Monatsarchiv



Die Last der Vergangenheit: Die Dominikanische Republik und die Trujillo Diktatur

27. August 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Perspektiven und Probleme

Zwei Fragen an Dr. Stefanie Hanke, Repräsentantin der „Friedrich Ebert Stiftung“ in Santo Domingo, Dominikanische Republik

Findet jetzt Ihrer Meinung nach in der Dominikanischen Republik  eine tiefere „Bearbeitung“ der Trujillo Diktatur statt, also die Frage: Wie stark haben Familien, Gruppen, Kirchen den Diktator Trujillo unterstützt?

Nach wie vor findet weder auf gesellschaftlicher noch auf politischer Ebene eine Aufarbeitung des Trujillo – Regimes statt. Bezeichnend ist der Umstand, dass am Jahrestag der Trujillo – Ermordung nur eine kleine Privatinitiative eine Ehrenfeier begeht, zu der zwar auch ein offizieller Staatsvertreter kommt, aber nur ein rangniedriger. Der Präsident war am selben Tag damit beschäftigt, eine neue Strasse einzuweihen. Es gibt noch heute viele „Aktive“ des Trujillo Regimes und vor allem solche seines Nachfolgers Balaguers, die kein Interesse an einer öffentlichen Debatte haben. Die jungen Menschen interessieren sich kaum für das Thema. Insgesamt gibt es unter den jungen Menschen keine kritische „Masse“, die sich mit Trujillo beschäftigt. Das ist also etwa nicht zu vergleichen mit den familieninternen Auseinandersetzungen um Schuld und Täterschaft in den deutschen Familien nach dem zweiten Weltkrieg.

Die katholische Amtskirche spielt keine Rolle bei einer historischen Aufarbeitung und macht weiter wie bisher. Lediglich die Jesuiten haben nach Trujillo einen Kurswechsel vorgenommen und erklärt, nie mehr mit den Herrschenden zu paktieren, sondern nur noch für die Armen und Bedürftigen arbeiten zu wollen.

Welche Rolle spielt dabei jetzt das Museo de la resistencia, also das neue Museum des Widerstands?

Das Museo ist ja relativ neu. Es hat aber offenbar einen guten Ruf, das kann man immerhin in Erfahrung bringen. Ob es angenommen wird, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht über Daten wie Besucherzahlen etc. verfüge. In der Presse findet es jedenfalls kaum Beachtung.

 

 

 

 



Wege der Kunst – Wege zu Gott?

27. August 2012 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Wege der Kunst – Wege zu Gott?

Von Prof. Wilhelm Gräb. Der Beitrag wurde am 6. August 2012 publiziert.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Das Interesse an Kunst, wie es sich etwa im Besuch von Kirchen, Kathedralen und Museen zeigt, ist ungebrochen groß. Zeigt sich da Ihrer Meinung nach mehr als ein „übliches Kulturinteresse“, etwa ein „Ausstieg“ aus dem Alltag?

Wenn wir eine gotische Kathedrale wie etwa den Kölner Dom betreten, spüren wir unwillkürlich, dass wir an einem anderen Ort sind. Der Raum öffnet sich ins Hohe wie in die Tiefe. Wir machen in der Tat die Erfahrung des Eingang in eine dem Alltag enthobene Wirklichkeit. Das besondere dieser anderen Wirklichkeit ist, dass sie uns auf eigentümliche Weise berührt. Wir fühlen uns angesprochen, in etwas ausgesetzt, das uns sagt: „Tua res agitur“, „Deine eigene Sache wird hier verhandelt“.

Das ist die Erfahrung, die wir in Kirchen machen können, auch modernen Kirchen wie etwa in der berühmten Walfahrtskirche, die Le Corbusier in Ronchamp, Frankreich, gebaut hat. Dort sind es die kubischen Fensteröffnungen in einem alles Rechteckige und Quadratische von sich abweisenden, in sich zurück gebogenen Raum, die die Erfahrung geradezu einer Lichtoffenbarung machen lassen. Die ganz besondere Raumatmosphäre macht es, dass wir aus unserer Selbstbezüglichkeit herausgeführt werden. Es kann uns aufgehen, dass wir, diese in selbst verkrümmten Wesen, doch zu einer sehr viel größeren Wirklichkeit gehören, ja Teil eines unendlich Ganzen sind. Doch das Universum ist – entgegen aller physikalischen Erkenntnis – nicht stumm, nicht abweisend. Im Gegenteil, es spricht uns an, es hebt uns über uns selbst hinaus, lässt uns aufatmen, gibt uns neue Kraft.

Was ich so zu beschreiben versucht habe ist eine ästhetische Erfahrung, die zugleich auf ihr innewohnende religiöse Momente hin durchsichtig wird, eine ästhetische Erfahrung, die zur Gotteserfahrung werden kann.

Wir können sie überall machen, wo uns ästhetische Erfahrungen, also sinnlich beeindruckenden Sinnerfahrungen geschehen, nicht nur in Kirchen, auch vor großen Werken der Kunst und im Musikerleben, auch vor dem Naturschönen, bei einem Waldspaziergang, am Meeresstrand, oder auf einer Bergwanderung. Immer hat unser ästhetisches Erleben die Chance, ein religiöses Empfinden zu wecken und zu stärken. Religiös ist dieses Empfinden, weil es den meditativen Gedanken bei sich hat, leicht jedenfalls auf sich ziehen kann, dass wir doch in die letztlich fremde, verkehrte Welt passen, dass es ein Glück ist, da zu sein und das Leben genießen zu können. Voll Dankbarkeit! Wem das Religiöse im ästhetischen Erleben bewusst wird, der wird dem empfundenen Dank auch Ausdruck geben wollen – indem er vor seinem Schöpfer auf die Knie fällt. Continue reading “Wege der Kunst – Wege zu Gott?” »



Nietzsches Philosophie: Gefährlich – anregend. Ein Salonabend

25. August 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Nietzsches Philosophie – gefährlich und anregend.

In diesem Salonabend am Freitag,  21. 9. um 19 Uhr in der Galerie Fantom Hektorstr. 9 wollen wir uns einigen zentralen Erkenntnissen/Einsichten Nietzsches annähern, wie dem Tod Gottes, dem Übermenschen, dem Willen zur Macht und der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“. Wir wollen dabei nicht nur philosophie – geschichtlich mehr sehen lernen, sondern auch begreifen: Da spricht ein Denker, der die Moderne innerlich erfahren und erlitten hat und nach Auswegen suchte in einer Zeit, in der die herrschenden Religionen und absoluten Werte nur noch scheinbar und pro forma galten. Wir fragen: Bietet Nietzsche ein Alternative?



„Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin“: Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozeß im August 2012

19. August 2012 | Von | Kategorie: Religionskritik

„Der Patriarch glaubt an Putin“

Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozess im August 2012

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag hat seit seiner Veröffentlichung im August 2012 sehr viel Interesse gefunden, vielleicht stellen sich die Leser Fragen, angesichts des orthodoxen Weihnachtsfestes, was sich denn hinter den weihrauchgeschwängerten Zeremonien mit ihrem Chefliturgen Patriarch Kyrill, an materiell – politischen Interessen verbirgt. Vielleicht warten sie auch gespannt auf die Konversion Gérard Dépardieus zur russisch – orthodoxen Kirche. Es wird die Meinung geäußert, dass sich Dépardieu durchaus gut mit Patriarch Kyrill verstehen könnte…

Aktuell ergänzen wir am 11. 5. 2014 diesen Beitrag mit einem Hinweis auf das sehr empfehlenswerte Buch von Mischa Gabowitsch „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“ (Suhrkamp, 2013). Diese ausgezeichnete Studie verdient viel Aufmerksamkeit. Sie enthält auch ein Kapitel „Strukturwandel der Kirche“ (der Russisch-orthodoxen Kirche). Die Ausführungen dort (auf den Seiten 205 ff.) unterstreichen die hier seit 2012 notierten Hinweise zur engen ideologischen Verbindung des Moskauer allmächtigen Patriarchen Kirill mit Putin. Mischa Gabowitsch zeigt, dass die kirchliche Gier nach Macht und Einfluß im Putin Regime auch Ausdruck der tatsächlichen Schwäche der Kirche ist. Denn es ist ja keinesweges so, wie manchmal behauptet wird, als sei die Russisch-orthodoxe Kirche bei den Menschen tief verwurzelt und geradezu massenhaft anerkannt. Gabowitsch zitiert den Religionssoziologen Nikolay Mitrokhin:“Die russisch-orthodoxe Kirche lässt sich als konsequent antiliberal, antiwestlich, ethnischen Minderheiten gegenüber xenophob, mit einer monarchistischen (oder zumindest autoritären) Staatsform sympathisierend, etatistisch und marktfeindlich beschreiben“(S. 208). Interessant ist der Hinweis von Gabowitsch, dass liberale Priester wie Gleb Jakunin und Jakow Krotow (in den neunziger Jahren) aus der Kirche gedrängt wurden und „alternative orthodoxe Kirchen gründeten“ (S. 208), dieses Thema sollte weiter bearbeitet werden…  Aber noch ein erhellendes Zitat des Religionssoziologen Nojkolay Mitrokhin: „In wenigen Monaten haben Kirill und seine Helfer vollbracht, wofür ihre Vorgänger im zaristischen Russland Jahrzehnte brauchten:die Kirche gleichzeitig mit Diktatur, stumpfsinniger Grausamkeit und Korruption in enge Verbindung zu bringen“ (S. 209).

Hier unsere nach wie interessanten Hinweise aus dem Jahr 2012:

Drei Künstlerinnen, Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, werden drastisch wie in einem politisch gesteuerten Schauprozess bestraft: Die Musikerinnen der Gruppe „Pussy Riot“ werden wegen „Rowdytum aus religiösem Hass“ für 2 Jahre ins Straflager geschickt. Sie hatten am 22. Februar 2012 in der Moskauer Erlöser – Kathedrale, dem „prunkvoll – kitschigen Symbol des wiederauferstandenen orthodoxen Rußland“, vor der Ikonenwand ein gleichermaßen religionskritisches wie regimekritisches Lied angestimmt: Es beginnt wie ein klassisches Bittgebet: „Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin! Vertreibe Putin“.  Darin kommt auch der Vers vor: “Der Patriarch glaubt an Putin, besser sollte er, der Hund, an Gott glauben“. Gemeint ist der enge Verbündete Putins, Patriarch Kyrill, ein Mönch, seit 2009 im höchsten kirchlichen Amt in Moskau.

Das Urteil kam nur durch die übliche und seit Jahren selbstverständliche enge Übereinstimmung von russisch –orthodoxer Kirchenführung und dem Putin – Regime zustande.

Unser Salon ist der Religionskritik verpflichtet, sie ist wesentlicher Aspekt eines freiheitlichen und aufgeklärten Bewusstseins. Und damit für die Demokratie. Deswegen bieten wir als Hintergrundinformation zu dem Urteil einige Zitate des russischen Philosophen Michail Ryklin, der in Berlin an der Humboldt – Universität lehrt und in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift Lettre (Berlin) regelmäßig seine „Korrespondenz aus Moskau“ veröffentlicht. Es wird schon in diesen wenigen Zitaten aus Lettre deutlich, wie eng sich die russisch – orthodoxe Kirchenführung an die Machthaber gebunden hat.

In Heft III/2005 berichtet Michaeil Ryklin von einer Bewegung, die eine „orthodoxe Hagiopolitik“ etablieren will (vertreten durch Gleb Pawlowski). Kern dieser theologischen Lehre, sie fordert ausdrücklich das Neu – Mittelalter !, ist „das Eingreifen von Heiligen und die Einwirkung geweihter Gegenstände in den Gang der Geschichte; dem Anthropozentrismus wird ein Primat des Wunders gegenübergestellt“ (S 130).  Ryklin berichtet weiter, dass Fundamentalisten aus der Russisch – Orthodoxen Kirche wesentliche Teile der säkularen Kultur verfolgen; diskriminiert werden von den Kirchenfürsten Opernaufführungen, Kunstausstellungen usw. „Die Russisch –Orthodoxe Kirche reklamiert für sich den Status einer staatsbildenden Religion“  (ebd.) Interessant schon 2005 die Bemerkung Ryklins: “Menschenrechtsaktivisten werden immer häufiger als Feinde der Orthodoxie und des russischen Volkes diffamiert“. (ebd).

Im Herbst 2007 schrieb Michail Ryklin unter dem Titel „Der heilige Bolschewik“: Die Russen kehrten in eine Kirche zurück, die sich von Stalin und ihrer Unterstützung eines atheistischen Regimes nicht nur nicht distanziert! Sondern die Stalin zu einem konsequenten Freund und Förderer des Glaubens erklärt“. (s. 128). Der christliche Glaube, den diese Orthodoxie vertritt, sei nur ein Ritual, der Glaube als ein seelischer Zustand (Liebe, Toleranz, Gnade) werde negiert.

In der Ausgabe I/2008 berichtet Prof. Ryklin in Lettre (S. 128) von einem TV Film, der in Russland sehr viel Aufmerksamkeit findet: „Der Untergang des Imperiums“ von Abt Tichon Schewkunow. Dieser Abt soll der Beichtvater des Präsidenten Putin sein. (ebd). In der Interpretation dieses vielfach gesendeten TV Films schreibt Prof. Ryklin „ Die Russisch – Orthodoxe Kirche, die kein Charisma besitzt und den weltlichen Machthabern keine Unannehmlichkeiten zu bereiten scheint, drängt den Staat auf einen gefährlichen Weg: Indem sie dem Staat für all sein Tun automatisch Ablass erteilt und damit jegliche Reformen für unnötig erklärt“. Abt Tichon spräche im Blick auf Europa von „den Barbaren in Brüssel“… Die Verquickung der russischen Kirche mit dem Staat nennt Prof. Ryklin eine „Verstaatlichung des Glaubens“. Er erwähnt weiter die Prozesse gegen den Galeristen der Tretjakow Galerie und gegen die Mitarbeiter des Sacharow- Zentrums. „Die Kirche redet dem Staat zumunde und verdammt die weltliche Kultur“, so das Faszit dieses Beitrags in Lettre I/2008.

In Heft IV/2008 von Lettre schreibt Michail Ryklin:“ Das Gefährliche am jetzigen Regime ist, dass es die Demokratie diskreditiert und dem Einfluß religiös- nationalistischer Gruppen Vorschub leistet, insgesamt habe – so 2008, heute ist das wohl anders – eine Entpolitisierung der Gesellschaft stattgefunden.

Insgesamt lassen die Beiträge Michail Ryklins keinen Zweifel daran, dass diese Haltung der russischen Kirche gerade bei jungen und kritischen Menschen nur auf zunehmende Abwehr und Distanz stößt. Diese absolute Regimeverbundenheit der Kirchenführer und weiter Kreise des Klerus ist die beste Form, intelligente und freie Menschen aus der Kirche definitiv zu vertreiben…

In Heft 97 von Lettre (Sommer 2012, Seite 134) widmet sich Prof. Ryklin erneut der Gestalt dieses machtgierigen Patriarchen. Durch Kyrill „ist die (russisch – orthodoxe) Kirche zu einem integralen Teil der =Machtvertikale= geworden. Hatte die atheistische Sowjetmacht die Kirche versklavt, ihren Zielen unterworfen, so verschmilzt nun die operative Macht Putins mit der Kirche“.  Seine Studien über das Umfeld der Moskauer Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill fasst Prof. Ryklin zusammen: “ In der Kirche wird Askese gepredigt und Luxus gefördert, Demut gepredigt und Intoleranz praktiziert, manch einer lobt den Herrn und benimmt sich gottloser als einst Atheisten“. Selbst der Sprecher von Patriarch Kyrill muss zugeben, so Ryklin, dass der Mönch Kyrill (eigentlich der Armut verpflichtet) einen Wagenpark (Cadillac Escalade, Mercedes der S-Klasse, Toyota Land Criser) und Residenzen (u.a. Villa in der Schweiz, Privatflugzeug usw.)  zu seiner Verfügung hat. „Doch es seien alles Geschenke….“(so in Lettre, 97, Seite 134, 3. Spalte). Ryklin weist auf eine Studie von Alexander Soldatow vom 15. 2. 2012 hin, nach der Patriarach Kyrill ein persönliches Vermögen von ca. 4 Milliarden Dollar hat (ebd, Spalte a).

Vielleicht werden angesichts dieser Informationen die Umstände dieses Prozesses deutlicher, in einem angeblich frommen und christlichen Land, das jeglichen Sinn für Kritik und freie Meinungsäußerung verloren hat.

Wir fragen, welchen Sinn es hat, wenn der Vatikan heute kein dringenderes Verlangen in der ökumenischen Bewegung hat, als sich ausgerechnet mit den „theologisch so nahe stehenden orthodoxen Kirchen“ (so ist immer wieder von höchsten Kreisen der römischen Kurie und des Papstes zu hören) möglichst bald zu versöhnen und zu einer Kirche zu vereinen? Was wäre der spirituelle, was der politische Gewinn, wenn Leute wie Patriarch Kyrill, Moskau,  auch noch ein Wort in Rom zu sagen hätte? Wir fragen weiter, welchen kritischen Beitrag eigentlich die sogen. „Ostkirchen – Kunde“ an den deutschen Universitäten leistet. Studiert sie nur die Werke Didymus des Blinden, fragt ein Leser unserer Website.

Abgesehen von den zahlreichen Studien von Prof. Ryklin weisen wir, eher zufällig gefunden, auf einen Beitrag der Wochenzeitung DIE ZEIT hin. Diana Laart berichtet aus Moskau in der Ausgabe vom 16. August 2012, Seite 9 unter dem Titel „Gefährliche Freunde“, gemeint sind Putin und das Oberhaupt der Russisch – Orthodoxen Kriche Kyrill I.

Wir zitieren nur einige Sätze aus dem gut dokumentierten Beitrag: „Auch der Patriarch besitzt nicht nur einen Maybach, sondern für einen Mönch (das ist der geistliche Stand des Patriarchen, CM)) recht viele Residenzen. Vor allem nennt er eine luxuriöse Penthouse – Wohnung gegenüber dem Kreml sein Eigen. Sein Vermögen soll sich auf 4 Milliarden Dollar belaufen. Das Geld verdiente er in den neunziger Jahren, als er im Namen der orthodoxen Kirche mit Zigaretten und Öl handelte…..“ Interessant ist, dass Diana Laarz unsere Einschätzung bestätigt: Der Patriarch sei die beste Voraussetzung, dass die Russen scharenweise die Kirche verlassen…Es ist wieder einmal der klassisch zu nennende klerikal bedingte Atheismus, der aufgrund bestimmter Kirchenführer entsteht. Diana Laarz schreibt:“Staatliche russische Meinungsforschungsinstitute schätzen, dass nur noch 10 Prozent der Kirchenmitglieder in die Kirche gehen“.

Copyright: Christian Modehn

 

 



Beten und bitten: Poesie im Angesicht des Unendlichen. Im Kulturradio des RBB

14. August 2012 | Von | Kategorie: Neue Lebensformen

„Gott und die Welt“ im RBB Kulturradio am Sonntag, 23.09.2012

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet

Von Christian Modehn

Das Thema „Beten und besonders Bittgebete sprechen“ berührt auch philosophische Fragen, etwa nach der Verbundenheit mi Gott und der Beziehung des Menschen zum Göttlichen, der Transzendenz. Deswegen könnte diese Radiosendung auch für philosophisch Interessierte inspirierend sein.

„Bittet, so wird euch gegeben“, forderte Jesus seine Jünger auf. Darauf vertrauen auch gläubige Menschen, wenn sie sich mit ihren Sorgen an Gott wenden. Doch welchen Sinn hat es, um göttlichen Rat und Beistand zu bitten? „Wer betet, Gottes Reich des Friedens möge kommen, weckt in sich die Sehnsucht nach Frieden“, schreibt der Kirchenvater Augustinus. Heutige Theologen sind überzeugt: Im Beten und Bitten erkennt der Mensch, wer er ist und welche Ziele ihm wichtig sind. Bittgebete können zur spirituellen Poesie werden. Sie wecken  die Achtsamkeit. „Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden“,  sagt der protestantische Philosoph Sören Kierkegaard. Bittende und Betende hoffen, trotz aller Tiefen von einem göttlichen Grund getragen zu sein.

 



Beschneidung – Eine offene Diskussion. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

5. August 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Weiter Denken

Eine Information vorweg:

Eine neue Kategorie im Religionsphilosophischen Salon: „Fundamental vernünftig“ heißt der Titel, unter dem Sie in Zukunft regelmäßig Interviews mit Wilhelm Gräb finden. Er ist Theologieprofessor an der Humboldt Universität zu Berlin. Als „praktischer Theologe“  interpretiert er aktuelle Zeitfragen aus dem weiten Feld von Religionen und Kirchen, Kulturen und Philosophien. Der Untertitel unserer neue Kategorie „Religiös aus freier Einsicht“ zeigt an, dass es in den Beiträgen nicht um Wiederholungen dogmatischer Lehren geht, sondern um die Einladung, sich auch in religiösen Fragen seiner eigenen Vernunft anzuvertrauen. So wird allem unvernünftigen Fundamentalismus gegengesteuert und die Freiheit der einzelnen und der Gesellschaft gefördert. Die Freunde und Mitglieder des „Religionsphilosophischen Salons Berlin“ freuen sich sehr, dass durch die Beiträge Wilhelm Gräbs den Diskussionen über die Rolle der Religionen in der heutigen Gesellschaft neue Perspektiven erschlossen werden.

Der erste Beitrag:

Beschneidung – Eine offene Diskussion

Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, zuerst veröffentlicht am 20. Juli 2012

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die jüngsten Diskussionen über die gesetzliche Legitimität religiös begründeter Beschneidungen an Jungen werden offenbar von einem Tabu bestimmt: Darf man wirklich nicht über uralte religiöse Traditionen kritisch nachdenken und offen diskutieren?

Die offene Diskussion findet ja statt. Wann ist zuletzt so viel über religiöse Riten, über das Recht, sie nach den Gesetzen der Religionsgemeinschaft auszuüben, diskutiert worden wie jetzt nach dem Kölner Landgerichtsurteil? Das merkwürdige allerdings ist: Die öffentliche Diskussion wird nur von einer Seite aus geführt. Die Säkularen bestimmen die Debatte, Politiker und Politikerinnen, Juristen und Juristinnen, Soziologen und Kulturwissenschaftlerinnen, dann noch Religionsphilosophen. Aber bei Theologen und Theologinnen? Eher Fehlanzeige!

Die Vertreter der Religionsgemeinschaften erwecken tatsächlich den Eindruck, als habe das Kölner Gerichtsurteil ein Tabu verletzt. Wütende Proteste von Seiten jüdischer und muslimischer Organisationen waren die Folge. Absurde Vergleiche bis hin zum Holocaust wurden gezogen. Theologisch erklärt haben die Religionsvertreter aber nichts. Kein Wort dazu, worin der religiöse Sinn dieser in der Tat auf uralte, frühgeschichtliche Kulturen zurückgehenden Beschneidungspraxis denn heute noch besteht. Allenfalls, dass Gott solches zu tun geboten habe, ist von religiöser Seite zu hören.

Bloß auf uralte Traditionen  zu verweisen, ist also kein stichhaltiges Argument?

Das Traditionsargument trägt nicht weit. Traditionen können ihren Sinn verlieren. Traditionen können verändert werden. Von Seiten der jüdischen Religionsgemeinschaft wird deshalb auch  gar nicht so sehr das Traditionsargument ins Feld geführt. Es wird auf das jüdische Religionsgesetz verwiesen, das wiederum eine klare biblische Begründung habe. Sie ist im Alten Testament auch der christlichen Bibel leicht nachzulesen (vgl. Gen 17, 10).

Auf Traditionen und Bräuche zu verweisen, entspringt im Grunde bereits einer säkularen Denkweise. Mit dem Traditionsargument operieren auch eher die Muslime. Denn die Beschneidung wird im Koran nicht befohlen. Sehr wohl aber in der Thora. Aus orthodoxer jüdischer Sicht geht es im jetzigen Beschneidungsfall um das Verhältnis von Religionsrecht und säkularem Recht oder eben Gottesgesetz und Menschengesetz.

Deshalb die Schärfe in der Auseinandersetzung von bestimmten Vertretern der jüdischen Religionsgemeinschaft. Dahinter steht freilich ein fundamentalistisches Verständnis der Bibel: Gott hat die Beschneidung als das ins Fleisch eingeschriebene Zeichen seines Bundes mit dem Volk Abrahams geboten. So steht es in der Bibel. Was in der Bibel steht, gilt unbedingt und in alle Ewigkeit. Doch das ist die Argumentationsform aller Bibelfundamentalisten, die freilich von Juden genauso wenig wie von Christen wirklich dann für alle Bibelstellen in Anwendung gebracht wird. Continue reading “Beschneidung – Eine offene Diskussion. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb” »



Abbé Pierres 100. Geburtstag: Ein Prophet, ein Revolutionär der Solidarität

3. August 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Abbé Pierre: Ein Prophet der Solidarität

Anlässlich seine 100. Geburtstages

Von Christian Modehn

Während meiner Aufenthalte in Frankreich habe ich mehrfach Abbé Pierre getroffen. Er war mehr als der bewunderte, „welt – berühmte“ „Sozialpriester“. Er war authentisch, mutig, kreativ, unbequem, radikal und heftig, wenn es um die Sache der Armen ging. Er war ein glaubwürdiger Priester, verehrt von Christen wie von Nichtchristen. Ich hatte ihn interviewt, u.a. für das  Radiomagazin „Gott in Frankreich“ (von 1989 – 2005) im Saarländischen Rundfunk, Redakteur war Norbert Sommer.

Anlässlich von Abbé Pierres 100. Geburtstages am 5. August 2012 (gestorben am 22. 1. 2007) biete ich zum Nachlesen drei ältere Radiosendungen, die ihre Aktualität bewahrt haben. Die Form der Texte entspricht der für Hörfunkzwecke üblichen Gestalt. Natürlich können in den drei kurzen Beiträgen nur einige Aspekte im Leben Abbé Pierres erwähnt werden. PS: Immerhin wird jetzt auch auf französischen 2 Euro – Münzen Abbé Pierres gedacht. Dadurch wird er zur bleibenden europäischen „Größe“.

1.

Eine Radiosendung für den NDR

„Mein Gott, warum?“ (2007)

Ein neues Buch des französischen Sozialpriesters Abbé Pierre

Von Christian Modehn

Wenn katholische Pfarrer und Theologen das Greisenalter erreichen und noch klar bei Verstand sind, neigen sie zu ehrlichen, man möchte sagen „radikalen“ theologischen Bekenntnissen. Das gilt etwa für die Professoren Karl Rahner oder Edward Schillebeeckx; das trifft nun auch auf Abbé Pierre zu, den weltbekannten französischen Sozial-Priester. Von ihm ist dieser Tage das Buch „Mein Gott, warum?“ erschienen.

Abbé Pierre gilt neben General de Gaulle und Marie Curie als der berühmteste Franzose. Er ist vor 7 Monaten im Alter von 95 Jahren gestorben (am 22. 1.2007). Er lebte authentisch  als armer Priester an der Seite der Armen. Mit ihnen hat er das weltweite Hilfswerk „Emmaus“ geschaffen, er hat – elementar – Millionen Hilfsbedürftiger mit Essen und Unterkunft versorgt. Vor allem hat er ihnen Mut zum Leben gemacht: „Trotz allem“. Noch als Greis war er dabei, wenn Obdachlose leer stehende Häuser besetzten. Er wollte sie vor der Vertreibung durch die Polizei schützen:

O TON, Abbé Pierre,

Väter und Mütter weinten. Eine Mutter musste in die Klinik eingeliefert werden, weil sie völlig verzweifelt ist. Es ist so: Arbeiter haben einfach die Decken im Haus eingerissen. Das ist kriminell. Ich habe den Premierminister angerufen, ich habe den Justizminister angerufen. Wir lassen uns das nicht bieten. (Applaus).

1. SPR.:

„Wut ist von Liebe nicht zu trennen“ war das Motto Abbé Pierres. Sein neuestes Buch „Mein Gott, warum?“ stört alle fromme Glaubensgewissheit angesichts des Elends in dieser Welt: Gott bleibe ein Geheimnis; nur in der Nächstenliebe können Zweifel und Skepsis überwunden werden, betonte er immer wieder:

 O TON, Abbe Pierre.

Glauben heißt: Gott ist Liebe. Und wir Menschen sind aufgerufen zu lieben. Die Krise der Menschheit und auch die Krise der Spiritualität kommt sicher auch daher, dass den Glaubenden das Elend der anderen Menschen immer noch ziemlich gleichgültig ist.

1. SPR.:

Das neue Buch Abbé Pierres bietet knappe spirituelle Meditationen. Er plädiert er für eine radikale, moderne Deutung alter dogmatischer Lehren und findet etwa den Gedanken „schauderhaft“, dass Gott sozusagen ganz bewusst Jesus am Kreuz leiden ließ. Nicht durch Schmerz und Pein, sondern durch Liebe werde die Menschheit gerettet, betont Abbé Pierre. Liebe war der Mittelpunkt seines Lebens: Sogar als Priester erlebte er für eine kurze Zeit auch die erotische Liebe zu Frauen. Dieses offene Bekenntnis in dem genannten Buch haben ihm die Bischöfe übel genommen. Und manch ein Beobachter meint, dadurch habe Abbé Pierre seine mögliche Heiligsprechung verhindert. Genauso empört waren konservative Kreise, als bekannt wurde: Er finde es ganz normal, Jahre lang einen offen homosexuell lebenden Priester als seinen Privatsekretär beschäftigt zu haben. Es war Abbé Jacques Perrotti, einen der Mitbegründer der Homosexuellen – Vereinigung „David und Jonathan“.

Das neue Buch kann aber auch wie ein kurz gefasstes Reformprogramm der katholischen Kirche gelesen werden. Abbé Pierre fordert die Aufhebung des Pflichtzölibats der Priester und die Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt.  Joseph Ratzinger wurde als Kurienkardinal von Abbé Pierre, so wörtlich.  „furchterregend“ empfunden; im Falle Papst Benedikt XVI. hoffte er noch auf Großzügigkeit und Weite des Denkens…

Buchhinweis:

Abbé Pierre, Mein Gott warum? Fragen eines streitbaren Gottesmannes. Aus dem Französischen von Bettina Lemke. 120 Seiten, DTV Verlag, München, August 2007, 12 Euro.

—–WDR (2002)

Abbé Pierre wird 90

Von Christian Modehn

Ausgerechnet einen Priester finden die Franzosen besonders sympathisch. Und das in einer Gesellschaft, die sich rühmt, laizistisch zu sein. Abbé Pierre kennt in Frankreich jeder, den greisen Priester, der heute (5. August 2002) 90 Jahre alt wird: Er ist laut neusten Umfragen für ein 90 Prozent aller Franzosen ein Vorbild; noch vor den Fußballstars und den Filmdiven.

 O TON, Abbé Pierre,  0 43″

Väter und Mütter weinten. Eine Mutter musste in die Klinik eingeliefert werden, weil sie völlig verzweifelt ist. Denn man muss dies einfach anerkennen: Die Arbeiter haben einfach die Decken eingerissen, sie haben die Wände in den Zimmern zerstört, all das ist kriminell. Ich habe den Premierminister angerufen, ich habe den Justizminister, ich habe den Wohnungsbauminister benachrichtigt, auch den Sozialminister. Wir lassen uns das nicht bieten. (Applaus).

1.SPR.:

Paris, Oktober 1993. Applaus für einen greisen Rebellen. In seiner schwarzen Windjacke steht er da und schreit; gestützt auf einen Krückstock; eine Hand hinter dem Ohr, um das Hörgerät besser auf die Fragen der Journalisten einstellen zu können. Ihn kennen hier alle: Abbé Pierre, der Sozialpriester, ist immer zur Stelle ist, wenn Arme und Flüchtlinge bedrängt werden. Wieder einmal wird ein Haus „gesäubert“, wie es in der Amtssprache heißt: Spekulanten vertreiben Familien mit ihren Kindern aus einem Gebäude in der Avenue René Coty; mehr als einhundert Menschen hatten das leerstehende Haus besetzt, sie wollten endlich weg von der Strasse.

Abbé Pierre ist im Jahr 1993 81 Jahre alt. Wie oft hat man schon einen Nachruf auf ihn geschrieben; wie oft glaubte er sich selbst am Ende seiner Kräfte. Aber es ist die Wut, die ihn am Leben hält, die Wut über eine Gesellschaft, in der die Armen ausgegrenzt werden und keine Lebenschancen haben.
Abbé Pierre verdankt seinen Namen dem Widerstand gegen die Nazis in  Frankreich. Seit 1941 half er unter größten Gefahren etlichen Juden, über die Alpen in die Schweiz zu flüchten. „Mein Name ist ein Deck-Name, er ist ein Symbol des Protestes“, sagt Abbé Pierre nicht ohne Stolz. Eigentlich heißt er Henri Grouès ,  am 5. August 1912 wurde er in einer „wohlsituierten“ Lyoner Familie geboren. Wut und Zorn waren nicht gerade die Tugenden, die er bei seinen Eltern lernte; mildtätige Hilfsbereitschaft war ihnen, den strengen Katholiken, am wichtigsten. Sein Vater versorgte „ehrenamtlich“ die Armen in der Nachbarschaft mit Spenden, mit Brot und Kleidung. Der Sohn, immer kränklich und vor allem sehr fromm, trat mit 18 Jahren in den Kapuzinerorden ein; das Kloster musste er kurz nach seiner Priesterweihe wieder verlassen: Er war den harten Lebensbedingungen dort gesundheitlich nicht gewachsen. Der Bischof von Grenoble übernahm ihn in sein Bistum auf. Aber der Oberhirte hatte sich geirrt, als er meinte, nun einen sanften und schwächlichen Kleriker bei sich zu haben: Der Priester schloss sich dem Widerstand gegen die Nazis an: Er konnte etliche Juden vor dem KZ bewahren.

Als Mann der Résistance wurde er von General de Gaulle im Jahr 1945 gedrängt, politische Verantwortung zu übernehmen: Als parteiloser Abgeordneter zog er ins Parlament ein.

Aber er entdeckte bald, dass konkrete Hilfe eher seine Sache ist als das endlose Debattieren im Plenarsaal und in den Ausschüssen. Zusammen mit Obdachlosen und Haftentlassenen gründete er 1951 eine Wohngemeinschaft in Neuilly-Plaisance. Die Männer begannen, Schrott zu sammeln, alte Maschinen zu reparieren und gebrauchte Kleider weiterzukaufen: So hatten sie genug zum Leben. Und die „guten Bürger“ mussten entdecken: Menschen vom Rande der Gesellschaft haben noch Energie und Phantasie, eigenständig ihr Leben zu gestalten. Unter dem Namen „Emmaus-Bewegung“ leben heute in Frankreich mehr als 100 ruppen zusammen; in allen Teilen der Welt gibt es weitere 250 Gemeinschaften mit mehr als 15.000 Bewohnern. Abbé Pierre:

O TON, Abbe Pierre,
„In der Bewegung leben Menschen, die man verzweifelt kennen könnte, zusammen mit festen Mitarbeitern, auch sie wollen nach unseren Regeln leben, die von gemeinsamer Arbeit bestimmt sind. Dabei weisen wir jede offizielle Unterstützung des Staates oder der Kirche oder einer anderen Organisation zurück. Wir haben viel Lebensfreude und auch einen gewissen Stolz. Wenn alle Mitglieder einer Gemeinschaft genug zum Leben haben, dann geben wir das restliche Geld den Armen. Wir wollen Arme sein, die noch etwas geben können, wir wollen dabei durchaus provozieren.

1.SPR.:

Die feinen Bürger in Paris, irgendwie noch religiös erzogen, erinnerten sich beim Namen Emmaus an einen biblischen Ort: Dort soll sich Jesus von Nazareth als der Auferstandene gezeigt hatte. Aber „Emmaus“ ist kein „Projekt der Kirche“; es ist religiös neutral und offen für Menschen aller Weltanschauungen. Abbe Pierre galt sofort als „der Lumpensammler-Priester“;  in den Pariser Salons war er Gesprächs-Thema Nummer eins; Frankreich hatte wieder ein leuchtendes Vorbild. Abbé Pierre nützte seine Popularität, so konnte er sich der Medien bedienen:  Am 1. Februar 1954, früh am morgen, erschreckte er 4 Millionen Radio- Hörer mit seiner Botschaft, die bis heute fast Kultcharakter hat; der ursprüngliche Appell wurde über Radio-Luxembourg verbreitet:

O TON, Abbe Pierre,.

Meine Freunde, kommt zu Hilfe. Gerade ist eine Frau gestorben. Sie ist erfroren, heute Nacht um drei Uhr, auf dem Bürgersteig des Boulevard Sebastopol. Sie hatte bei sich ein Papier, das die Vertreibung aus ihrer Wohnung dokumentierte. Jede Nacht liegen mehr als 2000 Menschen auf den Strassen, zusammengekrümmt auf dem kalten Boden, ohne Dach, ohne Brot. Es gibt zu viele Scheußlichkeiten! Notaufnahmelager sind dringender denn je. Hört mich an! In drei Stunden werden zwei Zentren der Hilfsbereitschaft errichtet, das eine in der Nähe des Panthéons, in der Rue Sainte Genéviève, das andere in Courbevoie. Überall in Frankreich und in allen Vierten von Paris muss es Hinweise und Plakate geben, wo man Unterkunft und Essen findet.

1.SPR.:
Der Hilferuf wurde gehört und ernst genommen: Reiche Bürger brachten Decken und Lebensmittel; ehemalige Fabrikhallen wurden in Notunterkünfte umgewandelt: Und vor allem: Die Politiker begannen zu handeln: Sie starteten ein groß angelegtes Programm des Sozialen Wohnungsbaus.  9.000 Sozial-Wohnungen wurden sofort gebaut.

Abbé Pierre, der Star der Armen: Er nahm Verbindung auf mit dem Urwald-Doktor Albert Schweitzer, später mit Mahatma Gandhi, mit Martin Luther King und Papst Johannes XXIII.

Abbé Pierre ist bis heute das soziale Gewissen Frankreichs, eine Art inspirierendes Symbol für alle, die sich dem Dienst an Menschen in Not verschrieben haben, wie die „Ärzte ohne Grenzen“ oder das französische „Hilfswerk gegen den Hunger in der Welt“.

Die Armen verehren ihn: René zum Beispiel, der die Strasse sein „Zuhause“ nennt. Er verdient sich ein paar Euros mit dem Verkauf von Réverbère, einer Obdachlosenzeitung in Paris:

O TON: rené

Ich habe keine regelmäßigen Einkünfte, alles wird immer schlimmer. Es ist sehr, sehr hart, so zu leben. Die Leute nehmen die Armen nicht wahr. Sie haben Angst vor ihnen. Abbé Pierre hilft viel, natürlich kann man ihn manchmal auch kritisieren. Aber seit 1954 setzt er sein ganzes Leben ein für die Armen. Er ist für mich ein Symbol. Was zählt, sind Leute die handeln, die etwas tun.

1.SPR.:
Aus der Leitung der weltweiten Emmaus – Bewegung hat sich Abbé Pierre schon in den siebziger Jahren zurückgezogen. Kompetente Sozialmanager leiten heute das Hilfswerk, das in Frankreich sogar ein eigenes Wohnungsbauprogramm auf den Weg gebracht hat für kinderreiche Familien mit bisher 8.000 Unterkünften.

Abbé Pierre lebt in einer Emmaus- Gemeinschaft, er ist mit den Armen also unmittelbar verbunden. Immer wieder meldet er sich mit Vorschlägen zu Wort: Er regte z.B. die Gründung eines Tagesaufenthaltes für obdachlose Menschen an, ein Pilotprojekt für Frankreich: Anne Daloz leitet die Agora im ersten Pariser Stadtbezirk:

O TON:

Die Tagesaufenthalte wurden geschaffen als Ergänzung zu den Übernachtungsmöglichkeiten. Es gibt ja eine ganz beachtliche Zahl von Übernachtungsstätten, da kommen die Leute abends zum Essen und zum Schlafen. Nach dem Frühstück aber müssen sie sich in der Stadt aufhalten. Diese Menschen irren den ganzen Tag durch die Stadt umher. Ihnen wollen wir zeigen, dass sie bei uns ein Zuhause für den Tag finden, nicht um sie zu behüten oder zu „betreuen“, sondern mit ihnen etwas gemeinsam zu unternehmen.

1.SPR.:
In der Pariser „Agora“ haben die Obdachlosen eine Postadresse; sie sind wieder erreichbar für ihre Freunde oder Familien; hier können sie sich waschen, in der Kleiderkammer liegen gut erhaltene Hemden und Hosen bereit; vor allem haben sie die Möglichkeit, sich langsam wieder ein geregeltes Leben zu gewöhnen. :

1.SPR.:
Seit den achtziger Jahren ist Abbé Pierre wieder ständig in den Medien präsent: Als es zu den ersten Massenentlassungen kam, als Familien ihre Mieten nicht mehr zahlen konnten und 4 Millionen Franzosen offiziell als „Arme“ eingestuft wurden, war Abbé  Pierre zur Stelle: Er regte die Gründung der „Banque alimentaire“ an, einer Sammelstelle von Lebensmitteln, die an Bedürftige weitergeleitet werden. Der Schauspieler Coluche meldete sich bei ihm: Er wollte während des Winters die Restaurants du coeur eröffnen, Suppenküchen für die Armen: Abbé Pierre unterstützte Coluche, den Schauspieler, der es wagte, mit Spott und Hohn über das Pariser Establishment herzuziehen und dabei eine Politik einklagte, die das Prädikat „sozial“ verdient. Coluche, der unnachgiebige Spötter, der Libertinist und Antiklerikale, wird zum Freund des Sozialpriesters. Als Coluche bei einem Unglück plötzlich ums Leben kam, ließ es Abbé Pierre nicht nehmen, bei der Trauerfeier das Wort zu ergreifen:

O TON: Abbé Pierre.

Hören wir wesentliche Worte, die von Jesus überliefert sind: Er sagte: Beim letzten Gericht wird eine einzige Frage gestellt: Ich hatte Hunger, ich habe geweint, ich war im Gefängnis, ich war krank, mir war so kalt. Was hast du  in dieser Situation getan?

Aber jetzt sind wir alle zusammen gestärkt, weil hier uns hier versammeln um einen Menschen, der wirklich sein Leben vorbildlich eingesetzt hat. Darum sind wir ja so zahlreich. Denn ich glaube: Sicherlich war Coluche kein Heiliger. Aber er war ein Mensch, der sein Brot geteilt hat, er hatte klare Prinzipien, er folgte dem Wort Jesu: Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.

1. SPR.:

Abbé Pierre kennt keine Berührungsängste. Wer auch immer sich an ihn wendet, wird unterstützt, vorausgesetzt, er bringt die Sache der Armen voran. Aber einmal war der alte Sozialpriester auch von Blindheit geschlagen, so etwa, als er Mitte der neunziger seinen alten Freund, den marxistischen Philosophen Roger Garaudy unterstützte: Abbé Pierre hatte nicht mitbekommen, dass aus dem linken Philosophen inzwischen nicht nur ein radikaler Islamist, sondern auch ein militanter Leugner der Naziverbrechen geworden war. Garaudy war es gelungen, den greisen Priester für seine eigene, die antisemitische Sache zu vereinnahmen: Die Öffentlichkeit war entsetzt: Abbé Pierre, der Freund der Juden, soll ein Antisemit sein? Der greise Priester entschuldigte sich für seine Naivität im Umgang mit Garaudy; die Franzosen haben sein „mea culpa“ akzeptiert und ihm den faux pas verziehen.

Die Franzosen lieben Abbé Pierre, weil er als katholischer Priester so antiklerikal ist. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich weit reichende Reformen in der katholischen Kirche wünscht. Er verstehe nicht, so sagte er, dass Papst und Bischöfe so oft von den Armen reden, aber nur selten für sie praktisch Partei ergreifen. Er kritisiert, dass immer noch einzig die Männer in der Kirche das Sagen haben; er wünscht sich weniger Pomp und Glanz und Luxus in kirchlichen Kreisen. Um einmal zu zeigen, was Menschlichkeit in einer moralisch rigiden Kirche bedeutet, engagierte er einen umstrittenen Priester als seinen Privatsekretär: Mit dem katholischen Pfarrer Jacques Perotti wollte kein Bischof etwas zu tun haben: Denn Perotti hatte sich in aller Öffentlichkeit als schwul geoutet. Abbé Pierre holte den homosexuellen Priester in sein Haus. Pater Perotti:

O TON,  Perotti:

Ich bin nicht voll in die Strukturen der Kirchen integriert; ich bin Sekretär von Abbe Pierre, und der ist unabhängig von der Kirche und befindet sich selbst eher am Rande der Kirche. Denn die Bewegung Emmaus, die er gegründet hat, ist ja nicht religiös, sondern weltlich, laizistisch. Also wegen Abbé  Pierre, so scheint es mir, lebe ich wie unter einer Art Schirm, der alle Blitze abwehrt aus dem Vatikan, aus Rom und vonseiten der Bischöfe. Abbé Pierre hat es mir erlaubt, dass ich mein Priesteramt leben kann als Vorkämpfer für die Sache der Homosexuellen. Er ist ein Mensch, der gut zuhören kann, er kann alle menschlichen Situationen verstehen. Er hat auch meinen Lebensweg gut verstanden, dass ich einen Kampf führe zur Befreiung der Homosexuellen in der Kirche. Ich habe selbst gehört, wie er mich verteidigt hat bei einer Mahlzeit, als wir mit Bischöfen zusammen an einem Tisch saßen.

1. SPR.:

Abbé Pierre zieht in diesen Tagen Bilanz: Natürlich, er hat vieles bewirkt, sein Werk Emmaus entwickelt sich gut. Aber viele Projekte sind nicht vorangekommen: So etwa sein Bemühen, der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, einen neuen, einen friedlicheren Text zu geben. Nicht vorangekommen ist seine Forderung, eine Gesellschaft zu bauen, in der die soziale Gerechtigkeit für alle (auch im Recht auf menschenwürdige Wohnung) tatsächlich gesetzlich verankert ist. Abbé Pierre steigert sich noch heute in eine Wut der Verzweiflung, wenn er sieht, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden. Und er kritisiert eine Kirche in Europa und Nordamerika, die immer noch mit ein paar Spenden dem Elend in der Dritten Welt gerecht werden will. Seine Wut bleibt, auch wenn er sich bemüht, wie ein Mystiker, in der unendlichen Liebe zu allen Wesen zu leben:

O TON, Abbe Pierre
Glauben heißt: Gott ist Liebe! Und wir Menschen sind aufgerufen zu lieben. Die Krise der Menschheit und auch die Krise der Spiritualität rührt sicher auch daher, dass den Glaubenden das Elend der anderen immer noch ziemlich gleichgültig ist.

3. Zum Zöibat

Zur Sexualität und zum Zölibat: Aus einer Radiosendung für den WDR:

Nur wenige Priester haben den Mut, über ihr eigenes Ringen mit der Keuschheit zu sprechen. Zu ihnen gehört der berühmte französische Sozialpriester Abbé Pierre, er ist im Jahr 2007 im Alter von 94 Jahren gestorben. Kurz vor seinem Tod schrieb er in dem Buch „Mein Gott, warum?“

„Mit dem Keuschheitsgelübde hatte ich in gewisser Weise das Leben eines Gefangenen. Ich bezeichne diesen Zustand als freiwillige Unfreiheit. Es kam vor, dass ich der Kraft des erotischen Verlangens nachgab. Aber ich hatte nie eine richtige Beziehung. Da ich nicht zuließ, dass sich das sexuelle Verlangen in mir verwurzelte. Dies hätte zu einer dauerhaften Beziehung mit einer Frau geführt, was jedoch mit meiner Lebensentscheidung zum Priestertum nicht vereinbar gewesen wäre.

1. SPR.:

Abbé Pierre ging so weit einzugestehen, dass er seinen Freundinnen doch nicht gerecht geworden ist: „Folglich machte ich die Frauen unglücklich und fühlte mich selbst zwischen zwei unvereinbaren Lebensentscheidungen hin und her gerissen“.

Zum Schluß möchte ich darauf hinweisen, dass der progressive Bischof Jacques Gaillot, Evreux, 1994 vom Papst abgesetzt, mit Abbé Pierre befreundet war. Er gewährte dem Bischof, 1994 plötzlich ohne Obdach,  viel Unterstützung. Die Kritik an dieser Solidarität vonseiten der Etablierten, auch der Hierarchie, war Abbé Pierre selbstverständlich völlig egal.

Der Link verweist auf einen  Beitrag (von mehreren Artikeln)  von mir zu Bischof Jacques Gaillot auf dieser website. Sie  ist vor allem den Philosophien verpflichtet, aber auch den Religionen wie der selbstverständlichen  Religionskritik aus vernünftigen Argumenten.

copyright: christian modehn, berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 



Was alle Menschen verbindet: Die „goldene Regel“

3. August 2012 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Interkultureller Dialog, Philosophenkalender

 

Was kann alle Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen vereinen? Gibt es eine gemeinsame humanistische Basis, einen „gemeinsamen Nenner“, auf dem sich alle Menschen treffen und begegnen können?

Die Goldene Regel und das Mitgefühls: Die Philosophin Karen Armstrong plädiert für eine >Charta des Mitgefühls<.

Ein Vortrag (Christian Modehn) und Aussprache. Im Kulturraum Mainzer7 in Berlin – Neukölln, Mainzer Str. 7, nahe U Bhf Hermann Platz.

Am Montag, 20.8.2012 um 19 Uhr. Herzliche Einladung!