Was ist „ein Hauch von Transzendenz“? Die Sunday assemblies, die atheistischen Gottesdienste“

„Ein Hauch von Transzendenz“: Die Sonntagsfeiern ohne Gott

Von Christian Modehn. (Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK-Forum, am 8.5.2015,  in einer etwas kürzeren Fassung.)

In den Song „99 Luftballons“ stimmt die Gemeinde voller Inbrunst ein: Mit diesem (etwas angestaubten) „Hit“ der achtziger Jahre wird die „Sunday Assembly“ in Berlin eröffnet. 60 TeilnehmerInnen, auch jüngere Menschen, sind zusammen gekommen, interessiert, in dieser Gruppe „das Leben zu feiern“, wie es im Programm heißt. Die meisten nennen sich „nicht-religiös“ oder „konfessionslos“. Aber sie brauchen – wie die Frommen – das Gemeinschaftserlebnis, das „zwecklose Miteinander“, eine Art Sonntagsgottesdienst ohne Gott, zur ausgeschlafenen Zeit, um 14 Uhr.

Zu Beginn erheben sich alle von ihren Plätzen. Einige strecken enthusiastisch ihre Arme in die Höhe, dankbar, dass man hier gemeinsam singen darf. Wie in einer Kirche blicken alle nach vorn. Dort befinden sich weder Altar noch Kerzen oder Bilder, sondern nur ein Tisch, ohne Decke, ohne Blumen sowie ein Pult mit dem Mikro. Von hier aus werden die Ansprachen gehalten, heute über den „Weg der weißen Wolken“ und „Die Reise des Helden“. Die Vorträge werden wie in einer liturgischen Ordnung von Songs umrahmt, dafür tut eine Vorsängerin ihr Bestes.

Wir befinden uns in dem schlichten Sitzungssaal des „Akademischen Verein Hütte“ in Charlottenburg. Hier hat die „Sonntagsversammlung Berlin“ – zur Miete – Unterschlupf gefunden. Sie ist eine Filiale der inzwischen weltweiten Bewegung der „Sunday Assemblies“: Von London aus gesteuert, werden sie in 86 Städten angeboten. Auf dem Flyer der Londoner Zentrale werden die für alle Assemblies gültigen „atheistischen Glaubensprinzipien“ formuliert. Man will „keine Doktrin verbreiten“ und auf „kämpferischen Atheismus“ verzichten, um offen „für alle“ zu sein. Aber sind die „Prinzipien“ kohärent? „Wir glauben nicht an Übernatürliches“. Trotzdem soll auch „ein Hauch von Transzendenz“ in den Alltag wehen“.

Wo kommt dieser „Hauch“ von Transzendenz zum Wehen, fragt sich der Besucher angesichts der vielen bloß gut gemeinten, meist englischen Songs und der eher nüchternen (Volkshochschul-)Vorträge. In der Feierstunde selbst findet die „Pflege der Gemeinschaft“ kaum statt. Das Gespräch etwa mit den Sitznachbarn ist kurz und knapp. Die Teilnehmer dürfen auch nicht spontan zum Mikro gehen. Wie in der Kirche bestimmen einzig die „Liturgen“ das Geschehen. Muss eine Lebensfeier also reglementiert sein?

Schließlich wird auch die Kollekte eingesammelt. Denn die Gemeinde arbeitet ehrenamtlich, erhält von der offenbar finanziell gut ausgestatteten Londoner Zentrale keine Zuschüsse. In den „Vermeldungen“ wird auf weitere Veranstaltungen hingewiesen, etwa einen philosophischen Gesprächskreis und eine Meditationsrunde.

Nach der Feierstunde bleiben einige im Nebenraum bei Kaffee und Kuchen beisammen. Etliche Teilnehmer betonen, unbedingt diese Gemeinschaft zu brauchen und eine gewisse Feierlichkeit außerhalb der Kirchen erleben zu wollen. Einige finden das Motto der Assemblies hübsch: „Lebe besser, hilf öfter, staune mehr“. Was diese Prinzipien im Berliner Alltag bedeuten, wird nicht erläutert. Was nützen sie den Obdachlosen oder den Flüchtlingen?

Um die Organisation kümmert sich in Berlin die Autorin Sue Schwerin von Kroswig. Sie hatte sogar zur „Wintersonnenwende“ eine eigene Veranstaltung vorbereitet. Im Katholizismus groß geworden, hat sie, wie sie sagt, für Rituelles eine gewisse Sensibilität. Von daher wird die Vorliebe für ein rituelles Gerüst, aus der katholischen Messe bekannt, verständlich.

Im September 2014 fanden in Berlin die ersten nicht-religiösen Feierstunden statt; auch in Hamburg ist man erfolgreich. „Wir stehen finanziell ganz gut da“, berichtet der dortige Leiter Rainer Sax. Über seine Gemeinde sagt er: „Unter den Nichtreligiösen sind erstaunlich viele Esoteriker. Wir wissen noch nicht so recht, wie wir damit umgehen“. Wie weit sind rituelle Erweiterungen im Angebot dieser „Gottlosen Kirche“ möglich? Wird es Namensfeiern geben, die den christlichen Taufen nachempfunden sind? Oder Hochzeitsfeiern? In dem Bereich haben die Humanisten schon ihre rituellen Angebote. Der „Humanistische Verband Deutschland“ steht den assemblies wohlwollend, aber nicht gerade enthusiastisch gegenüber.

Die assemblies wurden in London im Januar 2013 von beiden Komikern Sanderson Jones und Pippa Evans gegründet. Jones hat eine schlichte Antwort auf die Frage, nach der inhaltlichen Konzeption: „Wir haben uns die besten Elemente einer Kirche genommen, und lassen Gott einfach weg“. „Aber das ist doch so, als könne man eine Oper aufführen, und die Arien einfach weglassen oder zum Steak Essen einladen und aufs Fleisch verzichten“, sagt ein kritischer Beobachter schmunzelnd, „aber einigen gefällt das“.

Selbst in den so christlichen Vereinigten Staaten kommt die Assembly Idee gut an. Dort gibt es aber die ersten Abspaltungen vom „Mutterhaus“ in London: Viele Gottlose dort sind nicht bereit, den offenbar universal vorgeschriebenen Weisungen des Gründer-Pärchens zu folgen.

Werden die assemblies trotz ihrer doch eher oberflächlichen Botschaft bzw Inhalte und trotz ihrer doch äußerst bescheidenen „Riten“ erfolgreich sein? Die Sehnsucht nach Kontakten ist wohl so groß, dass sich viele Menschen zumal in den Großstädten auf diese unverbindlichen Feiern einlassen werden. Für theologisch und philosophisch Interessierte bleibt die Frage: Ist dies wirklich eine auf der Höhe der Reflexion sich bewegende „atheistische“ Botschaft? Wird über die permanente Verklammerung von Theismus und Atheismus überhaupt nachgedacht, so dass eigentlich Atheismus nur die andere Seite des Theismus ist, also „heillos“ mit diesem verbunden bleibt. Gäbe es denn eine Position jenseits von Theismus UND Atheismus? Wäre dies nicht ein dringendes Thema auch für die assemblies? Oder ist dieses Thema vielleicht zu anspruchsvoll? Es führt in die Mystik, in eine Ebene des Unanschaulichen, des Geheimnisses (das, allen philosophischen Laien sei dies gesagt, selbstredend etwas ganz anderes ist als das Rätsel). Anders gesagt: Müssen diese assemblies so intellektuell bescheiden, so anspruchslos, volkshochschulmäßig bleiben? Das frage ich als Theist, der den Theismus auf eine höhere, mystische Ebene, wenn man so will, überwinden will.

Die andere Frage ist: Warum haben die assembly Teilnehmer keinerlei Erwartungen mehr an die Kirchen? Sollten die Kirche nicht interessiert sein, Näheres von diesen Menschen zu erfahren? Und die Kirchen? Sollten sie sich nicht herausgefordert sehen, endlich zur Gemeinschaft für alle zu werden und jeden Menschen in der Gemeinde, in jeder Gemeinde, vorbehaltlos zu akzeptieren, auch im Gottesdienst, und selbstverständlich auch beim Abendmahl. Sind die Chrisen etwa die verfügenden „Herren“ des Abendmahls? Die Kirchen sollten sich bemühen, eine von jeglicher esoterischer Sondersprache befreite, also eine möglichst vielen verständliche Sprache zu sprechen. Dann könnten sie auch neu Gottesdienste feiern, warum sollten die nicht „Feiern des Lebens“ heißen? Eine neue „liberale Theologie“ könnte dabei hilfreich sein.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

Jede Religion ist esoterisch. Über die Rolle Vernunft bei esoterischen Lebensweisen

Jede Religion ist esoterisch

Oder: Warum private Überzeugungen übersetzt werden sollten und das Esoterische das Exoterische braucht

Hinweise von Christian Modehn

In unserem religionsphilosophischen Salon am 24.4. 2015 hatten wir uns ein recht umfangreiches Thema vorgenommen. Es ist zudem sehr komplex. Aber es ist ein notwendiges Thema, auch für eine „philosophische Lebensgestaltung“. Und die liebt bekanntlich nicht den Nebel des Ungefähren und Verschwommenen, des Mutmaßlichen und Rätselhaften, sondern eben Klarheit, so weit sie möglich ist.

Jeder/jede hat seine persönliche „Lebensphilosophie“ mit einem Mittelpunkt/Zentrum allen persönlichen Interesses. Diese eigene, Lebensphilosophie enthält oft esoterische Elemente und Inhalte. Aber sie sollte, wenn sie kommuniziert wird, in exoterischer Sprache, also in allgemeinen Vernunftbegriffen, ausgesprochen werden. Nur so verstehen die anderen, was ich (oder mein Freundeskreis) tatsächlich „präzise“ meine und wichtig finde. Ein bloßes Wiederholen meiner esoterischen Begriffe fördert kein wechselseitiges Verstehen und steht einer vernünftigen Gestaltung von Welt und Gesellschaft im Wege: Was nützt es, wenn jemand behauptet, ein Engel hätte ihm befohlen, dieses oder jenes gesellschaftlich zu tun? Oder gar ein Gott hätte es ihm einflüstert, also offenbart.

„Esoterisch“ bezieht sich auf das griechische Wort ἐσωτερικός, esōterikós, also innerlich‘, dem inneren Bereich zugehörig‘.Und mit diesem inneren Bereich, unserer privaten „Welt“ und mit unserer inneren Sprache haben wir immer zu tun. Diese innere Welt kann sich dann ausweiten zu einem großen Gebäude von Weltanschauungen usw. ein religiöser Mensch kann so tief die Sprache seiner Religion übernehmen, dass er alle Weltdeutung in dieser Sprache vollzieht. Das aber führt letztlich zu einer sektenhaften Abgeschlossenheit des eigenen Daseins.

Man könnte eigentlich annehmen, Esoterik spiele in der „total technisierten“ Gegenwart keine Rolle (mehr). Der Soziologe Max Weber sprach von der Entzauberung der Welt und meinte, „dass es prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da (in die Welt CM) hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt“. (Max Weber, Wissenschaft als Beruf, München 1919). Heute jedoch gilt: Je mehr die Entzauberung der Welt als das Vertreiben des Numinosen um sich greift, um so stärker werden die Interessen an Wahrsagerei, Magie, Astrologie, new-age-Praktiken wie „Rückführungen“ usw. Es fällt den meisten Menschen in Europa schwer, ausschließlich in einer verstandesmäßig organisierten Welt zu leben. Sie meinen, der Verstand sei zu nüchtern, zu kalt, lasse die Gefühle unbefriedigt etc. Es müsste – gut hegelisch – der Unterschied zwischen Verstand und Vernunft herausgearbeitet werden. Vernunft ist das Umfassendere, Gründende, Verstand eher das technisch-praktische Organisieren: Aber ist die „innere“ Qualität der Vernunft tatsächlich „kalt“? Ist nicht das Gegebensein der Vernunft selbst schon etwas Erstaunliches? Führt Vernunft, tief genug reflektiert, nicht auch in eine „vernünftige innere Welt“? Aber für solche Reflexionen braucht man Zeit und Stille. Und die wollen nur wenige Menschen. Deswegen greifen sie schnell auf das große Warenangebot des kommerziell vorgefertigten Esoterischen zurück, um etwa abends, nach dem Stress, in eine andere (verklärte?) Welt einzutreten. Viele meinen, Esoterisches sei a priori heilsam, also der Gesundheit dienlich, möglichst auch als Melange mehrerer esoterischer Traditionen. Weil die Schulmedizin oft als kalt und inkompetent erlebt wird, erhofft man sich Heilung aus dem Gegenteil, der Esoterik. Diese hat nur deswegen einen so großen Zuspruch, weil das Gesundsein (und das lange Leben) unter allen nur denkbaren Werten im Westen an oberster Stelle steht. Deswegen zählt eine Religion, die nicht unmittelbar gesund macht, auch nur noch recht wenig…

In jedem Fall muss philosophisch die Vernunft in ihrer Tiefe auch als „Gabe“ verstanden verteidigt werden, sie ist mehr als eine kalte Form von Technik und „Gebrauchsanweisungen“. Die Reflexion auf die Vernunft selbst, auf ihren Grund, kann doch Erschütterungen und starke „innere“ Wahrnehmungen auslösen. As muss später weiter vertieft werden!

Viele Esoteriker waren zuvor Naturwissenschaftler, wie etwa der Kirchengründer und „Seher“ Emanuel Swedenborg. Ihm reichte die rationale Welt nicht, er erlebte das subjektive Wunder, Wunderbares zu sehen. Er hatte Gespräche mit Engeln und Geistern, die er nach seiner eigenen Aussage tatsächlich erlebte. Ihm war bewusst, dass er damit auf viel Unverständnis stoßen würde: „Ich sehe voraus, dass viele, welche das hier Folgende und die Denkwürdigkeiten hinter den Kapiteln lesen, dieselben für Erfindungen der Phantasie halten werden; allein ich versichere in Wahrheit, dass sie keine Erfindungen, sondern wirklich Geschehenes und Gesehenes sind. Gesehen nicht in irgendeinem Betäubungszustande des Gemüths, sondern im Zustande des völligen Wachens.“

Das ist dann ein durchgehendes Argument aller Esoteriker: Es ist sozusagen ihr Standard-Argument gegenüber den Exoterikern, dass sie an das Vertrauen der Leser appellieren. „Glaubt es bitte, denn ich bin es, der es euch sagt“. Tatsächlich geben sich viele mit solchen autoritären Vertrauens-Appellen zufrieden und folgen blind dem „Meister“. Welchen Stellenwert kann/darf also Esoterisches in meinem Leben spielen? Darf sie die prägende geistige Kraft sein? Etwa die Astrologie: Richte ich mich nach den Sternen oder denke ich noch selber über meine eigenen Entscheidungen?

Esoterik hat im religiösen Bereich stets einen kritischen Aspekt, sie ist Kritik an veräußerlichter, dogmatischer Religion. Von den dogmatischen, religiösen Führern wird sie deswegen kritisiert, oft verfolgt. Wahrscheinlich ist Friedrich Hölderlins Leben und Werk nur in dem Zusammenhang zu verstehen: Er litt unter dem rigiden Kirchenregiment in Tübingen, wandte sich der griechischen Welt zu und entdeckte -verehrend- die Mythen des klassischen Griechenlands als eine neue, bessere, tiefere religiöse Welt.

Die Beziehung „Mythen und Esoterik“ wäre weiter zu vertiefen…

Oft verfolgen auch Esoteriker, im Glauben, absolut die Wahrheit zu haben, jene Wissenschaftler, die das Esoterisch-Fromme ins Exoterische übersetzen wollen. Dafür gilt es tausende von Beispielen, man denke etwa an den Religionshistoriker Ernest Renan im 19. Jahrhundert: Er wurde massiv beleidigt und bedroht, weil er ein historisches, und nicht bloß ein frommes erbauliches und wunderbares Jesus Bild beschrieben hatte. Man denke an den Widerstand vieler muslimischer Kreise, wenn der Koran als ein literarischer Text behandelt wird und historisch-kritisch ausgelegt wird und die Frage gestellt wird: Kann denn Gott als Gott sich in einem einzigen Buch sozusagen „begrenzen“ lassen. Man denke an die Ausschluss-Verfahren des Vatikans gegen Hans Küngs Neuinterpretation zur „Unfehlbarkeit des Papstes“…

Wir begegnen dem Esoterischen auch in der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft: Etwa das Glaubens-Dogma von Madame Thatcher: „Es gibt zum Neoliberalismus keine Alternative“: Das erinnert an die ebenso esoterische These von der allein selig machenden Kirche. Politische, ideologische Propaganda ist esoterisches Blendwerk, etwa das Buch Hitlers oder die antisemitischen Kampfschriften (Die Weisen von Zions) usw. Auch die heftige Polemik gegen die Feimaurer hat oft ihre Wurzeln in biblischen Bücher, etwa der Apokalypse des Johannes, dies ist ein ein hochkomplexer Text, der von Frommen wie ein Zeitungsbericht gelesen wird und entsprechend politisch umgesetzt wird.

Entscheidend ist die Erkenntnis: Jede Religion ist esoterisch, selbstverständlich auch die christliche ist esoterisch, denn sie basiert auf Schriften, in denen fromme Menschen von einst ihre eigenen frommen Überzeugungen unmittelbar darstellen: Nur einige Beispiele zur esoterischen christlichen, kirchlichen „Lehre“: „Gott ist dreifaltig“, „ Jesus wurde von einer Jungfrau geboren“, „Maria ist die Himmelskönigin“. „Jesus starb für unsere Sünden am Kreuz und erlöste uns durch seinen Tod“, „Der Papst ist der Stellvertreter Christi auf Erden“ usw. Jesus von Nazareth hat, soweit wir das histroisch rekonstruieren können, hat nur gelegentlich esoterisch gesprochen, etwa im Zusammenhang des bevorstehenden Reiches Gottes usw. Aber seine ethischen Weisungen (Nächstenliebe) sind so allgemein vernünftig einsichtig, dass sie nichts esoterisches haben. Die spätere Kirchenlehre hat aus Jesu Überlieferung ein hoch komplexes esoterisches Lehrsystem gemacht. Alle diese dogmatischen oder bloß volkstümlichen Überzeugungen (etwa das Antlitz Christi in Turin usw.) erschließen sich nicht einem vernünftigen Verstehen. Sie sind nichts als Ausdruck – durchaus subjektiv legitimer- persönlicher Glaubensüberzeugungen einer Gemeinschaft.

Der Unterschied zwischen kleineren und größeren esoterischen Religionen bzw. Kirchen ist entscheidend: Größere Religionen mit vielen Millionen Mitgliedern neigen dazu, im Rahmen der Theologie argumentativ von ihren esoterischen Grundüberzeugungen Brücken zu bauen ins Exoterische, also Vernünftige und allgemein Kommunizierbare. Wobei dann Gott nicht bewiesen werden kann, aber es kann gezeigt werden, dass es nicht unvernünftig ist, an eine transzendente „Wirklichkeit“ zu glauben. Hingegen schließen sich die kleinen esoterischen Glaubensgemeinschaften, etwa die Zeugen Jehovas oder die Christliche Wissenschaft oder die Heiligen der Letzten Tage, völlig von vernünftigen Argumenten ab. Sie kennen nicht die Spur eines Versuchs, allgemein vernünftig argumentierend ihre Lehre darzustellen. Deswegen sind diese Kreise auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und ihrer Diskurse nicht präsent. Und sie wollen das selbst auch gar nicht. Die christlichen Kirchen etwa in Deutschland genießen gesellschaftlich ein so hohes Ansehen, dass sie – obwohl auch ihre Lehren esoterisch sind – in exoterische Kreise, wie etwa in den Ethik Rat usw. berufen werden. Die Theologie der großen christlichen Kirchen ist, abgesehen von den historischen Fächern, eigentlich eine Interpretation esoterischer Lehren. Oft, wie im Katholizismus, steuern die Meister der esoterischen Lehren, etwa die Bischöfe, dann noch die theologische Forschung. Katholische Esoteriker bestimmen also die esoterische dogmatische Deutung. Sie sagen: „Der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus“ (und nicht bloß vom Vater, wie die Orthodoxen glauben). Schon dieses zentrale trinitarische Thema zeigt, wie tief esoterisch die christlichen Lehren sind, die noch heute in diesen Worten im Glaubensbekenntnis an jedem Sonntag nachgesprochen werden von der aufgeklärten (?) Gemeinde…

Ein eignes Thema ist der Unterschied zwischen Mystik und Esoterischem. Allgemein könnte man in einer ersten Annäherung sagen: Der christliche Mystiker spricht von seinem inneren und eigenen Glauben; er will an dem Glauben zwar festhalten, kann sich aber nicht mehr der gängigen Begriffe der herrschenden Theologie und Kirche bedienen. Er bevorzugt die negative Theologie, das Nein zu dogmatischen Sätzen, er will sie tiefer verstehen. Während der ursprünglich noch aus dem dogmatischen Christentum stammende, aber ihm entwachsende Esoteriker meist eine Überfülle positiver Inhalte und Weisungen verbreitet. Man denke an die katholische Esoterikerin Gabriele Bitterlich, die Seherin und Begründerin des offiziell-katholischen Engelwerkes und des offiziellen „Kreuzordens“: Sie hat, über den Daumen gepeilt, ca. 150 verschiedene Engel namentlich gesehen und nennen können. Esoteriker zeichnen sich dadurch aus, dass sie enorm viel vom Himmlischen zu wissen behaupten. Dass das tiefe Lebensgeheimnis inhaltlich kaum in Worte zu fassen ist, wie die seriösen Philosophen sagen, vgl. Karl Jaspers, können Esoteriker nicht ertragen: Sie erdrücken die Menschheit mit einer stetig wachsenden Masse an Ahnungen, Offenbarungen, Einsichten usw. Esoteriker passen insofern gut in die „Überfluß-Gesellschaft“. Sie sind deren ideologischer Ausdruck. Mit dieser Masse an Esoterik-Lehren können die Meister immer noch viel Geld, sehr viel Geld verdienen. Wie sagte Kant so schön: „Wir leben noch nicht in einer aufgeklärten Welt“…

FORTSETZUNG folgt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Deutschland ist ein Land der Oligarchen“. Wenn die Philosophie „die Zeit in Gedanken“ fasst

„Deutschland und seine Oligarchen“. Wenn die Philosophie „die Zeit in Gedanken“ fasst

Hinweise für eine kritische Theorie

Von Christian Modehn

“Die Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst.“ Diesen umfassenden Anspruch formuliert Hegel in der Vorrede zu seiner „Rechtsphilosophie“. Die meisten Philosophen heute sind bescheidener geworden, wenn sie nicht bloß noch großzügig über die Formulierung Hegels schmunzeln und sich emsig ihren kleinteiligen historischen Erörterungen widmen oder formal-logischen Analysen zuwenden.

Natürlich kann Philosophie heute nicht den Gesamt-Überblick über „die Zeit, also die Gegenwart“ haben und mit der Vernunft konfrontieren und in Begriffen fassen. Bestenfalls ist das als Teamwork möglich, mit Soziologen, Psychologen, Humanwissenschaftlern, Künstlern usw.

Aber Philosophie, die als Weisheit (wie der Name „sophia“ ja wohl sagt) gelten will, und das wollen ja noch einige Philosophen, kann niemals auf eine grundlegende kritische Analyse der Gegenwart verzichten und so Orientierung bieten. Das gelingt der Philosophie nur, wenn sie die Wirklichkeit wahrnimmt, also auch die empirische Wirklichkeit der Gesellschaften, der Staaten, der Religionen und Kirchen, der Kulturen und „Kulturbetriebe“ (Adorno).

Eine kritische Philosophie unserer Zeit muss also Fakten wahrnehmen, erst dann kann sie „spekulieren“.

Der angesehene kritische Recherchen-Journalist Harald Schumann (Der Tagesspiegel) bietet dazu einen guten Einstieg, er liefert wichtige Fakten, die allzu gern verdrängt werden: „Deutschland hat nämlich auch seine Oligarchen“. Aller Hochmut der Deutschen, eine halbwegs perfekte Demokratie zu sein, in der es fast allen doch so blendend gut geht und es so wenige Arbeitslose etc. gibt, weswegen man sich ja abschotten muss, ist angesichts dieser Oligarchen eher naiv. Denn deutlich ist, für jeden, der es wahnehmen will: Dieser Staat bevorzugt seine Oligarchen, liebt sie über alles.

Darauf weist Harald Schumann hin: Er wählt als Ausgangspunkt zu seinem „Oligarchen-Artikel“ im „Tagesspiegel“ (30. April 2015, Seite 8) die Abwehr weitester Wirtschaftskreise gegen die „Anpassung der Erbschaftssteuer an das Grundgesetz“ (Schumann): Nur so viel: Peer Steinbrück, ein Sozialdemokrat, ließ 2009 „das Geldadelsprivileg wiederherstellen. Seitdem müssen die Erben von Unternehmen keine Steuern auf ihr Erbe zahlen, wenn sie die Firma ein paar Jahre behalten“ (Schumann). Durch diese Steuergeschenke der Regierung an die Reichen werden Milliardenkonzerne von der Erbschaftssteuer befreit, das bedeutet: „Jährlich entgehen dem Fiskus zehn Milliarden Euro“. Das ist, rebellisch formuliert, der „Knaller“, der eigentlich jeden Leser, jede Leserin, aufschrecken müsste aus dem Dämmerzustand vor dem Fernseher: Denn diese den Reichen geschenkte Summe „ist so viel, wie Deutschlands Kommunen bräuchten, um den Verfall ihrer Infrastruktur aufzuhalten“, schreibt der Recherche-Journalist Harald Schumann. .

Deutschland ist darüber dabei, immer mehr zu einer Gesellschaft der getrennten Klassen zu werden. Das ist philosophisch hoch interessant, wird doch die Klassenanalyse, weil von Marx inspiriert, von vielen längst als Schrott angesehen. Das ist natürlich absolut falsch, selbst wenn reaktionäre Kräfte immer noch wie im Kalten Krieg einst drohen: Klassenanalyse ist Kommunismus. Was natürlich falsch ist, das hat schon der kluge Jesuit Oswald von Nell-Breuning ausführlich gezeigt: Klassenanalyse gehört sich in jeder ernst zunehmenden Gesellschaft (und Kirche).

Zurück zu Harald Schumanns Beitrag: Er erinnert daran, dass das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) schätzt, dass 0,1 % (in Worten Null Komma ein Prozent) der Deutschen bereits heute 15 Prozent aller Vermögen besitzen. Das ist auch eine Konsequenz der ungerechten, klassen spaltenden Erbschaftssteuer. „Die Folge ist“, so Schumann, „dass sich immer mehr Macht in den Händen dieser Geldelite konzentriere, mahnte jüngst auch der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugmann“.

Philosophen werden sich also vermehrt mit dem Thema Klassengesellschaft in Europa, vor allem in Deutschland befassen, wenn sie wieder anfangen, „die Zeit in Gedanken zu fassen“. Sie werden sich mit der Auswirkung dieser Klassenspaltung befassen im Blick auf die Mentalitäten und Wertvorstellungen, sie werden fragen: Was sind eigentlich Reformen, die den Name verdienen. Sie werden mit den so genannten Eliten die Frage erörtern, wie kann man ethisches Handeln, das den Namen verdient, bei den Oligarchen wiedergewinnen? „Allein die neunzig reichsten Unternehmer FAMILIEN (also die Quandts, Henkels, Haniels, Porsches usw.) halten ein Vermögen von 320 Milliarden Euro, ermittelten die Forscher der Universität St. Gallen. Und Harald Schumann schreibt treffend: „Dies ist ein Phänomen, das in Griechenland oder Russland gern Oligarchie genannt wird“. Oligarchien und Bananenrepubliken sind – für Deutsche – immer die anderen Länder….

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ohne Pressefreiheit (Meinungsfreiheit) gibt es keine Freiheit: Mit einem Hinweis auf ERITREA

Ohne Pressefreiheit (Meinungsfreiheit) gibt es überhaupt keine Freiheit

Der 3. Mai: Der Internationale Tag der Pressefreiheit

Von Christian Modehn

Gott sei Dank gibt es „Internationale Tage“. Sie sind Gedenktage, also Tage zum Innehalten und bohrend-fragender Kritik. Sie sind inspirierend für sehr viele hoffentlich, selbst wenn wir heute förmlich umzingelt werden von diesen „besonderen Tagen“ (der „Welttag der Philosophie“ ist ein bleibend großer Internationaler Tag, immer der 3. Donnerstag im November, 2015 also der 19. November).

Auch der „Internationale Tag der Pressefreiheit“ am 3. Mai ist von elementarer Bedeutung: Weil es wahrzunehmen gilt in kritischer Abwägung, dass es ohne Meinungsfreiheit, die sich etwa in der Pressefreiheit ausdrückt, keinerlei andere Freiheit gibt; es sei denn die Gedankenfreiheit, die selbst dem Widerstandskämpfer noch in seiner Todeszelle als geistiger Wert von keinem Henker genommen werden kann. Aber Gedankenfreiheit strebt von sich aus nach Austausch, nach Dialog, als Meinungsaustausch… Alle diese vielen Diktaturen und Scheindiktaturen dieser Welt hassen die Meinungsfreiheit und die damit eng verbundene Pressefreiheit. Wer frei seine Meinung äußert, könnte ja die korrupten Regime in ihrer Brutalität kippen wollen. Zu der philosophisch-grundlegenden Erwägung „Ohne Meinungsfreiheit auch keine Religionsfreiheit“ klicken Sie bitte zur weiteren Vertiefung hier.

Die “Reporter ohne Grenzen“ haben 2015 erneut einen Index zur Situation der Pressefreiheit veröffentlicht. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Unter den 180 hinsichtlich der Pressefreiheit bewerteten Länder steht an allerletzter Stelle, nach Syrien, Turkmenistan und Nord-Korea der afrikanische Staat ERITREA.

„Reporter ohne Grenzen“ kommentiert die Lage der Pressefreiheit in dem Land, das am „Horn von Afrika“ direkt Jemen gegenüberliegt:

„In Eritrea sind seit 2001 alle privaten Medien verboten, seit 2010 sind auch keine ausländischen Korrespondenten mehr im Land. Die staatlichen Medien unterliegen der Vorabzensur und werden scharf überwacht. Dutzende Journalisten wurden wegen ihrer Arbeit verhaftet. Viele sitzen ohne Urteil, Kontakt zu Anwälten oder Familien seit Jahren im Gefängnis; sie werden gefoltert, die Haftbedingungen sind lebensbedrohlich. Mehrere Journalisten sind in Haft umgekommen. Viele Journalisten sind ins Ausland geflohen, wo die eritreischen Behörden sie oft weiter drangsalieren. Das Internet wird umfassend überwacht und zensiert“. (Der Beleg findet sich, hier, bitte klicken.

Zum ersten Mal liegt jetzt in deutscher Sprache ein recht umfangreicher Sammelband über das hierzulande bestenfalls dem Namen nach bekannte ERITREA vor. Dieses Buch dokumentiert auch die Situation der Presse in dieser brutalen und fast völlig abgeschotteten Diktatur. 1993 wurde das Land unabhängig, nach einem dreijährigen Krieg gegen Äthiopien.

Amnesty International berichtet, das in diesem „freien Land“ seit Jahren Tausende gefoltert und misshandelt werden, dass viele Bewohner des Landes zu Zwangsarbeit verpflichtet werden, dass Sklaverei noch fortbesteht, dass Eritrea das fünftärmste Land der Welt ist… und: Dass es keine noch so geringe Form von Pressefreiheit gibt. Das Buch „Eritrea. Von der Befreiung zur Unterdrückung“ berichtet auf den Seiten 79 bis 87 vor allem über das Schicksal des schwedisch-eritreischen Publizisten Dawit Isaak: Er sitzt seit 2001 in einem Gefängnis in Eritrea, Genaues weiß man nicht, die Regierung verweigert jegliche Auskunft zum Zustand seines qualvollen Lebens in Einzelhaft. Es sind vor allem schwedische Institutionen, die sich um die Befreiung ihres Landsmanns kümmern: Dawit Isaak, geboren 1964, war 1987 nach Schweden geflohen, dort nahm er 1992 die Staatsbürgerschaft an. Er kehrte aber 1993 nach Eritrea zurück, in der Hoffnung, dort als Journalist den demokratischen Aufbau des Landes zu unterstützen. Am 23. September 2001 wurde Dawid Isaak zusammen mit 10 anderen Journalisten und 11 Reformpolitikern festgenommen. Die schwedische Initiative hat diese website: www.freedawid.com. In dem Beitrag des schwedischen Journalisten Björn Tunbäck über seinen eritreischen Kollegen heißt es: „Was 2001 geschah, passierte nur, weil es einen machthungrigen Präsidenten und seinen engsten Kreis gab. Sie zerschmetterten die Pressefreiheit. Sie zerschlugen die öffentliche Debatte. Sie stoppten alle Entwicklungen in Richtung Demokratie. Die Herrscher in der Hauptstadt Asmara und das Regime sind verantwortlich für all die vielen Tausend Eriteer, die aus ihrem Land fliehen…“ (S. 83)

Seit der Unabhängigkeit Eritreas ist Isaias Afewerki der Staatspräsident, er diktiert die Politik, er ist für die Knechtung der Bevölkerung verantwortlich. „Mit Indoktrinierung und Gehirnwäsche-Methoden versucht man politischen Einfluss auszuüben. Schon unliebsame Fragen werden mit Prügel, Folter und ausgedehnter Haft hart bestraft. Mädchen sind, wie berichtet wird, sexueller Gewalt und Vergewaltigung durch Offiziere ausgesetzt. Trotz dieser Verletzungen elementarer Menschenrechte macht es westlichen Unternehmern nichts aus, wie dem kanadischen Bergbau Unternehmen NEVSUN ein Joint Venture mit dem Regime abzuschließen, um die Vorkommen von Gold, Silber, Kupfer und Zink auszubeuten.. Sonst sind Ausländer unerwünscht: Konsularische Betreuung von Bürgern anderer Staaten ist keineswegs gesichert. Deswegen rät das Deutsche Außenministerium von jeglichem Besuch in Eritrea dringend ab, falls man denn über ins Land kommt.

Wer es nur irgendwie ermöglichen kann, flieht aus diesem Regime: 357.406 eritreische Flüchtlinge hat das UN Flüchtlingswerk gezählt. Etwa 5 Prozent der Bevölkerung sind angesichts unerträglicher Zustände aus ihrer Heimat geflohen. Viele gehören zu den Bootsflüchtlingen, und einige hundert sind im Mittelmeer bei der Flucht umgekommen. 14.000 Eritereer haben in Deutschland um Asyl gebeten. Thomas Scheen berichtet in der FAZ vom 22. 4. 2015: „In Israel sollen sich gegenwärtig 40.000 eritreische Staatsbürger aufhalten, im benachbarten Äthiopien sollen es 87.000 sein. Selbst in einem so schlecht beleumundeten Land wie Sudan muss das Leben freier sein als zu Hause, sonst wären nicht 125.000 Eritreer dorthin geflohen“. Etwa 14.000 Eritereer haben in Deutschland um Asyl gebeten. Werden die Behörden sie in ihre „Heimat“ zurückschicken, „weil sie ja dort eigentlich nicht lebensgefährlich bedroht sind“?

Wir empfehlen dringend das Buch „Eritrea. Von der Befreiung zur Unterdrückung“.

Das Buch wurde von Katja Dorothea Buck und Mirjam van Reisen herausgegeben. Es ist im April 2015 erschienen, und zwar im Verlag des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland. Das Buch kann kostenfrei bestellt werden, es ist also bestens einsetzbar in Gruppen, die sich mit der Pressefreiheit oder den Menschenrechten in einer afrikanischen Diktatur auseinandersetzen wollen! Und etwas erfahren wollen über die Mitbürger, die als eritreische Flüchtlinge – kaum sichtbar – unter uns leben!

Bestellungen bitte an: Evangelisches Missionswerk in Deutschland: Normannenweg 17-21, D-20537 Hamburg Oder: http://www.emw-d.de/

Über eine Spende für das Buch freut sich das Missionswerk sehr.

PD: Für alle, die vielleicht über den Begriff „Missionswerk“ irritiert sind: Bei diesem Buch über Eritrea handelt es sich, das wurde ja wohl schon deutlich, um keine „Kirchenwebung“, sondern einen Reader kompetenter Autoren und Wissenschaftler!

Ein kleiner Nachtrag: In der Liste der „Reporter ohne Grenzen“ über den Zustand der Pressefreiheit in allen Staaten dieser Erde wird der Staat „Vatikanstadt“ nicht erwähnt, das wundert uns ein bißchen;  gibt es doch dort die bewährte Tageszeitung „Osservatore Romano“ und Radio Vatikan sowie „TV Vatikan“ und Presse-Agenturen etc. Könnte man nicht 2016 auch den Zustand der Pressefreiheit im Vatikanstaat bewerten? Könnte doch interessant sein…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Die liberale Theologie lebt. Literarische Zeugnisse für eine neue religiöse Perspektive

Die liberale Theologie lebt. Zeugnisse aus Kunst, Musik, Literatur, Film … für eine neue religiöse Perspektive

Von Christian Modehn

Zu diesem Artikel, der hoffentlich bald umfangreich wird und Diskussionen fördert, aber immer Essay bleibt, wurde ich angeregt ausgerechnet von dem obersten römischen dogmatischen Glaubenswächter Kardinal Gerhard Ludwig Müller (zuvor Erzbischof von Regensburg und bleibender Ratzinger-Getreuer): Er hat in der katholischen Tageszeitung „Deutsche Tagespost“ einfach verkündet: „Die Lebenswirklichkeit ist keine Offenbarungsquelle“, so in einem Interview vom 28. März 2015, das weltweit verbreitet wurde, unter anderem auch auf der konservativen www.kath.net. http://www.kath.net/news/50039

Eine neue liberale (protestantische, vielleicht später auch einmal explizit katholische) Theologie plädiert genau für das Gegenteil: Die Lebenswirklichkeiten eines jeden Menschen, das Aussprechen seiner Lebenserfahrungen, verbal oder non-verbal, sind Offenbarungsquellen, also mitten im geistvollen Leben „lebt“ das Göttliche/Gott und Menschen finden dafür den ihnen eigenen Ausdruck..

Das heißt: In jedem Leben offenbart sich auf eine individuelle Art und in persönlichen Worten Gott. Und jeder drückt diese Wirklichkeit anders aus, als Kunst, als Musik, als Poesie, als politisches radikales Engagement, als stilles Dulden, als Schweigen, als hilfloses Suchen usw. Und das hat bitte jeder und jede, selbst Kardinal Müller, zu respektieren. Er sitzt doch nicht auf dem Thron der Weisheit. Da haben ihn einige Fromme hingesetzt, damit sie zu etwas Exklusivem aufschauen können..

Dabei wird liberale Theologie vorschlagen, dass die unterschiedlichen (religiösen) Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Das ist der Sinn der christlichen Gemeinde: Religiöse Menschen miteinander in ein (selbst)kritisches Gespräch einladen, damit sie besser und tiefer ihre eigene Lebensphilosophie, die nun einmal jeder hat, bzw. ihren je eigenen Glauben wahrnehmen. Diese Theologie hat Schleiermacher vertreten. Eine solche Gesprächsrunde (also Kirche) will niemals Missionierung betreiben, sondern die Vielfalt der Meinungen wird als Geschenk erlebt.

Diese Erkenntnis verdanke ich dem Berliner Theologen Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, er ist mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin freundschaftlich verbunden und hat dieser website schon zahlreiche Interviews gegeben. Sie sind unter www.religionsphilosophischer-salon.de nachzulesen, klicken Sie hier.

Als Motto soll über unserem (Langzeit)-Projekt ein Wort von Wilhelm Gräb stehen: „Vom heutigen Glauben und dem, was die Menschen als ihren eigenen Glauben zuzumessen bereit sind, gilt es auszugehen. Es gilt, den Glauben zu durchdenken, der ein souveräner Glaube ist, ein Glaube, den die Menschen selbst hervorbringen, aus den Bezügen ihres Lebens“. (in: dem empfehlenswerten Buch von Wilhelm Gräb, „Glaube aus freier Einsicht“. Gütersloher Verlagshaus 2015, S. 12 f.)

Zur Methode unseres Projekts:

Es gilt, zahlreiche Lebensberichte, „Lebensbeichten“ oder bloße Interviews aufmerksam zu lesen und herauszuspüren, wie sich da, jeweils persönlich sehr verschieden, der Sinn des eigenen Lebens oder der erlebte Sinn von Welt ausspricht oder der Wille, sich an die eigene Basis-Überzeugung „absolut“ zu halten. Es soll sozusagen, die bei immer schon gelebte Spiritualität dokumentiert werden. Eine solche Dokumentation von individuellen Lebens-Sinn-Geschichten ist keine Vereinnahmung in eine Kirche hinein. Diese Dokumentation ist nichts als die Wahrnehmung aus einer liberal-theologischen und dann auch religionsphilosophischen Perspektive, dass die Lebenswirklichkeit eben doch die Offenbarungsquelle des Göttlichen ist. Das gilt, selbst wenn manche Menschen sicher aus Abwehr gegenüber allem Kirchlichen von Göttlichem in ihrem Leben eher nicht sprechen wollen, weil Gott zu sehr mit der Institution Kirche konnotiert ist. Trotzdem kann ein Betrachter „von außen“ dann doch Gott/Göttliches im jeweiligen Leben wahrnehmen und als solches benennen, ohne diese Sprache dann den anderen aufzudrängen.

1.

Sehr viel Aufmerksamkeit verdient das Interview in „DIE ZEIT“ vom 26. 3. 2015 (Seite 45) mit dem Autor und Theatergründer (in Maputo) HENNING MANKELL. Das Interview bezieht sich vor allem auf die Krebserkrankung Mankells. Angesichts des eigenen Todes sagt er:
„Dass ich mich vor dem Sterben nicht fürchten muss. Man geht über in etwas anderes. In meinem Fall: in die Dunkelheit, für religiöse Menschen in das Paradies, was auch immer. Wir gehen in verschiedene Richtungen, aber wir gehen…“

Dann erinnert sich Mankell an Johann Sebastian Bach, der eines Tages nach Hause kam und seine Frau sowie zwei Kinder waren gestorben. „Wie Luther war Bach ein Mann, der die Erotik liebte, und auch für mich ist die Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich“.

Das Wundervollste im Leben: Gibt es etwas Größeres als dieses? Erlebt ein Mensch bei dem Wundervollsten das, was in anderer Sprache Transzendenz genannt wird?

Susanne Mayer, die Journalistin, fragt direkt nach: „Mehr als Schreiben?“

Mankell antwortet: Schreiben ist die Nummer zwei. Erotik ist fundamental“.

Zuvor hatte Mankell auf die Frage, woher bei ihm die Kraft kommt, so viel zu arbeiten und in Afrika Gutes

zu tun, geantwortet: „Woher kommt das? Von Luther und Calvin. Ein bisschen von beiden. Ich meine, ich möchte die Welt ein bisschen besser zurücklassen, als ich sie vorfand“. Auf diese provozierende Antwort eines „an sich“ bekennenden Agnostikers: „Luther und Calvin…“ geht die Journalistin leider nicht näher ein. Das wird verdrängt, diese überraschende Antwort überhört.

PS. von Christian Modehn: Das habe ich oft beobachtet, dass JournalistInnen, die mit Religionen, Kirchen usw. nicht so viel „am Hut haben“, überraschende religiöse Antworten übergehen und gleich zum nächsten „Punkt“, zur nächsten Frage, weitergehen.

2.

Über Musik (verbal) zu sprechen, ist eine besondere Schwierigkeit, nicht nur für Menschen, die Musik hören. Mehr noch für Künstler, die Musik „spielen“. Der besonders bedeutende Pianist der Gegenwart ist Grigory Sokolov. Er gibt prinzipiell keine Interviews, nur wenige Zitate (aus Gesprächen) werden in Reportagen über seine Konzerte wiedergegeben. In „Die Zeit“ vom 16. April 2015 sagte Sokolov: „Die Musik hört niemals auf. Sie bleibt , sie ist immer da“. Nebenbei: Bei seinen Konzerten verlangt Sokolov, dass die Beleuchtung stark reduziert wird, es entsteht also eine eher meditative Dunkelheit. „Die Zeit“- Autorin Christine Lemke-Matwey spricht gar davon, dass die Berliner Philharmonie dann „in eine Höhle verwandelt wird“, in „einen Uterus des Noch-nicht-Seins“. Sie relativiert diese Einschätzung jedoch – korrekterweise ?- durch eine prosaische Erklärung des Künstlers, bei vollem Licht werde „alles alles einfach zu heißt“…

3.

Der Dichter (und Philosoph) Friedrich Hölderlin verlässt im Jahr 1798 seelisch stark belastet (verzweifelt) Frankfurt am Main und findet Zuflucht in einem Haus am Rande von Bad Homburg, das ihm sein Freund Isaac von Sinclair vermittelt hat. Hölderlin findet dort Ruhe und „Kraft zum Leben“: „Da gehe ich dann hinaus, wenn ich von meiner Arbeit müde bin, steige auf den Hügel und setze mich in die Sonne. Und sehe über Frankfurt in die weiten Fernen hinaus. Und diese unschuldigen Augenblicke geben mir dann wieder Mut und Kraft zu leben und zu schaffen“. Der Autor Gunter Martens fährt dann fort: „Hölderlin schließt diesen Brief an seine Schwester mit der Bemerkung, solche Naturgänge seien, „so gut, als ob man in der Kirche gewesen ist“ (RoRoRo Monographie, Hölderin, Seite 95) Hölderlin erlebt „Mut zum Leben“ in der meditativen Betrachtung der Natur „als ob man in der Kirche“, er meint: in einem Gottesdienst gewesen ist“: Denn was soll eigentlich ein Gottesdienst bewirken: Stärkung, Heilung, Befreiung. Also eine Form irdischer Erlösung. Erlösung im Himmel allein ist ja Gott sei Dank obsolet geworden. Wenn das ein Gottesdienst nicht (mehr) leistet, etwa aufgrund ritueller Erstarrung oder hermetischer/esoterischer Sprache oder allzu banaler Alltagsfloskeln, dann kann eine meditative Naturerfahrung auch dieselben heilsamen Wirkungen haben. Kommt es nicht in den Evangelien Jesu einzig auf diese Heilung, also Erlösung, an. Die kann doch wohl nicht die Kirche allein vermitteln! Insofern ist das knappe Zitat Hölderlins ein Beispiel für eine Spiritualität, an die sich viele Menschen halten, damals wie heute. Und Hölderlin bietet ein weiteres Element für einen Essay einer umfangreichen, literarisch-empirischen liberalen Theologie. Dabei muss ein Hölderlin Kapitel natürlich sehr umfangreich sein, weil er sich explizit vom dogmatisch erstarrten Christentum absetzte und in der dichterischen Erfahrung das Mythische als solches wiederbelebte als mögliche Existenzform.

4.

Erneuter Eintrag zur musikalischen Erfahrung:

An den Komponisten Karlheinz Stockhausen muss erinnert werden. „Ich bin im Bergischen Land in der Nähe des Altenberger Doms aufgewachsen. In dieser frühgotischen Zisterzienser-Kirche gibt es eine große Michael-Figur, die mich schon als kleines Kind fasziniert hat. Ich habe zu ihr gebetet und von ihr geträumt. Michael ist in meinem ganzen Leben so immer die erste und höchste geistige Macht gewesen, an die ich mich wandte“(Stockhausen im Jahr 2005). Besondere Beachtung verdient wohl Stockhausens sieben Teile umfassende Oper „LICHT“. Günter Peters schreibt: „Stockhausen verstand seine Werke als Folge von Annäherungen an das Absolute. In einer musikalischen Welt, die sich nicht durch Ausschlüsse, sondern durch Nachbarschaften und Einschübe definiert, sind die Übergänge vom Physischen zum Spirituellen, von der Realität zur Transzendenz fließend… Stockhausen glaubte fest an einen alles umschließenden Gott, in dessen jenseitiges Reich er nach dem Tod auffahren würde…“ (in: Musikfest Berlin 2015, hg. von den Berliner Festspielen. Seite 11).

 

FORTSETZUNG FOLGT.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Vernünftig mit dem Unvernünftigen umgehen. Ein Gastbeitrag zum Thema Esoterik von Hartmut Caemmerer

Wir freuen uns, wieder einen Gastbeitrag im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon veröffentlichen zu können: Zum komplexen Thema Esoterik/Exoterik bietet Hartmut Caemmerer einen unterscheidenden Durchblick. Es handelt sich um Thesen, die naturgemäss eher knapp ausfallen und auch als Gesprächseinleitung gemeint sind. Sie haben unseren Dialog am 24. 4. 2015 sehr belebt. Manche wollen die Thesen noch einmal nachlesen, weiterbedenken, weiterdiskutieren. Hartmut Caemmerer, seit etlichen Jahren mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin verbunden, hat diese Thesen noch einmal zur Verfügung gestellt. Dafür besten Dank. Unser Gesprächskreis lebt von der Vielfalt der Meinungen und der Vielfalt der Publikationen im Rahmen der Philosophie/ des Philosophierens oder einer „liberalen Theologie“. CM

Einige Thesen zum rationalen Umgang mit dem Irrationalen, mit Esoterik und Hochreligionen.

Von Hartmut Caemmerer, vorgetragen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24. 4. 2015 als Einleitung in ein Gespräch.

1. Esoterische Lehren unterscheiden sich von denen der Hochreligionen (exemplarisch: Christentum und Buddhismus) hinsichtlich der Einbeziehung irrationaler Gehalte nicht grundsätzlich, wenn auch im Einzelnen quantitativ und qualitativ durchaus (z.B. starke narrative Elemente im Christentum, nicht in der Esoterik). Beide arbeiten stark mit Symbolen, Bildern, notwendig unpräzisen Begriffen u.ä.

2. Innerhalb des Irrationalen ist zu unterscheiden zwischen dem Antirationalen, das objektiven Tatsachen und Denkgesetzen (Alltagserfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen) widerspricht, und dem schlicht Nicht-Rationalen wie Gefühlen, Empfindungen, inneren und äußeren Wahrnehmungen, Symbolen, Bildern u.a.m.

3. Von einem rationalen Standpunkt aus, sind antirationale Vorstellungen und Aussagen grundsätzlich nicht akzeptabel. Darüber hinaus ist gedankliche Kohärenz innerhalb der schlicht Nicht-Rationalen Gehalte zu fordern.

4. Diese Kohärenzforderung stößt allerdings leicht auf Schwierigkeiten, da mentale, psychische, spirituelle Bewusstseinsinhalte oft in sich widersprüchlich, vielschichtig oder vage sind, so dass sie sich präziser Rationalität in unterschiedlich starkem Maße entziehen.

5. Eine mittelbare, oft sehr effektive Kohärenzprüfung ergibt sich aber aus der Konfrontation mit Erklärungshypothesen aus anderen, säkularen Wissensbereichen. Die Erklärung einer Missempfindung aus Familienkonflikten oder körperlichen Beschwerden ist u.U. wesentlich plausibler als aus dem Wirken einer spirituellen Kraft.

6. Wegen der Hinweise zu 4. ist darüber hinaus Übereinstimmung mit gesellschaftlichen und personalen Wertmaßstäben (Wertrationalität) zu fordern bzw. zu prüfen; wie

-(gesellschaftlich:) eine demokratisch-egalitäre Grundeinstellung, Toleranz,  kommunikative Offenheit;

-(personal:) Wahrhaftigkeit, Intention zu größtmöglicher Rationalität; Authentizität, Integrität.

7. Diese Wertkriterien sind z.T. ihrerseits in der Anwendung problematisch. Die Unterscheidung eines wahrhaftig bekannten Glaubenssatzes, eines authentischen symbolischen Erlebens von einer Aussage bzw. von einem Erlebnis, die sich mehr einer Gruppenkonformität oder einer Gruppensuggestion verdanken, dürfte oft sowohl für den Betreffenden selbst als auch für den Außenstehenden (u.U. äußerst) schwierig sein.

8. Aufgrund der Hinweise in 4. bis 7. ist die Einschätzung einer hinreichenden Rationalität religiöser oder esoterischer Aussagen unvermeidlich bis zu einem gewissen Grade relativ und subjektiv. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welche Auffassungen und Überzeugungen er für sich selbst als hinreichend rational übernehmen kann.

9. Die Akzeptanz von Irrationalität bei anderen kann (und sollte) großzügiger gehandhabt werden, als bei sich selbst. Nicht jeder ist zu einem anspruchvollen Rationalitätsniveau in der Lage; viele sind auch nicht sonderlich daran interessiert. Auch mit solchen Menschen kann aber der geistige Austausch (trotz kritischer Vorbehalte) anregend und lehrreich sein, jedenfalls dann wenn ihre Einstellungen und Verhaltensweisen den unter 6. genannten Wertmaßstäben genügen.

copyright: Hartmut Caemmerer.

 

 

 

Georg Elser – der einzelne und seine (Ohn)Macht. Hinweise und dringende Fragen zum Film

Georg Elser – der einzelne und seine (Ohn)Macht

Hinweise, dringende Fragen und radikale Vorschläge anlässlich des Films

Von Christian Modehn

Einige Szenen, einige Aussagen, kann niemand vergessen, der oder die den Film ELSER (mit Christian Friedel in der Hauptrolle) gesehen hat. Diese Szenen/Aussagen/Bilder bleiben im Gedächtnis, das ist wohl das Beste, was man von einem kinofilm sagen kann. Sie werden weitere Diskussionen und hoffentlich auch Veränderungen in der deutschen Erinnerungs-Kultur auslösen.

Vorweg noch ein Hinweis zur Dringlichkeit des Themas, darum diese Ergänzung vom 29.4.2015: Mit Nachdruck erinnert der Film ELSER an die Mitläufer, die Weggucker, die Unschuldslämmer, die Dummen, die Feigen, die Frommen, die Egoisten und alle die anderen, die sich dem Verbrechen der Nazis nicht entgegenstellen, also an die Mehrheit der Deutschen damals. Und heute? Die Juristin Doris Dierbach ist die Anwältin von zwei Nebenklägern im NSU Prozeß nach mehr als 200 Verhandlungstagen. In „DIE ZEIT“  (vom 29. April 2015, Seite 4) antwortet auf  sie die Frage, ob Sie denn nun besser verstehe, warum 10 Menschen (von den Nazis) ermordet wurden: „Wir wissen heute mehr darüber, was sich abgespielt hat. Aber es steigt auch die Verständnislosigkeit. Ich hätte nie geglaubt, dass es in unserem Land eine so manifeste Nazi-Szene gibt. Ich verstehe heute auch besser, warum der NSU so lange unerkannt bleiben konnte: Weil so viele in diesem Umfeld diese Mentalität teilen“. Und ihr Kollege, der Jurist Thomas Bliwier, auch er Anwalt von zwei Nebenklägern, weist im gleichen Interview darauf hin, dass diese Nazis (NSU) Leute sich im Laufe der Jahre immer mehr radikalisierten. „Aber niemand schritt ein, weil das Umfeld das gar nicht problematisch fand“.

Es gibt angesichts der hier nur angedeuteten deutschen Zustände allen Grund, sich näher mit dem Film ELSER zu befassen:

Die Poesie

Als Georg Elser zum ersten Mal von den Nazis verhört wird und – so will es die Bürokratie – seinen Namen und sein Geburtsdatum nennen muss, antwortet er nicht direkt. Er beginnt leise, in sich gekehrt, das Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ (Text und Musik von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, 1838) zu summen: Das ist bittere Ironie. Denn kein Land ist 1939 katastrophaler als das Hitler „Reich“. Andererseits: Poesie zeigt sich hier als Quelle des Widerstands, des seelischen Halts, als Methode, an den ewigen Wert des Menschen zu glauben, auch in dem Ausgeliefertsein an die Nazis – Bestien. Und eben als Erinnerung, dass es einmal … „das schöne Land“ gab. Die Mitläufer und alle vom Wahn Geblendeten haben dieses schöne Land, die „Heimat“, so viel beschworen, aufgegeben, verraten, zugunsten des Todes-Landes Nazi-Reich.

Das Gebet

Georg Elser, der Freigeist, betet in einer Gefängnis-Zelle. Beten sprengt den Raum. Elser sieht unter den vielen Graffitis an der Wand seiner Zelle ein Wort: JESUS CHRISTUS. Das gekrakelte Wort wird zu seiner Ikone. Er betet „Das Vater Unser“. Was denn sonst? Das Gebet, das alle religiösen Menschen immer sprechen können. Und das „Dein Reich komme“, also das Gottes Reich, können sogar Atheisten und Humanisten ersehnen und poetisch sprechen: Siehe etwa Ernst Bloch. Damit zusammenhängend: Szenen aus besseren Zeiten zeigen Georg Elser beim Schwimmen im Bodensee, wunderbare Bilder, die deutlich machen: Elser spürt inmitten der Natur, im Eintauchn ins Wassers, im Blick auf die umgebenden Berge, eine tiefe Lebensbejahung und eine Form von transzendenter Geborgenheit. Das ist religiös. Mehr braucht der Mensch kaum.

Der einzelne

Georg Elser handelt als verschwiegener, hoch begabter einzelner. Er muss Hitler aus dem Weg räumen. Er unterstützt nicht die Schlägereien, in die Kommunisten die Nazis etwa in der Dorfkneipe verwickeln. Das ist für ihn bloß wirkungsloser Aktionismus. Er will das System stürzen. Zurecht. Das ist das einzige, was weiterhilft. Keine homöpathischen Protestworte also, sondern radikales Handeln. Das kann auch der einzelne. Georg Elser tat es leid, dass sein leider erfolgloses Attentat doch auch Unschuldige (und leider nicht Hitler) in den Tod gerissen hat. Als Gefangener versucht er, seine Entschuldigung und sein Mitgefühl den Opfern und Hinterbliebenen noch mitzuteilen. In der Philosophie wird der Tyrannenmord als „ultima ratio“ ethisch verteidigt. Mord und tötende Gewalt sind als absolute Ausnahmen alles andere als alltägliche Vollzüge, wie manche Fundamentalisten heute meinen. Elser will Hitler nicht aus ideologischen, religiösen Gründen ermorden, sondern aus menschlichen. Er will die Menschheit retten, indem er Hitler tötet.

Der Liebende

Georg Elser wird als der erotisch Liebende gezeigt. Die Liebe zu den Frauen ist für ihn -poetisch gesprochen- ein Vorschein des Glücks. Interessant ist, dass der Film Elser nur als den erotisch Liebenden, nicht als den sexuell Aktiven, zeigt. Er will eine Welt, in der Liebe wieder ohne Gewalt möglich ist. Eine erotische Welt also. Rebellion lebt aus der Kraft der erotischen Liebe.

Das System rechnet nicht mit dem einzelnen

Die ihn verhören, quälen und erniedrigen aus Sadismus und im Auftrag Hitlers sind fassungslos, dass ein einzelner überhaupt noch auf die Stimme seines Gewissens hören kann. Die Nazis rechnen auch nicht damit, dass ein einzelner „kleiner Mann“ so umfassende technische Kompetenz besitzen kann, um Bomben mit Zeitzünder zu bauen! Das Verbrecher-System, wie vielleicht jedes System und Regime, rechnet vor allem gar nicht mehr damit, dass es noch Individuen mit einem lebendigen Gewissen gibt, dass es noch Menschen gibt, die ihre eigene Vernunft gebrauchen; die nicht nachplappern, die nicht um der Karriere willen schweigen und das Verschwinden der Nachbarn, der Juden, übersehen: es könnte ja den hoch heiligen Job kosten. Das Nazi-System wie jedes System glaubt, dass immer nur Organisationen mittels unfreier, gehorsamer (Partei-) Mitglieder handeln. Das Nazi –System glaubt also, dass die Gleichschaltung der Bürger, das Ausradieren ihres kritischen Bewusstseins, durch die Allmacht der Apparate und Organisationen total sein kann. Darin sind wohl alle Systeme und Regime verwandt..

Der 20. Juli

Die prominenten Widerstands-Kämpfer des 20. Juli 1944 stehen gegenüber Georg Elser eigentlich seit diesem Film sehr blass und als verspätete Akteure da. Sie kamen zu spät, viel zu spät. Elser lehrt: Nur rechtzeitiges Verändern eines verbrecherischen Systems ist überhaupt sinnvoll..

Wird man in Zukunft den Erinnerungstag, den 20. Juli, auf andere Weise begehen. Wird Georg Elser, der „einfache Mann“, in die Runde der zum Teil adligen Herren und Helden des 20. Juli einbezogen? Wie viele Schulen werden nach Elser benannt werden? Immerhin sind 56 Straßen und Wege nach Georg Elser benannt. Allerdings: Keine Straße im Zentrum des damaligen Faschismus, in Berlin. Wann wird man eine der vielen nach Bismarck benannten Alleen und Straßen z. B. zu Elser Straßen umbenennen?

Warum wurde Georg Elser so lange vergessen/verdrängt?

Dies ist die entscheidende Frage, die kritische Historiker bitte klären sollten: Falls das längst geschehen ist, bitte mich zu informieren! Meine Frage: Warum wollte die Bundesrepublik seit 1945 nichts von Elser wissen? Wollte die DDR etwas von ihm wissen? Gab es vielleicht eine stillschweigende Diffamierung in der BRD, Elser sei ja Kommunist gewesen, was ja nicht stimmt? Passte Elser also nicht ins Weltbild des Kalten Krieges?

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin