder des Papstes Bonifaz VIII. zu tun? Gar nichts. Was haben die Mormonen oder die Zeugen Jehovas mit Jesus von Nazareth zu tun? Was hat der nordkoreanische Diktator mit Marx zu tun? Oder Ceausescu mit Marx? Was haben der heilig gesprochene Franco – Freund José de Balaguer und sein Opus Dei mit Jesus von Nazareth zu tun? Sie berufen sich auf ihn. Sie bekennen sich verbal zu ihm. So, wie es der Orden der Legionäre Christi praktiziert, der als superreicher “Millionärs-Orden” mit dem armen Jesus von Nazareth nicht so viel zu tun hat.

So werden im Laufe der Geschichte eigentlich respektable Gestalten wie Jesus oder Marx verfälscht. Man macht aus ihnen, was „man“ will, d.h. was die jeweiligen Herrscher und ihre Ideologen wollen.

Und die Frage ist: Kann es heute noch eine Rückkehr geben zu dem armen Propheten Jesus von Nazareth und dem leidenschaftlich an der Befreiung der Unterrückten interessierten Denker Karl Marx? Wenn das möglich wäre: Was wäre dann ein Bekenntnis zu diesem Marx ohne den meist verbrecherischen Marxismus/Stalinismus usw. Und was wäre ein Bekenntnis zu dem armen Propheten Jesus von Nazareth jenseits der machtvollen Konfessionen und ihren Dogmen, Klerikern, Palästen, Bürokratien, Kirchensteuern usw.? Und: Wie würde also ein Marx-Gedenken 2018 aussehen? Wie würde ein frischer Marx ohne Marxismus 2018 aussehen?

Früher, etwa ab 1965, gab es große Debatten (in der so genannten “Paulus – Gesellschaft”) von mehr oder weniger dogmatischen Theologen mit mehr oder weniger dogmatischen Marxisten, also etwa Rahner, Metz, Moltmann auf der einen Seite gegen Garaudy, Gardavsky, Lombardo Radice, Ernst Fischer usw. auf der kommunistischen Seite. Diese Gegenüberstellung zweier machtvoller Weltanschauungen ist total überholt.

Heute könnte man etwa einen Jesus ohne Kirche mit einem Marx ohne Marxisten/Marxismus (Leninismus etc.) konfrontieren. Das würde eine gewisse, nicht nur intellektuelle Bewegung wach – rufen. Und Neues im Denken (und Handeln ?) bescheren.

Ergänzung am 5.2.2018: Im Zusammenhag unserer durchaus spekulativen Parallele “Jesus – Marx”, bzw. “Kirche – Marxismus” (Kommunismus im Plural), ist es interessant, dass der Historiker und Marx – Spezialist Gerd Koenen in einem Interview mit der Beilage der ZEIT, genannt „Christ und Welt”, in einem Interview, publiziert am 1.2.2018, betont: Aus den Schriften von Marx wurden nach seinem Tod „Gründungsdokumente einer neuen politischen Bewegung“ gemacht; dabei arbeitete Engels als eine Art Nachlassverwalter von Marx. Karl Marx wäre nie auf die Idee gekommen, eine Art unfehlbarer Lehrer zu sein, als der er dann in den kommunistischen Staaten galt. Er hatte etwas dagegen, wenn sich Menschen „Marxisten“ nannten. Marx schätzte die ständige (Selbst-) Kritik über alles. Er war gegen Dogmen. „Er bekämpfte alle Versuche, seine Lehren katechetisch auszumünzen“, so Koenen.

Es ist im MARX- JAHR 2018 eine große Chance, den undogmatischen, man möchte sagen: kommunismuskritischen Karl Marx herauszustellen. Er ist ein origineller, leidenschaftlicher humanistischer Denker, der für die Armen eintritt und Gerechtigkeit durchsetzen will. Über die Verwandtschaft dieses ethischen Denkens mit dem Denken und der Praxis des authentischen historischen Jesus von Nazareth ist weiter zu forschen. Die Parallelen jedenfalls können kaum geleugnet werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin